Content

12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 129 - 154

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-129

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? Vor rund fünfundzwanzig Jahren, am 12. Juni 1991, wurde Boris Jelzin in den ersten freien Wahlen der Geschichte Russlands zu dessen Präsi‐ denten gewählt. Jelzins Rivale, Michail Gorbatschow, hatte die Veränderungen und die Liberalisierung in der Sowjetunion ausgelöst und vorangetrieben. Im Westen hat Gorbatschow heute einen Sympathievorsprung, weil seine milde, liberale und stets gesprächsbereite Bewegung von Glasnost und Pe‐ restroika dem unsrigen aktuellen Denken sehr nahe stand. Unentschiedenheit und mangelnde Zielstrebigkeit Gorbatschows be‐ reiteten dann das gefährliche Vakuum vor, auf welchem die Reaktion des späteren Notstandskomitees und Putsches gegen Gorbatschow 1991 ge‐ dieh. Wäre hier Boris Jelzin nicht gewesen, der das Volk gewonnen hatte und der vom Panzer aus mutig den Putschisten entgegentrat, wer hätte dann das Blutbad und den Bürgerkrieg aufeinanderstossender Truppen‐ verbände zu stoppen vermocht? "Auf des Messers Schneide" lautet der Ti‐ tel von Jelzins zweitem Buch, das er 1993 publiziert hat. Und tatsächlich, nicht nur Russlands Schicksal, auch jenes der übrigen Welt stand vor einem tödlichen Scheideweg. Denn die bange Frage steht unausweichlich im Raum: Hätte sich der liberale Westen zurückgehalten und Millionen Sowjetmenschen, die klar westliche Freiheit witterten, in ihrem Entschei‐ dungskampf einfach die kalte Schulter gezeigt? Der Schlüssel zur Bewältigung einer in ihren Folgen unabsehbaren Krise scheint bei Boris Jelzin gelegen zu haben. Mit dem Einsatz seines ganzen Lebens zeigt dieser Mann trotz mancherlei Kritik in exemplari‐ scher Weise, wie ein nonkonformistischer Einzelner und Aussenseiter da‐ zu fähig war, die Weltgeschichte möglicherweise von gefährlichen Bahnen wegzulenken. 12. 129 Kampf und Rebellion von der Wiege an Boris Jelzin berichtet, wie er zur Zeit Stalins an einem Nachmittag ge‐ tauft wurde, als der Pope, der russische Pfarrer, nach mehreren Glä‐ sern Schnaps, sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. In ziem‐ lich grober Art wurden damals in Sibirien auch im Kommunismus die Babies in einem grossen Zuber mit Weihwasser kopfvoran unterge‐ taucht. Der Pfarrer hatte mit den Taufbesuchern allerlei zu besprechen und vergass den kleinen Jelzin im Zuber. Da stürzte die Mutter nach vorne und fischte ihn heraus. Der Pfarrer erinnerte sich, verlor die Fas‐ sung keineswegs und fuhr mit der Zeremonie einfach fort, während er meinte: "Na, wenn er das ausgehalten hat, dann muss er ja äusserst kräftig sein. Er soll Boris heissen." Diese Anekdote erscheint wie eine Programmankündigung für das weitere, wechselvolle Leben des Boris Jelzin. In regelmässigen Abstän‐ den überlebt er schwere Unbill, Unfälle und Krankheiten. Er äusserte einmal, dass er so ziemlich mit jedem Fahrzeug schon verunfallt sei, bald mit dem Zug, bald mit dem Auto oder im Militärdienst mit dem Panzer. Es ist eiserner Wille, welcher ihn antreibt und aufrecht hält. Boris Nikolajewitsch Jelzin wurde am 1. Februar 1931 im Dorf Butka unweit der sibirischen Grossstadt und Rüstungsmetropole Swerdlowsk, das heute wieder wie zur Zarenzeit Jekaterinburg heisst, als Kind armer Bauern geboren. Sie besassen "eine einzige Kuh, die aber", so schreibt Jelzin in seinem ersten Buch 'Aufzeichnungen eines Unbequemen', "bald einging". Sie waren eben nicht nur arm, sie waren auch der furchtbaren stalinistischen Kollektivierung ausgesetzt. Jelzin hält fest: "Es zogen Banden umher, und fast täglich gab es Schiesserei‐ en, Mord und Diebstahl." Da verliess die Familie das Dorf. Der Vater wurde in der Nähe von Perm Arbeiter auf der Baustelle eines Kalikombinats und gehörte zur untersten, geschundenen Schicht des kommunistischen Armutsprole‐ tariats. Zehn Jahre lang lebte die Familie in einem einzigen Raum einer selbst gegen Zugluft unzureichend geschützten Baracke. Im sibirischen Winter waren sie ohne rechte Kleidung und wussten kaum wohin vor Kälte. Jelzin äusserte später, dass eine Ziege sie gerettet habe: "Wir schmiegten uns an sie, sie war warm wie ein Ofen. Es ging ums nackte 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 130 Überleben." Seinen Hass auf Stalin schreibt er den schlimmen Kind‐ heitserinnerungen zu. In der Schule fiel Jelzin durch hervorragende Noten und ein un‐ mögliches Betragen auf. Eine tyrannische Lehrerin prügelte hem‐ mungslos mit einem Stock auf die Kinder ein, liess sie in die Ecke ste‐ hen und wurde für Jelzin, den sie in keiner Weise zu ändern vermochte, abermals zu einem Alptraum. Er begann noch ärger zu rebellieren. Da er tadellose Noten vorweisen konnte, wurde er anlässlich einer Schlussfeier der Schule auf seine Bitte hin, einige Worte an das Publi‐ kum richten zu dürfen, von der ahnungslosen Schulleitung vorgelassen. Statt der üblichen Dankesworte holte der Schüler Boris Jelzin zu einer für seine Lehrerin vernichtenden Anklage aus. Er überschüttete sie mit schlimmsten Vorwürfen. Es kam zu einem Tumult. Unschwer erkennt man an diesem Vorfall eine Parallele zu jenem anderen mehrere Jahrzehnte später, als er 1987 mit seiner ebenso skan‐ dalösen wie sensationellen Rede vor dem Zentralkomitee der UdSSR schwerste politische Anklagen erhob. Das Ergebnis war in beiden Fäl‐ len der Rausschmiss, auf den eine triumphale Rückkehr folgte. Die Schule wurde von den Behörden dazu angehalten, den Schüler unver‐ züglich wiederaufzunehmen. Und in Moskau zog er nach einem über‐ wältigenden Wahlerfolg 1989 erst in den Volkskongress und von dort in den Obersten Sowjet, das Parlament der UdSSR ein. Früh hat sich bei Jelzin eine höchst eigenwillige und rebellische Natur entwickelt. Sein Vater prügelte nicht minder als seine Lehrerin. Er duldete solche Unbill lange. Aber er machte sich seine eigenen Ge‐ danken hierüber und legte sich seine eigene Strategie zurecht. Bereits als Kind beginnt er wie ein Schachspieler seine Widersacher zu über‐ rumpeln und setzt den Verblüfften ausser Gefecht. Der Jugendliche fällt durch Kühnheit und Abenteuerlust auf. Im Krieg schleicht er un‐ ter Stacheldraht in ein Militärlager und entwendet Granaten. Als er eine solche im Wald demontiert, explodiert sie, und er verliert zwei Finger. Während der Schulferien wandert er wochenlang Hunderte von Kilometern mit dem Rucksack durch die Taiga. Er hat kein Geld in der Tasche, ernährt sich von Beeren und Nüssen und versteht es, schwarz kreuz und quer mit der Eisenbahn durch das ganze riesige Reich der Sowjetunion zu fahren. Die Miliz, die ihn mehr als einmal aufgreift, schüttelt er mit geschickten Tricks ab. Anschaulich schildert Kampf und Rebellion von der Wiege an 131 er in seinem ersten Buch, wie er einmal mitten unter amnestierten Kri‐ minellen landete, die ihm seine einzige Kostbarkeit, die Armbanduhr seines Grossvaters, nach einem üblen Kartenspiel wegnahmen. Kontinuität einer konfliktgeladenen Karriere Jelzin absolvierte die