Content

2. Theoretische Positionen zum Verständnis von Beziehung und Kommunikation in:

Katharina Ludewig

Beziehungskompetenz in sozialen Organisationen, page 9 - 36

Gewaltfreie Kommunikation als Methode für die professionelle Interaktion

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4080-5, ISBN online: 978-3-8288-6917-2, https://doi.org/10.5771/9783828869172-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
2. Theoretische Positionen zum Verständnis von Beziehung und Kommunikation Ein erster Bezug der Sozialarbeit zu meinem Thema ergibt sich bereits aus einem Kemelement dieser Profession, denn: Soziale Arbeit IST Beziehungsarbeit. Diese Aussage findet ihre Differenzierung in der Definition für professionelle Soziale Arbeit des internationalen Sozialarbeiterverbandes (vgl. IFSW 2005), nach welcher sich „[professionelle Soziale Arbeit in ihren verschiedenen Formen [...] an die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt [richtet]“. Neben der Förderung des sozialen Wandels zielt Soziale Arbeit darauf ab, mit einer Vielfalt an Methoden „Menschen zu befähigen, ihre gesamten Möglichkeiten zu entwickeln, ihr Leben zubereichem und Dysfunktionen vorzubeugen“ (Bemler & Johnsson 1993, 32). In diesem Sinne ist psychosoziale Arbeit2 ein zentraler Aspekt der Sozialarbeit (vgl. ebd.), deren integrative Ausrichtung sich an der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt in Form einer Austauschbeziehung verdeutlicht (vgl- Preis 2006, 61; Berufsethi sche Prinzipien des DBSH 1997). In Fachkreisen wird mitunter sogar die Meinung vertreten, Beziehungsarbeit als Methode sei vorrangig bzw. „fast wichtiger als die sozialarbeiterischen Handlungsarten [• • -]“3 (Herwig Lempp 2002, 42). Obschon die renommierte Sozialpädagogin und Forscherin Maja Heiner (1944— 2013) in erster Linie an einen professionellen Kontakt zwischen Sozialarbeiter und Klient denkt, wenn sie in dem „Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen [...] das wichtigs te Erfolgskriterium“ (2004, 140) sieht, lege ich meiner Arbeit das Postulat zugrunde, dass dieses Kriterium ebenso für die Zusammenarbeit zwischen professionellen Hel fern in sozialen Organisationen zutrifft. 2 Psychosoziale A rbeit kann verstanden w erden „als Sam m elbegriff für jene sozialarbeitenschen M ethoden [ . . . ] , die bezogen au f Ind iv iduen , Fam ilien und G ruppen zur V orbeugung und B e hand lung d irekt angew andt w erden“ (B em ler & Jo h n sso n 1993, 32). Folglich gehören andere B e reiche Sozialer A rbeit, w ie z.B . gesellschaftliche A rbeit oder P lanung und A dm inistration , n icht dazu (vgl. ebd.). 3 G em eint sind die von Peter Lüssi (vgl. 2008, 392—474) postulierten sechs H andlungsarten in der Sozialen Arbeit. 9 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Als theoretische Grundlegung für mein Thema wird in diesem Kapitel zunächst die Frage nach dem Einfluss des Menschenbildes auf die Art unserer Beziehungsgestal tung, die Bedeutung von gelingenden Beziehungen und von Kooperation für die menschliche Existenz (2.1—2.3) sowie die Frage nach den Bedingungen für eine gelin gende Beziehungsgestaltung aus kommunikationstheoretischer Sicht diskutiert (2.4.1 — 2.4.2). Diese Bedingungen konkretisieren sich in dem Relationalitäts-Paradigma, das die Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Rothe (2006) als Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation — und damit auch für gelingende Beziehung — postu liert. Dieses Paradigma, das in den Kapiteln 2.4.3 und 2.4.4 erörtert wird, stellt eine weitere zentrale Basis für mein Verständnis von gelingender Beziehung und somit für meine These dar. 2.1 Zum Wesen von Beziehungen „U nsere W elt ist eingebettet in den K osm os als ein unendliches G eflecht von B eziehungen — w ir leben in einem universellen B eziehungstanz.“ W o lf R itscher (2007, 17) Wenn wir danach fragen, was unter dem Begriff Beziehung zu verstehen ist, zeigt sich, dass allein schon die Vielfalt von Beziehungsarten (wie z.B. Arbeits-, Freund schafts-, Liebes- oder Verwandtschaftsbeziehungen) keine einheitliche Definition zu lässt. So existiert laut Gerold Mikula (1993, 304) in der Beziehungsforschung bislang „kein allgemein akzeptierter Katalog von Merkmalen oder Variablen für die Beschrei bung von Beziehungen“. Ganz allgemein wird unter Beziehung jedoch ein ganz for males Konzept verstanden, mit dem die Verbindungen zwischen verschiedenen Ele menten eines Systems oder zwischen Systemen gemeint sind (vgl. Ritscher 2007, 33). Die beiden Pioniere der Psychosomatischen Medizin Thure von Uexküll und Wolf gang Wesiack (2003, 38) entwerfen ein Bild aus „Fäden von Nachrichtennetzen [...] , die lebende Systeme mit anderen Systemen und ihrer Umgebung verknüpfen“. So stellt der Mensch als Teil eines Systems selbst ein komplexes System dar, welches „aus einer Vielfalt unterschiedlicher Bezüge und Wechselwirkungen“ (Wehmeier 2001, 131) besteht. Die Gründe für das Fehlen einer eindeutigen Definition sieht Robert A. Hinde (1993, 8), ein bedeutender Pionier der psychologischen Beziehungsforschung, in der Komplexität der „Phänomene zwischenmenschlicher Beziehungen — mit all ihrer Vielfalt, ihren mannigfaltig interagierenden Variablen, den Schwierigkeiten ihrer Beschreibung und Messung [.. .]“.4 Zudem haben die W issenschaftsd iszip linen , die sich für B eziehungen in teressieren (wie z.B . So zialpsycho logie, E ntw icklungspsychologie , K linische P sychologie, Sozio logie oder K om m unika- 10 ^l^Z um ^W esen^von^Beziehungen Beziehungen unterscheiden sich u. a. hinsichtlich der Interessen und Ziele der Be teiligten, ihres Systemkontextes (Mikro-, Meso-, Makroebene), ihres sozial-emotiona len Klimas sowie hinsichtlich der Rollen und Zuständigkeiten der jeweiligen Bezie hungspartner (vgl. Kaiser 2000, 136). Überdies werden Beziehungen durch bestimmte Muster geprägt (vgl. Ritscher 2007, 34). Unter dem Einfluss der Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jack son (vgl. 1990, 68 ff.) unterscheidet die Kommunikationsforschung heute zwischen symmetrischen, komplementären und reziproken Beziehungen (vgl. dazu auch Delhees 1994, 316f.). Die Frage, wie Beziehungssysteme im Zwischenmenschlichen mit ihren „Hervor lockungen und Blockierungen“ funktionieren, ist laut dem Psychologen und Kom munikationsforscher Friedemann Schulz von Thun (vgl- 2001b, 247) noch weitgehend unerforscht. Nach seiner Auffassung seien „hier Energieströme und Resonanzphä nomene wirksam“, die mit bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Modellen nicht erklärbar seien (vgl. ebd.). Einigkeit besteht immerhin in der Erkenntnis, dass „Beziehungen [...] Prozesscharakter [haben]“ (Wehmeier 2001, 50). Beziehungen ver laufen dynamisch und „jede Interaktion innerhalb einer Beziehung kann den weiteren Verlauf der Beziehung beeinflussen“ (Hinde 1993, 10). Umgekehrt stehe jede Interak tion unter dem Einfluss des Charakters der Beziehung, in die sie eingebettet ist (vgl. ebd.). Der Psychologe und Organisationsberater Peter Kaiser (2000) versucht, Bezie hung zu definieren, indem er zwischen Interaktion und Beziehung einen Zusammenhang herstellt. Demnach besteht eine Beziehung aus einer „Reihe einzelner Interaktionen zwischen einander bekannten Personen, zwischen Personen und Systemen sowie zwi schen Systemen oder Subsystemen“ (ebd., 135), wobei jede Interaktion geprägt ist durch ihren Beziehungskontext und „sowohl von vorangegangenen als auch künftig erwarteten Interaktionen beeinflußt [wird]“ (ebd.). Diese Interaktionen bzw. inhaltli chen Botschaften sind für den Psychologen und Sozialwissenschaftler W olf Ritscher (vgl- 2007, 33) das Medium, durch das Beziehungen hergestellt, entwickelt, erhalten oder auch zerstört werden. Beziehungen sind demnach eingebettet in eine soziale Komplexität, die in verschiedene wechselseitig aufeinander einwirkende Ebenen ge gliedert ist. So beeinflusst z.B. das Wesen einer Gruppe den zwischenmenschlichen Umgang der Gruppenmitglieder und umgekehrt. In gleicher Weise existiert eine wechselseitige Beeinflussung von Gruppe und Gesellschaft (vgl. Hinde 1993, 10). Be ziehung ist also nach den Worten des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1992, 19 f.) Gegenseitigkeit: „M ein D u w irk t an m ir, w ie ich an ihm w irke. [ . . . ] W ie w erden w ir von K indern, w ie von T ieren erzogen! U nerforsch lich einbegriffen leben w ir in der ström enden A ll-G egenseitig keit.“ tionsw issenschaft) untersch iedliche T hem enschw erpunkte m it entsprechend versch iedenen A na lyseverfahren und T erm inologien (vgl. M iku la 1993, 3 0 3 ff.). 11 L^Theoretische^Positionen^zum ^Verständnis^von^Beziehun^und^Kom murnkatio^ 2.2 Kooperation versus Konkurrenz - der Einfluss des Menschenbildes5 auf die Beziehungsgestaltung „W ir g lauben, unser D enken sei realistisch , w enn es von M itge fühl befreit ist, von der Fähigkeit Schm erz zu teilen, Leid zu verstehen , und vom G efühl der V erbundenheit m it allen Lebe w esen. D enken w ir aber ohne M itgefüh l, dann leben w ir in e i ner Scheinw elt aus A bstraktionen , die K am pf und K onkurrenz zu den T riebkräften unserer E xistenz m achen.“ Arno G ruen (2013, 11) Im Hinblick auf mein Thema — Beziehungskompetenz — widme ich mich nun dem Aspekt, der nach der Ansicht des Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer (2008) unser Menschenbild und damit auch die Gestaltung unserer Arbeitsbe ziehungen am tiefgreifendsten beeinflusst: der — in unserer Gesellschaft kontrovers diskutierten — Frage, ob w ir von Natur aus „auf Kampf oder auf Menschlichkeit ausgerichtete Wesen seien“ (ebd., 9). Diese Frage, ob Konkurrent oder 'Kooperation die Existenz der Menschheit ermöglicht, stellt Joachim Bauer in seinem Buch Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Matur aus kooperieren (2008) in den Mittelpunkt der Dis kussion.6 Jede dieser beiden entgegengesetzten Grundhaltungen habe Auswirkungen auf verschiedenste gesellschaftliche Lebensbereiche und somit auch auf das menschli che Miteinander am Arbeitsplatz. So werde sich z.B. die Überzeugung eines Vorge setzten, dass Menschen grundsätzlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien, auf des sen gesamten Verhaltens- und Führungsstil am Arbeitsplatz auswirken (vgl. J. Bauer 2008, 12 f.). Wie der Titel seines Buches bereits vermuten lässt, vertritt Joachim Bauer die These, dass ,,[d]as Streben des Menschen nach Zuwendung und Kooperation“ (ebd., 223) die Grundlage der menschlichen Existenz darstellt. Im Gegensatz dazu steht das Konzept des britischen Naturforschers Charles Darwin (1809—1882) vom „Kampf als Grundprinzip der Natur“ (J. Bauer 2008, 100), das damals den Grundstein für ein vor allem in westlichen Ländern verbreitetes anthropologisches Modell legte, wonach der Mensch von Natur aus auf den Kampf ums Überleben programmiert sei und jegliches Handeln, selbst das Kooperieren, auf selbstsüchtigen Motiven basiere (vgl. ebd., 19f.). 