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3. Der Fall I: Das Internationale System und der deutsche Statusanspruch in:

Lena Jaschob

Status im internationalen System, page 105 - 194

Das Deutsche Reich und sein Statusstreben in Europa 1890-1914

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4082-9, ISBN online: 978-3-8288-6920-2, https://doi.org/10.5771/9783828869202-105

Tectum, Baden-Baden
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105 TEIL B „Wir sollen Weltpolitik treiben. Wenn ich nur wüßte, was das sein soll; zunächst doch nur ein Schlagwort.“ (Graf Waldersee, am 13. Juli 1900) 106 107 3. Der Fall I: Das Internationale System und der deutsche Statusanspruch Der dritte Teil dieser Arbeit befasst sich mit den Rahmenbedingungen für die empirische Anwendung des in Teil 2 entwickelten Analyserasters. Besonderes Augenmerk wird hier auf die relevanten Akteure und das sie umgebende System gelegt. Teil 3 beginnt daher auch mit der Darstellung der internationalen Ordnung vor dem Ersten Weltkrieg. In diesem Kapitel geht es nicht nur um das konkrete historische Setting, in dem der empirische Fall verortet ist, sondern es findet auch eine grundlegende Diskussion statt, was Ordnung überhaupt beinhaltet. Dadurch wird die Struktur geschaffen, in der die internationale Ordnung für den hier relevanten Forschungszeitraum eingebettet ist. Für den in dieser Arbeit vorgestellten Fall ist das Europäische Konzert der Großmächte das bestimmende Ordnungsmerkmal. Die Konstruktion der fünf Großmächte (Großbritannien, Russland, Preußen, Österreich-Ungarn und Frankreich) als Wahrer und Bewahrer der europäischen Stabilität und Sicherheit steht hier im Zentrum. Die Kapitel 3.1.2 und 3.1.3 befassen sich mit den beiden relevanten Akteuren – Großbritannien als Hegemon und das Deutsche Reich als Aufsteiger. Besonders herausgearbeitet werden die Anfänge des deutsch-britischen Antagonismus und der daraus resultierende Statusmismatch, wie er von der deutschen Seite wahrgenommen wurde. Dazu werden die weltpolitischen Ambitionen und die wirtschaftliche Entwicklung in beiden Ländern untersucht. In einem zweiten Schritt können dann die objektiven Zahlen und Trends mit den subjektiven Wahrnehmungen innerhalb der beiden Öffentlichkeiten verglichen werden. So können der wachsende Statusmismatch zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich für den Sektor der wirtschaftlichen Entwicklung aufgezeigt und ein erster Trend für das Verständnis und die Funktion von Weltpolitik für beide Länder aufgezeigt werden. In Kapitel 3.2 wird der Statusanspruch des Deutschen Reichs herausgearbeitet. Hier geht es um die Betrachtung der ersten Phase des Analyserasters 108 und es kann über den Untersuchungszeitraum gezeigt werden, dass die Statusansprüche des Kaiserreichs nach der Thronbesteigung Wilhelms II. und der personellen Neuausrichtung in den späten 1890er Jahren stark angestiegen sind. Sie verblieben bis zum Ersten Weltkrieg auf einem sehr hohen Niveau, jedoch zeigen sich von 1908 an vereinzelte Zweifel bei führenden Akteuren bezüglich der Erfolgsaussichten der deutschen Statusansprüche. Dieses Kapitel erfüllt somit eine Doppelfunktion: Es skizziert erstens den historischen Rahmen für die anschließenden Fallstudien und es bildet zweitens den Ausgangspunkt für die Anwendung des erarbeiteten Analyserasters. 3.1 Internationale Ordnung Nähert man sich dem Begriff Ordnung, begegnen einem zwei Ansätze – ein struktureller und ein substantieller: „Order in the first sense, is essentially formal in character. To satisfy this criterion a society does not have to achieve certain substantive goals or standards. Instead, the emphasis is on means rather than ends, on the manner of behaviour rather than its content, on the mode rather than the quality of life. Order, in the second sense, is a matter not of form but of substance. It is not enough, the argument runs, for things to be done in an ordered way. It is also necessary that what is done should be such as to merit the world orderly. The essence or the effect of action is what counts not the existence or recognized process for its execution.” (Clark 1993, S. 3–4). Eine strukturelle Herangehensweise beschäftigt sich verstärkt mit den Einheiten einer Ordnung und deren Anordnung im System. Wer genau diese Einheiten sind oder was sie tun, ist zweitrangig. Diese Fragen bearbeitet die substantielle Herangehensweise. Eine Ordnung beschreibt zunächst einmal den Rahmen eines Systems, sie strukturiert und organisiert die Einheiten im System nach einem bestimmten Muster (Bull 1977, S. 4). Der Zweck einer politischen Ordnung ist die Bereitstellung eines Modells, welches die elementaren, primären oder universellen Ziele des sozialen Lebens bereitstellt und somit das Überleben sichert, stabile Besitzverhältnisse schafft und dafür sorgt, dass Abkommen Bestand haben (Bull 1977, S. 5). Die Ordnung legt also die grundlegenden Spielregeln fest, ohne die ein gesellschaftliches Zusammenleben nicht möglich wäre. Dies bedeutet jedoch nicht im Umkehrschluss, dass Ordnung nur aus Regeln besteht. Vielmehr sind Regeln das Ergebnis einer Ordnung und nicht Teil der Definition selbst (Bull 1977, S. 6–7). Dieses grundlegende Modell lässt sich auch auf die internationale Ebene übertragen. Um das internationale System – also die Umgebung, in der Staaten als Hauptakteure handeln – zu beschreiben, sind ebenfalls beide oben be- 109 schriebenen Komponenten erforderlich. Denn auch hier sorgt die Ordnung für den Rahmen, in dem elementare oder primäre Ziele der Staatengemeinschaft erhalten werden (Bull 1977, S. 8)60. Notwendig für die Existenz einer solchen Ordnung sind mindestens zwei Staaten beziehungsweise zwei unabhängige politische Gemeinschaften: „But where states are in regular contact with one another, and where in addition there is interaction between them sufficient to make the behaviour of each a necessary element in the calculations of the other, then we may speak of their forming a system.” (Bull 1977, S. 10). Damit ist der strukturelle Rahmen geschaffen, in dem die Akteure substantiell elementare und primäre gemeinsame Ziele umsetzen können. Zu diesen Zielen gehören die Aufrechterhaltung des Systems und der Staatengesellschaft an sich, die Unabhängigkeit der einzelnen Akteure und die Erhaltung des Friedens61 (Bull 1977, S. 16–18). Diese Ziele werden nicht immer zu gleichen Teilen verfolgt, grundsätzlich bilden sie aber die Basis für ein internationales Zusammenleben (Bull 1977, S. 42). Doch wie können diese basalen Ziele umgesetzt und damit eine Ordnung geschaffen werden? Eine zentrale Kategorie dabei ist der Einsatz von Gewalt. Die Anerkennung der Rolle und der Gebrauch von Gewalt kann Ordnung stiften, Ordnung kann durch das Setzen von Grenzen bei der Gewaltausübung entstehen oder Ordnung entsteht durch das Zurückweisen eines bestimmten Ranges, den Gewalt in den internationalen Beziehungen hat (Clark 1993, S. 21). Diese drei Optionen korrespondieren mit den von Hedley Bull entworfenen grundlegenden Zielen von Ordnung. In den IB ist die Bedeutung von Gewalt bei der Formierung von Ordnung ein Unterscheidungskriterium zwischen verschiedenen theoretischen Ansätzen. (Neo-)realistische Vertreter gehen meist davon aus, dass es primär um die Anerkennung der Rolle und Funktion von Gewalt geht. Sie definieren Ordnung dann meist durch eine „Balance of Power“62 (Sheehan 1996, Kap. 1; Little 2007). Hier werden Staa- 60 Hedley Bull gilt als Vertreter des normativ-reflexiven Institutionalismus. Dessen zentrales Argument ist, dass es auch ohne zentrale Autorität verregelte Beziehungen zwischen Gruppen – also auch Staaten – geben kann (Krell 2009, S. 246). Seine Beschreibung von Ordnung wird für diese Arbeit jedoch als so basal betrachtet, dass sie als theoretische Grundlage für die später beschriebene Wiener Ordnung dienen kann. 61 Das Ziel der Erhaltung des Friedens ist den anderen beiden Zielen untergeordnet. Es bedeutet, dass Staaten grundlegend ein Interesse an der Abwesenheit von Krieg haben, denn Krieg wird von ihnen nicht als Normalzustand der Beziehungen untereinander gesehen. Sollte er notwendig werden, dann unterliegt Krieg speziellen Prinzipien, die generell akzeptiert sind (Bull 1977, S. 18). 62 Der Inhalt des Konzepts „Balance of Power“ ist nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint: „Students of international politics do not need to be told of the unsatisfactory 110 ten als gewaltausübende Staaten konstruiert und Gewalt gilt als legitime Basis, um Ordnung herzustellen. Ordnung ist in diesem Fall dann mit Stabilität oder Gleichgewicht gleichzusetzen (Clark 1993, S. 21). Wenn man „Balance of Power“ als Ausdruck der Idee des Ausgleichs von hegemonialen Bestrebungen versteht, ist es eines der ältesten Konzepte in den IB und lässt sich bis zu den griechischen Philosophen zurückverfolgen (Little 2007, S. 4). Die Ordnung, die durch dieses Konzept beschrieben wird, zeichnet sich sehr stark durch die Machtverteilung zwischen den Akteuren aus; sie bestimmt maßgeblich, wer mit wem koaliert, um einen möglichen Hegemon auszubalancieren oder wer als möglicher Hegemon ausbalanciert wird. Institutionalistische Ansätze gehen davon aus, dass Ordnung durch die Begrenzung von Gewalt entsteht. Dies kann durch kollektive Sicherheit (Krisch 2001; Lutz 1990/1991), Waffenkontrollregime (Müller et al. 1994; Stockholm International Peace Research Institute 1980) und/oder die Entwicklung von internationalem Recht geschehen (Gray 2008; Shaw 2014). Die Tatsache, dass Staaten ein souveränes Recht auf Kriegführung haben, wird von dieser Denkschule als Hauptproblem von Ordnung identifiziert und soll durch die Anwendung von mindestens einem der oben genannten Mechanismen eingedämmt werden (Clark 1993, S. 23). So wird beispielsweise der Einsatz von Gewalt durch Artikel 2(4) der UN-Charta verboten und Artikel 51 regelt das Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung (United Nations 1945). Die Charta der Vereinten Nationen schafft also einen Ordnungsrahmen durch die Regulierung von Gewalt auf internationaler Ebene zwischen Staaten. Besonders die Eindämmung von Gewalt durch die Idee der kollektiven Sicherheit unterstützt dies. Die Idee dazu ist jedoch älter als die Vereinten Nationen selbst, sie ist eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg und fand bereits im Völkerbund ihre erste Institutionalisierung (Krisch 2001, S. 25). In der Satzung des Völkerbunds (vor allem Artikel 10 und 16) wurde das Recht, Krieg zu führen, beschränkt und die Hilfeleistung im Falle eines Angriffs auf einen Mitgliedstaat festgeschrieben und sanktioniert. Kollektive Sicherheit bezog sich im Wesentlichen auf ein koordiniertes Handeln der Staaten und „beruhte auf der klassischen Vorstellung, daß Sicherheit dadurch zu erreichen sei, daß ein potentieller Aggressor durch die Übermacht der kolstate of balance of power theory. The problems are well known: the ambiguous nature of the concept and the numerous ways it has been defined, the various distinct and partly contradictory meanings given to it in practice and the divergent purposes it serves (description, analysis, prescription and propaganda); and the apparent failure of attempts clearly to define balance of power as a system and specify its operating rules.” (Schroeder 1989, S. 135). Vor allem die Verwendung des Begriffs sowohl als analytisches Konzept als auch als Beschreibung einer historischen Realität tragen zur begrifflichen Unklarheit und Unschärfe bei (Sheehan 1996, S. 1–4; Claude, Jr. 1989, S. 81). In diesem Kapitel der Arbeit wird die Verwendung als analytisches Konzept genutzt, um eine Art der Ordnungsvorstellung in den IB darzustellen. 111 lektiven Reaktion abgeschreckt wird.“ (Krisch 2001, S. 31, 33). In der Charta der Vereinten Nationen wurde dieses System weiterentwickelt und bezieht sich nun vor allem auf Zwangsmaßnahmen, die unternommen werden können, um einer Bedrohung des Weltfriedens begegnen zu können (Krisch 2001, S. 145–146). Es geht also nicht nur mehr um die Abschreckung eines potentiellen Aggressors sondern auch um eine aktive Rolle bei der Verteidigung und/oder Wahrung des Weltfriedens. Ordnung durch das Zurücksetzen der Wichtigkeit von Gewalt herzustellen wird vor allem von Vertretern der Theorien einer Weltregierung aufgegriffen (Lutz-Bachmann und Bohman 2002; Jünger 1960). In diesen Ansätzen geht es darum, die Anarchie zu überwinden. Dies soll durch die Zerstörung der Staaten im klassischen Sinn geschehen. Ordnung würde dann auf internationaler Ebene durch einen Sozialvertrag wiederhergestellt (Clark 1993, S. 26–27). Hier geht es also um die Übertragung von originär nationalen Rechten auf eine supranationale Organisation, die als gemeinschaftliche Autorität das Leben der einzelnen Individuen schützt und ihre Freiheit sichert. Neben der Frage, wie Ordnung entsteht, ist auch die Frage nach der Möglichkeit von friedlichem Wandel relevant. Besteht diese Möglichkeit nicht, kann Ordnung auch mit dem Begriff Status quo gleichgesetzt werden (Clark 1993, S. 28). Der Begriff Status quo wird in den IB häufig synonym für die vorherrschende Ordnung verwendet: Morgenthau definiert als Status quo die vorherrschende Machtverteilung (Morgenthau 1954), Arno Wolfers argumentiert, dass „[s]elf-preservation is meant to stand for all demands pointing toward the maintenance, protection, or defense of the existing distribution of values, usually called the status quo.“ (Wolfers 1951, S. 51). Es geht also um die Beschreibung eines sehr konkreten Zustands zu einem bestimmten Zeitpunkt: Als Ordnung wird dann ein „Bündel an formellen und informellen Strukturen, Institutionen, Regeln und Normen“ verstanden, „innerhalb dessen die internationale Politik abläuft“ (Rauch 2014, S. 221). Die Frage nach der Möglichkeit des Wandels dieses Zustands wird hier (noch) nicht beantwortet. Eine mögliche Antwort auf die Frage von Wandel von Ordnungen bietet John G. Ikenberry (2001), indem er die Phase nach der Beendigung von gro- ßen Kriegen analysiert und die Entstehungsbedingungen für eine neue Ordnung und die damit verbundenen neuen Machtverteilungen analysiert (Ikenberry 2001, S. 4). Er identifiziert drei Strategien für den siegreichen Staat, eine neue Ordnung zu etablieren. (a) Er kann seine neue Vormachtstellung nutzen, um schwächere und unterlegene Staaten zu dominieren. Die so entstehende Ordnung ist dann eine 112 hegemoniale beziehungsweise imperiale Ordnung mit klaren Macht- und Herrschaftsstrukturen. (b) Er kann die unterlegenen Staaten allein lassen und sich wieder vollständig zurückziehen. In diesem Fall nutzt der Siegerstaat seine neue Macht nicht und überlässt die anderen Staaten sich selbst; am wahrscheinlichsten ist dann die Herausbildung einer balance of power-Struktur. (c) Der siegreiche Staat kann seine Macht nutzen, um Zustimmung, Unterstützung und Teilnahme an einer gegenseitig akzeptierten Nachkriegsordnung zu erlangen. Er kann in diesem Fall ein Set an Regeln und Arrangements etablieren, die stabil und legitim sind, langfristig aber auch seinen eigenen Interessen dienen. Um unterlegene oder schwächere Staaten von dieser Ordnungsform zu überzeugen, muss der führende Staat seine Autonomie eigenständig begrenzen und er darf seine Macht nicht willkürlich einsetzen. So schafft er Vertrauen in die neugeschaffene Ordnung und demonstriert, dass sie Vorteile für alle Beteiligten hat (Ikenberry 2001, S. 50–51). Ikenberrys Ansatz betrachtet sozusagen die ‚Geburtsstunde‘ für neue Ordnungen nach einschneidenden Ereignissen, also die radikalste Form von Wandel. Kehrt man zu der oben genannten Definition von Ordnung als Bündel von Strukturen, Regeln, Normen und Institutionen zurück, kann man sich auch moderatere Formen des Wandels der internationalen Ordnung vorstellen. Hier geht es dann um mehr oder weniger graduelle Anpassungen und nicht mehr um eine völlige Neugestaltung63. Wandel drückt sich dann durch eine Art Evolutionsprozess aus, in dem sich die Akteure weiterentwickeln, neue Interessen verfolgen oder bereits bestehende Interessen nachdrücklicher umsetzen, neue Bündnisse oder Abkommen ausgehandelt werden oder auch neue Akteure als solche anerkannt werden. Der Rahmen, den die Ordnung für diese Akteure setzt, passt sich den Entwicklungen an. Dieser Prozess kann bewusst ablaufen, indem beispielsweise Institutionen mit neuen, weitreichenden Rechten ausgestattet werden, er kann aber auch unbewusst durch Veränderungen der Beziehungen untereinander ablaufen, die Auswirkungen auch auf andere Akteure haben und dann eine Art Dominoeffekt in Gang setzen. Abschließend lässt sich also feststellen, dass es nicht die eine Ordnung gibt. Ordnung ist vielmehr eine Zustandsbeschreibung, die für jeden empirischen Fall definiert und bestimmt werden muss: „order is a term that carries normative and ideological connotations, as it bears particular conceptions about how social, political, and economic systems are and ought to be 63 So zeigen beispielsweise Martha Finnemore und Kathryn Sikking, wie der Wandel von Normen die Akteure beeinflusst und welchen Einfluss Akteure auf die Ausgestaltung von Normen in der internationalen Arena haben (Finnemore und Sikking 1998). 113 structured” (Paul und Hall 1999, S. 2). Dies soll im Folgenden für den in dieser Arbeit dargestellten empirischen Fall geschehen. 3.1.1 Die Internationale Ordnung vor dem Ersten Weltkrieg Die in dieser Arbeit zu beschreibende Ordnung hat ihren Ausgangspunkt in der Niederlage Napoleons beziehungsweise dem Wiener Kongress 1814/15, denn hier wurden die Weichen für die europäische Ordnung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 gestellt. Das System stellte sich als ein multipolares dar, welches von einer kleinen Gruppe von Großmächten dominiert wurde (Sheehan 1996, S. 121). An dieser grundsätzlichen Ausrichtung änderte sich lange Zeit nichts. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschob sich die Polarität des Systems immer weiter in Richtung einer bipolaren Ordnung mit zwei sich feindlich gegenübergestellten Bündnisblöcken (Sheehan 1996, S. 142). Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird zunächst die „Gründungsphase“ der Ordnung – der Wiener Kongress und die Etablierung des Konzertsystems – im Vordergrund stehen. Daran anschließend wird auf die Entwicklung dieses Systems bis zur Entlassung Bismarcks als deutschem Reichskanzler 1890 eingegangen. Abschließend wird der Wandel von einem multipolaren System hin zu einem bipolaren System bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs betrachtet. Auf dem Wiener Kongress wurde die Nachkriegsordnung nach dem von den europäischen Staaten gemeinsam errungenen Sieg über Napoleon geformt. Die siegreichen Staaten wollten wieder an die Ordnung anknüpfen, die vor der Herrschaft Napoleons und dem damit verbunden Anspruch auf Hegemonie bestanden hatte – sie wollten zum Status quo ante zurückkehren. Dies erklärt auch die Janusköpfigkeit der Wiener Ordnung. Auf der einen Seite sollte sie in die Zukunft gerichtet sein und eine Neuverteilung der Macht in den internationalen Beziehungen des 19. Jahrhunderts ausdrücken, auf der anderen Seite blickte sie zurück auf die Doktrinen und Präzedenzen des 18. Jahrhunderts, insbesondere auf die Eindämmung Frankreichs (Scott 2006, S. 356). Damit knüpfte man an die Westfälische Ordnung an, die die souveräne Gleichheit der Staaten als Grundprinzip verankert hatte64 (Donnelly 64 Souveräne Gleichheit ist nicht gleichzusetzen mit absoluter Gleichheit, vielmehr koexistiert sie immer mit formaler souveräner Ungleichheit. Diese formale souveräne Ungleichheit lässt sich in drei verschiedene Typen unterscheiden: Outlaws, Unterschiede in der Machtverteilung, internationale Oligarchie (Schwarzenberg 1951, Kap. 7). Die ersten beiden Typen beziehen sich dabei auf eine Teilbarkeit von Souveränität, das heißt, sie kann entweder nur unvollständig oder ungleich genossen werden, jedoch haben die betroffenen Staaten diese unvollständige oder ungleiche Souveränität akzeptiert (Donnelly 2006, S. 146). Dies ermöglicht es, dass alle Staaten innerhalb einer Ordnung als souverän anerkannt werden können, sich 114 2006, S. 145). Die Wiener Ordnung stellt somit einen Kontrast zur napoleonischen Hegemonialzeit dar65. Viele Normen manifestierten sich nun in einem komplexen Vertragsensemble – Wiener Schlussakte, Schaffung der Quadrupelallianz, Schaffung der Heiligen Allianz – und es sollte eine Institutionalisierung der Ordnung durch die vereinbarte Periodizität der Treffen vorgenommen werden (Dülffer 2012, S. 175). Das Ziel dieser Verträge war die Friedenssicherung gegenüber Frankreich; ein erneuter Griff nach der Hegemonie über Europa sollte verhindert werden. Besonders Großbritannien war darauf bedacht, Frankreich einzudämmen, denn so konnte die koloniale und maritime Vorherrschaft dauerhaft abgesichert werden. Die Einigung auf dem Wiener Kongress stärkte die britische Vorherrschaft vor allem dadurch, dass die Hauptgegner auf dem Gebiet der Kolonialpolitik und der maritimen Vorherrschaft, Frankreich, Spanien und die Niederlande, geschwächt aus den napoleonischen Kriegen hervorgingen und durch die Verträge von Wien und Chaumont dauerhaft in ihrer Rolle als unterlegene Staaten festgehalten wurden (Scott 2006, S. 356–357). Durch die Wiederaufnahme Frankreichs in den Kreis der Großmächte auf dem Kongress von Aachen im Herbst 1818 änderte sich dies partiell, durch diesen Vertragsschluss bekamen die vorherigen Verträge und Allianzen endgültig ihren gesamteuropäischen Charakter (Dülffer 2012, S. 175). Die Friedensschlüsse von Paris 1814 und 1815, der Wiener Kongress 1814/15 und der Kongress von Aachen 1818 sorgten dafür, dass ein „mehrschichtiger institutioneller Rahmen und eine neue Friedensordnung“ geschaffen wurden (Schulz 2009b, S. 47; Ikenberry 2001, S. 80). Doch wie kam es zu dieser Neuausrichtung der europäischen Ordnung? Die Französische Revolution ab 1789 und die daran anschließende napoleonische Hegemonie sowie die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 veränderten die politische Landkarte Europas völlig. Mit dem Kongress von Châtillonsur-Seine (5. Februar bis 19. März 1814) und der darauf erfolgten Erschaffung der Quadrupelallianz am 1. März 1814 wurde der Grundstein für die gemeinsame Niederschlagung Napoleons gelegt und auch die Basis für das Konzertsystem, welches maßgeblich auf dem Wiener Kongress ausgeformt wurde, geschaffen. Hier schlossen sich Österreich, Russland, Großbritannien und Preußen zusammen, um die Bedrohung durch das napoleonische Frankaber dennoch eine Gruppe von Großmächten herausbilden kann, die teilweise souveräne Rechte der dann kleineren und schwächeren Staaten übernehmen. 65 Diese Hegemonialphase war vor allem durch ihre Grenzenlosigkeit gekennzeichnet. Dies rief insbesondere Großbritannien auf den Plan, welches „seit je her für das Gleichgewicht auf dem Kontinent eintrat“ (Ullrich 2004, S. 69). Daher war es auch Großbritannien, welches den Ausschlag für die erneute Aufnahme des Krieges gegen Napoleon 1803 gab. 115 reich endgültig zu beseitigen und den Status quo ante wiederherzustellen66. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von 20 Jahren und wurde auf dem Wiener Kongress erneuert (Scott 2006, S. 361). Die Allianz wurde nötig, weil 1814 nur noch Großbritannien und Russland als Weltmächte nach den napoleonischen Eroberungen übrig geblieben waren. Sie konnten zwar Napoleon widerstehen und ihre Position behaupten, sie waren jedoch nicht in der Lage, ihn alleine zu besiegen (Schulz 2009b, S. 49). Die wesentliche Neuerung der Allianz findet sich in Artikel VI. Hier wurden Zusammenkünfte der Souveräne, Außenminister und Botschafter vorgesehen und das Konsultationsgebot für die Großmächte wurde hier erstmals verankert (Schulz 2009b, S. 61–62). Das Ende der napoleonischen Herrschaft führte auch zu einer Neuverteilung der politischen Stärke auf dem europäischen Kontinent. So ging beispielsweise Russland als dominante Macht auf dem Kontinent aus dem Konflikt hervor. Preußen erreichte erhebliche Gebietsgewinne, welches den Aufstieg in die Position einer Großmacht deutlich erleichterte. Ebenso erging es Österreich-Ungarn, das ebenfalls Gebietsgewinne verzeichnen konnte, aber immer noch eine der schwächeren Großmächte auf dem Kontinent bis zum Ersten Weltkrieg blieb (Scott 2006, S. 359–360). Diese Entwicklungen bilden die Grundlage für den Wiener Kongress, welcher vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 stattfand. Der Kongress legte die Grenzen in Europa wieder neu fest und schuf auch eine Reihe neuer Staaten. Im Herbst 1814 begann der lang ersehnte Friedenkongress mit mehr als 200 beteiligten Staaten und Fürstenhäusern, um über den Wiederaufbau und die Neuordnung Europas zu verhandeln: „Der Wiener Kongress bot eine Chance, begangenes Unrecht wiedergutzumachen, und, wie viele hofften, die „beste aller möglichen Welten“ zu schaffen.“ (King 2014, S. 10). Und obwohl der Wiener Kongress lange Zeit aus einer Aneinanderreihung von Bällen, Turnieren und Banketten bestand, wurde auf ihm die „Weltkarte neu gezeichnet, die Neutralität der Schweiz garantiert, die Freiheit der Meere und internationaler Flüsse proklamiert, diplomatische Abläufe festgeschrieben, wertvolle Kunstwerke restauriert und viele weitere Fortschritte erreicht.“ (King 2014, S. 13). Denn nur das Schicksal Frankreichs war durch den – sehr moderaten – Friedensvertrag von Paris im Mai 1814 be- 66 Nachdem sowohl preußische als auch österreichische Truppen durch Napoleons Frühjahrsoffensive 1814 Niederlagen einstecken mussten, formierte sich die Gegnerschaft neu und ging nun deutlich entschlossener und geschlossener vor. Auf der Friedenskonferenz in Châtillonsur-Seine, die Anfang Februar 1814 begonnen hatte, forderten die Gegner Napoleons dann auch eine Rückführung der französischen Grenzen auf den Stand von 1792. Napoleon, beflügelt durch seine Siege, lehnte dies kategorisch ab (Ullrich 2004, S. 122–123). Um den politischen und militärischen Druck zu erhöhen, schlossen sich Preußen, Großbritannien, Österreich-Ungarn und Russland zur Quadrupelallianz zusammen und konnten bereits am 30. März 1814 Paris einnehmen und die napoleonische Herrschaft vorerst beenden. 116 reits besiegelt worden: Das französische Territorium wurde in den Grenzen von 1792 wiederhergestellt; Frankreich musste jedoch keine Reparationen zahlen und einige vor 1792 hinzugewonnene Gebiete mussten auch nicht zurückgegeben werden. Alle weiteren Probleme und Fragen, die sich aus dem Sieg über Napoleon ergeben hatten, wurden von den Alliierten auf die Zeit nach dem Krieg verschoben (King 2014, S. 16–17). Erst auf dem Kongress zeigte sich, wie uneinig die Alliierten eigentlich waren. Dennoch gelang es ihnen, die Leitlinien des Kongresses zu bestimmen und nur nach ihrem Belieben die anderen Staaten und Fürstenhäuser an ihren Diskussionen zu beteiligen67 (Straus 1949, S. 6). Bereits in diesem Punkt scheint das dann etablierte Konzert der Großmächte durch. Neben diesen Ergebnissen wurde im Rahmen dieser Zusammenkunft der Herrschaftselite Europas auch das Europäische Großmächtekonzert etabliert. Dieses hatte zum Ziel, eine dauerhafte Stabilität auf dem europäischen Kontinent (inklusive Großbritannien) zu schaffen und die Gefahr der Hegemonie eines einzelnen Staates zu verhindern (Sheehan 1996, S. 123). Vor allem mit der Fortführung und Erneuerung der Quadrupelallianz sollte eine in Kriegszeiten geschlossene Allianz erfolgreich weitergeführt und in eine Friedensordnung überführt werden. Diese neu geschaffene Ordnung funktionierte dabei auf drei Ebenen. Zunächst wurde durch die Verlängerung der Quadrupelallianz um 20 Jahre die Eindämmung Frankreichs dauerhaft festgeschrieben. Die Übereinkunft zum Deutschen Bund68 diente als ein zusätzliches, regionales Sicherheitssystem gegen erneut aufkeimende französische Hegemoniebestrebungen und das Europäische Konzert sicherte spätestens ab 1818 eine gesamteuropäische Institutionalisierung von Konsultationen und der Konfliktregulation. Insbesondere zeichnete sich die Wiener Ordnung durch eine neue Territorialstruktur und ein neues diplomatisches Protokoll 67 Dieses Vorgehen wurde vor allem dadurch ermöglicht, dass die vier großen Siegermächte Frankreich als gleichwertigen Verhandlungspartner akzeptierten und so dieses Komitee der fünf Großmächte die Geschicke des Kongresses nach Belieben bestimmen konnte (Straus 1949, S. 6). Bereits einen Tag vor dem offiziellen Kongressbeginn einigten sie sich auf die Bildung eines Ausschusses zur Leitung des Kongresses: „das Konzept der „Großmacht“ mit besonderen Vorrechten wurde in diesem Geheimprotokoll geboren.“ (King 2014, S. 70). 68 Aufgrund der Komplexität der deutschen Frage wurde diese gesondert von den anderen territorialen Fragen auf dem Wiener Kongress behandelt. Durch den Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch die Niederlegung der Reichskrone im Sommer 1806 aufgrund der immer weiter ausgreifenden Hegemoniebestrebungen Napoleons (dieser wurde durch eine Verfassungsänderung im Mai 1804 zum erblichen Kaiser der Franzosen) wurde eine Neuordnung unumgänglich und auch bereits mit dem Ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 anerkannt (Gruner 2012; Angelow 2003). Durch die Schaffung des Deutschen Bundes unter österreichischer Vorherrschaft wurde ein „reformiertes europäisches Gleichgewicht“ hergestellt, weil die beiden größten Mächte des Bundes – Preußen und Österreich-Ungarn – zur Zusammenarbeit gezwungen wurden (Schulz 2009b, S. 52). 