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4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe in:

Meike Haunschild

"Elend im Wunderland", page 225 - 324

Armutsvorstellungen und Soziale Arbeit in der Bundesrepublik 1955-1975

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4067-6, ISBN online: 978-3-8288-6906-6, https://doi.org/10.5771/9783828869066-225

Tectum, Baden-Baden
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4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Spätestens seit Konrad Adenauers zweiter Regierungserklärung vom Oktober 1953 war das Vorhaben, für die Bundesrepublik einen umfassenden Sozialplan auszuarbeiten, zu einem der wichtigsten innenpolitischen Themen geworden.1 Gleicherma- ßen beherrschte diese unter dem Schlagwort ‚umfassende Sozialreform‘ zusammengefasste Idee die Fachwelt. Den Experten war bewusst, dass Fürsorge und Sozialpolitik nicht gleichzusetzen waren. Das Thema Fürsorge wurde jedoch immer im Zusammenhang mit Sozialpolitik insgesamt verhandelt. Die Sozialreformdebatte löste unter Fürsorgeexperten daher große Betriebsamkeit aus. So erschien in den folgenden Jahren eine ganze Reihe von Gutachten und Stellungnahmen zu dem Thema. Durch diese rege Publikationstätigkeit hofften die Experten, Einfluss zu nehmen auf die Gesamtkonzeption des Reformvorhabens. Aus demselben Grund konzentrierte der Deutsche Verein seinen Fürsorgetag von 1955 auf die Frage, welche Auswirkungen die Sozialreform auf den Bereich der Fürsorge haben sollte.2 Von einer Sozialreform erwartete sich die Fachwelt, ähnlich wie viele Politiker, nicht nur eine Neustrukturierung des unübersichtlich gewordenen Sozialsystems. Sie schien auch nötig, da sich die soziale Wirklichkeit seit Einführung der Sozialpolitik unter Otto von Bismarck stark gewandelt hatte. Als Folge der fortschreitenden Industrialisierung sei, so die zeitgenössische Deutung, die ‚industrielle Lebensform‘mit ihren abhängigen Beschäftigungsverhältnissen, aber auch der Einbindung des Einzelnen in staatlich organisierte soziale Sicherungssysteme zur Normalerscheinung geworden. Da diese Entwicklung nicht zurückgedreht werden könne – was allgemein anerkannt, in konservativen Kreisen aber durchaus bedauert wurde –, forderten die Fachleute von der Politik eine Art sozialpolitischen Leitfaden. Dieser 1 Siehe Kapitel 2. 2 Siehe z.B. Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76; Ludwig Preller: Weg und Ziel einer Sozialreform, in: SozFor 4.4 (1955), S. 82–88. 225 226 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe sollte das normativewie auch systematischeGrundgerüst bilden, auf das die gesamte Sozialgesetzgebung ausgerichtet werden sollte.3 Inhaltlich – und das war das grundlegendNeue an dieser Debatte – stimmten die Experten darin überein, dass die moderne Sozialpolitik nicht allein dazu diene, Not zu beseitigen. Sie sei vor allem dazu da, korrigierend einzuwirken auf die Spielregeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sozialpolitische Maßnahmen beträfen deshalb immer öfter die gesamte Bevölkerung. So konstatierte die Fachzeitschrift der Gesellschaft für sozialen Fortschritt 1956, das Zeitalter der Sozialpolitik als Klassenpolitik gehe zu Ende. Sozialpolitik sei Gesellschaftspolitik geworden.4 Vor allem die politisch an der SPD orientierte Fachwelt sah in einer so umfassendwahrgenommenen Sozialpolitikmit Blick aufGroßbritanniens Beveridge-Plan einen entscheidenden Schritt für die ‚soziale Befriedung‘ der Bevölkerung.5 Doch auch die konfessionelle Wohlfahrtspflege argumentierte in diese Richtung. Spannend ist dabei, dass einige ihrer Vertreter bereitsMitte der 1950er Jahre Bedürftigkeit mit dem Gedanken fehlender Teilhabemöglichkeiten in Zusammenhang brachten. Beispielsweise führte Franz Klein, der Leiter der Rechtsabteilung des DCV, 1956 aus, dass es die Aufgabe des sozialenRechtsstaates sei, die Gesellschaft so zu formen, dass jeder die Möglichkeit erhalte, an ihr teilzuhaben.6 Diese Beobachtung erstaunt aus zweierlei Gründen. Erstens wird die ‚Erfindung‘ des Prinzips der Chancengleichheit rückblickend häufig der Sozialdemokratie zugeschrieben.Hieran hat vermutlichWilly Brandts erste Regierungserklärungmit ihrer berühmten Formel ‚mehr Demokratie wagen‘ großen Anteil. Denn in dieser sprach sich Brandt vor allem in Bezug auf Bildung für mehr Chancengleichheit aus.7 3 Paul Collmer: Umriß der Sozialreform, in: BdW 102.1 (1955), S. 9–12; Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76. 4 Sozialpolitik in dieser Zeit, in: SozF 5.11/12 (1956), S. 225. 5 Deutscher Fürsorgetag 1955, in: NB 9.11 (1955), S. 170+179; Stand und Zukunft der Sozialreform. Die Vielfalt der Vorarbeiten und die Frage nach der gesellschaftlichen Gestaltungskraft. – Anregungen zu einer Zwischenbilanz undHinweise aufMöglichkeiten für ein gemeinsamesHandeln, in: SozFor 4.7/8 (1955), S. 149–150; Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 55-57. 6 Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76. Ganz ähnlich argumentierte beispielsweise auch der langjährige Geschäftsführer des Evangelisches Hilfswerks (später Diakonie) Paul Collmer, siehe: Paul Collmer: Umriß der Sozialreform, in: BdW 102.1 (1955), S. 9–12. 7 Bösl: Politiken der Normalisierung, S. 133, 145. Vgl. Borowsky: Sozialliberale Koalition. Tatsächlich bekam das Thema Teilhabe nach Brandts Regierungsantritt durch die sozialliberale ‚Gesellschaftspolitik‘ erstmals einen programmatisch-politischen Stellenwert. (Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 219, siehe auch 231) Darüber hinaus propagiertenWohlfahrtsexperten aus dem linken politischen 227 Zweitens scheint die (nichtkonfessionelle) Forschung unter demVerweis auf mittelalterliche Traditionen häufig pauschal davon auszugehen, dass die Kirchen und ihre zugehörigen Wohlfahrtsverbände Bedürftigen zwar helfen, den Status Quo letztlich aber bewahren wollten.8 Dahinter verbirgt sich vermutlich die Annahme, eine einmal geprägte Haltung der Kirchen sei nahezu unveränderlich und werde zugleich von allen Gläubigen mitgetragen. Die Einforderung von Teilhabechancen für alle Bürger von Seiten hochrangiger Mitglieder der konfessionellen Wohlfahrtspflege Mitte der 1950er Jahre zeigt jedoch, dass diese durchaus daran interessiert waren, die Ursachen für soziale Benachteiligung zu bekämpfen und nicht nur deren Symptome zu lindern. Allerdings sei einschränkend darauf hingewiesen, dass mit Chancengleichheit in erster Linie eine Chancengleichheit unter Männern gemeint war. Bezogen auf Frauen gingen die meisten Sozialexperten noch lange von einer ‚natürlichen Andersartigkeit‘ aus, der auch die Sozialpolitik Rechnung tragen solle. Dies war aber keine rein konservative Ansicht. Auch SPD-nahe Experten vertraten diese Meinung.9 Gleichermaßen einig waren sich die konfessionelle und die nicht-konfessionelle Wohlfahrtspflege darin, dass im Sozialstaat auch der Einzelne Verantwortung übernehmen müsse, und zwar sowohl für sich selbst als auch für die Gemeinschaft. Die Sozialleistungen sollten gleichzeitig so umfassend sein, dass es jedem möglich war, ein Leben in Würde zu führen. Die Fürsorgeexperten wollten hierzu ihren Teil beitragen und mit ihrer Arbeit nicht mehr nur die Rolle des Ausfallbürgen einnehmen, das bedeutet, nach rigider Bedarfsprüfung laufende Unterstützung auf minimalemNiveau gewähren. In ihren Augen zeichnete sich die moderne Fürsorge vielmehr dadurch aus, dass sie sich darumbemühte, jeden Einzelnen durch individuell angesetzte Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe zu befähigen.10Gleichzeitig stritten die Experten darum, wie groß der Einfluss des Staates auf das Leben des Einzelnen Spektrum bereits in den 1950er und 1960er Jahren vehement die Idee, dass der Sozialstaat jeder Bundesbürgerin und jedem Bundesbürger eine ‚Grundchance‘ auf eine Existenz in Gesundheit und Leistungsfähigkeit gewähren müsse. Siehe z.B. Ludwig Preller: Wie stehen soziale Sicherung und Fürsorge zueinander?, in: NB 9.6 (1955), S. 84–85; Ludwig Preller: Freiheit und Verantwortung in der sozialen Arbeit, in: NB 15.12 (1961), S. 178–181. 8 Vgl. Eichenhofer: Geschichte des Sozialstaats, S. 23. 9 Z.B. Irmgard Enderle: Zur sozialen Stellung der Frau, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6.1 (1955), S. 47–49, Die Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft. Das Frauenprogramm der SPD, in: NB 11.9 (1957), S. 139. Genauer siehe Kapitel 4.2.3. 10 Ludwig Preller: Wie stehen soziale Sicherung und Fürsorge zueinander?, in: NB 9.6 (1955), S. 84–85. Vgl. Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76; Paul 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe 228 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe werden dürfe. In Fortführung der Versorgungsstaatsdebatte11 forderten vor allem Caritas und Diakonie eine strikte Durchsetzung des Subsidiaritätsprinzips. Nachdem in Kapitel 2 der Schwerpunkt auf den politischen Diskussionen zur Sozialpolitik lag, widmet sich das nun folgende Kapitel den Debatten innerhalb der Fürsorgekreise. Ziel ist es, die hiermitschwingendenArmutsvorstellungen beziehungsweise Vorstellungen von Unterstützungsbedürftigkeit herauszuarbeiten. Vor allem für die 1960er Jahre lassen sich dabei deutliche Veränderungen beobachten: Generell schien sich die Definition von Unterstützungsbedürftigkeit auszuweiten. Insbesondere traten materielle Kriterien zugunsten immaterieller in den Hintergrund; die Ermöglichung von Teilhabe wurde, trotz verschiedener bewusster und unbewusster Widerstände, zum Leitprinzip der Sozialen Arbeit. Der folgende Abschnitt wird zunächst die beiden Grundprinzipien herausarbeiten, auf die sichdie Fachwelt inderDiskussionumdieNeuordnungder sozialenLeistungen einigte: die Ausrichtung der Unterstützungsleistungen auf die Familie und die Anerkennung des Vorrangs von privater Hilfe vor staatlicher. In einem zweiten Schritt geht es darum, die Auswirkungen der Vorstellung, Sozialleistungen dürften nicht nur auf die Abdeckung des minimalen Lebensbedarfs zielen, auf die Praxis der Sozialen Arbeit nachzuzeichnen. Dabei stand aufgrund der relativ erfolgreichen Instrumente derKriegsfolgenhilfe (beispielsweise Soforthilfegesetz, Lastenausgleich oder Kriegsbeschädigtenrenten) sowie der rückläufigen Arbeitslosenzahlen wieder die ‚klassische‘ Armutstrias12 im Zentrum der Aufmerksamkeit: Alte, Frauen, Kranke. Die Abschnitte 4.2.2 und 4.2.3 konzentrieren sich darauf, die Entwicklung der Hilfsmaßnahmen der Sozialen Arbeit exemplarisch für die ersten beiden Gruppen nachzuzeichen. Collmer: Umriß der Sozialreform, in: BdW 102.1 (1955), S. 9–12; Sozialpolitik in dieser Zeit, in: SozF 5.11/12 (1956), S. 225. 11 Vgl. Kapitel 2.2. 12 Vgl. Raphael: Armut zwischen Ausschluss und Solidarität, hier: S. 27f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 229 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 4.1.1. Die Familie als ‚Keimzelle‘ der Gesellschaft „Alles ist einig, daß eine Ausrichtung der gesamten sozialen Leistungen auf die Familie erforderlich sein wird [...].