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2. Die Theorie: Status in:

Lena Jaschob

Status im internationalen System, page 29 - 104

Das Deutsche Reich und sein Statusstreben in Europa 1890-1914

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4082-9, ISBN online: 978-3-8288-6920-2, https://doi.org/10.5771/9783828869202-29

Tectum, Baden-Baden
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TEIL A „History without Political Science has no fruit; Political Science without History has no root.“ (John R. Seeley) 30 31 2. Die Theorie: Status Der Faktor Status hat in letzter Zeit enorm an Bedeutung in den IB gewonnen. Neueste Publikationen, wie zum Beispiel Status in World Politics (2014) herausgegeben von Paul, Larson und Wohlforth, zeigen, wie wichtig Fragen von Status und Anerkennung für die internationale Politik geworden sind und welche Rolle sie in Entscheidungsfindungsprozessen auch auf staatlicher Ebene spielen. Besonders der Aufstieg Chinas und Indiens in den letzten Jahren hat zu einem Umdenken in der Analyse des staatlichen Verhaltens geführt und berücksichtigt nun auch zunehmend das scheinbar wachsende Bedürfnis nach Anerkennung und gewährtem bzw. gewünschtem Status als eigenständige Machtpolitiken (Wolf 2014b, S. 2). Die Konzeptionierung von Status speist sich dabei aus verschiedenen interdisziplinären Ansätzen wie der Social Identity Theory, der Identitätsforschung oder der realistischen Schule der IB, aber auch immer mehr konstruktivistische, diskursive Ansätze finden Gehör in der Debatte. Begriffe wie Reputation und Status wurden schon seit der Antike zur Erklärung von Krieg und Frieden eingesetzt. In der Politikwissenschaft setzt nach dem Zweiten Weltkrieg eine intensivere Betrachtung der Begriffe ein, jedoch bleiben sie häufig untertheoretisiert oder vermischen sich mit anderen Begriffen wie Macht oder Herrschaft8. Viele Zugriffe auf Macht als Begriff und/oder Konzept enthalten Status als ein materielles Gut unter anderen Gü- 8 Fragen nach Status im Internationalen System und Statusanerkennung finden in der bisherigen Forschung in den IB wenig eigenständige Beachtung. In den einflussreichsten theoretischen Ansätzen, dem (Neo-)Realismus in Anlehnung und Weiterentwicklung von Kenneth Waltz sowie dessen neoliberale und institutionalistische Kritik, spielen Status und dessen Anerkennung kaum eine Rolle. Diese theoretischen Ansätze gehen von der Grundannahme aus, dass eine unüberwindliche Anarchie im Internationalen System vorherrscht. Dies führt dazu, dass es keine festen Hierarchiesysteme zwischen Staaten geben kann (Axelrod/Keohane 1985, S. 226), denn die Herausbildung von Hierarchien findet nur auf der innenpolitischen Ebene statt (Stein 1982, S. 307; Waltz 1979, S. 81). Da Status meist als Form der sozialen Hierarchisierung verstanden wird, ist eine Kopplung mit der Anarchieannahme kaum möglich und wird auch kaum versucht. Zur Hierarchisierung des Internationalen Systems mehr in Kap. 3.1.1. 32 tern, behandeln es jedoch nicht als eigenständige Kategorie (Morgenthau 1954, 1963). Ein stärker soziologisch orientierter Machtbegriff dagegen erlaubt es, Status als eigenständige Kategorie zu integrieren. Status wird zu einer Komponente oder Ausdrucksform von Macht, welche nicht auf materielle Fähigkeiten beschränkt bleibt. Macht kann dann beispielsweise als Fähigkeit verstanden werden, die es ermöglicht, ein Ergebnis beeinflussen zu können9 (Larson et al. 2014, S. 13). Sowohl Macht als auch Status definieren sich über einen Mix aus objektiven und subjektiven Attributen; Status selbst kann eine Quelle für Macht sein, indem er die Wahrscheinlichkeit von Machtausübung erhöht, den Erfolg aber nicht garantieren kann. Dies führt dazu, dass Staaten mit einer größeren Ökonomie und militärischen Kapazitäten häufig einen höheren Status anstreben (Larson et al. 2014, S. 14). Folgt man dieser Argumentation weiter, kann man Macht als ein Netz oder als eine Rahmenbedingung auffassen: “In general terms, power is the production, in and through social relations, of effects that shape the capacities of actors to determine their circumstances and fate.” (Barnett und Duvall 2005, S. 42) 10. In diesem produktiven Netz entwickeln sich dann Statushierarchien und Akteure streben nach Anerkennung ihrer Statusposition. Status wird zu einer Machtbeziehung, die erst durch Anerkennung wirkmächtig wird und sich in einer Statushierarchie ausdrückt. Für die Analyse von Status und Statusansprüchen ist aber wichtig, dass der Unterschied zwischen Macht und Status erkannt und berücksichtigt wird. Macht und Status sind nicht automatisch aneinander gekoppelt; sie tauchen auch nicht zwangsläufig immer gemeinsam auf. Entscheidend vielmehr ist, welchen Umfang der jeweilige Anteil von Status und Macht bei der Erklärung des Verhaltens von Akteuren ausmacht (Larson et al. 2014, S. 15). Als Hauptproblem für eine systematische Erforschung von Status wird häufig angeführt, dass sich Überzeugungen und Motive analytisch nicht trennen lassen, nicht direkt beobachtbar, subjektiv sowie theoretisch komplex und kontextabhängig sind (Dafoe et al. 2014, S. 372). Der Begriff lässt sich so nur schwer auf eine analytische Ebene bringen, auf der er fallunabhängig und sys- 9 Dieses Machtverständnis lehnt sich stark an Webers Definition von Macht: „Macht bedeutet jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Weber 1980, S. 28). 10 Barnett und Duvall beziehen sich hier insbesondere auf den Machtbegriff von Michel Foucault. Er definiert Macht als „die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten – oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern“ (Foucault 1983, S. 113–114). 33 tematisch untersucht werden kann. Daher konzentriert sich der Großteil der bisherigen Forschung auf die Frage, ob Status überhaupt eine Rolle in der internationalen Politik spielt und nicht auf die konkreten Fragen des Wann?, Wie? und Warum? (Dafoe et al. 2014, S. 372). Als kleinster gemeinsamer Nenner lässt sich der Begriff Status darauf reduzieren, dass er bezogen ist auf die Attribute eines Individuums oder eines Akteurs, die seine soziale Rolle definieren, insbesondere in Bezug auf seine Position in der Statushierarchie11 (Dafoe et al. 2014, S. 373). Eine Statushierarchie stellt dabei eine Rangordnung von Akteuren dar, die sich aus der Bewertung von unterschiedlichen relevanten Markern ergibt. Dieser kleinste gemeinsame Nenner orientiert sich stark an Max Webers Arbeiten zu Klasse und Status (Weber 1966) und wird unter anderem von Weiss und Fershtman (1998), Scott (1996) oder Kemper (2011) intensiv aufgegriffen und diskutiert. Besonders die semantisch stark voneinander abweichenden Verwendungen des Begriffs und damit auch dessen Bedeutung über die Zeit erschweren eine analytische Nutzbarmachung und den Nachweis des Einflusses von Status auf politische Handlungen (Dafoe et al. 2014, S. 374). Das Konzept ‚Status‘ wird in der Politikwissenschaft auf unterschiedlichste Art und Weise sowie in völlig verschiedenen Politikfeldern gebraucht. Soziologisch orientierte Ansätze befassen sich mit Status unabhängig von materiellen Faktoren. Status ist dann eng verknüpft mit der sozialen Anerkennung, welche zu einer privilegierten Behandlung führen und somit letztendlich materielle Gewinne verschaffen kann. In den IB wird Status häufig vernachlässigt beziehungsweise verkürzt dargestellt. Status wird in den klassischen Machttheorien (Realismus/Neorealismus, Liberalismus) kaum aufgegriffen, eine Theoretisierung oder konkrete Konzeptionierung findet kaum statt (Renshon 2015, S. 662–664). Die realistische Theorietradition verwendet den Begriff zwar regelmäßig, der Kampf um Status wird dann aber meist mit dem Streben eines Staates nach einer höheren Position in der Rangordnung gleichgesetzt oder gleich ganz als Synonym für Macht verwendet (Deng 2008, S. 1; 23). Auch (sozial-)konstruktivistische Ansätze (für einen knappen Überblick Risse 2003, S. 102) greifen Status kaum auf. Konstruktivistische Analysen messen Status zwar eine große Bedeutung zu, jedoch fehlt es häufig an einer genauen Einordnung. (Sozial-)konstruktivistische Ansätze in den Internationalen Beziehungen versuchen den macht-basierten Erklärungsansät- 11 Diese Verwendung des Begriffs Status findet sich auch in soziologischen Ansätzen: „In contemporary usage, the term status refers to one´s standing in a social hierarchy as determined by respect, deference, or social influence […] Status marks valued positions in a structural arrangement.” (Thye 2000, S. 408). Status als Position in einer sozialen Hierarchie zu verstehen bildet die Grundlage für alle IB-Zugriffe auf das Konzept (u.a. Berger und Zelditch 1998; Frank 1986; Ward 2013; Renshon 2015). 34 zen der etablierten rational-choice Ansätze ein auf Identitäten, Normen und Diskursen basierendes Erklärungsmodell entgegen zu setzen (Risse 2003). Sie bieten somit ein breiter aufgefächertes Theorieangebot zur Analyse von internationalen Phänomenen. Jedoch haben auch sie bisher keine systematische Untersuchung der Rolle von Status im internationalen System vorgenommen. Jüngere Forschungsarbeiten zeigen ein stark ansteigendes Interesse an Statusfragen und vor allem an der Komplexität des Konzepts, welches sich von einer Zugehörigkeit zu einer der klassischen Theorietraditionen entkoppelt (Ward 2014; Wolf 2014b; Larson und Shevchenko 2014, 2010). In der letzten Dekade hat sich eine nicht mehr zu übersehende multidimensionale Forschung zu Fragen von ‚Was ist Status?‘, ‚Wie wirkt er sich in den internationalen Beziehungen aus?‘ oder ‚Welche Rolle spielt Statussensibilität bei Entscheidungsfindungsprozessen?‘ in den IB entwickelt und etabliert (Larson et al. 2014, S. 5). Die erste Hälfte des zweiten Kapitels dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff Status und seiner Entwicklung und Bedeutung in den IB. Der aktuelle Forschungsstand wird nachgezeichnet, um eine Standortbestimmung vornehmen zu können. Hier wird vor allem gezeigt, wie der Begriff Status bislang verwendet wurde, aus welchen Denkansätzen heraus er in die IB eingeführt wurde und in welchem Verhältnis Status zu anderen Begriffen in den IB steht. Besonders die Einflüsse aus der Sozialpsychologie, der Identitätsforschung und den (neo-)realistischen IB-Ansätzen finden hier Berücksichtigung und werden eingeordnet. Ziel ist es, eine systematische und analytische Einordnung des Begriffs Status vorzunehmen, um seine Stärken und Schwächen für die IB zu verdeutlichen. Aus dieser Standortbestimmung ergibt sich das Innovationspotential der Arbeit: Aus den bisherigen Ansätzen wird ein synoptischer Statusbegriff vorgeschlagen, der die bisherigen Erkenntnisse miteinander verknüpft und integriert. Dies findet im zweiten Abschnitt dieses Kapitels statt. Hier wird unter Berücksichtigung der bisherigen Angebote eine eigene Arbeitsdefinition für Status entwickelt und ein Analyseraster ausgearbeitet, um eine fruchtbare Nutzbarmachung von Status für die IB-Forschung aufzuzeigen. 2.1 Status in den IB. Eine Standortbestimmung Der Begriff Status ist in der IB-Forschungslandschaft nicht erst seit Ende der 1990er Jahre präsent. Status wurde schon immer als wichtiger Faktor in der internationalen Politik identifiziert, jedoch wurde selten explizit auf ihn fokussiert (Larson et al. 2014, S. 4). In der realistischen Theorietradition wurde Prestige als ein Schlüsselfaktor angesehen, jedoch wurde dies nur als Reflektion der militärischen Fähigkeiten eines Staates konzeptualisiert (Morgenthau 1933, 1954; Gilpin 1981). Morgenthau sieht in Prestigepolitik eine von drei 35 grundlegenden außenpolitischen Strategien (Morgenthau 1933, S. 61). Sie sei aber aufgrund des ständigen Bedrohungspotentials von außen immer nur ein machtpolitisches Mittel zum Zweck (Morgenthau 1954, S. 85). Für Gilpin bezieht sich Prestige vornehmlich auf die Wahrnehmung anderer Staaten in Bezug auf die staatlichen Fähigkeiten und die Möglichkeit und den Willen, seine Macht zu nutzen (Gilpin 1981, S. 31). Eine eigenständige Ausgestaltung von Status als Kategorie wurde hier also nicht vorgenommen. Die English School dagegen hat die Wichtigkeit von sozialen Hierarchien erkannt und untersucht, sie hat jedoch nicht weiter auf die Interaktion von materiellen Fähigkeiten/Anreizen und Statuspolitiken geachtet. Auch hier bleibt Status untertheoretisiert und eine eigenständige Begriffsklärung wurde nicht vorgenommen. In den 1960er und 1970er Jahren gab es erste Versuche, diese Defizite auszugleichen. So haben beispielsweise Johan Galtung (1964) und Maurice East (1972) soziologische Hypothesen über Statusunsicherheit und Konflikt aufgestellt, jedoch entwickelte sich auch aus diesen Ansätzen kein eigenständiges Forschungsprogramm. In den 1980er und 1990er Jahren waren die IB durch die paradigm wars bestimmt, auch hier fand eine eigenständige Debatte um den Begriff Status praktisch nicht statt. Nur in strukturellen Theorien über dynamische Machtwechsel (Organski 1958; Gilpin 1981; Doran 2012, 1971, 1991) taucht der Begriff Status zentral auf. Hier wird die Beziehung von Status und zwischenstaatlichen Prestigehierarchien in den Fokus gerückt und systematisch analysiert (Renshon 2015, S. 663). Die Annahmen gehen davon aus, dass ein ungleiches Wachstum an Fähigkeiten zu einer Trennung von Macht- und Prestigehierarchie führen kann, ein Umstand, der dann potentiell nur noch durch einen Hegemonialkrieg aufgelöst werden kann. Status wird von reinen Machtfähigkeiten entkoppelt und zu einem eigenständigen Untersuchungsgegenstand. Jedoch führt die Zentrierung auf Großmächte und die instrumentelle Dimension von Status dazu, dass es schwierig ist, diesen Ansatz auf andere Phänomene jenseits von Hegemonialkrieg und Systemwechsel anzuwenden (Larson et al. 2014, S. 5). Es scheint so, als ob „[t]raditionalists, […] reject an independent role for status in major power conflict for structural and rationalistic reasons, based on either material power or legitimate material power.” (Clunan 2014, S. 273). Dennoch hat es Status in den letzten Jahren zurück auf die Forschungsagenda geschafft (Lake 2014, S. 246), weil sich der Befund, dass der Status eines Staates fundamental anders ist als seine rein materielle Position im internationalen System, über die verschiedenen theoretischen Ansätze hinweg etablieren konnte. Status ist das Produkt seiner sozialen Konstruktion und nicht objektiv aus der Verteilung von materiellen Fähigkeiten ableitbar. Status ist nicht fix, sondern ein dynamisches und kontingentes Konzept, welches von wahrgenommenen Urteilen über sich und andere, von sozialen Insti- 36 tutionen und den Interaktionen der Akteure abhängt (Clunan 2014, S. 273– 274). Gerade der Aufstieg und die wachsende Bedeutung Chinas und Indiens für die internationale Politik haben zu einer Zunahme an wissenschaftlichen Arbeiten geführt, die mit Hilfe von Statusargumenten das Verhalten von Aufsteigern und etablierten Mächten erklären wollen. Einen ersten Überblick über die sich immer weiter ausdifferenzierende Statusdebatte – vor allem im Hinblick auf theoretische Konzeptionierungen und die Möglichkeiten der empirischen Nachweisführung – bietet der Sammelband Status in World Politics (Paul et al. 2014). Die Herausgeber definieren den Begriff Status als kollektive Überzeugungen über die Position eines Staates in einer hierarchischen Rangordnung: „We define status as collective beliefs about a given state´s ranking on valued attributes (wealth, coercive capabilities, culture, demographic position, sociopolitical organization, and diplomatic clout). In international politics, status manifests itself in two distinct but related ways: as membership in a defined club of actors, and as relative standing within such a club.” (Larson et al. 2014, S. 6). Bei dieser Definition orientieren sie sich stark an den klassischsoziologischen Angeboten von Max Weber und Émile Durkheim. Status wird hier also als soziale Dimension dargestellt, die nur durch gegenseitige Anerkennung wirkmächtig wird. Im internationalen Umfeld lässt sich dies auf das Streben von Staaten nach der Anerkennung ihrer Position im System beziehungsweise ihrer Werte, Fähigkeiten und Errungenschaften herunter brechen. Die Mitgliedschaft in einer bestimmten Gruppe wird dann zum staatlichen Ziel. Wird diese Mitgliedschaft von anderen Gruppenmitgliedern anerkannt, ist es wahrscheinlich, dass der Staat weiter nach Aufstieg strebt, eventuell sogar nach Mitgliedschaft in der nächsthöheren Statusgruppe (Larson et al. 2014, S. 7)12. Charakteristisch für Status ist immer seine Kollektivität, Subjektivität und Relativität, unabhängig davon, ob nach Mitgliedschaft in einem Club13 oder nach Aufstieg innerhalb der Gruppe gestrebt wird (Larson et al. 2014, S. 8). 12 Die Anerkennung als souveräner Staat durch die UN wäre somit als Mitgliedschaft im Club der souveränen Staaten zu verstehen. Daraus kann sich dann zum Beispiel der Wunsch entwickeln, ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat zu werden, dem exklusivsten Club im Ordnungssystem der Vereinten Nationen. 13 Eine systematische Auseinandersetzung mit Clubgütern stammt aus der Wirtschaftswissenschaft (v.a. Olson 1971). Ein Club ist eine Ansammlung von Individuen, die sich zu einem bestimmten Zweck zusammengeschlossen haben; dieser Club hat aus Sicht der Mitglieder eine optimale Mitgliederzahl (Buchanan 1965, S. 1). Zweck dieses Clubs ist die möglichst kostengünstige Nutzung von unreinen öffentlichen Gütern, das heißt von Gütern, die weder 37 Durch die Übernahme von individuellen staatlichen Annahmen spiegelt Status kollektive Überzeugungen wieder. Es ist der Ausdruck von Vorstellungen, von denen geglaubt wird, dass andere diese haben. Nur durch gemeinsam geteilte Überzeugungen und Vorstellungen von Ordnung – und somit auch Rangordnung – kann Status erlangt werden. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Subjektivität von Status. Der eigene Status hängt von den Erwartungen anderer ab, weil die Bewertung zum Teil auf der Interpretation von Verhalten und Sprechakten der anderen basiert. Nicht alle Statusattribute lassen sich quantitativ erheben oder sind messbar14 (kulturelle Errungenschaften, soft power, moralische Autorität etc.), daher ist die Positionierung der Staaten in einer Statushierarchie keine Zuschreibung, die unabhängig von den Annahmen der anderen Mitglieder ist, sondern eine soziale Konstruktion (Larson et al. 2014, S. 8–9). Seine Relationalität drückt sich vor allem dadurch aus, dass absoluter Status nicht von jedem genossen werden kann, er ist ein „positional good“ (Hirsch 1976; Larson und Shevchenko 2010, S. 69). Jedoch muss dies nicht zwangsläufig in einem Nullsummenspiel enden, denn wenn Status als Clubgut aufgefasst wird, bedeutet die Aufnahme neuer Mitglieder nicht zwangsläufig, dass anderen Mitgliedern gewisse Statusattribute abgesprochen werden müssen. Nur weil ein neuer Staat beispielsweise in die Staatenfamilie offiziell aufgenommen wird, werden den ‚alten‘ Staaten ihre Staatsqualitäten nicht automatisch abgesprochen (Larson et al. 2014, S. 9). An diesem Punkt gehen Statushierarchien und damit verbundene Statuspolitiken über klassische Rangordnungsprinzipien hinaus. Es geht nicht nur um bloße Mitgliedschaft und einfache Hierarchisierungen, sondern um die Position innerhalb der Gruppe; jeder möchte im Vergleich zu den anderen möglichst weit oben stehen. Ein exemplarisches Beispiel für dieses Verhalten ist die deutsche Flottenpolitik seit den 1890er Jahren (siehe Kap. 4.1.2). Aus dem Blickwinkel von Status und Statushierarchien war die geplante Schlachtflotte eine absolute Notwendigkeit. Der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Alfred von Tirallen zur Verfügung stehen noch rein private Güter sind, zum Beispiel freier Waren- und Dienstleistungsverkehr innerhalb der EU. Übersteigt die Mitgliederzahl das Angebot an diesen Gütern, dann übersteigen die Grenzkosten eines neuen Mitglieds den Grenznutzen der anderen Mitglieder und es kommt zu einem Aufnahmestopp (Eggert et al.). Die Mitgliedschaft in einem solchen Club ist freiwillig, es gibt jedoch Ausschlussmechanismen um Nicht- Mitglieder oder Nicht-Zahler von der Nutzung des Guts auszuschließen (Buchanan 1965, S. 12–13). 14 Bereits Rosecrance et.al (1974) verweisen darauf, dass Status eigentlich nicht messbar ist, weil ihm „obvious objective referents” fehlen (Rosecrance et al. 1974, S. 13). Sie ziehen sich dann darauf zurück, den Status eines Staates dadurch zu bestimmen, von wie vielen anderen Akteuren er diplomatisch anerkannt ist und wie viele Diplomaten bei ihm akkreditiert sind. Je höher diese Zahl, desto höher sei dann auch der Status (Rosecrance et al. 1974, S. 14). 38 pitz, machte Kaiser Wilhelm II. unmissverständlich deutlich, dass das Deutsche Reich ohne eine respektable Schlachtflotte dem Ruin entgegensehen würde, denn zwei der vier Weltmächte (Großbritannien, USA) wären nur auf dem Seeweg zu erreichen. Damit war für Tirpitz klar, dass die eigene Seemacht überwiegen musste, um in diesem Positionskampf um Status bestehen zu können (Kennedy 1983, S. 157–158). Da das Kaiserreich in Flottenfragen aber stets hinterherhinkte, war ein Aufholen auf diesem Gebiet eine zwingende Notwendigkeit, wollte es weiterhin den Weltmachtanspruch aufrechterhalten. Auch an diesem Beispiel zeigt sich deutlich, dass Status nicht unilateral erreicht werden kann. Nur durch die Anerkennung der eigenen Statusposition durch andere wird sie wirksam. Ausdrücken kann sich diese Anerkennung dann durch Statusmarker, die Respekt und Ehrerbietung gegenüber dem Staat symbolisieren: „Status accommodation occurs when higher-status actors acknowledge the state´s enhanced responsibilities, privileges, or rights through various status markers such as summit meetings, state visits, speeches, strategic dialogues, and so on.“ (Larson et al. 2014, S. 11). Diese Statusmarker sind explizit nicht auf klassisch materielle Güter wie militärische Fähigkeiten oder ökonomische Stärke beschränkt; symbolische Handlungen oder diplomatische Erfolge sind gleichwertige Demonstrationsformen für die Anerkennung einer Statusposition. Dies verstärkt die Verschränkung von sozialen Werten und Normen mit klassischen Machtbefugnissen im Begriff Status. Doch wie erlangt ein Staat entsprechende Statusmarker, die ihm die gewünschte Anerkennung bringen sollen? Durch die subjektive Qualität von Status versuchen Akteure durch status seeking die Annahmen der relevanten Akteure (von denen ein bestimmter Status anerkannt werden soll) zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Diese Beeinflussung erfolgt durch die Akquise von nach außen deutlich sichtbaren Statusmarkern. Beispiele hierfür sind die Implementierung von Weltraumprogrammen, die Entwicklung oder Beschaffung von State-of-the-Art-Waffen, Anstoß und Durchführung weitreichender diplomatischer Initiativen, Werbung und Sichtbarmachung der eigenen Soft- Power-Fähigkeiten und der kulturellen Überlegenheit, Anstrengungen, um die Wachstumsraten der relevanten Staaten zu übertreffen, etc. (Larson et al. 2014, S. 12). Über kulturelle Kontexte und historische Epochen hinweg ver- ändern sich die relevanten Statusmarker (Larson et al. 2014, S. 20). Ging es Anfang des 20. Jahrhunderts noch vornehmlich um Flottengrößen und Kolonien als Ausdruck für ein weltumspannendes Reich, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Fähigkeit des Baus und der Besitz von Atomwaffen relevant. Im 21. Jahrhundert zählen Flugzeugträger und Aktivitäten mit großer 39 Symbolkraft, wie das Ausrichten von großen Sportereignissen, zum Repertoire der Statusmarker. Mit all diesen politischen Programmen können auch alternative Ziele, wie zum Beispiel Sicherheit, Wohlstand oder Macht verfolgt werden. Die Sichtbarkeit und symbolische Aufladung können jedoch als deutliche Hinweise auf eine Statusmotivation aufgefasst werden. Durch status-signaling versuchen Akteure Anspruch auf einen bestimmten Status zu erheben, weil sie mit diesen Signalen Informationen aussenden, die dazu gedacht sind, die Überzeugungen der Anderen positiv zu beeinflussen und im eigenen Sinne zu verändern (Larson et al. 2014, S. 12). Dieses Signalisieren von Statusansprüchen ist anfällig für fehlerhafte Kommunikation oder Missverständnisse (Larson et al. 2014, S. 22). Da die Intentionen und Motivationen für die Erlangung und Zurschaustellung von Statusmarkern nicht immer eindeutig sind, ist die im eigenen Sinne wünschenswerte Beeinflussung der Annahmen der anderen Akteure nur äußerst schwer zu kalkulieren; Missverständnisse aufgrund von unklaren Signalen, unterschiedlicher Bewertung der Handlungen oder Missverständnisse durch fehlende oder falsche Informationen sind wahrscheinlich. Die nun folgenden Teilabschnitte befassen sich mit den unterschiedlichen Zugriffen auf den Begriff und das Konzept Status in der IB- Forschungslandschaft. Zunächst wird auf Arbeiten eingegangen, die Status an Überlegungen der Social Identity Theory (SIT) anknüpfen und versuchen, diese Ansätze auf die IB zu übertragen (Kap. 2.1.1). Hier wird Status vor allem mit den Konzepten Identität und Anerkennung verknüpft. Im Anschluss wird die Verknüpfung von Status mit der Analyse von Konflikten und Hierarchien im internationalen System diskutiert (Kap. 2.1.2). Der dritte Abschnitt (Kap. 2.1.3) befasst sich mit der Abgrenzung der Konzepte ‚Prestige‘ und ‚Ehre‘ zu Status. Abschnitt 2.1.4 widmet sich den Unterschieden von Status und Autorität. Eine kurze Zusammenfassung schließt das Kapitel ab. 2.1.1 Identität und Anerkennung Eine Möglichkeit, sich dem Begriff Status zu nähern, ist die Anlehnung an oder die Übernahme von Annahmen und Forschungsergebnissen aus der Social Identity Theory (SIT) oder der Intergroup Emotions Theory (IET). Diese Ansätze beschäftigen sich vor allem mit dem Verhalten von Gruppen untereinander sowie dem Verhalten von Individuen in Gruppen. Es wird untersucht, wie Hierarchisierungen in und zwischen Gruppen entstehen und welche Strategien Gruppen oder Gruppenmitgliedern zur Verfügung stehen, um sich in diesen Hierarchien zu bewegen. Den hier vorgestellten Theorien liegen zwei sozialpsychologische Grundannahmen zugrunde: Individuen konstruieren ihre eigene Realität und ihr gesamtes Erleben und Verhalten wird von sozialen Beziehungen beeinflusst (Smith und Mackie 2000, S. 14–16; 40 Allport 1968). IB-Ansätze, die sich aus der SIT und/oder der IET bedienen, verknüpfen Status