Matura und studierte Bauingenieur. Daneben trieb er täglich mehrere Stunden Sport, in welchem er es zu Spitzen‐ leistungen brachte. Wie damals üblich, bot man ihm nach dem Hoch‐ schulabschluss die Stelle eines Meister im Industriebau an. Der junge Ingenieur sieht die Welt aber anders. Er will von der Picke auf die Pra‐ xis kennenlernen. Nacheinander arbeitet er als einfacher Maurer, Beto‐ nierer, Zimmermann, Schreiner, Glaser, Stuckateur, Maler und Kran‐ führer. Erst später wurde er Meister. Er ist genau und betrügt die Fir‐ ma nicht wie manche anderen, die Löhne für nicht erbrachte Arbeits‐ stunden abrechneten. Da dringt ein berüchtigter Häftling und Rädelsführer, der als Ar‐ beiter bei Jelzin eingesetzt ist, in sein winziges Büro ein, schwingt dro‐ hend ein Beil über ihm und sagt: "Ich habe nichts zu verlieren. Unter‐ schreib den Tagesabschluss, wie es die andern vor dir gemacht haben, du Grünschnabel!" Nun trat Jelzin ganz leise ganz nah ans Gesicht des Erpressers und brüllte ihn abrupt derart ohrenbetäubend mit "Raus!" an, dass dieser verdutzt den Raum verliess. Bald darauf wurde Jelzin Chefingenieur. Hier geriet er in Streit mit seinem Vorgesetzten. "In einem einzigen Jahr", so zählte Jelzin nach, "erteilte mir der Direktor siebzehn Verweise." Schliesslich beantragte dieser Jelzins Entlassung. Doch er scheiterte damit, weil Jelzin seine Arbeit gut machte und ausserdem zum Verwaltungsleiter aufgestiegen war. Die Abneigung spitzte sich derart zu, dass Jelzins Chef zum böses‐ ten und zu allen Zeiten gerne missbrauchten Mittel des Strafrechts griff: In einem Untersuchungsverfahren warf der Direktor Jelzin unge‐ treue Buchführung vor. Jelzin wurde aber vor Gericht freigesprochen. Trocken äussert er zum Abschluss dieser Affäre: "Das Verhalten des Direktors änderte sich erst, als ich Chefingenieur eines Grosskombi‐ nats wurde, das bedeutender als sein Kombinat war." 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 132 Aufbruch an die Spitze von Gesellschaft und Staat Jetzt wurde der Parteibeitritt Jelzins aufgrund seiner hohen Position eine automatische Konsequenz, nicht anders als seine Taufe. Und ähn‐ lich der Taufe, die kaum etwas über die Religiosität aussagen muss, so wenig sagte der Parteibeitritt bezüglich seiner politischen Ansichten oder Interessen etwas aus. Kurz, Jelzin war ein äusserst fähiger Mana‐ ger und als Taktiker auf gute Arbeit erpicht und damit auch erfolgreich. Die Nebel und Verstecke und Polster der Ideologien waren ihm fremd. Man kann zweifellos sagen, er war weder je ein Christ noch je ein Kommunist. Andere Meinungen über ihn sind Etiketten, welche den Inhalt verdecken und allenfalls falsch deklarieren. Mit 32 Jahren leitete Jelzin ein Wohnungsbaukombinat mit 20'000 Beschäftigten. Abermals verschaffte er sich den Ruf eines hervorragen‐ den Managers, welcher die Termine einhielt. Die Beförderungen fallen jetzt Schlag auf Schlag. 1969 wird er Leiter der Abteilung Bauwesen im Gebietskomitee der Millionen-Metropole Swerdlowsk. 1976 erreicht ihn die Vorladung Leonid Breschnews nach Moskau, der ihm eröffnet, dass er zum Ersten Sekretär des Gebietskomitees in Swerdlowsk er‐ nannt sei. In diesem für das ganze Imperium der UdSSR mächtigen Amt blieb Jelzin neun Jahre lang. Sowohl in Swerdlowsk als auch in Moskau erwarb er sich höchstes Ansehen. Interessant ist nun allerdings neben all diesen Äusserlichkeiten die innere Befindlichkeit von Boris Jelzin. Er ist nach wie vor Rebell. Er ist eine jener psychologisch überdurchschnittlichen Persönlichkeiten, de‐ nen die zwar oft erfolgreiche, aber ebenso oft auch bis zur Charakterlo‐ sigkeit reichende, aalglatte Anpassung widerstrebt. Sein Gehirn arbei‐ tet ständig an der Hinterfragung der vordergründigen Alltagsereignis‐ se. Er entwickelt eine hohe Sensibilität gegenüber Ungerechtigkeiten, Falschheit und Lüge. Vor allem ist er nicht bereit, diese alltäglichen Mängel zu übergehen und hinzunehmen. Dabei unterscheidet ihn noch etwas von der Mehrheit der Menschen. Er versteckt sich nicht hinter entlastenden Alibis vorfabrizierter Moralvorstellungen oder Ideologien, und er versteckt sich auch nicht einfach hinter der Religion. Wenn diese Hilfsmittel wie Religion, Ideologien und Moralen eine Hil‐ fe sind, umso besser. Aber Jelzin will nicht blind darauf vertrauen und Aufbruch an die Spitze von Gesellschaft und Staat 133 sich damit beruhigen. Er hat zur Genüge erlebt, dass blosse Bekennt‐ nisse noch keine Gewähr zur Vermeidung von Not und Elend sind. Und so lautet sein Fazit über seine Umgebung in jener Zeit gerade‐ zu niederschmetternd: "Ich frage mich manchmal, wie ich unter all diesen Leuten landen konnte." Ein eindrückliches Beispiel schildert er von einem Besuch im Kreml in Moskau: "Breschnew verstand in sei‐ nen letzten Lebensjahren überhaupt nicht mehr, was er sagte, unter‐ schrieb und tat." Jelzin wollte die Genehmigung des Kremls, in Swerdlowsk eine Metro zu bauen. "Breschnew sagte zu mir: 'Na, diktier schon, was ich schreiben soll!'" Und Jelzin diktierte dem zweitmäch‐ tigsten Mann der Erde kurzerhand die Genehmigung der Metro. Dann räsoniert er gedankenschwer: "In diesem Fall diente es einer guten Sa‐ che, aber wie viele Gauner, Halunken und schliesslich regelrechte Ver‐ brecher umgaben Breschnew und benutzten ihn für ihre schmutzigen Zwecke! Wie viele Vermerke schrieb er gedankenlos aufs Papier, die dem einen Reichtum und dem anderen Not und Leid brachten. Eine schreckliche Vorstellung!" Jelzin unterscheiden nonkonformistische, konstruktive Ideen, die ihn immer wieder rebellisch vorantreiben, von so vielen anderen Mit‐ menschen, die es in allen politischen Systemen und zu allen Zeiten in der grossen Mehrheit gibt. Einsamer Charakter im Meer der Charakterlosen Als Michail Gorbatschow neuer Generalsekretär geworden war, holte er Jelzin nach Moskau in den zentralen Parteiapparat. Jelzin wurde der mächtigste Mann der sowjetischen Hauptstadt. Ausserdem rückte er als Kandidat in den erlauchten Kreis des Politbüros, des höchsten Gre‐ miums der Sowjetunion, auf. Er erhielt die Datscha, welche Gorbatschow nach seiner Ernen‐ nung zum Generalsekretär aufgegeben hatte. Die neue Position, die Jelzin nun errang, benützte er gezielt, um seine Ideen für eine Lebens‐ verbesserung der einzelnen Menschen durchzusetzen. Er inspizierte Fabriken und Geschäfte, fuhr – etwas völlig Neues für einen Spitzen‐ politiker in der UdSSR – mit der U-Bahn und reihte sich in die Schlan‐ gen vor Läden und Ämtern ein. Er versammelte die Moskauer Parteie‐ 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 134 lite und verurteilte Prahlsucht und die üble Gewohnheit, Erfolge über‐ mässig zu betonen und Misserfolge zu vertuschen. Er ersetzte den Moskauer Bürgermeister Promyslow und die Parteisekretäre des alten Regimes. Täglich seien 35 Prozent der städtischen Busse nicht be‐ triebsfähig, 16 Prozent der Bevölkerung lebe immer noch in einer Ge‐ meinschaftswohnung und der Einzelhandel sei durchsetzt von Wucher, Diebstahl und Schmiergeldern, reklamierte Jelzin. Was