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5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit in:

Meike Haunschild

"Elend im Wunderland", page 325 - 410

Armutsvorstellungen und Soziale Arbeit in der Bundesrepublik 1955-1975

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4067-6, ISBN online: 978-3-8288-6906-6, https://doi.org/10.5771/9783828869066-325

Tectum, Baden-Baden
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Teil III. ... zwischen sozialen Veränderungen und mentalen Kontinuitäten 325 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit „Obdachlosigkeit ist der krasseste Ausdruck vonArmut in der sogenannten Wohlstandsgesellschaft.“1 Mit dieser Einschätzung brachten junge Sozialarbeiter die etablierte Fachwelt auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1973 in Aufruhr. Die Diskussionsgruppe Nr. 14, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit befasste, provozierte mit Thesen wie: Obdachlose dienten der Disziplinierung derer, die noch nicht obdachlos waren, es aber jederzeitwerden konnten.Oder:Die Sozialbürokratie verhindere durch dieVerwaltung der Obdachlosigkeit letztlich ihre Beseitigung. Wie in Kapitel 3.2.3 bereits dargelegt, waren damit nur die Personen gemeint, die in sogenannten Notunterkünften lebten. Menschen, die tatsächlich keine feste Unterkunft hatten, erhielten dagegen die Bezeichnung ‚Nichtsesshafte‘. Die Diskussionsgruppe Nr. 14 kritisierte außerdem die Organisation des Fürsorgetages. Sie unterstellte dem Deutschen Verein als Veranstalter, dass er denDiskussionsgruppen absichtlich ungeeigneteRäume zugewiesen habe, um den Austausch über die im Arbeitsalltag auftretenden Konflikte unmöglich zu machen und eine öffentliche Thematisierung der Probleme zu verhindern.2 Dabei hatten sich dieVerantwortlichen desDV seit demvorangegangenen Fürsorgetag von 1969 intensiv damit befasst, eine den Bedürfnissen der Zeit entsprechende neue Organisationsform zu finden. Denn in den 1960er Jahren war zunehmend Unmut darüber aufgekommen, dass Vorträge den Hauptteil der Tagung ausmachten. Auch war die traditionelle Aufteilung in Arbeitsgruppen wegen der großen Teilnehmerzahlen infolge des Ausbaus und der Professionalisierung des sozialen Bereichs nicht mehr praktikabel erschienen. In Gruppen mit bis zu 600 Personen war einDialog unmöglich geworden. Vor allem die jüngerenTeilnehmer hatten sich 1 Petersen: Gesamtbericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, S. 505. 2 Bericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, in: NDV 53.12 (1973), S. 350–362. 327 328 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit nicht mehr in eine ‚Konsumentenrolle‘ hineindrängen lassen wollen und deshalb mehr gesellschaftskritische Diskussion verlangt.3 Der DV reagierte bei der Vorbereitung der Veranstaltung von 1973 auf diese Vorwürfe – durch die Umstrukturierungen kam es unter anderem auch zu der langen Pause von vier Jahren. Vorher hatte der Deutsche Fürsorgetag im zweijährigen Turnus stattgefunden. Statt aneinandergereihterVorträge gab es nun Informationsgruppen; dieArbeits- waren kleinerenDiskussionsgruppen gewichen, in denen vor allem in der Praxis tätige Sozialarbeiter zuWort kommen sollten, weniger die Theoretiker der SozialenArbeit. Die Räumlichkeiten, bekannte der geschäftsführendeVorstand nach der Veranstaltung, seien zu seinem Bedauern tatsächlich unzureichend gewesen, was jedoch in keiner Weise beabsichtigt gewesen sei.4 An diesem Beispiel zeigte sich deutlich die aufgeladene Stimmung innerhalb der sozialen Fachkreise zu Beginn der 1970er Jahre. „Soziale Arbeit im sozialen Konflikt“ – wie treffend sie das Leitthema des Fürsorgetages von 1973 ausgewählt hatten, könnendieVeranstalter kaumvorausgesehenhaben. So offenbarten sich auf derTagung erstmals linksalternativeModellvorschläge.5 Die bedeutendste bundesdeutsche Fachtagung für den sozialen Bereich hatte schon immer denAnspruch gehabt, die brennendsten Themen innerhalb der öffentlichen und freienWohlfahrtspflege aufzugreifen. Auch 1973 war der Deutsche Verein auf der Höhe der Zeit. Mit seiner Aufforderung, die Stellung der Sozialen Arbeit in den Zeiten sozialer Spannungen eingehender zu diskutieren, reagierte er auf die Veränderungen, die seit Ende der 1960er Jahre eingetretenwaren. ImZuge der 68er-Bewegung zeigten sich insbesondere viele Studenten darüber empört, dass es in der bundesdeutschenWohlstandsgesellschaft noch immerMenschen gab, die sozial ausgegrenzt waren und ‚amRande der Gesellschaft‘ unter oft menschenunwürdigen Bedingungen lebten. Neben Heimkindern und Insassen von psychiatrischen Anstalten gerieten dabei vor allem die Bewohner von Obdachlosensiedlungen in den Blick der Öffentlichkeit. Dabei handelte es sich bei der Protestbewegung der 68ermit denWortenManfredGörtemakers „nicht um 3 BernhardHappe: Deutscher Fürsorgetag 1969 in Essen, in: Der Städtetag 23.1 (1970), S. 24–25. Siehe auch: Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 06.04.1970 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1970/2. 4 Bericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, in: NDV 53.12 (1973), S. 354–356; Ernst Ditton: Fürsorgetag 1973 in neuem Stil, in: BdW 121.1 (1974), S. 28–29; Petersen: Gesamtbericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, S. 1f. Siehe auch: Willing: Der Deutsche Verein, hier: S. 193. 5 Ebd., hier: S. 193. 329 eine Rebellion aus Armut oder sozialer Benachteiligung, sondern um das Aufbegehren vonAngehörigen des Bildungsbürgertums bzw. derMittelschicht, die sich in ihren Aktionen weniger von unmittelbaren materiellen und ökonomischen Interessen als von relativ autonomen ‚moralischen und ideologischen Betrachtungen‘ leiten ließen“.6 Die auf eine Sozialrevolution abzielenden studentischenAnführer der 68er-Bewegung sahen Görtemaker zufolge die unter dem Begriff ‚Randgruppen‘ subsummierten Personen als ‚revolutionäre Subjekte‘ an undwaren deshalb an diesen besonders interessiert.7 Anfang der 1970er Jahre erschienen zahlreiche, meist populärwissenschaftliche Bücher, Reportagen und Fernsehbeiträge, welche die Randgruppenthematik explizit aufgriffen. Der Begriff ‚Armut‘ avancierte dabei zu einem Kampfbegriff der gesellschaftskritischen neuen Linken, fand so aber auch wieder zurück in den allgemeinen Sprachgebrauch. Gleichzeitig wurde seine Bedeutung vielschichtiger.8Dasbedeutet, dieLiberalisierungderArmutsvorstellungen fiel zeitlichmit dem politisch-medialen In-Erscheinung-Treten der ‚Generation‘ der 68er zusammen. Seit den 1990er Jahren widmen sich Historiker, die zu den gesellschaftlichen Umbrüchen Ende der 1960er Jahre forschen, nicht nur der relativ kurzen Periode der 68er-Bewegung, die imWesentlichendenEreignisgipfel der außerparlamentarischen Revolte von 1967 bis 1969 umfasste. Immer stärker wird seither der gesellschaftliche Kontext der Unruhen um 1968 in den Blick genommen. Bewusst vermeidet es diese Forschung, die Jahreszahl ‚1968‘ zu verwenden,9 denn diese normativ stark aufgeladene Chiffre könnte zu Missverständnissen führen und den Blick auf den Einfluss der sozialen und kulturellen Umbrüche der ‚langen‘ 1960er Jahre10 verstellen.11 Aussichtsreicher scheint daher derAnsatz zu sein, ‚1968‘ unter generationellenAspekten zu betrachten. 6 Görtemaker: Geschichte der BRD, S. 476. 7 Ebd., S. 481. 8 Interview mit Jürgen Roth vom 3.11.2011. Siehe auch: Herbert E. Colla: Armut im Wohlfahrtsstaat, in: Neues Hochland Jg. 64 (1972), S. 2–18; Helmut Wetzel: Gestaltwandel der Not, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 304–306; Wolfgang Brinkel: Die soziale Situation der Armen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Die Mitarbeit 24.2 (1975), S. 182–192. Vgl. Hauser/Neumann: Armut in der BRD, hier: S. 239f. 9 Z.B. Schildt/Siegfried/Lammers: Einleitung, hier v.a. S. 13. 10 Gemeint sind damit die Jahre von etwa 1958-1973. Siehe Siegfried: Trau keinem über 30, hier: S 25. 11 Gassert: Das kurze „1968“(URL: www.hsozkult.de/literaturereview/id/ forschungsberichte-1131, Stand: 3.6.2018). 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit 330 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Zwar ist esmittlerweileKonsens der historischenGenerationsforschung, dass sich das Generationenkonzept nicht dazu eigne, langfristige politische oder gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu untersuchen. Denn von übereinstimmenden Einstellungen undWeltbildern, die eine Generation verbinden, führt mit denWorten von Andreas Schulz und Gundula Grebner kein direkter Weg zu späteren politischen Handlungsoptionen. Dennoch eröffnet das Generationskonzept neue Ansatzpunkte, um historischenWandel durch das Aufzeigen generationsspezifischer kultureller Prägungen und Verhaltensweisen sichtbar zu machen. Darüber hinaus könne eine Generation, sofern sie sich selbst als solche identifiziere, durchaus dazu beitragen, historischen Wandel zu beschleunigen. Denn ideell hochintegrierte Gruppen dynamisierten ihr Handlungspotential und erhöhten ihre Durchschlagskraft, indem sie ihre Aktionsfelder als Generationsprojekte historischer Dimension betrachteten.12 Ein solches generationelles Zusammengehörigkeitsgefühl attestiert Ulrich Herbert insbesondere der Generation der in den 1940er Jahren Geborenen, den sogenannten ‚68ern‘. Die große Bedeutung dieser in der Hochphase der Neuen Linken aktiven Studentengeneration der mittleren 1960er bis mittleren 1970er Jahre sei darauf zurückzuführen, dass sie es verstand, politisch-kulturelleÜberzeugungen zur Mentalität einer Jugendkultur zu stilisieren. Denn diese Verbindung habe es dem Einzelnen erlaubt, sich den Zielen undWerthaltungen der politischenReform- und Liberalisierungsbewegung anzuschließen, ohne sich je näher damit beschäftigt zu haben.13 Gleichzeitig betontHerbert, dass nicht die 68er, sondern die 45er-Generation die prägendste des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Denn ihre Vertreter seien es gewesen,welche seit Beginn der 1960er Jahre dieOrientierung an denLeitbildern der Jahrhundertwende aufbrachen und damit nach der institutionellen Demokratisierung und der außenpolitischen Westorientierung die innere Liberalisierung und Demokratisierung derGesellschaft nachzuholen begannen–nicht auf revolutionäre,wohl aber auf kontinuierlich-pragmatische, die bürgerlichen Umgangsformen wahrende Weise.14 In den 1970er Jahren habe sich dieser latente Trend dann auf breiter Front durchgesetzt. Die 68er-Generation habe hierzu beigetragen, insbesondere in Bezug auf die 12 Schulz/Grebner: Generation und Geschichte, hier: S. 11, 22, vgl. 23; siehe auch Herbert: Drei Generationen, hier: S. 113f; vgl. Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S.13f. 13 Herbert: Drei Generationen, hier: S. 109, 111; siehe v.a. auch: Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 189. 14 Herbert: Drei Generationen, hier: S. 107-109; vgl. Bude: 50er Jahre, hier: S. 157f; siehe auch Frese/ Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels, hier: S. 3. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 331 Bereiche Sexualität, Familie undGeschlechterrollen.Vor allem sei die 68er-Generation aber Ausdruck und Sinnbild dieses bereits ein Jahrzehnt zuvor einsetzenden historischenWandels.15 Dies zeige sich in ihrer Sprache, ihremGestus, ihremHabitus und ihrer Haltung, die sich wesentlich von denen ihrer Vorgängergenerationen unterschieden.16 Gerade diesen vermeintlich weichen Faktoren politischen Handelns beziehungsweise demveränderten ‚politischenVerhaltensstil‘17 schreibtwiederumJens Ivo Engels eine besondere Bedeutung für die damaligen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zu, die seinerMeinung nachweniger von radikalemWechsel als durch eine Pluralisierung geprägt waren.18 Trotz der aufgezeigten Probleme, die das Generationenkonzept aufwirft, konzentriert sich das folgende Kapitel auf die Frage nach dem Einfluss unterschiedlicher (Fürsorge-)Generationen auf die Wahrnehmung von und den Umgang mit Armut und sozialer Ungleichheit. Am Beispiel der Obdachlosenproblematik soll dabei aufgezeigt werden, inwiefern sich die Aufmerksamkeit für sozial benachteiligte Gruppen seit dem Ende der 1960er Jahre erhöhte und die Debatten politisch aufgeladen wurden. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung seit Mitte der 1950er Jahre war die Nachkriegsnot als weitgehend überwunden angesehen worden. Armut wurde in der Folge im öffentlichen Diskurs weniger als gesellschaftliches Problem wahrgenommen denn als individuelles. Laut Richard Stang waren die Armen so zunehmend selbst für ihre Situation verantwortlich gemacht worden. Damit sei Armut aus dem öf- 15 Herbert: Drei Generationen, hier: S. 110, 113f; siehe dazu auch Saldern: Von der „guten Stube“ zur „gutenWohnung“, hier: S. 250. 16 Vgl. Bude: 50er Jahre, hier: S. 157f; Schulz/Grebner: Generation und Geschichte, hier: S. 12. 17 Hinter Engels’ Begriff des ‚politischen Verhaltensstils‘ verbirgt sich ein Instrumentarium, welches Historikern helfen soll, die vermeintlich weichen Faktoren politischen Handelns aufzudecken. Gemeint sind damit die Handlungsroutinen und unausgesprochenen Botschaften einer politischen Bewegung oder eines Verbandes. Dabei geht Engels davon aus, „dass der politische Stil die Handlungsmargen eines Akteurs markiert und dessen Erfolgsaussichten beeinflusst“. Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 184. 18 Ebd., hier: S. 184-189. 332 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit fentlichen Bewusstsein verschwunden.19 Allerdings galten alte Menschen undMenschen mit Behinderung in den 1960er Jahren als besonders hilfsbedürftig. Beide Themen waren nicht nur in den Fachkreisen, sondern auch in der Öffentlichkeit präsent. Sozialexperten wie Politiker erkannten darüber hinaus, dass einige Formen ‚sozialer Randexistenz‘ trotz wachsenden Wohlstands und dichteren Sozialnetzes kaum beeinflusst wurden. Hatten sie Anfang der 1950er Jahre die Existenz von Obdachlosen beziehungsweise sozial und wirtschaftlich Abgehängten noch aus den Kriegsfolgen heraus erklärt, wurden diese Phänomene zehn Jahre später häufig als ‚Verschleißerscheinungen‘ der Leistungs-, Konsum- und Wohlstandsgesellschaft gewertet. Danebenwurde aber oft auf endogene Persönlichkeitsschwächen der Betroffenen verwiesen.20 Aber nicht nur deshalb sollte die gängige Forschungsmeinung hinterfragt werden, derzufolge Armut in den ‚Wirtschaftswunderjahren‘ allgemein als überwunden gegolten habe und verdrängt worden sei,21 sondern auch aufgrund der erstaunlich großen Medienpräsenz des Themas, v.a. in Bezug auf Obdachlosigkeit.22 Über die Situation der Bewohner vonObdachlosensiedlungen undNichtsesshaften berichteten Presse und Fernsehen bereits vor 1968 – und zwar nicht nur in der DGB-ZeitungWelt der Arbeit, in der 1961 unter demTitelTrotz Wirtschaftswunder obdachlos sogar eine ganze Artikelserie erschien.23 Auch die Zeit, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder der Spiegel publizierten während der gesamten 1960er Jahre zudiesenThemen.Dabei verwiesenbereits symbolträchtigeTitelwie IhrHaus ist ein Wagen, der nicht mehr fährt24 auf das Abgehängtsein der Obdachlosen vom gesellschaftlichen Fortschritt; ebenso wie Nachts, wenn die Ratten kommen25 als eine Anspielung aufWolfgang Borcherts KurzgeschichteNachts schlafen die Ratten 19 Stang: Armut und Öffentlichkeit, hier: S. 580. 20 Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 388. 21 Siehe Stang: Armut und Öffentlichkeit, hier: S. 580; vgl. Buhr u. a.: Armutspolitik; Leibfried/et al.: Zeit der Armut, v.a. S. 11f, 233f; Ostner: Armutsbegriffe imWandel, hier: S. 33. 22 Vgl. auchMalik: Armut in denMedien. 23 Ann Thönnessen: Pennbrüder ziehen durchs Land. Sie haben den Boden unter den Füßen verloren und warten auf bessere Zeiten, in: WdA 12.31 (1961), S. 5; Ann Thönnessen: Viele hausen noch in Notunterkünften. Schicksale in unserer Zeit, in: WdA 12.32 (1961), S. 5; Ann Thönnessen: Oft gehts nur mit Zwangsräumung. Bewohner von Primitivbauten wollen in den meisten Fällen keine neue Wohnung, in: WdA 12.35 (1961), S. 5. 24 IhrHaus ist einWagen, der nicht mehr fährt. Der Pater sagt, nur die wenigsten von denen, die heute noch keine Wohnung haben, seien asozial, in: Die Zeit 15.1 (1960), S. 5. 25 Nachts, wenn die Ratten kommen. Ein Köllner Schandfleck: das Wohnwagenlager in Zollstock, in: Die Zeit 21.16 (1966), S. 15. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 333 doch gedacht schien und damit vermutlich Erinnerungen an die längst überwunden geglaubtenProblemederKriegs- undNachkriegsjahrewecken sollte.26Vielleichtweniger erstaunlich sind die Beispiele aus der christlichen Presse, die mit Überschriften wieArbeitslos – mittellos – obdachlos27, ‚Tippelbrüder‘ sollen wieder seßhaft werden28 undAußenseiter im Rennen29 das gesamte Spektrum der Obdachlosenproblematik beleuchteten. Abernicht nurder aufmerksameZeitungsleser, sondern auchdie Fernsehzuschauer bekamen immer wieder Berichte über Barackensiedlungen, Notwohnungen und ‚Tippelbrüder‘ zu sehen; diese reichten von Abendschau-Beiträgen mit wenigen Minuten Länge bis hin zu einstündigen Reportagen. Hinter Titeln wie Elendsquartiere30 oder Flucht auf die Landstraße31 verbargen sich nicht nur Berichte, die Obdachlose als ‚Asoziale‘ diffamierten. Viele bemühten sich um eine differenzierte Darstellung. Gleichwohl gab es auch sehr einseitige Berichterstattungen, in die nega- 26 Dass die Schrecken der Nachkriegszeit im kollektiven Gedächtnis mit Wolfgang Borcherts Kurzgeschichten verbunden waren, zeigt auch ein Artikel zur Armutsthematik von 1959. Walter Adloch: Wo sind die Armen?, in: Die Mitarbeiterin 10.4 (1959), S. 98–103. Weitere Beispiele aus der Presse siehe z.B. Elendsquartiere, in: Die Zeit 15.44 (1960), S. 7; Ein Fleck der Schande. Obdachlose – die Außenseiter der Wohlstandsgesellschaft, in: Die Zeit 20.12 (1965), S. 14; Lilo Weinsheimer: Im Hotel de la Beton. Gespräche in Bremens Bunker-Wohnheim, in: Die Zeit 21.15 (1966), S. 13; 300 000 Tippelbrüder, in: FAZ 12.295 (1960), S. 17; Dreihunderttausend auf ständiger Wanderschaft. Die Hälfte der „Nichtseßhaften“ in der Bundesrepublik kommt aus der Zone, in: FAZ 13.207 (1961), S. 6; Zwielichtig – aber untentbehrlich. Bei Morgengrauen in der Vermittlungsstelle am Osthafen / Alkoholiker und Asoziale / Polizeistreife verhindert Kravalle, in: FAZ 16.4 (1964), S. 12; Zwischen Warten undWandern. DieNichtseßhaften folgen denUrstromtälern. Sie kommen ins Karl-Wagner- Haus, in: FAZ 16.132 (1964), S. 18; Petra Michaely: Und finden keine Herberge? Arbeiten statt Almosen. Bericht über die Nichtseßhaften, in: FAZ 19.274 (1967), S. 18; Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47; Das Prestige muss gewahrt werden. SPIEGEL-Report über die Armut in der Bundesrepublik, in: Der Spiegel 19.50 (1965), S. 81–95. 27 Arbeitslos – mittellos – obdachlos. Warum noch überfüllte Wandererherbergen? Berliner Mauer wirkt sich aus, in: Rheinischer Merkur 17.41 (1962), S. 9. 28 „Tippelbrüder“ sollen wieder seßhaft werden, in: Hand am Pflug 1963, S. 8–10. 29 Außenseiter im Rennen, in: Kontraste 3.12 (1963), S. 34–37. 30 Abendschau Rheinland-Pfalz vom 07.12.1957, Beitrag Elendsquartiere, SWR-Archiv Baden-Baden, Nr. 56002115. 31 Flucht auf die Landstraße, Sendetermin am 07.08.1962 in der ARD, SWR-Archiv Baden-Baden, Nr. 6757. 334 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit tive32 wie auch in die positive Richtung.33 Einige Sprecher äußerten aber zumindest unterschwellig Kritik an der Gesellschaft und wiesen nicht allein den Obdachlosen die Schuld für ihre problematische Situation zu.Dennochwar die Berichterstattung nicht frei von Vorurteilen. Deutlich wird die zwiespältige Haltung der Medien an folgendem Beispiel. Kurz vor Weihnachten 1963 strahlte die ARD eine knapp zehnminütige Reportage über Hilfsprogamme in Obdachlosensiedlungen aus. Darin hieß es: „Viele dieser oft charakterschwachen Bewohner sind Opfer unserer komplizierten Gesellschaft, die sie nicht mehr begreifen können.“34 In der Hauptaussage dieses Satzes waren die Obdachlosen Opfer der modernen Industriegesellschaft; einer komplizierten Gesellschaft, geprägt von Leistungsorientierung und stetigem Wandel. Durch das Adjektiv ‚charakterschwach‘ wies der Reporter den Bewohnern dieser Siedlungen eineMitschuld an ihrer Situation zu, denn eine ‚Schwäche‘ gilt grundsätzlich als überwindbar, wenn der Betroffene genügend Willenskraft aufbringt. Gleichzeitig konnte die Formulierung auch als Anklage an dieGesellschaft aufgefasstwerden:DenObdachlosen sei es in dieser Lesart aufgrund ihrer psychischen Konstitution überhaupt nicht möglich gewesen, sich in einer modernen Gesellschaft zurecht zu finden; solange diese Menschen nicht ausreichend Unterstützung bekämen, so die implizite Aussage, seien sie zum Scheitern verurteilt. Diese ambivalente Haltung gegenüber Obdachlosen und Nichtsesshaften zwischenderReproduktionvonNegativbildernunddemVerweis auf dieMitschuldder Gesellschaft scheint eines der Charakteristika der Obachlosenberichterstattung in diesemZeitraum gewesen zu sein. So konnten die Zuschauer der baden-würtembergischen Abendschau im April 1964 hören: „Schuldig oder schuldlos – sie stehen am Rande der Gesellschaft, [...] flüchten sich in Gewalt und Alkohol. Sie missachten die Ordnung der Gesellschaft, die sie ablehnt. Und sie verstricken sich immer tiefer in die Gesetzlosigkeit.“35 32 Siehe: Blick ins Land vom 10.05.1966, BeitragObdachlosenunterkünfte in RLP, SWR-ArchivMainz, Nr. 651022. 33 Siehe: Abendschau Baden-Württemberg vom 14.06.1966, Beitrag Bunkerwohnungen in Stuttgart, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6600005416. 34 Report-Chronik Nr. 55 vom 23.12.1963, Beitrag Hilfe für Asoziale, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6300000523. 35 Abendschau Baden-Württemberg vom 28.04.1964, Beitrag RESTE Menschen am Rande der Gesellschaft, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6400003684. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 335 Einerseits bediente auch diese Aussage das Stereotyp des Obdachlosen als gewaltbereitenAlkoholiker, andererseits schien dieGesellschaft für die Situation derObdachlosen, insbesondere die Folgeerscheinungen der Obdachlosigkeit, durch ihre ablehnende Haltung mitverantwortlich zu sein. In der Tat scheintMitte der 1960er Jahre ein Großteil der Bundesbürgerinnen und -bürger wenig Verständnis für Menschen aufgebracht zu haben, die (vermeintlich) selbstverschuldet in Not geraten waren. Aus einer im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege durchgeführtenUmfrage desAllensbachinstituts von 1964 ging hervor, dass zwar 92 Prozent der Befragten für hilfsbedürftigeMenschenGeld gegeben hätten, allerdings nur, wenn diese unverschuldet in diese Situation geratenwaren. FürHilfsbedürftige zu spenden, bei denen Selbstverschulden angenommen wurde, beispielsweise für Strafentlassene oder Alkoholiker, hatten dagegen 84 Prozent der Befragten abgelehnt.36 „Schuldig oder schuldlos“ – interessant ist bei diesem Beispiel zudem, dass der Sprecher die soziale Ausgrenzung der Obdachlosen zu missbilligen schien, egal wieviel Anteil sie selbst an ihrer Situation trugen. Unklar ist jedoch, ob dahinter die Auffassung stand, dass grundsätzlich jeder Mensch würdig sei, Hilfe zu erhalten, oder ob der Reporter in erster Linie um die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung besorgt war. Zum Dritten könnte auch die christliche Tugend der Nächstenliebe für diese Haltung eine Rolle gespielt haben. Zumindest antwortete ein Pfarrer in einem Fernsehbericht von 1962 zum Thema Nichtsesshaftigkeit auf die Frage nach individueller oder gesellschaftlicher Schuld: „Wenn ein Mensch in Not ist, muss man ihm helfen, egal ob er mehr oder weniger selber Schuld ist oder nicht. [...] Wer sollte auch über Schuld urteilen. Wir haben uns unsere Eltern auch nicht ausgesucht.“37 Besonders das oben aufgeführte Zitat, welches Obdachlose als charakterschwach bezeichnet, stellt einen Zusammenhang her zwischen der psychischen Konstitution der Obdachlosen und ihrer gesellschaftlichen Position. Auch einigeWissenschaftler sahen Obdachlosigkeit und soziale Ausgrenzung Anfang der 1960er Jahre als vermeintlich ‚natürliches‘ beziehungsweise pathologisches Phänomen an. So schloss 36 Dietmar Freier: Das Bild der Wohlfahrtspflege. Ergebnisse sozialpsychologischer Umfragen in der Bundesrepublik, in: NB 18.3 (1964), S. 37–40. 37 Flucht auf die Landstraße, Sendetermin am 07.08.1962 in der ARD, SWR-Archiv Baden-Baden, Nr. 6757. 336 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit der Autor einer 1962 erschienenen Doktorarbeit zum Thema ‚Psychologie der Obdachlosigkeit‘ zwar das Umfeld und die soziale Herkunft der Obdachlosen in seine Überlegungen mit ein, mindestens ebenso wichtig scheint ihm aber die physiologische Kategorisierung seiner Probanden gewesen zu sein. Auf die Einteilung nach körperlichen Merkmalen folgte die ‚seelische Hauptdiagnose‘, das heißt die Aufteilung in ‚seelisch krank‘, ‚seelisch auffällig‘ und ‚seelisch normal‘. Die letzte Kategorie schloss er für den ‚chronisch Obdachlosen‘ im Prinzip jedoch aus. Die Ursachen für die Obdachlosigkeit führte der Autor daraufhin immer auf die physische und psychische Konstitution der Obdachlosen zurück. Seiner Meinung nach war jeder Obdachlose entweder durch eine abnorme seelische Eigenart im Leben gescheitert, oder erwar durch körperlicheGebrechen in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Als dritte Möglichkeit zog der Autor zwar auch äußere Einflüsse in Betracht; er wies durch seine Formulierung aber auch in diesem Fall dem Obdachlosen selbst die Schuld zu: DieObdachlosigkeit ergebe sich durch ein „Versagen des Obdachlosen in außergewöhnlichen Situationen, durch Nachgeben gegenüber negativen Einflüssen der Umwelt“.38 Die Beobachtung, dass Obdachlosigkeit noch bis in die 1960er Jahre mit von der Norm abweichenden körperlichen und geistigen Merkmalen erklärt wurde, fügt sich auch in die Forschungsergebnisse von Immanuel Baumann ein. Dieser stellte in seiner Untersuchung zur Geschichte der Jugendbewahrung in der BRD heraus, dass die Kriminologie der 1950er Jahre stark biologistisch geprägt war. Anfang der 1960er Jahre habe dann ein Wandlungsprozess von anlage- zu umweltzentrierten Erklärungsansätzen eingesetzt.39 Ein solcher zeichnete sich auch in der Obdachlosenberichterstattung ab, die nun häufiger auf den Zusammenhang zwischenWohnquartier, sozialer Benachteiligung und negativen Folgeerscheinungen verwies.40 Die Pathologisierung von Armut mit ihren teilweise eugenischen Deutungsmustern41 widersprach sowohl dem im Grundgesetz verankerten Konzept der Men- 38 Harry Bock: Die Psychologie der Obdachlosigkeit, in: Der Wanderer 1962, S. 17–24. 39 Baumann: Interpretation und Sanktionierung, hier: S. 354, 366f. 40 Siehe z.B. Blick ins Land vom 10.05.1966, Beitrag Obdachlosenunterkünfte in RLP, SWR-Archiv Mainz,Nr. 651022. In diesemFernsehbeitrag hieß es beispielsweise: „Die Kasernierung vonAsozialen in Wohnhochhäusern scha t neue Brutstätten des Elends.“ 41 Vgl. Ayaß: Zwangssterilisation von sozialen Außenseitern. Wolfgang Ayaß kommt aufgrund der NS-Bevölkerungspolitik zu dem Schluss, dass die Nationalsozialisten ihren Rassismus nicht nur auf ‚ethnische‘ Merkmale zurückführten, sondern auch einen ‚eugenischen‘ Rassismus kannten. Ersterer wandte sich gegen den ‚Artfremden‘, letzterer gegen die ‘Gemeinschaftsfremden‘oder ‚Minderwertigen‘. Das damit verbundene Ziel war die endgültige Beseitigung abweichenden 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 337 schenwürde als auch den Vorstellungen vom Zusammenleben in einer Demokratie. Durch das 1961 verabschiedete Bundessozialhilfegesetz hatte der Gesetzgeber dem bereits Rechnung getragen, indem er darin das Recht auf Fürsorge für jede Bundesbürgerin und jeden Bundesbürger anerkannte.42 Einige Journalisten sahen die Entwicklungen infolge des BSHG dennoch kritisch, auch wenn sie die Notwendigkeit derÜbersetzung desKonzepts derMenschenwürde in einmodernes Sozialrecht anerkannten. Besonders deutlich wurde das im Spiegel-Report über die Armut in der Bundesrepublik von 1965. Darin beklagte der Autor, dass aus den Armen der Bundesrepublik ‚Empfangsberechtigte‘ geworden seien, aus demAlmosensammeln derGemeinden eineArt ‚sozialerKundendienst‘. Sowage es ein deutsches Sozialamt nicht einmal mehr, Notleidenden alte Kleider oder auch nur Gutscheine für den Erwerb von neuen Kleidern auszugeben. Dieser Wandel sei jedoch bisher weder von allen Bedürftigen noch allen ‚Dienern‘ der öffentlichen Fürsorge recht begriffen worden.43 Daneben tauchten in vielenMedienberichten zweiweitereArgumente auf, umzu erklären, warum in der Bundesrepublik trotz allgemeinenWohlstandes noch immer mehrere hunderttausend Menschen in Notunterkünften und ‚slumartigen‘ Barackensiedlungen wohnten: zum einen der Kinderreichtum vieler Obdachloser, zum anderen die Überbewertung vonmodernenKonsumgütern.Während die schlechte Lage kinderreicher Familien in der Regel auf eine kinderfeindliche Einstellung der Gesellschaft zurückgeführt wurde, sahen die meisten Berichterstatter die Konsumorientierung als besonders schwerwiegendes Fehlverhalten der Obdachlosen an. Als symbolischer Indikator diente hierfür der in den Berichten fast schon obligatorische Hinweis auf die in denNotunterkünften vorhandenenKraftfahrzeuge und Fernsehapparate.44 sozialen Verhaltens, denn auch abweichendes Verhalten wurde als biologische Bedrohung des deutschen Volkskörpers aufgefasst. 