und das Statusstreben von Staaten mit kollektiven Identitäten und gegenseitiger Anerkennung von Statuspositionen im internationalen System. Fragen nach der Verbindung von Status und Macht, Prestige oder Autorität stehen eher nicht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Besonders die Annahme, dass eine kollektive Identität eines Akteurs mit dem Status beziehungsweise einem bestimmten Statuswunsch dieses Akteurs eng verbunden ist, grenzt diese Ansätze von (neo-)realistisch orientierten Ansätzen ab. Die SIT geht davon aus, dass Individuen sich und andere durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen definieren und nach einer positiven sozialen Identität streben (Tajfel und Turner 2001, S. 101; Brown 2000, S. 747; Larson und Shevchenko 2010, S. 68). Eine positive soziale Identität generiert sich dabei vor allem durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe mit einem möglichst hohen sozialen Status (Ellemers 1991, S. 7). Eine positive Gruppenbewertung induziert einen höheren sozialen Status als eine negativ wahrgenommene Bewertung und damit wird Status dann zu einer knappen Ressource, um die soziale Gruppen konkurrieren (Ellemers 1991, S. 6). Status wird in der SIT aber nicht als klassisches knappes Gut wie Macht oder Wohlstand verstanden, sondern als Ergebnis des Vergleichs zwischen relevanten Gruppen; Status drückt also eine Relation aus und keinen absoluten Zustand (Tajfel und Turner 2001, S 103). Gerade Mitglieder in niedrig positionierten Gruppen sind dann bereit, ihre Gruppenzugehörigkeit zu verändern und durch eine social mobility-Strategie in eine höher positionierte Gruppe aufzusteigen (Tajfel und Turner 2001, S. 104). Experimentell konnte nachgewiesen werden, dass erst, wenn diese Individualstrategie als nicht realisierbar eingestuft wird, Individuen in einer Gruppe anfangen, über eine Gruppenstrategie zur Verbesserung der Statusposition der Gruppe – und damit der Verbesserung ihrer sozialen Identität – nachzudenken (Ellemers 1991, S. 16). Hier schlägt die SIT dann zwei Varianten vor, die beide ebenfalls experimentell geprüft worden sind: Social creativity, das heißt die Einführung neuer Vergleichskategorien, die Veränderung der Bewertung von Gruppencharakteristiken oder die Auswahl einer neuen Vergleichsgruppe, oder social competition, das heißt den Wettbewerb mit mindestens einer Vergleichsgruppe, um eine höhere Statusposition zu erreichen (Tajfel und Turner 2001, S. 104). Die Wahl der Strategie wird durch die Faktoren Durchlässigkeit der Gruppengrenzen sowie Stabilität und Legitimität der Statushierarchien bestimmt (Tajfel und Turner 2001, S. 105–106). Die IET befasst sich vor allem mit der Auswirkung von Emotionen auf Gruppenprozesse und postuliert, dass Selbstkategorisierungsprozesse bestimmen, welche Emotionen Individuen in Bezug auf die eigene Gruppe und 41 andere Gruppen haben und dass diese Emotionen dann wiederum bestimmen, wie Gruppen sich verhalten (Mackie et al. 2008). Des Weiteren gehen sie in Anlehnung an die SIT und die Self-Categorization Theory davon aus, dass die Identifikation mit einer sozialen Gruppe (Verein, Bruderschaft, religiöse Entität oder ethnische Gruppe, Nation, etc.) dazu führt, dass diese Gruppenzugehörigkeit Teil des eigenen psychologischen Selbst wird und somit eine emotionale Signifikanz erhält. Dies bedeutet, dass Individuen soziale Interaktionen mit anderen Gruppen oder Ereignisse immer auch unter dem Gesichtspunkt der Implikationen für die eigene Gruppe wahrnehmen und bewerten und dadurch bestimmte Emotionen angesprochen werden, die handlungsleitend werden können (Mackie et al. 2008, S. 1867–1868). Die Identität eines Akteurs wird in diesen Ansätzen als das Verständnis von ihm selbst in Relation zu anderen verstanden (Barnett 1999, S. 9; Stahl und Harnisch 2009, S. 31; Chafetz et al. 1999, S. VII). Diese Definition bezieht sich stark auf die Definition von sozialer Identität durch Tajfel und Turner (2001) und lässt sich auch auf Staaten als kollektive Akteure15 anwenden. Wenn man Status als soziale Konstruktion auffasst, welche sich nicht nur in materiellen Belangen ausdrückt, werden die Fragen nach der Rolle von Identitäten und ihr Verhältnis zu Status zentral, denn auch Identitäten sind das Produkt einer sozialen Konstruktion (Reese-Schäfer 1999, S. 7). Grundsätzlich wird in Arbeiten zu Identität davon ausgegangen, dass sowohl Individuen als auch Kollektive ohne Identität nicht wissen, wer sie sind (Ringmar 2012, S. 3). Identitäten helfen Individuen und Gruppen mit komplexen Situationen umzugehen, indem sie Informationen vorsortieren und in Kategorien, die aus vorhergehenden Erfahrungen gewonnen werden, einsortieren und damit einen Entscheidungsprozess überhaupt erst ermöglichen (Chafetz et al. 1999, S. VIII–IX). Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass Individuen in einer Gesellschaft mehrere Identitäten haben und je nach Situation eine bestimmte Identität in den Vordergrund tritt (Hopf 2002, S. 1; Smith 1991, S. 4). Die 15 Die Frage, ob Staaten als kollektive Akteure oder als Gruppen behandelt werden, ist umstritten. Kollektive Akteure sind Akteure, denen eine bewusste, gemeinsame Handlungsorientierung unterstellt werden kann (Mayntz und Scharpf 1995, S. 51). Ob dies für Staaten gilt, ist Gegenstand der politikwissenschaftlichen Debatte. Es wird davon ausgegangen, dass ein Staat in viele verschiedene Handlungseinheiten zerfällt und damit innenpolitisch nicht vom Staat als kollektivem Akteur ausgegangen werden kann. Anders ist dies in der Außenpolitik, denn in der internationalen Politik werden Staaten als einheitliche und rechtsfähige Subjekte angesehen und auch von anderen Akteuren als handlungs- und strategiefähig betrachtet (Braun 1999, S. 45). In dieser Arbeit wird angenommen, dass Staaten zwar nicht wie Individuen behandelt werden können, jedoch sehr wohl davon ausgegangen werden kann, dass es eine Analogie zwischen dem Verhalten von Staaten und individuellen psychologischen Prozessen gibt. Daher kann vom Staat als kollektivem Akteur ausgegangen werden und das Verhalten von Staaten kann behandelt werden, als wären sie Personen (Wendt 2004; Onea 2014, S. 130). 42 Herausbildung von Identitäten geschieht dabei über den Prozess der Anerkennung. Nur wenn die Identität eines Individuums oder Kollektivs von anderen anerkannt ist, ist sie auch wirksam, die reine Selbstzuschreibung reicht nicht aus (Reese-Schäfer 1999, S. 8). Es wird ebenfalls angenommen, dass dieser Prozess auch für die Identitätsbildung von Staaten gilt. Sie verwenden dann einen Großteil ihrer Ressourcen für den Kampf um Anerkennung ihrer gewünschten Identität, ihr Handeln kann größtenteils als identitätsgeleitet charakterisiert werden (Ringmar 2012, S. 3). Bislang wurde dieser Zusammenhang jedoch von den IB wenig beachtet, weil die Existenz von Staaten als zentrale Untersuchungseinheiten nicht in Frage gestellt wurde. Staaten haben – ähnlich wie Individuen – Identitäten, jedoch haben Staaten kein einheitliches Bewusstsein, keine singuläre, konsistente Erinnerung und keinen subjektiven Willen. Daher kann man bei Staaten nicht von einer singulären Identität sprechen, dafür ist der Akteur zu komplex, sondern man kann von verschiedenen staatlichen Identitäten sprechen, die sich über Zeit und Kontext verändern können (Ringmar 2012, S. 4). Staatliche Identitäten entstehen durch soziale Interaktion, die internationale und die eigene, interne Umgebung formen sie (Katzenstein 1996a, S. 22). Sie sind in ständiger Verhandlung und passen sich an (Barnett 1999, S. 10; Chafetz et al. 1999, S. X). Eine staatliche oder nationale Identität setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Historisches Territorium/Heimatland, gemeinsame Massenkultur, gemeinsame Rechte und Pflichten, gemeinsame Ökonomie mit territorialer Mobilität ihrer Mitglieder sowie gemeinsame Mythen und historische Erinnerungen16 (Smith 1991, S. 14). Staaten kann ähnlich wie Gruppen und Individuen ein Wunsch nach einer positiv wahrgenommenen Identität unterstellt werden. Dieser Wunsch beeinflusst das Verhalten von Akteuren, durch sozialen Vergleich wird die eigene soziale Identität definiert (Mercer 1995, S. 242). Dieses Bedürfnis nach positiver Identität kann erklären, warum Gruppen ohne erkennbaren Grund diskriminieren. Sie wollen verhindern, dass durch die Aufnahme anderer Akteure, die in ihren Augen mit einer negativ konnotierten Identität besetzt sind, die Identität der eigenen Gruppe negativ beeinflusst wird. Diese Erkenntnis lässt sich auf das internationale System übertragen. Staaten stehen immer im Wettbewerb miteinander, egal wie sie sich verhalten. Dieser Wettbewerb entsteht allein durch Kategorisierungen, 16 Mythen und historische Erinnerungen werden von fast allen Autoren, die sich mit nationalen Identitäten befassen, als zentrale Komponente angesehen (u. a. Barnett 1999, S. 12; Clunan 2009, S. 24; Chafetz et al. 1999, S. XI). Die nationale Identität speist sich aus dem kulturellen Gedächtnis der Gruppe – hier der Nation – und zeichnet sich durch eine Alltagsferne aus. Das heißt, dass ein kulturelles Gedächtnis Fixpunkte und einen Horizont hat und mit der Zeit wandert. So baut sich ein Stock an Erinnerungen an Vergangenes auf, welche durch Rituale wachgehalten werden (Assmann 1988, S. 11–12). 43 Vergleiche und dem Bedürfnis nach einer eigenen positiven Identität (Mercer 1995, S. 246). Als Ursache dieses Wettbewerbs werden dann kognitive und motivationale Gründe angeführt und nicht – wie von vielen IB-Theorien angenommen – Strukturen oder Prozesse (Mercer 1995, S. 247). Die Identitäten von Staaten sind dabei nicht fix vorgegeben (Clunan 2009, S. 28; Emcke 2010, S. 19). Sie verändern sich, wenn sich die Interessen der Staaten wandeln (Mercer 1995, S. 252) oder wenn sich das Umfeld stark verändert, weil nationale und staatliche Identitäten sich zu einem Großteil auch aus den Beziehungen zu anderen Nationen und Staaten formen (Barnett 1999, S. 9; Wendt 1994, S. 384–385). Wie eine Verbindung von Identitäten und Status in den IB vorgenommen werden kann, zeigen Deborah Welch Larson und Alexei Shevchenko in ihren Arbeiten. Sie nutzen die Erkenntnisse aus der SIT, um den Aufstieg von Staaten und die damit verbundenen Statusbedenken zu analysieren (Larson/Shevchenko 2014, 2010). Sie übernehmen vor allem die Erkenntnisse der SIT im Bereich der Identitätskonstruktion von Gruppen und der Strategien, die zur Verfügung stehen, um die eigene Statusposition (individuell und gruppenbezogen) zu verändern, und übertragen diese nahezu unverändert auf Staaten. Besonderes Augenmerk legen sie auf „identity management strategies“, um den Aufstieg in eine höhere Statusgruppe zu managen (Larson und Shevchenko 2014, S. 37–38). Erfolgreich ist eine Strategie immer dann, wenn sie von der höher stehenden Statusgruppe akzeptiert wird und die aufsteigende Position des Anderen anerkannt wird (Larson und Shevchenko 2014, S. 41). Durch die direkte Übernahmen der von der SIT entwickelten Statusstrategien tritt jedoch das Problem auf, dass die Unterscheidung zwischen social mobility (von der SIT als Individualstrategie konzipiert) und social creativity (von der SIT als Gruppenstrategie konzipiert) in ihrer Anwendung in den IB verschwimmt. Es hat den Anschein, als ob die Bewertung der Strategie ex post entscheidet, welche Strategie von einem Staat verfolgt wurde. Das gleiche politische Verhalten und die gleichen politischen Handlungen lassen sich nicht trennscharf zuordnen, was zu großen analytischen Problemen führen kann. Auch wenn von den Autoren darauf hingewiesen wird, dass diese drei Strategien Idealtypen darstellen, die in der Realität häufig in kombinierter Form auftauchen (Larson und Shevchenko 2014, S. 42), bleibt festzuhalten, dass eine Vermischung der Ebenen (individuelles Handeln versus Handeln von Gruppen) vermieden werden sollte, denn die Gründe für die Wahl einer Individual- bzw. Gruppenstrategie variieren stark. Auch ist zu hinterfragen, ob eine Individualstrategie für kollektive Akteure überhaupt möglich ist und welche Auswirkungen dies auf das Verständnis von Gruppenzugehörigkeit und Gruppenkonstitution hat. Das Ziel der SIT ist es, auf der Gruppenebene Entscheidungen und Wahrnehmungen zu analysieren, in- 44 dem sie sich Entscheidungen und Wahrnehmungen der führenden Köpfe einer Gruppe anschauen. Diese Annahme wird von Larson und Shevchenko auf Staaten übertragen, jedoch ziehen auch sie ihre Belege aus den individuellen Wahrnehmungen einzelner Akteure (Renshon 2015, S. 671). Hier vermischen sich dann nicht nur zwei Analyseebenen, sondern es wird auch mit den Ergebnissen auf dem individuellen Level das Gruppenverhalten – hier der Staat – erklärt17. Eine ähnliche Kritik formuliert auch Steven Ward (Ward 2014). Er konstatiert, dass es bei der Übertragung der Annahmen aus der SIT in die IB zu Übersetzungsfehlern gekommen ist: „social identity theory was lost in translation“ (Ward 2014, S. 3). Besonders macht er auf drei Punkte aufmerksam: Die Grenzen zwischen Gruppen und die Grenzen zwischen Statusclubs seien vermischt, die Strategie der social competition sei falsch verstanden worden, denn es sei keine logische und empirisch befriedigende Unterscheidung zu social mobility erkennbar und es gäbe keinen Raum für eine überzeugende Analyse der Rolle der Durchlässigkeit von Statusclubgrenzen in Bezug auf staatliches Verhalten (Ward 2014, S. 9–10). Um diesen Schwächen zu begegnen, schlägt er zwei weitere Statusstrategien vor: Rekategorisierung und Rückzug. Die Strategie der Rekategorisierung ist eine Individualstrategie. Sie ermöglicht, den individuellen Sorgen um den Status eines Staates zu begegnen, indem Teile der sozialen Identität nun aus einer höher positionierten Statusgruppe abgeleitet werden (Ward 2014, S. 26–27). Die Strategie des Rückzugs ist eine Gruppenstrategie, die jedoch wesentlich radikaler ist als social competititon, denn hier geht es nicht mehr darum, einen höheren Status anerkannt zu bekommen, sondern sie ist Ausdruck eines sozialpsychologischen Unwohlseins, weil die Gruppengrenzen als hochgradig undurchlässig wahrgenommen werden und Akteure keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich völlig aus der sozialen Ordnung zurückzuziehen und ihre Legitimität zurückzuweisen (Ward 2014, S. 29–30). Das bedeutet, dass Staaten nicht einfach nur immer heftiger um Status kämpfen, wenn Gruppengrenzen als undurchlässig wahrgenommen werden, sondern dass sie dann – als letzte Möglichkeit – zu dissidenten Revisionisten werden (Ward 2014, S. 32; Jaschob et al. 2015). Ward erweitert und verfeinert mit seinem Ansatz die Anwendung der SIT auf Statusfragen in den IB. Jedoch fehlt eine stärkere Verknüpfung mit anderen verwandten Konzepten wie Identität oder Konflikt. Auch bleibt das Grundproblem der Übertragung der SIT auf die IB – sind Staaten klassische Gruppen oder kollektive Akteure – unbehandelt. 17 Eine ähnliche Kritik lässt sich auch an Wohlforth´ Artikel „Unipolarity, Status Competition, and Great Power War“ (2009) üben. Auch er fragt danach, ob Großmächte statussensitiv sind, belegt dies aber in Anlehnung an die SIT mit Ergebnissen auf dem individuellen Level (Renshon 2015, S. 671). 45 Auch Vincent Pouliot (2014) greift für seine Analyse auf die SIT zurück. Er fasst Status selbst als soziale Realität auf, damit dieser unabhängig von einem bestimmten Standpunkt wird, weil er in Beziehungen eingebettet ist und seine Bedeutung intersubjektiv verhandelt wird: „status is real in and on itself, as are its political effects.“ (Pouliot 2014, S. 196). Bei der Beantwortung der Frage, warum Status ein so hoher Stellenwert auch in der internationalen Arena eingeräumt wird, hilft – folgt man Pouliot – ein Blick in die Praxis. Die SIT konnte zeigen, dass Menschen nach Status streben, weil sie in eine bestimmte soziale Umgebung hineingeboren werden und sich durch soziale Interaktion konstituieren und rekonstruieren. Dies geschieht immer im Vergleich mit anderen (Pouliot 2014, S. 197). Dies lässt sich gut mit dem Ansatz verbinden, dass Status ein Clubgut ist: Akteure streben danach, es zu besitzen und anzuhäufen, damit ist es in einem bestimmten Sinne ein knappes Gut, jedoch nicht endlich. Aber was ist jetzt Status? Pouliot beantwortet die Frage so: „it is primarily a form of “illusio” – that is, a disposition acquired through playing a game, which leads players to come to value its rules and stakes as the natural order of things.” (Pouliot 2014, S. 197). Ob man dieses Spiel spielt, lässt sich nicht beeinflussen, denn man wird in dieses Spiel hineingeboren, es konstituiert seine Akteure selbst. Das Streben nach einem bestimmten Status ist dann identitätstransformierend und bestimmt wesentlich die Handlungen eines Akteurs (Pouliot 2014, S. 198). Pouliot konzentriert sich besonders auf die identitätskonstruierende Komponente von Status und berücksichtigt keine materiellen Faktoren. So kann er zwar aufzeigen, welche Rolle Status im sozialen Leben spielt, aber eine Übertragung auf die internationale Staatenwelt gelingt ihm dabei nicht. Es ist davon auszugehen, dass die Interessenlagen kollektiver Akteure komplexer sind und sich nicht rein auf Identitätsformation beschränken lassen. Die starken Anleihen bei der SIT haben den Zugang zu Status in den IB auf das Verhalten des nach Status strebenden Akteurs verengt. Gerade die Ebene der Interaktion mit anderen, die für die Anerkennung von Statuspositionen essentiell wichtig ist, wurde in den IB vernachlässigt (Wolf 2014b, S. 2). Dies zeigt sich sowohl in der statischen Betrachtung der Statusstrategien bei Larson und Shevchenko (Larson und Shevchenko 2014, S. 37) als auch bei Pouliots Argumentation, dass das Streben nach Status handlungsleitend ist (Pouliot 2014, S. 198). Dies ist problematisch, weil die Zuschreibung von Status nicht unilateral möglich ist, sondern davon auszugehen ist, dass es eine ko-konstituierende Abhängigkeit des nach Status strebenden Akteurs von dem anerkennenden Akteur gibt. Dies ergibt sich aus der Annahme, dass Status eine soziale Konstruktion ist. Auch die Autoren, die Status aus der Perspektive der SIT in der IB-Debatte betrachten, teilen diese Annahme (Paul et al. 2014, S. 8–9). Umso erstaunlicher ist es, dass sie die Wichtigkeit der 46 Interaktionalität von Status nicht entsprechend in ihren eigenen Ansätzen berücksichtigen. Dass dies durchaus möglich ist und dass gerade die anerkennende Seite wichtig für den Ausgang des Statusstrebens ist, lässt sich auch aus den oben skizzierten sozialpsychologischen Annahmen bezüglich der sozialen Konstruktion der Realität und der Identitäten von Akteuren ableiten. Der Status eines Staates muss von anderen Akteuren anerkannt werden, um wirkmächtig zu werden, denn ohne Anerkennung funktionieren soziale Beziehungen nicht18 (Bedorf 2010, S. 197; Nel 2010, S. 953). Einen wesentlichen Beitrag zur Debatte um Anerkennung liefert Axel Honneth (1992; 2012). Anerkennung sollte als ein moralischer Akt gesehen werden, der in der sozialen Welt verankert ist und täglich vollzogen wird. Ausgedrückt wird Anerkennung dann durch praktische Haltungen und Einstellungen, deren primäre Intention es ist, eine andere Person oder Gruppe für bestimmte Attribute zu bestätigen (Honneth 2011, S. 329–330). Anerkennung definiert er als ein wechselseitiges, positives Verhältnis, welches dazu führt, dass Individuen Selbstachtung entwickeln, weil sie sich mit ihren eigenen Fähigkeiten und Qualitäten identifizieren (Honneth 1992, S. 126–127). Somit werden Identitäten dann zur Erfahrung von intersubjektiver Anerkennung (Honneth 1992, S. 114; Taylor 1994, S. 34). Diese Erfahrung ist dabei immer ein Wechselspiel von Anerkennung und Erkennen, wobei das Anerkennen immer eine Vorleistung darstellt, bei der die Gegenleistung – das Erkennen – nicht sicher ist (Bedorf 2010, S. 197). Akte der Anerkennung drücken eine Haltung aus, die sich durch klar abgrenzbare Aktionen zeigt: „[A]n act of recognition cannot consist in mere words or symbolic expressions, since it is only through corresponding modes of comportment that the credibility so normatively significant for the recognized subject can be engendered.” (Honneth 2011, S. 329). Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten der Anerkennung. Entweder werden einem Akteur (Individuum oder Gruppen) neue Qualitäten zugesprochen, das heißt, ihm wird ein Status zugesprochen, den er vorher noch nicht hatte, oder es werden bereits bestehende Qualitäten eines Akteurs bestätigt, das heißt, dem anerkennenden Akteur wird der Status des Anderen erst bewusst (Hon- 18 Ned Lebow (2010; 2008) weist darauf hin, dass Menschen – individuell und als Kollektiv – nach Selbstachtung streben. Diese Selbstachtung erfordert ein gewisses Maß an Bewusstsein vom Selbst aber auch die Anerkennung, dass das Selbst eine Gesellschaft als Bezugspunkt braucht, da ohne gemeinsam geteilte Werte und akzeptierte Prozesse zum Zeigen von Einzigartigkeit Selbstachtung nicht möglich ist (Lebow 2010, S. 66). Bereits hier zeigt sich, dass Gesellschaft ein reziproker Anerkennungsprozess ist, der sich auch auf die internationale Ebene übertragen lässt. 47 neth 2011, S. 331). Anerkennung auf der internationalen Ebene bezieht sich zunächst einmal auf den kommunikativen Prozess in der internationalen Staatengemeinschaft, durch den Staaten sich gegenseitig Status und sozialen Respekt bekunden (Nel 2010, S. 963). Der Prozess der Anerkennung ist also viel grundlegender und basaler als die Forderung und die Anerkennung eines bestimmten Statusanspruchs. Die Anerkennung der Staatlichkeit geht dabei aber über den rein legal-technischen Aspekt hinaus, sie beinhaltet auch einen sozialen Prozess, in dem die Fakten und Kriterien ausgehandelt und abgewogen werden (Nel 2010, S. 965). Die grundsätzliche Anerkennung eines Akteurs als Staat ist somit ko-konstituierend für seine Identität. Die Anerkennung von Identitäten läuft über die Narrationen, die Staaten von sich verbreiten (Ringmar 1996). Die Anerkennung eines gewünschten Status geschieht auf ähnliche Art und Weise. Staaten wollen durch ihren Status ihre Position im internationalen System signalisieren. Dabei sind sie davon abhängig, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht allzu stark auseinanderfallen, um anerkannt zu werden. Hier verknüpfen sich dann Identitäten und Status, weil die Anerkennung des gewünschten Status Eingang in die Geschichten und Erzählungen des Staates finden, die seine Identität definieren. Des Weiteren formen Identitäten die Politik einer Nation oder eines Staates, indem sie gesellschaftliche Interessen zu nationalen Interessen formen (Barnett 1999, S. 16). Dieser Prozess der Interessensbildung ist wichtig für Statusfragen, denn Status kann so ebenfalls zu einem nationalen Interesse werden. Wie dies in den IB analysiert werden kann, zeigt unter anderem die Arbeit von T.V. Paul und Mahesh Shankar (2014). Sie stellen die vorherrschende Annahme in den IB, dass ein Machtübergang meist kriegerisch verläuft, in Frage und argumentieren mit Hilfe der SIT, dass Status als sozialpsychologisches Ziel für Staaten wichtig ist und das Potential hat, Konflikte zu entschärfen (Paul und Shankar 2014, S. 170). Denn wenn die dominante Macht und der Aufsteiger sich nicht automatisch als Bedrohung auffassen, sind friedliche Machtübergänge wahrscheinlicher. Will der Aufsteiger die dominante Macht aus ihrer Vormachtstellung nicht herausdrängen, dann fällt es auch der dominanten Macht leichter, den Aufsteiger zu akzeptieren. Diese Prozesse laufen auf einer Statusebene ab, die maßgeblich durch die gegenseitige Anerkennung von Interessen gekennzeichnet ist. Es findet hier also keine Reduktion von staatlichen Interessen auf rein materielle Faktoren statt, jedoch bleibt in diesem Ansatz offen, welche Anreize der dominante Staat hat, dem Aufsteiger einen höheren Status zuzusprechen und damit einen friedlichen Aufstieg zu ermöglichen. Die Autoren erkennen zwar die Bedeutung der Interaktion, jedoch bleibt auch hier die Seite des anerkennenden Akteurs untertheoretisiert. Es wird auch nicht gezeigt, ob ihr entwickelter Ansatz sich auf Fälle übertragen lässt, die sich nicht direkt auf die dominante Macht beziehen. 48 Der Anerkennungsaspekt eines Großmachtstatus durch Andere steht auch bei Thomas Volgy et al. (2014) im Vordergrund. Sie arbeiten heraus, dass es dabei nicht mehr nur um die adäquate Berücksichtigung der Fähigkeiten der Großmacht geht, sondern dass der Aufstieg neuer Staaten in den Großmachtclub die Wahrscheinlichkeit für Konflikte im internationalen System erhöht. Daraus leiten sie ab, dass das Verständnis für Statusbedürfnisse des Anderen immer wichtiger wird, um diesen Konflikten vorzubeugen (Volgy et al. 2014, S. 59). Sie identifizieren drei unterschiedliche Typen der Statuszuschreibung: „status consistent“ (Statuszuschreibung spiegelt Fähigkeiten und Verhalten wieder), „status underachievers“ (im Vergleich zu Fähigkeiten und Verhalten fehlt es hier an Statuszuschreibung) und „status overachievers“ (es wird mehr Status zugeschrieben als es die Fähigkeiten und das Verhalten vorgeben) (Volgy et al. 2014, S. 63). Diese drei Idealtypen ähneln sehr stark dem Ansatz zu „status dissonance“ von William C. Wohlforth (2014). Er geht davon aus, dass, wenn ein Staat mit seinem zugeschriebenen Status nicht zufrieden ist, es zum Wettbewerb um Status kommt. Taucht dabei eine Lücke auf zwischen dem Wunsch, was Andere von einem denken, und den Annahmen über das, was die Anderen von einem denken, dann kann man von einer „status dissonance“ sprechen (Wohlforth 2014, S. 118). Der Ansatz von Wohlforth verbindet den Anerkennungsaspekt von Status mit entstehenden Statusdilemmata und daraus resultierendem zwischenstaatlichen Konflikt: „So status is a set of collective beliefs about a state´s standing, but it is only known to a given state through acts that imply recognition.