117 aus, welches sich in einem vereinfachten Zeremoniell bei Monarchenbegegnungen, Regeln für eine freie Schifffahrt, Ächtung des Sklavenhandels, Verhaltensnormen von Monarchen untereinander, Konfliktregulierungsverfahren und einen kodifizierten Umgang mit Sicherheitsgefährdungen ausdrückte (Schulz 2009b, S. 48). Mit der Wiederaufnahme Frankreichs in den Kreis der europäischen Großmächte im Aachener Protokoll vom 15. November 1818 entwickelte das europäische Konzert eine Eigendynamik, die über die Quadrupelallianz hinausging, denn Frankreich wurde nicht Mitglied der Allianz, deren originäres Ziel die Eindämmung Frankreichs war. Das „concert pacifique“ fungierte nun als eigenständige Organisationsform mit eigenen Zielen und Normen. Das Ziel des Konzerts war die Erhaltung des Friedens auf Grundlage und unter Berücksichtigung der Wiener Verträge (Dülffer 2012, S. 176). Ähnlich wie bei der Quadrupelallianz wurden auch hier Konsultationen beschlossen, jedoch in einem weitaus geringer kodifizierten Rahmen (Schulz 2009b, S. 68). Diese Konstruktion wies vor allem institutionelle Merkmale auf, die auch für eine internationale Organisation gelten, es fehlten jedoch moderne Attribute wie ein Sekretariat, feste Entscheidungsmechanismen, regelmäßige Treffen und eine eigene Völkerrechtspersönlichkeit (Schulz 2009b, S. 69). Vielmehr etablierten sich die nun fünf Großmächte als kollektive Wahrer des Friedens. Dazu mussten sie keine Souveränitätsrechte aufgeben, verpflichteten sich aber auf gewisse Verhaltensnormen und schufen damit eine Zweiklassengesellschaft von Staaten mit den Großmächten an der Spitze und den Klein- und Mittelstaaten, die folgen mussten. Damit war eine neue Form der Friedensordnung etabliert, die „nicht auf einer anglo-russischen, kooperativen Hegemonie, sondern auf einem europäischen, reformierten, plurilateralen Gleichgewicht mit essentiellen institutionalistischen Pfeilern, einer umfassenden vertraglichen sowie einer relativ einfachen normativen Grundlage“ basierte (Schulz 2009b, S. 70). Mit der Schaffung des Europäischen Konzerts wurde eine Statusgleichheit zwischen den fünf Großmächten festgeschrieben, die nicht auf einer materiellen Basis ruhte, sondern sich aus der kollektiven Autorität ableiten lässt, die sich die Großmächte in Fragen der europäischen Politik zusprachen. So kann man auch das Europäische Konzert als eine Art Hierarchie beschreiben, die einen Großmachtclub an der Spitze hatte (Neumann 2014, S. 88). Dieser Club entstand durch die Statuszuschreibung Großmacht: Status wird so zu einer Ressource, da diese Zuschreibung es ermöglicht, dass andere Staaten, die nicht Mitglied dieses Clubs sind, die Interessen und Politiken der Großmächte in ihren Entscheidungsprozessen berücksichtigen (Neumann 2014, S. 89–90). Dadurch wurden politisch-rechtliche Ungleichheiten zwischen den Großmächten und den übrigen Staaten fixiert, die allein aufgrund der Status- 118 zuschreibung vorgenommen wurden. Das Konzert funktionierte dabei nach drei Hauptregeln: Die Entscheidungskompetenz in europäischen Fragen lag bei den fünf Großmächten, es galt das Uneigennützigkeitsprinzip, das heißt, dass kein Krieg für territoriale oder andere exklusive Vorteile geführt werden durfte und gravierende Probleme wurden an das Konzert verwiesen, um eine direkte Großmachtkonfrontation zu verhindern (Schulz 2009b, S. 142). Damit sollte der wiederhergestellte Status quo aufrechterhalten und verhindert werden, dass durch das Eingreifen einzelner Großmächte das europäische Gleichgewicht gestört würde69. Das Europäische Konzert nach 1815 war aufgrund seiner Zweiklassenstruktur auch wesentlich expliziter als das Vorgängersystem aus dem 18. Jahrhundert. Damit wollte man vor allem der Hauptschwäche des alten Systems – das Fehlen von kurzfristigen Konsultationen und Kooperationen zur Abwehr von Bedrohungen der europäischen Balance – begegnen (Sheehan 1996, S. 125). Die Zusammensetzung des Großmachtclubs sorgte einerseits dafür, dass ein Konflikt zwischen den staatlichen Schwergewichten für lange Zeit ausblieb, andererseits jedoch war dieses System nicht ausbalanciert – vor allem im Hinblick auf die Bündnisfähigkeit der einzelnen Akteure: „The so-called balance of power included five great powers, two on the flanks and three in the center. Each of the two flanking powers commanded more intrinsic resources than any of the other three.” (Schroeder 2007, S. 6). Die beiden Flankenmächte – Großbritannien und Russland – waren nicht in dem Maße auf die drei anderen Mächte und damit verbunden auf eventuelle Bündnisse mit ihnen angewiesen wie die drei zentralen Mächte – Preußen, Österreich-Ungarn und Frankreich. Für die drei zentralen Mächte waren Bündnisse mit den Flankenmächten notwendig, um ihnen größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Ohne ein Bündnis mit mindestens einer Flankenmacht wären sie fast schutzlos einem möglichen Zweifrontenkrieg ausgesetzt gewesen. Diese Gefahr bestand für die beiden Flankenmächte nicht. Besonders ihre geografische Lage am Rande Europas brachte ihnen Sicherheit und auch in Fragen der Wirtschaftskraft, Ressourcen und Bevölkerungszahl waren 69 Die Frage, ob das Europäische Konzert als eine balance of power oder eine Hegemonie zu beschreiben sei, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten (Schroeder 2007; Sheehan 1996). Schroeder argumentiert, dass das Wiener System eher als eine Hegemonie zu charakterisieren sei, weil vor allem eine hegemoniale Machtverteilung dafür sorgte, dass das System funktionierte und nicht die Ausbalancierung der Machtbeziehungen der Staaten untereinander. Des Weiteren argumentiert er, dass das Konzert zwar existierte und auch funktionierte, aber die Idee „that it rested on any sort of comparable power status among the five mebers is very doubtful.“ (Schroeder 2007, S. 7) 119 die beiden Flankenmächte den drei zentralen Staaten weitaus überlegen. Selbst bei einem Zusammenschluss der drei zentralen Staaten zu einem Bündnis hätte dies keine lebensbedrohende Gefahr für die Flankenmächte bedeutet (Schroeder 2007, S. 6–7). Trotz dieser ungleichen Ausgangsbedingungen und Voraussetzungen schafften es die fünf Großmächte, das Europäische Konzert durch kollegiale Zusammenarbeit zu managen70. Die großen Themen und Probleme wurden auf ad hoc einberufenen Konferenzen und Botschaftertreffen diskutiert. Dabei wurden Lösungen gefunden, die für die fünf Großmächte konsensfähig waren. Anschließend wurden diese Lösungen dann auf die kleineren Staaten übertragen, welche im Falle des Widerstands auch zur Akzeptanz der Großmachtentscheidung gezwungen werden konnten (Schulz 2009b, S. 549–550). Dieser „diplomatische Prozess der Konsensfindung“ (Schulz 2009b, S. 549) bedeutete jedoch nicht einen völligen Verzicht auf Gewalteinsatz. Die militärische Sanktionsgewalt blieb weiterhin ein praktikables und legitimes Mittel der Außenpolitik, welches auch regelmäßig eingesetzt wurde (Sheehan 1996, S. 127). Lediglich ein großer Krieg zwischen Großmächten konnte durch das Bestreben, Probleme zunächst auf diplomatischem Wege anzugehen, weitgehend verhindert werden. Ausnahme ist hier der Krimkrieg zwischen Großbritannien und Russland 1854 bis 1856 und die daran anschließende Ära von Konflikt und Krieg bis ca. 1879 (Sheehan 1996, S. 122). Auch die Praxis, dass territoriale Veränderungen der Zustimmung der fünf Großmächte bedurften, hatte bis 1853 Bestand. Bis 1871, als auf der Konferenz von London der Zustimmungsgrundsatz wieder erneuert wurde, waren territoriale Veränderungen nun das Ergebnis von Kriegen und nicht mehr von Verhandlungen (Sheehan 1996, S. 131). Dieser Erosionsprozess des Europäischen Konzerts setzte ab Ende der 1840er Jahre ein. Europa wurde durch eine Reihe von Revolutionen in Unruhe versetzt, die das alte System in Frage stellten. Obwohl diese liberalen Versuche des Umsturzes allesamt erfolglos blieben, führten sie dazu, dass einige zentrale Verhaltensweisen und auch einige Schlüsselfiguren, die das Konzert seit 1818 hervorgebracht hatte und die die internationalen Beziehungen dominiert hatten, wegfielen (Sheehan 1996, S. 131). Die Personen wurden durch aggressivere Staatsmänner wie Bismarck in Preußen, Louis Napoleon in Frankreich oder Schwartzenberg in Österreich-Ungarn ersetzt; eine Verschiebung des Staatsverständnisses von einem dynastischen hin zu einem primär nationalen Verständnis lässt sich feststellen (Schulz 2009b, 632). Das Nichtinterventionsprinzip in innere Angelegenheiten der europäischen Staaten setz- 70 In der Zeit von 1822 bis 1914 gab es 26 Konferenzen, an denen alle Großmächte teilnahmen, um die europäischen Probleme auf diplomatischem Wege zu lösen (Sheehan 1996, S. 126). 120 te sich durch – 1848 unterschrieb selbst Zar Nikolaus I. – und auch das Selbstbestimmungsrecht der europäischen Völker wurde mehr und mehr anerkannt (Schulz 2009b, S. 579, 632). Gerade in Bezug auf Intervention und das Nichtinterventionsprinzip herrschte eine klare normative Vorstellung: „Bewahrung des territorialen Status Quo (territorialer Konservatismus), Sicherung der Dynastien und ihres Besitzes (dynastischer Konservatismus), Bewahrung des Gleichgewichts (antihegemoniale Richtung), Unterstützung von Unabhängigkeits- und Nationalbewegungen, humanitäre Gründe“ (Schulz 2009b, S. 580). Das Konzert regelte und legitimierte damit, weiterhin in Konflikte eingreifen zu können, auch wenn man grundsätzlich das Nichtinterventionsprinzip anerkannte. Die Funktion des Konzerts als Wahrer und Bewahrer des gesamteuropäischen Friedens und Gleichgewichts blieb also weitestgehend bestehen, nur die Grundlage wurde auf eine moderne und liberalere Basis gestellt als während der Kongressära bis zum Krimkrieg (Schulz 2009b, S. 590). Auch an der Vorherrschaft der fünf Großmächte wurde mit diesem Wandel in der normativen Ordnung nichts verändert; sie beherrschten weiterhin die Geschicke auf dem Kontinent. In dieser Phase des Umbruchs setzt eine weitere prägende Entwicklung ein. Ab Mitte der 1860er Jahre begann ein multilateraler Institutionalisierungsschub, der die ad hoc stattfindenden Konferenzen zur Problemlösung in permanente Organisationen umwandelte71 (Reinalda 2009, S. 11). Durch die Einführung von permanenten Sekretariaten zur Vorbereitung der Kongresse und Konferenzen entwickelten sich IGOs (Intergouvernmental Organizations) und dessen Funktionäre konnten so verstärkt Einfluss auf die Agenda der Treffen nehmen. Bis 1910 übertraf die Zahl der von Organisationen einberufenen Generalversammlungen die Zahl der ad-hoc-Konferenzen des Konzerts (Reinalda 2009, S. 11). Die Vorläufer dieser IGOs waren internationale Verwaltungsunionen, die durch multilaterale Staatsverträge gegründet wurden. Deren Mitglieder trafen sich regelmäßig auf Kongressen und es wurde ein 71 Die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 1864 war der Startschuss für diesen Institutionalisierungsschub (Herren 2009, S. 23). Die Erfahrungen aus dem Krimkrieg und der Schlacht bei Solferino veranlassten mehrere Privatpersonen dazu, sich mit dem Schicksal der vielen Verwundeten zu befassen. Nachdem durch viel Lobbyarbeit auch Staaten von der Notwenigkeit der systematischen Versorgung von Verwundeten überzeugt worden waren, wurde dazu 1863 eine Konferenz in Genf einberufen, an der auch 16 Staaten teilnahmen (Reinalda 2009, S. 51). Die Grundlage für den Einsatz des Roten Kreuzes war immer noch der Krieg. Dieser zählte im 19. Jahrhundert immer noch zu den Kernideen der internationalen Ordnung, war doch das Bündnissystem dazu da, den potentiellen Kriegsfall zu regeln und auch bildete der Sieg im Krieg die Grundlage für den immer weiter ausgreifenden Sozialdarwinismus (Herren 2009, S. 23). 121 internationales Amt als Exekutivorgan jeder Union gegründet72 (Herren 2009, S. 20). Diese Unionen waren das sichtbare Zeichen, dass sich internationale Organisationen nun immer stärker multilateral ausformten und die bilateralen Verträge Schritt für Schritt ablösten. Außerdem führten sie dazu, dass sich die Spielregeln im internationalen System veränderten, denn es waren nicht nur die fünf Großmächte Mitglieder dieser Unionen, sondern sie waren auch ein Anerkennungsinstrument für die kleineren Staaten (Herren 2009, S. 21–22). Dies zeigt, dass neben dem Trend zur Gründung von Organisationen der Einfluss der kleineren Staaten in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wichtiger wurde. Sie fungierten nicht mehr bloß als Verfügungsmasse der fünf Großmächte sondern wurden immer mehr zu eigenständigen Akteuren mit eigenen Interessen und Zielen, die sie auch immer mehr durchsetzen konnten. Dies lag vor allem daran, dass ihre Zahl stetig stieg (1815 gab es 23 Kleinstaaten, 1900 gab es 42 und 1914 waren es 44) und so die Legitimität des Systems durch die Aufnahme dieser Staaten als Akteure zunahm (Reinalda 2009, S. 27). Die endgültige Überwindung der Konvention, dass nur die fünf Großmächte multilaterale Konferenzen bestimmen, wurde mit der Einberufung der Ersten Haager Friedenskonferenz 1898 überwunden, denn hier nahmen zum ersten Mal nahezu alle Staaten auf einer gleichberechtigten Basis (1 Staat = 1 Stimme) teil (Reinalda 2009, S. 27). Ausgangspunkt für die Einberufung der Konferenz war das russische „Friedensmanifest“ 73, welches der russische Außenminister Vladimir N. Murav`ev den versammelten Botschaf- 72 Die ersten beiden dieser Unionen waren der Internationale Telegraphenverein, gegründet am 17. Mai 1865, und der Weltpostverein, gegründet am 9. Oktober 1875. 73 Zwei Anlässe für das Friedensmanifest lassen sich ausmachen. Erstens befürchtete die russische Regierung, die dramatisch steigenden Rüstungsausgaben für Marine und Heer nicht länger tragen zu können – zumindest nicht in einem solchen Umfang, um nicht ins Hintertreffen zu geraten (Reinalda 2009, S. 65). Besonders als bekannt wurde, dass das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Frankreich ihre Armeen mit einem neuen Schnellfeuergeschütz ausgerüstet hatten, wusste der Kriegsminister Kuropatkin nicht mehr, wie er diese Rüstung finanzieren sollte. Daher schlug er vor, ein bilaterales Abkommen mit Österreich-Ungarn für 10 Jahre zu schließen, in dem festgelegt werden sollte, dass in diesem Zeitraum keine schnellfeuernden Geschütze eingesetzt werden. Dieser Vorschlag sollte dann auf die anderen Kontinentalmächte ausgeweitet werden. Somit enthielt dieser Vorschlag eine deutlich anti-britische Stoßrichtung: „Stillstand der Landrüstung bei Wettrüsten zur See“ (Dülffer 1981, S. 22–23). Als ein zweiter Grund kann angenommen werden, dass die russische Regierung mit diesem Vorstoß einen Keil in den sich eventuell bildenden Machtblock Großbritannien – USA – Deutsches Reich treiben wollte, denn durch den Abrüstungsvorstoß konnte gerade die deutsch-britische Beziehung massiv belastet werden. „Das Zarenmanifest entstand insgesamt aus einer Mischung von kurzfristigen Anlässen mit der Hoffnung auf augenblickliche Entspannung, mittelfristigen Erwartungen über sinkende Ausgaben für Rüstungszwecke und festen Grundüberzeugungen, die vor allem den Wortlaut des Dokuments bestimmten.“ (Dülffer 1981, S. 37). 122 tern am 24. August 1898 in St. Petersburg übergab. Der Zar forderte in seinem Aufruf, dass sich alle Staaten an der Aufrechterhaltung des Friedens beteiligen müssten. Konkret schlug er vor, über die Aufrechterhaltung des Friedens und Rüstungsbeschränkungen auf einer Konferenz zu verhandeln, weil ihm die momentane internationale Situation dazu günstig erschien. Er begründete seinen Vorstoß mit der großen internationalen Politik: Momentan wären die Großmächte damit beauftragt, den Frieden zu sichern. Um dies zu erreichen, hätten sie bislang aber immer nur in Rüstung investiert und damit die Sicherheit nicht erhöht, sondern eine Bewegung in Gang gesetzt, die zwangsläufig auf eine große Katastrophe zusteuern würde. Ergänzend führte er aus, dass das Rüsten dauerhaft auch viel zu kostenintensiv wäre und dadurch unnötig Wirtschaftskrisen ausgelöst würden (Dülffer 1981, S. 19–20). Nach einigem diplomatischen Hin und Her wurde die Konferenz am 8. April 1899 offiziell von der niederländischen Regierung (man hatte sich auf Den Haag als Austragungsort einigen können) einberufen74. Von der ursprünglichen Idee des Zaren, eine neue internationale Ordnung zu schaffen, war nicht mehr viel übrig geblieben. Aktuelle politische Geschehnisse tauchten gar nicht in der Tagesordnung auf und auch die Frage der Rüstungsbeschränkungen rückte weit in den Hintergrund. Zum zentralen Thema wurde die Schiedsgerichtsbarkeit75. Letztendlich ging es nur noch darum, den Zaren nicht völlig bloßzustellen und die russische Großmachtposition nicht zu gefährden (Dülffer 1981, S. 67–68). Gemessen an den eingangs erwähnten Zielen des Zaren fiel das Ergebnis der Konferenz dann auch eher mager aus. Am Ende wurden zwar ein Schlussprotokoll, drei Vertragsabkommen (Schiedsgerichtsfragen, Landkriegführung, Übertragung der Genfer Konvention auf den Seekrieg), sowie drei Erklärungen bezüglich der Rüstungsfragen gemeinsam abgezeichnet, von einer neuen Friedensordnung war jedoch nicht viel zu erkennen (Dülffer 1981, S. 94). Vielmehr wurden bereits bestehende Praktiken nun kodifiziert oder 74 Die offizielle Einladung wurde an 22 Staaten plus Russland als Ideengeber und die Niederlande als Austragungsort versandt. Es wurden alle europäischen Staaten eingeladen, sowie die USA und Mexiko, China, Japan, Persien und Siam, jedoch kein afrikanischer Staat. Bulgarien wurde noch nachträglich eingeladen, nachdem das Osmanische Reich zugestimmt hatte. Weil das erste Manifest auch an alle Kleinstaaten übergeben worden war, wurde der Grundsatz – ein Staat, eine Stimme – vereinbart, was insbesondere beim Deutsche Kaiserreich auf Widerstand stieß, wollte man hier doch die herausgehobene Position der Großmächte gewahrt wissen (Dülffer 1981, S. 65–66). 75 Die Themen Schiedsgerichtsbarkeit und internationales Recht bekamen im Laufe der 1870er Jahre immer mehr normative Macht. Bereits 1871 wurde ein erster Schiedsgerichtsbarkeitsvertrag (Washington Treaty) geschlossen und 1873 gründete sich das Institut des internationalen Rechts. Beide Institutionen lieferten wertvolle Vorarbeiten für die Haager Konferenz (Reinalda 2009, S. 60–61). 123 moderat erweitert. Einen grundsätzlichen Durchbruch gab es in keinem Themenfeld, weil der Widerstand bei den einzelnen Mächten zu groß war. Besonders zeigte sich dies in der Schiedsgerichtskommission. Hier hätte es einen Wandel des bestehenden Systems geben können, es hätte der „Kern einer weltumspannenden Organisation geschaffen werden [können], welche die internationalen Beziehungen zunehmend durch Rechtsprechung und damit auch neue Rechtsetzung beeinflussen“ könnte (Dülffer 1981, S. 88). Dies scheiterte jedoch vor allem am deutschen Widerstand, eine Einigung kam am Ende überhaupt nur zustande, weil es dem deutschen Außenminister Bernhard von Bülow gelang, den Deutschen Kaiser zum Einlenken zu bewegen, um einen massiven Schaden für die deutsch-russischen Beziehungen abzuwenden. Wilhelm II. kommentierte dies folgendermaßen: „Damit sich der Zar nicht vor Europa blamire, stimme ich dem Unsinn zu! Aber werde in meiner Praxis auch später mich nur auf Gott und mein scharfes Schwert verlassen und berufen! Ich scheiße auf die ganzen Beschlüsse!“ (zitiert nach Dülffer 1981, S. 93). Dies zeigt exemplarisch, welchen Stellenwert die Beschlüsse für die einzelnen Staaten hatten. Trotz dieser ablehnenden Haltung zeigte sich hier bereits eine Tendenz hin zu einem regelmäßig tagenden, multinationalen Gremium, das sich weiterhin mit der Frage der Friedenssicherung befassen sollte. Durch die Einrichtung eines internationalen Büros, welches eine Schiedsrichterliste führte, aus der die Streitparteien im Falle eines Schiedsgerichtsverfahrens wählen konnten, wurde der Weg für eine langsame Verstetigung der Friedenssicherung geschaffen. Noch krankte das System jedoch an seinen mangelnden Kompetenzen. Auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz 1907 wurde weiterhin verhindert, dass ein permanenter Schiedsgerichtshof eingerichtet werden konnte und auch ein Schiedsgerichtszwang für Streitigkeiten über einige triviale und periphere Gebiete war nicht durchzusetzen (Dülffer 1981, S. 355–356). Dennoch setzte mit der Ersten Haager Friedenskonferenz ein Trend zur Institutionalisierung und internationalen Regulierung ein, der bis heute anhält. Dieser Prozess der Internationalisierung setzte sich auch in anderen Bereichen weiter fort. Handel und Verkehr wurden immer mehr zu weltumspannenden Netzwerken und auch die immer weiter voranschreitende Industrialisierung löste Globalisierungsprozesse aus. Eine Reaktion darauf war die Gründung von Imperien durch die Großmächte, der moderne Imperialismus nahm hier seit den 1880er Jahren seinen Lauf (Fahrmeir 2010, S. 231; Hildebrand 1989, S. 54). Damit versuchten die europäischen Staaten die neu entstandenen grenzüberschreitenden Netzwerke in einem nationalen Sinn umzudeuten, um sie so wieder unter ihre Kontrolle bringen zu können. Ein plakati- 124 ves und gleichsam einzigartiges Beispiel hierfür ist die Gründung des Kongo Freistaates auf der Berliner Afrikakonferenz im Frühjahr 188576. Die Industrialisierung ermöglichte es den europäischen Staaten, sich in territorialer Expansion außerhalb Europas zu versuchen. So war ein Teil der entstehenden Imperien durch die Hoffnung auf ökonomische Gewinne motiviert, andere entstanden aus kulturellen oder religiösen Gründen und wieder andere hatten politische Motivationen (Mingst 2008, S. 29). Den europäischen Mächten gelang es so, Konflikte, die eigentlich in Europa ausgetragen worden wären, an die Peripherie abzuleiten und das System zunächst einmal wieder zu stabilisieren. Auch die Gründung des Deutschen Zollvereins 1833 kann als Reaktion auf die zunehmende Internationalisierung der Wiener Ordnung gesehen werden. Dieser Verein hatte 17 Gründungsmitglieder und arbeitete seit 1834 mit dem Ziel, einen wirtschaftlichen Binnenmarkt zu schaffen und für eine Vereinheitlichung der fiskalisch-ökonomischen Rahmenbedingungen zu sorgen. Die Gründung des Zollvereins wurde auch im Ausland aufmerksam beobachtet und auch die deutsche Öffentlichkeit registrierte die Gründung mit Wohlwollen, zeigte dies doch, dass man nun als geschlossene Handelsnation auftreten konnte (Hahn und Kreutzmann 2012, S. 10). Der Zollverein entstand unter der Führung Preußens und ebnete den Weg für die kleindeutsche Lösung. Im In- und Ausland wurde der Deutsche Zollverein mehr und mehr als „eigentlicher Repräsentant der deutschen Nation“ (Hahn und Kreutzmann 2012, S. 25) wahrgenommen. Er wurde in der Phase der Handelsvertragspolitik zum Sprecher deutscher Interessen und Preußen schloss im Namen der Zollvereinsmitgliedsstaaten internationale Handelsverträge ab (Hahn und Kreutzmann 2012, S. 25). Der Zollverein schuf wesentliche Grundlagen für die spätere Gründung des Deutschen Reichs 1871. Nach der Reichsgründung gingen dann auch die Aufgaben des Vereins auf das Reich über (Reinalda 2009, S. 32–33)77. 76 Bereits 1876 veranstaltete der belgische König eine geografische Konferenz, auf der es unter anderem auch um die Erforschung des Kongobeckens ging. Gleichzeitig gründete er die Association Internationale Africaine und wollte sich damit Zugriff auf den Kongo verschaffen, da er einem belgischen Kolonialreich nicht abgeneigt war. Bis 1884/85 kaufte ein Privatmann im Auftrag des belgischen Königs Land im Kongo auf, um ein Einflussgebiet für Belgien zu sichern. Als dann auf der Berliner Afrikakonferenz, die die allgemeinen Spielregeln zur Aufteilung Afrikas festlegte, auch das Kongogebiet zur Sprache kam, wurde es dem belgischen König als Privatbesitz der belgischen Krone übertragen. Die vormals gegründete Association Internationale Africaine wurde von König Leopold in einen Staat transformiert, ohne dass es davon Spuren in den offiziellen Protokollen der Konferenz gab (Herren 2009, S. 29–31). 77 Es ist jedoch anzumerken, dass die Gründung des Zollvereins unter preußischer Führung nicht automatisch in die deutsche Reichsgründung 1871 mündete. Diese Argumentation findet sich vor allem bei Heinrich von Treitschke: „Ein neues Glied, fest und unscheinbar, war ein- 125 Mit der Einigung Italiens 1861 und der Gründung des Deutschen Reichs 1871 waren die großen Einigungsbewegungen in Europa vorerst abgeschlossen. Diese territoriale Veränderung der europäischen Landkarte bildete den Rahmen für die internationale Ordnung bis zum Ersten Weltkrieg. Dem Deutschen Kaiserreich war es durch die Reichseinigung gelungen, eine kontinentale Hegemonie zu erlangen und damit aus der schwachen Großmachtposition Preußens in den 1850er Jahren herauszutreten78. Gleichzeitig standen Österreich-Ungarn und Frankreich einem Abstieg in der Statushierarchie der Großmächte gegenüber: Ihre militärischen Niederlagen gegen Preußen zeigten dies deutlich an (Lowe 1994, S. 3). Nach dieser Einigungsphase wurden die Bildung von Netzwerken und der „Alptraum der Koalitionen“ zu den bestimmenden Faktoren der europäischen Diplomatie (Herren 2009, S. 26). Im Anschluss an die Reichsgründung setzte aber keine Phase des dauerhaften Friedens und geringerer Spannungen ein (Sheehan 1996, S. 133). Es gab keine vollständige Rückkehr zu den klassischen Konzertmechanismen, sondern es entstand ein flexibles Bündnissystem, welches wieder die Eigeninteressen der Staaten stärker berücksichtigte; die Selbstbeschränkung der Großmächte, wie sie noch auf dem Wiener Kongress und im klassischen Konzertsystem ausgedrückt war, trat in den Hintergrund. Österreich sah sich gezwungen, die Verluste durch den 1866 verlorenen Krieg gegen Preußen auf dem Balkan auszugleichen, was zu erheblichen Spannungen mit Russland führte. Auch Frankreich war wegen der demütigenden Niederlage 1871 und des Verlustes von Elsass-Lothringen an das neu gegründete Deutsche Kaiserreich verbittert und hätte am liebsten eine revisionistische Politik gegenüber dem Deutschen Kaiserreich ausgeübt, es mangelte Paris jedoch an ausreichenden Mitteln. Der Frieden nach 1871 war somit nicht durch einen konservativen Konsens wie 1815 zustande gekommen, sondern er war Ausdruck der militärischen Dominanz des Deutschen Reichs über den europäischen Kontinent: gefügt in die lange Kette der Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgeführt hat zur kaiserlichen Krone. […] aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von Königgrätz. […] Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschland hervor, das dereinst den Ruhm und die Macht des Heiligen römischen Reiches überbieten sollte.“ (Treitschke 1897, S. 379). Die deutsche Nationsbildung ist doch um einiges komplexer, gerade wenn man anerkennt, dass zur Nationsbildung mehr gehört als nur der „Weg zum Nationalstaat“ (Hahn und Kreutzmann 2012, S. 7). 78 Die Reichsgründung mündete nicht in einer sofortigen Akzeptanz des Reiches durch die anderen europäischen Mächte. Das neue staatliche Gebilde in der Mitte Europas konnte nun nicht mehr für machtpolitische Ränkespiele oder als eine Art Pufferzone genutzt werden, sondern es war schon allein wegen seiner Größe ein eigener Machtfaktor, der den Handlungsspielraum der anderen Mächte deutlich schmälerte (Schwarze 2013, S. 13–14). 126 „The peace after 1871 was an unstable one, charcterised by crises and recurrent international friction. The triumph of national self-determination in Italy and Germany by 1871 had erased most of the remaining small states from the map of Europe and thus the “buffers and shock absorbers” were gone leaving the great powers with common borders and directly clashing interests.” (Sheehan 1996, S. 133). Die nun einsetzende Ära war durch aggressive industrielle Rivalität als auch Handelsrivalität gekennzeichnet. Das drückte sich durch immer stärker werdenden Nationalismus und Imperialismus aus und der militärische Einfluss auf die Formulierung von außenpolitischen Zielen nahm immer weiter zu. Der Geist einer Großmachtgesellschaft, wie er noch 1815 bestanden hatte, war vergangen und die sich nach den Kriegen einstellende Balance hatte kein dauerhaftes politisches Direktorat mehr (Sheehan 1996, S. 134). Otto von Bismarck – der wohl mächtigste Politiker auf dem Kontinent – versuchte dies durch ein kompliziertes Bündnissystem auszugleichen. Den Grundstein hierfür legte das am 22. Oktober 1873 unterzeichnete Dreikaiserabkommen zwischen dem Deutschen Kaiserreich, Österreich-Ungarn und Russland. Hierbei handelte es sich nicht um ein formales Bündnis – welches in dieser Zeit auch nur bei akuten Bedrohungen abgeschlossen worden wäre – sondern um eine lose Verbindung, die eine „Zusammenarbeit bei der Erhaltung des Friedens gegen alle „Erschütterungen““ sichern sollte (Canis 2004, S. 76). Das Abkommen legte fest, dass es im Falle eines Angriffs Konsultationen geben werde, um sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Sollten gemeinsame Militäraktionen notwendig werden, bedürften diese einer gesonderten Regelung (Canis 2004, S. 76). Das Abkommen – so lose es auch war – war gerade in der deutschen Öffentlichkeit umstritten, waren die Unterschiede der drei Partner doch mittlerweile zu offensichtlich und auch der Rekurs auf die monarchische Solidarität schien überholt. Hinzu kam, dass weite Teile der Öffentlichkeit ein direktes Bündnis mit Österreich-Ungarn aufgrund der historischen und kulturellen Ähnlichkeiten bevorzugten. Bismarck war sich dieser Probleme durchaus bewusst, jedoch wog für ihn die Möglichkeit der Isolation Frankreichs deutlich schwerer und machte für ihn den Hauptgrund dieses Abkommens aus79 (Canis 2004, S. 77). 