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2 Gentrifizierung in:

Erik Haferland

Gentrifizierung - eine Frage des Lebensstils?, page 31 - 76

Eine Untersuchung am Beispiel der Berliner Stadtteile Wedding und Moabit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4065-2, ISBN online: 978-3-8288-6907-3, https://doi.org/10.5771/9783828869073-31

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 84

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
2 Gentrifizierung 2.1 Das Phänomen der Gentrifizierung Gentrifizierung, oder Gentrification im Englischen, ist ein Phänomen, welches in der Stadtsoziologie seit den 1970er Jahren vermehrt auf Aufmerksamkeit stößt. Es handelt sich hierbei, kurz beschrieben, um die Verdrängung einer überwiegend ärmeren, statusniedrigen Bewohnerschaft durch neue Bewohner mit höherem Einkommen und Status aus einem innenstadtnahen Wohngebiet.86 „Unter ande rem hängt ,Gentrification‘ zusammen mit der Wandlung des Arbeitsmarktes zum Dienstleistungs- und Wissensgewerbe, mit demographischen Veränderungen der Wohnbevölkerung, Kosten-Nutzen-Überlegungen der Eigentümer von Gebäuden in innenstadtnahen Teilgebieten, rechtlichen Rahmenbedingungen und in seiner sozialen Dimension mit der Verdrängung von Mietern.“87 Die Wiederbelebung der Innenstädte stellte in der zweiten Hälfte des 20. Jahr hunderts ein wichtiges Ziel der Stadtpolitik dar, da die Städte unter der Abwan derung, vor allem durch Suburbanisierung und wegen der verfallenden Gebäu destruktur litten. Durch die Ausschreibung von Sanierungsgebieten und die För derung von Infrastruktur sollten finanzstarke Familien aus dem Mittelstand in die Städte gelockt werden, um ein weiteres Absinken der Viertel zu verhindern und Einnahmen zu steigern. Gleichzeitig sollten so auch Firmen aus dem Dienstleis tungssektor für den Standort Stadt geworben werden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. So sollte, neben den Steuereinnahmen, auch das Prestige der Stadt stei gen. Die Förderung einer bestimmten Bewohnergruppe, der Mittelschicht, verursachtejedoch Ungleichheitsphänomene wie die Gentrifizierung.88 Gentrifizierung bestimmt in der Gegenwart die Debatten um die Entwicklung deutscher Innenstädte wie kaum ein anderes Phänomen, obwohl es sich hierbei, so könnte man argumentieren, lediglich um eine besonders schwerwiegende Form sozialer Ungleichheit und Segregation in Städten handelt. Der Gentrifizierung wird in den Medien eine enorm große Aufmerksamkeit gewidmet, die Intemet- Suchplattform Google hält rund 279.000 Ergebnisse bei einer Suche nach Gentri fizierung bereit, bei einer Suche nach dem englischen Begriff Gentrification sind es sogar über 4 Millionen.89 86 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 119-123. 87 Blasius 1993, S. 22. 88 Vgl.: Blasius 1933, S. 36-37. 89 Vgl.: Suche auf www.google.de am 06.06.2016. -31 - Dabei besteht auch die Gefahr, dass der Gentrification-Begriff in Debatten zu stark ausgereizt und zu weit ausgelegt wird, wodurch die ursprüngliche Bedeu tung des Phänomens verwässert und bald sämtliche für negativ befundene Ent wicklungen in Großstädten auf dieses Phänomen zurückgeführt werden. Eine Verwechslung mit anderen Phänomenen der Stadtentwicklung, sowie mit einem gesamtstädtischen Fahrstuhleffekt scheint aufgrund der Popularität des Begriffs Gentrifizierung deshalb durchaus möglich. Auch eine Emotionalisierung der Aus einandersetzung mit diesem Thema ist zu beobachten und lässt sich an Buchtiteln wie „Mieten Wahnsinn“90 oder „Wir bleiben alle!“91 erkennen. Es erscheint notwendig, Gentrifizierungstendenzen eindeutig von anderen Ent wicklungen in Städten abzugrenzen und zu identifizieren, damit eine geordnete Debatte um die Zukunft der deutschen Innenstädte möglich wird. Dies ist beson ders wichtig für Stadt- und Ortsteile, in denen in Zukunft eine Gentrifizierung erwartet wird, wie beispielsweise in Berlin Wedding und Moabit. 2.1.1 Der Gentrification-Begriff Der Begriff der Gentrification wurde erstmalig von der englischen Geographin und Soziologin Ruth Glass benutzt, welche ihn im Jahr 1964 verwendete92, um die Entwicklungen im Londoner Stadtteil Islington, einem innenstadtnahen Wohngebiet, zu beschreiben.93 Nach baulichen Veränderungen im Gebiet, welche in eine Aufwertung dieses Gebiets resultierten, konnte sie feststellen, dass die ehemals dort lebenden Arbeiter schrittweise von Familien des Mittelstands ver drängt wurden. In dem einstigen Arbeiterviertel fand nach einer Aufwertung ein Bevölkerungsaustausch zugunsten einer statushöheren Bewohnerschaft statt.94 Gentrification leite sich dabei vom englischen Wort gentry ab, welches „den nie deren Landadel in England des 18. und 19. Jahrhundert bezeichnet [...].“95 Der Begriff Gentrification konnte sich in der Forschung allerdings nur langsam durchsetzen, da er als zu sehr auf englische Verhältnisse zugeschnitten galt. Erst gegen Ende der 1980er Jahre wurde dieser Begriff weitläufig verwendet, so auch in Deutschland, wo er von Soziologen wie Jörg Blasius, Jürgen Friedrichs und 90 Holm 2014. 91 Holm 2013. 92 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 119-123. 93 V g l.:B röcker2013 ,S .16 . 94 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 119-123. 95 B röcker2013 ,S .17 . - 3 2 - Jens Dangschat aufgegriffen wurde.96 Gentrifizierung entstand als deutscher Be griff und wird synonym verwendet. Eine Gleichsetzung von Gentrifizierung und Yuppisierung sei in der Forschung ebenfalls anzutreffen, sollte allerdings vermieden werden, da der Begriff Yuppie (Young Urban Professional) für eine sachliche Debatte zu emotional geladen wirkt. Auch sollte der Gentrifizierungsprozess eindeutig von gewöhnlichen Pro zessen der Aufwertung abgegrenzt werden, was in der Forschung teilweise nicht ausreichend geschieht.97 In dieser Arbeit soll deshalb versucht werden, eine klare Abgrenzung zu finden. Die Popularität von Gentrifizierung in der Forschung hat in den letzten Jahren zugenommen, ebenso wie im öffentlichen Diskurs, was zu einer großen Bandbreite von Begrifflichkeiten und Definitionen geführt hat. Durch die teils stark unterschiedlichen Ausprägungen, die dieses Phänomen in verschiedenen Städten annehmen kann, ist auch in Zukunft nicht mit einer Ver einheitlichung von Begriffen und Auffassungen zu rechnen. Auch deshalb ist Gentrifizierung als ein chaotisches Konzept zu verstehen.98 Durch die erweiterte Auslegung des Gentrification-Begriffs sind auch neue Forschungsansätze und -konzepte entstanden, wie beispielsweise die Studentification, Touristification, New-Build-Gentrification, Super- bzw. Hyper-Gentrification und Mietgentrifizierung, auf die genauer in Kapitel 2.2.1 eingegangen wird. Erweiterte Begriffsfassungen schlagen zudem vor Gentrification auf alle Urbanisierungstendenzen auszweiten, was die Unübersichtlichkeit in der Forschungjedoch noch drastisch steigern würde.99 2.1.2 Definitionen Da Gentrifizierung sehr unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Auswirkungen aufweisen kann, was auch mit der Unterschiedlichkeit der Städte zusammenhängt, wo dieses Phänomen auftritt, herrscht auch über die genaue Definition des Be griffs Uneinigkeit.100 Ruth Glass, die den Begriff erstmalig verwendete, definierte diesen nicht, sondern beschrieb das Phänomen lediglich wie folgt: „One by one, many of the working class quarters of London have been invaded by the middle-class-upper, and lower shabby modest mews and 96 Vgl. Bröcker2013, S .26-27. 97 Vgl. Bröcker2013, S 17. 98 Vgl. Blasius 1993, S. 229; Bröcker2013, S. 16 99 Vgl. Bröcker2013, S 23-24. 100 Vgl. Bröcker2013, S 16, 30. -33 cottages [...] have been taken over [...] and have become elegant, expensive residences. Larger Victorian houses, downgraded in earlier or recentperiod [...] have been upgraded once again. [...] Once this process of ,gentrification‘ Starts in a district it goes on rapidly until all or most of the original working class occupiers are displaced and the whole so cial character of the district is changed.“101 Bei dem von ihr geprägten Begriff der Gentrification handelt es sich also um eine Invasion der oberen Mittelklassen, welche heruntergekommene, viktorianische Häuser in Arbeiterquartieren übernehmen und diese in luxuriöse Anwesen um wandeln. Der Prozess der Gentrifizierung vollzieht sich dabei schnell, bis die bis herigen Bewohner des Gebiets zum Großteil aus diesem verdrängt wurden und sich der Charakter des Quartiers grundlegend ändert.102 Bei der Betrachtung der einschlägigsten Definitionen der letzten Jahre fällt auf, dass die Inhalte dieser sich mit der Beschreibung des Phänomens von Glass in gewissen Teilen decken. Gentrifizierung tritt emeut als chaotisches Konzept auf, was die Menge und Vielfältigkeit von Definitionen angeht.103 Generell lassen sich Definitionen zwischen den Polen solitärer und holistischer Ansätze einordnen.104 Solitäre Definitionen beinhalten nur ein oder wenige Merkmale. Durch ihre fehlende Genauigkeit sind sie generalisierbar und auf viele verschiedene Gentrifizierungsverläufe anwendbar. Zudem sind sie mit anderen Theorien der Stadtso ziologie besser vereinbar und setzen keine zu engen Grenzen für die Forschung.105 Das Merkmal, welches bei solitären Definitionen zumeist im Vordergrund steht, ist die Verdrängung der bisherigen Bewohner eines Gebiets durch eine neue Gruppe. „Verdrängung ist das Wesen der Gentrification, ihr Ziel, nicht ein uner wünschter Nebeneffekt.“106 Es gibtjedoch auch solitäre Ansätze, die sich auf an dere Merkmale konzentrieren. Jürgen Friedrichs, einer der Begründer der deutschen Gentrification-Forschung, definierte Gentrifizierung zunächst so: 101 Glass, zitiert in: Krajewski 2006, S. 36. 102 V g l.:D iller2 0 1 4 ,S .1 5 -1 6 . 103 Vgl.: Stark 1997, S. 19. 104 V g l.:D iller2014 ,S .15 . 105 Vgl.: Friedrichs 1996, S. 14-15. 106 Marcuse, zitiert in: Holm 2013, S. 7. - 3 4 - „Gentrification ist der Austausch einer statusniedrigen Bevölkerung durch eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet.“107 Friedrichs stellt bei seiner Definition die soziale Aufwertung in den Vordergrund und betont, dass es sich um ein Wohngebiet handeln muss, wodurch er Gentrifi zierung von anderen Aufwertungsprozessen in Städten abgrenzen möchte.108 Al lerdings besteht die Gefahr, dass auch andere Prozesse des Wandels durch diese Definition erklärbar sind, beispielsweise kann eine erhöhte Mobilität in einem Wohnquartier nach dieser Definition als Gentrifizierung gelten. Dadurch wird eine eindeutige Beschreibung von Gentrifizierung weiter erschwert.109 Die Kon zentration auf nur ein Merkmal macht solitäre Definitionen zu ungenau, um Gen trifizierung von anderen Phänomen abzugrenzen. Eine genauere Ausdifferenzie rung und die Einbeziehung weiterer Merkmale kann allerdings die bereits genann ten Vorteile solitärer Ansätze fördern. Eine in der Forschung weit verbreitete und umfassende, aber trotzdem kurze Definition, wurde von Kennedy und Leonard aufgestellt. „Gentrification ist ein Prozess, in dessen Verlauf Haushalte mit höhe rem Einkommen Haushalte mit geringem Einkommen aus einem Wohnviertel verdrängen und dabei den grundsätzlichen Charakter und das Flair der Nachbarschaft verändern.“110 Bei dieser Definition steht das Merkmal der Verdrängung im Vordergrund, auch der Charakter eines Quartiers wird angesprochen. Somit greift diese Definition weitgehend die von Glass genannten Merkmale auf und erweitert sie zusätzlich um das Flair der Nachbarschaft. Die Bedeutung von weichen Standortfaktoren wie Image und Flair eines Gebietes wurde in der Forschung in den vergangenen Jahren größer. Weiterhin ist das entscheidende Kriterium für Verdrängungspro zesse in dieser Definition das Einkommen der Haushalte, wodurch Kennedy und Leonard sowohl soziologische, als auch ökonomische Aspekte einbeziehen.111 Helbrecht bietet einen weiteren solitären Definitionsansatz, welcher einerseits das Merkmal der Verdrängung, andererseits bauliche Aufwertungen in einem Stadtteil einbezieht: 107 Friedrichs 1996, S. 14. 108 V g l.:D iller2 0 1 4 ,S .1 5 -1 6 . 109 Vgl.: Krajewski 2006, S. 37. 110 Kennedy; Leonard, zitiert in: Diller 2014, S. 16. 111 V g l.:D iller2014 ,S .16 . - 3 5 - „Unter Gentrification versteht man einen stadtteilbezogenen Aufwer tungsprozeß [sic!], der auf der Verdrängung unterer Einkommensgrup pen durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten basiert und zu Quali tätsverbesserungen im Gebäudebestand führt.“112 Diese Definition stellt sich der Behauptung Marcuses entgegen, dass die Verdrän gung das Wesen der Gentrification sei und nicht ein Mittel zum Zweck. Es scheint jedoch nicht sinnvoll, Verdrängung als einziges Ziel des Gentrifizierungsprozesses zu sehen, vielmehr sollte von einer Multikausalität und somit auch von mul tiplen Auswirkungen ausgegangen werden.113 Einen fast ausschließlich ökonomischen Definitionsansatz liefert dagegen Smith: „Gentrification ist der Prozeß [sic!], in dessen Verlauf zuvor verwahr loste und verfallene innerstädtische Arbeiterviertel für Wohn- und Frei zeitnutzungen der Mittelklasse systematisch saniert und renoviert wer den.