5 In unserem Sprachgebrauch hat der B egriff M ensch enb ild zw ei A rten von V erw endung: Zum ei nen kann er als „ein Bündel von A nnahm en [ . . . ] , das W esen des M enschen betreffend [ . . . ] “ (Rothe 2006, 26) verstanden w erden ; zum anderen findet der B eg riff im w issenschaftlich -theo retischen K ontext der Psychologie eine synonym e V erw endung für Persön lichkeit oder Persön lichkeitsm odelle, au f deren G rundlage dann versucht w ird , Persön lichkeitsunterschiede system a tisch darzustellen (vgl. P allasch & Petersen 2005, 43 ff.; Spieß 1996, 143 f.). In d iesem K apitel soll es um die erstere Form der V erw endung des B egriffes gehen. 6 D abei setzt er sich insbesondere m it dem darw in istischen M enschenbild sowie m it den A nsich ten des prom inenten britischen Soziobio logen R ichard D aw kins (u. a. 2010) auseinander. 12 Dieses Menschenbild stützend trat 1976 der britische Soziobiologe Richard Dawkins mit der Auffassung an die Öffentlichkeit, dass das sogenannte ,egoistische Gen‘ „An triebsfeder allen Lebens auf dieser Erde sei [.. .]“(ebd., 19). Ziel sei es, „sich selbst ma ximal zu vermehren und gegen die Konkurrenz anderer Gene durchzusetzen“ (ebd.). Dawkins habe mit seiner Theorie gerade im Bereich der Soziobiologie eine hohe po sitive Resonanz erfahren (vgl- ebd.). Das auf dem Denken Darwins fußende Men schenbild und die daraus folgenden Strategien hätten, so Joachim Bauer, „nicht zu letzt durch den Einfluss der Soziobiologie — keineswegs abgedankt, im Gegenteil“ (ebd., 201). Solche Konzepte, die ,,[a]uf Wettstreit der angeblich Tüchtigsten, auf Auslese und Neoliberalismus“ (ebd., 203) orientiert sind, „sind neuerdings wieder en vogue“ (ebd.). Kritisch fragt hier der deutsch-schweizerische Schriftsteller und PsychoanalytikerAmo Gruen (2013, 12): „W ie können w ir vor d iesem H intergrund überhaupt die Fragen über unser Ü berleben [ . . . ] , über G ew alt und Frieden klären, w enn die A nnahm e unsere Sich t verdunkelt, nur K am pf und K onkurrenz seien die T riebkräfte unserer E xistenz?“ Joachim Bauer (vgl. 2008, 154ff./224) setzt Dawkins Idee vom ,egoistischen Gen‘ seine Auffassung entgegen, dass in den Genen prim är das biologische Prinzip der mole kularen Kooperation und Kommunikation verankert sei und belegt dies mit empirischen Forschungsergebnissen. Er kommt zu dem Schluss, dass nicht Konkurrenz, sondern schon immer 'Kooperation7 die Existenz der Menschheit gesichert hätte. Alle Systemfor scher seien sich heute darin einig, dass sich die Entwicklung einfacher Systeme zu komplexen biologischen Strukturen nicht mit dem Prinzip des Verdrängungskampfes und der Auslese erklären ließe, sondern dass sie „in zentraler Weise Kooperation voraus[setzt]“ (ebd., 224).8 Das Erfolgsgeheimnis der Evolution sei nicht Konkurrenz, sondern Kooperation, welche „als zentrales Element einer gesellschaftlichen Wert ordnung veranker[t]“ (ebd., 204f.) werden müsse. In zahlreichen Experimenten hätte man nachweisen können, dass Menschen „in Alltagssituationen tatsächlich kooperie ren“ (ebd., 185; kursiv i. O.). Joachim Bauer resümiert: Der Mensch ist „ mcSxt fü r gesell schaftliche Modelle ,gemacht‘, in denen Kampf und Auslese vorherrschen“ (ebd., 204; kursiv i. O.). Vielmehr seien Menschen Wesen, deren „zentrale Motivationen auf Zuwendung und gelingende mitmenschliche Beziehungen gerichtet sind“ (ebd., 9).9 Denn, so legt der ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ A ^ K o o £ e ra tio n ^ v e rsu s^ K o n k u rre n z 1 E ntsprechend w ird aus sozio logischer Sicht K ooperation (aus dem Lat. cooperatio = Z usam m en w irken , M itw irken) defin iert als „das geordnete, m öglichst produktive und erfo lgreiche Z usam m enw irken von Indiv iduen sowie von sozialen G ebilden als ein ex istenziell no tw endiges G rund verhältn is der gesam ten praktizierten L ebensbew ältigung“ (H illm an 1994, 447). 8 So seien alle bedeutsam en b io logischen Strukturen und Prozesse (wie z.B . das Z usam m enw irken von Z ellen in O rganen und O rganism en) gekennzeichnet durch Z usam m ensp iel und Resonanz. A uch die G ene seien „per se hochgrad ig kooperative System e“ (ebd., 224), die ständ ig au f U m welteinflüsse reagierten und sich d iesen anpassen könnten ("ausführlicher dazu auch in B auer 2010 ). 9 A ls eines von versch iedenen B eisp ielen beschreibt J . B auer (vgl. ebd., 187 ff.) ein von den US- Forschem R obert K urzban und D aniel H ouser durchgefuhrtes E xperim ent, bei dem beobachtet 13 2VTheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Autor dar, das Gehirn reagiere auf gelungenes Miteinander, indem es Botenstoffe aus schütte, die wesentlich seien für positive Gefühle und für die Gesundheit (vgl. ebd., 30ff.). Nicht zuletzt sei das Modell des ^weckrationalen Entscheiden10 schon „vor allem deshalb falsch, weil es den im Menschen verankerten Wunsch, vertrauensvoll zu agie ren und gute Beziehungen zu gestalten, außer Acht lässt“ (ebd., 191). Gestützt werden die Erkenntnisse des Autors durch prominente Vertreter aus anderen Fachgebieten, wie u.a. aus der Naturforschung, der Sozialwissenschaft, der Psychologie und der Or ganisationspsychologie. Exemplarisch seien hier der amerikanische Psychologe Carl Rogers (z.B. 1994), der Züricher Psychoanalytiker Arno Gruen (z.B. 2002) oder auch der südafrikanische Paläoanthropologe Phillip Tobias (s. in Mayer-Rönne 2006, 107) genannt. Tobias (vgl. ebd.) widerlegte die Theorie, dass die Menschheit schon immer Konflikte hauptsächlich gewaltsam gelöst hätte. Nach seiner Überzeugung überlebte die Menschheit nur, weil die Mitglieder eines Stammes kooperativ zusammengearbei tet und auf die Bedürfnisse aller geachtet hätten (vgl. ebd.). Laut der Wirtschaftspsy chologin Erika Spieß (vgl. 1996, 166) konnte zudem in Studien belegt werden, dass sich in Organisationen im Rahmen eines kooperativen Arbeitsprozesses die Fähigkei ten der einzelnen Mitarbeiter nicht lediglich addieren, sondern dass sie sich im Sinne eines Synergieeffektes um ein Vielfaches erhöhen können (vgl. dazu auch Schräder 2008, 187; Petzold 1998, 295ff.; Graeff 1996, 122f.). So besteht für den Neurobiolo gen und Himforscher Gerald Hüther (2007b, 61) ,,[d ]ie große A ufgabe der B io logie im 21. Jahrhundert [ . . . ] darin [ . . . ] , der so ausgieb ig er forschten auseinander treibenden K raft der K onkurrenz eine kom plem entäre, für den Z u sam m enhalt alles L ebend igen verantw ortliche K raft gegenüberzustellen und m it allen M it teln ihrer w issenschaftlichen K unst zu erforschen“ . w urde, w ie sich Personen verhalten , w enn sie in ein gem einschaftliches U nternehm en investie ren. Sie hatten die W ah l, die anderen Teilnehm er zu übervorteilen oder aber sich so lidarisch zu verhalten . Im E rgebnis en tschieden sich 76% der T eilnehm er für die Kooperation. 10 Joach im B auer (vgl. ebd., 190 f.) bezieht sich h ier auf die R ationa l Choke Theory (= B ezeichnung für eine bestim m te H andlungstheorie aus den W irtschafts- und Sozialw issenschaften), w elche postu liert, dass M enschen in erster L in ie im Sinne eigener N utzenm axim ierung handeln und en tschei den würden. 14 2.3 Kooperation und Beziehung als Grundbedürfnis des Menschen „D er M ensch hat in e iner fruchtbaren A tm osphäre die Freiheit, jede R ich tung zu w äh len ; tatsächlich w äh lt er jedoch die kon struktive.“ Peter F. Schm id (1989, 102) Dass Beziehungen für Menschen als soziale Wesen ein Grundbedürfnis darstellen, wurde inzwischen durch viele empirische Studien und vor allem durch neuere Unter suchungen in der Neurobiologie belegt (vgl. Bauer 2010, 12ff.). Der amerikanische Psychologe und Mitbegründer der Humanistischen Psychologie Abraham H. Maslow (1908 — 1970) ist davon überzeugt, dass soziale Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Liebe, Kommunikation, Kontakt, Geborgenheit, Achtung und Vertrauen sowie Aufmerk samkeit gegenüber der eigenen Person existenzieller Natur seien, deren Nichtbefriedi gung krankmachende Folgen haben könne (vgl. Maslow 2008, 62ff.). Menschen, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden und denen somit der soziale Resonanz raum fehlt, könnten im Extremfall sogar daran sterben, konstatiert Bauer (vgl. 2006, 105). Verantwortlich für dieses Geschehen sei das System der Spiegelneurone, das zur neurobiologischen Grundausstattung gehöre (vgl. ebd., 119). Diese „Spiegelneurone stellen einen gemeinsamen sozialen Resonanzraum bereit [•••]“, sie bieten „einen überindividuellen, intuitiv verfügbaren, gemeinsamen Verständigungsraum“ (ebd., 106). Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1995 wird in Spiegelneuronen die biologische Ur sache für die Fähigkeit der Empathie und Imitation vermutet: Man nimmt an, dass das, was Individuen tun bzw. empfinden, bei den beobachtenden Individuen eine spiegelnde Aktivierung ihrer neuronalen Systeme auslöst — „so, als würden sie selbst das Gleiche empfinden oder die gleiche Handlung ausführen [ . . .]“ (ebd.). Dieses Phä nomen wird als neurobiologische Resonanz bezeichnet (vgl. ebd., 23).11 Bleiben diese Sig nale der spiegelnden Resonanz aus, wird unser Gefühl der Zugehörigkeit und der so zialen Identität infrage gestellt, „das Individuum bewegt sich plötzlich in einer Art luftleeren Raum“ (ebd., 107).12 Bauer schlussfolgert daraus, „dass der Empfang einer Mindestdosis von verstehender Resonanz ein elementares biologisches Bedürfnis“ ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^3^K oo£ eration^und^B eziehung^als^G rundbedürfn is^des^M ensche^ 11 Aus neurob io logischer Sicht ist die Fähigkeit zur E m path ie n ich t angeboren , sondern sie entw i ckelt sich erst (besonders im frühesten K indesalter) durch die sp iegelnde R esonanz zw ischen K ind und Bezugsperson au f der G rundlage der E xistenz der Spiegelneurone (vgl. ebd., 119). W ird diese E ntw ick lung durch V erw eigerung der B eziehungsaufnahm e zum K leinkind beein trächtigt, kann daraus ein gestörtes Sozialverhalten und m angelndes E m path ieverm ögen im E r w achsenenalter entstehen . N ach heutiger w issenschaftlicher E rkenntn is können E m path iedefiz i te, w ie z.B . bei s traffä llig en jugen d lich en , durch geeignete T rain ingsprogram m e (teilweise) kom p en sie rtw erd en (vgl. E issele 2009, 5 9 ff.). 12 N achgew iesen w erden konnte, dass soziale Z uw endung die A usschüttung von w ichtigen B oten stoffen im G ehirn (wie z.B . D opam in und O xytocin) bew irkt (vgl. ebd.). 