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7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz in:

Meike Haunschild

"Elend im Wunderland", page 467 - 474

Armutsvorstellungen und Soziale Arbeit in der Bundesrepublik 1955-1975

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4067-6, ISBN online: 978-3-8288-6906-6, https://doi.org/10.5771/9783828869066-467

Tectum, Baden-Baden
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7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz Hätte es GoogleMitte der 1960er Jahre bereits gegeben, die Liste der Suchergebnisse unter dem Stichwort ‚Armut‘ wäre wohl sehr kurz ausgefallen. Doch, wie auch an anderer Stelle, greift die Google-Logik – was die Suchmaschine nicht findet, gibt es auch nicht – zu kurz. Zwar geriet der Begriff ‚Armut‘ in der Bundesrepublik der Nach-Nachkriegszeit aus derMode; in Abgrenzung zu den Armutserfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit einerseits, um das vermeintlich Neue aktueller Armutsphänomene zu betonen andererseits, wurden in derRegel Umschreibungen wie ‚Notlage‘, ‚Hilfsbedürftigkeit‘ oder ‚Randständigkeit‘ vorgezogen. Doch die Frage nach der Grenze zwischen akzeptablen und inakzeptablen Formen sozialer Ungleichheit bildete für Sozialexpertinnen und -experten weiterhin den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und Forderungen. Auch in den Jahren des ‚Wirtschaftswunders‘ setzte sich die bundesdeutsche Gesellschaft also mit der Existenz und der Bekämpfung von Armutsphänomenen auseinander. Mehr noch: Die Aushandlung von Armutsvorstellungen erwies sich als ein zentrales Element vieler sozialpolitischer Debatten. Dabei wurden nicht nur Konflikte zwischen gesellschaftlichenGruppen ausgetragen, sondern auchNormen verhandelt – Normen des sozialen Zusammenlebens sowie Leitvorstellungen zum Aufbau der Gesellschaftsordnung.1 Armutsvorstellungen und gesellschaftliches Selbstverständnis waren also engmiteinander verknüpft. Die anhaltend gute Konjunktur sowie der damit in Zusammenhang stehende Glaube an eine allgemeine Aufwärtsmobilität beeinflussten beides maßgeblich. Sokonzentrierte sichderArmutsdiskursmit steigendemWohlstand auf immaterielle Aspekte, insbesondere Fragen mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe, wohingegen materielle Aspekte sozialer Ungleichheit in den Hintergrund rückten. 1 Vgl. Leisering: ZwischenVerdrängung undDramatisierung, hier: S. 489; Thießen: Gesundheit, hier: S. 359. 467 468 7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz Auch der häufige Gebrauch des ursprünglich vom Soziologen Helmut Schelsky geprägten Begriffs der ‚nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘ zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung deutet in diese Richtung.2 Um jedoch die integrative Kraft zu erklären, die die bundesdeutsche Gesellschaft zwischen Mitte der 1950er und Mitte 1970er Jahre entwickelte,3 reicht der Verweis auf die wirtschaftlichen Erfolge nicht aus. Auch der Ausbau des Sozialstaats trug entscheidend zur Legitimation der Bundesrepublik bei. Insbesondere stützte sich die Integrationskraft der westdeutschen Gesellschaft aber auf einen Wandel der politischen Kultur, die zunehmend pluralistischer, demokratischer, liberaler wurde.4 Diese Veränderungsprozesse , in der Forschungmeist unter dem Begriff der Liberalisierung zusammengefasst,5 zeichneten sich in den ‚langen‘ 1960er Jahren6 auch im sozialen Bereich ab. Zuvor aber hatten Kriegs- und Krisenerfahrungen, Nationalsozialismus und deutsche Teilung zu einer paradoxen Situation geführt: Auf der einen Seite erwartete die Bevölkerung, dass sich der Staat stärker um die soziale Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger kümmerte. Auf der anderen Seite warnten vor allemkonservative PolitikerinnenundPolitiker vor einem ‚Versorgungsstaat‘, der ihrer Ansicht nach die individuelle Freiheit gefährdete. Eine guteWirtschaftspolitik sei die beste Sozialpolitik – dieserMeinungwar nicht nur der