“114 Dieser Ansatz stellt die Wichtigkeit einer vorherigen Desinvestitionsphase in ei nem Gebiet heraus, ohne die die anschließenden Aufwertungen nicht möglich sind. Soziologische Faktoren bezieht Smith kaum ein, lediglich die spätere Domi nanz der Mittelklasse wird erwähnt. In einem kurzen Artikel über Gentrifizierung beschrieb Breckner das Phäno men wie folgt: „In der sozialwissenschaftlichen Fachwelt versteht man unter Gentrifi zierung eine allmählich, durch Emeuerungsmaßnahmen und/oder Ei gentümerwechsel entstehende Dominanz einkommensstarker Haus halte in attraktiven urbanen Wohnlagen zu Lasten von weniger verdie nenden Bevölkerungsgruppen. Solche Prozesse verlaufen in ihrer An fangsphase wie im Stadium ihrer Vollendung selten konfliktfrei.“115 Sie beschreibt Gentrifizierung dabei als eine Folge der Erneuerung von Wohnsubstanz in einem Quartier, wobei ärmere Haushalte im Nachteil sind, also ver 112 Helbrecht, zitiert in: Krajewski 2006, S. 38. 113 Vgl.: Krajewski 2006, S. 38. 114 Smith, zitiert in: Stark 1997, S. 20. 115 Breckner 2010, S. 27. - 3 6 drängt werden. Bei dieser Definition steht die bauliche Aufwertung im Vorder grund. Interessant ist diese Definition aber vor allem durch die Einbeziehung des großen Konfliktpotenzials, welches Gentrifizierung in sich trägt. Bewohnergrup pen stünden sich bei Gentrifizierungsprozessen als Konkurrenten um Wohnraum innerhalb eines Quartiers gegenüber. Den bisherigen, eher solitären Ansätzen, steht eine der wohl umfassendsten und auch am häufigsten zitierten holistischen Definitionen der Gentrification-Forschung gegenüber. Kaum ein Werk, das sich mit Gentrifizierung befasst, erwähnt nicht diese bereits 1984 von Hamnett verfasste Definition: „[Gentrification is] simultaneously a physical, economic, social and cultural phenomenon. Gentrification commonly involves the invasion by middle-class or higher-income groups of previously working-class neighborhoods or multi-occupied ,twilight areas’ and the replacement or displacement of many of the original occupants. It involves the phys ical renovation or rehabilitation of what was frequently a highly deteriorated housing stock and its upgrading to meet the requirements of its new owners. In the process, housing in the areas affected, both renovated and unrenovated, undergoes a significant price appreciation. Such a process of neighborhood transition commonly involves a degree of tenure transformation from renting to owning.“116 Hamnetts Definition umfasst vier Dimensionen von Aufwertungen: Physische, also bauliche, ökonomische, soziale und kulturelle Aufwertung. Weiterhin orien tiert er sich beim Ablauf des Prozesses stark an der Beschreibung von Glass. Nach einer Verbesserung der Wohnsubstanz gibt es, laut Hamnett, einen deutlichen Preisanstieg. Er stellt zudem die Hypothese auf, dass diese Transformationspro zesse auch die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen beinhalten. Jür gen Friedrichs nahm diese holistische Definition als Anlass für seine vereinfachte Definition. Hamnetts Ansatz sei zu genau, um auf alle möglichen Verläufe von Gentrifizierung zuzutreffen, die Definition sei somit auf einige Fälle nicht an wendbar.117 Die Abgrenzung zu anderen Phänomenen des innerstädtischen Wan 116 Hamnett, zitiert in: Krajewski 2006, S. 37; Bröcker2013, S. 18. 117 Vgl.: Friedrichs 1996, S. 14. - 3 7 dels sei zwar gut gelungen, durch die Aufstellung einer Hypothese in der Defini tion habe diese jedoch, so Friedrichs, ihre Gültigkeit verloren. Es ließe sich auf grund ihres großen Umfangs zudem nicht mit ihr arbeiten.118 Aufgrund der bereits sehr hohen Zahl an Definitionen in der Forschung soll in dieser Arbeit nicht versucht werden, einen neuen Ansatz zu finden. Gleichzeitig ist der Bezug auf nur eine Definition unter Umständen zu eingeschränkt für ver schiedene Gentrifizierungsverläufe. Stattdessen sollen an dieser Stelle zusam menfassend die Merkmale genannt werden, welche in den vorgestellten Definiti onen wiederkehrend verwendet werden: • Die Verdrängung der bisherigen Bevölkerung • Die Aufwertung der Bausubstanz • Die Umwandlung von Miet- zu Eigentumswohnungen • Der Austausch einer statusniedrigen durch eine statushöhere Bevölkerung • Ein hohes Konfliktpotenzial • Unterschiedliche Einkommensgruppen und Konsumstile • Physische Sanierung und soziale Aufwertung • Die Herausstellung von vier Dimensionen der Aufwertung bei Gentrifizierungsprozessen: baulich, sozial, funktional, symbolisch, wobei die funkti onal-symbolische Dimension als Meta-Dimension dient.119 Die bisher vorgestellten Definitionen und ihre jeweiligen Merkmale lassen folg lich zwei Möglichkeiten der Begriffsauslegung zu. Nach einem eng gefassten Verständnis beinhaltet Gentrifizierung drei Veränderungsprozesse: Den Aus tausch einer sozioökonomisch statusniedrigen gegen eine statushöhere Bevölke rung, die Veränderung des Gebietscharakters und der Angebotsstrukturen für Freizeit und Kultur und die bauliche Anpassung des Wohnungsangebots an die Nachfrage der einkommensstarken Zuziehenden durch Modernisierungen.120 Weit gefasst beinhaltet Gentrifizierung Mieterhöhungsentwicklungen, in deren Verlauf einkommensschwächere Haushalte bei der Konkurrenz um Wohnraum von Haushalten mit höheren Einkommen verdrängt werden.121 118 Vgl.: Friedrichs 1996, S. 14-15. 119 Vgl.: Bröcker2013, S. 18-19. 120 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 29. 121 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 29. - 3 8 - 2.1.3 Akteure der Gentrifizierung An Gentrifizierungsprozessen in innerstädtischen Quartieren sind mehrere Bevöl kerungsgruppen beteiligt, die in der Forschung gemeinhin als Akteure bezeichnet werden. Hierbei wird zunächst grundlegend unterschieden zwischen den neuen Bewohnern, welche sich emeut in eine Gruppe der Pioniere und eine Gruppe der Gentrifier aufteilen lassen, und den Alteingesessenen, beziehungsweise den An deren oder den sonstigen Haushalten. Diese Alteingesessenen sind in den gleichen Altersgruppen vertreten, wie Pio niere und Gentrifier, verfügen aber nicht über die gleiche, überdurchschnittliche Bildung der Pioniere oder das überdurchschnittliche Einkommen der Gentrifier und/oder sind nicht kinderlos. Die Alteingesessenen sind eine heterogene Gruppe, von Arbeitern mit und ohne Kindern, über Migranten bis hin zu Akademikern mit mehr als einem Kind. Die sogenannten Alteingesessenen wohnen allerdings meist auch nicht schon immer in einem Gebiet, eine Bezeichnung als ,sonstige Haus halte' ist also vorteilhafter. Der Einfachheit halber werden die Begriffe Alteinge sessene, Andere und sonstige Haushalte hier synonym verwendet. Besonders ab zugrenzen von Alteingesessenen bzw. sonstigen Haushalten sind ,Ältere‘. Diese unterscheiden sich von den anderen Akteuren hauptsächlich durch ihr hohes Al ter. Der Status dieser Akteure kann sich mit der Zeit ändern, was kaum durch die Auswertung von Statistiken nachzuvollziehen ist. Die sonstigen Haushalte sind zumeist die Verlierer eines Gentrifizierungsprozesses.122 Die eigentlichen Akteure der Gentrifizierung sind jedoch die Pioniere und Gen trifier (siehe Tab. 1), welche als neue Bewohner in ein Gebiet ziehen. Pioniere werden als die frühen Gentrifier betrachtet und sind: Risikofreudige, junge Perso nen, die vergleichsweise früh in ein Gebiet ziehen und es nach ihren Interessen und finanziellen Möglichkeiten bewohnbar machen. Sie sind in der Regel kinder los und unverheiratet und verfügen über eine gute bis sehr gute Bildung, aber über ein geringes Einkommen, was sie durch hohe Flexibilität, gute Kontakte und Netzwerke teils ausgleichen können. Sie leben in allen denkbaren Haushaltstypen (Wohngemeinschaften, allein, Paarwohnung). Besonders ihre Bereitschaft mit an deren zusammen zu wohnen und ihre überdurchschnittlich gut ausgeprägten sozi alen Kontakte machen sie in der Stadt konkurrenzfähig. Zudem sind sie an einer sozialen Mischung und Heterogenität im Wohngebiet durchaus interessiert und 122 Vgl.: Blasius 2004, S. 25. - 3 9 sehen diese als Bereicherung. Pioniere gelten als die ersten, die in ein Gebiet kom men, welches vermutlich bald aufgewertet wird. Sie schätzen am innenstadtnahen Wohnen einerseits die kurzen Wege, andererseits die guten Gelegenheitsstruktu ren und Möglichkeiten, sich kreativ zu entfalten oder ihre Subkultur auszuleben. Erst sie machen das Gebiet auch für andere neue Bewohner interessant. Der typi sche Pionier ist Student oder Künstler.123 Gentrifier kommen meist erst später in ein Gebiet, wenn dieses das Anfangs stadium der Aufwertung überwunden hat und sind etwas älter als Pioniere. Meist haben sie einen ,white-collar‘ Job, arbeiten also im Dienstleistungssektor. Sie sind in der Regel kinderlos und leben alleine, oder unverheiratet in einer Paarbezie hung als Doppelverdiener. Gentrifier haben ein hohes und sicheres Einkommen und meist gute berufliche Positionen. Durch ihre hohe Mietzahlungsfähigkeit und ihre Bereitschaft dazu, hohe Mieten zu zahlen, setzen sie sich am Wohnungsmarkt letztendlich gegen alle anderen Konkurrenten durch. Sie sind an einem homoge nen Wohngebiet interessiert und empfinden eine soziale Mischung als unange nehm oder sogar als Gefahr. Ihre geringe Risikobereitschaft führe dazu, dass sie erst dann in ein Gebiet kommen, wenn es bereits ihren Konsummustem und Vor stellung entspricht. Sie schätzen am innenstadtnahen Wohnen die kurzen Wege zu ihren Arbeitsplätzen und gute Gelegenheitsstrukturen, sind allerdings auch an ruhigen Wohnverhältnissen interessiert. Der typische Gentrifier arbeitet in einer leitenden Position in einem Dienstleistungsbetrieb oder einer Behörde.124 Denkbar ist auch eine Gruppe von Super-, beziehungsweise Hyper-Gentrifiem, also eine Gruppe mit ähnlichen sozio-demographischen Merkmalen wie Gentri fier, allerdings mit einem deutlich höheren Einkommen.125 Problematisch bei die ser Einteilung ist allerdings, dass die Grenzen zwischen Pionieren, Gentrifiem und sonstigen Haushalten fließend sind und sich die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen ändern kann. So wird ein Student, welcher als Pionier eingestuft wird, da sein Einkommen niedrig ist, automatisch als Gentrifier gelten, sobald sein Stu dium abgeschlossen ist und er einen gut bezahlten Arbeitsplatz findet. An der Wohnsituation dieser Person hat sich währenddessen womöglich nichts geändert. Die Einteilung von Pionieren, Gentrifiem und sonstigen Haushalten dient dem entsprechend eher zur Vereinfachung der Darstellung der komplexen Prozesse ei ner Gentrifizierung.126 123 Vgl.: Blasius 1993, S. 31-32. 124 Vgl.: Blasius 1993, S. 31-32. 125 V gl.:B röcker2013 ,S .32 . 126 Vgl.: Friedrichs 1996, S. 16-17. - 4 0 - Als weitere Akteure der Gentrifizierung können zudem Investoren gesehen wer den. Diese haben jedoch kein Interesse an einem Wohngebiet als solches, sondern sehen dieses als reine Investition des zweiten Kapitalkreislaufes.127 Dieser meint Immobilien, Infrastrukturen und Wohnungen. Da sich die investierten Summen langfristig amortisieren müssen, werden auf lange Sicht Gewinne erwartet, wel che durch diese Immobilien erwirtschaftet werden müssen. Hierzu verfolgen In vestoren verschiedene Strategien, welche je nach Wohngebiet unterschiedlich sein können. Der Gewinndruck sorgt außerdem für ein maximales Ausreizen von Mieten bei Wohnungen.128 Tab. 1 - Die Akteure der Gentrifizierung Sozialstatistische Merkmale Pioniere Gentrifier Alter 18-35 18-45 Pro-Kopf Einkommen Eher niedriger bzw. nahe am Einkommen des Bevölkerungs durchschnitts Höher als das Einkommen des Bevölkerungsdurchschnitts Bildung Mind. Abitur Mind. Mittlere Reife Berufsposition Student in der Ausbildung Angestellter, Beamter, Freiberufler, in der Dienstleistungsbranche Leitende Position Haushaltsgröße Bis zu 6 Personen wohnen häufig in W ohn gemeinschaften 1—2 Personenhaushalt als Paar zusammenlebend (Single-/Di«k-Haushalte) Familienstand Unverheiratet Kein oder max. 1 Kind Unverheiratet aber zusammenlebend Max. 1 Kind Risikobereitschaft hoch gering Quelle: Bröcker 2013, S. 34. 127 V g l.:U ffe r2 0 1 4 ,S .6 9 -7 1 . 