15 2^Theoretische^Positionen^zum ^Verständnis^von^Beziehun^und^K om m unikatio^ (ebd.) darstellt, ohne das kein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt werden könne.13 Dass Menschen einander als Personen wahrnehmen, sei aus neurobiologischer Sicht ,,[e]rste Voraussetzung für Beziehung“ (ders. 2008, 193). Anerkennung, Vertrauen und Zugewandtheit ist für Joachim Bauer „der neurobiologische Treibstoff der Motiva tionssysteme“ (ebd., 192; kursiv i. O.). Entsprechend sei „Nichtbeachtung [...] ein Motivationskiller und Ausgangspunkt für aggressive Impulse“ (ebd., 193). Aus dieser Perspektive stünden Aggressionen im Dienste sozialer Beziehungen, denn sie würden dann auftreten, wenn wir unsere Beziehungen als bedroht empfinden, sie fehlen oder nicht gelingen (vgl. ebd., 75ff.).14 Folgende fünf Kriterien hält der Autor (vgl. ebd., 192) für das Gelingen von zwischenmenschlichen Beziehungen für entscheidend: (1) Sehen und Gesehenwerden, (2) gemeinsame Aufmerksamkeit gegenüber etwas Drittem, (3) emotionale Resonanz, (4) gemeinsames Handeln und (5) wechselseitiges Verstehen von Motivation und Absicht. Der dauerhafte Ausfall nur einer dieser fünf Kriterien könne Beziehungen — ob am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld — zum Scheitern bringen (vgl. ebd., 192 f.; s. dazu die Kap. 5.5.2.1 und 5.5.2.2). Wie erklärt sich nun dieses Bedürfnis nach Beziehung und Kooperation? Hüther (vgl. 2007a) beantwortet diese Frage auf einem im Jahr 2007 in Heidelberg gehaltenen Vortrag folgendermaßen: Im Menschen seien zwei wesentliche miteinander konkur rierende Grundbedürfnisse — Verbundenheit b^w. Zuwendung sowie Wachstum b^w. Auto nomie — bereits vorgeburtlich angelegt, denn das seien die Grunderfahrungen, die der Embryo bereits im Mutterleib mache. Mit dieser Erwartungshaltung trete der Mensch dann in die Welt (vgl- ebd., Audiovortrag, Kap. 4, ab Min. 0:03). Demnach könne sich das menschliche Gehirn nur in sozialen Gemeinschaften entwickeln (vgl- ebd., ab Min. 2:25). In seinem Vortrag entwickelt Hüther (vgl. ebd., ab Min. 0:55) ein Bild von „individualisierten Gemeinschaften“, in denen beide Bereiche gleichermaßen erfüllt seien: mit ändern Menschen verbunden sein und sich gleichzeitig frei entfalten können. Die ses Bild deckt sich mit der These von Joachim Bauer (vgl. 2008, 205), wonach eine auf Kooperation basierende Werteordnung die Freiheit des Einzelnen wahre und zudem Kreativität, professionelle Kompetenz und Bildung fördere. Für Bauer sind die bereits im Mutterleib auf Kooperation und Zuwendung angelegten Grundtendenzen verant wortlich dafür, dass Menschen, wenn sie die Wahl haben, „kooperatives Vorgehen einzelkämpferischen Strategien vor[ziehen]“ (ebd., 191). 13 V ertiefend dazu auch die psychologische Perspektive des deutsch-am erikanischen Psychoanalyti kers E rik H. E rikson (vgl. 2010 , 192). 14 D ieser Sichtweise fo lgend em pfieh lt Christoph B esem er (vgl. 2002, 26 f.), A ggression als (Uber-) Lebensenergie zunächst w ertfrei zu betrachten. 16 2 .4 G e lin g e n d e K o m m u n ik a tio n a ls re la tio n a le sP a rad ig ^ a Der dänische Familientherapeut Jesper Juul (vgl. 1997, 93) schlussfolgert, es sei ein Mythos des vergangenen Jahrhunderts zu glauben, das Bedürfnis des Individuums, seine Integrität zu wahren und zu entwickeln, sei nicht mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Organisation und Entwicklung vereinbar. Genau das Gegenteil sei der Fall. In der Pflege der Integrität und Autonomie des Einzelnen sieht Juul die Voraus setzung für eine gesunde Entwicklung von Gemeinschaften: „Es gibt kein kollektives Wohlbefinden, wenn es sich nicht auf individuelles Wohlbefinden gründen kann“ (ebd.). 2.4 Gelingende Kommunikation als relationales Paradigma Der Begriff gelingende Kommunikation geht zurück auf die Theorie des Kommunikativen Handelns des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas (1981), in welcher er postuliert, dass es bestimmte Bedingungen für die „ideale Sprechsituation“ gebe. Dazu gehört u.a., dass sie symmetrisch sein muss. Das heißt, sie darf weder durch Herrschaft noch durch interne Zwänge, wie z. B. durch Angst, behindert werden. Um Konsens zu erreichen, müsse in der Diskussion zudem eine Chancengleichheit für beide Kommunikationspartner bestehen. Auch setze die „Herbeiführung eines Ein verständnisses“ Verständigung voraus. Für Habermas basiert Verständigung auf einem intersubjektiven Prozess15 des Bemühens um wechselseitiges Verstehen, auf gegenseitigem Vertrauen sowie auf geteiltem Wissen (vgl. Frindte 2001, 52; Delhees 1994, 45).16 Die Theorie von Habermas (1981) wird in der Kommunikationswissenschaft konträr diskutiert; so ist — in Abgrenzung zu dieser Theorie — nach dem systemtheore tischen Verständnis des Soziologen Niklas Luhmann (vgl. u.a. 1988) identisches Sinn verstehen als Ideal einer „gelingenden Kommunikation“ nicht möglich. Denn das, was nach außen sichtbar wird, sei immer nur eine Reduktion dessen, was an Reflexion, Wissen und Ideen im psychischen System des Menschen vorhanden ist, jedoch unzu gänglich bleibt: „Systeme [können] nur ein Selbstverständnis [entwickeln], nie aber ein Fremdverständnis [ ...] , ganz gleich, wie sie sich bemühen“ (Faßler 1997, 66). Auch Heinz J. Kersting (vgl. 1991, 109) bezweifelt, dass wir einander wirklich verstehen kön nen, doch dank unserer Sprachfähigkeit seien wir „nicht total abgeschlossene Syste me“ (ebd.) und könnten uns immerhin auf einen gemeinsamen Sinn verständigen bzw. einen solchen konstruieren, der wiederum die Grundlage für gemeinsames Handeln bilde. 15 U nter Intersub jektiv ität ist in d iesem Z usam m enhang im Sinne des Sym bolischen Interaktion is m us (s. Kap. 2.4.2.3) zu verstehen , dass ein von den K om m unikationspartnern gem ein sam ge te ilte r B edeu tungsinha lt für bestim m te H andlungen und Sym bole besteht, der erst im Prozess der K om m unikation hergestellt w ird (vgl. Frindte 2001 , 47). 16 D iesem M odell stellt H aberm as die strategische K omm unikation gegenüber, die m ittels M anipulation , D ruck oder T äuschung der B eeinflussung des K om m unikationspartners d ienen soll (vgl. Frindte 2 0 0 1 ,3 6 ff.). 17 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Das Entstehen dieses konsensuellen Bereiches erklären die chilenischen Neurobio logen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela (z.B. 2009) mit ihrem 'Konzept der strukturellen Kopplung. Danach bilden Kommunizierende als lebende psychische Systeme ein nur für sie typisches Kommunikationsmuster. Erreichen die wechselseiti gen Beeinflussungen eine Stabilität im Sinne einer Passung, können sich die Interagie renden gegenseitig zu Strukturveränderungen und damit zur Entwicklung anregen (vgl. Kleve 2003b, 144; Bardmann et al. 1992, 42; Hollstein-Brinkmann 1993, 48). Dennoch ist es nach dieser Theorie niemals möglich, ein anderes System so zu erfas sen, wie es ist. In jedem Annäherungsprozess bleibe offenbar ein Teil, der durch Ver stehen nicht erfasst werden könne (vgl. Kersting 1991, 109; Kleve 2003a, 74ff.; Vogel 1996, 169; Seethaler 1998, 75). Die Bedingungen für das Herstellen dieses konsensuellen Bereiches im Sinne ge lingender Kommunikation sollen Thema dieses Kapitels sein, wobei ich mich aus schließlich auf die kommunikationstheoretischen Positionen konzentriere, die für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Kommunikation — als „wichtigste Form sozialer Interaktion“ (Ries 1998, 446) — und Beziehungsgestaltung hilfreich sind. In diesem Sinne ist Kommunikation ein zentrales Thema der Sozialpsychologie. 2.4.1 Der Zusammenhang zwischen Beziehung und Kommunikation Die Etymologie des Wortes Kommunikation weist bereits auf den engen Zusammen hang zwischen Kommunikation und Beziehung hin: Das lateinische Wort communicatio wird übersetzt mit Mitteilung, Verbindung, Verständigung. Hier zeigt sich der „soziale Charakter“ von Kommunikation (vg1- Delhees 1994, 13): Menschen treten zu anderen Menschen in Beziehung. Der Sozialwissenschaftler Heiko Kleve (2003a, 89) formuliert noch konsequenter, „daß sich soziale Systeme aus Kommunikation und nur aus Kommunikation konstitu ieren [ . . . ] “ und für Rothe (vg1- 2006, 15) sind die Begriffe interpersonale Kommunikation und sozial tautologisch. Letztlich sei „Kommunikation [...] der Lebensnerv jeder Be ziehung“, betonen Roger Fisher & Scott Brown (1992, 129), zwei Vertreter des Har vard-Konzeptes. Hierbei ist für Rothe (2006) der Begriff Beziehung weiter gefasst als die räumlich-zeitliche Dimension der Face-to-Face-Kommunikation. Denn Beziehung meine immer „das Gesamt der Kommunikation“ (ebd., 16) zwischen Menschen im Rahmen einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Qualität. Den Begriff Begegnung hingegen setzt Rothe mit Face-to-Face-Kommunikation gleich (vgl. ebd.). Durch Kommunikation werden Beziehungen in und zwischen sozialen Systemen definiert bzw. ausgehandelt. Dabei trägt jeder Kommunikationsvorgang zur Entste hung von Interaktionsmustem bei, die den weiteren Verlauf der Beziehung bestim men (vgl. Wiemann & Giles 1996, 360; Frindte 2001, 143). Mit Fisher & Scott (1992, 105) kann also festgehalten werden, dass die Qualität unserer Kommunikation „ein Indikator für den Zustand der Beziehung“ ist. Durch die Art unserer Kommunikation können wir Beziehungen vertiefen oder auch zerstören. Die Frage nach dem Bedin 18 ^^4^G elm gende^Kommunikation^als^relationales^Paradigm^ gungsgefüge für gelingende Arbeitsbeziehungen in Teams ist also immer auch verbun den mit der Frage nach gelingenderPommunikation. Ausgehend von dem Erkenntnisinteresse meiner Arbeit, wie wir effektiv auf eine positive Veränderung des Arbeitsklimas in sozialen Organisationen einwirken können, greife ich im Folgenden einige kommunikationstheoretische Aspekte auf, die zum einen für eine verständigungsorientierte Kommunikation — als Grundvoraussetzung für funktionierende Beziehungen in Teams — und zum anderen als theoretische Grundlegung für das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (Rosenberg 2004a) von Bedeutung sind. 2.4.2 Ausgewählte theoretische Grundannahmen zur Kommunikation „Sobald ein M ensch au f diese Erde kom m t, ist K om m unikation der größte E inzelfaktor, der darüber en tscheidet, welche A rt von B eziehungen er m it anderen eingeht und was ihm w ider fährt.“ V irg in ia Satir (in Cole & Steinw eg-F leckner 2003, 7) Um es gleich vorwegzunehmen: Kommunikation bezieht sich auf ein breites Spek trum von Phänomenen; sie ist also — mit den Worten des Schriftstellers Theodor Fontane (2011) — „ein weites Feld“.17 Unmöglich kann in diesem Rahmen die Fülle der (durchaus interessanten und auch wichtigen) Aspekte der Kommunikation im De tail reflektiert werden. Definitionsversuche für Kommunikation gibt es viele18, was darauf hindeutet, dass nicht klar ist, was Kommunikation eigentlich ist, sonst würden die Ansichten verschiedener Kommunikationstheoretiker nicht so weit auseinander driften (vgl- dazu u.a. Endruweit 1989, 343). Rothe (2006) resümiert, dass das Phäno men der Kommunikation bislang nicht hinreichend erforscht sei, vielmehr gebe es „eine ganze Reihe von multidisziplinär verankerten und terminologisch heterogen for mulierten Theoriefragmenten [...] , die kaum kompatibel zu sein scheinen“ (ebd., 2). Übereinstimmung in der Fachwelt besteht immerhin in der Erkenntnis, dass Kommunikation ein sozialer Prozess ist, in welchem Zeichen aller Art zum Zweck der Informationsvermittlung zwischen Systemen ausgetauscht werden (vgl. Ries 1998, 446; Ellgring 1987, 196f.). Auch sind sich die Experten der relevanten Professionen darüber einig, dass Kommunikation unsere menschliche Existenz grundlegend prägt. So wäre bspw. aus der Sicht von Kleve (2003a, 75) ohne kommunikatives Verhalten 17 D iese in Fontanes R om an (2011) F fß B ries t von V ater B n est häu fig benutzte Form ulierung ist heute zum geflügelten W ort gew orden; sie w ird benutzt, w enn die K om plexität eines schw er überschaubaren Them as verdeutlicht w erden soll. 18 B ereits in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts analysierte und dokum entierte der deutsche K om m unikationsw issenschaftler K laus M erten (1977) 160 verschiedene D efin itionen von K om m unikation. 