“13 So kündigte Hans Muthesius, der Vorsitzende des Deutschen Vereins und „Nestor der Deutschen Fürsorgearbeit“,14 das Programm des Deutschen Fürsorgetages 1955 an. Aufgeteilt in fünf Arbeitsgruppen, waren die Teilnehmenden dazu angehalten, sich mit der Konzeption von Teilaspekten der ‚umfassenden Sozialreform‘ zu beschäftigen. Die Fürsorgetage waren ein wichtiger Indikator für sozialpolitisch relevante Themen der Bundesrepublik.15 Auch von Seiten der Politik genoss die im zweijährigen Turnus durchgeführte Veranstaltung des Deutschen Vereins große Anerkennung. 1955 hielten beispielsweise der Bundespräsident wie auch der Bundesinnenminister Ansprachen, die jeweils nicht nur die Arbeit des Deutschen Vereins anlässlich seines 75-jährigen Bestehens würdigten, sondern auch inhaltlich zur Tagung beitrugen.16 Bereits auf dem vorausgegangenen Fürsorgetag von 1953 hatte sich die Fachwelt damit befasst, wie die Wohlfahrtspflege zur Stärkung der Familie beitragen könne. Der damals renommierte Soziologe Helmut Schelsky war dort als Hauptreferent aufgetreten.17 SeinerMeinung nach hatten die Kriegs- und Krisenjahre gezeigt, dass die Familie weiterhin die wichtigste soziale Institution sei, trotz ihres Funktionsverlustes als Produktionsgemeinschaft seit der Industrialisierung und obwohl sie aufgrund der Etablierung des Sozialstaates nicht mehr der einzige Garant sozialer 13 Muthesius: Fürsorge und Sozialreform. Der unabhängige Rat zur Vorbereitung der Sozialreform, hier: S. 62. 14 Der 1885 geborene Jurist beteiligte sich ab 1946 am Wiederaufbau des Deutschen Vereins. Ab 1948 gehörte er dem Vorstand an und wurde 1950 zu dessen Vorsitzenden gewählt. Persönliches. Muthesius 75 Jahre alt, in: BdW 107.12 (1960), S. 407. In den 1950er Jahren stieg er zum führenden Fürsorgepolitiker in der Ära Adenauer auf. Willing: Der Deutsche Verein, hier: S. 163. 15 Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 124. 16 KommentareundBerichte.Deutscher Fürsorgetag 1955 inFrankfurt, in:BdW102.9 (1955), S. 361–365; Deutscher Fürsorgetag 1955, in:NB9.11 (1955), S. 170+179;Deutscher Fürsorgetag 1955, in: SozFor 4.10 (1955), S. 224–227. 17 Willing: Der Deutsche Verein, hier: S. 159. 230 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Sicherheit war. Teilweise sei sie durch das Chaos der Nachkriegszeit zwar negativ beeinflusst worden, wie die steigenden Scheidungsraten deutlichmachten. Vielfach sei der familiäre Zusammenhalt jedoch die einzige stabile Größe in den Zeiten der Krise gewesen; er habe damit den schnellenWiederaufbau derwestdeutschenGesellschaft ermöglicht.18 Noch Mitte der 1950er Jahre schien das Leben in einer Haushaltsgemeinschaft auch im städtischen Bereich viele Menschen mit niedrigem Einkommen vor Armut zu bewahren. Die Familie als Wirtschaftsgemeinschaft hatte also immer noch große Bedeutung.19Nicht immerwar das allerdings Ausdruck von Freiwilligkeit. Dass sich der Familienverband noch in den späten 1950er Jahren als „Stütze in wirtschaftlicher und gesundheitlicher Not“20 zeigte, kann auch als Ergebnis behördlich geschürter Zwänge gedeutet werden. Denn die Fürsorgeämter erwarteten vonHaushalten mit erwerbsfähigen Personen zunächst, dass mindestens eine Person einer Erwerbstätigkeit nachging und die anderen Haushaltsmitglieder mit ihrem Einkommen mitversorgte. Erst wenn dies nicht möglich war, gewährten sie Unterstützung. Grundsätzlich gilt dieses Prinzip zwar auch heute noch, dochwaren die Vorschriften damals restriktiver und die behördlichen Spielräume weit größer. So war es bis zur Verabschiedung des BSHG im Jahr 1961 nicht ungewöhnlich, dass selbst Bruder und Schwester, Schwager und Schwägerin oder Schwiegersohn und Schwiegereltern füreinander aufkommen mussten, sofern sie in einem gemeinsamen Haushalt lebten. Die Rechtsprechung hatte hierfür den Grundsatz der ‚Familiennotgemeinschaft‘ entwickelt. Unter Berufung darauf, dass ein Großteil der Bevölkerung die ‚sittliche Unterhaltspflicht‘ weiterhin anerkannte, räumte selbst noch das BSHG in § 16 die Möglichkeit ein, nahe Verwandte, die in einem gemeinsamen Haushalt lebten, zur gegenseitigen finanziellen Unterstützung zu verpflichten. Inwiefern von dieser Möglichkeit in der Praxis Gebrauch gemacht wurde, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden.21 18 Moeller: Geschützte Mütter, S. 189; Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 51. Siehe z.B. auch Gebhard Müller: Soziale Sicherheit in einer demokratischen Gesellschaft, in: Caritas 62.7 (1961), S. 269–285. 19 Ferdinand Fried:DieReichenwerden ärmer – dieArmenwerden reicher.Die sozialeUmschichtung in Deutschland – Alles wächst in ein neues Bürgertum hinein – Der Mittelstand tritt heute als stärkster Block auf, in: Sonntagsblatt Oktober 1956, S. 10–11. 20 Fürsorgestatistik unter demMikroskop, in: Der Städtetag 11.2 (1958), S. 68–69. 21 Siehe z.B. Elisabeth Schwarzhaupt: Familienrecht undWohlfahrtspflege, in: BdW 103.2 (1957), S. 42– 44; Arnold Weller: Die Altenhilfe und das Bundessozialhilfegesetz, in: BdW 1961, S. 264–267; Felix 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 231 Es gab aber auch andere Einschätzungen zur Stabilität der Institution Familie. Die beiden Journalisten Ilse Elsner und Rüdiger Proske führten 1953 im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks eine Untersuchung zur Armut inWestdeutschland durch. IhrErgebnisbericht erschiennoch im selben Jahr indenFrankfurterHeften.22 Darin vertraten sie im Gegensatz zu Schelsky die Meinung, dass der Krieg sowie die Neigung der jungen Leute, sich so bald wie möglich von der älteren Generation zu trennen, zu einer Auflösung vieler Familien geführt hätten. Als Beleg verwiesen sie darauf, dass die Zahl der Einpersonenhaushalte sich seit 1939 nahzu verdoppelt habe. Daher, so schlussfolgerten die beiden Journalisten, sei auch die Armut gestiegen. Denn auch Elsner und Proske gingen davon aus, dass in erster Linie das Haushaltseinkommen darüber bestimmte, wieviel ein Mensch zum Leben hatte, nicht seine persönlichen Einkünfte. Wie zwei Jahre später Hans Muthesius kamen die beiden daher zu dem Schluss, dass in den Mittelpunkt jeglicher Sozialpolitik die Familie gestellt werden müsse.23 Zu Beginn der 1950er Jahre stimmten Politik undÖffentlichkeit weitgehend darin überein, dass die Ereignisse der jüngstenVergangenheit die Familien besonders belastet hätten. Der Staat wurde daher in der Pflicht gesehen, diesen besondere Unterstützung zukommen zu lassen.24 Eine ähnliche Entwicklung hatte sich bereits nach dem ErstenWeltkrieg abgezeichnet.25 Nach demZweitenWeltkrieg sahen einflussreiche Sozialexperten wie Gerhard Mackenroth oder Hans Achinger aber nun ein Problem darin, dass der deutsche Sozialstaat traditionell auf die Lösung der Arbeiterfrage ausgerichtet worden war. In ihren Augen war nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsklasse entscheidend für die soziale Stellung des einzelnen Bürgers, sondern ‚Schicksalslagen‘.26 Mayer: Schutz der Familie in der Sozialhilfe, in: BdW 111.4/5 (1964), S. 133–138. Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 137. 22 Münke: Armut in der heutigen Gesellschaft, S. 33. 23 Ilse Elsner/Rüdiger Proske: Der fünfte Stand. Eine Untersuchung über die Armut in Westdeutschland, in: Frankfurter Hefte 8.2 (1953), S. 101–111. Siehe auch: Niehuss: Kontinuität undWandel, hier: S. 316f, vgl. 322f. 24 Moeller: Geschützte Mütter, S. 181. 25 Ausführlich dargestellt bei Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation. 26 Richard Becker: Das Gesellschaftsbild des Arbeiters, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6.7 (1955), S. 449–450. Vgl. Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 364. 232 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Eine solche ‚Schicksalslage‘, von der eine breite Bevölkerungsschicht betroffen schien, war die soziale Deklassierung durch Kinderreichtum. Denn, wie Elsner und Proske in ihrer bereits erwähnten Studie feststellten: „Jüngere Kinder tragen heute nicht mehr zum Familieneinkommen bei, sondern belasten es. Es entsteht so eine Beziehung zwischen der Kinderzahl und der Armut.“27 Andere argumentierten, dass Kinder nunmehr deshalb als reinerKostenfaktorwahrgenommen würden, da die Familie anders als noch im 19. Jahrhundert keinen ‚geschlossenen Sorgenverband‘ mehr bildete. Kinder übernähmen nicht mehr automatisch die Versorgung ihrer alt oder gebrechlich gewordenen Eltern. Deshalb hätten sie die Bedeutung einer natürlichen Kapitalanlage für die jeweilige Familie verloren.28 Den gegenüber der Politik geäußertenWunsch nach einem klaren Bekenntnis zu einem gesellschaftlichen Leitbild29 beantworteten die Wohlfahrtsexperten dementsprechend selbst: Die wichtigste Antwort auf die Frage, was die Grundlage des Sozialstaats bilden sollte, war ihrer Ansicht nach: die Familie. Sie erwarteten, dass demEinzelnen durch die Einbindung in eine Familie auch dieMöglichkeit zur gesellschaftlichenTeilhabe offen stand. ImUmkehrschluss richteten sie ihreArbeit darauf aus, ‚zerrüttete‘ oder ‚unvollständige‘ Familienstrukturen wiederherzustellen oder hier erkannte Defizite durch unterstützendeMaßnahmen auszugleichen. Durch die Sicherung der Familie, so die gängige Annahme, erübrige sich notwendigerweise auch der Anspruch auf soziale Sicherheit gegenüber dem Staat.30 Die Familie als Unterhaltsverband sollte zumDreh- und Angelpunkt der Sozialpolitik werden.31 Nachdem die Regierung durch Instrumentewie das Soforthilfegesetz oder den Lastenausgleich versucht hatte, ihrer Verantwortung gegenüber den Kriegsopfern 27 Ilse Elsner/Rüdiger Proske: Der fünfte Stand. Eine Untersuchung über die Armut in Westdeutschland, in: Frankfurter Hefte 8.2 (1953), S. 101–111. 28 Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 29 Siehe z.B. Hans Muthesius: Sozialreform 1956?, in: NDV 36.2 (1956), S. 37. Vgl. Matthes: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 26-28. 30 FriedrichRothe: Der Anspruch der Jugend auf soziale Sicherheit in einer künftigen Sozialreform, in: BdW 102.11 (1956), S. 354–362. Vgl. Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 120ff. 31 Kuller: Familienpolitik, S. 8; vgl. Moeller: Geschützte Mütter, S. 179, 181, 338. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 233 gerecht zu werden, rückten die Wohlfahrtsexperten also vor allem familiäre Schwierigkeiten ins Blickfeld der Sozialpolitik. Während sich die öffentliche Hand, das heißt Bundes- und Landesregierungen ebenso wie Kommunen, um die Behebung der Wohnungsnot sowie die finanziellen Probleme kümmern sollte,32 mit denen viele Familien zu kämpfen hatten, wollten sich die freien Verbände auf den Ausbau von Betreuungs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten konzentrieren. Das Instrument der ‚Hauspflege‘ sollte dabei einen Eckpfeiler der Familienfürsorge bilden. Denn mit Hauspflege war nicht nur die Unterstützung und Pflege alter Menschen in ihrer häuslichen Umgebung gemeint. Vor allem sollten (ausnahmslos weibliche) Hauspflegerinnen in einem zeitlich begrenztenRahmen dieAufgaben vonMüttern übernehmen, wenn letztere krank oder erholungsbedürftig waren. Durch die Festsetzung von Ausbildungsstandards und rechtlichen sowie finanziellen Regelungen sollte die Hauspflege zukünftig systematischer und professioneller erfolgen.33 Auf dem Fürsorgetag 1955 wurden derartige Fragen in den Arbeitsgruppen erörtert. Die Meinungen gingen aufgrund der Vielfalt der Teilnehmer, die aus Bundesund Landespolitik, Verwaltung,Wissenschaft undWohlfahrtspflege stammten, teilweise weit auseinander. Letztlich gelang es jedoch jeder der fünf Arbeitsgruppen, sich auf ein gemeinsames Resultat zu einigen.34 Als Ergebnis stellten die Experten verschiedene Forderungen auf, allen voran die Einführung eines gerechten Lohnsystems und eines umfassenden Familienlastenausgleichs. Dies waren ihrer Ansicht nach die wichtigsten Voraussetzungen für die Sozialreform, da erst danach ein für alle gleiches soziales Sicherungssystem aufgebaut werden könne.35 Die Bezeichnung ‚Familienlastenausgleich‘ etablierte sich in den 1950er Jahren als eine Art Sammelbegriff für alle sozialpolitischenMaßnahmen, die denMehraufwand ausgleichen sollten, der den Familien für den Unterhalt und die Ausbildung der Kinder entstand. Darunter fielen imKern das Kindergeld und der Kinderfreibetrag. Für viele Sozialexperten gehörten hierzu aber auch andere familienpolitische Förderprogramme, zum Beispiel spezielle Wohnungsbauprogramme. Der Begriff 32 Siehe z.B. Kommentare und Berichte. Deutscher Fürsorgetag 1955 in Frankfurt, in: BdW 102.9 (1955), S. 361–365; Erdmuthe Falkenberg: Die Stärkung der Familie als Aufgabe der sozialen Hilfe, in: NB 10.1 (1956), S. 3–5. 33 Deutscher Fürsorgetag 1955, in: SozFor 4.10 (1955), S. 224–227. Ausführlicher dazu siehe 4.2.3. 34 Deutscher Fürsorgetag 1955, in: SozFor 4.10 (1955), S. 224–227. 35 KommentareundBerichte.Deutscher Fürsorgetag 1955 inFrankfurt, in:BdW102.9 (1955), S. 361–365; Ergebnisse der Arbeitsgruppen des Deutschen Fürsorgetages, in: NDV 1955, S. 349–353. Vgl. Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 234 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe war vermutlich in Anlehnung an das 1951 erlassene Lastenausgleichsgesetz entstanden, das Bundesbürgerinnen und -bürger, denen nach Krieg undWährungsschnitt größeres Vermögen verbliebenwar, zur Zahlung einer Abgabe auf ihrenVermögenswert verpflichtete. Aus den sogenannten Lastenausgleichkassen erhielten wiederum diejenigen, die infolge des Zweiten Weltkriegs und seiner Nachwirkungen Vermögensschäden oder besondere Nachteile erlitten hatten, eine finanzielle Entschädigung.36 Analog sollte nun auch ein ‚Lastenausgleich‘ zwischen Kinderlosen und Kinderreichen geschaffen werden. Denn, um die Argumentation des Soziologen Gerhard Mackenroth aufzunehmen: Kinder dienten seit der Industrialisierung nicht mehr automatisch der sozialen Absicherung der Eltern. Für die Gesellschaft seien sie dagegen vongroßerBedeutung. Schließlichwürden sie als zukünftigeArbeitskräfte indie sozialen Sicherungssysteme einzahlen. Dies komme allen Bundesbürgerinnen und bürgern zugute, auch denjenigen, die keine Kinder hatten. Deshalb sollten sich die Kinderlosen an den finanziellen Belastungen beteiligen, die Eltern zu tragen hatten. Die Umverteilung sollte nicht mehr in erster Linie zwischen den verschiedenen Gesellschaftsklassen erfolgen, sondern von den Kinderlosen zu den Familien mit Kindern.37 Dahinter verbarg sich die Auffassung, dass durch den sogenannten Familienlastenausgleich nicht nur eine gerechtere Sozialordnung geschaffen würde, sondern auch eine stabilere. Vor allem katholisch-konservative Kreise betonten, die Familie sei die natürliche Keimzelle der Gesellschaft. Der Schutz der traditionellen Familie sei daher eineArtNaturrecht. IhrerAnsicht nach konnte eineGesellschaft nur dann überleben, wenn sie die besondere Bedeutung der Familie anerkannte. Deshalb war der Familienlastenausgleich auch eines der Kernanliegen des Nachkriegskatholizismus.38 Folgerichtig einigten sich die Teilnehmer des Fürsorgetages auf die Forderung, dass auch Sozialleistungsempfänger das 1954 eingeführte Kindergeld in vollem Umfang erhalten sollten–Sozialrentner gleichermaßenwieEmpfänger vonWitwengeld 36 Vgl. Wiegand: Der Lastenausgleich, S. 146f. Siehe auch Kapitel 3.2.3. 37 Moeller: Geschützte Mütter, S. 193f; Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 55; Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326; Erdmuthe Falkenberg: Die Stärkung der Familie als Aufgabe der sozialen Hilfe, in: NB 10.1 (1956), S. 3–5. Vgl. auch Denkschrift des Bundesministeriums für Familien- und Jugendfragen zur wirtschaftlichen Situation der Familien in der Bundesrepublik von 1959, ACDP, 1-221 018. 38 Vgl. Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 128; Stegmann/Langhorst: Geschichte der sozialen Ideen, hier: S. 800f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 235 oder Fürsorgeleistungen. Denn das Kindergeld habe eine andere Funktion als die Kinderzulagen zu den Sozialleistungen, nämlich ebenjene, die gesamte Gesellschaft an den Kosten für die Kindererziehung zu beteiligen. Darüber hinaus könne dies auch als Maßnahme dienen, zukünftiger Hilfsbedürftigkeit vorzubeugen. Denn: „Erst die materielle Sicherung der Lebensgrundlagen macht es der Familie möglich, ihre primäre Aufgabe der Erziehung besser zu erfüllen.“39 Eine gute Erziehung war wiederum die Voraussetzung dafür, dass sich die Kinder zu eigenständigen und verantwortungsvollen Persönlichkeiten entwickelten und ohne Hilfe ihr Leben zu meistern imstande waren. Deshalb sollten die Familien zur Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe neben materiellen Hilfen auch Unterstützung durch staatlich geförderte und von den freien Wohlfahrtsverbänden betriebene Erziehungsberatungsstellen und Elternbildungswerke erhalten. Bewerkenswert ist hier vor allem der Begriff ‚Elternbildungswerke‘. Denn bis dahin lag der Fokus dieser Bildungsarbeit auf den Müttern. Erst als gegen Mitte der 1960er Jahre verschiedene gesellschaftliche Kräfte das traditionelle Familienideal in Frage zu stellen begannen, wandelte die Wohlfahrtspflege ‚altehrwürdige‘ Mütterschulen nach und nach in Familienbildungszentren um.40 Vermutlich war für diese zukunftsweisende Formulierung auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1955 Lotte Lemke verantwortlich. Die AWO-Geschäftsführerin hatte die entsprechende Arbeitsgruppe geleitet, und die Arbeiterwohlfahrt war nach eigenen Angaben Vorreiter in diesem Bereich.41 Ein Sitzungsprotokoll ihres Hauptausschusses von 1956 bestätigt diese Ansicht. Darin sprach sich die AWO-Spitze dafür aus, zukünftig mit einem familienpädagogischen Ansatz zu arbeiten und dementsprechend Mütterschulungen in Elternschulungen umzuwandeln.42 Als weitere direkte Maßnahme zur Prävention familiärer Hilfsbedürftigkeit forderten die Teilnehmer des Fürsorgetages die öffentliche Hand dazu auf, intensiver gegen die Wohnungsnot vorzugehen und insbesondere den Bau größerer, familiengerechter Wohnungen zu fördern. Erst auf dieser Grundlage könne sich die gleiche Sicherung der Lebensrisiken für alle aufbauen lassen. Unter diesem Blickwinkel 39 Deutscher Fürsorgetag 1955, in: NB 9.11 (1955), S. 170+179. 40 Kuller: Familienpolitik, S. 4. 41 Interview mit Heinz Niedrig vom 9.10.2012. 42 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 20.11.1956 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 236 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe erscheint die Formulierung ‚Sicherung der Lebensrisiken‘ als ein verklausuliertes Synonym für Maßnahmen zur Armutsprävention. Denn unter dem Begriff ‚Lebensrisiken‘ wurde zeitgenössisch die Gefahr des sozialen Abstiegs und letztlich der Verarmung im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter zusammengefasst. Weitere Ergebnisse derArbeitsgruppen zielten indirekt auf die Stärkung der Familie, darunter die Forderung nach einer verbessertenGesundheitsfürsorge fürMütter, Kinder und Jugendliche, die nach Ansicht von Vertretern der Arbeiterwohlfahrt auch Erholungsurlaub beinhalten sollte. Auch forderten dieDiskussionsteilnehmer, dass an bedürftigeMütter mit Kleinkindern Beihilfen gezahlt sowie für diese HeimundTeilzeitarbeitsplätze geschaffenwerden sollten, umdie „bedeutungsvolleMutter- Kind-Beziehung“ nicht durch außerhäusliche Erwerbstätigkeit zu gefährden. Für Schulkinder aus ‚gestörten‘ und ‚unvollständigen‘ Familien drängten die Experten dagegen darauf, vermehrt Horte einzurichten, um sie dort sozialpädagogisch zu betreuen.Dies sei erforderlich, umallenKindernund Jugendlichendie gleicheChance auf eine freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu ermöglichen. Allerdings galt die Devise, dass sich Staat und Gesellschaft nur dann einschalten sollten, wenn ein individuelles, familiäres oder gesellschaftliches Defizit bestünde.43 Die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen des Deutschen Fürsorgetages von 1955 verdeutlichen die starke Fokussierung der Fachwelt auf den Erhalt und die Stärkung der Institution Familie. Die Idee, soziale Unterstützungsmaßnahmen in erster Linie auf die Funktionsfähigkeit der Familie auszurichten, scheint Mitte der 1950er Jahre allgemeiner Konsens gewesen zu sein.44 Bezogen auf das Familienverständnis konkurrierten allerdings verschiedene Auffassungen miteinander, die aus heutiger Sicht vermutlich alle unter dem einheitlichen Etikett ‚konservativ‘ zusammengefasst werden würden. Denn sie alle gingen davon aus, dass der gemeinsameHaushalt von Vater, Mutter und leiblichen Kindern den Kern der Familie bildete. Über diese gemeinsameNormsetzung hinaus verweisen die untersuchtenQuellen jedoch auf drei klar unterscheidbare Auffassungen: das bürgerliche Familienmodell, das katholischnaturrechtlich geprägte Familienverständnis und die Vorstellung von der Familie als wandelbarer sozialer Institution.45 43 KommentareundBerichte.Deutscher Fürsorgetag 1955 inFrankfurt, in:BdW102.9 (1955), S. 361–365; Deutscher Fürsorgetag 1955, in: SozFor 4.10 (1955), S. 224–227; Erdmuthe Falkenberg: Die Stärkung der Familie als Aufgabe der sozialen Hilfe, in: NB 10.1 (1956), S. 3–5. 44 Vgl. Kuller: Familienpolitik, S. 16. 