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6. Zur Ikonografie der Armut in:

Meike Haunschild

"Elend im Wunderland", page 411 - 466

Armutsvorstellungen und Soziale Arbeit in der Bundesrepublik 1955-1975

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4067-6, ISBN online: 978-3-8288-6906-6, https://doi.org/10.5771/9783828869066-411

Tectum, Baden-Baden
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6. Zur Ikonogra e der Armut Wie die vorangegangenenKapitel bereits gezeigt haben, istArmut ein vielschichtiges Phänomen. Der Armutsdiskurs kann dementsprechend immer wieder gänzlich andere Aspekte beinhalten, je nachdem in welchem zeitlichen oder gesellschaftlichen Kontext er stattfindet. Dabei werden die Vorstellungen dazu, was Armut bedeutet, was ihreMerkmale sind, immerwiedermodifiziert.Dennoch gibt eswiederkehrende Muster bei der Darstellung von Armut, nicht nur bildliche, sondern auch sprachliche. Unter der Bezeichnung ‚Ikonografie der Armut‘ ist in Anlehnung anGottfried Korff die Gesamtheit ihrer Darstellungsweisen gemeint. Diese prägten und prägen den gesellschaftlichen Diskurs über Armut mit. Anders formuliert: Bilder – auch sprachliche – spielen für unser Erleben der sozialenWirklichkeit einewichtigeRolle. Sie sind Teil öffentlicher Diskurse; ihre Analyse trägt dazu bei, öffentlicheWahrnehmungsmuster und Problemdefinitionen aufzudecken und darin Veränderungen, aber auch Kontinuitäten nachzuzeichnen.1 In der Soziologie hat der Begriff ‚Armutsbilder‘ bereits seit längerem Eingang in die Forschung gefunden.2 Erst jüngst hat dagegenChristophLorke (soziale) ‚Images‘ von Armut zum Gegenstand einer geschichtswissenschaftlichen Untersuchung gemacht. Mit ‚Images‘ bezeichnet er gesellschaftlich geprägte Vorstellungsbilder, die durch sich wiederholende, öffentliche Äußerungen sogenannter opinion leader geformt werden.3 Im Gegensatz dazu wird der Begriff ‚Bild‘ im Folgenden im Sinne Gottfried Korffs als Umschreibung für eine komplexe Darstellungsform verwendet, die Einzeleindrücke und -aussagen bündelt und verdichtet.4 Der folgende Abschnitt zeigt die wichtigsten (Sprach-)Bilder und Rituale auf, die im Untersuchungszeitraum zur Darstellung von Armutsthematiken Verwendung fanden. Darüber hinaus stellt er Überlegungen dazu an, in welcher Weise diese die Definition und Konstruktion sozialer Probleme beeinflussten. Sinnvoll 1 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 300. 2 Z.B. Leisering: Zwischen Verdrängung und Dramatisierung; Leibfried/et al.: Zeit der Armut. 3 Lorke: Armut im geteilten Deutschland. Zum theoretischen Zugriff seiner Arbeit siehe v.a. S. 11-20. 4 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 282. 411 412 6. Zur Ikonografie der Armut erscheint eine solch gebündelte Darstellung der ‚Armutsikonografie‘ im Untersuchungszeitraum deshalb, da bei der Quellenauswertung wiederkehrende Muster deutlich wurden.5 Auf den ersten Blick standen diese scheinbar im Widerspruch zum generellen Befund der Untersuchung, der sich mit einer Verschiebung der Wahrnehmung von Armut von materiellen Aspekten hin zu Fragen von fehlender Teilhabe umschreiben lässt. Denn, wie das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, bemühten sich Sozialexperten besonders seit Ende der 1960er Jahre darum, diese Vorstellungsveränderungen in der praktischen Sozialarbeit umzusetzen sowie in die bundesdeutsche Sozialgesetzgebung einzuschreiben. Doch fanden sich immerwieder symbolisch aufgeladene, öffentlichkeitswirksame Praktiken und Aktionen, die diese Vorstellungsveränderungen zu konterkarrieren schienen.Daher liegt die Vermutung nahe, dass die ‚Langlebigkeitmentaler Strukturen‘6 mit den wissenschaftlich-rationalen Überlegungen der Sozialexperten in Konflikt gerieten. Genauso ist es aber denkbar, dass sich bei genauerer Untersuchung auch auf der ikonografischen Ebene Veränderungen aufzeigen lassen, welche die These von einer Liberalisierung der Armutsvorstellungen unterstützen. Dies soll im Folgenden überprüft werden. Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass die Auswahl der Beispiele nicht auf einer systematischen Auswertung medialer und öffentlicher Darstellungen von Armut beruht. Es handelt sich vielmehr um Beobachtungen, die im Umgang mit den Quellen auffällig wurden. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole Es gibt ikonografische Schemata, die seit Jahrhunderten für die Darstellung von Armut eingesetzt werden, beispielsweise das Kauern, schmutzige Kleidung, Kontrastdarstellungen von Reichen und Armen. Besonders das Christentum, das sich immer auch als eine Religion der Armen und Geächteten verstand, hat hier seine Spurenhinterlassen. ImUntersuchungszeitraumbeeinflussten aber auchdie entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre sowohl des Zweiten, als auch des Ersten Weltkriegs die Armutsdarstellungen. Der theoretische und gesellschaftspolitische Rahmen des Armutsdiskurses ging auf die Sozial- und Ideengeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zurück. Noch heute steht jedem, der sich zum Thema Armut äu- ßern möchte, ein allgemein verständliches Bildrepertoire zur Verfügung. Selbst die 5 Lorke20161. 6 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 14. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 413 aktuelle Armutsforschung greift in ihren Texten immer wieder auf Bilder, Symbole und Methaphern zurück, die auch in den von ihr untersuchten Quellen zu finden sind. Denn der Vorrat an Kollektivsymbolen unterliegt zwar Veränderungen, diese vollziehen sich in der Regel aber in einem langwierigen Prozess. Daher spiegeln mit Lutz Leisering die herrschenden Bilder eines sozialen Problems nicht notwendig reale Gegebenheiten wider. Die Prägekraft der Bilder wirkt aber auf die Realität zurück, das bedeutet, ikonografische Schemata lenken nicht nur Bildtraditionen, sondern auch aktuelle Praxisformen und Verhaltensweisen.7 Dies bietet einenErklärungsansatz für die Beharrungskraft von einmal etablierten Vorstellungen der sozialen Wirklichkeit. Insbesondere die Medien bedienen sich dieses ikonografischen Kanons und deuten die gesellschaftlichen Gegebenheiten immer wieder in ähnlicher Weise. Dadurch haben es neue Armutsvorstellungen schwer, sich durchzusetzen, selbst wenn sie in Fachkreisen schon selbstverständlich sind.8Umgekehrt ist es schwer, soziale Probleme zu thematisieren, ohne auf bekannte Darstellungsweisen zurückzugreifen. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass sie nicht als Armutsproblem anerkannt werden. Mit Oswald Schwemmer gesprochen, würdenwirweder uns selbst, noch unsereUmwelt verstehen, könntenwir uns nicht auf Symbole und symbolische Formen beziehen. Erst durch diese ist es uns möglich, die Bedeutung von etwaswahrzunehmenund auch darzustellen. ZudiesemSymbolsystem gehört in Anlehnung an den Philisophen Ernst Cassirer auch die Sprache.9 DerRückgriff aufbekannteArmutsbilder bedeutet deshalb immer eineGradwanderung. Der Begriff Armut ist, wie Gerechtigkeit oder Freiheit, ein Abstraktum. Er bedarf der ‚Verbildlichung‘ mit Hilfe von Symbolen oder gar allegorischen Figuren, um sein Wesen erfassen zu können. Wie es im Umgang mit jeder anderen Art von Quelle selbstverständlich ist, sollte die Armutsforschung die Ikonografie zunächst hinterfragen sowie ihremUrsprungund ihrerManipulationskraft nachgehen, bevor sie diese reproduziert und in ihrer Weise modifiziert.10 ImFolgendenwird es darumgehen, die Formen der bildhaftenGreifbarmachung von Armut im Untersuchungszeitraum darzustellen. Es wird um Spezifika der Iko- 7 Leisering: Zwischen Verdrängung und Dramatisierung, hier: S. 488; Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 290. 8 Siehe ders.: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 281, 287; vgl. Jäger: Kritische Diskursanalyse, S. 133. 9 Schwemmer: Die Macht der Symbole, hier: S. 7. 10 Der Philosoph Ernst Cassier prägte für diese unterschiedlicheNutzung vorhandener Symbolformen die beiden Begriffe ‚forma formans‘ und ‚forma formata‘. Cassirer: Metaphysik, S. 17f. 414 6. Zur Ikonografie der Armut nografie der Armut in der Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ gehen: wiederkehrende Bilder,Metaphern und Symbole. Ein besonderesAugenmerk liegt dabei aufmöglichen Veränderungen. 6.1.1. Bildebene: Frauen, Kinder, Wartende Bilder sind besonders einprägsam. (Historische) Ereignisse werden oft erst dannmanifest, wenn sie mit einem Bild verbunden sind. Der Historiker Gerhard Paul fasst diese unter dem Begriff der ‚medialen Ikone‘ zusammen. Seiner Darstellung zufolge ist das Charakteristische an diesen Bildern, dass sich in ihnen Ängste, Hoffnungen undLeidenschaften zu Symbolenmenschlichen Seins verdichten.Dadurch besitzen sie einen über das abgebildete Ereignis oder die abgebildete Person hinausweisenden Symbolgehalt. Dem Betrachter prägen sie sich vor allem auf Grund ihrer gestalterischen Qualitäten ein. Dieses ikonische Potenzial ist die Voraussetzung dafür, dass ein Bild sich zu einem ‚Kristallisationspunkt‘ kollektiver Erinnerung entwickelt. Ist dies erfolgt, genügt es, das mit dem Bild verknüpfte Ereignis zu nennen, um die visuelle Erinnerung zu aktivieren und das zur ‚medialen Ikone‘ gewordene Bild vor dem inneren Auge erscheinen zu lassen.11 Doch Armut ist kein solches historisches Ereignis. Sie ist vielmehr ein Zustand, dessenDefinitionundBewertung je nachStandpunkt ganzunterschiedlich ausfallen kann. Dementsprechend wäre zu erwarten, dass auch die Bilder zur Darstellung von Armut stark variieren. Wie bereits beschrieben, ist dies nicht der Fall. Neben persönlichen und gesellschaftlichen Werten gehen in jedes Bild die ikonografischen Schemata ein, die sich über einen langen Zeitraum zum entsprechenden Thema herausgebildet haben. Mehr noch: Nicht nur die Bilder, sondern auch Gestik und Körperhaltung der Abgebildeten sind Teil der Ikonografie der Armut.12 Ein im Untersuchungszeitraum in Bezug auf Armut besonders wirksames ikonografisches Schema war das Bild der armen, alten Frau, insbesondere bis Mitte der 1960er Jahre. 11 Paul: Bilder, hier: S. 8. 12 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 290. siehe auch: Bauerle: Gespenstergeschichten, S. 35f. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 415 Abbildung 6.1.: Bild-Zeitung Jg. 4 (20. Jan. 1955) Abbildung 6.2.: Sonntagsblatt Nr. 49 (1956) Die beiden Abbildungen (Abb. 6.1 und 6.2) zeigen ein verblüffend ähnliches Motiv: Beide Frauen tragen ein Kopftuch, zeitgenössisch auch als ‚Abzeichen des Wohlfahrtsklienten‘ bezeichnet,13 ihre Kleidung wirkt alt, zumindest altmodisch. Sie richten den Blick nicht auf den Betrachter, sondern auf ihre (Suppen-)Tasse, scheinen zugleich aber in sich hinein zu sehen. Dabei wirken sie in sich gekehrt und strahlen dadurch eine Mischung aus Stille, Demut und Schicksalergebenheit aus. 13 Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47. 416 6. Zur Ikonografie der Armut Falten – ein vielverwendetes Zeichen für ein sorgenvolles und arbeitsreiches Leben – durchziehen die beiden Gesichter. Und nicht zuletzt: beide Frauen sind allein. Letzteres ist deshalb bemerkenswert, weil hier die Ikonografie dem vorherrschenden Altersbild entsprach.14 Zwar gab es auch in den 1950er Jahren die positive Sicht auf das Alter als Zeit derWeisheit, Reife und desRespekts. Dominierendwar jedoch die Gleichsetzung des Altwerdens mit Verlust und Verfall. Neben der materiellen Not alterMenschen betonte die öffentliche Darstellung bereits in den 1950er Jahren auch die immaterielle. Insbesondere der Begriff ‚Einsamkeit‘ wurde zur Chiffre einer ‚neuen‘ Altersarmut. Diese Gleichsetzung hielt sich noch in den 1960er Jahren, obwohl sozialwissenschaftliche Studien bereits belegten, dass viele alte Menschen ihr Alleinleben in Folge des in Fachkreisen diagnostizierten Funktionsverlusts der Familie nicht mit Einsamkeit, sondern Selbständigkeit verbanden.15 Die Suppe oder die Tasse standen für eine bescheidene Mahlzeit.16 In der Nachkriegszeit verdrängten sie das Brot als Sinnbild gespendeter Nahrung, wie ein Journalist der Badischen Zeitung 1956 feststellte. Die in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit allgegenwärtigen Suppenküchenwaren vielen Zeitgenossen deutlich in Erinnerung. Die Suppe war dabei durchaus positiv besetzt. Mit ihr verbanden sich Assoziationen an Wärme, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Dennoch war der Autor des Artikels von 1956 erschüttert darüber, dass noch immer so viele alte Menschen auf meist kirchlich betriebene Suppenküchen angewiesen waren: „Und, ob wir es glauben mögen oder nicht, Suppe und Brot haben ihre wertbeständige Währung behalten. Wer dem Einfall folgend hinter einem der vereinsamten alten Männer oder hinter einer Rentnerin hergeht, um zu erfahren, wohin sie sich auf ihrem ziellos erscheinenden Weg durch die Straßen wenden möchten, kann es erleben, daß er sich nach gar nicht langer Zeit inmitten der Stadt hinter einer Klosterpforte befindet und dort einen unscheinbar wirkenden, nicht großen Tisch 14 Siehe dazu Kapitel 4.2.2. 15 Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 234f. 16 Vgl. auch Abbildung 6.11 sowie Schwerpunkte. 1969: Auszug aus dem Geschäftsbericht vor der Bundeskonferenz in Berlin, in: Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Helfen und Gestalten. Beiträge und Daten zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, erweiterte Neuauflage, Bonn 1992, S. 109–115, hier: S. 111. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 417 stehen sieht, der die Gäste derNot und der Vereinsamung Platz nehmen heißt.“17 Die im folgenden Jahr umgesetzte Rentenreform trug zwar dazu bei, dass Alter undmaterielleNot inderÖffentlichkeit nichtmehr reflexartig als Einheit präsentiert wurden.Die einsame, alte Frau als Symbol fürArmut gehörte gleichwohlweiter zum geläufigen Bildrepertoire. Der Historiker Christoph Lorke bezeichnet die hungernde Rentnerin sogar als ‚Ikone der Armut‘ der Bundesrepublik. ImGegensatz zu den hier aufgezeigten Beobachtungen bezieht er sich insbesondere auf Armutsdarstellungen aus den 1980er Jahren.18 Dieser späte Befund zeigt: Die Chiffre der armen, alten Frau verselbständigte sich. Sie konnte, über die spezifische Situation hinaus, wie ein Gebrauchsgegenstand als Ausdrucksform für Armut eingesetzt werden und dadurch die Vorstellung von der sozialen Wirklichkeit in der Bundesrepublik auch dann noch beeinflussen, als sich die ursprüngliche Situation bereits verändert hatte.19 Damit soll nicht abgestritten werden, dass Altersarmut auch noch nach 1957 ein Problem darstellte – sie ist es bis heute. Ihre Ausprägung unterlag jedoch einem stärkerenWandel, als die weiterhin veröffentlichten Bilder. Fotogra en werden häufig als ‚authentisch‘ und ‚wahr‘ angenommen. Selbst das Wissen darum, dass jedes veröffentlichte Bild das Ergebnis einer Reihe von bewussten sowie unbewussten Auswahlprozessen (Motiv, Ausschnitt, Plazierung im Text) und damit alles andere als ein objektives Abbild der Wirklichkeit ist, schützt nicht zwangsläufig vor der Macht der Bilder.20 Folgende Beispiele lassen dies erahnen. 17 Gäste an Kloster- und Klinikpforten. Der Tisch für ‚Gäste des Herrn‘ in Freiburg vielfältig und im verborgenen gedeckt, in: Badische Zeitung Jg. 11 (24. Okt. 1956). 18 Lorke: Nur die Landstraße, S. 13. 19 Vgl. Schwemmer: Die Macht der Symbole, hier: S. 10. 20 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 284. 418 6. Zur Ikonografie der Armut Abbildung 6.3.: Hand am Pflug Nr. 6 (1963) Abbildung 6.4.: Rheinischer Merkur 22.48 (1967) Abbildung 6.3 und 6.4 aus den Jahren 1963 und 1967 strahlen für heutige Betrachter fast schon etwas Mystisches, Märchenhaftes aus. Die ärmliche Kammer, der Buckel, das Kopftuch, die vielen Schichten der kuttenhaften Kleidung – all das wirktwie dieAusstattung einer Phantasiewelt, ein Schaufenster in längst vergangene Zeiten. Assoziationen zu den Zeichnungen von Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille werden wach. Darüber hinaus scheinen die Bilder religiös konnotiert. Zwar lassen sie sich, abgesehen von dem duldvollen Leiden einer Pieta, keiner biblischen Figur 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 419 zuordnen.WieGottfried Korff bereits feststellte, setzen bestimmte Bildmotive allerdings automatisch einemoralische Reaktion inGang, undReligion undMoral sind wiederum eng miteinander verwoben.21 Der Stab, auf den sich die gebückten, alten Frauen auf allen drei Fotografien des Artikels aus der ZeitschriftHand am Pflug des evangelischen Wohlfahrtsverbandes stützen, zeigt einerseits derenGebrechlichkeit, ihr Bedürfnis nachHalt, andererseits ist er ein Zeichen der Wanderschaft und Reise. Er zeigt an: Die drei Frauen sind noch nicht angekommen in der Mitte der Gesellschaft, im ‚Wirtschaftswunder‘ der Bundesrepublik. Besonders eindrücklich ist auf der ersten Fotografie die Inszenierung von Licht und Schatten. Die im Dunkeln vor einer Mauer stehende Figur der alten Frau wird schlaglichtartig angestrahlt und scheint vom plötzlichen Licht der Aufmerksamkeit regelrecht geblendet zu sein.Unterstrichenwird diese Lesart durch dieÜber- beziehungsweise Zwischenüberschriften, in denen die Einsamkeit und die Randständigkeit dieser Frauen betont werden. Abbildung 6.5.: Der Spiegel 15.52 (1961) Die in einem Spiegel-Artikel von 1961 verwendete Karrikatur (Abb. 6.5) beleuchtet dieses Klischee kritisch.DerAutor, der unter demPseudonymPeter Brügge veröffentlichte, wollte damit jedoch nicht ausdrücken, dass alte Frauen in Wahrheit nicht benachteiligt wären. Doch übte er Kritik an der Formelhaftigkeit des Motivs 21 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 292. 420 6. Zur Ikonografie der Armut der armen, alten Frau. Zu vermuten ist, dass er beim Schreiben des Artikels imKopf hatte, dass hinter dem im selben Jahr verabschiedeten Bundessozialhilfegesetz eine gänzlich andere Armutsvorstellung stand. Den am Gesetzgebungsprozess beteiligten Sozialexperten war es nämlich vor allem darum gegangen, der neuen Sozialhilfe das Anrüchige der Fürsorge zu nehmen. Der Unterstützungsbedürftige sollte zum Unterstützungsberechtigtenwerden. Dies hatte Gerhard Scheffler,Ministerialdirektor des Bundesinnenministeriums, bereits auf demDeutschen Fürsorgetag von 1957 gefordert.22 Die Bundesbürgerinnen und -bürger teilten diese Ansicht jedoch längst nicht. Ironisch bemerkte Brügge: „Der Arme [...] soll sich mit Hunger und Kälte vertraut, doch nicht als Mopedist oder Fernsehteilnehmer zeigen. Seine Kleidung soll schäbig, aber sauber, er selbst frei von Schuld an seinem Mißgeschick sein. Unerwünscht insonderheit sind Laster, wie Trinken oder unmäßiges Kartenspiel.“23 Den Grund, warum dieses Bild seiner Meinung nach in den Medien weiterhin bedient wurde, lieferte er gleichmit:Wenn sie nicht auf einenGroßteil der Spenden verzichten wollten, hätten die Wohlfahrtspfleger der Bundesrepublik keine andere Wahl. Die meisten Bundesbürgerinnen und -bürger sehnten sich nach derartigen Bildern. Ihre ‚Wunschvorstellung‘ von Armut sei ein Bild, das nach Vermutung des Autors noch aus wilheminischer Zeit stamme. Bereits in den 1950er Jahren war diese Art der Darstellung vereinzelt problematisiert worden, beispielsweise in einem Artikel der katholischen Frauenzeitschrift Die Mitarbeiterin. Der Autor schrieb darin, dass die westdeutsche Bevölkerung zu einem Bild von Armut neigte, das aus demMärchenbuch stamme. „Die Armut ist uns die Unschuld in Person, ein liebes Kind, das für einen Prinzen bestimmt ist. Wenn der Arme diesem Bild nahekommt, findet er unser Mitleid. Was aber, wenn er keine weiße Weste hat? Dann ist er für uns kein Armer mehr, sondern ein Verbrecher, den wir verurteilen.“24 22 Muthesius (Hrsg.): Gesamtbericht, S. 29. 23 Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47. 24 Walter Adloch: Wo sind die Armen?, in: Die Mitarbeiterin 10.4 (1959), S. 98–103. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 421 Dennochwurde diese Vorstellung auch in Fachzeitschriften noch langeweiter reproduziert, gleichermaßen aber auch immer wieder dagegen angekämpft. Bereits 1957 beklagte sich ein Autor der Caritas darüber, dass dieMenschen kaummehr spenden würden, seit nicht mehr Verkrüppelte auf der Straße bettelten, sondern freiwillige Helfer der Caritas die Straßensammlungen durchführten. Es sei zwar verständlich, dass vom Spender mehr Gutwilligkeit und Phantasie verlangt würde, seitdem das menschliche Elend nicht mehr zur Schau gestellt werde, aber letztlich müsse jeder froh sein über die Entwicklung, dassWaisenkinder nichtmehr an Seiltänzer verkauft würden, die Alten, Behinderten und ‚Schwachsinnigen‘ ein Heim hätten und eine Mutter, die zurArbeitmuss, ihreKinder nichtmehr inder Stube einschließenmüsse, sondern in den Kindergarten bringen könne.25 Es gab aber auch eine positive Darstellung des Bildes der armen, alten Frau. Dann nämlich, wenn die vormals arme Rentnerin in einer Pose des Glücks und der Dankbarkeit dargestellt wurde – Dankbarkeit über erhaltene Hilfe. Abbildung 6.6.: Bild-Zeitung Jg. 6 (11. Apr. 1957) Abbildung 6.7.: Bild-Zeitung Jg. 17 (4. März 1968) 25 E. Schnydrik: Früher gab es für 50 Pfennige noch Krücken oder ein Holzbein oder Drehorgelmusik, in: Informationen des Deutschen Caritasverbandes 8.5 (1957), S. 1–2. 