128 Vgl.: Holm 2013, S. 22-23. -41 - 2.1.4 Auftreten, Ausprägungen und Auswirkungen von Gentrifizierung Die große Vielfalt an Begriffsauslegungen und Definitionsansätzen stammen auch daher, dass Gentrifizierungsprozesse je nach untersuchtem Gebiet sehr un terschiedliche Ausdrucksformen, Ausprägungen, Verläufe aufweisen und Aus wirkungen auf das Quartier haben können. Jede Stadt ist einzigartig (Vgl. Kapitel 1.1), daher folgt Gentrification auch keinem festgesetztem Muster, sondern nimmt spezifische Entwicklungen an. Trotzdem gibt es zwei Modelle zur Erklärung der idealtypischen Gentrification, welche sich Hauptsächlich am Wandel der Sozial struktur des betroffenen Gebietes ausrichten: Der (doppelte) Invasions-Sukzessions-Zyklus nach Dangschat, zurückgehend auf die Chicagoer Schule, und das Phasenmodell der Gentrification, angelehnt an das Modell des Wandels von Nachbarschaften, welche in Kapitel 2.2.2 erläutert werden.129 Neuere Ansätze und Gentrification-Konzepte stellen meist einen Aspekt in den Vordergrund der Betrachtungen, beispielsweise werden bei der Rural-Gentrification Entwicklungen im außerstädtischen Raum beobachtet, wobei der Raum im Vordergrund steht. Bei der Studentification, Tourisitification und der Family- Gentrification werden hingegen die Akteure der Entwicklungen in den Vorder grund gestellt und ihr Einfluss auf die Aufwertungen in einem Gebiet betrach tet. 130 Auf die neuen und erweiterten Forschungsansätze wird detailliert in Kapitel 2.2.1 eingegangen. An dieser Stelle soll jedoch deutlich werden, dass Gentrifizie rung von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Je nach Sicht weise und Forschungsansatz können Raum, Individuen oder ökonomische Be weggründe in den Vordergrund gestellt werden, was jedoch nicht die Bedeutung der anderen Faktoren ausschließt. Auch können bei einer Gentrifizierung mehrere Prozesse parallel ablaufen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Somit stehen neue Ansätze dem ursprünglichen Gentrification-Ansatz nicht im Wege. Dies wird be sonders deutlich bei der Touristification, welche durch den Statusgewinn eines Gebietes oft parallel zu einer gewöhnlichen Gentrifizierung verläuft.131 Das Auftreten von Gentrifizierung in einem Gebiet ist, laut Blasius, an bestimmte Entstehungsbedingungen geknüpft, welche durch eine sich ändernde Sozialstruk tur, ökonomische Beweggründe, sowie politische und rechtliche Rahmenbedin gungen erfüllt sein müssen. Eine der wichtigsten Bedingungen für Gentrifizierung 129 V gl.:B röcker2013 ,S .30 . 130 V gl.:B röcker2013 ,S .23 -24 . 131 V gl.:B röcker2013 ,S .23 -24 . - 4 2 ist der demographische Wandel, welcher sich in Innenstädten durch erhöhte Nach frage nach Wohnraum seit den 1990er Jahren äußert, da die Baby-Boom Genera tionen auf den Markt strömt und gleichzeitig die Anzahl der kleineren Haushalte ansteigt. Letzteres wird durch eine verlängerte Phase der Postadoleszenz verur sacht, also der Phase vor der Familiengründung. Durch Studium, Single-Dasein und vorangestellte berufliche Karriere gibt es in Städten immer weniger große Familien, die Heiratsquote stagniert, das Heiratsalter steigt an, wodurch die Nach frage nach Single- und Paarwohnungen mit ansteigt, was den Druck auf traditio nelle Familien erhöht.132 Verdrängung spielt als Bedingung für Gentrifizierung ebenfalls eine entschei dende Rolle und stellt dabei den Mittelpunkt der sozialen Dimension der Gentri fizierung und gleichzeitig das Wesen des Prozesses dar.133 Es kommt im Verlauf der Aufwertungen zu einer Umstrukturierung der Bevölkerung nach sozio-demographischen Merkmalen. Zugezogene gelten dabei als eine relativ homogene Gruppe, Verdrängte als heterogene Gruppe. Die einzige Gemeinsamkeit aller Verdrängten ist eine relativ große ökonomische Schwäche. Durch Luxussanierun gen, Umwandlungen in Eigentumswohnungen und Mietpreiserhöhungen werden die ehemaligen Bewohner der Innenstädte verdrängt, der Zuzug der ursprüngli chen Bevölkerung wird stark erschwert, da die Miet- und Kaufpreise zu hoch sind.134 Eine weitere Bedingung ist die Entwicklung des Hausmarktes und dessen Dy namik. Da durch die anhaltende Suburbanisierung die Preise für Häuser und Grundstücke stark gestiegen sind, hat das städtische Umland seinen größten Vor teil gegenüber der Stadt eingebüßt. Besonders Personen, die auf Gelegenheits strukturen, Kontakt zu Freunden und Bekannten und auf ein großes Kultur- und Freizeitangebot zurückgreifen wollen, ziehen deshalb einen innenstadtnahen Wohnraum vor. Dies gilt vor allem für Ein- und Zweipersonenhaushalte, aber auch für Rentner, Migranten und Arbeitslose, die ebenfalls auf solche Strukturen angewiesen sind. Dies erhöht zusätzlich die Nachfrage auf dem innerstädtischen Wohnungsmarkt.135 Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt spielen ebenfalls eine tragende Rolle für Gentrifizierungsprozesse. Da die Zahl der Arbeitsplätze im tertiären Sektor, 132 Vgl.: Blasius 1993, S. 24. 133 Vgl.: Holm 2013, S. 7. 134 Vgl.: Blasius 1993, S. 28. 135 Vgl.: Blasius 1993, S. 25. -43 also im Dienstleistungssektor, der besonders in der Innenstadt vertreten ist, zu nehmen und gleichzeitig das Lohnniveau steigt, steigt auch die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum. So sollen lange Wege vermieden werden. Gentrifi zierung wird so zu einer sogenannten ,white-collar‘ Eigenschaft der oberen M it telschicht und ist Folge der Ansiedlung großer Konzerne in der Stadt.136 „Unter anderem hängt ,Gentrification‘ zusammen mit der Wandlung des Arbeitsmarktes zum Dienstleistungs- und Wissensgewerbe, mit demographischen Veränderungen der Wohnbevölkerung, Kosten-Nutzen-Überlegungen der Eigentümer von Ge bäuden in innenstadtnahen Teilgebieten, rechtlichen Rahmenbedingungen und in seiner sozialen Dimension mit der Verdrängung von Mietern.“137 Weitere Faktoren für die Entstehung von Gentrifizierung bilden die sogenann ten neuen Lebensstile. Diese hängen meist mit neuen Konsumwünschen zusam men, wozu auch eine individuelle und repräsentative Wohnung gehört.138 Diese Lebensstile sind geprägt von einem hohen disponiblen Einkommen, hoher Flexi bilität und dem häufigen Nutzen der städtischen Gelegenheitsstrukturen.139 Entscheidend für die Entstehung von Gentrifizierung sind weiterhin die recht lichen Grundlagen und die politischen Rahmenbedingungen des betrachteten Ge bietes. Gesetzgebung, Mieterschutz und staatliche Förderung von Wohnungsbau und Modernisierungen können stark voneinander abweichen, selbst innerhalb ei ner einzelnen Stadt, in der beispielsweise bestimmte Sanierungsgebiete ausgewie sen wurden. Generell bietet Deutschland, verglichen mit Staaten wie den USA, einen guten Mieterschutz, weshalb Gentrifizierungsprozesse vergleichsweise ein geschränkt verlaufen. Auch der Anteil an Sozialmietwohnungen ist in Deutsch land vergleichsweise höher. Generell sind Aufwertungen von innerstädtischen Gebieten aber staatlich oder kommunal gewollt und werden entsprechend unter stützt, weshalb Gentrifizierung auch in Deutschland entstehen kann. Ein Ver gleich von Gentrifizierungsprozessen zwischen zwei Städten, besonders wenn diese in unterschiedlichen Ländern liegen, ist aufgrund der zum Teil sehr unter schiedlichen Rahmenbedingungen schwierig.140 Ebenfalls als Bedingung für die Entstehung von Gentrifizierung gelten Gedan ken der ökonomischen Rationalität. Da es allgemein weniger Geld kostet, vorhan dene Altbaustrukturen zu modernisieren anstatt ein neues Gebäude zu errichten, 136 Vgl.: Blasius 1993, S. 25. 137 Blasius 1993, S. 22. 138 Vgl.: Blasius 1993, S. 26-27. 139 V gl.:B röcker2013 ,S .12 . 140 Vgl.: Blasius 1993, S. 29. - 4 4 welches über eine ähnliche Ausstattung verfügt, wird dies generell vorgezogen. Zudem sind die alten Gebäudestrukturen, zum Beispiel von Gebäuden aus der Gründerzeit, attraktiv für viele Haushaltstypen. Die großzügig geschnittenen Zim mer und eine praktische Aufteilung gelten als reiz- und wertvoll. Eine Investition in ein solches Objekt kann daher sehr lohnenswert sein, besonders in einem früh zeitigen Stadium der Gentrifizierung oder noch davor. Dies lockt auch internati onale Investoren und Investmentfonds an. Die steigende Nachfrage nach einer Modernisierung lässt zudem auch angrenzenden Wohnraum profitieren, aller dings werden dann auch Modernisierungen teurer, weshalb bei einer Gentrifizie rung meist das gesamte Gebiet in einem sehr hohen Tempo modernisiert wird. Übrige ökonomische Beweggründe lassen sich über Rent-Gap und Value-Gap- Theorien erklären, welche in Kapitel 2.2.3 beschrieben werden.141 Nicht nur das Auftreten, auch die Ausprägung von Gentrifizierung unterscheidet sich, wie bereits festgestellt, erheblich je nach äußeren Umständen und betrachte tem Gebiet. Auch in welcher Art und Weise die Bedingungen für die Entstehung von Gentrifizierung erfüllt werden spielt dabei eine Rolle. Nach Bouali und Gude können drei Archetypen von gentrifizierten Gebieten identifiziert werden, welche je nach Ausprägung der dortigen Gentrifizierungstendenzen eingeteilt sind. Diese Typen wurden am Beispiel von Berlin entwickelt, lassen sich aber auch auf andere Städte übertragen.142 Eine Identifikation dieser insgesamt drei Typen wäre durch einen Vergleich eines Gebiets mit den idealtypischen Entwicklungen des Phasen modells der Gentrifizierung denkbar. Typ eins bilden die gentrifizierten Quartiere. In diesen Gebieten hat bereits ein struktureller Wandel stattgefunden und die bisherige heterogene Bevölkerung wurde gegen eine nach Alter, Qualifikationen und Einkommen eher homogene Bevölkerungsgruppe ausgetauscht. Diese Quartiere müssen in einem relevanten Umfang über großzügig geschnittene, attraktive Wohnungen und ausreichende städtische Infrastruktur verfügen. Reine Arbeiterquartiere gehören nicht dazu, es sei denn, der Wohnungsbestand und die Infrastruktur wurden bereits grundlegend saniert. Auch die Durchmischung von Wohnen und Gewerbe, sowie ein geringer Bevölkerungsanteil von Armen, gering Qualifizierten und Migranten sind für die Entstehung von Gentrifizierungstendenzen wichtig und somit in diesen Gebieten zufinden.143 141 Vgl.: Blasius 1993, S. 22-24. 142 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 35-40. 143 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 35-36. -4 5 - Den zweiten Typ bilden Gebiete, die sich im Gentrifizierungsprozess befinden. Dies sind Quartiere, in denen sich momentan ein deutlicher soziostruktureller Wandel vollzieht, in denen aber noch große Teile der ursprünglichen Bevölkerung erhalten geblieben sind, wobei bisher lediglich die armen Haushalte verdrängt wurden. Die Gentrifizierung hat eine bestimmte Ausprägung erreicht, muss aller dings nicht zwangsläufig weiter verlaufen und abgeschlossen werden. Investoren, Politik, der Wohnungsmarkt und die Anwohner können den weiteren Verlauf noch stark beeinflussen.144 Typ drei der gentrifizierten Gebiete bilden Quartiere mit überwiegend einkom mensärmerer Bevölkerung. Diese Gebiete weisen eine Bevölkerungsstruktur von überwiegend ärmeren Haushalten auf, zu denen aber immer mehr Haushalte typi scher Pionier-Gruppen stoßen, zum Beispiel Studenten, Künstler und Kreative. Diese verfügen ebenfalls über niedriges Einkommen, teils sogar unter dem Ge bietsdurchschnitt. Durch ihre anderen Lebensformen und Vorlieben ändern sich Nachfrage und Angebot im Gebiet, weshalb auch die Infrastruktur anpasst wird. Es finden in diesen Gebieten noch keine relevanten Zuwanderungen von Besser verdienenden statt, eventuell steigende Mieten können den generell stark steigen den Mietpreisen im unteren Preissegment der gesamten Stadt zugeordnet werden. Dieser Fahrstuhleffekt ist besonders in Berlin stark ausgeprägt und wird teils fälschlicherweise als Gentrifizierung gewertet. Es gibt in diesen Quartieren zwar womöglich ebenfalls einen soziostrukturellen oder demographischen Wandel, so wie Veränderungen der Infrastruktur und auf dem Wohnungsmarkt, doch die ei gentlichen Merkmale der Gentrifizierung, besonders die Verdrängung, fehlen bis her.145 Auffällig ist allerdings, dass den im Stadtvergleich eigentlich unterdurch schnittlichen Mieten in solchen Gebieten immer öfter deutlich höhere Mieten bei einer Neuvermietung an neue Bewohner gegenüberstehen. Diese Mietpreissteige rungen sind ohne vorherige Investitionen durch reine Nachfrage möglich, was auf eine hohe Beliebtheit solcher Gebiete bei den sogenannten Pionieren schließen lässt. Es kann dementsprechend zu einer sogenannten Mietpreisgentrifizierung kommen. Eine Ankündigung einer bevorstehenden klassischen Gentrifizierung 144 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 36-37. 145 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 37-40. - 4 6 muss dies allerdings nicht sein, da die wohlhabenderen Gentrifier ohne Moderni sierungen nicht in solche Gebiete ziehen, weshalb es mittelfristig vermutlich nur zu einer partiellen Veränderung der Sozialstruktur in diesen Quartieren kommt.146 Die Auswirkungen von Gentrifizierungsprozessen sind, im Gegensatz zu Auftre ten und Ausprägungen, weniger divergent, wobei auch hier Unterschiede je nach Gebiet denkbar sind. Allgemein sind durch eine Gentrifizierung Preissteigerun gen im Gebiet zu erwarten, was sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, auf die Mietpreise und Kaufpreise für Wohnraum bezieht. So sind die Mieterträge für die rund 33.000 vorhandenen Wohnungen im Ortsteil Prenzlauer Berg in Berlin von rund 22 Millionen Euro im Jahr 1993 auf rund 144 Millionen Euro im Jahr 2008 gestiegen, was einer Steigerung von 500 Prozent in 15 Jahren gleich kommt.147 Doch auch die Gelegenheitsstrukturen, sowie Freizeit- und Kulturangebote passen sich einer neuen, kaufkräftigen Kundschaft an und werden unter Umstän den teurer. Steigende Preise, aber auch die Veränderung des Wohnumfelds, sowie steigender Druck durch gestiegene Nachfrage können indirekt, Hausbesitzer und Investoren direkt, in der Folge zur Verdrängung der bisherigen Bewohner führen. Hierbei sind sowohl geographische Verdrängung, als auch Verdrängung aus dem bisherigen Lebensstil denkbar.148 Zumeist wird bei einer Gentrifizierung eine heterogene, statusniedrige, gering gebildete und einkommensschwache Bevölkerung durch eine homogene, status höhere, gut gebildete und einkommensstarke Bevölkerung ausgetauscht, wobei nicht auszuschließen ist, dass einige Bewohner im Zuge der Gentrifizierung einen sozialen Aufstieg erleben und sich lediglich an anderer Stelle in der Statistik wie derfinden. Generell könne allerdings von einem starken soziostrukturellen Wan del in einem gentrifizierten Gebiet gesprochen werden.149 Wie genau diese Ver drängung ablaufen kann wird in den Beschreibungsmodellen in Kapitel 2.2.2 er läutert. Selbstverständlich hat eine Gentrifizierung nicht ausschließlich negative Aus wirkungen auf die Bewohner eines Gebiets. Für diejenigen, die es sich leisten können zu bleiben, sind die Aufwertungen und Modernisierungen von Vorteil. Generell lässt sich die Aufwertung eines Gebiets in vier Dimensionen gliedern: 146 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 44-46. 