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5. Fazit in:

Lena Jaschob

Status im internationalen System, page 299 - 314

Das Deutsche Reich und sein Statusstreben in Europa 1890-1914

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4082-9, ISBN online: 978-3-8288-6920-2, https://doi.org/10.5771/9783828869202-299

Tectum, Baden-Baden
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299 5. Fazit Ist Status am Ende dieser Arbeit noch immer ein „notoriously fuzzy concept“ (Wohlforth 2009, S. 38), wie es William Wohlforth in seinem Artikel in World Politics 2009 ernüchternd konstatierte? Wenn ich diese Frage im Lichte meiner Ergebnisse beantworte, sage ich „Nein! Es ist möglich, Status systematisch und trennscharf in konkreten empirischen Fällen zu analysieren.“ Sowohl die theoretische als auch die empirische Debatte zu Status in der IB- Forschungslandschaft kann geordnet werden und es ist möglich, ein Analyseschema zu entwickeln, welches empirische Fälle systematisch bearbeitbar macht. Dennoch bleibt noch genügend Wegstrecke übrig, um Status zu einer etablierten Kategorie der IB zu machen und um ein breiteres Methodenspektrum für die Analyse von Status im internationalen System zu entwickeln. Diese Arbeit versteht sich als erster Schritt auf diesem Weg, dem noch hoffentlich viele weitere Schritte folgen werden. Zunächst steht nun aber an, die in der Einleitung aufgeworfene Fragestellung, wie ein aufsteigender Staat seine Statusansprüche im internationalen System umsetzt, übergreifend zu beantworten. Dazu werde ich meine Forschungsfrage aus zwei Perspektiven, die sich auch durch die ganze Arbeit ziehen, beleuchten. Zunächst werde ich mich mit den theoretischen Erkenntnissen auseinandersetzen (Kap. 5.1). Hier geht es nicht nur um eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse, sondern auch um eine theoretische Reflexion, um einerseits die Forschungsfrage aus theoretischer Perspektive beantworten zu können, andererseits aber auch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die eigene Arbeit kritisch zu bewerten. Im Anschluss daran werde ich die empirischen Erkenntnisse aus dem historischen Fallbeispiel einordnen (Kap. 5.2). Es ist nicht nur eine bloße Zusammenfassung der Ergebnisse, um die Forschungsfrage zu beantworten, sondern es findet auch eine Auseinandersetzung mit dem Fall statt, um neue Sichtweisen auf die Analyse der Politik des Deutschen Reichs aufzuzeigen und Denkanstöße für die weitere Befassung mit dem Fall zu generieren. Abschließend dreht sich Kapitel 5.3 dann um weiterführende Fragestellungen und Forschungsfelder. Hier 300 wird es um offen gebliebene Fragen sowohl aus dem theoretischen als auch dem empirischen Teil dieser Arbeit gehen, aber auch um Fragen, die sich aus den hier vorgestellten Ergebnissen neu ableiten lassen und zu weiteren Forschungen anregen sollen. 5.1 Theoretische Erkenntnisse Die hier vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass es möglich ist, aus den bisherigen Ansätzen und Überlegungen zum Themenkomplex Status eine konsistente und stringente Begriffsbestimmung vorzunehmen und ein Analyseraster zu entwickeln, welches dazu beiträgt, Status im internationalen System und das Streben nach Status systematisch zu analysieren und nachzuverfolgen. Damit schließt diese Arbeit die Lücke vor allem im deutschsprachigen Raum, wo Status als Begriff und Konzept bislang wenig aufgenommen wurde. Ausgehend von dem Befund, dass die Debatte in den IB bislang um eine Begriffsbestimmung und Abgrenzung zu anderen Begriffen kreiste und bislang noch keine vollständige Konzeptionierung beziehungsweise Nachweisführung vorlag, habe ich eine eigene Begriffsbestimmung in Anlehnung an bereits etablierte und in diesem Themenkomplex verwendete Konzepte vorgenommen und Status als soziale Konstruktion verstanden. Dabei gehe ich davon aus, dass die Statusposition eines Akteurs das Produkt des internationalen Systems ist, welches wiederum Hierarchisierungen hervorbringt. Diese Hierarchisierung erfolgt vor allem anhand von materiellen und symbolischen Statusmarkern. Daraus ergibt sich, dass Status im internationalen System eine hohe Interdependenz aufweist und als ein Rahmen verstanden werden kann, der einzelfallbezogen für eine bestimmte Epoche unterschiedlich ausgefüllt werden muss. Somit kann Status als ein vierdimensionaler Begriff verstanden werden, der eine Varianz über Raum, Zeit und Inhalt aufweist. Status muss daher in jeder Epoche neu kontextualisiert werden. Ein weiteres zentrales Element stellt die Reziprozität dar. Die Anerkennung durch Dritte ist für das Konzept ‚Status‘ essentiell, da Status nicht einseitig gewährt werden kann. Erst durch die Anerkennung des für den jeweiligen Statusanspruch relevanten Dritten wird die Erlangung einer erwünschten Statusposition wirkmächtig. Um das Konzept ‚Status‘ auf die internationale Politik zu übertragen, habe ich, ausgehend von der Überlegung, dass die Anerkennung einer bestimmten Position für Individuen und Gruppen ein intrinsisches Gut ist, Status als ein staatliches Interesse definiert. Das Streben nach Status beziehungsweise die Anerkennung einer bestimmten Statusposition werden dann zu einem asymmetrischen Aushandlungsprozess, der durch den Wunsch nach Verbesserung der eigenen Position aufgrund der Wahrnehmung eines Statusmismatches entsteht. 