45 Vgl. Oelkers: Familialismus, S. 142f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 237 Den größten Einfluss auf die sozialpolitische Diskussion hatte das bürgerliche Familienmodell. Dessen Ursprünge reichen in das späte 18. Jahrhundert zurück. Damals hatte imwohlhabendenundgebildetenBürgertumdieTrennungvonFamilienund Erwerbsleben eingesetzt. Das Familienleben wurde zur Privatsache und erfuhr zugleich eine emotionale Aufladung. Die Frau war für den häuslichen Bereich und die Kindererziehung zuständig, derMann für die Erwerbsarbeit und das öffentliche Leben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verfestigte sich die bürgerliche Familie zur Sozialnorm, wenngleich sie tatsächlich nur von einer schmalen gesellschaftlichen Gruppe praktiziert wurde. Dennoch galt sie auch für Angehörige anderer Gesellschaftsschichten als erstrebenswert.46 An der Entstehung des bürgerlichen Familienbegriffs hatte laut Rebecca Heinemann die katholische Kirche großen Anteil. Diese fasste die Familie als integralen Bestandteil ihrer Lehre auf. In wesentlichen Punkten ähnelte die katholische der bürgerlichen Familienauffassung. Vor allem sollte nach beiden Vorstellungen verhindert werden, dass der Staat zu großen Einfluss auf das Familienleben bekam. Anhänger des bürgerlichen Familienmodells begründeten dies mit dem Prinzip der Privatautonomie. Die katholische Lehre zog diese Folgerung hingegen aus dem von ihr angenommenen ‚Naturrecht‘.47 Denn das katholische Familienverständnis gründete auf der Vorstellung, das Zusammenleben in traditionellenFamilienstrukturen seiTeil der gottgewollten, universal gültigen natürlichen Ordnung. Die Familie war damit nicht nur eine moralische, sondern auch eine sakramentale Sinneinheit. Sie galt als ‚Keimzelle‘ der Gesellschaft undwar damit selbstverständlich gegen willkürliche staatliche Eingriffe zu schützen. Mehr noch: Katholische Sozialtheoretiker vertraten die Ansicht, dass der Staat sich selbst schädige, wenn er die Familie in ihrem Eigensinn und ihrer Eigenständigkeit nicht anerkenne und fördere. Die Rückbesinnung auf ‚traditionelle‘ Familienstrukturen galt ihnen als bester Schutz gegen die Anfälligkeit der Menschen für die Totalitarismen ihrer Zeit.48 In den 1950er Jahrenhatte nicht nur das bürgerliche, sondern auchdas katholische Familienverständnis großen Einfluss auf die Diskussion um die Ausgestaltung der 46 Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 14f; siehe auch: Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 35, 37. 47 Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 115; siehe auch: Kuller: Familienpolitik, S. 17. 48 Jostock:Grundzüge der Soziallehre undder Sozialreform, S. 34-36; Pope:AlfredDelp, S. 78, 82. Siehe auch: Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 110ff, 119. 238 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe bundesdeutschen Sozialpolitik. Denn nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes hatte die katholische Kirche hohe Glaubwürdigkeit erlangt und denMenschen Orientierung geboten.49 In den Debatten zeigte sich aber auch: Trotz aller Ähnlichkeit gab es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem katholischen und dem bürgerlichen Modell. Im katholischen Verständnis spielte noch bis weit in die 1950er Jahre die Idee der Mehrgenerationenfamilie als geschlossener Sorgenverband eine wichtige Rolle. Das bedeutete, die Familie sollte nicht nur Konsum-, sondern auch Produktionsgemeinschaft sein. Fiel ein Mitglied aus, etwa alters- oder krankheitsbedingt, übernahmen die anderen selbstverständlich dessen Fürsorge.50 Damit einher gingen wirtschaftspolitische Forderungen, die auf Elemente einer vorindustriellen Arbeitsverfassung zurückgriffen, beispielsweise die Betonung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers oder die Favorisierung des selbständigen Mittelstandes.51 Der Vorschlag des ersten Bundesfamilienministers, JosefWuermeling, das Kindergeld über betriebsgenossenschaftliche Familienkassen zu organisieren, schien beispielsweise diesen vormodernen Vorstellungen zu entspringen, verwies er dabei doch selbst auf das ‚ständische Solidaritätsgefühl‘.52Nicht zu unterschätzen ist auch, dass in diesem Modell ein Beitrag der Frau zum Erwerbseinkommen durchaus erwünscht war. Allerdings sollte diese Arbeit möglichst nicht außerhäuslich beziehungsweise außerhalb des familieneigenen Betriebes ausgeübt werden, damit die Frauen Haushalt und Kinder nicht vernachlässigten. ImGegensatz zu diesen Ideen aus demUmfeld des Sozialkatholizismus betonten Vertreter der evangelischen Sozialethik stärker das Individuum. Ehe und Familie betrachteten sie zwar als wichtige Grundsteine menschlichen Zusammenlebens, deren Gestalt und Ordnung war ihrer Ansicht nach aber nicht von Gott bestimmt. Wichtig war ihnen vor allem eine bruderschaftliche, gleichberechtigte Ordnung, welche die Würde des Einzelnen gewährte.53 49 Vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 37, 51, 267f; Kuller: Familienpolitik, S. 337; Hockerts: Sozialpolitische Entscheidungen, S. 283f. 50 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 35. 51 Siehe z.B. Jostock: Grundzüge der Soziallehre und der Sozialreform, S. 175f; Vgl. Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 61. 52 Das „ständische Solidaritätsgefühl“. Familienminister Wuermeling macht Politik mit Kindergeld, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 7.35 (1956); Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 53 Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 139f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 239 Ähnlich kann auch das Familienverständnis der SPD beschrieben werden. Sozialdemokraten sahen die Familie als wichtige, vielleicht sogar die wichtigste, aber an gesellschaftliche und wirtschaftliche Gegebenheiten anpassbare und anpassungsbedürftige soziale Institution an. Sie gingen imGegensatz zu katholisch-konservativen Kreisen also von den genau umgekehrten Voraussetzungen aus: Ihr Ziel war es gerade nicht, Staat und Gesellschaft durch die Reetablierung vermeintlich ‚traditioneller‘ Familienstrukturen zu stabilisieren. Sie wollten die Familienstrukturen vielmehr so verändern, dass diese dem gegenwärtigen politischen System entsprachen und damit zur Verwirklichung einer demokratischen Gesellschaftsordnung beitrugen. Insbesondere setzten sie sich für die Emanzipation der Frau ein. Ebenfalls wollten sie die Kindererziehung stärker als gesellschaftliche Aufgabe begriffen wissen.54 Obwohl auch in sozialdemokratischen Kreisen die Meinung vorherrschte, dass die Familie als ‚natürliche Gemeinschaft‘ die Grundlage der Gesellschaft bildete und Frauen für Haushalt und Kindererziehung verantwortlich seien,55 sahen sich SPD und AWO immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, familienfeindlich zu sein. Denn anders als die Christdemokratendie traten die Sozialdemokraten in ihrem 1957 veröffentlichten Frauenprogramm nicht nur für die politische und wirtschaftliche Gleichstellungder Frau ein, sondern ausdrücklich auch für die rechtliche und soziale. Im Familienrecht beispielsweise wollten sie der Frau, sowohl in der Ehe demMann gegenüber, wie auch alsMutter demVater ihrerKinder gegenüber, dieselbenRechte zugestehen. Denn ein Staat, so die Argumentation, könne nur dann freiheitlich und demokratisch sein, wenn jeder seiner Bürger die gleichen Rechte habe.56 Dar- über hinaus war es ihr Ziel, dass die Gesellschaft größeres Verständnis für Frauen aufbrachte, die diesen bürgerlichen Normen nicht entsprachen.57 Aus diesen unterschiedlichen Familienverständnissen resultierten die bereits skizzierten Ergebnisse des Fürsorgetags von 1955, die zwischen fortschrittlichen und konservativen Ideen changierten. 54 Vgl. für die Weimarer Republik Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 133- 149. 55 Siehe z.B. AW-Sozialpädagogentreffen in Iserlohn vom 4. bis 7. Oktober 1956, in: NB 10.11 (1956), S. 170–172; Vortragsmanuskript Ernst Schellenbergs zum Thema „Aufgaben der sozialdemokratischen Politik“ von 1965, AdsD, Nachlass Ernst Schellenberg, Signatur 2. 56 Osterroth/Schuster: Nach dem Zweiten Weltkrieg, Stichtag: 15.Juni 1957 (library.fes.de/ fulltext/bibliothek/chronik/spdc_band3.html, Stand: 24.05.2018). 57 Die Frau in Familie, Beruf undGesellschaft. Das Frauenprogrammder SPD, in:NB 11.9 (1957), S. 139; Pressenotiz des SPD Frauenbüros Nr. 8/57 vom 6.11.1957, AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 329; Heinemann: Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 17, 148. 240 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Der Versuch einerReetablierung traditioneller Familienstrukturendarf darüber hinaus nicht nur als restaurativer Akt von oben betrachtet werden. Auch große Teile der Bevölkerung begrüßten dieses Vorhaben. Nachdem in der Kriegs- und Nachkriegszeit viele Frauen Funktionen ausgefüllt hatten beziehungsweise hatten ausfüllenmüssen, die vormalsMännern vorbehalten gewesenwaren, versuchten viele Familien in der Bundesrepublikwieder an das Ideal derHausfrauenehe anzuknüpfen. Frauen wie Männer deuteten das Modell, in dem ausschließlich der Mann für den Broterwerb zuständig war, als Ausdruck vonWohlstand. Hinzu kam, dass sich viele Bundesbürger undBundesbürgerinnen nach jahrelangemSoldaten- und Strohwitwentum, Kriegsgefangenschaft und Trennung durch Evakuierung oder Flucht und einem Leben in überfüllten Wohnungen oder Massenlagern danach sehnten, ein ruhiges, zurückgezogenes Familienleben zu führen.58 Zwar begann diese Orientierung an vermeintlichen Traditionen bereits Ende der 1950er Jahre zu bröckeln. Dennoch attestiert Ulrich Herbert der bundesrepublikanischen Gesellschaft, dass sie sich bis in die 1960er Jahre gegen die Durchsetzung der Moderne gewehrt habe. Dies habe sich besonders in den gesellschaftlichen Normen von Familie, Erziehung und privater Lebensführung gezeigt. Gerade zu Beginn des Untersuchungszeitraums, als die wirtschaftlichen und politischen ebenso wie die privaten Verhältnisse noch relativ instabil schienen, versprachen ‚traditionelle‘ Werte Halt und Verlässlichkeit.59 Als Indiz dafür kann der deutliche Anstieg von Eheschließungen und Geburten nach 1955 gewertet werden.60 Tatsächlich wurde das Modell der Hausfrauenehe in den 1950er Jahren erstmals von weiten Teilen der Gesellschaft praktiziert. Zugleich gab es allerdings in dieser im Rückblick als ‚goldene Jahre‘ der Familie wahrgenommenen Zeit viele Formen familiären Zusammenlebens, die diesem Ideal widersprachen. Anders ausgedrückt: Entgegen dem restaurativen Erscheinungsbild bestimmten bereits tiefgreifende Ver- änderungen die Lebenswelt vieler bundesdeutscher Familien. Die wenigsten jedoch wählten ein Leben entgegen der Norm, weil sie es als ‚bessere Alternative‘ wahrnahmen. Die meisten von ihnen litten vielmehr unter ihrer Situation. Und dennoch: Das Prinzip der ‚natürlichen‘ hierarchischen Ordnung zwischen den Geschlechtern war bereits ins Wanken geraten. So kam das Bielefelder Emnid-Institut 1955 auf Grundlage einer Repräsentativbefragung zu dem Schluss, dass sich die Familien- 58 Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 207; Buske: Fräulein Mutter, S. 195. 59 Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, S. 25-29; ders.: Drei Generationen, hier: S. 106; siehe auch Kuller: Familienpolitik, S. 224f. 60 Vgl. Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 194-196, 333. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 241 struktur in der Bundesrepublik im Vergleich zu früheren Jahrzehnten deutlich gewandelt habe.61 Damit liefen die auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1955 geführten Debatten zumThemaStärkungder Familie anderLebenswirklichkeit der vielenHilfsbedürftigen vorbei, die allein oder in ‚unvollständigen‘ Familien lebten.Denn auf sozialstaatliche Unterstützung waren in der westdeutschen Gesellschaft vor allem diejenigen angewiesen, deren Familie nicht dembürgerlichen Ideal entsprach:Witwen,Waisen, alleinstehende Alte und Alleinerziehende.62 Sozialexperten nahmen die Probleme dieser Personenkreise zwar wahr und waren sich einig, dass diese von der Allgemeinheit Unterstützung erwarten durften.63 Bis in die 1960er Jahre sah die Wohlfahrtspflege ihr zentrales Handlungsfeld nichtsdestotrotz darin, die Familie als ‚Keimzelle der Gesellschaft‘ in ihrer Funktionsfähigkeit zu unterstützen. Denn die Familie galt als der wichtigste Ort für die Sozialisation, Regeneration und Solidarisierung.64 NinaOelkers fasst die daraus resultierendeAusrichtung des bundesdeutschenWohlfahrtsstaats auf die Stabilisierung traditionell-konservativer Familienformen unter dem Begriff des ‚Familialismus‘ zusammen. In engemZusammenhang damit bringt sie das Prinzip der Subsidiarität, welches der Selbsthilfe immer den Vorrang vor der gemeinschaftlichen einräumt, ebenso wie der privaten Hilfe den Vorrang vor der staatlichen. Die verschiedenen Positionen innerhalb der Wohlfahrtspflege zum Subsitiaritätsprinzip sowie die sich dahinter verbergenden Konflikte werden daher im folgenden Abschnitt eingehender beleuchtet werden.65 An dieser Stelle bleibt festzuhalten: Staat und Gesellschaft definierten sich in der Bundesrepublik wesentlich über traditionelle Geschlechterverhältnisse und Familienformen.Noch bisMitte der 1970er Jahre bestand unterVerweis auf die ‚natürliche Andersartigkeit‘ der Frau ein gesetzlicher Widerspruch zwischen der im Grundgesetz garantierten Gleichheit aller Bundesbürgerinnen und -bürger und der in der 61 Zeitungsausschnitt vom 17.12.1955, S. 7 (ohne Titelangabe, evtl. Westdeutsches Tageblatt), AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 41. Siehe auch: Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 37; Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 252; Kuller: Familienpolitik, S. 3; Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, S. 27; Niehuss: Kontinuität undWandel, hier: S. 334. 62 Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 217. 63 Siehe z.B. Gutachten zum Thema Familiengerechtigkeit von Sozialleistungen erstattet für die Gesellschaft für sozialen Fortschritt vom Februar 1955, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 118. Vgl. Felix Mayer: Schutz der Familie in der Sozialhilfe, in: BdW 111.4/5 (1964), S. 133–138. 64 Vgl. Arno F. Kosmale/Gerhard Limper: Zur Reform des Familienlastenausgleichs, in: TuP 23.6 (1972), S. 221–225. 65 Oelkers: Familialismus, S. 142. Vgl. Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 370. 242 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Familiengesetzgebung festgelegten Geschlechterhierarchie.66 Dementsprechend betrachtete dieWohlfahrtspflege soziale Probleme aller Personen, die nicht zurGruppe der erwerbsfähigen Männer gerechnet werden konnten, wie alte Menschen oder Frauen, in ersterLinie vor demHintergrundvonderenEinbettung in ein funktionierendes Familiengefüge. Die eingangs skizzierten Ideen von Teilhabe und Chancengleichheit, die inWohlfahrtskreisen bereits in den 1950er Jahren aufkamen, wurden auf Personen, die aus ‚traditioneller‘ Sicht familiärer Fürsorge zugeordet waren, nur zögerlich und erst im Verlauf der 1960er Jahre angewandt.67 Nichtsdestotrotz ließ sich bei derDebatte umdieAusrichtung der sozialenArbeit auf das Leitbild der traditionellen Familie eine Verschiebung feststellen. Während materielle Unterstützungsleistungen zunächst noch eine wichtige Rolle spielten, traten sie gegenüber sozialpflegerischen sowie -pädagogischen Hilfestellungen als Maßnahmen zur Prävention oder Überwindung von Fürsorgebedürftigkeit zunehmend in denHintergrund.68 Erstmit der vonHeiner GeißlerMitte der 1970er Jahre angestoßenen Debatte um die ‚Neue Soziale Frage‘ gerieten materielle Aspekte von Frauen- sowie Altersarmut wieder in den Fokus.69 Gleichzeitig fand, wie Christiane Kuller feststellte, bezogen auf das bundesdeutsche Familienbild bisMitte der 1970er Jahre ein tiefgreifender Wandel statt. Nach und nach habe sich ein partnerschaftlichesLeitbild etabliert, und zwar sowohl bezogen aufdieRollenverteilung vonMann undFrau als auch hinsichtlich der Eltern-Kind-Beziehung.Die ‚elterlicheGewalt‘ sei von der ‚elterlichen Sorge‘ abgelöst worden.70 4.1.2. Der Streit um das Subsidiaritätsprinzip Das Subsidiaritätsprinzip stand in engem Zusammenhang mit dem Prinzip des ‚Familialismus‘71. Die katholische Kirche maß ersterem in ihrer naturrechtlichen Vorstellung von der Familie als ‚Urzelle‘ von Staat undGesellschaft hohe Bedeutung bei.72 Hinter dem Begriff ‚Subsidiarität‘ verbarg sich die Überzeugung, dass Eigenverantwortung und Selbsthilfe der jeweils kleinsten sozialen Einheit, angefangen 66 Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 331, 339. 67 Vgl. Kuller: Familienpolitik, S. 22; siehe auch: Heinemann: Complete Families. 68 Vgl. Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 136, 370f. 69 Auf diesen Aspekt, genauso wie auf die Auswirkungen der Leitkategorie Familie auf die praktische Sozialarbeit wird in Abschnitt 4.2 genauer eingegangen werden. 70 Kuller: Familienpolitik, S. 17. 71 Oelkers: Familialismus, S. 142. 72 Vgl. ders.: Familialismus, S. 142; Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 128f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 243 beim Individuum und seiner Familie, über Nachbarschaft, Kirchengemeinde oder Wohlfahrtsverband bis hin zur Kommune, Vorrang haben müsse vor Hilfsmaßnahmen durch den Staat. Dem Staat wurde allerdings die Aufgabe zugewiesen, diese nichtstaatlichen sozialen Institutionen zu unterstützen, sollten sie nicht imstande sein, die erforderliche (Eigen-)Leistung zu erbringen.73 Vordenker der katholischen Soziallehre hatten dieses Prinzip bereits im 19. Jahrhundert entwickelt. Sie verfolgten damit das Ziel, dem Staat möglichst wenig Einfluss auf die individuelle Lebensführung zu gewähren, inklusive Familienstruktur und Kirchenorganisation. Andernfalls sahen sie die natürliche, gottgewollte Ordnung in Gefahr. Die erste offizielle Verwendung des Begriffs ‚Subsidiarität‘ erfolgte 1931 in der Enzyklika Quadragesimo anno. Seither diente diese der katholischen Wohlfahrtspflege als wichtiger Referenzpunkt, unter anderem, da Papst Pius XI. darin zu mehr Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe aufgefordert hatte. Das Gebot der Nächstenliebe, verstanden als die Pflicht, in Not geratenenMenschen zu helfen, auch wenn diese ihre Situation (vermeintlich) selbst verschuldet hatten, war der zweite Grundpfeiler der Caritas. Daraus erklärt sich auch die in den 1950er Jahren noch gebräuchliche Bezeichnung ‚Liebestätigkeit‘ für die konfessionelleWohlfahrtspflege.74 Vertreter von Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Städtetag waren sich einig darüber, dass es eine ihrer wichtigsten Aufgaben war, die Bundesbürgerinnen und -bürger zu Selbstverantwortung und Solidarität zu erziehen, und zwar nicht nur aus fiskalischen Erwägungen, sondern auch aus sozialethischer und sozialpädagogischer Sicht.75 In einem wichtigen Punkt verstanden Vertreter der kommunalen Wohlfahrtspflege undmit ihnen viele Sozialdemokraten den Begriff ‚Subsidiarität‘ jedoch anders als die konfessionellen Verbände, nämlich in der Bewertung der Gemeinnützigkeit kommunaler Verwaltungs- und damit auch Sozialarbeit. Während Vertreter des Deutschen Caritasverbandes in den Kommunalverwaltungen den verlängerten 73 www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18315/subsidiaritaet, Stand: 24.05.2018. 74 Siehe z.B. Karl Borgmann: Das Siechtum der Barmherzigkeit, in: Caritas 56.7/8 (1955), S. 166–172; Franz Klein: Die Stellung der christlichen Liebestätigkeit nach demBonner Grundgesetz, in: Caritas 57.11 (1956), S. 263–267; Adolf Süsterhenn:Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialenRechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. Vgl. Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 128. 75 Siehe z.B. Lotte Lemke: Die heutige Situation der Arbeiterwohlfahrt. Auszug aus dem Referat von Lotte Lemke, in: NB 10.7 (1956), S. 97–99; Felix Mayer: Schutz der Familie in der Sozialhilfe, in: BdW 111.4/5 (1964), S. 133–138; vgl.Manfred Fuchs: Familienpolitik auch in denGemeinden?, in: Der Städtetag 19.2 (1966), S. 65–67. 244 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Armdes Staates zu erkennenmeinten, betonten Sozialexperten des Städtetags unter Verweis auf das aus dem Zusammenschluss freier Bürger erwachsene Selbstverwaltungsrecht der Städte ihre Unabhängigkeit und ihren ‚vorstaatlichen‘ Charakter.76 Sozialdemokratische Sozialexperten hatten auch grundsätzliche Einwände gegen ein allzu strikt ausgelegtes Subsidiaritätsprinzip. Denn wie in Kapitel 2.2 bereits dargelegt,waren sie derMeinung, dass eindemokratischer Staat für dieGrundsicherung seiner Bürger sorgen müsse. Sie verwiesen dabei einerseits auf das Grundgesetz, das die Bundesrepublik als sozialen Rechtsstaat charakterisierte. Andererseits argumentierten sie mit den sozialen Veränderungen: Die abhängig arbeitende Bevölkerung sei in der modernen Industriegesellschaft zum vorherrschenden Typus geworden. Soziale Sicherheit sei daher nicht mehr ein Problem Einzelner oder klar definierter Gruppen. Sie sei auch nichtmehr ein rein soziales Problem im Sinne des Karitativen. Soziale Sicherheit sei vielmehr ein Problem der gesamtgesellschaftlichen Ordnung. Die moderne Gesellschaft benötige daher den Sozialstaat, der sein Tun primär auf sozialpolitische Ziele ausrichte.77 Sozialexperten konservativer Prägung erkannten zwar an, dass der Sozialstaat für die soziale Sicherheit der Bevölkerung im Vergleich zur Situation während des 19. Jahrhunderts einen Fortschritt bedeutete. Dennoch warnten sie immer wieder vor dem angeblichen anonymen, die Würde des Einzelnen missachtenden Charakter staatlicher Sozialleistungen. Dabei spielten einerseits die Erfahrungen eine Rolle, die sie während des Nationalsozialismus gemacht hatten, inklusive der damit verbundenen Einschnitte im kirchlichen Einflussbereich. Andererseits schienen sie den Sozialstaatsausbau mit dafür verantwortlich zu machen, dass vermeintlich immer weniger Bundesbürgerinnen und -bürger zu ‚aktiver Nächstenliebe‘ bereit waren, sei es durch Spenden, ehrenamtliches Engagement oder den Eintritt in einenOrden. Der zweite Aspekt wog umso schwerer, da das Gebot der Nächstenliebe einWesenselement des christlichen Glaubens war und dieser dadurch selbst bedroht schien.78 76 Siehe z.B. Konrad Elsholz: Noch einmal: Die Sozialreform im staatspolitischen Zusammenhang, in: SozFor 5.4 (1956), S. 77–79 als Erwiederung auf Oswald von Nell-Breuning: Bedürftigkeitsprüfung oder Bedürfnis? Eine Systemsfrage der Sozialversicherung, in: SozFor 5.1 (1956), S. 8–10 sowie Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. 