147 Vgl.: Holm 2014, S. 55. 148 Vgl.: Holm 2013, S. 60-62. 149 Vgl.: Häußermann; Kapphan 2002, S. 191-194. -4 7 - Die bauliche, soziale, funktionale und übergeordnet die symbolische Aufwertung (siehe Tab. 2). Besonders die bauliche Dimension der Aufwertung ist als positiv hervorzuheben, da sie eine direkte Steigerung der Lebensqualität der Bewohner des Gebiets bedeutet. Da der bauliche Zustand vieler Wohnungen in typischen gentrifizierten Gebieten vor der Modernisierung als desolat, teilweise ruinös be schrieben wird, scheint eine Aufwertung zumeist unumgänglich. Allerdings sind die Konzentration auf Luxussanierungen und vermehrte Umwandlungen zu Ei gentumswohnungen hierbei zu kritisieren, da sie den Markt für einige Bevölke rungsgruppen verschließen. Tab. 2 - Die vier Dimensionen der Aufwertung von Gentrifizierung Begriff G entrifizierung ■ ■ ■ Dimension Bauliche Soziale Funktionale Aufwertung Aufwertung Aufwertung ■ ■ ■ Inhalt Übergeordnete Dimension Erneuerung von Gebäuden und Wohnungen durch private Investoren und öffentliche Förderung Sanierung und Neubau von Gebäuden Wohnumfeld- und Infrastrukturmaß nahmen Austausch von Bewohnern Veränderte Sozialstruktur Zuzug von quartiersfremden sozialen Gruppen (einkommens- und bildungshöher) Ziel von Städtetouristen T Etablierung und Inszenierung neuer Nutzungen: * Kulturelle Einrichtungen * Hochwertige Dienstleistungen (Medienbranche) * Hochwertige Gastronomie * Hochwertiger Einzelhandel * Verwirklichung von »Leuchtturm- Proiekten4 Symbolische (Auf-(Wertung Durch Politik, Verwaltung, Medien, Wirtschaft, Kultur, Besucher und Bewohnerschaft Quelle: Bröcker 2013, S. 22. Die sogenannte soziale Aufwertung ist dagegen kritisch zu betrachten, da in ei nem gentrifizierten Gebiet nicht eine Umwandlung der Sozialstruktur von einer Ansammlung von Benachteiligten hin zum städtischen Durchschnitt erfolgt, wie es in den 1960er Jahren durch die sogenannte Sozialstruktursanierung in vielen - 4 8 - Quartieren vorgesehen war. Zumeist entstünde stattdessen eine homogene Bevöl kerungsstruktur mit überdurchschnittlichen soziostrukturellen Merkmalen. Die benachteiligten Bevölkerungsgruppen müssen nun auf andere Gebiete in der Stadt ausweichen, wo sie sich stärker als zuvor konzentrieren.150 Die funktionale Aufwertung eines Quartiers bietet Vor- und Nachteile, sie för dert die Verdrängung von alteingesessenem Gewerbe und Bewohnern, gleichzei tig schafft sie neue Arbeitsplätze und steigert das Ansehen des Gebiets. Dies führt auch zur letzten Dimension, der symbolischen Aufwertung. Dabei handelt es sich schlicht um die Verbesserung des Images eines Gebiets. Das Image eines ehemals benachteiligenden Gebietes kann durch eine Verbesserung seines Erscheinungs bildes nach außen zu einem Standortfaktor werden. In Verbindung mit anderen Standortfaktoren, wie der Infrastruktur, der Geschichte und dem Kultur- und Frei zeitangebot wird ein Quartier auch interessant für Touristen. Hierbei fällt auf, dass für Touristen die gleichen Standortfaktoren interessant sind, welche als Kennzei chen für Gentrifizierungstendenzen gelten. Tourismus und Gentrifizierung gehen demnach Hand in Hand: Die gleichen Quartiere, die bei Touristen sehr beliebt sind, ziehen meist auch Pioniere und Gentrifier an und umgekehrt.151 Grundsätzlich sollten bei innerstädtischen Aufwertungsprozessen zwei Prozesse unterschieden werden: Die exogen beeinflusste Gentrifizierung und das endogen motivierte, sogenannte Incumbent Upgrading, welches durch den amerikanischen Soziologen Clay erstmals beschrieben wurde.152 Bei Incumbent Upgrading geht die Initiative der Aufwertung von den Bewoh nern aus, besonders wenn diese selbst Eigentümer der Häuser sind, die aufgewer tet werden. Es handelt sich dabei eher um eine (finanzielle) Selbsthilfe. Incumbent Upgrading verläuft langsam, wenig intensiv und ist an den Bedürfnissen und fi nanziellen Möglichkeiten der Bewohner ausgerichtet, da für diese bessere Wohn bedingungen geschaffen werden sollen. Es findet keine Verdrängung statt, der Austausch der Bevölkerung findet parallel zur demographischen Entwicklung im Rest der Stadt statt. Die Aufwertungsprozesse geschehen also ohne einen signifi kanten Wandel der sozioökonomischen Struktur in dem Gebiet.153 Das Image des Gebiets ändert sich nicht und es bleibt in den meisten Fällen ein Wohnviertel, unter Umständen sogar ein Arbeiterviertel.154 150 Vgl. Holm 2013, S. 47-48. 151 Vgl. Novy 2014, S. 252-255 152 Vgl. Clay 1979, S. 35. 153 Vgl. Clay 1979, S. 46-47. 154 Vgl. Dangschat 1988, S. 274 - 4 9 - Bei einer Gentrifizierung hingegen geht die Initiative von außen aus, beispiels weise von Investoren oder Behörden. Die Aufwertung orientiert sich an den Be dürfnissen von Investoren, Eigentümern und Spekulanten (Gewinnmaximierung), sowie der Behörden (Wiederaufwertung, Steuereinnahmen, Ende der Suburbani sierung) und den Bedürfnissen neuer, finanzstarker Bewohner (Investitionen ins Wohnumfeld, Luxussanierungen, neues Gewerbe, Infrastruktur). Die Sozialstruk tur ändert sich in gentrifizierten Gebieten stark, alteingesessene Bewohner werden verdrängt.155 Die neuen Bewohner gehören oft der oberen Mittelschicht an und leben in kleinen Haushalten, meist ohne Kinder. Sie zeichnen sich durch einen höheren sozialen Status, bessere Bildung und höhere Einkommen im Gegensatz zu den ehemaligen Bewohnern aus.156 Die Baustruktur war zuvor meist herunter gekommen und wurde aufwendig modernisiert, wobei Gebäude aus der Gründer zeit bevorzugt werden. Es handelt sich in der Regel um ein relativ kleines Gebiet in guter Lage. Eine exakte Trennung der beiden Phänomene ist in Deutschland eher schwierig, auch sind Mischformen denkbar. Das äußere Interesse kann als Indikator für Gentrification gesehen werden.157 Zwar unterscheiden sich die Prozesse von Incumbent Upgrading und Gentrifi zierung deutlich voneinander (siehe Tab. 3), es lassen sich allerdings gewisse Ab hängigkeiten voneinander finden. Einerseits kann eine Aufwertung durch die Be wohner eines kleinen Gebiets zu einer anschließenden Gentrifizierung führen, welche als ,spot-gentrification‘ bezeichnet wird. Die gesteigerte Attraktivität durch die selbstständig durchgeführten Aufwertungen kann demnach die Nach frage in dem Gebiet erhöhen. Andererseits kann Incumbent Upgrading unter Um ständen als Strategie zum Schutz vor Verdrängung in den Randgebieten von gen trifizierten Quartieren dienen. Durch das sogenannte ,fringe-upgrading‘ können Bewohner mit eigenständig durchgeführten Aufwertungen den Wert ihrer Woh nungen und Häuser erhalten, beziehungsweise steigern, um so einen Kauf durch Investoren zu verhindern, wodurch sie weiterhin dort wohnen können.158 Durch die Ähnlichkeit von Incumbent Upgrading und Gentrifizierung ist eine Verwechslung der beiden Prozesse bei der Betrachtung eines Gebietes durchaus vorstellbar. Hierbei dienen vor allem die Fluktuation der Bevölkerung und das Interesse von äußeren Akteuren als Indikatoren für Gentrifizierung. Für die vor 155 Vgl.: Clay 1979, S. 30-31. 156 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 119-123. 157 Vgl.: Blasius 1993, S. 29-30. 158 Vgl.: Dangschat 1988, S. 274. - 5 0 liegende Arbeit scheint Incumbent Upgrading von großem Interesse, weil die Be wohner der Ortsteile Moabit und Wedding in Berlin durch das Quartiersmanage ment der Senatsverwaltung zu selbstständigen Aufwertungen ermutigt werden sollen. Somit könnten in den Medien vermutete Gentrifizierungsprozesse mit Pro zessen des Incumbent Upgrading verwechselt worden sein, was eine fehlerhafte Rezeption bei den Bewohnern Berlins ausgelöst haben könnte. Dies soll in der Analyse in Kapitel 5 überprüft werden. -51 - Tab. 3 -V erg le ich von Gentrifizierung und Incumbent Upgrading Eigenschaften Gentrification Incumbent Upgrading Initiative und Auslöser Außen: Investoren, Planungs behörden, Makler Innen: Bewohner, Pioniere [Akteure] Innen: Bewohner, Eigentümer Orientierung an Ansprüchen der neuen Bewohner an Gewinnerwartungen von Spekulanten an Planungsbehörden an finanziellen Möglichkeiten und Bedürfnissen der Bewohner Gebietsgröße relativ klein relativ groß Dynamik des Prozessverlaufs schnell, intensiv, schubweise langsam, wenig intensiv, gleichmäßig Soziale Dimension Starke Veränderungen: Anstieg der (oberen) Mittelschicht und Aus tausch statusniedriger durch status höhere Bevölkerung Geringe Veränderungen, Kaum soziale Mobilität [geringe Fluktuation im Gebiet] Bauliche Dimension Vorher: Bestandsquartier (Ende 19,/Anfang 20. Jh.), meist verfallen, teilweise ruinös Nachher: modernisierte Bestands struktur, Baulückenfüllung Vorher: Bestandsquartier (195er/1960er Jahre), meist verfallen, teilweise ruinös Nachher: modernisierte, in standgesetzte Bestandsstruktur Funktionale Dimension Nutzung: Entstehung neuer Geschäfte und Freizeitangebote Investitionen: Ins W ohnumfeld und aufwendige Renovierung der Wohnungen Gebietscharakter: Mischgebiet Nutzung: Keine oder kaum veränderte Infrastruktur Investitionen: Keine oder kaum öffentliche Investitionen Gebietscharakter: W ohngebiet Quelle: Bröcker 2013, S. 20, selbst erstellte Tabelle mit eigenen Ergänzungen. - 5 2 - 2.1.5 Gentrifizierung und Lebensstil Seit den 1970er Jahren sind zu den anerkannten, durch das ökonomische System zu befriedigende Lebenszielen (Wohlstands- und Erfolgsziele) auch soziale Le bensziele hinzugekommen. Diese sind Lebensziele der Integration, Selbstver wirklichung und Emanzipation. Sie können auch als postmateriell verstanden werden.159 In dieser Zeit ist die zuvor selbstverständliche Einbettung von Lebens verläufen in die kollektive Vergemeinschaftung von Familien, Partnerschaften und Statusgruppen abgelöst worden durch eine individuelle und autonome Le benssteuerung.160 Diese Individualisierung hat eine Pluralisierung der Lebensver läufe ermöglicht und so verschiedene, neue Lebensstile hervorgebracht. Einige dieser neuen Lebensstile lassen sich als ,neue Urbanitäten' beschreiben, welche junge Leute meinen, die eine positive Einstellung zum Wohnen in der Innenstadt haben und diese neu bevölkern.161 Die Lebensstile dieser neuen Bewohner grenzen sich zumeist von denen der anderen Haushalte in einem Gebiet ab. Sie sind oft mit einem hohen, disponiblen Einkommen verbunden, der diese Lebensstile erst ermöglicht. Keine Kinder im Haushalt zu haben ist eine weitere Voraussetzung dieser Lebensstile, da man an sonsten zu wenig Zeit und Freiraum hätte, um diese auszuleben. Somit können Lebensstile als eine Ausdrucksform und als Spiegel der sozialen Ungleichheit und deshalb als Faktor für Segregation verstanden werden.162 Häußermann und Siebei identifizieren zwei Gruppen von neuen Urbanen: Yup pies (Young urban Professionals, von ihnen auch als Gentrifier bezeichnet) und Alternative (Pioniere). Erstere sind beruflich erfolgreich und verkörpern einen lu xuriös-dynamischen Lebensstil. Alternative dagegen negieren bürgerliche Le bensstile und Arbeitsformen, sind finanziell schwächer und leben eher abseits der Norm. Beiden Gruppen ist gemeinsam, dass ihre Bedürfnisse von Konsum, Kultur und Wohnen, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, am besten in der Innenstadt befriedigt werden.163 Innenstadtnahe Wohnungen werden demnach oft von Per sonen nachgefragt, die in einer ähnlichen Position im Lebenszyklus sind, deren sozialer Status und Einkommen sich aber dennoch stark unterscheidet. Dies kann zu Konflikten zwischen den Bewohnergruppen führen, da sie um den gleichen 159 Vgl. Hradil 2009, S. 287-288 160 Vgl. Mayer; Hilmert2004, S. 161 Vgl. Blasius 1993, S. 40-43. 162 Vgl. Blasius 2004, S. 28. 