“ (Wohlforth 2014, S. 21). Statusdilemmata entstehen, weil für Staaten Status genauso in ihrem Interesse liegt wie Sicherheit (Wohlforth 2014, S. 117). Status ist in diesem Ansatz zwar sozial konstruiert und subjektiv, die Interessen, die hier aufeinanderprallen, sind jedoch objektiv. Hier zeigen sich starke Parallelen zum Sicherheitsdilemma, weil auch hier hinreichende Informationen über das Verhalten und die Handlungen des Anderen fehlen, um eine abgewogene, beste Entscheidung treffen zu können (Wohlforth 2014, S. 119). Das größte Problem dieses Ansatzes ist die Erhebung von Status. Folgt man dem Ansatz, müsste die Anerkennung durch Dritte gemessen werden, um den Status eines anderen Staates zu erheben; hier liegt eine große Gefahr in Doppeldeutigkeiten und Messungenauigkeiten, weil Status nicht direkt erhoben werden kann. Auch taucht ein endogenes Messproblem auf. Statusansprüche sind zwar mit materiellen Werten verknüpft, jedoch wird jeder Staat die Ressourcen betonen, von denen er glaubt, komparative Vorteile zu genießen. Dies erschwert eine Vergleichbarkeit enorm und führt ebenfalls zu Messungenauigkeiten. Erschwerend hinzu kommt noch, dass die Einheiten im Staatensystem sich nicht nur in Bezug auf Größe und Fähigkeiten unterscheiden, sondern auch im Regimetyp, in innenpolitischen Systemen, etc. (Wohlforth 2014, S. 122–123). Vergleicht 49 man die Ansätze von Volgy et al. und Wohlforth – teilen sie doch wesentliche Grundannahmen –, so zeigt sich, dass sie zu jeweils unterschiedlichen Bewertungen bezüglich der ‚Messbarkeit‘ von Status kommen. Bei Volgy et al. wird Status zu einer absolut bestimmbaren Messgröße (Volgy et al. 2014, S. 69). Der subjektive und kontextabhängige Charakter geht verloren, weil Status nun unabhängig von den Annahmen der anderen Akteure bestimmbar zu sein scheint. Die wechselseitige Anerkennung ist jedoch immer noch notwendig, um den eigenen Status zu implementieren. Wohlforth dagegen nimmt davon Abstand, Status ‚messen‘ zu wollen, nachdem er seinen Ansatz mit empirischen Illustrationen abgeglichen hat und zu dem Schluss kommt, dass die Rolle und Bedeutung der beschriebenen Statusdilemmata noch unklar zu sein scheint (Wohlforth 2014, S. 124). Dennoch drückt dieser Ansatz die Komplexität von Statusfragen im internationalen Kontext aus und erweitert die hauptsächlich (neo-)realistische Debatte um materielle und symbolische Statusmarker. 2.1.2 Konflikt und Hierarchien Die Verknüpfung von Konflikt und Status taucht häufig auch in stärker (neo-) realistisch geprägten Ansätzen auf. Hier wird oft auf die Annahme fokussiert, ob, und gegebenenfalls wie Status zu Konflikten führt beziehungsweise diese verschärft (Volgy und Mayhall 1995; Wallace 1971; Ikenberry 2001). Auch diese Arbeiten setzen sich mit soziologischen Arbeiten zu Status und Statusunbeständigkeit auseinander. Der Zusammenhang zwischen Statusungleichgewicht und Konflikt hat so Eingang in die IB-Debatte genommen (Volgy und Mayhall 1995, S. 68). Besonders zwei Argumente wurden hier stark gemacht: „status inconsistency“ und „deep cleavages“. Bei der „status inconsistency“ geht es vor allem um die Unterschiede zwischen den Staaten in Bezug auf die relevanten Statusdimensionen. Wenn es hier zu einem Ungleichgewicht kommt, ist die Konfliktgefahr erhöht. Das „deep cleavages“- Argument sieht Konflikt als Ergebnis tiefer Spaltungen zwischen den unterschiedlichen Staatengruppen, je tiefer diese Spaltungen werden, desto höher ist die Konfliktwahrscheinlichkeit (Volgy und Mayhall 1995, S. 68). Übertragen auf die Außenpolitikannahmen der Staaten lässt sich dann argumentieren: Je größer die „status inconsistency“ aufgefasst wird, desto stärker wird Status dafür verantwortlich gemacht, dass die eigene Position im internationalen System als nicht adäquat angesehen wird. Dies kann zu einem starken Änderungswunsch am Status quo führen und letztendlich in Gewalt und Konflikt enden. Empirisch konnten Volgy und Mayhall zeigen, dass in Phasen mit starkem Hegemon und tiefen Spaltungen zwischen den Staatengruppen die Statusunbeständigkeit mit internationalem Konflikt kovariiert (Volgy und Mayhall 1995, S. 73). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Michael D. 50 Wallace. Er arbeitet sich an der Frage ab, welchen Einfluss das Statusranking und damit verbundene Statusinkonsistenz auf die Entstehung von internationalen Konflikten hat (Wallace 1971, S. 25–27). Empirisch konnte er nachweisen, dass mindestens langfristig Statusinkonsistenz die Entstehung von internationalen Konflikten begünstigt (Wallace 1971, S. 30). Er weist aber auch auf die Tatsache hin, dass es keinen Automatismus ‚Statusinkonsistenz = Konflikt‘ gibt. Staaten haben viele Möglichkeiten unterhalb der Schwelle von Konflikten, um auf Statusinkonsistenzen zu reagieren, zum Beispiel durch Rüstungsprogramme oder die Bildung von Allianzen. Wallace sieht Status nicht als alleinige Erklärung für Konflikte, vielmehr schafft er ein weiteres Erklärungsangebot, um die Varianz bei internationalen Konflikten zu beleuchten (Wallace 1971, S. 32–33). David A. Lake (2014) nähert sich Status ebenfalls im Rahmen der Analyse von Konflikten. Er geht davon aus, dass Staaten nach Status streben und er identifiziert dies als eine Quelle für Spannungen und Konflikt im internationalen System. Sein Verständnis von Status geht davon aus, dass Status eine soziale Form von Macht ist und so den Vorteil gegenüber anderen theoretischen Angeboten hat, dass der Begriff so nicht nur ausschließlich auf Fähigkeiten fokussiert ist (Lake 2014, S. 247). Daher definiert er Status als eine Rangordnung werthaltiger Attribute, wie zum Beispiel Wohlstand, zwingende Fähigkeiten, Kultur, demographische Entwicklung, sozio-politische Organisation oder diplomatischen Einfluss (Lake 2014, S. 250). Diese Eigenschaften sind bereits von Anhängern der realistischen Theorietradition wie auch von ihren Kritikern anerkannt worden. Der große Unterschied zu der neorealistischen Beschreibung von Fähigkeiten ist die Intersubjektivität und Relationalität von Status. Damit kann Status anzeigen, wie die einzelnen Fähigkeiten gewichtet sind, er kann die kausale Verbindung zwischen der Verteilung von Fähigkeiten und Einfluss im internationalen System, wie sie von Neorealisten angenommen wird, aufbrechen. Die Clubguteigenschaften bedeuten, dass Status teilweise umkämpft ist und nicht allen gleichermaßen zur Verfügung steht (Lake 2014, S. 251). Es bedeutet jedoch nicht, dass, wenn einem Mitglied ein besonders hoher Status zugesprochen wird, der Status aller anderen Mitglieder abgewertet wird, denn Status ist bis zu einem gewissen Grad elastisch und expansiv. Es gibt zum einen verschiedene Dimensionen, in denen nach Status gestrebt werden kann, zum anderen weist er aufgrund seiner sozialen Konstruktion eine gewisse Elastizität auf. Mit all diesen Eigenschaften ist Status dennoch kompatibel mit der realistischen Anarchieannahme. Status wird dann zu einem Ordnungsprinzip, welches über die klassischen Machtannahmen hinaus geht und als soziale Konstruktion multidimensional ist. 51 Noch einen Schritt weiter geht William Thompson (2014). Er schaut nicht nur auf den Zusammenhang von Status und Konflikt, sondern erweitert die Debatte um den vermuteten Zusammenhang von Statuskonflikten und Hierarchien. Seiner Meinung nach waren die bisherigen Versuche, staatliche Ziele auf Machtmaximierung oder Sicherheitsfragen zu reduzieren, wenig zielführend (Thompson 2014, S. 219). Vielmehr müsse man Statusstreben integrieren, habe doch schon die Geschichte gezeigt, dass dies häufig Motivation für Handeln war. Thompson identifiziert zwei Formen von Statuskonflikten: Statuskonflikte mit großem „S“ und Statuskonflikte mit kleinem „s“. Bei Statuskonflikten mit großem „S“ geht es um große, einschneidende Veränderungen der relativen Position, Statuskonflikte mit kleinem „s“ haben weniger gravierende Rangveränderungen zum Ziel (Thompson 2014, S. 220). Statuskonflikte mit großem „S“ sind komplexer als sie häufig angenommen werden, denn es muss zunächst geklärt werden, in welcher Hierarchie sich der Konflikt überhaupt abspielt, da sich Staaten im internationalen Setting in verschiedenen Hierarchien (regional, transregional, global, etc.) bewegen. Veränderungen innerhalb dieser Hierarchien oder im Verhältnis untereinander wirken dann konfliktverschärfend. Thompson versucht zwar eine aus der Beobachtung der Geschichte – und damit eine an der Praxis orientierte – abgeleitete Bestimmung von Status vorzunehmen, jedoch fehlt eine genaue Abgrenzung und inhaltliche Ausgestaltung. Die Erweiterung auf Hierarchien erscheint sinnvoll, jedoch mangelt es noch an einer systematischen Verknüpfung von Hierarchie und Status. In jeder sozialen Umgebung lässt sich eine Hierarchisierung nachweisen (Gould 2002, S. 1144). Dies ist so fest im sozialen Verhalten der Menschen eingebaut, dass man automatisch, auch ohne dass man sich dessen bewusst sein muss, seinen relativen Status durch zum Beispiel Körpersprache oder andere Hinweise signalisiert. Ähnliches lässt sich auch für zwischenstaatliches Verhalten zeigen: „Hierarchies of status recur in world politics, in every international system of which we have knowledge, including the modern European states.“ (Gilpin 1981; Mann 2012; Watson 2010; Luard 1976). Die Herausbildung einer Hierarchie ist also eine systemische Komponente, sie ordnet die Beziehungen der Einheiten im System, obwohl keine zentrale Autorität vorhanden sein muss19. Zwar üben in der Statushierarchie hoch stehende Staaten eine Ordnungsfunktion gegenüber tiefer positionierten Staaten aus, an der Spitze der Hierarchie können jedoch Statusforderungen durch eine höhere Instanz nicht gewährt oder abgelehnt werden. Dies führt zu Wettbewerb 19 In der realistischen Theorietradition wird dann von Anarchie gesprochen (Waltz 1979). Im Wesentlichen handelt es sich jedoch um die gleiche Konzeption. 52 hinsichtlich der Positionen in der Hierarchie und damit verbunden auch um Sicherheit (Larson et al. 2014, S. 17). Eine solche Verknüpfung von Status und Hierarchie findet sich ebenfalls bei Randall L. Schweller (1999b), denn er misst Status eine größere Rolle bei der Ordnungsbildung im internationalen System zu. Er geht davon aus, dass Staaten im internationalen System hierarchisch nach Status beziehungsweise Prestige arrangiert sind (Schweller 1999b, S. 42). Das System ist hierarchisch, weil es den Annahmen der Anarchie unterworfen ist: Macht verschafft einem Akteur Recht und Unterschiede in Macht und Wohlstand erhalten die Ungleichheit eher, als dass sie sie aufheben (Schweller 1999b, S. 42). Diese Ungleichheit kann somit als ungleiche Verteilung von Macht und Status gesehen werden. Staaten streben danach, möglichst viele beziehungsweise relevante Statusmarker zu erlangen, um in der Hierarchie aufsteigen zu können. An diese Überlegungen – insbesondere zu Statusmarkern – knüpfen Xiaoyu Pu und Randall Schweller (2014) an. Sie nutzen für ihre Analyse der chinesischen Marineambitionen das Angebot der Power Transition Theory und koppeln so Status wieder stärker an (neo-)realistische Theorieangebote. Sie gehen davon aus, dass aufsteigende Staaten per se nach Status streben und sich gegen den Status quo auflehnen (Pu und Schweller 2014, S. 141). Dabei muss es nicht zwangsläufig um die Maximierung des eigenen internationalen Status gehen, sondern es kann zunächst auch eine regionale Statuserhöhung angestrebt werden. Ihr Ansatz geht von einer „conspicious consumption of material goods“ (Pu und Schweller 2014, S. 143) aus, was eine Kombination aus Statusangleichungs- und Statuswettbewerbsstrategien darstellt. Um seinen Status mitzuteilen, wird eine Signalingstrategie angewandt. Damit werden dem Gegenüber Informationen zur Verfügung gestellt, um ihm das angestrebte eigene Selbstbild zu vermitteln (Pu und Schweller 2014, S. 144). In der internationalen Hierarchie gibt es zwei Möglichkeiten der conspicious consumption: Entweder instrumentell, zum Beispiel durch den Erwerb von Flugzeugträgern oder Nuklearwaffen, oder expressiv durch die Ausrichtung großer Sportereignisse und kultureller Aktivitäten (Pu und Schweller 2014, S. 146–148). Das Problem ist herauszufinden, ob der Erwerb einer bestimmten militärischen Fähigkeit conspicious consumption war, um Status zu signalisieren oder aus Sicherheitserwägungen heraus getätigt wurde (Pu und Schweller 2014, S. 151). Indizien können sein, dass die interne Unterstützung für den Erwerb einer bestimmten Waffe enorm hoch ist und mit steigenden ökonomischen Ressourcen korreliert, wohingegen die Sicherheitsrisiken im gleichen Zeitraum nicht gewachsen sind. Als weiterer Indikator kann die Notwendigkeit herangezogen werden: Wenn die angestrebte Waffe nicht das günstigste Mittel darstellt, um die Sicherheitsrisiken des betreffenden Landes 53 zu managen, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Statusmarker handelt. Schließlich können auch offizielle Statements, die den Waffenkauf in Verbindung mit Status bringen, ein eindeutiger Hinweis sein (Pu und Schweller 2014, S. 151). Pu und Schweller versuchen in ihrer Arbeit das Problem zu lösen, wie herausgefunden werden kann, ob staatliches Handeln statusmotiviert oder sicherheitsmotiviert war. Dieser sehr praxisorientierte Ansatz geht dabei über andere hier vorgestellte Arbeiten hinaus, unterlässt es aber leider, Status selbst zu definieren. Pu und Schweller konzentrieren sich sehr stark auf die sichtbaren Ergebnisse von politischem Handeln und bestimmen dann – ähnlich wie Larson und Shevchenko (2014) – ex post, wie bestimmte politische Handlungen zu interpretieren sind. Das Hauptproblem von Arbeiten, die sich vornehmlich mit dem Verhältnis von Status zu Konflikt, beziehungsweise mit Status und Hierarchie befassen, liegt in der Reduktion von Statusstreben auf materielle Statusmarker, die ursächlich für Konflikte beziehungsweise Hierarchisierungsprozesse sind. Diese Vereinfachung soll dazu beitragen, den Einfluss von Status auf Konfliktentwicklung sichtbar zu machen. Jedoch tauchen aufgrund der Subjektivität von Status und Statusmarkern enorme Bewertungsspielräume auf. Auch fehlt in diesen Ansätzen eine eigenständige Definition von Status als eigenes staatliches Interesse. Status wird in diesen Ansätzen als ein Konfliktauslöser angesehen und nicht als ein eigenständiges Konzept zur Erklärung staatlichen Verhaltens. 2.1.3 Prestige und Ehre Gerade in der Debatte um Statusmarker beziehungsweise bei der Frage, wie Status sichtbar wird, werden Status und Prestige in Zusammenhang gebracht. Diese Verbindung lässt sich auf den klassischen Realismus zurückführen, wurde Prestige doch schon von Morgenthau als eine von drei Außenpolitikstrategien konzeptioniert (Morgenthau 1954). Prestige, verstanden als die öffentliche Anerkennung von erwünschten Errungenschaften oder Qualitäten20 (Wood 2013, S. 388), ist ebenso wie Status ein relationales Konzept (Renshon 2015, S. 663). Der Unterschied liegt in dem Umstand, dass Prestige sowohl eine positive als auch negative Ausprägung hat. Die positive Dimension bezieht sich auf eine hohe Wertschätzung oder einen wünschenswerten Status, die negative Dimension drückt sich in Abwertung, Gesichtsverlust 20 In der Soziologie wird Prestige meist als eine psychologische Kategorie verwendet. Sie ist gekennzeichnet durch das Gefühl des außergewöhnlichen, des unzugänglichen Wertes, den ein Anderer hat und der für einen selbst zunächst unerreichbar scheint. Prestige drückt sich dann vor allem durch die äußere Erscheinung aus: „Das Prestige wird durch Bilder, nicht durch logische Überzeugungen hervorgebracht“ (Kluth 1957, S. 10). Die Nutzbarmachung des Begriffs für die IB stützt sich zu großen Teilen auf diese Grundbausteine. 54 und Missachtung aus. Prestige kann somit als eine Art Vorstufe zu Status angesehen werden21 (Kluth 1957, S. 7), es ist jedoch nicht zwingend notwendig, Prestige zu besitzen, um eine bestimme Statusposition zu erreichen: „Prestige is a form of social status that extends across clusters and that can serve to reinforce a prestigious actor´s behavior. In the international system, prestigious states have a great deal of social power.” (Wood 2013, S. 389). Eine unmittelbare Unterscheidung von Status und Prestige findet nicht immer statt. So hat bereits Lebow gezeigt, dass Max Weber Status und Prestige als Äquivalente gebraucht (Lebow 2008, S. 487–488). Dies zeigt, wie eng beieinander die beiden Begriffe liegen22, jedoch bleibt festzuhalten, dass Prestige immer für eine klar bestimmbare Tat, Haltung oder Ähnliches vergeben wird und Vergleiche nur auf derselben Ebene sinnvoll möglich sind. Im Gegensatz dazu können Statusmarker auch über Ebenen hinweg verglichen werden, so kann beispielsweise die Fähigkeit, eine bestimmte Waffe zu bauen, ebenso als Statusmarker für einen bestimmten Status wahrgenommen werden wie auch der Erwerb von überseeischen Gebieten. Ähnlich basal ist auch das Konzept ‚Ehre‘ mit Status verknüpft. Ehre kann als ein „code of conduct“, welcher mit Statusgruppen assoziiert wird, verstanden werden (Weber 1968, S. 932). Ehre ist ein universelles Konzept, sie bezieht sich auf „essential duties all ‚honorable men‘ nead to fulfill“ (Wolf 2014b, S. 9). Sie ist Teil der menschlichen Natur und auch für kollektive Akteure wie Staaten ist sie ein „universal national interest“ (Wendt 1999, S. 233–236). Im Gegensatz zu Status bezieht sich Ehre aber immer auf vergangenes Verhalten: „Honor is back-ward looking“ (Wolf 2014b, S. 8). Ehre kann ein Akteur erlangen und wieder verlieren, es gibt sowohl negative als auch positive Ausprägungen. Das Verhalten eines Akteurs in bestimmten Situationen bestimmt, ob ihm Ehre für etwas zugesprochen wird oder nicht (Lebow 2010, S. 69, 72). Durch unehrenhaftes Verhalten kann einem Akteur Ehre auch wieder abgesprochen werden und die Wiedererlangung einer Ehrbekundung stellt dann einen sehr langwierigen Prozess dar (Wolf 2014b, S. 8). Im Gegensatz dazu lässt sich Status zwischen Staaten nicht durch negative Positionen beschreiben; das Schlimmste, was einem Akteur passieren kann, ist, dass er bestimmte positive Attribute – welche als statusrelevant an- 21 Dies trifft vor allem dann zu, wenn man Prestige als individuelles Phänomen erfasst, welches sich auf Gruppen – und somit auch ganze Gesellschaften – ausweiten lässt und wenn man davon ausgeht, dass Prestige für zentrale Werte erreicht wird, die gesamtgesellschaftlich weitgehend geteilt sind. Dann wird Status zum „Grad der Teilhabe an der Verwirklichung der zentralen Werte.“ (Kluth 1957, S. 27). 22 Die Begriffe Prestige, Ehre, Glorie und Status werden in der IB-Literatur häufig synonym verwendet (Renshon 2015; Joshi 2008, FN 1; Markey 1999). Ich plädiere hier jedoch für eine stärkere Ausdifferenzierung, um eine klare Abgrenzung des Begriffs Status vornehmen und mehr Klarheit in der Begriffsdebatte herstellen zu können. 55 gesehen werden – nicht hat. Schafft er es, diese Attribute zu erlangen, kann er schnell in der Statushierarchie aufsteigen, denn es ist für die Anerkennung von Status weniger relevant, wie lange man bestimmte Attribute schon hat23 (Wolf 2014b, S. 8). Status ist somit ein sehr kompetitives Konzept, man vergleicht sich mit anderen Akteuren und kämpft um bestimmte Statusmarker. Auf Ehre trifft dies nicht in einem derartigen Umfang zu (Larson et al. 2014, S. 16). Ehre wird einem Akteur für ehrenvolles Verhalten zugesprochen, hier geht es nicht um einen direkten Kampf, sondern ehrenvolles Verhalten bezieht sich auf einen lang tradierten Verhaltenskodex. Hier unterscheidet sich dann Ehre auch von glorreichem Verhalten. Glorreiches Verhalten bezieht sich nicht auf einen Verhaltenskodex oder dergleichen, sondern glorreiches Verhalten entsteht aus einem Moment heraus (Wolf 2014b, S. 9). Ehre benötigt, ähnlich wie Status, Prestige und Anerkennung soziale Zustimmung, es ist ein reziproker Prozess der gegenseitigen Wahrnehmung. Zustimmung durch Andere ist im menschlichen Kontext ein intrinsisches Gut (Larson et al. 2014, S. 17). Dies lässt sich auch auf die internationale Ebene übertragen, auch hier streben Staaten danach, dass ihr Verhalten und ihre Handlungen von Anderen wahrgenommen und bewusst anerkannt werden. Ehre ist im Gegensatz zu Status jedoch viel stärker personalisiert, auch im internationalen Staatenkontext. Hier kann Ehre folgendermaßen verstanden werden: „honor consists in an individual leader´s desire to avoid insult, shame, and particularly humiliation, relative to members of their peer group.” (Joshi 2008, S. 8). Es geht also um das persönliche Verhalten von politischen Führungspersonen gegenüber anderen Führungspersonen, die Staaten, die sie dabei vertreten, werden quasi als einzelne Persönlichkeiten behandelt (O'Neill 2003, S. 1). Dies trifft auf Status nicht zu. Auch hier spielen zwar die einzelnen Entscheidungsträger eine große Rolle, jedoch ist Status nicht so stark personalisiert sondern abstrahiert von der Ebene der Führungspersonen auf den kollektiven Akteur Staat. 2.1.4 Status und Autorität Auch der Begriff der Autorität taucht in der Debatte zu Status auf. Unter Autorität kann ein legitimiertes Recht auf Befehlsgewalt über andere Staaten verstanden werden (Lake 2009, S. 8). Dann teilt Autorität den Bereich der Fähigkeit, Zustimmung zu erlangen, mit dem Begriff Macht. Der große Un- 23 Tradition spielt auch bei Statusmarkern eine große Rolle. Da sie immer in einem Aushandlungsprozess bestimmt werden, sind sie symbolisch aufgeladen und entspringen häufig bestimmten Traditionen (z. B. Hochseeflotten mit bestimmten Schlachtschifftypen oder Kolonialerwerb in bestimmten Gebieten). Dennoch ist hier ein Unterschied zu Ehre zu sehen, denn Ehre wird für etwas ausgesprochen, das eine jahrhunderte- oder jahrzehntelange Tradition aufweist und weitestgehend unabhängig ist von permanenten Aushandlungsprozessen. 56 terschied liegt in der Tatsache, dass Macht nicht zwangsläufig legitimiert sein muss. Im Gegensatz dazu ergibt sich Autorität durch einen sozialen Vertrag, der auf der Idee basiert, dass für Zustimmung und Legitimität Ordnung geschaffen wird: „Authority is, simply stated, rightful rule.“ (Lake 2009, S. 8). Diese Sichtweise ist kompatibel mit dem Ausbruch aus dem Hobbsschen Naturzustand, jedoch ohne dass Autorität aus einer überlegenen, rechtmäßigen Institution kommen muss (Lake 2009, S. 3). Das Verhältnis von Status und Autorität lässt sich so ausdrücken, dass die Ausübung von Autorität durch Statusbestrebungen motiviert sein kann. So kann man die Phase der Kolonialisierung als Phase der zumindest in der alten Welt legitimierten Autoritätsausübung sehen, welche dazu dienen sollte, den Status des Autorität ausübenden Staates zu erhöhen (Larson et al. 2014, S. 15). Der Unterschied zwischen Autorität und Status liegt dabei in dem Umstand, dass Autorität nicht immer gegenseitig anerkannt werden muss, um wirkmächtig zu sein. Status dagegen kann nur funktionieren, wenn es zu einem gegenseitigen Anerkennungsprozess kommt. So stellt beispielsweise David A. Lake die Begriffe Status und Autorität gegenüber; damit möchte er eine Verbreiterung der Forschungsagenda für den Machtbegriff erreichen und einen wichtigen analytischen Unterschied verdeutlichen (Lake 2014, S. 247). Die wesentlichen Unterschiede der beiden Konzepte sieht Lake in dem Umstand, dass Status ein Clubgut ist und somit nicht zwangsläufig ein Nullsummenspiel, er ist im Gegensatz zur Autorität multidimensional und ein soziales Konstrukt. Veränderungen im Status haben selten zu direktem Konflikt geführt, Verlust von Autorität dagegen schon (Lake 2014, S. 248). Autorität fasst er als ein exklusives Gut auf, sie kann nur von einem Staat oder einer supranationalen Organisation in einem bestimmten Politikfeld ausgeübt werden, denn das Recht zu bestimmen, wer das Recht hat zu entscheiden, kann nicht aufgeteilt werden. Aufgrund dieser Exklusivität ist Autorität viel stärker ein Nullsummenspiel als Status, die eigene Autorität kann nur ausschließlich auf Kosten anderer erhöht werden und somit ist das Streben nach Autorität auch konfliktbehafteter als das Streben nach Status. Wenn nun jedoch Autorität aus den Analysen ausgeblendet wird, werden Status Konflikte zugeschrieben, die ursächlich ein Kampf um Autorität waren (Lake 2014, S. 249). Status definiert Lake als eine Rangordnung werthaltiger Attribute, wie zum Beispiel Wohlstand, zwingende Fähigkeiten, Kultur, demographische Entwicklung, sozio-politische Organisation oder diplomatischen Einfluss (Lake 2014, S. 250). Diese Eigenschaften sind bereits von Anhängern der realistischen Theorietradition wie auch von ihren Kritikern anerkannt worden. Der große Unterschied zu der neorealistischen Beschreibung von Fähigkeiten ist die Intersubjektivität und Relationalität von Status, damit kann Status anzeigen, wie die einzelnen Fähigkeiten gewichtet 57 sind, er kann die kausale Verbindung zwischen der Verteilung von Fähigkeiten und Einfluss im internationalen System, wie sie von Neorealisten angenommen wird, aufbrechen. Die Clubguteigenschaften bedeuten, dass Status teilweise umkämpft ist und nicht allen gleichermaßen zur Verfügung steht (Lake 2014, S. 251). Es bedeutet jedoch nicht, dass, wenn einem Mitglied ein besonders hoher Status zugesprochen wird, der Status aller anderen Mitglieder abgewertet wird, denn Status ist bis zu einem gewissen Grad elastisch und expansiv, da es verschiedene Dimensionen gibt, in denen nach Status gestrebt werden kann und er aufgrund seiner sozialen Konstruktion eine gewisse Elastizität aufweist. Mit all diesen Eigenschaften ist Status dennoch kompatibel mit der realistischen Anarchieannahme. Autorität hingegen sei das nicht, denn Autorität definiert ein Abhängigkeitsverhältnis, welches meist auf sozialen Verträgen beruht. Diese sind sowohl für die Autorität ausübenden Staaten als auch für die Beherrschten die beste Alternative, denn diese wäre der Hobbssche Naturzustand Alle gegen Alle (Lake 2014, S. 252). Diese freiwillige Unterwerfung steht dem Anarchieprinzip diametral entgegen. Autorität ist ausschließend und umkämpft, sie kann besessen werden, damit ist sie ein privates Gut (Lake 2014, S. 253). Lake analysiert die Begriffe Status und Autorität im Hinblick auf ihre Kompatibilität mit (neo-)realistischen Annahmen. Er kommt zu dem Schluss, dass ‚Autorität‘ bislang kein Gewicht in der Debatte hatte, weil sie mit der Grundannahme des anarchischen Systems unvereinbar ist. Er sieht jedoch die Bedeutung von Autorität bei der Konfliktursachenforschung. Status versteht er als ein Ordnungsprinzip, welches über die klassischen Machtannahmen hinaus geht und als soziale Konstruktion multidimensional ist. Dem Ansatz von David A. Lake fehlt eine deutliche Abgrenzung von Status und Macht beziehungsweise eine Einordnung, in welchem Verhältnis diese Konzepte zueinander stehen. Einen anderen Zugang zu Autorität und Status wählt Anne L. Clunan. Sie konstatiert, dass Status eine Schlüsselquelle für Autorität in der Weltpolitik sei. Nur durch die Zuschreibung eines bestimmten Status kann Autorität, verstanden als legitime Ausübung von Macht und Gewalt, erlangt werden. Daher ist auch die Analyse von Statuskonflikten so wichtig, denn es sind Konflikte um die legitime Ausübung von Macht (Clunan 2014, S. 275). Wegen seiner Natur als soziales Konstrukt ist Status das Fundament für Autorität, denn sie benötigt eine akzeptierte soziale Struktur, um legitim zu sein. Durch die Integration von Ergebnissen aus der SIT kann die Bedeutung von Status für kollektive Akteure – Staaten24 – besser erfasst werden. So wird auch die Analyse 24 Die Frage, ob Staaten als kollektive Akteure oder als Gruppen behandelt werden, ist umstritten. Kollektive Akteure sind Akteure, denen eine bewusste, gemeinsame Handlungsorientierung unterstellt werden kann (Mayntz und Scharpf 1995, S. 51). Ob dies für Staaten gilt, ist Gegenstand der politikwissenschaftlichen Debatte. Es wird davon ausgegangen, dass ein Staat 58 von nichtrationalem staatlichen Verhalten zur Erlangung von positivem Status in der Weltpolitik möglich, denn im Gegensatz zu strukturell realistischen Theorien gibt es auch neben dem materiellen Wettbewerb Alternativen zur positiven Positionierung im System (Clunan 2014, S. 278). Auch können so die Auswirkungen von Gruppenverhalten auf Konfliktentwicklung untersucht und die Legitimität von Autorität differenzierter betrachtet werden, weil sie nun als intersubjektive Annahmen über Status gedacht werden können (Clunan 2014, S. 282): „Status is, in a nutshell, about who is endowed with legitimate social power: authority.