79 Bereits im Sommer 1873 setzte in Frankreich eine Entwicklung ein, die dem Deutschen Reich gefährlich werden konnte. Eine französisch-russische Annäherung wurde durch den Sturz des französischen Präsidenten Adolphe Thiers und der Ernennung Patrice M. MacMahon, einem Vertreter des Kaiserreichs und des Krieges von 1870, immer wahrscheinlicher. Hinzu kam, dass der Bischof von Nancy dazu aufrief, für die Rückkehr Elsaß- Lothringens zu beten und im Oktober 1873 alle Reparationszahlungen an das Deutsche Kaiserreich gezahlt worden waren und damit die deutschen Besatzungstruppen abrücken mussten. Dies führte dazu, dass Frankreich nun wieder Mittel für die Aufrüstung zur Verfügung 127 Ein weiterer Wendepunkt bei der komplexen Neuordnung der Verhältnisse in Europa war mit dem Berliner Kongress 187880 erreicht, beendete er doch eine 30-jährige Phase der kriegerischen Auseinandersetzungen und läutete eine 34-jährige Friedensphase in Europa ein (Taylor 1980, S. 255). Der Hauptgrund für diese neue Einigkeit war ökonomischer Natur. Die industrielle Revolution hatte dafür gesorgt, dass nun ganz Europa Wohlstand genoss und internationaler Handel nahezu ohne Barrieren vonstattenging: „Men were too busy growing rich to have time for war.“ (Taylor 1980, S. 255). Dies sorgte für eine europäische Einheit, die mit dem alten, metternichschen Kongresssystem nicht mehr zu vergleichen war und sich vor allem durch die alten Rivalitäten der Staaten untereinander sowie durch die Ausbreitung nationaler Gefühle bis hin zum Nationalismus auszeichnete. Der Konflikt in Europa konnte jedoch immer noch vermieden werden, da alle Großmächte außer Österreich-Ungarn ihren Überschuss in außereuropäische Expansion investieren konnten81 (Taylor 1980, S. 256). Somit markiert der Berliner Kongress auch eine Weggabelung des europäischen Systems und der internationalen Ordnung: Die Politik des Gleichgewichts, welches ausschließlich durch die fünf Großmächte bestimmt wurde, gelangte langsam an ihr Ende und der immer stärker ausgreifende Imperialismus kündigte sich mit dem „Scramble for Africa“ lautstark an (Hildebrand 1989, S. 54). In dieser Umgebung hatte Bismarck durch die deutsche Reichseinigung das neue Europa geschaffen, auf dem Berliner Kongress hatte er es erhalten und die Rolle als Großmacht angenommen (Taylor 1980, S. 259). Der Zweibund mit Österreich-Ungarn markierte den nächsten Baustein des bismarckschen Bündnissystems nach der Neuordnung Europas und der Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen. Mit diesem Bündnis akzeptierte Österreich-Ungarn den Verlust seiner Vormachtstellung im deutschen Raum und erkannte die von Preußen vorangetriebene Reichseinigung an (Fellner 1960, S. 9). Der Zweibund war der „Kristallisationskern“ des bismarckschen Bündnissystems in Zentraleuropa (Schieder 1977, S. 237). standen und es so auch als Bündnispartner wieder attraktiver wurde (Canis 2004, S. 77–78). Vor diesem Hintergrund entwickelte Bismarck ein gesteigertes Interesse daran, Frankreich weiterhin zu isolieren und ein Wiedererstarken zu verhindern. Das Dreikaiserabkommen war ein erster Schritt in diese Richtung. 80 Der Berliner Kongress regelte die offenen Fragen, die nach der Balkankrise 1875-1878 auftauchten und revidierte den von Russland abgeschlossenen Frieden von San Stefano in weiten Teilen. Dies führte dazu, dass der russische Zar Bismarck dafür verantwortlich machte, dass das russische Prestige durch diese nun gesamteuropäische Konfliktregulierung sehr stark in Mitleidenschaft gezogen sei (Schmidt 2004a, S. 37). 81 Diese Phase des Imperialismus wurde aber bezeichnenderweise nicht durch eine Großmacht plakativ ausgelöst, sondern durch den belgischen König Leopold II. (siehe oben, Gründung Kongo-Freistaat). 128 Am 7. Oktober 1879 wurde der Zweibund als ein geheimes Defensivbündnis, welches in Teilen das von Russland aufgekündigte Dreikaiserabkommen von 1873 ersetzen sollte82, abgeschlossen83 (Angelow 2000, S. 49–50). Innenpolitisch wollte er mit dem Zweibund die Liberalen beruhigen, mit denen er erst kurz zuvor politisch gebrochen hatte. Er erfüllte zwar nicht deren Maximalziel – ein Großdeutschland –, aber er schuf einen Bund, der auf nationalen Gefühlen basierte84 (Taylor 1980, S. 259). Bis zur erneuten Vertragsverlängerung des Zweibunds 1909 blieb das Bündnis nahezu unverändert. Im Zuge der zunehmenden Spannungen mit Großbritannien und der sich verschlechternden Beziehungen zu Russland85 suchte das Deutsche Reich bereits ab 1908 eine „stärkere[n] politische[n] Inanspruchnahme des Zweibunds“ (Angelow 2000, S. 170). Die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn bot eine erste Möglichkeit. Bülow versicherte dem Bündnispartner bedingungslose Unterstützung und absolute Bündnistreue (Angelow 2000, S. 236). Dies setzte sich dann konsequenterweise in der Vertragsverlängerung im Frühjahr 1909 fort. Das Defensivbündnis erfuhr nun eine offensive Ausrichtung gegen Russland, weil beide Vertragspartner festlegten, dass bei einem Einmarsch Österreichs in Serbien und dem dadurch ausgelösten Kriegseintritt Russlands für das Deutsche Reich ein casus foederis gegeben sei. Dies stellt die entscheidende Weichenstellung in die Julikrise 1914 dar, denn durch diese Veränderung des Vertra- 82 Der Vertrag sah lediglich zwei Bündnisfälle vor (Angriff Russlands oder der Angriff durch eine dritte Macht, die von Russland unterstützt würde). Bei allen anderen Kriegsfällen waren die Vertragspartner lediglich zur Neutralität verpflichtet. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von fünf Jahren und verlängerte sich automatisch, da kein Vertragspartner Kündigungsabsichten hatte (Angelow 2000, S. 50). 83 Bismarck reagierte damit außenpolitisch auf die Ergebnisse des Berliner Kongresses und wollte Russland die drohende Isolation nach dem Ende des Dreikaiserabkommens aufzeigen und es so zu einer erneuten Annäherung an das Deutsche Kaiserreich zwingen Angelow 2000, S. 32–33. 84 Ähnlich wie vor der Unterzeichnung des Dreikaiserabkommens 1873 baute sich vor Abschluss des Zweibunds eine Drohkulisse für das Deutsche Reich auf. Bismarck befürchtete, dass die russische Niederlage auf dem Berliner Kongress – die in der russischen Öffentlichkeit der deutschen Seite angelastet wurde – gepaart mit der immer stärker werdenden Instabilität des russischen Reichs sich in einem kriegerischen Verzweiflungsakt gegen das Kaiserreich entladen könne. Um dies zu verhindern, suchte er neue Bündnispartner. Besonders ehemalige Bundesgenossen des russischen Zaren – Österreich-Ungarn – sollten so von einer Unterstützung des Zarenreichs abgehalten werden (Canis 2004, S. 141–143). 85 Nach Bekanntwerden des Petersburger Abkommens von 1907, der Erweiterung der Entente Cordiale zur Triple Entente, war sich die deutsche Führung über die Implikationen noch nicht im Klaren. Es bestanden vor allem Zweifel, wie weitreichend dieses Abkommen sei und ob die russische Neutralität im Falle eines deutsch-britischen Krieges gewährleistet werden könne (Angelow 2000, S. 170). 129 ges hatte Österreich-Ungarn nun freie Hand auf dem Balkan (Schmidt 2004b, S. 9). Nach Abschluss des Zweibunds ging Bismarcks außenpolitisches Kalkül auch gegenüber Russland auf und bereits im Juni 1881 konnte der Dreikaiservertrag zwischen dem Deutschen Kaiserreich, Österreich-Ungarn und Russland geschlossen werden86 (Canis 2004, S. 163). Das Hauptziel Bismarcks war auch hier die Aufrechterhaltung der Isolation Frankreichs. Dies gelang ihm vor allem dadurch, dass er die möglichen Bündnisalternativen für Russland (französisch-russisches Abkommen) und Österreich-Ungarn (Abkommen mit Großbritannien) unterminierte, raffiniert für ein Dreierbündnis warb und moderate Zugeständnisse anbot (Canis 2004, Kap. II 1.). Dennoch lässt sich hier ein Wandel in der Qualität des Bündnisses erkennen. Bei diesem Abkommen handelte es sich nicht mehr um die Bildung einer regulierenden Allianz, wie noch bei Abschluss des Dreikaiserabkommens 1873, sondern es ging lediglich um den Abschluss eines Interessenbündnisses, um den Frieden aufrechtzuerhalten (Schieder 1977, S. 238). Die eigentliche Konfliktlinie zwischen Österreich-Ungarn und Russland, nämlich die Vorherrschaft auf dem Balkan, wurde durch den Dreikaiservertrag nicht beseitigt, sondern nur leicht entspannt und zeitlich verschoben (Canis 2004, S. 180). Mit dem Abschluss des Dreikaiservertrags war die außenpolitische Stabilität für die beteiligten Staaten größer als jemals zuvor und auch das Verhältnis zu Frankreich stabilisierte sich immer mehr auf einem guten Niveau. Die Verhältnisse in Europa schienen nun geordnet und auf längere Sicht fixiert. Diese scheinbare Stabilität hielt jedoch nicht dauerhaft an. Bereits nach der französischen Okkupation von Tunis Anfang 1881, auf das auch Italien ein Auge geworfen hatte, zeichnete sich in Italien ein außenpolitischer Kurswechsel ab. Die republikanischen Strömungen verloren an Einfluss, denn sie propagierten eine stärkere Anlehnung an Frankreich, die durch die Besetzung unmöglich geworden war. Dies festigte die konservativen Kräfte im Land; diese versuchten ihre Position durch eine Annäherung an das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn weiter auszubauen (Canis 2004, S. 187). Bismarck unterstützte diese Annäherung aus drei Gründen: Erstens befürwortete er eine Stabilisierung der Monarchie in Italien, zweitens unterstützte er die neue anti-französische Ausrichtung und drittens erhoffte er sich eine grö- ßere Sicherheit für die österreichische Südgrenze im Falle eines Krieges ge- 86 Der Vertrag konnte 1884 einmal verlängert werden, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt die Spannungen zwischen Österreich-Ungarn und Russland deutlich zugenommen hatten (Elzer 1991, S. 21). Nach dem Balkankrieg 1885/86 war jedoch eine erneute Verlängerung ausgeschlossen, die „Dreikaiserpolitik, die in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten die Spannungen zwischen den drei Mächten […] wenigstens zurückgehalten hatte, war gescheitert.“ (Canis 2004, S. 253; Groepper 2008, S. 28). 130 gen Russland (Canis 2004, S. 188). Nach ähnlich komplizierten Vertragsverhandlungen wie beim Dreikaiservertrag einigten sich die drei Parteien auf Druck Bismarcks auf einen geheimen Beistandsvertrag gegen einen französischen Angriff, der am 20. Mai 1882 unterzeichnet wurde und zunächst eine Laufzeit von fünf Jahren hatte87 (Canis 2004, S. 189; Fellner 1960, S. 15, 1994, S. 21). Die drei vertragschließenden Parteien waren in dem Glauben „durch die Bindung Italiens an die Zentralmächte einen weiteren Schritt zur Sicherung des europäischen Friedens getan zu haben“ (Fellner 1994, S. 21). Der große Wert dieses Vertrages war für Bismarck nicht der Kriegsfall, der durch diesen Abschluss abgesichert wurde, sondern es ging ihm vielmehr darum, im Zusammenspiel mit dem Zweibund und dem Dreikaiservertrag einen gemeinsamen Angriff von Frankreich und Russland auf das Deutsche Reich zu verhindern (Canis 2004, S. 189). Auch Italien und Österreich-Ungarn sahen in ihm einen weiteren Baustein der europäischen Sicherheit, nicht mehr und nicht weniger (Fellner 1960, S. 9). Diese drei Abkommen sollten den konservativen Status quo, den Bismarck um jeden Preis erhalten wollte, weil er die größte Sicherheit für das Kaiserreich bedeutete, langfristig sichern und gegen subversive Tendenzen schützen. Das Bündnissystem war nun auf seinem Höhepunkt angelangt (Schieder 1977, S. 241). Die Vertragsverlängerung vom 20. Februar 1887 veränderte den ursprünglichen Vertrag radikal. Er bestand nun nicht mehr aus einem Vertragstext, sondern es gab vier Verträge, die zusammengenommen den Dreibund erneuerten88. Besonders das italienisch-deutsche Separatabkommen veränderte die Struktur des Bündnisses, wurde hier doch der ursprünglich defensive Charakter des Dreibunds unterlaufen, weil nun auch ein Angriff Italiens auf Frankreich – wenn er Italien nötig erschien – als Bündnisfall behandelt wurde (Fellner 1960, S. 30). Mit dieser Vereinbarung war das Deutsche Reich aktiv in die französisch-italienische Frage verstrickt, ohne selbst Einfluss auf die 87 Insgesamt bestand der Vertrag aus acht Artikeln. Artikel 1 versprach gegenseitige Freundschaft und Friede, sowie die Vereinbarung, keine Allianzen und Abkommen ohne die Zustimmung der anderen Vertragspartner zu schließen. Artikel 2 geht auf die Unterstützung Italiens und/oder Deutschlands im Falle eines französischen Angriffs ein. Artikel 3 erweitert diesen Bündnisfall für einen Angriff auf einen der Vertragsstaaten von mindestens zwei Großmächten. Artikel 4 sichert gegenseitige Neutralität zu, falls ein Partner Krieg aufgrund einer Sicherheitsbedrohung führt. Die Artikel 5 bis 8 enthalten bürokratische Bestimmungen zur Gültigkeit und Umsetzung des Vertrages (Der Dreibund (1882) 2013, S. 87–89). 88 Der erste Vertragsbestandteil war die Verlängerung des 1882 unterzeichneten Vertrages, die Schriftstücke zwei und drei dagegen waren Separatabkommen des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns mit Italien. Der vierte Teil war eine gemeinsame Erklärung, dass die drei einzelnen Verträge als ein Ganzes zu betrachten seien und die Hauptaufgabe in der Sicherung des Friedens bestünde (Fellner 1960, S. 29). 131 Situation nehmen zu können89. Hiermit gab man ein Stück Handlungsautonomie preis, die spätestens in den Kolonialfragen nach der Jahrhundertwende dringend gebraucht worden wäre (siehe Kap. 4.2). Mit der zweiten Verlängerung des Vertrages am 6. Mai 1891 wurde der Dreibund dann in eine Form gebracht, die er über alle weiteren Verlängerungen hinweg bis zu seiner Kündigung durch Italien 1915 behielt90 (Fellner 1960, S. 39). Obwohl dieser Vertrag nun den Höhepunkt des Verhältnisses der drei Partner darstellte, war die außenpolitische Realität schon eine andere geworden. Die außenpolitische Autonomie der einzelnen europäischen Staaten wurde zunehmend wichtiger und gerade Italien hatte bereits im Vorfeld der Vertragsverlängerung schon erste Fühler nach Frankreich ausgestreckt. Mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages 1890 und dem Nichtzustandekommen der Mittelmeerentente begann eine neue Phase der internationalen Beziehungen, „eine Phase des Schwankens, der Auflösung der alten internationalen Bindungen, eine Zeit größerer Selbstständigkeit in der Außenpolitik der einzelnen Großmächte.“ (Fellner 1960, S. 40). Eine Sonderstellung im bismarckschen Bündnissystem nimmt der Rückversicherungsvertrag mit Russland vom 18. Juni 1887 ein, denn dieser Vertrag unterlief Teile des deutsch-österreichischen Zweibunds und war eher Bestandteil eines „Systems der Aushilfen“ als ein ausgeklügeltes Vertragswerk, welches einen weiteren Baustein in der komplexen Bündniswelt Bismarcks bilden sollte91. Bismarck suchte eine bilaterale Annäherung an Russland, erwies sich doch eine weitere Neuauflage des Dreikaiservertrages wegen der russisch-österreichischen Differenzen als nicht durchsetzbar (Canis 2004, S. 253). Im Mai 1887 begannen dann auch die Vertragsverhandlungen und relativ schnell einigte man sich auf vier wesentliche Punkte: Russische Neutralität in einem von Frankreich provozierten deutsch-französischen Krieg, 89 Die Gegenleistung, die das Deutsche Reich für diese weitreichenden Zugeständnisse bekam, war eine stärkere Unterstützung Italiens im Falle eines französischen Angriffs auf das Deutsche Reich (Fellner 1960, S. 32). 90 Die Bedeutung des Dreibunds nahm in der Epoche der Weltpolitik für alle Vertragspartner immer weiter ab, aktive Vertragsverlängerungen gab es nicht mehr. Der Vertrag verlängerte sich bis 1915 automatisch, weil kein Vertragspartner aktiv eine Modifikation oder Kündigung forderte (Fellner 1960, Kap. V). 91 Anlass für die Verhandlungen war das seit der bulgarischen Krise 1885 ohnehin nicht unproblematische Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Russland (Elzer 1991, S. 223; Canis 2004, S. 234). Ein Krieg zwischen diesen beiden Bündnispartnern schien Bismarck immer wahrscheinlicher. Hinzu kam, dass seit dem Sturz des französischen Premierministers Jules Ferry im April 1885 die Beziehungen zu Frankreich sich deutlich verschlechterten und Befürchtungen eines französischen Revanchekrieges stetig zunahmen (Canis 2004, S. 238– 239; Groepper 2008, S. 16). Dieser Bedrohung wurde mit einer deutlichen Heeresvermehrung begegnet, die Probleme an der Ostgrenze und die Gefahr eines Zweifrontenkrieges wurden damit aber nicht gelöst. 132 deutsche Neutralität im Falle eines durch Österreich-Ungarn provozierten russisch-österreichischen Kriegs, Anerkennung der russischen Vorherrschaft auf dem Balkan und das Recht der Schließung der Meerengen am Bosporus und der Dardanellen durch Russland (Der Rückversicherungsvertrag 2013, S. 91–93). Mit dem Abschluss des Rückversicherungsvertrages versuchte Bismarck also, das alte auseinanderbrechende System der Unterstützung der drei konservativen Monarchen wenigstens in Teilen aufrechtzuerhalten. Der Rückversicherungsvertrag enthielt jedoch Klauseln, die im Konfliktfalle Bestimmungen des Zweibunds bedrohten (Der Rückversicherungsvertrag 2013, S. 93). Die drohende Erosion des bismarckschen Bündnissystems konnte zunächst noch einmal abgewendet werden. Im Zuge der immer weiter schwelenden Balkankrise zeichnete sich aber bereits ab, dass das komplexe Sicherungssystem gegen Frankreich immer mehr ins Wanken geriet. Eine russischfranzösische Annäherung konnte nur durch weitreichende Zugeständnisse an Russland noch verhindert werden. Dies änderte sich grundlegend nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelm II. 1888 und der Entlassung Bismarcks 1890. Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland 189092 und der dadurch möglich werdende Abschluss der russisch-französischen Militärkonvention Ende 1893 markierten den Punkt, an dem das Deutsche Reich „seine beherrschende Schlüsselposition, sein europäisches Primat“ eingebüßt hatte (Fellner 1994, S. 45). Von dieser Entscheidung ging ein Signal für eine gesamteuropäische Veränderung aus (Schieder 1977, S. 247), das Bündnissystem, welches schon Ende der 1880er Jahre nur noch durch Aushilfen aufrechterhalten werden konnte, löste sich nun mehr und mehr auf und mit der russisch-französischen Militärkonvention bildete sich ein erstes bündnispolitisches Gegengewicht gegen die Mittelmächte. Auslöser für den Abschluss der Militärkonvention waren die Bedenken Frankreichs und Russlands, dass Großbritannien dem Dreibund beitreten würde und die beiden anderen Großmächte dann isoliert einer Viererkonstellation nahezu schutzlos ausgeliefert wären (Groepper 2008, S. 520). Hinzu kam, dass die russische Seite die Nichtverlängerung des Rückversicherungs- 92 Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages fiel zeitlich genau in die Phase der Entlassung Bismarcks und dem Amtsantritt Caprivis. Letzterer sah sich nicht in der Lage, das komplizierte Bündnissystem Bismarcks aufrechtzuerhalten (sehr ausführlich dazu Groepper 2008). Vielmehr wollte Caprivi „mehr Transparenz, Kohärenz und Loyalität in die deutsche Außenpolitik hineinbringen und diese von Widersprüchen befreien“ (Afflerbach 2002, S. 379). Aufgrund mangelnder Erfahrungen in der Außenpolitik und Diplomatie war Caprivi – im Gegensatz zu Bismarck – auf die Hilfe von ranghohen Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes angewiesen, insbesondere der geheime Rat Friedrich von Holstein ist hier zu nennen, der bei der Frage der Verlängerung des Rückversicherungsvertrag besonderen Einfluss auf Caprivi hatte (Afflerbach 2002, S. 382). 133 vertrags, obwohl sie verlängerungs- und konzessionsbereit war, als Zurückweisung empfand und der Zar die antirussischen Tendenzen des Dreibunds – durch seine sehr öffentlichkeitswirksame Verlängerung im Frühjahr 1891 – bestätigt sah. Dies führte dazu, dass sich Russland nun verstärkt an Frankreich wandte (Afflerbach 2002, S. 383). Der erste Höhepunkt dieser neuen Konstellation war der Flottenbesuch in Kronstadt am 23. Juli 189193. In den folgenden Jahren wurde diese Zusammenarbeit immer weiter verstärkt und 1893 dann endgültig zu einer Militärkonvention ausgebaut (Afflerbach 2002, S. 385). Das Deutsche Reich reagierte besorgt auf diese Entwicklung, zeigte sie doch, dass ein Zweifrontenkrieg nun immer mehr in den Bereich des Möglichen rückte. Aus diesem Grund beantragte Caprivi im November 1892 dann eine umfangreiche Armeevergrößerung, die er vom Reichstag auch bewilligt bekam (Afflerbach 2002, S. 387). Die russisch-französische Militärkonvention war der Beginn der bündnispolitischen Blockbildung auf dem europäischen Kontinent und der langsamen Isolation des Deutschen Reichs. Der nächste Meilenstein dazu war die Bildung der britisch-japanischen Allianz 1902, markiert sie doch die endgültige Abkehr Großbritanniens von der Splendid Isolation94. Die britisch-japanische Allianz wurde am 30. Januar 1902 unterzeichnet und beschränkte sich auf Wunsch Japans auf den Fernen Osten (Charmley 1999, S. 304). Beide Vertragsparteien konnten in diesem Abschluss das sehen, was sie brauchten: Für Großbritannien war das Bündnis geeignet, den russischen Interessen im Fernen Osten zu begegnen und mit Japan einen Verbündeten auf dem Schauplatz zu haben, der im Zweifel auch militärisch eingreifen könne. Japan erreichte mit dem Abkommen die Anerkennung seiner Interessen in Korea und die Zusage, dass Großbritannien Frankreich neutral halten werde, sollte es zu einem russisch-japanischen Krieg kommen (Nish 1976, S. 216–217). Obwohl das Abkommen eine Herausforderung der russi- 93 Im Anschluss an den Flottenbesuch wurde am 27. August 1891 ein erstes Schriftstück ausgetauscht, welches den politischen Kern der russisch-französischen Entente bilden sollte. Hier verpflichteten sich beide Seiten zu gegenseitigen Konsultationen in Fragen des europäischen Friedens und schlossen eine Beistandserklärung für den Kriegsfall ab (Kennan 1990, S. 143– 165; Afflerbach 2002, S. 384–385). 94 Die Frage, ob Großbritannien mit dem Bündnis mit Japan seine Isolation aufgegeben hat, ist umstritten. Manche Historiker gehen davon aus, dass dieses Bündnis die Isolation noch bestärkt hat, weil sie Großbritannien weiterhin aus den europäischen Streitigkeiten herausgehalten hat (Taylor 1980). Andere sind der Auffassung, dass es das Ende der Isolation markiert, weil Großbritannien sich hier erstmals seit dem Ende der Quadrupelallianz wieder definitiv bündnispolitisch gebunden hatte (Monger 1976). Ich schließe mich in dieser Arbeit Monger an und gehe davon aus, dass das britisch-japanische Bündnis der Auftakt für das Bündnissystem ist, welches bis zum Ersten Weltkrieg Bestand hatte und Großbritannien mit diesem Abschluss einen ersten Schritt aus der selbstgewählten bündnispolitischen Isolation herausgetreten ist. 134 schen Interessen im Fernen Osten war – Russland verlor dadurch seine Monopolstellung –, gingen bei Abschluss beide Seiten jedoch davon aus, dass sie sich nicht in einem Krieg mit Russland im Fernen Osten behaupten müssten, denn beide Seiten strebten eine Verhandlungslösung mit Russland an (Taylor 1980, S. 403). Russland reagierte auf diese neue Allianz mit dem Versuch, die Kontinentalliga mit dem Deutschen Kaiserreich und Frankreich, welche schon Mitte der 1890er Jahre geholfen hatte, Japan Einhalt zu gebieten, wiederzubeleben. Das Deutsche Reich lehnte diesen bündnispolitischen Vorstoß jedoch umgehend ab: Solange Frankreich nicht auf Elsass-Lothringen verzichten würde, könne man nicht ein Bündnis mit ihm schließen. Des Weiteren waren die Interessen des Deutschen Reichs im Fernen Osten nicht groß genug, als dass man dafür einen Krieg mit Großbritannien riskiert hätte. Die deutsche Reichsleitung bevorzugte es, auch gegenüber Russland die Politik der Freien Hand zu verfolgen, so wie man es seit 1898 schon mit Großbritannien hielt (Taylor 1980, S. 403). Für Frankreich war das russische Angebot durchaus verlockend und es gelang dem französischen Außenminister Delcassé, eine Einigung zu erzielen, die am 20. März 1902 veröffentlicht wurde und ankündigte, dass beide Parteien ein Protektorat in China errichten würden (Taylor 1980, S. 404). Diese Ankündigung brachte Frankreich in direkte Gegnerschaft zu Großbritannien und stellt die unmittelbare Vorgeschichte zur Entente Cordiale dar. Das Objekt der Aussöhnung, welches dann den Weg zum Abschluss der Entente Cordiale am 8. April 1904 ebnete, war Marokko. Beide Seiten hatten Interessen in und an Marokko, jedoch aus unterschiedlichen Beweggründen, die eine Einigung erleichterten95. Die offiziellen Verhandlungen begannen im Sommer 1903, die Initiative hierzu ging eindeutig von Frankreich aus (Charmley 1999, S. 306). Noch kurz vor Ende der Verhandlungen war Lord Lansdowne, der britische Außenminister, bereit, die Verhandlungen platzen zu lassen, weil man sich in der Frage der Fischereirechte vor Neufundland scheinbar nicht einigen konnte. Dies zeigt, welchen Stellenwert die britische Führung den Verhandlungen einräumte. Das Abkommen war für Großbritannien weder überlebenswichtig noch ein unabkömmlicher Teil seiner außenpolitischen Strategie. Da ein Bündnis mit Russland aber aufgrund des ausgebrochenen russisch-japanischen Krieges nicht mehr möglich war, kam die Entente Cordiale im Frühjahr 1904 zustande (Charmley 1999, S. 311). Das Abkommen regelte neben einigen kleineren kolonialen Fragen vor allem die bri- 95 Großbritannien wollte erreichen, dass die marokkanische Küstenlinie nicht mit Verteidigungsstellungen ausgebaut werde, die eine direkte Bedrohung für Gibraltar bedeutet hätten. Frankreich wollte durch die Übernahme Marokkos sein nordafrikanisches Kolonialreich vervollständigen (u. a. Taylor 1980, S. 404–405). 135 tische Vorherrschaft in Ägypten, die nun endgültig von den Franzosen anerkannt wurde, und die französische Vorherrschaft in Marokko, die langfristig etabliert werde sollte (Taylor 1980, S. 415). Am 3. Oktober 1904 einigte sich dann auch Frankreich mit Spanien über die Aufteilung Marokkos mit der Versicherung, dass deutsche Handelsinteressen dadurch nicht behindert würden (Taylor 1980, S. 421–422). Dennoch löste das Deutsche Reich durch die Landung des Deutschen Kaisers in Tanger am 31. März 1905 die erste Marokkokrise aus, die mit der Konferenz von Algeciras nur kurzfristig geschlichtet werden konnte96. Berlin scheiterte mit seinen Plänen, so die Entente zu schwächen und doch noch eine Kontinentalliga etablieren zu können. Die langsame Isolation des Kaiserreichs wurde offensichtlich – ein Umstand, der bis dahin von deutscher Perspektive aus immer Frankreich gegolten hatte, traf nun auf Deutschland selbst zu. Die nächste große Veränderung in der Ordnung Europas war die Annäherung und Aussöhnung Großbritanniens mit Russland nach dem verlustreichen russischjapanischen Krieg (Taylor 1980, S. 441). Nach der Niederlage gegen Japan war Russland stark geschwächt und fürchtete nun auch ein Bündnis zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich im Mittleren Osten. Um dem zuvorzukommen, versuchte die russische Führung, sich mit Großbritannien auszusöhnen und selbst ein Bündnis abzuschließen (Taylor 1980, S. 442). Ein Wechsel im russischen Außenministerium – Alexander Iswolsky löste Wladimir Lamsdorf ab – bedeutete auch insgesamt einen Richtungswechsel in der russischen Außenpolitik. Russland wandte sich nun – auch bedingt durch die Niederlage gegen Japan – von Asien ab und versuchte, seine Beziehungen zu den europäischen Mächten zu verbessern, um das verlorengegangene russische Prestige wiederbeleben zu können (Charmley 1999, S. 343). Das Abkommen, welches im August 1907 in St. Petersburg unterzeichnet wurde, bezog sich vor allem auf die Aufteilung Persiens zwischen Großbritannien und Russland. Russland sollte die nördlichen Gebiete bekommen, Großbritannien den Süden. In der Mitte wurde eine neutrale Zone eingerichtet. Des Weiteren löste man die seit langem schwelende Meerengenfrage, indem beide Mächte sich die freie Durchfahrt gewährten (Taylor 1980, S. 443). Mit dieser Entente war kein formales Bündnis geschlossen worden, sondern es ging um die Beseitigung von bestehenden Differenzen. Auch war nicht das primäre Ziel der Ausschluss des Deutschen Reichs, die russische Regierung informierte die deutsche Reichsleitung ausführlich über die Verhandlungen mit Großbritannien, damit keine Missverständnisse aufkommen sollten (Charmley 1999, S. 343). Der Vertrag 96 Eine detaillierte Darstellung der Marokkokrisen 1905/06 und 1911 findet sich in Kapitel 4.2. Dort wird ausführlich auf die Vorgeschichte, den Verlauf und die Auswirkungen auf die deutsche Weltpolitik und den deutschen Status eingegangen. 