42 Ausführlicher dazu siehe Kapitel 2.2.2 sowie 4.2.1. 43 Das Prestige muss gewahrt werden. SPIEGEL-Report über die Armut in der Bundesrepublik, in: Der Spiegel 19.50 (1965), S. 81–95. Vgl. dazu auch den Streit um die Einführung der sogenannten ‚Sozialbutter‘ (Kapitel 6.1.3). 44 Siehe: Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend imWunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47; Abendschau Baden-Württemberg vom 03.10.1962, Beitrag Barackenwohnungen, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6200002704; Abendschau Rheinland-Pfalz vom 13.11.1962, Beitrag Elendssiedlung in Oberlahnstein, SWR-Archiv Baden-Baden, Nr. 1017760000; Abendschau Baden- Württemberg vom 02.02.1965, Beitrag Müssen Kinderreiche arm bleiben?, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6500004247. Vgl. auch Kapitel 6.1.3. 338 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Wie sind die Beobachtungen zur Obdachlosen-Berichterstattung vor 1968 aber einzuordnen?Und ist es trotz derWidersprüchlichkeit in der Darstellungmöglich, verallgemeinernde Aussagen zu treffen? Zunächst einmal erscheint es allein aufgrund des Umfangs der vorgefundenen Berichte unpassend, von einer „Latenz des Armutsproblems“45 in den 1960er Jahren zu sprechen. Zwar können für Leibfried und Leisering auch Dramatisierungen ein funktionaler Bestandteil einer Verdrängungstrategie sein – dann nämlich, wenn Armut als Restproblem der Gesellschaft abgetan wird und zugleich diesen Übriggebliebenen ‚asoziale‘ Qualitäten zugeschrieben werden.46 Das in der Öffentlichkeit herrschende Armutsbild war jedoch wandelbarer, als es in der Verdrängungthese vorgestellt wird.47 Die Medien beurteilten Obdachlose, wie sich gezeigt hat, vor 1968 nicht ausschließlich negativ. Die Berichterstattung bediente einerseits Vorurteile, entkoppelte andererseits aber die Schuldfrage vomRecht auf gesellschaftliche Hilfeleistung. Selbst wenn ein Mensch durch eigenes Verschulden in eine Notlage geraten war, stellten es viele Medienberichte als gesellschaftliche Pflicht dar, diesemMenschen zu helfen und ihn vor allem vor sozialer Ausgrenzung zu bewahren. Einerseits entsprach dies dem christlichen Prinzip der Nächstenliebe, die vor allemBeiträge aus denAnfängen des Jahrzehnts einforderten.Andererseits schien dies auch eine Folgerung aus dem Konzept der Menschenwürde zu sein. Für die 1960er Jahre ausschließlich von einer Verdrängungsstrategie in Bezug auf Armutsfragen zu sprechen, greift deshalb zu kurz – zumal auch in der neueren Forschung davon ausgegangenwird, dass Fachwelt undÖffentlichkeit alteMenschenundObdachlose in den 1960er Jahren als benachteiligte Gruppen entdeckten.48 Die Haltung der Medien gegenüber Armutsphänomenen, die mit Obdachlosigkeit in Zusammenhang stehen,muss als ambivalent beschriebenwerden: Stereotype Zuschreibungen standen neben gesellschaftskritischen Äußerungen, das Berufen auf die Menschenwürde neben obrigkeitsstaatlichen Forderungen. UnterschiedlicheDeutungen undLösungsstrategien konkurriertenmiteinander, selbst innerhalb eines einzelnen Reports. Dies könnte einen Erklärungsansatz dafür bieten, dass der Armutsdiskurs der 1960er Jahre so fragmentiert erscheint. Die Zustände in Notunterkünften und ‚Barackensiedlungen‘ waren zwar immer wieder Thema in Presse 45 Leisering: Armutsbilder imWandel, hier: S. 165. 46 Leibfried/et al.: Zeit der Armut, hier: S. 233f. Vgl. Hauser/Neumann: Armut in der BRD sowie Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 131. 47 Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 229f. 48 Stang: Armut und Öffentlichkeit, hier: S. 580. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 339 und Fernsehen. Sie erfuhren aber außerhalb des unmittelbaren Sozialbereichs keine öffentliche Resonanz. Die Berichte standen vielmehr für sich und wurden auch in der Selbstinszenierung häufig als vereinzelte Wachrüttler verstanden.49 Dies deckt sich mit den Beobachtungen von Winfried Süß, der feststellte, dass die Verständigung darüber, welches Ausmaß materieller Ungleichheit gesellschaftlich noch tolerierbar war beziehungsweise ab wann etwas dagegen unternommen werden sollte, lange Zeit fast ausschließlich innerhalb der Fachkreise erfolgte. Besonderen Einfluss hatten dabei die (finanziellen) Interessen der Sozialhilfeträger.50 Diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass erst im Laufe der 1960er Jahre in der Gesellschaft ein Umdenken einsetzte, infolge dessen soziale Ausgrenzung als eine Form der Armut akzeptiert wurde. Damit wurde gesellschaftlich nachvollzogen, was das Bundessozialhilfegesetz 1961 bereits festgelegt hatte und was sich in der großen Bedeutung der ‚Hilfen in besonderen Lebenslagen‘ äußerte: Einkommensarmut wurde zunehmend als äußerer Ausdruck von Integrationsproblemen verstanden.Gleichzeitig konnten auch Personen als bedürftig gelten, die nicht unter materiellerNot zu leidenhatten.Armut schien in dieser Zeit zu einemSynonymvon Teilhabedefiziten zu werden.51 Die hier angestellten Beobachtungen reihen sich damit in die Untersuchungsergebnisse der aktuellenForschung zurBundesrepublik der 1960er Jahre ein.Diese charakterisiert das Jahrzehnt ab Ende der 1950er Jahre als Periode grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen. Die Bundesrepublik habe sich in dieser Zeit kulturell undmental endgültig der westlichen Demokratie geöffnet, und dieserWandel habe sich gegen Ende der 1960er Jahre bedeutend verstärkt.52 Axel Schildt zufolge kam dies beispielsweise in dem Begriff ‚Pluralismus‘ zum Ausdruck, der damals immer häufiger in Diskussionen eingebracht wurde. Denn: Dieser Begriff habe zugleich die Beobachtung einer gesteigerten gesellschaftlichen Differenziertheit wie auch das Postulat der Toleranz gegenüber unterschiedlichen Auffassungen widergespiegelt. Wie bereits angedeutet, zeigte dies auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Obdachlosigkeit in der Wohlstandsgesellschaft.53 49 Siehe dazu auch Kapitel 6.2. 50 Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 134. 51 Vgl. Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 352. Vgl. dazu auch Kapitel 4. 52 Frese/Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels, hier: S. 2; siehe auch Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, hier: S. 49. 53 Schildt: Vor der Revolte, hier: S. 9f. 340 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Ein weiteres Beispiel, an dem sich ein grundlegender Einstellungswandel zeigte, waren die Forderungen nach einer Bildungsreform.Anfangs sprachen sich die Befürworter in erster Linie deshalb für eine solche Reform aus, da sie befürchteten, dass die Bundesrepublik andernfalls im internationalenWettbewerb nicht bestehen könne. Schon bald wurde damit aber auch ‚Chancengleichheit‘ für Kinder aus unteren sozialen Schichten proklamiert.54 Das Postulat der Chancengleichheit beeinflusste wiederum die Wahrnehmung von Armutsphänomenen. Erst dadurch erhielt der Begriff ‚Randgruppen‘ seine politisch aufgeladene Bedeutung: Er beinhaltete die Empörung über die Gesellschaftsordnung, die derartig ungleiche Voraussetzungen, wie sie Bewohner von Obdachlosensiedlungen im Vergleich zu Personen aus der Mittel- oder Oberschicht hatten, nicht auszugleichen versuchte, sondern scheinbar noch verstärkte. In Bezug aufdieDarstellung vonArmut inderÖffentlichkeit ließ sich alsobereits in den 1960er Jahren einWandel beobachten.Dieser verlief, bezogen auf dieGruppe der Obdachlosen, keineswegs linear. Vielmehr standen in diesem Zeitraum verschiedene, sich teilweise widersprechende Armutsvorstellungen scheinbar gleichwertig nebeneinander: Pathologisierungen und das Bedienen von Negativbildern gingen Hand inHandmit der Anerkennung der Hilfswürdigkeit aller Bundesbürgerinnen und -bürger, selbst wenn sie aus eigenem Verschulden obdachlos geworden waren. Trotz dieser Ambivalenz in der Darstellung herrschte unter den Berichterstattern weitgehende Einigkeit darüber, dass eine gesellschaftliche Verpflichtung dazu bestand, den Obdachlosen zu helfen. Eine Veränderung konnte vor allem hinsichtlich der Begründung beobachtetwerden, aus der diese gesellschaftlicheVerpflichtung abgeleitet wurde:Während Presse und Fernsehen zu Anfang des Jahrzehnts häufig auf das christliche Prinzip der Nächstenliebe verwiesen, diente ihnen in den folgenden Jahren zunehmend die Menschenwürde als Bezugspunkt. Trotz dieser bereits seit den frühen 1960er Jahren feststellbaren Veränderungen lässt sich, was die öffentliche Wahrnehmung von Armutsphänomenen betrifft, gegen Ende des Jahrzehnts eine Zäsur ausmachen: Relativ unvermittelt erschien eine Fülle von Zeitungsartikeln zu benachteiligten Gruppen in der Bundesrepublik; genauso vervielfachte sich die Zahl der Fernsehbeiträge. Den Höhepunkt der Berichterstattung bildete das Jahr 1971. So brachte der Süddeutsche Rundfunk Anfang 1971 eine sechsteilige Sendereihe zu diesemThema. Unter demTitel „Armut inDeutsch- 54 Schildt: Vor der Revolte, hier: S. 9. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 341 land“ beleuchteten die halbstündigen Reportagen das Schicksal von ‚Asozialen‘, aber auch alleinstehenden Müttern, Kinderreichen, Rentnern und Künstlern; ein weiterer Beitrag widmete sich den ‚Armutsverwaltern‘ in den Behörden und Wohlfahrtsverbänden.55 Auch der Spiegel brachte ab 1970 eine Reihe von Reportagen heraus, die sich den Problemen von Randgruppen widmeten. Anders als der Süddeutsche Rundfunk hatte die Spiegel-Redaktion dies jedoch nicht von Anfang als Serie konzipiert. Wie aus dem Vorwort des nachträglich entstandenen Buches hervorging, entschloss sich die Redaktion erst 1973, die Berichte zusammenzubinden und unter dem TitelUnterprivilegiert. Eine Studie über sozial benachteiligte Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland gesondert herauszugeben. Dieser Sammelband behandelte neben Obdachlosen,Gastarbeitern undBehinderten auchArbeitnehmerinnen undLehrlinge unter der Randgruppenthematik.56 Zwar erscheint das Jahr 1968 in diesem Zusammenhang nicht als Zäsur. Doch sind die Unruhen um 1968 und ihre Nachwehen durchaus mit dafür verantwortlich zu machen, dass zu Beginn der 1970er Jahre das Thema Armut in den westlichen Industrieländern von der breiten Öffentlichkeit ‚wiederentdeckt‘ und in Form der sogenannten Randgruppendebatten diskutiert wurde.57 Für diese These spricht auch die Beobachtung, dass Anfang der 1970er Jahre besonders das Genre der Sozialreportagen eine große Konjunktur erlebte. Denn insbesondere diese populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen trugen zur Skandalisierung der Randgruppenthematik bei, was wiederum auf den ‚politischen Verhaltensstil‘ der 68er-Generation verweist. So betont Jens Ivo Engels, dass diese junge, sich als kritisch und unkonventionell verstehende Generation auf Mobilisierung 55 Armut in Deutschland: Rentner vom 15.01.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7000001323; Armut in Deutschland: Kinderreiche vom 29.01.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7100001380; Armut in Deutschland: Künstler vom 12.02.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7100001400; Armut in Deutschland: Asoziale vom 26.02.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7100001381; Armut in Deutschland: Alleinstehende Mütter vom 12.03.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7100001432; Armut in Deutschland: Armutsverwalter vom 26.03.1971 SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 7100001428. 56 Spiegel-Redaktion: Unterprivilegiert. 57 Nowotny:VomDefinieren sozialer Probleme, hier: S. 122; Saldern:Vonder „guten Stube“ zur „guten Wohnung“, hier: S. 250. 342 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit und zivilen Ungehorsam gesetzt habe. Kritische Journalisten hätten damals vor allem mit denMethoden der Skandalisierung und Polemik gearbeitet.58 Besonders hervor taten sich in diesem Zusammenhang die beiden Investigativjournalisten Ernst Klee und Jürgen Roth.59 Klee engagierte sich mit provokanten Titeln wieDie Nigger Europas (1971), Prügelknaben der Gesellschaft (1971) oderDie armen Irren (1972) für Gastarbeiter, Strafentlassene und psychisch Kranke. Jürgen Roth verfasste – inspiriert durch das Buch Das andere Amerika von Michael Harrington (1964, englisches Original 1962) – die populärwissenschaftlicheMonografie Armut in der Bundesrepublik (1971). Nach eigener Aussage hattenRoth die sozialen und politischen Auseinandersetzungen Ende der 1960er Jahre in seinem Vorhaben bestärkt. Mit seinem Buch wollte er die breite Öffentlichkeit darüber aufklären, dass es im ‚Wirtschaftswunderland‘ der Bundesrepublik noch immer Armut gab. Die Recherchen zu seinem Buch bestanden im Wesentlichen aus Befragungen von Betroffenen inObdachlosenunterkünften verschiedener westdeutscher Städte.60 In seinemBuchmachte er aber auch auf andere Formen der Armut aufmerksam. So bezeichnete er die neu entstandenenHochhaussiedlungen als neue soziale Brennpunkte und verwies auch auf abgehängte ländliche Regionen wie den Bayerischen Wald. Seine gesamte Argumentation war kapitalismuskritisch und polemisch aufgeladen. So führte ihm zufolge die industrielle Arbeit zu psychischer Verelendung. Diese war lautRothwiederumdie Steigerung vonmateriellerArmutund gleichbedeutendmit der Entpolitisierung der Betroffenen.61 Bis zum Ende des Jahrzehnts wurdeArmut in der Bundesrepublikmehrfach neu aufgelegt, teilweise in aktualisierter Fassung. Sowohl die Schriften JürgenRoths als auchdiejenigenErnstKleeswarendem linkspolitischen Spektrum zuzurechnen. Damit waren sie anschlussfähig für radikalere Gruppen, wie diejenige um Ulrike Meinhof, was folgende Episode deutlich macht: Meinhof hattewährend ihrerZeit alsMitarbeiterin bei derZeitschriftKonkretmehrfach über die Vorgehensweisen und Folgen der Fürsorgeerziehung berichtet, bevor sie 1969 das Drehbuch für das Fernsehspiel Bambule, Fürsorge – Sorge für wen? verfasste. Darin kritisierte sie die Zustände in einemMädchenerziehungsheim. Die ARD strich jedoch den bereits auf Mai 1970 festgelegten Sendetermin wegen Mein- 58 Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 200; siehe auch Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 425; Hauser/Neumann: Armut in der BRD, hier: S. 239; Leisering: Armutsbilder im Wandel, hier: S. 164f. 59 Schäfers: Zum öffentlichen Stellenwert, hier: S. 113; Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 220. 60 Interview mit Jürgen Roth vom 3.11.2011. 61 Roth: Armut in der BRD, S. 8, 12. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 343 hofs Beteiligung an der Befreiung von Andreas Baader. 1971 erschien das Drehbuch schließlich imWagenbach-Verlag.62 Politisch zielte die Gruppe um Ulrike Meinhof also im Wesentlichen auf deklassierte Jugendliche. Nach der Veröffentlichung von Armut in der Bundesrepublik besuchteMeinhof JürgenRoth. Sie war derMeinung, dass der Autor eines Buches über Armut auch ihre Gruppe unterstützen müsse. Rothwollte sich nach eigener späterer Aussage aber nicht fürMeinhofs radikale Ideen funktionalisieren lassen.63Dennochmacht dies deutlich,wie politisch aufgeladen die Diskussion um gesellschaftliche Randgruppen zu Beginn der 1970er Jahre war. Auf der anderen Seite gab es in diesem Zeitraum aber auch Veröffentlichungen zum Thema Obdachlosigkeit, die zwar das Verhalten der Gesellschaft verurteilten, nicht aber explizite Kapitalismuskritik erkennen ließen, beispielsweise das bereits 1968 erschienene Buch des Schriftstellers Alexander Spoerl. Spoerl hatte einige Zeit freiwillig als Lehrer in einer Obdachlosensiedlung gearbeitet. In seinem essayistisch anmutenden Buch Menschen dritter Klasse? schilderte er seine dort gemachten Erfahrungen. Seine Ausführungen waren den Bewohnern der Siedlung gegenüber sehr wohlwollend, auch wenn er nichts zu beschönigen schien; das Verhalten der Behörden verurteilte er dagegen an vielen Stellen. Spoerl führte die Existenz von Obdachlosigkeit nicht wie Jürgen Roth auf die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zurück, sondern sah den Grund in der ‚Überheblichkeit‘ der ‚bürgerlichen‘ Gesellschaft. Dies ähnelte stark konservativ-christlichen Argumentationsmustern, was angesichts des Erscheinungsjahres des Buchs verwunderlich ist. Auch bei seinem Lösungsvorschlag schien Spoerl sich althergebrachter christlicher Werte zu bedienen: „[D]en Obdachlosen helfen kann man nur mit Nachsicht und mit dem, was ihnen am meisten fehlt – mit Liebe!“64 Gleichzeitig versuchte Spoerl mit provokanten Äußerungen auf Konfrontationskurs mit der ‚bürgerlichen‘ Gesellschaft zu gehen. Was wiederum zum ‚politischen Verhaltensstil‘ der 68er-Generation passt.65 So behauptete er, dass nach einer Computerberechnung im Jahr 1989 neunzig Prozent der Kölner obdachlos sein würden. Da er bezweifelte, dass sich dieGesellschaft soweit ändernwürde, dass dasObdachlosenproblem gelöst werden könne, provozierte ermit derAussage, der ‚Obdachlosen- 62 Schölzel-Klamp/Köhler-Saretzki: Das blinde Auge des Staates, S. 89. 63 Interview mit Jürgen Roth vom 3.11.2011. 64 Spoerl: Menschen dritter Klasse, S. 184. 65 Vgl. Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 200. 344 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit explosion‘ nur mit Kernwaffen oder Flächenbränden begegnen zu können.66 Dies erinnert an die Anti-Vietnamkriegs-Parolen, die westdeutsche Studentengruppen abMitte der 1960er Jahre zu verbreiten begannen.67 Bernhard Happe, Sozialdezernent des Deutschen Städtetages und zugleich ein Duz-Freund des Autors, reagierte auf das Buch äußerst verärgert. Er erkannte zwar an, dass Spoerl darin viel Richtiges ansprach: Obdachlosigkeit sei in der Tat ein unwürdiger Zustand und die Mehrzahl der Obdachlosen schuldlos in diese Lage geraten. Darüber seien sich alle einig. Offensichtlich bereitete es ihm jedoch Unbehagen, dass Spoerl seinem Bericht den Anschein einer Reportage gegeben hatte, obwohl einzelne Episoden zeitlich nicht in der dargestelltenWeise stattgefundenhaben konnten. Auch hielt er den Stil des Autors für unangebracht – eine Mischung aus ‚Boulevardzeitungsjargon‘ und ‚gezwungen rheinischer Betulichkeit‘. Tatsächlich reduziert die blumige Sprache, bei der Kinderhände als ‚Pfötchen‘ bezeichnet werden, Obdachlose zuObjekten.Happes größterKritikpunktwar jedoch, dass das Buchdie Behörden verunglimpfe und vor allem ‚viel Unsinniges‘ enthalte. Kein Leser, so sein Fazit, könne Spoerl mehr ernst nehmen. Damit scheinen die Provokationen jedoch erreicht zu haben, was der Autor beabsichtigt hatte: Aufmerksamkeit.68 Der DST war insgesamtmit der Darstellung derObdachlosenproblematik in der Öffentlichkeit nicht einverstanden. In einemArtikel im Städtetag wurde 1970Kritik daran laut, wie über Obdachlose im Fernsehen berichtet wurde. Zwar sei es die Aufgabe der Medien, in der Öffentlichkeit den Zustand der Obdachlosigkeit anzuprangern. Alle seien sich aber bereits darüber einig, dass dieser unwürdige Zustand behoben werden müsse. Vor allem wehrte sich der Verfasser des Artikels dagegen, dass die Behörden immer als die Schuldigen der Misere dargestellt würden. Ihre Bemühungen, das Problem zu beheben, würden dagegen ignoriert.69 Anfang der 1970er Jahre erschienen aber auch wissenschaftliche Studien zu diesem Themenkomplex, die gerade nicht provozierten, sondern nach einer Lösung mit Hilfe aller Beteiligten suchten. Auch hier gab es internationale Vorbilder.70 1971 veröffentlichte Ursula Adams, seinerzeit Dozentin an der Höheren Fachschule 66 Spoerl: Menschen dritter Klasse, S. 181. 67 Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 37f. 68 Bernhard Happe: Menschen dritter Klasse? Überlegungen zu einer verpaßten Chance, in: Der Städtetag 22.2 (1969), S. 65. 69 Obdachlose im Fernsehen, in: Der Städtetag 23.3 (1970), S. 145–146. 70 Siehe z.B. Klanfer: Die soziale Ausschließung. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 345 für Sozialarbeit in Münster,71 unter dem Titel Die Nachhut der Gesellschaft die Ergebnisse ihrerUntersuchung in einerObdachlosensiedlung inKöln. Zwar scheint Adams sich ebenfalls um eine leichte Lesbarkeit ihrer Studie bemüht zu haben. Auch hielt sie ihre Kritik am damals üblichen Umgang mit Obdachlosen nicht zurück. Im Gegensatz zu den kapitalismuskritischen Autoren der Sozialreportagen argumentierte sie jedochdifferenzierter undversuchte nicht zupolemisieren. Sowies sie beispielsweise darauf hin, dass sich die Obdachlosen durch die Unterbringung in geschlossenen Siedlungen immer stärker isolieren würden und diese Separation ihrer Resozialisierung entgegenstünde. Zugleich stellte sie aber auch fest, dass die Voreingenommenheit der Bewohner der umliegenden Wohngebiete nicht nur auf Vorurteilen beruhe, sondern vor allem durch negative Erlebnisse mit den Obdachlosen entstanden sei. Ihr Ziel war es, den Städten und Kommunen Methoden an die Hand zu geben, mit denen diese das Obdachlosenproblem in Zukunft lösen könnten.72 Adams hatte sich schon seit längerem mit der Obdachlosenthematik beschäftigt. Bereits 1965 hatte sie beispielsweise in der für den Fürsorgebereich wichtigsten Fachzeitschrift, demNachrichtendienst des Deutschen Vereins (NDV), einenArtikel dazu veröffentlicht.73 In den folgenden Jahren publizierte sie zu diesem Thema auch in anderen wichtigen Fachzeitschriften, wie den Blättern der Wohlfahrtspflege, der Fachzeitschrift des DCV oder auch derjenigen des DST.74 Auch der Marburger Erziehungswissenschaftler75 Gerd Iben widmete seine wissenschaftlicheArbeit der Suche nach einer Lösung für dieObdachlosenproblematik. Ursprünglich war es ihm vor allem um die Förderung sozial benachteiligter Kinder gegangen. Bereits in seiner StudieKinder am Rande der Gesellschaft76 von 1968 ließ er jedoch erkennen, dass diesen auf längere Sicht nur geholfen werden könne, wenn 71 Siehe Spiegel-Redaktion: Unterprivilegiert, S. 5. 72 Adams: Nachhut der Gesellschaft, S. 11. 73 Ursula Adams: Der Anspruch auf menschenwürdige Unterkunft. Ein Beitrag zu Rechtsfragen der Obdachlosenunterbringung, in: NDV 45.6 (1965), S. 190–193. 74 Ursula Adams: Kommentare und Berichte. Kommunitäre Entwicklungsarbeit in einer Obdachlosensiedlung, in: BdW 113.7 (1966), S. 228–231; Ursula Adams: Was ist eine zukunftsgerichtete Obdachlosenhilfe?, in: Der Städtetag 21.8 (1968), S. 404–408; Ursula Adams: „...Obdachlosen die frohe Botschaft zu künden!“ Chancen und Grenzen der Seelsorge in Notwohngebieten, in: Caritas Jg. 70 (1969), S. 133–142 . 75 spätestens ab 1973 war Gerd Iben Professor an der Universität Frankfurt Gemeinwesenarbeit in Frankfurt, in: TuP 24.3 (1973), S. 114–115. 76 Iben: Kinder am Rande der Gesellschaft. 346 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit die Lebensbedingungen der damals noch als obdachlos bezeichneten Menschen insgesamt verbessert würden, das bedeutet die Lebensbedingungen der Personen, die in Notunterkünften und Stadtrandsiedlungen lebten. Er kritisierte vor allem das vom DST empfohlene ‚Dreistufensystem‘.77 Es war in vielen Kommunen eingeführt worden, um die Betroffenen zur ‚Besserung‘ ihres Verhaltens zu erziehen: Dabei wurden Obdachlose zunächst in Primitivbauten eingewiesen und durften, je nachdem wie sie sich verhielten, in bessere Unterkünfte umziehen.78 In späteren Veröffentlichungen behandelte Iben deshalb häufig Fragen der Stadtplanung und versuchte den Städten damit alternative Lösungswege aufzuzeigen.79 Es gab aber auch wissenschaftliche Publikationen, die eindeutig gesellschaftskritisch waren, wie die 1972 von Ursula Christiansen vorgelegte DoktorarbeitObdachlos weil arm.80 Christiansen definierte darin Obdachlosigkeit als eine Form der Armut und Armut wiederum als ein Ungleichheitsproblem, das man nicht durch die Verbesserung der ökonomischen Lage der Armen, sondern nur durch die Verringerung der Abstände zwischen Armen und Wohlhabenderen bekämpfen könne.81 Die Sozialarbeit, so ihre These, könne hierzu beitragen, indem sie sich mit den Armen solidarisiere und ihren politischen Kampf unterstütze.82 Spätestens bei diesen wissenschaftlichen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Öffentlichkeit undFachwelt.Auchwenn sie sichum leichteLesbarkeit bemühten, ist kaum anzunehmen, dass sie einen weit über die Fachzirkel hinaus reichenden Leserkreis gewinnen konnten. Allerdings ließen sich Ursula Adams und Gerd Iben von der Presse häufig als Obdachlosen-Experten zitieren, so dass ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse durchaus in die Öffentlichkeit getragen wurden.83 Nicht die gesamte Fachwelt war über die großeMedienpräsenz der Obdachlosenproblematik erfreut. Einerseits schienen die Forderungen nach einer Politisierung 77 Vgl. Josef Stralau: Wiedereingliederung von Obdachlosen. Stufensystem bei der Unterbringung, in: Der Städtetag 10.6 (1957), S. 243–245. 78 Siehe z.B. Noch einmal: Einfachwohnungen, in: Der Städtetag 8.1 (1955), S. 20–22; Josef Stralau: Wiedereingliederung vonObdachlosen. Stufensystembei derUnterbringung, in:Der Städtetag 10.6 (1957), S. 243–245; Iben: Förderung sozial benachteiligter Kinder, hier: S. 75. 79 Z.B. Gerd Iben: Hinter den Fassaden – sozialpädagogische Anmerkungen zu Städtebau und Stadtsanierung, in: NB 20.1 (1969), S. 7–12; Gerd Iben: Die Rolle der Sozialarbeit in Stadtplanung und Stadtentwicklung, in: TuP 23.3 (1972), S. 82–92. 80 Christiansen: Obdachlos weil arm. 81 Ebd., S. 9, 11. 82 Ebd., S. 186. 83 Z.B.Hierwurde dieMarktwirtschaft zumFluch. Spiegel-Report über sozial benachteiligteGruppen in der Bundesrepublik (I): Obdachlose, in: Der Spiegel 24.40 (1970), S. 86–89. 5.1. Ö entliche Wahrnehmung von Obdachlosen vor und nach ‚1968‘ 347 der Sozialarbeit der christlichen Vorstellung von karitativemHandeln zu widersprechen: Der Helfende erfülle das christliche Gebot der Nächstenliebe und bedürfe dazu keiner politischenMotivation. Auch erklärt sich die kritische Haltung der Vertreter der christlichenWohlfahrtspflege ein Stück weit aus der generellen Sorge, dass die Säkularisierung der Sozialarbeit diese zu einem unpersönlichen Verwaltungsakt degradieren würde. Der Hilfsbedürftige würde so nicht mehr als Mensch, sondern als Fall, nicht mehr als Individuum, sondern als ‚Kollektivmensch‘ behandelt.84 Andererseits misstrauten die Fachleute teilweise der bekundeten positiven Absicht der Medien, über die Situation von Obdachlosen zu berichten. So kritisierte beispielsweise einAutor derCaritas-Zeitschrift eine Sozialreportage, die imOktober 1967 imRheinischen Merkur abgedruckt worden war. Er war derMeinung, dass die Reportagenurdazugedienthabe, erfolgreicheMenschendurch etwas ‚Tränendrüsen- Massage‘ noch glücklicher dastehen zu lassen. Um das von der Reporterin beklagte Defizit im sozialen Bewusstsein auszugleichen, hätte sie sich darauf beschränken sollen, über Fakten zu berichten, die der Öffentlichkeit bislang noch nicht bekannt waren. Darüber hinaus argumentierte der Autor, dass Vorbilder viel wichtiger seien als die Aufklärung durch die Medien, um die Jugend zu motivieren, sich sozial stärker zu engagieren.85 Ein weiterer Grund für die kritische Haltung der Fachwelt war, dass der Großteil der Führungspositionen noch immer von Fürsorgeexperten besetzt war, die ihren beruflichenWerdegang bereits in derWeimarer Republik begonnen hatten.86 Diese waren gerade in Bezug auf den Umgang mit sozial ‚Unangepassten‘ noch stark von vormundschaftlich-disziplinierenden Gedanken geprägt. Das zeigte sich vor allem daran,mitwelcherVehemenz dieseGeneration vonFürsorgeexperten im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik die Einführung des sogenannten ‚Bewahrungsgesetzes‘ verfolgte (Abschnitt 5.2.1). Dieses sollte es derWohlfahrtspflege erlauben, ‚Gefährdete‘ unter bestimmten Voraussetzungen auch gegen deren Willen vor ihrem eigenen Lebensstil zu ‚bewahren‘. Als dieses Gesetz im Rahmen des BSHG 1961 schließlich 84 Suhr: Das Menschenbild in der Fürsorge, in: Der Wanderer 1957, S. 33–34. Siehe z.B. auch Frank Löslein: Defizit im sozialen Bewußtsein?, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 119–120. 85 Ebd. 86 Siehe dazu Kapitel 3.1.4. Das heißt jedoch nicht, dass sie in der NS-Zeit nicht auch aktiv gewesen waren. Friederike Föcking verweist in diesem Zusammenhang auf die teilweise „beklemmende personelle Kontinuität“ von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Anfangsjahre der BRD. Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 32. Siehe dazu auch die biographischen Anhang bei Heisig: Armenpolitik (1992). 