fehle, sei Kritik. Und mit der Kritik ging Jelzin viel weiter als Gorbatschow in der Perestroika. Für Jelzin wurden Perestroika und Glasnost immer mehr ein Treten am Ort. Unweigerlich kam es zum Zusammenstoss mit Gorbatschow. An einer Sitzung des Politbüros kritisierte Jelzin im Ja‐ nuar 1987 Gorbatschow derart massiv, dass dieser aus dem Zimmer lief. Erst nach einer halben Stunde kehrte der Generalsekretär zurück. Damit begann die Beziehung zwischen Jelzin und Gorbatschow ernst‐ haft zu zerbrechen. Aber Jelzin war nicht mehr zu bremsen. Am 21. Oktober 1987 lanciert er in einem gewaltigen Rundumschlag ge‐ gen praktisch die ganze Nomenklatura der Sowjetunion abermals hef‐ tige Kritik an Gorbatschow anlässlich der Vollversammlung des Zen‐ tralkomitees der KPdSU. Der Kampf des einen gegen alle hat den Zenit erreicht und ist zu einem Meilenstein in der russischen Geschichte ge‐ worden. Jelzin hatte sich offen als Abweichler und Rebell zu erkennen gege‐ ben. "Was nun kam, wusste ich," schreibt er in seinen Memoiren: "Man würde methodisch, planmässig, ja fast lustvoll über mich herfallen." Damals brach Jelzin auch äusserlich mit dem Sozialismus, der ihn zugleich menschlich in eine monatelange, tiefe Krise stürzte. Über Jel‐ zin wurde der Stab gebrochen. Er wurde aus allen Ämtern hinausge‐ worfen. Ob all diesem Missgeschick krank geworden und häufig im Spital, schikanierte ihn Gorbatschow zusätzlich noch. Er befahl Jelzin, der nervlich und psychisch schwer angeschlagen war, aus dem Spital zu ihm zu kommen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass Jelzin seine Memoiren subjektiv, aus seiner Sicht und gemäss seinem Empfinden gewichtete, so bilden sie trotzdem oder sogar gerade deshalb eine be‐ deutende Quelle seines Lebens und der neueren russischen Geschichte, was entsprechend mitberücksichtigt werden muss. Einsamer Charakter im Meer der Charakterlosen 135 Gemäss diesen Aufzeichnungen verfrachtete man Jelzin trotz aller Proteste seiner Frau Naina (Nina), vollgepumpt mit Beruhigungsmit‐ teln, ins Zentralkomitee der KPdSU, schleppte den völlig benommenen Mann ins Politbüro und vor das Plenum des Moskauer Stadtkomitees: "Mir war schwindlig, meine Beine knickten ein, ich konnte kaum spre‐ chen, meine Zunge gehorchte mir nicht." Wie ein Rudel Wölfe fielen im nicht ungewöhnlichen Ritual solcher Gremien selbst frühere Freunde über den narkotisierten Rebell her, der unfähig war, sich zu wehren. Jelzin lastet seine Misshandlung dem System an. Sein Bio‐ graph John Morrison folgt bereitwillig den Rechtfertigungen dieses Systems. Selbst der tote Stalin hat angeblich noch seine Hand im Spiel. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Neben der Intensivierung von Missständen, die jedes politische System bewirken kann, spielen psy‐ chologische Gruppenmerkmale eine wichtige Rolle. Der bis heute für Verhaltensmechanismen von Gruppen richtungsweisende Klassiker, der in Kapitel 1 schon erwähnte Gustave Le Bon, hat dies in eindrück‐ lichen Beispielen und Analysen dargelegt. Gleichsam naturgesetzliche Ereignisfolgeregeln prägen dann das Geschehen. Kurz, der Nonkonfor‐ mist hat nie zu lachen. Er hat unabhängig von Richtig oder Falsch im‐ mer mit Missfallensbekundungen der Gruppe zu kämpfen. "Wenn ich nicht so unter Narkose gestanden hätte, hätte ich natürlich gekämpft, die Lügen dementiert und die Niedertracht der Redner bewiesen", kommentiert Jelzin seine schmerzlichen Erlebnisse. Aber er sass wie gelähmt da. Pathetisch ruft Jelzin in seinem Tagebuch aus: "Wie soll man das nennen, wenn ein Mensch mit Worten getötet wird?" Sowohl der Marxismus wie der Liberalismus stützen sich auf eine gleiche, morsche Basis. Sie überschätzen in ähnlicher Theatralik die Güte der Natur allgemein und die Güte der menschlichen Natur im Besonderen. Trends, wenn sie auch oberflächlich sind, holen diese gefährlich naiven Postulate zur Zeit scheinbar etwas auf Bodennähe herunter. Auch der Blauäugigste kann angesichts allein schon bezüglich des heutigen Mo‐ dethemas Mobbing gewisse regelmässig publizierte Beobachtungen menschlicher Abgründigkeit und Bösartigkeit, die sogar unbewusst er‐ folgen kann, nicht einfach übergehen. 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 136 Rentner werden oder kämpfen? Gorbatschow begann vorsichtig anzudeuten, Jelzin zu pensionieren. Der Stab der Ärzte, die den prominenten Patienten zu betreuen und zu beraten hatte, riet ihm, darüber nachzudenken. Der Sechsundfünfzig‐ jährige kam zum Schluss, dass die Pensionierung für ihn der sichere Untergang gewesen wäre. Da rief ihn Gorbatschow an und bot ihm den relativ hohen Posten des Ministers des Ersten Stellvertreters des Vorsitzenden der Staatlichen Baubehörde an. Und er fügte an: "Aber denk dran, in die Politik lass ich dich nicht rein!" Jelzin spricht von drei Leben, die er gelebt habe. Ein erstes schwie‐ riges Leben, aber doch wie jenes der anderen Leute mit Studium, Ar‐ beit, Familie und Karriere in der Wirtschaft und im Staat. Es habe an jenem Tag des ZK-Oktober-Plenums von 1987 geendet. "Danach be‐ gann mein zweites Leben als politisch Verbannter; plötzlich war ich von den Menschen abgeschnitten und kämpfte als Mensch und Politi‐ ker ums Überleben", hält er im Tagebuch fest. Im neuen Amt und Büro in Moskau, das ihn nun von der grossen Politik im sowjetischen Imperium fernhielt, fühlte sich Jelzin völlig unglücklich. Jede Nacht quälten ihn Kopfschmerzen. Der Notarzt muss ihm nachts Spritzen geben. Er klagt erneut: " … der Kopf liess sich nicht abstellen, dauernd arbeitete es in meinem Gehirn weiter. Meine Nerven versagten. Ich war unbeherrscht und liess meinen Un‐ mut an der Familie aus." Voller Sorge wachten am Krankenlager des von schwerer Schlaflo‐ sigkeit Gequälten seine Frau Nina und die Töchter Tatjana (Tanja) und Lena. Ihnen verdankte er zu einem grossen Teil, dass er aus der De‐ pression herausfand. Seine Memoiren sind welthistorisch einmalig. In seiner geradezu manischen Besessenheit, sich selbst schonungslos zu offenbaren und Geständnisse abzulegen, erinnert er an Augustin und dessen Confessiones. Durch viele Jahrhunderte muss man recherchie‐ ren, um eine historische Persönlichkeit von ähnlicher Offenheit zu fin‐ den. Er bezeugt seine Gefühlsschwankungen und sein Bemühen, sich aus schlechten Sichtweisen herauszuringen: "Hatte ich mich beruhigt, schämte ich mich für meine Unbeherrschtheit und Grobheit ihnen ge‐ genüber." Rentner werden oder kämpfen? 