163 Vgl. Blasius 1993, S. 40-43. -5 3 - Standort konkurrieren und unterschiedliche Einstellungen zu Aufwertungen ha ben.164 Laut Michael Sobel ist die Differenzierung von Lebensstilen gleichzusetzen mit der Verteilung von Konsumpräferenzen. Lebensstil ist eine bestimmte und des halb erkennbare Form des Lebens, die im Konsum zum Ausdruck kommt. Je mehr die strukturelle Differenzierung in einer Gesellschaft fortgeschritten ist, desto stärker differenzieren sich auch Lebensstile. Individuelle Präferenzen variieren mit den Positionen des Individuums innerhalb der Sozialstruktur der Gesellschaft. Konsumpräferenzen sind deshalb auch Ausdruck von Wahlfreiheit, die nicht durch Werte- und Normen, Moral oder Schichtzugehörigkeit begrenzt werden, sondern lediglich von Geld, also Finanzkraft des Individuums.165 Lebensstile äußern sich weiterhin im Geschmack, so fragen finanzstarke Haus halte gerne Wohnungen nach, die viel Platz für Selbstverwirklichung bieten. Dazu gehören große, hohe Räume und auch schöne Fassaden, wie sie in deutschen Städ ten besonders bei Gebäuden zu finden sind, die vor dem ersten Weltkrieg gebaut wurden. Sie bieten eine klare Abgrenzung zu den Neubauten, die ab 1950 entstan den. Erstere befinden sich zudem überwiegend in zwei bis maximal fünf Kilome tern Entfernung zur Innenstadt und gelten so als innenstadtnaher Wohnraum. Ge nerell wird Selbstverwirklichung für viele Menschen immer wichtiger, was auch einschließt, dass man sich nicht auf einen Partner festlegt, keine Kinder hat und sich so die größtmögliche Wahlfreiheit erhält. Als Folge steigt die Zahl der finan ziell unabhängigen Alleinlebenden in Städten an, wodurch auch die Nachfrage nach Wohnraum steigt.166 Die Aufwertung innerstädtischer Wohnviertel ist dabei abhängig von gestiege ner Nachfrage nach hochwertigem Wohnraum in Innenstädten, welche begründet ist mit dem Wandel von Haushalts- und Beschäftigtenstrukturen und veränderten Konsumpräferenzen.167 Wenn aufgewerteter Wohnraum in der Innenstadt nach gefragt und damit konsumiert wird, dann wird er auch produziert und zu dem ma ximalen Preis angeboten, den der Markt zulässt.168 Die neuen urbanen Bewohner tragen ihren Lebensstil nach außen, Kleidung, Schmuck, Möbel, Auto und Urlaub sind Kennzeichen dieser Gruppen und tragen zur funktionalen Identität dieser bei. Auch stilvolle Wohnungen, welche nach 164 Vgl. Dangschat 1988, S. 284-285 165 Vgl. Müller 2009, S .337-338. 166 Vgl. Blasius 1993, S. 40-43. 167 Vgl. Dangschat 1988, S. 288. 168 Vgl. Blasius 2004, S. 27-28. - 5 4 - Größe, Ausstattung, Preis und Wohnumfeld ausgewählt werden, sind Teil dieser urbanen Identität. Neue urbane Lebensstile beinhalten zudem ein sehr mobiles Verhalten, ein Teil der alltäglichen Konsumption wird aus der Wohnung in deren unmittelbare Umgebung verlagert, was die Innenstadt attraktiver als andere Stadt teile macht, da sich dort Gelegenheitsstrukturen und auch Gleichgesinnte finden lassen. Die Nähe zu Ausbildungs- und Arbeitsplätzen ist wichtig, während eine kinderfreundliche Umgebung für diese Haushalte eher unwichtig ist. Dies be schreibt die Vorlieben eines typischen Gentrifiers relativ genau.169 Alternative verwirklichen dagegen ihre Lebensstile oft durch Subkulturen und neue Gewerbe, welche die Vorarbeit für eine spätere Gentrifizierung bilden kön nen. Sie bevorzugen dabei eher nicht modernisierte Altbauwohnungen wegen ih rer gleichmäßigen Aufteilung, die auch für WGs und alternative Geschäfte geeig net ist. Gentrifier setzen sich durch ihr Konsumverhalten und ihre Finanzkraft letztendlich durch, Dienstleistung und Handel passen ihr Angebot dieser Bewoh nergruppe an. Sie bevorzugen modernisierte Altbauten mit großzügigem Schnitt. Da Wohn- und Gewerbeflächen endlich sind müssen sich Bewohner und Handel entweder anpassen oder umwandeln, ansonsten werden sie verdrängt. Die Preise im Gebiet steigen daraufhin, auch wegen steigender Nachfrage.170 Gentrifier und Alternative, beziehungsweise Pioniere, können auch als kreative Milieus (was weit gefasst werden soll) verstanden werden, welche maßgeblich zur Entstehung eines innovativen, produktiven Klimas in der Stadt beitragen. Dies ist in der heutigen Zeit zwingende Voraussetzung für Wohlstand und Wachstum in einer Region.171 Nach Richard Florida gibt es sogenannte weiche Standortfak toren, welche besonders entscheidend für die Ansiedlung der kreativen Klassen sind, womit er Künstler, Alternative aber auch junge Mittelständler aus dem Dienstleistungssektor und Wissenschaftler meint.172 Diese bevorzugen beispiels weise „ein tolerantes Klima in der Stadt, individuelle Entfaltungsmöglichkeiten und ein attraktives Kultur- und Freizeitangebot.“173 Diese weichen Standortfakto ren werden teilweise erst durch Pioniere geschaffen und durch weitere Vertreter urbaner Lebensstile erweitert. Das kulturelle Kapital, welches die kreativen Mili eus in einem Stadtteil erwirtschaftet haben, wird in der Folge von Investoren und 169 Vgl.: Blasius 2004, S. 28-29. 170 Vgl.: Blasius 1993, S: 40-43. 171 Vgl.: Löw; Steets, Stoetzer2008, S. 136. 172 V gl.:H olm 2013,S .43. 173 Holm 2013, S. 43. - 5 5 - Eigentümern dafür verwendet, ihre Wohnräume attraktiver wirken zu lassen. Da bei wird auch der Ruf und das Flair eines Quartiers für Marketingzwecke aufge griffen.174 „Gentrification stellt sich aus dieser Perspektive als eine immobilien wirtschaftlich vermittelte Enteignung des kulturellen Kapitals von (ökonomisch mittellosen) Künstler/innen durch später zuziehende Reiche dar.“175 Das Ausle ben alternativer, neuer Lebensstile von Pionieren kann so zu einer Aufwertung führen, die diese Gruppen ursprünglich vermeiden wollten. Es ist deutlich geworden, dass Personen, die neue Lebensstile ausleben, ein ver ändertes Konsumverhalten aufweisen. Zu den Konsumpräferenzen und den Ge schmäckern zählen, neben Statussymbolen, Kleidung und Essen auch repräsenta tive Wohnungen. Da sich der Wunsch nach innenstadtnahen Altbauwohnungen bei vielen Lebensstilen überschneidet - neue Lebensstile, wie auch etablierte, klassische Haushaltstypen weisen eine hohe Nachfrage nach Altbauten in innen stadtnahen Wohnquartieren auf - kommt es zu Konkurrenz zwischen den ver schiedenen Bewohnertypen und Lebensstilen. Letztendlich setzt sich die Gruppe mit dem höchsten Einkommen am Markt durch. Dies zeigt, dass bei der Gentrifi zierung Lebensstile und deren spezifische Konsummuster eine große Rolle spie len. Selbst ärmere Bewohner können unbewusst Vorarbeit für eine Gentrifizie rung leisten, indem sie ihre Lebensstile, Konsumverhalten und kulturelles Kapital in einem Viertel etablieren und so das dortige Image verändern. Es gibt jedoch auch Autoren, die davor warnen, den Einfluss der neuen Lebens stile und der urbanen Bevölkerungsgruppen überzubewerten. Andere Akteure auf dem innerstädtischen Markt werden aufgrund ihrer Unauffälligkeit lediglich oft übersehen. „Umso auffallender wirken demgegenüber expressive, auf Abwechs lung, Erlebnis und Selbstdarstellung eingestimmte Lebensstile, die zwar nur auf bestimmte Lebensphasen und Haushaltsformen und auf rund 15% der Bevölke rung beschränkt sind, wegen ihrer Konzentration in innerstädtischen Standorten und ihrer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum in ihrem Gewicht aber leicht über schätzt werden. Dabei spielt, stellt man die großen Bildungs- und Einkommens unterschiede zwischen den Trägem dieser expressiven Lebensstile in Rechnung, das Alter offenbar eine größere Rolle als die Schichtzugehörigkeit. Insofern muss man aber auch davon ausgehen, dass in den Innenstädten keineswegs nur Neubau 174 Vgl.: Holm 2013, S. 33. 175 Holm 2013, S. 33. - 5 6 oder luxussanierte Altbauwohnungen gefragt sind, die für fast die Hälfte dieser Lebensstilgruppen unerschwinglich sind.“176 Eine Ansammlung dieser expressiven Lebensstile in einem Quartier durch Gentrifizierungsprozesse ist allerdings wahrscheinlich. 176 Spiegel 2000, S.213. - 5 7 - 2.2 Gentrifizierung in der Forschung 2.2.1 Kurzer Überblick über den deutschen Forschungsstand Gentrificationforschung begann in Deutschland gegen Ende der 1980er Jahre, Vorreiter waren und sind Soziologen wie Blasius, Dangschat und Friedrichs, die das Bild der deutschen Forschung bis heute prägen und erste deutschsprachige Definitionen aufstellten. Schwerpunkte der Forschung waren Frankfurt a.M., Köln, Hamburg und München, oft weil diese Forscher an Instituten in diesen Städ ten arbeiteten. Nach der Wiedervereinigung begann Mitte der 1990er Jahre auch die Forschung in ostdeutschen Städten wie Leipzig, Dresden, Erfurt, Halle und Ost-Berlin. Durch die Überführung der Wohnungen vom zentralistisch gesteuer ten zum marktwirtschaftlichen Wohnungswesen und durch den, zugegebenerma ßen, sehr dringlichen Sanierungsbedarf der ostdeutschen Wohnungen, gab es hier sehr weitreichende und schnelle Veränderungen. Diese führten jedoch zu einer Nichtbeachtung der westberliner Stadtteile und somit zu einer Desinvestitionspo litik in diesen. Deshalb waren diese nicht nur teilweise die Verlierer der Wieder vereinigung in Berlin (z.B. Moabit), sondern auch in der Forschung. Verglichen mit ostberliner Stadtteilen wie Prenzlauer Berg wurden sie kaum beachtet und stellen eine Forschungslücke dar, die mit dieser Arbeit gefüllt werden soll.177 In der deutschen Gentrification-Forschung wird allgemein von mehreren Stufen, beziehungsweisen Schüben der Gentrifizierung ausgegangen, welche mit den je weils herrschenden politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zusam menhingen. Diese gelten bis zur Wiedervereinigung zunächst nur für West deutschland.178 Die erste Stufe begann demnach in den 1950er Jahren und dauerte bis zur Öl krise 1973. Es gab weit gefächerte, aber sporadische Reinvestitionen, welche ab hängig von staatlicher Förderung und Stadtplanung waren. Diese waren explizit auf die Aufwertung innerstädtischer Gebiete ausgelegt, um die Verödung durch Suburbanisierung einzudämmen. Die Ölkrise beendete die meisten Investitionen durch die danach schlechte wirtschaftliche Situation. Die zweite Stufe erstreckte sich von den späten 1970er bis in die 1990er Jahre, es gab größere Investitionen in gentrifizierte Gebiete, bzw. innenstadtnahe Gebiete, welche einen aggressiven, unternehmerischen Antrieb hatten und weitreichende Spekulationen verursach 177 V gl.:B röcker2013 ,S .26 -27 . 178 Vgl.: Blasius 2004, S. 21-22. - 5 8 ten. Der Staat hielt sich aus den meisten Modernisierungen eher heraus. Die Re zession in den frühen 1990er Jahren ließ eine Immobilienblase platzen, weshalb Spekulationen ausgesetzt wurden. Die dritte Stufe dauert seit den frühen 2000er Jahren an. Die Pause nach den 1990er Jahren war nur kurz, es wurde wegen einer allgemeinen Erwartungshaltung nach der Wiedervereinigung schnell wieder in vestiert, nun auch in Ostdeutschland.179 In der Forschung werden seit neuestem, zusätzlich zu bereits bestehenden Kon zepten und Modellen der Gentrificationforschung, neue Konzepte zur Erklärung bestimmter Ausprägungen von Gentrifizierungen vorgeschlagen. Mehrere Pro zesse können bei einer Gentrifizierung gleichzeitig ablaufen und beeinflussen sich gegenseitig. Neue Konzepte stehen dabei dem ursprünglichen Ansatz der Gentri fication nicht im Weg.180 So werden bei der sogenannten Rural-Gentrification oder auch Provincial-Gentrification Gentrifizierungsprozesse im außerstädtischen Raum betrachtet. Hierbei geht es vor allem um Aspekte von Fläche und Raum. Bei den Konzepten der Studentification, der Touristification und der Family- Gentrification stehen die Akteure im Mittelpunkt der Betrachtungen. Hier werden die Einflüsse bestimmter Gruppen von Bewohnern oder Besuchern auf Gentrifi zierungsprozesse behandelt. Bei der sogenannten New-Build-Gentrification werden Neubautätigkeiten auf Brachflächen im oberen Luxuswohnbereich untersucht. Die Aufwertung von Wohngebieten durch Neubauten und das Interesse von Investoren stehen dabei im Fokus. Da Neubauten jedoch vorerst niemanden verdrängen, werden Zusammen hänge der immobilienwirtschaftlichen Inwertsetzung von Quartieren betrachtet. Die Super- bzw. die Hyper-Gentrification treten oft im Zusammenhang mit der New-Build-Gentrification auf. Sie beschreiben Aufwertungsprozesse in bereits gentrifizierten Vierteln, die Schließung von Quartieren auch für besser Verdie nende und somit die Überlagerung einer bereits stattgefundenen Gentrifizierung. Es findet eine weitere Steigerung der ökonomischen Wertschöpfung statt, auch hier steht die immobilienwirtschaftliche Inwertsetzung im Vordergrund. Die Gentrification-light bezeichnet hingegen einen Gentrifizierungsprozess, der nicht bis zum Ende durchlaufen wird, sondern meist bei einer symbolischen Aufwertung des Quartiers ohne Verdrängung der Bevölkerung stehen bleibt. 179 Vgl.: Blasius 2004, S. 21-22. 180 V gl.:B röcker2013 ,S .23 -24 . - 5 9 - Die Mietgentrifizierung oder auch Rental-Gentrification bezeichnet die Gewinn maximierung bei Neuvermietungen ohne wesentliche Modernisierungen der Bau substanz. Auch hier können durch ansteigende Kosten Verdrängungen stattfin den.181 2.2.2 Beschreibungsmodelle - Der Invasions-Sukzessions Zyklus und das Phasenmodell der Gentrifizierung Bei einer Gentrifizierung handelt es sich, wie bisher deutlich wurde, um eine Viel zahl ineinandergreifender, komplexer Prozesse, welche sehr unterschiedliche Ausprägungen und verschiedene Auswirkungen haben kann. Zudem wird das Tempo der Veränderungen durch viele Faktoren beeinflusst.182 Um diese komplexen Prozesse verständlich zu machen und so die Abläufe einer Gentrifizierung beschreiben zu können, haben sich in der Forschung zwei Be schreibungsmodelle etabliert, welche an dieser Stelle vorgestellt werden. Der Invasions-Sukzessions-Zyklus Das Beschreibungsmodell des Invasions-Sukzessions-Zyklus stammt ursprüng lich aus der Pflanzenökologie und wird dort verwendet, um den Prozess der Neu besiedlung eines Lebensraums zu beschreiben.183 Das Modell wurde erstmalig in den 1920er Jahren von der Chicagoer Schule der Stadtsoziologie für die Beschreibung von Transformationsprozessen in Städ ten verwendet.184 Es beschrieb zumeist die Verdrängung einer statushohen durch eine statusniedrige Gruppe.185 Clay war im Jahr 1979 der erste Forscher, der die ses Beschreibungsmodell für den Prozess einer Gentrifizierung verwendete und von der Verdrängung einer statusniedrigen durch eine statushöhere Gruppe sprach.186 Er erklärte damit den Austausch der Bevölkerung eines Quartiers, wel cher durch Gentrifizierungsprozesse verursacht wird. Hierfür verwendet er vier 181 Vgl. Bröcker2013, S .23-24. 