136 von St. Petersburg bildet dann auch die Grundlage für die Triple Entente zwischen Großbritannien, Frankreich und Russland. Frankreich und Russland waren durch die seit den 1890er Jahren abgeschlossenen Militärkonventionen bereits verbündet, durch die Entente Cordiale war Frankreich mit Großbritannien verbunden. Die Einigung zwischen Großbritannien und Russland verband die anderen beiden Abkommen zur Triple Entente und setzte den Schlussstein in der britischen Bündnispolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Abbildung 8: Ausgewählte Internationale Bündnisse 1814–1914 Vertrag Vertragsparteien Abschlussdatum Verlängerungen Absicht des Vertrages Quadrupelallianz Großbritannien, Preu- ßen, Österreich- Ungarn, Russland 1. März 1814 Kriegskoalition gegen Frankreich, ab 1818 Grundlage für Europäisches Konzert Heilige Allianz Preußen, Österreich- Ungarn, Russland, Frankreich (ab 1818) 26. September 1815 Brach im Krimkrieg endgültig auseinander Schutz der Ordnung vor bürgerlichen oder nationalstaatlichen Umwälzungen Drei-Kaiser- Abkommen Deutsches Kaiserreich, Österreich- Ungarn, Russland 22. Oktober 1873 Scheiterte in Balkankrise 1875-1878, weil Russland Aufständische im Osmanischen Reich unterstützte Eher lose Verbindung als formales Bündnis, Aufrechterhaltung des Friedens, Isolation Frankreichs Zweibund Deutsches Kaiserreich, Österreich- Ungarn 7. Oktober 1879 Bis in den Ersten Weltkrieg verlängert Defensivbündnis, militärische Beistandserklärung, Isolation Frankreichs Dreikaiservertrag Deutsches Kaiserreich, Österreich- Ungarn, Russland 18. Juni 1881 1887 fällige Verlängerung kam aufgrund der Balkankrise 1885/86 nicht mehr zustande Neutralitätsvertrag, Verhinderung eines Zweifrontenkrieges, Isolation Frankreichs Dreibund Deutsches Kaiserreich, Österreich- Ungarn, Italien, Bulgarien (ab 1883) 20. Mai 1882 Italien kündigte Vertrag 1915 Geheimes Defensivbündnis Geheimer Rückversicherungsvertrag Deutsches Kaiserreich, Russland 18. Juni 1887 1890 von deutscher Seite nicht verlängert Gegenseitige Neutralitätsverpflichtung, Anerkennung der russischen Position auf dem Balkan Russisch-französische Russland, Frankreich 27. Dezember Militärische Allianz ge- 137 Vertrag Vertragsparteien Abschlussdatum Verlängerungen Absicht des Vertrages Militärkonvention 1893 gen Deutsches Kaiserreich und andere Dreibundstaaten Britisch-japanische Allianz Großbritannien, Japan 30. Januar 1902 Offiziell aufgelöst 1923 Anerkennung der Positionen im Fernen Osten, Neutralitäts- und Beistandsvertrag Entente Cordiale Großbritannien, Frankreich 8. April 1904 Aufteilung der Einflussgebiete Großbritanniens und Frankreichs in Afrika Triple Entente Großbritannien, Frankreich, Russland 31. August 1907 Am 5. September 1914 durch den Pakt von London ersetzt und endgültig nach Oktoberrevolution in Russland 1917 aufgelöst Loses Defensivbündnis, Ergänzung der Entente Cordiale und der russisch-französischen Militärkonvention Quelle: Eigene Darstellung. Insgesamt lässt sich mit dieser Betrachtung zeigen, dass sich die internationale Ordnung seit dem Wiener Kongress 1814/15 deutlich verändert hat: „An die Stelle der ursprünglichen Qualität einer den Frieden fördernden politischen Balance des Systems war die mechanische Quantität eines für den Kriegsfall berechneten militärischen Gleichgewichts der Mächte getreten, für das Bündnispflege und nicht Konfliktvermeidung zur primären Aufgabe der Diplomatie avancierte“ (Hildebrand 1989, S. 83). Blieb die grundlegende Struktur und Funktionsweise – Großmächte als zentrale Akteure und Konferenzdiplomatie – auch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestehen, so änderte sich jedoch die Binnenstruktur gewaltig. Aus dem Europäischen Konzert in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, welches sich doch noch sehr an der Westfälischen Ordnung des 17. und 18. Jahrhunderts orientierte, entwickelte sich ein internationales System mit vielen unterschiedlichen Akteuren, die in einer an Komplexität immer stärker zunehmenden Umgebung die internationale Politik bestimmten. Aufgrund der immer stärker werdenden Nationalisierung wurden die Klein- und Mittelstaaten – auf dem Wiener Kongress noch als Verfügungsmasse der Großmächte konstruiert – zu eigenständigen Akteuren auf der internationalen Bühne. Durch den zunehmenden Internationalismus wuchs auch die Bedeutung und Zahl von internationalen Organisationen, die in vielen Teilbereichen Ordnung schufen, kodifizierten und sanktionierten. Die Rolle der Großmächte als Wahrer und Bewahrer des Friedens trat immer mehr in den Hintergrund und 138 neue Akteure übernahmen Teile dieser Aufgabe. Dadurch entstanden aber auch neue Konfliktmöglichkeiten, denn ein nicht zu Stande kommender Großmachtkonsens bedeutete nicht mehr automatisch den Zusammenbruch der Ordnung. Auch wenn das Konzertsystem bis 1914 Bestand hatte, entstanden durch diesen Multilateralisierungsprozess neue Möglichkeiten für Bündnisse; auch der Zerfall der fünf Großmächte in zwei sich gegenüberstehende Lager wurde dadurch begünstigt. 3.1.2 Großbritannien als Hegemon Die führende Rolle in dieser Ordnung nahm dabei Großbritannien ein. Das Britische Empire war besonders für das Deutsche Reich unter der Führung Kaiser Wilhelms II. der Fixpunkt für deutsche Statusambitionen: Die britische Position wünschte er sich auch für sein Reich (van Laak 2005, S. 96). Großbritannien ging aus den napoleonischen Kriegen als Hegemon hervor. Um diese Position zu wahren, hatte es ein großes Interesse an der Aufrechterhaltung der Balance of Power (u.a. Gade 1997, S. 14, 17; Hyam 2002, S. 16): „Friede durch Gleichgewicht in Europa war die wesentliche Voraussetzung für die eigene kommerzielle und koloniale Expansion; der Ausbau der Großmachtstellung in Europa war der erste Schritt auf dem Wege zur Weltmacht“ (Wende 2010, S. 86). Nach dem Sieg über Napoleon trat Großbritannien in ein „imperiales Jahrhundert“ ein und steuerte damit auf den Höhepunkt seiner Hegemonie zu (Hyam 2002, S. 1; Wende 2010, S. 88, 101). Der europäische Kontinent war nach der Niederschlagung Napoleons mit dem Wiederaufbau und der Neuordnung der politischen Verhältnisse befasst. Außer dem russischen Zarenreich in Zentralasien waren alle ehemaligen Gegner in kolonialen Fragen nun aber mit sich selbst beschäftigt. Diese relative koloniale Handlungsfreiheit, gepaart mit der führenden Position auf See, ermöglichte es Großbritannien, sich nun endgültig als hegemoniale Macht zu etablieren (Wende 2010, S. 83, 90; Hyam 2002, Kap. 1). Die Pax Britannica entwickelte sich schnell zur britischen Staatsdoktrin (Black 2010, S. 118; Hildebrand 1997, S. 27) und zusammen mit der Politik der Splendid isolation97 sicherte sie die Vormachtstellung – auch über den europäischen Kontinent hinaus (Gough 2014, S. 13): „Der Wunsch nach Friedenswahrung diente der Bewahrung einer internationalen Ordnung, die den spezifischen Interessen Großbritanniens entgegenkam. Denn diese Ordnung war eine Pax Britannica, weil sie Großbri- 97 Der Begriff scheint von Premierminister Salisbury geprägt worden zu sein. Er beschrieb damit die ungebundene, das heißt „bündnisfreie Stellung Großbritanniens mit einer eingehenden und überhöhenden Bezeichnung“ (Wipperfürth 2004, FN 3). 139 tannien eine unangefochtene Führungsrolle auf den Weltmeeren bescherte, bei gleichzeitiger Zähmung Frankreichs, seines weltpolitischen Rivalen, und gegenseitiger Blockierung der kontinentaleuropäischen Mächte in einem System des Gleichgewichts“ (Niedhart 1996, S. 103). Die Pax Britannica beschreibt die Führungsrolle Großbritanniens im internationalen System durch die Fähigkeit, Frieden durch britische Herrschaft zu etablieren (Hildebrand 1997, S. 27): „Pax was a system of force from which […] devolved the benefits of peace.“ (Gough 2014, S. 2, Hervorhebung im Original). Dabei ging es um eine „schöpferische[n] Status quo-Bewahrung“ durch friedlichen Wandel (Hildebrand 1997, S. 50). Einer dieser Vorteile des Friedens war der wirtschaftliche Gewinn, der durch den nun möglich gewordenen freien Handel für Großbritannien erzielt werden konnte98. Durch die Ausweitung des Empire auf über 40 Kolonien zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Inselreich auch in der Lage, die Pax Britannica auf den außereuropäischen Raum auszudehnen (Gough 2014, S. XXIX). Die Pax Britannica half dabei, die durch Krieg und Eroberung gewonnenen überseeischen Besitzungen zu sichern und zu erhalten, denn neben die militärische Überlegenheit traten nun diplomatische Bemühungen als zwei Seiten der außenpolitischen Medaille (Gough 2014, S. 3). Dazu etablierte sich auch die nun unangefochtene überlegene Position der Royal Navy (Gough 2014, S. 6; Bridge 1910, S. 63). Sie versetzte das britische Königreich erst in die Lage, die Pax Britannica als informelles Ordnungselement umzusetzen: „Throughout much of the nineteenth century, foreign expectations and fears about British power allowed Britain to get grudging unofficial recognition of the Pax Britannica, the doctrine of the Royal Navy keeping the peace of the seas for all to benefit, and thus underpinning the world order.” (Black 2010, S. 118). Insgesamt bildete die Pax Britannica die Basis für die britische Politik auf internationaler Ebene. Die geografische und wirtschaftliche Situation, die sich durch Seemacht und Geldmacht ausdrückte, ermöglichte es Großbritannien ein System zu schaffen, in dem die britischen Interessen bestmöglich umgesetzt werden konnten (Arthur Toynbee, zit. in Hildebrand 1997, S. 51). Durch die Seemacht konnte ein Gleichgewichtssystem auf dem Kontinent erhalten werden und der Rest der Welt war durch das Offenlassen des Handels zwar in der britischen Interessenssphäre, jedoch ohne großen Neid und damit Konfliktpotential an der Schwelle eines großen Krieges hervorzurufen (Hildeb- 98 Weitere „Errungenschaften“ der Pax Britannica waren humanitärer Fortschritt, der Versuch, Piraterie und Sklavenhandel abzuschaffen, die Verbreitung des Christentums und von Bildung (Gough 2014, S. 2). 140 rand 1997, S. 51). Die britische Führung gab sich jedoch der Illusion hin, dass sich diese Ordnung dauerhaft und weltweit verwirklichen ließe. Mit dem Aufstieg des Deutschen Reichs wurden „die liberale Prämisse von der Kongruenz des materiellen und moralischen Fortschritts in Frage“ gestellt und das Deutsche Reich entwickelte sich mehr und mehr zum gefährlichen Gegenspieler (Hildebrand 1997, S. 52). Bereits hier zeigen sich erste Ursprünge des britisch-deutschen Gegensatzes, der sich in den 1890er Jahren dann voll ausprägte (Hawes 2015, S. 5–7). Eine intellektuelle Durchdringung der Pax Britannica begleitete den praktischen Prozess der politischen Umsetzung gerade im 19. Jahrhundert. Die Pax Britannica wurde als Fortführung der Pax Romana gesehen99 und legitimierte so den britischen Führungsanspruch. Großbritannien fing an, sich als das neue Rom zu sehen, indem es seinen elitären Status an die klassische Antike anknüpfte. Dies wurde besonders in der Phase des Hochimperialismus deutlich; das Studium von Latein und Griechisch beispielswiese stieg zu seiner vollen Blüte auf und auch Anspielungen und Anleihen beim alten Rom fanden Eingang in das britische imperiale Denken (Gough 2014, S. 12). Britische Staatsmänner hatten größtenteils umfängliche Kenntnisse der klassischen Antike und nutzten dieses Wissen für die Gestaltung der aktuellen Politik (Hagerman 2013, S. Kap. 1). In dieser Phase wurde der Begriff Pax Britannica auch erstmals in der Presse verwendet (Owen 1878, S. 517). Hier zeigt sich das Selbstverständnis Großbritanniens als Nachfolger des römischen Imperiums und daraus abgeleitet wurde die hegemoniale Position des Inselreichs – sowohl praktisch als auch intellektuell. Durch diese historische Aufladung der eigenen Position war eine Statusanerkennung – wenn auch nur als gleichberechtige Macht – für die britische Führung und Öffentlichkeit nur schwer möglich. Die Einzigartigkeit des britischen Führungsanspruchs delegitimierte die Ansprüche anderer Nationen grundlegend. Diese hegemoniale Position machte Großbritannien im 19. Jahrhundert zu einer Weltmacht. Als ein wesentliches Merkmal für den Weltmachtstatus galt im Zeitalter des Imperialismus „das Ausgreifen einer Macht nach Übersee“ (Schöllgen 1989, S. 82). Dieses Ausgreifen musste allerdings aus einer bereits bestehenden Position als Großmacht geschehen, sowie bewusst und willentlich formuliert werden – aus diesem Grund zählen zum Beispiel die Niederlande oder auch Spanien trotz ihres beträchtlichen Kolonialbesitzes nicht zu den Weltmächten im Zeitalter des Imperialismus (Schöllgen 1989, S. 82; Gollwitzer 1982, S. 19). Daraus ergeben sich die zwei zentralen Konstrukti- 99 Die Pax Britannica unterschied sich in ihrer Ausgestaltung jedoch deutlich von der Pax Romana. Die Pax Britannica war kein festgefügtes Regiment, welches allgegenwärtig und überall vertreten war, ganz im Gegensatz zum römisches Herrschaftsanspruch (Hildebrand 1997, S. 27). 141 onsmerkmale eines Weltmachtstatus im Zeitalter des Imperialismus: Eine Flotte, die in der Lage ist, das Ausgreifen nach Übersee zu ermöglichen und abzusichern sowie ein Kolonialreich100, welches als Grundlage für den Anspruch auf einen Weltmachtstatus dient. Beide Merkmale wurden von Großbritannien erfüllt: Die Royal Navy sicherte die britischen überseeischen Besitzungen und den britischen Welthandel seit Beginn der Neuzeit und das britische Empire, welches bereits seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert Bestand hatte, bildete den Grundstein für den britischen Weltmachtanspruch (Black 2010, S. 104–105, 111; Gough 2014, S. 6). Um diesen Anspruch dauerhaft aufrechterhalten zu können, verfolgte das britische Königreich eine Strategie, die vor allem dazu diente, die eigene Führungsposition auf dem Weltmarkt zu sichern. Vor dem Wiener Kongress führte Großbritannien zu diesem Zweck Kriege – vor allem gegen Frankreich –; nach dem Wiener Kongress drückte sich diese Strategie vermehrt durch eine Friedenspolitik aus (Wende 2010, S. 88). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog sich Großbritannien zunehmend aus den Verbindungen mit den Kontinentalmächten zurück, um den eigenen weltpolitischen Handlungsspielraum nicht länger einzuschränken. Diese Politik „implizierte aber keinerlei automatische Bündnisverpflichtungen, so dass London stets frei war, ausschließlich zur Wahrung seiner eigenen Interessen notfalls den Ort und Zeitpunkt militärischer Intervention selbst zu bestimmen“ (Wende 2010, S. 89–90). Neben diese Politik der Splendid isolation trat der Anspruch zu verhindern, dass eine kontinentale Hegemonialmacht in die Lage versetzt werden könnte, den britischen Weltmachtanspruch bedrohen zu können. Dies wird besonders durch die britische Flottenpolitik am Ende des 19. Jahrhunderts deutlich. Der 1889 verabschiedete Naval Defence Act läutete diese neue Phase ein, indem der Two-Power-Standard101 für die Royal Navy festgeschrieben wurde (Sumida 1993, S. 14). Die zentrale Bedeutung der Flotte für den Weltmachtanspruch wurde im Zeitalter des Imperialismus dabei von allen beteiligten Akteuren anerkannt: 100 Der Erwerb von Kolonien wurde zu einem der wirkmächtigsten Statussymbole des Zeitalters des Imperialismus. Entscheidend war nicht unbedingt die Lage oder der Wert dieser Kolonien, sondern allein die Demonstration, dass man Kolonien erwerben kann, symbolisierte den Statusanspruch der Zeit (Ullrich 2007, S. 193–195). 101 Der Two-Power-Standard legte fest, dass die Royal Navy mindestens so stark sein sollte wie die zwei nächstgrößten Schlachtflotten zusammen (Sumida 1993, S. 14). Faktisch wurde dies nie erreicht, aber als Rechtfertigung für maritime Rüstungsprogramme gerade im Hinblick auf die schnell wachsende deutsche Kriegsmarine wurde der Two-Power-Standard gerne angebracht. Endgültig aufgegeben wurde er nach dem Ersten Weltkrieg auf der Washingtoner Flottenkonferenz 1922 (Treaty Between the United States of America, the British Empire, France, Italy, and Japan 1938). 142 „In an age when might was more than ever the basis of international relations, a navy able to hold the command of the sea against rival power was essential for securing colonies and spheres of influence.” (Marder 1938, S. 252). Ein führender Autor, der von britischen und vor allem deutschen Entscheidungsträgern gern zitiert wurde, um den eigenen Weltmachtanspruch zu legitimieren, war der amerikanische Marineoffizier Alfred Thayer Mahan (Marder 1938, S. 242). In seinem Werk „Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte“ (1974)102 entwirft Mahan ein Bild von Weltmacht, das sich voll auf die Überlegenheit der Seemacht gegenüber einer hegemonialen Landmacht konzentriert. Dies leitet er aus der Geschichte der Seefahrt ab und verweist auf sechs allgemeine Bedingungen, die die Seegeltung eines Staates weitestgehend determinieren: „1. die geographische Lage, 2. die physikalische Beschaffenheit einschließlich der hiermit zusammenhängenden Produktion und des Klimas, 3. die Ausdehnung des Machtbereichs, 4. die Bevölkerungszahl, 5. der Volkscharakter, 6. der Charakter der Regierung einschließlich der nationalen Einrichtungen.“ (Mahan 1974, S. 28). Seine Ideen waren dabei nicht neu, aber er traf mit seinem Werk den Nerv der Zeit und so wurden seine Überlegungen attraktiv und relevant für die strategische Flottenplanung in vielen europäischen Ländern (Kennedy 1976, S. 5). Die Royal Navy galt als der Schild, welches das Empire verteidigte: „Britannia rules the waves!“ war seit dem 18. Jahrhundert das Axiom für den britischen Führungsanspruch. Ihre bloße Existenz reichte im Zusammenspiel mit anderen Faktoren aus, um die weltumspannende Pax Britannica auch im 19. Jahrhundert – mit Ausnahme des Krimkriegs – zu schützen (Hildebrand 1997, S. 45). Der Historiker John Campell äußerte sich bereits 1742 in diese Richtung: „The great figure we make in the world, and the wide extent of out power and influence, is due to our naval strength, to which we stand indebted for our flourishing plantations, the spread of British fame and, what is of far greater consequence, British freedom, through every quarter of the universe.” (zitiert in Gough 2014, S. XXIX). Der Naval Defence Act sollte diese Überlegenheit zur See für Großbritannien dauerhaft sichern und er markiert gleichzeitig einen Wandel in der britischen 102 Das Original wurde 1890 veröffentlicht. In dieser Arbeit wird die deutsche Übersetzung zitiert, die 1974 erschienen ist. 143 Marinedoktrin103. Das Gesetz diente dabei zwei Zwecken: Es stellte erstens eine erhebliche Flottenvergrößerung dar und zweitens sollte es zu finanzieller Entlastung bei der Marinerüstung führen, denn die bislang jährliche Finanzierung des Kriegsschiffbaus sollte auf eine fünfjährige Bewilligungsperiode ausgebaut werden. Beide Zwecke sollten dabei einen abschreckenden Charakter auf andere Staaten ausüben, weil die Royal Navy dann so gut aufgestellt sein würde, dass andere Staaten mit der britischen Rüstung nicht mehr Schritt halten könnten (Sumida 1993, S. 15). Genau das Gegenteil trat jedoch ein. Nicht nur Frankreich und Russland, die schärfsten Konkurrenten zur See Anfang der 1890er Jahre, rüsteten schneller als Großbritannien auf, auch bis dato eher kleinere Seemächte wie die USA oder das Deutsche Reich legten in den 1890er Jahren Schiffbauprogramme auf, die die britischen überstiegen – anstelle einer abschreckenden Wirkung löste der Naval Defence Act ein Wettrüsten aus (Sumida 1993, S. 16). Als Reaktion darauf folgte das Spencer- Programm im März 1894, welches einen erneuten deutlichen Ausbau der Royal Navy vorsah, um den Two-Power-Standard aufrechterhalten zu können (Sumida 1993, S. 16). Für die britischen Verfechter der Marine und der Vormacht zur See war die Royal Navy eine rein defensive Waffe: „[W]hile the navies of England´s imperialist rivals were regarded as luxury fleets, unnecessary for purposes of defense and so intended only for aggression – against England, of course. Any increase in these fleets was looked upon as an aggressive act.” (Marder 1938, S. 252). Anlässlich des diamantenen Thronjubiläums von Queen Victoria im Juni 1897 versammelte sich die Royal Navy vor der britischen Küste, um ihrer Majestät zu gratulieren. Gleichzeitig demonstrierte sie damit auch ihren stolzen Herrschaftsanspruch und wollte die internationalen Beobachter beeindrucken. Der Artikel in der Times am 25. Juni 1897 fasste die Funktion und das Symbol Flotte prägnant zusammen: „The fleet […] is certainly the most formidable force in all its elements and qualities that has ever been brought together, and such as no combination of other powers can rival. It is at once the most powerful and far- 103 Nach dem Sieg über Napoleon und besonders in den 1830er und 1840er Jahren wurde das Marinebudget kontinuierlich heruntergefahren, vor allem, weil es keinen ernsthaften Konkurrenten mehr gab, der das britische Empire zur See hätte bedrohen können (Black 2010, S. 118). Relativ zu den anderen Kriegsmarinen verkleinerte sich die Royal Navy (Hildebrand 1997, S. 45). Maritime Überlegenheit konnte sehr kostengünstig gesichert werden. In der Folgezeit sicherte die Royal Navy das Empire vor allem durch Kanonenbootdiplomatie und die Möglichkeit, dampfgetriebene Stahlschiffe günstiger als alle anderen produzieren zu können. Erst als in Europa und den USA wieder ernsthafte Konkurrenz zur See aufkam, reagierte das Flottenkommando (Hyam 2002, S. 17–20). 144 reaching weapon which the world has ever seen.” (zitiert in Kennedy 1972, S. 178) Hier zeigt sich bereits das Selbstverständnis der Royal Navy und auch der britischen Führung: Großbritannien ist der Hegemon und will keinen Zweifel wecken, dass es diese Position teilen oder gar abgeben möchte. Auch der Versuch der Liberal Unionists unter Führung von Kolonialminister Joseph Chamberlain, die Verteidigung des Empire durch eine stärkere Koordination und Kooperation der verschiedenen Seestreitkräfte zu verbessern104, kann als Reaktion auf die schwindende Vormachtstellung zur See gegen Ende des 19. Jahrhunderts gedeutet werden. Die Rüstungsanstrengungen der anderen Großmächte hatten 1897 dazu geführt, dass Großbritannien weniger Schlachtschiffe zur Verfügung hatte als die anderen Großmächte zusammen. Die britische Admiralität reagierte darauf mit einem neuen strategischen Konzept: In Anlehnung an Mahans Überlegungen konzentrierte sie die Royal Navy nun so in den Heimatgewässern, dass sie in der Lage war, einen europäischen Kontrahenten entscheidend zu schlagen und so die Vormacht zur See zu sichern (Wende 2008, S. 216). Der zweite Eckpfeiler des britischen Weltmachtanspruchs war das Kolonialimperium. Bereits seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert betrieb die britische Krone eine aktive, aber nicht immer koordinierte und zielgerichtete Kolonialpolitik in Übersee105 (Wende 2008, S. 37; Gough 2014, S. 10). Das zweite britische Empire, welches sich vor allem durch die Kolonisation Indiens und des Pazifikraumes ausdrückte, erreichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt (Wende 2008, S. 125). Es galten immer noch die drei Säulen des Empire – Kolonien, Handel und Seemacht –, jedoch verschoben sich die Gewichtungen im Laufe der Zeit. Der merkantile Charakter des ersten Empire trat immer mehr in den Hintergrund und „nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien [verfolgte Großbritannien, L. J.] nun erst recht eine imperiale Politik mit entsprechenden weltumspannenden Zielsetzungen“ (Wende 2008, S. 126). Nachdem durch den Sieg in der Schlacht bei Trafalgar 104 Chamberlains Vorschlag bedeutete auch, dass die Dominions zur Finanzierung der Royal Navy herangezogen werden müssten. Damit stieß er aber auf deutlichen Widerstand, denn die Dominions waren nicht bereit „auch nur ein Iota der errungenen politischen Unabhängigkeit auf dem Altar einer gemeinsamen Strategie zu opfern.“ (Wende 2008, S. 216). 105 Das Augenmerk richtete sich vor allem auf die Besiedelung Amerikas und die Inbesitznahme kleinerer Karibikinseln. Hinzu kam die Gründung der Ostindien-Kompanie, um Handel mit Asien treiben zu können. Diese Phase des britischen Imperialismus gilt als das erste britische Weltreich. Es überdauerte bis zum Verlust der dreizehn amerikanischen Kolonien durch den Unabhängigkeitskrieg Ende des 18. Jahrhunderts (Wende 2008, S. 103). In dieser Phase etablierte sich auch der Begriff des Empire als ein Ausdruck von kolonialem Besitz, Handel und Seemacht (Wende 2008, S. 101). 145 1805 die Vorherrschaft zur See offenkundig und unbestritten war und Napoleon im weiteren Verlauf auch in Europa geschlagen war, baute Großbritannien das Netz aus maritimen Stützpunkten aus, um die vorherrschende Position langfristig zu sichern (Wende 2008, S. 126). Flankiert wurde diese Politik durch technische Innovationen und Investitionen in die Royal Navy. Großbritannien sicherte so den formulierten Weltmachtanspruch durch eine immer stärkere Verzahnung der Flottenpolitik und der Kolonien – respektive des Empire. Die Vorherrschaft zur See wurde spätestens seit den 1890er Jahren dann auch zur unabdingbaren Voraussetzung für die britische Hegemonie und war das oberste Ziel, welches es zu schützen und zu bewahren galt. Die Royal Navy war das Herzstück des Empire und der tragfähige Pfeiler der britischen Weltmacht: „The British Empire floats on the British Navy.“ (Admiral John Fisher, zitiert in Hyam 2002, S. 15). Sowohl die Öffentlichkeit als auch die britische Führung waren sich der zentralen Bedeutung der Royal Navy für die Sicherheit des Mutterlandes und des Empire bewusst (Chamberlain 1988, S. 9). Mit den verstärkten maritimen Rüstungsanstrengungen der anderen europäischen Großmächte und vor allem durch die schnelle Ausbreitung der Eisenbahn und der beginnenden Nutzung des Luftraums nahm jedoch der Vorteil einer Seemacht gegenüber einer Landmacht – so wie er noch von Mahan beschrieben wurde – immer weiter ab; der Schwerpunkt drohte sich wieder in Richtung der Landmächte zu verschieben: „Britain´s naval mastery from Trafalgar to the eve of the First World War was not a myth but it was a unique and unrepeatable phase in British history, not, as the Victorians so often assumed, the natural order of things.“ (Chamberlain 1988, S. 10). Dieser „relativ decline“106 – das Gefühl, den lange konsolidierten Vorsprung zu verlieren – nagte am hegemonialen Selbstbewusstsein Großbritanniens und führte zu einer Neupositionierung und „Neudefinition des englischen Verhältnisses zum Kontinent“ sowie zu einem „Überdenken der Gleichgewichtsstrategie“ (Gade 1997, S. 44; Rose 2011, S. 27; Wipperfürth 2004, S. 134). Der verlustreiche Burenkrieg und der relative Verfall der britischen Machtposition drückten sich auch in einer Verunsicherung und Skepsis gegenüber 106 Die britische Gesellschaft durchlebte um die Jahrhundertwende eine Umbruchphase. Das Bedrohungsgefühl durch die anderen europäischen Großmächte nahm auf allen Ebenen zu und wurde durch innenpolitische Probleme, ausgelöst durch den Burenkrieg, noch weiter verstärkt. Die Black Week im Dezember 1899, der Tod von Queen Victoria im Januar 1901 und der Rücktritt von Premierminister Salisbury im Juli 1902 vermittelten das Gefühl, dass die „imperiale Selbstverständlichkeit der britischen Nation buchstäblich zu Grabe getragen“ wurde (Rose 2011, S. 27). 146 dem Deutschen Kaiserreich aus – die scheinbare deutsche Effizienz und der wirtschaftliche Erfolg ließen den Glauben an eigene Fähigkeiten schwinden (Angelow 2010, S. 46–47; Kennedy 1980, S. 465). Die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit sollte dennoch weiterhin gewahrt werden. Es sollte nun nicht mehr die Aufrechterhaltung der Balance of Power durch Großbritannien als Zünglein an der Waage betrieben werden – und damit die Aufrechterhaltung der Politik der Splendid Isolation –, sondern die britische Führung versuchte, durch bilaterale Verträge und Abkommen das Empire und die Vormachtstellung in Europa zu sichern (Gade 1997, S. 45–46; Wipperfürth 2004, S. 135). Dies deutet darauf hin, dass Großbritannien nicht bereit war, seinen hegemonialen Anspruch zu teilen oder gar aufzugeben. Die deutschen Anerkennungswünsche bestärkten vielmehr den eigenen Führungsanspruch und so nutzte Großbritannien gerade das Mittel der Nichtanerkennung (siehe Kap. 2.3.5) als Instrument, die eigene Vorherrschaft trotz schleichendem Machtverlust aufrechtzuerhalten. Diese Neuorientierung und Neuausrichtung der britischen Politik gelang, weil der subjektiv empfundene Kraft- und Machtverlust sich nur relativ ausdrückte, denn objektiv betrachtet war Großbritannien auch nach der Jahrhundertwende eine Großmacht ersten Ranges. Die geopolitische Lage, der Einfluss im Banken- und Finanzsektor und die enorme Wirtschaftskraft sind nur ausgewählte Indikatoren hierfür (Rose 2011, S. 29). Die neue politische Führungselite wollte jedoch aus diesem subjektiven Unsicherheitsgefühl und einem Selbstbehauptungsdrang heraus den scheinbar drohenden Niedergang abwenden. Das junge Deutsche Kaiserreich wurde von ihr als ein Emporkömmling und zukünftiger Feind wahrgenommen, dem es zu begegnen galt (Mulligan 2008, S. 273). Am schnellen Wachstum des Kaiserreichs zeigte sich scheinbar der unvermeidliche Niedergang des Empire, gleichzeitig wurde es aber auch als ethnischer Bruder gesehen. Aus diesen beiden Strängen wurde das Deutsche Reich zum Rivalen und potentiellen Erben des Weltmachtanspruchs konstruiert (Rose 2011, S. 34; Angelow 2010, S. 48–50). Frankreich und Russland, die kolonialen Erzfeinde der letzten Jahrhunderte, dagegen wurden eher als potentielle Partner wahrgenommen. Daraus entwickelte sich ein „Gefühl unbedingten Handelns und präventiver Prestigesicherung auf der Suche nach einer neuen außenpolitischen Strategie“ (Rose 2011, S. 32). Diese Faktoren führten zusammengenommen zur Aufgabe der klassischen britischen Politik der Isolation und läuteten die Ära der bilateralen Absprachen und Ententen ein. 3.1.3 Das Deutsche Reich als Aufsteiger Im Gegensatz zu Großbritannien – das seine Position unbedingt wahren wollte – strebte das Deutsche Reich nach einer Aufwertung der eigenen Position 147 und versuchte den Sprung von einer auf dem Kontinent anerkannten Großmacht zu einer international anerkannten Weltmacht. Die Ausgangslage dafür war nach der Reichsgründung 1871 durchaus gegeben. Das wirtschaftliche Wachstum überflügelte das Wachstum aller anderen europäischen Mächte und auch der Wunsch nach überseeischen Kolonien wuchs seit den 1880er Jahren stark an. Doch unter Otto von Bismarck als Reichskanzler und Kaiser Wilhelm I. als Monarch verstand sich das Deutsche Reich als „saturierte Großmacht im Herzen Europas“ (Gall 2001, S. 503). Es gab weder den aktiven Wunsch, Weltpolitik zu betreiben, noch konkrete Schritte, die ein außereuropäisches Sendungsbewusstsein zur Grundlage hatten107. Dies änderte sich grundlegend mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelm II. im Sommer 1888 und der Entlassung Otto von Bismarcks im März 1890. Die Karikatur „Dropping the Pilot“ (Tenniel 1890) verdeutlicht diesen einschneidenden Wandel (Abbildung 9). 