301 Aus diesen theoretischen Vorüberlegungen heraus entwickelt sich mein eigenes Analyseraster für das Statusstreben eines Staates (Kap. 2.3). Ausgehend von dem Wunsch eines Akteurs, seine Statusposition in der internationalen Ordnung zu verbessern, folgt das Analyseraster der subjektiven Rationalität der handelnden Akteure und hilft so, neue Einblicke in die Fälle zu generieren, sowie Veränderungen im politischen Verhalten aufzudecken und zu analysieren. Verspürt ein Staat den Wunsch, die eigene Statusposition zu verbessern, stehen ihm dafür drei Wege offen, abhängig davon, wie er die Erfolgsaussichten der Umsetzung des eigenen Wunsches bewertet. Erscheint die Umsetzung unmöglich, dann zieht sich ein Akteur entweder aus der Ordnung zurück, das heißt, der Statuswunsch wird fallengelassen, oder er wählt den Weg des dissidenten Revisionismus, also der zerstörerischen Umsetzung des eigenen Statuswunsches. Scheint es grundsätzlich möglich, den eigenen Statuswunsch umzusetzen, aber es bestehen Zweifel an der direkten Umsetzbarkeit, dann entscheiden sich Staaten für Strategien zum Aufbau von Alternativen. Diese können sich entweder auf den Bereich der Vergleichskategorien oder auf andere Anerkennungsformen beziehungsweise andere Akteure, von denen man anerkannt werden möchte, beziehen. Bei einem erfolgreichen Umsetzen einer dieser Strategien ist der Akteur, der nach Statusverbesserung strebt, zufrieden oder er versucht in einem zweiten Schritt über nachahmende Statusstrategien das ursprüngliche Statusziel zu erreichen. Im Falle des Scheiterns zieht sich ein Akteur entweder aus der Ordnung zurück, versucht dissident-revisionsitisch seine Ziele umzusetzen oder er wechselt zu einer anderen alternativen Strategie. Bewertet ein Akteur die Erfolgsaussichten für seinen Statuswunsch dagegen rundweg positiv, dann entscheidet er sich für die Umsetzung einer nachahmenden Statusstrategie. Dies kann er entweder demonstrativ oder konfrontativ tun. Die demonstrative Umsetzung des Statuswunsches drückt sich in der Darstellung der eigenen Ebenbürtigkeit zum anerkennenden Akteur aus. Der nach Status strebende Akteur versucht, durch reine Demonstration seiner Fähigkeiten und Statusmarker, den anerkennenden Akteur zur positiven Bewertung des Statuswunsches zu bewegen. Scheitert diese Strategie, ist ein Wechsel zu einer konfrontativen Nachahmungsstrategie am wahrscheinlichsten, weil in diesem Fall der Statuswunsch nicht aufgegeben werden muss und der Pfad, der bislang demonstrativ beschritten wurde, nun konfrontativ fortgesetzt wird. Des Weiteren stehen hier dann aber auch noch die Optionen des Rückzugs aus der Ordnung oder der Wechsel zu alternativen Strategien zur Verfügung. Im Gegensatz zu demonstrativen Strategien zeichnen sich konfrontative Nachahmungsstrategien vor allem dadurch aus, dass materielle und symbolische Statusmarker im Konflikt zu anderen Akteuren erworben werden und nicht kooperativ oder demonstrativ die eigene Stärke gezeigt wird, sondern durch die Bereitschaft zum offenen Konflikt die ei- 302 genen Statusinteressen durchgesetzt werden. Der Erfolg oder das Scheitern einer Statusstrategie hängt dabei maßgeblich vom anerkennenden Akteur ab. Da Status reziprok ist und nicht unilateral zugesprochen werden kann, ist die Reaktion des Akteurs, der eine bestimmte Statusposition anerkennen soll, von zentraler Bedeutung. Durch subjektive und objektive Anerkennungsbedingungen kann er den Statuswunsch des nach Status strebenden Akteurs anerkennen oder zum Scheitern bringen. Mit der Entwicklung dieses Analyserasters ist die Trennlinie zwischen materiellen und symbolischen Statushierarchien – wie sie in den bisher vorliegenden Arbeiten gezogen wurde – überwunden. Durch die Herausarbeitung von materiellen und symbolischen Statusmarkern und subjektiven und objektiven Anerkennungsbedingungen können beide Aspekte bei der Bearbeitung eines Falles gleichberechtigt berücksichtigt werden. Auch ermöglicht die Konzeptionierung der subjektiven Rationalität eine Neuerwerbung von empirischen Fällen und schafft so die Brücke zu einer kritischen Betrachtung von etablierten Erklärungsmustern. Des Weiteren schließt diese Herangehensweise keine Politikbereiche von vornherein aus. Das komplexe Zusammenspiel von Innen- und Außenpolitik kann systematisch berücksichtigt werden und ebenfalls neue Einblicke in politische Prozesse ermöglichen. Vor allem aber trägt diese Arbeit dazu bei, den etablierten staatlichen Interessen ein weiteres Interesse – Status – hinzuzufügen. Damit wird die politikwissenschaftliche Palette um einen weiteren Analysefaktor erweitert und die komplexe Hierarchisierung der internationalen Ordnung mit einem neuen Instrument bearbeitbar. Durch die Entwicklung des Analyserasters wurde die in der Einleitung formulierte Forschungsfrage aus der theoretischen Perspektive beantwortet. Die Herausarbeitung von verschiedenen Statusstrategien ist die Grundlage, Status als staatliches Interesse empirisch nachzuweisen und so die formulierte Frage auch in Bezug auf den hier gewählten Fall beantworten zu können. Kritisch zu betrachten sind allerdings die Komplexität des Begriffs Status und die sich daraus ergebenden Probleme einer schematischen Darstellung. Das hier vorgestellte Analyseraster stellt notwendigerweise eine Reduzierung der Komplexität dar und kategorisiert Statusansprüche rigoros. Die Realität wird anders aussehen: Strategien werden sich nicht immer trennscharf unterscheiden lassen, Statusinteressen können diffus formuliert sein und Akteure müssen nicht zwangsläufig immer demselben Muster bei der Umsetzung ihrer Interessen folgen. Dennoch gehe ich davon aus, dass das Analyseraster zur Erforschung von Status im internationalen System beiträgt, im Gegensatz zu den bisher vorliegenden Ansätzen eine Vergleichbarkeit schafft und eine originär politikwissenschaftliche Betrachtung des Phänomens ermöglicht. Teil B dieser Arbeit stellt somit auch vorrangig einen ersten Anwendungsfall des 303 Analyserasters dar und soll dazu beitragen, die Reichweite und den Nutzwert der eigenen theoretischen Überlegungen aufzuzeigen. 