19 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ „[d]ie Evolution sozialer Wesen, wie etwa des Menschen [...] undenkbar [•••]“. Die Einschätzungen der Kommunikationstheoretiker divergieren hauptsächlich bezüglich der Frage, ob Kommunikation als linearer oder als zirkulärer Prozess verstanden wer den sollte. Im Kontext meines Themas konzentriere ich mich auf das systemische Verständnis von Kommunikation, nach welchem im Verlauf eines zirkulären Prozesses Sender und Empfänger voneinander abhängige, sich gegenseitig beeinflussende Teile des ge meinsamen (Kommunikations-)Systems bilden.19 Kommunikation ist demnach keine lineare Kausalkette von Ursache und Wirkung, sondern ein System mit Rückkopp lung. Es gibt somit keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende. Vielmehr erfolgt die „Interpunktion der Ereignisfolgen“ (Watzlawick et al. 1990, 57) aus der subjektiven Sicht der Gesprächspartner. In einer ständigen Abfolge von Botschaften, Reizen und Reaktionen ist jeder der Beteiligten in gleicher Weise Sender wie Empfän ger von Signalen. Eine „säuberliche Trennung von Reiz und Reaktion (Täter und Opfer, Subjekt und Objekt)“ (Neuberger 2002, 627) ist demzufolge nicht möglich. Dabei kann Kommunikation als reziproker Prozess nur im Gesamtzusammenhang der begleitenden und gleichzeitig ablaufenden Prozesse (wie z.B. auch die Botschaften auf nonverbaler Ebene) verstanden werden. Diese Perspektive grenzt sich ab von einer traditionellen, der monadischen Sichtweise verhafteten Psychologie, indem sie sich „mit den Beziehungen zwischen und nicht der Natur von Entitäten befaßt“ (Watzlawick et al. 1990, 23; kursiv i. O.). Es interessiert stets, wie Menschen ihre Kommunikation zueinander gestalten, nicht weshalb sie dies tun, denn das Wie ihrer Kommunikation bilde die Regeln des Umgangs miteinander und definiere die Beziehung (vgl. dazu das 2. Axiom von Watzlawick et al. 1990, 53ff.).20 In einem zirkulären Kommunikations prozess geht es also um die Interaktionen, die in bestimmte Kontexte der Umwelt eingebunden sind. Sowohl diese Interaktionen als auch die aktuelle soziale Situation haben nach dieser Theorie Einfluss auf das Verhalten der Akteure (vgl. ebd., 22ff.). Kommunikation und Interaktion dienen der Herstellung und Aufrechterhaltung von sozialen Systemen, gleichzeitig regeln sie das Verhältnis der Systeme und Subsysteme 19 V ertreter des trad itionellen linearen M odells vergle ichen K om m unikation m it einem aus der N achrichtentechn ik en tlehnten Sender-Em pfänger-M odell. K om m unikation w ird in d iesem S in ne verstanden „als Ü berm ittlung von N achrichten zw ischen einem Sender und einem E m pfän ger [ . . . ] , w obei der Sender die N achricht kodiert, d .h . m it e iner bestim m ten A bsich t versieht [ . . . ] und der E m pfänger seinerseits die N achrich t dekodiert [ . . . ] “ (Prosch, Zit. nach Kolodej 1999, 56). D as G elingen der K om m unikation hängt davon ab, ob der Sender die N achrich t rich tig verm itte lt und w ie der E m pfänger d iese in terpretiert (vgl. ebd.). In all d iesen au f einer linearen „U rsache-W irkung-E rklärung“ aufbauenden M odellen bilden Sender und E m pfänger jeweils e i ne unabhängige E inheit, sie sind als „autonom e, inform ationsverarbeitende Instanzen konzeptualisiert“ (Frindte 2001 , 47); die einzelne Person steht im M itte lpunkt (vgl. ebd.; vgl. auch u .a . E sser 2000a, 1 58 f.; G ra e f f l9 9 6 , 110f.). 20 N ach d iesem 2. A xiom enthält jede M itte ilung neben dem Inhaltsaspekt einen B eziehungsaspekt, m it dem der Sender zum A usdruck bringt, w ie er die B ez iehung zu seinem G egenüber einschätzt (vgl. ebd ., 53/116). 20 ^^4^G elm gende^Kommunikation^als^relationales^Paradigm^ zueinander (vgi- ebd., 114ff.). Durch das Erkennen der wechselseitigen zirkulären Be einflussung der Kommunikationspartner können laut dem Sozialwissenschaftler Ul rich Pfeifer-Schaupp (vgl. 2002, 21 f.) wirkungsvolle Impulse zur Veränderung von verfestigten Kommunikationsmustem entstehen: weg von den Charaktereigenschaf ten des Einzelnen hin zur Suche nach dem vorherrschenden Kommunikationsmuster zwischen den Beteiligten (vgl. u.a. auch Wiemann & Giles 1996, 333; Wellhöfer 1988, 94; Esser 2000a, 258 f.; Biesenkamp & Buck 2006, 13). In den nächsten drei Kapiteln (2.4.2.1—2.4.2.3) erörtere ich drei kommunikations theoretische Positionen, deren Inhalte m. E. für eine gelingende Beziehungsgestaltung einen zentralen Stellenwert haben und die eine weitere Grundlage für das Verständnis der GFK bilden. 2.4.2.1 Wahmehmen und Verstehen Nach der Einschätzung von Rothe (vgl. 2006, 15/100) findet zwischenmenschliche Kommunikation bereits dann statt, wenn ein Mensch wahmimmt, dass seine Wahr nehmung von der anderen Person wiederum wahrgenommen wird. Das heißt, wir treten in das Wahmehmungsfeld des anderen ein.21 Von unserer Wahrnehmung hängt allerdings entscheidend ab, wie wir miteinander kommunizieren. Ausschlaggebend ist hier das konstruktivistische Postulat, dass unsere Wahrnehmung nie die objektive Realität widerspiegelt, sondern dass die sogenannte Wirklichkeit „gleichbedeutend ist mit unserem subjektiven Erleben der Existenz, daß Wirklichkeit die Struktur ist, die wir der Welt auferlegen“ (Watzlawick et al. 1990, 249; vgl. dazu auch Hollstein-Brink mann 1993, 30; Kleve 1999, 104; Bardmann et al. 1992, l l f . ; Pallasch & Petersen 2005, 47).22 Dabei sind uns eher jene Informationen zugänglich, die wir aufgrund un serer verinnerlichten sozialen Konzepte erkennen können und die für uns Sinn er geben (vgl. Kleve 2003b, 196f.). Je nachdem, welche Kriterien ein Beobachter seiner 21 H ier träfe dann das erste der von W atzlaw ick et al. (vgl. 1990, 50ff.) postulierten fünf A xiom e über in terpersonelle K om m unikation zu, w elches besagt, dass m an n icht n ich t m iteinander kom m unizieren könne. 22 D am it w ird ein 'Kernpunkt der d ifferierenden W eitsicht zw ischen M oderne und Postm oderne an gesprochen (vgl. dazu K leve 2003a, 26 ff.). D as W eltb ild der M oderne, von dem u. a. die G eistes w issenschaften , die T heologie , die P sychologie, Sozio logie und die Philosophie geprägt sind, ist gele itet von der determ in istischen V orstellung, dass die W irklichkeit durch N aturgesetze bestim m t w erde und som it auch alles plan- und kontro llierbar sei. D ieses m echanistische W eltb ild vo llz ieht eine T rennung zw ischen dem beobachtenden Subjekt und dem zu beobachtenden O bjekt (vgl. G am m a 2003, 207). Für V ertreter der Postm oderne h ingegen g ib t es kein autonom es Subjekt, sondern sie gehen davon aus, „dass alles Leben , W elt und M ensch , m iteinander verbunden und voneinander abhängig sind“ (ebd., 212). N ich t zuletzt die R elativitätstheorie von A lbert E instein (1879 — 1955) stützt die A nnahm e, dass die physische und konzeptionelle Position des B eobach ters m itbestim m end ist für das R esu ltat seiner E rkenntn is (vgl. H olstein -B rinkm ann 1992, 26). (Bezüglich der Relevanz des postm odernen W eltb ildes für die professionelle Sozialarbeit verw ei se ich au f die L iteratur von K leve, u .a . 1999; 2000; 2003a; 2003b; 2007.) 21 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Auswahl von Informationen zugrunde legt, aus welcher Perspektive, mit welchen Be wertungen und mit welchem Ziel er einen Sachverhalt betrachtet, wird er ,seine‘ Wirk lichkeit beschreiben (vgl- Simon 2002, 140).23 Unsere Wahrnehmung ist also immer selektiv und somit eine Reduktion von 'Wirklichkeit. Unsere Art zu kommunizieren wird jedoch nicht nur beeinflusst von unseren Wertvorstellungen, Denkmustem und Über zeugungen, sondern auch von der aktuellen Situation und dem Beziehungsgefüge, in dem wir leben. Persönliche Erfahrungen bieten hier oft die Grundlage für die Ent wicklung bestimmter Einstellungen oder auch Vorurteile und Stereotype, die dann unsere Personenwahmehmung beeinflussen. Wir schreiben also Menschen bestimmte Eigenschaften aufgrund unserer impliziten Persönlichkeitstheorien zu (vgl. Sawizki 1995, 54f.; auch Dechmann & Ryffel 2001, 33f.; Wellhöfer 1988, 104/114ff.).24 In diesem Sinne beschreibt Wolfgang Frindte (2001, 17) Kommunikation als „ein[en] soziale[n] Prozess, in dessen Verlauf sich die beteiligten Personen wechselseitig zur Konstruktion von Wirklichkeit anregen“. Dieser Ansatz ist für das Verständnis der GFK von zentraler Bedeutung, denn von dem Postulat ausgehend, dass „Objektivität eine Illusion bleiben muss“ (Kleve 1999, 103), betont auch Rosenberg (vgl. Rosenberg & Seils 2004, 61 ff.), dass die Einteilung in richtig und fa lsch, gu t und böse allein auf Konzepten gesellschaftlicher Normen bzw. Strukturen und subjektiver Bewertung basiere. Ein wesentliches Me dium, „über das Konstruktion von Wirklichkeit geschieht [ . . . ] “ (Beer 2003, 61), ist die Sprache. Sie suggeriert, w ir würden, wenn wir miteinander sprechen, das Gleiche meinen. Doch selbst, wenn wir dieselben Worte verwenden, können sie in jeweils völlig unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen stehen. Da wir, wie bereits oben erwähnt, immer nur das verstehen können, was unser System ^ulässt, ist es dann schon nicht mehr das, was gesendet wurde (vgl. Kleve 2003b, 40). Aus diesem Ver ständnis heraus stimme ich Kleve zu, wenn er schreibt, dass es ,,[g]enau genommen [...] in der Kommunikation niemals zu einem wirklichen Konsens kommen [kann]“ (ebd.). In diesem Zusammenhang weist Rosenberg (vgl. Rosenberg & Seils 2004, 45) in Anlehnung an den polnischen Sprachforscher Alfred Korzybski (1879—1950) darauf hin, dass Worte für die Beschreibung der Realität stets nur Synonyme seien und sie diese als solche nie wiedergeben könnten. Erinnert sei an dieser Stelle an den 23 D iese S ichtw eise ist im Ü brigen bereits seit v ielen H undert Jah ren B estandte il der buddhisti schen W ahrnehm ungstheorie. D er B uddhism us unterscheidet h ier zw ischen gew öhn lichem B e w usstsein und erleuchteter W eisheit. Im Zustand des gew öhnlichen B ew usstseins (konventionel le W ahrnehm ung) erschafft unser Ego seine eigenen , durch subjektive B ew ertung geprägten B il der. N ur im erleuchteten Zustand können die D inge ohne B ew ertung w ahrgenom m en werden. D er historische B uddha soll gesagt haben: „Es ist unser G eist, der die W elt erschafft“ (vgl. Franz 2006, 2). 24 Interessan t sind hierzu die E rkenntn isse aus der G ehimforschung^ w onach laut C lem ens K uby (vgl. 2008, 172) die S innesorgane an unserer W ahrnehm ung allenfalls zu 9% beteiligt sein sollen. D em nach w erden 91% eines E indrucks aus dem Inneren gespeist, d.h. durch persönliche E in stellungen , V orannahm en , M enschenbilder. 