348 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit in Kraft trat, schien es jedoch bereits überholt, bis es das Bundesverfassungsgericht 1967 schließlich wieder kippte. Gleichzeitig schien die professionelle Wohlfahrtspflege Ende der 1960er Jahre immer mehr auf die Forderung der Zeit zu reagieren und sich stärker politisch zu positionieren. Besonders junge, dem studentischenMilieu zuzuordnende Sozialarbeiter stellten neue Ansprüche an die eigene Arbeit. Eine besondere Rolle nahm dabei, praktisch wie auch symbolisch, eine bestimmte Arbeitsweise ein: die Methode der Gemeinwesenarbeit (Abschnitt 5.2.2). Bemerkenswert ist indiesemZusammenhang, dass es auch den angestammten Verbänden gelang, die Impulse aufzunehmen, die die neue, politische Generation von Sozialarbeitern setzte, ohne dabei das eigene Selbstverständnis preiszugeben. Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung am Deutschen Caritasverband nachzeichenen, weshalb sich Abschnitt 5.3 auf dieses Beispiel konzentrieren wird. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtsp ege 5.2.1. Die ‚Bewahrungsidee‘: Ein uss und Ein ussverlust der Fürsorgeelite Annährend fünfzig Jahre, von 1918 bis 1967, durchzog die ‚Bewahrungsidee‘87 die Debatten der deutschen Fürsorgekreise. Weder in der Weimarer Republik, noch im Dritten Reich oder der DDR kam es letztlich zur Verabschiedung eines Bewahrungsgesetzes. Allein in der Bundesrepublik fand die Idee der ‚Zwangsbewahrung‘ – der rechtlichen Handhabe zur zwangsweisen Unterbringung von Erwachsenen in geschlossenen Anstalten – Eingang in das 1961 erlassene Bundessozialhilfegesetz. Oberstes Ziel war die Erziehung zu Arbeit und einem geordneten Leben. War dies nicht möglich, war der Zweck der ‚Bewahrung‘ der ‚fürsorgerische Schutz‘ der Bewahrten.88 Über die Personenkreise, auf die das Gesetz abzielen sollte, herrschte unter den Fürsorgepraktikern stets Einvernehmen: Landstreicher, Bettler, Geistes- 87 Der Autorin ist bewusst, dass der Begriff ‚Bewahrung‘ in diesem Zusammenhang ein Euphemismus zur Umschreibung einer disziplinierenden Fürsorgemaßnahme ist. Allein zum Zweck der besseren Lesbarkeit werden die Begriffe ‚Bewahrungsidee‘ und ‚Bewahrungsgesetz‘ im Folgenden ohne Anführungszeichen geschrieben. 88 Siehe Dokument Nr. 20, in: Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 367. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 349 kranke, Trinker, Arbeitsscheue, Prostituierte – im Grunde alle Personen, die von den sozialenNormen abweichende Verhaltensweisen an den Tag legten. Da all diese Gruppen nicht einzeln in das Gesetz aufgenommen werden sollten, fasste die Fachwelt sie unter Schlagwortenwie ‚Minderwertige‘, ‚Asoziale‘ oder ‚Gemeinlästige‘ zusammen. Schon bald etablierte sich allerdings die Bezeichnung der ‚Gefährdeten‘.89 Das Bewahrungsgesetz nahm für die deutsche Fürsorge einen hohen Stellenwert ein. Dies zeigt sich zum einen darin, dass jahrzehntelang um seine Durchsetzung gekämpft wurde. Zum anderen führten Experten des Wohlfahrtswesens untereinander eine intensive Debatte um seine Ausgestaltung, dies belegen allein die vielen Gesetzesentwürfe: mindestens elf in der Weimarer Republik, sieben während der NS-Zeit sowie nochmals elf in den Westzonen und der BRD. Auch schalteten sich fast alle Parteien in den Bewahrungsdiskurs ein; allein die KPD war ‚bewahrungsfeindlich‘ eingestellt. Nach 1945 wurde auch die neu gegründete CDU zu einer Verfechterin dieser Idee. Zu den Protagonisten desDiskurses wurden aber führende Repräsentanten des deutschen Fürsorgewesens, wie Hilde Eiserhardt, Hans Muthesius, Käthe Petersen, Wilhelm Polligkeit, Helene Wessel oder Elisabeth Zillken. Die meisten von ihnen hatten bereits in der Weimarer Republik hohes Ansehen genossen und prägten nach 1945 erneut die bundesdeutsche Sozialpolitik. Einige erhielten sogar das Bundesverdienstkreuz.90 Zur Geschichte des Bewahrungsgesetzes liegen bereits einschlägige Forschungsarbeiten vor. Besonders hervorzuheben ist dabei die an der Universität Bamberg entstande Dissertation vonMatthias Willing. Verwiesen sei aber auch auf Christian Schrappers Studie über den FürsorgeexpertenHansMuthesius.91 Ziel des folgenden Abschnitts ist es weniger, die Geschichte des Bewahrungsgesetzes nachzuzeichnen, als die Rolle und Position führender Wohlfahrtsexperten in der Debatte um die Bewahrungsidee herauszuarbeiten.DenndiePolarität von IntegrationundAusgrenzung innerhalb des Fürsorgebereichs wird, wie Christian Schrapper feststellte, am Umgangmit sozialpädagogischenGrenzfällen deutlich. ImUmgangmit diesenwird gesellschaftlich ausgehandelt,welcheArt derWohlfahrtspflegenochodernichtmehr tragbar ist.92 Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert standen die sozialpolitischen sowie sozialpädagogischenKonzepte in den Industriegesellschaften in einemSpannungsverhält- 89 Ders.: Das Bewahrungsgesetz, S. 1; Ebbinghaus: HeleneWessel und die Verwahrung, hier: S. 196f. 90 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 2, 294. 91 Schrapper: Hans Muthesius. 92 Ebd., S. 231. 350 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit nis zwischen der Idee, die Lebensrechte von Menschen erweitern und schützen zu wollen, und dem Bestreben, die ‚Nützlichkeit‘ aller Gesellschaftsmitglieder (wieder- )herzustellen. Einerseits konnte dies erreicht werden durch die Integration sozialer Randgruppen, was deren Anpassung an allgemeine Normalitätserwartungen beinhaltete und nach Ansicht der Bewahrungsbefürworter im Extremfall auch unter Zwang herbeigeführt werden sollte. Die andere eingeschlagene Vorgehensweise bestand in der Ausgrenzung als nicht nützlich bewerteter Menschen um den Preis materieller und sozialer Deklassierung beziehungsweise Isolierung, in letzter Konsequenz auch der physischen Vernichtung.93 Die Idee, eine rechtliche Grundlage zur ‚Bewahrung‘ ihrer Schützlinge über die Volljährigkeit hinaus zu schaffen, stammte ursprünglich von Agnes Neuhaus, der Vorsitzenden des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder und einer Repräsentantin der konservativen Frauenbewegung des Kaiserreichs. Bereits 1904 forderte sie ein ‚Verwahrungsgesetz‘, um junge Frauen aus dem Prostituiertenmilieu, auch gegen deren Willen, den gesellschaftlichen Moralvorstellungen entsprechend erziehen zu können. Ähnlich der Einstellung der Caritas stand hinter dieser ‚Gefährdetenhilfe‘ nicht nur der Fürsorgegedanke, sondern auch das religi- öse Ziel, diesen Menschen Gott nahe zu bringen. Zugleich waren Neuhaus, laut Matthias Willing, rassenhygienische Gedanken nicht fern. Die sozialen Ursachen der Prostitution reflektierte sie dagegen nicht, ebensowenigwie ihr eigenes autoritärbevormundendes Vorgehen.94 In derWeimarer Republik gewann die Bewahrungsidee an Einfluss. So nahm sich der Deutsche Verein auf Bestreben Agnes Neuhaus’ dieses Gedankens an. Nahezu alle im Reichstag vertretenen Parteien, selbst Sozialpolitiker aus der SPD, konnten sich seit Anfang der 1920er Jahre für die Einführung eines Bewahrungsgesetzes begeistern, und auch verschiedenste Sozialverbände und -vereine sowie weite Teile der Frauenbewegung stimmten dem grundsätzlich zu. Innerhalb der Fürsorgekreise hoffte man durch ein solches Gesetz unter anderem, den eigenen Zuständigkeitsbereich auszuweiten. In der Folge reichten Vertreter verschiedenster politischer Richtungen Gesetzesentwürfe beim Reichstag ein. Dennoch kam es zu keiner Verabschiedung, was zum einen an Mängeln im Gesetzestext selbst lag, gerade in Bezug auf die Definition der Personengruppen, zum anderen an Kompetenzstreitigkeiten 93 Schrapper: Hans Muthesius, S. 227; vgl. Ayaß: Zwangssterilisation von sozialen Außenseitern. 94 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 286. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 351 zwischen Fürsorge- und Strafrecht. Nicht zuletzt spielte aber auch die Frage der Finanzierung eine Rolle.95 In derKrisensituationAnfang der 1930er Jahre kamdie gesetzgeberischeTätigkeit schließlich zum Erliegen. Die Wohlfahrtspflege stand unter enormem finanziellem Druck,was dazu führte, dass pädagogischeAspekte zugunsten repressiver unddamit billigerer Maßnahmen aufgegeben wurden. Zunehmend durchzogen eugenische Argumente die Debatte um das Bewahrungsgesetz. Bedeutsam war dabei Helene Wessels Studie von 1931 mit der Kernaussage, die Fürsorgemittel müssten besser umverteilt werden, weg von ‚biologischMinderwertigen‘ hin zu ‚erbgesunden deutschen Familien‘. Trotz dieser rassenhygienischen Richtung, welche die Diskussion schon zum Ende der Weimarer Republik einschlug, gelang es den Vertretern der freien Wohlfahrtspflege nicht, das Bewahrungsgesetz in der NS-Zeit durchzusetzen. Zunächst zeigten die neuen Machthaber daran kein Interesse, dann brachte der Grunderlass vorbeugender Verbrechensbekämpfung von 1937 eine völlig neue Ausgangssituation, da er die Polizei dazu befugte, ‚Asoziale‘ ohne Verhandlung in Konzentrationslager zu bringen. Damit war die Fürsorge in diesem Arbeitsbereich zugunsten der Polizei an den Rand gedrängt worden.96 Die Rolle der Fürsorge bei der ‚Asozialenbekämpfung‘ sollte dennoch nicht unterschätzt werden. Nach Christian Schrappers Urteil bereiteten die Auseinandersetzungen um das Bewahrungsgesetz in der Weimarer Republik zusammen mit der Diskussion um die Methoden der Wandererfürsorge den Boden für die Bemühungen um ein umfassendes ‚Gemeinschaftsfremdengesetz‘ während der NS- Zeit, das bis Kriegsende jedoch nicht über den Entwurfstatus hinaus kam. In der Praxis schreckte die Fürsorge zudem, wie schon in der Vergangenheit, auch vor rechtsbeugenden Praktiken nicht zurück. So wurden ‚Zwangsbewahrungen‘ auch ohne entsprechende Gesetzesgrundlage durchgeführt. Führende Köpfe der damals deutschen, später bundesdeutschen Fürsorge wirkten im ‚Dritten Reich‘ an der Einleitung von Sterilisationsverfahren sowie zahlreichen Verfolgungsmaßnahmen gegenüber ‚Asozialen‘mit.Widerstand leisteten sie inderRegel nur, umden eigenen Wirkungsbereich gegen fremde Einflussnahme zu verteidigen.97 95 ebd., S. 287-290. Dieselbe Ansicht vertrat auch die BewahrungsverfechterinHeleneWessel imRückblick auf dieZeit vor 1933. Siehe: Protokoll über die SitzungdesArbeitskreises „Gefährdetenfürsorge“ der AWO am 13.02.1959 in Bonn, AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 74. 96 Ebd., S. 293-297. 97 Schrapper: HansMuthesius, S. 231; Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 299. Siehe auch Kapitel 3.1.4. 352 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Inder unmittelbarenNachkriegszeit trat dieDebatte umeinBewahrungsgesetz in den Hintergrund. Speziell im Hinblick auf die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten hielten Vertreter der Fürsorge jedoch weiterhin an der Bewahrungsidee fest. Maßgebliche Impulse zurWiederbelebung der Idee kamen bald aus demDeutschen Verein, der sich erneut als Scharnier zwischen öffentlicher und freierWohlfahrtspflege etablieren konnte. Noch Mitte der 1950er Jahre betrachtete selbst der ansonsten eher liberal eingestellte SPD-Sozialpolitiker Ludwig Preller das Bewahrungsgesetz als wünschenswertes Instrument zur Eindämmung von Infektionskrankheiten.98 Anders als für die tonangebendenVertreter der deutschenWohlfahrtspflege, die sich bereits wenige Jahre nach Kriegsende erneut für ein Bewahrungsgesetz engagierten, stand für Preller allerdings nicht die Bekämpfung der sittlichen, sondern der gesundheitlichen Gefährdung im Vordergrund. Erstere knüpften dagegen an Vorarbeiten aus der Weimarer Zeit an. Auch aus der NS-Zeit stammende restriktive Positionen, erbbiologische Vorstellungen und Terminologien, die ‚Asoziale‘ als ‚Heer von Parasiten‘ beschrieben, lebten imBewahrungsdiskurs weiter fort.Mit der Zeit setzte sich jedoch die Zielgruppenbezeichnung ‚Gefährdete‘ durch.99 Nach Gründung der Bundesrepublik versuchte die CDU/CSU-Fraktion das Bewahrungsgesetz wieder auf die Tagesordnung zu bekommen. Noch im Jahr 1949 wurde ihr entsprechender Antrag an den Bundestagsausschuss für Fragen der öffentlichen Fürsorge überwiesen, dem mit Helene Wessel eine der vehementesten Bewahrungsfürsprecherinnen vorsaß. Weitere Befürworter, wie Elisabeth Zillken, Hans Muthesius und Hilde Polligkeit-Eiserhardt, hörte der Ausschuss als Sachverständige. HeleneWessel war während der NS-Zeit leitende Fürsorgerin des Katholischen Fürsorgevereins fürMädchen, Frauen undKinder gewesen– jener Institution, deren erste Vorsitzende, Agnes Neuhaus, die Bewahrungsidee erstmals formuliert hatte. Der Verein war zugleich ein Fachverband des DCV. Nach 1945 trat Wessel der nordrhein-westfälischen Zentrumspartei bei und vertrat diese ab 1949 auch im Bundestag. Nachdem sie 1951 aus ihrer Partei ausgetreten war, um mit Gustav Heinemann die Notgemeinschaft zur Rettung des Friedens in Europa zu gründen, trat sie 1957 schließlich der SPD bei.100 98 Brief von Ludwig Preller an Erwin Nitschke vom 17.05.1955, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 82. 99 Eifert: Frauenpolitik undWohlfahrtspflege, S. 199; Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 300f, 309. 100 Maier: Who is who der Sozialen Arbeit, S. 624f; Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 301f. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 353 In AnbetrachtWessels Position zumBewahrungsgesetz ist gerade letzteres bemerkenswert. Denn trotz der offiziellen Trennung der 1948 neu gegründeten Arbeiterwohlfahrt von der SPD standen sich beide Organisationen weiterhin nahe.101 Im Gegensatz zu Caritas und DV zeigte sich die AWO nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch eher skeptisch gegenüber dem Bewahrungsgedanken. So war es die Vertreterin der Arbeiterwohlfahrt, Emma Schulze, die in besagtem Bundestagsausschuss als einzige Sachverständige Bedenken gegenüber der Zwangsbewahrung äußerte. Gleichermaßen sprach sie sich im entsprechenden Arbeitskreis der Arbeiterwohlfahrt, dem 1959 auch Helene Wessel angehörte, entschieden gegen eine gesetzliche Regelung der ‚Bewahrung‘ aus. Ihrer Ansicht nach bestand ansonsten die Gefahr, dass eine Sonderregelung für Prostituierte geschaffen würde. Dagegen forderte sie, für potentiell Gefährdete, wie entlassene Hilfsschüler, ehemalige Strafgefangene oder Geschlechtskranke vorbeugende Fürsorgemaßnahmen zu schaffen.102 Helene Wessel hingegen argumentierte weiterhin entschieden für die Aufnahme einer Bewahrungsregelung in das BSHG. Ihr schien die gesetzliche Regelung der Bewahrung sogar unumgänglich. Denn die ‚geistig-seelisch Anormalen‘ seienOpfer ihrer Veranlagung und würden immer Ausbeutungsobjekt sein und häufig ihre Freiheit missbrauchen. Zu prüfen war ihrer Meinung nach nur, wie eine Sicherung gegen Missbrauch des Freiheitsentzuges geschaffen werden könne.103 Dessen ungeachtet warnt Matthias Willing davor, die ablehnende Haltung der AWO mit derjenigen der SPD gleichzusetzen. Seiner Meinung nach maß die SPD den Fragen derGefährdetenhilfe allgemein geringe Bedeutung bei. Zugleich urteilt er aber auch, dass Helene Wessels Autorität dazu beigetragen habe, dass letztlich alle sozialdemokratischenMitglieder des Bundestagsausschusses der Zwangsbewahrung im BSHG zustimmten.104 Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Helene Wessel dem Bundestag 1951 imNamenderZentrumsfraktion einenEntwurf zumBewahrungsgesetz vorlegte, bevor der Fürsorgeausschuss zu einem abschließenden Ergebniss zum Unionsantrag von 1949 gekommen war. Sie schien nicht in Erwägung gezogen zu haben, dass ihr Gesetzentwurf auf erhebliche Bedenken selbst von Seiten der mitregierenden DP und FDP stoßen könnte. Vielleicht wollte sie mit ihrem Vorgehen 101 Siehe Kapitel 3.2.2. 102 Protokoll über die Sitzung des Arbeitskreises „Gefährdetenfürsorge“ der AWO am 13.02.1959 in Bonn, AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 74. 103 Ebd. Siehe auch: Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 308. 104 Ebd., S. 268, 305f. 354 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit aber auch Tatsachen schaffen und die Deutungshoheit über das Thema behalten. Auch ihre enge Zusammenarbeit mit den beiden renommiertesten Vertretern der bundesdeutschenWohlfahrtspflege,Wilhelm Polligkeit undHansMuthesius, kann ihr Selbstbewusstsein gestärkt haben. Sowohl Polligkeit als auch Muthesius hielten es für unbedingt erforderlich, nach den erfolglosenBestrebungen derVergangenheit nun endlich in der Bundesrepublik ein Bewahrungsgesetz durchzusetzen. Genauso stand Wessel in engem Kontakt mit Polligkeits Ehefrau Hilde Polligkeit-Eiserhardt, die im Deutschen Verein als die Fachfrau für das Bewahrungsgesetz galt.105 Interessant ist darüber hinaus Wessels Verbindung zu Elisabeth Zillken, ebenfalls einer großen Bewahrungsbefürworterin. Die beiden Frauen hatten eine gemeinsame berufliche Vergangenheit, denn Zillken war von 1916 bis 1958 Generalsekretärin des Katholischen Fürsorgevereins.106 Die Skepsis der Parlamentarier gegenüber dem Bewahrungsgesetz ging nach Einschätzung des Historikers Matthias Willing nicht nur auf eine erhöhte Sensibilität gegenüber Freiheitsbeschränkungen nach den Erfahrungen derNS-Zeit zurück, sondern auch auf geänderte Rahmenbedingungen. Zum einen gewährte das Grundgesetz der persönlichen Freiheit größeren Schutz, zum anderen war die BRD ein Jahr zuvor der Europäischen Menschenrechtskonvention beigetreten. Beides erforderte einen sensibleren Umgang mit dem Thema. Von der Öffentlichkeit weitgehendunbeachtet, triebendie traditionellenBefürworter das Bewahrungsgesetz trotz dieser Ablehnung weiter voran, genauso das Bundesinnenministerium. Auch das Bundesministerium fürArbeit und Sozialordnung bot denVerfechtern der Zwangsbewahrung eine Plattform. Im Winter 1955/56 richtete es einen Arbeitsausschusses für Fragen der Fürsorge als Unterausschuss des Beirats für die Neuordnung der sozialen Leistungen ein. HansMuthesius leitete das Gremium, beim Fachgebiet der Gefährdetenhilfe gab Elisabeth Zillken den Ton an.107 Dabei drehte Zillken ihre Argumentation für das Bewahrungsgesetz so, dass sie damit scheinbar alle verfassungsrechtlichen Bedenken ausräumen konnte: „Die Hilfe für die sozial-gefährdeten Personen [...] hat eine sozialpädagogische bzw. sozialhygienische Aufgabe zu erfüllen, niemals aber 105 Schrapper:HansMuthesius, S. 94, 248; siehe auch: Ebbinghaus:HeleneWessel und dieVerwahrung, hier: S. 196. Sowie Schreiben von Wilhelm Polligkeit an Helene Wessel vom 15.12.1949, AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 21; Schreiben von Helene Wessel an Hilde Polligkeit-Eiserhardt vom 22.8.1950, AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 21. 106 Maier: Who is who der Sozialen Arbeit, S. 660f. 107 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 263f, 302–304, vgl. 266. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 355 Aufgabe der sozialen [sic] polizeilichen Gefahrenabwehr zu übernehmen. [...] Wir haben auch die Würde der Menschen zu sichern und zu achten, die selbst ausMängeln des Verstandes, Gefühls- oder Trieblebens nicht verstehen können, daß die Hilfe zu ihrem Besten ist. Es ist ferner selbstverständlich, daß die Beschränkung der persönlichen Freiheit erst dann eintritt, wenn der Gefährdete durch den Missbrauch seiner Freiheit sich selbst schwer schädigt und damit auch die Lebensordnung der Umwelt beeinträchtigt.“108 Die Einschränkung der persönlichen Freiheit sollte also angeblich der Aufrechterhaltung der Menschenwürde dienen. Darüber hinaus grenzte sich Zillken scheinbar von der Idee ab, das ‚Gefährdetenproblem‘ als ordnungspolizeiliche Aufgabe zu betrachten. Gleichwohl erinnert ihre Argumentation an nationalsozialistisches Gedankengut, wenn sie behauptet, ‚Sozial-Gefährdete‘ seien Menschen, denen es infolge schwächerer Anlagen oder infolge besonders ungünstiger Umstände und Umwelteinflüsse an der notwendigen ‚inneren Festigkeit‘ fehle. OhneHilfe würden sie nicht nur selbst in einenmenschenunwürdigen Zustand absinken, sondern auch andere mit in dieses menschenunwürdige Leben hineinreißen. Zudem belasteten sie die Gemeinschaft finanziell, und zwar nicht nur durch sich selbst, sondern auch durch eine ‚minderwertige Nachkommenschaft‘. Bei außergewöhnlicher ‚Willensoder Verstandesschwäche‘, ‚Hemmungslosigkeit des Trieblebens‘ oder ‚Stumpfheit des sittlichen Empfindens‘ sollten diese Menschen zwangsweise Fürsorgeerziehung erhalten, umderBildung ‚asozialer‘ und antisozialerGruppen entgegenzuwirken.109 Der Deutsche Städtetag trat in diesem Diskurs vergleichsweise wenig in Erscheinung.ÜberHansMuthesius, der dort zwischen 1948und 1953 als Beigeordneter für Soziales fungierte,110 sowie seinen Nachfolger, Anton Oel,111 lässt sich jedoch darauf schließen, dass derDSTder ‚Zwangsbewahrung‘ positiv gegenüberstand. Ein zusätzliches Indiz ist die enge Zusammenarbeit zwischen dem Sozialausschuss des DST und Käthe Petersen, die ebenfalls eine Größe der bundesdeutschen Fürsorge 108 Vorlage von Elisabeth Zillken zur Sitzung des Arbeitsausschusses für Fragen der Fürsorge vom 21./22.02.1958, ADCV, 319.43 A, A01/01a Arbeitsministerium, Fasz. 02. 109 Ebd. 110 Deutscher Verein für private und öffentliche Fürsorge e.V.: DV-Ausstellung, S. 9, unter: http://www.deutscher-verein.de/de/uploads/wir-ueber-uns/verein/ geschichte/9-die-aera-muthesius.pdf, Stand: 24.05.2018. 111 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 269, Fußnote 77; vgl. Ziebill: Geschichte des DST, S. 299. 356 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit und zugleich eine Verfechterin der Bewahrungsidee war.112 Die promovierte Juristin war ab 1932 in der Hamburger Wohlfahrtsbehörde beschäftigt. Zwei Jahre später stieg sie zur stellvertretenden Leiterin des Landesfürsorgeamtes auf; nach 1945 übernahm sie die Leitung des Amtes. Ende der 1950er Jahre gewann Petersen in den Fachkreisen der bundesdeutschen Fürsorge immermehr Einfluss. So war sie von 1956 bis 1958 die Vertreterin der Länder in dem bereits erwähnten Ausschuss für Fragen der Fürsorge des Bundesarbeitsministeriums und wirkte auf die Gestaltung des BSHG ein. Auf ihrer Konzeption beruhte der BSHG-Abschnitt zur ‚Gefährdetenfürsorge‘, der auch die Bestimmungen zur fürsorgerischen Zwangsbewahrung enthielt. Ab 1959 gehörte sie dem Hauptausschuss des Deutschen Vereins an. 1970 wählte der Vorstand sie zu seiner Vorsitzenden.113 Auch wenn nicht alle Kritiker verstummt waren,114 stimmten im Mai 1961 sowohl Bundestag als auch Bundesrat dem Bundessozialhilfegesetz zu, inklusive der darin enthaltenen Vorschriften zur zwangsfürsorgerischen Anstaltsunterbringung. Im Juni 1962 trat das BSHGschließlich inKraft. InAnbetracht der jahrzehntelangen Anstrengungen, die Bewahrungsidee gesetzlich festzuschreiben, machten die verantwortlichen Stellen in der folgenden Jahren von dieser Möglichkeit paradoxerweise kaum Gebrauch. Zwischen 1962 und 1967 wurden offiziell nur zehn Personen aufgrund des Gesetzes in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Trotz dieser geringen Auswirkungen in der Praxis erhoben die Länder Hessen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Zum einen ging es dabei um den umstrittenen Paragraphen zur fürsorgerischen Zwangsbewahrung (§ 73 Abs. 2 und 3 BSHG), in erster Liniewandten sich dieKläger jedoch gegen das aus der katholischen Soziallehre abgeleitete und im BSHG verankerte Subsidiaritätsprinzip, das der freien Wohlfahrtspflege den Vorrang gegenüber der öffentlichen einräumte. Das bedeutet, dass sich die Empörung über die Möglichkeit von Freiheitsbeschränkung und Zwangserziehung in Grenzen hielt.115 Interessanterweise beteiligte sich 112 Siehe z.B. Bericht über den Aufbau der Richtsätze vom 18.07.1961, LAB, B Rep. 142-09, Nr. 4/00- 00-52. 113 Maier: Who is who der Sozialen Arbeit, S. 466f; Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 283-285. 114 Siehe z.B. Ergebnisse der Arbeitstagung des Beirats für die Neuordnung der sozialen Leistungen am 13. Oktober 1958 in Bonn, in: Bundesarbeitsblatt 9.21 (1958), S. 573–592. 115 Verfassungsbeschwerde gegen Sozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz, in: NB 16.4 (1962), S. 59. Siehe auch: Sozialpolitische Umschau. Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht, in: BdW 114.5 (1967), S. 189; Hans Reschke: Erklärung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 18. Juli 1967, in: NDV 47.11 (1967), S. 347; Zum Karlsruher Urteil über die Sozialgesetze, in: Caritas 68.5 (1967), S. 252–253; Konrad Elsholz: Das 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 357 ausgerechnet Hamburg an der Verfassungsklage und wandte sich damit indirekt gegen seine eigene Sozialamtsleiterin. Denn Käthe Petersen hatte sich ja gerade für die Durchsetzung ebendieser Bestimmung im BSHG eingesetzt. Am 18. Juli 1967 erklärte das Bundesverfassungsgericht schließlich § 73 Abs. 2 und 3 BSHG für nichtig. Die Richter waren zu dem Ergebnis gekommen, eine zwangsweise Anstalts- und Heimunterbringung eines Erwachsenen sei verfassungswidrig, wenn sie weder dem Schutz der Allgemeinheit noch dem des Betroffenen diente, sondern allein dafür gedacht war, den Bürger zu einem geordneten Leben zu führen. Es sei nämlich nicht Aufgabe des Staates, seine Bürger zu bessern.116 Das Urteil wirkte sich allerdings kaum auf die Praxis derGefährdetenfürsorge aus.Nicht nur aufgrund der wenigen Fälle, in denen die Zwangsbewahrung tatsächlich zur Anwendung gekommen war, sondern auch, da der Wohlfahrtspflege nach Ansicht der Zeitgenossen immer noch genügend rechtliche Mittel zur Verfügung standen, bei ‚Gefährdeten‘ einzuschreiten.117 Gemeint war damit vermutlich einerseits die Möglichkeit der Arbeitshausunterbringung nach § 42 StGB für Bettler, Landstreicher und Prostituierte. Diese entfiel jedoch rund zwei Jahre später durch das erste Gesetz zur Reform des Strafrechts (1. StrRG) vom 25. Juni 1969. Andererseits blieb nach dem Verfassungsgerichtsurteil von 1967 der sogenannte ‚Drohparagraph‘ des Bundessozialhilfegesetzes (§ 26)weiterhinbestehen.Demzufolge konnte auf ‚beharrliche Arbeitsverweigerung‘ mit Arbeitshausunterbringung reagiert werden. Erst das dritte Änderungsgesetz des BSHG vom 25. März 1974 bereitete der Institution des Arbeitshauses dauerhaft ein Ende.118 Dennoch bedeutete bereits das Verbot der fürsorgerischen Zwangsbewahrung eine Abwendung von armenpolizeilichen Traditionen; diese hatten sich durch Verfolgung und Exil der linken Fürsorgeexperten der Weimarer Republik bei gleichzeitiger Kontinuität vieler konservativer Wohlfahrtsexperten von den 1920er bis in die 1960er Jahre in der Bundesrepublik zunächst zwar erneut etablieren können. Zugleichwar ein entscheidender Schritt hin zu einer Liberalisierung des Fürsorgewesens getan worden, denn demHilfsgedanken, von dem das Bundessozialhilfegesetz über weite Strecken getragen wurde, wurde in der Ära der sozialliberalen Koalition Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Jugendwohlfahrtsgesetz und zum Bundessozialhilfegesetz, in: Der Städtetag 20.9 (1967), S. 465–469. Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 503. 116 Johannes Duntze: Das Karlsruher Urteil und die Sozialarbeit, in: BdW 114.11 (1967), S. 387–388. 117 Kurt Wehlitz: Die Auswirkungen des Karlsruher Urteils auf die Sozialhilfe, in: BdW 114.11 (1967), S. 393–401. 118 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 306f. 358 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit zum Durchbruch verholfen. Die Abschaffung des Arbeitshauses erscheint vor diesemHintergrund als folgerichtig. Denn die Institution Arbeitshaus stellte Ende der 1960er Jahre den gesellschaftspolitischenKonsens des ‚demokratischen und sozialen Rechtsstaates‘ genauso auf die Probe wie die noch immer übliche undemokratischrepressive Fürsorgeerziehung, welche vonGruppenwie derjenigen umUlrikeMeinhof öffentlich angeprangert und skandalisiert wurde.119 So fand in diesem Zeitraum nach Einschätzung Matthias Willings eine entscheidende Weichenstellung in der deutschen Fürsorgerechtsgeschichte statt.120 Gleichzeitig sei darauf verwiesen, dass der Bewahrungsgedanke nicht nur eine bevorzugte Idee der Fürsorgekreise war, sondern auch eine breite und gleichzeitig langlebige geistige Strömung der Gesellschaft widerspiegelte. So bedauerte die bundesdeutsche Justiz Ende der 1960er Jahre, dass sie aufgrund rechtsstaatlicher Schranken nicht härter gegen die revoltierenden Studenten vorgehen konnte. Darüber hinaus publizierte dieCaritas-Zeitschrift noch 1972 einenArtikel zumThema Prostitution, welcher der ‚Sauberkeit‘ sowie der daraus folgenden ‚gesunden Kraft und Würde des Volkes‘ einen besonderen Stellenwert einräumte und damit deutliche Anklänge an nationalsozialistisches Gedankengut aufwies. Zudem schien die Autorin des Artikels der 1967 für verfassungswidrig erklärten Möglichkeit der Zwangsbewahrung nachzutrauern. IhrerMeinungnachwar es umdieBewahrungderGemeinschaft vor Schaden und Zersetzung schlecht bestellt, denn die im Gesetzgeber repräsentierte Gesellschaft begnüge sich in Bezug auf die Prostitution leider hauptsächlich damit, Maßregeln zur Verhütung von Gesundheitsschäden und Kriminalität zu erlassen. Wie brüchig diese seien,wisse jeder, der damit zu tunhabe.Damit stellte dieAutorin noch Anfang der 1970er Jahre die vermeintliche Würde des Volkes über die Würde und Freiheit des Einzelnen.121 Nichtsdestotrotz hat die hier umrissene Geschichte des Bewahrungsgesetzes gezeigt, dass sich in den 1960er Jahren innerhalb des bundesdeutschen Fürsorgewesens – wie in vielen anderen Bereichen auch – eine Veränderung in den gesellschaft- 119 Mehr dazu siehe auchKöster:Holt dieKinder aus denHeimen, hier: S. 680.Köster betont aber auch, „dass die Studentenbewegung mit ihrem Kampf gegen autoritäre Strukturen der Fürsorgeerziehung nicht am Nullpunkt ansetzte, sondern Forderungen aufgri und publik machte, die vielfach intern von ‚etablierten‘ Akteuren längst artikuliert worden waren bzw. mit der parallel verlaufenden Akademisierung der Sozialarbeit aufkamen.