107 Der Kolonialerwerb ab der Mitte der 1880er Jahre wurde von Bismarck nur widerwillig betrieben. Er beugte sich hier dem Druck der Interessenverbände und der geschaffenen Tatsachen – Lüderitz hatte im späteren Deutsch-Südwestafrika ein Protektorat einfach ausgerufen (van Laak 2005, S. 66). Ein aktiv formulierter Wille, nun als Weltmacht zu fungieren, lässt sich in der Regierungszeit Bismarcks noch nicht erkennen, vielmehr betrieb Bismarck Kolonialpolitik aus innenpolitischen Erwägungen heraus, die sich mit günstiger außenpolitischer Situation paarten. Der Drang nach Weltmacht setzte erst in den 1890er Jahren unter der Führung Wilhelm II. ein (van Laak 2005, S. 66). 148 Abbildung 9: "Dropping the Pilot" Quelle: Karikatur von Sir John Tenniel, zuerst veröffentlicht im britischen Magazin Punsh am 29. März 1890. Der große alte Mann der deutschen Politik – der Mann, der das Deutsche Reich durch die Einigungskriege ermöglicht und durch die Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles vollendet hatte – geht von Bord und der junge, ja fast noch jugendhaft wirkende Wilhelm II. steht an Deck und schaut ihm ohne Wehmut nach. Bismarck symbolisiert das alte, traditionsbewusste und umsichtige „Establishment“ und der junge Kaiser zeigt mit seiner reichhaltig dekorierten Uniform, dem Tragen der Krone und der recht lässigen Körperhaltung an, dass eine neue politische Phase anbricht und dass sich das Kaiserreich unter seiner Führung zu neuem weltpolitischen Glanz emporheben will. Doch welche Umstände bewegten Kaiser Wilhelm II. zur Führungsfigur des deutschen Weltmachtanspruchs zu werden? Welche Entwicklung hatte das Deutsche Reich seit seiner Gründung im Januar 1871 genommen, um in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre aktiv den Willen zu bekunden, eine Weltmacht zu sein und damit den Wunsch zu verbinden, besonders von Großbritannien als eine solche anerkannt zu werden? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung, die den Grundstein für überseeische Expansion und Rüstungspolitik legte (Kennedy 1980, S. 465). Das Deutsche Reich be- 149 fand sich seit seiner Gründung in einer Phase des Wandels. Es entwickelte sich vom Agrar- zum Industriestaat, es fand eine Fundamentalpolitisierung statt, durch Bismarcks Sozialgesetzgebung wurde ein Interventions- und Wohlfahrtsstaat etabliert, die moderne Industriegesellschaft setzte sich durch und insgesamt kam es zum Durchbruch der Moderne auch in der (Massen-) Kultur (Frie 2004, S. 1). Diese Wandlungsprozesse trafen auch auf die anderen europäischen Großmächte zu, jedoch war keine der anderen Großmächte so jung wie das Deutsche Reich, das in der Rechtsnachfolge Preußens 1871 auch dessen Großmachtstatus übernommen hatte. Dazu äußerte sich bereits Heinrich von Treitschke in seiner fünfbändigen Geschichte des 19. Jahrhunderts: „Die deutsche Nation ist trotz ihrer alten Geschichte das jüngste unter den Völkern Westeuropas. […] Sie schuf sich vor einem Jahrtausend das stolzeste Königtum der Germanen und musste acht Jahrhunderte nachher den Bau ihres Staates auf völlig verändertem Boden von neuem beginnen, um erst in unseren Tagen als geeinte Macht wieder einzutreten in die Reihe der Völker.“ (zitiert in Frie 2004, S. 1). Dieser Wandel bescherte dem Deutschen Kaiserreich jedoch ein rasantes wirtschaftliches Wachstum und ermöglichte es, dass man innerhalb von wenigen Jahrzehnten die etablierten Mächte in Europa einholen und überholen konnte und sich so eine Basis schaffte, die die Weltpolitik ab Mitte der 1890er Jahre erst ermöglichte108 (van Laak 2005, S. 49): „As the world evolved toward an outward-thrusting aggressive mercantilism, competition inevitably became fierce […] Darwinian ideas inevitably came to permeate the general perspectives of businessmen, politicians, and the general public. […] To say that the Germans were uniquely aggressive in such a context is perhaps only to say that they were unusually successful.“ (Calleo 1995, S. 72–73). Das deutsche Verhalten in Bezug auf das Handelsgebaren und die wirtschaftliche Durchdringung der Welt unterschied sich somit nicht von dem der anderen Mächte. Dem Deutschen Reich gelang es jedoch, diesen Prozess beson- 108 Dieser Aufstieg war bemerkenswert und in Europa auch einzigartig (Torp 2005, S. 16, 60). Im weltweiten Vergleich jedoch relativiert sich die Situation. Insgesamt lässt sich ein rasant wachsender Weltmarkt beobachten und von diesem allgemeinen Wachstum profitierte das Deutsche Reich in besonderem Maße (Torp 2005, S. 29, 60; Burhop 2011, S. 49–51). Allein die deutsche wirtschaftliche Entwicklung reicht somit nicht aus, um daraus einen Sonderstatus oder eine besondere Bedrohung für die anderen Mächte und insbesondere für Großbritannien abzuleiten. Hierfür bedarf es der Betrachtung der Wahrnehmungsebene, die besonders im Bereich der wirtschaftlichen Konkurrenz deutlich von den objektiven Wirtschaftsleistungen und den daraus resultierenden Entwicklungen abweicht. 150 ders gut zu den eigenen Gunsten zu nutzen und so in kurzer Zeit die lang etablierten Wirtschaftsmächte einzuholen oder gar abzulösen (Schwarze 2013, S. 163). Das politische Streben nach der Anerkennung des Weltmachtstatus wurde vom „Griff nach der industriellen Weltmacht“ begleitet (Burhop 2011, S. 216). Das Deutsche Reich war 1871 hinter den USA und Großbritannien und knapp vor Frankreich die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde, ab 1908 hatte man Großbritannien überholt und bekleidete nun hinter den USA Platz zwei (Abbildung 10). Abbildung 10: Entwicklung des BIP 1871–1913 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Madison (2015). Begleitet wurde dieses Wirtschaftswachstum durch einen Bevölkerungsanstieg von ca. 40 Millionen Einwohnern (1871) auf knapp 67 Millionen Einwohner (1913). Damit bewegte sich das Deutsche Reich im allgemeinen Trend der Großmächte (Abbildung 11). Der Bevölkerungszuwachs im Deutschen Kaiserreich ergab sich aus einem durchschnittlichen Bevölkerungswachstum von ca. 1,2 Prozent und einer deutlich gesteigerten Lebenserwartung, begünstigt durch einen starken Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit (Burhop 2011, S. 17). Die immer stärker voranschreitende Industrialisierung führte dazu, dass neben diesem absoluten Bevölkerungsanstieg Wanderungsbewegungen innerhalb der Grenzen des Kaiserreichs stattfanden, die die relative Verteilung der Einwohner massiv verschoben. Die größten Wanderungsbewegungen gab es aus den Ostgebieten in das Rheinland, nach Westfalen und Berlin. Insgesamt lässt sich ein deutlicher Trend zur Urbanisierung feststellen (Burhop 2011, S. 17–18). 0 100.000 200.000 300.000 400.000 500.000 600.000 in M ill io ne n 19 90 in t. G ea ry --K ha m is D ol la r Deutsches Reich Großbritannien USA Frankreich 151 Abbildung 11: Bevölkerungswachstum Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Madison (2015). Die Daten zeigen, dass sowohl die deutsche Wirtschaft als auch die Gesellschaft ein deutliches Wachstum verzeichnen konnten, welches sich auch in einem steigenden Pro-Kopf-Einkommen ausdrückte. Damit bewegte sich das Deutsche Reich aber in einem allgemeinen Trend eines lang andauernden und beispiellosen Wachstums der Weltwirtschaft insgesamt109 (Torp 2005, S. 28– 29). Das bedeutet aber auch, dass diese Zahlen allein das Deutsche Reich nicht zu einem aufsteigenden Staat mit weltpolitischen Ambitionen machen. Denn weiterhin (mindestens bis 1908) sicherte die wirtschaftliche Spitzenposition Großbritanniens die Weltmachtstellung (Hildebrand 1997, S. 47). Die Besonderheiten des deutschen Aufstiegs werden erst ersichtlich, wenn man sich den Export, die Entwicklung, Produktion und den Verbrauch von Schlüsseltechnologien und Energieträgern sowie die Staatsausgaben in einigen Bereichen – vor allem der Rüstung – anschaut. Besonders die Exportzahlen zeigen den Unterschied zwischen dem Deutschen Kaiserreich und den anderen Nationen (Abbildung 12). Der deutsche Export wuchs schneller als der Weltexport, damit holte das Kaiserreich mit großen Schritten auf. Ab der Jahrhundertwende gingen die Exportzahlen der anderen Mächte kontinuierlich zurück, nur das Deutsche Reich konnte wei- 109 Begleitet wurde dieser Trend im Deutschen Kaiserreich durch einen immer ineffizienter werdenden Agrarsektor, der ein noch rascheres Wachstum bremste (Burhop 2011, S. 56, 216). Effizienzsteigerungen und Teilautomatisierungen in der Landwirtschaft führten dazu, dass es einen Überschuss an Landarbeitern gab, was wiederum die Urbanisierung beförderte. Überdies verhinderten die hohen Agrarzölle eine Anpassung des Agrarsektors auf ein realistisches Niveau (Burhop 2011, S. 56). Mehr zu der Sonderstellung des Agrarsektors und der Agrarier in Kapitel 3.2. 0 20.000 40.000 60.000 80.000 100.000 120.000 B ev öl ke ru ng in T au se nd Deutsches Reich Großbritannien USA Frankreich 152 terhin seine Exportzahlen steigern: Seit 1895 erreichte man im Schnitt Exportzuwachsraten von 6,8 Prozent (Torp 2005, S. 60). In den 1870er Jahren startete das Deutsche Reich als viertgrößte Exportnation hinter Großbritannien, Frankreich und den USA seine internationale Aufholjagd. In den 1880er Jahren wurde Frankreich überholt und bis zum Ersten Weltkrieg näherte man sich immer stärker dem Zweitplatzierten – den USA – an (Burhop 2011, S. 102). Dieser Aufschwung im Export, der selbst das Wachstum der Gesamtwirtschaft überstieg, zeigt die Dynamik der deutschen Wirtschaft und das enorme Potential, welches seit der Reichsgründung stetig ausgebaut wurde. Abbildung 12: Anteile am Weltexport 1874–1913 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Lewis (1981, S. 53-59, Tab. 3). Das Deutsche Reich entwickelte sich vor dem Ersten Weltkrieg zu dem Industrieexporteur schlechthin. Die Ausfuhr von Nahrungs- und Genussmitteln nahm rapide ab, dafür stieg der Export von Industrieprodukten110 von einem schon sehr hohen Niveau 1880 (63,1 Prozent) noch einmal deutlich auf 74,4 Prozent in 1913 an (Torp 2005, S. 91–93). Der Großteil der exportierten Waren verblieb dabei in Europa. Nach Afrika und Asien wurde insgesamt nur so viel exportiert wie in die Niederlande und auch die deutschen Kolonien machten nur 0,5 Prozent (1913) der deutschen Ausfuhren aus (Torp 2005, 110 Besonders eindrücklich wird dieser Zuwachs, wenn man die Steigerungen der einzelnen Industriegüter näher betrachtet. Der Exportwert der Eisen- und Stahlindustrie nahm um 433 Prozent zu, die Chemische Industrie verzeichnet ein Wachstum von 293 Prozent und der Maschinenbau, die Elektrotechnik und der Fahrzeugbau können zusammen eine Steigerung von 1.249 Prozent verbuchen. Begleitet werden diese enormen Wachstumszahlen durch einen rapiden Rückgang der Textilexporte ab 1890. Hier zeigt sich also eine deutliche Schwerpunktverschiebung hin zu modernen Industrieexporten und damit setzte sich das Deutsche Reich an die Spitze eines internationalen Trends (Torp 2005, S. 94). 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 1874/78 1879/83 1884/88 1889/93 1894/98 1899/1903 1903/08 1909/13 in P ro ze nt Deutsches Reich Großbritannien USA Frankreich 153 S. 78). In dem Maße, wie das Deutsche Reich seine Exportzahlen steigern konnte, verzeichnete Großbritannien relative Verluste, diese Entwicklung fand jedoch bei einer Verdoppelung der absoluten Exportzahlen statt (Berghoff 1999, S. 83). Das starke Aufholen und Wachsen des Kaiserreichs gerade im Vergleich zu Großbritannien ist jedoch nicht überraschend, startete man doch von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau und wuchs dank der rasch voranschreitenden nachholenden Industrialisierung stärker als die anderen Nationen im Vergleich (Berghoff 1999, S. 83). In Großbritannien wurde diese Entwicklung mit Argwohn beobachtet, schien es doch so, als ob Großbritannien nun in einen erbitterten Kampf um begrenzte Marktchancen eintreten musste, um die relativen Verluste ausgleichen zu können. Dieser Eindruck entstand vor allem dadurch, dass beide Volkswirtschaften sich sehr ähnlich waren: Beide Nationen mussten Rohstoffe und Nahrungsmittel importieren111 und Industrieprodukte exportieren112, um weiter wachsen zu können. Außerdem produzierten beide Volkswirtschaften sehr ähnliche Güter (Berghoff 1999, S. 84). Beide Nationen versuchten deshalb sich vor der jeweils anderen zu schützen. Das Deutsche Reich verfolgte eine protektionistische Wirtschaftspolitik und schloss den Markt in vielen Bereichen für britische Waren, konnte aber weiterhin nahezu ungehindert nach Großbritannien exportieren. Dennoch sanken die Exportzahlen nach Großbritannien. Der Höhepunkt war 1893 mit 21,7 Prozent erreicht, ab der Jahrhundertwende sanken die Zahlen stetig auf nur noch ca. 14 Prozent im Jahre 1913 (Torp 2005, S. 79, Tab.7). Großbritannien dagegen versuchte vor allem die deutsche Produktpiraterie einzudämmen und erließ 1887 den ‚Merchandise Marks Act‘, der eine Kennzeichnungspflicht für ausländische Güter vorschrieb. Mit dem Label ‚Made in Germany‘ sollten minderwertige Kopien kenntlich gemacht werden und der britischen Bevölkerung helfen, sich für einheimische Waren zu entscheiden (Schwarze 2013, S. 170). Die deutsche Wirtschaft passte sich jedoch schnell an: Es gelang ihr bald, bessere Produkte zu niedrigeren Preisen anbieten zu können und das als Brandmarkung gedachte Label entwickelte sich zu einem 111 Das Deutsche Reich steigerte vor allem den Import von Rohstoffen vor dem Ersten Weltkrieg gewaltig: „Am Vorabend des Weltkriegs wurden knapp fünfmal soviele Rohstoffe importiert wie 1880.“ (Torp 2005, S. 85). Die Einfuhr von Nahrungsmitteln blieb mit ca. 25 Prozent relativ konstant, die Einfuhr von Genussmitteln ging leicht zurück, auch der Import von Halb- und Fertigwaren blieb in Relation zu den anderen Importgütern relativ konstant (Torp 2005, S. 85). 112 Besonders an der Exportstruktur zeigen sich die Unterschiede zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien. Während das Deutsche Reich sich vor dem Ersten Weltkrieg auf eine moderne Exportstruktur umstellte und besonders den Textilexport auf unter 20 Prozent drastisch senken konnte, betrug der Anteil der Textilbranche am Gesamtexport in Großbritannien immer noch mehr als 50 Prozent (Torp 2005, S. 95; Lewis 1978, S. 128–129). 154 Gütesiegel, das den deutschen Export nur noch beförderte (Berghoff 1999, S. 84–85). Insgesamt lässt sich beobachten, dass es nur in Teilbereichen zu einem echten Verdrängungswettbewerb kam. Großbritannien konnte schnell ausweichen, fand es doch für den Absatzmarktverlust in Europa schnell Ersatz innerhalb des Empire (Berghoff 1999, S. 86). Trotz dieses teilweisen Verdrängungswettbewerbs blieb das Deutsche Reich der Hauptabnehmer für britische Waren auf dem europäischen Kontinent und es war einer der Hauptlieferanten für Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte. Diese engen Verflechtungen veränderten sich im Zuge der Globalisierung. Verloren landwirtschaftliche Produkte als Exportgüter bis 1890 stetig an Bedeutung, so nahm der Austausch von Industrieprodukten stetig zu (Berghoff 1999, S. 87– 88). Auch verzeichneten beide Länder bis 1914 ein sehr hohes Wachstum im Vergleich zu den anderen europäischen Mächten (Abbildung 10), die Annäherung und der deutsche Überholvorgang 1908 fanden bei einem langfristig steigenden Niveau statt (Berghoff 1999, S. 87). Hinzu kam, dass durch eine sich herausbildende Arbeitsteilung durch führende Positionen in verschiedenen Bereichen – das Deutsche Reich war Vorreiter im Maschinenbau, in der Stahlproduktion und in wissenschaftsintensiven Zukunftsindustrien wie der Elektroindustrie und der organischen Chemie, Großbritannien führte bei der Produktion von Textilien, im Schiffbau und im Kohlebergbau (van Laak 2005, S. 49) – ein echter Handelsneid objektiv nicht auftreten konnte. Dies zeigt sich auch durch die unterschiedlichen Absatzmärkte. Während Großbritannien überwiegend ins Empire lieferte, wurden deutsche Produkte hauptsächlich auf dem Kontinent abgesetzt. Großbritannien und Deutschland waren dabei gegenseitig die europäisch wichtigsten Handelspartner (Bruck 1962, S. 118): „[D]ie Ausrichtung beider Handelsstrukturen entsprach ziemlich genau der ökonomischen Logik einer zusammenwachsenden Welt und stellte für beide Länder einen großen Vorteil dar, wogegen die in der politischen Diskussion aufgebauschte direkte Konkurrenz und das daraus abgeleitete gegenseitige Bedrohungspotential gering ausfielen.“ (Berghoff 1999, S. 90). Subjektiv fielen die Bewertung und Reaktionen auf die wirtschaftliche Entwicklung beider Länder jedoch anders aus. In Großbritannien gab es immer wieder Massenstimmungen gegen den Aufschwung des potentiellen Rivalen vom Kontinent: „Völlig irrationale Panikschübe, in denen die deutsche Konkurrenz zum universalen Sündenbock für Wachstumsstockungen im eigenen Land ge- 155 macht wurde, traten in der weltweiten Stagnation der 1880er Jahre, in der Rezession der späten 1890er und in den Jahren bis 1905 auf, als eine kurze Wirtschaftskrise mit dem eskalierenden Flottenwettlauf zusammentraf.“ (Berghoff 1999, S. 94). Diese Wellen der Hysterie ebbten jedoch genauso schnell ab wie sie entstanden waren. Dennoch blieben die gegenseitigen Vorwürfe und Unterstellungen an der Tagesordnung. Die deutsche Seite betitelte Großbritannien vorzugsweise als Volk von Krämerseelen – allen voran die Professoren Werner Sombart und Friedrich Meinecke – und wurde im Gegenzug von britischer Seite häufig als unverbesserliche Militaristen und „barbarische Hunnen“ bezeichnet (Berghoff 1999, S. 95). Diese subjektiven, negativen Assoziationen sind auf ein relatives Bedrohungsgefühl zurückzuführen. Gerade in Großbritannien schürten der rasche Aufstieg des Deutschen Reichs und die Überholvorgänge in zentralen wirtschaftlichen Bereichen Verlustängste und ein Gefühl der Bedrängung der eigenen Weltmachtposition113 (Kennedy 1980, S. 465). Die Öffentlichkeit im Deutschen Kaiserreich dagegen hatte das Gefühl, dass der wirtschaftliche Erfolg sich nicht in ausreichendem Maße in der politischen Arena niederschlug, hier herrschte die Hoffnung vor, dass die Machtverteilung im internationalen System sich der neuen ökonomischen Realität anpassen würde (Mommsen 1994, S. 113). Diese neue ökonomische Realität zeigt sich besonders im Bereich der Eisen- und Stahlproduktion: Der deutsche Aufschwung in diesem Wirtschaftszweig war beispiellos. Die Abbildung 13 verdeutlicht dies und steht exemplarisch auch für andere Technologie- und Rohstoffverarbeitungsbereiche. 113 Dieses Gefühl ging so weit, dass das „Board of Education“ einen Bericht für die Admiralität verfasste, der davon berichtete, dass in deutschen Schulen gelehrt würde, anglophob zu sein: „There is not in the schools anything which could be called propaganda, but there is an atmosphere of marked ill will towards England. This doubtless has a penetrating influence, as there are many opportunities for its insinuation.” (zitiert in Seligmann 2008, S. 245). 156 Abbildung 13: Eisen- und Stahlproduktion 1880–1913 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten des Correlates of War Project (2010). Hier zeigt sich, dass das Deutsche Reich ein stetiges Wachstum verzeichnen konnte und es innerhalb von gut 30 Jahren seine Produktionskapazitäten bei der Roheisengewinnung von 2,4 Millionen Tonnen (1880) auf 14,7 Millionen Tonnen (1914) ausgeweitet hat, welches gleichbedeutend mit einem Zuwachs von durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr ist. Großbritannien dagegen verzeichnete in diesem Zeitraum einen Zuwachs von lediglich 3 Millionen Tonnen. Ähnlich sieht es bei der Stahlproduktion aus. Während die deutsche Industrie ihre Kapazitäten um mehr als 11 Millionen Tonnen Stahl ausweiten konnte, erreichte Großbritannien nur einen Zuwachs von ca. 3 Millionen Tonnen im selben Zeitraum. Diese enormen Produktivitätssteigerungen im Deutschen Kaiserreich sind vor allem auf eine massive Kapazitätsausweitung in den Gründerjahren und eine Abschaffung der Importzölle für Roheisen zurückzuführen (Burhop 2011, S. 59–60; Allen 1979, S. 928). Hinzu kam, dass Eisen und Stahl im Deutschen Kaiserreich günstiger hergestellt werden konnten als in Großbritannien, weil man seit den 1890er Jahren kostengünstigere Erze zur Herstellung heranzog, die Lohnkosten deutlich niedriger waren als in Großbritannien und der technische Fortschritt im Deutschen Kaiserreich schneller voranschritt als auf der Insel (Allen 1979, S. 930–931). In diesen beiden eng verknüpften Bereichen gelang dem Deutschen Kaiserreich ein beispielloser Überholvorgang auf dem europäischen Kontinent. Doch dies waren nicht die einzigen Bereiche, in denen massiv aufgeholt wurde. Auch in der Kohleförderung gelang es dem Deutschen Kaiserreich bis 1913, auf ein ähnliches Förderniveau wie Großbritannien zu kommen. Dies 0 5000 10000 15000 20000 25000 30000 35000 in M ill io ne n To nn en Deutsches Reich Großbritannien USA 157 bedeutete eine Verdoppelung der Fördermengen innerhalb von 20 Jahren (Berghoff 1999, S. 84). Das Deutsche Reich stieg während der Herrschaft Wilhelms II. zu einer ökonomischen Macht ersten Ranges auf: Die industrielle Entwicklung in dieser Phase suchte ihresgleichen. Dem Kaiserreich war es gelungen, Großbritannien als Hauptproduzent von Eisen und Stahl in Europa abzulösen; es bekleidete nun die zweite Position hinter den USA (Bruck 1962, S. 110). Neben diese dynamische wirtschaftliche Entwicklung trat eine stetig wachsende Staatsverschuldung, denn durch den steigenden Wohlstand durch Wirtschaftswachstum stiegen auch die Ausgaben des Reichs, vor allem auf dem Rüstungssektor und beim Finanzbedarf der immer weiter wachsenden Städte im Zuge der Industrialisierung (Henning 1993, S. 264–265). Der größte Posten bei den Staatsausgaben des Reichs bildete die Finanzierung von Heer und Marine, die zwischen 70 und 75 Prozent der gesamten staatlichen Mittel verbrauchte (Henning 1993, S. 267). Damit war das Kaiserreich jedoch nicht allein, auch die anderen europäischen Mächte nutzten einen erheblichen Teil ihrer Staatsfinanzen zu Rüstungszwecken (Henning 1993, S. 268). Vergleicht man allein die Ausgaben Großbritanniens und des Deutschen Kaiserreichs seit dem Ende der 1880er Jahre, lässt sich erkennen, dass bis 1898 beide Länder ähnlich viele Mittel zur Finanzierung ihres Militärs aufwandten (Abbildung 14). Die britische Ausgabenspitze 1900/1901 erklärt sich durch den Krieg in Südafrika, danach sanken die Ausgaben wieder in Richtung des Niveaus des Deutschen Kaiserreichs. Das maritime Wettrüsten der beiden Mächte ab 1906 drückt sich durch ein insgesamt steigendes Ausgabeniveau aus, es löste jedoch keine eindeutige Ausgabenspitze aus. Die Grafik zeigt den Versatz der Ausgabenerhöhung im Zuge des maritimen Wettrüstens in den beiden Ländern: Das Deutsche Reich steigerte seine Ausgaben zwischen 1904 und 1908 kontinuierlich, Großbritannien reagierte erst ab 1908 mit steigenden Ausgaben auf das deutsche maritime Rüstungsprogramm. Erst ab 1911 wandte das Deutsche Reich wieder deutlich mehr Mittel für militärische Zwecke auf als Großbritannien: Die deutlichen Heeresvermehrungen ließen das Militärbudget bis zum Ersten Weltkrieg deutlich ansteigen. 158 Abbildung 14: Militärausgaben 1888–1913 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Dates des Correlates of War Project (2010). Interessant ist, dass das maritime Wettrüsten keine Kostenexplosion auslöste, obwohl die Flottengröße zum Teil nahezu verdoppelt wurde114. Außerdem war in beiden Ländern die finanzielle Belastung durch das Wettrüsten ein häufiger Kritikpunkt; in beiden Ländern fanden sich Stimmen, die in diesem bis dato beispiellosen Kampf um neue Waffentechnologien und Flottengrö- ßen auch einen Kampf um die wirtschaftliche Vorherrschaft sahen (Ullrich 2007, S. 193). Berücksichtigt man neben den absoluten Ausgaben auch noch die jeweilige Bevölkerungsgröße, ergibt sich, dass das Deutsche Reich gemeinsam mit Frankreich die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für militärische Zwecke tätigte (Abbildung 15). Auch hier lässt sich für 1912/13 die deutsche Heeresvermehrung an den Zahlen ablesen. Großbritannien lag deutlich hinter Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich, jedoch bildeten diese drei Mächte einen Block mit enorm kostenintensiven Militärs, gerade im Vergleich zu Russland. 114 Eine ausführliche Darstellung des maritimen Wettrüstens findet sich in Kapitel 4.1. 0 20000 40000 60000 80000 100000 120000 140000 in b rit . P fu nd Deutsches Reich Großbritannien 159 Abbildung 15: Militärische Ausgaben pro Kopf 1912/13 Land Pro-Kopf- Ausgaben Frankreich 67,04 Mark Deutsches Reich 62,95 Mark Großbritannien 54,38 Mark Italien 33,24 Mark Russland 20,81 Mark Quelle: Henning, Friedrich-Wilhelm (1993): Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. 8., durchgesehene und ergänzte Aufl. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh (UTB, 145), S. 268. In enger Beziehung zu den deutschen Exporten und Staatsausgaben standen auch der Kolonialerwerb und der damit verbundene Wirtschaftsimperialismus (Henning 1993, S. 260). Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik unter Bismarck – der sich bis in die Mitte der 1880er Jahre weigerte, Kolonien zu erwerben, weil er erhebliches Konfliktpotential mit den anderen europäischen Großmächten sah (Fröhlich 1994, S. 21) – drückten sich vor allem durch die Konsolidierung der bereits vorhandenen Handelsstationen im außereuropäischen Raum aus. In den 1890er Jahren setzte sich dann immer mehr das Statusargument durch: Wer Großmacht mit weltpolitischen Ansprüchen sein wollte, benötigte Kolonien als Beweis seines Status (van Laak 2005, S. 9; Henning 1993, S. 260–261). Hinzu traten noch vordergründig wirtschaftliche Motive. Insbesondere ist hier die These des Sozialimperialismus von Hans Ulrich Wehler zu nennen: Die Milderung von sozialen Spannungen im Innern durch Ablenken nach außen (Wehler 1988). Auch das Argument, den wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln und industriellen Rohstoffen durch eigene Kolonien zu decken und damit unabhängiger von anderen Nationen zu werden, findet sich in der Debatte besonders bei der Definition von Kriegszielen ab 1914 wieder (Förster 2000, S. 220; Henning 1993, S. 261). Eng verknüpft mit diesem Argument ist die Überlegung, die eigenen Kolonien als Absatzmärkte zur Verfügung zu haben. Dies funktionierte jedoch nur in geringem Maße, waren die relativ wenig entwickelten Gebiete doch nicht geeignet hochentwickelte Industrieprodukte in gleichem Maße abzunehmen wie die industrialisierten Handelspartner auf dem Kontinent (Henning 1993, S. 261). Als letztes Argument wurde angeführt, dass der ansteigende Auswandererstrom in den 1870er und 1880er Jahren durch eigenen Kolonialerwerb gesteuert werden könne, um das Deutschtum zu erhalten (Fröhlich 1994, S. 18; Henning 1993, S. 261). 160 Betrachtet man die tatsächliche Entwicklung des deutschen Kolonialreichs, fällt jedoch auf, dass keines dieser Motive wirklich durch Kolonialerwerb erreicht wurde. Gemessen an seiner Größe und Bevölkerungszahl war das deutsche Kolonialreich eher klein (Abbildung 16). Abbildung 16: Relation Kolonialgebiete – Mutterland 1913 (Mutterland = 1) Land Bevölkerung Fläche Großbritannien 9,50 140,0 Niederlande 4,90 61,0 Portugal 1,36 23,0 Belgien 1,14 79,0 Frankreich 1,13 23,0 Russland 0,58 3,2 Deutsches Reich 0,15 5,6 USA 0,13 0,3 Quelle: Henning (1993, S. 262). Das Deutsche Reich rangierte abgeschlagen an siebter Position und konnte weder gemessen an der Bevölkerungszahl noch an der flächenmäßigen Ausdehnung mit den anderen europäischen Kolonialmächten mithalten (Schwarze 2013, S. 163). Dies verdeutlicht bereits, dass die Idee, Kolonien als Rohstofflieferanten und Sammelbecken für deutsche Auswanderer zu nutzen, nicht in großem Maße zum Tragen kam. Auch der Wunsch, die Kolonien als Absatzmärkte für deutsche Waren zu erschließen, blieb unerfüllt. Im Durchschnitt gingen weniger als zwei Prozent des deutschen Exports in die Kolonien. Großbritannien dagegen exportierte ca. 20 Prozent und importierte rund 10 Prozent und auch Frankreich exportierte mindestens 10 Prozent in das eigene Kolonialreich (Henning 1993, S. 261). Die Sozialimperialismusthese greift ebenfalls zu kurz, denn vor allem die ab 1895/96 einsetzende Phase der Hochkonjunktur führte zu einer Abschwächung der sozialen Frage durch eine Reallohnerhöhung von 25 bis 30 Prozent (Henning 1993, S. 263). Die teils scharfe imperialistische Rhetorik der deutschen Kolonialpolitik deckte sich nicht mit der tatsächlich verfolgten Politik. Es ging vielmehr darum, den eigenen Besitzstand zu wahren und die imperialistische Expansion der anderen Mächte zu hemmen (Mommsen 1995, S. 320–321). Dennoch führte die deutsche Kolonialpolitik zu einer Verschärfung des Konfliktpotentials in Europa – ganz so wie Bismarck es vorhergesagt hatte. Besonders die unstete und hastige deutsche Politik des Überall-beteiligt-sein-Wollens führte zu einer deutli- 161 chen Verschärfung der deutsch-britischen Beziehungen (Hildebrand 1982, 323; Kennedy 1980, S. 317; Jaschob 2012b, S. 19). Ähnlich wie bei Großbritannien zeigen sich auch beim Deutschen Kaiserreich die beiden Säulen eines Weltmachtanspruchs im Zeitalter des Imperialismus: Flottenrüstung und der Wunsch nach einem überseeischen Empire. Das Deutsche Reich versuchte vor allem seit den 1890er Jahren in beiden Bereichen an die britische Position heranzukommen und die gewünschte Weltmachtposition – die Gleichrangigkeit mit Großbritannien – anerkannt zu bekommen: „Es gibt für uns kein Stillstehen oder Innehalten, keinen selbst nur vorübergehenden Verzicht auf Ausdehnung unserer Lebenssphäre, sondern wir haben nur die Wahl zwischen dem Zurücksinken auf die Stufe der Territorialvölker oder der Erkämpfung eines Platzes an der Seite der Angelsachsen.