77 Sozialpolitik in dieser Zeit, in: SozF 5.11/12 (1956), S. 225; Joachim Matthes: Wohlfahrt und Freiheit. Gedanken zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 9.8 (1958), S. 476–481. 78 Siehe z.B. Alois Eckert: Kirchliche Caritas und staatliche Wohlfahrtspflege, in: Caritas 56.1 (1955), S. 15–18; Gefahren des Wohlfahrtsstaates. Ein Vortrag von Professor Röpke, in: Caritas 56.2/3 (1955), 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 245 Vor diesemHintergrund zeigt sich der Streit um das Subsidiaritätsprinzip als eine Variante der bereits inKapitel 2.2.2 skizziertenVersorgungsstaatsdebatte.Denn auch die Erklärung für diesen Konflikt scheint in erster Linie in den unterschiedlichen Weltanschauungen der Akteure zu liegen. Der folgende Abschnitt wird daher diese Unterschiede genauer herausarbeiten. Anders als bei der Versorgungsstaatsdebatte lässt sich darüber hinaus aber auch belegen, dass sich hinter den Auseinandersetzungen um das Subsidiaritätsprinzip ein Konkurrenzkampf zwischen konfessioneller und öffentlicher Wohlfahrtspflege verbarg.79 Anders formuliert ging es bei diesemStreit imGrundedarum,welche Stellungdie Kirchen im sozialen Rechtsstaat der Bundesrepublik tatsächlich einnehmen sollten. Zwar war der Sonderstatus der Kirchen bereits im Grundgesetz festgelegt worden, was Vertreter der konfessionellen Verbände im Subsidiaritätsstreit auch argumentativ zu nutzen wussten.80 Doch die Kirchen betrachteten gerade die karitative Betätigung als ihr ureigenes Feld, ohne das ihnen die Auslebung des christlichenGlaubens nicht möglich schien. Diesen ihrem Selbstverständnis entsprechenden Sonderstatus im sozialen Bereich wollten sie daher auch im neuen Bundessozialhilfegesetz festgeschrieben wissen,81 vor allem, da zeitgleich die Versuche einer wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung der Kirchen in der Bundesrepublik wieder an Boden S. 60–61; Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in:Caritas 58.12 (1957), S. 317–328;Versorgungsstaat und freie Fürsorge, in: BdW105.1 (1958), S. 29–30; Egon Müller-Caroli: Die Prüfung der Hilfsbedürftigkeit, in: BdW 105.1 (1958), S. 5–10; Eugen Gerstenmaier: Die Bundesrepublik auf dem Wege zum sozialen Rechtsstaat, in: BdW 105.1 (1958), S. 5; Wohlfahrtsstaat und Versorgungsstaat, in: Caritas 59.1/2 (1958), S. 14–15; Wer nicht Liebe übt, verkümmert, in: Badische Zeitung Jg. 14 (11. März 1959); „Wir brauchen viele Fürsorgerinnen“. Begegnungen mit Not und Armut in der Gegenwart – 40 Jahre Katholische Soziale Frauenschule des Deutschen Caritasverbandes, in: Badische Zeitung Jg. 15 (2./3. Jan. 1960); Ludwig Neundörfer: GewandelteZielsetzungder sozialenArbeit, in:Caritas 62.8 (1961), S. 303–314.Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 403f. 79 Vgl. ders.: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 89, 409; Kuller: Familienpolitik, S. 4. 80 Adolf Süsterhenn beispielsweise schrieb den konfessionellen Verbänden aufgrund ihrer Trägerschaft denselben Öffentlichkeitscharakter zu wie den Kirchen. Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. Vgl. auch: Franz Klein: Öffentlichkeitsauftrag und Öffentlichkeitscharakter der kirchlichen Liebestätigkeit, in: Caritas 60.5/6 (1959), S. 178–185. 81 Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 409. 246 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe verloren, ebenso wie die Zahl der Kirchenbesucher zurückging, die christlicheWohlfahrtsarbeit andererseits aber nach wie vor hoch angesehen war.82 Der Arbeiterwohlfahrt hingegen schien es vor allem darum zu gehen, dass das politische Systembeziehungsweise die demokratischenMechanismendurchdie Festschreibung des Subsidiaritätsprinzips im BSHG nicht unterlaufen würden. Allerdings führten auch die Sozialdemokraten ihreGründungsgeschichte auf die Lösung der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts zurück, was sich auch im Selbstverständnis der Arbeiterwohlfahrt widerspiegelte. Der Streit um das Subsidiaritätsprinzip entwickelte sich dadurch zu einer Grundsatzdebatte. Er war aber auch ein Kampf um tatsächliche Zuständigkeitsbereiche. Eingebettet war die Auseinandersetzung um das Subsidiaritätsprinzip in die Debatte um die Neuordnung der Fürsorge, die 1961 in der Verabschiedung des Bundessozialhilfegesetzes mündete. Wie Friederike Föcking bereits feststellte, entfaltete dieser Konflikt dabei eine so große publizistische und politische Breitenwirkung, dass er alle anderen Streitpunkte überlagerte.83 Der folgende Abschnitt zeichnet deshalb zunächst inAnlehnung anFöckingsDissertation die Entstehungsgeschichte des BSHG in groben Zügen nach, um dann in einem zweiten Schritt genauer auf die weltanschaulichenDifferenzen sowie die Kompetenzstreitigkeiten innerhalb der Fachkreise einzugehen. Die grundsätzlichen Veränderungen der Sozialarbeit, deren theoretischeGrundlage das BSHGbildete, sollen erst inKapitel 4.2 herausgearbeitet werden. Hinter der ausführlichen Beschreibung des Subsidiaritätsstreits steht die Absicht, Erklärungsansätze für die besondereBedeutungdieses Prinzips imbundesdeutschen Wohlfahrtsstaat zu finden. Denn dies scheint – so die These –mit dafür verantwortlich zu sein, dass die Deutung, Bedürftigkeit sei individuell begründet (zumBeispiel aufgrundvonkörperlicherBehinderung) beziehungsweise verschuldet (beispielsweise aufgrund von Faulheit oder ‚Zügellosigkeit‘), den bundesdeutschen Armutsdiskurs noch bis Ende der 1960er Jahre dominierte. Das BSHG legte mit den ‚Hilfen in besonderen Lebenslagen‘ zwar den Fokus der Sozialhilfe auf den Ausbau von Chancengleichheit und Teilhabemöglichkeiten, doch schien sich die Praxis der sozialenArbeit noch viele Jahre auf erzieherischeMaßnahmen zu konzentrieren.Diese Maßnahmen wiederum zeigten entgegen dem in Fachkreisen vielfach artikulierten 82 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 411. Siehe auch: JoachimMatthes:Wohlfahrt undFreiheit. Gedanken zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 9.8 (1958), S. 476–481; ders.: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 9-12. 83 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 394. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 247 Anspruch einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeitern und Klienten eher vormundschaftliche Züge. Darüber hinaus sicherte die gesetzliche Verankerung eines strikten Subsidiaritätsprinzips den konfessionellen Verbänden undmit ihnendenKirchenüber lange Jahre einenüberproportional großenEinfluss auf die bundesdeutscheWohlfahrtspflege. Auch das ist zu berücksichtigen, wenn es darum geht, Veränderungen und Kontinuitäten westdeutscher Armutsvorstellungen herauszuarbeiten und zu erklären. Die ö entliche Fürsorge fungierte in den ersten Jahren nach demZusammenbruchdes nationalsozialistischen Staatswesens als Lückenbüßer, umdenMassennotlagen in Folge von NS-Terror, Krieg und Vertreibung zu begegnen. Der Ausbau der Versorgungs- und Versicherungssysteme entlastete sie schon bald wieder von ihrer vorübergehenden ‚Allzuständigkeit‘, führte aber im Zusammenhang mit dem allmählich einsetzenden Wirtschaftsaufschwung auch zu einem Bedeutungsverlust. Darüber hinaus haftete der Fürsorge durch die als repressiv empfundenenMaßnahmen der Einkommensprüfung und Rückerstattungspflicht ein negatives Image an. ZumFürsorgeamt zu gehen und dort die eigenenwie auch familiärenLebensverhältnisse detailliert offenlegen zu müssen, empfanden viele Betroffene als demütigend. Im Zusammenhang mit der von Bundeskanzler Adenauer angestrebten ‚umfassenden Sozialreform‘ schickten sich daher auch dieWohlfahrtsexperten an, das Aufgabengebiet der Fürsorge zu überdenken und in diesemZusammenhangVorschläge für ein neues Fürsorgegesetz zu erarbeiten, zumal das bisherige aus der Weimarer Republik stammte. Mit dem Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt vom 9. Juli 1922, der Verordnung über die Fürsorgepflicht vom 13. Februar 1924 und den Reichsgrundsätzen über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge vom 4. Dezember 1924 hatte derGesetzgeber damals zwar bereits die Basis für einemoderne Wohlfahrtspflege gelegt. Denn er erkannte darin an, dass die Fürsorge nicht nur für die Erhaltung der physischen Existenz zuständigwar, sondern auch für die Erholung und die (Wieder-)Herstellung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Fürsorgeempfänger. Die Weltwirtschaftskrise bereitete dieser Entwicklung jedoch ein jähes Ende.84 Die Fachwelt beteiligte sich in den 1950er Jahren an der Ausarbeitung des neuen Fürsorgegesetzes, was weitgehend abseits der großen Sozialreformdebatten stattfand. Im Winter 1955/56 wurde aus dem Beirat für die Neuordnung der sozialen 84 Ebd., S. 13-15, 175. 248 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Leistungen beim Arbeitsministerium ein Arbeitsausschuss für Fragen der Fürsorge gebildet, dermit derAusarbeitung eines neuen Fürsorgegesetzes betrautwurde.Das Bundesinnenministerium, in dessen Zuständigkeitsbereich die öffentliche Fürsorge fiel, nominierte seine Mitglieder, mehrheitlich Sozialexperten, die den beiden Führungsgremien des Deutschen Vereins angehörten. Unter ihnen befanden sich sowohl führende Mitglieder der öffentlichen wie auch der freien Wohlfahrtspflege sowie Vertreter von Gewerkschaften und Versicherungsanstalten. Neben dem Vorsitzenden des Deutschen Vereins, Hans Muthesius, der auch den Vorsitz des Arbeitsausschusses innehatte, gehörten diesem Gremiummit Käthe Petersen, Elisabeth Zillken, Paul Collmer und Rudolf Prestel einige der damals bekanntesten, wie gleichermaßen heute umstrittenen, bundesdeutschen Fürsorgeexpertexperten an.85 Die Ziele des neuen Fürsorgegesetzes folgten imWesentlichen denjenigen der Sozialreform. Sie bestanden in der Vereinheitlichung des Fürsorgerechts sowie dessen konzeptioneller Modernisierung. Das bedeutete zum einen, dass alle Sondergesetze, die Aspekte der Fürsorge betrafen (beispielsweiseHilfen für Körperbehinderte oder Tuberkulosenhilfe), in das neue Fürsorgegesetz integriert werden sollten. Zum anderen sollte der Fokus nicht mehr auf der laufenden Unterstützung zum Lebensunterhalt liegen, sondern auf der persönlichen Hilfe, die in einem weit stärkeren Maß als bisher auch präventiven Charakter haben sollte. Um einerseits die Neuartigkeit dieser Gedanken zu unterstreichen, andererseits dem schlechten Image der Fürsorge entgegenzuwirken, kam es im gleichen Zug zu einer Umbenennung der Fürsorge in Sozialhilfe, die sich auch in der Gesetzesbezeichnung niederschlug. Nach mehrjährigen Beratungen beschloss die Bundesregierung Anfang 1960, dem Bundestag den vom Bundesinnenministerium ausgearbeiteten Entwurf zum Bundessozialhilfegesetz vorzulegen. Im Mai desselben Jahres fand die erste Lesung im Bundestag statt. Daraufhinwurde derGesetzentwurf fast ein Jahr lang in verschiedenenAusschüssen beraten, bevor ihn der Bundestag im Mai 1961 erneut diskutierte und trotz großer Kontroversen mit deutlicher Mehrheit verabschiedete.86 85 Orthbandt: Der Deutsche Verein, S. 350f; Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 68, 178; Gerhard Greza: Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474. Siehe dazu auch Kapitel 3.1.4. Zur Rolle Rudolf Prestels in der NS-Zeit finden sich beispielsweise bei Peter Sander einige Hinweise. Sander: Frankfurt, Auschwitz, S. 285, 291 sowie ders.: Verwaltung des Krankenmordes, S. 738. 