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4 Grundlagen der Gesundheit in:

Wolfgang Bringmann

Gesundheitssport, page 19 - 26

Gesund durch Sport - Grundlagen und Methodik

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4081-2, ISBN online: 978-3-8288-6915-8, https://doi.org/10.5771/9783828869158-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Humanmedizin, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
19 4 Grundlagen der Gesundheit Die Gesundheit ist ein komplexer Zustand, der von zahlreichen individuellen und externen Faktoren beeinflusst wird, was die Abbildung 9 demonstriert. Die WHO hat sie 1948 als „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen“ definiert. Das macht deutlich, dass verschiedene Einflussfaktoren in einer komplexen Art und Weise zusammenwirken. Dazu gehören u. a. berufliche und soziale Lebensumstände, gesundheitsbeeinträchtigende Verhaltensweisen sowie zahlreiche psychische und körperliche Funktionsstörungen und Erkrankungen. Daraus wird ersichtlich, dass nicht nur physiologische (Alternsprozesse, Risikofaktoren u. a.), sondern auch soziale (psychosoziale Verhältnisse u. a.) und individuelle (Lebensweise u. a.) Einflüsse für die Stabilität der Gesundheit einen bestimmenden Einfluss haben. Die Gesundheit wird allerdings maßgeblich von der individuellen Leistungsfähigkeit geprägt, denn eine gute körperliche Leistungsfähigkeit kann die meisten physiologischen Funktionssysteme des Körpers stabilisieren und damit auch den Gesundheitsgrad positiv beeinflussen (IS- RAEL 1979). Denn der Körper funktioniert nach einem einfachen biologischen Gesetz, indem nur die Funktionen aufrechterhalten werden, die regelmäßig benutzt und gebraucht werden (Abb. 10, Seite 21). 20 grundlagen der gesundheIt Abb. 9: Einflussfaktoren der Gesundheit Risiko- Alternsfaktoren Leistungsfähigkeit prozesse Gesundheit körperliche Anpassung sportliche Aktivität Zahlreiche Publikationen habe nachweisen können, dass eine regelmä- ßige altersentsprechende körperlich-sportliche Betätigung aus präventiver Sicht nicht nur die Risikofaktoren mindert, sondern auch nachhaltig die physische Leistungsfähigkeit steigert, die wiederum einen stabilisierenden Einfluss auf die Gesundheit hat (BRÜSCHKE et al. 1969; EIT- NER et al. 1982; ISRAEL 1979, 1982; BIERMANN et al. 1984; BRING- MANN 1987; ERIKSSON et al. 1989; ROST et al. 1991; HOLLMANN et al. 2000; HOTTENROTT 2004 u. a.). Neuere Erkenntnisse weisen auch daraufhin, dass selbst bei einer erhöhten genetischen Prädisposition ein gesunder Lebensstil ein Herz- Kreislauf-Risiko um fast 50 Prozent senken kann. Die WHO hat u. a. darauf hingewiesen, dass die körperliche Inaktivität in der europäischen Region zu einer Million Todesfällen pro Jahr beiträgt. So haben Personen mit einer moderaten Aktivität von 150 Minuten pro Woche ein um 14 Prozent niedrigeres Risiko für eine Herz- Kreislauferkrankung. Man nimmt an, dass die Frauen und Männer in Deutschland mehr als die Hälfte des Tages im Sitzen verbringen. 21 grundlagen der gesundheIt Eine US-amerikanische, epidemiologische Studie konnte nachweisen, dass bei einer Lebensweise mit weniger als drei Stunden Sitzen die Lebenserwartung um circa zwei Jahre ansteigen kann. Die Bedeutung einer täglichen Bewegung erkannten bereits die griechischen Philosophen Sokrates und Platon, die ihre Ideen bei einer ständigen Bewegung entwickelten. Die WHO empfiehlt deshalb für Erwachsene eine moderate sportliche Aktivität von mindestens 150 Minuten oder ein intensives Training von 75 Minuten pro Woche, um eine ausreichende Gesundheitsstabilität zu erreichen. Dabei ist jedem freigestellt, welche Art der Bewegung genutzt wird. Abb. 10: Allgemeine bewegungsinduzierte Anpassung Erweiterung Anpassung Reduzierung (allgemein bewegungsinduziert) Herz-/ Lungenleistung Herzmuskelarbeit - Herz-/ Atemvolumina - Sauerstoffbedarf - Sauerstoffaufnahme - Energiebedarf - Sauerstoffversorgung - Herzarbeit (=Schongang) Durchblutung Herzschlagfrequenz - periphere Strombahn - Ruhe / Belastung - venöser Rückstrom - definierte Belastung Muskelleistung Anpassung Laktatanstieg - Zellstoffwechsel - definierte Belastung - Muskelkoordination - Muskelermüdung - Muskelmasse Gelenkbeweglichkeit Muskelstoffwechsel - Bewegungsamplitude - Sauerstoffbedarf - Band-/ Muskelstabilisierung - Energiebedarf Vegetativum sympathischer Antrieb - Vagotonie - Ruhe-/Belastungsfrequenz - psychische Entspannung - Ruhe-/Belastungsblutdruck körperliche Abhärtung Infektanfälligkeit - klimatische Reize Nach einer Information der Deutschen Herzstiftung sind in Deutschland 34,3 Prozent der Frauen und 33,0 Prozent der Männer „sportlich inaktiv“. Das Robert-Koch-Institut Berlin fand außerdem nach der DEGS-Studie, dass in Deutschland nur 74.6 Prozent der Männer und 84,5 Prozent der Frauen weniger als zweieinhalb Stunden pro Woche körperlich aktiv sind (KRUG et al. 2013). 22 grundlagen der gesundheIt Die Abbildung 10 demonstriert die Möglichkeiten einer bewegungsinduzierten Anpassung (Adaptation) bei den verschiedensten Funktionsbereichen des Körpers. Dabei wird ersichtlich, dass sie übergreifend alle organismischen Systeme (Herz-Kreislaufsystem, Muskulatur, Stoffwechsel u. a.) einbezieht und damit insgesamt die Basis der Gesundheit erweitert. So wird z. B. durch eine kontinuierliche Ausdauerbelastung die Herztätigkeit ökonomisiert, indem sich die Herzschlagfrequenz infolge der besseren Leistungsfähigkeit des Herzens bei einer definierten Belastung reduziert, was einem Schongang entspricht. Außerdem kommt es zu einer Zunahme der Blutzellen und der Blutflüssigkeit (Blutplasma), wodurch auch mehr Sauerstoff transportiert werden kann. Der rote Blutfarbstoff (Hämoglobin) kann normalerweise 1,34 ml Sauerstoff binden, was durch die Vermehrung des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin) in den roten Blutkörperchen deutlich erhöht werden kann. Tab. 4: Ökonomisierung der Herzarbeit Untrainierte Trainierte 80 Ruheherzfrequenz 60 Schläge / min 115.200 24 Stunden 86 400 Schläge / 24 Std. Differenz Schläge / Std. 1 Stunde = 1200 24 Stunden = 28 800 Die Tabelle 4 zeigt dies an Hand der Herzschlagfrequenz, bezogen auf eine definierte Zeiteinheit. Daraus wird ersichtlich, dass das trainier- 23 grundlagen der gesundheIt te Herz eine deutlich geringere Ruhefrequenz hat und damit auch in 24 Stunden eine verminderte Herzleistung erbringen muss, so dass das Herz insgesamt geschont wird. Zahlreiche Studien an verschiedenen Organsystemen haben darüber hinaus gezeigt, dass eine regelmäßige aktive Lebensweise einen echten präventiven Effekt erreichen kann, indem die Erkrankungshäufigkeit (Morbidität) um circa 30 Prozent und die Sterblichkeit an Herz-Kreislauferkrankungen um circa 65 Prozent bei einer aktiven Lebensgestaltung niedriger liegt (STRAUZENBERG 1979; HOLLMANN et al. 1983; SCHLEUSING 1986; NEUMANN 1986; BRINGMANN 1988, 1989 u. a.). Abb. 11: Erkrankungshäufigkeit von Herz-Kreislaufkrankheiten (BRINGMANN 1989) Herz-Kreislauf-Morbidität inaktive aktive Morbidität % Lebensweise 40 30 20 10 s=7 s=9 s=5 s=3 s=7 s=3 s=9 s=4 s=5 s=2 s=3 s=1 Hypertonie KHK venöse Hypotonie Insuffizienz Die Abbildungen 11 und 12 bestätigen bei 60 jährigen Bürgern diese Erkenntnis bezüglich der Erkrankungshäufigkeit am Herz-Kreislaufsystem und am Stütz- und Bewegungsapparat. Diese Studien zeigen, dass die Erkrankungshäufigkeit am Herz- Kreislaufsystem pauschal um ca. ein Drittel geringer bei einer aktiven 24 grundlagen der gesundheIt Lebensweise auftritt. Am Stütz- und Bewegungssystem bestehen ebenfalls ähnliche deutliche Unterschiede. Über den Umfang der sportlichen Betätigung gibt es unterschiedliche Auffassungen. Generell wird aber angenommen, dass circa 10 000 Schritte pro Tag (circa 7 Km) bereits einen positiven Einfluss