422 6. Zur Ikonografie der Armut Über derartige Bilder schrieben die Medien einerseits die Erwartung an den ‚würdigen‘ Armen fort, die angebotene Hilfe in Bescheidenheit und Dankbarkeit anzunehmen. Dies verdeutlicht das in Abb. 6.6 dargestellte Foto. Es entstammt einem Bericht derBild-Zeitung von 1957 über die ersteRentenauszahlung nach dem Inrafttreten der ‚Großen Rentenreform‘.26 Die Rentnerin hält den Umschlag mit ihrem Geld fest vor der Brust und richtet ihren Blick in die Ferne. Die Pose vermittelt Demut und Bescheidenheit und signalisiert darüber hinaus die vorausschauende, vorsorgende Haltung dieses Idealbilds einer ‚würdigen‘ Armen. Unterstrichen wird diese Lesart durch die unverhohlene Aufforderung: „Das Glück bewahren“. Denn der Begriff ‚Glück‘ scheint zu verstehen zu geben, dass eine ausreichend hohe Rente nicht als selbstverständlich zu betrachten war. Die Folgerung legt nahe, dass die Öffentlichkeit die Unterstützung sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen weiterhin nicht als deren Recht ansah, obwohl dies das Bundesverwaltungsgericht 1954 bereits festgestellt hatte. Selbst nach der Verabschiedung des BSHG schien sich die in der Öffentlichkeit reproduzierte Vorstellung vom angemessenenUmgangmit Bedürftigkeit nur langsam zu ändern. Dass jeder Arme, ungeachtet ob (vermeintlich) ‚würdig‘ oder ‚unwürdig‘, einenAnspruch aufUnterstützung von Seiten des Staates hatte, blieb für viele Bundesbürgerinnen und -bürger unverständlich. Andererseits bestärkten Bilder und Geschichten von Bedürftigen, denenmit Hilfe privater Initiativen aus ihrer elenden Situation geholfen wurde, die wohlhabende Bevölkerung in ihrer Spendenbereitschaft.Auchhier diente die dankbareRentnerin als gern gesehenes Motiv. Der Bild-Zeitungsartikel, dem das in Abb. 6.7 gezeigte Foto entnommen ist, erzählte in herzzerreißender Manier und reich bebildert von einer 73-Jährigen, die ihr Leben in einer Hamburger Kellerwohnung fristete und ihreMiete nichtmehr zahlen konnte, gefolgt vondemobligatorischenHinweis, dass die Frau nach dem Tod ihres Mannes unverschuldet in Not geraten war. Nachbarn nahmen sich ihrer an und renovierten dieWohnung. Auchwenn das staatlicherseits immer weiter ausgebaute soziale Sicherungsnetz materielle Hilfen seitens Privatpersonen zunehmend obsolet machte, zeigt dieser Artikel, dass selbst Jahre nach Verabschiedung des BSHG die Erwartungshaltung an den Armen immer noch die des dankbaren Unterstützungsbedürftigen war. Personen, die ihr Recht auf Unterstützung einforderten, gerieten leicht in denVerdacht, unverschämt und ‚asozial‘ zu 26 Darauf haben Tausende in Hamburg gewartet: Tag der Rentner, in: Bild Jg. 6 (11. Apr. 1957). 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 423 sein. Immerhin wies der Artikel darauf hin, dass auch die Behörden an der Aktion ihren Anteil gehabt hatten.27 Auch für die Darstellung der ‚unwürdigen‘ Armen gab es im Untersuchungszeitraum besondere ikonografische Schemata: Überfüllte Zimmer, dunkle Notunterkünfte und abweisende Wartesäle unterstrichen die Trostlosigkeit der Situation derMenschen in den Obdachlosenunterkünften. Häufig wurden statische Situationen abgebildet. Die Menschen waren selten in Bewegung. Sie schienen vielmehr zu warten oder sich ihrem Schicksal resignierend hinzugeben. Abbildung 6.8.: Neues Beginnen 9.6 (1955) 27 Eine Frau weinte vor Freude, in: Bild Jg. 17 (4. März 1968), S. 3. 424 6. Zur Ikonografie der Armut Abbildung 6.9.: Bild-Zeitung Jg. 15 (28. Sep. 1966) ZWISCHEN TAUNUS UND ODENWALD Prozeßeröffnung vor dem Schwurgericht Angeklagter hat in der Voruntersuchung keine Aussagen gemacht DARMSTADT (1h). „Ich fühle mich unschuldig." Mit diesen Worten hat der des Mordes an seiner damals 21 Jahre alten Stieftochter Jutta Holz angeklagte neunundvierzig jährige Schuhmacher Otto Stefan Adam aus Rüsselsheim vor dem Darmstädter Schwurgericht zum ersten Male zu dem ihm. vorgeworfenen Verbrechen Stellung genommen. Vor dem Gericht begann am Miitwoch der Prozeß gegen Adam. Der Angeklagte erklärte, er habe wegen seiner Unschuld auf Anraten seines Verteidigers in der Vorantersuchiung keine Aussagen gemacht. Vor Gericht wolle er jedoch Rede und Antwort stehen. Nach der Anklage soll Adam am 22. Mai 1983 im Gelände der ehemaligen Rüsselsheimer Opel- Rennbahn mit einem scharfen Gegenstand semer Stieftochter die Halsschlagader durchtrennt und ihr mehrere Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf versetzt haben. Die Anklage gegen Adam stützt sich auf Indizien. Nach der Prozeßeröffnung versuchte das Schwurgericht zunächst, sich ein Bild von den Familienverhältnissen des Angeklagten zu machen. Sein Verhältnis zur Stieftochter Jutta Holz sei nicht enger gewesen wie zu allen anderen Kindern, behauptete Adam. Als seine Frau eine Bemerkung über möglichere engere Bindung zwischen ihm und dem Mädchen gemacht habe, hätte er sofort vorher übliche gemeinsame Radausflüge aufgegeben. Sehr ausführlich schilderte der Angeklagte, warum seine Stieftochter Beziehungen zu drei jungen Männern abgebrochen hat. Aus den Aus-sagen Adams ging hervor, daß er seine Stieftochter offensichtlich im Sinne des Abbruchs dieser Beziehungen beeinflußte. In zwei Fällen stellte er komplizierte Nachforschungen an, um herauszufinden, daß die beiden jungen Männer keine seriösen Absichten mit seiner Stieftochter gehabt hätten. Genau informierten sich die Geschworenen über die finanzielle Lage der Familie Adam. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Voruntersuchung zeitweise den Verdacht, daß Adam seiner Stieftochter nach der ihm vorgeworfenen Bluttat 350 Mark raubte, die später in seiner Werkstatt gefunden wurden. Sehr sicher gab der Angeklagte an, er habe stets genug Geld gehabt. Die bei ihm nach dem Mord an Jutta Holz gefundenen 350 Mark habe er sich seit Anfang 1963 für Geburtstagsgeschenke für seine Angehörigen gespart gehabt. Am Nachmittag kamen Vorkommnisse zur Sprache, die den Verdacht unerlaubter Beziehungen des Angeklagten Adam zu seiner Stieftochter in den letzten Monaten vor der Tat nicht ausschließen. Seine Frau sagte aus, daß Adam oft bis spät in die Nacht allein mit Jutta am Fernsehen gesessen habe. Dazu Adam: „Jawohl, ich brauchte geistige Anregung". Kritisch für den Angeklagten wird es, als die Frage erörtert wird, wo er in zwei Aprilnächten geschlafen hat, während seine Frau verreist war. Der älteste Sohn habe früher genaue Angaben gemacht, aus denen nur geschlossen werden könne, daß der Angeklagte mindestens eine dieser Nächte im Ehebett mit seiner Stieftochter zubrachte, sagte die Zeugin. Durch ein recht durchsichtiges Manöver habe er den Sohn darüber zu täuschen gesucht. Der Angeklagte wies die Beschuldigung zurück, sie sei aus der Luftgegriffen. Bad Homburg erhält einen neuen Stadtteil Die ersten Wohnungen in diesem Jahr bezugsfertig / Bauzeit währt vier Jahre Wr. BAD HOMBURG. Auf einem Gelände am Nordrand der Stadt wird Bad Homburg einen neuen Stadtteil mit über 600 Wohneinheiten und mit etwa 2200 Bewohnern erhalten. Für den ersten Bauabschnitt dieses neuen Stadtteils konnte die Gemeinnützige Wohnungsbau-Aktiengesellschaft (Gewobag) das Richtfest feiern. Der erste Bauabschnitt umfaßt den Bau von 194 Mietwohnungen und von 56 Eigenheimen. Die Gesamtkosten dafür gab Direktor Low von der Gewobag mit über vierzehn Millionen Mark an. Er teilte mit, die ersten Wohnungen und Eigenheime würden noch in diesem Jahr bezugsfertig werden. Für die Siedlung entsteht auch ein Fernheizwerk. Bürgermeister Dr. Armin Klein von Bad Homburg teilte mit, zu dieser „Wohnstadt" am Nordrand von Bad Homburg seien zwischen der Saalburgstraße, der Tannenwaldallee und der Bundesstraße 455 Bad Homburg—Wiesbaden zwischen der Badestadt und der Nachbargemeinde Oberstedten auch noch der Bau eines Kindergartens, einer Kirche und auch eines Einkaufszentrums vorgesehen. Eventuell werde in dieser Wohnstadt auch noch eine neue Schule gebaut. Femer wies Klein darauf hin, daß die Stadt Bad Homburg für einen Teil der Wohnungen und Eigenheime städtische Förderungsmittel gegeben hat, um dort Bad Homburger Wohnungsuchende unterbringen zu können. Stadtverordneten-Vorsteher Günter Goers sagte, Bad Homburg hoffe, daß dieses Siedlungsprojekt zu einer Entlastung des Wohnungsmarktes der Stadt beitrage. Er wies darauf hin, daß es auch in Bad Homburg trotz einer überdurchschnittlichen Bautätigkeit mit großer Förderung der Stadt noch Wohnungsnotstände gibt. Landrat Herr begrüßte den Bau dieser Häuser und Wohnungen für den Obertaunuskreis. Für die gesamte „Wohnstadt" wird mit einer Bauzeit von etwa vier Jahren gerechnet. „Wie aus dem Gesicht geschnitten“ Säumiger Vater gibt nach zehn Jahren das Leugnen auf xi. OFFENBACH. Eine Überraschung hat ein Offenbacher Schöffengericht erlebt, als ein säumiger Vater, der seit zehn Jahren keinen Unterhalt für sein uneheliches Kind zahlt, nun sein Leugnen aufgab. Er bekannte sich plötzlich zu seinem Kind und versprach, nach Verbüßung seiner Gefängniszeit ordentlich zu arbeiten und alle seine Unterhaltsschulden zu begleichen. Eine Fotografie hatte dieses kleine Wunder bewirkt. Früher leugnete der Angeklagte ständig die Vaterschaft, obwohl er durch Zeugenaussagen, medizinische Gutachten und Blutgruppenuntersuchungen eindeutig als Vater feststand. Die Mutter jenes nun zehnjährigen Mädchens legte dem Offenbacher Gericht ein Foto vor. Die Reaktion von Amtsgerichtsrat Eckel: „Ich bin zwar kein Sachverständiger, aber dieses Mädchen ist dem Angeklagten wie aus dem Gesicht geschnitten!" Der Angeklagte, der das Kind seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, war selbst überrascht von der Ähnlichkeit: „Ich gebe zu, daß mir das Kind ähnlich ..ehr — und ich seheein, Leugnen hat keinen Zweck mehr . . .'\u25a0 Der säumige. Papa wird seine bisherige Hartnäckigkeit allerdings noch lange büßen müssen. Zur Zeit verbringt er wegen der Unterhaltspflichtverletzung sechs Monate Gefängnis. Die Offenbacher Schöffen verurteilten ihn dieses Mal, obwohl er endlich geständig ist, zu acht Monaten. Familiengerechte Wohnungen gefordert u. OFFENBACH. Delegierte aus Hessen haben sich in Dudenhofen zur Jahresversammlung des Bundes der Kinderreichen, Hessen, getroffen. Bei den Diskussionen wurde mehrmals verlangt, daß in Zukunft der familiengerechte Wohnungsbau stärker gefördert werden solle. Sowohl Mietwohnungen als auch Hilfe beim Eigenheimbau seien wichtig. Bei dieser Landestagung wurde der 1. Landesvorsitzende des BKD, Dr. jur. Hageboeck aus Bad Homburg, in seinem Amt bestätigt. Seine beiden neuen Stellvertreter sind Heinz Althaus aus Gießen und Hinrieh Backer aus Frankfurt. „Wege und Experimente“ Wr. BAD HOMBUEG. ImKurhaus hat Bürgermeister Dr. Armin Klein eine Ausstellung des Künstlerbundes Taunus unter dem Thema „Wege und Experimente" eröffnet. In der Ausstellung, die bis zum 15. Juni dauert, geben einige Mitglieder des Künstlerbundes einen Einblick in ihre Arbeit, wobei sie auch gleichzeitig die verschiedenen Techniken zeigen. Vorsitzender Gerhard R. Meyer vom Künstlerbund sagte, das Ziel dieser Ausstellung sei es, einmal zu zeigen, wie die Werke der einzelnen Künstler entstünden. Ausgleich bereitet Schwierigkeiten ca. FRIEDBERG. Die Friedberger Stadtverordneten haben mit Mehrheit den Haushaltsplan für das laufende Rechnungsjahr verabschiedet, der im ordentlichen Teil mit rund 9,9 Millionen und im außerordentlichen mit annähernd 5,2 Millionen Mark ausgeglichen abschließt. Wie Bürgermeister Bebber in der Sitzung sagte, habe in diesem Jahr der Haushaltsausgleich große Schwierigkeiten bereitet. Die Stadt habe auf Grund ihrer angespannten Finanzlage durch zahlreiche größere Projekte an sich notwendige Aufwendungen von über einer halben MillionMark streichen müssen. Der Bürgermeister wies ferner darauf hin, die Stadt müsse künftig der Bildung der gesetzlich vorgeschriebenen Rücklagen sowie der Schuldentilgung besondere Aufmerksamkeit widmen. Die Steuerkraft der Stadt sei voll ausgeschöpft. Günstig bezeichnete Bebber das Aufkommen an Gewerbesteuer, das sich im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent erhöht habe. Die FDP-Kandidaten rdt. OFFENBACH. Die Freie Demokratische Partei in der Stadt Offenbach hat jetzt ihre Kandidaten für die Kommunalwahl 1964 nominiert. Die Liste der 31 Bewerber, die in einer Mitgliederversammlung geheim gewählt wurden, führt der Arzt Dr. Wolfgang Weimershaus an. Unter den ersten fünf Kandidaten sind ferner der Verwaltungsangestellte Adolf Fries, die Geschäftsführerin des Königsteiner Kreises, die Diplom-Volkswirtin Ilse Mittag, der Diplom-Volkswirt Dr. Franz Müller und der Geschäftsführer Kurt Hoffmann. Die jetzigen Stadtverordneten Grefe Weimar, Dr. Hans Rühl und Gert Salzer kandidieren nach Mitteilung der Partei aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf den vorderen Plätzen. Gerätehaus übergeben ca. FRIEDBERG. Ein Gerätehaus für die Feuerwehr, ist von Bürgermeister Albus in Staden seiner Bestimmung übergeben worden. Das neue Haus verfügt über zwei Garagen, einen Schlauchtrockenturm, sowie über einen Unterrichtsraum. Es wurde vorwiegend in Selbsthilf© von den Wehrmännern in ihrer Freizeit errichtet. Dadurch wurden die Baukosten auf 32 000 Mark wesentlich gesenkt. Der Leiter der HANAUER Landespolizeistation an der Bruchköbeler Landstraße, Helmuth Hohenberger, ist zum Oberkommissar befördert worden, (ha) la den Ruhestand getreten ist der Schulrat für den Aufsichtsbereich HANAU 11, Dr. Kurt Beyer. Sein Nachfolger wurde Schulrat Helmuth Estler, der bisher im Kreis Gelnhausen tätig war. (ha) Ein neues Feuerwehrgerätehaas ist in EDDERSHEIM im Main-Taunus-Kreis seiner Bestimmung übergeben worden. Das Gebäude kostete über 110 000 Mark. Beihilfen gaben der Gemeinde der Main-Taunus-Kreis und die Nassauische Brandversicherungsanstalt. Durch den Neubau wurde der Brandschutz in der Gemeinde weiter verbessert, (wb) Eine Spende von 120 000 Mark hat die Kreissparkasse Obertaunus dem Obertaunuskreis gegeben. Ein entsprechender Beschluß wurde von dem Vorstand der Kreissparkasse in BAD HOMBURG gefaßt. Die Spende soll von dem Obertaunuskreis für gemeinnützige Zwecke, vor allem für die Jugend des Kreises, verwandt werden. (Wr) Zwischen Warten und Wandern Die Nichtseßhaften folgen den Urstromtälern / Sie kommen ins Karl-Wagner-Haus rf. FRIEDBERG. Der erste Eindruck muß ebensowenig immer der beste als auch der richtige sein. Obschon er, wie es heißt, unterschwellig stets mit von der Partie sei. Wer sich dem hessischen Friedberg, von Bad Nauheim kommend, nähert, den wird die historische Silhouette nicht kalt und gleichgültig lassen. Wer also durch das Tor des Adolfturmes an der Burg vorbei in die breit angelegte Kaiserstraße gelangt, hat den unbedingten Eindruck, sich kaum einen besseren Einzug in das traditionsbeladene Städtchen vorstellen zu können. Aber auch das Kommen von der anderen Seite, vom .nahegelegenen, .Frankfurt über..die .Autobahn, wird':mitreizvollen Perspektiven der Kreisstadt in der Wetterau belohnt. Schon freudloser ist der Eintritt für den, der seine Füße am Bahnhof auf Friedberger Boden setzt und sich inmitten der Alten Bahnhofstraße wiederfindet. Daß es an diesem Ort rußig ist und alles in trostloses Grau getaucht zu sein scheint, ist dabei weniger bemerkenswert als natürlich. Aber etwas Merkwürdiges fällt eben auf und entzieht sich dem Beobachter selbst nicht auf der betriebsamen Hauptstraße: Männer nämlich, die zwar nicht unbedingt in zerschlissenem Aufzug, immerhin aber doch in überraschendem Habitus die Stadt bevölkern. Als Wanderer könnte die Gattung der Heimund Heimatlosen schonend umschrieben werden. Trifft aber nicht zu. Es sind auch keineswegs die Pennbrüder aus den zwanziger Jahren, auch nicht der so überschrecklich komische Vagabundmensch aus dem Schnulzengestrüpp des Radiovergnügens, ganz zu schweigen vom amerikanischen Bum oder gar Jack Londons Schienenstrang-Tramps, den Haboes, und den französischen Chlochards. Die zeitgenössische Spezies der Ewigwandernden ist bar aller Romantik und oft nur noch gezeichnet von resignierender Gier nach Lebenswerten, um die sie mutmaßlich zu moralisch gleichen Teilen gebracht wurden und sich selber bringen. Äußeres Kennzeichen: eine unbestimmbare Mischung aus Niethosen und jenen ominösen Nachkriegsbeinkleidern mit dem achtziger Schlag. Ursache des Zustroms ist jedoch nicht etwa in einem Reichtum Friedbergs zu suchen, der von den Nichtseßhaften begehrt werde, zumal böse Zungen behaupten, Friedberg sei nicht, wie es manche Bürger gern hören, eine Stadt der Schulen, sondern der Schulden. Vielmehr folgt der Zug der Wanderer seit nahezu einem Jahrhundert — und sicher länger auch schon — den Urstromtälern, von Limburgbeispielsweise über Frankfurt, Friedberg, Gie- ßen nach Marburg. Oder der andere Weg durchs Rheintal. Diesen geheimnisvollen Strom wollten die Bürgersleut der Wetterau sich sicher nutzbar machen. So entstand schon vor über achtzig Jahren die „Herberge zur Heimat", gegründet und gestiftet nicht etwa allein von der Inneren Mission, sondern bezeichnenderweise von dem heute noch angesehenen Unternehmen Schwarz & Ulrich. Dazu bot sich die verkehrsgünstige Lage. Heute passieren drei Bundesstraßen Friedberg, ein Eisenbahnknotenpunkt entstand, und die Stadt beheimatet in ihren Mauern die Zentrale für Landarbeitervermittlung. Bekannt ist diese einstige Herberge unter dem Namen „Karl-Wagner-Haus", so genannt nach dem Oberkirchenrat Dr. Karl Wagner, der sich während des Zweiten Weltkrieges der Leitung des Heimes annahm. Die Insassen des Wagner-Hauses rekrutieren sich aus allerlei Schichten: Tippelbrüdern, denen nicht zu helfen ist und die meist nur für eine Nacht Station machen oder — von der Polizei dazu angehalten — machen müssen. Im„Drei-Stufen-Verfahren" des Hauses sind das die Durchgänge, Die zweite Stufe sind jene, die über kein eigenes Zimmer verfügen oder sich nur vorübergehend keins leisten können und etwa drei Monate im Heim bleiben. Und schließlich die Seßhaften — es sind heute etwa zwan-zig im Wagner-Haus —, die zu müde und zu alt sind oder den Mut verloren haben, allein zu sein. Die zwar ihrer Arbeit außerhalb des Hauses nachgehen, aber bis zur Einweisung in ein Altersheim hier ihr Leben verbringen wollen. Aber das Gefälle der Neueingänge, Durchgänge und Seßhaften ist zu vielschichtig, als daß es in irgendwelche Schemata zu pressen wäre. So gibt es beispielsweise in Friedberg eine Melkerzentrale, darum kommen, dermaßen angelockt, zur Saisonzeit des Melkens viele Melkerehepaare in die Stadt und ins Wagner-Haus. So kommt es denn auch, daß im Wagnerheim zeitweise einige Frauen anzutreffen sind: eben die der Melker Überhaupt ist das das Ziel des Wagner-Hauses, nicht nur Durchgangsherberge für Tippelbrüder zu sein, sondern Entwurzelten und solchen, die es notgedrungen und oft nur vorübergehend geworden sind, Arbeit zu vermitteln. Vor allem für die Landwirtschaft. Und diese Mission gelingt dem Heim unter der Leitung von Diakon Brauchschulte, der seit über 25 Jahren dem Heim vorstellt. Beredte Sprache seiner Zahlen: Im Juni wurden von 93 Durchreisenden, regelrechten Tipplern, 26 in Friedberg und Umgebung in feste Arbeit gebracht. Von 223 Quasi-Nichtseßhaften konnten 167 in feste Arbeitsverhältnisse vermittelt werden. So bildet das Haus mit seiner Besatzung vom Schicksal Geschlagener doch, auch eine recht positive Pointe: es ist eine Art Reservoir für die Landwirtschaft der Wetterau. Es ist zu einem regelrechten Mittelpunkt für Nichtseßhafte und Unstete geworden, die, so merkwürdig es klingt, Arbeit suchen, oft bis zu siebzig Personen an einem Tag. Nicht- zu leugnen ist natürlich, daß es neben der mühevollen Arbeit im Wagner-Haus auch einen Leidtragenden gibt: die Polizei in dieser Stadt. Oft lassen sich Personen aus Strafanstalten angeblich nach Friedberg entlassen, ohne je dort zu erscheinen; oder es melden sich solche im Wagner-Heim, deren Angaben falsch sind; Akten eilen ihnen hinterher-, ein Papierkrieg entsteht, und Einbruchsdelikte, Bettelei und Arbeitsscheu stellen dann die Rückseite des Unternehmens dar. Oft sind die Heimlosen aber ganz allein daran schuld, wenn man bedenkt, daß nahezu weit über zwei Drittel durch Verletzung der Unterhaltspflicht und Ab-» Zahlungsschwierigkeiten in diese heikle Lage kamen oder sich brachten. Die Innere Mission, aber auch die Landesregierung forcieren das Wagner-Haus. In vielleicht drei Monaten wird es über 120 Betten verfügen. Eine moderne Küche ist schon heute fertiggestellt. Ein Umbau, der immerhin 850 000» Mark erforderte. Der Leitspruch der Helfenden ist, gerade denen Hilfe zu gewähren, die ihrer bedürfen, und selbst denen zu helfen, denen nicht mehr zu helfen ist. Am Ende kann schließlich niemand sagen, ob solche menschliche Stützung unnütz bleibt. AUFENTHAITSRAUM. IM OBDACHLOSENASYL* WARTENDE, AUSRUHENDE, RESIGNIERENDE« Foto Hans Maler Partnerschaften angestrebt ca. FRIEDBERG. Die Kreisstadt Friedberg willPartnerschaften mit der englischen Stadt Bishops Strotfort und der französischen Stadt Villiers-sur-Marne schließen. Wie der städtische Kulturdezernent, Stadtrat Rhein, in Fi'iedberg mitteilte, werden noch in diesem Jahr die Urkunden ausgetauscht. Die Partnerschaften sollen dazu beitragen, die menschlichen Kontakte zu vertiefen und vor allem den Schüleraustausch zu pflegen. In Friedberg werde demnächst zu diesem Zweck ein Komitee gebildet, dem alle interessierten Bürger beitreten könnten. Am Vogelsberg wachsen Koteletts nach Maß Besichtigungsfahrt mit zwei Ministern / Dörfer stellen sich dem Fremdenverkehr W.F. HOHERODSKOPF. Ein wankelmütiger Wind hatte den ganzen Vormittag zu tun, aber schließlich fegte er am vergangenen Montag den Himmel über dem Vogelsberg frei — fürdie hessischen Zeitungsverleger, die der Ministerpräsident ihres Landes zu einer Besichtigungsreise in unerforschte Heimatgebiete eingeladen hatte. Unter Führung zweier Minister, Professor Dr. Schütte und Gustav Hacker, wurden besichtigt: eine neue Mittelpunktschule im oberhessischen Groß-Felda, die Hessische Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht, Neu- Ullrichstein, Kreis Alsfeld, ein ausgesiedelter Grünlandbetrieb in Lanzenhain und ein Berggasthof unterhalb des Hoherodskopfes. Das Land um den „Naturpark Hoher Vogelsberg", wo die Fachwerkhäuser noch keinen Seltenheitswert besitzen und mancher Bergfried wie in alten Zeiten den Schlaf der Bürger bewacht, hat sich selbst entdeckt. Ganze Dörfer stellen sich resolut dem Fremdenverkehr; häufiger als sonst sind hier ländliche Gasthäuser, Privatquartiere und Pensionen unter den Schrittmachern. Sie laden ein zu einem Urlaub der Stille, in abgeschiedene Dörfer am Rande weiter Ebenen oder großer Wälder, in denen das Wild eher ein keckes als ein verdrängtes Dasein führt. Die Mittelpunktschule von Groß-Felda südlich von Alsfeld hatte sich beeilt, noch für den Besuch, den Kultusminister Schütte so früh schon ins Haus brachte, fertig zu werden. Die Kinder aus zunächst acht, später neun Gemeinden, wo man die alten Schulpforten schließt, treffen sich in diesem Tausend-Einwohner-Dorf schon in der ersten Klasse. Die neunstufige Schule verspricht ihnen eine Ausbildung wie in der Stadt. Drei Omnibusse bringen die 420 Kinder täglich auf Staatskosten in das neue Haus der lichten, weitgespannten Trakte, das sie mit Leben erfüllen sollen. Klassen und Arbeitsräume (Küche, Nähzimmer, Physikraum usw.) sowie die Turnhalle und der Gymnastiksaal stellten sich in einem Komfort vor, wie ihn manche Stadtschule vielleicht in Jahren erreichen mag. Unübersehbar postiert sich das Schulhausan den Rand des Dorfes, das sich zur Bildungsstätte hin eine neue Achse suchen muß. Auf Gut Neu-Ullrichstein ließ Landwirtschaftsminister Hacker dem Fortschritt der Züchtung freien Lauf. Die hessischen Verleger erlebten die Bekanntschaft des „veredelten deutschen Landschweins", das sich im Interview als Wesen mit guten Umgangsformen erwies; sauberer und lernfähiger, als man ihm je zugetraut hätte. Seine Anpassungsfähigkeit übertrifft alle Erwartungen. Geduldig läßt es sich den Rückenmuskel hinter der dreizehnten Rippe messen und liefert das Kotelett, auf den Quadratzentimeter nachgeprüft, nach Maß. Die vom Land Hessen angestellten Prüfer wollen durch solche Kontrollen erreichen, daß in dieser neuen Massengesellschaft der Tiere bald eines dem arideren gleicht. Manche werden bei solcher Fließbandarbeit im Bereich der Natur allerdings nervös und enden bei längeren Transporten mit einem Herzinfarkt. Auch das Huhn, das Schaf, das Kaninchen der Zukunft, sie werden in Neu-Ullrichstein schon herausgeprüft, als Fleischlieferanten, die immer begehrt sind. Angorakaninchen versprechen dabei den Freizeitzüchtern beste Erfolge. Sie bringen nicht nur ihr Fleisch, sondern auch ihr Fell dem Hobby des Besitzers zum Opfer. Viermal im Jahr darf er dazu noch das Vergnügen genießen, diese Beatles des Tierreichs von ihrer Frisur zu befreien, was sie ihm mit der Wolle für sechs Pullover lohnen. Donnerstag» 11. Juni 1984 / Nr. 13r. 18 FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 3 Sommerfrïsciî am ASKO-Tisefo: ÄsK© zeigt ein© große 1 Ayswahl efraladeneler Tische —@b für das gesellige f_~^==^p~=r=_==rr~ :==^ "-" 1 """"""—————--—~-—-~------==-~--~-^^ —~——— _._._.