22 ^24^G elingende^Kommunikation^als^relationales^Paradig^a^ in der konstruktivistischen Literatur viel zitierten Satz von Alfred H. S. Korzybski (1933), der sinngemäß lautet: „Die Landkarte (Sprache) ist nicht das Land (Wirklich keit). Werden Landkarte und Land verwechselt, kann das zu fehlerhaften Schlussfol gerungen führen.“25 Für Frindte (vgl- 2001, 57) ist der soziale und psychische Prozess des Verstehens abhängig von der Passfähigkeit der jeweiligen Konstruktionen der Kommunizierenden. Konstruktionen könnten auch passen, wenn wir unterschiedlicher Auffassung sind. Verstehen sei also „kein Durchschauen von Wesenheiten [...] , auch nicht die Vorher sage und das Erklären psychischer Hintergründlichkeiten [...] . Verstanden haben wir jemanden oder etwas, wenn es uns gelingt, mit diesem ins 'Verhältnis yw treten, was wie derum nur heißt, uns zu etwas absichtsvoll und fe lgerich tet zu verhalten“ (ebd., 53; kursiv durch K. L.). Letztlich gehe es darum, Anschluss an die Art des Umgangs anderer Menschen mit sich selbst und der Umwelt zu erlangen (vgl. ebd., 53ff.; vgl. auch Faßler 1997, 88). In diesem Sinne bezeichnet Thomas Altmann (vgl. 2010, 19) Ver ständigung als den Versuch, die unterschiedlichen Landkarten zumindest teilweise in Übereinstimmung zu bringen (vgl. auch Birkenbihl 2002, 1). Peter Jensen (2003, 74) fragt nun, wie Kommunikation „trotz des eingelagerten Missverstehens funktionieren“ könne. Unter Bezug auf den amerikanischen Psycho therapeuten und Entwickler der „Lösungsorientierten Kurzzeittherapie“ Steve de Shazer (1940—2005) meint Jensen, obgleich man „dem Missverständnis nicht entrinnen“ (ebd.) könne, sei die Bereitschaft der Kommunikationspartner entscheidend, einander verstehen zu wollen. Es bedürfe einer wohlwollenden Haltung, einer Bereitschaft des „Für-wahr-Haltens“ als ein Band in der Kommunikation. So könne auch ein Missver stehen oder Dissens als Antrieb gesehen werden, die Kommunikation fortzusetzen und die Annäherung zu suchen (vgl. ebd.; vgl. auch Frindte 2001, 57). Aus dieser Perspektive ist für den Mediator und Organisationsberater Rudi Ballreich (vgl. 2006a, 3 f.) Verstehen ein Prozess, der sich im Laufe bestimmter Entwicklungsphasen immer mehr entfaltet. Phasen der Anpassung und des Streits könnten in diesem Prozess not wendig sein, um sich in einem nächsten Schritt auf der Basis der gegenseitigen Akzep tanz über tieferliegende Themen auszutauschen. Dieser Prozess unterstütze dabei, dass sich Perspektiven weiten und eigenverantwortliche Entscheidungen sowie ver bindliche Abmachungen getroffen werden könnten. In diesem Sinne bezeichnet Jen sen (2003, 75) Verstehen als eine „wesentliche professionelle Kompetenz in der Sozia len Arbeit“. Ihre gesellschaftspolitische Funktion, Hilfe zu leisten und auf Inklusion hinzuwirken (vgl- ebd.) ist demnach untrennbar verbunden mit der Fähigkeit des Ver- 25 K orzybskis (1933) E rkenntn isse haben V ertreter des R ad ikalen K onstruktiv ism us, w ie u .a . M aturana & V are la (z.B. 2009), Luhm ann (z.B. 1988), von Foerster (z.B. 1999) und W atzlaw ick (z.B . 2011) w esentlich beeinflusst. A uch versch iedene system ische T herap ieform en, w ie z.B . die T ransaktionsanalyse (Berne & W agem uth 2010), die System ische Fam ilientherapie (Satir 1989), und dam it n icht zuletzt die system ische Praxis in der Sozialarbeit (vgl. u .a . B ardm ann et al. 1992; P feifer-Schaupp 2002; H erw ig-Lem pp 2002; B eer 2003; K leve 1999; R itscher 2007), w urden von seinen E rkenntn issen geprägt. 23 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Stehens, vornehmlich, wenn Sozialarbeiter versuchen, sich den individuellen Wirklich keiten ihrer Klienten anzunähem und sie bei der Suche nach (für sie passenden) Lö sungen zu unterstützen (vgl. auch Kleve 2003a, 76ff.). Im folgenden Kapitel widme ich mich dem Dialog als einer Sonderform der Kom munikation, die ein tieferes Verstehen fördert. 2.4.2.2 Der Dialog als Form der Kommunikation Während es in der Kommunikation in übergeordnetem Sinne um wechselseitige In formationsübermittlung geht, die zwischen sozialen Organismen in vielfältiger Form stattfindet (vgl- Delhees 1994, 11), kommt dem Dialog (als einer Unterform der Kom munikation) eine andere Bedeutung zu. Im Alltagsgebrauch wird Dialog verstanden als ein „anspruchsvoller Prozess der Verständigung“ (Sandkühler 1999, 255f.). Der Dialog unterliegt als „komplexe sprachliche Handlung [ . . .]“ (Widulle 2005, 15) be stimmten sozialen Regeln (z.B. Abbau von Machtgefällen und Abhängigkeiten). Er bedarf elementarer Dialogfähigkeiten (u. a. Zuhören, Respektieren und Artikulieren) sowie eines Mindestmaßes an inhaltlicher Kohärenz und Kooperation. Ein Dialog hat einen Anfang und ein Ende. Er dient im Prozess des reflexiven Austauschs von In formationen, Wissen und Meinungen der Koordination und Initiierung gemeinsamen Handelns (vgl- ebd., 15f.). Während in einem gemeinsamen Denkvorgang in einer Gruppe „ein Strom von Sinn“ (Kuhn-Friedrich 2007, 205) entstehe, könnten sich neue Inhalte entwickeln, die allen gemeinsam sind (vgl. Bohm 2008, 27). Der Begriff Dialog geht zurück auf das griechische Wort dialogos und bedeutet et wa: das Verstehen von Wortbedeutungen; der Sinn (logos) fließt durch das Denken und Sprechen der Einzelnen sowie durch das Gespräch hindurch (diä = durch). Der Dialogansatz als reflexiver Lernprozess stützt sich vor allem auf Sokrates (469—399 v. Chr.), Martin Buber (1878 — 1965) und David Joseph Bohm (1917—1992), die drei wichtigsten Pioniere des Dialogs. Die unterschiedlichen Schwerpunkte, die diese drei großen Denker aus ihrem jeweiligen Verständnis setzen, werden im Folgenden in An lehnung an Ballreich (vgl. 2006a, 2) skizziert: Für den griechischen Philosophen Sokrates bedeutet Dialog eine Einheit wechsel seitiger Rede zwischen zwei Individuen oder Gruppierungen, um im Austausch ver schiedener Erfahrungen, Wahrnehmungen bzw. Meinungen neue Erkenntnisse zu ge winnen. Der Fokus des philosophischen Dialogs als Methode (Mäeutik) liegt auf der Erörterung von These und Antithese, um im Sinne der klassischen Dialektik zu neuen Erkenntnissen zu gelangen (vgl. ebd.; auch Pech 2007, 204f.). Einen anderen Schwerpunkt setzt Buber (1992) in seiner Dialogphilosophie, in der das Dialogische Prinzip als Oberbegriff für seine Philosophie des "Zwischenmenschlichen gilt. Im Zentrum steht hier weniger der Austausch von Sachpositionen, sondern das, was ^wischen zwei Menschen in der "Begegnung geschieht. Ein Dialog entstehe, wenn das Ich einem Du — von Wesen zu Wesen — begegne: „Die Sphäre des Zwischenmenschli chen ist die des Einander-gegenüber; ihre Entfaltung nennen wir das Dialogische“ 24 ^Z4^Gelmgende^Kommunikation^als^relationales^Paradig^a^ (ebd., 276). Damit sich in der dialogischen Begegnung der Raum bzw. das Kraftfeld des ,Zwischen‘ entfalten könne, seien drei dialogische Prinzipien Voraussetzung, die Z u sammenwirken müssen: 1. Prinzip: Die am Dialog Beteilten sind selbstständig und präsent in ihrem Ausdruck und begegnen einander jenseits eines Machtgefälles in voller Gegenseitig keit. 2. Prinzip: Die Gesprächspartner bemühen sich um einen authentischen Ausdruck ihres Denkens, Fühlens und Wollens auf der Grundlage einer möglichst ungetrübten Selbstwahmehmung (ausführlicher dazu in Ballreich & Glasl 2007, 160). 3. Prinzip: Einfühlsame Wahrnehmung und Akzeptanz der Andersheit und der Sicht weisen des Gegenübers bei gleichzeitiger Zentrierung im eigenen Wesen ermöglicht, dass die Beziehungskraft im Dia-Logos wirken kann (vgl. Buber 1992; Balireich 2006a, 2f.; Schmid 1989, 105f.). Der amerikanische Physiker und Philosoph David Bohm (2008) greift auf das Gedan kengut von Buber (1992) und Sokrates zurück und entwickelt daraus einen eigenen Dia logansatz— vor allem für Gruppen. Nach Bohms Verständnis kommen Menschen für einen Dialog zusammen, um gemeinsam zu denken, zu erkunden und nach Lösungen zu suchen. Im Mittelpunkt steht hier der Gedanke, dass auf der Basis einer respekt vollen und vorurteilsfreien Haltung in einem offenen Austausch Ideen entstehen kön nen, die nicht nur die Integration der unterschiedlichen Positionen beinhalten, son dern dass sich etwas Neues entwickelt, das zuvor von keinem der Beteiligten gedacht wurde: „Und wenn wir in der Lage sind, alle Ansichten gleichermaßen zu betrachten, werden wir vielleicht fähig, uns auf kreative Weise in eine neue Richtung zu bewegen“ (ebd., 66). Dieses Phänomen der Emergenz (aus dem Lat. e-mergo = auftauchen lassen)26 beobachtete Bohm in eigenen Kommunikationsseminaren mit Gruppen. Voraussetzung für diesen „Geist des Dialogs“ (ebd., 33) sei, dass sich die Teilnehmer nicht mit ihrer Meinung identifizieren; vielmehr werde jede Meinung „in der Schwe be“ (ebd., 55) gehalten. Die Teilnehmer hören einander vorurteilsfrei zu, ohne einan der zu beeinflussen, und jede Meinung wird integriert (vgl. ebd., 27f.). Bohm (ebd., 33) vermittelt ein Bild eines „freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fließt“. Das könne zu Veränderungen der Individuen und so auch zu neuen Qualitäten im zwischenmenschlichen Umgang führen (vgl. ebd., 100). Laut dem amerikanischen Organisationsentwickler Peter Michael Senge (vgl. 1998, 19/301 f.) bauen konstruktive Arbeitsbeziehungen in Teams vor allem auf dieser dialogischen Qualität auf. Insofern betrachtet Senge (vgl. ebd., 33f./290ff.) den Dia 26 E m ergenz w ird u .a . in der System theorie , der Philosophie und Psychologie als „das A uftreten neuer, n icht voraussagbarer Q ualitäten beim Z usam m enw irken m ehrerer Faktoren“ (D uden Frem dw örterbuch 2001, 264) beschrieben. E m ergenz tritt in b io logischen , psych ischen und so zialen System en au f (ausführlicher dazu u .a . in K leve 2003a, 91ff.). 25 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ log als einen zentralen Bestandteil des Team-Lernens (s. Kap. 8.1). Zwischen 1992 und 1994wurde am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) der Dialog in Gruppen zu einer Methode weiterentwickelt, die in Organisationen ange wendet werden kann. Darauf aufbauend identifiziert Senge (vgl. ebd.) in Anlehnung an Bohm den Dialog sowie die qualifizierte Diskussion als die beiden wichtigsten Dis kursformen in Teams. Beide Formen seien für den Erfolg von Organisationen und für eine kontinuierliche Entwicklung von Teams wichtig und müssten zueinander in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Während es im Dialog um ein komplexes und vertiefendes Verstehen von Vieldeutigem und Widersprüchlichem gehe und niemand versuche zu gewinnen, werde in der Diskussion (zumeist) angestrebt, über den Aus tausch von unterschiedlichen Ansichten zu einer ,,nützliche[n] Analyse der Gesamtsi tuation“ (ebd., 300) zu gelangen, um so auf der Handlungsebene Entscheidungen tref fen zu können (vgl. ebd., 300f.; s. auch Kap. 8.1). 2.4.2.3 Kommunikation als Form der Symbolischen Interaktion „D ie letzte der m ensch lichen Freiheiten besteht in der W ah l der E inste llung zu den D ingen .