137 Jelzin gab nie auf. Er gab sich aber auch nicht mit kleinen Happen zufrieden. Erst im grossen Kampf findet er die Ruhe. Dort, wo andere diese verlieren würden, erreicht er sie gerade und findet das seelische Gleichgewicht. Er erscheint wie der Grenzfall eines totalen Homo poli‐ ticus. Ehemalige Studienfreunde, die von seinem Leid erfahren haben, treffen ein. An ihnen richtet er sich wieder auf. Er gewinnt seine alte Form zurück. Die Kopfschmerzen lassen nach. Als gewaltiger Trium‐ phator schwenkt er – so empfindet er es selbst – in sein drittes Leben ein. An der Parteielite vorbei zur Präsidentschaft Jelzin findet politisch einen für die UdSSR völlig neuen Rückhalt. Die‐ ser Rückhalt ist in der sich unter Gorbatschow anbahnenden Demo‐ kratisierung unmittelbar das Volk. Mit allen Mitteln versucht nun die alte Parteielite, ihn von diesem Rückhalt auszusperren. Aber Jelzin ist bereits zu bekannt, zu populär und zu schlau, um nicht Wege zu fin‐ den, sich durchzusetzen. Und hat er einmal Tritt gefasst, ist sein Wille wieder eisern. Mögliche Attentate schrecken ihn nicht ab. In Spanien hatte er einen bis heute mysteriös gebliebenen Flugzeugabsturz, der ihm nie ausgeheilte Gleichgewichtsstörungen bescherte. In Russland wurde er nachts auf dem Heimweg von der Arbeit in der Nähe seines Hauses von einer Brücke in die eiskalten Fluten eines Flusses geworfen. Er überlebte stets, wenn auch mit immer mehr Wunden, die nicht mehr heilen sollten. Als er 1989 für den Kongress in den Wahlkampf zieht, hat er über‐ all in den Wahllokalen Helfer, die aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Er erhält in der Tat 89 Prozent der abgegebenen Stim‐ men. Fünf Millionen Moskauer stimmten für ihn. Im Frühjahr 1990 macht sich für Jelzin sein guter Ruf in Swerdlowsk bezahlt. Der Swerdlowsker Wahlkreis wählt ihn zum Abgeordneten des russischen Kongresses, und von diesem gelangt er in den Obersten Sowjet der Re‐ publik Russland. Die Gruppe "Demokratisches Russland " schlägt ihn für das Amt des Vorsitzenden des Obersten Sowjets vor. Im dritten Wahlgang setzt er sich auch hier durch und erhält das höchste Amt, das in Russland zu vergeben war. 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 138 Jelzins Aufstieg ist abermals unaufhaltsam. Auch Gorbatschow sieht keinen Weg mehr, der an dem Sibirier vorbeigeführt hätte und arrangiert sich mit ihm. Jelzin hat die ebenso einfache wie gefährliche Philosophie vom nur guten Menschen, welche Marxismus wie Libera‐ lismus in einem genuinen Grundpfeiler verbindet, schon lange aufge‐ geben. Er brach mit dem Sozialismus auch äusserlich. "Den naiven Glauben hatte ich verloren," philosophierte er 1987 in der tristesten Phase seines Lebens. 1990 ist er politisch so stark, dass er demonstrativ und offiziell bekennen kann, kein Kommunist mehr zu sein. Ein Kom‐ munist war er auch früher nicht, genau so wie beispielsweise mancher getaufte und registrierte Christ heute kein Christ ist. Aber dieser an‐ gebliche Christ kann oder will es sich in Bezug auf seine Umgebung nicht leisten, die offizielle Registrierung aufzugeben und aus der Kir‐ che auszutreten. Dass solche Masken bei Leuten, die zumal noch im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, in noch viel höherem Masse eine Rolle spielen als bei einfachen Privatpersonen, ist eine leicht ein‐ sehbare Binsenwahrheit. Die Täuschung mit Maskierung wird von der Masse der Leute geradezu verlangt. Und Jean-Jacques Rousseau hat dieses Phänomen vielleicht am treffendsten erhellt mit seiner Feststel‐ lung, dass "eine Wahrheit zu verkünden, welche die Menschen nicht verstünden, schlimmer sei als diese Menschen zu belügen". Galileo Ga‐ lilei hat die Missachtung dieses Mechanismus selbst als stiller Gelehr‐ ter, heute weltgeschichtlich berühmt und berüchtigt, in eindrücklicher Weise erfahren müssen. Ungezählte andere mussten und müssen dies aber in viel grausamerer und irreparablerer Weise erleben. In der völlig neuen, äusserst starken Position gibt Jelzin jetzt offizi‐ ell den Austritt aus der KPdSU, der Kommunistischen Partei der Sow‐ jetunion, bekannt. Ligatschow, als Wortführer der konservativen Op‐ position vielleicht der schärfste und gefährlichste Gegner Jelzins, ver‐ liert sein Amt als ZK-Sekretär. Gorbatschow ist inzwischen Präsident der Sowjetunion geworden, während Jelzin in allgemeinen und freien Wahlen am 12. Juni 1991 zum ersten Präsidenten Russlands gewählt wird. Das entkrampfte Verhältnis zwischen Gorbatschow und Jelzin führte dazu, dass sich Jelzin mit acht anderen Amtskollegen der ande‐ ren Sowjetrepubliken hinter Gorbatschow stellte. An der Parteielite vorbei zur Präsidentschaft 139 Im Sommer 1991 hatte ein grosser Teil der russischen Gesellschaft das Gefühl, dass die Epoche des sowjetrussischen Imperiums abgelau‐ fen sei. Gorbatschow begann die Kanonen der Panzer in die Futterale zu stecken. Das riesige sowjetrussische Reich aber basierte zu einem grundlegenden Teil auf der Macht der Gewehre und der russischen Knute. Wenn der Generalsekretär und Präsident nun weiterhin von Sozialismus und Völkerfreundschaft redete, so tat sich eine gewaltige Kluft auf zwischen bereits bürgerkriegsähnlicher Realität in manchen Teilrepubliken mit Zehntausenden von Flüchtlingen und schöner Wortklauberei. Der Widerspruch wurde insbesondere für konservative Kreise unerträglich. Am 19. August 1991 erklärte der sowjetische Rundfunk Gorbatschow für abgesetzt. Das im vorangehenden Kapitel erwähnte Notstandskomitee hatte die Macht übernommen. Im rasch sich ausbreitenden Widerstand gegen die Putschisten wird Jelzin die entscheidende Hauptfigur. In seinem Buch "Auf des Messers Schneide" analysiert er den Putsch genauestens. Es liest sich fast wie ein Handbuch für erfolgreiche Staatsstreiche. Seine Beobach‐ tung ist kühl und sachlich. Messerscharf diagnostiziert er die Qualität der Putschisten, zeigt auf, was sie vom Gesichtspunkt der politischen Mechanik her gut machten und das, was sie schlecht machten, und eben deshalb scheitern mussten. Jelzin konnte rasch Teile der Armee auf seine Seite ziehen. Er wird Oberkommandierender aller Streitkräf‐ te. Der Aufstand wird niedergeschlagen. Gorbatschow kehrt nach Moskau zurück. Die radikalen Reformer sind jetzt noch stärker gewor‐ den. Gorbatschow steht praktisch als Präsident ohne Land da. Faktisch ist die UdSSR zerbrochen. Jelzin kann sich entschieden gegen Gorbat‐ schow durchsetzen, dessen Ohnmacht bereits peinliche Ausmasse an‐ genommen hat. Und in der Tat, am 24. August 1991 tritt dieser zu‐ rück. Im Dezember erklärt Jelzin gemeinsam mit den Staatschefs von Weissrussland und der Ukraine die Auflösung der UdSSR und die Gründung der GUS, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Jelzin zieht in den Kreml ein. 