__— bietet ASKO im Direktverkawf etwas Besonderes zu jp^^-^^ i il amHauptbahnhof 10 Preise 1 «M*"'*m j Abbildung 6.10.: Frank urte A lgemeine Zeit ng 16.133 (1964) 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 425 Manche bleiben, bis sie verrentet werden In einem Heim für Nichtseßhafte • Bericht eines Sozialarbeiters Es gibt sie noch in fast jeder größeren Stadt:die „Herberge zur Heimat", die Obdachlosenunterkunft, die Schlafstelle für Wanderer, Tippelbrüder und Penner. Das Bodelschwingh-Haus in Kiel hat 65 Plätze, die Betten sind ständig belegt. Drei Mark kostet cine Übernachtung, abends gibt es ein warmes Essen zum selben Preis. Wer absolut kein Geld hat, kann sich Bett und Essen mit je einer Stunde Holzhacken verdienen. In mancher Nacht werden zusätzlich Luftmatratzen auf den Fußboden gelegt. Die Zimmer sind auf das einfachste eingerichtet: ein bezogenes Bett für den „Durchreisenden", der gewillt ist, sich zu waschen, cine nackte Bettstelle ohne Matratze für den Verdreckten, der sich weigert. Wer langer im Haus bleibt, erhält Spind und Nachtschrank. Viele bleiben langer. Da sind alte Männer, frühere Obdachlose oder Tippelbrüder, die kein Altersheim aufnimmt. Da sind Arbeitsfähige, für die das Heim nur eine Station auf dem Weg in die Selbständigkeit ist. In Kiel arbeitet man seit 1970 nach einem Dreistufenplan: Der Wanderer, der resozialisierungsfähig scheint, soll sich in einem Übergangsheim allmählich an regelmäßige Arbeit gewöhnen, ehe er in die Wohnabteilung des Bodelschwingh-Hauses zurückkehrt, um in der Stadt einer Arbeit nachzugehen. Um Papiere und Stellung kümmert sich der Sozialarbeiter, um ein Zimmer „drau- ßen" muß sich der Mann dann selber kümmern. Oft drängt er zu früh hinaus und scheitert wieder. Vorbestraft sind fast alle Insassen. „Ich sollte neulich für unsere Zentrale in Bethel drei Geschichten von Männern aufschreiben, zwei mit negativem, eine mit positivem Ausgang. Negative hätte ich Dutzende gewußt", erzählt der Sozialarbeiter, „aber eine positive zu finden ist mir schwergefallen." Er arbeitet bereits dreizehn Jahre bei den Nichtseßhaften. „Der alte Stamm in unserem Haus ist jetzt zum größten Teil ,verrentet', alte Männer, die eigentlich in unser jetziges Konzept vom Dreistufenplan nicht mehr 'reinpassen, die man nicht mehr resozialisieren kann. Die gehören jetzt in Altersheime, vielmehr in andere Einrichtungen, bloß — solche Einrichtungen sindnicht da. Es müßte ein Zwischending zwischen \u25a0dem schlichtesten Altersheim und unserer Herberge geschaffen werden. Und auch dann wäre es schwierig. Wir hatten einen Herrn hier, der wurde uns vom Hospiz 'rübergeschickt, weil er da wegen Alkohols nicht mehr tragbar war. Er ist von hier aus zur Arbeit gegangen und wurde dann verrentet. Manchmal hat er sich — weil ernicht mehr viel vertragen konnte — doli aufgespielt. Er wurde dann ruhiger, und wir hatten den Plan, ihn aus dem großen Saal — er lag da, glaube ich, mit zwölf Mann — in einVierbettzimmer zu nehmen. Doch da protestierte er: Da zieh' ich nicht hinein! Menschenskind, das ist Südseite, da ist Sonne, das ist ruhiger, da haben Sie Ihren eigenen Schrank, sagte ich zu ihm, da kriegen Sie Ihren eigenen Zimmerschlüssel und alles ... Doch er wollte nicht, er wollte bei seinen Kumpels bleiben. Das ist das Problem. Diese alten Männer fühlen sich nur wohl in ihren Kreisen, man kann sie gar nicht so ohne weiteres hier 'rausgeben. Seit 1970 haben wir die Arbeit ganz umgestellt, wir sind im Begriff, eine planvolle Hilfe zu geben. Einmal für die Obdachlosen der Stadt, zum anderen auch für die Durchwanderer. Das muß man auseinanderhalten. Ich verwende mich für jeden, der sich ändern will und mir zeigt, daß er es ernst meint. Man erwartet von keinem hier, daß er große Taten vollbringt. Ein Bitte, ein Danke, eine Frage, ein Lächeln, das sind die Freuden., die wir hier haben. Ich habe gestern zu einem jungen Mann im Übergangsheim gesagt, ich verstünde nicht, warum er seit fünf Jahren von Ort zu Ort, von Herberge zu Herberge gezogen ist. Bei uns ist er bereits mehrere Monate, einsame Klasse bei der Arbeit und in der Führung, ich verstünde nicht, daß er überhaupt 'rumgezogen ist. Und dann hab ich gesagt: Eins ist mir noch aufgefallen. Als ich Sie neulich in der Werkstatt besuchte und Sie waren am Leimen und ich drängte mich vorbei, da haben Sie zu mir gesagt: Vorsicht, kleben Sie nicht fest! Da haben Sie mein Wohl im Auge gehabt und nicht Ihres, das passiert bei uns nicht alle Tage. —Der Marax hat gestrahlt und danke gesagt, und dann hater gesagt, so hätte all die Jahre noch nie jemand zu ihm gesprochen. Dieser junge Mann ist bei der Bundeswehr als Zeitsoldat gewesen, da lernt man das unstete Leben kennen und oft auch das Trinken, Bis zur Bundeswehr ging es ganz normal mit ihm. Er hatte Schlosser gelernt. Ich muß aus Erfahrung heraus sagen, daß wir hier einen gewissen Prozentsatz haben, der nach der Bundeswehr nicht wieder klargekommen ist. Fünfzehn bis zwanzig junge Leute kamen in den letzten zwanzig Jahren zu uns, die nach der Bundeswehr auf die Straße gingen, die durch die Städte wanderten und dann irgendwann bei uns endeten, zum Teil auch schon straffällig geworden waren oder mit enormen Schulden belastet. Der größte Feind aller Seßhaftigkeit aber ist der Schnelldienst oder die nicht feste Arbeitsstelle. Diese Penner, die wir jetzt in der Hauptsache bei uns haben, zum Teil im arbeitsfähigsten Alter, von 25 bis 45 Jahren, haben Bargeld notwendig. Die konnten sich früher nicht daran gewöhnen, daß eine wöchentliche Zahlung erfolgte oder eine monatliche, und sind mit ihren Geldern nie ausgekommen. Infolgedessen sind sie in Arbeitsstellen gegangen, die ihnen täglich das Geld auszahlen. Sie haben nicht danach gefragt, ob sie krankenversichert sind, sie haben nicht nach einer Altersversorgung gefragt, sie haben nach gar nichts gefragt, sie haben aber in einer Schicht oder in zwei nacheinander 120 Mark nach Hause gebracht, auch mal 150, und dann hatten sie bares Geld, und dann brauchten sie einige Tage wieder nichts zu tun. Und wenn das Geld alle war, mußten sie sehen, daß sie schnell wieder ein Schiff kriegten zum Entladen, Wenn ich nach den Papieren frage und so eine Arbeitskarte in die Hand kriege, die in Hamburg imiHafen an die Schauerleute ausgegeben wird, dann weiß ich: Aha, das waren unständige Arbeiten. Da sind Dinge, die nicht in Ordnung sind. Die Männer sind zwar während der Arbeit versichert, aber nicht mehr auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Dann gibt's eine zweite Sorte Firmen, das sind die sogenannten Kolonnen. Die Männer bei uns sagen Sklavenhändler dazu. Zum Beispiel Abbruchkolonnen, die also überhaupt nicht versichern. Wenn was passiert, dann ist es keiner gewesen. Und dann die Schausteller! Wer weiß, woher früher überallher die Schausteller zu uns kamen, um unsere Männer aus dem. Heim zu holen. Wenn jetzt einer kommt, prüfe ich erst, ob der mit allen Papieren und Rechten einstellt, denn wir habens erlebt, daß die Leute dann entlassen wurden im Winter, keine Arbeitslosenversicherung da war, kein Anspruch auf Arbeitslosengeld, keine Invalidenversicherung, keine Steuern gezahlt waren und der Mann ohne einen Pfennig hier im Winter saß und das Sozialamt dann kostenpflichtig war. Das Wunder dabei ist, daß die Männer nicht schlauer werden. Sie können noch so sehr 'reingelegt werden und noch so sehr erkennen, daß die Sache schiefliegt: sie gehen immer wieder denselben Weg. Das liegt zum größten Teil an Gleichgültigkeit. Es ist ja alles so egal im Leben. Ob ich überhaupt bis zum Rentenalter komme, ist ja auch so egal. Das einzige, was nicht egal ist: daß ich heute meinen Alkohol habe und mein Geld kriege. Alle Männer trinken bei uns, die Hälfte etwa ist alkoholabhängig. Bei uns im Haus darf man ja nicht trinken, aber sie gehen dann gleich morgens zum Zigarrenladen an der Ecke, holen sich BILD und Bier und stellen sich erst mal an eine hohe Hecke und heben die Flasche. Sie stehen mit dem Gesicht zur Hecke, damit die Leute sie nicht erkennen. Ein weiteres Problem sind die Leute, die aus der DDR kommen, dort lange Strafen verbüßt haben und dann plötzlich abgeschoben werden. Sie durchlaufen meist das Notaufnahmelager, kriegen Aufenthaltserlaubnis. Und da hab ich es wohl seit 1971 erlebt, daß eine verhältnismäßig große Zahl dieser Menschen bei uns erscheint. Sie kommen 'rüber, haben Angst vor jeder Behörde, Angst vor jedem Gang, sind dadurch auf der Flucht vor einem klaren Wege. Immer unterwegs, suchen sie irgendwann, irgendwo immer mal eine Übernachtung, eine kurzfristige Arbeit, zum Teil sind auch sie erheblich alkoholgefährdet. Wir haben da schon tolle Sachen erlebt im Heim. Aber wer dem Personal gegenüber einmal eine drohende Haltung eingenommen hat oder handgreiflich geworden ist, verliert jegliches Anrecht auf Aufnahme. Da ist es bei uns endgültig aus, an der Stelle verstehen wir keinen Spaß. Um die abgeschobenen jungen Leute aus det DDR müßten wir uns mehr kümmern, da müßten wir viel mehr aufpassen, gerade weil es so junge Leute sind. Der vierte Kreis, der zur NichtSeßhaftigkeit führt, ist der Kreis der Geschiedenen mit ihren Problemen : Wohnungsverlust, Unterhaltszahlungspflicht. Oft sind sie, verärgert über die Scheidung, auf und davon gegangen. Die Schulden schieben sie vor sich her, und die werden immer größer. Im letzten Jahr konnten wir hier bei 24 Männern etwa 100 000 Mark Unterhaltsschulden feststellen. Ich kann mich mit meiner Hilfe nicht aufzwingen. Wenn mir einer sägt: Für 'ne Mark fünfzig arbeite ich nicht uhd in 'ne Kolonie geh' ich nicht und in ein Übergangsheim auch nicht, dann kann ich nur sagen: Ja, dann mußt du weiter! Dann mußt du eben sehen, wie du onne Papiere zu deinem Geld kommst! Wenn einer kommt und Hilfe braucht, frage ich zuerst: Wo kommen Sie her und was wollen Sie in Kiel? — Die Antwort ist eigentlich immer ähnlich: Ich. komm' hierher, ich will arbeiten, ich hab keine Papiere. — Die Erzäh-lungen weichen nur in den Satzzeichen voneinander ab: Einer ist mit'm Kumpel hier hochgekommen, weil der Kumpel ihm erzählt hat: Du kannst hier zur See fahren. Der kommt hierher, der Kumpel klaut ihm den Koffer, der Kumpel; klaut ihm das letzte Geld. Dann landet er bei uns: Ja, nun kann ich ja nicht mehr zur See, was soll ich machen? Haben Sie sich denn vorher erkundigt, frage ich dann, wie es mit der Seefahrt ist? Ob nichtbefahrene Leute überhaupt eingestellt werden? Das ist nämlich nicht mehr so wie früher. Außerdem ist hier außer dem Schleusenverkehr nicht viel 105 ... Ich höre bei durchschnittlich 4400 Übernachtungen pro Jahr etwa tausendmal diese Geschichte mit dem Kumpel und dem Koffer und dem letzten Geld. Sie ist schwer für mich zu giauben. Im weiteren frage ich dann nach der letzten Arbeitsstelle, wo sind die Papiere, was hast du für einen Ausweis, was steht da drin? Wenn er Papiere hat, schaue ich mir an, wieviel Stellen er im vergangenen Jahr gehabt hat; ich kenne die Adressen der einzelnen Herbergen, ich weiß etwas über Nichtseßhaftigkeit, und dann weiß ich schon ein bißchen über den Mann Bescheid. Ich beginne sofort in Gegenwart des Mannes mit irgendwelchen Institutionen zu telefonieren, damit er sieht, der redet nicht lange, der tut was für mich. Bei keinem einzigen der 127 Männer, die 1972 zu uns kamen, waren die Papiere in Ordnung. Oft mußte ich versuchen, von der Schulentlassung an die Dinge wieder zu ordnen, manchmal dauert das Monate, manchmal schafft man es gar nicht mehr. Leider arbeiten die meisten Heime nicht so intensiv wie wir. Ein Mann wurde uns — ehe erherkam — aus 28 verschiedenen Herbergen gemeldet. In keiner einzigen hatte sich ein Fürsorger um ihn gekümmert. Und wenn ich von irgendwo Papiere anfordere, passiert es, daß der betreffende Herbergsvater nicht mal genügend Porto auf den Brief klebt. Wie soll der Ordnung in das Leben der Männer bringen? Wir haben 1960 als erste aus unserem Stempel das .Obdachlosenheim' herausgenommen, aber das Verständnis der Bevölkerung ist noch nicht besser geworden. Vielleicht wissen die Leute zuwenig über unsere Arbeit und über die Männer, die zu uns kommen. Unsere Nachbarn hören nur die, die laut nach Hause kommen; die aber pünktlich, ordentlich, sauber kommen, ihre Miete zahlen, die sehen und hören sie nicht. Wer uns was Gutes tun will, der spendet. Aber wir können nicht vergammelte und verfaulte Matratzen als Spenden annehmen (,Die sind ja für die Männer noch gul genug') und jedes Bettgestell, das fast auseinanderklappt (weil es ja im Heim noch gebraucht wird), auch nicht halbverdorbene Lebensmittel als großzügige .Erntespende' Wir sind noch weit davon entfernt, daß die Männer im Heim als das angesehen werden, was sie sind: als Menschen, die in besonderer Weise der Hilfe bedürfen." Aufgezeichnet von Barbara Kotte 200 000 bis 300 000 Nichtseßhafte leben in der Bundesrepublik in Notunterkünften, leerstehenden Buden, unter freiem Himmel oder in Heimen. Viele sind mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Nach § 361 des Strafgesetzbuches kann mit Gefängnis bis zu sechs Wochen bestraft werden, „wer nach Verlust seines bisherigen Unterkommens binnen der ihm von der zuständigen Behörde bestimmten Frist sich kein anderweitiges Unterkommen verschafft hat". Ein Drittel von ihnen ist suchtgefährdet, vor allem durch Alkohol. Die meisten haben keine oder nur unzureichende Arbeitspapiere. Sie werden als „Penner" und „Nichtstuer" beschimpft und verachtet. Versuche, in eine geregelte Existenz zurückzufinden, scheitern oft an den Vorurteilen der Gesellschaft. Eme warme Suppe, ein Nachtlager, etwas Geld lür den Schnaps — mehr wollen die meisten gar nicht Foto Wolfgang Haut Er war überzeugt, ein großer Verführer zu sein Porträt eines Werbechefs • Von Herbert Heckmann Er hatte Lyriker werden wollen, aber dieLiteratur ging andere Wege, so daß er mit seiner feierlichen Subjektivität auf der Strecke blieb. Wohl übte er sich in einigen Versen, die er in Schönschrift seinen Freundinnen vorlegte, als er jedoch Erfolg in der Liebe hatte, verzichtete er auf die lyrischen Wegbahner. Seine Lehrer bescheinigten ihm, daß er sich gut auszudrücken wisse. Formulierungen flogen ihm nur zu. Sprachskrupel kannte er nicht. Daß er nicht viel zu sagen hatte, hemmte keineswegs seinen Redefluß. Er zehrte von dem, was im Schwange war. Nach dem Abitur begann er ein Soziologiestudium, aber er hatte zu wenig Sitzfleisch, um bei der Wissenschaft zu bleiben. Er fand heraus, daß Diskussionen auch ohne Kenntnisse möglich sind. Er redete über alles: über Pop-art, autoritäre Kindererziehung und über die Stellung der Frau in der modernen Industriegesellschaft. Er gab sich sehr aufgeklärt, mitunter sogar radikal, jedoch kam er über ein rhetorisches Engagement nicht hinaus. Er besaß das Talent, der Mühe des Selbstdenkens durch geschicktes Zitieren zu entgehen. Ein gutes Gedächtnis half ihm dabei. Er variierte den Zeitgeist. Sein Vater, der durch Ehrgeiz und Fleiß zu bescheidenem Reichtum gekommen war, nannte die Bemühungen seines Sohnes „brotlose Künste", Er hätte es lieber gesehen, wenn sein Sohn Arzt geworden wäre. Man war sich auch sonst nicht einig und redete aneinander vorbei. Wie auch immer, unser junger Mann ging in alle Fallen, die ihm die Gesellschaft stellte. Er verließ das Elternhaus und mußte plötzlich für sich selbst aufkommen. Er versuchte mit einigem Erfolg in einem Reisebüro seinen Mann zu stellen. Reisen machten ihn weltmännisch. Er wußte sehr bald, wo es in Florenz die besten getrüffelten Fasanen gibt und wo man am natürlichsten nackt baden konnte. Wohl nahm er eine ironische Distanz zu seiner Arbeit ein, aber er konnte es nicht verhindern, daß das Geld, das er verdiente, ihn sorglos und unkritisch machte. Schließlich schwamm er oben. Diesen Vorzug begann er zu schätzen. Er stilisierte seine Neigung für das Elitäre und verachtete den billigen Rummel. Er kaufte sich einen Sportwagen und degradierte seine Wohnung zu einem Museum. Sein Geschmack richtete sich nach dem Geschmack von Leuten, die ihrerseits auf andere hörten. Er konnte stundenlang über Bilder reden. Manchmal nippte er auch an Büchern. Zu Günter Grass hatte er ein gebrochenes Verhältnis. Ouzo trank er am liebsten. Er hatte in Griechenland einmal Hammel am Spieß gegessen und sich mit griechischen Hirten betrunken. „So lernt man Land und Leute am besten kennen", sagte er. Er liebte das Urwüchsige. Seine Möbel stammten aus Finnland. Auf einer Party kam er mit dem Leiter einer Werbefirma ins Gespräch, der schnell die Qualitäten seines Partners erkannte. Initiative, gewandtes Auftreten, Gewandtheit in Rede und Schrift, rasche Auffassungsgabe und Anpassungsfähigkeit. Er engagierte ihn auf der Stelle. Unser junger Mann arbeitete zunächst als Werbetexter. Seine Aufgabe war es, wirkungsvolle Texte für Anzeigen, Plakate und Prospekte zu schreiben. Seine Einfälle verhalfen immerhin einer neuen Käsesorte zu großem Absatz. Auch schrieb er Fabeln, in denen ein Suppenwürfel eine große Rolle spielte. Eine biologische Seife verdankte einem Gedicht von ihm Würde und Ansehen, und ein Magenlikör wurde durch ihn unentbehrlich. Er war in seinem Element. Er beherrschte die Sprache vom billigen Kalauer bis hin zum sentimentalen Refrain. Er konnte zynisch sein, verführerisch, kokett, bieder und sportlich. Er wußte, worauf es ankam. Jeden Trend nutzte er aus. Seine Texte waren antiautoritär, progressiv, revolutionär, aufgeklärt, astrologisch und verträumt. Er sorgte dafür, daß sowohl das Herz als auch die Hormone zu ihrem Recht kamen. Selbst den Papst schaltete er ein — und Hildegard Knef. Die Theaterkrise verhalf ihm zu einem Gag für eine Perückenreklame, Katharina die Große ermunterte den Absatz eines Parfüms. Er kannte die geheimen Wünsche seiner Mitmenschen: das bißchen Sadismus, kostenlosen Edelmut, Überlegenheit durch Bildung, Schadenfreude, die inneren Werte, Potenz und die Sehnsucht nach ewiger Jugend. Wer etwas kauft, will eine Rolle spielen, nämlich die beste, schönste, größte, sauberste und so weiter. „Werbung ist die absichtliche und zwangfreie Form der Beeinflussung, welche die Menschen zur Erfüllung der Werbeziele veranlassen soll", definiert Behrens unschuldig akademisch in seinem Handbuch der Werbung. Unser junger Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber und aus Diskretion Adam Müller, lernte mühelos seine Lektion. Die Ware selbst interessierte ihn gar nicht, um so mehr jedoch der künstlerische Einfall, der sie aus dem Schmollwinkel des Ladenhüterdaseins befreite. Er liebte den Initiationsritus in die prosperen Gefilde des Absatzes. Ein Wort, ein erlösendes Wort, und die Sehnsucht ist geweckt. So muß es sein. Nur antippen. Das Unausgesprochene tut schon seine Dienste. Adam Müller war so erfolgreich, daß er sich bald selbständig machen konnte. Er warb für Großbanken, Volkshochschulen, Rundfunkanstalten, für Kaugummi und Klosettpapier. Sein Büro lag im 10. Stock eines Hochhauses. „Die besten Einfälle hat man, wenn man von oben herabschaut", behauptete er. Seine Sekretärin mußte ihn sehr oft verleugnen. In seinem Zimmer, das ganz weiß gehalten war, allerlei Kollagen und Poppiges schmückten die Wände, wartete er auf Einfälle. Er las jeden Morgen vier Tageszeitungen, um zu erfahren, was in den Köpfen der Leute vorgeht. Die besten Einfälle kamen ihm, wenn er in der Horizontale war: allein oder mit anderen. Für ihn war die Werbung ohnehin eine Abart der Erotik. Er war fest überzeugt, ein großer Verführer zu sein. Er liebte das Wort „ansprechen". „Der Mensch besitzt unendlich viel Wünsche", verkündete er, „man muß sie nur anzusprechen wissen." Er heiratete zweimal und begnügte sich schließlich damit, einen Hund zu ernähren, einen Dobermann mit hervorragendem Stammbaum. Kinder wollte er nicht. Im Sommer fuhr er auf eine griechische Insel, um auszuspannen. Seine Sekretärin schickte ihm die Post nach. Er hatte viele Hobbys: sammelte Graphik und Briefmarken. Der Literatur gab er keine Chance. Kunst überhaupt war für ihn nichts anderes als Ermunterung zum Konsum. Die Venus von Milo war ihm gerade gut genug, um Reklame für einen BH zu machen. In der Verfremdung brachte er es zur Meisterschaft. Er nannte es der Einfachheit halber angewandte Psychologie. „Auf das Unbewußte kommt es an", predigte er seinen Mitarbeitern. Er selbst konsultierte einen Psychiater, um herauszufinden, warum er stets von leeren Bilderrahmen träumte. Er beschäftigte gleich zwei Steuerberater. Sein Geschäft florierte. Die allgemeine Verkäuflichkeit ließ ihm keine Ruhe. Ja selbst Politiker bemühten sich um ihn. Auf den richtigen Werbeschlager kommt es an. Die Ware selbst ist vergänglich, auf Verderb hin produziert. Ewig bleibt nur die Kunst, die die Wünsche der Menschen anzustacheln weiß. Adam Müller weiß das. Manchmal glaubt er ein verkannter Dichter zu sein. Sind es nicht große Allegorien, mit denen er die Sehnsüchte der Menschheit illustriert? — Er erfüllt die Wün-sche, die er weckt. Aber er muß aufpassen, daß nicht Übersättigung ihn sprachlos macht, denn mit den Waren wird auch die Sprache, die sie anpreist, zum Ladenhüter. Frankfurter Allgemeine ZeitungSamstag, 10. März 1973 / Nummer 59 Ab ildu g 6.11.: Fra kf rter Allge eine Zeitu g 25.59 (1973) Während d Artikel aus d r Fach eits rift d r Arb iterwohlfahrt aus dem Jahr 1955 (Abb. 6.8) noch a klag d n Charakter geg nüb r der Gesellschaft aufwies, d di s es trotz p sp ri ren er Wi tschaft zeh Jahre nach Kriegsende nicht gesc afft hab , all M nschen us i ren Behelfsu te k fte herauszuholen, sollten die Abbildu g n 6.10 u 6.11 di Resigna ion di serM schen demonstrieren.Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung unterstrich diese Lesart jeweils mit einer Bildunterschrift: „Aufenthaltsraum im Obdachlosenasyl. Wartende, Ausruhende, Resigniere d “ (Abb. 6.10) beziehungsw ise „Ein wa m Suppe, in Nachtlager, etwas Geld für e Schnaps – mehr woll die meisten gar n c t“ (Abb. 6.11). Den arte en s tzte die P esse aber auch ls Symbol für das Erwarten ein – Erwarten von U rst tzu g od r Wa en da auf, dass d r allgemeine Wohlstand auch bei den s zial Sc lec terge t llten ankä e. Im Fall er zehnköpfigen Familie, die in ein m Hüh rstall l b e (Abb. 6.9), kann der dir kte Blick in die Kamera als Herausforderung verstanden werden. Die Bild-Zeitung empörte sich 1966 in dem zugehörigen Artikel über das neue Mietrecht, das sozial Schlechtergestellte benachteilige. Die Aufhebung der Mietpreisbindung hatte nach Ansicht des Boulevardblattes für unsoziale Mieten gesorgt. Viele Mieter stünden nun vor der Gefahr, ihre Wohnungen zu verlieren. Wer aber einmal in einem Hühnerstall gehaust habe, wie die abgebildete Familie eines Hilfsarbeiters, gelte als asozial und erhalte in der Regel nicht mehr die Chance, wieder in eine normale Wohnung zu ziehen. Ähnliche Bilder konnten in einem anderenZusammenhang allerdings etwas ganz anderes bedeuten. Auffällig ist, dass in Abb. 6.9 alle Fotografierten – selbst die erwachsene Mutter im Hintergrund – in die Kamera blicken. Auch auf einigen Abbildungen aus dem Neuen Beginnen von 1955 (Abb. 6.8) schauen die Frauen den Betrachter direkt an. Dadurch wird der Appellcharakter des jeweiligen Artikels 426 6. Zur Ikonografie der Armut unterstrichen. Ähnliche Bilder nutzten Journalisten allerdings auch, wenn sie die Unverschämtheit vermeintlich ‚Asozialer‘ hervorheben wollten. Dann wurde der direkte Blick in die Kamera zur dreisten Forderung nach gesellschaftlicher Unterstützung umgedeutet. Denn dass diese Menschen arbeitsscheu, triebgesteuert und demzufolge selbst Schuld an ihrer Situation waren, schienen die Fotografien als ‚objektives‘ Abbild der Realität zu bestätigen.28 Weit häufiger zeigten Bilder vermeintlich unwürdiger Armer diese jedoch von der Seite odermit zur Seite gedrehtenKopf. Die Kamera schien eher eine Beobachterposition aus einem geschütztenWinkel einzunehmen, als offensiv auf die abgebildeten Personen einzugehen. Dadurch entstand der Eindruck, dass die Abgebildeten die Kamera nicht zu bemerken schienen, oder nicht bemerken wollten. Gebückte oder kauernde Körperhaltungen waren dominierend. Je nachDeutung stand dies für die Scham oder Angst des Abgebildeten – Scham über die eigene Situation, Angst vor Abwertung und Ausgrenzung. Typische Beispiele sind hierfür die beidenWartesaalbilder aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Abb. 6.10 und 6.11). Auffällig ist der Unterschied zu den Aufnahmen von Kindern aus Obdachlosensiedlungen oder ‚sozialen Brennpunkten‘, wie diese spätestens seit Ende der 1960er Jahre genannt wurden. Kinder blickten häufig direkt in die Kamera. Abbildung 6.12 ist einem Artikel entnommen, der über das soziale Engagement einer evangelischen Studentengruppe berichtete, die sich vor allem um die Kinder aus einer Obdachlosensiedlung kümmerte. Derartige Bilder hatten immer einen anklagenden Charakter. Denn anders als obachlosen Erwachsenen oder Jugendlichen wurde Kindern zugestanden, dass sie unverschuldet in diese Situation geraten waren.29 28 Siehe dazu auch Haunschild: Fernsehbeiträge als historische Quellen. 29 Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 375. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 427 Abbildung 6.12.: Hand am Pflug Nr. 1 (1965) Ähnliche Beobachtungen machte auch die Historikerin Gabriele Lingelbach imZusammenhangmit ihrenUntersuchungen zur Spendenwerbung in der Bundesrepublik. Nachdem der ‚religiöse Imperativ‘, der die Spendenplakate bis Ende der 1950er Jahre beherrscht hatte, allmählich aus den Darstellungen verschwunden war, verzichteten dieWohlfahrtsverbände imVerlauf der 1960er Jahre zunehmend auf die christliche Ikonografie und Elendsdarstellungen. Im Gegenzug fanden immer häufiger Kinder als Bildmotiv Verwendung. Diese weckten beim Betrachter zum einen Beschützerinstinkte, zum anderen galt für sie die Unschuldsvermutung. Darüber hinaus stellte Lingelbach fest, dass sich die Spendenplakate seit den späten 1950ern beziehungsweise frühen 1960ern auf die Darstellung von Bedürftigen in der sogenanntenDrittenWelt konzentrierten. Daraus schloss sie, dass inländische Armut in dieser Zeit als Darstellungsobjekt unglaubhafter wurde, zum einen aufgrund des allgemein steigenden Wohlstands. Zum anderen gingen die Bundesbürgerinnen und -bürger dazu über, die Hilfe für bedürftige Mitbürger als eine staatliche Aufgabe anzusehen und wollten nicht für etwas spenden, das ohnehin aus Steuergeldern finanziert wurde. Mehr Erfolg versprachen Spendenplakate, die das Fremde beziehungsweise Andere in den Fokus rückten.30 Indemdie Spendenwerbung fast ausschließlichmit fotografischemMaterial arbeitete, unterstrich sie die ‚Authentizität‘ ihrer Darstellungen. Durch diese Illusion unzensierterWirklichkeit löste sie beimBetrachter in großemMaßeErschütterungund Anteilnahme aus. Lingelbach verwendet für diese Art von Bildern, die eindeutig auf dieAffektebene zielten, denBegriff der ‚Elendspornografie‘.Nachdem inden 1960er, 30 Lingelbach: Entwicklung des Spendenmarktes, hier: S. 260; ders.: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 353-359. 428 6. Zur Ikonografie der Armut 1970er, teilweise sogar noch 1980er Jahren auf diese Art und Weise ein Großteil der Spendenwerbung die Hilfsbedürftigen zu hilflosen Objekten degradiert habe, hätten sich viele Hilfsorganisationen seitMitte der 1970er Jahre von dieserWerbepraxis verabschiedet. Sie hatten gemerkt, dass dies mit dem eigenen Anspruch, die Würde der hilfsbedürftigenMenschen zu wahren, nicht in Einklang zu bringen war.31 Lingelbachs Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf die Darstellung von bundesdeutschen Bedürftigen übertragen. Die Entwicklung zeigt jedoch gewisse Parallelen. So wandelte sich die Ikonografie der inländischen Armut vor allem ab Mitte der 1970er Jahre merklich – wenn auch nicht grundlegend. Das Motiv der beengtenRäumemit schmutzigenKindernwich einem technischeren, nämlich dem des Sozialamts. Abbildung 6.13.: Der Spiegel 30.52 (1976) Dieses ‚moderne‘ Bild der Armut (Abb. 6.13) schien der von Lingelbach beobachteten Vorstellung der Bundesbürgerinnen und -bürger, die Lösung sozialer Probleme im eigenen Land sei Aufgabe des Staates, viel näher zu kommen, als die vormaligen Darstellungen von Obdachlosenunterkünften, mit denen immer ein Appell an Nächstenliebe und Verantwortungsgefühl der Betrachter einhergegangen war. Trotz ihrer Andersartigkeit wirken auch in Abbildung 6.13 bei näherer Betrachtung typische ikonografische Elemente von Armutsdarstellungen fort: das Warten, die seitliche Aufnahmerichtung und nicht zuletzt die alte Frau mit Kopftuch. ImGegensatz zu früherenDarstellungen scheint sich diese alte Frau allerdings zielstrebig durch die Flure der Sozialbehörde zu bewegen. Durch ihre Dynamik wirkt sie weniger duldsam und leidend als ihre Schicksalsgenossinnen ein oder zwei 31 Lingelbach: Entwicklung des Spendenmarktes, hier: S. 262-264. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 429 Jahrzehnte zuvor. Das von Sozialexperten immer wieder betonte Prinzip der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ scheint hier seinen bildlichen Ausdruck gefunden zu haben. Die Bildunterschrift – „Westdeutsches Sozialamt: ‚Der Hunger klopft wieder an die Tür‘“ – steht diesem modernen Armutsbild wiederum entgegen, wirkt zumindest ambivalent. DennwerHunger als Synonym für Armut verwendet, blendet aus, dass Armut in der Bundesrepublik von staatlicher Seite spätestens seit Einführung des BSHG als eine relative Kategorie verstanden wurde. Damit sollte insbesondere ein Defizit an sozialen Teilhabemöglichkeiten zum Ausdruck gebracht werden. Der Verweis auf das westdeutsche Sozialamt trägt dieser Sicht Rechnung. Doch der ‚personifizierte Hunger‘ zielte auf die Erinnerung an überwunden geglaubte, existenzbedrohende Formen derArmut, die derwestdeutschen Bevölkerung aus der Zwischen-, Kriegs- und Nachkriegszeit häufig noch aus eigener Erfahrung vertraut waren. Zumindest in diesem Beispiel scheint sich damit zu bestätigen, was der Kunsthistoriker Aby Warburg bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bezug auf symbolische Gesten feststellte. Das Weiterleben einmal geprägter Darstellungsformen hoher emotionaler Intensität ist seinerMeinungnachmit dem ‚sozialenGedächtnis‘ zu begründen. Das Gedächtnis bewahre das Vergangene, nehme gleichzeitig aber Vorstellungen der Gegenwart auf. Damit bleibe sich das Überlieferte nicht gleich und dennoch sei das Neue bereits im Vergangenen enthalten.32 Neben den fotografischenArmutsillustrationen existiert eine sprachlicheDarstellungsebene von Armut. Beide Ebenen wirken wechselseitig aufeinander, weshalb die Zuordnung eines Bildes zur einen oder anderen Ebene nicht eindeutig getroffen werden kann.Dennoch soll im Folgenden dasAugenmerk auf denMetaphern beziehungsweise ‚Sprachbildern‘ liegen, die sich im Armutsdiskurs der Bundesrepublik besonders hervortaten. 6.1.2. Sprachebene: Von Stiefkindern und Dunkelheit Sprachbilder zum Thema Armut bauen, wie ihre fotografischen Pendants, auf kulturellen Traditionen auf und haben teilweise weit in die Bildgeschichte zurückreichende Wurzeln.33 Dies trifft auch auf die drei im Untersuchungszeitraum im 32 Bauerle: Gespenstergeschichten, S. 35f. 33 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 298; vgl. Koselleck: Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, hier: S. 125. 430 6. Zur Ikonografie der Armut Zusammenhang mit Armutsphänomenen am häufigsten verwendeten Metaphern zu, nämlich die Ausdrücke ‚im Schatten‘, ‚am Rande‘ und ‚Stiefkinder‘. Das Motiv von Licht und Schatten kam im Zusammenhang mit der dunklen, düsteren Atmosphäre auf den Fotografien bereits zur Sprache. 1966 trieben es die Macher eines Fernsehberichts zuObdachlosenunterkünften in Rheinland-Pfalz auf die Spitze, indem sie den Aufbau ihrer gesamten Reportage auf dieses abstimmten. Wechselweise wurden die Bilder von in der Sonne spielenden Kindern einer gepflegten Neubausiedlung mit dem dunklen, überfüllten Inneren einer Notunterkunft in einem ehemaligen Luftschutzbunker gegengeschnitten. Unterstrichenwurde der Übergang von der hellen zur dunklen Szenerie jeweils mit einer schwarzen, mehrere Sekunden langen Blende, in der bereits der Lärm und das Geschrei aus dem Innern des Bunkers zu hören waren.34 Die Ausrichtung eines ganzen Berichts auf das Hell/Dunkel-Schema tauchte in den durchgesehenen Quellen nur dieses eine Mal auf und ist vermutlich auch nur mit Hilfe einer tatsächlich bildhaften Inszenierung zu bewerkstelligen. Dennoch erfreute sich dieMetapher vonLicht undSchatten zurDarstellung sozialerGegensätze auch auf sprachlicher Ebene großer Beliebtheit – in den Fachkreisen derWohlfahrtspflege, ebenso wie in der Politik oder den Medien. Beispielsweise hies es in einem Caritas-Artikel von 1956, dass vieleMenschen der Caritas positiv gegenüberstünden, da durch sie ‚Licht‘ in viele ‚Dunkelheiten‘ und ‚Unsicherheiten‘ fallen würde.35 Ein anderer Autor sprach davon, dass in der Bundesrepublik noch Millionen von Menschen in ‚Schattentälern‘ säßen und weiter ‚darbten‘. Wie viele andere in den 1950er Jahren kontrastierte auch dieser Autor den Zustand des Im-Schatten-Lebens mit den ‚lichtdurchfluteten Fassaden‘ des ‚Wirtschaftswunders‘.36 Der Gegensatz von Licht und Dunkelheit, der im Zusammenhang mit Armut und sozialer Ausgrenzung wiederholt inszeniert wurde, mutete mitunter religiösheilsgeschichtlich an, vor allem,wenn er die imDunkeln Stehenden als die Verirrten, 34 Blick ins Land vom 10.05.1966, Beitrag Obdachlosenunterkünfte in RLP, SWR-Archiv Mainz, Nr. 651022. Ausführlicher zu diesem Fernsehbeitrag siehe Haunschild: Fernsehbeiträge als historische Quellen, hier: S. 49f, 59. 35 Anna Goeken: Studentische Caritasarbeit, in: Caritas 57.1 (1956), S. 26–30. 36 Paul Jostock: Um den Lebensunterhalt der Rentenempfänger, in: Caritas 58.2/3 (1957), S. 42–44. Siehe auch: Wo das Wirtschaftswunder vorüberging, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Baden- Württemberg 8.39 (1957); Die ‚Notstadt‚ in der Großstadt... 24 400 Menschen leben in Hannover in Behelfssiedlungen, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 8.22 (1957); „Viel harteNotwartet noch aufLinderung“.AusderNeujahrsansprachedesBundespräsidentenHeinrich Lübke, in: Caritas 62.1 (1961), S. 22–23. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 431 vom Wege abgekommenen kennzeichnete. Vor allem in der ‚Gefährdetenfürsorge‘, das bedeutet, bei der Arbeit mit ‚Nichtsesshaften‘, Prostituierten oder Alkoholabhängigen, schien bei der konfessionellenWohlfahrtspflege das christliche Motiv der ‚Rettung der Sünder‘ im Vordergrund zu stehen. So hieß es in einer Broschüre der Bundesarbeitsgemeinschaft fürNichtsesshaftenfürsorge von 1962, dass esmitten im Strom gutgekleideter Menschen einzelne gäbe, bei denen Anfang und Ziel ihres Weges dunkel überschattet seien.37 Die Autoren der säkularen Arbeiterwohlfahrt standen der konfessionellenWohlfahrtspflege bei der Verwendung dieses Motivs in nichts nach. Einer sprach 1956 beispielsweise davon, dass die Not der Rentner ‚wie ein Schatten‘ über der Bundesrepublik läge.38 Wie schon an früherer Stelle beschrieben, schien sich der SPDnaheWohlfahrtsverband im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik teilweise bewusst an christliche Schemata anzulehnen.39 Insgesamt war der Alltag wie auch die Sprache der 1950er Jahre im Vergleich zu den folgenen Jahrzehnten jedoch wesentlich stärker religiös durchsetzt. Zwar wurden im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte viele vormals enge Bande zwischen Religion und Gesellschaft gekappt, wie es der Historiker Thomas Großbölting jüngst feststellte. Doch im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik gehörte die Religion noch zur Alltagskultur. Das Vokabular, die Formen, die Bilder und Sprachbilder stammten aus einem christlich geprägten Reportoire und formten auch die Politik.40 So waren den meisten Bundesbürgerinnen und bürgern auch die Erzählungen aus der Bibel ein Begriff, wie das im Zusammenhang mitArmutsthematiken häufig aufgegriffeneGleichnis vombarmherzigen Samariter. Wie selbstverständlich fragte daher auch der Journalist des bereits zitierten Artikels aus der Badischen Zeitung seine Leser: 37 Frank: Unstet und flüchtig, S. 51. In den Medien wurde dagegen die Methode gutgeheißen, dass die Ordnungsmacht mit diesen ‚Lichtscheuen‘ einmal aufräume. Siehe: Abendschau vom 30.08.1962, Beitrag Stuttgarter Polizei räumt mit Stadtstreichern auf 30.08.1962 SWR-Archiv Stuttgart, Archivnr.: 6200002648. 38 Franz Lepinski: Sozialkabinett und Sozialreform, in:NB 10.4 (1956), S. 49–51. Und auch in derDGB- WochenzeitungWelt der Arbeit wurde die Schatten-Formel benutzt: Den Sozialstaat verwirklichen! Sozialrentner auf der Schattenseite des Lebens!, in: WdA 7.5 (1956), S. 1; Wo bleibt soziales Wunder? Die Kriegsopfer und Rentner wollen aus dem Schatten heraus, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 7.10 (1956); Städte leuchten hinter die Schattenseiten des Lebens, in: WdA 7.27 (1956). 39 Siehe Kapitel 3.3. 40 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 260, siehe auch: 13, 17. 432 6. Zur Ikonografie der Armut „Wer kennt nicht das biblische Bild vom armgewordenen Mann, der gern die Brosamen vom Tisch des Reichen gegessen hätte – ‚aber niemand gab sie ihm‘.“41 Darüber hinaus klingt die Sprache der 1950er Jahre für heutigte Ohren insgesamt pathetischer, als diejenige der folgenden Jahrzehnte. SelbstWissenschaftler oder Politiker bedienten sich einer blumigen Ausdrucksweise. So verfasste ein CDU-Abgeordneter, heute unvorstellbar, anlässlich der Verabschiedung des Kindergeldgesetztes im November 1954 ein Gedicht, das er in den Blättern der Wohlfahrtspflege veröffentlichte.42 Ab den 1960er Jahren wurden die Formulierungen innerhalb der sozialen Fachkreise allerdings merklich nüchterner. Dennoch wurde das Hell-Dunkel-Schema weiterhin zur Beschreibung sozialer Missstände bemüht, nicht nur in der Wissenschaft43, sondern auch in der Politik44 wie auch in denMedien45. Die zweite Metapher, die im Untersuchungszeitraum besonders häufig zur sprachlichen Illustration von Armutsphänomenen diente, war das Bild von Menschen, die ‚amRand‘ der Gesellschaft lebten. ImGegensatz zurMetapher von Licht und Schatten war dies ein säkulares Motiv: Zentrum versus Peripherie. Die Unterkünfte der Armen fanden sich häufig an der Stadt- oder Dorfgrenze. Die geogra- 41 Gäste an Kloster- und Klinikpforten. Der Tisch für ‚Gäste des Herrn‘ in Freiburg vielfältig und im verborgenen gedeckt, in: Badische Zeitung Jg. 11 (24. Okt. 1956). 42 Rückblick und Ausblick, in: BdW 102.1 (1955), S. 1–4. 43 Beispielsweise hieß es in einem Bericht aus dem Jahr 1964 über Forschungsergebnisse von britischen und amerikanischenWissenschaftlern, dass nochMillionen vonMenschen ‚im Schatten der Armut‘ lebten. H. J. Grotowsky: Wissenschaft gegen Armut, in: NDV 44.4 (1964), S. 189. Siehe auch: Willi Bergien: Möglichkeiten der Psychotherapie bei Nichtseßhaften, in: Der Wanderer 1966, S. 23. Und auch in der aktuellen Armutsforschung findet sich das Motiv des Schattens wieder, siehe: Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders. 44 Willy Brandt bediente sich dieser Metapher sogar in seiner ersten Regierungserklärung von 1969. Neben der viel zitiertenAussagen ‚mehrDemokratiewagen‘ versprach er, dass sich dieRegierung für dieMitbürger einsetzen wolle, die trotz Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung im Schatten leben müssten. Die Regierungserklärung, in: NDV 49.12 (1969), S. 342. Siehe auch:Willy Brandt: Für eine Welt des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit. 1969: Festansprache vor der Bundeskonferenz in Berlin, in: Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Helfen und Gestalten. Beiträge und Daten zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, erweiterte Neuauflage, Bonn 1992, S. 104–105. 45 Z.B. Abendschau Baden-Württemberg vom 22.12.1966, Beitrag Weihnachtsaktion der Zeitungen, SWR-Archiv Stuttgart, Archivnr.: 6600006001; Elendsviertel am Rande Mannheims – Wer kümmert sich um seine Bewohner?, in: Die Zeit 23.10 (1968), S. 14;Armut in Deutschland: Rentner vom 15.01.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7000001323. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 433 fische Randlage der Armen stimmte aber oftmals mit ihrer sozialen Lage überein: Entweder wurden sie von den materiell Bessergestellten gemieden oder sie konnten sich die Teilnahme an sozialen Aktivitäten nicht leisten und waren dadurch von der Gesellschaft ausgegrenzt.46 Die ‚Rand‘-Metapher schien aber auch deshalb beliebt gewesen zu sein, da damit die Relativität von Armut zum Ausdruck gebracht werden konnte. Bis Anfang der 1960er Jahre diente sie zur Umschreibung zeitgenössischer Armutsphänomene. Ohne den Begriff Armut zu verwenden, konnte die schwierige Situation der Betroffenen deutlich gemacht werden. So stand in dem Artikel von 1963, dem auch Abb. 6.3 entnommen wurde, der Satz: „Weitaus die Mehrzahl derer, die vor ein bis zwei Jahrzehnten noch Steuern zahlten, steht dabei hart am Rande einer ausgesprochenen Notlage.“47 Während die ‚Rand‘-Metapher in diesem Beispiel das Phänomen Armut umständlich, fast schon unbeholfen beschrieb und damit den vielen Stimmen recht zu geben schien, denen zufolge in den 1960er Jahren (der Begriff) Armut verdrängt worden sei, avancierte der Ausdruck ‚Randgruppen‘ im Zuge der Studentenbewegung zu einer Art anklagendem Kampfbegriff. Mit ihm sollte in erster Linie die Empörung über die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Ausdruck gebracht werden.48 Heute scheint ‚Randgruppen‘ eine neutrale Umschreibung für Menschen zu sein, denen es sozial und wirtschaftlich schlechter geht, als dem Durchschnitt der Bevölkerung. Fast schon vergisst man bei der Verwendung des Begriffes, dass darin ein starkes Bild enthalten ist. Heute kaummehr verwendetwird dagegen die dritte imUntersuchungszeitraum häufig verwendete Armuts-Metapher, nämlich die Bezeichnung ‚Stiefkinder‘. Dieses Bild stammt aus dem familiären Bereich. Kulturell geprägt ist es durch seine Verwendung in vielen Märchen. Das Stiefkind ist häufig der vernachlässigte, stille 46 Siehe z.B. Am Rand der Gemeinde, in: Caritas 61.4 (1960), S. 190–192. Vgl. Der Fischerhof, die psychosomatische Klinik der AW stellt fest: Der Krieg ist noch mitten unter uns, in: NB 9.4 (1955), S. 50–52. 47 Am Ende Einsamkeit, in: Hand am Pflug 1963, S. 2–5. 48 Besonders eindrücklich wird dies in der Diskussion über einen Dokumentarfilm zwischen den beiden jungen Filmemachern und dem Sozialamtsleiter der Stadt Freiburg. Mit den Augen junger Leute vom 14.05.1971, BeitragBarackenputzer, SWR-Archiv Baden-Baden, Archivnr.: 102064.Mehr dazu: Haunschild: Fernsehbeiträge als historische Quellen, hier: S. 63-72. Siehe auch: Iben: Kinder am Rande der Gesellschaft; Spiegel-Redaktion: Unterprivilegiert. 434 6. Zur Ikonografie der Armut Held dieser Erzählungen (zum Beispiel Aschenputtel oder Schneewittchen). Dies bedeutet einerseits eine positive Aufladung der damit beschriebenen Armen, andererseits trägt es auch zur Infantilisierung der Betroffenen bei. Die ‚Stiefkinder‘ der Gesellschaft benötigen Schutz, die ihnen ‚Vater Staat‘ gewähren muss, so die implizite Forderung. HäufigbezeichnetenAutorenBehinderte als ‚Stiefkinder derGesellschaft‘.49Ähnlich wurde aber auch bei Kinderreichen50, Müttern51, Kriegsopfern52 wie auch allgemein bei Fürsorgeempfängern53 verfahren. Aber auch Betroffene selbst verwendeten diese eindrückliche Metapher, wie beispielsweise 1958 streikende Textilarbeiter in Norddeutschland oder eine Rednerin auf dem Kriegshinterbliebenenkongress der SPD im Jahr 1964.54 Darüber hinaus war das Bild beliebt, umdie (finanzielle)Vernachlässigung von Insitutionendeutlich zu machen. Einmal wurden private Kinderheime zu ‚Stiefkindern des Wirtschaftswunders‘,55 ein anderesMal Städte undGemeinden.56Undnicht zuletzt findet auch diese Metapher in der aktuellen Armutsforschung Verwendung.57 Insgesamt ist zu beobachten, dass die Sprache in den Fachzeitschriften seit Anfang/Mitte der 1960er Jahre zunehmend sachlicher wurde. Teilweise ist dies mit einem Umdenken in der Wohlfahrtspflege zu erklären. Die vormals stark paternalistische Fürsorge wich partnerschaftlicheren Formen.58 Darüber hinaus zeigte vermutlich auch die fortschreitende Professionalisierung der Sozialen Arbeit Aus- 49 Helmut Kühl: Die Meldepflicht für Behinderte, in: NB 17.3 (1966), S. 100–104, hier: S. 102; Soziale Sicherung im Industriezeitalter. Bemerkungen zur Denkschrift der EKD (besonderer Teil), in: SozFor 23.10 (1974), S. 233–236. Vgl. Gibt es heute noch Arme?, in: Vinzenz-Blätter 48.5 (1965), S. 106–108. Darin werden neben Behinderten Kinderreiche, Alleinstehende und alte Menschen als ‚Stiefkinder des Wohlfahrtsstaates‘ aufgeführt. 50 Z.B. Kinderreiche – stiefmütterlich behandelt, in: SZ Jg. 20 (21. Juli 1964). 51 Z.B. Mütter sind die Stiefkinder der heutigen Gesellschaft. Der Deutsche Fürsorgetag ruft zu notwendigen Hilfsmaßnahmen auf, in: WdA 14.43 (1963), S. 3. 52 Z.B. Gefährden die Kriegsopfer die Währung? Kriegsopferversorgungsrecht, ein Stiefkind der Sozialreform, in: WdA 9.25 (1958). 53 Jeder hat ein Recht auf soziale Sicherheit! Hilfe für alle, die in Not sind, in: Bild Jg. 10 (5. Mai 1961), S. 1. 54 Stiefkinder des Wirtschaftswunders, in: WdA 9.6 (1958); Gerechtigkeit für Hinterbliebene, S. 41. 55 Adolf Weigold: Private Kinderheime – Stiefkinder des Wirtschaftswunders?, in: BdW 111.6 (1964), S. 204–205. 56 Stiefkind des Wohlstands, in: Der Städtetag 19.6 (1966), S. 319–320; Otto Blume: Zur Situation der älterenMenschen auf dem Lande, in: NB 20.3 (1969), S. 82–91. 57 Z.B. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 68; Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 37. 58 Siehe Kapitel 4.2. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 435 wirkungen auf die Sprache.59 Wer seine Tätigkeit als wissenschaftlich untermauerte Profession verstand, drückte sich anders, vielleicht sogar bewusst weniger affektiv aus, als jemand, der sich als Erzieher der Gesellschaft betrachtete. Entgegen dieser Beobachtungen ist Gottfried Korff der Meinung, dass sich Armutsmetaphern insbesondere in sozialpolitischen und sozialpädagogischen Texten wiederfänden. Betroffene selbst griffen dagegen selten auf diese Art der Darstellung zurück. Den Grund dafür sieht er in den ansonsten allzu technischen Vokabeln der Sozialexperten. Wer Armut mit Begriffen wie ‚temporäre Einkommensdeprivation‘ beschreibt, suche nach einem sprachlichenAusgleich.Diesen fänden die Experten in der Formelhaftigkeit überlieferter Armutsmetaphern, da diese auf die Affektebene zielen.60 In beiden Fällen bleibt festzuhalten, dass (Sprach-)Bilder ein wichtiges Mittel sind, um abstrakte Phänomene wie Armut greifbar zu machen. Ein Autor sollte jedoch darauf achten, dass die eigene Argumentation nicht durch ein Bild überlagert, vielleicht sogar widerlegt wird. 6.1.3. Symbolebene: Wohlstandsobjekte als Armutsindikatoren Der Kulturphilosoph Oswald Schwemmer fasst alles, was eine Ausdrucksqualität hat und eine sinnlich präsente Form besitzt, unter den Begriff des Symbols zusammen: Wörter, Bilder, Mimik, Gestik, Körperhaltung – all dies kann seiner Ansicht nach ein Symbol sein. Symbole entsprechen unserer Ausdrucksform.61 Damit ist das, was Gottfried Korff unter dem Terminus ‚Bild‘ subsummiert, gleichbedeutend mit Schwemmers Symbol. In folgendem Abschnitt soll es jedoch nur um eine ganz bestimmte Art von Symbolen gehen, nämlich um Dinge, deren Besitz im Untersuchungszeitraum alsWohlstandsindikator betrachtet wurde. Je nachdem, ob sie als gesellschaftlicher Standard anerkannt waren oder nicht, konnte ihr Nicht- Besitz zu einemArmutsindikator werden. Dies traf bis in die 1960er Jahre vor allem auf bestimmte Nahrungsmittel zu. Wer sich beispielsweise kein oder kaum Fleisch leisten konnte, gehörte eindeutig nicht zum Kreis der Wohlhabenden. Galt der Gegenstand jedoch als Luxusgut, konnte dieses Statussymbol schnell auch zum Zeichen für Triebhaftigkeit, Unwirtschaftlichkeit und egoistischen Materialismus werden. Dann nämlich, wenn die Lebensführung des Besitzers den all- 59 Siehe Kapitel 3.3. 60 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 298. 61 Schwemmer: Die Macht der Symbole, hier: S. 7. 436 6. Zur Ikonografie der Armut gemein anerkanntenWert- undMoralvorstellungen von Ordnung, Sauberkeit und einem intakten Familienleben widersprach. Insbesondere die ‚Fernsehtruhe‘ erlangte Anfang der 1960er Jahre große Bedeutung als ein solcher ‚Negativindikator‘ und löste den Gang ins Kino ab, der vormals einen ähnlich negativen Stellenwert eingenommen hatte.62 Aber auch Güter wie Autos oder Motorräder gerieten zur ambivalenten ‚Messlatte‘ für eine gute oder schlechte Lebensführung. Sie waren also weniger ein ikonografisches Element zurDarstellung vonArmut, als zurDarstellung von ‚Asozialität‘, dessen sich die Medien nur allzu gerne bedienten.63 62 „Solange sie noch Geld fürs Kino haben“, in: Kinderheim Jg. 34 (1956), S. 142–143. 63 Siehe Abb. 6.14 sowie Abendschau Baden-Württemberg vom 03.10.1962, Beitrag Barackenwohnungen, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6200002704; Abendschau Rheinland-Pfalz vom 13.11.1962, Beitrag Elendssiedlung in Oberlahnstein, SWR-Archiv Baden-Baden, Nr. 1017760000; Abendschau Baden- Württemberg vom 02.02.1965, Beitrag Müssen Kinderreiche arm bleiben?, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6500004247. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 437 Abbildung 6.14.: „Nissenhütten in Hamburg: Fürsorge auch für TV-Besitzer“ Der Spiegel 15.52 (1961) Aber nicht nur die Medien bedienten sich dieser Sichtweise, sondern auch die Fachpresse. Seltener jedoch, umdieVerfehlungen der ‚Asozialen‘ zu illustrieren, sondern den (vermeintlichen) Sitten- undWerteverfall der gesamtenGesellschaft.Denn die ‚materialistische Einstellung‘ der Bundesbürgerinnen und -bürger trug in den Augen vieler Fachleute Schuld daran, dass die Familien zerfielen, was wiederum als die Ursache für die hohe (Jugend-)Kriminalität, die große Zahl an Nichtsesshaften und die Vereinsamung der alten Menschen ausgemacht wurde. Vor allem die Berufstätigkeit der Frauenmissfiel denWohlfahrtsexperten, da sie so ihren ‚häuslichen Familienpflichten‘ nicht entsprechend nachkämen. Der Erwerbstätigkeit der Frau wurde eine familien- und damit letzlich sogar gesellschaftsgefährdende Wirkung zugeschrieben. Waren die Frauen auf das Einkommen angewiesen, akzeptierten die Experten ihr Verhalten. Generell standen arbeitende Frauen jedoch unter dem Verdacht, dies aus egoistischen Motiven heraus zu tun. Hatte eine Familie, in der die 438 6. Zur Ikonografie der Armut Frau ebenfalls erwerbstätig war, ein Fernsehgerät, schien dies als Beweis zu gelten, dass die Frau ihr materialistisches Streben über das Wohl ihrer Familie stellte.64 Eine von der Bundesarbeitsgemeinschaft fürNichtsesshaftenfürsorge herausgegebene Broschüre belegte diese Vorwürfe mit dem Verweis darauf, dass sich Jugendliche darüber beklagt hätten, dass ihre Eltern nur hinter Luxusgütern wie Fernsehgeräten und Kühlschränken her seien, aber keine Liebe für sie übrig hätten.65 In Bezug auf Obdachlose warben einige Experten allerdings schon Anfang der 1960er Jahre um Verständnis. Manche bedienten dabei jedoch das Negativsymbol des Fernsehgeräts weiter. Besaßen Obdachlose einen Fernsehapparat, galt er als Beweis dafür, dass eigentlich genug Geld vorhanden war, um sich eine richtige Wohnung zumieten. So hob ein Artikel derCaritas-Zeitschrift im Jahr 1960 hervor, dass man in der Obdachlosenfürsorge nicht mutlos oder verärgert werden dürfe, „wenn in vielen Wohnungen trotz der bitteren Not Fernsehgeräte und Musiktruhen stehen, die zu einem großen Teil mit dem Kindergeld bezahlt werden.“66 Es sei schließlich die wirtschaftliche und moralische Not ganzer Generationen, die diese Familien auf die Hilfe sowohl der staatlichen als auch der freien Fürsorge angewiesen sein lasse. Andere Fachleute versuchten dagegen, den Fernseher als Zeichen für ‚Asozialität‘ gezielt zu entkräften. So betonte eine in der Flüchtlingshilfe tätige Sozialarbeiterin 1963, dass es verständlich sei, dass Menschen, die jahrelang in einer trostlosen Umgebung lebten und von ihren Mitmenschen gemieden würden, nachAbwechslung suchten. Zudem ermöglichte der Fernseher diesenMenschen die Teilhabe an der ‚großenWelt‘. Dies würden auch behördliche und kirchliche Stellen häufig nicht berücksichtigen. Denn angesprochen auf das Wohnungsproblem der Menschen in den Lagern und Notunterkünften erfolge oft der Einwand, dass diese Leute keine Miete zahlen wollten, fast alle aber einen Fernsehapparat hätten.67 64 Ausführlicher dazu siehe Kapitel 4.1.1 sowie 4.2.3. 65 Frank: Unstet und flüchtig, S. 35f. 66 AmRand der Gemeinde, in: Caritas 61.4 (1960), S. 190–192. 67 Ilse Boddenberg: Die übersehenen Flüchtlingslager, in: Caritas 64.3 (1963), S. 88–92. Siehe auch: Materialsammlung zumThema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD,NachlassHelene Wessel, Signatur 322. Ein ähnliches Argument tauchte bereits 1956 auf: Ein Artikel, der sich mit der Empörung darüber befasste, dass viele Unterstützungsempfänger regelmäßig ins Kino gingen, betonte, dass dieses „ein fester Bestandteil des ö entlichen Lebens von heute“ geworden sei. Implizit verwies der Autor damit auf das Konzept der Teilhabe. „Solange sie nochGeld fürs Kino haben“, in: Kinderheim Jg. 34 (1956), S. 142–143. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 439 Trotz der Bemühungen einzelner Fachleute, denmit demFernseher verbundenen Vorurteilen entgegenzuwirken, blieb er lange Zeit das Paradebeispiel eines negativen Armutssymbols – unter geänderten Vorzeichen ist er es noch heute. Ab den 1970er Jahren fand der Fernseher allerdings unter der Rubrik ‚Neue technische Geräte‘ selbst Eingang in den sogenannten Warenkorb, der als Grundlage für die Berechnung der Sozialhilfesätze diente.68 Im Positiven rangierte dagegen die Butter an erster Stelle der symbolischen Armutsindikatoren oder, wie Birgit Pelzer und Reinhold Reith es ausdrücken, der Butterkonsum war in Deutschland stark ideologisiert.69 Das Beispiel der Butter eignet sich auch deshalb, da hier besonders die Vielschichtigkeit von Armutssymbolen verdeutlicht werden kann. Butter hatte in Deutschland vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg einen besonderen Stellenwert. Gerade für die ältere Generation war sie gleichbedeutend mit Wohlstand. Umgekehrt galt in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft derjenige, der sich keine Butter leisten konnte, noch bis weit in die 1960er Jahre hinein als arm. Darauf verweist auch eine Umfrage des Allensbachinstituts von 1953. Damals antworteten 62 Prozent der Befragten auf die Frage, welches Lebensmittel sie bei niedrigeren Preisen häufiger essen würden, mit Butter – bemerkenswerterweise noch vor Fleisch und Wurst. Unter den befragten Arbeitern fiel diese Antwort mit 74 Prozent sogar noch deutlich höher aus.70 Dabei war der Butterverbrauch seit Kriegsende bis zum Anfang der 1950er Jahre bereits erheblich gestiegen. Lag er in den Jahren 1946/47 noch bei lediglich drei Kilogramm pro Kopf und Jahr, hatte er sich bis 1950 bereits auf sechs Kilogramm verdoppelt. Trotz der Verbesserung der Versorgungslage seit der Währungsreform im Sommer 1948 stieg der Butterkonsum noch über ein Jahrzehnt kontinuierlich an, um 1963 schließlich seinenHöchststand von 9,1 Kilogramm Jahresverbrauch pro Bundesbürgerin beziehungsweise -bürger zu erreichen. Erst danach nahm auch der Symbolgehalt der Butter allmählich wieder ab. In den 1950er Jahren lief die um ein mehrfaches günstigereMargarine der Butter in den meisten Haushalten jedoch den 68 Vgl. Heisig: Armenpolitik (1992), S. 478. 69 Pelzer/Reith: Margarine, S. 141. 70 ebd., S. 134. Mehr zur geschichtlichen Entwicklung und zur Bedeutung von Butter in Deutschland, v.a. im Vergleich zur Margarine, siehe auch: Reith: Butter; Hierholzer: Nahrung nach Norm, S. 147- 157. 440 6. Zur Ikonografie der Armut Rang ab. Besonders in den Arbeiterhaushalten blieb die Margarine lange Zeit das Speisefett Nummer eins, weshalb sie auch den Beinamen ‚Arbeiterbutter‘ erhielt.71 Die Wochenzeitung des DGB machte in den 1950er Jahren das Thema Butter immer wieder zur Grundlage umfangreicher Berichterstattungen. So empörte sich die Welt der Arbeit im Mai 1956 darüber, dass ein leitender Angestellter der Oldenburger Butter- und Eierzentrale Deutsche Markenbutter mit billigen Fetten gestreckt hatte. Dank einiger engagierter Mitarbeiter, die diese Praxis nicht dulden wollten, sei der Betrüger bereits gefasst und vom Landgericht verurteilt worden.72 Um die Verwerflichkeit dieses Vorfalls zu betonen, illustrierte die Zeitung ihren Artikel eindrucksvoll mit einer Karrikatur, in der ein Krimineller – zu Erkennen an schwarzerAugenmaske, Stoppelbart und gebückterHaltung – von einemPolizisten hinter einem überdimensionierten Stück Deutscher Markenbutter hervorgezogen wurde (siehe Abb. 6.15). Die Bildunterschrift „Diesen haben sie erwischt...“ zeugt von der Ansicht, dass andernorts ähnlich betrügerischmit DeutscherMarkenbutter verfahren werde. Abbildung 6.15.: Welt der Arbeit, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 7.20 (1956) Tatsächlich schienen die rapide steigenden Butterpreise weitere Betrüger auf den Plan zu rufen. So berichtete die Welt der Arbeit kein Vierteljahr später über den, 71 Pelzer/Reith: Margarine, S. 133f, 139. 72 Diesen haben sie erwischt... In:WdA, Stimme derArbeit ausNiedersachsen undBremen 7.20 (1956); Folgen eines Butter-Skandals. Ehrlichkeit wurde mit Entlassungen belohnt, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 7.49 (1956). 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 441 wie es hieß, größten Butterfälscherprozess der deutschen Nachkriegszeit. Der ‚Butterkönig von Kiel‘ hatte ‚gute Butter‘ aus verdorbenem Butterfett herstellen lassen. Im Ganzen sollten dem Bericht zufolge so 300 Tonnen gefälschte oder falsch bezeichnete Butter in denVerkauf gelangt sein. Der ‚Butterkönig‘ hatte sichmit seinen betrügerisch erschlichenen Gewinnen in Kiel eine äußerst luxuriöse Villa verschafft und schien wenig Reue zu zeigen. Der zuständige Butterprüfer dagegen hatte laut Zeitungsbericht in der Untersuchungshaft Selbstmord begangen.73 Lebensmittelbetrug mit falscher Butter versprach gemäß der Darstellung große Gewinne; immerhin war der Butterpreis zwischen 1952 und 1956 um 20 Prozent gestiegen. Neben der öffentlichenÄchtung dieser Betrügereien forderte die Gewerkschaftszeitung daher, die Zölle für Lebensmittel im Allgemeinen und für Butter im Speziellen zu senken sowie deren Einfuhrgrenzen zu heben. Butterlieferungen aus dem Ausland waren ihrer Ansicht nach unbedingt erforderlich, da die hohen Preise es weiten Teilen der Bevölkerung unmöglich machten, Butter zu kaufen – ein Zustand, der im Land des ‚Wirtschaftswunders‘ immer weniger Akzeptanz fand. Selbst Fürsorgeempfängern sollte dies zustehen74 Auch andere Zeitungen setzen in den 1950er Jahren auf die Symbolkraft der Butter, um soziale Missstände deutlich zu machen. Die Südwest-Rundschau kritisierte die Politik des Familienministers Wuermeling 1954 unter der Überschrift „Keine Butter, keine Schuhe, aber einen Würmeling“. In dem Artikel empörte sich die SPD-nahe Zeitung darüber, dass der Familienminister alle Kraft darauf verwende, vermeintliche jugend- und damit auch familiengefährdende Schriften und Filme ausfindig zu machen. Stattdessen solle sich derMinister lieber darum bemühen, die Nahrungsmittelpreise stabil zu halten oder sogar zu senken. Dann könnte sich die Familie auch mehr Butter leisten, was wiederum ihr bester Schutz sei, denn: „Hunger, Herr Familienminister, Entbehrungen, Herr Familienminister, sind die größten Feinde der Familie.“75 73 Ernest Dehncke: ‚Gute Butter‘ aus verdorbenem Butterfett. Der größte Butterfälscherprozess wird demnächst in Kiel beginnen, in: WdA, Stimme der Arbeit aus der Nordmark 7.32 (1956). 74 Verstärkte Buttereinfuhren gefordert, in: WdA, Stimme der Arbeit aus der Nordmark 7.24 (1956) sowie Dem Normalfürsorgeempfänger steht keine Butter zu. Wer 55,61 DM im Monat bekommt, kann nicht verhungern, in: WdA, Stimme der Arbeit aus der Nordmark 7.18 (1956). 75 Chorgesang der Familie: „Keine Butter, keine Schuhe, aber einen Würmeling“, in: Südwest- Rundschau Jg. 9 (12. Juni 1954), ACDP, 1-221 005. 442 6. Zur Ikonografie der Armut Genauso verwendete dasHamburger Echo die fehlendeMöglichkeit von Sozialrentnern in der DDR, sich Butter leisten zu können, als Armutsindikator.76 Gleichermaßen kritisierte die Badische Zeitung die Lage der westdeutschen Rentner, die auf Unterstützung aus der Fürsorge angewiesen waren: „Butter kommt nicht auf den Tisch, das Fleisch der billigsten Sorte – wenn es gut geht – an den Sonntagen.“77 Immer diente die Butter als Indikator, um zwischen Arm und Reich zu unterscheiden. Nachdem 1963 der Höhepunkt des Butterkonsums erreicht war, ließ auch die Symbolkraft der Butter allmählich nach, ohne jedoch gänzlich zu verschwinden. So tauchten auch gegen Ende des Untersuchungszeitraums noch Artikel auf, die einen Zusammenhang zwischenArmut und dem ‚Sich-Nicht-Leisten-Können‘ von Butter herstellten. 1968 berichtete die Bild-Zeitung über einen Prozess gegen eine Mutter, die zumwiederholtenMale einPfundButter gestohlenhatte.Die Frau sagte aus, dass dieses für ihre zehn Kinder gedacht gewesen sei, da ihr Einkommen dafür selten reiche. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.78 Auch der Bild-Zeitungsaufmacher vom 14. Mai 1973 zeugte von der weiterhin großen Bedeutung, die der Butter in der Bundesrepublik beigemessen wurde. Ansonsten wären ihr die gefallenen Butter- und Fleischpreise kaum eine Titelseite wert gewesen.79 In der Politik lebte das Symbol der Butter zunächst auf eine andere Weise fort. In Erinnerung anHerrmannGöringsMaxime ‚Kanonen statt Butter‘, die dieser u.a. 1936 in seinerRede zumVierjahresplan verkündet hatte, standButter für einePolitik, die am Gemeinwohl orientiert war, während Kanonen für viele Zeitgenossen nicht nur Krieg, sondern auch Rücksichtslosigkeit der Herrschenden versinnbildlichten. Hitler hatte die Parole zwar schon bald in ‚Kanonen und Butter‘ abgewandelt, da er befürchtete, ansonsten beim Volk böse Erinnerungen an die Hungerwinter des Ersten Weltkrieges wach zu rufen.80 Politiker, für die das Gemeinwohl einen höheren 76 Wie leben Sozialrentner in der Sowjetzone?Was Kommunisten „leisten“, wo sie allein herrschen, in: Hamburger Echo Jg. 81 (11. Jan. 1956). 77 Sind die alten Leute vergessen? Das Altwerden ist noch ein zu wenig beachtetes Problem, in: Badische Zeitung Jg. 11 (7. Apr. 1956). 78 „Ich habe für meine 10 Kinder gestohlen“. Das sagte eineMutter, die ein Pfund Butter mitnahm, in: Bild Jg. 17 (7. Aug. 1968), S. 11. 79 Na endlich! Fleisch und Butter billiger, in: Bild Jg. 22 (14. Mai 1973), S. 1. 80 Reith: Butter. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 443 Stellenwert einnahm, als die militärische Stärke, taten in den 1950er Jahren dennoch gut daran, der Butter gegenüber den Kanonen symbolisch den Vorzug zu geben. Als Ludwig Erhard Mitte der 1950er Jahre im Zusammenhang mit der Debatte um die Wiederbewaffnung äußerte, dass die Bundesrepublik schlimmstenfalls ‚Kanonen und noch mehr Butter‘ erzeugen würde, nahm dies Gerhard Kreyssig, Wirtschaftsexperte der SPD, zum Anlass, diese zweigleisige Politik der Regierung zu verurteilen. Seiner Ansicht nach hatte die BRD nicht genügend Arbeitskräftepotential, um sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Wiederaufrüstung gleichermaßen voranzutreiben. Er war skeptisch, ob unter Erhard nicht letztlich doch wieder der Rüstung der Vorrang eingeräumt werden würde.81 Umso positiver beurteilte die Welt der Arbeit drei Jahre später den Vorstoß des französischen Regierungskommissars für Wirtschaftsplanung, ebenfalls unter Bezugnahme auf das Göring-Hitler-Zitat. Frankreich wollte die Länder des Westens zu einer wirtschaftlichen Gipfelkonferenz einberufen, um Maßnahmen auszuhandeln, die helfen sollten, zukünftigen Wirtschaftskrisen vorzubeugen. Die DGB-Zeitung unterstützte diesen Vorschlag und überschrieb ihren Artikel mit dem anspielungsreichen Titel „Butter statt Atomwaffen“. Das Bild der Butter erhielt dabei noch eine weitere Dimension: Sie standnichtnur fürWohlstand, sondern auch für denWohlfahrsstaat insgesamt.82 Diesen vielschichtigen Symbolgehalt der Butter setzten – bewusst oder unbewusst – sowohl Unionspolitiker als auch Politiker der SPD in ihrer Argumentation für wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen ein. So verteidigte Bernhard Bauknecht (CDU) 1957 in einer Bundestagsdebatte zumThema Landarbeiterlöhne die Milchpreissubvention. Die Opposition befürchtete, dass es dadurch zu einer Überproduktion kommen könnte. Bauknecht setzte seine Hoffnung dagegen auf die Rentenreform. Die Rentner hätten sich bisher den Verzehr von Butter nicht leisten können.DieReformwürde aber ihre Kaufkraft steigern. Der CDU-Politiker vermutete, dass bei ihnen nun das einsetzen würde, was bei den anderen schon vor Jahren eingesetzt hat: sich einmal richtig satt zu essen. Und dazu gehöre natürlich auch die Butter.83 81 Siehe Abschrift des Wirtschaftskommentars von Dr. Gerhard Kreyssig, ausgestrahlt am 01.02.1955 im Bayerischen Rundfunk, in: AdsD, Nachlass Gerhard Kreyssig, Signatur 26. 82 Obinger/Schmitt: Guns and Butter, hier: S. 246, 252. 83 Deutscher Bundestag, StenographischeBerichte, 2.Wahlperiode, 195. Sitzung, S. 11100A-11145B, hier: S. 11112 D. 444 6. Zur Ikonografie der Armut Noch im selben Jahr bemühte eine Politikerin der SPD die Butter, um ihrer Argumentation für die Einführung einer SchulmilchspeisungNachdruck zu verleihen. Irma Keilhack war der Ansicht, dass so die aufgrund der Subventionen gesteigerte Milchproduktion eine angemessene und zugleich sozialpolitisch sinnvolle Verwendung fand. Insbesondere für kinderreiche Familien wäre es eine Wohltat, wenn die Kinder in der Schule regelmäßig kostenlos Milch trinken könnten. Denn: „Kinder dieser Familien bekommen bestimmt nicht immer genug Butter.“84 Die SPD behielt Recht. Die nach der Gründung der Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eingeführten Milchpreissubventionen führten schon bald zu erheblichen Problemen. Ursprünglich stand hinter der gemeinsamen Agrarpolitik der EWG-Mitgliedsstaaten die Idee, die Bevölkerung das ganze Jahr über mit Nahrungsmitteln zu angemessenen Preisen versorgen zu können. Auch Butterangebot und -preis sollten konstant gehaltenwerden. In den ertragreichen Sommermonaten kauften deshalb staatliche Einfuhr- und Vorratsstellen Butter zu Festpreisen auf, um sie für vier bis sechsMonate einzufrieren. Diese ‚Lagerbutter‘ war meist nur noch zweite Wahl und ging als ‚Molkereibutter‘ in den Verkauf. Neben demQualitätsverlust hatte die europäische Subventionspolitik, die sich nicht nur aufMilch, sondern auch auf FleischundGetreide erstreckte, denweiterenNachteil, dass sie schonbald in eine Überproduktionmündete. Die Lagerbestände wuchsen und brachten bereitsMitte der 1960er Jahre den vielzitierten ‚Butterberg‘ hervor.85 DiePolitik schreckte davor zurück, dieUrsachedesProblems, nämlichdie Subventionen, zu beheben. Zu einflussreichwaren die Interessensvertreter der Landwirte.86 Die Lagerhaltung wurde beibehalten. Die ursprünglich zum Ausgleich saisonaler Schwankungen eingerichtetenKühlhäuser entwickelten sich so zu ‚Kopfbahnhöfen‘ einer immer größeren Überproduktion, wieDer Spiegel 1966 feststellte.87 Um den stetig wachsenden ‚Butterberg‘ in den Griff zu bekommen, setzte der Bundesernährungsminister, Hermann Hörchel, 1965 eine Werbemaschinerie in Gang und ließ 84 Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte, 2. Wahlperiode, 211. Sitzung, S. 12252 D-12377 D, hier: S. 12284 B/C. 85 Pelzer/Reith: Margarine, S. 141. 86 Zu Beginn der 1950er Jahre hingegen hatten sich die Landwirte mit ihrer Forderung nach einer Besteuerung von Margarine zur Ankurbelung des Butterkonsums noch nicht durchsetzen können. ebd., S. 134. 87 Butterberg. Im ewigen Eis, in: Der Spiegel 20.27 (1966), S. 33–34. 6.1. Bilder, Metaphern, Symbole 445 die eingelagerte Butter zu Lasten der Steuerzahler stark verbilligt verkaufen. Die Aktion war zwar insofern erfolgreich, dass ein Großteil der eingelagerten Butter in den Verkauf kam. Die Kühlhäuser blieben dennoch voll, da in der Folge die Nachfrage nach frischer Butter zurückging. Selbst der umfangreiche Export von Lagerbeständen zu Schleuderpreisen nach Südamerika konnte zur grundsätzlichen Lösung des Problems nur wenig beitragen.88 Der ‚Butterberg‘ war jedoch nicht nur ein deutsches, sondern ein EWG-weites Problem. Immer wieder ersannen die europäischen Agrarpolitiker neue Maßnahmen, umdieser Entwicklung entgegenzuwirken. So plante Brüssel 1968, eineMargarine-Steuer einzuführen, die bereits 1963 im Gespräch gewesen war. Bundesernährungsminister Hörchel wollte diesem Vorhaben jedoch nicht zustimmen.89 Begeistern konnte er sich dagegen für einen anderen Vorschlag aus Brüssel, nämlich, den ‚Butterberg‘ mit Hilfe der Vergabe von verbilligter Butter an ‚sozial Schwache‘ abzubauen. Der Standpunkt des bundesdeutschen Ernährungsministers erklärte sich aus seiner bauernfreundlichen Einstellung. Darüber hinaus schien ihn aber auch die beschriebene sozialpolitische Konnotation der Butter beeinflusst zu haben. Der Bundestag befasste sich am 21. Juni 1968 mit einer möglichen Einführung der ‚Sozialbutter‘. Der Bundesernährungsminister setzte sich sehr für diese Idee ein und zeigte sich empört darüber, dass weder der Deutsche Städtetag noch der Deutsche Gemeindetag bei einer derartigen Aktion mitzuwirken gedachten. Auf deren Hilfe war der Minister allerdings angewiesen, denn zunächst sollten Sozialämter undWohlfahrtsverbände die in Frage kommenden Personen auswählen, woraufhin erstere an diese Bezugsscheine für verbilligte ‚Lagerbutter‘ verteilen sollten. Er hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sei, billige Butter an denMann zu bringen, so die Worte des Ministers.90 Die beiden kommunalen Spitzenverbände hatten den Plan bis dahin nur kommentarlos zur Kenntnis genommen. Durch die öffentliche Anfeindung von Seiten des Ministers fühlten sie sich indes diffamiert und sahen sich genötigt, ihren Standpunkt öffentlich darzulegen. So schrieb der Sozialdezernent des DST, Bernhard Happe, in der hauseigenen Fachzeitschrift, dass derMinister nicht etwa seine soziale Ader entdeckt habe, sondern seine falsche Subventionspolitik lediglich unter einem 88 Pelzer/Reith: Margarine, S. 141f. 89 Margarine-Steuer. Der Butterberg wächst, in: Der Spiegel 22.10 (1968), S. 58. 90 Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte, 5.Wahlperiode, 181. Sitzung, S. 9773 A-9813 B, hier: S. 9787 C/D. 446 6. Zur Ikonografie der Armut ‚sozialen Mäntelchen‘ verbergen wolle. Die bedürftigen Mitbürger seien auf die „dezent riechende Butter“ nicht angewiesen, denn die Bundesrepublik sei ein sozialer Rechtsstaat mit einem vorbildlichen Sozialhilfegesetz, das jedem ein menschenwürdiges Leben ermögliche. Durch das geplante Gutscheinsystemwürden die Sozialhilfeempfänger nur wieder zu Almosenempfängern degradiert. Darüber hinaus sei der Verwaltungsaufwand weit kostspieliger, als die zu verteilende Butter, wodurch die ganze Aktion lächerlich werde.91 Als der Sozialausschuss desDSTAnfangNovember 1968 inKöln zusammenkam, sprachen sich seine Mitglieder einhellig gegen den Plan des Bundesernährungsministeriums aus, der in ihren Augen einen enormen sozialpolitischen Rückschritt bedeutete. Kennzeichen der modernen Sozialarbeit sei es gerade, dass das diskriminierendeGutscheinsystem abgeschafft worden sei und die Sozialhilfeempfängermit gutemErfolg alsmündigeMitbürger behandeltwürden.DieWiedereinführungvon Bezugsscheinen für Butter stand dem diametral entgegen. Zudem stellten die Sozialexperten nochmals das eklatanteMissverhältnis zwischen dem zu erzielenden Effekt für den einzelnen Sozialhilfeempfänger und den entstehenden Verwaltungskosten heraus.92 Letztlich setzte dasMinisterium seinenWillen durch.Noch vorWeihnachten gab die Bundesregierung verbilligte Butter an gemeinnützige Einrichtungen aus. Von Januar 1969 an sollten zunächst für ein halbes Jahr etwa 6000 Tonnen Butter über Gutscheinkarten an rund zweiMillionen Sozialhilfeempfänger verbilligt abgegeben werden. Die Ausgaben für die Verbilligungsmaßnahme sollten aus EWG-Fonds rückerstattet werden.93 Die Aktion lief auch nach 1969 weiter. Die Anfrage eines CSU-Abgeordneten, ob die Bundesregierung plane, die Butterverbilligungsaktion auf einkommensschwache, kinderreiche Familien, die nicht Sozialhilfeempfänger seien, auszudehnen, erteilte das Bundesernährungsministerium 1970 jedoch eine Absage.94 Der Streit um die Einführung der ‚Sozialbutter‘ verdeutlicht eindrücklich die Langlebigkeit von Symbolen. Die Fachwelt und mit ihr die bundesdeutsche Sozialgesetzgebung hatte schon Jahre vorher damit begonnen, sich von paternalistischen 91 Bernhard Happe: Butter für die Armen, in: Der Städtetag 21.10 (1968), S. 519–520. 92 Bernhard Happe: Sozialausschuß DST und Arbeitskreis „Familie und Jugend“, in: Der Städtetag 21.12 (1968), S. 632–633. 93 Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte, 5. Wahlperiode, 209. Sitzung, S. 11277 A-11324 A, hier: Anlage 8, S. 11310 B/C/D. 94 BT-Drs. 6/3229, S. 70. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 447 Fürsorgepraktiken zu verabschieden. InderÖffentlichkeitwaren alteArmutsvorstellungen und -symbole jedoch noch weit verbreitet. So konnte der ursprünglich aus Brüssel stammende Vorstoß, überschüssige Butter an sozial Schwache abzugeben, außerhalb dieser Fachzirkel die beschriebenepositiveResonanz erzeugen.Kollektive, im öffentlichen Raum verbreitete Armutsbilder und -symboliken, können, so die Schlussfolgerung, eine in Fachkreisen bereits weiterentwickelte Sozialpolitik überlagern, teilweise sogar hemmen. Trotz der zunehmenden Wertschätzung, die Sozialexperten von Seiten der Politik und der Gesellschaft erfuhren, schienen sie nicht genügend ‚symbolischeMacht‘ zu besitzen, um ihre Interpretation derWirklichkeit auf der Symbolebene durchzusetzen.95 6.2. Rituale und Ritualisierungen Neben Bildern und Symbolen gibt es noch eine weitere Gruppe ikonografischer Elemente zurDarstellung vonArmut.Diese sindhier unter denBezeichnungenRituale und Ritualisierungen zusammengefasst. Was ein Ritual ausmacht, ist nach Brosius et al. nicht eindeutig definiert.HäufigwerdenRituale in ersterLinie alsHandlungen aufgefasst, die sich nicht oder nur wenig verändern. Die jüngste Forschung betont hingegen die starkeWandelbarkeit vonRitualen. ImGegensatz zu allen anderen Formen sozialen Handelns stehen Rituale jedoch in demRuf, beständig zu sein. Selten werden sie ohne Bezugnahme auf bereits Dagewesenes neu erfunden, sondern mit Hilfe bekannter Ritualelemente kreiert. Daher rührt ihre ‚Authentizität‘. Es wird also bei denjenigenHandlungen von ‚Ritual‘ gesprochen, bei denendieAkteure den Wandel der Handlungsabläufe ausblenden. Diese scheinbare Beständigkeit schafft Vertrauen und sorgt für Stabilität in sozialen, politischen sowie wirtschaftlichen Beziehungen. Darüber hinaus vermitteln Rituale Sicherheit, indem sie Grenzen für sozial angemessenes Verhalten setzen oder bestätigen. Richtiges Verhalten muss so nicht jedes Mal neu ausgehandelt oder legitimiert werden. Rituale werden zur Gewohnheit, zum Habitus. Sie geben Struktur und formen zugleich das kulturelle Gedächtnis.96 Es zeigt sich, dass Ritual ein ‚polythetischer‘ Begriff ist, das bedeutet, ihmwerden verschiedene Eigenschaften und Funktionen zugewiesen. Eine derartige Definition ist pragmatisch. Drei Punkte erscheinen Borius et al. als besonders wichtig. Erstens 95 Vgl. Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik, S. 19. 96 Brosius/Michaels/Schrode: Ritualforschung heute, hier: S. 16f. 448 6. Zur Ikonografie der Armut muss zwischen Ritualen und routinisierten Alltagshandlungen unterschieden werden. Zwar zeichnen sich auch Ritualisierungen durch förmliche sowie repetitive Handlungsmuster aus. Im Gegensatz zu Ritualen fehlen ihnen allerdings die kulturellen ‚Ordnungszeichen‘, durch die auf allgemein anerkannteWertvorstellungen Bezug genommen wird. Diese Bezugnahme (beispielsweise auf Herrschaftszeichen, aber auch Metaphern oder Medien der Überlieferung wie die Bibel) macht jedoch erst die Normativität der Rituale aus, das bedeutet, im Vergleich zu Alltagshandlungen erscheinen sie stärker verpflichtend. Zweitens werden Rituale als bewusst durchgeführte Handlungen verstanden, auch wenn es dabei unbewusste Anteile gibt. Bei den Ritualisierungen sind die unbewussten Anteile größer. Zum dritten werdenRituale durch eine Rahmung sowie mit Hilfe eines (förmlichen) Beschlusses zu besonderen Handlungen und grenzen sich dadurch von ‚normalen‘ Handlungen ab. Die Rahmung entsteht zum einen durch zeitliche Begrenzungen (Zeichen des Beginns undEndes), zum anderen durch räumliche (besondere Orte); der Beschluss macht eine Handlung besonders. Erst durch ihn wird beispielsweise das Nichtschlafen zur Nachtwache oder das Nichtessen zum Fasten umgedeutet.97 In manchen Fällen ist es dennoch schwer, zwischen Ritualen und Ritualisierungen zu unterscheiden. Eine Beobachtung im Zusammenhang mit der Darstellung von Armutsthematiken im Untersuchungszeitraum war beispielsweise, dass viele Artikel einleitend bemerkten, die Bundesbürgerinnen und -bürger wollten in ihrem ‚Wirtschaftswunderland‘ von sozialen Probleme nichts mehr wissen, sondern ihren Wohlstand ‚ungestört‘ genießen. Beispiele hierfür waren in den 1950er Jahren genauso zu finden, wie in den folgenden Dekaden.98 Das Ganze als Ritual zu bezeichnen, scheint etwas zu hoch gegriffen.Dennoch kanndieseArt der Einleitung als typisierte Darstellungsform in Bezug auf Armut begriffen werden, die nicht nur Einzelne 97 Brosius/Michaels/Schrode: Ritualforschung heute, hier: S. 13f. 98 Z.B. So viele Menschen in NRW leben von der Fürsorge, in: WdA 8.42 (1957); Das wird auf keinem Fernsehschirm gezeigt. Auch wenn sie keiner mehr lesen will: Gräßliche Elendsschilderung aus dem Felsenkeller, in:WdA, Stimme der Arbeit aus NRW8.30 (1957); Ein unpopuläres Thema, in: Caritas 59.1/2 (1958), S. 26–27; Caritasruf vom 16. bis 22. September. „DerMenschwill behütet, nicht immer bloß geflickt sein“, in: Badische neuesteNachrichten Jg. 18 (13. Sep. 1963); KarolusHeil:Wohnungen für Obdachlose. Bericht über eine sozialpsychologische Untersuchung inMünchener Obdachlosensiedlungen, in:NDV47.11 (1967), S. 366–371;Ulrich Brisch: Provokation. Schlußansprache, gehalten anläßlich der Verabschiedung als Beigeordneter durch den Oberbürgermeister der Stadt Köln am 16.3.1970, in: Caritas Nachrichten für das Erzbistum Paderborn 15.5 (1970), S. 194–198. Vgl. Krämer: Armut, hier: S. 49. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 449 als routinierte Alltagshandlung durchführten, sondern innerhalb der Fachkreise immer wieder zu hören war. Dieser wiederholte Verweis auf die vermeitliche Verdrängung von Armutsthematiken aus dem öffentlichen Diskurs war vermutlich nicht nur als moralischer Fingerzeig gedacht, sondern schien den Sozialexperten auch zur Legitimation der eigenen Arbeit zu dienen, gehörte gewissermaßen zum Habitus des Fachs. Damit stilisierten sich die Experten zu wichtigen Stützen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auch die Ergebnisse einer Untersuchung zur Armutsberichterstattung in den Medien von 2010 deutet in eine ähnliche Richtung. Die KommunikationswissenschaftlerinMajaMalik unternahmdarin erstmals denVersuch, die bundesweit wichtigstenMedien der Bereiche Print,Radio undFernsehenhinsichtlich ihresUmgangs mit demThemaArmut und sozialeAusgrenzung systematisch auszuwerten. Vorher war die Forschung zurArmutsberichterstattungbei derQuellenauswahlmeist exemplarisch vorgegangen. Maliks Studie beschränkt sich zwar auf einen relativ kurzen Zeitraum von zwei Wochen, die Ergebnisse sind dennoch verblüffend: Während Armut in der Forschung lange als Tabuthema der Medienberichterstattung galt, stellt sie fest, dass die untersuchten Presseerzeugnisse Armut unabhängig von besonders spektakulären Berichterstattungsanlässen grundsätzlich als relevant bewerten und daher auch behandeln. Allerdings sei es aufgrund der Mechanismen vieler Medien, die auf aktuelle und schnelle Berichterstattung zielen, selten ein Topthema, da Armut, dem widersprechend, als dauerhaft relevantes Thema eingestuft werde. Nichtsdestotrotz weisen Maliks Feststellungen darauf hin, dass die immer wieder postulierte Verdrängung von Armutsthemen aus dem öffentlichen Diskurs mehr eine etablierte und rituell wiederholte Sprachfigur ist, als ein empirischer Befund.99 In diesem Sinne verstehen sich auch die folgenden beiden Beispiele als Elemente der ‚Gesamtinszenierung‘ von Armut zwischen Ritual und Ritualisierung. 6.2.1. Weihnachten – „Konjunktur der milden Herzen“100 Genauso wie innerhalb der Fachkreise der Hinweis darauf üblich zu sein schien, dass das Thema Armut in der wohlhabenden Bundesrepublik verdrängt wurde, hatten Medienberichte über soziale Probleme sowie Spendenaktionen alljährlich zurWeihnachtszeit Konjunktur. Das Ganze schien zuWeihnachten dazuzugehören 99 Malik: Armut in denMedien, hier: S. 40, 42, 45. 100 Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47. 450 6. Zur Ikonografie der Armut wie Krippe und Tannenbaum und kann als Ritualelement des Weihnachtsritus’ gedeutet werden. Selbst die Politik besann sich auf diese Praxis, zumindest in den 1950er Jahren: Zu Weihnachten erhielten Rentenempfänger und andere Bedürftige vielfach Sonderzulagen und Überbrückungsgelder. Restriktive Bedürftigkeitsprüfungen wurden zugleich gelockert.101 Wenig überraschend betonte auch die Caritas, ganz im Sinne christlicher Tradition, Weihnachten als Fest der Nächstenliebe zu betrachten und wandte sich in dieser Zeit verstärkt den ‚unwürdigen‘ Bedürftigen zu. So mahnte einer ihrer Autoren 1957 in einem Artikel über die Resozialisierung von Prostituierten: „Keine Zeit des Jahres ist so hohe Zeit der menschlichen Begegnung, die die trennenden Schranken und Distanzen vergessen und überbrücken läßt, wie Weihnachten.“102 Auch erhielten etwaobdachlose Familien indieserZeit gezielt zusätzlicheLebensmittel- und Kleiderspenden.103 Die nicht-konfessionelle Arbeiterwohlfahrt schien sich dagegen weniger stark von der ‚Weihnachtskonjunktur‘ anstecken zu lassen. Bereits 1953 setzte sie sich zurAufgabe, diewestdeutscheBevölkerung gerade inderZeit nach Weihnachten zu echter Nachbarschaftshilfe zu erziehen. Den ‚Sammelgedanken‘ lehnte sie ab, der bei anderen Organisationen nach wie vor im Vordergrund stand und an die christliche Tradition des Almosengebens erinnerte. Auf Anregung des Bundesinnenministeriums, eine besondere Winterhilfsaktion ins Leben zu rufen, war sie deshalb nicht eingegangen. (Jedoch auch, da diese in ihren Augen zu stark an die nationalsozialistische ‚Winterhilfe‘ erinnerte.)104 Im Laufe der 1960er Jahre veränderte sich die Haltung einiger Caritas-Autoren: Die typischeWeihnachtsrhetorik geriet zunehmend in dieKritik. So beschwerte sich in der Caritas-BeilageDer Wanderer 1963 ein Autor darüber, dass die meistenMenschen nur zuWeihnachten in die Einrichtungen derNichtsesshaftenfürsorge kämen, 101 Z.B. Hans Koch: Neues zum Lastenausgleich, in: BdW 102.1 (1955), S. 14–16; Sozialpolitische Umschau, in: BdW 103.12 (1956), S. 385. Vgl. Anton Oel: Die Rentnerhaushaltungen und ihre Einkünfte, in: BdW 104.1 (1957), S. 4–6. 