“ V ik to r Frankl (in R ust 2009, 49) Eine weitere wesentliche Grundlage für das hier postulierte Verständnis von Kom munikation ist die soziologisch-sozialpsychologische Kommunikations- und Entwick lungstheorie des Symbolischen Interaktionismus. Sie befasst sich mit der Analyse mensch lichen Handelns27 auf der Grundlage der Bedeutungsgebung für die jeweilige Situa tion. Als einer ihrer wichtigsten Begründer gilt der amerikanische Sozialpsychologe George Herbert Mead (1863—1931). Eine seiner zentralen Thesen besagt, dass menschliches Verhalten und Bewusstsein sich nur in einem Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Individuum (Interaktion) entwickeln könne. Das Potenzial für die Selbstentfaltung des Menschen liege in einer Gemeinschaft handelnder und kommu nizierender Menschen. Wiederum könne ohne Interaktion bzw. Kommunikation keine Gesellschaft existieren. Mit der Theorie des Symbolischen Interaktionismus wird u.a. versucht, aus der Beschaffenheit von Kommunikationsprozessen die Ent stehung von gesellschaftlichen Strukturen zu erklären (vgl. Mead & Morris 2010; vgl. auch Frindte 2001, 27f.). Der Begriff Symbolischer Interaktionismus wurde von Meads Schüler, dem amerikanischen Soziologen Herbert Blumer (1900—1987) geprägt. Sym bolisch bezieht sich auf die Bedeutungen der sprachlichen Symbole, deren Universalität die Grundlage für die Verständigung im menschlichen Zusammenleben bildet. Postu liert wird, dass kommunikative Handlungen, Situationen oder Beziehungen Sym bolcharakter haben, deren Bedeutung von allen Mitgliedern einer Gruppe bzw. der 27 M enschliches H andeln bzw. V erhalten w ird h ier gem äß der A uffassung von W atzlaw ick et al. (vgl. 1990, 51 f.) und Satir (1973, 80) m it zw ischenm enschlicher K om m unikation gleichgesetzt. 26 ^24^G elingende^Kommunikation^als^relationales^Paradig^a^ Gesellschaft in gleicher Weise interpretiert wird. Bedeutungen sind demnach zu ver stehen als „individuell übereinstimmende Wirklichkeitskonstruktionen, die zum kultu rellen Hintergrund unserer Kommunikation gehören“ (Frindte 2001, 146). Dabei ist das wichtigste Medium dieser Interaktion die Sprache. Die gemeinsam geteilte Inter pretation von sprachlichen Symbolen ruft bestimmte Reaktionen hervor, sie vermittelt soziale Standards und beeinflusst somit das individuelle und das gemeinschaftliche Verhalten (vgl- Retter 2002, 27ff.).28 Die Orientierung des Menschen in der Gesell schaft beruht also auf gemeinsamen Bedeutungszuschreibungen für Handlungen, Erfahrun gen und Lebensvollzüge. Diese Aushandlungsprozesse gemeinsamer Bedeutungsgebung sind für den Zusammenhalt sozialer Systeme entscheidend (vgl. Sickendieck et al. 1999, 163). Interaktionismus meint in diesem Zusammenhang, dass ,Gesellschaft‘ aus dem ständigen Interagieren ihrer Mitglieder erwächst und dass die Interpretation von Verhalten nur in ihrem zwischenmenschlichen Kontext und unter Einbeziehung der Situation zu verstehen ist (vgl- Retter 2002, 28ff.; Frindte 2001, 47). Aus dieser Perspektive ist mit Watzlawick et al. (vgl- 1990, 48f.) zu schließen, dass Begriffe wie normal/abnormal als individuelle Eigenschaften ihren Sinn verlieren, denn Symptome, die bei isolierter Be trachtungsweise als unnormal betrachtet werden könnten, erscheinen im Kontext der Beziehung durchaus als nachvollziehbar und sinnvoll. Blumer (vgl. Bitschnau 2008, 21) arbeitete die theoretischen Überlegungen von Mead (Mead & Morris 2010) aus und fasste diese in Grundprämissen zusammen. Die drei wichtigsten Grundannahmen interaktionistischen Denkens lauten: (1) Menschen handeln stets aufgrund von Bedeutungen, die sie den Dingen, Per sonen oder Situationen beimessen. Keine Situation bzw. kein Gegenstand hat eine Bedeutung aus sich heraus. (2) Situationen, Dinge oder Personen haben für alle Mitglieder einer Gruppe eine gemeinsame Bedeutung, deren Definition bzw. Interpretation in der sozialen In teraktion ausgehandelt und festgelegt wird. Wenn also Bedeutung als Kon struktion ein soziales Produkt ist, wäre daraus zu schließen, dass (3) Bedeutungen in einem interpretativen Prozess verändert werden können (vgl. Bitschnau 2008, 21). Diese Postulate sind für die Gestaltung einer gelingenden Kommunikation aus der Perspektive der GFK aus zwei Gründen von hoher Relevanz (vgl. Rosenberg 2004a, 28 M ead geh t davon aus, dass w ir in unserer A rt zu kom m unizieren und zu denken in früher K ind heit geprägt w erden. W ir w erden M itglieder der G esellschaft, indem w ir die N orm en und W erte sowie die uns zugedachten R ollen bis zu einem gew issen Grad übernehm en. Für M ead erfo lgt die E ntw icklung einer Identität („Seif“) also im m er in W echselw irkung m it der G esellschaft. D er M ensch versucht, eine Balance zu finden zw ischen dem V ersuch , sich an die (von ihm interpre tierten) E rw artungen aus der G esellschaft anzupassen (soziales Selbst = „M e“), und g le ichzeitig eigene B edürfnisse und V orstellungen in unserer sozialen W elt um zusetzen (personales Selbst = „I“). B eide , das gesellschaftliche Ich und das m dividuum szentnerte Ich , b ilden in e iner W echsel beziehung zueinander Id en titä t (vgl. ebd.). 27 2VTheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ 69ff.): Zum einen geht es in der GFK darum, die Bedeutung der jeweiligen Situation für die handelnde Person zu erfassen (vgl- Bitschnau 2008, 21); zum anderen werden neue Handlungsoptionen möglich, indem „Aussagen — vor allem Aussagen in Form von Kntik, Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Ähnlichem — neue Bedeutungen zu gewiesen [...] werden“ (ebd.; vgl. auch Gens & Pasztor 2008, 82). Wichtig ist hier das im letzten Kapitel dargelegte Postulat, dass wir eine Botschaft immer nur aus der Perspektive unserer subjektiven Wahrnehmung heraus verstehen können. Daraus zieht Rosenberg (vgl. Rosenberg & Seils 2004, 13) den Schluss, dass andere Menschen nicht für unsere Bedeutungszuschreibungen und die aus diesen erwachsenden Gefüh le verantwortlich seien. Allerdings kann dies nicht heißen, dass die Verantwortung für ein Gelingen der Kommunikation allein in der Interpretationsweise des Nachrichten empfängers liegt. Im wahrsten Sinne eines gemeinsamen Prozesses trägt der Sender durch die Wahl der Sprache für das Herstellen von Kongruenz bzw. Inkongruenz in gleicher Weise Verantwortung (vgl. Rosenberg 2004a, 39f.; auch Haeske 2008, 118f.; Wiemann & Giles 1996, 331; Kleve 2003a, 78).29 2.4.3 Relationale Kommunikation nach Friederike Rothe „K om m zu m ir, frag n icht wozu. Jed es Ich braucht auch ein Du. Jed es D u braucht ein w ofür, jeder M ensch braucht eine Tür. [...] Lege d ich zu m ir zur Ruh. Jed es Ich braucht auch ein Du. Jed es D u braucht auch ein Ich, denn sonst gab’ es D ich ja n icht.“ H ans-E ckhardt W enzel (2007) In ihrem Buch "Zwischenmenschliche Kommunikation. K ine interdisziplinäre Grundlegung unter sucht die Psychologin und Kommunikationstheoretikerin Friederike Rothe (2006) die Bedingungen für ein Gelingen bzw. Scheitern von Kommunikation. Dabei stellt sie zunächst fest, dass die unterschiedlichen Definitionsversuche für Kommunikation un mittelbar mit den ihnen zugrunde liegenden Menschenbildern verknüpft sind. Diese seien im Wesentlichen zwei übergeordneten Kategorien zuzuordnen, a) dem individu 29 A uch andere etablierte K om m unikationsm odelle der H um anistischen Psychologie basieren auf den Thesen der sym bolischen Interaktion , indem sie au f das E rfassen der B edeutung von A ussa gen und H andlungen durch Perspektivübernahm e abzielen. G enannt seien h ier u. a. die Klientenqentrierte G esprächsführung von Rogers (1994), das K om m unikation sm odell von Satir (1989), die K om munikationsax iom e von W atzlaw ick et al. (1990), das K om m unikationsquadrat (V ier-O hren-M odell) von Schulz von T hun (1997), das K on fkk tm odell von G lasl (1999), die F am ilienk on ferenz von Gordon (1976) sowie das H arvard-K onzept n o n F isher et al. (2004). 28 ^24^G elingende^Kommunikation^als^relationales^Paradig^a^ ums^entrierten und b) dem relationalen Menschenbild, die beide in unserem abendländi schen Kulturkreis eine lange Tradition haben. Rothe (vgl. ebd., 237) kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass in der Anerkennung der Pslationalität die Grundle gung für die Sinnhaftigkeit von Kommunikation liege. Da dieses Postulat ein wesentlicher Aspekt für mein Verständnis von Beziehungs kompetenz und damit für die These meiner Arbeit ist, werde ich im Folgenden die Argumentation von Rothe (2006) nachskizzieren. Von Interesse ist vor allem Rothes Relationalitätsbegriff für die Dynamik in der Kommunikation, den sie als „die Bezie hung zwischen dem Einen und dem Anderen“, als das „Aufeinander-Bezogen-Sein“ (ebd., 49) beschreibt. Als relational Bezogene seien wir je einzigartige Personen. Das „Ich-Selbst-Sein“ sowie „In-Beziehung-Stehen“ gehören nach Auffassung der Autorin (vgl- ebd., 217) in gleicherw eise ursprünglich zum Menschen. Ihren Selbststand habe eine Person nur durch ihre Bezogenheit zum anderen, Selbstsein entwickele sich folg lich in der Pslationalität (vgl- dazu auch Schmid 1989, 115ff.). Die Grundbezogenheit zwischen zwei Menschen aktualisiere sich in der jeweils konkreten Kommunikation, insbesondere der Face-to-Face-Kommunikation als Urform (vgl. Rothe 2006, 221): „Nicht ich begegne dir und du begegnest mir, sondern ,wir begegnen uns‘“ (ebd., 73). Zudem vollziehe sich Face-to-Face-Kommunikation zwar immer zwischen zwei Personen, bei genauerer Betrachtung verlaufe sie jedoch triadisch. Denn jede Kommu nikation werde beeinflusst von den bisherigen Kommunikationserfahrungen der Be teiligten. Wir seien über die Zeit, in Beziehungen, durch vielfältige Kommunikation Gewordene und als solche kommunizierten wir in der Gegenwart (vgl. ebd., 225f.). Diese ,,unpersönliche[n] Dritte[n]“ (ebd., 226) seien z.B. auch intemalisierte Soziali sationserfahrungen, wie übernommene Werte, Normen, Traditionen, Konventionen oder Kommunikationsmuster. Dementsprechend ereignet sich für Rothe Kommuni kation „zwischen zwei triadisch-relational bestimmten Personen, die physisch einzeln mit jeweils unterschiedlichen Befindlichkeiten und Verfassungen existieren und die gemeinsame Handlungen setzen können“ (ebd., 227). Rothe (2006) steht hier in der Tradition von Buber (1992) (s. Kap. 2.1, 2.4.2.2), der in seiner Philosophie des Zwischen menschlichen das Subjekt als „ein zutiefst relational verfasstes Wesen“ (Rothe 2006, 73) darstellt: „D ie fundam entale Tatsache der m ensch lichen E xistenz ist w eder der E inzelne als solcher noch die G esam theit als solche. Beide für sich betrachtet sind nur m ächtige Abstraktionen . [ . . . ] D ie fundam entale Tatsache der m ensch lichen E xistenz ist der M ensch m it dem M en schen. W as die M enschenw elt eigen tüm lich kennzeichnet, ist vo r allem anderen dies, daß sich h ier zw ischen W esen und W esen etw as begibt, dessengleichen nirgends in der N atur zu finden ist [ . . . ] . D iese Sphäre nenne ich das Z w ischeA (Buber Zit. nach Schm id 1989, 105; kursiv durch K. L.). Demnach gebe es nicht zuerst das Selbstbewusstsein als solches, „sondern die Urkategorie der menschlichen Wirklichkeit ist das ,Zwischen‘“ (Rothe 2006, 73). Folglich würden Ich und 'Du erst in der Begegnung, in der Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruhe, zur Person (vgl- ebd.). Diese Welt des Zwischenmenschlichen sei nur den 29 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Beteiligten zugänglich. Aus Bubers (1992) Sicht ist die zentrale Voraussetzung für das Gelingen eines echten Gespräches, dass der Mensch im Gespräch nicht auf seine Funktion oder Rolle reduziert wird, sondern „daß jeder seinen Partner als diesen, als eben diesen Menschen meint“ (ebd., 283): „Es kom m t au f nichts anderes an, als daß [ . . . ] jeder von beiden [ . . . ] den anderen nicht als sein O bjekt betrach tet und behandelt, sondern als seinen Partner in einem L ebensvorgang [ . . . ] . D ies ist das E ntscheidende: das N icht-O bjekt-sein [sic!]