5.2 Empirische Erkenntnisse Will man die in der Einleitung gestellte Frage aus empirischem Blickwinkel beantworten, so muss man festhalten, dass das Deutsche Reich vor allem durch Anwendung konfrontativer Nachahmungsstrategien versucht hat, sein Statusinteresse Weltmacht umzusetzen. Dabei stieß das Kaiserreich auf deutlichen Widerstand des anerkennenden Akteurs: Großbritannien. Sowohl global als auch in den hier untersuchten Politikbereichen scheiterte das Deutsche Reich bei der Umsetzung der eigenen Statusinteressen und konnte den ersehnten Weltmachtstatus nicht erreichen – im Gegenteil, durch die Mitschuld am Ausbruch des ersten Weltkriegs, der „great seminal catastrophe of this century“ (Kennan 1979, S. 3), sank es nach der Niederlage 1918 noch unter den alten Großmachtstatus ab und wurde durch die Pariser Friedensverhandlungen und den Versailler Vertrag in der Eigenwahrnehmung gedemütigt und missachtet. Somit fällt das empirische Ergebnis aus Sicht des Falls ernüchternd aus: Konfrontative Nachahmungsstrategien sind kein Garant für ein erfolgreiches Umsetzen von Statusinteressen. Aus Sicht des Analyserasters jedoch lässt sich festhalten, dass eine systematische und strukturierte Nachverfolgung der Umsetzung von Statusinteressen von Staaten im internationalen System möglich ist. Das entwickelte Analyseraster (Kap. 2.3) kann erfolgreich dazu beitragen, diesen historischen Fall in einem neuen Licht zu betrachten und Status beziehungsweise Statusinteressen als Antriebskräfte für politisches Handeln zu identifizieren. Des Weiteren konnte ich zeigen, dass alternative Erklärungsversuche den hier vorliegenden Fall nicht annähernd so umfassend analysieren und erklären können wie das hier dargestellte Statusargument. Gerade für das Sicherheitsargument des Neorealismus hat sich gezeigt, dass es nicht zur Analyse der deutschen Flottenpolitik geeignet ist, weil Sicherheit nicht das Hauptinteresse bei der Initiierung und Umsetzung der deutschen Flottenpolitik war. Ähnliches lässt sich auch für Wirtschaftsinteressen im Falle der beiden Marokkokrisen zeigen. Sie können nicht als Hauptmotiv für die politischen Handlungen nachgewiesen werden, weil vor allem das Statusinteresse Weltmacht die Entscheidungsträger motiviert hat, in beiden Fällen in die internationale Politik auf so dramatische Weise einzugreifen. Um Status als staatliches Interesse für das Deutsche Reich nachweisen zu können, habe ich zunächst die Internationale Ordnung vor dem Ersten Weltkrieg als Rahmen, in dem das Kaiserreich nach der ersehnten Weltmachtposition strebte, vorgestellt (Kap. 3.1). Hier hat sich vor allem gezeigt, dass sich die internationale Ordnung vor dem Ersten Weltkrieg stark gewandelt hatte. 304 Das Wiener Konzertsystem weichte immer mehr auf und wurde sukzessive durch die beiden sich gegenüberstehenden Blöcke abgelöst. Damit veränderte sich auch die soziale Konstruktion Status. Ging es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts um die Wahrung der eigenen Großmachtposition für die fünf Protagonisten der Pentarchie und damit auch um die Verhinderung der Aufstiegs kleinerer Staaten, wandelte sich dieser Anspruch in der Phase des Hochimperialismus immer mehr in Richtung egoistischer Statusansprüche, die nicht mehr ohne weiteres mit dem Ansatz der Pentarchie als Wahrer und Bewahrer des Friedens in Europa im Einklang standen. Status war damit nicht mehr das exklusive Clubgut der fünf Großmächte, welches gegen äußere ‚Eindringlinge‘ verteidigt werden sollte, sondern es wurde mehr und mehr zu einem antagonistischen Gut, welches es in primär bilateralen Verteilungskämpfen zu behaupten galt. Wesentliche Faktoren für diesen Wandlungsprozess waren die Zunahme an unilateralen überseeischen Interessen, das rasante Wirtschaftswachstum einiger Staaten, die beginnende Globalisierung, die Neugründung von Staaten beziehungsweise Reichseinigungen in Europa und das sich herausbildende Bündnissystem, welches sukzessive die alten Verbindungen, die sich nach dem Sieg der Quadrupelallianz über Napoleon herausgebildet hatten, ablösten. Das Deutsche Reich war eine der treibenden Kräfte bei diesen Wandlungsprozessen und gestaltete nach der Reichseinigung 1871 die Ordnung in Europa aktiv mit. Bis in die Mitte der 1890er Jahre verfolgte es den Kurs einer „saturierten Großmacht“ (Gall 2001, S. 503) mit wenig überseeischen Ambitionen, aber starken Interessen an einer stabilen bündnispolitischen Situation auf dem Kontinent, die die Isolation Frankeichs zum Ziel hatte. Erst nach der Thronbesteigung Wilhelms II. 1888 und der Entlassung Bismarcks 1890 veränderte sich stetig der außenpolitische Kurs in Richtung Weltmachtanspruch und gesteigertem Statusinteresse aufgrund eines verstärkt wahrgenommenen Statusmismatches in Bezug