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 140 Last der Reformen Jelzins Regierung begann eine Wirtschaftsreform von grosser Radikali‐ tät. Ministerpräsident Gaidar setzte alle Preise frei. Ziel war, die Plan‐ wirtschaft endlich zu beseitigen. Im Parlament kämpften Kommunis‐ ten und Reformanhänger zäh um die Macht. Die Preise schossen ins Unermessliche. Der Staat sah den einzigen Ausweg in der Ankurbe‐ lung der Notenpresse. Die Inflation fegte buchstäblich den ganzen Mit‐ telstand mit seinen Ersparnissen innerhalb von Wochen weg. Zweitens stand die Privatisierung des riesigen sowjetischen Staats‐ eigentums auf dem Programm. Der hierfür eingesetzte Minister, Tschubais, verteilte – von sozialer Gerechtigkeit beseelt – Anteilschei‐ ne am Volksvermögen an alle Bürger. Doch die Menschen, nicht ein‐ mal in Grundansätzen mit kapitalistischen Gesetzmässigkeiten ver‐ traut, verstanden den Umgang mit Wertschriften nicht. Sie verkauften sie zu schnell zu unbedacht weit unter ihrem Wert, tauschten sie gleich in Kleinkram oder Lebensmittel um. Nicht wenige versoffen den ge‐ wonnenen Reichtum kurzerhand. Das war die Stunde jener, welche die neue Situation unter die Lupe nahmen, sie analysierten und entspre‐ chend handelten. Riesige Vermögenswerte sammelten sich so bei eini‐ gen wenigen an, die die Zeichen der Zeit erkannt hatten. Russland verfügte auch nach dem Verlust der Länder der Gemein‐ schaft Unabhängiger Staaten GUS als der seit jeher grössten Republik über ein gigantisches Territorium. Grösser als Amerika und Europa zusammen leben In Russland rund 150 Millionen Einwohner mit über 100 verschiedenen Völkern. Und damit sind wir beim dritten und nicht weniger spektakulären Problem der Teilrepublik Tschetschenien. Die Tschetschenen waren die ersten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, welche ener‐ gisch aus der russischen Föderation austreten wollten. Mit einer erbar‐ mungslosen, aber dennoch nicht sehr erfolgreichen Kriegführung hielt Russland die Teilrepublik zurück. Viertens lastete nach der Einleitung der Reformen das Übel der Arbeitslosigkeit auf den Menschen. Sie stieg besonders in den Indus‐ trieregionen gewaltig an. Last der Reformen 141 Kluft zwischen linkem Parlament und reformerischem Präsidenten Immer breiter wird die Kluft zwischen dem Parlament und Jelzin. Im Dezember 1992 setzt er Präsident Tschernomyrdin als Ministerpräsi‐ denten ein, einen ausgewogenen, durchsetzungsstarken Mann, der in etlichen Bereichen Jahre der Stabilität zu garantieren vermochte. Aber vorerst standen die Zeichen auf Sturm. Im breiten Volk selbst regte sich immer mehr Unwillen. Das Parlament, urteilte Jelzin sinngemäss, wurde zum Pulverfass. Da fasste er im September 1993 den harten und geheimen Entschluss: „Diese gefährliche Schwatzbude muss weg!“ „Ich wusste“, sinnierte er weiter, „dass es immer eine undichte Stel‐ le gab. In diesem militanten Obersten Sowjet – das Parlament, später Duma genannt (der Verfasser) - …… hatte eine Indiskretion, dass der Präsident das Parlament aufzulösen gedächte, wie das berühmte Streichholz am Pulverfass gewirkt.“ Im Weissen Haus, dem riesigen Sitz des Parlaments, waren in der Folge Berge von Waffen durch die oppositionellen Abgeordneten angehäuft worden. Nun verschanzten sich diese mit militärischer Gewalt, während Jelzin das opponierende Parlament, unerbittlich auf seinem einge‐ schlagenen Weg voranschreitend, auflöste. Die Rebellen im Weissen Haus starteten einen gewaltsamen Umsturzversuch. Putschisten-Ein‐ heiten griffen an. Es gab erste Tote. Vom Weissen Haus aus wurde ein Gebäude der Armee gestürmt. Jelzin schreibt: „Das waren die ersten Opfer des unerklärten Bürgerkrieges, den das Weisse Haus eröffnet hatte. … Nach dieser Tragödie aber war alles Gerede von Verfassungs‐ treue und Recht, von der Pflicht der Deputierten gegenüber dem russi‐ schen Volk nur noch eine zynische Farce.“ Truppen der Putschisten setzten zum Sturm auf das Fernsehzentrum Ostankino an und besetz‐ ten das Moskauer Rathaus. Jelzin befahl Spezialeinheiten mit Panzern die Erstürmung des Parlamentsgebäudes. Er hatte mit der Auflösung des Parlaments zwar selbst die Verfassung gebrochen, aber sie stammte aus Sowjetzeiten, und es ging darum, Russland vor einer erneuten roten Gefahr und dem damit verbundenen Totalitarismus zu bewahren. Dies ist Jelzin nach 1991 somit zum zweiten Mal gelungen. Das Parlament hatte 1993 über fähige und somit durchaus gefährliche Führungspersönlichkeiten wie seinen Präsidenten Chasbulatow und den hochdekorierten Gene‐ 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 142 ral aus Sowjetzeiten, Alexander Ruzkoi, verfügt. Ein Erfolg dieser roten Putschisten hätte klar zu einer roten Diktatur geführt. Der Putschver‐ such forderte am Ende über hundert Tote. Boris Jelzin ist es in hohem Masse zu verdanken, dass in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ein grösserer Bürgerkrieg, der leicht zum weltweiten Krieg hätte eskalieren können, verhindert werden konnte. Es wurde eine neue Verfassung ausgearbeitet. Sie sicherte dem Präsidenten eine starke Vormachtstellung. Per Referendum wurde sie angenommen. Allein, das neu gewählte Parlament wurde entgegen den Hoffnungen Jelzins erneut von Linken dominiert. Diese Entwicklungen lasteten schwer auf dem Präsidenten. 1995 wählten die Stimmbürger erneut ein von Linken beherrschtes Parla‐ ment. Jelzin kämpfte ständig mit gesundheitlichen Problemen. Mit nur noch vier Prozent Zustimmung war er auf einem Popularitätstief ange‐ langt. Und 1996 lief seine zweite Amtszeit ab. Konnte und sollte er nochmals kandidieren? Jelzin nimmt den Kampf nochmals auf „Ich spürte,“ schreibt Jelzin in seinem dritten Werk, dem im Jahr 2000 erschienenen „Mitternachtstagebuch“, „dass die Menschen mich nicht mehr unterstützten, mit denen ich meine politische Karriere begonnen hatte. Die Intellektuellen, die Demokraten, die Journalisten – alle schienen sich abzuwenden.“ In der Familie Jelzin war Politik ein Tabu. Frau und Töchter erfuh‐ ren nur aus den Nachrichtenmeldungen von Papa. Er erzählte nichts und wollte auch keine diesbezüglichen Gespräche. „Politische Vorträge wollte ich nicht halten und oberflächliche Gespräche nicht führen,“ lautete sein Kommentar. Aber jetzt steckte Jelzin wieder einmal in der Krise. Da gab er sich wie schon so oft einen Ruck und erinnerte sich seiner Kämpfernatur. Also begann der Wahlkampf. Schon zog jedoch neue Unbill herauf. Seinem Leibwächter, General Korschakow, fiel dabei eine dominieren‐ de Rolle zu. „Offen hat mir keiner etwas gesagt, aber ich sah, dass Kor‐ schakow mich drängte, Tschernomyrdin in den Ruhestand zu schicken. Der weitere Verlauf war abzusehen: Im Angesicht des tschetscheni‐ Jelzin nimmt den Kampf nochmals auf 143 schen Separatismus und der kommunistischen Gefahr würde eine halbmilitärische Junta von halbsowjetischen Generälen an die Macht kommen“, urteilte der Staatschef in dieser Zeit. Die Wahlkampfleitung selbst war miserabel. Die Leute um Korschakow operierten mit Druck‐ versuchen, bedrängten die Gouverneure und provozierten Journalisten. Ein Skandal löste den anderen ab. Und was tat Jelzin? Er weilte krank‐ heitshalber einmal mehr im Sanatorium. Zu seinem Vertrauten, Sekre‐ tär und Lektor seiner Bücher, Valentin Jumaschew, äusserte er, wie in der Art einer Welt von gestern kommunistisch plumpe Methoden für seinen Wahlkampf benützt würden. Jelzin lief Gefahr, in einem Sumpf zu versinken. Lautstark klagte er: „Ich war nicht mehr Herr der Lage.“ Man nimmt an, dass in dieser Zeit Boris Berezowski den grossen Coup landete. Es gelang ihm, mit Tatjana Djatschenko, der Tochter Jel‐ zins, ins Gespräch zu gelangen und sie als Beraterin ihres Vaters zu ge‐ winnen. Tanja war damals etwas über 30 Jahre alt, Absolventin der Mathe‐ matik von der Lomonosow – Universität in Moskau. Von Politik hatte sie, in Übereinstimmung mit den Gepflogenheiten in ihrem Eltern‐ haus, keine Ahnung. Aber jetzt fand auch der Papa an Berezowsiks Idee Gefallen: „Sie war der einzige Mensch, der mir alle wichtigen In‐ formationen ungefiltert zukommen lassen könnte. Was man mir nicht sagen würde, würde man ihr sagen.