182 Vgl. Bröcker2013, S. 30. 183 Vgl. Friedrichs 1995, S. 118-119 184 Vgl. Krajewski 2006, S. 47-49. 185 Vgl. Dangschat 1988, S. 280. 186 Vgl. Stark 1997, S.21. - 6 0 - Phasen von Entwicklungen, weshalb auch von einem doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus gesprochen werden kann. Aus diesem Ansatz ging später eben falls das Phasenmodell der Gentrifizierung hervor.187 Dangschat war der erste Soziologe, der dieses Beschreibungsmodell für deut sche Städte anpasste. Gleichzeitig versuchte er durch eine Einführung von Akteu ren, den Pionieren und den Gentrifiem, dieses Modell operationalisierbar zu ma chen.188 Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus ist in der Forschung vor al lem deshalb populär, weil er auf stark vereinfachende Weise die komplexen Zu sammenhänge einer Gentrifizierung veranschaulicht. Der idealtypische Ablauf (siehe Tab. 4) des doppelten Invasions-Sukzessions Zyklus der Gentrifizierung beginnt mit dem Zuzug von Pionieren in ein Gebiet, was als erste Invasion bezeichnet wird. Diese werden, der Einfachheit halber, als Gruppe verstanden. Sie zeichnen sich durch ihr relativ geringes Alter und Ein kommen, ihre hohe Mobilität, ihre gute Bildung und ihre hohe Risikobereitschaft aus und sind untereinander relativ heterogen. Meist befinden sie sich in einer Le bensphase, in der entscheidende Veränderungen noch bevorstehen, sind entspre chend kinderlos und meist nicht verheiratet. Der idealtypische Pionier ist Student oder Künstler (siehe Tab l) .189 Diese Pioniere ziehen oft zuerst in leerstehende Wohnungen und renovieren diese für ihren eigenen Bedarf, was keine weitere Aufmerksamkeit erfährt. Sind die leeren Wohnungen belegt, ziehen sie in frei werdende Wohnungen, wodurch sich der Anteil der Gruppe der Pioniere immer weiter erhöht.190 Erreicht die Gruppe der Pioniere einen Anteil von ungefähr 40 Prozent an der Bevölkerung im Gebiet, wird dies als die erste Sukzession bezeich net. Die Pioniere haben nun eine gewisse Dominanz im Quartier, weshalb es zu ersten geringfügigen Verdrängungen von bisherigen Bewohnern und Gewerben kommen kann.191 Ihre Durchsetzungskraft am Wohnungsmarkt verdanken die Pi oniere meist ihren guten sozialen Kontakten und Netzwerken, wodurch sie in der Lage sind, den Alltag einfach zu bewältigen, in Wohngemeinschaften zu leben oder Geld von Angehörigen zu beziehen. Dadurch sind sie auch in der Lage, ei gene Gewerbe und Lebensstile, ausgedrückt durch Subkulturen und deren Treff punkte, im Gebiet zu etablieren.192 187 Vgl.: Clay 1979, S. 57-60. 188 V gl.:B röcker2013 ,S .31 . 189 V gl.:B röcker2013 ,S .31 . 190 Vgl.: Clay 1979, S. 57. 191 Vgl.: Stark 1997, S. 21-22. 192 Vgl.: Blasius 2004, S. 26. -61 - Die Pioniere, die in diesem ersten Zyklus in ein Gebiet kommen, führen selbst nur geringfügige Veränderungen durch, allerdings treten bereits erste bauliche, sozi ale und funktional-symbolische Aufwertungen auf. Teils sind diese unabsichtlich herbeigeführt, was als Emergenzeffekt bezeichnet wird. Diese Verbesserungen werten gleichzeitig das Image eines Gebiets auf, weshalb auch andere Gruppen auf das Wohnquartier aufmerksam werden. Durch die von Pionieren ausgeführten Aufwertungen wird das Gebiet allgemein beliebter und andere Gruppen werden angezogen. Somit stellt diese Phase des Zyklus lediglich die Erschließung eines Gebiets durch die Pioniere für eine spätere Gentrifizierung dar.193 Es zieht nachfolgend in einer zweiten Invasion eine Gruppe in das Gebiet, welche sich durch etwas höheres Alter, relativ gute Bildung, hohes Einkommen, mittlerer Mobilität und geringe Risikobereitschaft auszeichnet und untereinander relativ homogen ist. Diese Gruppe wird als Gentrifier bezeichnet (siehe Tab. 1). Sie wur den durch die bisherigen Aufwertungen angelockt, welche bereits einen gewissen Fortschritt erreicht haben müssen. Denn die geringe Risikobereitschaft der Gen trifier resultiert in hohe Erwartungen an das Wohngebiet, sowie eine Bevorzugung einer homogenen Sozialstruktur.194 Die Gentrifier haben einen gut bezahlten Beruf in der Innenstadt und sind an weiteren Aufwertungen stark interessiert. In der Folge steigende Preise können sie bewältigen, teureren Wohnraum können sie nachfragen. Die sonstigen Haus halte und Pioniere im Gebiet können sich am Markt schlechter durchsetzen und werden verdrängt. Die Gentrifier erreichen schnell eine Dominanz von 60 Prozent der Haushalte im Quartier, was die zweite Sukzession darstellt.195 Sobald eine gewisse Dominanz der Gentrifier erreicht ist, welche bei ungefähr 75 Prozent der Haushalte liegt, wird von einem ,tipping point‘, beziehungsweise einem ,point of no retum ‘ gesprochen. Die Entwicklungen sind dann nicht mehr aufzuhalten oder rückgängig zu machen.196 Am Ende des Prozesses hat sich das Wohngebiet von einem Quartier mit hete rogener Sozialstruktur und heruntergekommenen Wohnhäusern zu einem Quar tier mit homogener Sozialstruktur und einer Mischstruktur aus zum Großteil lu 193 V gl.:B röcker2013 ,S .31 -32 . 194 V gl.:B röcker2013 ,S .32 -33 . 195 Vgl.: Blasius 2004, S. 26. 196 V g l.:B röcker2013 ,S .31 . - 6 2 xussanierten Häusern mit einem hohen Anteil an Eigentumswohnungen und mo dernem Gewerbe entwickelt. Die bisherigen Bewohner, aber auch die meisten Pi oniere des ersten Zyklus, wurden verdrängt.197 Tab. 4 - Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus In n s o iu ’P b iK 1 In y iiion i-P h t« II [nvrjxjr.t-Ptaic III d e rC e o ir ifk r lQ i i n G ennilirr IC1 * c rG ra tr if i t r [ß j Quelle: Blasius 1993, S. 122. Pioniere haben dabei, durch die schnellen und intensiven Entwicklungen, die der Gentrifizierungsprozess mit sich bringt, oftmals nicht die Möglichkeit eine eigene Infrastruktur zu etablieren, bevor sie selbst vertrieben werden. Deshalb bleiben ihre Einflüsse oft nicht auf Dauer erhalten und sie können relativ leicht durch Gentrifier in dem Gebiet ersetzt werden, die sich auf dem (Wohnungs-) Markt besser durchsetzen können.198 Es ist auch ein dritter Zyklus mit sogenannten Ultra-Gentrifiem denkbar, sollte eine Ultra-Gentrifizierung stattfinden, wobei Pioniere und vorherige Gentrifier verdrängt werden.199 197 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 118-119. 198 Vgl.: Dangschat 1988, S. 280-281. 199 V gl.:B röcker2013 ,S .33 . -6 3 - Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus wird allerdings auch kritisiert, unter anderem sei er empirisch noch nicht nachweisbar gewesen. Teilweise sei auch zu beobachten, dass Gentrifier vor Pionieren in ein Gebiet kommen.200 Zudem ändert sich der soziale Status von Personen über die Zeit und kann somit kaum nachvoll zogen werden, vor allem bei Verwendung von Tängsschnittdaten. Zum Beispiel gehört jeder, so ergibt es sich nach der Definition der Akteursgruppen, irgend wann zu den ,Alten‘, beziehungsweise sonstigen Haushalten. Eine genaue Be schreibung der Gentrifizierung anhand dieses Modells ist also schwierig.201 Das Phasenmodell der Gentrifizierung Das zweite in der Gentrifizierungsforschung verwendete Beschreibungsmodell ist das Phasenmodell der Gentrifizierung. Dieses entstand als Ergänzung zu den Pha senmodellen des Wandels von Nachbarschaften, welche unter anderem von Hooverund Vemon (1959), Ottensmann (1975) undDowns (1981) entworfen wurden. In diesen Modellen werden Wandlungsprozesse von Wohngebieten und ihren So zialstrukturen beschrieben. Hierzu werden meist fünf oder sechs Phasen mit je weils unterschiedlicher Dauer beschrieben.202 Das Modell von Hoover und Vemon gilt als Grundlage der nachfolgenden Pha senmodelle. Die erste Phase ist dabei der Neubau von Einfamilienhäusern mit niedriger Dichte in peripherer Lage, gefolgt von einem Bevölkerungswachstum. Die zweite Phase wird als Übergang bezeichnet und meint den Neubau von Mehr familienhäusern mit höherer Dichte in der Nähe der Stadtmitte, wodurch die Be völkerung stark anwächst. In einer dritten Phase findet eine Umwandlung, bezie hungsweise Herabstufung der Gebäude statt. Hierbei steigt die Bevölkerungs dichte weiter an und die Sozialstruktur ändert sich, wobei sie in den meisten Fäl len problematischer wird. Die vierte Phase bezeichnet die Ausdünnung der Wohn viertel. Durch die vorherige Herabstufung kam es zu Bevölkerungsrückgang und somit zu Leerstand, sinkenden Haushaltsgrößen, niedrigerer Dichte und teilweise zum Abriss von Häusern. Lediglich Migranten würden noch in solche Quartiere ziehen. Die fünfte Phase ist die Erneuerung des Quartiers, bei der alte Häuser modernisiert werden, wodurch sich die Wohnqualität maßgeblich erhöht. Hierbei 200 Vgl.: Blasius 2004, S. 26. 201 Vgl.: Stark 1997, S.22. 202 V g l.:B röcker2013 ,S .35 . - 6 4 erhöht sich jedoch nicht die Dichte. Oft greift hierbei auch der Staat durch Sub ventionen ein, wodurch es am Ende zwei Gruppen von Haushalten gibt: Subven tionierte Haushalte mit mittlerem Einkommen und Luxusappartements.203 Ursächlich für diese Veränderungen sind selektive Zu- und Abwanderungen von Bevölkerungsgruppen mit spezieller Sozialstruktur, welche anders als die in an deren Quartieren ist— Ursache ist also die Segregation innerhalb einer Stadt. Diese Entwicklungen haben Einfluss auf die Mieten, Preise, Infrastrukturen und das Image eines Gebiets. Nicht jede Phase dieses Modells muss jedoch zwangs läufig durchlaufen werden, auch das Überspringen von Phasen oder der Rückfall in eine frühere Phase sind möglich. Die Aufteilung der Bevölkerung in der letzten Phase des Modells kann dabei als wegweisend für die Gentrifizierungsforschung gesehen werden.204 Dieses Phasenmodell weist bereits grundlegende Merkmale der späteren Phasenmodelle der Gentrifizierung auf. Clay beschrieb 1979 die Invasion und Sukzession von neuen Bewohnergruppen in vier Phasen. Dies könne als eine Ergänzung der bisherigen Modelle des Wan dels von Nachbarschaften verstanden und in diese integriert werden.205 Sein Pha senmodell der Gentrifizierung setzt, je nach Verlauf der Transformationsprozesse, in der letzten oder vorletzten Phase des Modells des Wandels von Nachbarschaf ten an. Beschrieben werden darin hauptsächlich der Aufwertungsverlauf und die Veränderung der Sozialstruktur eines Wohnviertels. Da dieses Phasenmodell der Gentrifizierung jedoch auf amerikanische Städte zugeschnitten ist, entwickelte Friedrichs in Anlehnung an Clay ein Phasenmodell für deutsche Verhältnisse, welches in der deutschen Forschung weit verbreitet ist.206 Bei dem Phasenmodell spielen, neben den Akteuren und deren soziostrukturellen Merkmalen, weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Hierzu zählen unter anderem die Gebäudestruktur und deren Alter, die Mietkosten im Quartier und in Relation zum Rest der Stadt und der Anteil an benachteiligten Gruppen, wie zum Beispiel Ausländer, Arme, Alte und Arbeitslose.207 In dieser Arbeit sollen zwei Untersuchungsgebiete in eine Phase des Phasen modells der Gentrifizierung eingeordnet werden, weshalb eine genaue Beschrei bung der Phasen, ihrer Merkmale und wenn möglich auch einzelne Schwellen werte erfolgen muss. Es ist deshalb auch sinnvoll, nicht nur das Phasenmodell 203 Vgl. Friedrichs 1995, S. 1 204 Vgl. Friedrichs 1995, S. 1 205 Vgl. Clay 1979, S. 57-60 206 Vgl. Bröcker2013, S. 35. 207 Vgl. Friedrichs 1996, S. 1 -6 5 eines Autors zu verwenden, sondern stattdessen die Inhalte vieler Modelle in eines zusammenzufassen. Dies soll die Genauigkeit und die Anzahl der zu beobachten den Merkmale erhöhen. Ein Gebiet, welches sich in der ersten Phase des Phasenmodells der Gentrifizie rung befindet, durchlief zumeist in der Vergangenheit eine Phase der Desinvesti tion. Die Gebäudestrukturen, sowie die Infrastruktur sind deshalb relativ alt und in schlechtem bis hin zu ruinösem Zustand. Der schlechte bauliche Zustand führt zu niedrigen Miet- und Grundstückspreisen, was in der Vergangenheit eine Be wohnerschaft mit einem hohen Anteil benachteiligter Haushalte anzog. Generell ist das Quartier allerdings als heterogen anzusehen. Investoren, aber auch staatli che Organe, zeigen kaum Interesse an diesem Gebiet.208 Ebenfalls angelockt von niedrigen Preisen und der Möglichkeit, attraktiv ge schnittenen Wohnraum nach eigenen Bedürfnissen und finanziellen Möglichkei ten umzugestalten, kommen erste Pioniere das Gebiet. Diese ziehen in bisher leer stehende Wohnungen und werden beschrieben als „[.. ,]either oblivious to or acceptant of the risk involved [,..]”209, also besonders risikofreudig. Die Sozial struktur der Pioniere (siehe Tab. 1) unterscheidet sich grundlegend von der sozi alen Zusammensetzung der sonstigen Haushalte im Gebiet. Sie verfügen über eine bessere Bildung, eine Vielzahl an sozialen Kontakten und Netzwerken, was sie konkurrenzfähig macht und sind relativ jung und mobil.210 Die ökonomische Lage der Pioniere ist hingegen recht unterschiedlich, oft ist ihr Einkommen, welches sich aus verschiedenen Quellen zusammensetzt, jedoch vergleichbar mit dem Ge bietsdurchschnitt oder liegt sogar noch darunter. Dies können sie durch Leben in Wohngemeinschaften, Flexibilität und gute Kontaktejedoch ausgleichen.211 Die Pioniere sind untereinander heterogen und schätzen eine große soziale und kulturelle Vielfalt in dem Gebiet. Sie führen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, erste kleine Modernisierungen durch und verkörpern ihre teils alternativen Le bensstile nach außen. So entstehen Szenetreffs und die kulturelle Vielfalt im Quartier wird gesteigert.212 Auch kleinere Gewerbe von Pionieren eröffnen im Gebiet, um die anderen Konsumbedürfnisse der Gruppe zu befriedigen.213 208 V gl.:B röcker2013 ,S .36 . 