auf die führende Weltmacht Großbritannien. Der weltpolitische Statusanspruch sollte dann vor allem gegenüber Großbritannien durchgesetzt werden, zum einem, weil Großbritannien die führende Weltmacht der Zeit war, zum anderen, weil das deutsche Herrscherhaus enge dynastische Bindungen zum britischen Königshaus hatte und gerade Wilhelm II. um die Anerkennung durch seine britische Verwandtschaft kämpfte. Bei der Analyse der nun identifizierten beiden Hauptakteure dieser Arbeit stellte sich heraus, dass das Deutsche Reich der am schnellsten aufsteigende Staat in Europa war und sich aufgrund dieses rasanten Wachstums der wahrgenommene Statusmismatch zu Großbritannien immer weiter vergrößerte, weil Großbritannien in einigen Bereichen bereits überholt werden konnte, aber eine entsprechende Anerkennung von britischer Seite – so die Sichtweise der entscheidenden deutschen Akteure – ausblieb (Kap. 3.1.2 und 305 3.1.3). Nach diesem Befund, dass das Deutsche Reich mit seiner Statusposition gegenüber Großbritannien nicht zufrieden war, habe ich mich – dem Analyseraster folgend – mit der Herausbildung des deutschen Statusanspruchs über den Untersuchungszeitraum hinweg befasst (Kap. 3.2). Hier konnte ich zeigen, dass sich der deutsche Statusanspruch Ende der 1890er Jahre sowohl intern als auch extern in dem Wunsch nach der Erlangung der Weltmachtposition manifestierte. Außenstaatssekretär Bülow eröffnete diese Phase öffentlichkeitswirksam mit seiner „Platz an der Sonne“-Rede am Nikolaustag 1897 (Bülow 1897). Damit war die programmatische Wende von der saturierten Großmacht zur aufstrebenden Weltmacht diskursiv vollzogen. In der Folge wollte das Deutsche Reich diesem verbalen Anspruch auch politische Taten folgen lassen. Der deutsche Statusanspruch manifestierte sich in unterschiedlichen Politikbereichen. Vor allem die Außen- und Rüstungspolitik wurde nun unter dem Leitwort Weltpolitik gedacht und umgesetzt. Es lässt sich zeigen, dass bis zum Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts die weltpolitischen Ambitionen die Politik des Deutschen Reichs nach außen bestimmten. Erst ab ca. 1909 setzten bei einigen führenden Köpfen erste Zweifel an der Richtigkeit und den Erfolgsaussichten dieser Politik ein. Eine wesentliche Neuausrichtung der deutschen Politik fand jedoch bis in den Ersten Weltkrieg hinein nicht statt. Der Antagonismus zu Großbritannien und damit auch der empfundene Statusmismatch blieben bestehen und von deutscher Seite wurde keine nennenswerte Anerkennung durch die britische Seite wahrgenommen. Wie konkret das Deutsche Reich seine Statusansprüche umsetzte, habe ich anhand von zwei detaillierten Fallbeispielen dargestellt. Das größte Projekt zur Erlangung des Weltmachtstatus war die deutsche Flottenrüstung (Kap. 4.1). Mit der Erschaffung einer deutschen Schlachtflotte sollte der relevante militärische Statusmarker der Zeit generiert werden, der dann ein Signal in die ganze Welt aussenden sollte, dass nun auch Deutschland eine Weltmacht sei. Damit hatte die Flotte sowohl die Funktion eines objektiven Statusmarkers – die bloße Präsenz der deutschen Schlachtschiffe – als auch eine symbolische Funktion als Projektionsfläche für die deutschen Statusansprüche sowie als ein Symbol der nationalen Einheit und Selbstbestimmung. Dass die deutsche Schlachtflotte genutzt werden sollte, um die Anerkennung des Weltmachtstatus durch Großbritannien zu erreichen, zeigt sich vor allem in der Ausrichtung der deutschen Flottenpolitik auf Großbritannien als Hauptgegner. Zunächst versuchte die deutsche Reichsleitung, mit einer nach außen als demonstrativ dargestellten Statusstrategie die Anerkennung durch Großbritannien zu erlangen. Da jedoch die erwünschte positive Reaktion der britischen Führung ausblieb, passte die deutsche Regierung ihre Statusstrategie an und verfolgte ab ca. 1900 mehr und mehr auch öffentlich eine konfron- 306 tative Statusstrategie im Bereich der Flottenrüstung. Dies führte zunächst zu einem offenen Wettrüsten mit Großbritannien, ab 1906 und in der Folge dann zu einem Scheitern der deutschen Statusstrategie, weil zum einen die Anerkennung durch Großbritannien weiterhin ausblieb und Großbritannien sich öffentlich und demonstrativ gegen die deutschen Ansprüche positionierte und zum anderen das Wettrüsten für das Deutsche Reich ein finanzielles Desaster wurde. Ab 1911 versuchte Reichskanzler Bethmann Hollweg mit der Unterstützung einiger Regierungsmitglieder und hochrangiger Militärs einen Kurswechsel zurück zu einer verstärkten Heeresrüstung und damit auch eine Rückbesinnung auf die preußischen Stärken als stärkste Kontinentalmacht. Dieser Kurswechsel konnte jedoch nicht vollständig vollzogen werden, da sowohl der Kaiser als auch Tirpitz weiterhin an den Flottenplänen und dem Weltmachtstatus festhielten und nicht vor Großbritannien einknicken wollten. Großbritannien reagierte auf die deutsche Vorgehensweise, passte ab 1912 die eigene Marinestrategie an die deutsche Bedrohung an und signalisierte damit endgültig, dass die deutschen Statusansprüche nicht anerkannt werden. Das Deutsche Reich versuchte also mit nachahmenden Strategien den eigenen Statusanspruch umzusetzen. Mit dem Wechsel der Statusstrategie von einer nach außen demonstrativen Nachahmungsstrategie hin zu einer offen konfrontativen Statusstrategie passte es das eigene Vorgehen an die Stimmungen der eignen Öffentlichkeit, aber vor