“ Jelzin jedenfalls machte einen äusserst geschickten Gegenschach‐ zug. Er verband sich mit jenen Leuten, die Tschubais phantastisches Staatsgeschenk an jeden einzelnen im Volk, die Anteilscheine an den Betrieben, diese unergründlichen Aktien, nicht einfach verramschten, sondern aufbewahrten, sichteten, diversifizierten, sammelten und so in ihrem Wert mehrten. Er tat sich mit diesen neuen Reichen zusammen oder wie der Volksmund in Russland bald einmal sagte, den Oligar‐ chen. Die Mächtigsten dieser Oligarchen aber waren die Öl- und Gas‐ konzerne, der Mischkonzern von Boris Berezowski, die Banken und die Medienkonzerne. Zudem fand Jelzin ein wirksames Motto für den Wahlkampf, das klar zugespitzt lautete: „Reform oder Rückkehr zum Kommunismus.“ Ein Aktionär aber tritt nicht für den Kommunismus ein. So avancierten die Finanzeliten zum neuen Wahlkampfmotor. Und genau sie verfügten über alles, was es für einen erfolgreichen Wahl‐ 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 144 kampf brauchte. Sie bezahlten die Wahlkampagne. Sie stellten fähige Beraterstäbe und die administrativen Kapazitäten zur Verfügung. Tan‐ ja wurde der Türöffner zu Papa Jelzin. Die mächtigste Schicht im Land, die Oligarchie, hatte jetzt jemanden äusserst qulifizierten, weil in sei‐ ner Position gänzlich gesicherten Fürsprecher im Vorzimmer der Macht des Staates. Tanja war tausendmal mehr Wert als alle Generäle und Politiker Russlands zusammen. Jelzin war imstande, jeden Getreu‐ en aus dem Kreml zu werfen, aber nicht seine Lieblingstochter. Politischer Sieg und gesundheitliches Fiasko Das Unfassbare stellte sich in der Folge tatsächlich ein. Aus der fast völligen Abwendung des russischen Volkes von Jelzin gelang diesem in einem eindrücklichen Wahlkampf, die Haltung der Masse der Wähler umzukrempeln und die Stimmbürger für sich zu gewinnen. Tanja Djatschenko ist jetzt ständig an seiner Seite. Jelzin gewinnt einiger‐ massen die psychische Fassung wieder. "Bevor Tanja in den Stab kam, glaubte ich, die Belastungen einer neuerlichen Wahlkampagne nicht mehr durchstehen zu können," schreibt der kurzfristig Genesende. Für die neuen Mächtigen im Land, die Oligarchen, stand klar fest, dass niemals die Linken die Macht zurückgewinnen dürften. Jelzin stand auf ihrer Seite. Er verfügte zudem über ein derartiges Charisma, dass er auch als schwer Kranker noch die Besten und Stärksten ganz Russlands, unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit, weit über‐ ragte. Aber Jelzin konnte jederzeit sterben. Die Oligarchen mussten ihre Schachzüge über die Ära Jelzin hinaus planen und vorbereiten. Am 3. Juli 1996 entschied sich Jelzins klarer Sieg über seine Ge‐ genkandidaten. Mit 54 Prozent lag er weit vor dem stärksten Rivalen, dem Kommunisten Sjuganow, der immerhin 40 Prozent der Stimmen erhielt. Aber noch am selben Tag wird er mit einem schweren Herzan‐ fall ins Spital eingeliefert. Im November muss er sich einer Herzopera‐ tion unterziehen, bei der ihm fünf Bypässe eingepflanzt werden. Auch seine zweite Amtszeit als Präsident Russlands verläuft nach seiner Genesung von der unmittelbaren Operation dramatisch und fast spiegelbildlich so krisenhaft wie seine Gesundheit. Ministerpräsi‐ dent Viktor Tschernomyrdin ist der zweite Mann. Weitreichende Politischer Sieg und gesundheitliches Fiasko 145 Machtbefugnisse hatte sodann Anatoli Tschubais, der Leiter der Präsi‐ dialverwaltung. In gewisser Weise war er der Nachfolger Korschakows, der Regent hinter Jelzins Rücken und ähnlich der Tochter Tanja der Türöffner zum Staatschef. Die fünfte Machtposition wies Jelzin Alexander Lebed zu. Mit harter Hand vermochte dieser Haudegen Ordnung in die Machtkämpfe der Heerführer zu bringen und den Tschetschenienkrieg zu stoppen. Entgegen manchen deprimierten Äusserungen in den Tagebü‐ chern und abschätzigen Kommentaren der Weltpresse ist Jelzin immer wieder der absolute und souveräne Machtträger. Als General Lebed sich immer anmassender zu verhalten begann, aussenpolitisch sich ambitionierte und versuchte, mit der Armee eigene Wege zu beschrei‐ ten, platzte Jelzin der Kragen. Er entliess den mächtigen General frist‐ los und liess ihn von schwerbewaffneten Kräften aus seinem Büro füh‐ ren. Nachdenken über die Generäle Sowohl die Oligarchen als auch ihr verlängerter Arm, die nächsten Vertrauten aus der Umgebung Jelzins, gemeinhin als "die Familie" be‐ zeichnet, begannen immer stärker über die Zeit nach Jelzin nachzu‐ denken. Sie hatten lange das Augenmerk auf Lebed gerichtet. Er besass Ausstrahlung, verfügte sowohl in der Bevölkerung als auch in der Ar‐ mee über eine grosse Popularität. Lebed war ein Mann der Ordnung. Aber jetzt war dieser für die "Familie" ausgeschieden. Jelzin selbst wid‐ met in seinem dritten Buch ein ganzes Kapitel dem Thema Generäle. Jelzin studiert die Biographien berühmter Feldherren. Er vertieft sich in die Geschichte. Denn er glaubt, dass dieses riesige Reich Russland von einem Hauptproblem geschüttelt wird: Es krankt an mangelnder Ordnung. Die Gesetze werden zu sehr verletzt, Schlendrian und Trunksucht sind eine Geissel der Menschen. Und Jelzin hat am eige‐ nen Leib erfahren, wovon er spricht. Er bewegt sich, so gesteht er selbst, ständig mindestens am Rand der Trunksucht. Bestechlichkeit und Un‐ ehrlichkeit plagen das Land. "Ich begann", schreibt der Präsident, "über die Generäle nachzudenken". Aber sein Befund ist niederschmetternd: "Ich lernte den General ohne Überzeugung kennen." Und einmal mehr 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 146 ruft Jelzin pathetisch aus: "Wie viele bescheidene, gebildete Zivilisten, die wenig Aufhebens um ihre Person machten, waren in ihren Über‐ zeugungen weitaus aufrechter, in ihrem Handeln weitaus couragierter!" Wieder bemerkt man, Jelzin sucht nicht den Gleichen unter Gleichen, nicht den Gewöhnlichen, Anschmiegsamen, Gefälligen. Wir kennen nur zu sehr jenes Elend, das zwar Erfolgreiche, aber Überangepasste infolge mangelnder Zivilcourage leicht begehen oder vielleicht ärger – einfach hinnehmen. Er nennt als Vorbilder Andrej Sacharow, Sobtschak, den früheren Bürgermeister von St. Petersburg, oder die Politikerin Galina Starowoitowa. Jelzin sieht die Notwendigkeit der Ordnung im Staat. Aber der Machtträger zur Durchsetzung dieser Ordnung benötigt in seinen Augen eine Gesinnung, die für das Bessere und Konstruktive steht und vor allem, der couragierter ist. Er miss‐ traut dem Politiker, Abgeordneten oder General, "die allzeit bereit" sind, "sich bei beliebigen Ereignissen an die Spitze zu stellen." Die scheusslichsten Beispiele finden sich für ihn diesbezüglich in der Zeit der Bolschewisierung Russlands von 1918 bis 1924 sowie im Stalinis‐ mus mit all den Schrecken von Verfolgung, Terrorisierung und Ver‐ nichtung von Millionen von