“ Der APO sei hier lediglich eine ‚Verstärkerfunktion‘ zuzuschreiben. 120 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 285, 306–309; ders.: Sozialistische Wohlfahrt, S. 263f; Schrapper: Hans Muthesius, S. 231. 121 Luise Jörissen: Prostitution und Prostituierte, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 248–253. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 359 lichen Anschauungen vollzog. In der Sozialarbeit setzte sich nach und nach das psychologisch-therapeutische Denken durch, welches die repressiven, an überkommenen Moralvorstellungen festhaltenden Leitbilder der Fürsorge verdrängte. Begünstigt wurde dieser Anschauungswandel durch die wirtschaftliche Prosperität, aber auch ein Generationswechsel war maßgeblich an diesen Veränderungen beteiligt.Diemeistender langeZeitTon angebendenBewahrungsbefürworter verstarben oder gaben ihre einflussreichen Positionen aus Altersgründen auf. Nach demUrteil vonMatthiasWilling stand die Bewahrungsidee synonym für ein diskriminierendes Menschenbild, für staatliche Bevormundung und repressive Fürsorgekonzeptionen. Ihr Scheitern zeige, dass die bundesdeutsche Gesellschaft im Laufe der 1960er Jahre den individuellenGrundrechten und Freiheiten zunehmend größerenWert beimaß als tradierten Normen undWerten.122 5.2.2. Gemeinwesenarbeit: Methodischer Ansatz einer politischen Generation Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die bundesdeutsche Wohlfahrtspflege zunächst an bewährten Arbeitsmethoden fest. Ideen wie Prävention und Integration waren zunächst, meist aus pragmatischen Gründen, in den Hintergrund getreten. Ausgehend von den USA hatten sich drei grundlegende Methoden der Sozialarbeit herausgebildet: die Einzelfallhilfe (case work), die Gruppenarbeit (groupwork) und die Gemeinwesenarbeit (community organisation). Während die Einzelfallhilfe vornehmlich bedürfnis- und therapieorientiert war, zielte dieGemeinwesenarbeit explizit auf die Bewusstseinsbildung sozial benachteiligter Gruppen. Die Gruppenarbeit ordnete sich zwischen diesen beiden Polen ein.123 Wie in Kapitel 3.3 bereits ausgeführt, konnte die Professionalisierung der Sozialen Arbeit erst größere Fortschritte machen, als die materiellen Hilfen zunehmend von sozialpolitischen Maßnahmen abgedeckt wurden. Dadurch hatten die freienWohlfahrtsverbände Kapazitäten frei, um Hilfestellungen bei Lebensproblemen und psychosozialen Notständen zu geben, und zwar mit Hilfe der genanntenMethoden.124 Die Einzelfallhilfe war die älteste Methode der Sozialen Arbeit und erschien deshalb vielen Fachleuten als grundlegend. Nicht alle vertraten jedoch diese Meinung. 122 Willing: Das Bewahrungsgesetz, S. 312. 123 Genevieve W. Carter: Bereich und Eigenart der Gemeinwesenarbeit, in: NB 17.3 (1966), S. 91–98. 124 Hans Pfaffenberger: Die Sozialarbeit – ein sich wandelnder Beruf in einer sich wandelnden Gesellschaft, in: NB 12.7 (1958), S. 104–106. 360 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Von Seiten der Arbeiterwohlfahrt wurde Anfang der 1960er Jahre darauf hingewiesen, dass die Einzelfallhilfe deshalb in Fachkreisen so große Bedeutung zugemessen bekam, weil sie bereits am ausgefeiltesten war.125 Trotz unterschiedlicher Ausprägungen blieb sie jedoch eine Verfahrensweise, die demokratischere Formen des Zusammenlebens fördern wollte.126 Nachdem die Nachkriegsnot eingedämmt war, sah nicht mehr nur die Arbeiterwohlfahrt in der Gemeinwesenarbeit großes Potential. Dennoch wurde die theoretische Debatte zur Gemeinwesenarbeit großenteils in ihrer Fachzeitschrift ausgetragen. Streitpunkt war dabei, ob und inwieweit das ursprünglich US-amerikanische Konzept an bundesdeutsche Verhältnisse angepasst werden müsse. Die Förderung der Gemeinwesenarbeit bedürfe keiner ‚Anti-Gefühle‘ gegenüber Verwaltung und Behörden, so ein aufgebrachter Autor im Neuen BeginnenMitte der 1960er Jahre. Beides – bürgerlicheMitverantwortung und behördliche Institutionalisierung – sei wichtig, um die sozialen Probleme der Zeit zu lösen. Verwaltung und Bürger sollten zusammenarbeiten, um gemeinsam zu besseren Lösungen zu kommen.127 In der Bundesrepublik fand die Gemeinwesenarbeit abMitte der 1950er Jahre Beachtung. Seit Anfang der 1960er Jahre erhielt sie größere Aufmerksamkeit. Die aus denUSA stammendeMethode wurde zunächst in denNiederlanden undGroßbritannien rezipiert und gelangte über diese beiden Länder in die BRD. Dadurch wurde sie von unterschiedlicher Seite modifiziert und rückte vom anfänglichen Ziel ab, mehr bürgerschaftliche Beteiligung amGemeinwesen zu generieren. In den Fordergrund trat hingegen die Bewusstseinsbildung des Individuums, dass es zu einer Gemeinschaft gehörte und als Teil dieser Gemeinschaft größere Handlungsmacht entfalten konnte. Am deutlichsten zeigte sich der Methodentransfer von Großbritannien in die BRD am Beispiel Richard Hausers. Der nach Großbritannien emigrierte österreichische Soziologe gewannmit seiner Version der Gemeinwesenarbeit großen Einfluss auf die Obdachlosenarbeit in der Bundesrepublik. Gleichzeitig setz- 125 Hans Pfaffenberger: Drei Methoden der Sozialarbeit I, in: NB 17.5 (1963), S. 73–75. 126 Peter Oel: Community Organization, in: NB 17.6 (1966), S. 215–224. Siehe auch: Lina Mayer- Kulenkampff: Gemeinschaftsplanung in Gemeinden als Methode der Sozialarbeit. Ein Überblick über die Community Organization und Community Development, in: NB 16.2 (1962), S. 17–19. 127 Kurt Utermann: Bemerkungen zur Community Organization – Gemeinwesenarbeit – Verwaltung, in: NB 17.6 (1966), S. 224–227; vgl. Peter Oel: Community Organization, in: NB 17.6 (1966), S. 215– 224. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 361 te sich Hauser aktiv für die Politisierung der Sozialarbeit ein und wurde damit zum Vorbild für sozial engagierte Studenten. Den Ausgangspunkt bildete Ende der 1950er Jahre Johannes Wasmuth. Der gelernte Dekorateur, der später als Kunstsammler und Galerist bekannt wurde, hatte 1957 in einerObdachlosensiedlung inNeuss Bilder von ‚asozialen‘ Familien gemacht und mit diesem Material 1959 eine Fotoausstellung in Düsseldorf gestaltet. Die Fotoausstellung machte Eindruck, so dassWasmuth in der Adventszeit 1959 die Fördergemeinschaft Kinder in Not e.V. ins Leben rief.128 Parallel dazu hatte Wasmuth offenbar Kontakt zu Richard Hauser gesucht, was ihm spätestens 1961 auch gelang. Der Soziologe hatte sich durch eine besondere Form der Gemeinwesenarbeit einen Namen gemacht, die er in Großbritannien praktizierte. Wasmuths Interesse galt dieser neuen Methode. Denn der junge Deutsche hatte erkannt, dass man bei der Behebung des Obdachlosenproblems mit Geld allein nicht viel ausrichten konnte. Mit Hilfe von Bilderspenden verschiedener Künstler hatte er es zwar geschafft, fünf Kindergärten für Kinder aus Obdachlosensiedlungen zu bauen. Das Problem war seiner Ansicht nach jedoch ein menschliches: Die Obdachlosen wollten sich gern selbst helfen, waren dazu aber nicht in der Lage. Schon bald waren die Kindergärten deshalb wieder „in das Fahrwasser der traditionellen caritativen Einrichtungen“ gekommen.129 Entgegen der in der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege damals noch weit verbreiteten paternalistisch-vormundschaftlichen Fürsorge vertrat Hauser den Ansatz, dass es nicht genüge, die Obdachlosen durch materielle oder soziale Hilfen zu unterstützen. Für ihn kam es vielmehr darauf an, dass sich die Menschen über die Zustände entrüsteten – und zwar sowohl die Betroffenen als auch die Helfer. Die Probleme entstünden aus der Hierarchie, die noch immer zwischen Sozialarbeitern (‚Obertanen‘) und Unterstützten (‚Untertanen‘) herrsche. Da der Paternalismus seinerAnsicht nach immer pessimistischwar, konnte sichmitHilfe des bestehenden ‚obrigkeitsstaatlichen‘ Fürsorgesystems an der Situation der Obdachlosen letztlich nichts ändern. Hausers Ziel war es daher, die Menschen zur Selbsthilfe erziehen, und zwar mit Hilfe ‚demokratischer Grundmethoden‘. Über ihre Kinder versuchte er an die Obdachlosen heranzukommen. Er dachte, dass gerade die sogenannten 128 Rundschreiben Fördergemeinschaft Kinder in Not 11/1974, LAB, B Rep. 142-09, Nr. 4/44-48. 129 Report-Chronik Nr. 55 vom 23.12.1963, Beitrag Hilfe für Asoziale, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6300000523. Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen die Informationen zu Richard Hauser aus diesem, erstmals in der ARD ausgestrahlten Filmbeitrag von knapp zehn Minuten Länge. 362 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit ‚Asozialen‘ über sehr große gemeinschaftsbildende Kräfte verfügten. Diesemüssten nur geweckt werden, dann wären die Obdachlosen in der Lage, sich selbst zu helfen. NachHauserwarendazu in erster Linie aufgeschlossene, vorurteilsfreieHelfer nötig, die bereit waren, einige Zeit mit den Menschen in den ‚Stadtrandsiedlungen‘, wie diese damals häufig beschönigend genannt wurden, zusammenzuwohnen.130 1961 kam Hauser erstmals für eine Schulung der Mitarbeiter der Fördergemeinschaft nach Bonn. Seine Ideen machten auf die Teilnehmenden großen Eindruck, so dass die Fördergemeinschaft diesen ‚Hauser-Kurs‘ in den darauffolgenden Jahren immer wieder als Fortbildung anbot. Die meist geistlichen Mitarbeiter von Kinder in Not versuchten, Hausers Prinzipien bei ihren Projekten umzusetzen, das heißt die Eigeninitiative der Bewohner zu fördern und gleichzeitig eine Abhängigkeit von den Sozialarbeitern zu vermeiden. In anderen Städtenwurden imVerlauf der 1960er Jahre ähnliche Projekte ins Leben gerufen, beispielsweise in Essen.131 Bereits 1962 starteten Stefan Karlstetter, Fritz Karas und Gretel Schlichting ein Projekt in einer Notunterkunft in Köln. Die drei vermutlich noch recht jungen Sozialarbeiter waren von dem Vortrag, den Richard Hauser im selben Jahr in Köln gehalten hatte, angeregt worden, die Methoden des Soziologen selbst auszuprobieren. Ermutigt worden waren sie durch Hausers Aussage, „daß Modellarbeiten in seinem Sinn von jedermann gemacht werden könnten, der die von ihm entwickelten Methoden kennt und anzuwenden lernt“. Karlstetter, Schlichting undKaras reisten sogar nach England, um sich Hausers Projekte vor Ort anzusehen.132 Dieser neue Typus von Sozialarbeitern versuchte denWiderspruch zwischen der Wohlstandsgesellschaft und der Existenz von ‚Notunterkünften‘ jedoch nicht mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erklären, zumindest nicht ausschließlich. Genausowenig glaubten sie an einen biologischen Ursprung der ‚Asozialität‘. Die drei Initiatoren des Obdachlosenprojekts in Köln boten einen vielschichtigen Erklärungsansatz, der Obdachlosigkeit einerseits auf die ‚Apathie‘ der Obdachlosen, andererseits auf die Verweigerung von Teilhabechancen durch die Gesellschaft zurückführte: 130 Report-Chronik Nr. 55 vom 23.12.1963, Beitrag Hilfe für Asoziale, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6300000523. 131 Rundschreiben Fördergemeinschaft Kinder in Not 11/1974, LAB, B Rep. 142-09, Nr. 4/44-48. Margret Böttner: Sozialarbeit in Essener Notunterkünften, in: BdW 117.6 (1970), S. 191–193. 132 Schlichting/Karlstetter/Karas: Erster Bericht über zwei Projekte inObdachlosensiedlungen in Köln, S. 3. Siehe auch: Dokument Nr. 39, ohne Datum, ADCV, 319.5/6 M 606, Fasz. 1. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 363 „Menschen, die in ihrem sozialen Wachstum gehindert oder nicht genügend angeregt wurden, bleiben stecken, oder fallen zurück in einen apathischen Zustand. Wir stimmen der Meinung nicht zu, daß die Leute durchweg asozial sind. Sie sind zum Teil sehr antisozial, aber viele von ihnen haben dazu sehr viel Grund. [...] Wir denken, daß ein großer Teil dieser Leute sozial unzulänglich, nicht geistig unzulänglich sind [sic] und, daß sie durch die Gesellschaft und durch ihr eigenes Verhalten so geworden sind.“133 Damit gingen sie, anders als die Autoren der Sozialreportagen Ende der 1960er Jahre oder die Teilnehmer der Diskussionsgruppe Nr. 14 auf demDeutschen Fürsorgetag von 1973, nicht auf Konfrontationskurs zu der angestammten Fachwelt.134 Die großen Wohlfahrtsverbände fühlten sich Ende der 1960er Jahre von diesen, den Methoden Richard Hausers nahestehenden Obdachlosenprojekten dennoch provoziert. Dessen ungeachtet schienen sie sich mit den jungen Verfechtern dieser Methode zu arrangieren. Stefan Karlstetter beispielsweise trat spätestens 1969 als Pater in einen katholischen Orden ein135, entwickelte sich trotz der skeptischen Haltung der Caritas zu einem engagierten Anhänger von Hausers Methode und sorgte für deren weitere Verbreitung.136 In den Akten des Archivs des DCV findet sich ein von ihm verfasster, leider undatierter Text mit dem Titel Gemeinwesenarbeit – eine mögliche Herausforderung.137 Dabei scheint es sich um ein Informationspapier für den DCV gehandelt zu haben, was zeigt, dass sich der Verband gegenüber den Forderungen der Zeit öffnete. Karlstetter klärte in dem Papier darüber auf, dass die Methode ihren Ursprung in den USA hatte, und definierte sie als eine moderne Methode der Sozialarbeit, angesiedelt zwischen Gruppendynamik und Gesellschaftspolitik. 133 ebd., S. 5f. 134 Vgl. Rundschreiben Fördergemeinschaft Kinder in Not 11/1974, LAB, B Rep. 142-09, Nr. 4/44-48. 135 Stefan Karlstetter: Sanierung von städtischen Obdachlosensiedlungen als Versuch der Gemeinwesenarbeit, in: BdW 116.1 (1969), S. 12–16; vgl. Stefan Karlstetter: Hilfe durch Selbsthilfe im Notwohngebiet, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 353–358. 136 Ende der 1970er Jahre hielt er beispielsweise in Österreich Fortbildungsveranstaltungen für Gemeinwesenarbeit ab. Siehe Brandstetter/Schmid/Vyslouzil (Hrsg.): Community Studies, S. 395. Auch Fritz Karas blieb der Methode treu und veröffentlichte etwa zur selben Zeit ein Handbuch zur Gemeinwesenarbeit. Karas/Hinte: Grundprogramm Gemeinwesenarbeit. Praxis des sozialen Lernens in offenen pädagogischen Feldern. 137 Dokument Nr. 39, ohne Datum, ADCV, 319.5/6 M 606, Fasz. 1. 364 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Wie in Kapitel 3.3 bereits dargelegt, vollzogen sich auf demGebiet der Sozialen Arbeit im Untersuchungszeitraum verschiedene Prozesse der Professionalisierung. Selbst die konfessionelle Wohlfahrtspflege suchte ihre Arbeit methodisch zu verbessern und wissenschaftlich zu untermauern. In diesem Zusammenhang kann der Aufmerksamkeitszugewinn für die Gemeinwesenarbeit teilweise den Professionalisierungsbestrebungen des Faches zugerechnet werden.138 Zu dieser Entwicklung beigetragen hatten neben der Professionalisierung des Feldes aber noch weitere Faktoren. Dazu gehörte das große Interesse der internationalen Fachwelt an dem Thema – 1962 widmete sich die Internationale Konferenz für Sozialarbeit der community organization.139 Auch der Mauerbau scheint der Gemeinwesenarbeit zu mehr Reputation verholfen zu haben. Denn anfangs stand diese unter dem Verdacht, kollektivistische Tendenzen zu verfolgen. Erst durch die Festschreibung des Status quo an der innerdeutschen Grenze schien die Bedeutung des Individuums, und damit die Einzelfallhilfe, in der Sozialen Arbeit nicht mehr so stark betont werden zu müssen.140 Der Generationswechsel tat sein Übriges, um die Fachwelt offener gegenüber neuenMethoden und Ideen zu machen. Die Forschung geht häufig davon aus, dass an der Pluralisierung der Bundesrepublik der Generationswechsel von den 45ern zu den 68ern einen wichtigen Beitrag geliefert habe. Die Beschränkung auf die Generationen der 45er und der 68er erscheint jedoch zu schematisch. Die historischen Befunde sind oft komplizierter, so dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen interne Differenzierungen nötig sind, gerade in Bezug auf Tempo und Bedeutung des Generationswechsels.141 Auch für die bundesdeutsche Wohlfahrtspflege trifft dies zu. Hier waren es gerade nicht die Geburtenjahrgänge 1918 bis 1930,142 die nach 138 Siehe z.B. Hilfen für Problemfamilien. Ein Lehrgangsbericht, in: NDV 46.5 (1966), S. 139–141; Arbeitsgruppe Gemeinwesenarbeit: Entwicklung und Tendenzen in der Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik, in: TuP 24.8 (1973), S. 304–308; Gemeinwesenarbeit in Hamburg-Billstedt, in: TuP 24.9 (1973), S. 353–354. Vgl. aber auch: Sozialarbeit des Deutschen Roten Kreuzes. Schwerpunktaufgaben heute, in: BdW 118.1 (1971), S. 13–14. 139 Lina Mayer-Kulenkampff: Gemeinschaftsplanung in Gemeinden als Methode der Sozialarbeit. Ein Überblick über die Community Organization und Community Development, in: NB 16.2 (1962), S. 17–19. Christiane Reinecke konnte darüber hinaus beobachten, dass deutsche Studien durch Verweise auf US-amerikanische größere Glaubwürdigkeit erhielten. Vgl. Reinecke: Auf dem Weg, hier: S. 120. 140 Siehe z.B. Peter Oel: Community Organization, in: NB 17.6 (1966), S. 215–224. 141 Vgl. Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S. 8, 12f; Herbert: Drei Generationen, hier: S. 111. 142 Ahbe: Deutsche Generationen nach 1945, hier: S. 41. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 365 Kriegsende einenNeuanfang imFürsorgebereich anstrebten.Zunächst dominierten vielmehr die Fachleute den sozialenBereich, die ihren beruflichenWerdegang bereits vor 1933 begonnen hatten.143 Ende der 1960er Jahre vollzog sich ein vergleichsweise rascherGenerationswechsel. Dabei lösten die Absolventen der neuen, auf theoretische Konzepte und wissenschaftliche Vorgehensweisen ausgerichteten Ausbildungsgänge die noch verbliebenen Vertreter der älteren Generation von Sozialpflegerinnen und Sozialarbeitern ab, in deren Ausbildung die Einzelfallhilfe noch als wichtigste Form der Sozialarbeit hervorgehoben worden war.144 So wurde die Gemeinwesenarbeit allein schon aus diesemGrundpopulärer,wenn sich auch einige Fachleute vor allemammoralisierenden Duktus vieler Verfechter der Gemeinwesenarbeit störten. So schrieb 1973 eine Autorin in den Blättern der Wohlfahrtspflege: „Wir werden sehr bald dahinterkommen, daß auch soziale Aktion kein Allheilmittel für gesellschaftliche Nöte und Notwendigkeiten ist. Ich meine übrigens auch, daß wir niemals von einem Entweder-oder hinsichtlich derMethoden reden dürfen, sondern von einem Sowohl-alsauch. Es werden immer eine ganze Reihe gesellschaftlicher Notwendigkeiten bleiben, bei denen das soziale Aktionsmodell kaum Bedeutung hat. Ich denke z.B. an psycho-soziale Probleme der körperlich oder geistig Behinderten und ihrer Familien oder an viele familiäre Probleme, die durch Veränderungen bestimmter Gesellschaftsstrukturen nicht oder nicht positiv beeinflußt werden.“145 Wie zu Beginn des Kapitels bereits dargestellt, kulminierte die Auseinandersetzung zwischen den jungen Sozialarbeitern und der etablierten Fachwelt auf dem Deutschen Fürsorgetag 1973. Die jungen Akteure warfen dabei den angestammten Wohlfahrtspflegerinnen und -pflegern vor, die soziale Ungleichheit durch die althergebrachtenMethoden eher zu festigen als beseitigen zu helfen. Ihrer Meinung nach hatte Sozialarbeit immer auch eine politische Dimension; die Situation ihrer Adressaten könne nur dann grundlegend verändert werden, wenn sie diesen zur Selbständigkeit undMündigkeit verhelfe.146 Besonders die Einzelfallhilfe stand in der Kritik, 143 Schrapper:HansMuthesius, S. 22; siehe auchRaphael: Experten, S. 242;Heisig:Armenpolitik (1995), S. 523-603. 144 Raphael: Experten, hier: S. 243f. 145 Marie Kamphuis: Soziale Aktion heute, in: BdW 118.10 (1971), S. 306–310. 146 Bericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, in: NDV 53.12 (1973), S. 350–362. 366 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit zumindestwenn ausschließlich dieseMethode zurAnwendung kam.Denndadurch werde das gesellschaftliche Problem individualisiert undObdachlosigkeit als eigenes Verschulden interpretiert. Obdachlosigkeit sei aber nicht individuell verschuldet, sondern Ausdruck der sozio-ökonomischen Verhältnisse. Ähnlich wie Alexander Spoerl arbeiteten die Mitglieder der Diskussionsgruppe, die sich dem Thema auf dem Fürsorgetag widmete, mit Provokation und behaupteten, dass mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung der BRD potentiell von Obdachlosigkeit bedroht sei.147 Zum dritten kann die Aufwertung der Gemeinwesenarbeit als Ausdruck der zunehmenden Politisierung der Sozialarbeit angesehen werden. Schon 1960 kam in der Fachzeitschrift der Arbeiterwohlfahrt die Forderung auf, dass die Sozialarbeiter nicht länger die politische Seite ihrer Arbeit vernachlässigen dürften und sich deshalb mehr in den kommunalpolitischen Gremien engagierten sollten. Darüber hinaus hielt es die Autorin für unabdingbar, dass sie Einfluss nähmen auf die Organe der öffentlichen Meinungsbildung.148 Damit erlangte die Gemeinwesenarbeit zur gleichen Zeit größere Aufmerksamkeit, zu der sich, ausgehend von Frankreich, Großbritannien und den USA, eine neue Linke zu formieren begann. Diese sah nicht mehr nur das Proletariat als Träger des sozialen und kulturellen Wandels an, sondern zum einen sich selbst, als junge Intelligenz, und zum anderen gesellschaftliche Randgruppen.149 Im Laufe der 1960er Jahre erfuhren diese Ideen immer größere Aufmerksamkeit und kulminierten zum Ende des Jahrzehnts schließlich in meist studentischen Protestbewegungen, und das nicht nur inwestlichenLändernwie denUSA, Frankreich, Italien oder Japan, sondern auch in Teilen des Ostblocks. Nach Ingrid Gilcher- Holtey lässt sich das Hauptanliegen der 68er-Bewegung in der Ausweitung von Partizipationschancen zusammenfassen. Erstrebt worden sei eine Veränderung von Lenkungs- und Entscheidungsstrukturen in politischen, wirtschaftlichen, sozialen undkulturellen Institutionen, durchdenAbbauvonHierarchien sowiedurchSelbstbestimmung beziehungsweise Selbstverwaltung.Neben der ‚Demokratisierung‘ der Gesellschaftwar dieHerbeiführung einesBewusstseinswandels das erklärteZiel,was bedeutete eine ‚aktive Partizipation‘ am gesellschaftlichenLeben, Befreiung vonTra- 147 Petersen: Gesamtbericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, S. 505f. 148 Emma Schulze: Der Wandel in den Formen der Sozialarbeit und in der Organisation des fürsorgerischen Dienstes, in: NB 14.7 (1960), S. 105–106. 149 Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 15f; Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, S. 43f. 5.2. Zum Umgang mit den ‚Unangepassten‘ in der Wohlfahrtspflege 367 ditionen und überkommenen Moralvorstellungen sowie Verweigerung gegenüber der Waren- und Konsumgesellschaft.150 In diesem Zusammenhang zeigt sich auch die Akademisierung der Sozialarbeiterbeziehungsweise Sozialpädagogenausbildung und die damit zusammenhängende Einrichtung von Fachhochschulen als bedeutsam. Denn insbesondere im studentischen Milieu konnte unter dem Eindruck des veränderten gesellschaftlichen Klimas eine Generation von Sozialarbeitern entstehen, die sich deutlich von ihren Vorgängern abgrenzte. Das lag auch daran, dass ihre Ausbildung im Vergleich zu früherenZeiten viel stärker theoretisch orientiert war und damitmehrRaum für die Auseinandersetzung mit allgemein gesellschaftsrelevanten Fragen ließ. Die jungen Sozialarbeiter forderten zwar nicht den Umsturz der Gesellschaft, wohl aber eine Politisierung der Sozialen Arbeit. Diese Forderung griffen nicht wenige Abschlussarbeiten auf, die Ende der 1960er Jahre entstanden. Viele dieser Arbeiten setzten sich gesellschaftskritisch mit dem Thema Obdachlosigkeit auseinander.151 Wie eingangs bereits erwähnt zielte dieMethode der Gemeinwesenarbeit explizit auf die Bewusstseinsbildung sozial benachteiligter Gruppen. Damit entsprach diese Methode den Grundgedanken dieser ‚politischen Generation‘.152 Ein Sozialarbeiter, der nach derMethode derGemeinwesenarbeit vorging,war darumbemüht, eineGemeinde, einenStadtteil oder eineNachbarschaft dazu zubringen, sich ihrer Stärke als Gemeinschaft bewusst zu werden. Die Gemeinwesenarbeit wurde in der BRD vor allembei derArbeitmitObdachlosen angewendet– auchdies ist einHinweis darauf, dass es sich hierbei mehr um eine politische Vorgehensweise handelte, als darum, einemöglichst professionelle und effektiveMethode zu finden, um soziale Probleme insgesamt zu beheben. Denn die Menschen aus einer Obdachlosensiedlung ließen sich tendenziell leichter dazu bringen, sich als Gruppe politisch benachteiligt zu fühlen als beispielsweise Menschen mit Behinderung. Vor allem ab Ende der 1960er Jahrewidmete sich eine ganzeReihe vonFachaufsätzen der Frage,wie denMenschen aus Obdachlosensiedlungen mit Hilfe dieser Methode geholfen werden könne.153 150 Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 113f; Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, S. 134. 151 Siehe ADCV, 200.13.012, Fasz. 2. Darin beispielsweise enthalten: „Zulassungsarbeit zur 1. Prüfung für das Lehramt an Volksschulen Sommer 1969. Thema: Situation und Struktur der Siedlung an der Opfingerstrasse, Freiburg. Dozent: Prof. Dr. Zittel. Vorgelegt vonMarita Furtwängler“. 152 Herbert: Drei Generationen, hier: S. 97. 153 Paul Fechler: Spielstube als Zentrum sozialpädagogischer Arbeit in einem sozialen Brennpunkt, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 111–113; Josefine Feldhaus: Sozialarbeit nach der Methode der Gemeinwesenarbeit in einer Notunterkunft, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 38–39; Manfred Pohlmann: Initiativen der Wohnbevölkerung und Gemeinwesenarbeit, in: TuP 25.11 (1974), S. 432–440; Hans 368 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Einzelne Artikel bescheinigten ihr sogar einen explizit politischen Charakter. So orientierten sich Gemeinwesenarbeiter auch hinsichtlich ihrer Methoden an politischen Praktiken: öffentliche Versammlungen, Stadtteilzeitungen und Flugblätter gehörten ebenso zum Spektrum der Möglichkeiten wie Mietstreiks, Boykotte oder go-ins bei Behörden.154Häufig wurde bei der Arbeitsaufnahme in einemneuen Feld darüber hinaus eine ‚aktivierende‘ Befragung durchgeführt. Diese sollte nicht nur der Information des Befragers dienen, sondern hatte auch zumZiel, denBetroffenen ihre gemeinsamenProbleme bewusst zumachen, ihreVerantwortlichkeit zuwecken und ein gemeinsames Interesse an der Lösung ihrer Probleme hervorzurufen.155 Ein Anfang der 1970er Jahre entstandender ‚Leitfaden für Interviewer‘ einer Freiburger Studentengruppe forderte explizit dazu auf, in einer solchen aktivierenden Befragung möglichst oft anzusprechen, ob die Bewohner einer Obdachlosensiedlung glaubten, ihre Probleme allein lösen zu können. In dieselbe Richtung zielten auch die Fragenvorschläge, beispielsweise: „Wie wir festgestellt haben, klagen Ihre Nachbarn über dieselben Mißstände wie Sie. Finden Sie nicht, daß sich ein paar oder alle Leute zusammentun sollten, um gemeinsam zu überlegen, wie man die bestehenden Verhältnisse verändern kann?“156 Mit derartigen Fragen sollten die ‚Eigeninitiativkräfte‘ der Betroffenen geweckt werden – wenn auch der Begriff ‚Eigeninitiative‘ vor diesem Hintergrund zweifelhaft erscheint. In der Fachwelt gab es durchaus ein Bewusstsein für diese Problematik. Denn damit die Methode funktionierte und tatsächlich Veränderungen eintraten, durfte der Sozialarbeiter nicht stellvertretend für seine Klienten betroffen sein und das Ziel vorgeben. Die eigentliche Arbeit begann erst, wenn die Betroffenen selbst etwas als Problem erkannt hatten und aus eigenem Interesse etwas dagegen unternehmen wollten.157 Dann war es Aufgabe des Sozialarbeiters, die Beziehungen Peter Mehl: Haben Bürgerinitiativen in sozialen Brennpunkten eine Chance? Ein grundsätzlicher Beitrag zu Voraussetzung und Möglichkeit von besonderen Partizipationsprozessen, in: BdW 121.4 (1974), S. 90–93. 154 Siehe z.B. Maja Heiner: Mobilisierung der Betroffenen – Grenzen einer Strategie der Gemeinwesenarbeit, in: TuP 26.10 (1975), S. 380–391. 155 Wolfgang Assmann: Gemeinwesenarbeit in einer Obdachlosensiedlung in D. In: BdW 117.6 (1970), S. 190–191; Margret Böttner: Sozialarbeit in Essener Notunterkünften, in: BdW 117.6 (1970), S. 191– 193. 156 Leitfaden für Interviewer, vmtl. 1971/72, Archiv Soziale Bewegungen, Sys. 5.3.8.2. 157 Eckard Steinborn: Gemeinwesenarbeit – Sozialarbeit in der Phase der Rezeption, in: NB 22.3 (1971), S. 105–110. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 369 zwischenden einzelnenGruppen zu verbessern, beispielsweise denBewohnern einer Obdachlosensiedlung und der umliegenden Nachbarschaft oder den Behörden.158 Pathetischer formuliert, sollte der Sozialarbeiter aus demokratischem Verantwortungsgefühl dabei helfen, „die Trennungswände zwischen Ständen, Parteien, kirchlichen Stellen und freien Verbänden zum Wohle der Gesamtgemeinde zu überwinden“.159 Insgesamt ist der Einfluss der 68er-Bewegung auf das Selbstverständnis und die Fachkultur der Sozialen Arbeit unverkennbar. Denn die Popularität der Gemeinwesenarbeit beruhte zu einem großen Teil auf dem dahinter stehenden Partizipationsgedanken und ihremAnspruch, den Betroffenen dazu zu verhelfen, Einfluss auf die Veränderung ihrer Lage zunehmen.Dennochhätte sich die stark andemokratischen Prinzipien orientierte Methode kaum durchsetzen können, wenn nicht gleichzeitig eine Professionalisierung und Akademisierung der Sozialen Arbeit stattgefunden hätte.160 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen Wie die Gesellschaft insgesamt, kam in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre auch das katholische Milieu in Bewegung. Seit Ende der 1950er Jahre formierten sich gesellschaftliche und kirchliche Modernisierungsschübe, welche zur Voraussetzung für die ‚forcierte Modernisierung‘ seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurden. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) kann als Ausdruck dieser Entwicklung gewertetwerden,wirkte gleichzeitig aber auch als ihrMotor imkatholischenBereich. Es strebte die Anpassung der katholischen Kirche an gegenwärtige Verhältnisse an, zusammengefasst unter dem Begriff ‚Aggiornamento‘. Galt dem Ersten Vatikanum (1869-1870) die Subjektwerdung des Menschen und sein Freiheitsanspruch noch als die Wurzel allen Übels der Moderne, beurteilten die Konzilteilnehmer der 1960er 158 Hans Pfaffenberger: Drei Methoden der Sozialarbeit I, in: NB 17.5 (1963), S. 73–75. Siehe auch: Hans Pfaffenberger: Drei Methoden der Sozialarbeit II, in: NB 17.6 (1963), S. 81–83;Walter Thorun: Probleme der Sozialhilfe in neuenWohnsiedlungen. Ansätze für soziale Planung und Entwicklung, in: NB 18.12 (1964), S. 184–186. 159 Lina Mayer-Kulenkampff: Gemeinschaftsplanung in Gemeinden als Methode der Sozialarbeit. Ein Überblick über die Community Organization und Community Development, in: NB 16.2 (1962), S. 17–19. 160 Vgl. auch: Müller: Wie Helfen zum Beruf wurde, S. 236-270. 370 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Jahre beides als positiv: Es entspreche der Würde des Menschen und dem Willen Gottes.Damit erkannte die katholischeKirche dieGegebenheit einer pluralistischen Gesellschaft an, in der sie selbst keine Privilegien beanspruchen konnte.161 Auch förderte dasZweiteVatikanumeine sozial-religiöse Interpretationdes christlichen Glaubens. Der Deutsche Caritasverband nahm diese theologische Neuausrichtung zum Anlass, auch sein Selbstverständnis entsprechend neuzufassen. Dies war kein linearer Prozess, immer wieder schien die Anpassungsfähigkeit des konfessionellen Verbandes an ihre Grenzen zu stoßen. Selbst heute ist nach Urteil Franz- Xaver Kaufmanns die Wirkungsgeschichte des Konzils im Bewusstsein der Katholiken noch nicht abgeschlossen. Dazu beigetragen habe vor allem, dass es dank der Massenmedien zu einem Weltereignis geworden sei, an dem nicht nur Theologen undKleriker, sondern auch gebildete katholische Laien undnicht-katholischeChristen in aller Welt Anteil hatten. Das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanums zeigte Züge einer fortschreitenden, wenn auch kritisch-reflexiven Modernisierung, in deren Folge die Kirche ihre eigene Verabsolutierung zurücknahm.162 In diesem Zuge wurde auch die hierarchische Ordnung innerhalb der katholischenKirche in Frage gestellt – nicht bezogen aufGlaubensinhalte, aber das Verhältnis von Amtskirche und Laien sollte nicht mehr hierarchisch sein. Beide Seiten sollten lediglich unterschiedliche Aufgaben innerhalb der Gesamtkirche erfüllen. Die Bedeutung des Zweiten Vatikanums wurde bereits angesprochen. DenHöhepunkt dieser Entwicklung bildete der 82. Katholikentag, der unter dem Leitwort ‚Mitten in dieserWelt‘ Anfang September 1968 in Essen stattfand. Kritisch eingestellte Laien forderten hier mehr Demokratie auch in der Kirche. Zeitgleich begann sich auch eine Gegenbewegung zu formieren, die Anfang 1971 einen großen Erfolg erzielte, als der Beirat für politische Fragen des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken die ‚Thesen gegen den Mißbrauch der Demokratie‘ verabschiedete.163 Dennoch kann mit Thomas Großbölting festgehalten werden, dass die Großkirchen in den 1960er und 1970er Jahren nicht nur Produkt, sondern auch Promoter einer Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft waren. Insbesondere an den Rändern der eta- 161 Jähnichen: Einleitung, hier: S. 9; Pottmeyer: Modernisierung in der katholischen Kirche, hier: S. 140. Damit in Wechselwirkung stand die Auflösung des katholischen Milieus und die Erosion traditionsgebundener Kirchlichkeit seit den 1960er Jahren. Vgl. Frie: Katholizismus und Wohlfahrtsstaat, hier: S. 40. 162 Gabriel: Von der Caritas zum sozial-caritativen Handeln, hier: S. 68; Kaufmann: Zur Einführung, hier: S. 9; Pottmeyer: Modernisierung in der katholischen Kirche, hier: S. 144; vgl. Henkelmann: Der Dienst amNächsten in Gefahr, hier: S. 155. 163 Scheibe: Auf der Suche, hier: S. 260. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 371 blierten Kirchen sei es dabei zu zahlreichen Innovationen gekommen, die von den Kirchenhierarchien angestoßenwurden, sich aber auch an der Basis entwickelten.164 In der Bundesrepublik der 1960er Jahre wurden im gesamten sozialen Bereich Forderungen nach einem stärker partnerschaftlichen Umgang zwischen Betreuer und zu Betreuendem laut. Damit war auch das Thema Gleichberechtigung auf eine neue Basis gestellt. Der mündige, nicht mehr der bloß funktionierende, den gesellschaftlichen Moralvorstellungen angepasste Bürger war das Ziel. Zwar hatten Sozialexperten bereits auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1957 mit dem Schlagwort „Vom Fürsorge-Untertan zum Fürsorge-Bürger“ einenWandel im Umgang mit Hilfsbedürftigen gefordert.Der paternalistische Fürsorgestil entsprach jedoch in der bundesdeutschen Sozialarbeit nochmindestens ein weiteres Jahrzehnt der gängigen Umgangsform. Den neuen Stil vertrat am stärksten die Arbeiterwohlfahrt. Für sie war ‚Demokratisierung‘ das Leitmotiv ihrer Sozialarbeit. Die konfessionelle, insbesondere die katholische Wohlfahrtspflege orientierte sich dagegen an dem christlichen Motiv der Nächstenliebe einerseits und dem Pastoralprinzip andererseits. Beides verleitete tendenziell zur Entmündigung der Bedürftigen.165 Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass der Zentralvorstand des DCV im Sommer 1968 in einer Sitzung darauf zu sprechen kam, dass sich im kirchlichen Bereich ein Unbehagen an der Struktur und den Arbeitsmethoden der Caritas verbreitet habe; die institutionelle Caritas sei schwerfällig, intransparent und wenig kooperationsbereit. Insbesondere beanstandeten viele den patriarchalen Führungsstil des Verbandes. Im Sitzungsprotokoll heißt es dazu selbstkritisch: „Diese Kritik mag gelegentlich überspitzt vorgetragen oder auch auf Unkenntnis zurückzuführen sein, dennoch zwingt sie dazu, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Tatsächlich hat das Prinzip der kollegialen Mitverantwortung in unseren Verbänden noch weithin keine Anwendung gefunden; auch dieWirksamkeit derMitarbeitervereinigungen ist dort, wo sie überhaupt eingerichtet wurden, gering.“ Der Vorstand vermutete, dass die Mitarbeiter diese Verhältnisse auf Dauer nicht mehr widerspruchslos hinnehmen würden. Es schien ihm angebracht, dass sich der 164 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 160, siehe auch 262. 165 Vgl. Karl Borgmann: Patriarchalische Caritas?, in: Caritas 64.1 (1963), S. 1–3. Borgmann weist den Vorwurf, die Caritas sei patriarchalisch zurück, erklärt sich seine Entstehung aber aus der kirchlichen Hierarchie sowie der Bedeutung der Vaterfigur in der katholischen Gemeinde. Siehe auch Kapitel 3.3. 372 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Zentralrat möglichst bald mit Aspekten eines zeitgemäßen Führungsstils und den modernenMethodenundZielsetzungen der Sozialarbeit befassen sollte.166Kurz vor dem Katholikentag in Essen akzeptierte die Führungsspitze des DCV also, dass sie die Kritik nicht mehr als ungerechtfertigten Angriff von außen abtun konnte. Sie kam aus den eigenen Reihen, und darauf musste reagiert werden. Überdies hatte die freie Wohlfahrtspflege mit einem massiven Personalmangel zu kämpfen. Beim DCV kam verschärfend hinzu, dass die Zahl der Ordenskräfte, die noch in den 1950er Jahren den Großteil der hauptamtlichen Kräfte gestellt hatten, immer weiter zurückging.167 Deshalb konnte es sich der Verband nicht leisten, dieWünsche seiner Angestellten zu ignorieren, zumal die Löhne der Caritas niedriger waren als die des öffentlichen Dienstes und auch die öffentliche Wohlfahrtspflege in dieser Zeit enorme Zuwachsraten zu verzeichnen hatte. Zugeständnisse bei der Arbeitsweise schienen eine Möglichkeit zu sein, die andere Forderung der Caritas-Angestellten zu umgehen, nämlich die Anpassung der Löhne an den öffentlichen Dienst.168 Die Kritik im katholischenMilieu setzte jedoch nicht erst 1968 ein. Caritas-Präsident Albert Stehlin hatte schon im Dezember des vorangegangenen Jahres reagiert, indem er öffentlich von allenMitarbeitern des DCV ein Umdenken gefordert hatte: Die Zeit ‚patriarchalischer Barmherzigkeit‘ sei vorbei. Partnerschaft war das Wort der Stunde.Weiterhin führte er an, dass die neuen Sozialgesetze der Bundesrepublik mit dem Idealbild des verschämten Armen vergangener Zeiten nicht mehr vereinbar seien. Das Zweite Vatikanische Konzil habe eindringlich verlangt, die Würde des Hilfsbedürftigen zu achten, weshalb Stehlin vor einer „gönnerhaften Haltung patriarchalischenWohlwollens“ demNotleidenden gegenüberwarnte.169Wie imAbschnitt zu den Professionalisierungsprozessen innerhalb der Sozialen Arbeit bereits ausgeführt (Kapitel 3.3), war es dem DCV seit den frühen 1960er Jahren gelungen, das karitative Tätigkeitsfeld – zumindest in der Theorie – aufzuteilen: in den Bereich der professionellen Sozialarbeit und den der Seelsorge. Nur in letzterem sollte das Pastoralprinzip vorherrschend bleiben. Der Sozialarbeiter sollte Fachmann sein, gleichzeitig aber auch sein persönliches Urteilen nicht vernachlässigen. Eindringlich warnte eine Caritas-Autorin jedoch bereits 1960 vor der Gefahr, in das ‚Mitleid des 166 Niederschrift zur Sitzung des ZVdesDCVam 17./18.7.1968 in Freiburg,ADCV, 110.055, Fasz. 1968/3. 167 Siehe Kapitel 3.2.1. 168 Ruck: Expansion um jeden Preis?, hier: S. 120. 169 Dialog mit den Suchenden, in: Stuttgarter Zeitung Jg. 23 (11. Dez. 1967). 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 373 Starken‘ zu verfallen, das bedeutet die Hilfe als gönnerhaftes Protegieren darzustellen und damit in demütigenden Paternalismus zu verfallen.170 Trotz dieser Einsicht befand sich der Caritasverband gegenüber den Forderungen nachmehrOffenheit und demokratischeren Strukturen innerhalb der organisierten Caritas im Zwiespalt. Demokratisierungsforderungen waren in den 1960er Jahren ein bestimmendes Element vieler Auseinandersetzungen, und zwar auch außerhalb der Politik, beispielsweise in Bezug auf Familie, Verwaltung undWirtschaft. Gegen Ende des Jahrzehnts nahm der Begriff ‚Demokratisierung‘ im öffentlichen Diskurs einen immer größeren Stellenwert ein.171 Die Schwierigkeit des Deutschen Caritasverbandes bestandnundarin, dass er nicht nur eine bürgerlich-rechtliche Institution war, mit dem Zweck, die katholische Sozialarbeit zu bündeln. Der DCV war während des ErstenWeltkriegs vielmehr von den deutschen Bischöfen als Teil der (Amts- )Kirche anerkanntworden.Damitwar er untrennbarmit dem (institutionalisierten) katholischen Glauben verbunden.172 Der Zwiespalt verlief also zwischen der Anerkennung einer nötigen Anpassung der Organisation an die sich wandelnden Forderungen der Gesellschaft und der Angst davor, dass durch zu starke Säkularisierung der religiöse Aspekt der karitativen Arbeit verloren ginge. Solange die Säkularisierung der Caritasarbeit als Versachlichung zu bezeichnen war, war sie dem Verbandsvorstand willkommen. Er sah in dieser Entwicklung jedoch die Gefahr einer „totalen Entideologisierung der Sozialarbeit“. Ihre Aufgabe sahen die Vorstandsmitglieder darin, nicht nur die organisatorischen und fachlichen Aufgaben optimal zu erfüllen, sondern auch die ‚ideologischen‘ Grundlagen zu festigen. Denn Caritasarbeit sei sicher noch mehr als Sozialarbeit, wenngleich diese Begriffe oft in einem für die Caritasarbeit abwertenden Zusammenhang gebraucht würden. Dennoch war die Verbandsspitze der Meinung, dass allzu lange kritiklos am Althergebrachten festgehalten worden war. Zukünftig wollte sie sich stärker darum bemühen, die Grundlagen der Caritasarbeit und damit die eigene Position herauszustellen.173 Zum Ausdruck kam dies kurz darauf auch in der Fachzeitschrift des Verbandes. Darin hieß es 1970: Zwar weiche die fürsorglich-betreuende Haltung, die in den 170 Siehe: Cilly Böhle: Der Beitrag der Sozialarbeit an der Einheit unter den Klassen und gesellschaftlichen Schichten, in: Caritas 61.8 (1960), S. 349–353; Ernst Ell: Vom Rat zur Beratung, in: Caritas 63.5 (1962), S. 199–210. 171 Vgl. Scheibe: Auf der Suche, hier: S. 259. 172 Boeßenecker: Spitzenverbände der FreienWohlfahrtspflege, S. 81-83. 173 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 15.4.1969 in Aachen, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/2. 374 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit traditionellen Formen und Methoden der Sozialarbeit und der Caritas vorherrsche, mehr und mehr dem Bewusstsein, dass der Mensch in Not nicht einfach derjenige sei, für den der Helfende verantwortlich zu sorgen und zu handeln habe. Vielmehr sollte der Notleidende befähigt werden, selber an der Bewältigung seiner Schwierigkeiten mitzuwirken. Der Artikel, der sich explizit der Bedeutung der Partnerschaft widmete, betonte aber auch, dass Partnerschaft und Fürsorge zwei sich ergänzende Perspektiven ein und derselben Sache seien. Damit stelle die neue Haltung der Caritas keine Negierung, sondern eine Weiterentwicklung der vergangenen Konzepte dar.174 Ein anderer Autor hatte bereits zuvor auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Sozialarbeit und Caritas aufmerksam gemacht. Denn diese seien häufig nicht klar, was immer wieder zu Konflikten zwischen Sozialarbeitern und ihren kirchlichen Anstellungsträgern führe. Neben demGebot der Nächstenliebe als Verwirklichung der Liebe Gottes in der Welt hob der Autor hervor, dass die Caritas nicht nur die innerweltliche Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft berücksichtigen, sondern in das individual-soziale Verhältnis auchGott einbeziehenmüsse. Sie dürfe weder schematisch, rationell noch anonym sein und jedem das Gleiche geben, auchwenn dies statistischmehr Erfolg verspreche.Materiell solle sie all denen helfen, die von staatlicher Unterstützung nicht erreicht würden. Der Fokus liege aber auf der seelischenNot, die durchdieAnonymität desWohlfahrtsstaats geradezu heraufbeschworenwerde. Bemerkenswert ist die Überzeugung, dass kirchliche Institutionen nicht aus Tradition und Prestige an Aufgaben festhalten sollten, welche mittlerweile die staatliche Sozialarbeit übernehme. Caritas habe nur dort tätig zu sein, wo die Gesellschaft nicht ausreichend wirken könne. Gerade letzteres macht deutlich, dass die Kirche tatsächlich in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils ihren Anspruch auf einen Sonderstatus in der Gesellschaft relativierte.175 Einweiterer damit in Verbindung stehender Punkt waren die bis Ende der 1960er Jahre immer lauter werdenden Forderungen, dass Sozialarbeit auch politisch zu sein habe. Auch hier war die Caritas aufgeschlossen und skeptisch zugleich. Der Sozialarbeiter sollte sich zwar nicht nur darum bemühen, die Not des Hilfsbedürftigen zu lindern, sondern sollte – beispielsweise bei Obdachlosen – auch darauf 174 Veronika Kirchner: Die Bedeutung der Partnerschaft in der helfenden Beziehung, in: Caritas Jg. 71 (1970), S. 113–121. 175 Hermann Zeit: Caritas und Sozialarbeit. Gemeinsamkeiten und Gegensätze, in: Caritas 71 (1970), S. 1–10. Siehe auch: Manfred Müller: Caritasarbeit in einem sozialen Wohlfahrtsstaat, in: Caritas Jg. 72 (1971), S. 181–190. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 375 hinarbeiten, dass sich die Einstellung der Gesellschaft zu diesen Personen änderte. Ebenso forderte der Kölner Caritas-Direktor Ulrich Brisch, diese gezielt zu aktivieren, damit sie ihre Situation selbst verbessern konnten. Dabei waren ihm alle Aktionen willkommen, die dabei halfen, dass sich die sozial benachteiligten Gruppen zu artikulieren lernten, um ihren berechtigten sozialen Forderungen, insbesondere gegenüber den Entscheidungsgremien ihrer jeweiligen Gemeinden, Nachdruck zu verleihen. Zugleich wurde in einer politischen Aufladung der karitativen Tätigkeit eine Gefahr gesehen – nämlich wenn die Obdachlosen oder andere Randgruppen als Revolutionspotential angesehenwürden und es zu gewaltsamenAuseinandersetzungen kommen sollte.176 Tatsächlich bemühte sich der Verband in den folgenden Jahren, Kritik anzunehmen und auf sie einzugehen. So beispielsweise im Bereich der Heimerziehung: Die Caritas versuchte durch die Einrichtung diözesaner Arbeitsgemeinschaften, gezielte Projektförderungen sowie Beratung und Fortbildung der Erzieher die Heimerziehung „von unten her“ zumodernisieren, wie es in einem Sitzungsprotokoll des Zentralrats vom Oktober 1971 hieß. Die Reformbedürftigkeit ihrer Heime erkannten führende Verbandsvertreter an, gleichwohl verurteilten sie die gezielten Sabotageversuche „linksorientierter meist studentischer Gruppen“. Derlei Aktionen trügen entgegen ihrer Intention dazu bei, das Bestehende zu konservieren. Denn: Innere und äußereWiderstände ließendasHeimzum„verängstigte[n]Neurotiker [werden], der in Abwehr seiner Ängste an gewohnten, aber eben doch unzweckmäßigen Verhaltensweisen festhält“.177 Allerdings waren weder die Vorwürfe gegenüber der konfessionellen Heimfürsorge, noch die Bemühungen, diese zu reformieren gänzlich neu. Sie hatten auch schon die Fachdebatten sowohl der 1920er als auch der 1950er Jahre geprägt. Dennoch führten laut Andreas Henkelmann und Uwe Kaminsky erst die Heimkampagnen imZuge der 68er-Bewegung zu nachhaltigenVeränderungen und zum Ende der autoritären Heimerziehung.178 KeinThemawar so prädestiniert für dieseAuseinandersetzungwie dieObdachlosigkeit. Hier manifestierte sich das Scheitern des Wohlfahrtsstaates – so formulierte 176 Ulrich Brisch: Möglichkeiten der Hilfe für die Obdachlosen, in: Caritas Jg. 72 (1971), S. 160–169. Siehe auch: Hermann Zeit: Caritas und Sozialarbeit. Gemeinsamkeiten und Gegensätze, in: Caritas 71 (1970), S. 1–10; Cilly Böhle: Der Beitrag der Sozialarbeit an der Einheit unter den Klassen und gesellschaftlichen Schichten, in: Caritas 61.8 (1960), S. 349–353. 177 Niederschrift zur Sitzung des ZR des DCV vomOkt. 1971, ADCV, 111.055, Fasz. 1971/2. 178 Henkelmann/Kaminsky: Konfessionelle Wohlfahrtspflege, v.a S. 259, vgl. Köster: Holt die Kinder aus den Heimen, hier: S. 680. 376 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit es zumindest die Diskussionsgruppe Nr. 14 auf dem Fürsorgetag von 1973. Am Beispiel der studentischenCaritasgruppen soll imFolgenden dargestellt werden,wie der DCV mit den Politisierungsbestrebungen in den eigenen Reihen umging. Die Herangehensweise ist zunächst eine institutionsgeschichtliche. Indem der sich über mehrere Jahre hinziehende Prozess der Abspaltung der studentischen Caritasgruppen vomDCVnachgezeichnetwird, wird gleichzeitig eine Bedeutungsverschiebung im Umgang mit Obdachlosen deutlich, nämlich vom karitativen Handeln zum politischen Engagement. Die Verbandsspitze öffnete sich einerseits gegenüber den Ideen der Studenten, denn neben den allgemeinen Modernisierungsbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche war sie stolz darauf, dass junge Menschen für die Ideen der Caritas eintraten.Zugleich stand aber dieBefürchtung imRaum,dass durch eine allzu große Öffnung gegenüber radikalen,mitunter revolutionären Forderungen, die damals an den bundesdeutschenHochschulen kursierten, der besondere christliche Charakter karitativer Arbeit verloren gehe. Zudem befürchtete der Verband, Verantwortung übernehmen zu müssen, sollten die Studenten allzu linke, rebellische oder sogar gewaltsame Aktionen durchführen. Der DCV suchte deshalb in diesem Bereich nach einer Zusammenarbeit mit der Diakonie. Die studentische Caritas dagegen öffnete sich zwar einerseits gegenüber Personen mit anderenWeltanschauungen, vorausgesetzt sie teilten ihre Auffassung von sozialpolitischemEngagement.Die katholischen Studenten sahen ihreArbeit andererseits aber weiterhin als Ausdruck ihres Glaubens an, wenn sie auch teilweise andere Positionen vertraten als die Amtskirche. Dabei distanzierte sich die studentische Caritas klar von den revolutionären Ideen der Außerparlamentarischen Opposition. Ihre Vertreter stellten alsonicht dieGesellschaftsordnung inFrage, sondern strebtennach Veränderungen innerhalb des Systems. Zunächst aber soll beschrieben werden, was der ursprüngliche Gedanke der studentischen Caritasarbeit war, wie sie organisiert war und welchen Aufgaben sie sich widmete. 5.3.1. Kirche, Studenten, Caritas BürgerlicheLaienvereinigungen– sogenannteVinzenz- undElisabethkonferenzen– widmeten sich seitMitte des 19. Jahrhunderts der karitativenArbeit. Die inDeutschland seit 1845 existierenden Vinzenz-Vereine waren dabei männlichen Mitgliedern 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 377 vorbehalten, die Elisabeth-Vereine bildeten das weibliche Pendant.179 Abgesehen von einigen wenigen Jubiläums-Broschüren ist über die Entwicklung beider Organisationen im deutschsprachigen Raum bislang wenig bekannt, zu den Vinzenzgemeinschaften jedoch mehr als zu den Elisabethgemeinschaften: Frédéric Ozanam, ein junger Professor an der Pariser Sorbonne, rief 1833 zusammen mit befreundeten Studenten die Gemeinschaft des heiligen Vinzenz von Paul ins Leben. Ziel der Gemeinschaftwar es, den eigenenGlauben auch in der ‚tätigenNächstenliebe‘ zu leben. InDeutschland verbreitete sich die Idee besonders über den 1848 inMainz abgehaltenen ersten deutschen Katholikentag. Die Nähe zum akademischenUmfeld war hier erkennbar. So ging beispielsweise die Gründung der Freiburger Vinzenzkonferenz als Antwort auf die Not in Folge der Badischen Revolution auf einen Universitätsprofessor zurück. Die Aufgaben der Mitglieder erstreckten sich vom Besuchen alter und allein lebender Menschen über Betreuungen und Pflegschaften bis hin zum Überbringen vonGeburtstagsglückwünschen an ältere Gemeindemitglieder.180Die Elisabethkonferenzen widmeten sich ähnlichen Aufgaben. Bereits 1840 hatte die Triererin Anna Weissebach zusammen mit 13 weiteren Frauen aus dem gehobenen Bürgertum eine solche Gemeinschaft begründet.181 In dieser Tradition stehend organisierten sich viele Caritasgruppen an den bundesdeutschen Universitäten in Form von akademischen Vinzenz- und Elisabethkonferenzen. Damit waren sie, zumindest bis 1952, dem jeweiligen Generalsekretariat der Vinzenz- beziehungsweise Elisabeth-Gemeinschaften Deutschlands zugeordnet. Neben Studenten zählten Dozenten und Professoren zu ihren Mitgliedern.182 Darüber hinaus gründeten sich nach 1945 aber auch rein studentische Caritasgruppen.183 Überörtlich waren die akademischen Vinzenz- beziehungsweise Elisabethkonferenzen jeweils in einerArbeitsgemeinschaft (AG)organisiert.Nachdemdie beiden AGen ihre Zusammenarbeit 1946 hatten wiederaufleben lassen, schlossen sich ihnen kurz darauf auch die übrigen studentischen Caritasgruppen an. Gemeinsam beriefen sie im zweijährigen Turnus Vertretertage ein und bildeten 1952 schließlich den Arbeitskreis studentischer Caritasgemeinschaften (AK) als ständiges gemeinsames Gremium.Die Geschäftsführung des AK übernahm das Generalsekretariat der 179 Sachße/Tennstedt: Armenfürsorge, Bd. 2, S. 153f. 180 Gemeinschaft der Vinzenz-KonferenzenDeutschlands e.V.: 150 Jahre Vinzenz-Konferenzen, S. 3, 11f. 181 Dünschede: Die Trierische Caritas, hier: S. 20. 182 Vgl. Akademische Vinzenzkonferenz Freiburg: 50 Jahre Akademische Vinzenzkonferenz. 183 Siehe Niederschrift der Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 378 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Elisabeth-Konferenzen Deutschlands. Diese Funktion behielt das Generalsekretariat rund ein Jahrzehnt bei.184 Was aber waren die Aufgaben, denen sich die katholischen Studenten innerhalb ihrer Caritasarbeit widmeten? Aus einem Caritas-Artikel, in dem über den Vertretertag von 1955 berichtet wurde, ging hervor, dass die Unterstützung von Kommilitonen an erster Stelle stand und zwar vorwiegend die Unterstützung durch immaterielle Hilfen.185 Uneinigkeit bestand darüber, ob die studentischen Caritasgruppen Aufgaben außerhalb der Studentengemeinde übernehmen sollten. Argumentiert wurde damit, dass es bereits in Studentenkreisen genug zu tun gebe. Zudem gehörte die Fürsorge für nicht studentische Bedürftige zum Aufgabenbereich der Pfarrcaritas oder anderer Vereinigungen. Die Befürworter einer Ausweitung wiesen demgegenüber darauf hin, dass sich die studentische Caritas immer schon zurWeite bekannt und, soweit es ihr möglich war, auch anderen Bedürftigen geholfen habe. Die meisten Caritasgruppen würden sich ohnehin längst außerhalb der Studentenkreise engagieren. Wer einen Kommilitonen im Krankenhaus besuche, könne seine Augen nicht davor verschließen, dass auch andereMenschen einer solchen Fürsorge bedürften. So engagierten sich katholische Studenten beispielsweise bereits bei der Bahnhofsmission, in Flüchtlingslagern und in ‚Stadtrand-Siedlungen‘.186 Darüber hinaus wurde angeführt, dass es für Akademiker gut sei, mit Menschen aus einem fremden Milieu zusammenzutreffen. Ein eher pragmatisches Argument war dagegen, dass die jungen Akademiker nach dem Studienabschluss von den gesammelten Kenntnissen im Bereich der Wohlfahrtspflege profitieren könnten. Alle studentischen Caritasgruppen hatten damit zu kämpfen, dass ihre Mitwirkenden wenig Beständigkeit aufwiesen. Jedes Semester musste mühsam um neue Mitglieder geworben werden. Das Zentrum der Studentengemeinde bildete Mitte der 1950er Jahre der Studentenseelsorger, mit dem die Caritasgruppen all ihre Tätigkeiten besprachen. Bereits damals kam unter den engagierten Studenten die Frage auf, inwieweit ihre Arbeit dazu beitragen konnte, tatsächlich etwas an den Lebensumständen derjenigen zu ändern, die sie betreuten – eine Frage, die ein Jahrzehnt später immer größeren Einfluss gewann, vor diesem Hintergrund aber eben nicht als ‚Erfindung‘ der 68er-Generation betrachtet werden kann. Auch der 184 Ebd.; Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischen Caritasarbeit an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2;. 185 Anna Goeken: Studentische Caritasarbeit, in: Caritas 57.1 (1956), S. 26–30. 186 Siehe auch: Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle vom 14.5.1957, ADCV 349.2.024, Fasz. 1; Bericht des Caritasreferats an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 379 bereits zitierte Artikel von 1956 griff diese Frage auf, ließ sie jedoch unbeantwortet. Letztlich schien sie sogarmit demArgument des Gottvertrauens zurückgewiesen zu werden: „[A]ufs Ganze stellt sich die Frage, welches der Sinn dieser studentischen Caritasarbeit ist, zumal wenn sie sich über die studentischen Gemeinden hinauswagt. Gewiß haftet diesem Helferdienst das Fragmentarische an; es kann ihm auch nicht gelingen, neue Ordnungen für das menschliche Zusammenleben zu realisieren und somit Not an der Wurzel zu beheben. Aber dieser Dienst [...] ist gestellt auf Glauben und Vertrauen, und so wird er weiterhin bejaht in der Zuversicht, daß aus ihm Gutes erwachsen kann.“187 Genau diese Formulierung – Caritasarbeit müsse dazu beitragen, die Not an der Wurzel anzugehen–griffendie studentischenCaritasgruppen gegenEndeder 1960er Jahre vermehrt auf. Sie wendeten sich von dem amtskirchlichen Verständis karitativer Hilfe ab, das allein auf dem Gebot der Nächstenliebe beruhte, und begannen auch (sozial-) politisch aktiv zu werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass dasWort ‚Arme‘ in demzitiertenArtikel häufigeVerwendung fand.Denkbar ist, dass die Autorin dadurch die Bedeutung der studentischen Caritasarbeit hervorheben wollte. Andererseits scheint auch dies ein Hinweis darauf zu sein, dass die karitativ engagierten Studenten in den 1950er Jahren dem institutionalisierten Glauben (offiziell) noch sehr nahe standen. Denn die Verwendung des Begriffs ‚Armut‘ schien damals vor allem ein Zeichen christlicher Rhetorik zu sein. Für letztere Deutung spricht, dass sie sich in den allgemeinen Eindruck des Artikels einfügen würde. Allerdings wurde dieser, wie es scheint, auch nicht von einer engagierten Studentin verfasst, sondern von einer Mitarbeiterin der DCV-Zentrale. Zwei weitere Aspekte, welche die studentische Caritasarbeit schon in den 1950er Jahren auszeichneten, waren zum einen Anfänge einer Zusammenarbeit mit der jeweiligen evangelischen Studentengemeinde, beispielsweise in Freiburg oder Bonn, zum anderen internationale Kontakte. Die ausländischen Studentenvereinigungen, zum Beispiel aus Irland, den Niederlanden, Belgien oder der Schweiz, führten teilweise selbst Aktionen in der Bundesrepublik durch. So gingen verschiedene Gruppen ausländischer Studenten in den Semesterferien in deutsche Flüchtlingslager, 187 Anna Goeken: Studentische Caritasarbeit, in: Caritas 57.1 (1956), S. 26-30. 