allem auch an die ausbleibenden Reaktionen von britischer Seite an. Das Festhalten an der konfrontativen Strategie, obwohl das Wettrüsten die eignen Grenzen deutlich aufzeigte und auch signalisierte, dass der Weltmachtanspruch auf diesem Wege nur noch sehr schwierig zu erreichen ist, zeigt, dass aus Sicht der beteiligten Akteure die eigene Vorgehensweise immer noch als rationales politisches Verhalten gesehen wurde. Ein Eingeständnis des Scheiterns hätte die völlige Abkehr von den weltpolitischen Ambitionen bedeutet und hätte damit auch die Grundpfeiler der deutschen Politik in dieser Phase untergraben. Aufgrund der hohen emotionalen Aufladung und der stetigen Wahrnehmung der Nichtbeachtung durch Großbritannien konnte kein vollständiger Politikwechsel vollzogen werden. So zeigt sich, dass Status als staatliches Interesse wirkmächtig ist und vollständig den politischen Prozess dominieren kann. Ähnliches lässt sich auch für das zweite hier gewählte Fallbeispiel, die beiden Marokkokrisen, feststellen. Auch hier dominierten Statusinteressen die deutsche Politik und führten dazu, dass lange an der eigenen, subjektiven Rationalität festgehalten wurde und ein Scheitern nicht tragbar war (Kap. 4.2). Beide Marokkokrisen liefen nach einem ähnlichen Schema ab. Das Deutsche Reich registrierte eine Nichtbeachtung durch Frankreich und reagierte darauf mit gezielten Provokationen, um zu zeigen, dass das Kaiserreich international nicht übergangen werden dürfe. Ziel der deutschen Politik 307 war es, den eigenen Weltmachtanspruch durchzusetzen, indem man auf der Beteiligung an internationalen Fragen bestand, die Ententen sprengen oder zumindest aufweichen wollte, um aus der eigenen auenpolitischen Isolation auszubrechen und den Statusmarker Kolonien vorantreiben wollte, um den Bedingungen für eine Weltmacht – Schlachtflotte und überseeische Interessen – näher zu kommen. Auslöser für die erste Marokkokrise 1905/06 war das unilaterale Vorgehen Frankreichs in Marokko. Die deutsche Führung fühlte sich dadurch in ihrem Status als Großmacht und Signatarmacht des Madrider Abkommens gedemütigt und reagierte darauf mit der Landung des Kaisers in Tanger am 31. März 1905; damit demonstrierte das Deutsche Reich öffentlichkeitswirksam seine Ansprüche und Interessen an Marokko. Mit dem Vorstoß, eine multilaterale Konferenz – ganz im Zeichen des alten europäischen Konzertsystems – einzuberufen, um die Marokkoangelegenheiten zu lösen, beschritt das Deutsche Reich zunächst den Weg einer demonstrativen Statusstrategie. Als sich jedoch schnell Widerstand gegen die deutschen Konferenzpläne formierte, wechselte die deutsche Führung zu einer konfrontativen Strategie, indem sie aktiv den Rücktritt des französischen Außenministers Delcassé forderte und förderte. Damit sollte Frankreich zu einer Konferenz gezwungen und so der eigene Statusanspruch gewahrt und nach außen demonstriert werden. Mit diesem Schritt war jedoch das Scheitern der Strategie vorprogrammiert, denn nach diesem Eingreifen in die Souveränität eines anderen Staates war die Anerkennung der Gleichberechtigung in internationalen Fragen und die Anerkennung als Weltmacht durch Großbritannien nicht mehr möglich. Die britische Zurückhaltung nach der Algeciras-Konferenz im Frühjahr 1906 wurde von der deutschen Führung als Zurückweisung und Ablehnung empfunden; die eingangs formulierten Ziele der deutschen Politik waren somit zunächst nicht erreicht worden. Mit der Entsendung des Kanonenboots Panther vor die marokkanische Küste 1911 griff die deutsche Führung den konfrontativen Faden wieder auf und wollte mit dieser gezielten Provokation erneut den eigenen Weltmachtanspruch umsetzen. Doch auch hier zeigte sich schnell der britische Widerstand. Als Lloyd George in seiner Mansion-House Rede am 21. Juli 1911 öffentlich Frankreich auch militärische Unterstützung zusicherte, war endgültig klar, dass das Deutsche Reich in Marokko mit seiner konfrontativen Statusstrategie gescheitert und eine Anerkennung durch Großbritannien nicht mehr zu erwarten war. Die kleineren territorialen Zugewinne und Grenzkorrekturen in Afrika, die Kiderlen-Wächter in den Verhandlungen mit Frankreich erreichen konnte, konnten nicht über das grandiose Scheitern der Statusansprüche hinwegtäuschen. Die zweite Marokkokrise stellte dann auch den letzten Versuch dar, durch außenpolitische Initiativen konfrontativ den Weltmachtanspruch umzusetzen. In der Folge bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog sich 308 das Deutsche Reich mehr und mehr zurück. Es kam nur noch vereinzelt zur Zusammenarbeit mit anderen Mächten in klar abgegrenzten Politikfeldern. Die deutsche Reaktion auf das Scheitern der konfrontativen Statusstrategien zeigt jedoch, dass die in Kapitel 2.3.4 getroffenen Annahmen bezüglich der Reaktionsmöglichkeiten auf ein Scheitern einer konfrontativen Strategie nicht vollständig waren. Auch das Nichtweiterverfolgen des Statusanspruchs, um weiteren Schaden vom eigenen Status quo abzuhalten, kann eine Reaktion auf das Scheitern einer konfrontativen Strategie sein. Damit versuchte das Deutsche Reich sich in außenpolitisch ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren und nicht weiter an Status zu verlieren, denn ein offensives Weiterführen des Weltmachtanspruchs hätte wahrscheinlich zu noch heftigerem britischen Widerstand geführt und damit selbst die Großmachtposition in Gefahr gebracht (siehe Mansion-House Rede als britische Reaktion auf deutsche Kanonenbootdiplomatie). Der in dieser Arbeit bearbeitete Fall konnte somit zeigen, wie wichtig Status für die Politik eines Staates ist. Status kann als staatliches Interesse nachgewiesen werden und auch das Umsetzen von Statusstrategien ist nicht bloß eine theoretische Konzeption, sondern kann direkt in der Empirie nachgewiesen werden. Für den Fall des Kaiserreichs kann festgehalten werden, dass konfrontative Strategien hier nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Dies lässt sich auf die nicht immer glückliche Umsetzung der Strategie zurück führen. Vor allem ist es aber die Nichtanerkennung durch Großbritannien, die die deutschen Ansprüche scheitern ließ. Damit ist auch die in Kap. 2.2.2 formulierte Annahme, dass der anerkennende Akteur maßgeblich über den Erfolg oder das Scheitern einer Statusstrategie entscheidet, nachgewiesen. Großbritannien reagierte auf die deutschen Statusstrategien durch die Neuausrichtung der eigenen Bündnis- und Rüstungspolitik. Mit der Annäherung an Frankreich und Russland signalisierte die britische Führung, dass sie die deutschen Ansprüche auf Gleichrangigkeit und Weltmachtstatus nicht anerkennen werde. Die Einzelfallstudien zu Teilbereichen der deutschen Politik konnten die oben dargestellten Ergebnisse noch weiter untermauern und detaillierter nachweisen. Der Fall der deutschen Flottenrüstung vor dem Ersten Weltkrieg macht vor allem deutlich, wie stark Sicherheitsinteressen von Statusinteressen überwogen werden können und wie schwer es ist, einen einmal eingeschlagenen Weg zum Aufstieg in der Statushierarchie zu durchbrechen und im Zweifel neu auszurichten. Da der Weltmachtstatus für das Deutsche Reich zu der bestimmenden Variable der Politik geworden war, war das Eingestehen des Scheiterns nicht möglich, hätte es doch die eigene Identität untergraben und auch den Großmachtstatus in der Phase des Sozialdarwinismus gefährdet. Die beiden diplomatischen Initiativen in Marokko zeigen dagegen, wie stark Sta- 309 tushierarchien sozial konstruiert sind und wie schnell sie sich verändern können. Das internationale System befand sich vor dem Ersten Weltkrieg in einer großen Umbruchphase. Alte Verfahrensweisen der Konzertdiplomatie standen neben der sich etablierenden Bündnisstruktur. Dem Deutschen Reich gelang es in dieser Zeit nicht, die passenden Mittel zu wählen, um dem gewünschten „Platz an der Sonne“ näher zu kommen. Es erkannte die Veränderungen in der Statushierarchie zu spät und war nicht in der Lage, adäquat darauf zu reagieren. Die deutsche Führung versuchte konsequent mit einer konfrontativen Statusstrategie und klassischen Statusmarkern aufzusteigen und stieß damit auf erbitterten Widerstand bei den anderen Großmächten in Europa und vor allem bei Großbritannien, dem relevanten anerkennenden Akteur. Aus diesen empirischen Ergebnissen lässt sich ableiten, dass es lohnenswert ist, Status als staatliches Interesse in der internationalen Politik systematisch zu erforschen. Status und Statusstreben lässt sich empirisch qualitativ nachweisen; die Analyse von Statusstrategien trägt dazu bei, ein neues Verständnis für die politischen Prozesse zu generieren und etablierte Erklärungsansätze zu hinterfragen. Anhand der in dieser Arbeit vorgestellten Fälle konnte gezeigt werden, dass Status als staatliches Interesse die politischen Handlungen weitreichender und umfassender erklären kann, als etablierte Theorien oder Annahmen. Es hat sich jedoch in der Empirie gezeigt, dass es mehr als die drei zunächst theoretisch angenommenen Optionen im Falle des Scheiterns einer konfrontativen Statusstrategie gibt. Neben den Optionen Rückzug aus der Ordnung, Wechsel zu alternativen Strategien und dissidentem Revisionismus scheint es die Möglichkeit der vorübergehenden Kooperation trotz des Scheiterns einer konfrontativen Strategie zu geben, um sich wieder in ruhigeres außenpolitisches Fahrwasser zu manövrieren und neue Kräfte für einen erneuten konfrontativen Versuch zu sammeln. Besonders im Falle der Marokkokrisen zeigte sich diese deutsche Vorgehensweise. Inwiefern sich diese Möglichkeit systematisieren lässt, bleibt Gegenstand zukünftiger Debatten. 5.3 Weiterführende Fragen und Forschungsfelder Aus den theoretischen und empirischen Erkenntnissen haben sich neue erhellende Einblicke in die Thematik ergeben, aber natürlich auch Anregungen für weiterführende Fragen, Forschungsfelder und Anwendungsmöglichkeiten. Der letzte Abschnitt dieses Fazits soll daher diese Fragen und Felder benennen und erste Ansätze für eine Weiterentwicklung des Konzepts vorstellen. Teil A dieser Arbeit hat gezeigt, wie komplex und teilweise auch diffus der Begriff Status verwendet wird. Ich habe hier eine Möglichkeit vorgestellt, wie die bisherigen Erkenntnisse und Einflüsse systematisiert und für die Anwendung auf konkrete Fälle nutzbar gemacht werden können. Ich konnte zei- 310 gen, dass es sich lohnt, Status näher zu betrachten und von der reinen Begriffsebene auf die empirische Anwendung herunterzubrechen. Damit sollte ein Anfang gemacht werden, der zu weiteren Arbeiten anregt und sich weiter mit der theoretischen, methodischen und empirischen Ausdifferenzierung des Begriffs und des Konzepts befasst. Im Folgenden stelle ich daher einige Fragestellungen und Forschungsfelder vor, denen sich die Wissenschaft mit Hilfe von, unter Berücksichtigung