“ (Clunan 2014, S. 283). 2.1.5 Zusammenfassung Dieser Überblick über die Debatten, die sich mit Status beschäftigen, zeigt, wie komplex und differenziert Status ist. Status dockt an so viele verwandte und bereits etablierte Konzepte in den IB an, dass eine genaue Begriffsklärung und Abgrenzung notwendig ist, um den Mehrwert von Statusanalysen zu untermauern. Die Aufnahme von weiteren sozial-psychologischen Ansätzen kann helfen, das Puzzle zu entwirren und die Bedeutung von Status auf der internationalen Ebene klären. Auch lässt sich die Frage, ob Status ein eigenständiges Gut im internationalen System oder anderen Machtfähigkeiten nachgeordnet ist, nur durch weitere – vor allem empirische – Forschungsprogramme erhellen. Wie kompliziert dies ist, lässt sich bereits an den vorliegenden empirischen Studien zeigen. Vor allem der Aufstieg Chinas wurde mehrfach unter Statusaspekten untersucht (Deng 2008; Wolf 2014a; Suzuki 2008). Die Autoren verweisen auf die Komplexität des Konzepts und stoßen häufig auf das Problem, Status zu einer eindimensionalen Kategorie zu reduzieren, die genauso behandelt wird wie klassische Machtfähigkeiten. Die soziale Dimension wird zwar gesehen, bleibt häufig jedoch untertheoretisiert und empirisch nicht eindeutig nachgewiesen (Kang 2010). Auch taucht häufig das Problem auf, dass Status nur aus einer Richtung betrachtet wird. Die Bedeutung der anerkennenden Seite bleibt untertheoretisiert und auch die konkrete Handlungsebene – also der Prozess, wie der Wunsch nach mehr Status einerseits umgesetzt werden kann und welche Einflussmöglichkeiten andererseits anerkennende Akteure haben – ist nicht ausreichend berücksichtigt. Es wird deutlich, dass die theoretische Fassung von Status in den IB nur sehr schwer möglich ist. Status ist mit so vielen anderen, teilweise zentralen Begriffen und Konzepten der IB verknüpft, dass eine eindeutige Zuordnung in viele verschiedene Handlungseinheiten zerfällt und damit innenpolitisch der Staat nicht als kollektiver Akteur betrachtet werden kann. Anders ist dies in der Außenpolitik, denn in der internationalen Politik werden Staaten als einheitliche und rechtsfähige Subjekte angesehen und auch von anderen Akteuren als handlungs- und strategiefähig betrachtet (Braun 1999, S. 45). 59 und Begriffsbestimmung schwerfällt und bislang nicht versucht wurde. Auch zeigt sich, dass der Fokus häufig immer nur auf einem Aspekt oder Teilaspekt von Status liegt und dabei andere Komponenten vernachlässigt oder negiert werden. Dies alles macht eine Vergleichbarkeit von verschiedenen Ansätzen nur schwer möglich und auch das Entstehen von Synergieeffekten bleibt so weitestgehend aus. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich fast alle Autoren einigen können, ist, „that status is a positional good held by actors arranged in an asymmetric social order“ (Wolf 2014b, S. 3). Nach welchen Kriterien diese Rangordnung sich ausbildet und wie sie überhaupt entsteht ist Gegenstand heftiger Debatten. Trotz der vielen Ansätze und unterschiedlichen Herangehensweisen bleibt Status daher bislang ein „notoriously fuzzy concept“ (Wohlforth 2009, S. 38) in den IB. 2.2 Status als unabhängiges Konzept in den IB Wie der Überblick über die bisherigen Forschungsarbeiten zu Status und verwandten Begriffen und Konzepten gezeigt hat, stecken systematische Untersuchungen für den Bereich der IB noch in den Kinderschuhen. Bislang wurde zumeist versucht, bestehende Konzepte aus anderen Disziplinen oder auch aus den IB auf Status zu übertragen. Dies funktioniert jedoch nur bis zu einem gewissen Grad, denn schnell kommt es zu begrifflichen oder definitorischen Konflikten. So ist beispielsweise der Ansatz aus der SIT vielversprechend, wenn es um die Analyse von Strategien geht, die Individuen und Gruppen zur Verfügung stehen, um die eigene Position in einem sozialen Gefüge zu verbessern, jedoch stößt sich die Unterscheidung zwischen Individual- und Gruppenstrategien mit dem Akteur Staat. Auch fehlt diesen Ansätzen die Berücksichtigung der anerkennenden Seite. Dass Status vor allem eine Interaktion ist, bleibt weitestgehend unberücksichtigt und führt so zu einem statischen Verständnis von Status. Dennoch kann durch die Integration von Ergebnissen aus der SIT die Bedeutung von Status für kollektive Akteure – Staaten – besser erfasst werden. So wird auch die Analyse von nichtrationalem staatlichen Verhalten zur Erlangung von positivem Status in der Weltpolitik möglich, denn im Gegensatz zu strukturell realistischen Theorien gibt es neben dem materiellen Wettbewerb Alternativen zur positiven Positionierung im System (Clunan 2014, S. 278). So können die Auswirkungen von Gruppenverhalten auf Konfliktentwicklung untersucht und die Legitimität von Autorität ausdifferenzierter betrachtet werden, weil sie nun als intersubjektive Annahmen über Status gedacht werden können (Clunan 2014, S. 282): „Status is, in a nutshell, about who is endowed with legitimate social power: authority.“ (Clunan 2014, S. 283). Die Frage, ob Nationen Gruppen sind, beantwortet die SIT mit ‚ja‘. Schon Henri Tajfel stellte fest, dass seine Definition von Gruppe die gleiche sei wie Rupert Emerson´s Definition von Nation 60 (Clunan 2009, S. 27). Bei Staaten ist jedoch nicht mehr so klar, ob es sich um Gruppen handelt oder um kollektive Akteure. Staaten sind sicher in der Lage, Gruppen zu bilden (z. B. die EU oder NATO) und sie können auch selbst eine Gruppe sein, zum Beispiel als Nation, aber im internationalen Umfeld verhalten sich Staaten eher als kollektive Akteure gegenüber anderen kollektiven Akteuren oder Gruppen. Realistisch inspirierte Ansätze stoßen an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Status als eigenständiges staatliches Interesse zu behandeln, weil es dann im Konflikt mit Macht- oder Sicherheitsmaximierung steht (z. B. Schweller 1999b; Wohlforth 2014). Dies zeigt, dass es eines integrierenden Verständnisses von Status bedarf. Im Folgenden wird eine Beschreibung von Status und Statusstreben im internationalen System vorgenommen, die nicht strikt an eine bestimmte theoretische Richtung gebunden ist25, um zunächst einmal zu bestimmen, was der Inhalt des Begriffs sein kann und aus welchen Gründen er für Staaten relevant und erstrebenswert ist. Daran anschließend wird ein Analyseraster entwickelt, mit dem die Politiken zur Erlangung eines bestimmten Status im internationalen System untersucht werden können. Insbesondere wird hier auf Überlegungen der SIT in Bezug auf die Möglichkeiten, die ein Staat hat, um einen Statusanspruch umzusetzen, zurückgegriffen. Im Vorfeld dazu wird der Staat als kollektiver Akteur konzeptioniert, für den Status ein staatliches Interesse darstellt. Gekoppelt wird dies mit Überlegungen zur Verknüpfung von Status mit Konflikt und Hierarchien. 2.2.1 Was ist Status und Statusstreben? Status beziehungsweise eine bestimmte Statusposition ist ein Produkt des internationalen Systems, denn dieses bringt Statushierarchien hervor. In Anlehnung an Hobbes geht der Großteil der Forschung davon aus, dass die internationale Politik und das internationale System anarchisch sind und es keine Autorität jenseits der Staaten gibt26 (Schmidt 1998, S. 1; Milner 1991). Lediglich die Konsequenzen dieser Annahme variieren: Realistische Ansätze gehen davon aus, dass Staaten nach Macht beziehungsweise Sicherheit streben und alles im Hobbsschen Kampf Aller gegen Alle endet. Neoliberale 25 Für dieses Vorgehen spricht sich auch Vincent Pouliot aus (Pouliot 2014, S. 194). Er geht davon aus, dass Status und insbesondere Statusmarker nicht eindeutig definiert sind und aus der täglichen Interaktion der Akteure immer wieder neu entstehen: „the social value of given resources is neither immanent nor self-evident, but historically contingent and socially defined.“ (Pouliot 2014, S. 195). 26 Eine Ausnahme stellt hier Dan Deudney dar. Er plädiert für eine „negarchy“ (Deudney 2007, S. 48–49) als Alternative, um den Gegensatz der „twin evils of „hierarchy“ and „anarchy“ aufzulösen (Deibert 2012, S. 273). In dieser Ordnungsform sind Akteure zwar „authoritatively ordered“, dies jedoch auf Grund von gegenseitiger Rücksichtnahme (Deudney 2007, S. 48). 61 Institutionalisten nehmen an, dass nutzenmaximierende Staaten eher nach Kooperation als nach Konflikt streben und Konstruktivisten gehen davon aus, dass die soziale Welt konstruiert ist – aber alle gehen davon aus, dass die Beziehungen zwischen Staaten anarchisch sind (Lake 2009, S. 2). Dennoch zeigt sich, dass Hierarchien allgegenwärtig sind und Staaten sich ganz oder teilweise der Autorität anderer dominanter Staaten unterwerfen27 (Hobson und Sharman 2005, S. 64; Donnelly 2006, S. 141; Cooley 2005; Wallace 1971, S. 23). Die Vorteile dieser freiwilligen Unterordnung liegen in drei Bereichen: Ihre Sicherheit und territoriale Integrität erhöht sich, Eigentumsrechte im In- und Ausland sind besser definiert und geschützt sowie generelle Standards von internationalem Verhalten werden definiert und umgesetzt (Lake 2009, S. 8–9). Dominante Staaten profitieren von dieser Hierarchisierung, indem sie ihre Interessen effizienter verfolgen können und sie in der Lage sind, sich selbst Vorteile zu verschaffen. Des Weiteren ist es für sie kostengünstiger, sich so legitimieren zu lassen als ständig anderen Staaten ihren Willen aufzwingen zu müssen (Lake 2009, S. 9). Hierarchie ist dabei zu verstehen als „a variable defined by the authority of the ruler over an increasing number of issues otherwise reserved to the ruled“28 (Lake 2009, S. 45). Der Grad der Hierarchisierung der Beziehung ergibt sich dabei aus der Menge der Handlungen, die ein dominanter Staat bei einem untergeordneten Staat regulieren kann: Je größer diese Menge ist, desto hierarchischer ist die Beziehung (Lake 2009, S. 45). Internationale Hierarchien basieren auf einem Sozialvertrag mit Rechten und Pflichten sowie Vereinbarungen zwischen den dominierenden und den untergeordneten Akteuren (Lake 2009, S. 10). Diese Beziehung ist – wie alle politische Beziehungen – immer umstritten und Ge- 27 Die Herausbildung und Funktionsweise von Hierarchien ist besonders intensiv von Soziologen und Sozialpsychologen erforscht worden. Hier konnte mehrfach nachgewiesen werden, dass Hierarchien eine allgegenwärtige Form der sozialen Organisation darstellen (u.a. Friesen et al. 2014; Gould 2002; Halevy et al. 2011; Magee und Galinsky 2008). Sie sind so häufig anzutreffen, weil sie das Funktionieren von Gruppen erleichtern, indem sie Anreize setzen, dass Leistung belohnt wird und Kooperation und Koordination zwischen Gruppenmitgliedern erleichtern (Friesen et al. 2014, S. 591; Halevy et al. 2011, S. 33). Es konnte gezeigt werden, dass sowohl die höher positionierten als auch die niedriger positionierten Mitglieder die Hierarchie unterstützen, insbesondere dann, wenn die Hierarchie den Status quo repräsentiert (Anderson et al. 2012; Jost und Banaji 1994; Wakslak et al. 2011). Weit oben in der Hierarchie zu stehen befriedigt unterschiedliche psychologische Bedürfnisse: Status, Macht, Dominanz und Selbstwertgefühle (Fiske 2011; Magee und Galinsky 2008). 28 Ein ähnliches Verständnis von Hierarchie findet sich auch in (sozial-)psychologischen Ansätzen, die davon ausgehen, dass hierarchische Unterschiede durch eine „rank order of individuals or groups on a valued social dimension“ (Magee und Galinsky 2008, S. 354) entstehen und dass diese Unterschiede eine universale Eigenschaft von sozialen Gruppen sind (Cheng et al. 2013, S. 104). 62 genstand eines permanenten Aushandlungsprozesses29. Hierarchie als Ordnungsfunktion im internationalen System zu sehen bedeutet nicht automatisch, dass das anarchische Bild vom internationalen System fehlerhaft ist oder überworfen werden müsste. Die Fokussierung auf Hierarchien im internationalen System ermöglicht vielmehr den Blick auf eine alternative, komplexere und weniger eindeutige politische Welt (Lake 2009, S. 16). Hierarchien und Hierarchisierungen sind also Bestandteil der internationalen Ordnung und auch Status lässt sich in diesen Begriffen fassen30, denn er schließt Fragen des Rangs, das heißt der internationalen Positionierung des eigenen Landes in einer imaginären internationalen Hierarchie von politischer, militärischer, sozialer und ökonomischer Macht mit ein (Clunan 2009, S. 31–32; Wallace 1971, S. 26). In Statushierarchien haben die höher positionierten Staaten Möglichkeiten, auf die niedriger positionierten Staaten einzuwirken. Sie können beispielsweise bestimmen, ob anderen Akteuren ein Aufstieg in der Hierarchie ermöglicht wird oder welche Statusmarker als relevant angesehen werden, um eine bestimmte Statusposition zu erreichen (Magee und Galinsky 2008; Friesen et al. 2014, S. 591). Aus diesen Statushierarchien ergibt sich eine Form der Rangordnung von Akteuren innerhalb dieser Hierarchien. Dieses Ranking kann sich sowohl auf symbolische als auch materielle Dimensionen beziehen (Larson et al. 2014, S. 11–12). Gefüllt werden beide Dimensionen durch Statusmarker; sie haben eine Signalfunktion, denn sie zeigen auf eine vereinfachende und greifbare Art an, wie die Statushierarchien ausgestaltet sind (Wolf 2014b, S. 15). Statusmarker sind Güter – materielle und symbolische –, denen ein besonders hoher Wert beigemessen wird, weil sie von Akteuren besessen werden, denen bereits ein hoher Status zuerkannt worden ist (Thye 2000, S. 407). Diese Statusmarker stellen dabei ein Kontinuum dar – von symbolischen hin zu materiellen Statusmarkern (Abbildung 1). 29 Aus soziologischer Perspektive konnte bereits die Status Characteristics Theory (SCT) zeigen, dass Prestigehierarchien auf kulturell bewerteten Statuscharakteristiken beruhen. Es findet also ein Aushandlungsprozess statt, der je nach kulturellem Setting variiert (Thye et al. 2006, S. 1471; Ridgeway 1991). 30 Noch weiter geht hier Ned Lebow (2010). Er argumentiert, dass eine Hierarchie gleichbedeutend ist mit der Rangordnung von Status. Je höher der Status eines Akteurs, desto mehr Privilegien gehen mit ihm einher, aber auch Rechte und Pflichten. Legitimiert wird diese Hierarchie und die verschiedenen Statuspositionen dann durch Ehre und ehrenvolles Verhalten (Lebow 2010, S. 69). 63 Abbildung 1: Kontinuum der Statusmarker Quelle: Eigene Darstellung. Symbolische Statusmarker beziehen sich dabei vor allem auf Gegenstände oder Leistungen, die mit hohem Prestige und Ansehen verbunden sind, das nicht primär auf der technischen oder finanziellen Machbarkeit beruht. Dies können das Ausrichten von internationalen Kongressen, Tagungen oder Konferenzen, Großveranstaltungen, sowohl sportlicher als auch künstlerischkultureller Provenienz, sowie symbolträchtige Bauwerke, Raumfahrtmissionen oder die Entwicklung von Waffentechnologien sein (Larson und Shevchenko 2010, S. 69–70). Materielle Statusmarker drücken sich vor allem durch ihre Existenz aus, denn sie werden nicht ausschließlich aus klassischen staatlichen Interessen wie Sicherheit oder Wohlstand erworben. Hierunter fallen zum Beispiel der Erwerb von Kolonien oder Waffensystemen, die nicht zwangsläufig zur Erhaltung oder Erhöhung der eigenen Verteidigungsfähigkeit dienen. Die Zuordnung einzelner Statusmarker in die symbolische oder die materielle Dimension muss dabei nicht immer eindeutig sein und ist auch nicht immer möglich. Das Kontinuum der Statusmarker beinhaltet einen gro- ßen, überlappenden Bereich in der Mitte, der anzeigt, dass symbolische Statusmarker auch als materielle Statusmarker wahrgenommen werden können und umgekehrt. Die Bewertung, um welchen Statusmarker es sich handelt, ist ein subjektiver Prozess der beteiligten Akteure. Materielle Statusmarker haben immer auch eine hohe symbolische Funktion, denn nur so können sie überhaupt als Marker für Status wahrgenommen werden (Milner Jr. 1994, S. 31). So sind viele Rüstungsgüter oder Waffentypen auf den ersten Blick eine Materialisierung des Sicherheitsinteresses eines Akteurs im internationa- Materielle Statusmarker (Auswahl) Symbolische Statusmarker (Auswahl) Kolonialbesitz Bauwerke/Kulturgüter Waffensysteme Raumfahrtmissionen Internationale Großveranstaltungen 64 len System. Betrachtet man diese Güter jedoch genauer, fällt häufig auf, dass sie gar nicht so viel – vor allem im Vergleich zu ihren Kosten – zur Erhöhung der eigenen Sicherheit beitragen. Sie sind vielmehr Prestigeobjekte, die den eigenen Statusanspruch symbolisieren sollen (Ross 2009, S. 46). Aber auch viele symbolische Statusmarker können eine starke materielle Komponente aufweisen, durch diese werden sie sichtbar und dauerhaft. Häufig findet sich hier auch die Annahme wieder, dass aus symbolischen Statusmarkern materieller Nutzen generiert werden kann (Pu und Schweller 2014, S. 145–149; Ross 2009). Der Erwerb von speziellen Rüstungsgütern beispielsweise signalisiert primär das materielle Statusbewusstsein eines Akteurs. Durch den Erwerb möchte er zeigen, dass er Mitglied in einem meist exklusiven Club sein möchte und dass diese Mitgliedschaft als solche anerkannt wird. Ebenso ist der Erwerb auch ein symbolischer Akt. Ein Akteur zeigt, dass er die Fähigkeiten hat, diese Rüstungsgüter zu erlangen und demonstriert damit seine Stärke, auch wenn sie die Sicherheit des Landes nicht zwangsläufig erhöhen31. Jedoch müssen nicht alle symbolischen Statusmarker eine materielle Dimension haben, man denke hier unter anderem an vergängliche Kunstwerke zur Darstellung des eigenen Statusanspruchs oder das Ausrichten einer internationalen Konferenz. Hier entstehen zwar Kosten, um diese symbolischen Statusmarker zu generieren, sie sind jedoch nicht dauerhaft materiell sichtbar. Die Bewertung also, ob es sich bei bestimmten Objekten um Statusmarker handelt, wird von den jeweiligen Akteuren bestimmt, sie bestimmen über deren Wert (Thye 2000, S. 412). Es zeigt sich, dass die beiden Dimensionen von Statusmarkern somit immer in ihrer Zusammenschau betrachtet werden müssen, sie sind interdependent. Nur die Festlegung von Statusmarkern ist objektiv möglich, die Bewertung, ob es sich um einen materiellen oder symbolischen Marker handelt, trifft jeder Akteur subjektiv. Entscheidend ist dabei, dass erst dadurch, dass bestimmte Güter sichtbar werden und ihnen eine symbolische Dimension zugesprochen wird, sie als Statusmarker wahrgenommen werden (Larson et al. 2014, S. 12). Dieses Streben nach symbolischen und/oder materiellen Statusmarkern, um die eigene Position in der relevanten Statushierarchie zu erhalten oder zu verbessern, führt zu einem Wettbewerb um nicht unbegrenzt verfügbare Güter. Statusmarker haben somit eine gewisse Exklusivität (Larson et al. 2014, S. 9; Hirsch 1976; Schweller 1999b, S. 42). Kolonien beispielsweise lassen sich zunächst einmal nur solange erwerben, wie die Welt noch unentdeckte oder nicht kolonisierte Gebiete aufweist. Wenn alle Gebiete bereits verteilt 31 Ein Beispiel hierfür ist die Schaffung einer großen Schlachtschiffflotte durch das Deutsche Reich zwischen 1897 und 1912. Die Sicherheit des Kaiserreichs wurde durch dieses Rüstungsgut nicht wesentlich erhöht, zum Zweck der Sicherheitsmaximierung hätten andere Schiffstypen gebaut werden müssen. Mehr dazu in Kapitel 4.1.3. 65 sind, ist das Erlangen dieses Statusmarkers nur noch unter sehr erheblichen Kosten gegen den Widerstand anderer möglich. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Austragen internationaler Großereignisse. Olympische Spiele, um nur ein Beispiel zu nennen, werden nur alle zwei Jahre im Wechsel von Sommer- und Winterspielen ausgetragen. Dies führt zu einer gewissen Exklusivität, denn der Ausrichterkreis ist eng begrenzt und die Gelegenheiten, einen Zuschlag zu erhalten, sind rar gesät. Diese Exklusivität drückt sich jedoch nicht zwangsläufig durch einen Kampf um knappe Ressourcen aus – wenn ein Akteur etwas erwirbt, muss nicht automatisch ein anderer Akteur in gleichem Maße verlieren. Es gibt keine festgeschriebene Menge an Status im internationalen System, die immer neu verteilt wird und so den Auf- und Abstieg innerhalb dieser Hierarchie determiniert. Dadurch, dass sich Statusmarker wandeln können und dass es auch Marker gibt, die in größerem Umfang zu erlangen sind als andere – zum Beispiel Waffensysteme –, ist Status keine absolute Größe sondern der Ausdruck einer Relation32 (Larson et al. 2014, S. 9–10). Unter dieser Voraussetzung ist Status auch nicht absolut quantifizierbar, denn es ist nicht möglich, durch rein statistische Verfahren zu bestimmen, welcher Akteur mehr oder weniger Status ‚besitzt‘. Mit dieser Annahme grenzt sich der in dieser Arbeit vorgeschlagene Statusbegriff von Ansätzen ab, die Status quantitativ nachweisbar machen wollen. Volgy et al. schlagen beispielsweise vor, Status indirekt über die Anzahl diplomatischer Verträge, hochrangige Staatsbesuche, die Anzahl von ausländischen Botschaften bei einer Großmacht und der Anzahl von Staatsbesuchen in der Hauptstadt zu messen (Volgy et al. 2014, S. 66). Damit sei es ihnen möglich, in Abgrenzung zu einer reinen Betrachtung der Daten des Correlates of War Index (COW) unterschiedliche Bedingungen für Großmachtstatus innerhalb des Großmachtclubs aufzudecken und nicht alle Großmächte als gleiche Mitglieder zu charakterisieren (Volgy et al. 2014, S. 69). Mit dem Versuch, Status absolut messbar abbilden zu können, geht der subjektive Charakter der gegenseitigen Statuszuschreibung verloren und auch die Veränderlichkeit von Status und Statusmarkern bleibt unberücksichtigt. Des Weiteren kann es als problematisch angesehen werden, Status so über indirekte Messgrößen zu erheben. Damit wird die Bewertung einzelner Statusmarker durch die handelnden Akteure ausgeblendet und immer nur eine Seite der Statusbeziehung be- 32 Status weist hier eine Parallele zu Macht auf. Auch Macht ist „nichts Gegenständliches, unmittelbar Sichtbares, sondern weithin unsichtbare Eigenschaft sozialer Beziehungen“ (Imbusch 1998, S. 9). Damit entzieht sie sich „im Grunde einem auf Quantifizierbarkeit angelegten Methodenzugriff“ (Imbusch 1998, S. 9; Zelger 1975). Macht und auch Herrschaft sind dann eher relationale und nicht attributionale Phänomene (Imbusch 1998, S. 9–10). Die nicht sichtbare Gegenständlichkeit und die Eigenschaft der sozialen Beziehung lassen sich auch auf Status übertragen, damit wird auch Status zu einer nicht absolut quantifizierbaren Größe. 66 leuchtet. In dieser Arbeit wird daher keine Messbarkeit von Status angestrebt, sondern es geht um die Herausarbeitung der Relationalität von Statusbeziehungen und der unterschiedlichen sozialen Konstruktionen von Status. Diese Relationalität ergibt sich vor allem aus der konstruierenden Qualität von Status. Status ist ein soziales Phänomen, der Wert oder die Existenz von Statusmarkern sowie auch die Rangordnung selbst sind soziale, diskursive Aushandlungsprozesse der beteiligten Akteure (Larson et al. 2014, S. 8; Lebow 2008, S. 67). Status ist somit eine soziale Konstruktion33, deren Ausgestaltung den handelnden Akteuren obliegt. Daher lässt sich auch keine ahistorische Definition oder Aussage über den Gehalt von Status treffen, denn er ist kein unabhängiges Konzept. Zum einen herrscht eine hohe interne Interdependenz vor, zum anderen ist Status nach außen ein Rahmen, der immer wieder neu ausgefüllt werden muss. Daraus ergibt sich, dass Status und Statusstreben einem permanenten Wandel unterliegen und der Begriff vierdimensional ist. Dies bezieht sich auf die Varianz über Raum und Inhalt sowie über Zeit. Es wird davon ausgegangen, dass die sozialen Konstruktionsprozesse permanent ablaufen und so fortlaufend den Bedeutungsgehalt von Status ver- ändern. Die relevante Akteurskonstellation kann sich verändern, ebenso wie die Bedeutung der Statusmarker, auch können sich die Interessen der handelnden Akteure verschieben oder exogene Ereignisse (Krieg, Naturkatastrophen, etc.) die Statushierarchie beeinflussen. Galten im 19. Jahrhundert beispielsweise Schlachtschiffe als das militärische Nonplusultra und waren somit ein wichtiger materieller und auch symbolischer Statusmarker, wurden sie während des Zweiten Weltkriegs durch Atomwaffen abgelöst und heute gelten Flugzeugträger als mächtiges und relevantes militärisches Mittel, um den Status als große Militärmacht darzustellen. Der Gehalt von Status lässt sich also immer nur als Momentaufnahme erheben und verstehen. Daraus ergibt sich, dass es besonders wichtig ist, Status und Statusstreben immer in der jeweils relevanten Epoche zu kontextualisieren. Verschiedene Ordnungsvorstellungen und Rahmenbedingungen schaffen unterschiedliche Ausgangsbedingungen, denn die Ausgestaltung des internationalen Systems ist das Ergebnis der Interaktion der Akteure, ihrer Macht- und Rollenverteilung sowie der Polarität des Systems (Yoon 2003, S. 8). Diese Faktoren setzen die Bedingungen, zu denen Status von den handelnden Akteuren sozial konstruiert werden kann. Status kann in verschiedenen Ordnungsvorstellungen unterschiedlich ausgeprägt sein und un- 33 Status als soziale Konstruktion aufzufassen geht auf die Annahme zurück, dass die Realität, die einen tagtäglich umgibt, selbst zu großen Teilen ein soziales Produkt ist (z. B. Oatley 1993, S. 341). Wenn man dieser Annahme folgt, sind auch ihre Teilbereiche und Interaktionen, ob zwischen Individuen oder kollektiven Akteuren wie Staaten, soziale Produkte, das heißt Ergebnis von Aushandlungsprozessen und kulturellen Einflüssen. 