langjährige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Die von Konrad Adenauer in seiner zweiten Regierungserklärung angekündigte ‚umfassende Sozialreform‘ sollte daher nicht nur eine Systematik in das als Reaktion auf das Massenelend der Nachkriegszeit entstandene Flickwerk der bundesdeutschen Sozialpolitik bringen. Adenauer erwartete sich von der Debatte um diese Reform auch eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit, von staatlicher Verantwortung und Eigenvorsorge. In der Folge wurde der Sozialstaat zwar kontinuierlich ausgebaut. Gleichzeitig wurde die Sozialpolitik aber darauf ausgerichtet, die vermeintlich traditionellen, vorstaatlichen Sicherungssysteme, wie Familie, Gemeinde oder Berufsgenossenschaft, 2 Vgl. Reinecke: Auf demWeg, hier: S.129f. 3 Schildt: Sozialgeschichte der BRD, S. 98; vgl. Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S. 12. 4 Ders.: Aufbrüche undUmbrüche, hier: S. 8; vgl. Reinecke: Auf demWeg, hier: S.129f; Siegfried: Die frühen 1960er Jahre. 5 Siehe z.B. Schildt/Siegfried/Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten;Herbert (Hrsg.):Wandlungsprozesse in Westdeutschland. 6 Siegfried: Trau keinem über 30, hier: S. 25. 469 zu stärken. Dabei spielte die Orientierung am christlich-bürgerlichen Familienbild eine besondere Rolle. Dadurch wurde die soziale Absicherung in erster Linie auf den arbeitswilligenund -fähigenMannausgerichtet.Alte undbehinderteMenschen, Frauen und Kinder wurden hingegen primär über ihre Familien in das staatliche Sicherungssystem einbezogen. Bei ihnen stand die freie Entfaltung der Persönlichkeit hinter demFunktionserhalt des Familienverbandes zurück.Denn die Familie galt als die Keimzelle der Gesellschaft. Letztlich konnte sich über diesen ‚restaurativen Umweg‘ aber eine auf Umverteilung setzende Sozialpolitik durchsetzen, die darauf zielte, immer mehr potentielle Armutslagen gesamtgesellschaftlich abzufedern. Erstmals zeigte sich das bei ‚Großen Rentenreform‘: Mit der Einführung der Dynamisierung der Renten wurde anerkennt, dass in einer modernen Industriegesellschaft Wirtschaftswachstum und vorstaatliche Sicherungssysteme allein den Zusammenhang zwischen Alter undArmut nicht aufheben konnten, sondern hierfür eine sozialstaatliche Regelung gefunden werden musste. Die Wohlfahrtsp ege unterstützte diese auf die Institution der Familie und das Subsidiaritätsrpinzip ausgerichtete Sozialpolitik. Allerdings hatten Vertreter der Arbeiterwohlfahrt teilweise vom christlich-bürgerlichen Familienbild abweichende Vorstellungen, insbesondere in Bezug auf die Rolle der Frau. Ebenfalls bestand in den sozialen Fachkreisen Uneinigkeit darüber, wie das Subsidiaritätsprinzip auszulegen sei. Während die Akteure der öffentlichen Wohlfahrtspflege argumentierten, dass alle vorhandenen Kräfte zusammenarbeiten müssten, um die sozialen Unterstützungsmaßnahmen ständig zu verbessern, bestanden vor allem die konfessionellenWohlfahrtsverbände darauf, dass ihnen grundsätzlich der Vorrang vor der öffentlichenWohlfahrspflege einzuräumen sei. Der Gesetzgeber unterstützte letztere und schrieb im BSHG von 1961 die Vorrangstellung der freienWohlfahrtspflege fest. DieWohlfahrtspflege insgesamt erhob darüber hinaus denAnspruch, nichtmehr nur Notfallhilfe zu betreiben und setzte mit dem Ausbau von Beratungsangeboten und ambulanten Einrichtungen verstärkt auf das Prinzip der Vorsorge. Dabei nahm die Mehrheit der Expertinnen und Experten Armut als Ergebnis individuellen und sozialen Fehlverhaltens wahr, weniger als Problem gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Bearbeitung der Armutsphänomene variierte dabei deutlich, je nachdem ob die betrachteten Gruppen ein Leben führten, das den sozialen Normen der Mehrheitsgesellschaft entsprach oder nicht. In Bezug auf alte Menschen beispielsweise 470 7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz appellierten sowohl Mitarbeiter der Caritas, als auch der Arbeiterwohlfahrt immer wieder an deren gesellschaftliches Umfeld, sich