“ (Rohrbach 1912, S. 8). Jedoch blieb gerade die deutsche Kolonialpolitik hinter den Erwartungen zurück. Die vom Deutschen Kaiserreich besessenen Kolonialgebiete waren gerade einmal gut fünfmal so groß wie das Mutterland selbst – Großbritanniens Empire war 140-mal so groß wie die Heimatinsel (Abbildung 16). Hinzu kam, dass das Kaiserreich den Großteil seiner kolonialen Besitzungen vor der Phase des aktiven Weltmachtwunsches erworben hatte (Schwarze 2013, S. 158). Der Malus der ‚Zu spät gekommenen Nation‘ machte sich hier besonders bemerkbar: Nahezu alle Gebiete waren bereits verteilt und dem Deutschen Kaiserreich blieben vielfach nur die Krümel, die die anderen imperialen Mächte übrig ließen (Fröhlich 1994, S. 8). Dem versuchte die deutsche Führung durch eine Politik des Überall-dabei-sein-Wollens zu begegnen, um den Weltmachtanspruch dadurch zu legitimieren, dass ohne deutsche Beteiligung keine wesentlichen Entscheidungen auf diesem Gebiet getroffen werden konnten (Mai 2014, S. 314; Kennedy 1980, S. 276). Die deutsche Politik handelte dabei völlig dem Zeitgeist entsprechend: „This was how powerful nations – expanding economies, prosperous societies, dynamic cultures, strategically dominant Great Powers – had to develop to avoid sinking into stagnation, poverty, decadence, and marginality. The terms of success under the competitive world system required such a logic.” (Eley 2014, S. 28). Bei der Flottenpolitik war das Deutsche Reich erfolgreicher; es gelang innerhalb kurzer Zeit, eine Schlachtflotte zu bauen, die es durchaus mit anderen Seemächten – wenn auch nicht sofort mit der britischen Royal Navy – hätte aufnehmen können. In der Flotte wurde ein maßgebliches Instrument zur Sicherung des eigenen Aufstiegs und der zukünftigen Ansprüche gesehen: 162 „The German Empire has participated in the policy of expansion out of Europe – at first modestly, of late with growing decision. The enormous increase of its industrial production and its trade compelled it to take measures for the extension and the security of its over-sea interests. In the course of a single generation Germany, as an industrial and mercantile State, has worked its way into the second position in Europe; to-day England alone is ahead of it, yet by no great distance, and the distance decreases every year. The necessity of protecting this position by a strong naval force has during recent decades become a dominant factor in the political thought of the nation.” (Friedrich Paulsen, zitiert nach Dawson 1908, S. 348). Zu diesem Zweck wurde ab Ende der 1890er Jahre eine systematische Flottenpolitik verfolgt, die einen enormen Ausbau der Flotte vorsah und mittelfristig das Deutsche Reich zu einer Seemacht ersten Ranges machen sollte. Diese Politik war sehr kostspielig und forderte immer wieder große Anstrengungen, um die Finanzierung durch den Reichstag zu sichern. Aber im Vergleich mit den anderen Großmächten war dies kein finanziell hervorstechendes Rüstungsprogramm (Abbildungen 14 und 15). Um es mit den Worten Kaiser Wilhelm II. zusammenzufassen: „Imperial power denotes sea power, and Imperial power and sea power are complementary; they cannot exist without the other.” (Kaiser Wilhlem II. am 13.12.1897, zitiert in Dawson 1908, S. 349). Die oben ausgewerteten Daten stellen nur einen kleinen Ausschnitt der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Deutschen Reichs dar. Sie zeigen aber, dass das Kaiserreich in vielen Bereichen ein Aufsteiger war und Großbritannien in einigen Bereichen auch überholen konnte. Jedoch ist der Aufstieg des Deutschen Reichs in die Position einer Weltmacht allein aus diesen Zahlen nicht abzulesen. Gerade im Bereich der Kolonialentwicklung kam es nicht maßgeblich über den aktiv formulierten Wunsch nach einem Weltreich hinaus. Auch im Bereich der Rüstungsausgaben ist die Entwicklung des Deutschen Reichs im Vergleich zu den anderen europäischen Großmächten nicht singulär – und das trotz des Flottenwettrüstens mit Großbritannien ab spätestens 1906 (siehe Kap. 4.1.2). Des Weiteren sind auch die Wachstums- und Exportzahlen des Deutschen Reichs zwar eindrucksvoll, aber diese Entwicklung fand auf einem insgesamt wachsenden Markt statt, welches die absoluten Zahlen relativiert. Gegenüber den direkten Konkurrenten – vor allem Großbritannien und Frankreich – gewann das Deutsche Reich jedoch deutlich an Boden und konnte so seinen Anspruch auf einen Weltmachtstatus zumindest relativ mit dem generierten eigenen Wachstum begründen (van Laak 2005, S. 49). Besonders die Verknüpfung von Wirtschaft, 163 Heer und Marine sowie dem Weltmachtanspruch wird dabei gerne von Zeitgenossen als relevant betrachtet: „To-day, when Germany is the equal, economic-ally, of England and the U.S.A., and is compelled to take up an attitude towards all questions of world-politics in the interest of her industry, the naval policy of modern industrial States may indeed be severely condemned, but it cannot be expected of one´s own country that it shall take up an exceptional position which might be fatal; as matters are to-day the prestige of a State abroad depends on its readiness for war both on sea and land.” (R. Calwer, zitiert nach Dawson 1908, S. 352–353). Hier zeigen sich nicht nur Zeichen der zunehmenden Globalisierung und Industrialisierung sondern besonders auch die Bedeutung von Wirtschaftspolitik und wirtschaftlichen Leistungen auf die Außen- und Rüstungspolitik eines Staates (Schwarze 2013, S. 159). Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung trug maßgeblich dazu bei, dass die politische Führung des Deutschen Reichs – allen voran der Kaiser – ab Mitte der 1890er Jahre aktiv einen Weltmachtanspruch für das Reich eingefordert hat: „Dieser Fortschritt war wesentlich mitverantwortlich für den unvergleichlichen Anstieg des Selbstbewusstseins der Nation. Das Deutsche Kaiserreich war im Begriff, aus dem Großmachtstatus herauszuwachsen und in den exklusiven Klub der Weltmächte einzuziehen.“ (Neitzel 2001, S. 77). Besonders bedeutsam ist dabei, dass es vor allem die subjektive Wahrnehmung der eigenen Leistung und der Leistungen anderer war, die die Politik und das politische Handeln beeinflusst haben. Objektiv betrachtet reichten die Leistungen des Kaiserreichs, gerade im Bereich der Kolonien und der Rüstungsanstrengungen, relativ zu den anderen Mächten nicht aus, um daraus einen eindeutigen Weltmachtanspruch ableiten zu können. Es war vielmehr die subjektive Wahrnehmung der scheinbar endlos zunehmenden eigenen Stärke, gepaart mit den zeitgenössischen Strömungen des Imperialismus, die half, den Weltmachtanspruch für das Deutsche Reich als natürlichen Lauf der Dinge und logische Konsequenz der eigenen Entwicklung zu betrachten (Kennedy 1980, S. 209; Nipperdey 1993Kap. IV. 5.). Der Vorrang subjektiver Wahrnehmungen vor objektiven, nüchternen Bewertungen der eigenen Position im Vergleich zu anderen zeigt sich auch bei Großbritannien. Das Gefühl des relativen Abstiegs führte dazu, dass das deutsche Wachstum als direkte Bedrohung der eigenen Position gesehen wurde – im Gegensatz zu dem viel eindrucksvolleren und für Großbritannien bedrohlicheren Aufstieg der USA zur führenden Wirtschaftsnation der Welt (Schwarze 2013, S. 159; Kennedy 1980, S. 465). Das deutsche Wachstum 164 dagegen führte nur in wenigen Bereichen zu echter, harter Konkurrenz und existentiellen Bedrohungen. Der gegenseitige Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich sicherte auf beiden Seiten einen großen Teil der Handelsbilanzen ab und auch der Kampf um Absatzmärkte fand auf verschiedenen Ebenen statt. Großbritannien hatte nachwievor die Möglichkeit, große Mengen der eigene Waren und Güter in das eigene Empire zu liefern und von dort die benötigten Rohstoffe zu importieren. Eine Konkurrenz durch das Deutsche Reich auf diesem Gebiet bestand objektiv gesehen nicht. Dennoch herrschte in Großbritannien das Gefühl vor, dass das Deutsche Reich ein unangemessener Emporkömmling sei, der direkt die britische Hegemonie bedrohe (Rose 2011, S. 34). Die in diesem Kapitel dargestellte wirtschaftliche Entwicklung stellt eine Säule des Statusmismatches zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Großbritannien dar (Abbildung 17). Das Deutsche Reich sah sich aufgrund seiner Entwicklung als Großmacht mit legitimem Weltmachtanspruch, Großbritannien jedoch – der relevante Akteur, von dem man diesen Status anerkannt bekommen wollte – bewertete den deutschen Anspruch als unrechtmäßig und unverhältnismäßig (Steiner 1994, S. 53). Die unterschiedliche Bewertung der beiden Akteure kam durch die sich stark unterscheidende subjektive Wahrnehmung zustande: Großbritannien sah das Kaiserreich als reale Bedrohung für die eigene Position an und im Deutschen Kaiserreich herrschte die Auffassung vor, dass Großbritannien den eigenen Aufstieg mutwillig verhindern wolle und aus rein egoistischen Gründen die deutsche Weltmachtposition verneine. Abbildung 17: Statusmismatch Deutsches Kaiserreich – Großbritannien Quelle: Eigene Darstellung. Bereits Mitte der 1890er Jahre wurde die deutsche Entwicklung in Großbritannien mit großem Misstrauen beobachtet. So erschienen beispielsweise in der renommierten Saturday Review eine Reihe von Artikeln, die sich mit dem Umgang mit dem wirtschaftlichen Rivalen auseinandersetzten und unter dem Schlagwort „Germania est delenda“ bekannt wurden: „Vor allem gilt doch, daß wir Engländer bisher stets gegen unsere Wettbewerber in Handel und Verkehr Kriege geführt haben. Und unser Großbritannien Großbritannien Deutsches Reich Deutsches Reich Sichtweise des anerkennenden Akteurs Sichtweise des Statusaspiranten 165 Hauptbewerber in Handel und Verkehr ist heute nicht länger Frankreich, sondern Deutschland. Bei einem Kriege mit Deutschland kämen wir in die Lage, viel zu gewinnen und nichts zu verlieren.“ (Artikel vom 24.08.1895, zitiert in Wellems 1995, S. 20). Am 1. Februar 1896 legte das Blatt nach: „Unter den europäischen Völkern sind sich die Deutschen und die Engländer am ähnlichsten. […] Überall auf der Welt, bei jedem Unternehmen, im Handel, in der Industrie, bei sämtlichen Anlagen in der weiten Welt stoßen Engländer und Deutsche aufeinander. Die Deutschen sind ein wachsendes Volk, ihre Wohnsitze liegen über die Reichsgrenzen hinaus. Deutschland muß neuen Raum gewinnen oder bei dem Versuche untergehen […] Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, es gäbe kein englisches Geschäft, noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht wüchse. […] Hier also wird der erste große Artenkampf der Zukunft sichtbar; hier sind zwei wachsende Nationen, die aufeinander drücken rund um die Erde. Einer von beiden muß das Feld räumen, und einer von beiden wird das Feld räumen. […] Macht Euch fertig zum Kampf gegen Deutschland.“ (zitiert in Schwarze 2013, S. 170–171). Diese beiden Ausschnitte – aus einem Blatt des britischen Establishments, welches vor allem von britischen Politikern gestützt wurde – verdeutlichen zum einen die sozialdarwinistische Grundhaltung der Autoren, zum anderen aber auch die Einstellung, dass ein weiteres Aufstreben des Deutschen Reichs nicht geduldet werde und die deutschen Statusansprüche somit nicht anerkannt werden können. Die britische Sichtweise des Statusmismatches wird hier besonders deutlich. Die deutsche Entwicklung wird als Bedrohung wahrgenommen, der im Zweifel auch mit militärischen Mitteln begegnet werden müsse. Bezeichnenderweise hat sich diese Grundhaltung in Großbritannien bereits vor dem Eintritt Deutschlands in die Weltpolitik und dem damit verbundenen Flottenprogramm etabliert115. 3.2 Das Deutsche Reich und sein Statusanspruch von 1871 bis Juli 1914 In diesem Teil der Arbeit wird der Statusanspruch des Kaiserreichs herausgearbeitet. Es wird gezeigt, welchen Nutzen die Einführung des Begriffs Status 115 Paul Kennedy verweist in seinem Werk The Rise of the Anglo-German Antagonism auf die lange währende neutrale Einstellung Großbritanniens gegenüber dem Emporkömmling, die sich erst in den 1890er Jahren sichtbar änderte (Kennedy 1980, 218). Andere Historiker dagegen verweisen darauf, dass beispielsweise der Tirpitz-Plan nicht erst die deutsch-britische Feindschaft etablierte, sondern diese bewusst ausnutzte, um Politik gegeneinander zu betreiben (Clark 2013, S. 147; Hawes 2015, S. 3). 166 für die Erforschung von Macht- und Herrschaftsbeziehungen in der internationalen Politik hat. Nachdem in Kapitel 3.1.3 bereits die rasante wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reichs dargestellt wurde und ich zeigen konnte, dass dieser Aufschwung nur zum Teil den Wunsch nach Weltmacht erklärt, wird in diesem Abschnitt die politische Entwicklung des Deutschen Reichs seit seiner Gründung 1871 dargestellt. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass politische und gesellschaftliche Wandlungen – teils durch externe, internationale Einflüsse und teils durch innenpolitische Prozesse – dazu führten, dass sich im Deutschen Kaiserreich die Wahrnehmung durchsetzen konnte, einen legitimen Anspruch auf eine Weltmachtposition neben Großbritannien zu haben und sich somit ein Statusanspruch herausbildete. „Wir sollen Weltpolitik treiben. Wenn ich nur wüßte, was das sein soll; zunächst doch nur ein Schlagwort.“ (Graf Waldersee am 13. Juli 1900, zitiert in Afflerbach 2002, S. 390). Dieser Ausspruch des Grafen Waldersee, der 1900 zum Generalfeldmarschall ernannt wurde, signalisiert deutlich den deutschen Weltmachtanspruch. Gleichzeitig verweist er aber auch auf die leere Hülle, die der Begriff Weltpolitik war. Diese Hülle wurde im Laufe der Zeit von den politischen Führungspersönlichkeiten im Kaiserreich unterschiedlich gefüllt, ständig angepasst und verschieden bewertet. Der nun folgende Überblick über den für diese Arbeit relevanten Forschungszeitraum stellt den deutschen Statusanspruch in seiner Entstehung, Entwicklung und Radikalisierung dar. Daran anschließend werden zwei Politikfelder – die Flotten- und Außenpolitik – näher beleuchtet, um die Statusstrategien des Deutschen Reichs aufzuzeigen und zu analysieren. Das Deutsche Reich, gegründet 1871 nach den drei Einigungskriegen, befand sich seit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. 1888 und der Entlassung Bismarcks 1890 in einer Umbruchphase. Sowohl innen- als auch außenpolitisch versuchte es, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Ein enormes wirtschaftliches Wachstum, die rasch voranschreitende Industrialisierung und der immer weiter ausgreifende Imperialismus führten zu einem gestärkten deutschen Selbstbewusstsein und dem Wunsch, international als Weltmacht anerkannt zu werden (Bülow 1897, S. 165–166). Der seit dem Wiener Kongress 1814/15 gesicherte Großmachtstatus reichte nicht mehr aus, um dem wachsenden deutschen Geltungsbewusstsein Rechnung zu tragen (Schulz 2009a, 2009b). Mit Wilhelm II. an der Spitze strebte das Deutsche Reich danach, durch verschiedene politische Initiativen als Weltmacht, vor allem von Großbritannien, anerkannt zu werden: „[H]inter der harmlos scheinenden Formel von der „Gleichberechtigung“ verbarg sich der ehrgeizige „Wille zur Weltgeltung“, das heißt zu einem der beiden anderen führenden Wirtschaftsnationen, Großbritannien und 167 den Vereinigten Staaten, mindestens ebenbürtigen Weltmachtstatus“ (Ullrich 2007, S. 195). Besonders in den zwei Bereichen, die als Hauptmerkmale für einen Weltmachtstatus galten – überseeisches Sendungsbewusstsein und eine starke Flotte – versuchte das Kaiserreich sich zu profilieren, um durch den Erwerb und Erhalt dieser Statusmarker den eigenen Weltmachtanspruch zu begründen und von den anderen Akteuren – insbesondere von Großbritannien – als ebenbürtige Weltmacht anerkannt zu werden. 3.2.1 Die Gründung des Deutschen Reichs und die Kanzlerschaft Bismarcks Die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles, am 170. Jahrestag der Erhebung des brandenburgischen Kurfürsten zum König in Preußen, machte die Reichseinigung nach den drei Einigungskriegen unter Führung Bismarcks deutlich sichtbar. König Wilhelm I. in Preußen wurde zum Deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen – eine Würde, zu der er vehement von Bismarck überredet werden musste (Halder 2006, S. 3). Die treibende Kraft hinter der Reichseinigung war Otto von Bismarck, der seit 1863 preußischer Ministerpräsident war und die Reichseinigung von oben herbeiführte, um den immer stärker werdenden revolutionären Kräften zuvorzukommen (Lerman 2008, S. 20). Das Gemälde von Anton Werner, welches die Kaiserkrönung zeigt, ist wohl die berühmteste Darstellung des Geschehens und zugleich auch die erste Verklärung der Krönungszeremonie116 (Abbildung 18). 116 Das Gemälde existierte ursprünglich in drei unterschiedlichen Fassungen. Die hier abgebildete Fassung ist die letzte erstellte Version anlässlich des 70. Geburtstags von Otto von Bismarck im Jahre 1885. Es wurde ihm von der kaiserlichen Familie geschenkt. Diese Version ist die einzig noch erhaltene Originaldarstellung, die anderen beiden Versionen, die zum Teil in ihrer Darstellung erheblich von der oben gezeigten abweichen, sind im Zweiten Weltkrieg in Berlin verbrannt (Gaethgens 1990, S. 6, 57-59, 65). 168 Abbildung 18: Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles Quelle: Anton von Werner. Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches (Friedrichsruher Fassung), 1885, Friedrichsruh, Bismarck Museum. In der Bildmitte ist Otto von Bismarck in einer weißen Paradeuniform abgebildet. Es scheint, als ob er der Mittelpunkt des Geschehens ist. Der frisch ausgerufene Kaiser Wilhelm I. steht links auf dem Podest und der Großherzog von Baden erhebt gerade seine Hand, um ein Hoch auf den neuen Kaiser auszubringen. Die restlichen Fürsten des Reichs haben sich hinter dem Kaiser versammelt, Bismarck ist von den siegreichen Militärs umgeben. In diesem Gemälde drückt sich das Selbstverständnis des neu geschaffenen Deutschen Reichs aus: Ein starker Staat, geschaffen aus einem starken Fürstenbund und durch siegreiche Kriege (Lerman 2008, S. 20; Gaethgens 1990, S. 65–66). Ganz in preußischer Tradition sollten auch weiterhin die Militärs dominieren, von einer Liberalisierung oder gar Demokratisierung ist nichts zu erkennen; es ist auch kein einziger Zivilist auf dem Gemälde abgebildet. Auch Bismarcks Position als starker Reichskanzler, der die Einigung überhaupt erst möglich machte, weist auf seine zukünftige exponierte Stellung im Staatsgefüge hin. Mit der Reichsgründung und Kaiserproklamation waren die Grundlagen für das neue Deutsche Reich geschaffen worden und Wilhelm I. sollte 169 mit Otto von Bismarck die Geschicke des Reichs für die nächsten zwei Jahrzehnte lenken. Gerade Otto von Bismarck legte mit seiner Politik die Grundlagen, die es ermöglichten, dass das Deutsche Reich unter Wilhelm II. zum „dynamo of Europe“ werden konnte (Retallack 2008, S. 1). Mit der Reichseinigung von oben war auch das europäische Mächtesystem in Bewegung geraten. Die ehemals nur lose verbundenen deutschsprachigen Länder, zusammengefasst im Deutschen Bund, konnten nun nicht länger als Pufferzone oder Verfügungsmasse genutzt werden, um die Balance of Power dauerhaft aufrechtzuerhalten, denn das Deutsche Reich war nicht nur die am schnellsten wachsende Wirtschaftsmacht in Europa, sondern hatte auch dank der Übernahme des preußischen Großmachtstatus ein enormes politisches Gewicht (Lerman 2008, S. 23). Quasi über Nacht war das Deutsche Reich in eine halbhegemoniale Position auf dem europäischen Kontinent gerückt und bis in die 1890er Jahre entwickelte es keine Ambitionen, diese Position signifikant ausweiten zu wollen (Lerman 2008, S. 24; Wehler 1979a, S. 265). Dennoch gelang es Bismarck, das Deutsche Reich als dominante Macht in den europäischen internationalen Beziehungen zu etablieren. Dies erreichte er hauptsächlich durch seine Bündnispolitik (siehe Kap. 3.1.1) und seine erfolgreiche Konferenzdiplomatie – er inszenierte sich als „ehrlicher Makler“117 und machte sich so unverzichtbar als Vermittler (Bismarck 1878, S. 98; Hildebrand 1999, S. 60). Von Weltpolitik oder einem Weltmachtanspruch war in dieser Phase der deutschen Politik noch nichts zu spüren. Bismarck wollte das Deutsche Reich nach der Reichseinigung zunächst nach innen und außen stabilisieren (Lerman 2008, S. 31) und nicht nach Übersee ausgreifen oder sich ernsthaft an kolonialen Streitfragen mit den anderen europäischen Großmächten beteiligen (Wehler 1979a, S. 276). Seine Politik war darauf ausgerichtet, die dauerhafte Existenz des Deutschen Reichs in der Mitte Europas zu wahren und den Großmachtstatus abzusichern (Frie 2004, S. 66). Durch die bündnispolitische Isolation Frankreichs und das Offenhalten des schwelenden Konflikts zwischen Großbritannien und Russland wollte er verhindern, dass das Deutsche Reich zur Verfügungsmasse der anderen Großmächte wird und sein Einigungswerk zu Nichte gemacht wird. In den 1880er Jahren wurden in der Öffentlichkeit jedoch schon einzelne Forderungen nach Weltmacht und Ko- 117 Die Bezeichnung „ehrlicher Makler“ stammt von Bismarck selbst. In seiner Rede im Reichstag anlässlich der Orientfrage am 19. Februar 1878 umschrieb er so die Interessen des Deutschen Reichs auf der kommenden Konferenz zur Lösung der Orientfrage in Berlin. Er wolle sich nicht bloß als Schiedsrichter auf eine Seite schlagen, sondern die Rolle eines „ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zu Stande bringen will“ übernehmen und so die deutschen Interessen wahren, ohne sich vorher auf eine Seite festlegen zu müssen (Bismarck 1878, S. 98). 170 lonien als Statussymbol laut. In dieser Phase wurde das Bild des deutschbritischen Gegensatzes wieder wirkmächtiger, der ab den 1890er Jahren weite Teile der deutschen Außen- und Rüstungspolitik bestimmte. Das rasche deutsche Wirtschaftswachstum führte dazu, dass Großbritannien schnell als Hauptkonkurrent wahrgenommen wurde, den man nur schwer einholen konnte. Somit konnte Großbritannien sich nicht als ein Vorbild für die deutsche Entwicklung etablieren, sondern es wurde „zunehmend auch als der eigentliche Gegner im Konkurrenzkampf, gegen den sich Antipathien geschwind aktivieren ließen“, gesehen (Wehler 1979a, S. 276). Dieser Eindruck verfestigte sich immer weiter und griff auch auf andere Politikbereiche mehr und mehr über. Der wahrgenommene Statusmismatch vergrößerte sich zunehmend, weil Prestigedenken und Statussensibilität zunahmen und spätestens mit der Hochkonjunkturphase ab 1896 der gesteigerte Nationalismus und ein übersteigertes Geltungsbedürfnis sich auch auf die Politik niederschlugen (Wehler 1979a, S. 281; Fairbairn 2008, S. 66). 3.2.2 Die Anfänge der Weltpolitik nach der Thronbesteigung Wilhelms II. Mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelm II. im Sommer 1888 änderten sich die politische Ausrichtung und der Statusanspruch des Deutschen Reichs grundlegend (Schwarze 2013, S. 151). Anfang März 1888 starb Wilhelm I. im Alter von 90 Jahren nach kurzer Krankheit in Berlin. Auf ihn folgte sein Sohn als Kaiser Friedrich III., der bereits bei seiner Thronbesteigung schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt war. Nach nur 99 Tagen verstarb er und sein Sohn, Wilhelm, wurde mit nur 29 Jahren König von Preußen und deutscher Kaiser und proklamierte sogleich, sein Volk „herrlichen Tagen“ entgegen zu führen (Hildebrand 1999, S. 173). Mit diesem Generationenwechsel – der mit der Entlassung Bismarcks im März 1890 endgültig vollzogen war – änderten sich die Grundlinien der deutschen Politik deutlich, besonders das Selbstverständnis des Staates veränderte sich. Die Zeit des Reiches als saturierte Großmacht schien vorbei zu sein: Wilhelm II. wollte nicht nur „sein eigener Kanzler sein“ (Clark 2008, S. 57), sondern das Deutsche Reich auch als Weltmacht ersten Ranges neben Großbritannien etablieren (Frie 2004, S. 66). Mit diesem Anspruch veränderte sich die Struktur des Deutschen Reichs erheblich (Hildebrand 1999, S. 174). Aus dem wirtschaftsliberalen Staat des 19. Jahrhunderts wurde ein moderner Staat des 20. Jahrhunderts, der sich als ein Interventionsstaat, ein Staat der Daseinsvorsorge, sowie ein Wirtschaftsund Sozialstaat verstand. Größtes Zeichen für diese Veränderungen war die erhebliche Zunahme der öffentlichen Aufgaben (Nipperdey 1993, S. 471). Dies hatte zur Folge, dass die Bedeutung des Reichstags als legislatives Organ stetig zunahm, weil immer mehr staatliche Interventionen immer neue Gesetze erforderten (Nipperdey 1993, S. 474). Dagegen wirkte der Anspruch 171 des neuen Kaisers mit Hilfe eines persönlichen Regiments zu regieren. Das von ihm etablierte wilhelminische System deckte sich nicht mehr mit der Reichsverfassung – sah diese doch vor, dass weder Monarch noch Reichskanzler allein entscheiden konnten, sondern auf gegenseitige Zusammenarbeit angewiesen waren (Deutsches Reich 16.04.1871, Art. 17). Vielmehr umgab Kaiser Wilhelm II. sich mit informellen Beratern, die in der Verfassung nicht vorgesehen waren, und stilisierte sich zu einem neoabsolutistischen Herrscher (Nipperdey 1993, S. 478). Richtig regieren konnte er jedoch nicht, sein persönliches Regiment war ein rhetorischer Schein, der durch die Reden des Kaisers erzeugt wurde und so den Rahmen der Politik setzte, nicht jedoch die tatsächliche inhaltliche Ausgestaltung (Nipperdey 1993, S. 479). Hierfür war der Reichskanzler zuständig, der mit einer Art Richtlinienkompetenz die Politik und das Handeln der einzelnen Ressorts steuern konnte118. Hinzu trat, dass die öffentliche Meinung, geschürt von Interessenvertretungen der Industriellen, der Agrarier, des Handels und des Gewerbes, immer mehr Einfluss auf die politischen Entscheidungen gewann (Hildebrand 1999, S. 175). Bismarcks Nachfolger Caprivi stellte bereits im Juli 1890 fest, dass man „auf die öffentliche Meinung viel mehr Rücksicht nehmen [müsse, L. J.] als zu Fürst Bismarcks Zeit.“ (Raschdau 1924, S. 348). Mit der Entlassung Bismarcks und der Ernennung des Grafen Leo von Caprivi zum deutschen Reichskanzler wollte Wilhelm II. ein Zeichen setzen und Stärke demonstrieren. Er wollte keinen Kanzler haben, der so autark und selbstständig wie Bismarck die Reichsgeschäfte leitete, sondern einen, auf den er selbst einwirken konnte – einen Erfüllungsgehilfen seiner Vorstellungen von Politik (Halder 2006, S. 97). Caprivi schien dabei der perfekte Kandidat für Wilhelm II. zu sein, er war General und führte dementsprechend die Reichsgeschäfte (Schwarze 2013, S. 153; Lerman 2003, S. 70). Er teilte Wilhelms Abneigung gegen die restriktive Innenpolitik Bismarcks und trat für einen Kurs der Versöhnung ein (Ullmann 1997, S. 138–139). Des Weiteren erhob er keinen absoluten Führungsanspruch wie Bismarck, sondern er ver- 118 Die Stellung des Reichskanzlers war im Vergleich zu den Staatssekretären herausgehoben. Die Reichsverfassung sah keine eigenständigen Reichsministerien neben dem Reichskanzleramt vor. Bismarck ging davon aus, dass diese Funktion von den preußischen Ministerien übernommen werden könne. Er wollte damit verhindern, dass sich konkurrierende Machtzentren neben dem Reichskanzleramt bildeten. Schnell zeigte sich jedoch, dass die Reichsexekutive nicht dauerhaft durch die preußischen Organe miterledigt werden konnte und so wurden bereits in den 1870er Jahren Reichsämter gegründet, die faktisch die Aufgaben von Reichsministerien übernahmen. Die Staatssekretäre waren weisungsgebunden dem Reichskanzler unterstellt und konnten ohne Zustimmung des Reichstages vom Kaiser ernannt und entlassen werden (Halder 2006, S. 16). 172 stand sich als erster Repräsentant des „Neuen Kurses“119 von Wilhelm II. (Wehler 1995, S. 1005). Gerade im Bereich der Außenpolitik setzte mit der Entlassung Bismarcks und dem Herrschaftsanspruch Wilhelms II. eine Dynamisierung ein (Ullrich 2000, S. 27). Caprivis Außenpolitik120 kennzeichnete sich besonders durch drei Bestandteile: Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland, eine vorsichtige Kolonialpolitik und eine Handelsvertragspolitik, die das Ende der bismarckschen Schutzzollpolitik bedeutete und den Großmachtstatus des Deutschen Kaiserreiches dauerhaft sichern sollte. Vor allem aber ging es Caprivi nicht um Weltpolitik und die Erfüllung von Weltmachtansprüchen, sondern er vertrat eine Politik, die nur einen moderaten Wunsch nach Statusanpassung im Rahmen des Großmachtstatus anstrebte. Die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland kurz nach seinem Amtsantritt 1890 war eine der ersten großen außenpolitischen Handlungen Caprivis. Hierfür hatte er die volle Unterstützung des Kaisers, der dafür plädierte, dass sich das Deutsche Reich stärker durch eigene militärische Rüstung sichern sollte als durch Bündnispolitik (Frie 2004, S. 66). Caprivi fühlte sich nicht in der Lage, das komplizierte Spiel mit den Mächten – so wie es Bismarck betrieben hatte – aufrechtzuerhalten (Ullrich 2000, S. 28). Er könne nicht „mit fünf Glaskugeln spielen, er könne nur zwei Glaskugeln gleichzeitig halten“ (Schweinitz 1927, S. 404). Des Weiteren ging er nach intensiven Beratungen mit dem Auswärtigen Amt und vor allem mit Friedrich von Holstein davon aus, dass der Rückversicherungsvertrag, so wie er 1887 abgeschlossen wurde, dem Zweibundvertrag mit Österreich-Ungarn widerspräche (Hildebrand 1999, S. 182). Gemeinsam mit Friedrich von Holstein kam er zu dem Schluss, dass die Bedeutung des Rückversicherungsvertrages und vor allem sein Nutzen nicht mehr so hoch einzuschätzen seien wie bei seinem ursprünglichen Abschluss (Frie 2004, S. 68). Das deutsche Interesse an Russland als Bündnispartner war gesunken. Das Verständnis von 119 Die Politik des „Neuen Kurses“ drückte sich vor allem durch Aktion aus. Damit war sie wesentlich deckungsgleicher mit den Strömungen in der Öffentlichkeit als die bismarcksche Politik, die sich am Ende seiner Regierungszeit fast nur noch durch Reaktion auszeichnete. Der „Neue Kurs“ griff das Gefühl auf, dass ein nur „moderates Handeln der wirtschaftlichen Entwicklung, den gesellschaftlichen Bedürfnissen und der öffentlichen Meinung kaum [mehr, L. J.] entsprach“ (Hildebrand 1999, S. 179). Die immer stärker aufbrechenden sozialen Konflikte sollten durch moderate Reformen abgemildert und die Unbeweglichkeit der letzten Jahre der Bismarck-Regierung überwunden werden (Ullmann 1997, S. 139). 