67 terschiedliche Assoziationen auslösen. Dies kann sich vor allem auf die materiellen und symbolischen Statusmarker beziehen. So war zum Beispiel der Erwerb von Kolonien während des 19. Jahrhunderts (Europäisches Großmächtekonzert) ein sowohl materieller als auch symbolischer Statusmarker, der großen Einfluss auf die Position eines Akteurs in der Statushierarchie hatte (Murray 2010). Wie diese Statusmarker gewichtet werden, hängt von den Rahmenbedingungen ab, die die hegemoniale Ordnungsvorstellung ermöglicht und wie die Bedeutung der einzelnen Marker konstruiert ist. Status in diesem Zusammenhang als soziale Konstruktion zu verstehen ist der unterschiedlichen Bewertung von Werten und Normen in verschiedenen Kulturkreisen und Epochen geschuldet (Dafoe et al. 2014, S. 376). Hier spielen auch die Identitäten der Akteure eine wichtige Rolle, geben sie doch Aufschluss darüber, als was ein Akteur von wem wahrgenommen werden möchte (Hansen 2006, S. 41–44). Die Identitäten der Akteure erschaffen auch den Möglichkeitsraum, in dem Status in einem Aushandlungsprozess sozial konstruiert wird. Aus diesem Zwang zur Kontextualisierung ergibt sich auch, dass die Betrachtung und Analyse von Status und Statusstreben immer einzelfallbezogen sein muss. Unter einzelfallbezogen wird hier verstanden, dass eine Vergleichbarkeit über lange Zeiträume oder Epochengrenzen hinweg nur schwer möglich ist, denn es ist davon auszugehen, dass sich die Akteurskonstellationen, die Rahmenbedingungen und/oder die Ordnungsvorstellungen so grundsätzlich verändern, dass die soziale Konstruktion Status in verschiedenen Epochen und geografischen Räumen völlig unterschiedlich ausgestaltet ist. Die soziale Konstruktion von Status bedingt auch, dass Status reziprok ist. Es ist nicht ausreichend, sich selbst einen gewissen Status zuzusprechen, erst durch die Anerkennung durch Dritte kann die Statusposition ausgefüllt werden (Larson et al. 2014, S. 11; Ringmar 2012, S. 8). Status ist somit der Ausdruck einer Beziehung zwischen Akteuren. Status kann nicht per Selbstakklamation erlangt werden, Status ist etwas, das zugesprochen beziehungsweise anerkannt wird34. Entscheidend hierbei ist, dass es sowohl um ein objektives als auch subjektives Gefühl der Anerkennung geht. Es wird hier davon ausgegangen, dass Status kein technischer Vorgang ist oder anhand von Checklisten überprüft werden kann, ob alle relevanten Elemente für den Zu- 34 Diese Annahme ist aus Arbeiten zu Respekt und dem Respektbegriff übernommen (u.a. Bird 2004; Wolf 2008). Dort wird davon ausgegangen, dass Respekt zwischen Individuen oder Gruppen nur dann möglich ist, wenn etwas als eigenständig wahrnehmbar ist und eine unabhängige Signifikanz hat (Bird 2004, S. 216). Es muss also klar erkennbar sein, für was man respektiert werden möchte. Ähnliches kann auch für Status angenommen werden. Auch hier muss klar artikuliert werden, dass es um einen Statusanspruch geht. Dadurch wird er öffentlich und kann von anderen Akteuren respektiert und anerkannt werden (Wolf 2014b, S. 5). 68 spruch eines bestimmten Status vorhanden sind. Es geht vielmehr um die gegenseitigen Wahrnehmungen der Akteure von sich selbst und von anderen, die durch Status beziehungsweise Statusansprüche beeinflusst wird (Thye 2000, S. 411). Erst wenn sich ein objektives und subjektives Gefühl der Anerkennung bei dem Akteur, der nach einem bestimmten Status strebt, eingestellt hat, kann von einem Erfolg des Statusstrebens gesprochen werden. Dies bedeutet auch, dass die Erfolgsbedingungen wesentlich von beiden beteiligten Akteuren (nach Status strebende und Status anerkennende) abhängen. Die Anerkennung durch den relevanten Akteur oder die relevanten Akteure ist somit erstrebenswert und das Ziel von Statusstreben. Mit diesen grundlegenden Annahmen zielt diese Arbeit auf ein differenziertes Akteursverständnis bei der Analyse von Status und Statusstreben. Dieses fehlt bislang noch an vielen Stellen in der IB- Debatte: „The literature on status in IR still tends to generalize about states when the real objects of analysis are the subgroups that make relevant decisions in the name of states.” (Wohlforth 2014, S. 139). Der Staat ist gerade bei der Herausbildung von Statusinteressen keine ‚black box’. Die Prozesse innerhalb eines Staates bestimmen vielmehr, welche Statusansprüche erhoben werden und ob ein Statusmismatch wahrgenommen wird. Staaten können nicht als singuläre Akteure wahrgenommen werden, sondern sie sind vielmehr multidimensionale Akteure, die einem ständigen Wandlungsprozess unterliegen und so auch das Statusstreben eines Staates maßgeblich beeinflussen. Das Akteursverständnis in dieser Arbeit geht somit über die bisherigen Ansätze hinaus. Mit der Etablierung von Status als staatlichem Interesse wird eine individuelle Betrachtung der Motive und Ziele vom Statusstreben des einzelnen Akteurs vorgeschlagen, was dazu beitragen soll, den Einfluss von Status auf konkrete Entscheidungsfindungsprozesse darzulegen. 2.2.2 Annahmen Aus diesen theoretischen Überlegungen ergeben sich vier zentrale Annahmen, die die Grundlage für das zu entwickelnde Analyseraster bilden: (a) Status ist ein staatliches Interesse, der Inhalt des Statusstrebens ist ein interner Aushandlungsprozess, der durch externe Faktoren beeinflusst wird. (b) Staaten bewerten ihre Statusposition permanent im Vergleich zu anderen Akteuren und aus dieser Bewertung kann sich dann ein neuer Statusanspruch ableiten. (c) Staaten stehen verschiedene Strategien zur Verfügung, um diesen formulierten Statusanspruch umzusetzen; die Auswahl der Strategie hängt von den wahrgenommenen Erfolgsaussichten ab. 69 (d) Ob ein Staat mit seinem Statusstreben erfolgreich ist, entscheidet der anerkennende Akteur, indem er objektive und subjektive Anerkennungsbedingungen festlegt. Bei erfolgreicher Anerkennung ist das Statusstreben befriedigt. Bei einer Ablehnung versucht der abgewiesene Akteur entweder eine andere Strategie oder es kommt zu einem offenen Konflikt. Die ersten beiden Annahmen befassen sich mit der Herausbildung von Statusbestrebungen als staatliche Interessen. Hier geht es vor allem darum zu bestimmen, durch welche Faktoren der erwünschte Statuszugewinn determiniert ist und wie er nach innen und außen artikuliert wird. Wie wird die eigene Statusposition bewertet? Wie wird ein zukünftiger Statusanspruch begründet? Nur mit außenpolitischen Notwendigkeiten oder Bedürfnissen oder durch den Verweis auf nationale Gefühle und/oder dem Gefühl, dass man nun endlich an der Reihe sei? Welche Rolle spielen innenpolitische Erwägungen und Abhängigkeiten? Wird ein Statusmismatch wahrgenommen? Wenn ja, wird dieser von allen Akteuren – politische Führung, gesellschaftliche Gruppen, etc. – ähnlich bewertet oder gibt es hier große Diskrepanzen? Auch muss bei der Prüfung dieser Annahmen geschaut werden, wie der Aushandlungsprozess abläuft. Welche Akteure sind beteiligt, nur die engste Führungsspitze oder breite gesellschaftliche Kreise? Ist der Statusanspruch von der politischen Führung vorformuliert oder entsteht er von unten? Ist der Aushandlungsprozess offen oder werden bestimmte Gruppen direkt ausgeschlossen? In welches Verhältnis wird der gewünschte Statusanspruch zu anderen staatlichen Interessen gesetzt? Bei der dritten Annahme geht es nicht mehr nur um den nach Status strebenden Akteur sondern auch um seine Wahrnehmung durch den Akteur, von dem er anerkannt werden möchte. Hier ist der Punkt, an dem der nach Status strebende Akteur seine Vorstellungen mit der relevanten Außenwelt abgleicht und abwägt, mit welcher Strategie er sein Ziel erreichen kann. Wird der anerkennende Akteur positiv wahrgenommen oder eher als Konkurrent? Wie werden die Erfolgsaussichten bewertet? Mit welchen Argumenten wird die Wahl einer Strategie begründet? Wird über Alternativen nachgedacht oder verengt sich die Diskussion schnell auf eine Option? Werden Signale des anerkennenden Akteurs in die eigene Entscheidung einbezogen? Die Wahl der Strategie ist ein sehr kritischer Punkt bei der Umsetzung der eigenen Statusansprüche. Hier wird eine Richtungsentscheidung getroffen, die große Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten hat. Kommt es dabei zu Missverständnissen oder Fehlwahrnehmungen, kann die Wahl einer bestimmten Strategie nicht zum gewünschten Erfolg führen und die Situation eskalieren. In dieser Phase der Statusanerkennung zeigt sich auch, wie und als was Status wahrgenommen wird. Der interne Aushandlungsprozess wird fortgeführt und in kon- 70 krete Politik übersetzt. Passt das eigene Verständnis von Status nicht mit dem des anerkennenden Akteurs zusammen, wird die Wahl einer bestimmten Strategie nicht zum Erfolg führen. Die vierte Annahme befasst sich letztendlich mit dem Ausgang des Statusstrebens. Erfüllt der nach Status strebende Akteur die objektiven und subjektiven Anerkennungsbedingungen? Akzeptiert der anerkennende Akteur den Anspruch des Statusaspiranten? Hier zeigt sich auch, ob auf beiden Seiten Fehlwahrnehmungen vorlagen. Das Verhalten des anerkennenden Akteurs gibt Aufschluss darüber, wie der nach Status strebende Akteur bewertet wird und ob der reziproke Aushandlungsprozess auf fehler- oder lückenhaften Annahmen basiert. Verläuft der Anerkennungsprozess positiv, muss analysiert werden, welche Faktoren zu diesem Erfolg geführt haben. Wie wird die Anerkennung begründet? Entscheiden eher objektive oder subjektive Anerkennungsbedingungen über den Erfolg? Wie wird die erfolgreiche Anerkennung von dem nach Status strebenden Akteur wahrgenommen? Empfindet er Genugtuung oder sieht er seinen Erfolg als Belohnung an? Gibt er sich mit dem neu zugesprochenen Status zufrieden oder denkt er schon über eine weitere Verbesserung nach? Im Falle eines Scheiterns muss ebenfalls nach den Begründungen gefragt werden. Scheitert der Statusaspirant aufgrund seiner fehlerhaften Einschätzung der eigenen Position und der daraus resultierenden Strategiewahl? Ist der anerkennende Akteur nicht bereit, das Statusstreben zu befriedigen? Wenn ja, warum? Ändert er die objektiven oder subjektiven Anerkennungsbedingungen oder ignoriert er den Statusaspiranten? Der Ausgang des Statusstrebens entscheidet dann auch darüber, wie sich das Verhältnis der beteiligten Akteure zueinander und das Verhältnis der Akteure zur internationalen Ordnung weiterentwickeln. Scheitert das Statusstreben, ist eine Eskalation bis hin zu einem bewaffneten Konflikt wahrscheinlich. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass diese vier Annahmen den Verlauf eines Statusanspruchs – von der Entstehung des Anspruchs bis zum Ergebnis seiner Umsetzung – abbilden. Um diese Genese, Entwicklung und Umsetzung systematisch nachverfolgen und analysieren zu können, werden die getroffenen Annahmen in ein Analyseraster überführt, welches in den folgenden Kapiteln vorgestellt wird. 2.3 Status(streben) als Analyseraster für internationale Politik Die Motive eines Staates, nach einem bestimmten Status zu streben, können vielfältig sein, sich aus den verschiedensten Politikfeldern speisen und viele Ursachen haben. Ähnlich verhält es sich auch mit den Optionen, die ein Akteur hat, um seine Statusansprüche umzusetzen. Um dies zu systematisieren und zu analysieren, wird hier ein dreischrittiges Analyseraster vorgestellt (Abbildung 2): Zunächst wird herausgearbeitet, wie ein Staat seine Statuspo- 71 sition bewertet. Der zweite Schritt befasst sich mit den Möglichkeiten, die ein mit seiner Statusposition unzufriedener Staat hat, und den sich daraus ergebenden Statusstrategien. Im dritten Schritt wird die Auswahl einer bestimmten Statusstrategie und deren Umsetzung beleuchtet. Abschließend wird geprüft, ob das Statusstreben erfolgreich verlaufen ist. Abbildung 2: Überblick Analyseraster Quelle: Eigene Darstellung. Das Analyseraster soll als ein Instrument verstanden werden, mit dem die Bedeutung von Status im internationalen System als ein relevanter Faktor bei Entscheidungsfindungsprozessen von Staaten aufgezeigt werden kann. Der Fokus der Analyse liegt auf dem Akteur, der nach Anerkennung eines bestimmten Status strebt, und berücksichtigt dabei die internen und individuellen Abläufe eines Staates bei der Herausbildung und Umsetzung von Statusinteressen auf internationaler Ebene. Damit greift diese Arbeit bereits bestehende Ansätze aus der Statusliteratur auf, erweitert sie jedoch um ein differenzierteres Akteursverständnis und um einen stärker auf die politischen Bedürfnisse abzielenden Statusbegriff. Der wegweisende Sammelband Status in World Politics (Paul et al. 2014) oder auch der Überblicksartikel von Dafoe et al. (2014) bieten eine systematische Aufarbeitung der bisherigen Statusdebatte, jedoch zeigen beide Arbeiten auch auf, dass es immer noch an einer präzisen und überzeugenden Definition von Status im internationalen System mangelt (Wolf 2014b, S. 4). Diese Lücke in der IB-Debatte wurde in Kapitel 2.2 aufgezeigt. Diese Ergebnisse aufgreifend wird im Folgenden nun ein Analyseinstrument entwickelt, welches einen klaren Akteurs- und Statusbegriff verwendet, um Statusstreben im internationalen System nachverfolgen zu können. Sowohl den Arbeiten, deren Ausgangspunkt die Annahmen der SIT sind (u. a. Larson und Shevchenko 2014, 2010) als auch den Arbeiten, die sich an (neo-)realistischen Grundannahmen orientieren (u. a. Volgy et al. 2014; Pu und Schweller 2014), fehlt ein Akteurs- beziehungsweise Staatsverständnis, das interne Entscheidungsfindungsprozesse und Aushandlungsprozesse innerhalb eines Staates oder einer Regierung berücksichtigt (Wohlforth 2014, S. 139). Diesem Defizit begegnet das vorgeschlagene Analyseraster, indem es der Ratio der handelnden Akteure folgt und besonders die subjektive Rationalität in den durch Status motivierten Entscheidungsprozessen aufdeckt. EntscheidungsphaseBewertungsphase Handlungsphase Scheitern Erfolg 72 Der Aufbau dieses Kapitels folgt dabei dem Analyseraster. Zu Beginn wird dargestellt, warum Status für Staaten ein wichtiges Gut ist und wie Staaten ihre Statusposition im internationalen System bewerten (Bewertungsphase). Im Anschluss daran werden die Optionen vorgestellt, die ein Akteur wählen kann, wenn er einen Wunsch nach Statusverbesserung ausgemacht hat. Die zur Verfügung stehenden Optionen, um seinen Statusanspruch mit der wahrgenommenen Realität in Einklang zu bringen, teilen sich dabei in drei Möglichkeiten auf: Die Umsetzung scheint vollständig unmöglich, die Umsetzung scheint auf direktem Weg nicht möglich oder die Umsetzung auf direktem Weg scheint möglich. Von der jeweiligen Bewertung der Umsetzungsmöglichkeiten hängt die Wahl einer Strategie ab (Entscheidungsphase). Nur wenn eine Umsetzung des Statuswunsches möglich erscheint (direkt oder indirekt), wird eine Statusstrategie gewählt. Geht ein Akteur davon aus, dass er grundsätzlich seinen Statusanspruch nicht umsetzen kann, bleibt ihm der Rückzug aus der Ordnung oder die Dissidenz35. Die Auswahl einer Statusstrategie und deren Umsetzung kennzeichnet Kapitel 2.3.3: Die Wahl einer Strategie hängt besonders von der subjektiven Wahrnehmung des Akteurs ab, von dem man anerkannt werden möchte. Diese subjektive Wahrnehmung entscheidet darüber, wie hoch die Erfolgschancen der verschiedenen Strategien vom nach Status strebenden Akteur eingeschätzt werden (Handlungsphase). Im Anschluss daran werden die Bedingungen für eine erfolgreiche Statusanerkennung vorgestellt und diskutiert (Kap. 2.3.4). Da Statusstreben und Statusanerkennung immer reziprok sind, hängt der Erfolg nicht nur von dem Akteur ab, der anerkannt werden will, sondern in einem hohen Maße vom anerkennenden Akteur. Dieser kann entscheiden, ob der Anspruch des Statusaspiranten in seinen Augen gerechtfertigt ist. Ähnlich wie dem nach Anerkennung strebenden Akteur stehen auch dem anerkennenden Akteur unterschiedliche Strategien zur Verfügung, um mit dem Statusanspruch des Anderen umzugehen. Die im Folgenden vorgestellten Überlegungen und Systematisierungen beziehen sich immer auf Akteure, die nach einem bestimmten Statusanspruch streben und die für diese Akteure relevanten anerkennenden Akteure. Dennoch soll hier darauf hingewiesen werden, dass die Wahrnehmungen und Sichtweisen der Akteure, von denen sich ein Akteur abwendet, um seinen 35 Dieser Pfad des Analyserasters wird in dieser Arbeit nicht näher verfolgt. In diesem Pfad ist zwar auch ein Statusinteresse nachweisbar, jedoch wird die Umsetzung als völlig unmöglich wahrgenommen. In diesen Fällen wird dann auch keine Statusstrategie gewählt sondern der aktive oder passive Austritt aus der bestehenden internationalen Ordnung. Da das Hauptinteresse dieser Arbeit sich auf die Analyse, wie Staaten ein Statusinteresse innerhalb eines bestimmten Ordnungsrahmens verfolgen, bezieht, ist dieser Pfad der Vollständigkeit halber aufgeführt, jedoch nicht Gegenstand des Forschungsinteresses. 73 neuen Statusanspruch anerkannt zu bekommen, in hohem Maße von den Wahrnehmungen und Sichtweisen der für den nach Status strebenden Akteur relevanten Akteure abweichen können, besonders bei der Bewertung der Strategien, die ein nach Status strebender Akteur wählt. So kann beispielsweise eine nachahmende Strategie von einem Akteur, von dem sich der nach Status strebende Akteur abgewendet hat, als Strategie zum Aufbau von Alternativen angesehen werden. Dieser Akteur nimmt das Verhalten des nach Status strebenden Akteurs anders wahr als die Akteure, auf die das Statusstreben abzielt. Für ihn erscheint das Verhalten des nach Status strebenden Akteurs so, als ob dieser neue Akteure sucht, von denen er anerkannt werden möchte oder als ob er neue Vergleichskategorien oder Anerkennungsformen wählt. Diese unterschiedliche Wahrnehmung der Strategie führt zu unterschiedlichen Reaktionen auf das Verhalten des nach Status strebenden Akteurs. Je kodifizierter die vorherrschende Ordnung ist, desto eher kommt es vor, dass sich ein nach Status strebender Akteur bewusst von einem anderen Akteur abgrenzen muss, um seine neuen Statusansprüche zu befriedigen. Dies ist auch der Fall, wenn der erwünschte Statusanspruch stark reglementiert ist oder sich gegenseitig mit anderen Statusansprüchen ausschließt. Ein Beispiel für das Bedürfnis, sich von einem Akteur abzugrenzen, um einen neuen und erwünschten Statusanspruch zu realisieren, ist das Verhalten der osteuropäischen Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion36. Staaten wie Tschechien, Polen oder Slowakei wandten sich bewusst der Europäischen Union zu und versuchten durch nachahmende Strategien in den Kreis dieser ihrer Ansicht nach statushöher positionierten Akteure aufgenommen zu werden37. Dies setzte eine Abkehr vom alten Bezugsrahmen – Warschauer Pakt und Sowjetunion – voraus, die von Seiten Russlands sehr kritisch beurteilt und als negativ wahrgenommen wurde (Große Hüttmann 2005, S. 38–39). Hier zeigt sich ein deutlicher Wahrnehmungsunterschied zwischen den neuen nun für diese Staaten relevanten Anerkennungsakteuren – europäische Staaten, Europäische Union und NATO – und den alten relevanten Akteuren. Nur durch die offene Loslösung von den alten Partnern war es den osteuropäischen Staaten möglich zu signalisieren, dass sie einen neuen 36 Das Statusargument ist für diese Fälle sicher nicht die erste und naheliegende Analyseoption. Das Sicherheitsargument scheint auf den ersten Blick hier tragender. Wenn man die Gesamtsituation betrachtet, war sicherlich das Sicherheitsinteresse der osteuropäischen Staaten handlungsleitend. Dennoch lässt sich an diesem illustrativen Beispiel die Position des Akteurs, von dem sich abgewandt wird, zeigen. 37 Dieser Aufnahmeprozess begann offiziell mit dem Treffen des Europäischen Rats in Kopenhagen 1993. Auf diesem Gipfel wurden Kriterien zur Aufnahme in die EU aufgestellt, hier wurden also objektive Anerkennungsbedingungen beschlossen anhand derer beurteilt wurde, ob die Anwärterstaaten bereit sind für die Aufnahme in den EU-Club (Große Hüttmann 2005, S. 23–24). 74 Wunsch nach Statusanerkennung haben – die Anerkennung oder Mitgliedschaft in der EU (Rahr 2002, S. 317–318). Will man dieses Verhalten aus der analytischen Perspektive bewerten, muss man sich bewusst machen, was analysiert werden soll: Der Wunsch nach Statusanerkennung durch die EU oder die Abkehr von der alten Statusposition? Nur wenn diese Frage eindeutig geklärt ist, kann der Ratio der handelnden Akteure angemessen gefolgt und einer Vermischung der unterschiedlichen Ebenen der politischen Handlung begegnet werden. Das kurze empirische Beispiel zeigt, dass es sich hierbei nicht bloß um eine theoretische Überlegung handelt, dennoch wird die Wahrnehmung und Reaktion von Akteuren, von denen sich ein nach Status strebender Akteur abwendet, in dieser Arbeit nicht näher betrachtet. Für diese Akteure müssten eigene Analysekategorien entworfen werden und ein eigenes Analyseraster entstehen, um dieses adäquat abbilden zu können. In dieser Arbeit soll zunächst ein Analyseraster entwickelt werden, welches hilft, die komplexe Beziehung zwischen einem nach Status strebenden Akteur und anerkennenden Akteuren aufzudecken und nachvollziehbar zu machen. Die andere Perspektive – die der abgelegten Partner oder Akteure – kann dann Gegenstand der weiterführenden Forschung sein. 2.3.1 Die Bewertungsphase: Warum entwickeln Staaten einen Statusanspruch? Staaten streben nach Status, weil die Anerkennung einer bestimmten Position für sie ein intrinsisches Gut38 ist (Frank 1986, Kap. 2; Rosen 2007, Kap. 3; Haidt 2013, S. 89–91). Dabei geht es nicht darum, Status nur um seiner selbst willen zu haben, sondern es geht um die Anerkennung eines bestimmten, gewünschten Status. Status ist also nicht causa sui erstrebenswert sondern es geht immer um Status als zum Beispiel Weltmacht, Großmacht, Industrienation, Wiege der Zivilisation, Mitglied von internationalen Vereinigungen, etc. Dieses Streben orientiert sich zumeist an höher positionierten Akteuren, denn diese bestimmen zu einem Großteil den Wert bestimmter Ressourcen, die als Statusmarker gelten (Thye 2000, S. 407). Außerdem führt eine höhere Statusposition zu einer verbesserten Verhandlungsposition beziehungsweise zu hö- 38 Die SIT konnte mehrfach zeigen, dass Individuen und Gruppen ein Interesse daran haben, eine positive soziale Identität zu haben und in der sozialen Hierarchie aufzusteigen (Tajfel und Turner 2001, S. 101; Ellemers 1991, S. 1). Dies lässt sich auch auf Staaten übertragen, denn es ist davon auszugehen, dass auch Staaten – vertreten durch ihre jeweilige politische Elite – ein Interesse daran haben, positiv wahrgenommen zu werden, beziehungsweise sich selbst mit einer positiven Selbstbeschreibung zu identifizieren (Lebow 2010, S. 66). Die Zugehörigkeit zu einer hohen Statusgruppe schafft eine positive soziale Identität bei ihren Mitgliedern und stabilisiert die Gruppe. Bei niedrig positionierten Statusgruppen funktioniert dies nicht, ihre Mitglieder versuchen diese für sie negative Situation zu verändern und streben danach, in der Statushierarchie aufzusteigen (Ellemers 1991, S. 7). 75 heren Profiten und verschafft damit einem Akteur Vorteile gegenüber niedriger positionierten Verhandlungspartnern (Thye et al. 2006, S. 1477; Wolf 2014b, S. 16). Eine bestimmte Statusposition wird dann zu einem staatlichen Interesse39, das es zu verfolgen gilt (Wohlforth 2014, S. 117; Johnston 2008, S. 75). Staaten haben unterschiedliche Interessen40, beispielsweise Wohlstand, Sicherheit oder Überleben. Diese Interessen formen sich durch die Beziehung von Staaten und der sie umgebenden Gesellschaften – sowohl intern als auch transnational (Moravcsik 1997, S. 516). Sie sind das Ergebnis von strategischen Überlegungen, die durch den intersubjektiven Prozess der gegenseitigen Anerkennung geformt werden, denn hier erkennen sie sich als vollwertige und gleiche Mitglieder der Staatengemeinschaft an, die jedoch unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen haben, die nicht automatisch mit den Interessen anderer Staaten überein gehen müssen (Nel 2010, S. 953–954). Unter Berücksichtigung der staatlichen Fähigkeiten und der dem Staat zur Verfügung stehenden Mittel sowie seiner wahrgenommenen kollektiven Identität wird in einem für den handelnden Akteur rationalen Entscheidungsprozess abgewogen, welche staatlichen Interessen verfolgt werden und mit welchen Mitteln (Honneth 2012, S. 31; Pradetto 2002, S. 9). Diese Rationalität ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Identitäten und Interessen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Identitäten die Interessen eines Staates mitbestimmen (Stahl und Harnisch 2009, S. 31; Chafetz et al. 1999, S. VII). Wenn nationale Interessen nur durch materielle Faktoren bestimmt wären, dann müssten Staaten mit den gleichen Fähigkeiten in ähnlichen Situationen sich genau gleich verhalten – in der Empirie jedoch lässt sich dies nicht zeigen (Chafetz et al. 1999, S. XVI). Staaten sind in transnationale und internationale soziale Beziehungen eingebettet. Diese Beziehungen formen ihre Wahrnehmung vom internationalen System und ihre Rolle in diesem System – Staaten und deren Bevölkerungen werden durch die Mitgliedschaft in der internationalen Gemeinschaft sozialisiert, bestimmte Dinge zu wollen (Finnemore 1996, S. 2). Deshalb bilden sich ihre Interessen in einem bereits 39 Interesse kann verstanden werden als „a correlation between an individual or collective actor and a material or non-material object he values.” (Pradetto 2002, S. 8, Hervorhebung hinzugefügt) 40 Eine Verkürzung von staatlichen Interessen auf Sicherheit oder Machtmaximierung findet häufig in der IB-Debatte statt, sie ist jedoch nicht zielführend, zeigt sich doch auch in der Empirie, dass sich gerade bei aufsteigenden Mächten ein aufgebessertes Statusstreben finden lässt (Thompson 2014, S. 219). Des Weiteren können staatliche Interessen und Präferenzen durchaus als durch die Identität eines Akteurs bestimmt gesehen werden (Stahl und Harnisch 2009, S. 34–35; Gould 2002, S. 1148). Auch dann macht eine Verkürzung auf rein materielle Faktoren wenig Sinn. Wenn man dagegen der Argumentation folgt, dass Identitäten Interessen mitbestimmen, dann wird eine Verknüpfung der Annahme von rationalen Akteuren mit der Bedeutung von Identitäten für nationales Handeln möglich. 