86 Sozialpolitische Umschau, in: BdW 104.12 (1957), S. 385–386; Gerhard Greza: Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474; Franz Klein: Bundessozialhilfegesetz und kirchliche Liebestätigkeit, in: Caritas 62.4+6 (1961), S. 195–202, 230–246. Siehe auch Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 255. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 249 Wie dieWelt der Arbeit urteilte, kam es vor der Abstimmung über das BSHG im Bundestag zu einer regelrechten Redeschlacht. Den Hauptstreitpunkt hatte dabei die Frage der Vorrangstellung der freien vor der öffentlichenWohlfahrtspflege gebildet.Die SPDhatte derRegierung vorgeworfen,mit demGesetz derKonfessionalisierung derWohlfahrtspflege Vorschub zu leisten und dieGemeinden zu ‚Geldbriefträgern‘ zu degradieren. Denn letztere durften außschließlich tätig werden, wenn dies die freien Wohlfahrtsverbände nicht taten. Die Regierungsseite hingegen betonte, mit dem Gesetz die Kräfte des Humanismus, des Idealismus und des Glaubens zu stärken.87 Trotz seiner, wie es in einemSitzungsprotokoll derArbeiterwohlfahrt hieß, „kommunalfeindlichen Tendenz“88 passierte das Gesetz am 26. Mai 1961 den Bundesrat, anders als im Bundestag allerdings nur mit knapper Mehrheit. Ein Jahr später trat es schließlich in Kraft. Der Subsidiaritätsstreit war damit jedoch nicht beigelegt, so dass sowohl die Führungsspitze der Arbeiterwohlfahrt als auch diejenige der Caritas bereits kurz nach Verabschiedung des Gesetzes eine Verfassungsklage von Seiten der Kommunen erwarteten.89 Tatsächlich erhob das Land Hessen Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, die von den Ländern Bremen, Hamburg und Niedersachsen unterstützt wurde. Zum einen ging es dabei um den umstrittenen Paragraphen zur fürsorgerischen Zwangsbewahrung (§ 73 Abs. 2 und 3 BSHG).90 In erster Linie wandten sich die Kläger allerdings gegen die im BSHG verankerte Vorrangstellung der freien Wohlfahrtspflege gegenüber der öffentlichen. In seinemUrteil vom 18. Juli 1967 stellte sich das Bundesverfassungsgericht in diesem Punkt letztlich gegen die Kläger: Es konnte in den angefochtenen Bestimmungen lediglich einen Auftrag des Gesetzgebers an die öffentlichen und freien Träger erkennen, ihre bisher übliche und bewährte Zu- 87 Sigurd Paulsen: Redeschlacht um die Sozialhilfe, in: WdA 12.19 (1961), S. 5. Siehe auch: Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 25.6.1961 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 88 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 25.6.1961 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 89 Ebd.; Franz Klein: Bundessozialhilfegesetz und kirchliche Liebestätigkeit, in: Caritas 62.4+6 (1961), S. 195–202, 230–246;GerhardGreza:Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474. 90 Mehr dazu siehe Abschnitt 5.2.1. 250 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe sammenarbeit im Geiste der Partnerschaft und auf der Grundlage einer bewusst zu gestaltenden Ergänzung fortzuführen.91 Das Aushandeln der jeweiligen Zuständigkeitsbereiche zwischen öffentlicher und privater Wohlfahrtspflege stellte bereits seit der Einführung der ersten Sozialgesetze in den 1880er Jahren ein wiederkehrendes Thema dar. Damals hatte sich der (Zentral-)Staat erstmals in die Organisation der Wohlfahrtspflege eingemischt. Den Ausschlag dafür scheinen politische Erwägungen gegeben zu haben. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass es Reichskanzler Bismarck mit dem Erlass der Sozialgesetze in erster Linie darum gegangen war, Teile der Arbeiterschaft für sich zu gewinnen und so die Sozialdemokratie zu schwächen.92 Auch beim bundesdeutschen Streit um das Subsidiaritätsprinzip wollten die Konfliktparteien vor allem den jeweils eigenen Einflussbereich sichern beziehungsweise ausbauen. Warum aber erhielt dieser Konflikt vor allem in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre einen so großen Stellenwert, dass er alle anderen Streitfragen in Bezug auf die Neuausrichtung der Wohlfahrtspflege überlagern konnte?93 Zwei Gründe scheinen hierfür ausschlaggebend. Erstens avancierte die Sozialpolitik in der jungen Bundesrepublik zu einemwichtigen, vielleicht sogar demwichtigsten Feld der Innenpolitik.94 Das lag einerseits daran, dass die sozialen Probleme in Folge von NS-Herrschaft und Krieg enorm waren und sich die Politik verpflichtet sah, durch sozialpolitischeMaßnahmenAbhilfe zu schaffen. Andererseits erfuhr die Sozialpolitik aber auch eine qualitative Aufwertung. Sie galt nicht mehr nur alsMittel zur Stabilisierung des politischen Systems sowie zum nachträglichen Ausgleich 91 Johannes Duntze: Das Karlsruher Urteil und die Sozialarbeit, in: BdW 114.11 (1967), S. 387–388. Siehe auch: Verfassungsbeschwerde gegen Sozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz, in: NB 16.4 (1962), S. 59; Sozialpolitische Umschau. Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht, in: BdW 114.5 (1967), S. 189; Hans Reschke: Erklärung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 18. Juli 1967, in: NDV 47.11 (1967), S. 347; Zum Karlsruher Urteil über die Sozialgesetze, in: Caritas 68.5 (1967), S. 252–253; Konrad Elsholz: Das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Jugendwohlfahrtsgesetz und zum Bundessozialhilfegesetz, in: Der Städtetag 20.9 (1967), S. 465–469. Ausführlich nachzulesen bei: Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 499-506. 92 Klaus Saul: Wirtschafts- und sozialpolitische Grundlagen. Industrialisierung, Systemstabilisierung und Sozialversicherung. Zur Entstehung, politischen Funktion und sozialen Realität der Sozialversicherung des kaiserlichen Deutschland, in: Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft Jg. 69 (1980), S. 177–198. 93 Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 394. 94 Vgl. Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 65f. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 251 von Fehlentwicklungen. Viele Sozialexperten hofften vielmehr, mit ihrer Hilfe in Zukunft aktiv auf die Ausgestaltung der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung einwirken zu können, so dass sich diese möglichst gerecht und harmonisch entwickeln würde.95 Diese sozialplanerischen Ideen waren auch in Fürsorgekreisen weit verbreitet. Daher war die Ausweitung des eigenen Einflussbereichs für die konfessionelle ebenso wie für die sozialdemokratische beziehungsweise kommunale Wohlfahrtspflege vermutlich nicht nur eine Statusfrage. Es ging beiden Seiten auch darum, die jeweils eigenen Vorstellungen von der ‚richtigen‘ Gesellschaftsordnung mit Hilfe wohlfahrtspflegerischer Maßnahmen umsetzen zu können. Während, vereinfacht gesagt, sozialdemokratische Experten die Gesellschaftsordnung an die Herausforderungen einer modernen, demokratisch legitimierten Industriegesellschaft anpassen wollten, strebten konfessionelle Experten letztlich die Wiederherstellung einer vermeintlich ‚natürlichen‘, gottgewollten Ordnung an. Im Kern war diese Auseinandersetzung also eine weltanschauliche.96 Da sich die Standpunkte der beiden Streitparteien jedoch vermeintlich ausschlossen, stellte die jeweils gegnerische Position im Umkehrschluss das eigene Selbstverständnis in Frage. Dieser Aspekt wiederum liefert einen Erklärungsansatz für die Vehemenz, mit der die Debatte geführt wurde. Warum der Streit um das Subsidiaritätsprinzip in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre so großenRaum einnehmen konnte, scheint aber auchmit der bereits erwähnten Sonderrolle der Kirchen in den erstenNachkriegsjahren zusammengehangen zu haben. Die Kirchen hatten den verunsicherten Menschen zunächst Orientierung sowie unbürokratische Hilfe geboten. Zwar gelangte die Rechristianisierungsphase mit der Gründung der Bundesrepublik bereits an ihr Ende. Nichtsdestotrotz bedienten sich selbst hochrangige Politiker der christlichen Lehre als Referenzgröße, denn ihr wurde aufgrund der Erfahrungen der vorausgehenden Jahrzehnte eine weit größere Beständigkeit und damit auch Gültigkeit zugeschrieben als politischen Systemen.97 Vor allem die katholische Kirche konnte in der jungen Bundesrepublik einen nie zuvor dagewesenen Einfluss auf die Gesellschaft gewinnen. Dabei half ihr auch, dass der Anteil der katholischen Bevölkerung im westdeutschen Staat erstmals etwa gleich hoch war wie derjenige der Protestanten. Vor 1945 hatte das 95 Vgl. Van Laak: Planung, hier: S. 3 (URL: http://docupedia.de/zg/Planung, Stand: 3.5.2018) sowie Kapitel 2. 96 Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 395. 97 Siehe z.B. Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. 252 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Verhältnis von Katholiken zu Protestanten in Deutschland noch etwa ein Drittel zu zweiDritteln betragen.Darüber hinaus bestanden zwischender katholischenKirche und der Regierung Adenauer enge Verbindungen.98 Für den DCV ergab sich folglich eine gute Ausgangsposition.99 Wie schon in der Weimarer Republik nahm er bei den Beratungen zu den neuen Sozialgesetzen eine sehr aktiveRolle ein, sowohl direkt bei den zuständigenMinisterien als auch indirekt durch die Veröffentlichung diverser Denkschriften und Stellungnahmen durch den verbandseigenen Lambertus-Verlag. Auch dadurch hoffte er, die zukünftige Sozialgesetzgebung in seinem Sinn beeinflussen zu können.100 Dennoch ging von der sich ausweitenden öffentlichen Wohlfahrtspflege in den Augen der Führungsspitze des DCV ein großes Bedrohungspotenzial aus. In einem Sitzungsprotokoll von 1957 hieß es sogar, dass der Caritasverband in den 60 Jahren seines Bestehens durch das „nie dagewesene Drängen weitester Volkskreise zur behördlichen Hilfe“ niemals zuvor in einer so schwierigen Lage gewesen sei. Daher müsse demDrang zur ‚Staatsversorgung‘ und zur ‚Kommunal-Omnipotenz‘ durch eindringliche Appelle entgegengesteuert werden.101 Bereits Mitte der 1950er Jahre hatte der Caritas-Vorstand damit begonnen, die eigene Position im Deutschen Verein gezielt zu stärken, beispielsweise durch die Vorbereitung von Argumentationspapieren oder die Entsendung von Fachleuten in alle wichtigenGremien des DV. In diesem Zusammenhang schreckte er selbst vor dem Versuch derWahlbeeinflussung nicht zurück.102 98 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 37, 51, 260, 267f; Frie: Kontinuitäten und Trümmer, hier: S. 117f. Ausführlich zu den Verflechtungen der katholischen Kirche mit der Regierung Adenauer siehe: Scholz: Kirchen und Nationalstaat, S. 391-426. 