wieder stärker auf das Gebot der Nächstenliebe beziehungsweise das Prinzip der Solidarität zu besinnen. Gleichzeitig entwickelten sie immer neue Angebote, um den vermeintlichen Zerfall traditioneller sozialer Sicherungssysteme auszugleichen, beipielsweise durch die Einrichtung von Altentagesheimen oder mobilen Unterstützungsmaßnahmen wie ‚Essen auf Rädern‘. Im Fall von Nichtsesshaftigkeit beziehungsweise Obdachlosigkeit hingegen gaben zunächst die Sozialexpertinnen und -experten den Ton an, welche die Schuld bei den Betroffenen selbst suchten. Indem sie zum einen auf vermeintlich genetisch bedingte Formen von ‚Asozialität‘ verwiesen, vor der die Betroffenen zum Schutz ihrer Menschenwürde notfalls zwangsweise ‚bewahrt‘ werden sollten, zogen sie sogar nochbis in die 1960er Jahre hinein sozial-rassistisch anmutendeBegründungsmuster für die prekären Lebensverhältnisse obdachloser Menschen heran. Zum anderen betrachteten sie die Obdachlosenproblematik als Folge mangelnder Selbstkontrolle, der mit Hilfe von fürsorgerischer Erziehung entgegengewirkt werden musste. Zeitgleich formierte sich aber bereits Widerstand gegen diese, auf sozialer Vormundschaft beruhenden Sozialarbeit. Vor allem junge, gut ausgebildete Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter verwiesen seit Beginn der 1960er Jahre immer wieder auf Vorurteile und milieubedingte Schwierigkeiten, mit denen die Betroffenen zu kämpfen hatten, und deuteten diese Form der Armut damit bereits als strukturelles Problem. Mit Hilfe der in Großbritannien bereits erprobtenMethode der Gemeinwesenarbeit versuchten sie zusammen mit den Betroffenen, Lösungen für deren Probleme zu erarbeiten. Im Verlauf der 1960er Jahre wurden dann in der gesamtenWohlfahrtspflege Entwicklungen deutlich, die gleichermaßen in Richtung Liberalisierung und Pluralisierung wiesen. So fassten trotz der großen Unterschiede in Bezug auf Weltanschaung und Selbstverständnis sowohl Caritas als auch Arbeiterwohlfahrt Hilfsbedürftigkeit zunehmend als professionell zu bearbeitendes Feld auf. Dadurch wurde ihr Blick auf das Thema Armut ‚nüchterner‘, formalisierter und säkularer. Die stärker empirisch-wissenschaftliche Herangehensweise an Armutsphänomene trug wiederum zu einer Versachlichung im Sinne einer Entemotionalisierung der Debatten bei und erweiterte das Verständnis für dieUrsachen prekärer Lebensverhältnisse und sozialer Randständigkeit. 471 In der Folge zeichnete sich neben der stärkeren Beachtung immaterieller Armutsphänomene im Bereich der Sozialen Arbeit eine zweite wesentliche Veränderung ab. Immer mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter lehnten sich gegen die Betonung individueller, verhaltensbezogener Armutsursachen sowie die daraus resultierende Art der Sozialarbeit auf, die letztlich auf sozialer Vormundschaft beruhte. Sie deuteten Armut zunehmend als strukturelles Problem und wiesen damit die Verantwortung für die Situation der Betroffenen Staat, Politik und Gesellschaft zu. Dem Leitspruch ‚Partnerschaft statt Paternalismus‘ folgend bemühten sie sich darum, erzieherisch-disziplinierende Ansätze zurückzudrängen und stattdessen aktivierende, die Eigeninitiative der Betroffenen stärkende Hilfsangebote zu schaffen. Das Ziel bestand nicht mehr darin, Individuen, die aus der vorgegebenen gesellschaftlichen Ordnung ausscherten, in diese einzupassen, sondern darin, Ordnungs- und Normvorstellungen dahingehend zu verändern, dass nicht mehr ganze Gruppen von Menschen auf Grund ihrer individuellen Lebensführung aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Durch die 68er-Bewegung erhielt diese Entwicklung der Sozialen Arbeit hin zu partnerschaftlicheren Ansätzen neue Impulse. Insbesondere ließ sich eine stärkere Politisierung des Fachs beobachten. Vor allem die jungeGenerationwollte die Soziale Arbeit stärker im Sinne einer politischen Einmischung verstanden wissen, denn als humanitär oder karitativ motivierte Unterstützungsleistung. Denn letztere trug ihrer Meinung nach dazu