76 determinierten Setting heraus und auch die angenommene Rationalität unterliegt diesen Vorbedingungen. Diesen Umstand nenne ich Rationalitätsnarrativ, denn die Umsetzung dieser durch Selbst- und Fremdwahrnehmung bestimmten Interessen erfolgt auch unter bereits determinierten Vorzeichen und ist somit immer nur für den Akteur selbst rational darstellbar. Status reiht sich hier als ein mögliches staatliches Interesse ein, weil die hierarchisierende Funktion41 des internationalen Systems dafür sorgt, dass Staaten in verschiedenen Rangordnungen verortet und darauf bedacht sind, ihre Position im System zu erhalten oder zu verbessern (Pradetto 2002, S. 8). Ihr Status gibt dabei Auskunft über die Position, die sie bekleiden und durch das Streben nach Anerkennung eines Weltmachtstatus oder Ähnlichem befriedigen sie ihr Interesse an einer für sie positiven Positionierung im internationalen System (Joshi 2008, S. 10). Dies setzt voraus, dass sie grundsätzlich die vorherrschende Ordnung akzeptieren und zunächst nach einer Veränderung innerhalb des Systems streben. Diese grundsätzliche Akzeptanz der Ordnung ermöglicht es, den Akteur, von dem man anerkannt werden möchte, als legitim zu betrachten. Ohne diese grundsätzliche Akzeptanz würde ein Staat nicht das Interesse haben, eine bestimmte Statusposition anerkannt zu bekommen; er würde die Ordnung in Frage stellen und nach seinen eigenen Wünschen einseitig umgestalten wollen. Zu denken wäre hier beispielsweise an reaktionäre Staaten, deren staatliches Ziel nicht die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung und die daraus für sie entstehenden Vorteile ist, sondern die Zerstörung der Ordnung und ein alternativer Ordnungsentwurf (Schweller 1994, S. 87). In diesen Fällen kann das Verhalten des Staates nicht mehr als ein Streben nach Status betrachtet werden, weil die Bereitschaft zu einem gegenseitigen Aushandlungsprozess und somit ein wesentlicher Grundbaustein von Status hier völlig fehlt. Die Entscheidung, welchen Status man anerkannt bekommen möchte beziehungsweise nach welchem Status es sich zu streben lohnt, fällt ein Akteur 41 Dass es Hierarchisierungsprozesse auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gibt, lässt sich immer wieder selbst beobachten. Wie diese Prozesse funktionieren ist dabei nicht immer klar. Besonders die Frage, wie Individuen einen höheren sozialen Rang erlangen und wie sie erfolgreich nach diesem höheren Rang und Einfluss streben, ist umstritten (Cheng et al. 2013, S. 104). Zwei Argumentationsstränge haben sich in der Sozialpsychologie herausgebildet: Erreichen eines höheren Ranges durch das Erlangen und die Demonstration von überlegenen Fähigkeiten und damit verbunden das Zeigen eines Verhaltens, welchem hohe Kompetenz, Generosität und Verlässlichkeit zugesprochen wird (Anderson und Kilduff 2009, S. 295; Berger et al. 1972) oder durch das Nutzen von manipulativen und zwingenden Taktiken wie Einschüchterungen oder Aggression, um den eigenen Status und die eigene Macht auszuweiten (Buss und Duntley 2006, S. 267; Mazur 1973, S. 526). Auf die Übertragbarkeit beider Ansätze auf die IB wurde in Kapitel 2.1 eingegangen. 77 unter Berücksichtigung von internen und externen Faktoren42. Interne Faktoren können innenpolitische Erwägungen sein, Einigungsbestrebungen von oben oder Druck der Bevölkerung, Nationalismus oder Ähnliches. Externe Faktoren drücken sich durch die soziale Konstruktion von Status aus43. Durch den permanenten Austausch- und Aushandlungsprozess bestimmen die Akteure immer wieder neu, nach welchem Status es sich zu streben lohnt und was dafür getan werden muss (Larson et al. 2014). Der Imperialismus im 19. Jahrhundert ist hierfür ein Beispiel (Wehler 1979b; van Laak 2005). Interne und externe Faktoren bedingen und beeinflussen sich gegenseitig und führen so dazu, dass Status ständig neu ausgehandelt wird. Es findet ein permanenter Reflexionsprozess statt, der die eigenen Ansprüche mit den Möglichkeiten abgleicht und bei Bedarf anpasst. Dieser Prozess ist sehr anfällig für Fehlannahmen oder Fehlinterpretationen, ähnlich wie beim klassischen Sicherheitsdilemma (Clunan 2014, S. 294). Der eigene Anspruch kann an den Realitäten vorbei gehen und objektiv kann keine Chance auf Anerkennung bestehen. Das heißt, man überschätzt die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten und sieht sich in einer Position, die man (noch) gar nicht hat. Auch kann man das Verhalten der Akteure, von denen man anerkannt werden möchte, falsch einschätzen und so ein falsches Bild vom Anderen und von den eigenen Möglichkeiten haben (Hansen 2006, S. 44–49). Ebenso können die anerkennenden Akteure den Statusaspiranten falsch einschätzen und ihm entweder den gewünschten Status verwehren, weil sie seine Fähigkeiten und Möglichkeiten falsch bewerten, oder ihn bewusst nicht anerkennen, weil sie eigene Interessen haben, die mit der Anerkennung nicht überein gehen würden. Somit wird deutlich, dass das Streben nach der Anerkennung eines bestimmten Status und die Anerkennung dieses Status ein asymmetrischer Aushandlungsprozess ist. Zwischen dem Akteur, der anerkannt werden möchte, und den anerkennenden Akteuren liegt eine ungleiche Machtverteilung vor (Wolf 2014b, S. 10). Die anerkennende Seite hat aufgrund ihrer höherrangi- 42 Es ist davon auszugehen, dass dieser Prozess ähnlich abläuft wie die Herausbildung anderer staatlicher Interessen, denn der Austauschprozess zwischen innen- und außenpolitischen Einflüssen bestimmt die Agenda von politischen Akteuren (Moravcsik 1997, S. 518). Politische Akteure berücksichtigen bei der Herausbildung und Umsetzung von staatlichen Interessen die Knappheit materieller Ressourcen, konfligierende Werte und Veränderungen ihres gesellschaftlichen Einflusses (Moravcsik 1997, S. 516). Damit wird deutlich, dass auch Überlegungen bezüglich der Statusposition – verstanden als Form von gesellschaftlichem Einfluss – eine wichtige Rolle spielen. 43 Externe Faktoren verweisen dabei auch auf die systemische Ebene. Geht man davon aus, dass das internationale System selbst konstitutiv und generativ ist, dann erschafft das System neue Interessen und Werte für Akteure: „It hanges state action, not by constraining states with a given set of preferences from acting, but by changing their preferences.“ (Finnemore 1996, S. 5–6). Damit beeinflusst es dann auch die Konstruktion Status. 78 gen Position mehr Herrschaftsmacht als der Statusaspirant, weil hier eine asymmetrische Machtbeziehung vorliegt (Imbusch 1998, S. 19; Thye 2000, S. 407). Als anerkennender Akteur hat man die Möglichkeit, über Akzeptanz oder Ablehnung zu entscheiden und kann damit das Statusinteresse des Aspiranten befriedigen oder eben nicht. Die Entscheidung für oder gegen Anerkennung muss dabei noch nicht einmal die Bemühungen des Statusaspiranten berücksichtigen, der Anerkennende kann auch aus völlig anderen Gründen die Anerkennung verwehren. Ähnlich wie der Inhalt oder die Ausgestaltung von Status sind auch die Anerkennungsbedingungen nicht exogen gegeben, sondern auch sie sind einem permanenten Konstruktionsprozess unterworfen. Staaten, die nach einem bestimmten Status streben, haben ein Interesse daran, diese Anerkennungsbedingungen möglichst genau zu kennen und im besten Fall kontrollieren oder beeinflussen zu können. Dies gestaltet sich jedoch äu- ßerst schwierig, denn das erfolgreiche Umsetzen und Befriedigen der eigenen Statusinteressen findet in einem sich ständig wandelnden Umfeld statt. Dies kann auf der einen Seite das eigene Statusstreben beeinflussen, weil sich beispielsweise die relevanten Statusmarker verändert haben, auf der anderen Seite aber beeinflusst dieser permanente Wandel auch die Anerkennung des eigenen Statusinteresses durch Andere. Auch können sich die Interessen der beteiligten Akteure verändern: Der angestrebte Status kann ein anderer sein, die anerkennende Seite kann ihr Interesse an Anerkennung oder Ablehnung verändern, weil sich auf anderen Politikfeldern neue Optionen gebildet haben oder dem Statusstreben exogene Faktoren (Naturkatastrophen, Epidemien, Kriege, etc.) den Aushandlungsprozess bestimmen. Doch wann streben Staaten nach einer subjektiven Verbesserung ihres Status? Staaten bewerten ihre Position im internationalen System permanent, denn sie haben ein Interesse an einem positiven Status im Vergleich zu relevanten anderen Staaten (Wohlforth 2014, S. 117). Dieser Vergleich geschieht, um sich darüber klar zu werden, wo man im Vergleich zu den anderen Akteuren im System steht, und um zu bewerten, ob die subjektiv wahrgenommene Position mit der gewünschten Position übereinstimmt beziehungsweise ob man von den anderen Akteuren so behandelt wird, wie man es sich vorstellt (Tajfel und Turner 2001, S. 101–102). Aus dieser Bewertung der eigenen Statusposition ergibt sich dann gegebenenfalls ein Wunsch nach Veränderung der eigenen Position (Abbildung 3). 79 Abbildung 3: Bewertung der eigenen Statusposition Quelle: Eigene Darstellung. Der Wunsch nach Verbesserung der eigenen Statusposition tritt insbesondere immer dann auf, wenn ein Staat einen Statusmismatch zwischen sich und dem relevanten anerkennenden Akteur wahrnimmt (Abbildung 4) (Wolf 2014b, S. 10; Larson und Shevchenko 2010, S. 70). Beide Akteure sind sich der asymmetrischen Art ihrer Beziehung bewusst, sie bewerten jedoch den Grad der Asymmetrie anders. Ein derartiger Statusmismatch entsteht immer dann, wenn die Wahrnehmung der Bewertung des eigenen Status durch relevante Dritte nicht den eigenen Ansprüchen entspricht (Wolf 2014b, S. 17; Wohlforth 2014, S. 118)44. Das heißt, Staat A hat beispielsweise den Anspruch als Großmacht wahrgenommen und dementsprechend anerkannt zu werden, der relevante Akteur B anerkennt dies aber nicht und behandelt Staat A weiterhin als Regionalmacht oder Ähnliches. Staat A sieht dann also einen großen Statusmismatch zwischen der ihm seiner Meinung nach zustehenden Statusposition und dem Verhalten von Staat B. Staat B wiederum sieht diesen Mismatch nicht oder nur in geringerem Ausmaß und sieht somit auch keine Notwendigkeit, Staat A anders anzuerkennen. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit dann soweit auseinander, dass Staat A versucht, durch bestimmte Statusstrategien (siehe unten) diese Lücke zu schließen und Anspruch und Wirklichkeit 44 William C. Wohlforth verwendet für diesen Befund den Begriff „status dissonance“ (Wohlforth 2014, S. 118). Es handelt sich grundsätzlich um den gleichen Begriffsinhalt. Wohlforth arbeitet mit diesem Begriff dann aber im Rahmen von Überlegungen von Analogien des klassischen Sicherheitsdilemmas und Statusdilemmata. Unter dem Schlagwort „status inconsistencies“ wird ebenfalls eine Beschreibung von Statusmismatches vorgenommen (Renshon 2015, S. 663). Diese Verwendung basiert auf der Arbeit Galtungs (1964) zur Ursache von Kriegen. Kein Wunsch nach Verbesserung Bewertung der Statusposition Wunsch nach Verbesserung Bewertungsphase 80 in Übereinstimmung zu bringen45. Diese Lücke muss dabei gar nicht objektiv vorhanden sein (Wolf 2014b, S. 17–18). Es reicht bereits aus, wenn sich Staat A subjektiv nicht anerkannt fühlt und er sich missachtet oder zu Unrecht abgewertet sieht. Je größer dieser wahrgenommene Statusmismatch ist, desto eher wendet ein Staat Statusstrategien an, um sein Interesse durchzusetzen. Dies bedeutet aber auch, dass, je größer die Lücke ist, das Erfüllen dieses Interesses schwieriger wird. Je kleiner der wahrgenommene Unterschied, desto leichter ist es für beide Akteure, diese zu überwinden und Ansprüche und Praxis in Einklang zu bringen. Abbildung 4: Wahrgenommener Statusmismatch Quelle: Eigene Darstellung. Das Streben nach Anerkennung eines bestimmten Status zielt dabei zunächst auf Gleichrangigkeit ab46. Es geht nicht zwangsläufig darum, den anerkennenden Akteur so auszubooten, dass er seine Statusposition verliert und der nach Anerkennung strebende Staat seine Position einnehmen kann. Vielmehr geht es darum, vom relevanten Akteur erst einmal als gleichrangig und gleichwertig wahrgenommen zu werden. Der nach Status strebende Akteur möchte innerhalb einer Hierarchie aufsteigen und eine höhere Statusposition zugesprochen bekommen, um auch von den Vorteilen einer Spitzenposition 45 Auf ein ähnliches Phänomen verweisen auch Rosecrance et. al (1974). Sie entnehmen der Forschung, dass ein großer Unterschied zwischen der Macht eines Akteurs und seinem Status zu Konflikt führt (Rosecrance et al. 1974, S. 6). Sie verweisen dabei auf Johan Galtung und seine Arbeiten zum „rank disequilibrium“ (u. a. Galtung 1964). Hier geht es um einen „objektiven“ Statusmismatch. Ich plädiere aber dafür, dass bereits ein wahrgenommener Statusmismatch ausreicht, um seine Position verbessern zu wollen und schließe mich in diesem Punkt Wolf und Wohlforth an. 46 Die Frage, ob es für die Befriedigung der eigenen Statusansprüche ausreicht, als gleichwertig anerkannt zu werden, ist dabei immer im Einzelfall zu beantworten. Ziel des Statusstrebens ist es ja, die gleiche oder eine gleichwertige Statusposition zu erlangen wie der Akteur, von dem man anerkannt werden möchte. Wenn man darüber hinaus das Interesse hat, den Anderen aus dieser Position zu verdrängen und alleiniger Träger dieser Position zu sein, widerspricht das nicht automatisch dem Wunsch nach Gleichrangigkeit. Das eigene Statusinteresse geht in diesem Fall nicht über die Position des Anderen hinaus, sondern hier möchte man den anderen Akteur ersetzen. Staat B Staat B Staat A Staat A Sichtweise des Statusaspiranten Sichtweise des Akteurs, von dem man anerkannt werden möchte 81 (Macht, gesteigertes Selbstwertgefühl, mehr Mitsprache, etc.) profitieren zu können47. Es liegt dabei nicht zwingend in seinem Interesse, bereits höher positionierte Akteure aus dieser Position gewaltsam zu verdrängen, denn dann würden die Vorteile der Hierarchie und der neu anerkannten höheren Statusposition verloren gehen – nämlich dass Hierarchien helfen, Konflikte zu vermeiden und Kooperation zu erleichtern (Halevy et al. 2011, S. 38–39). Doch was bringt ein höherer sozialer Status einem Akteur? Aufgrund von empfundenem Stolz auf die eigene Mitgliedschaft und die damit verbundene soziale Identität erhöht er vor allem das kollektive Selbstwertgefühl und damit die Zufriedenheit eines Akteurs (Larson et al. 2014, S. 18). Menschen identifizieren sich mit dem Staat, daher hat die Führung ein Interesse daran, einen möglichst hohen nationalen Status zu erlangen (Larson et al. 2014, S. 18), denn so kann die Bevölkerung auch für andere Ziele mobilisiert werden48. Eine höhere Statusposition ermöglicht auch eine größere Entscheidungsautonomie und Anpassung von Anderen, denn je höher der Status eines Staates, desto eher richten andere Staaten ihre Interessen, Institutionen und Ideen an dem höher Positionierten aus. Dies führt auch dazu, dass Status bis zu einen gewissen Grad „sticky“ ist. Ein Akteur kann aus einem zugesprochenen Status ein mutmaßliches Recht generieren, welches über die ursprünglichen Konditionen hinausgeht, die überhaupt erst zu dem Statuszuspruch geführt haben. Das heißt, ein Staat kann durch anerkannten Status seinen Machtbereich ausweiten, ohne dass dies einer weiteren Legitimation bedarf (Larson et al. 2014, S. 18–19). Ebenso ist Status übertragbar. Wenn sich die Interessen eines Staates wandeln, heißt es nicht automatisch, dass er für seine neuen Interessen erneut um Anerkennung werben muss: „Hence, state´s desire for status cannot be reduced to their interests that may animate them.“ (Larson et al. 2014, S. 20). Wenn das Ziel des Strebens die Ablösung des Akteurs ist, von dem man anerkannt werden möchte, geht es nicht mehr nur um die Anerkennung eines bestimmten Status sondern um Dominanz, Hegemonie oder Macht. Dies geschieht dann auch nicht immer durch einen wechselseitigen Aushandlungsprozess und das Umsetzen von Statusstrategien. Vielmehr geht es dann häufig 47 Diese Vorteile von Spitzenpositionen in Hierarchien sind bereits für Individuen, soziale Gruppen und Gesellschaften nachgewiesen worden (Halevy et al. 2011, S. 33-34; Friesen et al. 2014, S. 591). Die Übertragung auf Staaten ist hier nur ein kleiner Schritt, kann doch davon ausgegangen werden, dass Staaten ebenfalls nach der Erfüllung ihrer staatlichen Interessen streben und sowohl Macht als auch Mitsprache zu diesen Interessen zählen. 48 Status ist dabei jedoch stark von Nationalismus abzugrenzen. Status braucht zwingend den Vergleich mit anderen, um erlangt zu werden (Clunan 2014, S. 280). Nationalismus braucht diesen Vergleich und die Anerkennung durch Dritte nicht. 82 um Machtübergangsszenarien49 – friedlich oder konflikthaft – und nicht mehr primär um Statusinteressen innerhalb eines bestehenden und weitestgehend akzeptierten Ordnungsrahmens. Diese Fälle, dass beispielsweise ein Staat danach strebt, den Hegemon aus seiner führenden Statusposition zu verdrängen, müssen sehr genau analysiert werden, um zwischen dem Umsetzen von Statusstrategien, wie sie in Kapitel 2.3.3 vorgestellt werden, und Machtübergangsszenarien unterscheiden zu können. 2.3.2 Die Entscheidungsphase: Wie entscheiden Staaten, ob und wie ein Statusanspruch umgesetzt wird? Staaten, die ihre eigene Statusposition so bewerten, dass ein Wunsch nach Verbesserung daraus resultiert, haben unterschiedliche Möglichkeiten. Zunächst müssen sie ihre Chancen, die gewünschte Statusposition zu erreichen, bewerten. Erscheint die Umsetzung völlig unmöglich, bleiben dem Staat zwei Optionen: Der Rückzug aus der Ordnung oder dissidentes Verhalten. Wenn die Chancen auf eine direkte Umsetzung des Statuswunsches schlecht bewertet werden, kann der Staat auf Strategien zum Aufbau von Alternativen zurückgreifen. Bewertet er seine Umsetzungschancen dagegen durchweg positiv, kann er mit nachahmenden Strategien versuchen, seinen Statusanspruch umzusetzen (Abbildung 5). 49 Für die Analyse von Machtübergängen gibt es unterschiedliche Ansätze in den IB. Der gro- ße Unterschied liegt in der Bewertung, ob es friedliche Machtübergänge geben kann oder ob es grundsätzlich zu einem kriegerischen Konflikt kommt. Die Machtübergangstheorie von Organski und Kugler (1980) geht davon aus, dass kriegerische Machtübergänge wahrscheinlich sind. Eine Erweiterung der Machtübergangstheorie, die insbesondere die Möglichkeit des friedlichen Machtübergangs mit einbezieht, findet sich bei Rauch (2014). Andere, zum Teil jedoch ähnliche Ansätze, bieten Hegemonietheorien (u.a. Gilpin 1987; Modelski 1987). 83 Abbildung 5: Entscheidungsphase Quelle: Eigene Darstellung. Welche Art von Strategie ein Staat auswählt, um seinen Statusanspruch umzusetzen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zunächst kann davon ausgegangen werden, dass Staaten rationale Akteure im internationalen System sind, indem sie ihr eigenes Rationalitätsnarrativ verfolgen 50. Rationalität meint hier, dass Staaten, vertreten durch ihre politische Führung, Entschei- 50 Die Annahme, dass Staaten rationale Akteure sind, findet sich vor allem in der (neo-) realistischen Denktradition (Hellmann und Wolf 1993, S. 156). Auch liberale Ansätze gehen davon aus. Hier sind die zentralen Akteure in der internationalen Politik Individuen und private Gruppen, die als rational und risiko-avers gelten und in einem Austauschprozess Interessen vertreten (Moravcsik 1997, S. 516). Mit dem „constructivist turn“ in den IB bricht diese Annahme auf (Checkel 1998). Konstruktivisten argumentieren, dass insbesondere die Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Staaten beeinflussen, wie sie tatsächlich handeln (u. a. Katzenstein 1996b; Kubálková et al. 1998). Demnach werden nationale Identitäten wieder zentral bei der Erklärung von Konflikten (Lapid und Kratochwil 1996). Rückzug aus der OrdnungKein Wunsch nach Verbesserung Umsetzung scheint insgesamt unmöglich Dissidenz Bewertung der Statusposition Wunsch nach Verbesserung Umsetzung auf direktem Weg scheint unmöglich Strategien zum Aufbau von Alternativen Umsetzung auf direktem Weg scheint möglich Nachahmende Strategien EntscheidungsphaseBewertungsphase 84 dungen abwägen und nicht ad hoc handeln51. Politische Entscheidungen werden unter Berücksichtigung der staatlichen Interessen diskutiert. Nach Abwägen der Kosten und des Nutzens der geplanten Handlungen wird eine Entscheidung getroffen. Dies stellt natürlich eine idealtypische Beschreibung des politischen Prozesses dar und dieses Handlungsmuster lässt sich nur schwer für jede konkrete politische Entscheidung empirisch nachweisen. Dennoch ist es sinnvoll, Rationalität bei politischen Handlungen anzunehmen, um eine Grundlage für die Beurteilung von politischen Entscheidungen und daraus resultierenden Handlungen zu haben. Auch wenn sich der Abwägungsprozess häufig verkürzt darstellt oder nicht schriftlich erfasst wurde und so für eine empirische Analyse bei historischen Fällen nicht zur Verfügung steht, lässt sich zeigen, dass politische Führungen ihre Entscheidungen in den meisten Fällen sorgfältig im Lichte ihrer Interessen abwägen und nicht impulsiv handeln. Daraus ergibt sich, dass die Rationalität politischer Entscheidungen hier relativ verstanden wird, weil Staaten ihr eigenes Rationalitätsnarrativ verfolgen52. Da politische Entscheidungsträger staatliche Interessen unterschiedlich bewerten und gewichten, unterscheiden sich ihre Vorstellungen von politischen Entscheidungen und Handlungen. Somit kann auch Rationalität völlig unterschiedlich wahrgenommen werden. Eine Entscheidung kann für Politiker X völlig rational und logisch erscheinen, wird von Politiker Y aber als vollkommen überflüssig und irrational in Bezug auf die Erreichung politischer Ziele angesehen. Hier setzt dann in den meisten Fällen ein Aushandlungsprozess ein, der erneut Mittel und Zweck einer politischen Handlung abwägt und zu einem Kompromiss führt. Aber nicht nur intern kann Rationalität unterschiedlich wahrgenommen werden. Auch auf externe Akteure können politische Entscheidungen und politische Handlungen irrational wirken, weil sie entweder über unvollständige Informationen über die staatlichen Ziele und Interessen des Anderen verfügen oder weil sie die zur Verfügung stehenden Informationen im Lichte der eigenen Interessen und Ziele anders bewerten. Diese Fehlwahrnehmungen treten nicht nur im aktiven politischen Prozess auf internationaler Ebene auf, sondern beeinflussen auch die analyti- 51 Wie bereits in Kap. 2.3.1 diskutiert, wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass Akteure rational handeln, diese Rationalität sich aber nicht auf die realistische Prämisse beschränkt, sondern auch die kollektive Identität des handelnden Akteurs berücksichtigt. 52 Diese Annahme ermöglicht es auch, einen stärker akteursbezogenen Statusbegriff zu generieren. Status als soziale Konstruktion zu verstehen (Larson et al. 2014) ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem eindeutigen, aber einzelfallbezogenen Statusbegriff. Erst durch die hier vorgenommene Erweiterung, die Analyse von Statusstreben an den individuellen Entscheidungsprozessen des handelnden Akteurs zu koppeln, gelingt es, Status als ein akteursbezogenes Konzept zu verstehen, welches internationale Prozesse maßgeblich beeinflusst. 85 sche Sichtweise ex post. Dies sollte berücksichtigt werden, wenn historische Fälle betrachtet und ausgewertet werden. Die Rationalitätsvorstellungen eines heutigen Betrachters können stark von den Vorstellungen der aktiv handelnden Personen abweichen. So bewerten wir aus heutiger Perspektive zum Beispiel die Appeasement-Politik der britischen Führung in den späten 1930er Jahren gegenüber Nazi-Deutschland als unangebracht, gescheitert oder sogar irrational. Folgt man jedoch der Ratio der damals handelnden Akteure, war es ein zunächst sinnvoll erscheinender Versuch, die vorherrschende Ordnung aufrechtzuerhalten und den Aufsteiger einzudämmen (Schweller 1999a, S. 14–15). Da von der deutschen Seite bewusst Fehlinformationen bezüglich der Absichten der deutschen Politik gestreut wurden, kam es auf der britischen Seite zu Fehlwahrnehmungen, die die Entscheidung zum Umgang mit Nazi-Deutschland erheblich beeinflussten und dazu führten, dass sich die Appeasement-Befürworter um Chamberlain durchsetzen konnten (Schweller 1999a, S. 20–21). Im Zusammenhang mit Status und Statusansprüchen wirkt sich besonders die subjektive Wahrnehmung von anderen, für die eigene Statusposition relevanten Akteuren, auf den politischen Entscheidungsprozess aus53. Dieser Prozess ist sehr anfällig für Fehlwahrnehmungen oder Missverständnisse, weil Staaten nicht immer in der Lage sind, die Ziele hinter den Handlungen anderer Akteure richtig zu deuten (Wolf 2014b, S. 19; Wohlforth 2014). Diese subjektiven Wahrnehmungen entscheiden dann darüber, ob die Chancen für eine erfolgreiche Umsetzung des eigenen Statusstrebens positiv oder negativ bewertet werden. Auch die subjektive Beurteilung der eigenen Ausgangsposition spielt eine große Rolle. Stimmt diese mit den Wahrnehmungen der anderen relevanten Akteure im System weitgehend überein, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass der Statusanspruch des nach Status strebenden Akteurs von dem anerkennenden Akteur zumindest grundsätzlich gesehen und als nachvollziehbar eingestuft wird. Stimmt die Selbst- und Fremdwahrnehmung bezüglich der eigenen Position im System nicht überein, wächst der empfundene Statusmismatch weiter an; dies kann Auswirkungen auf die Entscheidungsprozesse des nach Status strebenden Akteurs haben, weil er ein anderes Rationalitätsnarrativ verfolgt als die anerkennenden Akteure. Fällt der Bewertungsprozess vollständig negativ aus beziehungsweise kommen Entscheidungsträger zu dem Schluss, dass mit enormem Widerstand zu rechnen ist oder gar eine Gefahr für das eigene staatliche Überleben ent- 53 Die Wahrnehmung von sich selbst in Kategorien des ‚Self‘ und ‚Other‘ führt dazu, dass man seine eigene Identität herausbilden kann und vor allem benennen kann, wie man sich vom Anderen unterscheidet (Chafetz et al. 1999, S. VIII; Hansen 2006, Kap. 2; Pradetto 2002, Kap. 1). Dies führt dazu, dass man den anderen in bestimmte Kategorien einordnet und sein Verhalten immer in diesen Kategorien bewertet (Kowert 1999, S. 24–29). 