209 Berry, zitiert in: Blasius 1993, S. 34. 210 Vgl.: Marquardt 2006, S. 39. 211 Vgl.: Blasius 1993, S. 31. 212 Vgl.: Krajewski 2006, S. 48. 213 V g l.:B röcker2013 ,S .36 . - 6 6 - In dieser Phase werden die Pioniere kaum im Quartier wahrgenommen, da sie hauptsächlich leerstehende Wohnungen beziehen und abseits der Norm ihren ei genen Lebensstilen folgend leben. Bisher werden dementsprechend keine Bewoh ner verdrängt. Auch ist noch kein Imagewandel des Gebiets zu verzeichnen. Le diglich die kleinen baulichen Aufwertungen im privaten Rahmen bilden eine Grundlage für eine spätere Gentrifizierung.214 Der Übergang zur zweiten Phase des Modells ist fließend. Diese beginnt mit dem Zuzug weiterer Pionierhaushalte, welche durch die Pioniere der ersten Phase und die durch diese etablierten Szenetreffs und Gewerbe, sowie durch deren Erfah rungen angelockt werden. Zeitgleich oder in kurzer zeitlicher Abfolge kommen auch erste Gentrifier (siehe Tab. 2) in das Gebiet, wobei es sich hier um wenige Haushalte handelt. Teils sind diese schlicht durch ihre erste feste Anstellung in ihrem sozialen Status aufgestiegen und von Pionieren zu Gentrifiem geworden.215 Die neuen Pionierhaushalte führen weitere kleine Modernisierungen durch. Die weniger risikobereiten Gentrifier kommen erst in größerer Zahl in das Quartier, sobald sie davon ausgehen, dass sich das Gebiet zu einem attraktiven Wohnviertel entwickelt. Die nun gestiegene Nachfrage nach Wohnraum in dem Gebiet bringt den Wohnungsmarkt in Bewegung, wodurch auch vereinzelte Makler, Spekulan ten und Investoren auf das Gebiet aufmerksam werden.216 Die Gentrifier können sich durch ihr höheres Einkommen, welches deutlich über dem der sonstigen Haushalte, aber auch über dem der Pioniere aus Phase eins und zwei liegt, besser auf dem Wohnungsmarkt durchsetzen. Makler und Inves toren passen ihre Angebote den Bedürfnissen und Wünschen der Gentrifier an, wodurch es bald zu Miet- und Grundstückspreissteigerungen kommt.217 Gentrifier hoffen oft auf günstige Kauf- oder Mietangebote, zeigen sich aber auch stark in teressiert an Aufwertungen im Gebiet, wofür teils auch eigenes Kapital verwendet wird. Oft beginnen professionelle Gesellschaften damit, Mehrfamilienhäuser zu kaufen und komplett mit einem sehr hohen bis luxuriösen Standard zu moderni sieren, um sie anschließend teuer zu vermieten. Ein entscheidendes Merkmal der zweiten Phase sind erste Investitionen gebietsfremder Personen oder Firmen.218 214 Vgl. Marquardt2006, S. 39. 215 Vgl. Diller2014, S .22. 216 Vgl. Marquardt2006, S. 39-40 217 Vgl. Krajewski 2006, S. 48. 218 Vgl. Marquardt2006, S. 39-40 -6 7 - Auch Gewerbe- und Dienstleistungsuntemehmen im Gebiet passen ihre Angebote den neuen, konsumstarken Bewohnergruppen an. Durch die umfassenden Moder nisierungen und die Veränderung des Handels wird ein Wandel im Gebiet auch nach außen hin sichtbar. Durch die Entstehung neuer Gewerbekonzepte wird das Quartier zudem für Personen aus anderen Teilen der Stadt als Ort zum Verbringen von Freizeit oder zum Einkäufen interessant. Die steigende Popularität mündet in einem wachsenden medialen Interesse über die dortigen Entwicklungen. Durch den Imagewandel und die höhere Repräsentation in den Medien werden weitere Gentrifier auf das Gebiet aufmerksam, wodurch sich deren Zahl weiter erhöht.219 In dieser Phase finden neben intensiven, gewerblichen Aufwertungen der Ge bäudestruktur auch eine Veränderung des Quartiers von einem reinen Wohnvier tel zu einem Gebiet mit Mischnutzung von Wohnen und Gewerbe statt. Auch die Sozialstruktur ändert sich nun spürbar, sonstige Haushalte, vor allem benachtei ligte Haushalte, werden verdrängt und müssen in anderen Teilen der Stadt eine für sie bezahlbare Wohnung finden. Teils können auch erste Pioniere unter dem Preisanstieg leiden und ein neues Quartier suchen, in dem sie sich entfalten kön nen. Die zunehmende Homogenisierung und gewerbliche Modernisierung des Viertels lehnen sie ab. Das Image des Gebiets ändert sich stetig und wird auch in anderen Teilen der Stadt wahrgenommen, die mediale Aufmerksamkeit steigt.220 Die dritte Phase zeichnet sich durch den weiteren Zuzug von Gentrifierhaushalten aus. Dies bewirkt einerseits eine erhöhte Nachfrage nach Wohnraum im Gebiet, andererseits eine erhöhte Nachfrage nach Modernisierungen von Wohnungen, aber auch der umliegenden Infrastruktur. Die Miet- und Grundstückspreise stei gen deshalb nun sehr stark im Vergleich zum Rest der Stadt an.221 Viele Pioniere der ersten und zweiten Phase verlassen nun das Gebiet und ziehen in ein günsti geres innenstadtnahes Quartier, da sie sich die Mieten nicht länger leisten können und es sich entgegen ihrer Vorstellungen entwickelt hat. Lediglich solche Pio niere, deren Status sich verändert, da sie beispielsweise ihr Studium beendet und einen Arbeitsplatz gefunden haben, bleiben, werden in der Statistik aber als Gen trifier identifiziert.222 Investoren und Spekulanten, sowie Investmentfonds kaufen immer mehr Im mobilien im Gebiet auf, da dieses mittlerweile als sichere Kapitalanlage gilt und 219 V gl.:B röcker2013 ,S .37 . 220 Vgl.: Krajewski 2006, S. 48. 221 V gl.:B röcker2013 ,S .37 -38 . 222 V g l.:D iller2014 ,S .47 . - 6 8 die Profitaussichten als gut gelten. Die Bausubstanz im Quartier ist zum größten Teil modernisiert worden, wodurch die Miet- und Grundstückskosten, sowie die Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind. Allerdings ist auch ein deutlicher An stieg an Wohn- und Lebensqualität zu verzeichnen. Banken vergeben nun sehr schnell Kredite für Investitionen im Gebiet.223 In dieser Phase werden zudem viele Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt, welche nach ihrer Luxusmodemisierung gewinnbringend verkauft werden. Dies ist eine häufig ver folgte Strategie von Investmentfonds und großen Immobilienfirmen, um sehr schnell Kapital zu erwirtschaften.224 Es eröffnen zunehmend neue Gewerbe im Quartier, welche moderne und krea tive Konzepte aufweisen, auch Dienstleistungs- und Kreativfirmen beziehen Bü ros im Gebiet. Bestehende Gewerbe wechseln nun häufig ihre Besitzer oder än dern ihre Konzepte, um auf die veränderte Konsumstruktur zu reagieren. Die Ge werbe gehen zudem häufig aktiv auf das Image im Gebiet ein, was weitere Besu cher aus dem Rest der Stadt und Touristen anziehen soll.225 Die enormen Preissteigerungen im Gebiet sind für alle Bewohner spürbar und können fast ausschließlich von Gentrifierhaushalten, sowie einigen sonstigen Haushalten und wenigen Pionieren getragen werden. Benachteiligte Haushalte mussten das Quartier verlassen. Durch die starken Verdrängungsprozesse, sowohl aus dem Wohnraum, wie auch aus Gewerben, kann es auch zu Konflikten und Protesten kommen.226 Zudem ist das Gebiet so stark verändert, dass es nicht weiter zum Lebensstil der sonstigen Haushalte, beziehungsweise der Pioniere passt. Die Veränderungen der Gebäudestruktur, sowie des Gewerbes und der Verlust alter Nachbarschaften und damit auch sozialer Kontakte, lässt viele Pioniere und sonstige Haushalte das subjektive Gefühl einer Heimat verlieren. Die Gentrifier tragen ihre Lebensstile durch Statussymbole nach außen und verdrängen gleichzeitig die Szenekultur der Pioniere. Das Gebiet wird somit immer homogener.227 Die dritte Phase des Modells ist die eigentliche Phase der Gentrifizierung, oft mals sei der Prozess nun so weit fortgeschritten, dass ein Rückfall in eine frühere 223 Vgl. Marquardt2006, S. 40. 224 Vgl. U ffer2014, S. 69-71. 225 Vgl. Bröcker2013, S. 37. 226 Vgl. Breckner2010, S .27 -29 227 Vgl. Bröcker2013, S. 37-38. - 6 9 - Phase ausgeschlossen wird. Somit kann hier ebenfalls von einem ,point of no retum ‘ gesprochen werden.228 In der vierten und letzten Phase sind die grundlegenden Transformationsprozesse im Quartier bereits abgeschlossen, die meisten Wohnungen sind bereits moderni siert und die Sozialstruktur hat sich grundlegend verändert. Es können sich nur noch Gentrifierhaushalte den Zuzug in das Gebiet leisten, da die Mietpreise bei Neuvermietungen teils sehr stark ansteigen, wodurch auch die ortsübliche Miete im Gebiet steigt und Mietanpassungen für die restlichen Bewohner möglich wer den. Dies verdrängt unter Umständen verbliebene sonstige Haushalte und Pio niere. Lediglich wenige dieser Haushalte können sich in eventuell verbliebenen, nicht renovierten Wohnungen halten.229 Weitere Modernisierungen im Gebiet können durch erneute Sanierungen mit Aufwertungen in das Luxussegment, sowie Neubauten durchgeführt werden. In vestitionen in das Gebiet gelten als sichere Kapitalanlage, haben allerdings gerin gere Gewinnspannen als zuvor, weshalb der Fokus einiger Investoren zu anderen Gebieten wechselt. Die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen nimmt zu.230 Das Gewerbe im Gebiet ist nun auf die Bedürfnisse von Gentrifiem und zuneh mend auch auf Touristen ausgerichtet, welche durch die zahlreichen Medienbe richte und Erwähnungen in Reiseführern in das Gebiet kommen. Diese Gruppen versprechen den höchsten Umsatz. Es eröffnen zunehmend auch Hotels und Hos tels im Gebiet. Das ehemalige Image und das Flair des Quartiers haben sich grundlegend gewandelt, es ist nun über die Grenzen der Stadt hinaus als ein Ge biet mit besten Wohnlagen und vielen Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten bekannt. Es hat sich von einem reinen Wohnquartier zu einem Gebiet mit Mischnutzung verändert.231 Die Sozialstruktur im Gebiet hat sich stark verändert, es gibt nun keine benach teiligten Haushalte mehr, dementsprechend sehr wenige Alte, Alleinerziehende, Ausländer und Arbeitslose. Diese mussten schon in einer früheren Phase das Ge biet verlassen und in einem anderen Teil der Stadt eine Wohnung suchen. Zumeist sammeln sich die benachteiligten Haushalte nun in bestimmten Teilen der Stadt - 228 V gl.:M arquard t2006 ,S .40 . 229 Vgl.: Bouali; Gude 2014, S. 44-46. 230 V gl.:B röcker2013 ,S .38 . 231 Vgl.: Krajewski 2006, S. 48. - 7 0 die Segregation der Stadt wird verstärkt. Im gentrifizierten Gebiet leben nun hin gegen junge, gut gebildete Singles oder Paare, selten mit Kind, die einen festen und gut bezahlten Beruf ausüben.232 Die mediale Aufmerksamkeit nimmt unter Umständen wieder ab und konzentriert sich auf ein anderes innerstädtisches Ge biet, es sei denn die Gentrifizierung löste starke Konflikte zwischen einzelnen Bewohnergruppen aus. Die vierte Phase ist zwar die letzte im Phasenmodell der Gentrifizierung, neu ere Forschungsansätze behaupten allerdings, dass der Gentrifizierungsprozess mit diesen Entwicklungen nicht beendet sein muss. Denkbar sei, neben anderen Pro zessen der Gentrifizierung, wie zum Beispiel der Touristification, auch eine Su per-, beziehungsweise Hyper-Gentrification oder eine anhaltende Mietgentrifiziernng. Bei einer Super- und Hyper-Gentrification ziehen Gentrifier in das Gebiet, de ren Einkommen deutlich höher ist als das der bisherigen Gentrifierhaushalte. Sind die Unterschiede dabei groß genug und steigt die Nachfrage nach Wohnungen im oberen Luxussegment, können auch Gentrifier verdrängt werden. Empirisch ist diesjedoch kaum nachweisbar.234 Auch zum Phasenmodell der Gentrifizierung gibt es berechtigte Kritik. Allgemein gelten Stadienmodelle als stark idealisierend für den Verlauf einer Gentrifizierung und sind empirisch selten tragfähig. Sie sind zudem stark vereinfachend und die Akteure scheinen zu sehr typologisiert. Festgelegte Einkommens- und Altersgren zen scheinen willkürlich. So ist auch hier der Übergang vom Pionier zum Gentri fier fließend, weshalb die Akteure nur schwierig operationalisiert werden können. Gentrification ist zudem ein langer Prozess und muss nicht zwingend alle Phasen durchlaufen. Der entscheidendste Kritikpunkt ist jedoch der vollkommen unter schlagene Einfluss von Behörden und Planungsämtem auf den Gentrifizierungs prozess. Umfangreiche Modernisierungen finden oftmals nur in zuvor behördlich ausgewiesenen Sanierungsgebieten statt, da Bauarbeiten dort subventioniert wer den. Gentrifizierung ausschließlich auf die Akteure, also die Bewohner zurückzu führen, reiche nicht aus, um die komplexen Marktmechanismen zu beschreiben.235 232 V gl.:B röcker2013 ,S .38 . 233 V g l.:B rö ck er2 0 1 3 ,S .2 3 -2 4 . 234 V gl.:B röcker2013 ,S .23 -24 . 235 V gl.:B röcker2013 ,S .28 . -71 - T a b 5 .