“ (ebd., 274). In Gegenüberstellung zu dieser Perspektive stellt Rothe (vgl. 2006, 4) das individuums- ^entrierte Menschenbild als ein Konstrukt vor, das auf einem Gedanken- und Wertesys tem basiere, in welchem das absolute Subjekt, das autonome Individuum das Zentrum der Betrachtung bilde. Dieses Menschenbild versteht die Entwicklung „der Person, ihr Sein durch sich und aus sich [ . . .]“ (Schmid 1989, 117). Rothe (2006, 77) weist darauf hin, dass die „grundlegende Problematik, nämlich die Unvereinbarkeit zweier Personbegriffe [...] bis heute geblieben“ sei. Die Frage zum Verständnis des Men schen als absolutes Subjekt oder als relational fundierte Person spiegele sich auch in dem von dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1996) benannten Di lemma wider: Das Hin-und-Hergerissen-Sein des Menschen zwischen seinem Bedürf nis nach Anerkennung/Zugehörigkeit und seinem Bedürfnis nach Autonomie/Selbst behauptung, welches naturgegeben zu sein scheine und nicht aufgelöst werden könne (vgl. Rothe 2006, 65; auch Benjamin 1993, 34ff.). Nach Rothes (vgl. 2006, 4) Ein schätzung hat sich die individuenzentrierte Weitsicht in unserer abendländischen Tra dition jedoch „als die dominierende durchgesetzt“ und bildet die Grundlage verschie dener Theorien der vergangenen Jahrtausende. Unsere ganze Sozialisation und Kultur orientiere sich an dem Bild des Menschen im Mittelpunkt der Welt. Es gelte als Leit motiv unseres täglichen Handelns und Erlebens und habe folglich auch Einfluss auf unsere zwischenmenschliche Kommunikation. Watzlawick et al. (1990, 21 f.) kom mentieren hierzu, dass die menschliche Verhaltensforschung „noch weitgehend auf monadischen Auffassungen vom Individuum und auf der ehrwürdigen wissenschaftli chen Methode der Isolierung von Variablen“ basiere. Zentral für meine Argumentation in dieser Arbeit ist Rothes (2006) Erkenntnis, dass mit dem individuenzentrierten Paradigma nicht nachvollziehbar begründet wer den könne, „warum zwischen Individuen eigentlich gu t kommuniziert werden sollte“ (ebd., 105; kursiv durch K. L.). Die Erklärungsversuche auf der Grundlage dieses traditionierten individuumszentrierten Menschenbildes ergäben sich hier nicht „aus einer begründeten Erklärung des kommunikativen Geschehens“ (ebd., 105f.) und so blie ben diese Ansätze im Normativen stecken. An die Einhaltung dieser Norm könne jedoch — da jegliche theoretische Fundamentierung fehle — allenfalls appelliert werden (vgl- ebd.). Das gelte besonders für bestimmte Formen des Kommunikationstrainings, mit denen „dann [...] insinuiert [wird], dass durch die Befolgung bestimmter Regeln die Kommunikation gelingen wird — was immer eine gelingende Kommunikation ist“ 30 ^^4^G elingende^Kom m unikation^als^relationales^Paradigm ^ (ebd., 105).30 Aus individuumszentrierter Sicht gingen wir davon aus, dass Kommuni kation machbar sei (vgl- ebd., 6). Dieser Auffassung der „Machbarkeit von Kommuni kation“ steht m. E. allein schon die erste Grundprämisse des Symbolischen Interaktio nismus (vgl. Blumer in Bitschnau 2008, 21) entgegen (s. Kap. 2.4.2.3). Derzufolge können Informationen des Senders vom Empfänger unterschiedlich gedeutet werden, was nach der Auffassung von Watzlawick et al. (1990, 98) „eine Quelle unzähliger Beziehungskonflikte ist“. Rothe (vgl. 2006, 5/134/239f.) argumentiert weiter, dass ein Menschenbild, welches dasSubjek t als absolut setye, das existenzielle Angewiesensein auf die andere Person leugne — denn sonst wäre es nicht absolut. Da sich das Individuum aus dieser Perspektive allein auf seine Selbstentfaltung orientiere, wäre hier die vor rangige Frage in der Kommunikation: Was habe ich von der Kommunikation mit diesem Menschen? Folglich gelte: „do ut des“31 (ebd., 143). Das sich autonom setzen de Individuum reduziere den anderen auf bestimmte Funktionen, dieser wäre aus die ser Perspektive also nur so weit von Interesse, wie er der eigenen Interessenver folgung dienlich sei (vgl. ebd., 5/229). Für Rothe trägt diese Weitsicht wesentlich zu inkongruenter Kommunikation bei, denn das vorherrschende Selbstverständnis der Gesprächspartner als voneinander unabhängige Individuen lasse Kommunikation im mer wieder scheitern (vgl- ebd., 229). Sie gelangt schließlich zu der Erkenntnis, dass ein Paradigmenwechsel zu einem relationalen Menschenbild unumgänglich sei: Die Über zeugung des absoluten Subjekts, grundsätzlich „völlig frei entscheiden und handeln zu können“ (ebd., 6) und somit Kommunikation einseitig zu machen, sei eine Illusion und Destruktion. Sie rechtfertige unlautere Konkurrenz als Erfolgsmittel und verkau fe kostenintensive Manipulationsanleitungen als Kommunikationsverbesserung (vgl. ebd., 240). Notwendige gesellschaftliche Veränderungen seien ohne einen solchen Pa radigmenwechsel insbesondere in den Bereichen Philosophie, Naturwissenschaften, Erziehung, Recht, Medizin, Religion und Wirtschaft nicht möglich. In der Konse quenz plädiert Rothe für einen „radikalen Wechsel von einem Begriff des absoluten Seins zu dem des Seins als Bezogensein [ . . .]“ (ebd., 5). Die hier dargelegte Argumentation von Rothe (2006) zeigt Parallelen zum Kon zept der ökologischen Psychotherapie2 des Züricher Psychotherapeuten Jürg Willi (1996). Ein zentrales Postulat dieses Konzeptes ist, dass der Mensch bestrebt sei, in seinem Wirken beantwortet zu werden. Dieses „beantwortete Wirken“ ist Willi zufolge wesent lich für die Entwicklung des Selbst, das heißt, für die Entwicklung des Denkens, Wahmehmens, Erinnems und Fühlens und somit auch für die psychische Gesundheit (vgl- ebd., X lf.).33 In dem Erkennen des Prozesses des wechselseitigen Durchdringens bzw. 30 U nter d iesem B lickw inkel betrachtet R othe (vgl. ebd.) den größten T eil der R atgeberliteratur zur V erbesserung der K om m unikation. 31 D o u t des (lat. — „Ich gebe, dam it du gibst.“). 32 D ieses K onzept them atisiert im W esentlichen die B eziehungen von Personen zu der von ihnen geschaffenen U m welt (W illi 1996 ,X I). 33 M it V erw eis auf E rik H. E rikson betont W illi (1985, 134) überdies die hohe B edeutung des B e antw ortetw erdens für die Identitätsbildung. So stelle für E rikson ein Beantw ortet- bzw. E rkannt- 31 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ der Komplementarität in Beziehungen sieht auch Willi die zentrale Voraussetzung für eine Neuorientierung im Denken: „Die Form, wie mir ein Mitmensch erscheint, und die Form, wie ich mich ihm darstellen kann, ergibt sich immer aus der Be^ogenheiG (ders. 1985, 64; kursiv durch K. L.). Unter der Voraussetzung, dass gegenseitig Selbst bestimmung und Eigenverantwortlichkeit respektiert werden (vgl. ders. 1996, 94), bezeichnet Willi diesen wechselseitigen Prozess des anhaltenden Miteinanders und Aufeinandereinwirkens im Zusammenleben als Koevolution (vgl. ebd., XII).34 Eine sol che Kommunikationstheorie könnte nach meinem Verständnis in der in Kapitel 2.3 erwähnten Vision von individualisierten Gemeinschaften von Hüther (2007a) ihren Aus druck finden. 2.4.4 Der intersubjektive Prozess der Anerkennung als Ausdruck relationaler Bezogenheit „W ir können nicht für uns allein leben. Unsere Leben sind ver bunden durch tausend unsich tbare Fäden, und en tlang d ieser m itfüh lenden Fasern laufen unsere H andlungen als U rsachen und kehren als W irkungen zu uns zurück.“ H erm an M elville (m R osenberg 2006a, 54) Nachdem ich in den vorangegangenen Kapiteln einige kommunikationstheoretische Positionen aufgeführt habe, die mir für das Verständnis des Zusammenhangs zwi schen gelingender Kommunikation und Beziehungsqualität als wesentlich erscheinen, möchte ich an dieser Stelle einige Vertreter aus den Bereichen der Psychologie, Philo sophie und Neurobiologie zu einem Thema diskutieren lassen, das m. E. im Hinblick auf Beziehungskompetenz (s. Kap. 4) besondere Beachtung verdient: Für die Entwicklung von Befehungsfähigkeit spielt der Umgang mit dem Konflikt Anerkennung/Zuwendung vs. Autonomie/Wachstum eine entscheidende Rolle. Nach den Erkenntnissen der Entwicklungstheorie (u.a. Erikson 2010) kann Beziehungsfähigkeit überhaupt erst heranreifen, wenn die Balance zwischen diesen Grundbedürfnissen ge lingt (vgl. Jordan 2004, 2). Vor dem Hintergrund, dass — laut Hegel (1996) — dieser naturgegebene Konflikt nicht aufzulösen sei (vgl. Rothe 2006, 65), bezeichnet die amerikanische Psychoanalytikerin Jessika Benjamin (1993, 214f.; kursiv durch K. L.) diesen Konflikt als „fd]as wohl schicksalhafteste Paradoxon Selbiges „besteht in dem Umstand, daß das andere Subjekt unserer Kontrolle entzogen ist und wir es dennoch brauchen“ (ebd., 215). Diesen Konflikt zu lösen, sei Aufgabe eines jeden Lebens (vgl. w erden „für das IC H bei den spezifischen A ufgaben der A doleszenz eine abso lut unentbehrliche Stütze dar [ . . . ] “ (ebd., 138; H ervorheb. i.O .). A us system theoretischer Perspektive vergle ichen Fritz B. S im on et al. (vgl. 1999, 312) K oevolu tion m it dem Prozess einer längerfristigen strukturellen K opplung (s. dazu Kap. 2.4 und 7.3). 32 ^24^G elingende^Kommunikation^als^relationales^Paradig^a^ ebd.). Da das Paradoxon der Anerkennung sehr schmerzhaft, mitunter „sogar uner träglich sein“ (ebd., 52) könne, werde es häufig mit Spaltung5 beantwortet, die sich entweder in Selbstbehauptung als Herrschaft oder in Anerkennung als Unterwerfung äußere. Während jedoch Herrschaft die Kontrolle über den anderen auf Kosten von Aner kennung und Empathie sichere, gehe Unterwerfung auf Kosten der Selbstbehauptung (vgl- ebd.). Die Psychologin Brigitte Bauer (vgl. 2002, 71) kommentiert, dass keine der beiden Varianten eine wechselseitige Anerkennung — im Sinne des Sozialphilosophen Axel Honneth (1994) — ermögliche. Interessant ist die Interpretation dieses Konfliktes aus neurobiologischer Sicht durch Joachim Bauer (2006, 150), der die beiden entgegengesetzten Pole mit „Verfüh rungspotenzial sozialer Resonanzräume und [...] Bewahrung der persönlichen Identi tät“ beschreibt. Im Hinblick auf mögliche negative Auswirkungen einer einseitigen Entwicklung zulasten der anderen Seite erläutert er, dass wenn im Laufe der kindli chen Erziehung das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit dazu missbraucht worden sei, das Kind gefügig zu machen, und wenn auf diese Weise der Kontakt des Kindes zu sich selbst, zu seinen eigenen Visionen und Werten habe verkümmern kön nen, so bestehe die Gefahr, dass Resonanzreaktionen in sozialen Gruppen auch ihr destruktives Potenzial entfalten könnten. Dann wiege die soziale Identität mehr als die eigene. Ohne den Bezug zu sich selbst zu haben, könne es schnell geschehen, anfällig für irrationale und destruktive Resonanzreaktionen zu werden, öffentlichem Mei nungsdruck nachzugeben und unreflektiert eigene Schattenanteile auf die Außenwelt zu projizieren.36 Überwiege hingegen das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, Unab hängigkeit und Autonomie, bestehe die Gefahr des Verlustes von menschlichem Mit gefühl, der Bereitschaft zu Solidarität und Kooperation (vgl. ebd., 150ff.). Der nieder ländische Sänger und Dichter Herman van Veen (1992) bringt diese Entwicklung in seinem Lied „Herz“ (ebd., Lied Nr. 7) so auf den Punkt: „Es ist inzw ischen M ode, verinnerlich t zu sein, m an lauscht in sich hinein und ist ergriffen. Seltsam dabei ist nur, dass sie, die sich nach innen so verfeinern , nach außen so oft versteinern .