86 steht, wenn man diesen Statusanspruch eins zu eins umsetzen würde, bleibt dem Staat die Möglichkeit, sich aus der Ordnung zurückzuziehen oder er kann versuchen, durch dissident-revisionistisches Verhalten seine Ziele zu erreichen (Ward 2013, S. 614). Die Umsetzung wird auch dann als unmöglich betrachtet, wenn der Statusaspirant davon ausgeht, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht in der Lage ist, auch nur Teilbereiche seines Ziels zu erreichen. Auch in diesem Fall bleiben die Optionen Rückzug aus der Ordnung oder Dissidenz. Bei beiden Optionen verändert sich die eigene Positionierung gegenüber der internationalen Ordnung. Entsteht der Wunsch nach Veränderung der eigenen Statusposition noch aus einer grundsätzlichen Akzeptanz der Ordnung – sie wird als gültiger Bezugsrahmen für den eignen Statuswunsch akzeptiert –, wird die Akzeptanz der Ordnung bei einer völlig negativen Bewertung der eigenen Erfolgsaussichten in Frage gestellt. Wenn ein Staat sich aufgrund der negativen Bewertung der Erfolgschancen entscheidet, mit dissident-revisionistischen Mitteln sein Ziel zu verfolgen, akzeptiert er die Ordnung nicht mehr und versucht durch Regelbrüche seine Ziele zu erreichen (Jaschob et al. 2015, S. 13). Dieser Weg ist jedoch keine Strategie der Statusanerkennung im engeren Sinne. Die negative Bewertung der Erfolgsaussichten führt zu einer grundsätzlichen Ablehnung der Ordnung und somit spielt Status keine Rolle mehr, weil kein Interesse mehr an der Aushandlung der sozialen Konstruktion besteht und kein Wert mehr auf eine reziproke Anerkennung gelegt wird. Fällt die Entscheidung grundsätzlich positiv aus beziehungsweise nimmt ein Staat an, dass sein Statusanspruch grundsätzlich innerhalb der internationalen Ordnung umsetzbar ist, stehen ihm zwei Arten von Strategien zur Verfügung, wie er diesen Anspruch umsetzen kann: Strategien zum Aufbau von Alternativen oder nachahmende Strategien. Die Entscheidung, welche Art von Strategie genutzt wird, um den Statusanspruch umzusetzen, hängt von der Bewertung der Umsetzungschancen ab. Geht ein Staat davon aus, dass die direkte Umsetzung des Statusanspruchs zwar grundsätzlich möglich aber mit großen Widerständen verbunden scheint beziehungsweise im Moment nicht die ausreichenden Mittel und Fähigkeiten vorhanden sind, diesen Anspruch direkt umzusetzen, entscheidet er sich zunächst für Strategien zum Aufbau von Alternativen. Sieht er dagegen keine größeren Hindernisse bei einer direkten Umsetzung des eigenen Statusanspruchs, stehen ihm nachahmende Strategien zur Verfügung. Die Entscheidung für Strategien zum Aufbau von Alternativen54 setzt voraus, dass ein Statusaspirant sehr genau seine Mittel und Fähigkeiten in Be- 54 Die Strategien zum Aufbau von Alternativen lehnen sich konzeptionell an die Strategie der social creativity aus der SIT an. Hierbei versucht ein Akteur, die Vergleichssituation zu seinem eigenen Vorteil zu beeinflussen (Tajfel und Turner 2001, S. 104). Für den IB-Kontext ist 87 zug auf die Erlangung eines bestimmten Statusanspruchs abwägt und soweit reflektiert, dass er erkennt, dass eine direkte Umsetzung scheitern würde und er dann zunächst versucht, über den ‚Umweg‘ der Strategien zum Aufbau von Alternativen seinen Statusanspruch zu realisieren. Dies ist eine wesentlich langfristigere und mühsamere Art und Weise, den eigenen Statusanspruch anerkannt zu bekommen, als der Versuch, es auf direktem Weg zu probieren. Bei der Wahl von Strategien zum Aufbau von Alternativen bedarf es nicht nur der Überzeugung des Akteurs, von dem man anerkannt werden möchte, sondern einer viel breiteren Akteursbasis, die es von den neuen oder alternativen Ordnungsvorstellungen zu überzeugen gilt. Des Weiteren setzt die Wahl von Strategien zum Aufbau von Alternativen voraus, dass sich der nach Status strebende Akteur darüber im Klaren ist, dass sein Anerkennungswunsch durch nachahmende Strategien nicht realisierbar ist und sich somit seine Unzufriedenheit nicht mehr nur auf seine Positionierung innerhalb des Systems bezieht, sondern er nun mit der Ausgestaltung der Ordnung hadert. Hier handelt es sich sozusagen um eine Art Stellvertreterstrategie. Das ursprüngliche Statusanliegen tritt in den Hintergrund; es wird nun versucht, das Umfeld so zu verändern, bis es mit den eigenen Ansprüchen übereinstimmt. Um dies zu erreichen, können zwei verschiedene Ansätze umgesetzt werden: Wechsel der Vergleichskategorien oder andere Formen der Anerkennung oder der Akteure, von denen man anerkannt werden möchte. Strategien zum Aufbau von Alternativen bergen große Risiken und die Erfolgsaussichten hängen sehr stark von Dritten ab. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass Strategien zum Aufbau von Alternativen sehr langfristig wirken und somit im Vergleich zu nachahmenden Strategien zunächst unattraktiver erscheinen, weil die Erfolgsaussichten bei Strategien zum Aufbau von Alternativen schwieriger zu kalkulieren sind als bei nachahmenden Strategien. Die Entscheidung und vor allem die politische Umsetzung von Strategien zum Aufbau von Alternativen setzen ein sehr hohes Maß an Reflektionsfähigkeit der handelnden Akteure voraus, eine Fähigkeit, die selbst bei vollständig rationalen Akteuren nicht immer besonders stark ausgeprägt zu sein scheint. Werden die Erfolgschancen für eine Umsetzung des Statusanspruchs auf direktem Weg durchweg positiv bewertet, entscheiden sich Staaten für die Umsetzung von nachahmenden Strategien. Auch hier haben sie zwei Möglichkeiten, ihren Statusanspruch umzusetzen: Sie können zwischen demonstrativen und konfrontativen Strategien wählen. Mit der Entscheidung für nachjedoch eine genauere Ausdifferenzierung nötig, da die Entscheidungsprozesse für die Wahl einer bestimmten Strategie in der internationalen Politik anders ablaufen als unter den Laborbedingungen der SIT. Auch ist der Akteur, den die IB, analysieren deutlich komplexer als in der SIT. 88 ahmende Strategien wählt ein Staat den kürzesten Weg, seinen ursprünglichen Statusanspruch in die Tat umzusetzen. Er kann sich direkt damit befassen, den aus der Bewertung der eigenen Statusposition heraus entstandenen Statuswunsch zu realisieren, er geht davon aus, dass ihm die entsprechenden Mittel und Fähigkeiten zur Verfügung stehen und der Akteur, von dem er anerkannt werden möchte, grundsätzlich auch bereit dazu ist. Der Statusaspirant kann sich dann direkt der Erlangung oder dem Ausbau der relevanten Statusmarker zuwenden. Dadurch ahmt er das Verhalten beziehungsweise die Fähigkeiten des relevanten Anderen nach und signalisiert so, dass ihm sein Statusanspruch zusteht. 2.3.3 Die Handlungsphase: Wie setzen Staaten eine gewählte Strategie um? Nachdem der Wunsch nach einer Verbesserung der eigenen Statusposition ausgemacht ist und in einem Entscheidungsprozess abgewogen wurde, welche Erfolgschancen dem eigenen Statusanspruch eingeräumt werden, ergibt sich daraus die Art von Strategie, die ein Staat zur Umsetzung seiner Statusansprüche wählt55. Bei der Umsetzung der Strategien stehen dem Statusaspiranten wiederum mehrere Optionen zur Verfügung (Abbildung 6). 55 Die von mir aufgezeigten Statusstrategien orientieren sich an einigen Grundannahmen der Strategien, die von der SIT bereits diskutiert wurden (siehe Kap. 2.1.1). Die nachahmende konfrontative Statusstrategie orientiert sich so beispielsweise an der Strategie der social competition, wo ebenfalls davon ausgegangen wird, dass es zu einem Wettbewerb um eine höhere Statusposition kommt (Tajfel und Turner 2001, S. 104). Die von mir konzeptionierten Strategien zum Aufbau von Alternativen lehnen sich dann an social creativity-Strategien an, wo es ebenfalls um die Etablierung von neuen Vergleichskategorien oder Vergleichsmaßstäben zum Zwecke der Statuserhöhung geht (Tajfel und Turner 2001, S. 104). 89 Abbildung 6: Statusstrategien Quelle: Eigene Darstellung. Hat ein Staat sich in der Entscheidungsphase für die Umsetzung von Strategien zum Aufbau von Alternativen entschieden, dann kann er dies auf zwei Wegen tun. Er kann entweder die Vergleichskategorien wechseln beziehungsweise verändern, für die er einen bestimmten Status anerkannt bekommen möchte, oder er kann auf andere Anerkennungsformen beziehungsweise Akteure setzen. Ein Wechsel der Vergleichskategorien bedeutet, dass sich der eigene Statusanspruch anpasst beziehungsweise verändert. Man versucht nun nicht mehr in den Kategorien anerkannt zu werden, die gemeinhin als relevant für die Anerkennung des Status als Weltmacht, Großmacht, Industriemacht oder Ähnliches angesehen werden, sondern man versucht, Achtung für andere Kategorien zu bekommen (Larson und Shevchenko 2014, S. 38; Tajfel und Tur- Bewertungsphase Entscheidungsphase Handlungsphase Andere Anerkennungsformen/Akteur demonstrativ Umsetzung auf direktem Weg scheint möglich Nachahmende Strategien konfrontativ Bewertung der Statusposition Wunsch nach Verbesserung Umsetzung auf direktem Weg scheint unmöglich Strategien zum Aufbau von Alternativen Wechsel der VergleichskategorieDissidenz Rückzug aus der OrdnungKein Wunsch nach Verbesserung Umsetzung scheint insgesamt unmöglich 90 ner 2001, S. 104). Dies kann zum Beispiel das Anstoßen und Umsetzen von humanitären Interventionen sein anstelle des Baus von Flugzeugträgern, um zu symbolisieren, wie wichtig man als Akteur für die Weltpolitik ist. Auch kann versucht werden, die Bedeutung von Statusmarkern zu verändern. Wenn man selber nicht in der Lage ist, Flugzeugträger zu bauen, kann man versuchen, andere Waffensysteme als führend und notwendig für die Anerkennung eines bestimmten Status zu etablieren. Diese Prozesse sind jedoch sehr langwierig und hängen sehr stark von den umgebenden Akteuren ab (Larson und Shevchenko 2010, S. 73–75). Man muss eine gewisse Menge an Akteuren überzeugen, die selbst gewählten neuen Statusmarker als solche anzuerkennen, um seine eigene Statusposition zu verändern und die Ordnung beziehungsweise das Verständnis von Ordnung so zum eigenen Vorteil zu verändern. Andere Formen der Anerkennung oder andere Akteure, von denen man anerkannt werden möchte, werden dann gewählt, wenn man den ursprünglichen Statusanspruch nicht aufrechterhalten kann beziehungsweise wenn man merkt, dass man von dem Akteur, von dem man anerkannt werden möchte, nicht anerkannt wird, man aber nicht bereit ist, den Statusanspruch grundsätzlich aufzugeben. Bei dieser Strategie versucht man entweder für andere Elemente anerkannt zu werden, zum Beispiel nun als besonders erfolgreiche Nation bei internationalen Sportereignissen und nicht mehr als führende Militärmacht, oder man strebt nicht mehr nach Anerkennung durch den bedeutendsten Akteur in der Ordnung sondern nach Anerkennung durch Akteure, die nur wenig höher positioniert sind als man selbst. So wird der Statusmismatch von vorneherein verringert und die Erfolgschancen steigen (Tajfel und Turner 2001, S. 104). Wenn die Chancen auf Anerkennung des gewünschten Status auf direktem Weg positiv wahrgenommen werden, wählen Staaten eine nachahmende Strategie. Hierbei kann zwischen demonstrativen und konfrontativen Ansätzen unterschieden werden. Gehen Staaten davon aus, dass eine direkte Umsetzung des eigenen Statusanspruchs möglich ist und ihr Statusanspruch anerkannt wird, wenn sie ihn entsprechend demonstrieren, versuchen Akteure sich zunächst in einer demonstrativen Nachahmungsstrategie. Die positive Bewertung der eigenen Erfolgschancen kann sich dabei auf drei Dimensionen ausdehnen: Sie können sowohl physisch, sozial oder psychologisch positiv wahrgenommen werden. Physische Erfolgschancen beziehen sich vor allem auf materielle Statusmarker. Das Erreichen dieser Marker wird als möglich eingestuft und als sinnvoll im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung angesehen. So wird es beispielsweise als möglich angesehen, bestimmte Waffensysteme oder Waffentypen zu erlangen und dann aufgrund der Ähnlichkeit zum anerkennenden Akteur von diesem anerkannt zu werden. Die soziale Dimen- 91 sion bezieht sich vor allem auf immaterielle Statusmarker. Hier wird es als wahrscheinlich angesehen, für seine sozialen Errungenschaften anerkannt zu werden und den gewünschten Statusanspruch so zu realisieren. Ein Beispiel hierfür ist das Ausrichten von kulturellen Großveranstaltungen, wie zum Beispiel einer Weltausstellung. Die Bewertung der Erfolgschancen aufgrund der psychologischen Dimension ist die komplexeste Bewertung, denn hier spielen sowohl materielle und immaterielle Statusmarker als auch ihre subjektive Wahrnehmung eine zentrale Rolle. Hierbei geht ein Akteur davon aus, dass sein Statusanspruch gerechtfertigt ist. Er ist davon überzeugt, dass der anerkennende Akteur dies bereits wahrgenommen hat und den Anspruch ebenfalls als legitim betrachtet. Es müssen weder materielle noch immaterielle Statusmarker objektiv erfüllt sein, es geht lediglich um die als deckungsgleich empfundene Wahrnehmung. Wird mindestens eine Dimension als positiv bewertet, wird eine demonstrative Nachahmungsstrategie gewählt. Die Umsetzung einer demonstrativen Nachahmungsstrategie ist mit geringeren Kosten im Vergleich zu allen anderen Strategien verbunden, da hier völlig konfliktfrei und nur durch die eigene Überzeugungskraft versucht wird, den Statusanspruch anerkannt zu bekommen. Akteure, die diese Strategie wählen, wollen keinen Druck auf den anerkennenden Akteur ausüben sondern durch eigene Gleichartigkeit und/oder Attraktivität überzeugen. Der Erfolg dieser Strategie hängt vollständig von der anerkennenden Seite ab, da der Statusaspirant keine Schritte jenseits der Demonstration der eigenen Gleichartigkeit unternimmt, um anerkannt zu werden. Diese Strategie setzt voraus, dass der nach Status strebende Akteur zunächst die höherrangige Position des anerkennenden Akteurs akzeptiert und daran auch nichts ändern will. Durch die Nachahmung der Verhaltensweisen und Statusmarker dieses höherrangigen Akteurs will der nach Status strebende Akteur als gleichwertig anerkannt werden und selber eine höhere Position bekleiden, jedoch dabei nicht automatisch den anerkennenden Akteur aus seiner Führungsposition verdrängen. Je geringer der Statusmismatch zwischen dem nach Status strebenden Akteur und dem anerkennenden Akteur ist, desto größer ist die Chance auf Erfolg, weil es wahrscheinlicher ist, dass der anerkennende Akteur die große Ähnlichkeit erkennt und den anderen Akteur nicht als Bedrohung wahrnimmt. Scheitert diese Strategie, kann der nach Status strebende Akteur entweder auf eine konfrontative Strategie umschwenken (siehe unten) oder die Art der Strategie wechseln und versuchen, durch Strategien des Aufbaus von Alternativen seinen Statusanspruch umzusetzen. Als dritte Alternative bleibt die vollständige Aufgabe des Statusanspruchs. Empirische Beispiele für diese Strategie in Reinform lassen sich nur schwer finden, da das Verhalten eines Akteurs immer eine Reaktion bei anderen Akteuren auslöst und es nur schwer möglich ist, rein nachahmend-demonstrativ zu signalisieren, dass man einen 92 höheren Status zugesprochen bekommen möchte. Die Gefahr für Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen ist sehr groß. Es ist auch schwer zu unterscheiden, ob die demonstrative Strategie Erfolg bringend war oder ob eine Veränderung auf der anerkennenden Seite dazu geführt hat, den nach Status strebenden Akteur anders zu bewerten. Auch ist nicht abschließend zu klären, wann diese Strategie gescheitert ist: Wie lange muss ein nach Status strebender Akteur auf eine Reaktion des anerkennenden Akteurs warten? Bei welchen Signalen gibt er auf? Konfrontative Nachahmungsstrategien werden von einem Akteur dann ausgewählt, wenn er grundsätzlich von der direkten Machbarkeit der Umsetzung seiner Statusansprüche ausgeht und er seine Erfolgschancen mehrheitlich positiv bewertet, jedoch annimmt, dass ein rein demonstratives Vorgehen nicht zielführend ist. Diese Annahme kann entweder auf einer fehler- oder lückenhaften Beurteilung des anerkennenden Akteurs basieren oder auf der Annahme, dass der höhere Statusanspruch schon viel zu lange verwehrt wird und längst eine Ebenbürtigkeit erreicht ist. Akteure, die sofort eine konfrontative Nachahmungsstrategie wählen, sehen sich einem großen Statusmismatch ausgesetzt. Die Beurteilung der eigenen Statusposition weicht massiv von der Bewertung dieser Position durch Dritte ab. Diese Fehlwahrnehmung ist dann die Grundlage für die Auswahl der Strategie zur Erreichung der gewünschten Statusposition. Eine andere Erklärung für die Wahl von konfrontativen Nachahmungsstrategien ist die Beurteilung der Erfolgsaussichten. Werden diese zwar immer noch positiv wahrgenommen, aber es scheint nicht mehr klar, ob der anerkennende Akteur bereit ist, die gewünschte Statusposition zu gewähren, werden die Erfolgsaussichten einer konfrontativen Nachahmungsstrategie gegenüber einer demonstrativen Nachahmungsstrategie höher eingeschätzt. Im Unterschied zu der ersten Erklärung für die Wahl einer konfrontativen Nachahmungsstrategie muss der nach Status strebende Akteur nicht bereits davon ausgehen, ebenbürtig oder gleichrangig zu sein. Er bewertet hier lediglich seine Erfolgsaussichten anders als bei der Wahl einer demonstrativen Strategie. Die unterschiedlichen Statuspositionen des nach Status strebenden Akteurs und des anerkennenden Akteurs werden wahrgenommen und bei der Wahl der Strategie berücksichtigt. Durch konfrontatives Verhalten soll dieser Unterschied verringert oder aufgehoben werden. Eine konfrontative Strategie der Statusanerkennung setzt wie die demonstrative Strategie voraus, dass der nach Status strebende Akteur mit seiner aktuellen Position innerhalb der Ordnung unzufrieden ist. Aus dieser Situation werden jedoch unterschiedliche Schlüsse gezogen. Bei der Wahl einer konfrontativen Strategie geht der Akteur davon aus, dass ihm die Anerkennung oder Gleichrangigkeit zusteht, weil er alle relevanten Statusmarker ebenfalls besitzt und somit die „objektiven“ Anerkennungsbedingungen er- 93 füllt. Lediglich dem anerkennenden Akteur sei dies noch nicht klar und nun wird versucht, diesem Umstand mit Druck oder Konflikt zu begegnen56, um die ausstehende Anerkennung einzufordern. Diese Strategie beruht auf einer Fehlwahrnehmung: Der nach Status strebende Akteur geht davon aus, dass der Statusmismatch bereits durch sein Nachahmen der Statusmarker behoben wurde und ihm die Anerkennung längst zusteht. Er verhält sich dann auch so, als ob sein angestrebter Status bereits anerkannt wäre, was zu Konflikten mit dem anerkennenden Akteur führt, weil dieser sich in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sieht und sich durch den nach Status strebenden Staat bedroht fühlt. Der nach Status strebende Akteur akzeptiert die höherrangige Position des anerkennenden Akteurs nicht länger, er untergräbt sie vielmehr durch sein Verhalten. Bei dieser Form der Strategie provoziert der nach Status strebende Akteur eine Eskalation der Beziehung, indem er die Kosten der Nicht-Anerkennung für den anerkennenden Akteur so weit erhöht, dass dieser den angestrebten höheren Status des Anderen anerkennen muss. Ein Beispiel hierfür ist ein Wettrüsten. Durch den Einstieg des nach Status strebenden Akteurs in eine Rüstungsspirale steigt das Bedrohungsgefühl des anerkennenden Akteurs, auch wenn er weiterhin militärisch überlegen ist, so weit an, dass die Kosten für das weitere Eskalieren der Rüstungsspirale die Kosten der Anerkennung übersteigen. Mit einer konfrontativen Strategie versucht der nach Status strebende Akteur die Anerkennungsbedingungen zu seinen eigenen Gunsten zu manipulieren und selbst Einfluss darauf zu erlangen, wann er seinen Statusanspruch anerkannt bekommt. Je größer der wahrgenommene Statusmismatch und je selbstsicherer ein nach Status strebender Akteur ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er direkt eine konfrontative Strategie wählt. Eine Besonderheit bei dieser Strategie ist, dass ein Scheitern zwar objektiv möglich ist, subjektiv aber nicht in die Überlegungen einbezogen wird. Der nach Status strebende Akteur geht davon aus, dass ihm sein gewünschter Status auch zusteht und er nur noch die richtigen Mittel finden muss, um dies auch der anerkennenden Seite unmissverständlich deutlich zu machen. Somit kann der Statusanspruch an sich nicht scheitern, es kann lediglich passieren, dass nicht sofort die richtigen Druckmittel eingesetzt werden, um die Anerkennung zu sichern. Je länger die Anerkennung des gewünschten Statusanspruchs ausbleibt, desto stärker wird das Interesse des nach Status strebenden Akteurs, die Situation wei- 56 Gerade aufsteigende Staaten, deren Machtpotential und Status nicht überein gehen und die ein Prestigedefizit wahrnehmen, neigen dann zu expansionistischem, konflikthaftem Verhalten. Staaten, die bereits eine hohe Statusposition erreicht haben, neigen weniger zum Konflikt, weil sie ihre Macht nicht mehr so sehr in Aggression umsetzen, sondern auch friedlich weiter aufsteigen (Rosecrance et al. 1974, S. 38). Ein Beispiel hierfür wäre der friedliche Macht- übergang zwischen Großbritannien und den USA. 94 ter zu eskalieren – bis hin zur kriegerischen Auseinandersetzung. Eine weitere Option bei fortdauernder Zurückweisung ist das Zweifeln an der Ordnung und der Versuch, diese einseitig den eigenen Bedürfnissen anzupassen57. Welche Methoden stehen dem nach Status strebenden Akteur zur Verfügung, um konfrontativ seine Statusansprüche anerkannt zu bekommen? Er kann versuchen, den diplomatischen Druck zu erhöhen, indem er internationale Krisen inszeniert oder weiter eskalieren lässt und damit den anerkennenden Akteur zum Handeln zwingt. Dabei kann der nach Status strebende Akteur versuchen, sich selbst besonders positiv darzustellen und als ‚Retter in der Not‘ zu präsentieren. Auch kann er versuchen, den anerkennenden Akteur international zu isolieren und so die Kosten für eine Nicht-Anerkennung erhöhen. Wie oben bereits dargestellt, sind auch Rüstungswettläufe möglich. Der nach Status strebende Akteur kann versuchen, den anerkennenden Akteur zu zwingen, den subjektiv rechtmäßigen Statusanspruch zu gewähren. Jedoch hat Zwang als Methode hier kaum Erfolgsaussichten, solange es um eine Statusfrage geht. Wie in Kapitel 2.2 gezeigt, ist Status und Statusgewährung ein reziproker Aushandlungsprozess, eine soziale Konstruktion, die von beiden Seiten bis zu einem gewissen Grad geteilt werden muss. Die Ausübung von Zwang unterläuft dies und es ist auch fragwürdig, ob ein Akteur, der Zwang ausübt, nur einen Statusanspruch durchsetzen will, oder ob es hier nicht schon um Fragen von Macht, Herrschaft, Hegemonie oder Dominanz geht. Die Manipulation der Anerkennungsbedingungen ist durch das Erhöhen des Drucks auf den anerkennenden Akteur möglich und im Rahmen von Statusfragen auch (noch) legitim, da sich beide Seiten damit auseinandersetzen und Handlungsspielräume – verbal als auch non-verbal – haben. Es verändert sich dann die soziale Konstruktion von Status durch diesen erreichten Aushandlungsprozess. Eine Manipulation der Anerkennungsbedingungen durch Zwang dagegen verhindert diesen notwendigen Aushandlungsprozess, denn die reziproke Anerkennung eines Statusanspruchs kann nicht unilateral erreicht werden. Geschieht dies, ist die soziale Konstruktion Status durch die oben erwähnten Phänomene (Macht, Herrschaft, Hegemonie, Dominanz) ersetzt worden. 2.3.4 Der Ausgang des Statusstrebens: Erfolg oder Scheitern? Nachdem ein Staat sich für eine Strategie zur Umsetzung des eigenen Statusanspruchs entschieden hat und beginnt, durch konkrete politische Handlungen diesen Anspruch anerkannt zu bekommen, stellt sich die Frage nach dem Ergebnis der Bemühungen. Welche Optionen hat ein Statusaspirant, wenn sein 57 Dieses Verhalten kann man als dissidenten Revisionismus bezeichnen. Der Akteur akzeptiert die Ordnung nicht mehr und ist bereit, auch durch Regelbruch, sich darüber hinweg zu setzen (Jaschob et al. 2015). 95 Streben erfolgreich verläuft oder wenn er mit seinen Bemühungen scheitert (Abbildung 7)? Im Erfolgsfalle lassen sich die Möglichkeiten der Reaktion in zwei Kategorien fassen: Der Statusaspirant ist mit seinem neu anerkannten Status zufrieden und unternimmt zunächst keine weiteren Schritte oder der Statusaspirant nimmt diesen Erfolg als Anlass, um weitere Statusziele oder Statusziele, die bislang unerreichbar waren, umzusetzen. Wenn ein Staat mit seinen Statusbemühungen scheitert, hat er drei mögliche Optionen, um dieser Situation zu begegnen: Er kann sich aus der Ordnung zurückziehen, er kann das Scheitern zum Anlass nehmen und nun mit dissidentem Revisionismus versuchen, die Ordnung umzugestalten oder er kann zu einer anderen Strategie wechseln. Nimmt ein Staat das Ergebnis seiner Statusbemühungen als Erfolg wahr, ist er entweder mit der neuen Situation zufrieden und unternimmt zunächst keine weiteren Schritte der Statusanerkennung oder er geht dazu über, ein neues Statusziel zu erreichen beziehungsweise sein ursprüngliches Statusziel in Angriff zu nehmen, welches er nicht auf direktem Wege erreichen konnte. Zufrieden58 ist ein Akteur dann, wenn er subjektiv annimmt, dass seine Statusansprüche anerkannt werden und dass seine Bewertung der eigenen Statusposition mit der Wahrnehmung des relevanten Anderen übereinstimmt. Sein Statusanspruch ist dann zunächst befriedigt, ein möglicher Statusmismatch besteht aus seiner Perspektive heraus nicht mehr und es gibt zunächst keinen Anlass für ihn, seine neu anerkannte Statusposition negativ zu bewerten und daraus einen neuen Statusanspruch zu generieren. Es kann bei einer positiven Wahrnehmung der Ergebnisse des eigenen Statusstrebens aber auch die Situation eintreten, dass der erreichte Statusanspruch – und damit das Wissen, dass man in der Lage ist, einen aus der eigenen Bewertung der Statusposition heraus generierten Statusanspruch umsetzen zu können – als Anlass genommen wird, die neue Statusposition nicht vollends positiv zu bewerten sondern aus diesem Erfolg einen neuen Statusanspruch zu generieren. 58 Unter Zufriedenheit verstehe ich einen „emotionale[n] Zustand, in dem gewisse Bedürfnisse als befriedigt angesehen werden.