- Überblick über die Phasen des Phasenmodells der Gentrifizierung 1 P h ase 2 P lw s i r . M P h a s e 5 S ttt ia h tu tu » d i r G ru p p e n E inzug von H aushalten iniT höherem B ildungssla tus. 1 2 Personen H aushalte. m eist k inderlos. m it n ied rigem b in kom m en, uneben NAhc /u m Arbeitsplatz» kulturellem und gastronom ischen A ngebot > R isikobereite P ioniere (S tudenten . K o n tie r ) e Suchen bunte M ischung N eben Pionieren ziehen G e iilr if te re in { U a u sb d lle m it höherer Bildung, höherem E inkom m en, m. o. K inder): H aushalte sind risiko scheu . dim erhall an g u ter W ohngegend m ieression > E igen tliche Phase d e r G enlrifieation V erm ehrter Z u zu g von CpenlriJiern; verstärk te W ahrnehm ung des G ebiets w andeln durch alle Hkw ohnergnippen; Ciensrillcr u. A llere urte ilen i.d.R, eher positiv . P ioniere kritisieren v.u. Verlust der .bunten M ischung’ Z uzug vor a llem v. slu lushöhcrer e inkom m ensslärkerer B evölkerung von G antrifiern; R isikoscheucr Jlnushullc m it o. ohne K inder m ie ten u. kau ten sieh im Gebiet ein t to f td if ir r is e u n d M ie t e n V ereinzelte M oder n isierungen fuhren zu M jclpretsM cigenrngCn; Roden p roK e hl eiben im b c e m lh r a l M odernisierungen n eh m en zu , M ieten ste igen . ßudenpreisv ste igen , G eb ie t w ird von M aklern, Inves toren und Speku lan ten. dls/LlKLNlb’ trächtig w ahrge nom nien M ietpreise der W hg.. Büros. Läden sliiigeu; Weitere M odern i sierungen u. 1 TmWand lung von M ict- in F igent i mtsiv oh rw n gen W eiter ste igende H odenpreise, v erstärk ter K a u f v, H ausern durch Investoren, verntäikt f rm w andlnng m odern isierter W hg, in E igentum s w ohnungen F u n k t io n a l G ebielsveriinderungen noch gering Entnt ehen neuer GcKcItAftc. D ienst leistungen. gastro n o m ischer Betriebe, /,I3 , S /enekneipen , frequentiert v, gebiet*frem den 3Jcrsonen Eröffnung zahlre icher neuer G eschäfte . l , ß . ßoUliqUen. Anliquitüiciigeschäflc Z ahl d e r G eschähe u, DicnxLleisiungcn, d ie sich an neue B ew oh n e rn . B esucher von im lk riia lb rich ten , n im m t zu In n ig e K eine linugc Verände rung , du GchicLsvcr- Anderungcn noch gerin g u. von M edien im bem erkt G eb ie t w ird bekannter. W andel u u d wahrgeuoinm en u, fllwr M edien kom m uniziert, H inrichtungen w erden tiLs Ü ehcuntipp gehandelt Im age u. Ik su c ü c rfrequenz von nußerllalb de* Gebiete* s te ig t; M edicnbcrtch tc ßber den G eb ie ts Wandel Im age als gutes; W ohngebiet; G eb ie t w ird weil (Iber die e igene S tadt als EtUnklives Q uartier bekannt; G ebiet gilt als sichere K apital anlage V tT d n im ju u g K eine V erdrängung v. n 1 k n Bew ohnern , da Pioniere in Ireiw er dende o. freie W oh nungen ziehen N uuhJragedruck a u f W hg. durch ver stärk ten Zuzug x. P ionieren u, Genirillem , W egzug jille ingesesäener H aus h alte du rch M iel- Anslict! A lteingesessene H aushalte u . P ionier H aushalte w erden ökonom isch (z u hohe M iele) u kulturell (W andel de> G eb iets m issfällt) verdrängt V erstärk ter A u szug v. H aushalten der a lt e ingesessenen 13ev, u. der P ioniere: Wund* lu n g von M iel- in E igenluirts w olm ungeii b edräng t auch G enlrifier Quelle: Krajewski 2006, S. 48. - 7 2 - 2.2.3 Erklärungsmodelle - Nachfrageansatz, Angebotsansatz und Marktmodell Während Beschreibungsmodelle die Abläufe von Gentrifizierungsprozessen ver einfachend darstellen und so den Wandel in einem Gebiet beschreiben und auf Regelhaftigkeiten untersuchen236, dienen die Erklärungsmodelle der Gentrifizie rung der Veranschaulichung der Ursachen, wann, wo und warum Gentrifizie rungsprozesse auftreten. Die genauen Abläufe sind dabei weniger interessant als die spezifischen Gründe für das Auftreten von Transformationsprozessen. Hierfür haben sich drei Erklärungsmodelle durchgesetzt: Der soziologische Nachfragean satz, der sich hauptsächlich um neue Lebensstile dreht und die ökonomischen Rent-Gap und Value-Gap Ansätze, welche Veränderungen im Grund- und Woh nungsmarkt betrachten. Da diese Modelle meist eindimensional ihrer spezifischen Fachrichtung entspringen, hat sich eine Zusammenführung von Nachfrage- und Angebotsansatz im Marktmodell als vorteilhaft erwiesen.237 Der soziologische Nachfrageansatz Die Ursache der Gentrifizierung ist, nach dem soziologischen Nachfrageansatz, die Veränderung der Sozialstruktur der Gesellschaft und die damit einhergehen den neuen Lebensstile, die ihren Ausdruck in stärkerem Konsum zeigen, auch in Sachen Wohnung. Der nachfrageorientierte Ansatz ist deshalb eng mit dem Mo dell der Akteure der Gentrification verbunden. Die hohe Nachfrage hängt dem nach mit dem vermehrten Zuzug von Pionieren und Gentrifiem zusammen, wel che wegen ihrer neuen Lebensstile neue Wohnpräferenzen haben, in neuen Haus haltstypen leben und in veränderten Erwerbsstrukturen arbeiten. Dies sei Folge komplexer sozioökonomischer, kultureller und demographischer Vorgänge in der gesamten Gesellschaft.238 Hierbei gibt es verschiedene Kategorien von Gründen, welche gesellschaftliche Veränderungen beschreiben. Demographische Gründe sind unter anderem sin kende Geburtenraten, gestiegene Scheidungsraten und spätere Eheschließungen, die zu neuen, kleineren Haushalten führen. Durch das Hineinwachsen der Baby Boom Jahrgänge in die Phase der Haushaltsgründung erhöht sich die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum stark. Soziokulturelle Gründe schließen die Verlängerung der Lebensphase der Postadoleszenz und das Ablehnen tradierter 236 Vgl.: Friedrichs 1995, S. 112-118. 237 V gl.:B röcker2013 ,S .40 . 238 Vgl.: Krajewski 2006, S. 47. -7 3 - Familienstrukturen mit ein. Auch die Bevorzugung urbaner Lebensstile, die auf Selbstverwirklichung und Konsum ausgelegt sind, wozu auch die Wohnung ge hört, ist zu beobachten. Ökonomische Gründe werden ebenso in den Ansatz ein bezogen. Neue Haushalte werden demnach charakterisiert durch höheres, verfüg bares Einkommen und sehr gute Ausbildung. Die Erwerbstätigkeit bei Frauen setzt sich immer weiter durch und so entstehen mehr Haushalte mit zwei Vollverdienem ohne Kinder, sogenannte Dinks (Double income, no kids), die selbstverwirklichungsorientiert sind. Gemessen an der Kopfzahl steigt die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum. Weiterhin ist die Veränderung der Beschäftigtenstruktur ein Grund für gesellschaftliche Veränderungen. Dies beinhaltet die Ver schiebung von Arbeitsplätzen, vor allem im tertiären Sektor, in die Großstädte und den Verlust des produzierenden Gewerbes. Es gibt mehr Stellen in leitenden Positionen, gemessen an der Zahl der Beschäftigten, welche auch eine hohe Bil dung voraussetzen. Dies resultiert in einem steigenden Lohnniveau und höherer Nachfrage nach Wohnraum in der Nähe des Arbeitsplatzes.239 Der soziologische Nachfrageansatz gilt deshalb auch als Theorie der P roduc tion of Gentrifiersf Gemeint ist damit die Produktion einer Bevölkerungsgruppe, die über nötige Mittel und Konsumwünsche verfügt, großzügig geschnittene und moderne Wohnungen in der Innenstadt nachzufragen, aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen.240 Der ökonomische Angebotsansatz Angebotsansätze der Gentrifizierung stellen die ökonomischen Bedingungen des Wohnungsmarktes in das Zentrum ihrer Betrachtungen. Gentrification ist dem nach Folge von (Des-)Investitionspolitiken und der relativen Veränderung von Gründstücks- und Gebäudewerten. Gentrifizierungsprozesse sind deshalb Bewe gungen ausgelöst von Kapital, nicht von Menschen.241 Es gibt zwei Theorien des Angebotsansatzes: Die Rent-Gap und die Value-Gap Theorie. Welche verwendet wird hängt auch vom betrachteten Land, beziehungs weise Staat und seiner Gesetzgebung ab. Der Rent-Gap Ansatz bezieht sich auf Grundstücke, Value-Gap dagegen auf Gebäude. Letztendlich hängt beides oft zu sammen, steigende Gebäudewerte führen auch zu steigenden Grundstückwerten 239 V gl.:B röcker2013 ,S .40 -42 . 240 V gl.:B röcker2013 ,S .40 -42 . 241 Vgl.: Krajewski 2006, S. 46. - 7 4 und umgekehrt. So können beide Theorien simultan in einer Value-Rent-Gap- Theorie verwendet werden.242 Nach der Rent-Gap-Theorie ist Gentrification das Ergebnis einer (gezielten) Desinvestitionspolitik, durch die ein Stadtteil heruntergewirtschaftet wird. Wird diese durch eine Reinvestitionspolitik abgelöst, kommt die Gentrification in Gang. Kennzeichen der Attraktivität eines Gebiets für Investoren ist dabei die Differenz zwischen der potenziell erzielbaren Bodenrente mit bester und höchster Nutzung und der tatsächlichen, momentan erwirtschafteten Bodenrente eines Grundstücks. Ist die errechnete Differenz groß genug, kann eine Investition sich lohnen und es finden Aufwertungsprozesse statt. Durch die Steigerung einiger Grundstückswerte steigt der Wert aller Grundstücke im Gebiet.243 Die Value-Gap-Theorie ist eine Modifizierung des Rent-Gap-Ansatzes. An stelle der Bodenrente werden Mieteinnahmen oder Verkaufserlöse von Wohnun gen und Häusern betrachtet. Durch die Erwartung von langfristig höheren Mieteinnahmen oder der kurzfristigen starken Steigerung des Verkaufswertes ei ner Immobilie kommt es zu Aufwertungen im Gebiet. Die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen schafft dabei die kurzfristig höchsten Profite und zieht zudem eine zahlungskräftige Bewohnerschaft an, da ärmere sich keine Woh nung kaufen können.244 Sowohl Rent-Gap- als auch Value-Gap-Theorie gehenjedoch nicht auf indivi duelle Entscheidungen von Akteuren ein.245 Auch ist die Ermittlung von Preisdif ferenzen in einem Gebiet sehr schwer vorherzusagen. Zudem werden ideelle Werte, welche großen Einfluss auf Preise haben können, wie beispielsweise der Rückkauf des Grundstücks von Großeltern, durch die Ansätze unterschlagen.246 Das Marktmodell Die Zusammenführung von Nachfrage- und Angebotsansatz im Marktmodell er folgte nach stetiger Kritik an den beiden Angebotsansätzen. Diese konnten nicht erklären, warum in einigen Gebieten Gentrifizierungsprozesse stattfinden und in anderen nicht, obwohl ihre Ausgangssituationen ähnlich waren. Der Einfluss des Staats, politische Rahmenbedingungen und Gesetze wurden oft missachtet. Die Bestimmung der (zukünftigen) Grundstücks- und Gebäudewerte sei zudem sehr 242 Vgl. Bröcker2013, S .42 -44 243 Vgl. Krajewski 2006, S. 46. 244 Vgl. Bröcker2013, S .43 -44 245 Vgl. Blasius 2004, S. 31-32. 246 Vgl. Blasius 2004, S. 27. -7 5 schwer bis kaum möglich. Das größte Problem jedoch ist die Missachtung des Einflusses der Bewohner und ihrer Beteiligung am Prozess der Gentrifizierung. Es fand keine Betrachtung von individuellem Handeln statt. Dagegen können be wohnerorientierte Ansätze die Entstehung von Gentrifizierungsprozessen über Lebensstile nicht ausreichend erklären. Beiden Ansätzen wurde eine Monokausa lität attestiert, die der Komplexität des Problems nicht gerecht wird.247 Rent-Gap-, Value-Gap-Theorie und Nachfrageansatz bedingen und ergänzen sich gegenseitig, eine verständliche Erklärung der Ursachen von Gentrifizierungs prozessen sollte deshalb beide Theorien miteinander kombinieren. Die Zusam menführung beider Ansätze wird Marktmodell genannt. Dieses berücksichtigt, wie auf einem Markt üblich, sowohl Angebots-, als auch Nachfrageseite, also die potenziellen Gentrifier und die zu gentrifizierenden Gebiete.248 So erhöht sich die Nachfrage nach Wohnraum durch den Zuzug einkommens starker Gruppen in ein innenstadtnahes Gebiet. Diese bevorzugen die Lage auf grund der Nähe zu Infrastruktur und zu ihren Arbeitsplätzen, aber auch wegen der zu ihrem Lebensstil gehörenden Konsumvorlieben. Die Anpassung des Angebo tes geschieht entsprechend schnell durch Modernisierungen, da zwischen den der zeitigen Einnahmen und den zu erwartenden Profiten große Differenzen bestehen, welche die einkommensstarken Haushalte bereitwillig zahlen.249 Diese Ursachen erklärung ist in der Lage Akteure, Kapitalbewegungen und individuelle Interessen einzubeziehen und kann deshalb relativ genau beschreiben, wann wo, warum und durch wen Gentrifizierungsprozesse auftreten. 247 V gl.:B röcker2013 ,S .44 -45 . 248 Vgl.: Krajewski 2006, S. 47. 249 Vgl.: Friedrichs 1996, S. 26-27. - 7 6 -

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References

Zusammenfassung

Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Leben in einer Stadt. Die hohe Nachfrage nach Wohnungen führt jedoch zu einer Verschärfung des Kampfs um begehrte Wohnräume, in den auch Investoren einsteigen. Leidtragende sind benachteiligte Haushalte, die aus den Innenstädten verdrängt werden. Es findet Gentrifizierung in Wohnquartieren statt.

Dieses Buch beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Leben in Städten, Lebensstilen, sozialer Ungleichheit, Segregation und Gentrifizierung und gibt dabei einen umfassenden Überblick über die Gentrifizierungsforschung.

Weiterhin werden anhand von Analysen und Beobachtungen die beiden Berliner Stadtteile Wedding und Moabit untersucht, um zu klären, ob in diesen Quartieren Gentrifizierungsprozesse stattfinden. Anhand der so gemachten Prognosen werden mögliche zukünftige Entwicklungen in den Quartieren erörtert, Strategien gegen Verdrängung vorgestellt und die Bewegung des Phänomens der Gentrifizierung in Berlin aufgezeigt.