Menschen im Namen künftig generell weltverbesserter Zustände. Jelzin sucht jemanden, der ihm ähnlich ist. Der Nachfolger müsste auf dem soliden Boden der Realität stehen. Ideologien dürfen nicht zu dominant werden. Da hat der Kommunismus keinen Platz. Aber man‐ che neuen, linksliberalen, erstaunlicherweise totalitär angehauchten Gesinnungen des Westens bis hin zu Jugendlichkeitsfanatismus und – alles andere als friedlichen oder gerechten amerikanischen und west‐ europäischen Weltfriedensfantasien und Weltgerechtigkeit, Sharehol‐ dervalue-Denken, Geschlechteraggressionen und Materialismus sind ihm gleichfalls nicht geheuer. Der grosse italienische Schriftsteller Ignazio Silone brachte einen harten Kern dieses Problems auf den Punkt, als er bereits 1945 die warnenden und nicht genug zu wieder‐ holenden Worte ausrief: "Der künftige Faschist wird sich Antifaschist nennen." Kurz, Jelzin sucht den Nachfolger, der ebenso unabhängig von heute einseitig gewordener politischer westlicher Dogmatik wie früherem landeseigenem Kommunismus zu agieren vermag. Sein Nachfolger soll konkreten Missständen im gesamten Staatswesen nachspüren, sie identifizieren und die Menschen von diesen befreien. Nachdenken über die Generäle 147 Dies entspräche durchaus auch einer Forderung, die gerade einer der grössten und angesehensten Philosophen des 20. Jahrhunderts, Karl R. Popper für westliche rechtsstaatliche Kontinuität dringend verlangte, die aber nicht zuletzt wegen medialer Machtkumulation und Selbstge‐ fälligkeit untergeht und dadurch weder den Rechtsstaat noch einfachs‐ te Ordnungs- und Sicherheitsfaktoren für die Zukunft bei uns zu ga‐ rantieren vermag. (Popper, K. R., Historizismus) Es ist durchaus mög‐ lich, dass Russland nicht nur vom Westen lernen kann, sondern dass heute auch der Westen von Russland, das man so gerne als anders be‐ zeichnet, konstruktive Schritte zu lernen vermöchte. In dieser Zeit war Pawel Borodin Schatzmeister des Kreml. Er ge‐ hörte zum engeren Kreis der "Familie". Borodin stellte nun Wladimir Putin, der früher in St. Petersburg gearbeitet hatte, in seiner Behörde ein, die ein riesiges Imperium von Staatsgütern verwaltete. So lernte Jelzin diesen Putin näher kennen. Jelzin bekennt: "Ich ha‐ be auf den 'neuen General' gehofft oder vielmehr auf den, von dem ich als Junge gelesen hatte. Die Zeit verging, und ich habe einen solchen Charakter getroffen: Oberst Wladimir Putin." Rechtlicher und wirtschaftlicher Notstand Vorerst aber kämpft sich Jelzin mühsam durch die Alltagsprobleme. Am 23. März 1998 entlässt er überraschend den langjährigen Minis‐ terpräsidenten Tschernomyrdin. Jelzin und die "Familie" sitzen am Spieltisch, um ein ganzes Karussell von Ministerpräsidentenwechseln zu inszenieren. Mit Kirijenko ernennt er das jüngste und unerfahrens‐ te Kabinettsmitglied, die sogenannte "Kinderüberraschung". Was sollte diese Ernennung bedeuten? Die Kommunisten waren erneut gefähr‐ lich stark geworden. Im August schlitterte Russland in eine katastro‐ phale Finanzkrise. Die niederen Erdölpreise auf dem Weltmarkt ver‐ schlimmerten die Lage des exportabhängigen Landes. Die Regierung erwies sich als unerfahren. Sie gab kurzfristige Staatsobligationen he‐ raus. Damit diese gekauft würden, zahlte sie riesige Zinsen. Zeitweilig zahlte die Zentralbank bis zu 150 Prozent Zins. Die Regierung konnte monatelang keine Löhne mehr bezahlen. Korruption und Kriminalität nahmen extreme Formen an. Niemand war mehr vor jederzeitiger 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 148 Verhaftung sicher. Man konnte tun, was man wollte, da die Rechtslage in völlige Unordnung geraten war, konnte, abgesehen von den zehn Geboten der Bibel, niemand mehr sagen, was nun erlaubt wäre und was zu unterlassen sei. Als im als Schienenkrieg bezeichneten Auf‐ stand der Arbeiter die Transsibirische Eisenbahn unterbrochen wurde, geriet das Land an den Rand des Zusammenbruchs. Der dichteste Zugverkehr der ganzen Welt findet sich auf der Linie der Transsibiri‐ schen Eisenbahn. Im Sechsminutentakt jagen die Züge dicht aufeinan‐ dergedrängt Tag und Nacht von West nach Ost und von Ost nach West. Sie ist die eigentliche Lebensader des Landes, zwischen Europa und Asien. Sie allein verbindet Teilrepubliken, die grösser als Frankreich sind, sowie ganze Völker. Ohne diesen einzigen effektiven Verkehrsweg würden ganze Regionen glattweg verhungern. Wer diese Eisenbahn zu zerstören vermag, zerstört Russland. Jelzin zerschmettert bombastische Anschuldigungen Im Mai 1999 erreichte ein seit Jahren von der linken Duma vorbereite‐ tes Amtsenthebungsverfahren gegen Jelzin seinen Höhepunkt. In fünf Punkten wurde der Präsident angeklagt: Landesverrat bezüglich der Auflösung der UdSSR 1991, Zerstörung der Armee, Staatsstreich bei der Auflösung des Parlaments 1993, Amtsmissbrauch bei der Entfesse‐ lung des Tschetschenienkrieges 1994 sowie Völkermord gegen das ei‐ gene Volk durch die Reformen. Mancher hätte in der langen und wechselvollen Periode der Vor‐ bereitung dieser happigen Anklagepunkte versucht, die Abgeordneten für sich zu gewinnen. Nicht so Jelzin. Darüber hinaus haute er im Ge‐ genteil noch eins drauf: Genau auf den Zeitpunkt der Abstimmung über seine Absetzung in der Duma am 15. Mai 1999 war er bereit, zu einem provokativen Schlag auszuholen. Der neue Ministerpräsident Primakow hatte sich von den Oligarchen abgewendet – und, was noch schlimmer wog, er hatte sich dem ehrgeizigen Kreml-Gegner Lusch‐ kow zugewandt, dem Bürgermeister von Moskau. Ausserdem stellte er sich auf die Seite von Skuratow, dem umstrittenen obersten Ermittler und Generalstaatsanwalt. Ein beträchtlicher Teil der Jelzin –"Familie" war natürlich gegen die Absetzung Primakows zu diesem Zeitpunkt. Jelzin zerschmettert bombastische Anschuldigungen 149 "Ich war anderer Meinung", resümiert der ehemalige Staatschef und entpuppt sich wie seit jeher, seit seiner Kindheit und seiner Schulzeit als der gewiefte Taktiker: "Ein heftiger, unerwarteter Schlag entwaffnet den Gegner." Am Vortag der Impeachment-Abstimmung entliess er Primakow. Zum dritten Mal innerhalb von 14 Monaten hatte Jelzin jetzt das Kabinett gewechselt. Die gegenseitige Blockierung von Parla‐ ment und Präsident hatte den Höhepunkt erreicht. Die Rechnung ging auf. Die Schlacht gewann erneut Jelzin. In kei‐ nem der bombastischen Anklagepunkte erreichten die Gegner eine Mehrheit. Der lodernde Konflikt hatte sich mit einem Schlag in Luft aufgelöst. Für die Opposition war dies eine vernichtende Blamage. Aber Jelzin wurde weiter diskreditiert. Diesmal übten sich ver‐ schiedene Organe der Weltpresse in diesem Metier. Ein Medienkon‐ zern nach dem anderen kolportierte vom vorherigen ungeprüft das konstruierte, aber auflagenstärkende und somit gewinnbringende Ge‐ rücht, Jelzin besitze grosse Kontobeträge und mehrere Häuser in Frankreich und in der Schweiz. Als ob ein solcher Sachverhalt an sich schon unmoralisch oder gar unrecht wäre, garnierte man diese Be‐ hauptung sodann mit der zusätzlichen inkriminierenden Unterstellung, der