haben. Abb. 12: Erkrankungshäufigkeit am Stütz- und Bewegungssystem (BRINGMANN 1988) Morbidität des SBS inaktive aktive Lebensweise Morbidität % 90 70 50 30 10 s=9 s=8 s=6 s=9 s=7 s=8 s=5 s=6 s=3 lumbale Diskopathie Zervikalsyndrom Arthrosen Die Notwendigkeit für eine regelmäßige sportliche Betätigung trifft aber nicht nur für Erwachsene zu, sondern bereits im Kinderalter muss daran gedacht werden, denn schon in diesem Altersbereich nimmt sie rapide ab. In Deutschland sind derzeit nur circa 50 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder eine Stunde pro Tag aktiv. Bei den Grundschulkindern sind es circa 30 Prozent und bei den Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) nur noch circa 20 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb, dass Vorschulkinder täglich circa 90 Minuten sowie Schulkinder und Jugendliche mindestens 60 Minuten in einer mäßigen bis anstrengenden Intensität aktiv sein sollten. Dabei sind an drei Tagen der Woche knochenstärkende Sportarten (Spiele u. a.) einzubeziehen. Dies kann sich 25 grundlagen der gesundheIt u. a. positiv auf das Körpergewicht, die Knochendichte, das psychische Wohlbefinden und auf die schulischen Leistungen auswirken. Außerdem wird das Bedürfnis nach einer aktiven Lebensweise gefördert, was dann meist auch im Erwachsenenalter erhalten bleibt. Die Abnahme der Gesundheitsstabilität im Altersgang basiert dabei u. a. auf folgende körperliche und organische Veränderungen: • Durch die Ausbildung einer Nierengefäßsklerose reduziert sich die Nierenfunktion. Die Ausscheidungsrate (glomeruläre Filtrationsrate) verringert sich dadurch ab dem 40. Lebensjahr um jährlich 1 Prozent, so dass sie um das 70. Lebensjahr noch circa 70 Prozent umfasst. Das wirkt sich negativ auf die Entgiftung der Körpers und auf das Herz-Kreislaufsystem aus. • Die Drüsentätigkeit nimmt ebenfalls im Altersgang ab. So reduziert sich die Testosteronausschüttung beim Mann ab dem 30. Lebensjahr jährlich um 1 bis 2 Prozent, wodurch das Allgemeinbefinden (Schlafstörung, Konzentration, Reizbarkeit, Depression, Sexualtrieb u. a.) deutlich beeinflusst wird. • Bei der Frau verringert sich die Östrogenausschüttung ebenfalls ab dem 40. Lebensjahr, was sich gleichfalls auf das Allgemeinbefinden (Wechseljahre, Depression, Schlafstörung u. a.) auswirkt. • Die Knochenalterung beginnt bereits nach dem 35. Lebensjahr. So verliert der Mensch im Rahmen des natürlichen Alterungsprozesses zwischen dem 35. und 70. Lebensjahr circa ein Drittel seiner Knochensubstanz (Osteopenie), was die Belastbarkeit des Knochens deutlich verringert und das Bruchrisiko erhöht.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Publikation beschreibt die Anwendung von sportlichen Mitteln und Methoden im Rahmen einer präventiven Vorsorge und einer therapeutischen Behandlung bei speziellen Erkrankungen. Die Grundlagen der inhaltlichen Darstellungen basieren auf jahrzehntelangen Erfahrungen des Autors durch eigene Studien und durch seine praktische Tätigkeit. Dabei werden die Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen des Gesundheitssports im Rahmen dieser Zielstellung vorgestellt und in inhaltlichen Darstellungen so präsentiert, dass sie für ein breites Publikum verständlich und anwendungsfähig sind. Die vorliegende Publikation richtet sich deshalb vorrangig an interessierte Bürger, Physiotherapeuten, Gesundheitstrainer und Ärzte in der medizinischen Grund- und spezialisierten Betreuung, die im Rahmen eines mehrdimensionalen Präventions- und Therapiekonzepts sportliche Mittel und Methoden in die Vorsorge und Behandlung miteinbeziehen möchten. Wesentliche Behandlungsvorschläge sind durch eingefügte Studienergebnisse untermauert, die einen wirkungsvollen Nachweis einer sportlichen Betätigung bestätigen. Zur Erweiterung der Grundkenntnisse ist der Publikation ein umfassendes Literaturverzeichnis beigefügt.