120 Gerade auf dem Gebiet der Außenpolitik war Caprivi sehr unerfahren. Er holte sich immer wieder Rat bei erfahrenen Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, insbesondere bei Friedrich von Holstein, der zuvor schon Bismarck in außenpolitischen Frage beraten hatte, sich aber in den 1880er Jahren von ihm distanzierte (Nolden 1983, S. 77, 80; Hildebrand 1999, S. 178; Schwarze 2013, S. 153). 173 Bündnissen hatte sich gewandelt, es ging nun nicht mehr primär darum, Bündnisse zu schließen, um den Krieg zu verhindern, sondern darum, den im Verständnis der Zeitgenossen unausweichlichen Krieg zu gewinnen (Frie 2004, S. 66). In diesem Sinne war Russland und insbesondere der Rückversicherungsvertrag nicht mehr so attraktiv für das Deutsche Reich, weil es ein Neutralitätsabkommen war, welches keinen aktiven militärischen Beistand im Kriegsfalle vorsah (Der Rückversicherungsvertrag 2013). Friedrich von Holstein wollte vielmehr langfristig eine Annäherung an Großbritannien erreichen; der Rückversicherungsvertrag mit Russland stellte für ihn ein Hemmnis dar (Nolden 1983, S. 9). Mit dem Abschluss des Helgoland-Sansibar-Vertrags im Sommer 1890, dessen Verhandlungen parallel zu den Verhandlungen um die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages geführt wurden, hatte man bereits einen ersten Schritt zur Annäherung Großbritanniens an den Dreibund unternommen, gleichzeitig aber auch den Höhepunkt der deutsch-britischen Kolonialabkommen erreicht (Kennedy 1980, S. 205). Langfristig scheiterte der Plan, Großbritannien an den Dreibund zu binden, weil Großbritannien nicht zu einer festen bündnispolitischen Bindung bereit war (Ullrich 2000, S. 29–30). Die deutsche Führung – allen voran Caprivi, Holstein und Marschall von Bieberstein, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts – wollte nach der Entlassung Otto von Bismarcks und dem Rückzug seines Sohnes Herbert aus dem Auswärtigen Amt Stärke und Sicherheit demonstrieren. Ein positiver Vertragsabschluss konnte als ein eigenständiger Erfolg dargestellt werden, ein Scheitern hätte Schwäche und das Fehlen einer starken Hand signalisiert (Kennedy 1980, S. 205). Weltpolitik spielte für diese bündnispolitischen Überlegungen und auch insgesamt für Caprivis Außenpolitik noch keine große Rolle (Hildebrand 1999, S. 177). Vielmehr ging es ihm darum, die mitteleuropäische Stellung des Deutschen Reichs durch günstige Handelsverträge zu verbessern121. Sein Ziel war die Schaffung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsraums unter deutscher Führung, um die deutsche Hegemonie auf dem Kontinent mit friedlichen Mitteln zu erreichen (Ullrich 2000, S. 31). Caprivi glaubte fest daran, dass die Wirtschaft eines Staates immer mehr Einfluss auf dessen Entwicklung nehmen würde und damit der Handlungsspielraum der Staatsmänner ei- 121 Caprivi reagierte mit seiner Handelsvertragspolitik auf die zunehmenden Gefahren der Abhängigkeit der hochgradig weltmarktorientierten deutschen Volkswirtschaft. Die deutsche Außenhandelsabhängigkeit nahm immer weiter zu, gleichzeitig setzte Anfang der 1890er Jahre eine Phase des Hochprotektionismus ein. Besonders die USA und Russland versuchten durch protektionistische Schutzzölle ihre Wirtschaft zu schützen. Hinzu trat der drohende Zusammenbruch des europäischen Handelsvertragssystems, von dem das Deutsche Reich profitierte ohne selbst eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Caprivi wollte durch langfristige Handelsverträge diesen Trend stoppen und der deutschen Wirtschaft kalkulierbare Rahmenbedingungen schaffen, in denen sie weiter wachsen konnte (Torp 2005, S. 179–180). 174 nerseits beschränkt wurde, andererseits ihnen aber auch neue Macht verleihe (Hildebrand 1999, S. 193). Mit dieser Meinung stand er nicht allein, denn auch andere führende Köpfe waren sich einig, dass „auf national- ökonomischen Fragen […] sich heutzutage die innere und äußere Politik [aufbaue, L. J.]“ (Eulenburg 1979, S. 1029). Aus dieser neuen Entwicklung suchte Caprivi Vorteile für das Deutsche Reich zu ziehen, indem er sowohl die Innen- als auch die Außenpolitik „mit ökonomischem Schwung“ befördern wollte (Hildebrand 1999, S. 194). Mit Hilfe einer ökonomisch ausgerichteten Außenpolitik wollte er im Innern für einen sozialen Ausgleich sorgen und durch „die rechtzeitige Einleitung zukunftweisender Reformen von oben das gefährliche Aufkommen revolutionärer Forderungen von unten gar nicht erst entstehen zu lassen.“ (Hildebrand 1999, S. 195). Zwar konnte Caprivi seine Handelsvertragspolitik122 erfolgreich umsetzen, aber kurz nach dem Vertragsschluss mit Russland Anfang 1894 war seine Regierung am Ende. Letztendlich scheiterte Caprivi mit seinem modernen Ansatz am Widerstand der mächtigen Agrarier, der Stütze des preußischen Staates, und an den sozialen Beharrungstendenzen, selbst dem sonst so modernen Kaiser gingen die politischen Veränderungen zu weit (Hildebrand 1999, S. 198). Theodor Fontane erkannte bereits 1897 das Grundproblem des Deutschen Reichs: „Was mir am Kaiser gefällt, ist der totale Bruch mit dem Alten, und was mir an dem Kaiser nicht gefällt, ist das im Widerspruch dazu stehende Wiederherstellenwollen des Uralten. […] Er hat eine Million Soldaten und will auch hundert Panzerschiffe haben; er träumt (und ich will ihm diesen Traum hoch anrechnen) von einer Demütigung Englands. Deutschland soll obenan sein, in all und jedem.“ (Fontane 1980, S. 408, Hervorhebung im Original). An diese Tradition des Festhaltens an alten Überzeugungen und der überkommenen Politiken knüpfte der Kaiser auch mit der Entscheidung bezüglich des Nachfolgers von Leo von Caprivi an. Sein Nachfolger im Amt des Reichskanzlers – Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst – war eindeutig ein Vertreter des alten Establishments mit wenig Eigeninitiative, der es dem Kaiser gestattete, sein „persönliches Regiment“ nun zur vollen Blüte zu bringen (Hildebrand 1999, S. 199). Ähnlich wie Caprivi sah Hohenlohe keine große Notwendigkeit für eine deutsche Weltpolitik (Zachau 2007, S. 267). Vielmehr unterstützte er eine offensivere Flottenpolitik, um den deutschen 122 Eine ausführliche Darstellung der Handelspolitik Leo von Caprivis findet sich bei Weitowitz (1978). Er untersucht die Politik Caprivis unter diplomatiegeschichtlichen Gesichtspunkten. 175 Außenhandel zu schützen und die Flotte als Symbol für die nationale Souveränität etablieren zu können, denn für ihn war eine Flotte die Vollendung der Reichseinigung und Ausdruck des deutschen Großmachtstatus (Zachau 2007, S. 219, 266). Daher unterstützte er auch das erste Flottengesetz, welches Tirpitz 1898 dem Reichstag vorlegte; die damit verbundenen weltpolitischen Implikationen sah er nicht. Dies zeigt sich auch in seiner Einstellung gegen- über Großbritannien. In seinem Tagebuch schrieb er: „Die üble Stimmung der Engländer gegen uns ist nicht Folge der Unterredung Sr. M. mit [dem britischen Botschafter] Sir Frank und die Aufforderung an die Engländer, den Italienern zu helfen, sondern sie ist das Ergebniß unserer colonialen Politik und des Aufblühens [sic] unserer Industrie und die dadurch geschaffene Concurrenz auf dem Weltmarkt. Endlich hat unsere seit Jahren in Südafrika befolgte und durch das Telegramm des Kaisers gekrönte Thätigkeit die Engländer erbittert.“ (zitiert nach Zachau 2007, S. 305). Hier wird deutlich, dass auch er sehr sensibel auf das Verhalten der britischen Regierung gegenüber dem Deutschen Kaiserreich reagiert, aber er erkennt zwei der wesentlichen Merkmale, die zur Verschlechterung der gegenseitigen Beziehungen beigetragen haben. Er verknüpft das deutsche Verhalten aber nicht mit weltpolitischen Ambitionen sondern er belässt es bei einer vergleichsweise sachlichen Beschreibung der Problemfelder. Trotz dieser zurückhaltenden Einstellung Hohenlohes zur Weltpolitik und seiner reservierten Unterstützung der Flottenpläne zeichnete sich eine endgültige Abkehr von der Kontinentalpolitik hin zu einer Welt- und Flottenpolitik ab (Hildebrand 1999, S. 199). Das politische Verhältnis zu Großbritannien war zu Beginn der 1890er Jahre noch nicht von großen Spannungen oder Verwerfungen geprägt. Vielmehr pflegte man einen regen Austausch und Kontakt auf allen Ebenen und gerade am Anfang des Jahrzehnts war es der Kaiser, der mit seiner ausgeprägten Anglophilie seine Berater, Botschafter und Minister anstecken wollte123 (Kennedy 1980, S. 206). Die Bewertung des Helgoland-Sansibar- Vertrags muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. In Großbritannien wurde der Abschluss überwiegend positiv aufgenommen, löste der Vertrag doch zu einem großen Teil die noch verbliebenen kolonialen Probleme in Ostafrika. Im Deutschen Kaiserreich ging man zunächst auch davon aus, dass man von dem Vertrag profitieren würde. Schnell setzte sich aber die Ansicht 123 1889 wurde er zum Admiral of the Fleet ernannt (Kennedy 1980, S. 206). Eine Ehre, über die er sich besonders freute, trug sie doch seinen beiden großen Leidenschaften Rechnung: Großbritannien, das Land seiner Vorfahren mütterlicherseits und seiner Flottenbegeisterung, die sich schon in seiner Kindheit ausprägte (Jaschob 2012b, S. 5–6). 176 durch, dass Großbritannien einen diplomatischen Sieg davongetragen habe, weil der Preis, den das Deutsche Reich bezahlt hatte, viel zu hoch gewesen sei (Kennedy 1980, S. 207–208). Die Verhandlungen befeuerten die imperialistischen Gefühle im Deutschen Reich, weitere Zugeständnisse für zukünftige Abkommen waren damit de facto ausgeschlossen. Der immer stärker aufkommende Imperialismus prägte den Staat gerade in den 1890er Jahren (Nipperdey 1993, S. 474). Das Kaiserreich verstand sich nun mehr und mehr als Staat mit imperialistischen Ambitionen und entwickelte ein wesentliches Merkmal des Weltmachtanspruches, nämlich den aktiven Wunsch nach einem überseeischen Sendungsbewusstsein. In den 1880er Jahren hatten die ersten deutschen Kolonien Elsass-Lothringen als Symbol für die Einheit und Größe der deutschen Nation abgelöst (Nipperdey 1993, S. 263) und so den Weg zum später formulierten Weltmachtanspruch frei gemacht. Diese Zunahme an imperialistischen und nationalistischen Strömungen und Stimmungen trug auch dazu bei, dass sich die deutsche Politik nun zunehmend von London enttäuscht sah und sich allmählich das Gefühl festsetzte, von Großbritannien nicht als gleichwertiger Partner auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden (Kennedy 1980, S. 210). Aufgrund der für das Deutsche Reich beunruhigenden Entwicklungen auf dem Kontinent – Frankreich und Russland schlossen 1892 eine Militärkonvention ab – wurde Großbritannien aber weiterhin als eine freundliche Macht, als ein Garant für den Frieden und als potentieller Bündnispartner gesehen. Insgesamt lässt sich die deutsche Außenpolitik in diesem Zeitraum eher als plump und offensiv beschreiben, sie war aber noch nicht anti-englisch ausgerichtet (Kennedy 1980, S. 211). Ein echter Politikwechsel setzte in Berlin erst mit der Annäherung Großbritanniens an Frankreich ein (Kennedy 1976, S. 213). Das Deutsche Reich wollte Großbritannien nun nicht länger ohne konkrete Gegenleistungen unterstützen, man habe viel zu lange Wohlwollen gezeigt: „“Was nützen wir England, und was nützt England uns?“ Wir nützen England alle Tage – schon im Stillsitzen – dadurch, daß wir da sind. England nützt uns bisher – d.h. das Gladstonesche England – verdammt wenig. Bei jeder Kleinigkeit, von größeren Dingen nicht zu reden, heißt es: non possumus. […] Ich finde diese Art Verfahren auf die Dauer erbitternd.“ (Holstein 1976, S. 938). Die Jahre von 1892 bis 1895 stellen die erste große Wasserscheide in den deutsch-britischen Beziehungen dar. Die britische Politik sah immer weniger Nutzen in einem deutsch-britischen Bündnis, weil sie sich wieder an Frankreich annähern konnte. Im Deutschen Reich setzte ein Rechtsruck in der Politik und Nationalideologie ein, der eine Einigung unmöglich erscheinen ließ (Kennedy 1980, S. 218). Einen ersten Tiefpunkt erreichten die deutsch- 177 britischen Beziehungen dann mit dem Krüger-Telegramm vom 3. Januar 1896. Der Jameson-Raid – der Auslöser für das Telegramm – ereignete sich in einer Phase, die von gegenseitigem Misstrauen geprägt war (Kennedy 1980, S. 220). Wilhelm II. fasste das britische Vorgehen als rechtswidrig auf und wollte mit dem Telegramm die Burenrepublik unterstützen. Innenpolitisch sollte die Stimmung gegen Großbritannien ausgenutzt werden, um eine deutliche Flottenvergrößerung zu legitimieren und populär zu machen (Zachau 2007, S. 233). Außenpolitisch sollte mit dem Vorgehen in Südafrika und final dem Krüger-Telegramm eine Lektion an Großbritannien erteilt werden, eine offene Konfrontation jedoch sollte vermieden werden (Canis 1999, S. 180). Das deutsche Kalkül scheiterte jedoch, denn Großbritannien veränderte seine Haltung gegenüber dem Deutschen Kaiserreich nicht und auch die Pläne einer Kontinentalliga gegen Großbritannien, die man mit dem rhetorisch offensiven Vorgehen im Konflikt in Südafrika festigen und umsetzen wollte, scheiterten (Canis 1999, S. 189). Dies führte dazu, dass der Erfolgsdruck auf die deutsche Außenpolitik nochmals stark zunahm. Jedoch hatten sich die Rahmenbedingungen, in denen Erfolge erzielt werden sollten, massiv verschlechtert (Canis 1999, S. 192) und der Weltmachtanspruch war bislang kein Stück greifbarer geworden. Es zeigt sich somit, dass auch schon vor dem endgültigen Durchbruch des Deutschen Weltmachtanspruchs ab 1897 eine in Phasen stark angespannte Stimmung die deutsch-britischen Beziehungen bestimmte. Das Deutsche Reich war mit seinem Versuch, die Politik des „Neuen Kurses“ umzusetzen, gescheitert, eine Rückkehr zur Ära der Bismarckpolitik war jedoch ebenfalls nicht möglich (Kennedy 1980, S. 223). Daher wirkte die deutsche Außenpolitik unstet und nicht zielgerichtet und führte dazu, dass eine dauerhafte Annäherung oder sogar der Anschluss Großbritanniens an den Dreibund unmöglich wurden. In einer Phase, in der sich die anderen europäischen Großmächte bündnispolitisch neu ausrichteten, gelang es dem Deutschen Kaiserreich nicht, sich dieser veränderten Situation anzupassen. Der immer stärker werdende Imperialismus und der immer lauter artikulierte Wunsch nach einem deutschen Kolonialreich verminderten den Verhandlungsspielraum für die deutsche Politik und führten dazu, dass eine Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik vorgenommen werden musste. 3.2.3 Die Blüte der Weltpolitik unter Bülow und Tirpitz Der wesentliche Schritt dieser Neuausrichtung war eine doppelte Personalentscheidung: Mit der Ernennung von Alfred von Tirpitz zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes und Bernhard von Bülow zum Staatssekretär des Auswär- 178 tigen Amtes im Sommer 1897124 wurden die Weichen in Richtung Weltpolitik125 inhaltlich und personell gestellt. Das von Wilhelm II. ersehnte persönliche Regiment konnte sich nun voll durchsetzen (Kennedy 1980, S. 223). Insgesamt können diese Personalentscheidungen als Erfüllung einer langfristig geplanten Strategie gelten, die dafür sorgen sollte, die Reichsregierung auf neue, anscheinend stabilere Beine zu stellen (Lerman 2003, S. 75). Diese beiden Ernennungen hatten auch wesentlichen Einfluss auf das deutsch-britische Verhältnis. Sowohl Tirpitz als auch Bülow begleiteten ihre Politik durch massive Propagandakampagnen, die sich besonders negativ auf die Beziehungen zu Großbritannien auswirkten (Kennedy 1980, 225). Gerade im Bereich der Außen- und Flottenpolitik reagierte die britische Öffentlichkeit auf scheinbar bedrohliche Signale aus dem Deutschen Kaiserreich. Die Bedrohungswahrnehmung der eigenen Weltmachtposition durch die nun offensiv formulierte deutsche Außen- und Flottenpolitik stieg und belastete die diplomatischen Beziehungen (Onea 2014, S. 146–149). In seiner Rede im Reichstag am 6. Dezember 1897 skizzierte Bülow zum ersten Mal öffentlich den Kurs seiner Außenpolitik. Er wollte das Kaiserreich in den Kreis der Weltmächte führen: „Wir müssen verlangen, daß der deutsche Missionar und der deutsche Unternehmer, die deutschen Waren, die deutsche Flagge und das deutsche Schiff in China geradeso geachtet werden wie diejenigen anderer Mächte. (Lebhaftes Bravo.) Wir sind endlich gern bereit, in Ostasien den Interessen anderer Großmächte Rechnung zu tragen, in der sicheren Voraussicht, daß unsere eigenen Interessen gleichfalls die ihnen gebührende Würdigung finden. (Bravo!) Mit einem Worte: Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. (Bravo!) In Ostasien wie in Westindien werden wir bestrebt sein, getreu den Überlieferungen der deutschen Politik, ohne unnötige Schärfe, aber 124 Im Oktober 1900 ernannte ihn Wilhelm II. dann zum Reichskanzler. Der Kaiser hatte bereits Mitte der 1890er Jahre beschlossen, dass Bülow mittelfristig der neue starke Mann an der Regierungsspitze sein solle. „Bülow soll mein Bismarck werden.“ (zitiert in Winzen 2011, S. 273) schrieb er an Philipp Eulenburg bereits Weihnachten 1895. Damit war der Weg für Bülow vorgezeichnet und auch die Kanzlerschaft Hohenlohe-Schillingsfürsts wurde dadurch zu einer Übergangskanzlerschaft. 125 Weltpolitik bezeichnet den deutschen Weg des Imperialismus. Sie war „die Fortsetzung bisheriger Mächtepolitik in globaler Dimension, aufgeladen durch einen zunehmend aggressiven, sich nach außen wendenden Nationalismus und gestützt auf das Machtmittel einer wachsenden Flotte.“ Gleichzeitig sollte sie innenpolitischen Zielen genügen und auch wirtschaftspolitisch wirken, da sie Absatzmärkte und Rohstoffe für die deutsche Industrie sicherte (Ullmann 1997, S. 158). 179 auch ohne Schwäche unsere Rechte und unsere Interessen zu wahren. (Lebhafter Beifall.)“ (Bülow 1897, S. 165). Bülow machte hier öffentlich deutlich, dass man sich nun genauso an überseeischen Aktivitäten beteiligen möchte wie die anderen europäischen Großmächte auch. Es ging ihm dabei nicht darum, die anderen auszubooten oder ganz abzulösen, sondern er verlangte die Anerkennung der Ebenbürtigkeit für das Deutsche Reich (Schwarze 2013, S. 152). Um dieses Ziel zu erreichen, betrieb er eine Politik der Freien Hand126, um den größtmöglichen Handlungsspielraum aufrechtzuerhalten und um in der Phase der nun einsetzenden Flottenrüstung sich nicht früh- oder vorzeitig zu binden (Ullmann 1997, S. 160). Die Gleichrangigkeit mit Großbritannien wollte er durch den Erwerb und den Wettbewerb um Statusmarker erreichen. Der deutsche Statusanspruch war mit dieser Rede also offiziell artikuliert worden und Bülow schickte sich an, dieses Ziel schnellstmöglich umzusetzen. Bereits im August 1897 hatte sich Bülow von Tirpitz überzeugen lassen, dass eine starke Schlachtflotte von essentieller machtpolitischer Bedeutung für die Interessen des Deutschen Reichs sei (Winzen 2003, S. 70). Dies passte in seine Vorstellung von Politik und der deutschen Rolle in der Welt: Er sah sich ganz in der Tradition von Heinrich von Treitschke, dem „geistigen Vater der deutschen Weltmachtpolitik“ (Bussmann 1954, S. 275) und ging davon aus, dass dem Deutschen Kaiserreich eine große Stellung in der Welt zustünde und die Mächtehierarchie mit dem Deutschen Kaiserreich in einer vorderen Position wiederhergestellt werden müsse (Winzen 2013, S. 294–295). Um diese Ziele zu erreichen, nutzte er das Mittel der Prestigepolitik (Winzen 2003, S. 69). Damit grenzte er sich scharf von Bismarcks Realpolitik ab, obwohl er zu Beginn seiner diplomatischen Karriere gerade von der Familie Bismarck gefördert wurde, die er seit Kindertagen aus Frankfurt kannte (Winzen 2013, S. 28, 107). Tirpitz griff mit seinen Erläuterungen zu seinem geplanten Flottenprogramm die diplomatischen Grundeinstellungen Bülows auf, indem er ausführte, dass das Deutsche Reich mit einer starken Flotte, die gegen Großbritannien gerichtet sei, ein attraktiver Bündnispartner für Russ- 126 Darunter verstand er eine dauerhafte Schiedsrichterolle für das Deutsche Reich, „solange Deutschland sich nicht bündnispolitisch engagierte und die Friktionen zwischen den Mächten im Osten und im Westen systematisch förderte oder zumindest am Leben erhielt.“ (Winzen 2013, S. 184). Diese Maxime unterschied sich deutlich von Bismarcks Bündnispolitik, die darauf abzielte, Frankreich zu isolieren und einen Ausgleich zwischen Großbritannien und Russland zu erzielen, um die Stabilität des Systems zu erhöhen. Bülow ging fest davon aus, dass ein kriegerischer Zusammenstoß zwischen Großbritannien und Russland der deutschen Stellung äußerst zuträglich sein würde und daher versuchte er während seiner gesamten politischen Karriere einen solchen Konflikt herbeizuführen (Winzen 2013, S. 187). 180 land werde127 (Winzen 2003, S. 71). Tirpitz und Bülow entwickelten in diesem ersten längeren Austausch bereits die Umrisse des deutschen Weltmachtkonzepts, welches sie dann gemeinsam durch die Flottengesetzgebung und die begleitende Politik der Freien Hand umsetzen wollten. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch die deutsche Politik gegenüber Großbritannien zu sehen. Auf der einen Seite wollte das Deutsche Reich in Kolonialfragen überall beteiligt werden (zum Beispiel bei den Verhandlungen um die Aufteilung der portugiesischen Kolonien 1898), auf der anderen Seite wurden Bündnissondierungen mit Großbritannien um die Jahrhundertwende gerade von Bülow bewusst verschleppt (Winzen 2003, S. 89, 96). Erst mit dem Bekanntwerden der Entente Cordiale zwischen Großbritannien und Frankreich 1904 stürzte das bülowsche Weltmachtkonzept in sich zusammen. Dieser Vertragsabschluss wurde in Berlin als Affront gegen den deutschen Status gesehen und Holstein ging sogar soweit, dass der deutsche Großmachtstatus ernsthaft gefährdet sei, weil Großbritannien und Frankreich gezeigt hätten, dass eine Einigung auch ohne deutsche Beteiligung möglich sei. Bülow und Friedrich von Holstein erwogen daher auch direkte Gegenmaßnahmen, mussten den Plan jedoch fallen lassen, weil die britische Reaktion nicht kalkulierbar war (Winzen 2003, S. 101–103). Nach diesem weltpolitischen Rückschlag versuchte Bülow eine erneute Annäherung an Russland, um der Gefahr der Isolation zu begegnen, die durch die Entente akut geworden war. Als auch dieser Versuch gescheitert war, kehrte Bülow zu einer bismarckschen Kontinentalpolitik zurück: Es kam zu einer Aufwertung des Zweibunds und auch in der Rüstungspolitik gab es eine vorsichtige Umorientierung wieder hin zu einer verstärkten Landrüstung (Winzen 2003, S. 109; Craig 1980, S. 322). Dies war jedoch nur ein kurzes Intermezzo, denn bereits mit dem Dreadnoughtsprung der Briten 1906 (Black 2010, S. 143) richtete sich das deutsche Augenmerk wieder auf das Primat der Flottenrüstung. Die größte diplomatische Krise, die durch den Statusanspruch des Deutschen Reichs in dieser Phase ausgelöst wurde, war die Landung des Deut- 127 Die Idee, dass das Deutsche Reich einen Konflikt mit Russland vermeiden solle, um sich dauerhaft gegen den Hegemon Großbritannien abzusichern, verfolgte Bülow schon während seiner Zeit als Botschaftsrat in St. Petersburg ab 1884 (Winzen 2013, S. 189). Hier entwickelte er auch seine „Politik der freien Hand“, die er dann ab Mitte der 1890er Jahre als Staatssekretär und später als Reichskanzler konsequent verfolgte (Winzen 2013, S. 183–184). Neben dieses politische Programm trat, dass Bülow seit seiner Schulzeit eine Aversion gegen Großbritannien hegte. Dies zeigt sich auch darin, dass er nahezu alle Hauptstädte Europas bereiste, niemals aber länger in London war, obwohl ihm im Sommer 1884 das Angebot vorlag, Botschaftsrat in London zu werden. Bülow besuchte nur ein einziges Mal die britischen Inseln in offizieller Mission, er begleitete Kaiser Wilhelm II. im November 1899 bei einem offiziellen Staatsbesuch. Daher war sein Englandbild hauptsächlich von Vorurteilen und Klischees geprägt und diese beeinflussten sein politisches Denken dauerhaft (Winzen 2013, S. 160–162). 181 schen Kaisers in Tanger am 31. März 1905 (Hildebrand 1999, S. 270–271). Damit nahm die erste Marokkokrise ihren Lauf. Sie endete mit der Konferenz von Algeciras im Frühjahr 1906, auf der das Deutsche Reich eine deutliche diplomatische Niederlage einstecken musste. Die Isolation der deutschen Position wurde offensichtlich und auch der Versuch, die noch junge Entente zwischen Großbritannien und Frankreich zu sprengen, schlug fehl (Canis 2011, 145, 186). Das Kaiserreich wollte mit dem Kaiserbesuch in Tanger die Souveränität des Sultans und Marokkos demonstrieren, weil zu befürchten war, dass Frankreich sich über das Madrider Abkommen von 1880128, das die Politik der Open Door in Marokko vertraglich regelte, hinwegsetzen wollte (Hildebrand 1999, S. 271). Mit dem Drängen auf das Einberufen einer Konferenz, um die Probleme bezüglich Marokkos zu lösen, bewegte man sich auf den alten Pfaden des europäischen Konzerts. Es sollten jedoch neue Ziele erreicht werden: Der deutsche Weltmachtanspruch sollte demonstriert werden und es sollte verdeutlicht werden, dass das Deutsche Reich international nicht als „quantité négliable“ behandelt werden dürfe (Mai 2014, S. 314). Mit dem Scheitern dieser Bemühungen war auch die Anerkennung des Weltmachtstatus fehlgeschlagen. Die anerkennende Seite war nicht bereit, die deutschen Ansprüche nach Gleichberechtigung vollumfänglich zu akzeptieren und sie nutzte ihre Machtposition aus, um die deutsche Statusstrategie zum Scheitern zu bringen. Betrachtet man die deutsche Weltpolitik in ihrer Gesamtschau in der Ära Bülow, lässt sich erkennen, dass sie nur eine sehr geringe Durchschlagskraft entwickelte. Große Risiken wurden von Bülow nicht eingegangen und so konnten auch nur kleinere Erfolge erzielt werden. Dennoch wurde die Weltpolitik von den anderen Mächten als gefährlich und bedrohlich eingestuft. Sie wirkte aufgrund ihres dahinterliegenden Drohpotentials – „eine dynamische Wirtschaft, ein starkes Heer, die wachsende Flotte“ – unberechenbar (Ullmann 1997, S. 160). Die Statusansprüche wurden in dieser Phase der deutschen Politik klar formuliert, jedoch blieb häufig unklar, wie diese Ansprüche adäquat anerkannt werden sollten. Auf der einen Seite ging es der deutschen Führung um Gleichrangigkeit – vor allem in kolonialen und diplomatischen Fragen –, auf der anderen Seite schien aber auch der Wunsch nach militärischer Überlegenheit bereits deutlich durch. 128 Das Madrider Abkommen regelte die Rechte und Ansprüche der Großmächte gegenüber Marokko. Es legte fest, dass es keiner einzelnen Großmacht erlaubt sei, übermäßig viel Einfluss auf die innenpolitischen und internen Prozesse in Marokko zu gewinnen und so das Recht der Anderen auf die Politik der Open Door für die anderen Mächte zu unterminieren (Murray 2012, S. 137; Kagan 1995, S. 146). 182 3.2.4 Die Erkenntnis des Scheiterns unter Bethmann Hollweg Bereits zum Ende der Kanzlerschaft Bülows setzte ein langsames Umdenken in der deutschen Politik ein. Die Erkenntnis der bündnispolitischen Isolation setzte sich nach und nach bei Bülow durch. Nach der diplomatischen Niederlage auf der Konferenz von Algeciras 1906, die die erste Marokkokrise beilegte, wurde die Angst vor einer bündnispolitischen Einkreisung beziehungsweise Isolation des Deutschen Reichs auch offiziell zu einem Thema (Craig 1980, S. 321). Der Abschluss der Triple-Entente zwischen Großbritannien, Frankreich und Russland im August 1907 bildete den Schlussstein für die Einkreisung des Deutschen Reichs und auch die Regierung äußerte sich nun offen dazu. Die von Bülow entworfene Weltpolitik war damit endgültig gescheitert, die Politik der Freien Hand hatte das Kaiserreich ins diplomatische Abseits geführt und der deutsche Statusanspruch war immer schwieriger zu erreichen: „Die Außen- bzw. „Weltpolitik“ Bülows hatte 1907 mit dem englischrussischen Abkommen ihr Ende gefunden und hinterließ nichts, was zu Hoffnungen auf den Status einer allseits anerkannten Weltmacht oder zu einem gewinnbringenden Ausgleich mit anderen Mächten berechtigte.“ (Fröhlich 1994, S. 116). Aufgrund der deutschen Öffentlichkeit, die durch Propagandaprogramme auf den deutschen Platz an der Sonne vorbereitet worden war und ihn auch selbst forderte, konnte die Weltpolitik jedoch nicht einfach vollständig ad acta gelegt werden (Nipperdey 1993, S. 648–649; Kennedy 1980, S. 225). Vielmehr versuchte die deutsche Reichsleitung die Außenpolitik wieder in ruhigere Bahnen zu lenken: Man konzentrierte sich nun voll auf das Bagdadbahnprojekt (Nipperdey 1993, S. 670). Diese Erkenntnis übertrug sich jedoch nicht auf die Flottenpolitik. Vielmehr reagierten Wilhelm II. und Bülow mit Forderungen nach einer schnellen Erweiterung der deutschen Flotte. Sie scheiterten jedoch an Tirpitz, der zu Recht auf die verheerenden Folgen eines solche Schrittes auf die deutsch-britischen Beziehungen verwies (Kennedy 1980, S. 285–286). Insgesamt zeigt sich aber, dass die deutsche Flottenpolitik nach dem Rückzug aus der Außenpolitik mit weltpolitischen Ambitionen zum „übernationalen Symbol deutscher Großmacht“ wurde (Nipperdey 1993, S. 671). Mit dem Rücktritt Bülows im Sommer 1909129 und der Ernennung von Theobald von Bethmann Hollweg zum Reichskanzler wurde nicht nur ein 129 Bülows Rücktritt geschah aufgrund der Daily-Telegraph Affäre des Kaisers und dem daraufhin schwindenden Rückhalt beim Kaiser und den führenden Parteien im Reichstag. Kaiser Wilhelm II. hatte sich in der britischen Presse sehr negativ über das deutsch-britische Ver- 183 personeller Wechsel vorgenommen, sondern es veränderte sich auch die Ausrichtung der deutschen Politik (Halder 2006, S. 133): „Bethmann Hollweg, the new chancelor, had no experience of foreign affairs, though much goodwill.” (Taylor 1980, S. 460). Bülow hatte die Reichsgeschäfte zentral koordiniert und durch sein doppeltes Amt als Reichskanzler und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes gerade die Außenpolitik des Deutschen Reichs stark geprägt und bestimmt. Bethmann Hollweg dagegen war vor seiner Ernennung zum Reichskanzler Staatssekretär des Innern unter Bülow und hatte seine gesamte Laufbahn in der Reichsverwaltung verbracht. Er strebte nicht danach, ins höchste Staatsamt berufen zu werden, doch sein Pflichtbewusstsein setzte sich durch. Gegenüber Karl von Eisendecher äußerte er: „Nur ein Genie oder ein von Machtkitzel und Ehrgeiz verzehrter Mann kann ein solches Amt anstreben. Und ich bin keins von beiden. Der gewöhnliche Mann kann es nur in letztem Zwange des Pflichtbewusstseins annehmen.