russische Präsident und seine Familie hätten sich ungerechtfertigt an Staatsgeldern bereichert. Die damalige Schweizer Bundesanwältin del Ponte tat sich ausgerechnet mit ihrem höchst umstrittenen Kolle‐ gen Skuratow in Moskau zusammen, und beide agierten nun gleich‐ sam offiziell, aber selbstverständlich unter dem Applaus eines Teils der Weltpresse und dem Deckmantel supponierter Gerechtigkeit. Obwohl die Untersuchungen keineswegs unvoreingenommen verliefen, gebar der Berg nicht einmal eine Maus: Es ergaben sich keinerlei Unregel‐ mässigkeiten. Heute weiss man ganz offiziell, dass für Jelzin vom Staat eine höchst komfortable Residenz unterhalten wurde, die seinem hohen Rang entsprach, dass sein Renteneinkommen und sein Vermögen wohl beachtlich, aber gemessen an westlichem, durchschnittlichem Reichtum immer noch höchst bescheiden waren. Die Duma kann einen vom Präsidenten vorgeschlagenen Minister‐ präsidenten drei Mal ablehnen. Die Abgeordneten jedoch waren derart demoralisiert, dass sie schon im ersten Wahlgang Jelzins neuen Kandi‐ daten, Stepaschin, bestätigten. Viele hatten befürchtet, dass der mögli‐ 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 150 cherweise durchgedrehte Präsident sie weiter demütigen und für einen zweiten Wahlgang den verhassten Tschubais oder seine Tochter nomi‐ nieren könnte. Einige trauten Jelzin sogar zu, dass er notfalls den Aus‐ nahmezustand ausrufen und so das Parlament kurzerhand auszuschal‐ ten imstande wäre. Nach diesem Sieg reiste Jelzin zur Erholung an das Schwarze Meer. Tanja wird zur eigentlichen Machtträgerin Russlands. Sie fällt die Ent‐ scheide. In Abwesenheit ihres Vaters stellt sie mit ihren beiden Ver‐ trauten, Jumaschew und Berezowski, fast ungehindert die neue Regie‐ rung zusammen. Der zweite Tschetschenienkrieg kurbelt die Innenpolitik an Da trafen in Moskau erneut schlechte Nachrichten vom Kaukasus ein. Geiselnahmen und Schiessereien in Tschetschenien wurden im Som‐ mer 1999 zur täglichen Erscheinung. 2'000 schwerbewaffnete heilige Krieger fielen im Juli 1999 in Dagestan ein. Ein fürchterlicher religiö‐ ser Krieg begann. Generalmajor Schpigun, immerhin der Stellvertre‐ tende Innenminister Russlands, wurde in Grosny aus dem Flugzeug heraus entführt. Der Kreml drängte Stepaschin zum Handeln. Dieser zögerte. Schliesslich entsandte er zu wenige Truppen zu wenig geschickt orga‐ nisiert zum Krisenherd. Der zweite Tschetschenienkrieg begann für die Russen mit einem Fiasko. Sie wurden zurückgeschlagen. Ende Juli kehrte Stepaschin von einer Inspektionsreise aus Tsche‐ tschenien zurück und informierte den Präsidenten dahingehend, man könnte ausser Tschetschenien auch noch Dagestan verlieren. Da riss Jelzin der Geduldsfaden, und er entliess auch Stepaschin. Bereits am 9. August 1999 stellte Jelzin einer erstaunten Öffentlichkeit den fünf‐ ten Ministerpräsidenten in nur 17 Monaten vor. Die Welt hatte nur noch Hohn für Jelzin übrig. Niemand kannte diesen Putin in der brei‐ ten Öffentlichkeit. Er war zuletzt der mächtige Chef des Geheimdiens‐ tes. Jelzin aber bleibt sich selbst treu. Jeden Überraschungscoup über‐ höht er jeweils noch mit einer derart masslosen Garnitur, dass den Leuten der Atem stockt. Und in diesem Moment, wenn alle ihre Fas‐ Der zweite Tschetschenienkrieg kurbelt die Innenpolitik an 151 sung verlieren, agiert Jelzin mit messerscharfer Präsenz – und gewinnt. Das ist sein Siegerrezept. In einem beispiellosen Schritt erklärt Jelzin, dass Wladimir Putin sein persönlicher Wunschkandidat für die nächsten Präsidentschafts‐ wahlen in zehn Monaten sei. In der ganzen Welt glaubt selbstverständ‐ lich niemand, dass dieser Wunsch sich erfüllen würde. Allein, in der Präsidialadministration in Moskau waren von Anfang an andere Mei‐ nungen vertreten und wer wollte, konnte mehr als einen flüstern hö‐ ren, der zudem zweifellos informierter war als alle Journalisten, Histo‐ riker und Soziologen der Welt, dass diese Welt auch weiterhin noch viel zu staunen hätte. Der Krieg als Vater aller Dinge ebnet die Nachfolge Inzwischen nahm der Tschetschenienkrieg seinen Fortgang. Die Gräu‐ el der heiligen Krieger wurden unbeschreiblich. Da schwappten diese Gräuel mitten in die Grossstädte Russlands über. Die Tschetschenen hatten Terroraktionen mehrfach angedroht, aber die Welt wollte ausser der Verunglimpfung der russischen Kriegshandlungen die tschetsche‐ nischen Gräuel nicht ernst nehmen. In Moskau verwüsteten tschetschenische Terroristen die Passage am Manegeplatz beim Kreml. Eine Bombenexplosion der heiligen Krieger tötete in Bujnaksk kurz darauf 64 Menschen. Fünf Tage später flog in Moskau ein Wohnblock in die Luft und tötete 93 Menschen. Die Attentate und Massenmorde brachen weiterhin nicht ab. Das Volk geriet in Panik. Wut, Verzweiflung und Ohnmacht breiteten sich aus. Es gab Hinweise, dass der arabische Terrorist Osama Bin Laden die Terroristen mitfinanzierte. Vom einfachen Bürger bis zum hochrangigen Politiker bekannten sich die Menschen zur Notwendigkeit, hart durchzugreifen. Selbst libe‐ rale Politiker wie Jawlinski fühlten sich vom heuchlerischen, defaitisti‐ schen Westen angewidert, als er im Fernsehen äusserte: "Wo seid ihr Deutschen mit euren Beileidsbekundungen?" Putin zögerte nicht. Nach den Attentaten griff er in Tschetschenien rigoros und zielgerichtet durch. In kurzer Zeit avancierte er zum ange‐ sehensten Politiker. 12. Boris Jelzin – Moderner Rebell oder Retter Russlands und der Welt vor einem dritten Weltkrieg? 152 Noch im Dezember bricht die Partei Putins und Jelzins, die "Ein‐ heit", die Vormachtstellung der Kommunisten in der Duma. Ein letztes Mal inszenierte Jelzin eine siegreiche Überraschung. Am letzten Tag des Jahrhunderts gibt der kranke Staatschef, der so oft die Welt über‐ rascht und verblüfft hatte, seinen Rücktritt und Abschied aus der Poli‐ tik bekannt und ebnete seinem Wunschkandidaten damit nochmals in unübertrefflicher Weise den sicheren Weg zur Nachfolge. Stärke und Charakter aber zeigen sich bei einer Persönlichkeit in hohem Masse gerade auch darin, dass sie es versteht, im richtigen Moment mit der richtigen Verantwortung der Übergabe an einen Nachfolger zurücktre‐ ten zu können. Auch das ist ein Verdienst Jelzins. Boris Nikolajewitsch Jelzin starb im Alter von 76 Jahren am 23. April 2007 im Moskauer Regierungsspital an Herzversagen. Die kommunistische Fraktion in der Duma verweigerte eine Schweigemi‐ nute: Niemals sollte „der Zerstörer des Vaterlandes“ geehrt werden. Aufgebahrt in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau zogen an‐ dererseits Zehntausende an seinem Sarg vorbei, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Zu den Begräbnisfeierlichkeiten trafen Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt ein, darunter die amerikanischen Präsidenten George Bush und Bill Clinton. Nach rund hundert Jahren hatte erstmals wieder ein Staatsbegräb‐ nis der russischen Kirche stattgefunden. Der Krieg als Vater aller Dinge ebnet die Nachfolge 153

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.