bei, ungerechte gesellschaftliche Strukturen aufrecht zu erhalten.Dermündige, nichtmehr der bloß funktionierende, den gesellschaftlichen Moralvorstellungen angepasste Bürger wurde zum erklärten Ziel der Sozialen Arbeit. Die Ereignisse umdas Jahr 1968markiertendementsprechendkeinenhistorischen Wendepunkt. Sie offenbarten sich im Rückblick aber als Höhepunkt und Katalysator einer Entwicklung, die sich seit Ende der 1950er Jahre anzubahnen begann.7 In der Folge wurden Fragen der Wohlfahrtspflege wieder stärker in den öffentlichen Raum getragen, Auch der Begriff ‚Armut‘ tauchte im Zusammenhang mit der Debatte um die sogenannten Randgruppen wieder öfter auf. Den katholischen Caritasverband stellten diese Entwicklungen vor weit grö- ßereHerausforderungen, als die SPD-nahe, vergleichweise progressiveArbeiterwohl- 7 Vgl. Görtemaker: Geschichte der BRD, S. 475; Schildt: Vor der Revolte, hier: S. 11; siehe auch Köster: Holt die Kinder aus den Heimen, hier: S 680; Frese/Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels, hier: S. 15; vgl. Scheibe: Auf der Suche, hier: S. 264. 472 7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz fahrt. Das Beispiel der studentischen Caritasgruppen machte jedoch deutlich, dass diemit demBegriff der Liberalisierung umschriebenen gesamtgesellschaftlichenVer- änderungsprozesse nicht nur von links angestoßen, sondern auch von konservativer Seite auf ihre Weise mitgeprägt wurden. Insgesamt gelang es den Konfessionen in den 1960er Jahren, mit den Mitteln moderner Bewegung und Organisation einen religiös-kirchlichen Umbruch zu vollziehen.Die katholischeKirche, in derRegel als die konservativere der beidenKonfessionen bekannt, gab durch ihr zweites Vatikanisches Konzil hier viele wegweisende Impulse.8 In der Folge schaffte es auch der Deutsche Caritasverband sich den gesellschaftlichenGegebenheiten insoweit anzupassen, dass er sich trotz der fortschreitenden Entkirchlichung als größter bundesdeutscher Sozialdienstleister behaupten konnte. Um dennoch dem Selbstverständis zu genügen, die caritative Tätigkeit sei gelebter Glaube, propagierten führende Mitglieder des Verbandes die Aufteilung der Aufgaben in den Bereich der professionellen Sozialarbeit und den der Seelsorge. Durch die bis heute geltende Verbandspolitik, leitende Funktionenmit glaubensfesten Mitarbeitenden zu besetzen, bewahrte sich der Verband seine aus katholische Prägung. Die Debatte um den Abtreibungsparagraphen § 218 ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft auch von konservativer Seite aus mitgeprägt wurde. Die Argumentation der CDU-Frauen, wer Abtreibung verbiete müsse auch die soziale Absicherung alleinstehender Mütter verbessern, machte deutlich, wie mit konservativen Argumentationsmustern Überzeugungsarbeit fürmehr individuelleUnterstützung von Frauen geleistet werden konnte.Diesen inderAbtreibungsdebatte bereits angestoßenenParadigmenwechsels konservativer Sozialpolitik führte Heiner Geißlers in seinemKonzept der ‚Neuen Sozialen Frage‘ weiter. Denn hier wurde Teilhabe nicht mehr vermittelt über die Institution Familie definiert, sondern als individuelles Recht. Insgesamt erfuhrderArmutsbegriff inderZeit des bundesdeutschen ‚Wirtschaftswunders‘ also eine deutlicheAusweitung. Prekäre Lebenslagenwurden zunehmend als Integrationsproblem gedeutet.9 Diese Idee war zwar bereits aus der Weimarer Republik bekannt. In der Bundesrepublik waren die wirtschaftlichen Rahmenbe- 8 Vgl. Reinecke: Auf demWeg, hier: S.129f. Siehe auch Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S. 9 sowie Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 160 sowie 262. 9 Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 387; vgl. Raphael: Armut zwischen Ausschluss und Solidarität, hier: S. 30. 