von und unter Kritik und Weiterentwicklung von Status im internationalen System zuwenden könnte und sollte: Weitere Ausdifferenzierung von Status. Status als staatliches Interesse ist immer noch ein sehr breites Feld. Es ist in dieser Arbeit zwar gelungen, Status als staatliches Interesse nachzuweisen und zu konzeptionieren, jedoch ist dieser Weg noch keineswegs abgeschlossen. Es bedarf einer weiteren genaueren Ausdifferenzierung des Begriffs vor allem im Hinblick auf die Abgrenzung zu anderen Begriffen wie Reputation, Prestige oder Ehre. Damit kann erreicht werden, dass der Bedeutungsgehalt und die Begriffsgenauigkeit von Status verstärkt werden und somit eine verbesserte Nutzbarmachung des Begriffs für die IB möglich ist. Je klarer und eindeutiger Status bestimmt ist, desto besser kann er für die Analyse politischer Handlungen zur Verbesserung der eigenen Position im internationalen System herangezogen werden. Die Ausgestaltung der Statusmarker. Hier wurden Statusmarker in materielle und symbolische Statusmarker unterteilt, die sich dabei als ein Kontinuum darstellen. Gerade der Bereich, wo eine Zuordnung in materielle oder symbolische Statusmarker nicht eindeutig möglich ist, verdient noch weitere und ausführlichere Betrachtungen. Die Bedingungen, wann ein Statusmarker überwiegend materiell genutzt wird und wann er mehrheitlich als ein Symbol verstanden wird, sollten näher untersucht werden, um eine noch genauere Analyse politischen Handelns zur Erreichung von Statuszielen zu ermöglichen. Verfeinerung des Analyserasters. Bislang wurden drei mögliche Optionen der Umsetzung für einen Statuswunsch identifiziert. Dabei ist gerade der Bereich der negativen Bewertung der Umsetzung der eigenen Statusansprüche nur sehr oberflächlich behandelt worden. Hier gilt es weiter zu arbeiten und vor allem die Bedingungen genauer zu beleuchten, wann ein Staat sich für dissident-revisionistisches Verhalten entscheidet. Auch an den in dieser Arbeit näher betrachteten Statusstrategien sollte weiter gearbeitet werden. Besonders die Optionen, die ein Staat im Falle eines Scheiterns einer Strategie hat, müssen weiter ausdifferenziert werden, da sich bereits im hier untersuchten Fall gezeigt hat, dass es Reaktionen auf Scheitern gibt, die mit dem momentanen Modell noch nicht abgebildet werden 311 können. Ebenfalls können die Bedingungen noch feiner herausgearbeitet werden, die dem Entscheidungsfindungsprozess eines Staates, der nach Statuserhöhung strebt, zu Grunde liegen. Dies würde unterscheiden helfen, aus welchen Motiven heraus ein Statuswunsch entsteht und damit dazu beitragen, Staaten in die Lage zu versetzen, frühzeitig auf Statuswünsche anderer reagieren zu können und so die Kosten von Konflikten oder gewaltsamen Auseinandersetzungen, die aus Statusansprüchen heraus entstehen können, besser beeinflussen zu können. Diskussion über die Übernahme von Annahmen aus anderen Disziplinen. Status sollte als Begriff und Konzept verstanden werden, der beziehungsweise das sich interdisziplinär aus anderen Ansätzen bedienen kann und soll. Dies wurde bereits in der Diskussion des Forschungsstands und der Weiterentwicklung deutlich, stellt aber bislang nur einen ersten Schritt dar. Es ist gerade hier noch einiges an Wegstrecke zu gehen, um zu einer umfassenden und interdisziplinären Betrachtung von Status zu gelangen. Besonders berücksichtigt werden sollten hier Ansätze, die sich in den Theorie- und Methodenkanon der IB einpassen lassen, um den originär politischen Charakter der Analyse nicht gänzlich aufzugeben. Aufbau eines alternativen Schemas, das sich mit Statusabstieg befasst. In dieser Arbeit wurde der Fall untersucht, dass ein Staat seinen Status im internationalen System erhöhen möchte. Analog dazu müsste jedoch auch über das Verhalten von Staaten nachgedacht werden, die einem Statusverlust gegenüberstehen. Lassen sich in diesen Fällen auch Muster herausarbeiten, wie Staaten auf eine derartige Situation reagieren? Gibt es ähnlich wie bei der Statusanerkennung auch beim Verlust von Statuspositionen Reziprozität oder handelt es sich hierbei um einen stärker unilateralen Prozess? Dies würde einen Beitrag zur Debatte um den Niedergang von Staaten – und besonders von Welt- und Großmächten – leisten, der nicht nur den Verlust von Fähigkeiten und Ressourcen als Abstiegsgründe berücksichtigt, sondern auch den Identitätsverlust aufgreifen würde, der mit einem Abstieg in der Statushierarchie einher geht. Einfluss der Kontextbedingungen. Dieser Ansatz geht davon aus, dass Status in der jeweiligen Epoche kontextualisiert werden muss, um die Statusinteressen eines Staates adäquat analysieren zu können. Auch hier muss jedoch noch über die vorgestellten Bedingungen hinaus gedacht werden, um das Konzept noch breiter anwendbar zu machen und um weitere Konkretisierungen vornehmen zu können. Eine systematische Erfassung von Kontextbedingungen trägt dazu bei, die Analyse von Status und Statusstreben vergleichbar zu machen und das Konzept weiter in Richtung eines eigenen theoretischen Paradigmas zu entwickeln. 