“ In der Konsequenz hieße das: Im Sinne einer ~ßalance zwischen sozialer Resonanz und individueller Identität ist die Fähigkeit des Widerstandes gegen Gruppenzwänge auf grund einer stabilen Identität genauso wichtig wie die Fähigkeit zur zwischenmensch lichen Gemeinschaft. Die Neurobiologie gibt hier mit Joachim Bauer (2006) zu der Frage nach der Be deutung wechselseitiger Anerkennung eine klare Antwort: „Erst, indem wir uns ge 35 Spattung g ilt in der psychoanalytischen T heorie als A bw ehrm echanism us, durch w elchen versucht w ird , sowohl K onflikte als auch G efuhlsam bivalenzen aufzulösen. D abei w ird ein T eil der G e fühle abgespalten und aus dem B ew usstsein ausgeschlossen (vgl. B. B auer 2002 , 71). 36 D am it ließe sich, so J. B auer (vgl. 2006, 151) u .a . die E ntstehung des N ationalsozialism us erklä ren. 33 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ genseitig als Menschen erkennen und anerkennen, werden wir zum Mitmenschen, und erst dadurch erleben wir uns als Menschen“ (ebd., 115). Die Notwendigkeit der Teil habe an intersubjektiver Erfahrung ist für Bauer (vgl. ebd., 115f.) jedoch nicht nur psychologisch und neurobiologisch begründbar, sondern sie sei auch ein philosophisch begründetes Menschenrecht: Eine systematische Verweigerung des zwischenmenschlichen Anerkennens sei unmenschlich und „ethisch verwerflich“ (ebd., 116). In einem Vortrag auf einem Kongress in Heidelberg äußert Gerald Hüther (vgl. 2008), dass es nur einen Zustand gebe, in dem es möglich sei, zwischen dem Bedürfnis nach Entfaltung der Individualität einerseits und dem Bedürfnis nach Anerkennung und Bezogenheit andererseits die Balance zu finden — und dies sei der Zustand (der) Viebe. Nach meiner Interpretation meint Hüther hier nicht eine partnerschaftliche Liebe in ihrer romantischen oder auch besitzergreifenden Bedeutung bzw. eine Liebe zwischen Eltern und Kindern, sondern eine umfassende Liebe, die „ [...] eine funda mentale Seinsweise in der Beziehung der Menschen als Mit-Menschen [meint], in der Gefühl und Verstand, verständnisvolles Mitfühlen und kritische Betrachtung, Mit einander-Sein und Einander-Gegenübertreten impliziert sind“ (Schmid 1989, 256; kursivi. O.). 2.5 Zusammenfassung und Schlussfolgerung Ausgangspunkt für dieses Kapitel war die Suche nach möglichen Antworten auf die Frage, warum das Bemühen um gelingende Beziehungen für unsere Lebensqualität im Allgemeinen — und damit auch im beruflichen Kontext — von zentraler Bedeutung ist. Diesem Themenkomplex habe ich mich aus der Perspektive verschiedener theoretisch fundierter Positionen aus der Beziehungs- und Kommunikationsforschung sowie aus der Neurobiologie angenähert und dabei einige zentrale Bedingungen für eine gelin gende Kommunikation aufgezeigt. So haben bspw. die Thesen des Symbolischen Interaktionismus mit ihrer Grundaussage über die Möglichkeit der Veränderung von Deutungsmustem sowie die Perspektivübemahme für eine intersubjektive Verständigung (vgl. Frindte 2001, 47) einen hohen Stellenwert (2.4.2.1; 2.4.2.3). Auf der Grundlage meiner Argumentation, dass gelingende Kommunikation und gelingende Beziehungen eine untrennbare Einheit bilden, habe ich im Weiteren die Frage, „warum zwischen Individuen [...] gut kommuniziert werden sollte“ (Rothe 2006, 105), aus der Perspektive eines relationalen Menschenbildes in Abgrenzung zu einem individuumszentrierten Menschenbild vertieft (2.4.3). Eine Antwort finde ich u.a. bei der kalifornischen Familientherapeutin Virginia Satir (1916—1988), nach deren Erfahrung und Überzeugung nur eine kongruente Kommunikation in Form eines Revolutionären Prozesses eine Chance habe, „Brüche zu heilen, Stagnation innerhalb einer Beziehung zu durchbrechen oder Brücken zwischen zwei Menschen zu bauen“ (Satir 1989, 95). Diese Position stützt mein Postulat, dass spürbare Verbesserungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und damit der Arbeitszufriedenheit in sozia 34 ^L5^Z usam m enfassun^und^Sch lussfo lgernn^ len Organisationen durch gezielt eingesetzte Methoden zur Förderung einer kongru enten Kommunikation und damit der Beziehungskompetenz erreicht werden können. Einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt bildet die Argumentation von Rothe (2006), dass wir uns ohne Kommunikation in kongruenter Qualität nicht entwickeln können. Demnach gehört eine Face-to-Face-Kommunikation in dieser Qualität zu unseren menschlichen Grundbedürfnissen. Entwicklung als unverwechselbare, einzig artige Person geschieht über unsere gesamte Lebenszeit hinweg in Abhängigkeit von unserer Kommunikation mit anderen Personen: „Das Werden des Einen ist notwen dig mit dem des Anderen gekoppelt“ (ebd., 228). Den Weg dahin sieht Rothe in der Bejahung der Verschiedenheit des anderen als einmalige Person, in dem Verzicht auf die Illusion der absoluten Autonomie, des einseitig Machbaren, der einseitigen Schuld zuweisungen, der Kontrolle sowie der damit verbundenen vermeintlichen Sicherheit (vgl- ebd., 237). Kommunikation bedeutet für Rothe ein „Sich-Einlassen auf das Le ben“ (ebd.) und zielt stets auf Veränderung ab. Dies sei ein Risiko, denn es bedeute ein Sich-Ausliefem an die „Unvorhersehbarkeit des gemeinsamen Kommunikations prozesses“ (ebd.). Lebensqualität und Qualität von Kommunikation — vor allem von Face-to-Face-Kommunikation in kongruenter Qualität — sind für Rothe nicht vonei nander zu trennen (vgl. ebd., 5). Nicht zuletzt sehe ich gerade in der Ambivalenz zwischen dem Bedürfnis nach freier Entfaltung und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung den Mo tor für die menschliche Weiterentwicklung (2.4.4). Der Prozess des gelingenden Austarierens zwischen diesen beiden Polen ist für mich ein Bild gelebter Rslationalität und bildet m. E. eine wesentliche Voraussetzung für Beziehungskompetenz. Nach diesem Verständnis setzt auch der Philosoph Wilhelm Schmid (1998) im Rahmen seiner Be trachtung von Lebensform und Lebensstil die "Fähigkeit ^ur Balance zwischen Selbstver wirklichung und Bezogenheit mit Febenskunstgleich: „Das Subjekt der Lebenskunst ist nicht wirklich nur das Selbst, sondern das Selbst in seiner Wechselwirkung mit Ande ren“ (ebd., 260). Bei einer komplexen Betrachtung der in den vorangegangenen Kapiteln aufge führten theoretischen Positionen zu Beziehung und Kommunikation komme ich zu dem Schluss, dass kongruente Kommunikation im Sinne von gelingender Kommuni kation nicht als eine bestimmte Kommunikations/öm: zu sehen ist, sondern sie verkör pert eine konkrete Haltung bzw. Lebenseinstellung: Kongruenz „befähigt zur Integrität, Verantwortung, Ehrlichkeit, Intimität, Kompetenz, Kreativität und zur Fähigkeit, mit realen Problemen auf eine realistische Art fertig zu werden“ (Satir 1989, 101). Hier ist mit Willi (1985, 140) jedoch einzuschränken, dass Offenheit begrenzt ist, da sie „im mer nur interaktionell gelebt werden“ kann. Grundsätzlich könne man sich nur so weit öffnen, wie der andere für einen offen sei (vgl- ebd.). So gelange ich mit Rothe (vgl- 2006, 227) zu der Auffassung, dass sich ein Kommunikationsprozess in graduellen auf dem Kontinuum zwischen seinen beiden Endpunkten kongruent und <7, d.h. Gelingen und Misslingen, ereignet. 35 2Vrheoretische^Positionen^zum^Verständnis^von^Beziehun^und^Kommunikation^ Gerade unter Einbeziehung des Postulats, dass ein vollständiges Verstehen auf grund der jeweils eigenen Konstruktionen von Wirklichkeit (s. Kap. 2 4.2.1) nicht möglich ist, ist eine kongruente Kommunikation als Idealform wohl nie ganz zu errei chen. Dementsprechend beschreibt Sabine Weinberger (1992, 43; kursiv i. O.) Kon gruenz als ein „mehr oder weniger erfolgreiches 'ßemühen um Wahrnehmung, Offen sein und Klärung der eigenen Gefühle“, die das Gegenüber in uns auslöst.37 An Ro thes (2006) Postulat hinsichtlich der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zu einer Kommunikation als „Ausdruck triadisch bestimmter Relationalität“ (ebd., 228) sind m. E. Interventionen in der Praxis geknüpft, die unmittelbar auf eine 'Einstellungs änderung im Sinne eines relationalen Menschenbildes zielen: „Kongruent sein [...] kann nicht einfach nur gelernt werden, es geht vielmehr um eine grundlegende Einstel lung* (Weinberger 1992, 40; kursiv i. O.), die Bewusstheit, Authentizität und echtes In teresse am Gegenüber erfordert (vgl. ebd.). Die in diesem zweiten Kapitel dargelegten theoretischen Positionen bilden die Basis für ein Verständnis der Gewaltfreien Kommunikation (Rosenberg 2004a), welche ich im nächsten Kapitel in ihren Inhalten vorstelle. 37 Satir (vgl. 1989, 99) äußert selbst, dass kongruente K om m unikation sehr schw er zu erlernen sei. 36

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Menschen in psychosozialen Arbeitsfeldern beginnen ihren Berufsweg mit hohen Ansprüchen an sich selbst, schätzen ihre Arbeit als notwendig und sinnvoll ein und zeigen großes Engagement. Trotzdem sind sie vergleichsweise häufig krank. Studien zufolge ist in Sozialberufen eine außergewöhnlich hohe Mobbing- und Burnout-Quote zu verzeichnen, mit der Folge einer steigenden Zahl von Arbeitsausfällen. Was also brauchen Sozialarbeiter, um ein gelingendes Berufsleben zu führen und nicht auszubrennen? Kann die Förderung von Beziehungskompetenz zur Verbesserung ihrer Arbeitssituation beitragen?

Katharina Ludewig benennt Konfliktquellen, untersucht das interaktive Zusammenspiel verschiedener Einflussgrößen und schlägt den Bogen zu einem grundsätzlichen Dilemma von sozialen Organisationen: Hierarchie und Wirtschaftlichkeit versus Mitarbeiterorientierung. Lösungswege und innovative Konzepte werden erörtert und hinsichtlich ihrer Praxistauglichkeit diskutiert, vor allem die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Gleichzeitig benennt die Autorin den Widerspruch zwischen realen Möglichkeiten und theoretischem Anspruch. Die Mut machende Botschaft dieses Buches: Es gibt Wege hin zu einer transparenten und beziehungsfördernden Führungskultur – zugunsten der Arbeitszufriedenheit, der psychosozialen Gesundheit und des beruflichen Engagements professioneller Helfer.