380 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit „um das arme Leben in den engen Baracken mit den Vertriebenen und Geflüchteten zu teilen. Sie kommen aus innerem Antrieb, um diesen Armen unserer Zeit brüderlich, schwesterlich nahe zu sein – und es ist ihnen gelungen, sich mit der Sprache des Herzens verständlich zu machen in den Lagern in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen und in Berlin.“188 Auch die Ausdrucksweise in diesem Zitat macht deutlich, welchen hohen Stellenwert christlicheWerte und damit auch die Anbindung an die jeweilige Studentengemeinde für das karitative Engagement an den bundesdeutschenHochschulen hatte. Mit seiner Einbindung in die Katholische Deutsche Studenteneinigung (KDSE) im Jahr 1953 begann der Arbeitskreis studentischer Caritasgemeinschaften jedoch, sich zunehmend zu einer reinen Studentenorganisation zu entwickeln. Das Engagement von Professoren und Dozenten ging gleichzeitig zurück.189 Die Katholische Deutsche Studenteneinigung war die offizielle, von der Kirche gebilligte Vertretung der katholischen Studentengemeinden und der daraus hervorgehenden Aktionsgruppen. Die Struktur der 1947 gegründeten KDSE war äußerst komplex. An der Gründung mitgewirkt hatten neben den Studierendengemeinschaften und den Hochschulseelsorgern auch die deutschen Bischöfe. Letztlich spiegelte sich im Aufbau der KDSE der zentrale Konflikt des deutschen Nachkriegskatholizismus wider, der sich am Primatsanspruch des Kirchlich-Religiösen einerseits und denVergesellschaftungsbemühungen der katholischen Laien andererseits entzündete. Die KDSE saß förmlich zwischen den Stühlen, da sie zum einen die Hochschulgemeinden vertrat, zum anderen die Aktionsgemeinschaften katholischer Studenten. Dabei war der Begriff ‚Gemeinde‘ in der Nachkriegszeit noch eindeutig dem religiösen System zugeordnet. Die Aktionsgemeinschaften sahen ihr Ziel dagegen in der Humanisierung der Gesamtgesellschaft. Um dies zu erreichen, strebten viele Studierende eine stärkereOrientierung am säkularen System an. Trotz förmlicherMitbestimmungsrechte der Studenten hatten in der KDSE aber letztlich die den Hochschulgemeinden vorstehenden Kleriker die Entscheidungsgewalt in- 188 Ebd. 189 Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischen Caritasarbeit an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2; Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 381 ne.190 Nach Einschätzung Christian Schmidtmanns begann bereits durch diese von studentischer Seite angestrebteAusrichtung ihres Engagements über das katholische Milieu hinaus „jene ‚Politisierung‘ der Gemeinden, die unter veränderten Vorzeichen ab Mitte der 1960er Jahre zu erheblichen Konflikten vieler Studentengemeinden mit der kirchlichen Hierarchie führen sollte.“191 Nach ihrer Gründung verstand sich die KDSE also in erster Linie als Zusammenschluss der katholischen Studentengemeinden.Dennoch versuchte sie die bestehenden Aktionsgemeinschaften und die den Studentengemeinden nahe stehenden Verbände in ihreOrganisation einzubinden.DieVerbände selbstwaren jedoch nicht Teil der KDSE, lediglich ihreMitglieder, was die Verbände wiederum als Angriff auf ihre Eigenständigkeit werteten. Letztlich kam es zu einer Kompromisslösung. Diese sah vor, dass die von den Verbänden gewählten Sprecher zu stimmberechtigtenMitgliedern des Vorstandes derKDSEwurden und sie allein für die (Hochschul-)Politik zuständig waren.192 Diese Kompromisslösung zeigte sich auch bei der Einbindung des AK in die KDSE: Neben der bereits erwähnten Übernahme der Geschäftsführung des AK durch das Generalsekretariat der Elisabeth-Konferenzen blieb die Vertretung der studentischen Caritasarbeit allein dem Arbeitskreis studentischer Caritasgemeinschaften vorbehalten und ging ausdrücklich nicht in die Zuständigkeit der KDSE über. 1955 erhielt der AK dann unter Absprache mit dem DCV, der KDSE und dem Generalsekretariat der Vinzenz-Konferenzen eine eigene Satzung, die unter anderem fixierte, dass dieAGenderVinzenz- undder Elisabeth-Konferenzen ihre Eigenständigkeit behielten.193 DerZusammenschluss der universitärenCaritasgruppenmit derKDSE lässt trotz der Abgrenzungsbestrebungen darauf schließen, dass sich erstere vor allem als studentische Zirkel wahrnahmen. Bereits 1949 hatten die AGen aktiv an den katholischen deutschen Studententagen teilgenommen. In den 1950er Jahren gab die Geschäftsstelle des AK darüber hinaus ihreMitteilungen unter der BezeichnungRundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle (Freiburg/Werthmannhaus) heraus.194 Auch zei- 190 Eine ausführliche Beschreibung desGründungsprozesses der KDSE sowie derenAufbaus findet sich bei Schmidtmann: Katholische Studierende, S. 152-159. 191 Ebd., S. 159f. 192 Ebd., S. 183f. 193 Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischen Caritasarbeit an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2; Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 194 Siehe u.a. die Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle vom 14.5.1957, vom 16.6.1958, 8.5.1960, 25.6.1962, ADCV, 349.2.024, Fasz. 1. 382 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit gen die für die Jahre 1958 bis 1962 vorliegenden Zahlen zur Zusammensetzung des Arbeitskreises, dass die studentischen Caritasgruppen gegenüber den akademischen Vinzenz- und Elisabeth-Konferenzen deutlich in der Überzahl waren und stets etwa zwei Drittel der Mitglieder des AK ausmachten. Besonders unterrepräsentiert waren dabei die akademischen Elisabeth-Konferenzen, was angesichts der verwaltungstechnischen Zuordnung des AK zumGeneralsekretariat der Elisabeth-Konferenzen erstaunlich ist.195 Die Verflechtung des AK mit der katholischen Studentenvertretung wurde Anfang der 1960er Jahre nochmals verstärkt: Die Zuständigkeit für die studentische Caritasarbeit ging 1962/63 in den Verantwortungsbereich des Vorstands der KDSE über. Zwar blieb der Arbeitskreis studentischer Caritasgemeinschaften bestehen, der DCV richtete jedoch in seiner Freiburger Zentrale für die KDSE ein eigenes Caritasreferat196 ein.197 Der Referent beziehungsweise die Referentin gehörte zum Vorstand der KDSE. 1963 übernahm dieses Amt in Personalunion dieMitarbeiterin des Generalsekretariats der Elisabeth-Konferenzen, die bereits für die Geschäftsführung des AK zuständig war. Dies war überhaupt nurmöglich, da auch die Elisabeth- KonferenzenDeutschlands inder FreiburgerZentrale desDCV ihrenSitz hatten.Bis 1968 finanzierten das Generalsekretariat der Elisabeth-Konferenzen und der DCV die Referentin je zur Hälfte, danach übernahm der Caritasverband das volle Gehalt.198 Durch die Besetzung des Caritasreferats der KDSEund derGeschäftsführung des AK mit ein und derselben Personalie war eine Unterscheidung der beiden Ämter von Anfang an faktisch nicht gegeben. Zwar führte der Referent beispielsweise noch 1969 sowohl ‚KDSECaritasreferat‘ als auch ‚Arbeitskreis StudentischerCaritas- Gemeinschaften‘ in seinem Briefkopf; eine klare Differenzierung zwischen den bei- 195 Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischen Caritasarbeit an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2; Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 07.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 196 Das Caritasreferat des KDSE darf dabei nicht mit dem Sozialreferat der KDSE verwechselt werden. Letzteres unterhielt das Bonner Generalsekretariat der KDSE spätestens seit 1953. Sein Ziel war vor allem die Förderung der sozialen Bildungsarbeit und der Caritasarbeit der katholischen Studenten. Siehe: Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischen Caritasarbeit an den Vorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2. 197 Vgl. Schmidtmann: Katholische Studierende, S. 253; siehe auch: Bericht des Caritasreferats zur aktuellen Situation der studentischenCaritasarbeit an denVorstand des KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2. 198 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 383 den Institutionen war jedoch nicht auszumachen.199 Neben dem Geschäftsführer hatte der AK jedoch auch zwei gewählte Sprecher beziehungsweise Sprecherinnen, die Ende der 1960er Jahre begannen, gegenüber Caritasverband undKDSE als eigenständige Akteure in Erscheinung zu treten. Zur Größe des Arbeitskreises studentischer Caritasgemeinschaften finden sich nur relativwenigeZahlen.Anfang 1963 berichtete dasCaritasreferat andenVorstand der KDSE, dass den studentischen Caritasgemeinschaften bundesweit etwa 1.000 Mitglieder angehörten.200 In den Folgejahren scheint die Sozialarbeit der katholischen Studentenschaft eher rückläufig gewesen zu sein. Erst als gegen Ende des Jahrzehnts die studentischen Caritas- und Sozialkreise eine neue Blüte erlebten, finden sich in den Quellen erneut Angaben zu deren Umfang. So betonte der Geschäftsführer des AK Anfang 1969 in einem Brief an den Deutschen Caritasverband: „Auf Grund der Agitationen des SDS und der APO hat sich die Teilnahmslosigkeit der Studenten in den Bereichen der Hochschule und der Gesellschaft in den letzten 2 Jahren schlagartig geändert. Viele, die zwar bereit sind zum Engagement, sind noch ohne Richtung und Ziel. Wir haben teilweise mit Erfolg versucht in dieses Vakuum einzudringen, was sich schon daraus ersehen läßt, daß unsereMitgliederzahl innerhalb dieses Zeitraumes von knapp 600 auf rd. 1000 angewachsen ist.“201 Im Sommer desselben Jahres war bereits von über 1.200 karitativ engagierten Studenten die Rede,202 während im Oktober 1969 caritasintern bereits die Zahl von 1.400 Mitgliedern fiel.203 Und nur ein knappes Jahr später, im Juli 1970, warb der Vorsitzende der KDSE beim Mainzer Bischof mit über 2.000 sozial engagierten Studenten um eine finanzielle Unterstützung der studentischen Sozialarbeit.204 Der hier beschriebene institutionsgeschichtliche Rahmen deutet bereits an, dass die zum Ende der 1960er Jahre hin immer lauter werdende Forderung, die Sozialarbeit stärker zu politisieren, nicht nur ein Phänomen war, das von außen an die 199 Brief des Caritasreferenten derKDSE an denPräsidenten desDCVvom 15.1.1969,ADCV, 349.2, Fasz. 1. 200 Bericht des Caritasreferats an den Vorstand der KDSE vom 5.2.1963, ADCV, 349.2.059, Fasz. 2. 201 Brief des KDSE-Caritasreferenten an den Präsidenten des DCV vom 15.1.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 202 Tätigkeitsbericht des DCV, Sept. 1968 bis Aug. 1969, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 203 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 204 Brief des Vorsitzenden der KDSE an den Bischof vonMainz vom 8.7.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 384 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit konfessionelle Wohlfahrtspflege herangetragen wurde. Wie bei der Frage nach Ziel und Motivation der Studenten für ihr karitatives Engagement bereits angeklungen ist, wurde selbst der gemeinhin als konservativ geltende Caritasverband schon in den 1950er Jahren aus den eigenen Reihen herausgefordert. Bevor am Beispiel der Auseinandersetzungen zwischen Verbandsspitze und studentischer Caritas deutlich gemacht werden soll, in welchem Zwiespalt sich die katholische Wohlfahrtspflege Ende der 1960er Jahre befand – nämlich einerseits die Anpassung der eigenenArbeit an die gegenwärtige Gesellschaft, ganz im Sinne des Zweiten Vatikanums, andererseits die Angst vor dem Verlust des religiösen Aspekts karitativer Tätigkeit – wird im Folgenden darauf eingegangen, ob und wie der DCV bis dahin über das Thema Obdachlosigkeit beziehungsweise ‚Asozialität‘ berichtete. 5.3.2. Randgruppenthematik im DCV vor ‚1968‘ Die Obdachlosenproblematik thematisierte die Fachzeitschrift des DCV über den gesamten Untersuchungszeitraum, allerdings mit unterschiedlicher Intensität und Gewichtung. Ihrer Selbsteinschätzung zufolge befasste sich die Caritas auch in der wirtschaftlichen Boomphase der Bundesrepublik nicht nur mit ‚verschämten‘ Armen, sondern auchmitMenschen, die vermeintlich durch persönlichesVerschulden hilfsbedürftig geworden waren.205 Gleichermaßen belegt die Existenz von Einrichtungen wie der Bahnhofsmission, dass sich die Caritas nicht erst Ende der 1960er Jahre um die Betreuung ‚Nichtsesshafter‘ und anderer ‚Asozialer‘ bemühte. Neben Hilfestellungen für Reisende übernahmen die Mitarbeiter, die meist den konfessionellen Wohlfahrtsverbänden angehörten, nach Büroschluss Aufgaben aus dem Zuständigkeitsbereich des Sozialamts, wie das Ausstellen von ‚Wanderkarten‘ für ‚Nichtsesshafte‘.206 In den 1950er Jahren zeigte der Verband in Bezug aufObdachlosigkeit besonderes Interesse an in Lagern wohnenden Flüchtlingen. Vor allem tauchten Berichte über die ‚Lagernot‘ Mitte der 1950er Jahre auf. Viele Artikel zeichneten ein positives Bild der Bewohner. So hob eine Autorin hervor, dass die meisten Flüchtlinge ihre Not 205 Vgl. AmRand der Gemeinde, in: Caritas 61.4 (1960), S. 190–192. 206 Selbst tagsüber erfüllte die Bahnhofsmission die Funktion eines Ausfallbürgen. So betreuten ihre Mitarbeiter Kinder vonAlleinerziehenden, kümmerten sich umGastarbeiter und Prostituierte oder halfen ‚Ostzonenrentnern‘. Siehe z.B.: Ellen Bonnenberg: Die Bahnhofsmission, in: Caritas 58.10/11 (1957), S. 266–269 sowieAbendschauBaden-Württemberg vom03.02.1967,BeitragBahnhofsmission, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6700006128. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 385 ‚christlich erduldeten‘ und sich trotz allen Leids um eine ‚saubere‘ und ‚ordentliche‘ Lebensführung bemühten. Ein anderer Bericht wies darauf hin, dass es in den Lagern auch ‚Asoziale‘ gäbe, jedoch nicht mehr als anderswo.207 Zwar ließen sich Mitte der 1950er Jahre in der Caritas-Zeitschrift auch kritische Äußerungen zu Lagerbewohnern finden. So beklagte sich eine Fürsorgerin in einem Artikel, dass besonders bei Frauen, die länger im Lager waren, eine erschreckende Gleichgültigkeit in Bezug auf Ordnung und Sauberkeit zu beobachten sei.208 In der Regel waren die Berichte zu diesemThema jedoch vonRespekt geprägt. Und auch letztgenannter Artikel fügte eine, die Flüchtlinge in Schutz nehmende Erklärung für ihre Gleichgültigkeit an: Es sei sehr schwierig, in einemRaum ohne Schrank oder andere Abstellmöglichkeiten Ordnung zu halten. Umso stärker hob die Fürsorgerin die Bedeutung immateriellerHilfenhervor, insbesondere diemoralischeUnterstützung der Familien und die Seelsorge. Denn gerade die seelsorgerische Anteilnahme trug in den Augen der Caritas dazu bei, dass die Menschen ihre Apathie überwanden. FührendeCaritas- sowieKirchenvertreter richteten immerwiederAppelle an ihre (gläubigen)Mitbürger, die Situation indenFlüchtlingslagernnicht länger hinzunehmen.209 Sogar die deutschen Bischöfe riefen Mitte der 1950er Jahre zur Behebung der Not der geschätzten 400.000 Lagerbewohner auf. Als konkrete Maßnahmen schlugen sie nebendenklassischenSach-undGeldspendenvor, Schulkinderüber die Wintermonate in Gastfamilien aufzunehmen. Vor allem aber war ihr Wunsch, dass die Lagerbewohner im ‚katholischen Volk‘ gute Nachbarn und Arbeitskameraden fänden.210 Insgesamt erwecken die Artikel und Aufrufe den Eindruck, dass Kirche und Caritas in erster Linie umdie vermeintliche religiöse und sittlicheVerwahrlosungder Lagerbewohner besorgt waren, insbesondere der Kinder und Jugendlichen. Neben 207 Angela Rosumek: Beobachtungen und Bemerkungen zur Lagernot. Notizen nach Lagerbesuchen, in: Caritas 56.9/10 (1955), S. 221–226; Maria Pfister-Ammende: Gedanken und Anregungen zur Situation in deutschen Flüchtlingslagern, in: Caritas 56.9/10 (1955), S. 239–249. Siehe auch: Erich Püschel: Warum leben noch so viele Menschen in Lagern? Daten und Zahlen, in: Caritas 56.9/10 (1955), S. 218–220. 208 Was ich in 31 Lagern einer Industriestadt sah, in: Caritas 56.9/10 (1955), S. 269–274. Siehe z.B. auch: Wenn Lagerinsassen in Neubauwohnungen kommen. Aus einem Brief aus Berlin, in: Caritas 56.4 (1955), S. 117–118. 209 Siehe beispielsweise: Rundschreiben des Caritasverbandes der Erzdiözese Freiburg vom 3.3.1956, 9.2.1957, 9.2.1960 sowie 4.7.1961, ADCV, AP 09. 210 Aufruf der deutschen Bischöfe zur Behebung der Lagernot, in: Caritas 57.11 (1956), S. 289–290. Siehe auch: Niederschrift zur Bischofskonferenz vom 11.9.1957, ADCV, 110.055, Fasz. 1957/3. 386 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Maßnahmen zur Stärkung der Familie standen die religiöse Betreuung und die Seelsorge im Zentrum der Bemühungen. Argumente, die sich auf Demokratie und Teilhaberechte bezogen, traten demgegenüber in den Hintergrund. In Kirchenkreisen regten sich aber auch Stimmen, die sich über die unwürdige Ausstattung der Lager empörten, vor allem in Gegenüberstellung zum allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstand. Zwar sei – so hieß es 1956 in einer Kirchenzeitung – für die Flüchtlinge eine Unterkunft gewährleistet und die Verpflegung ausreichend. Anders aber als in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als auch die Einheimischen ähnliche Probleme hatten, seien diese ‚Elendslager‘ in der Zeit der Hochkonjunktur ein ‚Ärgernis‘, das nicht länger hingenommen werden könne. Während in Kurorten in der Nebensaison hunderteDoppel- oder Einzelzimmermit fließendemWasser leer stünden, hausten im Lager nebenan oft sechzehnMenschen in einem Zimmer.211 Daran zeigt sich, dass der Autor einem relativen Armutsbegriff anhing: Was in der Nachkriegszeit noch als angemessen empfunden worden war, galt nun als nicht mehr hinnehmbar. Nicht nur aus Kirchenkreisen erhob sich bis in die frühen 1960er Jahre die Forderung, gerade die jugendlichen Flüchtlinge aus der DDR besonders gut zu betreuen. ImOsten, so die gängige Argumentation, seien diese nämlich besonders umworben und bekämen schon früh Verantwortung übertragen. Durch den Kontrast zum Lagerleben, das sie in der BRD führten, würde die Flüchtlingsjugend umso trübsinniger.212AuchPolitiker sahen in der Sozialpolitik ein bedeutsames Feld desOst-West- Konflikts. So bezeichnete der Bundesvertriebenenminister TheodorOberländer die Bundesrepublik Ende der 1950er Jahre als ‚soziales Schaufenster‘ nach Osten. Was auf westdeutschem Boden für Osteuropäer getan werde, werbe im Osten für die Demokratie.213Ausder SPDerklangen ebenfalls Stimmen in dieseRichtung.Der Sozialexperte Ludwig Preller vertrat die Ansicht, dass die BRD den Entwicklungen in der DDR am besten durch eine großzügige Sozialreform entgegenwirken könne.214 211 Elendslager, in: Oberrheinisches Pastoralblatt 57.5 (1956), S. 136. 212 Ilse Boddenberg:Die übersehenen Flüchtlingslager, in: Caritas 64.3 (1963), S. 88–92. Siehe auch:Wie helfen wir den jugendlichen Flüchtlingen aus Mitteldeutschland in der Bundesrepublik eine neue Heimat zu finden?, in: BdW 104.1 (1957), S. 22–23. 213 Am Augsburger Stadtrand baut Westeuropa für Osteuropa. Paul von Zeeland legte am Sonntag denGrundstein zumdrittenEuropa-Dorf für heimatloseAusländer, in: SchwäbischeLandeszeitung Jg. 13 (6. Mai 1957). 214 Anschluß derRentner an dasWirtschaftswunder. Prof. Preller sprach vorHanauerGewerkschaften, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Hessen 8.12 (1957). Siehe auch: Heisig: Armenpolitik (1992), S. 578; Willing: Sozialistische Wohlfahrt, S. 244. Vgl. Obinger/Schmitt: Guns and Butter. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 387 Wie bereits Hans Günter Hockerts feststellte, erschöpfte sich die Bedeutung der Systemkonkurrenz für die bundesdeutsche Sozialstaatsentwicklung allerdings im Verlauf der 1950er Jahre.215 Im gleichen Zug ebbte das Interesse des DCV für die schwierige Lage der Flüchtlinge zumEnde des Jahrzehnts sichtlich ab. Vereinzelt trat seine Fachzeitschrift noch als Mahner auf. Dabei gebrauchte sie Argumentationsmuster, wie sie später die Vertreter der Verdrängungsthese verwendeten: Die Presse verharmlose das Flüchtlingsproblem, da im Wirtschaftswunder niemand mehr davon wissen wolle. Die Menschen wollten ihren Wohlstand ungestört genießen können. Gerade deshalb sei es aber die Pflicht der christlichen Presse, über das Thema zu berichten, um „die Herzen und Gewissen aus der satten Ruhe aufzustören“.216 In den 1960er Jahren kam auch die Caritas-Zeitschrift diesem Anspruch kaum mehr nach. Nur noch vereinzelt veröffentlichte sie Artikel über Flüchtlingslager. Zugleich erkannten Caritasvertreter, dass die Lager, die ursprünglich als kurzfristige Lösung für die Behebung der Flüchtlingsproblematik gedacht gewesen waren, durch ihre Langlebigkeit zur Entstehung neuer Probleme beigetragen hatten. 1963 beklagte einer der Autoren, dass niemand über die genaue Zahl der Lager und ihrer Bewohner Bescheid wisse, denn viele der Baracken stünden schon so lange, dass sie gar nicht mehr gesehen würden. Die Behörden kümmerten sich kaum um eine Verbesserung der dort herrschenden, häufig katastrophalen Zustände. Viele Flüchtlingewürdendurch ihre teils jahrelangeUnterbringung in diesen ‚Elendsquartieren‘, altenKasernen, Fabriken oder baufälligenBaracken, in eine Eckemit den ‚Asozialen‘ gestellt und könnten deshalb keine Wohnung oder Arbeit finden.217 Während die Aufmerksamkeit für das Flüchtlingsthema abnahm – der einzige Artikel, der sich Ende der 1960er Jahre noch explizit mit dem Flüchtlingsproblem beschäftigte, berichtete nicht mehr über aktuelle Probleme der ehemaligen Flüchtlinge, sondern rückblickend über deren schweres Schicksal218 –, nahm sie für Obdachlosensiedlungen im Allgemeinen zu. Erstmals berichtete die verbandseigene Zeitschrift 1960 über die Arbeit der Caritas in einer ‚Stadtrandsiedlung‘. Darin hieß es, dass die Caritas die Pflicht habe, sich nicht nur um ‚verschämte‘ Arme und vorübergehend in Not Geratene zu kümmern, sondern auch um Menschen, die aus ‚wirtschaftlicher undmoralischer Unfähigkeit‘ obdachlos geworden waren. Der Autor argumentierte mit der Menschenwürde einerseits und der religiösen Pflicht 215 Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 279. 216 Ein unpopuläres Thema, in: Caritas 59.1/2 (1958), S. 26–27. Mehr dazu siehe Kapitel 2.1 sowie 6.2. 217 Ilse Boddenberg: Die übersehenen Flüchtlingslager, in: Caritas 64.3 (1963), S. 88–92. 218 Wolfgang Kopp: Flüchtlingsfamilien heutzutage, in: Caritas 69 (1968), S. 255–256. 388 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit andererseits. Vor allem müsse der Versuch unternommen werden, die Kinder zu aktivieren und zu erziehen – auch im religiösen Sinn. Das Fazit des Artikels blieb allerdings nüchtern. Sowarnte derAutor dieHelfer vor zu großenErwartungenund führte als Beleg für die geringen Erfolgsaussichten den fast schon obligatorischen Hinweis auf die vorhandenen Fernsehgeräte an.219 Größere Aufmerksamkeit erlangte das Thema Obdachlosigkeit in der Fachzeitschrift des DCV explizit erst ab 1968. Vorher wandte das Blatt sein Interesse vorwiegend der Gruppe der ‚Gefährdeten‘ zu.220 Dabei kamen in einzelnen Artikeln selbst in den 1950er Jahren durchaus fortschrittliche Einstellungen zum Ausdruck. So problematisierte einAutor 1955 die negative Einstellung, die allgemein gegenüber ehemaligen Straffälligen herrsche, denn diesemache derenWiedereingliederung fast unmöglich. Die Lösung sah er darin, die Straffälligen so weit zu unterstützen, dass sie an einem Arbeitsplatz Fuß fassen konnten, was zudem nur einen Bruchteil der Haftkosten verursachen würde.221 Auch die Autorin des bereits zitierten Flüchtlingslager-Artikels aus dem Jahr 1963 versuchte Vorurteilen gegenüber diesen Menschen entgegenzuarbeiten. So argumentierte sie, wo Streit und Trunkenheit an der Tagesordnung seien, sei es nicht verwunderlich, dass Jugendliche aufsässig würden und Ehen zerbrächen. Die von behördlichen und kirchlichen Stellen häufig wiederholte Bemerkung, diese Leute wollten gar nicht aus den Notunterkünften heraus, war ihrer Meinung nach zwar nicht grundsätzlich falsch, der tiefere Grund dafür liege aber darin, dass sie sich wie Menschen zweiter Klasse fühlten, und befürchteten, sich in einer ‚zivilisierten‘ Umgebung nicht mehr zurecht zu finden. Als weitere Erklärung führte die Autorin die hohenMietpreise in der Bundesrepublik an, welche viele Lagerbewohner vor einem Umzug zurückschrecken lasse.222 Der Artikel suchte also nach den tieferliegenden Gründen für die vermeintliche ‚Asozialität‘ der Lagerbewohner und beantwortete damit die Schuldfrage, welche die Grenze zwischen ‚würdigen‘ und ‚unwürdigen‘ Armen definierte, gänzlich anders als viele Zeitgenossen, welche ‚Asozialität‘ oft auf vermeintliche angeborene (Charakter-)Eigenschaften zurückführten.223 219 AmRand der Gemeinde, in: Caritas 61.4 (1960), S. 190–192. Vgl. Kapitel 6.1.3. 220 Mehr dazu siehe Abschnitt 5.2.1. 221 HeinzKraschutzki:Gestrandete, in: Caritas 56.9/10 (1955), S. 226–229.DenselbenGedanken äußerte der Autor zwei Jahre später auch im Neuen Beginnen, der Fachzeitschrift der Arbeiterwohlfahrt. Heinz Kraschutzki: Probleme der Strafentlassenenfürsorge, in: NB 11.6 (1957), S. 90–91. 222 Ilse Boddenberg: Die übersehenen Flüchtlingslager, in: Caritas 64.3 (1963), S. 88–92. 223 Siehe Abschnitt 5.1. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 389 Ebenfalls entgegen der Meinung vieler Zeitgenossen wandte die Autorin die gängigeAnklage, dass die Lagerbewohner zwar keineMiete zahlenwollten, fast alle aber einen Fernsehapparat besäßen, in eine neue Richtung. Denn sie zeigte Verständnis dafür, dass Menschen, „die jahrelang in einem grau in grau verlaufenden Alltag, in einer trostlosen Umgebung leben, durch ihr Wohnen in den Lagern oder Notunterkünften von ihren Mitmenschen nicht selten gemieden werden, sich eine Abwechslung verscha en wollen“. Zudem argumentierte sie, dass die Lagerbewohner durch das Fernsehen die Teilnahme ander großenWelt suchten.DieseAuffassung ist durchausbemerkenswert.Zwar hatte der Gedanke eines Teilhaberechts aller Bürger am Leben in der Gemeinschaft bereits 1961 Eingang in das Bundessozialhilfegesetz gefunden – der Gesetzestext verwandte diese Formulierung explizit in § 39 Abs. 2 BSHG in Bezug auf die Eingliederungshilfen für Behinderte.224 Was in der Praxis jedoch in erster Linie für die ‚würdigen‘ Hilfsberechtigten Anerkennung fand, dachte die Autorin für die vermeintlich ‚unwürdigen‘ konsequent weiter. Sie ließ es nicht gelten, hier unterschiedliche Maßstäbe anzusetzen. Ihre Ansicht unterstrich sie mit der Bemerkung, Fernsehen sei an sich nichts Schlechtes, und viele, die es anderen verübelten, besäßen selbst einen Apparat.225 Bis weit in die 1960er Jahre hinein stellten derartige Vorstellungen in der Caritas-Zeitschrift allerdings die Ausnahme dar. Die Unterstützungsbedürftigkeit von ‚Gefährdeten‘ begründete dieMehrzahl derAutorenmit demErhalt von Sittlichkeit undöffentlicherOrdnung.Viele Fürsorgeexpertenwolltendiese Personen aber auch vor sich selbst ‚bewahren‘, denn ihrer Meinung nach erlitten diese oft tiefe Verluste an Ehre und Würde und glitten dabei in Verwahrlosung und Elend ab. Neben Präventionsmaßnahmenwie Jugendschutzgesetzen und gezielter Aufklärungsarbeit befürworteten einflussreiche Vertreter des Faches ein Bewahrungsgesetz, das es der Fürsorge erlaubte, gefährdete Personen, die nicht mehr unter die Gesetzgebung der Jugendhilfe fielen, gegen ihren Willen in geschlossenen Anstalten unterzubringen. Neben dem Verweis auf die Menschenwürde begründeten die Bewahrungsbefürworter innerhalb der Caritas ihre Zustimmung mit der Wiederherstellung der ‚gott- 224 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 322. 225 Ilse Boddenberg: Die übersehenen Flüchtlingslager, in: Caritas 64.3 (1963), S. 88–92. 390 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit gewolltenOrdnung‘.226DieGrundzüge des gesellschaftlichen Zusammenlebenswaren in ihrenAugen durchKrieg undWirtschaftswunder durcheinandergeraten, was täglich neue psychische Defekte und damit neue Fürsorgefälle schaffe. Denn, so der Direktor des bayerischen Landes-Caritasverbandes Mitte der 1960er Jahre: „Materieller Notstand plus psychischer Defekt ist gleich gefährdeter Mensch.“227 Forderungen nach mehr psychologischem und psychotherapeutischem Fachpersonal hielt der bayerische Caritasdirektor zwar für berechtigt. Statt jedoch nach staatlichem Engagement zu rufen, sei es besser, mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes zu arbeiten und dabei den ‚Auftrag Christi‘ und die Mitverantwortung des demokratischen Staatsbürgers zu erfüllen, als untätig zu sein.228 Caritas-Präsident Albert Stehlin sah es außerdem als ein Ziel der ‚Gefährdetenhilfe‘ an, diese Personen in die Gesellschaft einzugliedern, einerseits da der ‚Nichtangepasste‘ die gesellschaftliche Ordnung bedrohe, andererseits aus ökonomischen und arbeitsmarktpolitischen Gründen. Darüber hinaus, betonte Stehlin, erfülle die Wiedereingliederung einenhöheren Sinn, nämlich die ErlösungdesMenschen, auch wenn dieser sie selbst nicht erkenne und bejahe. Die Kirche sehe aber in der Gesundheit sowie der Fähigkeit zum Gemeinschaftsleben und zur sozialen Einordnung an sich schon echtemenschlicheWerte, umdie es sich aus der Sicht des christlichenMenschenbildes zubemühen lohne.AusdiesemGrundbegrüße sie auchdieErweiterung der Rehabilitationsmöglichkeiten durch wissenschaftliche Erkenntnisse, denn dadurch könne vielenMenschen geholfen werden, für die man früher keinen anderen Weg wusste als lebenslange Bewahrung.229 Der Caritas-Präsident baute durch diese Argumentation eine Brücke zwischen der christlichen Identität der Caritas und den modernen Methoden der Sozialhilfe. Dennoch schien auch er die Anwendung von Fürsorgemaßnahmen auch gegen den Willen der Betroffenen als letztes Mittel gutzuheißen, sollte dadurch die gottgewollte Ordnung erreicht werden. 