102 Hilfe zur Resozialisierung von Prostituierten, in: Caritas 58.1 (1957), S. 20–24. 103 AmRand der Gemeinde, in: Caritas 61.4 (1960), S. 190–192. 104 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 17. und 18.01.1953 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 451 um Geschenke zu verteilen. Hilfe werde aber das ganze Jahr über gebraucht.105 Deutlicher wird die Veränderung am Beispiel Karl Borgmanns. Noch 1955 hatte der Hauptschriftleiter der Caritas-Zeitschrift sich mit stark kulturpessimistischen Anklängen über das ‚Siechtum der Barmherzigkeit‘ empört und jeden einzelnen dazu aufgefordert, sich mehr um die Mitmenschen zu kümmern, anstatt alle Verantwortung an die Wohlfahrtsverbände abzutreten.106 Zehn Jahre später monierte er hingegen, dass viele Zeitungen durch ihre Weihnachtsaktionen den Eindruck vermittelten, „es bedürfe erst der Initiative einer Zeitung, um Not aufzuspüren und zu beheben, ja, Organisationen könnten persönliche Hilfen überhaupt nicht geben.“107 Zwar begrüßte er die Aktionen der Zeitungen, da es noch unbeachtete, einsame Menschen gäbe, auf welche die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gelenkt werden müsse. Häufig allerdings tendierten die medialen ‚Weihnachtswohltäter‘ dazu, die Wohlfahrtsverbände als ‚bürokratische Ungetüme‘ abzuwerten. Gegen diese Kritik setzteBorgmann sich zurWehr:DieVerbändebestündennicht ausKarteikästenund Schreibmaschinen, sondern würden von lebendigen Menschen getragen, die sich durchaus als Nächste zum notleidenden Nächsten fühlten und ihm in persönlicher Begegnung beistünden.108 Viel zu verändern schienen derartige Aufrufe aus den Fachkreisen nicht. Auch wenndas Sozialkabinett der Bundesregierung 1969 denVorschlag des Bundesarbeitsministers ablehnte, allenRentnern vorWeihnachten ein einmaligesÜberbrückungsgeld zu zahlen.109 Dies war vermutlich auch finanziellen oder bürokratischen Erwägungen geschuldet. Die Kommunen hatten beispielsweise spätestens seit der Rezession von 1966/67 Schwierigkeiten, ihre Haushalte auszugleichen. Gerade die Mittel der Sozialetats standen in der ‚Rotstifthierarchie‘ weit oben, wogegen die freien Wohlfahrtsverbände teilweise heftig protestierten.110 Fest steht hingegen, dass Medien, Personen des öffentlichen Lebens und einfache Bürger weiterhin regelmäßig vor Weihnachten ihre wohltätige Seite entdeckten. 105 Friedrich von Bodelschwingh: Alte und neue Aufgaben der Nichtseßhaftenhilfe, in: Der Wanderer 1963, S. 30–32. 106 Karl Borgmann: Das Siechtum der Barmherzigkeit, in: Caritas 56.7/8 (1955), S. 166–172. 107 Karl Borgmann: Aktionen von Zeitungen für Alte und Einsame, in: Caritas 66.1 (1965), S. 3–4. 108 Ebd. 109 Aus der SozialenWelt, in: NDV 50.1 (1970), S. 1–2. 110 Wohlfahrtsverbände zu den kommunalen Sparmaßnahmen, in: NB 18.2 (1967), S. 76. 452 6. Zur Ikonografie der Armut Schon 1961 hatte Peter Brügge in seinembereits zitierten Spiegel-Artikel ironisch vomAdvent als einer Zeit der ‚Konjunktur der mildenHerzen‘ gesprochen.111 Doch noch 1970 bemerkte der Beigeordnete für Soziales des DST in der hauseigenen Fachzeitschrift, dass sich die Bundesbürgerinnen und -bürger in der Vorweihnachtszeit leichter als sonst an Benachteiligte erinnerten.112 Offensichtlich hatte der lautstarke Einsatzmeist studentischer, links-alternativerKreise für die sogenanntenRandgruppen seit Ende der 1960er Jahre113wenig daran geändert, dass dieWeihnachtszeit einen besonderen Stellenwert für die Armutsberichterstattung einnahm. Weihnachtsaktionen gehörten bei vielen Zeitungen weiterhin zur gängigen Praxis, auch wenn festgestellt werden kann, dass die mediale Öffentlichkeit im Zuge der Studentenbewegung nicht nur zum Jahresende sensibler auf soziale Probleme reagierte.114 Insgesamt gehörte es für Personen des öffentlichen Lebens allerdings auch nach den vielfältigen Umbrüchen der 1960er Jahre zum guten Ton, sich in der Vorweihnachtszeit fürBedürftige zu engagieren.Beispielsweise bedankte sichdieBild-Zeitung Weihnachten 1971 bei den Unterstützern ihrer Spendensammlung mit denWorten: „Das war die schönste und größte Weihnachtsaktion, die es je in der Geschichte einer deutschen Zeitung gegeben hat. Danke. Heute ist Heilig Abend, und die gelben Lastwagen der Post bringen in diesen Stunden die letzten 5000 BILD-Geschenkpakete den einsamen, alten und bedürftigen Menschen überall in Deutschland.“115 Eine ganze Seite widmete das Blatt dieser Rückschau: Neben überschwänglichen Dankesworten an die Leser, kamen auch dankbare Spendenempfänger zuWort, die gängige Stereotype bedienten. Beispielsweise schrieb eine Frau, sie sei überglücklich über das Paket, da sie sich mit ihrer kleinen Rente nicht einmal ein Stück Kuchen leisten könne.Darüber hinaus zitierte dieZeitung die lobendenWorteRudiCarrells, der sich überzeugt zeigte, dass keine andere Zeitung in Deutschland in der Lage gewesen sei, derartig viele Geld- und Sachspenden aufzubringen. DerWDRwiederum berichtete in seiner Sendung „Hier undHeute“ imDezember 1972 darüber, dass die Frau des Bundespräsidenten Heinemann im Ruhrgebiet 111 Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47; siehe Abschnitt 6.1. 112 Bernhard Happe: Ausländische Arbeitnehmer immer noch Gastarbeiter?, in: Der Städtetag 23.12 (1970), S. 613. 113 Vgl. Kapitel 5.3.3. 114 Vgl. Kapitel 5.1. 115 Danke, in: Bild Jg. 19 (24. Dez. 1971), S. 2. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 453 Bahnhofsmissionen besucht und diesen aus dem Sozialfonds des Bundespräsidenten finanzierte Weihnachtsgeschenke überbracht hatte.116 Die Praxis, sich in der Weihnachtszeit sozial zu engagieren, lebte auch in zahlreichen Privatinitiativen fort. Die Zeitungen berichteten darüber und trugen dadurch dazu bei, den kulturell geprägten Zusammenhang von Weihnachten und Nächstenliebe zu festigen. Trotz ihrer ab den 1960er Jahren zunehmend ablehnenden Haltungwandten sich auchdieWohlfahrtsverbändenicht explizit gegendiese Praxis: Die Fixierung auf Weihnachten lehnten die Verbände zwar ab, auf die gesteigerte Aufmerksamkeit für ihre Arbeit sowie die zusätzliche Unterstützung von Seiten der Bevölkerung wollten sie jedoch nicht verzichten. In Freiburg begrüßte die Caritas beispielsweise dieAktion einer Schulklasse, die aus eigenemAntrieb zuWeihnachten Geschenkpäckchen an die Behindertenwerkstätten des Verbandes schickte. In der Badischen Zeitung erschien hierzu einArtikel.117Aus demselbenGrund trugen auch die potentiellen Unterstützungsempfänger dazu bei, das Weihnachtsspendenritual am Leben zu halten. So wandten sich DDR-Bürger vielfach an westdeutsche Wohlfahrtsverbände, Kirchen und andere vielversprechende Stellen und malten das bevorstehendeWeihnachtsfest ohne westdeutsche Unterstützung als trist und entbehrungsreich aus, umdenvorweihnachtlichenPaketversand indie ‚Zone‘ anzukurbeln. ÜberRundfunkundFernsehenwurdedieseBotschaftweiterverbreitet. InderRegel zeigte die Strategie Erfolg.118 Zusammengenommen weisen die aufgeführten Beispiele darauf hin, dass das alljählich wiederkehrende Anschwellen der Armutsberichterstattung zur Weihnachtszeit trotz der zunehmenden Kritik innerhalb der Expertenkreise kaum Beeinträchtigung erfuhr. Zu stark war und ist diese Verhaltensweise bis heute in der bundesdeutschen Kultur verankert. ImHandeln der Sozialexperten hingegen ließen sich kleine Veränderungen beobachten: Selbst Autoren der Caritas-Zeitschrift begannen sich ab den 1960er Jahren über die vielen ‚Weihnachtswohltäter‘ zu empören, vor allem wenn diese von den Medien zu heroischen Einzelkämpfern stilisiert wurden. Die Wohlfahrtsverbände forderten hingegen Anerkennung für ihre ganzjährig geleistete Arbeit. Im Vergleich zur Buttersymbolik verhielten sich die Experten in Bezug auf die ‚Spendenkonjuktur‘ zu Weihnachten jedoch ambivalent, da sie trotz aller Kritik 116 Hier und Heute vom 19.12.1972, Beitrag „Frau Heinemann beschenkt Bahnhofsmission zu Weihnachten im Ruhrgebiet“, WDR-Archiv (Archimedes-Video-Datenbank), Nr. 10-5180. 117 Eine Initiative, der sich niemand entziehen kann, in: Badische Zeitung Jg. 27 (2. Nov. 1972). 118 Ilgen: Care-Paket, S. 114f. 454 6. Zur Ikonografie der Armut auf die zusätzliche Unterstützung von Seiten der Bevölkerung nicht verzichten wollten. Sie waren vielmehr froh darüber, dass überhaupt gespendet wurde. 6.2.2. Vom Almosen zum modernen Spendenwesen Auch die Spende war in Form des Almosens ursprünglich ein christliches Ritual. Dieses unterlag im Untersuchungszeitraum weit größeren Veränderungen als die ‚Weihnachtswohltätigkeit‘. Unter anderem stand dies in engem Zusammenhang mit der zunehmenden Professionalisierung der Wohlfahrtspflege seit den 1960er Jahren.119 Der Erste Weltkrieg bildete hierfür den Ausgangspunkt, denn damals begann die freie Wohlfahrtspflege ihre Sammlungsaktionen gezielt zu bewerben. Da einerseits viele neugegründete Organisationen unprofessionell arbeiteten und andererseits immer wieder Fälle von ‚Wohlfahrtsschwindel‘ bekannt wurden, folgte Anfang 1917 eine staatliche Reglementierung, um eine sinnvolle und zweckentsprechende Verwendung der Gelder zu gewährleisten. Die Länder waren dafür verantwortlich, jegliche öffentliche Sammlung zu wohltätigen Zwecken vorab zu prüfen und gegebenenfalls zu genehmigen oder zu verbieten.120 Nach 1945wurdedieBeschränkungdes Sammlungsrechts beibehalten, umdieÖffentlichkeit vor einerunüberblickbaren ‚Sammlungsflut‘ zu schützen. Jedes (Bundes- )Land führte einen Sammlungskalender ein, der in erster Linie die Spitzenverbände berücksichtigte und genau anzeigte, wann es den Verbänden jeweils erlaubt war, Sammlungsaktionen durchzuführen. Die freien Wohlfahrtsverbände, v.a. die Caritas, lehnten das Fortbestehen der staatlichen Aufsicht trotz Privilegien zunächst ab. Sie befürchteten zu starke Einschränkungen für ihre Arbeit. Denn den konfessionellen Verbänden war es beispielsweise lange Zeit nur gestattet, innerhalb kirchlicher Räumlichkeiten zum Spenden aufzurufen. Bis zum Beginn der 1960er Jahre setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass sich die Regelung des Spendenmarktes nur für neu entstehende Organisationen nachteilig auswirkte. Die Spitzenverbände selbst dagegen profitierten hierbei vom staatlichenWohlwollen. Als zu Beginn der 1960er immer mehr Stimmen laut wurden, welche das Sammlungsgesetz für unvereinbar mit demGrundgesetz hielten, setzten sich die Spitzenverbände daher für dessen Beibehaltung ein; als dies nichtmehr durchzusetzenwar, für einemöglichst vorteilhafte Neuregelung. Die Liberalisierung des Spendenmarktes ließ sich damit jedoch nicht 119 Siehe Kapitel 3.3. 120 Auts: Opferstock und Sammelbüchse, S. 84. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 455 mehr verhindern, was tiefgreifende Veränderungen in der Spendenwerbung nach sich zog.121 Nach Kriegsende hatten die beiden konfessionellen Verbände noch auf moderne Werbeformen verzichtet, obwohl es innerhalb der freien Wohlfahrtspflege bereits in den 1920er Jahren erste Ansätze in diese Richtung gegeben hatte. Diese waren jedoch umstritten. Die konfessionellen Fürsorgeexperten waren vielmehr der Meinung, dass die Menschen aus innerer Überzeugung spenden sollten und nicht, da sie zuvor mit Hilfe von Reklame manipuliert worden waren. Da die beiden Kirchen in der unmittelbarenNachkriegszeit stark anAutorität hinzugewonnenhatten, waren sie darauf zunächst auch kaum angewiesen. Der Nationalsozialismus war in den Augen der Kirchen eine Folge der Säkularisierung der deutschen Gesellschaft gewesen. Um einen Rückfall in totalitäre Strukturen zu verhindern, hatten sie die Rechristianisierung des ‚Abendlandes‘ gefordert und gesellschaftlichen Führungsanspruch erhoben. Wie die Historikerin Gabriele Lingelbach feststellte, spiegelte sich dieserAnspruch auch in vielen Sammlungsplakaten vonCaritas, Evangelischem Hilfswerk und InnererMission der späten 1940er und der 1950er Jahre wider. Christliche Ikonografie und autoritärer Duktus prägten die Plakate.122 Die führenden Mitglieder der AWO sprachen sich, wie im Zusammenhang mit der vonBundesinnenministerium angeregten ‚Winterhilfe‘ bereits erwähnt, generell gegen das ‚Ausarten‘ des ‚Sammelgedankens‘ aus. Vielmehr setzten sie darauf, die Bundesbürgerinnen und -bürger zur Selbsthilfe imNachbarschaftsverband zu erziehen.Unter anderem solltendieLeser der verbandseigenenZeitschrift durchBerichte über bereits geleisteteNachbarschaftshilfe zu eigener Initiative angeregtwerden.Die Arbeiterwohlfahrt sah sich im Vergleich zu den anderen Spitzenverbänden hier in einer Pionierrolle.123 121 ebd., S. 374f; Lingelbach:Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 359f; SozialpolitischeUmschau.Waswird aus den Sammlungen?, in: BdW 113.10 (1966), S. 305–306; Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAG) zur gesetzlichen Neuordnung des Sammlungswesens, in: NB 18.2 (1967), S. 71–76. 122 Auts: Opferstock und Sammelbüchse, S. 86, 429; Lingelbach: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 348- 351; ders.: Entwicklung des Spendenmarktes, hier: S. 260f; siehe auch Schildt: Zwischen Abendland und Amerika, v.a. S. 14-18. 123 Protokoll zur Vorstandssitzung am 01.12.1952 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Vorstandsprotokolle; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 17. und 18.01.1953 in Bonn, in: ders. (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 456 6. Zur Ikonografie der Armut Den eigenen Verband suchte der AWO-Vorstand dagegen über aktive Mitgliederwerbung zu stabilisieren und setzte dabei auch auf moderne Werbemethoden. So ließ er Mitte der 1950er Jahre einerseits einen Werbefilm drehen, der im Vorprogrammder Kinos laufen sollte: Der sachlich gehaltene Film stellte die ehrenamtliche Arbeit in derArbeiterwohlfahrtmitHilfe vonBeispielen dar.Andererseits beschloss der Vorstand, neben der bereits etablierten Fachzeitschrift Neues Beginnen ein separates Blatt unter dem Namen Unsere Arbeit einzurichten, das sich speziell an alle Helfer, Förderer undMitglieder der Arbeiterwohlfahrt richten und gleichzeitig einer positiven Selbstdarstellung nach Außen hin dienen sollte.124 Und 1957 richtete der Verband sogar ein Pressereferat ein, mit dem Ziel die Öffentlichkeitsarbeit zu verstärken.125 Seit den späten 1950er Jahren veränderte sich auch bei den konfessionellen Verbänden die Rhetorik der Spendenwerbung. Die Spendenplakate verwiesen immer seltener auf die Kirchen und ihre Institutionen. Auch zeigten sie kaummehr die potentiellen Spendenempfänger oder forderten mit eindeutigen Appellen wie ‚Hilf!‘ oder ‚Rettet die Familie‘ zum Geben auf. Sie rückten vielmehr die Personen in den Fokus, die von der Werbung angesprochen werden sollten: die potentiellen Spender. Als die staatliche Reglementierung öffentlicher Sammlungen im Laufe der 1960er Jahre immer weiter gelockert wurde und die freie Wohlfahrtspflege auf dem Spendenmarkt einem größeren Konkurrenzdruck ausgesetzt war, begannen die Verbände zunehmend aufmoderneWerbeformen zu setzen. Die ökonomischen Zwänge, welche die Befürworter der modernen Spendenwerbung seit den 1920er Jahren betont hatten, waren letztlich das ausschlaggebende Argument.126 Die Sammlungen,wie auch die zugehörigen Spendenaufforderungen, hatten sich zuvor durchaus als ritualisierteHandlungsabläufe gezeigt.WieRituale verwiesen sie auf anerkannte Kontexte, nämlich die christliche Pflicht zur Nächstenliebe sowie anerkannte Institutionen, in diesem Fall die Kirche. Wer aber die Regeln etablierter und standardisierter Handlungsabläufe verändert, geht nach Brosius et al. Risiken ein. Denn gezielte Ritualveränderungen ziehen häufig Konflikte nach sich. So ist es vorstellbar, dass die (konfessionellen) Wohlfahrtsverbände die modernen Formen 124 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 27.08.1955 in Bonn; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 30.05.1956 in Bonn; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 08.01.1956 in Bonn, alles in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 125 Hammerschmidt: Wohlfahrtsverbände in der Nachkriegszeit, S. 243. 126 Lingelbach: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 351; Auts: Opferstock und Sammelbüchse, S. 86, 379, 429. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 457 der Spendenwerbung nicht nur deshalb abgelehnt hatten, weil sie die Menschen nichtmanipulieren wollten, sondern auch, da sie davor zurückschreckten, bewährte Praktiken aufzugeben und dadurch potenziell weniger Spenden einzunehmen als bisher. Darüber hinaus kosteten gezielte Werbemaßnahmen zunächst einmal Geld und ihnen hing der Ruch des Kapitalistischen an. Der Konkurrenzdruck schien letztlich jedoch die größere Gefahr zu bedeuten.127 Der zunehmend werbende und im Gegenzug abnehmend befehlende Charakter der Spendenwerbung zeigte sich beispielsweise an den Slogans, denen der Caritasverband im Erzbistum Freiburg seine ‚Sammelwochen‘ im Laufe der 1960er Jahre jeweils unterstellte. Während 1963 mit demMotto ‚Der Mensch will behütet, nicht immer bloß geflickt sein‘ noch der Bedürftige im Vordergrund stand, war man zwei Jahre später bereits dazu übergegangen mit ‚Das Herz muß Hände haben‘, an den Helfer selbst zu appellieren. Gegen Ende des Jahrzehnts rückte dann mit ‚An andere denken – Hilfe schenken!‘ oder ‚Helfen macht froh‘ das Wohlbefinden des potentiellen Spenders ins Zentrum der Aufmerksamkeit.128 Darüber hinaus war zu beobachten, dass die Caritas in ihre Spendenaufrufe nun häufig Belege für ihre positive Leistungsbilanz einfügte. Die statistischen Zahlen schienen zu beweisen, dass große Teile der Gesellschaft von ihrer Arbeit und ihren Einrichtungen profitierten. Darüber hinaus griff beispielsweise ein Artikel in der Badischen Zeitung von 1964 kritischen Nachfragen der potentiellen Spender gezielt voraus, indem er die Frage ‚Wofür wird schon wieder gesammelt¿ zum Aufhänger einer Sammlungsankündigung des örtlichen Caritasverbandes machte und die Antwort gleich mitlieferte.129 Ein drittes Beispiel für die Verwendung moderner Werbemethoden und damit der Kommerzialisierung der Spendenwesens ist der Einbezug vonMarktforschungs- 127 Siehe: Brosius/Michaels/Schrode: Ritualforschung heute, hier: S. 16f. 128 „...nicht immer bloß geflickt sein“. Caritas-Haus- und Straßensammlung vom 16. bis 22. September, in: Mannheimer Morgen Jg. 18 (12. Sep. 1963); Caritas bittet: Das Herz muß Hände haben. Zur öffentlichen Haus- und Straßensammlung im Erzbistum Freiburg, in: Badische Zeitung Jg. 20 (8. Sep. 1965); Dem in Not geratenen Mitmenschen helfen. Spendenaufruf des Caritasverbandes, in: Mannheimer Morgen Jg. 23 (17. Sep. 1968); Niemand, der Not leidet, soll vergessen werden. Sammelwoche des Caritasverbandes der Stadt vom 27. September bis zum 3. Oktober, in: Badische Zeitung Jg. 26 (27. Sep. 1971). 129 Z.B. Antwort auf die Frage: „Wofür wird schon wieder gesammelt?“, in: Badische Zeitung Jg. 19 (13. Sep. 1964); Wenn die Caritas streiken würde... Kleine Bilanz der Leistungen zur Caritas Hausund Straßensammlung, in: Badische neueste Nachrichten Jg. 23 (18. Sep. 1968); Zuflucht für den hilfsbedürftigen Menschen. Aus Anlaß der Caritas-Sammlung vom 15. bis zum 21. September gibt der Verband einen Tätigkeitsbericht, in: Badische Zeitung Jg. 24 (14. Sep. 1969). 458 6. Zur Ikonografie der Armut ergebnissen in die ‚Produktgestaltung‘. Die seit 1949 in Zusammenarbeit der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege herausgegebenen ‚Wohlfahrtsmarken‘ waren unter dem Titel ‚Helfer der Menschheit‘ wichtigen Persönlichkeiten der deutschen Fürsorge, später gesellschaftlich bedeutenden Berufsgruppen gewidmet. Der Vertrieb der Marken stand unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, der Gewinn kam den Verbänden zugute.130 Bei den damit erzielten Einnahmen handelte es sich durchaus um größere Summen. Die Arbeiterwohlfahrt beispielsweise verkaufte von der Wohlfahrtsmarken- Serie 1956/57 1,7MioMarkenunderzielte damit einenReinerlös von rund 110.000DM. Um diesen für die Serie 1957/58 nochmals zu steigern, setzte ihr Hauptausschuss darauf, die Prämien, die die Verkaufsstellen erhielten, zu erhöhen sowie die Wohlfahrtsmarken selbst stärker und gezielter zu bewerben.Hierfür bat er die Bezirke um Rückmeldung, welches Webematerial sich als besonders wirksam erwiesen habe.131 Die Wohlfahrtsmarken-Serie des Jahres 1959 trug mit Szenen aus dem Märchen ‚Sterntaler‘ erstmals ein Motiv, das sich über die Fachkreise hinaus an die breitere Bevölkerung richtete. Die Bundesarbeitsgemeinschaft ließ die Wirkung der neuen Serie wie auch die allgemeine Motivation der Käufer mit Hilfe einer Umfrage des Allensbachinstituts überprüfen. Beachtenswert war vor allem das Ergebnis, dass maximal zwei Fünftel der etwa sechs Millionen Käufer unter anderem aus karitativen Beweggründen gehandelt hatten. Daneben spielte für den Erfolg der Marken der Sammelwert, aber auch ihre graphische Gestaltung und die Thematik der Serie eine wichtige Rolle. Darüber hinaus stellte das Institut fest, dass ihrenUmfragen zufolge ‚Rotkäppchen‘, ‚Schneewittchen‘ sowie ‚Hänsel und Gretel‘ die drei geläufigsten Märchen in Deutschland waren. Die Wohlfahrtsverbände ließen sich von diesen Ergebnissen leiten: Die Folgeserie widmete sich dem Märchen ‚Rotkäppchen‘; bis 1967 kamen neben ‚Schneewittchen‘ und ‚Hänsel und Gretel‘ noch verschiedene weitere bekannte Märchen zur Attraktivitätssteigerung der Marken hinzu.132 Die Liberalisierung des Spendenmarktes in den 1960er Jahren trug also zur Professionalisierung der Spendenwerbung bei.Wie Gabriele Lingelbach bereits feststellte, traten 130 Lingelbach: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 353, 359, 362; www.wohlfahrtsmarken.de/ ueber-uns/geschichte/, Stand: 24.05.2018. Ein Vorstandsprotokoll der Arbeiterwohlfahrt vom November 1948 zeigt aber, dass es schon früher Wohlfahrtsbriefmarken gegeben haben muss. Protokoll zur Vorstandssitzung der Arbeiterwohlfahrt am 14.11.1948, in: AWO (Hrsg.): Vorstandsprotokolle. 