“ (Rauch 2014, S. 216). Daher ergibt sich, dass Zufriedenheit nicht als ein rationales Gut zu verstehen ist, sondern ein subjektiver Zustand, der weder über Zeit fixiert ist noch über Zeit und Bereiche konsistent. Des Weiteren beinhaltet Zufriedenheit sowohl das Erreichen von selbst gesteckten Zielen als auch immer eine relative Komponente, die sich durch den Vergleich zu bestimmten Referenzgruppen ausdrückt (Rauch 2014, S. 218–220). A bb ild un g 7: V ol ls tä nd ig es A na ly se ra st er Q ue lle : E ig en e D ar st el lu ng . D is s id e n z B e w e rt u n g s p h a s e E n ts c h e id u n g s p h a s e E rf o lg S c h e it e rn E rf o lg S c h e it e rn E rf o lg B e w e rt u n g d e r S ta tu s p o s it io n U m s e tz u n g a u f d ir e k te m W e g s c h e in t m ö g lic h U m s e tz u n g a u f d ir e k te m W e g s c h e in t u n m ö g lic h S tr a te g ie n z u m A u fb a u v o n A lt e rn a ti ve n N a c h a h m e n d e S tr a te g ie n W e c h s e l d e r V e rg le ic h s k a te g o ri e A n d e re A n e rk e n n u n g s fo rm e n /A k te u re d e m o n s tr a ti v k o n fr o n ta ti v Z u fr ie d e n h e it W e c h s e l z u n a c h a h m e n d e n S tr a te g ie n R ü c k z u g a u s d e r O rd n u n g W e c h s e l z u d is s id e n te m R e vi s io n is m u s W e c h s e l z u a n d e re r a lt . S tr a te g ie n Z u fr ie d e n h e it U m s e tz u n g s c h e in t in s g e s a m t u n m ö g lic h R ü c k z u g a u s d e r O rd n u n g K e in W u n s c h n a c h V e rb e s s e ru n g W u n s c h n a c h V e rb e s s e ru n g W e c h s e l z u d is s id e n te m R e vi s io n is m u s W e c h s e l z u k o n fr o n ta ti ve n S tr a te g ie n R ü c k z u g a u s d e r O rd n u n g N e u e r S ta tu s w u n s c h R ü c k z u g a u s d e r O rd n u n g W e c h s e l z u n a c h a h m e n d e n S tr a te g ie n W e c h s e l z u a lt . S tr a te g ie n W e c h s e l z u d is s id e n te m R e vi s io n is m u s R ü c k z u g a u s d e r O rd n u n g N e u e r S ta tu s w u n s c h Z u fr ie d e n h e it W e c h s e l z u a lt . S tr a te g ie n Z u fr ie d e n h e it W e c h s e l z u a n d e re r a lt . S tr a te g ie n E rf o lg S c h e it e rn S c h e it e rn H a n d lu n g s p h a s e 97 Entsteht dieser Wunsch aus dem erfolgreichen Umsetzen einer Strategie zum Aufbau von Alternativen, gehe ich davon aus, dass versucht wird, das ursprüngliche Statusziel, welches in der Entscheidungsphase als nicht direkt umsetzbar bewertet wurde, erneut umzusetzen. Ein Statusaspirant würde in diesem Falle also erneut in die Bewertungsphase eintreten und seine Erfolgsaussichten unter Berücksichtigung seiner neu anerkannten Statusposition ausloten und je nach Ergebnis dieses Bewertungsprozesses erneut Strategien umsetzen, um diesen Statusanspruch zu befriedigen. Die Wahl einer Strategie zum Aufbau von Alternativen wurde vom Statusaspiranten ursprünglich gewählt, weil die Umsetzung seines Statusanspruchs ihm auf direktem Wege nicht möglich erschien. Hat ein Statusaspirant diese Strategie dann jedoch in seiner Wahrnehmung erfolgreich ausgeführt und eine neue Statusposition erreicht, hat sich seine Bewertungsgrundlage für sein ursprüngliches Statusziel verändert. Er befindet sich nun in einer anderen Position gegenüber den Akteuren, von denen er einen bestimmten Statusanspruch anerkannt bekommen möchte, er nimmt sie anders wahr und er wird aller Voraussicht nach auch von ihnen anders wahrgenommen. Dieser Rekategorisierungsprozess führt dazu, dass die Erfolgsaussichten des ursprünglichen Statusanspruchs anders bewertet werden und eine erneute Umsetzung angestrebt wird. Ist der Wunsch nach einem neuen Statusanspruch das Ergebnis des erfolgreichen Umsetzens einer nachahmenden Strategie, gehe ich davon aus, dass es sich um einen völlig neuen Statusanspruch handelt, weil der Statusanspruch, der aufgrund der Bewertung der eigenen Statusposition entstanden war, weitestgehend befriedigt wurde. Dieser neue Statusanspruch entsteht dann vielmehr aus der Erkenntnis, dass das ursprüngliche Statusziel entweder nicht ausreichend war oder dass die neue Statusposition neue Begehrlichkeiten weckt, die im Vorhinein noch nicht absehbar waren (Tajfel und Turner 2001; Jaschob und Wurm 2015, S. 21). Dieser Akteur durchläuft dann das vorgestellte Analyseraster wieder von vorne, jedoch gilt für ihn auch, dass er nun eine andere Ausgangsposition innehat und sowohl die Bewertung der eigenen Position als auch die Wahrnehmung darüber, wie er denkt, dass er von anderen relevanten Akteuren gesehen wird, sich verändert haben können. Nimmt der nach Status strebende Akteur die Ergebnisse seiner Anerkennungsbemühungen als Scheitern wahr, kann dies zu drei möglichen Reaktionen führen. Die erste mögliche Reaktion besteht aus dem Rückzug des nach Status strebenden Akteurs aus der Ordnung (Jaschob et al. 2015). In diesem Fall ist das Statusstreben mindestens subjektiv nicht anerkannt worden, der Statusaspirant hat jedoch auch keinen weiteren Antrieb, es auf alternativen Wegen zu versuchen oder gar die Ordnung zerstören zu wollen. Die Zerstörung der vorhandenen Ordnung als Reaktion auf ein wahrgenommenes Scheitern des Statusstrebens stellt die zweite und radikalste Reaktionsform dar. 98 Hier geht ein Staat zu dissident-revisionistischem Verhalten über, um das Scheitern seines Statusstrebens zu kompensieren. In diesem Fall akzeptiert er die vorhandene Ordnung nicht mehr und ist bereit, auch mit radikalen, regelbrechenden Methoden die Ordnung zu sprengen (Jaschob et al. 2015, S. 13). Die dritte Möglichkeit ist gleichzeitig die moderateste Form der Reaktion auf ein wahrgenommenes Scheitern. Der Statusaspirant versucht durch den Wechsel der Statusstrategie sein eigentliches Statusziel in einem erneuten Anlauf zu erreichen. In welche Strategie er dabei überwechselt, hängt von der ursprünglich gewählten Strategie und der erneuten Bewertung seiner Erfolgsaussichten ab. Der Wechsel von nachahmenden Strategien zu Strategien zum Aufbau von Alternativen erfolgt dann, wenn die Umsetzung der nachahmenden Strategie gescheitert ist, der Akteur aber nicht bereit ist, seinen Statusanspruch aufzugeben. Es ist davon auszugehen, dass die Umsetzung von Strategien zum Aufbau von Alternativen als erneuter Versuch, seinen Statusanspruch doch noch umsetzen zu können, sich äußerst schwierig gestaltet. Gerade wenn ein Akteur bereits mit nachahmenden Strategien gescheitert ist, ist anzunehmen, dass es besonders kostenintensiv und langwierig ist, nun Strategien zum Aufbau von Alternativen erfolgreich umzusetzen. Auch muss der Statusaspirant hier eine Neubewertung seiner Erfolgsaussichten vornehmen, um sich dann für eine alternative Strategie entscheiden zu können. Damit durchläuft er erneut das gesamte Analyseraster auf einem anderen Pfad und ist mit den gleichen Chancen und Risiken konfrontiert, wie bereits beim ersten Versuch der Statusanerkennung. Er hat lediglich Erfahrungen gesammelt, wie es nicht funktioniert, seinen Statusanspruch umzusetzen. Im Zweifel hat sich das Bild, das andere Akteure von ihm haben, durch diesen erfolglosen Versuch verschlechtert. Dies wirkt sich dann unmittelbar auf die Erfolgschancen des erneuten Versuches aus. Wird die Umsetzung einer demonstrativen Nachahmungsstrategie als subjektiv empfundene Ablehnung durch den anerkennenden Akteur wahrgenommen und damit als gescheitert, hat der nach Status strebende Akteur die Möglichkeit, entweder zu einer konfrontativen Nachahmungsstrategie überzugehen oder er wechselt in den Bereich der alternativen Strategien. Die Erfolgsaussichten seines Statusanspruchs werden dabei weiterhin positiv bewertet und es erscheint für den nach Status strebenden Akteur immer noch rational zu versuchen, sein Statusinteresse durch den Strategiewechsel zu befriedigen. Der Wechsel von demonstrativen zu konfrontativen Nachahmungsstrategien ist dabei meist fließend. Erkennt der nach Status strebende Akteur, dass die reine Demonstration seiner Fähigkeiten und Gleichartigkeit nicht ausreicht, um den gewünschten Statusanspruch zu realisieren, kann er versuchen, durch konfrontatives Verhalten dieses Ziel doch noch zu erreichen. Er 99 versucht weiterhin seine Position im System zu verbessern, jedoch nun mit anderen Mitteln. Ein Wechsel zu Strategien des Aufbaus von Alternativen geschieht dann, wenn die Erfolgsaussichten weiterhin positiv bewertet werden, der Akteur jedoch subjektiv wahrnimmt, dass durch reines Nachahmen keine Anerkennung erfolgen wird, er also nicht auf direktem Weg seinen Statusanspruch befriedigen kann. Er wechselt dann zum Beispiel die Vergleichskategorien oder versucht zunächst, von Akteuren anerkannt zu werden, zu denen der empfundene Statusmismatch nicht so groß ist. Ist dieses Vorgehen erfolgreich, kann er erneut versuchen, seinen ursprünglichen Statusanspruch umzusetzen und Anerkennung von dem Akteur zu erlangen, auf den die anfängliche Politik zur Erlangung des gewünschten Statusanspruchs ausgerichtet war. 2.3.5 Die andere Seite: Welchen Einfluss haben anerkennende Akteure? Nicht nur die Wahl der Statusstrategie und deren Umsetzung durch den Statusaspiranten bestimmen den Ausgang des Statusanerkennungsprozesses. Der Akteur, von dem man anerkannt werden möchte, bestimmt in hohem Maße, ob der nach Status strebende Akteur Erfolg hat. Der höher positionierte Akteur kann das Verhalten des nach Status strebenden Akteurs als Bedrohung seiner eigenen Statusposition wahrnehmen und je näher ein Statusaspirant an die eigene Position heranrückt, desto wahrscheinlicher sind offene Rivalitäten oder ein Konflikt (Onea 2014, S. 127). Der anerkennende Akteur hat dabei eine gewisse Herrschaftsmacht gegenüber dem Statusaspiranten, ihm bleibt immer ein Teil, den der Statusaspirant nicht beeinflussen kann und somit ist es die anerkennende Seite, die letztendlich über den Erfolg oder das Scheitern einer Statusstrategie entscheidet. Höher positionierte Akteure haben typischerweise mehr Möglichkeiten zu handeln, handeln öfter, werden für ihre Handlungen positiver bewertet, haben größeren Einfluss auf Entscheidungen und werden häufiger für Führungspositionen ausgewählt (Thye 2000, S. 412). Dem anerkennenden Akteur stehen zwei Arten von Anerkennungsbedingungen – objektive und subjektive – zur Verfügung, anhand derer er bestimmen kann, ob der Statusanspruch des nach Status strebenden Akteurs anerkannt wird. Objektive Anerkennungsbedingungen beziehen sich auf öffentlich bekannte und allgemein akzeptierte Statusmarker, die einer gewissen Statusposition zugeschrieben werden. Diese Anerkennungsbedingungen variieren bei unterschiedlichen Statusansprüchen und unterschiedlichen Aushandlungen der sozialen Konstruktion Status. Der anerkennende Akteur hat aufgrund seiner höherrangigen Position die Möglichkeit zu bestimmen, was als Statusmarker gilt (Thye 2000, S. 413; Thye et al. 2006, S. 1476). Es handelt sich hier also zwar um öffentlich bekannte Bedingungen, jedoch sind diese nicht abschließend oder absolut, sie verändern sich in einem stetigen Aus- 100 handlungsprozess zwischen den anerkennenden Akteuren und den Statusaspiranten. Diese objektiven Anerkennungsbedingungen können sich auf unterschiedliche Politikfelder oder Attribute eines Akteurs beziehen. Sie können sowohl im Bereich der materiellen als auch der immateriellen Statusmarker liegen. Entscheidend ist nicht die Qualität des Markers sondern seine öffentliche Zugänglichkeit beziehungsweise Bekanntheit (Pu und Schweller 2014, S. 146–150; Rüger 2007, S. 21). Diese kann entweder durch einen breiten, öffentlichen Diskurs geschehen oder durch die Demonstration bestimmter Statusmarker durch Akteure, die den angestrebten Status bereits anerkannt bekommen haben. Beispiele für derartige öffentlich zugängliche Statusmarker können Waffensysteme, die Austragung von internationalen Großereignissen oder bestimmte wirtschaftliche, industrielle oder bildungspolitische Kennzahlen sein, genauso wie der Zuspruch zu einer bestimmten Ideologie oder das Leisten von Beitragszahlungen. Der Bereich der subjektiven Anerkennungsbedingungen bezieht sich besonders auf die Wahrnehmung des Statusaspiranten durch den anerkennenden Akteur. Wird der Statusaspirant überwiegend als Bedrohung wahrgenommen – unabhängig von seinen tatsächlichen Absichten –, wird der anerkennende Akteur seine Anerkennung mit großer Wahrscheinlichkeit verweigern (Aust und Schönpflug 2007, S. 11). Besonders deutlich wird dies, wenn der Statusaspirant die kollektive Identität oder zumindest wichtige Teile davon bedroht. Diese Bedrohung kann sich in Überfremdungsängsten äußern oder auch durch Bedenken, dass durch die Anerkennung des nach einem bestimmten Status strebenden Akteurs die eigene Position gefährdet wird (Hansen 2006, S. 38–39). Je geringer diese Bedrohungswahrnehmung ausfällt, desto einfacher ist es für den nach Status strebenden Akteur, anerkannt zu werden. Wird die kollektive Identität des nach Status strebenden Akteurs als in wesentlichen Teilen konform mit der eigenen Identität gesehen, ist es wahrscheinlich, dass die Bedrohungswahrnehmung sinkt (Abdelal et al. 2006, S. 697). Erst wenn die kollektive Identität des Anderen als Kopie der eigenen wahrgenommen wird oder Elemente enthält, die die Existenz oder Positionierung des anerkennenden Akteurs betreffen, steigt das Bedrohungsgefühl (Kowert 1999, S. 25–29). Wird die Identitätskonformität des nach Anerkennung strebenden Akteurs als eher gering bewertet, kann es dennoch zu einer Statusanerkennung kommen. Hier können andere Faktoren über die erfolgreiche Anerkennung entscheiden, weil nicht nur der Statusaspirant eine für ihn rationale Kosten-Nutzen-Abwägung für sein Statusinteresse macht, sondern auch der anerkennende Akteur seine eigenen Interessen abwägt und es somit für ihn rational erscheinen kann, selbst einen ihm nicht sehr ähnlichen Akteur in seinem Statusbestreben anzuerkennen, wenn ihm selbst dadurch Vorteile entstehen. Solche Faktoren können Freund-Feind-Ideologien, monetäre Anreize 101 oder auch der Zugang zu anderen Akteuren und/oder Ressourcen sein. Bei Freund-Feind-Ideologien könnte die Anerkennung eines Akteurs hilfreich sein, weil der anerkennende Akteur dadurch andere Akteure, die er als feindlich einstuft oder mit denen er auf gar keinen Fall eine Kooperation eingehen würde, besser auf Distanz halten oder ihre Position schwächen kann (Axelrod und Bennett 1993). Monetäre Anreize drücken sich vor allem darin aus, dass der nach Anerkennung strebende Akteur entweder einen Teil der Beitragszahlungen leistet und somit der anerkennende Akteur direkt entlastet wird oder der nach Statusanerkennung strebende Akteur neue Absatzmärkte bietet, die ebenfalls vorteilhaft für den anerkennenden Akteur sind (Bohnet 1997, Kap. V.2.). Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang zu anderen Akteuren oder Ressourcen; auch hier sieht der anerkennende Akteur Vorteile darin, die Statusanerkennung zu gewähren, weil ihm daraus Möglichkeiten entstehen, die er bei einer Ablehnung nicht hätte (Moravcsik 1997, S. 521). Bei all diesen Faktoren übersteigt also der Nutzen der Anerkennung die Kosten, die aufgebracht werden müssen, um einen nicht gleichwertigen Akteur in seinem Statusstreben anzuerkennen. Wird jedoch die Gleichartigkeit und Identitätskonformität des nach Status strebenden Akteurs anerkannt, kommt es zu einem positiven, wechselseitigen Anerkennungsprozess (Honneth 1992). Beide Akteure – sowohl der anerkennende als auch der nach Anerkennung strebende – durchlaufen dann einen Rekategorisierungsprozess59. Während dieses Prozesses nehmen beide kollektive Identitäten die gewährte Anerkennung auf und internalisieren sie. Dieser Prozess ist ähnlich wie die Bestimmung von Statuspositionen und Statusansprüchen ein reziproker Aushandlungsprozess, an dessen Ende eine soziale Konstruktion des Selbst und des Anderen steht. Damit dieser Prozess einsetzen kann, müssen sowohl objektive als auch subjektive Anerkennungsbedingungen erfüllt sein. Das ist allerdings nicht als eine Art Checkliste zu verstehen, auf der eine kritische Masse an Punkten erfüllt sein muss, damit ein nach Status strebender Akteur anerkannt wird. Vielmehr geht es auch hier um einen wechselseitigen Prozess, in dem bestimmt wird, wie Statusmarker gewichtet werden und Vor- und Nachteile für beide Akteure durch die gegenseitige Statusanerkennung entstehen. Dieser Prozess läuft unabhängig davon ab, ob der Statusanspruch positiv oder negativ bewertet wird. Grundsätzlich geht es um die Auseinandersetzung mit den Statusansprüchen und Zielen des nach Status strebenden Akteurs (Larson et al. 2014, S. 8). Während dieses Prozesses stehen nicht nur dem 59 Ein Beispiel, wie so ein Rekategorisierungsprozess ablaufen kann – allerdings in diesem Fall nur einseitig –, liefert Steven Ward (Ward 2014, S. 26–27). Durch diesen Prozess ist es einzelnen Individuen möglich, das Statusanliegen wenigstens partiell umzusetzen, indem sie Teile der Identität der höher positionierten Gruppe/Akteur annehmen. 102 Statusaspiranten Strategien zur Verfügung, um eine Anerkennung zu erreichen; auch der anerkennende Akteur hat verschiedene Möglichkeiten, den Statusaspiranten anzuerkennen oder abzulehnen. Die anerkennenden Strategien befassen sich vor allem mit der Gewichtung und Bekanntgabe von relevanten Statusmarkern. Hier zeigt der anerkennende Akteur ein kooperatives Verhalten gegenüber dem Statusaspiranten. Um die erwünschte Anerkennung nicht gewähren zu müssen, kann der anerkennende Akteur sowohl die objektiven als auch die subjektiven Anerkennungsbedingungen manipulieren. Ver- änderungen im Bereich der objektiven Bedingungen beziehen sich auf den Austausch oder das Hinzufügen von relevanten Statusmarkern. An diesem Punkt können dann beispielsweise Wettrüsten oder Wirtschaftskriege einsetzen. Veränderungen der subjektiven Anerkennungsbedingungen sind mit sehr geringen Kosten für den anerkennenden Akteur verbunden, da er sie nicht automatisch öffentlich verteidigen muss. Hier können zum Beispiel eigene Interessen der Anerkennung entgegenstehen oder auch Ängste, dass der nach Status strebende Akteur nicht mit dem ihm dann gewährten Status zufrieden ist und er so als Bedrohung wahrgenommen wird. Auch können Vorurteile oder Ressentiments als Ablehnungsgründe auftauchen (Allport 1971, S. 28– 29; Feather und Sherman 2002) oder auch innenpolitische Erwägungen, Wahlkampftaktiken oder Ähnliches. Die Signalisierung der Ablehnung kann dann entweder diskursiv erfolgen – durch verbale Drohungen – oder aber durch das Erhöhen von politischem, wirtschaftlichem oder militärischem Druck. Letztendlich ist auch die Ignoranz des nach Status strebenden Akteurs möglich. Die Entscheidung, einen nach Status strebenden Akteur anzuerkennen, hängt nicht direkt von der Wahl der Strategie des nach Status strebenden Akteurs ab. Der anerkennende Akteur hat immer die Möglichkeit der Ablehnung. Jedoch engen bestimmte Strategien den Handlungsspielraum ein beziehungsweise zwingen sie den anerkennenden Akteur zu schnellerem Handeln oder überhaupt zu einer Reaktion auf die Statusansprüche des Anderen (Tajfel und Turner 2001, S. 106). Bei demonstrativen Strategien ist der anerkennende Akteur völlig frei in seiner Entscheidung, von Seiten des Statusaspiranten wird kein Druck aufgebaut und dieser versucht auch nicht die Anerkennungsbedingungen zu manipulieren. Anders sieht es bei konfrontativen Strategien aus. Hier verkürzt sich der Entscheidungszeitraum für den anerkennenden Akteur, weil der nach Status strebende Akteur Druck aufbaut, um eine Reaktion zu erreichen (Wolf 2014b, S. 17). Auch kann der nach Status strebende Akteur versuchen, die Anerkennungsbedingungen zu seinen Gunsten zu manipulieren und engt so den anerkennenden Akteur ein. Bei der Wahl von Strategien zum Aufbau von Alternativen versucht der nach Status stre- 103 bende Akteur ebenfalls die Anerkennungsbedingungen zu verändern und schränkt so den anerkennenden Akteur ein. Die Unterscheidung von objektiven und subjektiven Anerkennungsbedingungen ist nicht immer trennscharf möglich. Auch kann es dazu kommen, dass Akteure, von denen ein nach Status strebender Akteur anerkannt werden möchte, objektive Bedingungen in subjektive umwandeln oder die Bedeutung bestimmter Marker verschoben wird. Ein Beispiel hierfür ist die Aufnahme Russlands in den Kreis der G7 und die Suspendierung Russlands aus der G8- Gruppe im Zuge der Krim-Krise 2014. Die G7 setzte sich ursprünglich aus den sieben führenden Industrienationen zusammen und machte die Wirtschaftskraft einer Nation zu einer de facto objektiven Anerkennungsbedingung für Teilnehmer (Hajnal und Meikle 1999, S. 4–5). Jedoch passt sich die Zusammensetzung dieser Gruppe nicht aufgrund der sich wandelnden Wirtschaftsstärke an. Schaut man sich aktuelle Zahlen aus 2013 an, müsste sich die Gruppe – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – eigentlich aus den USA, China, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Brasilien zusammensetzen (statista). Bereits hier zeigt sich ein Wandel der objektiven Anerkennungsbedingung ‚führende Industrienation‘ in der Gründungsphase dieses Gremiums. Im Laufe der Zeit hat die Bedeutung dieser Bedingung abgenommen und subjektive Anerkennungsbedingungen setzten sich durch. Die Aufnahme Russlands in diesen exklusiven Staatenkreis 1998 ist auch nicht dem ehemals objektiven Anerkennungskriterium ‚führende Industrienation‘ zuzuschreiben, sondern man wollte damit ein Zeichen setzen, dass Russland sich auf dem richtigen Weg in Richtung wirtschaftliche Moderne und Kooperation befinde – also eine subjektive Anerkennungsbedingung (Hajnal und Meikle 1999, S. 8; 26-27). Die Suspendierung Russlands im März 2014 erfolgte dann auch nicht aufgrund der Verletzung von objektiven Bedingungen, sondern stellt die Sanktionierung von politischem Fehlverhalten – nach Lesart der G7-Nationen – dar (Schult 2014). 2.4 Fazit I: Status Das Konzept ‚Status‘ hat in der IB-Debatte in den letzten Jahren stark an Bedeutung zugenommen. Dennoch bleibt das Konzept bislang inkonsistent, zum Teil einseitig und weist noch viele lose Enden auf. Der kleinste gemeinsame Nenner liegt in der Form der Hierarchie. Es ist weithin akzeptiert, dass Status eine Ordnungsfunktion hat und eine Statushierarchie hervorbringt. Wie diese entsteht, nach welchen Kriterien die Plätze vergeben werden und was die Funktion dieser Hierarchie ist, ist Gegenstand großer Debatten. Die hier vorgeschlagene Definition ist nur ein weiterer Tropfen im Ozean dieser Debatten. Mit dem Ansatz, dass Status kontextabhängig, sozial konstruiert, einzelfallbezogen und variabel über Zeit und Inhalt ist und sich in zwei Dimensio- 104 nen – eine materielle und eine symbolische Dimension – aufteilt, versuche ich dem Chaos der vorhandenen Einordnungen zu begegnen und einen integrativen Ansatz zu geben, der die Komplexität von Status abbildet. Dabei wird ein multiperspektivischer Blickwinkel sowohl auf die nach Status strebenden Akteure als auch auf die anerkennenden Akteure gewählt. Das defizitäre Akteurs- beziehungsweise Staatsverständnis der vorliegenden Statusliteratur wurde aufgegriffen. Durch die Ausrichtung des Analyserasters an den handelnden Akteuren wurde ein ausdifferenzierter Akteursbegriff in die Debatte eingebracht und die Bedeutung von internen Entscheidungsfindungsprozessen für die Umsetzung von internationalen Statusinteressen aufgezeigt. Der hier vorgestellte Ansatz stellt einen ersten Versuch dar, die Trennlinie zwischen materiellen und symbolischen Statushierarchien zu überwinden. Dabei wurde nicht der Versuch unternommen, Status ahistorisch und umfassend zu definieren oder gar eine vollständige Statustheorie zu entwickeln, sondern es wurde ein Analyseraster entwickelt, um Statusstreben und Statusstrategien in der Empirie aufzudecken und zu analysieren. Dabei folgt der Ansatz der Ratio der handelnden Akteure, nicht der Ratio des Wissenschaftlers, der aus der heutigen Perspektive und den damit verbundenen Logiken vergangene Politiken bewertet. Es muss immer im Einzelfall geschaut werden, welche Ratio einer bestimmten politischen Handlung zugrunde liegt (zeitlich, Kontext, geopolitische Situation, etc.), um zu verstehen, wie politische Handlungen entstehen. Dies kann dazu führen, dass eine aus heutiger Sicht irrationale Politik von den handelnden Akteuren in ihrer Zeit als völlig rational bewertet wurde, weil sie beispielsweise eine andere Gewichtung ihrer Interessen vornahmen und vor allem den Ausgang ihrer Handlungen nicht kannten (u. a. Schweller 1999a). Durch die Nachverfolgung der Interessendurchsetzung bei einem bestimmten Akteur kann diese innere Ratio aufgedeckt werden und dies kann zu einer Neubewertung von historischen Fällen beitragen. Des Weiteren ermöglicht das vorgestellte Analyseraster, das komplexe Zusammenspiel von Innen- und Außenpolitik bei der Aushandlung und Abwägung von politischen Handlungen in die Beurteilung mit einzubeziehen; es findet kein systematischer Ausschluss einer Politikebene statt wie in anderen Ansätzen. Auch hier liegen große Chancen für eine tiefergehende Analyse von empirischen Fällen und es sind neue Erkenntnisse zu erwarten, welche Wechselwirkungen gerade bei Statusfragen zwischen Innen- und Außenpolitik stattfinden.

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Zusammenfassung

Die Bedeutung von Status und Statusansprüchen nimmt in der internationalen Politik immer weiter zu. Eine hohe Position innerhalb der internationalen Hierarchie scheint für Staaten immer wichtiger zu werden. Eine noch offene Frage dabei ist, wie ein Staat seinen Aufstieg in der internationalen Statushierarchie umsetzt und welche politischen Mittel er dafür einsetzt. Dieser Lücke widmet sich die Autorin durch eine Weiterentwicklung der bisherigen theoretischen Angebote der Statusliteratur in der Politikwissenschaft. Sie entwickelt ein eigenes Analyseraster, mit dem sich das Statusstreben eines einzelnen Staates analysieren und nachverfolgen lässt. Diese theoretische Entwicklung wird dann anhand des Statusstrebens des Deutschen Reiches unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs überprüft. Als Fallbespiele dienen die deutsche Flottenrüstungspolitik und die deutsche Außenpolitik im Zusammenhang der beiden Marokkokrisen 1905/06 und 1911. In diesen beiden Politikfeldern versuchte die deutsche Führung besonders intensiv, ihren Statusanspruch als Weltmacht durchzusetzen, da eine große Schlachtflotte und kolonialpolitische Initiativen die damals wertvollsten Statusmarker darstellten.