226 Hilfe zur Resozialisierung von Prostituierten, in: Caritas 58.1 (1957), S. 20–24. Siehe auch: Konrad Winkler: Die Nichtseßhaften, in: Caritas 64.2 (1963), S. 65–72; Adolf Mathes: Folgerungen für die Gefährdetenhilfe, in: Caritas 65.5 (1964), S. 232–236. Siehe auch Abschnitt 5.2.1. 227 Adolf Mathes: Folgerungen für die Gefährdetenhilfe, in: Caritas 65.5 (1964), S. 232–236. 228 AdolfMathes: Folgerungen für dieGefährdetenhilfe, in: Caritas 65.5 (1964), S. 232–236. Vgl. Konrad Winkler: Die Nichtseßhaften, in: Caritas 64.2 (1963), S. 65–72. 229 Albert Stehlin: Die Sorge der Kirche für die Gefährdeten, in: Caritas 66.6 (1965), S. 260–264. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 391 5.3.3. Studentische Caritas zwischen Religion und Politik Der Einfluss der 68er-Bewegung machte auch vor der studentischen Caritasarbeit nicht halt. Die Ideen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) fielen in der katholischen Studentenschaft auf fruchtbaren Boden und brachten den alten Streit – Primat von Kirche und Glaube oder Primat des gesellschaftlichen Engagements – wieder auf die Tagesordnung. Denn im Gegensatz zum Bedeutungsverlust der gemeindenahen studentischen Verbände erhielten die Anfang der 1960er Jahre erstmals in Erscheinung tretenden ‚Sozialkreise‘ vor allem ab 1967 immer größeren Zulauf. Letztere sahen das Ziel ihrer Arbeit nicht mehr allein in der karitativen Tätigkeit. Sie wollten sich vielmehr sozialpolitisch engagieren und auf Missstände in der Gesellschaft hinweisen – insbesondere im Umgang mit Obdachlosen und psychisch Kranken.230 Theorie und Praxis der Sozialarbeit klafften ihrer Ansicht nach zu weit auseinander. Dabei zeigten sie sich nicht nur offen für ökumenische Zusammenarbeit, sondern für alle interessierten Studierenden.231 Dass dies nicht dieMeinung Einzelner war, sondern die allgemeine Stimmung in der katholischen Studentenschaft widerspiegelte, verdeutlicht ein Rundschreiben des KDSE-Caritasreferats aus dem Sommer 1967. Darin forderte der AK seine Mitglieder explizit dazu auf, ihre Arbeit zu reflektieren und gesellschaftlicheMissstände von der Wurzel her anzugehen: „Um die Arbeit eines sozialen Arbeits-, bzw. Caritaskreises auf weite Sicht hin sinnvoll und wirksam zu gestalten, ist es notwendig, seine Hauptaufgaben nicht nur in der Einzelhilfe und dem praktischen Einsatz zu sehen. Unser besonderes Anliegen muß vielmehr das ernsthafte Bemühen um eine gründliche theoretische Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen unserer Zeit, muß ein intensives Studium der sozialen Struktur unserer Gesellschaft und ihrer Veränderungen sein.“232 230 Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle vom 27.8.1968, ADCV, 349.2.024, Fasz. 1. Siehe auch Schwendter: 25 Jahre AG SPAK, hier: S. 9. 231 Vgl. Schmidtmann: Katholische Studierende, S. 391f. 232 Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle (Freiburg/Werthmannhaus) vom 20.7.1967, ADCV, 349.2.024. Ähnlich argumentierten die Vertreter der studentischen Caritasgruppen auch in den folgenden Jahren immer wieder. Siehe z.B. Erklärung des Vorstands der AG SPAK-Zentrale an den geschäftsführenden Vorstand des DCV vom 2.5.1969 sowie Tätigkeitsbericht des DCV, Sept. 1968 bis Aug. 1969 beides: ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 392 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Im Prinzip entsprach dies einer Aufforderung zur Politisierung der stundentischen Caritasarbeit. Ab 1967 erlebte die Institution der ‚Sozialpolitischen Arbeitskreise‘ einen enormen Aufschwung. Die Anfänge der Entwicklung dieser kritischen Gegenöffentlichkeit innerhalb des Caritasverbandes, die einen anderen Umgang mit Obdachlosen, aber auch psychisch Kranken forderte, lagen bereits einige Jahre zurück.233 Diese Zeit war auch die Geburtsstunde der Arbeitskreise für studentische Sozialarbeit. So nutzten die Caritasgruppen inDüsseldorf undTübingen spätestens ab 1962 die Bezeichnung ‚Sozialer Arbeitskreis‘ – ein Hinweis dafür, dass sich diese beiden Gruppen bereits Anfang der 1960er Jahre gesellschaftspolitischen Fragen widmeten. Auch scheint es plausibel, dass mit dieser Namensgebung eine Öffnung über das katholischeMilieu hinaus verbunden gewesenwar.234Aber erst gegen Ende der 1960er Jahre setzten sich die Politisierungsbestrebungen in der studentischen Caritasarbeit insgesamt durch. So informierte die Geschäftsstelle des Arbeitskreises studentischer Caritasgemeinschaften Ende August 1968 seine Mitglieder, dass der Rundbrief in seiner bisherigen Form aufgegeben werde. Zukünftig sollte er den Sozialkreisen alsDiskussions- und Informationsforumdienenund einen verstärkten Erfahrungsaustausch ermöglichen. Besonders wollte der AK die Auseinandersetzung der Studenten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern.235 Um die ‚Kluft‘ zwischen Theorie und Praxis in der Sozialarbeit zu schließen, organisierte die Führung des AK darüber hinaus eigene Arbeitskreise für Gruppen, die auf dem jeweils gleichen Arbeitsfeld tätig waren. Ziel war es, die Teilnehmenden halbjährlich mit den neuesten sozialwissenschaftlichen Erfahrungen und Modellen auf dem entsprechendenGebiet vertraut zumachen.236 Sowurde im Januar 1969 der zweitägige Fachkreistag Obdachlosenarbeit abgehalten; im Juni organisierte der AK ein Fachkreistreffen für Gruppen, die sich mit psychisch Kranken befassten.237 Stolz berichtete die AK-Geschäftsführung dem DCV, dass es den studentischen Caritasgruppen zwischen Herbst 1968 und Sommer 1969 gelungen sei, die Problematik der gesellschaftlichen Randgruppen in die Universität zu tragen und Wis- 233 Siehe dazu 5.3.1. 234 Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle vom 25.6.1962, ADCV, 349.2.024, Fasz. 1. 235 Rundschreiben der KDSE-Geschäftsstelle vom 27.8.1968, ADCV, 349.2.024, Fasz. 1. 236 Brief des Caritasreferenten derKDSE an denPräsidenten desDCVvom 15.1.1969,ADCV, 349.2, Fasz. 1. 237 Tätigkeitsbericht des DCV, Sept. 1968 bis Aug. 1969, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. Noch heute sieht die aus dem Arbeitskreis hervorgegangene AG SPAK in der Vernetzung ihrer Mitglieder ein wesentliches Element ihrer Arbeit. Siehe: Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (Hrsg.): Soziales Engagement, hier: S. 6. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 393 senschaftler sowie wissenschaftliche Institute für Recherchen zu aktivieren. Auch informierte sie die Caritas-Zentrale über die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit des AK, der durch Pressekonferenzen sowie Fernseh- und Rundfunkberichte auf die Arbeit der studentischenGruppen aufmerksamgemacht hatte.Gezielt hatte derAK darüber hinaus versucht, die Studentengruppen zu motivieren, es ihm nachzutun. So bot er im Februar 1969 für seine Mitglieder ein Wochenendseminar an, das sich dem Thema Öffentlichkeitsarbeit widmete.238 Die studentischen Caritasgruppen entfernten sich in diesen Jahren immer weiter von dem urspünglichen Motiv der karitativen Tätigkeit als Zeichen des gelebten Glaubens. Dabei öffneten sie sich Ende der 1960er Jahre explizit auch nichtkatholischen, ja sogar nicht-religiösen Mitgliedern und betonten die Verantwortung jedes Einzelnen für die sozialen Probleme in der Gesellschaft.239 Dennoch waren zumindest ihre Wortführer weiterhin im katholischen Glauben verhaftet. Deutlich wurde das beispielsweise in einemArtikel des Sprechers des Arbeitskreises Studentischer Caritasarbeit im Caritas-Jahrbuch von 1968. Darin zeigte der Autor die Verbindung zwischen studentischem Engagement und dem christlichen Begriff der Nächstenliebe auf. Mehr noch: Er deutete sogar an, dass das politisierte Engagement der studentischenCaritasgruppen das eigentlicheChristentumbedeute, da die Studenten nicht ein ‚Heilen an Symptomen‘ betrieben, wie die angestammte Sozialbeziehungsweise Caritasarbeit, sondern die Probleme an der Wurzeln angingen.240 Die Besonderheit an dieser Form studentischer Auflehnung um 1968 war also, dass sie nicht einem dezidiert linken, den Ideen des Marxismus zugeneigten Milieu entsprang, sondern aus der tendenziell wertkonservativen, katholischen Glaubensgemeinschaft selbst hervorging.241 Dabei sahen die studentischen Caritasgruppen ihr Vorhaben, die christlich motivierte Sozialarbeit grundlegend umzugestalten, im Einklang mit den im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gewachsenen Erneuerungsbestrebungen innerhalb der Kirche insgesamt. Daher schreckten ihre Sprecher auch nicht davor zurück, der Caritasleitung gegenüber Forderungen hinsichtlich finanziellerUnterstützungundderArt derZusammenarbeit zu äußern.Das sowie die 238 Tätigkeitsbericht des DCV, Sept. 1968 bis Aug. 1969, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 239 Damit stehendieseBeobachtungen auch imEinklangmit der aktuellen ‚Wertewandelsforschung‘ die für diese Zeit eine zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft beziehungsweise eine Verlagerung des Religiösen in den privaten Bereich festgestellt hat. Siehe: Rödder:Werte undWertewandel, S. 19; vgl. Gabriel: Säkularisierung und Religiosität, hier: S. 99f. 240 Walter Dissinger: Studentische Sozialpolitik. Strategie und Taktik, in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.): Caritas ’68. Jahrbuch des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg 1969, S. 176–182. 241 Vgl. Eitler: Auferstehung als Aufstand, hier: S. 155. 394 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Öffnung der studentischen Caritas gegenüber evangelischen und nichtkonfessionellen Mitgliedern führte zu Spannungen mit den stärker amtskirchlich geprägten InstitutionenDCVundKDSE.Letztlichmündetendie Emanzipierungsbestrebungen der sozialpolitisch engagierten Studentengruppen in ihrer Abspaltung vomDCV. Die KDSE entfernte sich Anfang der 1970er Jahre schließlich selbst vom Primat der Gemeinde. Wegen ihrer zunehmend gesellschaftspolitischen Ausrichtung entzog ihr die Deutsche Bischofskonferenz im März 1973 die Anerkennung sowie die finanzielleGrundlage,was letztlich zu ihrerAuflösung führte.Damit verhinderte die verfestigteHierarchie derKirche zunächst, dass sich auf demGebiet der katholischen Hochschulpolitik eine Art politischer Pluralismus etablieren konnte. Allerdings blieb der Konflikt zwischen gesellschaftlicher Öffnung und dem Festhalten an der kirchlichenDoktrin innerhalb der organisierten katholischen Studentenschaft auch ohne KDSE noch bis in die 1980er Jahre aktuell.242 Der Ablauf der Abspaltung der studentischenCaritasgruppenvonKDSEund DCV ist aufgrund der vielenZuständigkeitsebenen auf den erstenBlick schwierig zu entwirren.Umso deutlicher zeigt sich darin einerseits das von der jüngerenGeneration ausgehendeVeränderungspotenzial innerhalb der katholischenWohlfahrtspflege sowie andererseits der Zwiespalt der Spitze des Caritasverbands. Letzterer äußerte sich darin, dass der Präsident und derGeschäftsführer desDCV zwar über das große Engagement der studentischen Caritasgruppen erfreut waren, dadurch gleichzeitig aber auch eine zu starke Politisierung und Radikalisierung der karitativen Arbeit befürchteten, für die der Verband letztlich die Verantwortung zu tragen habe. Die Protagonisten in diesem Abspaltungsprozess waren auf Seiten des AK seine beiden gewählten Sprecher, Walter Dissinger und Christel Michel, später kam noch Otto Höffmann hinzu sowie Helmut Wetzel. Letzterer hatte im Zeitraum der Auseinandersetzung (1968-1973) den 1963 geschaffenen Doppelposten des AK- Geschäftsführers und KDSE-Caritasreferenten inne. Er argumentierte stets sachlicher als Dissinger und Michel, vertrat aber entschieden deren Positionen. Vorsitzender der KDSE war zunächst Wolfgang Beitz, ab 1970 Klaus Lang. Beide waren um eine Kompromisslösung sehr bemüht. Während Beitz der Entwicklung der studentischen Sozialarbeit von Helfergruppen zu gesellschaftspolitischen Agitationsgruppen jedoch eher skeptisch gegenüberstand – vor allem befürchtete er den 242 Schmidtmann: Katholische Studierende, S. 161, 363, 367. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 395 Kontrollverlust der Kirche über die Meinungsäußerungen der Verbände243 – setzte sich Lang gegenüber Außenstehenden für die Interessen der Studenten ein. Im NamendesDeutschenCaritasverbandes agierte vor allemderDCV-Geschäftsführer und Generalsekretär Paul Schmidle, auch wenn die Studenten sich in der Regel zunächst an Albert Stehlin, den Präsidenten des DCV, wandten. Stehlin stand der Neuausrichtung der studentischen Caritasgruppen durchaus wohlwollend gegen- über, Schmidle vertrat eine distanziertere Position. Doch Stehlin verstarb im Juni 1969. Über die Einstellung seines Nachfolgers Georg Hüssler geben die Quellen keine Auskunft. Initialzündung zur Abspaltung war die Unzufriedenheit der Vertreter des Arbeitskreises studentischer Caritasgemeinschaften darüber, dass die Geschäftsstelle des AK und das KDSE-Caritasreferat in Personalunion wahrgenommen wurden, und Helmut Wetzel darüber hinaus vertraglich dazu verpflichtet worden war, Aufgaben aus dem Bereich des DCV-Referats ‚Familienhilfe‘ wahrzunehmen.244 Diese Unzufriedenheit taten die Sprecher des AK, Christel Michel und Walter Dissinger, Ende 1968 in einem Schreiben an den Präsidenten des DCV kund. Dabei beklagten sie auch die schlechte finanzielle Ausstattung des AK und machten Stehlin auf die veränderten Bedingungen und Arbeitsweisen der ehemaligen studentischen Caritasgemeinschaften aufmerksam. Sie betonten, dass die vordem rein karitativen Gruppen mittlerweile konfessionell gemischt seien und in den wenigsten Fällen noch denNamen ‚Caritaskreis‘ führten. Insgesamt tendiere die Entwicklung zu den für alle Interessenten offenen sozialen oder sozialpolitischen ‚Arbeitskreisen‘.245 Diese Arbeitskreise, so hieß es im Brief weiter, sähen ihre Aufgabe vor allem darin, einerseits den „Problemminderheiten [die] unbeachtet am Rande unserer Leistungsgesellschaft [leben]“, eine Stimme zu geben, und andererseits die Situation dieser Randgruppen durch das Prinzip ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ zu verbessern. Ihre 243 Vgl. Beitz: Die Bedeutung der APO, hier: v.a. S. 139. 244 Brief des Caritasreferenten derKDSE an denPräsidenten desDCVvom 15.1.1969,ADCV, Fasz. 349.2, Fasz. 1. Die Geschäftsstelle des AK beziehungsweise später der Sozialpolitischen Arbeitskreise war lange Zeit im DCV-Referat Familienhilfe angesiedelt. Siehe: Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 245 Brief der Sprecher der studentischen Caritas- und Sozialkreise in der BRD an den Präsidenten des DCV vom 28.12.1968, ADCV, 349.2, Fasz. 1. Auch Christian Schmidtmann betont, dass der Austausch zwischen evangelischen und katholischen Studentengemeinden Mitte der 1960er Jahre nahezu unbemerkt zu einer Selbstverständlichkeit geworden sei. Denn über die Zusammenarbeit wurde nicht reflektiert, sie habe keinerlei ‚Zündstoff‘ für Diskussionen geboten und sei einhellig als ‚erfreulich‘ gewertet worden. Schmidtmann: Katholische Studierende, S. 243. 396 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Kritik richtete sich insbesondere gegen die vermeintlich menschenunwürdigen Verhältnisse in vielen Psychiatrien und Notunterkünften. NachMeinungMichels und Dissingers offenbarten die dort herrschenden Zustände, dass die in der Verfassung festgelegten Rechtsgrundsätze nicht allen Menschen gleichermaßen zugestanden würden. Zudem empörten sie sich darüber, dass die meisten Städte die Obdachlosenproblematik ausschließlich verwaltungstechnisch behandeln und dieWohlfahrtsverbände sich wiederum häufig nicht an diese Probleme herantrauen würden.246 Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass sich die beiden Sprecher des AK in diesem Brief deutlich von der APO distanzierten. Deren Intention und Methoden verurteilten sie als umstürzlerisch und anarchistisch.Michel undDissinger betonten hingegen, dass sie die Veränderungen der studentischen Sozialarbeit als Folge der Bereitschaft der jungen Generation zum Engagement für die Gesellschaft betrachteten. Sie versicherten dem Caritas-Präsidenten, dass die Mitglieder des AK, anders als die APO, zum Dialog mit der Gesellschaft bereit seien. Deshalb strebten sie auch eine weitere Zusammenarbeit mit dem DCV und der KDSE an, jedoch auf einer anderen Grundlage als bisher. Sei der DCV (und die KDSE) allerdings nicht bereit, die Zusammenarbeit grundlegend umzustrukturieren und ein arbeitsfähiges Informations- undSchulungszentrumfür alle stundentischenSozialkreise einzurichten, würden sich die studentischen Caritasgruppen vom DCV loslösen und eine unabhängige Bundeszentrale konstituieren. Die Sozialkreise Bonn, Freiburg und Marburg arbeiteten bereits am Entwurf für eine neue Satzung des AK.247 Noch bevor eine Antwort des Caritas-Präsidenten eingegangen war, schickte der AK-Ge- schäftsführer, HelmutWetzel, einenweiteren Brief anAlbert Stehlin. Er deklarierte diesen als Erläuterung des Schreibens vom 28. Dezember 1968. Vermutlich war Wetzel in die Abfassung des vorherigen Briefes nicht mit einbezogen worden, laut Vermerk hatte er aber einen Durchschlag des Schreibens erhalten. Er schien Michel und Dissinger ihr unabgesprochenes Vorgehen jedoch nicht zu verübeln, sondern ergriff in seinemBrief an Stehlin Partei für die beiden Sprecher desAK.Auf fünf Seiten schilderte er nochmals die Expansion der studentischen Caritasarbeit, derenWandlung durch den Einfluss der APO sowie die Probleme und Forderungen für die Zusammenarbeit des AK mit dem DCV. Dabei hielt er sich an einen weit sachlicheren Stil als die studentischen Sprecher. Über seinen Vorgängerbrief hinaus gingWetzel auf dieMöglichkeit einerZusammenarbeitmit demDiakonischenWerk 246 Brief der Sprecher der studentischen Caritas- und Sozialkreise in der BRD an den Präsidenten des DCV vom 28.12.1968, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 247 Ebd. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 397 ein. In der praktischen Arbeit hätten sich längst viele Mitglieder des AK mit Gruppen aus den Evangelischen Studierendengemeinden zusammengeschlossen. Und selbst gegenüber sozial engagierten Studenten, die sich keiner der beiden Kirchen zugehörig fühlten, zeigten sich die studentischen Sozialkreise offen.Wetzel begrüßte diese Entwicklung, denn die Studenten engagierten sich seiner Meinung nach aus ‚christlicherHumanität‘. Es handele sich bei dieser Entwicklung also nicht um einen Rückgangder christlichenNächstenliebe.Allein das ‚offiziell kirchlicheMoment‘ sei verblasst. Denn das christliche Element bildete seiner Ansicht nach die Grundlage für die individuelle Motivation, das humanitäre für die gruppenspezifische Motivation. Im Zeichen der Zeit sei das zweite in den Vordergrund gerückt. Darüber hinaus rechtfertigte Wetzel die ökumenische Zusammenarbeit der studentischen Caritasgruppen mit einem Verweis auf das Zweite Vatikanische Konzil.248 Konsequenterweise baten HelmutWetzel undWalter Dissinger den Präsidenten des Diakonischen Werkes Anfang März um eine Unterstützung der Arbeit des AK. Denn, so ihre Begründung, der Arbeitskreis plane, einen unabhängigen Verein zu gründen, der vom Zusammenschluss der evangelischen Studentengemeinden (ES- GiD), dem Diakonischem Werk, dem DCV und der KDSE finanziell unterstützt werden solle.249 Leider lassen die Quellen kaum Rückschlüsse auf die Reaktion des Diakonischen Werks zu. Die in den folgenden Jahren immer wieder vorgebrachten Klagen der Caritas legen jedoch den Schluss nahe, dass sich dieDiakonie nicht an der Finanzierung des AK beteiligte.250 Den Studenten war der Anschluss der evangelischen Sozialgruppen an den AK dennoch sehr wichtig: Auf der vom 8. bis zum 12. April 1969 inMünster stattfindendenMitgliedervollversammlung des AK war das eines der dominierenden Themen. Die dort beschlossene Namensänderung stand damit vermutlich ebenso im Zusammenhang, denn der Arbeitskreis studentischer Caritasgemeinschaften (AK) beschloss sich fortan Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK) 248 Brief des Caritasreferenten derKDSE an denPräsidenten desDCVvom 15.1.1969,ADCV, 349.2, Fasz. 1. 249 Brief (des AK) an den Präsidenten des DiakonischenWerkes vom 6.3.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 250 Laut Paul Schmidle erhielt die AG SPAK zumindest bis 1976 keinerlei finanzielle Unterstützung durch das Diakonische Werk, und das trotz immer wieder vorgebrachter gegenteiliger Ankündigungen seitens der verantworlichen Studenten. Siehe: Brief des DCV-Generalsekretärs Schmidle an den Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit e.V. vom 28.9.1976; vgl. Brief des KDSE- Vorsitzenden Lang an den DCV-Generalsekretär Schmidle vom 26.11.1973, beides: ADCV, 349.2, Fasz. 1. 398 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit zu nennen. Damit vergrößerten die studentischen Caritasgruppen, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, auch den Abstand zu Caritas und katholischer Kirche.251 Ähnlich gedeutet werden kann auch die gegenüber dem DCV im Mai 1969 ge- äußerte Forderung der AG SPAK, völlig unabhängig arbeiten zu können. Gleichzeitig war ihren Vertretern die Zusammenarbeit mit den beiden konfessionellen Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie sowie den Zusammenschlüssen der jeweiligen Studentengemeinden (KDSE und ESGiD) aus finanziellen Gründen ein dringendes Anliegen. Mehr noch: Sie erwarteten sie sogar. „Da wir als Studenten über keine Geldmittel verfügen, sondern nur unsere freie Zeit zur Verfügung stellen können, ist es notwendig, daß wir von solchen Verbänden unterstützt werden, die Interesse haben, die Probleme abzubauen.“ Im Gegenzug verpflichtete sich die AG SPAK, die Verbände bei allen wichtigen Fragen zu konsultieren undüber den Fortgang ihrerArbeit zu berichten.Außerdem äußerte der Vorstand der AG SPAK den Wunsch, von Fachleuten der Verbände Unterstützung in den einzelnen Arbeitsfeldern zu erhalten.252 Der Caritasverband schien die Forderungen der Vertreter der studentischen Caritasgruppen allerdings nicht allzu ernst zu nehmen. Vielleicht wollte er sich aber auch keine Vorschriften machen lassen und spielte daher bewusst auf Zeit – im Gegensatz zum Vorsitzenden der KDSE, Wolfgang Beitz, der sich schon im April darum bemüht hatte, mit dem DCV und der AG SPAK über die zukünftige Form der studentischen Sozialarbeit zu verhandeln.253 So beschäftigte sich der ZentralvorstanddesDCVerst imHerbst 1969mit demAnliegender sozialpolitisch engagierten Studentengruppen. Für die These, dass es dem ZV in diesem Zusammenhang auch darum ging, den Studenten die Hierarchie innerhalb des Verbandes deutlich zu machen, spricht auch, dass zur entscheidenden Sitzung am 7. Oktober 1969, bei welcher die führendenMitglieder derCaritas über eineweitereZusammenarbeitmit 251 Siehe Brief vonHelmutWetzel an den Präsidenten des DCV, Albert Stehlin, vom 24.4.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1; vgl. Niederschrift der Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 252 Erklärung des Vorstands der SPAK-Zentrale an den geschäftsführenden Vorstand des DCV vom 2.5.1969, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 253 Brief Wolfgang Beitz’ (Vorsitzender der KDSE) an Albert Stehlin (Präsident des DCV) vom 30.4.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 399 der studentischen Sozialarbeit entscheiden wollten, keine Vertreter der AG SPAK geladen waren.254 Walter Dissinger und Christel Michel äußerten in einem Brief ihren Unmut über diese Entscheidung, zeigten sich gleichzeitig aber kompromissbereit. So unterbreiteten sie dem ZV den Vorschlag, dass dieser einen Ausschuss bilden solle, „der sich vorrübergehend, wenn notwendig dauernd, als fachliches Kontaktforum mit den Gesammtsprechern [sic], Fachkreissprechern und Spezialreferenten der Sozialpolitischen Arbeitskreise in für eine kontinuierliche Zusammenarbeit angemessenen Zeitabständen tri t“.255 Mit der Begründung, die Bildung eines Fachausschusses widerspreche dem Strukturprinzip des Verbandes, lehnte der ZV diesen Vorschlag jedoch ab. Er erkannte aber an, dass aufgrund der Veränderungen der studentischen Sozialarbeit „der Standort der Geschäftsstelle der Sozialpolitischen Arbeitskreise im Referat Familienhilfe nicht mehr einleuchtet“.Da außerdemdasReferat Familienhilfe nichtmehr die Verantwortung für die Tätigkeit derGruppen übernehmenwollte, beschloss der ZV, dieGeschäftsstelle der AGSPAK in dasGeneralsekretaritat Inland zu verlegen.256 Aus dem Sitzungsprotokoll wird darüber hinaus deutlich, dass der ZV der Meinung war, dass die AG SPAK ihre Konsultationspflicht nur unzureichend erfülle – sprich, die Studenten agierten seiner Meinung nach zu eigenständig. Dennoch war dem DCV-Vorstand auch klar, dass es dringend erforderlich war, über das zukünftige Verhältnis der studentischen Caritasgruppen zum DCV zu entscheiden, denn der Dienstvertrag des AK-Geschäftsführers und KDSE-Caritasreferenten, Helmut Wetzel, lief in Kürze aus. So sprach sich der ZV noch in derselben Sitzung für eine weitere Zusammenarbeit mit den Sozialpolitischen Arbeitskreisen aus. Eine Reihe von Vorstandsmitgliedern äußerte sich sehr wohlwollend über deren Arbeit. Die Mehrheit der Vorstandsmitlieder wollte die Zusammenarbeit jedoch auf eine neue Basis stellen. Hierfür legten sie drei Maßnahmen fest: Zum einen sollte ein Gesprächskreis gebildet werden, in dem Vertreter des DCVmit Vertretern der Sozialpolitischen Arbeitskreise zusammenkamen (dies entsprach im Prinzip dem oben genannten Vorschlag der beiden Sprecher des AG SPAK); zum zweiten sollte der geschäftsführende Vorstand des DCV mit der KDSE einen neuen Vertrag für die 254 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 255 Brief der Sprecher der AG SPAK an den Zentralrat des DCV vom 6.10.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 256 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 7.10.1969 in Stuttgart-Hohenheim, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4. 400 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Anstellung des Referenten aushandeln; zum dritten war es dem ZV ein wichtiges Anliegen, Kontakt zwischen den Sozialpolitischen Arbeitskreisen und den jeweiligen Ortscaritasverbänden herzustellen. Vermutlich hoffte der Caritas-Vorstand, die studentischen Caritasgruppen darüber wieder stärker an die ‚urprüngliche‘ Caritasarbeit heranzuführen.257 Generalsekretär Paul Schmidle unterrichtete Helmut Wetzel im Anschluss über die Ergebnisse der Sitzung. Die Sprecher der AG SPAK, Michel und Dissinger, erhielten auf ihren Brief vom 6.Oktober jedoch erst AnfangDezember eine Rückmeldung.258 Darüber hinaus überging Schmidle in seinemAntwortschreiben einen weiteren spannungsgeladenenBrief, dendiese zwischenzeitlich andenCaritas-Präsidenten geschickt hatten.Darin hatteWalterDissinger unter anderemdenVorwurf erhoben, dass „konfessionelle Borniertheit“ sowie „prestigehaschendes Verbandsinteresse“ eine sinnvolle Lösung der organisatorischen Fragen letztlich verhindern würden. Indirekt unterstellte er der Verbandsleitung außerdem, dass sie zu einem echten Engagement für die ‚Problemminderheiten‘ der Gesellschaft, als deren Sprachrohr sich die studentischen Gruppen verstünden, überhaupt nicht bereit sei.259 Trotz dieser Vorwürfe war derDCV sichtlich darumbemüht, eine Lösung für die weitere Zusammenarbeit zu finden. Zwar tauchten immer wieder Bedenken führender Caritas-Vertreter auf, dass der Verband für linke und rebellische Positionen der Studenten letztlich die Verantwortung übernehmen müsse. Gleichzeitig ging von der sozial engagierten Jugend eine positive Außenwirkung aus, die sich der DCV gerne zu Nutze machen wollte. Er schien zu hoffen, dass das positive Image der Studentengruppen auf den Verband als Ganzes abfärben würde. So ermöglichte der Caritasverband, vermutlich aus ebendiesem Grund, Vertretern der AG SPAK 1970 die Teilnahme an der Tagung der Caritas Internationalis. Diese wiederum waren zwar erfreut über dieMöglichkeit zum internationalemErfahrungsaustausch, gleichzeitig aber auch skeptisch, obmit der dort geplantenGründung einer europäischen Jugendkommission letztlich nicht ein weiterer „Repräsentations-Wasserkopf “ geschaffen werden würde.260 Dass einer ihrer Vertreter in dieses neu geschaffene 257 Ebd; Brief desDCV-Geschäftsführers, Paul Schmidle, anChristelMichel (Sprecherin derAGSPAK) vom 9.12.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 258 Ebd. 259 Brief Walter Dissingers (Sprecher der AG SPAK) an den DCV-Präsidenten Hüssler vom 7.11.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 260 Ebd. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 401 Gremium gewählt wurde, zeigte aber auch, dass die Arbeit der studentischen Caritasgruppen in der Bundesrepublik internationale Anerkennung erfuhr.261 Durch einen Führungswechsel bei derKDSE–derVorsitz ging vonWolfgang Beitz auf Klaus Lang über – verzögerte sich die Neuausrichtung der Zusammenarbeit zwischen Caritasverband und den Sozialpolitischen Arbeitskreisen erneut. Mitte Februar 1970 kam es dann aber schließlich zur Unterredung zwischen Caritas- Generalsekretär Paul Schmidle und Klaus Lang, in der die beiden die zukünftige Form der Zusammenarbeit zwischen Caritas und KDSE in Bezug auf die studentischen Caritasgruppen besprachen.262 Das Ergebnis waren zwei Lösungsmodelle, die als Grundlage für weitere Verhandlungen dienen sollten. Die eine Variante sah vor, dass die vier Förderverbände (KDSE, DCV, Diakonisches Werk und ESG) eine Arbeitsgemeinschaft beziehungsweise einenVerein bilden sollten, der die hauptamtlichenMitarbeiter der AG SPAKbeschäftigte und die von denVerbänden zur Verfügung gestellten Finanzmittel koordinierte; dieVerbände sollten zum Jahresende eine ordnungsgemäßeAbrechnung der von ihnen zurVerfügung gestellten Finanzmittel erhalten. Im Alternativmodell sollten sich die Sozialpolitischen Arbeitskreise selbst als Verein konstituierten, die Verbände hingegen nur eine lose Arbeitsgemeinschaft bilden. In jedem Fall sollte jedoch ein paritätisch besetztes Kuratorium aus Vertretern der Verbände und der SozialpolitischenArbeitskreise gebildet werden. Uneinig waren sich Schmidle und Lang noch darüber, ob in diesem Kuratorium nur finanzielle oder auch sachliche Fragen besprochen werden sollten. In jedem Fall forderte Lang, dass sich der Caritasverband außerdem bei der Deutschen Bischofskonferenz für eine finanzielle Zuwendung an die KDSE einsetzen sollte.263 Auf Grundlage der beidenModelle begann der KDSE-Vorsitzende mit den Sprechern der AG SPAK zu verhandeln. Auch bemühte er sich um eine Kontaktauf- 261 Brief Otto Höffners (Sprecher der AG SPAK) an Paul Schmidle (Generalsekretär des DCV) vom 25.6.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. Auch rückblickend schätzte die AG SPAK ihre Arbeit als innovativ ein. Viele der erprobten und erfolgreichen Ideen aus der damaligen Zeit zu Fragen der Sozialen Sicherung, der Armutsentwicklung oder der Gemeinwesenarbeit fänden sich heute selbstverständlich in den Konzepten der Sozialen Arbeit wieder, hieß es in einer Infobroschüre zur AG SPAK aus dem Jahr 1995. Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (Hrsg.): Soziales Engagement, hier: S. 4. 262 Niederschrift zur SitzungdesZVdesDCVam28./29.1.1970 in Freiburg,ADCV, 110.055, Fasz. 1970/1. 263 Brief Klaus Langs (Vorsitzender der KDSE) an Paul Schmidle (Generalsekretär des DCV) vom 17.3.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 402 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit nahme mit der ESG.264 Die Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk und der ESG schien jedoch nur schleppend voranzukommen. Der Caritasverband war über diese Entwicklung wenig erfreut, drohte sogar damit, die AG SPAK finanziell nichtmehr zu unterstützen, sollte die Zusammenarbeitmit den anderenVerbänden nicht zustande kommen. Denn der Caritas-Vorstand hoffte, wie bereits dargelegt, durch die finanzielle Beteiligung anderer Insitutionen auch die Verantwortung für die Aktionen der Studenten teilen zu können.265 Zwischenzeitlich hatte die Geschäftsstelle der AG SPAKVerhandlungenmit dem Bundesministerium für Familie, JugendundGesundheit aufgenommen, umGelder aus dem Bundesjugendplan zu erhalten. Die KDSE wurde bereits zu großen Teilen aus dem Bundesjugendplan finanziert, so dass es nahe lag, diese Finanzquelle auch für die Sozialpolitischen Arbeitskreise zu nutzen. Voraussetzung dafür war jedoch ein Rechtsträger. Bislang hatte der DCV als solcher Rechtsträger der Geschäftsstelle der AG SPAK fungiert. Die Aufrechterhaltung dieser Konstruktion lehnten jedoch alle Beteiligten ab. Zwar schien es das Naheliegendste, dass die Sozialpolitischen Arbeitskreise einen eigenen Verein gründeten. Umdie Geldmittel desMinisteriums verwalten zu dürfen, hätte dieser jedochmit einer zweijährigenAnlaufs- und Bewährungszeit zu rechnen gehabt.266 Als Ausweg aus diesem Dilemma schien der Geschäftsstelle der AG SPAK nur der Weg über die Gründung eines AG-SPAK-Vermögensvereins zu bleiben, der zusammenmit den Studentengemeinden, das heißt KDSE und ESG, gebildet werden sollte. Als Notlösung sollte diese Konstruktion zunächst für das Rechnungsjahr 1970 Bestand haben. Der Vorteil lag dabei darin, dass KDSE und ESG beim Ministerium bereits bekannt waren und damit der Auszahlung des Geldes nichts imWeg stand. Auch waren Caritas und Diakonie dazu bereit, diese Regelung mit 30.000 bis 50.000 DM zu unterstützen. Zwar widersprach ein Zusammenschluss mit den Studentengemeinden den Unabhängigkeitsbestrebungen der AG SPAK. Da aber etwa 90 Prozent der studentischen Sozialkreise ohnehin an Studentengemeinden angeschlossen waren, schien diese Regelung vertretbar. Zudem hatten die Gemeinden der Geschäftsstelle der AG SPAK völlige Handlungs- und Aktionsfreiheit zu- 264 Ebd. 265 Brief Otto Höffners (Sprecher der AG SPAK) an Paul Schmidle (Generalsekretär des DCV) vom 25.6.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 266 Information der Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK) (Freiburg/Werthmannhaus) vom Juli 1970, Nr. 2 (handschriftlich vermerkt: Rundbriefe), ADCV, 594.51.065, Fasz. 1. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 403 gesichert. Dem SPAK-Vermögensverein sollte lediglich die Aufgabe zufallen, die entsprechenden Finanzmittel herbeizuschaffen.267 Die KDSE nahm diese Aufgabe unverzüglich in Angriff. Ihr Vorsitzender Klaus Lang bemühte sich, bei den katholischen Bischöfen die erforderlichen 20.000 DM Eigenmittel einzuwerben, die das Bundesministerium für Familie, Jugend und Gesundheit für die Auszahlung der Zuwendungen aus dem Bundesjugendplan voraussetzte.268 Unterstützung erhielt Lang dabei von Caritasgeneralsekretär Schmidle, obwohl dieser zuvor angekündigt hatte, die SozialpolitischenArbeitskreise finanziell nicht mehr unterstützen zu wollen. Das zeigt, dass ihm das soziale Engagement der Studierenden und deren Verbundenheit mit der katholischen Kirche ein wichtiges Anliegen war. Er wiederholte jedoch seine Forderung, dass dem Förderverein neben demDCV auch KDESE, ESG und Diakonisches Werk angehören sollten.269 Die Bedenken der Caritas waren durchaus begründet. Zwar hatten sich die Sozialpolitischen Arbeitskreise bereits 1968 klar von der APO und deren Vorgehen distanziert, ihre Öffentlichkeitsarbeit wies jedoch in eine andere Richtung. Bereits nach der ersten Vollversammlung Ende November 1968 in Königstein hatten sich die Studentengruppen in Resolutionen an die Öffentlichkeit gewandt, in denen sie gegen die Unterdrückung und Ungerechtigkeiten protestierten, die denMinderheiten inderGesellschaftwiderfuhren.270 ImFrühjahr 1969 verschickten sie dannBriefe an die Fraktionsvorsitzenden von CDU/CSU, SPD und FDP im Bundestag und an den Bundesminister für Wohnungswesen und Städtebau, in denen sie auf die Missstände imUmgangmitObdachlosen aufmerksammachten.271 Vermutlich ging diese Aktion auf einen Vorschlag des Sozialkreises Wiesbaden zurück. Dieser hatte als Reaktion auf das am 20. Januar 1969 veröffentlichte hessische Tierschutzgesetz angeregt, einen offenen Brief an den Landtag zu verfassen.Denn nach diesemneuen Tierschutzgesetz wurden einem Hofhund ein mindestens 8 qm großer Zwinger zugestanden, Obdachlose hatten dagegen laut einem Beschluss des Oberverwaltungs- 267 Ebd. 268 Brief des Vorsitzenden der KDSE an den Bischof vonMainz vom 08.07.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 269 Brief Paul Schmidles (Generalsekretär des DCV) an den Caritasdirektor von Mainz vom 27.7.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 270 Tätigkeitsbericht des DCV, Sept. 1968 bis Aug. 1969, ADCV, 110.055, Fasz. 1969/4; Brief Otto Höffners (Sprecher der AG SPAK) an Paul Schmidle (Generalsekretär des DCV) vom 25.6.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 271 Brief Wolfgang Beitz’ (Vorsitzender der KDSE) an Albert Stehlin (Präsident des DCV) vom 30.4.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 404 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit gerichtsMünster nur Anspruch auf 4 qmWohnfläche pro Person. Demnach, so die Schlussfolgerung der Studenten, waren die Unterkünfte der Obdachlosen nicht als menschenwürdig zu bezeichnen.272 Aufgrund dieser und ähnlicher Aktionen kühlte das Verhältnis zwischen Caritasverband und den Sozialpolitischen Arbeitskreisen immer weiter ab. Die AG SPAK beförderte dies, indem sie demDCV vorwarf, dass dieser nicht dazu bereit sei, seine Position in Frage zu stellen und dadurch möglicherweise mit staatlichen Institutionen in Konflikt zu geraten, von denen er finanziell abhängig war. Erneut äußerte sie außerdem den Verdacht, dass die Caritas überhaupt nicht daran interessiert sei, das Leid zu beseitigen. Sie wolle es nur etwas erträglicher gestalten.273 Die Einschätzung der Studenten, dass sich der Caritasverband gegenüber Staat und Politik häufig strategisch verhielt, scheint plausibel. Der Vorwurf, das Leid nur lindern und nicht beseitigen zu wollen, wirkt dagegen eher wie eine Variante der in dieser Zeit populären klassenkämpferischen Parole, derzufolge Sozialpolitik lediglich die ‚Lazarettstation für die Opfer des Kapitalismus‘ sei.274 Weniger hingegen scheint er Ausdruck einer reflektierten Meinung gewesen zu sein. Denn die Caritas war durchaus bereit, sich auf die Argumente der Sozialpolitischen Arbeitskreise einzulassen. So veröffentlichte der DCV in seiner hauseigenen Fachzeitschrift ab Ende der 1960er Jahre zahlreiche kritische Artikel zum Thema Obdachlosigkeit, die meist von engagierten Studenten verfasst worden waren.275 Und so mancher 272 Brief von HelmutWetzel an Albert Stehlin vom 28.2.1969, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 273 Brief Otto Höffners (Sprecher der AG SPAK) an Paul Schmidle (Generalsekretär des DCV) vom 25.6.1970, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 274 Vgl. Schmidt: Grundlagen der Sozialpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik, hier: S. 695f. 275 Z.B. Karolus Heil: Wohnungen für Obdachlose. Bericht über eine sozialpsychologische Untersuchung in Münchener Obdachlosensiedlungen, in: NDV 47.11 (1967), S. 366–371; Paul Fechler: Spielstube als Zentrum sozialpädagogischer Arbeit in einem sozialen Brennpunkt, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 111–113; Stefan Karlstetter: Hilfe durch Selbsthilfe im Notwohngebiet, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 353–358; Ursula Adams: „...Obdachlosen die frohe Botschaft zu künden!“ Chancen und Grenzen der Seelsorge in Notwohngebieten, in: Caritas Jg. 70 (1969), S. 133–142; Walter Dissinger: Wie stark sind die Schwachen? Problemminderheiten und Sozialpolitik, in: Caritas Jg. 71 (1970), S. 291–304; Otto Höffmann: Obdachlosigkeit in der deutschen Rechtssprechung, in: Caritas 71 (1970), S. 305–304; Rudolf Fritz/Ernst Küchler/Ludwig Holstiege: Thesen zur Obdachlosigkeit, in: Caritas 71 (1970), S. 306–312; Helmut Wetzel: „...denen nicht mehr zu helfen ist“. Ein Tag unter den Obdachlosen einer süddeutschen Stadt, in: Caritas Jg. 71 (1970), S. 312–314; Ulrich Brisch: Möglichkeiten der Hilfe für die Obdachlosen, in: Caritas Jg. 72 (1971), S. 160–169; Josefine Feldhaus: Sozialarbeit nachderMethode derGemeinwesenarbeit in einerNotunterkunft, in:Caritas Jg. 73 (1972), S. 38–39; Hans Peter Buba: Probleme städtischen Lebensraumes und städtischer 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 405 führende Caritasvertreter eignete sich die Argumentationsweise der Studenten an. Der Diözesan-Caritasdirektor von Köln, Ulrich Brisch, ließ sich in einem Spiegel- Artikel von 1970 mit den provokativenWorten zitieren: „Wenn es zutri t, daß kapitalistische Länder – wie die marxistischen US-Ökonomen Paul Alexander Baran und PaulM. Sweezy behaupten – ‚eine besondere Gruppe von Parias‘ benötigen, die ‚durch ihre bloße Existenz auf die Gesellschaftsstruktur harmonisierend‘ wirkt, dann gehören zu Westdeutschlands Parias die Obdachlosen. Sie sind ‚unsere Neger‘, ‚unsere Puertoricaner‘ [...].“276 Derselbe Spiegel-Artikel thematisierte auch die gesetzgeberische Absurdität, dass einemHundmehr Fläche zugebilligt wurde als einemMenschen in einer Obdachlosenunterkunft.Der vomWiesbadener Sozialkreis angeregte offene Brief schien seine Wirkung also nicht verfehlt zu haben. Zumindest trug er zur Skandalisierung der Obdachlosenproblematik in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bei. Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel auch, dass es den Konfessionen in den 1960er Jahren gelang, mit den Mitteln moderner Bewegung und Organisation einen religiös-kirchlichen Umbruch zu vollziehen und damit zum einen ihre sinkenden Mitgliedszahlen zu stabilisieren, zum anderen die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft auf ihre Weise mitzuprägen.277 Trotz dieser Annäherungen des DCV an die Positionen der Sozialpolitischen Arbeitskreise, erfolgte im November 1970 nach langer Planung die Trennung der beiden Organisationen. Auf dem ersten sogenannten Vertretertag der Sozialpolitischen Arbeitskreise konstituierte sich die AG SPAK offiziell als Gesamtrahmen für die politische Arbeit der Sozialpolitischen Arbeitskreise. Am 9. Dezember 1970 fand die Gründungsversammlung des Vereins zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit als juristischem Träger der AG SPAK statt. Auch räumlich erfolgte eine Trennung vom Caritasverband. Ihre neue Bundesgeschäftsstelle richtete sich die AG SPAK in Wiesbaden ein. Dennoch bildeten bis 1974/75 die ehemaligen Caritas- Arbeitskreise der beiden konfessionellen Studentengemeinden die Basis der AG Sozialstruktur, in: Caritas Jg. 74 (1973), S. 89–101;Walter Bänfer: Erscheinungsformen undUrsachen der Nichtseßhaftigkeit, in: Caritas Jg. 74 (1973), S. 196–202. 276 Hier wurde die Marktwirtschaft zum Fluch. Spiegel-Report über sozial benachteiligte Gruppen in der Bundesrepublik (I): Obdachlose, in: Der Spiegel 24.40 (1970), S. 86–89. 277 Vgl. Gabriel: Säkularisierung und Religiosität, hier: S. 97. 406 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit SPAK. Und auch offiziell bestand aufgrund der finanziellen Zuschüsse noch einige Jahre eine Verbindung zumDeutschen Caritasverband.278 Auch die Verbindungen der AG SPAK zu den konfessionellen Studentengemeinden lockerte sich, was 1975 auch in einer Satzungsänderung zum Ausdruck kam. In der Selbstwahrnehmung entsprach dies der Emanzipation von den Institutionen der Amtskirchen. Die sozialpolitisch engagierten Studenten strebten eine Erweiterung der Bereiche, Tätigkeiten und Zielgruppen an. So widmeten sie sich dem Thema Drogen, ein anderer Projektbereich wandte sich ab 1974 der Einrichtung von Jugendzentren zu. Die in diesen Jugendzentren engagiertenMitglieder bildeten über ein Jahrzehnt die bestimmende Basis des Verbandes. Wie im sozialen Sektor insgesamt setzten 1975 jedoch auch bei der AG SPAK Jahre des Sparens ein. Nicht ohne Sarkasmus hieß es in der Jubiläumsschrift zu ihrem 25-jährigen Bestehen, dass in der Folge alle Treffen zunehmend ‚alternativer‘ wurden und sie sich damit dem Gegenstand – der Selbstorganisation von sowie der Lobbyarbeit für arme Leute – optimal anpassten.279 Der vorangegangene Abschnitt über die institutionsgeschichtliche Entwicklung der studentischen Caritasgruppen macht deutlich, dass sich sowohl der Deutsche Caritasverband als auch die Studentengruppen in einem Dilemma befanden. Der DCVwollte entsprechend der Vorgabe des Zweiten Vatikanischen Konzils eine stärkereÖffnung gegenüber derÖkumenewie auch derGesellschaft insgesamt, und gleichermaßen eine Erneuerung der eigenen Arbeit. Deshalb war ihm das soziale Engagement der Jugend willkommen, mehr noch, er versuchte dieses Potenzial für sich zu nutzen. Auf der anderen Seite befürchtete die Verbandsspitze, dass der Glaubensaspekt karitativer Arbeit beim stark politisch motivierten Vorgehen der Studenten zu sehr in den Hintergrund treten würde.280 Darüber hinaus waren auch pragmatische Gründe für die vorsichtige Haltung des DCV gegenüber der Politisierung der studentischen Caritas ausschlaggebend. Die führenden Mitglieder des Verbandes hegten Bedenken, dass die Studenten bei ihren Verlautbarungen und Aktionen Positio- 278 Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (Hrsg.): Soziales Engagement, hier: S. 4; Schwendter: 25 Jahre AG SPAK, hier: S. 9; Brief der Bundesgeschäftsstelle der AG SPAK an den Generalsekretär des DCV, Paul Schmidle, vom 7.10.1971, ADCV, 349.2, Fasz. 1. 279 Ebd., hier: S. 9f. 280 Vgl. Gabriel: Von der Caritas zum sozial-caritativenHandeln, hier: S. 66f; Henkelmann: Der Dienst amNächsten in Gefahr, hier: S. 155. 5.3. Caritas in der Kritik: Beispiel für Veränderungsimpulse von innen 407 nen vertraten, die den Ansichten der Verbandsspitze widersprächen, sich vielleicht sogar gegen das Gesetz oder die Verfassung richteten. Die Caritas war nicht dazu bereit, dafür die alleinige Verantwortung zu übernehmen, was im schlimmsten Fall den Verlust von Privilegien und finanziellen Zuwendungen von Seiten des bundesdeutschen Sozialstaats bedeutet hätte. Deshalb bestand sie, allen voran der DCV- Geschäftsführer Paul Schmidle, auf einer Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk. Die sozialpolitisch engagierten Studierenden dagegen verstanden sich einerseits als ‚Sprachrohr der Problemminderheiten‘ und strebten eine Öffnung ihrer Gruppen für alle interessierten Personen an. Andererseits sahen sie, zumindest anfangs, im Gegensatz zu den meisten Vertretern der Außerparlamentarischen Opposition ihr Ziel nicht darin, das Gesellschaftssystem als Ganzes in Frage zu stellen. Vielmehr strebten sie strukturelleVeränderungen innerhalbder bestehendenGesellschaftsordnung an. Vor allem sahen sie sich weiterhin als Teil der Kirche – einer Kirche jedoch, die im Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil reformbedürftig war und die an die sich verändernde Lebenswelt der Gläubigen angepasst werden musste. Dennoch begrüßten es die führenden Mitglieder der studentischen Caritasgruppen, dass es der APO mit Hilfe ihrer Agitationen gelungen war, die Studierenden für gesellschaftliche Fragen zu interessieren. Dieses Potenzial kam den Sozialpolitischen Arbeitskreisen in Form steigender Mitgliederzahlen zugute. Mit der Zeit übernahmen sie jedoch auch die typischenAusdrucksweisen sowieAktions- undOrganisationsformen der APO, angefangen bei sprachlichen Provokationen über die Verteilung vonFlugblättern undEinrichtung vonArbeitskreisen bis hin zurVerwendung einer ähnlichen Terminologie. Damit einhergehend radikalisierten sie auch ihre Positionen. So ähnelte der 1970 verabschiedete ‚politischeMinimalkonsens‘ der AG SPAK nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich dem Duktus der Studentenbewegung. Die Verfasser verwendeten darin eine Reihe von Begriffen und Argumentationsmustern, die auch in politischen Pamphleten der APO dieser Zeit nicht fehlen durften. So vertrat die AG SPAKdie Auffassung, die Interessen des ‚Kapitals‘ stünden denjenigen der ‚Problemminderheiten‘ gegenüber. Deshalb solle die ‚kollektive Unterdrückung und Ausbeutung‘ mittels ‚Basisarbeit‘ und einer möglichst umfassendenpolitischenOrganisationder ‚unterprivilegierten Schichten‘ bekämpft werden. Selbst psychische Probleme wurden auf die sozio-ökonomischen Gegen- 408 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit sätze in der ‚spätkapitalistischen Gesellschaft‘ zurückgeführt.281 In Anlehnung an Jens Ivo Engels machte sich die AG SPAK damit den ‚politischen Verhaltensstil‘ der APO zu eigen. Dadurch veränderten sich aber auch die Ziele der studentischen Caritasgruppen; sie näherten sich den Forderungen der APO an.282 Ab circa 1973 einigten sich die verschiedenen Strömungen innerhalb der AG SPAK dann auf eine Art Formelkompromiss und orientierten sich in ihrer politischen Ausrichtung bis zum Ende des Jahrzehnts am Sozialistischen Büro.283 Am Beispiel des langwierigen Abspaltungsprozesses der studentischen Caritasgruppen vom Caritasverband lassen sich aber nicht nur die Gleichzeitigkeiten verschiedener Ansichten hinsichtlich des Umgangs mit den sogenannten ‚Randgruppen‘ der Gesellschaft in der katholischen Wohlfahrtspflege nachzeichnen. Es zeigt auch, wie die Caritas insgesamt versuchte, sich den Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils – Aggiornamento – zu eigen zu machen.284 Im Fall der studentischenCaritas schiendieAnpassungsfähigkeit des konfessionellenVerbandes an seine Grenzen gestoßen zu sein. Dennoch gab diese neue Caritas-Generation vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung Impulse für Veränderungen –Veränderungen, die trotz konservativemHabitus auch innerhalb der Caritas stattgefunden haben. Auch hier wurden Pluralismus und Partnerschaft zu wichtigen Werten bei der Arbeit mit Randgruppen. Sozialpolitisches Engagement fand dagegen weiterhin weniger öffentlich als hinter verschlossenen Türen statt. Nur so ist derWiderspruch zu erklären, dass unbeschadet tiefgreifender Veränderungen im religiös-kirchlichen Bereich der Einfluss der Kirchen im bundesdeutschen Wohlfahrtsstaat erhalten blieb. Mit denWorten Karl Gabriels repräsentierte dabei die Transformation vom ‚caritativen‘ zum ‚sozial-caritativen‘ Handeln sowohl eine Säkularisierung wie auch gleichzeitig eine neue Form religiöser Deutung des kirchlichen Handelns im Sozialsektor der deutschen Gesellschaft.285 281 Politischer Minimalkonsens der AG SPAK (Vertretertag der SPAK vom 6.-8.11.1970 in Rothenfels), ADCV, 594.51.065, Fasz. 1. 282 Vgl. Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 189, 191. 283 Schwendter: 25 Jahre AG SPAK, hier: S. 9. 284 Vgl. Gabriel: Zwischen Aufbruch und Absturz, hier: S. 532. 285 Ders.: VonderCaritas zum sozial-caritativenHandeln, hier: S. 66, 70f; siehe auchFrie:Katholizismus und Wohlfahrtsstaat, hier: S. 41; vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 260; Greschat: Protestantismus, hier: S. 544; Zur Bedeutung des Linkskatholizismus für die sozialen Bewegungen der 1960er/1970er Jahre siehe auch Horn: The Spirit of Vatican II. 5.4. Armutsvorstellungen und Generationswechsel 409 5.4. Armutsvorstellungen und Generationswechsel Ob sie nun den Begriff ‚Modernisierung‘, ‚Pluralisierung‘, ‚Liberalisierung‘ oder ‚Wertewandel‘ verwendet:286Die historische Forschung ist sichweitgehend einig dar- über, dass die bundesdeutscheGesellschaft in den 1960er Jahren in Bewegung geriet. Die Ereignisse um das Jahr 1968 stellten dabei nicht den zentralenWendepunkt dar, sondern zeigen sich im Rückblick als Höhepunkt und Katalysator einer Entwicklung, die sich bereits seit Ende der 1950er Jahre in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen anzubahnen begann.287 Als besonderes Verdienst kann der Generation der 68er hingegen zugeschrieben werden, die politisch-zivilgesellschaftliche Kultur der Bundesrepublik entscheidend verändert zu haben. Mit den Worten Ingrid Gilcher-Holteys trugen sie „zur Überwindung tradierter obrigkeitsstaatlich orientierter, autoritärer Verhaltensdispositionen bei, die in den 60er Jahren trotz veränderter politischer Institutionenordnung noch nachlebten“.288Dieser durch die 68er-BewegungbeförderteMentalitätswandel, der auch mit dem Begriff der ‚Politisierung‘ beschrieben werden kann, machte sich, wie das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, auch in Bezug auf das Thema Armut bemerkbar. So zeigte sich in den Debatten über die sogenannten ‚Randgruppen‘ eine Sensibilisierung der bundesdeutschenÖffentlichkeit für soziale Problemlagen.289 Die Angehörigen der Generation der ‚68er‘ setzten dabei häufig auf Provokation und inszenierten sich gerne als selbsternannteAufklärer einerGesellschaft, die strukturell bedingte Armut bis dahin tabuisiert habe.290 286 Siehe z.B. Schildt/Siegfried/Lammers: Einleitung, hier: S. 18f; Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, hier: v.a. S. 10; Rödder: Werte und Wertewandel, hier: S. 19; Herbert: Drei Generationen, hier: S. 107-109; vgl. Engels: Politischer Verhaltensstil, hier: S. 184-189; Hein: Die Westdeutschen und die Dritte Welt, S. 309. 287 Görtemaker: Geschichte der BRD, S. 475; Schildt: Vor der Revolte, hier: S. 11; siehe auch Köster: Holt die Kinder aus den Heimen, hier: S 680; Frese/Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels, hier: S. 15; vgl. Scheibe: Auf der Suche, hier: S. 264. 288 Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 127; vgl. Engels: Politischer Verhaltensstil. 289 Stang: Armut und Öffentlichkeit, hier: S. 580; vgl. Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 352. 290 Siehe z.B. Iben: Kinder am Rande der Gesellschaft, S. 9; Spoerl: Menschen dritter Klasse, S. 9; Interview mit Jürgen Roth vom 3.11.2011. Vgl. Schildt: Vor der Revolte, hier: S. 12f; Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 119. 410 5. Die Politisierung der Sozialen Arbeit Dieser Einfluss war auch innerhalb der sozialen Fachkreise zu spüren. Die eingangs beschriebene Auseinandersetzung auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1973 entzündete sich letztlich daran, dass die junge Generation von gut ausgebildeten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern ihre Arbeit stärker im Sinne einer politischen Einmischung verstandenwissenwollte, denn als humanitär oder karitativmotivierte Unterstützungsleistung, die ihrer Ansicht nach viel zu lange dazu gedient habe, ungerechte gesellschaftliche Strukturen aufrecht zu erhalten.291 In diesem Zusammenhang wurde die Methode der Gemeinwesenarbeit populär. Die Bewahrungsidee hingegen, von bereits in der Weimarer Republik aktiven Fürsorgegrößen nach jahrzehntelangem Vorlauf 1961 letztlich in Gesetzesform gebracht, verlor im Laufe der 1960er Jahre an Bedeutung, bevor sie das Bundesverfassungsgericht 1967 sogar ganz verbot.Darin zeichnete sich nicht nur eineAbwendung von armenpolzeilichen Traditionen ab, sondern auch,wie esCaritaspräsidentAlbert Stehlin 1967 formuliert hatte, das Ende ‚patriarchalischer Barmherzigkeit‘.292 Der mündige, nicht mehr der bloß funktionierende, den gesellschaftlichenMoralvorstellungen angepasste Bürger wurde zum erklärten Ziel der Sozialen Arbeit. In diesem Zusammenhang verschob sich auch die Schuldfrage: Die Zuweisung der Verantwortung für die Situation der sogenannten Randgruppen ging immer mehr von den Betroffenen selbst über zu den strukturellen Rahmenbedingungen und damit zu Staat, Politik und Gesellschaft. Das Beispiel der studentischen Caritasgruppen hat gezeigt, dass dieses Umdenken auch in das katholisch-konservative Milieu hineinwirkte, es aus diesem selbst heraus aber ebenfalls in spezifischer Weise beeinflusst wurde. Vor diesem Hintergrund muss auch die populäre These, das Thema Armut sei in der Bundesrepublik des ‚Wirtschaftswunders‘ verdrängt worden, modifiziert werden. Denn wie die vorangegangenen Kapitel gezeigt haben, wurde das Thema durchaus auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bearbeitet. Dabei wurde es allerdings weniger als Problem der Gesellschaftsordnung betrachtet, sondern vielmehr als Problem familiärer Strukturen und individuellen Verhaltens. Dazu, dass sich dies ab Ende der 1960er Jahre zu ändern begann, hat die junge, politisch interessierteGeneration der 68ermit ihremprovokanten, öffentlichwirksamen Auftreten einen wichtigen Beitrag geleistet. 291 Petersen: Gesamtbericht über den Deutschen Fürsorgetag 1973, S. 508. Vgl. Reden des Stuttgarter Bürgermeisters, der Sozialministerin Baden-Württembergs sowie von FrauMinister Dr. Focke: ebd., S. 3, 6, 9. 292 Dialog mit den Suchenden, in: Stuttgarter Zeitung Jg. 23 (11. Dez. 1967).

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References

Zusammenfassung

Armut und Wirtschaftswunder – auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Begriffe. Auch die zeitgenössisch häufig verwendete Selbstzuschreibung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) bestärkt die Annahme, dass sich zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik kaum jemand mit dem Thema Armut auseinandergesetzt hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Armutsverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft genau in dieser Zeit stark veränderte: Es wurde vielschichtiger, demokratischer, liberaler. Zugleich erfuhr der Sozialstaat in diesen beiden Dekaden einen Ausbau ungeahnten Ausmaßes.

An diesem Punkt setzt die Studie an. In ihrer umfangreichen Analyse konzentriert sich Meike Haunschild auf Expertendiskurse und nimmt am Beispiel von Caritas und Arbeiterwohlfahrt zentrale Debatten der Wohlfahrtspflege in den Blick. Geleitet von der Frage, wie und warum sich die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptierten und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierten Formen sozialer Ungleichheit verschob, arbeitet sie Veränderungen im vorherrschenden Armutsverständnis heraus und zeigt dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Leistungen auf.