131 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 14.5.1957, in: ders. (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 132 Institut für Demoskopie Allensbach: Wohlfahrtsmarken, S. 7, 10, 13, 22. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 459 Bibelzitate und religiöse Bildprogramme darüber hinaus aufgrund der allgemeinen Entkirchlichung der bundesrepublikanischen Gesellschaft und der Loslösung von christlichenTraditionen in denHintergrund. Versprach der Bezug auf ursprünglich christliche, nun aber verstärkt kulturelle Traditionen allerdings höhere Spendeneinnahmen, griffen die Verbände gerne auf diese zurück. So führten sie 1969 zusätzlich zu den ganzjährig erhältlichen ‚Wohlfahrts-‘ die sogenannten ‚Weihnachtsmarken‘ ein – wieder setzte man auf die saisonale ‚Spendenkonjuktur‘. Diese zielten im Gegensatz zu den 1950er Jahren nichtmehr auf die ‚Erziehung‘ der Bundesbürgerinnen und -bürger zurNächstenliebe, sondern auf denZugewinnneuerKäufergruppen.133 Dennoch war beispielsweise der Caritasverband noch Ende der 1960er Jahre darum bemüht, auf die Gestaltung der Wohlfahrtsmarken dahingehend einzuwirken, dass diese weiterhin nicht nur die Maximierung potentieller Spenden zum Ziel hatten, sondern auch die christliche Botschaft karitativer Arbeit vermittelten. So hielt der Caritasdirektor von Trier 1967 auf der Sitzung der Sachbearbeiter für Wohlfahrtsmarken bei denDiözesan-Caritasverbänden einReferat, in dem er betonte, dass eine guteWerbungnicht nur denmateriellenVorteil zumZiel habendürfe, sondern auch die Möglichkeit nutzen müsse, Informationen über die ‚kirchliche Liebestätigkeit‘ zu geben.134 Ab den 1960er Jahren prägten neben Plakaten und Zeitungsanzeigen nicht zuletzt auch Fernsehsendungen die Spendenwerbung und damit zugleich die Armutsvorstellungen. Sammelaktionen aus karitativen Zwecken hatten damals bereits sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen eine gewisse Tradition. Die Nordische RundfunkAGhatte beispielsweise inHamburg bereits im Juli 1923 eine Sammelaktion durchgeführt und dabei umGeld- und Sachspenden für Kriegsblinde geworben. Ebenfalls in Hamburg hatte sich der Nordwestdeutsche Rundfunk 1948 zunächst für notleidende Studenten engagiert, fünf Jahre später für die Unterstützung von Flüchtlingen aus der DDR. Als Beispiele für Hilfssendungen, die über das Fernsehen verbreitet wurden, wären eine großangelegte Sammelaktion für Heimatvertriebene zu nennen, die der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart zu Weihnachten 1953 organisiert hatte, oder auch eine unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident 133 Lingelbach: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 353, 359, 362, 364; www.wohlfahrtsmarken.de/ wohlfahrtsmarken/markenchronik/, Stand: 24.05.2018. 134 Caritas-Werbung durchWohlfahrtsmarken, in: Caritas 68.6 (1967), S. 299–301. 460 6. Zur Ikonografie der Armut Theodor Heuss stehende Spenden-Kampagne des Nordwestdeutschen Rundfunks zugunsten der Krebsforschung und der Krebsbekämpfung von 1954.135 Eine Besonderheit waren die sogenannten Soziallotterien. Auch sie hatten eine bis in dieWeimarerRepublik zurückreichendeTradition. So hatte dieArbeiterwohlfahrt bereits 1925 ihre erste eigene Lotterie veranstaltet, um mit dem Erlös soziale Dienste zu finanzieren.136 Die erste Fernsehlotterie war die Sendung „Ferienplätze für Berliner Kinder“, später bekannt unter dem Namen „Ein Platz an der Sonne“. Mit Hilfe der Erlöse der ersten Sendung vom April 1956 konnten 50.000 Berliner Kinder indie Ferien geschicktwerden.137Noch erfolgreicherwardie heuteunter dem Namen „AktionMensch“ bekannte Sendung „Aktion Sorgenkind“.Unter demEindruck des Conterganskandals hatte das ZDF 1964 die Gründung des gleichnamigen Vereins angeregt, dem auch die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege angehören.138 Hans Mohl, der Redaktionsleiter des ZDF, rief die Zuschauer erstmals am 9. Oktober 1964 vor laufender Kamera zum Spenden auf. Die Sendung wurde direkt imAnschluss an dieUnterhaltungssendung „Vergißmeinnicht“ – ein vonPeter Frankenfeld moderiertes Ratespiel mit Lotteriecharakter – ausgestrahlt. Sowohl die Lotterieerlöse als auchdie Spenden solltenderBehindertenhilfe zugute kommen. Es profitierten also nicht nur die sogenannten Contergan geschädigten Kinder, sondern beispielsweise auch geistig behinderteMenschen und ihre Familien.139 Insbesondere die ‚ungeschminkten‘ und ‚aufrüttelnden‘ Fernsehbilder, die die Lebenssituation 135 Naße: Charity-TV, S. 1. Sammelaktionen unter die Schirmherrschaft von Politikern oder anderen wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu stellen, war und ist in der Spendenwerbung eine gängige Praxis. Sie diente nicht nur dazu, dieWichtigkeit der beworbenenHilfsaktion, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Sammlungsinitiatoren zu unterstreichen. Siehe z.B. Bild bittet: Helft diesen Kindern. 4000 „Contergan“-Kinder leben mitten unter uns – Sind sie vergessen?, in: Bild Jg. 14 (16. Juli 1965), S. 8. 136 http://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/hilfsorganisationen/ arbeiterwohlfahrt-international/awo-eine-idee-schreibt-geschichte/, Stand: 24.05.2018. 137 http://www.fernsehlotterie.de/informieren/historie/1948-bis-1959/, Stand: 14.12.2016. 138 Budde: 50 Jahre Lebenshilfe, S. 15. Der Verein überwacht die ordnungsgemäße Mittelvergabe. Die Geschäftsführung des Vereins wiederum obliegt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Siehe aktuelle Satzung der Aktion Mensch: http://www.aktion-mensch. de/ueberuns/organisation/satzung, Stand: 14.12.2016. 139 http://www.aktion-mensch.de/ueberuns/chronik-detail.html#abschnitt- 1964-1973, Stand: 14.12.2016. Siehe auch:Naße: Charity-TV, S. 51; 6,3Millionen für Sorgenkinder, in: Caritas 67.2 (1966), S. 65. 6.2. Rituale und Ritualisierungen 461 von Menschen mit Behinderung illustrieren sollten, regten zu unerwartet hoher Spendenbereitschaft an. Statt den erhofften 200.000 DM spielte bereits die erste Sendung über eine halbe Million DM ein.140 Der Lotteriecharakter dieser Sendungen regte die Geberfreudigkeit der Fernsehzuschauer zusätzlich an. Zudem umgingen die Veranstalter dadurch eine Genehmigungspflicht durch das Sammlungsrecht.141 In der Folge avancierte die Sendung „Aktion Sorgenkind“ in Kombination mit der Unterhaltungsshow und Fernsehlotterie „Vergißmeinnicht“ zum Synonym für TV-Charity-Sendungen verschiedenster Art, auch wenn sie seit ihrer Erstausstrahlung 1964 mehrfach abgewandelt wurde. So ersetzte das ZDF „Vergißmeinnicht“ 1969 durch die Lotterie „3 x 9“; 1974 ging dafür wiederum der spätere Showklassiker „Der große Preis“ erstmals auf Sendung.142 Zuletzt kam 1976mit dem „Spiel 77“ in Kombinationmit der Sendung „Glücksspirale“ eine weitere äußerst erfolgreiche Soziallotterie ins Deutsche Fernsehen. Deren Erlöse kamen zumTeil demDeutschen Sportbund zuGute, zumTeil gingen sie an dieWohlfahrtspflege mit dem Ziel der Förderung von Gesundheit und Rehabilitation.143 Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wurden die Soziallotterien zu wichtigen Finanzierungsquellen der freien Wohlfahrtspflege.144 Dennoch standen die Spitzenverbände demErfolg dieser Sendungenmit gemischtenGefühlen gegenüber. Einerseits profitierten sie davon, materiell wie auch ideell, andererseits rechneten sie dadurch mit Einbußen auf anderen Gebieten. So hieß es imAWO-Geschäftsbericht von 1969, dass die Durchführung von Sammlungen mit der Einführung der Fern- 140 Bialdyga: Eine Idee setzt sich durch, S. 7. 141 Sozialpolitische Umschau. Was wird aus den Sammlungen?, in: BdW 113.10 (1966), S. 305–306. 142 http://www.aktion-mensch.de/ueberuns/chronik-detail.html#abschnitt- 1964-1973bzw.1974-1983, Stand: 14.12.2016. 143 AWO (Hrsg.): Aus der Chronik der Arbeiterwohlfahrt 1969 bis 1979, hier: S. 207. Die Idee schien auf einen Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion zurückzugehen, die drei Jahre zuvor überlegt hatte, die von ihr propagierten Sozialstationen (siehe Kapitel 3.2.1) mit Hilfe einer Gebühr in Höhe von 10 Pfennig zu finanzieren, die auf jeden Lotto- und Tottoschein erhoben werden sollte. Dieser ‚Sozialgroschen‘ sollte einfach den bis dahin erhobenen ‚Olympia-Groschen‘ ersetzen. Siehe: Vorschläge der Kommission ‚Soziale Dienste‘ und des Planungsstabes der CDU/CSU-Fraktion vom 20.07.1973, ACDP, 7-001 8720. 144 Boeßenecker: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, S. 272. Das zeigt sich auch daran, dass 1966 von Seiten der Wohlfahrtsverbände unter Zuhilfenahme der Politik der Plan vorangetrieben wurde, eine Gemeinschafts-Fernsehlotterie unter dem Namen ‚Deutsche Hilfe‘ zu schaffen. Siehe: Niederschrift zur SitzungdesZVdesDCVam21./22.7.1966 inFreiburg,ADCV, 110.055, Fasz. 1966/3. 462 6. Zur Ikonografie der Armut sehlotterien schwerer geworden sei. Für einen Verband, der auf Straßen- und Haussammlungen angewiesen sei und nur über geringe Werbemittel verfüge, bedeute die Konkurrenz durch die Massenmedien daher eine erhebliche Beeinträchtigung seiner Möglichkeiten. Zugleich hob der Berichterstatter den positiven Effekt der Sendungen für die Wahrnehmung sozialer Probleme in der Öffentlichkeit hervor. Beispielsweise habe die „Aktion Sorgenkind“ erheblich dazu beigetragen, die Bedeutung der Behindertenhilfe im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.145 Auch die Führungsspitze des Deutschen Caritasverbandes betonte den großen ideellen Wert dieser Sendungen und freute sich über das große mediale Interesse an den sozialen Problemen, mit denen ihre Mitarbeiter tagtäglich konfrontiert waren.146 Gleichzeitig reagierte sie empfindlich auf Vorstöße der Medien, eigene Spenden- undUnterstützungsaktionen für die betroffenenGruppen zu entwickeln, denn implizit schienen die Medien der Wohlfahrtspflege dadurch die Kompetenz in diesen Fragen abzusprechen. Als die Bild-Zeitung im Sommer 1965 eine eigene Fernsehlotterie speziell für Contergan geschädigte Kinder forderte, verwies der Verband darauf, dass das Bundessozialhilfegesetz mit seinen Regelungen zur Behindertenfürsorge für diese Fälle zuständig sei. Darüber hinaus wollte der Caritasvorstand zukünftig die bisherigen Leistungen derWohlfahrtspflege auf diesemGebiet stärker herausstellen.147 Trotz allem hatten Soziallotterien eine große Wirkung auf bundesdeutsche Armutsvorstellungen. So trug die imZuge des Contergan-Skandals entstandene „Aktion Sorgenkind“maßgeblich zu einerVeränderungderWahrnehmung vonBehinderten in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bei. Drastischer als zuvor stellte sich hier das Problem derHerstellung vonChancengleichheit für benachteiligte Gruppen.148 145 Haar: Arbeiterwohlfahrt 1969, hier: S. 53. Bereits im Sommer 1959 war dem Vorstand der Arbeiterwohlfahrt aufgefallen, dass die von seinen Ortsgruppen veranstalteten Lotterien merkbar zurückgingen, da sie auf immerwenigerResonanz stießen.DieVermutung liegt nahe, dass der Erfolg der einen, moderneren Form der Soziallotterie mit demRückgang der anderen, althergebrachten in Zusammenhang stand. Siehe: Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses am 06.06.1959 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 146 Niederschrift zur SitzungdesZVdesDCVam21./22.7.1966 inFreiburg,ADCV, 110.055, Fasz. 1966/3. 147 Bild bittet: Helft diesen Kindern. 4000 „Contergan“-Kinder leben mitten unter uns – Sind sie vergessen?; Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 29./30.7.1965 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1965/3. Vgl. auch: Anton Oel: Hilfe für mißgebildete Kinder, in: Der Städtetag 15.12 (1962), S. 645–646; Lemke: Die Arbeiterwohlfahrt in der Berichtszeit, hier: S. 22. 148 Bialdyga: Eine Idee setzt sich durch, S. 1; Naße: Charity-TV, S. 51; Steinmetz: Die Contergan-Affäre, hier: S. 201. 6.3. Armutsvorstellungen und ikonografische Prägung 463 Insgesamtwurdendie Spendenaufforderungender bundesdeutschenWohlfahrtspflege seit den 1960er Jahren immer professioneller – im Falle der Arbeiterwohlfahrt aber auch die Mitgliederwerbung. Dadurch entfernte sich letztere immer mehr von ihrem Anspruch, eine Selbsthilfeorganisation zu sein. Theologische Argumentationsfiguren rückten seit dem Ende der 1950er Jahre in den Hintergrund, wohingegen die Interessen der potentiellen Spender größere Beachtung fanden. Auch die Bedürftigen selbst traten demgegenüber zurück. Zum einen war dies dem grö- ßeren Konkurrenzdruck geschuldet, zum anderen entsprach es auch allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen, wie der zunehmenden Fokussierung auf individuelle Bedürfnisse undder fortschreitendenEntkirchlichung.Dasmit demArmutsdiskurs eng verknüpfte Ritual des Spendengebens entfernte sich dadurch immer weiter von der religiösen Ursprungsmotivation. Als kulturelle Praktik blieb es jedoch erhalten, sei es aus Traditionsgründen, sei es um das eigene Wohlbefinden zu steigern – zumindest suggerierten dies die durchaus erfolgreichenWerbestrategien. Je stärker die freie Wohlfahrtspflege allerdings versuchte, das Spendenaufkommen durch moderne Werbeformen zu maximieren, umso schwerer fiel es ihr, ihrem weiterhin bestehenden Anspruch gerecht zu werden, zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung in Bezug auf Bedürftigkeit undWohltätigkeit beizutragen.149 6.3. Armutsvorstellungen und ikonogra sche Prägung Entgegen dem generellen Befund der Untersuchung, der eine Verschiebung der Wahrnehmung von Armut von materiellen Aspekten hin zu Fragen von fehlender Teilhabe diagnostiziert, erwiesen sich die Darstellungsweisen von Armut im Untersuchungszeitraum als relativ konstant. So avancierte die arme, alte Frau geradezu zu einer ‚Armutsikone‘ der Bundesrepublik. An diesem und anderen Beispielen offenbarte sich die Langlebigkeit mentaler Strukturen. Dennoch ließ die Art und Weise, wie die Bilder inszeniert wurden, Veränderungen erkennen, die auf einen Wandel von Armutsvorstellungen in Richtung Liberalisierung hindeuteten. So erschienen die Bedürftigen auf vielen Fotografien weniger als Opfer (‚würdige‘ Arme) beziehungsweise als Versager (‚unwürdige‘ Arme), sondern als eigenständige Akteu- 149 Vgl. Lingelbach: Entwicklung des Spendenmarktes, hier: S. 261; ders.: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 365. 464 6. Zur Ikonografie der Armut re. Sie wurden dynamischer und damit eigenverantwortlicher dargestellt. Die These kann daher nicht lauten, Armutsvorstellungen von professioneller Wohlfahrtspflege und breiterer Öffentlichkeit widersprachen sich. Die Untersuchungsergebnisse verweisen vielmehr auf unterschiedliche Veränderungsgeschwindigkeiten. Die Ausweitung der Armutsvorstellungen auf den Aspekt der Teilhabegerechtigkeit schien also nicht nur in Expertenkreisen stattgefunden, sondern zeitverzögert auchAuswirkungen auf die Vorstellungen einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt zu haben. Für die sprachliche Darstellung von Armutsphänomenen liegt ein ähnlicher Befund vor: Der Stil der Fachzeitschriften wurde seit Anfang/Mitte der 1960er Jahre zunehmend sachlicher. Dementsprechend begannen die Experten genau dann damit, einen objektiveren Sprachstil zu pflegen, als sich die Soziale Arbeit professionalisierte. Wie Kapitel 3 gezeigt hat, kann die Professionalisierung des sozialen Bereichs wiederum als ein wichtiger Aspekt der Liberalisierung bundesdeutscher Armutsvorstellungen gewertet werden. Dennoch hat die Analyse der Sprachebene auch deutlich gemacht, dass einmal geprägte Metaphern und Symbole bei der Darstellung von Armutsthemen weiterhin eine Rolle spielten. Zwar trat auch hier die Religion als Referenz zurück. Das säkulare Bild der Randständigkeit allerdings erhielt, transformiert in der Vokabel der ‚Randgruppen‘, umso größere Bedeutung. Genauso erwiesen sich die beiden Symbole ‚Fernseher‘ und ‚Butter‘ als Armutsbeziehungsweise ‚Asozialitäts‘-Indikatoren als besonders langlegbig. Offenbar empfanden viele Sozialexperten ihre technisierte Sprache im Zusammenhang mit menschlichen Schicksalen selbst als unpassend beziehungsweise zu unemotional. InderFormelhaftigkeit überlieferterArmutsmetaphernund -symbole schienen sie auf der Affektebene dafür einen Ausgleich zu finden.150 Darüber hinaus liegt die Vermutung nahe, dass die breitere Öffentlichkeit als Adressatin genau diese überkommenen bildhaften Aussagen hören wollte. Dennoch wiesen die von den Sozialexpertenmaßgeblich beeinflussten Sozialgesetze, die wiederumdie soziale Wirklichkeit mitformten, in Richtung einer Liberalisierung des Armutsverständnisses im Sinne größerer Teilhabegerechtigkeit. Dass die Wirkungsrichtung aber auch umgekehrt verlaufen konnte, zeigte das Beispiel der ‚Sozialbutter‘. Der Streit um deren Einführung verdeutlichte, dass diese kollektiven Armutssymboliken eine in Fachkreisen bereits weiterentwickelte Sozialpolitik überlagern konnten. Trotz der zunehmenden Wertschätzung, die den Sozialexperten von Seiten der Politik und 150 Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 298. 6.3. Armutsvorstellungen und ikonografische Prägung 465 der Gesellschaft entgegenkam,151 besaßen sie nicht genügend ‚symbolische Macht‘, um ihre Interpretation derWirklichkeit durchzusetzen.Die ‚Langlebigkeitmentaler Strukturen‘152 stand dem entgegen. Auch in Bezug auf die untersuchten Rituale müssen die Ergebnisse differenziert betrachtet werden: Die Weihnachtszeit behielt über den gesamten Untersuchungszeitraum ihrebesonderePrägekraft für dieArmutsberichterstattung.DieWohlfahrtsverbände kritisierten dies zwar zunehmend, wollten aber auch nicht auf die zusätzlicheUnterstützung verzichten. Entsprechend verhielt es sichmit den Spendensammlungen. Auch hier schienen die Verbände der kulturellen Prägung ihrer potentiellen Geldgeber nicht zuwiderhandeln zu wollen. Gleichzeitig zeigten sich die spätestens seit den 1960er Jahren im deutschen Fernsehen etablierten Soziallotterien, die auf der über Jahrhunderte geprägten, religiösen Praktik des Almosengebens aufbauten, vor allem in Bezug auf die schwierige Situation vieler behinderter Menschen und ihrer Angehöriger als wichtige Impulsgeber für die Entwicklung eines öffentlichen Problembewusstseins und trugen damit zur Pluralisierung und Liberalisierung des bundesdeutschen Armutsverständnisses bei. Gegenläufige Beispiele werden daher als Hinweis auf die unterschiedlichen Veränderungsgeschwindigkeiten innerhalb des Armutsdiskurses gewertet, je nachdem ob es sich bei der jeweiligen Adressatin um die Fach- oder breitere Öffentlichkeit handelte. In die These einer generellen Liberalisierung des bundesdeutschen Armutsdiskurses, die je nach Ebene unterschiedliche Veränderungsgeschwindigkeiten aufwies, fügt sich auch die Beobachtung ein, dass die Spendenaufforderungen der bundesdeutschenWohlfahrtspflege immer professioneller wurden. Dabei rückten theologischeArgumentationsfiguren seit demEnde der 1950er Jahre in denHintergrund,wohingegen die Interessen der potentiellen Spender größere Beachtung fanden. Zum einen war dies dem größeren Konkurrenzdruck geschuldet, zum anderen entsprach es auch allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen, wie der zunehmenden Fokussierung auf individuelle Bedürfnisse und der fortschreitenden Entkirchlichung.153 Das mit dem Armutsdiskurs eng verknüpfte Ritual des Spendengebens entfernte sich dadurch immer weiter vom religiösen Akt. Als kulturelle Praktik blieb es jedoch erhalten. Damit zeigt dieses Beispiel ebenso wie die anderen untersuchten Elemente der ‚Ikonografie der Armut‘, dass der Einfluss der Kirchen auf Normen und Werte 151 Vgl. Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen, hier: S. 177f. 152 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 14. 153 Siehe Lingelbach: Entwicklung des Spendenmarktes, hier: S. 261. 466 6. Zur Ikonografie der Armut in säkularisierter Form zwar nachwirkte, letztlich aber immer weiter zurückging.154 Trotz der aufgezeigten gegenläufigen Tendenzen unterstützt die Untersuchung der Armusikonografie im ‚Wirtschaftswunder‘ damit insgesamt die These einer Liberalisierung bundesdeutscher Armutsvorstellungen während der ‚langen‘155 1960er Jahre. 154 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 260. 155 Siehe Kapitel 1.

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References

Zusammenfassung

Armut und Wirtschaftswunder – auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Begriffe. Auch die zeitgenössisch häufig verwendete Selbstzuschreibung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) bestärkt die Annahme, dass sich zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik kaum jemand mit dem Thema Armut auseinandergesetzt hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Armutsverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft genau in dieser Zeit stark veränderte: Es wurde vielschichtiger, demokratischer, liberaler. Zugleich erfuhr der Sozialstaat in diesen beiden Dekaden einen Ausbau ungeahnten Ausmaßes.

An diesem Punkt setzt die Studie an. In ihrer umfangreichen Analyse konzentriert sich Meike Haunschild auf Expertendiskurse und nimmt am Beispiel von Caritas und Arbeiterwohlfahrt zentrale Debatten der Wohlfahrtspflege in den Blick. Geleitet von der Frage, wie und warum sich die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptierten und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierten Formen sozialer Ungleichheit verschob, arbeitet sie Veränderungen im vorherrschenden Armutsverständnis heraus und zeigt dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Leistungen auf.