473 dingungen imVergleich jedoch wesentlich besser, so dass allein aus finanzieller Sicht eine großzügigere Sozialpolitik möglich war, die sich nicht nur auf die Sicherung des Existenzminimums, sondern auch auf die Schaffung vonTeilhabemöglichkeiten konzentrieren konnte. Befördert wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch die stärkere Betonung sozialer Rechte, die zum einen auf der prominenten Stellung derMenschenwürde in Artikel 1 des Grundgesetzes beruhte, zum anderen auf internationalen Abkommen wie der UN-Menschenrechtserklärung, der Europäischen Menschenrechtskonvention oder der Europäischen Sozialcharta. Gerade durch die Verrechtlichung der sozialen Hilfen schien Integration auch für diejenigen Bundesbürger zu funktionieren, die nicht von der allgemeinen Aufstiegsmobilität erfasst worden waren. Entgegen dem generellen Befund einer Liberalisierung bundesdeutscher Armutsvorstellungen, erwies sich dieArt undWeise,wieArmut imUntersuchungszeitraum dargestellt wurde, als relativ konstant. Eindrücklich ist in diesem Zusammenhang die Einführung der ‚Sozialbutter‘, die entgegen demWillen der Expertenschaft von Seiten der Politik durchgesetzt wurde. Bei näherer Betrachtung ließ die Art und Weise, wie Armutsbilder inszeniert wurden, allerdings auch Veränderungen erkennen, welche die Liberalisierungsthese stützen. Wurde beispielsweise die ‚arme, alte Frau‘ in den 1950er Jahren noch in demütig-gebückterHaltung gezeigt, schritt sie zu Beginn der 1970er Jahre selbstbewusst durch die Flure des Sozialamts. Zwar wurde sie auch so nicht als Individuum sichtbar, durch die dynamische Darstellung wurde ihr aber größere Handlungsmacht über ihr Schicksal zugesprochen, als durch die statische. Die Analyse der Armutsikonografiemachte besonders auf die unterschiedlichen Veränderungsgeschwindigkeiten aufmerksam, welche die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in Bezug auf dieWahrnehmung vonArmutslagen in der Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ aufwiesen. Dem in der Einleitung erwähnten Forschungsdesiderat nach einer Sozialgeschichte der Armut im ‚Wirtschaftswunder‘10 kann die Studie damit nicht nachkommen. Der akteurszentrierte Ansatz ermöglichte es aber, den bundesdeutschen Armutsdiskurs trotz fehlender Begrifflichkeit nachzuzeichnen. Darüber hinaus sensibilisierte er für die Wechselwirkungen zwischen Armutsvorstellungen, Sozialpolitik, Sozialer Arbeit und gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Nicht zuletzt wurde durch die Gegenüberstellung von progressiven und konservativen Akteuren deutlich, dass es sich bei der Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft um einen 10 Schildt: Sozialgeschichte der BRD, S. 98; vgl. Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 30f. 474 7. „Elend im Wunderland“ – eine Bilanz vielschichtigen Prozess handelte, der von konservativer Seite auf ganz eigene Weise mitgetragen wurde.

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Zusammenfassung

Armut und Wirtschaftswunder – auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Begriffe. Auch die zeitgenössisch häufig verwendete Selbstzuschreibung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) bestärkt die Annahme, dass sich zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik kaum jemand mit dem Thema Armut auseinandergesetzt hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Armutsverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft genau in dieser Zeit stark veränderte: Es wurde vielschichtiger, demokratischer, liberaler. Zugleich erfuhr der Sozialstaat in diesen beiden Dekaden einen Ausbau ungeahnten Ausmaßes.

An diesem Punkt setzt die Studie an. In ihrer umfangreichen Analyse konzentriert sich Meike Haunschild auf Expertendiskurse und nimmt am Beispiel von Caritas und Arbeiterwohlfahrt zentrale Debatten der Wohlfahrtspflege in den Blick. Geleitet von der Frage, wie und warum sich die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptierten und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierten Formen sozialer Ungleichheit verschob, arbeitet sie Veränderungen im vorherrschenden Armutsverständnis heraus und zeigt dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Leistungen auf.