“ (Egelhaaf 2011, S. 23). Damit verschoben sich die Akzente der deutschen Politik. Bethmann Hollweg wurde berufen, um die innenpolitischen Probleme, die sich unter anderem aus dem Auseinanderbrechen des Bülow-Blocks ergaben, zu lösen und die Au- ßenpolitik des Deutschen Kaiserreiches in ruhigere Bahnen zu lenken (Wollstein 1995, S. 8). Besonderes Augenmerk richtete er auf eine Verständigung mit Großbritannien. Bereits ab August 1909 verhandelte er mit Großbritannien, um zu einer grundlegenden Einigung in Kolonial- und Flottenfragen zu gelangen. Diese Verhandlungen, die bis in den Juli 1911 liefen, kamen jedoch nicht zu einem erfolgreichen Abschluss, weil beide Seiten zu einer grundlegenden Veränderung ihrer bisherigen Verhandlungspositionen nicht bereit waren (Taylor 1980, S. 460–461; Kennedy 1980, S. 446). Das Deutsche Reich signalisierte die Bereitschaft zur Flottenbeschränkung, wenn Großbritannien zum Abschluss eines generellen Abkommens bereit sei (Canis 2011, S. 366). Großbritannien dagegen forderte eine deutsche Flottenbeschränkung ohne Gegenleistungen und bot auch kein konkretes Abkommen an. Da sich beide Verhandlungspositionen so diametral gegenüberstanden, war das einzige Ergebnis dieser Gespräche das Anwachsen des ohnehin schon vorhandenen gegenseitigen Misstrauens (Taylor 1980, S. 461). Im Foreign Office in hältnis ausgelassen. Bülow wurde dieser Artikel vor der Veröffentlichung vorgelegt, aber er kümmerte sich nicht persönlich darum und schlussendlich wurde der Artikel zur Veröffentlichung freigegeben, ohne dass Bülow einen Blick darauf geworfen hatte. Die Veröffentlichung löste einen Sturm der Entrüstung aus und führte letztlich dazu, dass der Kaiser öffentlich beteuern musste, sich in Zukunft mit öffentlichen Aussagen zurückzuhalten. Der Kaiser machte Bülow für diesen Skandal verantwortlich und das Vertrauensverhältnis der beiden wurde dadurch nachhaltig gestört (Winzen 2002, S. 88–91). 184 London verstärkte sich der Eindruck, dass das Deutsche Reich die Ententen zu sprengen versuche und in Berlin manifestierte sich das Gefühl, dass Großbritannien dem Deutschen Kaiserreich keine Zugeständnisse gönne (Kennedy 1980, S. 447). Die Verhandlungen verliefen immer mehr im Sande und die von Alfred von Kiderlen Wächter, dem Staatssekretär des Äußeren, inszenierte zweite Marokkokrise führte zum vollständigen Abbruch der Gespräche (Kennedy 1980, S. 447). Das Deutsche Reich wollte mit dem Panthersprung nach Agadir am 1. Juli 1911 eine Machtdemonstration gegenüber dem französischen Einmarsch in Marokko zeigen, der nicht von der Algeciras-Akte gedeckt war (Fesser 2009, S. 52). Kiderlen Wächter verschärfte die Krise durch seine hohen Kompensationsforderungen an die Franzosen (Mommsen 2002, S. 171). Damit sollte die deutsche Position gestärkt und der deutsche Weltmachtanspruch erneut lautstark artikuliert werden (Canis 2011, S. 417). Genau das Gegenteil wurde jedoch erreicht. Die diplomatische Isolation des Kaiserreichs wurde einmal mehr deutlich sichtbar und die erlangten Kompensationen waren nur ein Bruchteil der ursprünglichen Forderungen. Hinzu kam, dass Frankreich dennoch ein Protektorat in Marokko errichtete (Fröhlich 1994, S. 118; Taylor 1980, S. 472). Dadurch aber war die Autorität des noch neuen Kanzlers Bethmann Hollweg nachhaltig untergraben, weil Kiderlen Wächter ohne klare Absprachen die Krise inszeniert hatte und bei den Verhandlungen die deutsche Position nicht erfolgreich vertreten konnte. Der Chef des Generalstabes der Armee, Helmuth von Moltke, fasste die Krise und besonders den Ausgang der Krise charakteristisch für seine Frau zusammen: „Die unglückselige Marokko-Geschichte fängt an, mir zum Halse herauszuhängen. […] Wenn wir aus dieser Affäre wieder mit eingezogenem Schwanz herausschleichen, wenn wir uns nicht zu einer energischen Forderung aufraffen können, die wir bereit sind mit dem Schwert zu erzwingen, dann verzweifle ich an der Zukunft des Deutschen Reichs. Dann gehe ich. Vorher aber werde ich den Antrag stellen, die Armee abzuschaffen und uns unter das Protektorat Japans zu stellen, dann können wir ungestört Geld machen und versimpeln.“ (Moltke 1922, S. 326). Spätestens mit dem Scheitern in der zweiten Marokkokrise war der deutschen Staatsführung deutlich bewusst, dass die weltpolitischen Ambitionen unerfüllt bleiben würden. Die außenpolitische Situation und die eigene Position innerhalb der internationalen Ordnung hatten sich soweit verschlechtert, dass die Statusambitionen nicht mehr realisierbar waren. In der Konsequenz verschlechterten sich die Beziehungen zu den Ententemächten weiter und die Rüstungsspirale zog jetzt auch für die Armee wieder an (Fröhlich 1994, S. 119; Craig 1980, S. 329). Daraufhin versuchten Reichskanzler Bethmann 185 Hollweg und Staatssekretär Kiderlen Wächter mit einem Entspannungskurs die Situation für das Deutsche Reich zu stabilisieren (Canis 2011, S. 459). Ihr Handlungsspielraum war jedoch nur sehr klein, denn Wilhelm II., Staatssekretär Tirpitz und führende Militärs sprachen sich gegen diesen Kurs aus130 und forderten eine erneute Vergrößerung der deutschen Flotte und eine Erhöhung des Bautempos, um Großbritannien schneller einholen zu können (Nipperdey 1993, S. 676). Der Kaiser war davon überzeugt, dass sein Reich nach dieser weltpolitischen Niederlage nun an einem Scheidepunkt stehe: „Wir stehen unleugbar an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte unseres Vaterlandes. Wir haben den Gegner erkannt, sein fast demütigendes Wirken gespürt und knirschend ertragen müssen […]. Ihm imponieren nur Gewalt und Kraft.“ (Brief Wilhelms II. an Bethmann Hollweg vom 26. und 30. September 1911, zitiert in Tirpitz 1924, S. 216– 217). Bethmann Hollweg reagierte, indem er 1912 einen Heeresvermehrungsvorschlag in den Reichstag einbrachte, welcher mit enormen Kosten verbunden war. So wollte er durch sein strategisches Vorgehen den Reichstag dazu bringen, von einer erneuten Flottenvergrößerung Abstand zu nehmen131 (Taylor 1980, S. 472; Kehr 1970, S. 106). Bethmann Hollweg konnte sich in diesen Ressortkämpfen durchsetzen und erreichte eine Heeresvermehrung um 29.000 Soldaten (Kehr 1970, S. 107). Mit der zweiten Heeresvorlage im Herbst 1912 (es wurde die Aufstockung um nochmal ca. 100.000 Mann bewilligt) ging das Deutsche Reich dann faktisch zu einem Massenheer über, welches einer sozialen Revolution gleich kam, denn für diese Heeresstärke gab es nicht genügend Offiziere aus dem preußischen Junkertum und dem 130 Damit trafen sie auch den Nerv der Öffentlichkeit. Nach dem deutlich sichtbaren Scheitern in der Marokkokrise 1911 setzte sich immer mehr die Vorstellung von der Unausweichlichkeit eines großen Krieges in den Köpfen der Menschen fest. Bei den führenden Militärs führte dies zu der Überzeugung, dass nur durch einen Präventivkrieg die deutsche Isolation durchbrochen werden könne. Bethmann Hollweg war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bereit, diesen Strömungen nachzugeben, er hielt immer noch daran fest, eine Détente mit Großbritannien zu erreichen (Ullrich 2007, S. 229). 131 Tirpitz´ Vorschlag für die Novelle 1912 war wieder durch die Ausnutzung außenpolitischer Ereignisse – hier die zweite Marokkokrise – gekennzeichnet. Bethmann und Wermuth, Staatssekretär des Reichsschatzamtes, wollten dieser erneuten starken Flottenvermehrung etwas entgegensetzen, weil zu befürchten war, dass diese Novelle sonst in einen deutschbritischen Krieg münden werde. Sie planten mit einer derart großen Heeresvermehrung, dass eine Überlastung der Reichsfinanzen bei der Umsetzung beider Anträge die Folge wäre und so Kürzungen unausweichlich wurden. Nach einigem Zögern ließ sich auch Kriegsminister Heeringen von diesem Plan überzeugen. Der Kaiser konnte mit dem Hinweis auf die Gefährdung seiner Krone bei Beibehaltung der Marineforderung zu einer Kürzung der Flottennovelle bewegt werden und der von Bethmann initiierte Plan ging auf (Kehr 1970, S. 106). 186 Adel (Taylor 1980, S. 473). Auf die anderen Mächte – vor allem auf Frankreich und Russland, die direkt von deutschen Truppen bedroht werden konnten – wirkten diese Heeresvermehrungen außenpolitisch anlasslos. Spätestens mit der Forderung nach einer weiteren Heeresvermehrung im Herbst 1912 fühlten sich Frankreich und Russland direkt bedroht und gingen davon aus, dass das Deutsche Reich einen Angriff plane. Daraufhin setzten auch sie jeweils ihre Rüstungsspiralen in Gang (Kehr 1970, S. 107). Nach der zweiten Marokkokrise bestimmten also Ressortkämpfe und innenpolitische Erwägungen die Außenwirkung der deutschen Außenpolitik; die Statusansprüche tauchten kaum noch in den internen Debatten auf. Um hier die Oberhand zu behalten, versuchte Bethmann Hollweg 1912 erneut einen Annäherungsversuch an Großbritannien (Craig 1980, S. 329). Er wollte britische Konzessionen erreichen, um weitere Flottenvermehrungspläne von Tirpitz im Keim ersticken zu können (Taylor 1980, S. 477). Bethmann Hollwegs Gesprächsangebot wurde von Premierminister Grey aufgegriffen, denn auch er sah die Chance, durch eine sanfte Annäherung an das Deutsche Kaiserreich innenpolitische Probleme lösen zu können: „Bethmann wished to defeat Tirpitz, Grey to silence the radicals. This had a curious effect on the negotiations. Bethmann wanted them to succeed, yet could make no concessions for fear of Tirpitz; Grey had to offer concessions to please the radicals, yet expected the negotiations to fail.“ (Taylor 1980, S. 477). Die britische Regierung schickte ihren Kriegsminister, Richard Haldane, nach Berlin, um mit Wilhelm II. und Staatssekretär Alfred von Tirpitz über Flottenbeschränkungen zu verhandeln. Ziemlich rasch zeichnete sich ab, dass eine Einigung unmöglich war: Tirpitz signalisierte von Beginn an, dass er zu keinerlei Zugeständnissen bereit sei (Hildebrand 1999, S. 273; Taylor 1980, S. 478). Das Scheitern der Haldane-Mission führte zum absoluten Kulminationspunkt des deutsch-britischen Gegensatzes: „Einmal mehr hatte sich die Flottenpolitik als schwere Hypothek für die deutsche Außenpolitik erwiesen.“ (Mommsen 1995, S. 482). Die Verbindung zwischen Großbritannien und Frankreich verfestigte sich nun weiter. Im Sommer 1912 kam es zu einer Relokation der Royal Navy in den britischen Heimatgewässern. Großbritannien zog Schiffe aus dem Mittelmeer ab, um einem potentiellen deutschen Angriff auf das Mutterland begegnen zu können. Den Schutz im Mittelmeer sollte von nun an die französische Marine sicher stellen (Fröhlich 1994, S. 126; Taylor 1980, S. 478). Nach dem Scheitern der Haldane-Mission setzte das Deutsche Reich sein Flottenprogramm fort, aber die Spannungen mit Großbritannien ebbten langsam ab, weil man einfach nicht mehr über die Flottenfrage debattierte (Taylor 1980, S. 481). Die britische Regierung war 187 sich sicher, dass sie das Wettrüsten gegen das Deutsche Reich gewinnen werde und so konnte man sich im Zuge der Balkankrisen langsam wieder annähern, vor allem auch, weil die deutsche Seite hier kaum noch weltpolitische Ambitionen offen artikulierte. Im Oktober 1912 brach der erste Balkankrieg aus. Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro, die sich zum Balkanbund zusammengeschlossen hatten, erklärten dem Osmanischen Reich den Krieg, um sich von der bröckelnden türkischen Oberhoheit zu befreien (Ullrich 2007, S. 232). Schnell zeichnete sich die vernichtende Niederlage der türkischen Armee ab und dieser Konflikt drohte sich auf ganz Europa auszudehnen, denn Österreich-Ungarn war nicht bereit, eine Ausdehnung Serbiens bis an die Adria zu akzeptieren und Russland wollte eben dies erreichen, um seine eigene Stellung auf dem Balkan deutlich zu stärken (Boeckh 1996, S. 37; Ullrich 2007, S. 232). Das Deutsche Reich hatte kein Interesse daran, dass wegen eines kriegerischen Vorgehens Österreichs gegen Serbien und/oder Russland der Bündnisfall des Zweibunds eintrat, denn dies hätte das Räderwerk der Ententen in Gang gesetzt und das Reich in einen Zwei-Fronten-Krieg gestürzt (Fröhlich 1994, S. 120). Die deutsche Führung reagierte auf dieses Dilemma mit einer von Kiderlen Wächter entworfenen Doppelstrategie, um „die Großmachtstellung und das Prestige des Habsburger Reiches und das Bündnis auch mit den Waffen gegenüber einem russischen Angriff zu verteidigen, aber mit den Mächten der Tripleentente – eben unter dem Druck der Kriegsgefahr – zu einer friedlichen Lösung der Adriakrise zu gelangen.“ (Zechlin 1979, S. 128). Die deutsche Regierung versuchte mäßigend auf Österreich- Ungarn einzuwirken, betonte aber gleichzeitig, dass man selbstverständlich bereit sei, seinen Bündnisverpflichtungen nachzukommen. Darauf reagierte die britische Regierung – die grundsätzlich auch an einer friedlichen Lösung interessiert war – mit der Warnung durch Kriegsminister Haldane, dass man in einem europäischen Konflikt nicht still halten werde und „unter keinen Umständen eine Niederwerfung der Franzosen“ akzeptieren werde132 (Lich- 132 Angesichts dieser britischen Warnung geriet Kaiser Wilhelm II. in große Aufruhr. Er rief am Abend des 8. Dezember 1912 seine engsten militärischen Berater zusammen, um die aktuelle Situation zu besprechen. Er ging nun fest davon aus, dass eine Zusammenarbeit mit Großbritannien gescheitert sei und der große europäische Krieg mit britischer Beteiligung kurz bevor stünde. Man einigte sich nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Heer, vertreten durch Generalstabschef Moltke, und der Flotte, vertreten durch Staatssekretär Tirpitz, darauf, dass dieser Krieg spätestens in 1 ½ Jahren zu führen sei, damit das Deutsche Reich noch siegreich aus ihm hervorgehen könne. Dieser „Kriegsrat“, der ohne Reichskanzler Bethmann Hollweg und Staatssekretär Kiderlen Wächter stattgefunden hatte, zeigte einerseits die hohe Bereitschaft zu einem Präventivkrieg, die in der Folgezeit noch weiter zunahm, anderseits verdeutlicht er auch die chaotischen Zustände innerhalb der deutschen Führung. Ei- 188 nowsky, Karl Max Fürst von 1926, S. 120). Trotz dieser angespannten Lage gelang es Bethmann, gemeinsam mit der britischen Regierung, die Krise zu lösen. Die nach London einberufene Botschafterkonferenz konnte den Konflikt durch die Vereinbarung der Selbstständigkeit Albaniens und eines Küstenzugangs für Serbien schlichten (Fröhlich 1994, S. 121). Diese Lösung war jedoch nicht von langer Dauer, bereits im Juli 1913 brach der zweite Balkankrieg aus. Serbien ging erneut als Sieger aus diesem Konflikt hervor. Wieder konnte die Krise durch eine deutsch-britische Zusammenarbeit bearbeitet und mit dem Frieden von Bukarest zumindest vorläufig beendet werden (Ullrich 2007, S. 234–235). Beide Krisen konnten von Großbritannien in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kaiserreich gelöst werden, weil beide Parteien zu blockübergreifenden Teillösungen bereit waren und kein ernsthaftes Interesse an einem großen europäischen Krieg zu diesem Zeitpunkt und aus diesem Anlass hatten. Bethmann Hollweg versuchte in den beiden Krisen auch nicht, wie sein Vorgänger Bülow mit lauten Parolen marktschreierische deutsche Weltpolitik zu betreiben, sondern er setzte auf Weltpolitik durch Entspannung mit Großbritannien und Dämpfung des österreichischen Angriffswillens (Fröhlich 1994, S. 122). Bis zur Julikrise und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bewegten sich die deutschbritischen Beziehungen in ruhigen Bahnen. Es gelang, einige Abkommen über Einzelfälle zu schließen und damit über die Blockgrenzen der Bündnisse hinweg zu kooperieren (Fröhlich 1994, S. 123). Deutsche Weltmachtansprüche spielten hier kaum noch eine Rolle und eine allgemeine Annäherung kam nicht zustande (Canis 2011, S. 552). Mit dem östlichen Nachbarn Russland gelang dies jedoch nicht. Hier verschlechterte sich das Verhältnis erneut, denn durch die Entsendung einer deutschen Militärmission unter Leitung von Generalleutnant Otto Liman von Sanders in das Osmanische Reich im Dezember 1913 wollte das Deutsche Reich eine strategische und politische Schlüsselrolle am Bosporus übernehmen und erneut seinen Weltmachtanspruch demonstrieren (Ullrich 2007, S. 235–236). Mit diesem Vorhaben geriet es in direkten Gegensatz zum Zarenreich, denn der russische Zar und seine Regierung fassten die Kontrolle über die Meerengen und Konstantinopel traditionell als russisches Interesse auf. Das deutsch-russische Verhältnis hatte zu diesem Zeitpunkt auch seinen Tiefpunkt erreicht und im Deutschen Kaiserreich kamen starke antirussische Strömungen hoch, die verbreiteten, dass das Zarenreich den Krieg gegen Deutschland für 1917 plante (Ullrich 2007, S. 237). Diese Strömungen schlugen sich auch in den Köpfen der Reichsleitung nieder; Bethmann Hollweg nen deutlichen Einfluss nahm er jedoch nicht auf die unmittelbare Politik während der ersten Balkankrise (Ullrich 2007, S. 233–234; Canis 2011, S. 503). 189 äußerte nach seiner Rückkehr aus Russland auf seinem Gut in Hohenfinow starke Bedenken, „ob es Zweck habe, neue Bäume zu pflanzen, in wenigen Jahren wären die Russen ja doch da.“ (Zechlin 1964, S. 400). Die Unausweichlichkeit des großen Krieges war nun bis in den letzten Winkel der Staatsspitze vorgedrungen. Bethmann Hollweg war aber immer noch nicht bereit, einen Präventivkrieg gegen Russland zu führen. Damit stand er im Gegensatz zu den führenden Militärs, die zu bedenken gaben, dass Russland in zwei bis drei Jahren mit seiner Rüstung soweit fortgeschritten sei, dass es keine Siegchance mehr für das Deutsche Reich gäbe. Dem solle man durch einen Präventivkrieg zuvor kommen (Röhl 1994, S. 208). Als die deutsche Regierung von heimlichen Gesprächen zwischen Großbritannien und Russland zum Zwecke einer Marinekonvention im Juni 1914 Kenntnis bekam, zerschlugen sich Bethmann Hollwegs Hoffnungen auf eine Détente mit Großbritannien endgültig (Canis 2011, S. 553). Seine innenpolitische Position erfuhr dadurch eine empfindliche Schwächung und die Vertreter der Präventivkriegstrategie wurden mächtiger. In diesem politischen Klima erreichte die deutsche Führung die Nachricht von der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajewo (Ullrich 2007, S. 238). 3.3 Fazit II: Der Statusanspruch des Deutschen Reichs Wie in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt, entwickelte sich das Deutsche Reich nach seiner Gründung schnell zu einem gewichtigen Machtfaktor in Europa. Im Bereich der Wirtschaft setzte direkt nach der Reichsgründung eine Entwicklung ein, die das Reich schnell in eine Spitzenposition auf dem Kontinent brachte. Die halbhegemoniale Machtstellung auf dem Kontinent, die sich aufgrund der Größe und militärischen Fähigkeiten des Aufsteigers nach der Reichsgründung deutlich abzeichnete, wurde durch die imposante Wirtschaftsleistung gestützt und auf eine breitere Basis gestellt. Mit der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. und der Entlassung Bismarcks setzte in den 1890er Jahren auch eine politische Neuausrichtung ein. Das Kaiserreich wollte in der Phase des Hochimperialismus aus seiner kontinentalen Position heraustreten und seine Weltmachtambitionen demonstrieren und durchsetzen. Max Weber fasste die Entwicklung, die das Deutsche Reich zu nehmen hätte, in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Freiburg im Frühjahr 1895 öffentlichkeitswirksam zusammen: „Entscheidend ist auch für unsere Entwicklung, ob eine große Politik uns wieder die Bedeutung der großen politischen Machtfragen vor Augen zu stellen vermag. Wir müssen begreifen, daß die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und seiner 190 Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“ (Weber 1895). Dieser Aufruf nach nationaler Größe und Fortschritt wurde sowohl von weiten Teilen der Öffentlichkeit als auch der Politik geteilt. Historiker, National- ökonomen und Geographen beteiligten sich an der Formulierung der deutschen weltpolitischen Ziele, indem sie das alte auf Europa beschränkte Mächtesystem zu einem weltumspannenden Weltstaatensystem umformulierten, in dem sich das Deutsche Reich seinen Platz erkämpfen müsse. Dieser Platz müsse gleichbedeutend sein mit der Gleichberechtigung mit Großbritannien, das aus seiner Suprematie verdrängt werden müsse (Fischer 1978, S. 69). Besonders enthusiastisch forcierte Kaiser Wilhelm II. den Wunsch nach deutscher Weltgeltung: „What Wilhelm I accomplished for the army, he [Wilhelm II; L. J.] wanted to achieve for the navy. While Wilhelm I succeeded in the unification of Germany, Wilhelm II wanted to found German naval importance [Seegeltung] and thereby German world position.” (Lambi 1984, S. 32). Mit der Kabinettsumbildung 1897 hatte Wilhelm II. auch die personellen Konsequenzen aus seinem Weltmachtanspruch für das Deutsche Reich gezogen. Mit Bernhard von Bülow als Außenstaatssekretär und Alfred von Tirpitz als Staatssekretär des Reichsmarineamtes waren die politischen Weichen in Richtung Weltpolitik gestellt (Massie 1993, S. 164). Bülow demonstrierte dies auch sogleich in seiner ersten großen Reichstagsrede als Minister am 6. Dezember 1897. Mit seiner Forderung nach dem „Platz an der Sonne“ hatte das Deutsche Reich nun endgültig seinen weltpolitischen Anspruch öffentlich angemeldet und war bereit, diesen auch politisch umzusetzen (Bülow 1897) (Abbildung 19). 191 Abbildung 19: Deutscher Statuswunsch Quelle: Eigene Darstellung. Mit der Formulierung des eigenen Weltmachtanspruchs war auch der Akteur definiert, von dem das Deutsche Reich anerkannt werden wollte: Der Hegemon Großbritannien. Großbritannien hatte eine starke Royal Navy, die den „Command of the seas“ (Bönker 2014, S. 287) innehatte und ein Empire, in dem sprichwörtlich die Sonne nie unterging, damit also genau die Attribute, die das Deutsche Reich auch für sich reklamieren wollte. Das Kaiserreich hatte genau wie Großbritannien eine Großmachtposition im europäischen Konzert der Mächte, jedoch hatte sich Großbritannien nach den napoleonischen Kriegen rasch als Weltmacht etablieren können (siehe Kap. 3.1). Diese Stellung strebte das Deutsche Reich nun auch an, wollte es damit doch signalisieren, dass es aus dem Schatten Preußens heraustrete und nun auch seinen Anteil an der Welt einfordern wolle. In den 1870er und 1880er Jahren versuchte das Reich mit konventionellen Strategien die geopolitische Sicherheit in Zentraleuropa zu sichern und unternahm daher auch nur wenige koloniale au- ßereuropäische Initiativen (Eley 2014, S. 26–27). Dies änderte sich in den 1890er Jahren deutlich. Nach dem Ende der kurzen wirtschaftlichen Depression zum Jahreswechsel 1895/96 setzte das junge Reich auf einen neuen Kurs der maritimen Expansion als Startschuss für die deutsche Weltpolitik (Eley 2014, S. 27). Einen ersten, wenn auch noch nicht offensiven Eindruck dieser neuen Position, lieferte Wilhelm II. in seiner Thronrede anlässlich des 25. Jahrestages der Reichsgründung am 18. Januar 1896. Er verwies auf die gro- ßen Leistungen, die sein Großvater und Bismarck zur Reichseinigung unternommen hätten und er sei nun gewillt, diesen Weg weiter zu beschreiten und „die Größe und das Glück des geliebten Vaterlandes zu fördern“ (Kaiser Wilhelm II. 1908, S. 416). Damit wandelte er auf sozialdarwinistischen Pfaden, die eine immer weiter voranschreitende Expansion als logische Konsequenz Kein Wunsch nach Verbesserung Bewertung der Statusposition Wunsch nach Weltmachtstatus Bewertungsphase 192 der Entwicklung von Staaten erscheinen ließen (Eley 2014, S. 28). Dass diese Entwicklung nur gegen Großbritannien möglich sei, machte auch der Publizist und Theologe Paul Rohrbach deutlich: „Das Schicksal Deutschlands ist also England. Wer die Entwicklung der Welt in den letzten hundert Jahren verfolgt hat und dazu aus eigener Anschauung etwas von ihrem heutigen Ansehen kennt, für den gibt es unter allen nationalpolitischen Zukunftsfragen nur eine von schlechthin überragender Bedeutung: ist der angelsächsische Typus dazu bestimmt, allein zur Herrschaft in denjenigen Teilen der Erde zu gelangen, wo die Entwicklung der Dinge noch im Fluß ist, oder wird außerdem auch noch für das deutsche Wesen soviel Spielraum verbleiben, daß es mit konstituierender Faktor des zukünftigen Kulturganzen diesseits wie jenseits des Ozeans erscheint?“ (Rohrbach 1912, S. 10). Eine Konsequenz aus diesem unausweichlichen Kampf sieht Rohrbach in der Stärke des Deutschen Reichs, die es entwickeln müsse, um den Weltmachtanspruch verteidigen zu können (Rohrbach 1912, S. 192). Damit verweist er auf die beiden zentralen Elemente des deutschen Statusanspruchs: Erlangung der Position einer Weltmacht und Anerkennung dieser Position durch Großbritannien. Diese neuen Ansprüche teilte Kaiser Wilhelm II. auch seinem Onkel, dem späteren König Edward VII., zeitnah mit (Massie 1993, S. 166). Damit kann auch wieder auf den in Kapitel 3.1.3 dargestellten Statusmismatch zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Großbritannien zurückgegriffen werden. Wie dort bereits ausgeführt, sah sich das Kaiserreich auf einer Stufe mit Großbritannien, Großbritannien dagegen war nicht bereit, die Ebenbürtigkeit des deutschen Rivalen zu akzeptieren, vielmehr erschien der deutsche Aufstieg als subjektive Bedrohung der eigenen hegemonialen Position. Dieser Statusmismatch zeigte sich nicht nur in der Wirtschaftspolitik. Auch in kolonialen Fragen schien Großbritannien nicht bereit, die deutschen Ansprüche ungefragt anzuerkennen – so die subjektive Wahrnehmung in der deutschen Reichsleitung (Kaiser Wilhelm II. 1922, S. 58–59). Der Versuch der maritimen Expansion des Deutschen Reichs als Ausdruck der weltpolitischen Ambitionen fand in einer Phase statt, wo die anderen europäischen Mächte und die USA die Welt bereits größtenteils aufgeteilt hatten und es für das Reich nur noch sehr schwer möglich war, ein Netz aus überseeischen Basen für die deutsche Flotte zu generieren (Gottschall 2003, S. 2; Snyder 1991, S. 70). Dies führte dazu, dass die Umsetzung der deutschen Ansprüche schnell auf Widerstand stieß und sich im Deutschen Kaiserreich der Eindruck verfestigte, dass man insbesondere von den Briten als „quantité négliable“ angesehen werde (Kennedy 1980, S. 276). Die Ressentiments gegen Großbritannien aus den 1840er Jahren wurden nun verstärkt wieder aufgegriffen und Großbritan- 193 nien wurde erneut als „dämonischer Direktor des europäischen Marionettentheaters“ (Kehr 1979, S. 295) gesehen, der die rechtmäßigen deutschen Ansprüche vereitele. Besonders deutlich artikulierte sich der deutsche Statusanspruch nach einer Weltmachtposition im Wunsch, eine Schlachtflotte zu bauen, die es mit der Royal Navy aufnehmen könne und es dem Deutschen Kaiserreich ermögliche, endlich von Großbritannien als gleichwertiger Partner anerkannt zu werden. Großbritannien wurde von den führenden Kräften im Deutschen Reich als mächtiger und aggressiver Gegner gesehen, der den deutschen Interessen in der Welt im Wege stand. Durch den Bau einer großen Schlachtflotte – so die Argumentation ganz im Sinne des Sozialdarwinismus – könne man sicherstellen, dass Großbritannien die deutschen Ansprüche anerkennen und den deutschen Aufstieg nicht länger behindern werde (Snyder 1991, S. 76– 77). Durch den strategischen Flottenplan, den Tirpitz in den 1890er Jahren entwarf, gelang es, die Elite im Kaiserreich von diesen weltpolitischen Zielen noch stärker zu überzeugen, weil eine Umsetzung so endlich realistisch erschien. Die tatkräftige finanzielle und agitatorische Unterstützung der Eliten trug dazu bei, die Flottenpolitik – und damit auch die Weltpolitik – im Volk populär zu machen (Snyder 1991, S. 104). Damit war ein „Kampfinstrument des deutschen Imperialismus“ gefunden, welches als „weltpolitisches Kriegsinstrument“ neben das kontinentalpolitische Element der Armee treten konnte und dieses auch zeitweilig verdrängte (Kehr 1979, S. 295). 194

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References

Zusammenfassung

Die Bedeutung von Status und Statusansprüchen nimmt in der internationalen Politik immer weiter zu. Eine hohe Position innerhalb der internationalen Hierarchie scheint für Staaten immer wichtiger zu werden. Eine noch offene Frage dabei ist, wie ein Staat seinen Aufstieg in der internationalen Statushierarchie umsetzt und welche politischen Mittel er dafür einsetzt. Dieser Lücke widmet sich die Autorin durch eine Weiterentwicklung der bisherigen theoretischen Angebote der Statusliteratur in der Politikwissenschaft. Sie entwickelt ein eigenes Analyseraster, mit dem sich das Statusstreben eines einzelnen Staates analysieren und nachverfolgen lässt. Diese theoretische Entwicklung wird dann anhand des Statusstrebens des Deutschen Reiches unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs überprüft. Als Fallbespiele dienen die deutsche Flottenrüstungspolitik und die deutsche Außenpolitik im Zusammenhang der beiden Marokkokrisen 1905/06 und 1911. In diesen beiden Politikfeldern versuchte die deutsche Führung besonders intensiv, ihren Statusanspruch als Weltmacht durchzusetzen, da eine große Schlachtflotte und kolonialpolitische Initiativen die damals wertvollsten Statusmarker darstellten.