312 Diese Anregungen und Ideen beziehen sich weitestgehend auf die theoretische Weiterentwicklung des Begriffs. Nur am Rande sind die Implikationen für die Empirie beleuchtet. Doch auch empirisch und methodisch bedarf es noch weiterer Belege und Überlegungen für die oben vorgeschlagene Konzeptionierung von Status: Analyse der Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen, in denen sich die Statushierarchien etablieren und verändern, müssen näher beleuchtet werden. Vor allem sollten die Ordnungsvorstellungen der Zeit und die soziale Konstruktion der Statushierarchie noch stärker berücksichtigt werden, um das Verhalten eines Staates unter Statusaspekten genauer zu analysieren. Hier lassen sich vor allem neue Erkenntnisse für das Zusammenspiel von Ordnung und Statusansprüchen erwarten sowie für die Optionen des anerkennenden Akteurs, mit denen er auf den Statuswunsch eines anderen reagieren kann. Inhaltliche Ausgestaltung der Statusmarker. Wie schon bei den theoretischen Implikationen angemerkt, sollten die Inhalte der Statusmarker weiter ausgeforscht werden. Vor allem für die unterschiedlichen Zeitepochen sind unterschiedliche Statusmarker unterschiedlich wirkmächtig. Dies sollte noch stärker bei der Fallanalyse berücksichtigt werden, um noch differenzierter das Statusstreben eines Staates analysieren zu können. Auch trägt diese Ausdifferenzierung dazu bei, die Vergleichbarkeit von Fällen zu erhöhen und gleichzeitig ganz konkret auf epochale Besonderheiten Rücksicht nehmen zu können. Betrachtung des anerkennenden Akteurs. In dieser Arbeit lag der Fokus auf dem Akteur, der nach einer Verbesserung seiner Statusposition strebt. Die Wichtigkeit des anerkennenden Akteurs wurde zwar gesehen und auch berücksichtigt, dennoch lohnt eine stärkere Betrachtung dieser Seite der Statusmedaille, um die politischen Prozesse besser einordnen und einschätzen zu können, welchen Einfluss der nach Status strebende Akteur auf die politischen Entscheidungen des anerkennenden Akteurs hat. Einfluss anderer Akteure. Die hier vorgestellte Analyse befasst sich vorrangig mit der Dyade Deutsches Reich – Großbritannien. Einflüsse anderer Akteure auf den politischen Entscheidungsfindungsprozess wurden nur am Rande betrachtet. Es erscheint jedoch lohnenswert, diese Akteure stärker zu berücksichtigen, um besser nachweisen zu können, dass Statusinteressen in dieser Dyade die politischen Handlungen maßgeblich beeinflusst haben beziehungsweise dass es nicht multilaterale Abgrenzungsprozesse oder konflikthafte Interessengegensätze zu anderen Akteuren sind, die das politische Verhalten gesteuert haben. 313 Entwicklung einer eigenen Methode. In dieser Arbeit wurde Status als staatliches Interesse und als handlungsleitend mit Hilfe der Auswertung von Primär- und Sekundärquellen nachgewiesen. Dies ist sowohl ein inhaltsanalytisches als auch ein diskursives Vorgehen und stellt noch keine stringente Methode zur Erforschung von Statusinteressen dar. Dies müsste in einem nächsten Schritt geschehen, um eine Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Arbeiten herzustellen und um Status fester im Theorie- und Methodenkanon der IB zu verankern. Somit zeigt sich, dass diese Arbeit nur ein kleiner, erster Schritt auf dem Statuspfad ist und noch viele weitere Schritte zu gehen sind, um Status in den IB fest zu etablieren. Die Bearbeitung eines historischen Falls hat gezeigt, dass es möglich ist, Status für die IB nutzbar zu machen und neue Erkenntnisse auch für scheinbar bereits ausgeforschte Fälle zu erlangen. Die aktuelle weltpolitische Lage deutet darauf hin, dass Status in der internationalen Politik weiter an Bedeutung gewinnt. Der Aufstieg von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien ist begleitet von Statusforderungen und dem Wunsch nach Anerkennung. In der Flüchtlingskrise geht es nicht nur um die Verteilung von Lasten und das Einfordern von größerer finanzieller Unterstützung, sondern in vielen Fällen auch um die Anerkennung der Leistung des eigenen Landes für die Weltgemeinschaft – und damit auch um Status. Und last but not least ist auch der immer noch ungelöste Nahostkonflikt ein Kampf um Status. Die Palette an Fällen, die mit dem hier vorliegenden und dann hoffentlich weiterentwickelten Analyseraster bearbeitet werden können, ist also lang und facettenreich. Es lohnt, auch hier neue Einblicke zu gewinnen und so vielleicht einen Teil zur Lösung dieser Konflikte beitragen zu können.

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Zusammenfassung

Die Bedeutung von Status und Statusansprüchen nimmt in der internationalen Politik immer weiter zu. Eine hohe Position innerhalb der internationalen Hierarchie scheint für Staaten immer wichtiger zu werden. Eine noch offene Frage dabei ist, wie ein Staat seinen Aufstieg in der internationalen Statushierarchie umsetzt und welche politischen Mittel er dafür einsetzt. Dieser Lücke widmet sich die Autorin durch eine Weiterentwicklung der bisherigen theoretischen Angebote der Statusliteratur in der Politikwissenschaft. Sie entwickelt ein eigenes Analyseraster, mit dem sich das Statusstreben eines einzelnen Staates analysieren und nachverfolgen lässt. Diese theoretische Entwicklung wird dann anhand des Statusstrebens des Deutschen Reiches unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs überprüft. Als Fallbespiele dienen die deutsche Flottenrüstungspolitik und die deutsche Außenpolitik im Zusammenhang der beiden Marokkokrisen 1905/06 und 1911. In diesen beiden Politikfeldern versuchte die deutsche Führung besonders intensiv, ihren Statusanspruch als Weltmacht durchzusetzen, da eine große Schlachtflotte und kolonialpolitische Initiativen die damals wertvollsten Statusmarker darstellten.