99 Vgl. Matthes: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 10. 100 Siehe z.B. Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 25./26.9.1959 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1959/3; Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76; Franz Klein: Die Freie Wohlfahrtspflege in einem Bundesfürsorgegesetz, in: Caritas 58.7 (1957), S. 170–178; Franz Klein: Öffentlichkeitsauftrag und Öffentlichkeitscharakter der kirchlichen Liebestätigkeit, in: Caritas 60.5/6 (1959), S. 178–185; Franz Klein: Bundessozialhilfegesetz und kirchlicheLiebestätigkeit, in:Caritas 62.4+6 (1961), S. 195–202, 230–246.Vgl. auchAndreasWollasch: Von der „Charitasdruckerei“ zumLambertus-Verlag. Eine ungewöhnlicheVerlagsgeschichte,http: //www.lambertus.de/de/36/geschichte.html, Stand: 24.05.2018. Auf die Einflussnahme von Caritas und katholischer Kirche auf die Politik von CDU und CSU bin ich auch in Kapitel 2.2 bereits eingegangen. 101 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 18.11.1957 in Köln, ADCV, 110.055, Fasz. 1957/3. 102 Ebd. sowieNiederschrift zur Sitzung des ZVdesDCV am 11.10.1955 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1955/3. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 253 An diesen Beispielen offenbart sich, dass die ständigen Warnungen vor den Gefahren des ‚Versorgungsstaats‘ von Seiten der katholischen Wohlfahrtsexperten Teil einer Strategie waren, um den eigenen Einflussbereich zu wahren. Zwar schien die Führungsspitze derCaritas tatsächlich andenVerfall derGesellschaft beziehungsweise einen drohenden Rückfall in totalitäre Verhältnisse zu glauben.103 Damit lehnte sich die konfessionelle Wohlfahrtspflege bereits in den 1950er Jahren gegen ein Phänomen auf, das von der Forschung unter dem Schlagwort ‚Entkirchlichung‘ typischerweise als Element desMitte der 1960er Jahre verstärkt einsetzenden ‚Wertewandels‘ gezählt wird.104 Doch gleichzeitig waren die vielen Artikel und Verlautbarungen, die in diese Richtung zielten, Ausdruck von Existenzängsten. Das erklärt auch, warum rund einDrittel der untersuchtenCaritas-Artikel der Jahrgänge 1955 bis 1975 demThemenkomplex Selbstbehauptung/Selbstdarstellung/Selbstverständnis zugeordnet werden können. Die verbandseigene Fachzeitschrift wurde intensiv dazu genutzt, die eigeneWeltanschauung zu verbreiten, zu der dasGebot derNächstenliebe ganz wesentlich dazugehörte. Dieses schien jedoch nur zukunftsträchtig zu sein, wenn unbedingt am Prinzip der Subsidiarität festgehalten wurde. So betonte Caritas-Präsident Eckert Mitte der 1950er Jahre, dass die persönlich geübte Nächstenliebe Teil des christlichen Glaubens sei. Der Sozialstaat führe aber zu einem Rückgang der Nächstenliebe, da die Menschen glaubten, dass sie ihre Pflicht bereits durch Steuern und Sozialbeiträge abgegolten hätten. Nur die kirchliche Caritas könne dieser Entwicklung entgegenwirken; nur sie verstehe es, die Not nicht nur durch materielle Hilfeleistungen zu mildern, sondern auch durch persönliche Anteilnahme.105 Aus der Verpflichtung der Gläubigen zur Linderung materieller wie auch seelischer Not leitete er, wie auch viele andere Autoren, die Forderung nach einer strikten Durchsetzung des Subsidiaritätsprinzips ab. Zwar habe auch die staatliche Wohlfahrtspflege ihre Berechtigung. Denn, wie es ein, dem Sozialkatholizismus zuzurechnender Autor in den Gewerkschaftlichen Monatsheften formulierte, ohne einMindestmaßwirtschaftlicher Sicherheit und Stabilität sei eine 103 Siehe z.B. Gefahren desWohlfahrtsstaates. EinVortrag von ProfessorRöpke, in: Caritas 56.2/3 (1955), S. 60–61. Vgl. Lingelbach: Das Bild des Bedürftigen, hier: S. 351. 104 Gabriel: Säkularisierung und Religiosität, hier: S. 97; Rödder: Werte und Wertewandel, hier: S. 19. Wie in Abschnitt 5 zu zeigen sein wird, wird in dieser Arbeit anstelle von ‚Wertewandel‘ jedoch bevorzugt von ‚Pluralisierung‘ gesprochen. Einen Überblick über wichtige Literatur zum ‚Wertewandel‘ seit den 1970er Jahren liefert auch: Schildt: Sozialgeschichte der BRD, S. 143f. 105 Alois Eckert: Kirchliche Caritas und staatliche Wohlfahrtspflege, in: Caritas 56.1 (1955), S. 15–18. 254 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe fortschrittliche zivilisatorische und kulturelle Entwicklung nicht möglich.106 Der Staat könne jedochnur dieGaben, nicht aber dieGüte geben, die einHilfesuchender brauche. Hierzu sei nur die Kirche durch die Liebe Christi in der Lage. Auf die Caritas habe der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch daher ein Urrecht.107 Einige Jahre später schien der dem Sozialkatholizismus nahestehende Frankfurter Professor Ludwig Neundörfer die zuvor geäußerten Befürchtungen zu bestätigen. Denn er beklagte, dass die Bundesbürgerinnen und -bürger staatlich garantierteHilfeleistungen als etwas Selbstverständliches wahrnähmen und den darin enthaltenen Akt der Nächstenliebe verkennen würden. Der Sozialstaat gehe, so seine Folgerung, zwar vom Karitativen aus, sei im Ergebnis aber eine anonyme Hilfsmaschinerie, die der Persönlichkeit und Würde des Einzelnen nicht gerecht werde. Indirekt präsentierte er damit die Organisation des sozialen Sicherungssystems über die Unterstützung der konfessionellenWohlfahrtspflege als einzigenAusweg, um der ‚Entartung‘ des Wohlfahrtsstaats zum ‚Versorgungsstaat‘ entgegenzuwirken.108 Widerspruch gegen die damals allgegenwärtige Klage katholischer Sozialexperten, dass der Sozialstaat wie auch die materialistische Einstellung der westdeutschen Bevölkerung zumVerlust der Nächstenliebe geführt hätten, fand sich beispielsweise in der Verbandszeitschrift desDST.Unter Bezugnahme auf die Sturmflut, dieMitte Februar 1962 die nordwestdeutsche Küste heimgesucht hatte, hieß es dort: „Es ist also wohl doch nicht richtig, gewiß nicht allgemeingültig, daß das gute Leben die Herzen verhärtet und die Hilfsbereitschaft abgetötet habe. Die Katastrophen der letzten Monate haben gezeigt, daß die Bereitschaft zur Hilfe in der Welt, in Deutschland, in den deutschen Städten und Gemeinden und bei den einzelnen Menschen lebendig ist.“109 106 Herbert Schack: Christ und Wohlfahrtsstaat, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 7.3 (1956), S. 169– 173. Vgl. Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. 107 Versorgungsstaat und freie Fürsorge, in: BdW 105.1 (1958), S. 29–30. Siehe auch: Gefahren des Wohlfahrtsstaates. Ein Vortrag von Professor Röpke, in: Caritas 56.2/3 (1955), S. 60–61; Eugen Gerstenmaier: Die Bundesrepublik auf dem Wege zum sozialen Rechtsstaat, in: BdW 105.1 (1958), S. 5. 108 Ludwig Neundörfer: Gewandelte Zielsetzung der sozialen Arbeit, in: Caritas 62.8 (1961), S. 303–314. Siehe auch:Wohlfahrtsstaat undVersorgungsstaat, in: Caritas 59.1/2 (1958), S. 14–15;Wer nicht Liebe übt, verkümmert, in: Badische Zeitung Jg. 14 (11. März 1959). 109 Hilfsbereitschaft und Vorsorge, in: Der Städtetag 15.4 (1962), S. 182–184. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 255 Nichtsdestotrotz zeigten sich die Vertreter der konfessionellen Wohlfahrtspflege geschickter darin, die eigene Position argumentativ zu stärken. So übertrugen sie zum einen den im Grundgesetz anerkannten Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen auf die konfessionellen Verbände, da sich letztere als Teil der Amtskirchen betrachteten.110 Damit begründeten sie die staatliche Unterstützungsverpflichtung gegenüber den konfessionellen Verbänden nicht nur religiös, sondern leiteten sie auch verfassungsrechtlich ab und beanspruchten indirekt für Caritas und Diakonie eine Sonderstellung innerhalb der freien Wohlfahrtspflege. Zum anderen verwiesen sie darauf, dass die freien Wohlfahrtsverbände durch ihre Arbeit einen wertvollen Beitrag zur politischen Integration leisteten, da der freiheitlich demokratische Staat ohne das Engagement seiner Bürger nicht bestehen könne.111 Gerade letzteres Argument irritiert im Zusammenhang mit konfessionellen Sozialexperten. Denn, wie bereits in den Kapiteln 2.2 und 3.3 gezeigt, begründeten in der Regel SPD-nahe Sozialexperten ihre Reformvorschläge damit, die Demokratisierung der Gesellschaft befördern zu wollen. Ähnlich wie Vertreter der Caritas sah beispielsweise AWO-Geschäftsführerin Lotte Lemke eine wichtige Funktion der freien Wohlfahrtspflege darin, die Bundesbürgerinnen und -bürger zu mehr gesellschaftlichem Engagement zu erziehen, was ihrer Ansicht nach wiederum die Grundlage einerDemokratiewar.Anders alsCaritas-Justitiar FranzKlein sahLemke darin aber keinen Ist-Zustand, sondern eine Zukunftsaufgabe.112 Damit im Einklang verstand Ludwig Preller unter dem Begriff Demokratie weniger ein auf Mehrheitsverhältnissen fußendes System, sondern eine auf ‚sittlichen‘ Werten beruhende Haltung zumMitmenschen, wobei er ‚sittlich‘ nicht weiter ausführte. Damit verwies er aber auf die Prinzipien der Solidarität und der Chancen- 110 Vgl. Abschnitte 3.1 und 3.2.1. 111 Franz Klein: Öffentlichkeitsauftrag und Öffentlichkeitscharakter der kirchlichen Liebestätigkeit, in: Caritas 60.5/6 (1959), S. 178–185; Adolf Süsterhenn: Die kirchliche Liebestätigkeit im sozialen Rechtsstaat der Gegenwart, in: Caritas 58.12 (1957), S. 317–328. Vgl. Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 409. 112 Lotte Lemke: Die heutige Situation der Arbeiterwohlfahrt. Auszug aus dem Referat von Lotte Lemke, in: NB 10.7 (1956), S. 97–99. Vgl. Franz Klein: Zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 69–76; Franz Klein: Die Freie Wohlfahrtspflege in einem Bundesfürsorgegesetz, in: Caritas 58.7 (1957), S. 170–178; Franz Klein: Öffentlichkeitsauftrag und Öffentlichkeitscharakter der kirchlichen Liebestätigkeit, in: Caritas 60.5/6 (1959), S. 178–185; Franz Klein: Bundessozialhilfegesetz und kirchliche Liebestätigkeit, in: Caritas 62.4+6 (1961), S. 195–202, 230–246. 256 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe gleichheit.113 Denn er sah den Staat als übergeordnete Gemeinschaft in der Pflicht, die seelische undmaterielle ‚Grundchance der Existenz‘ sicherzustellen.Dabeiwähnte er sich vom Grundsatz her auch im Einklang mit der katholischen Soziallehre. Allein „Verquickungen und Verschiebungen zwischen weltanschaulichen und parteipolitischen Maximen“ sowie wirtschaftlichen Interessen hätten zu einer falschen Auslegung des Subsidiaritätsprinzips geführt.114 Auch beim Streit um die Auslegung des Subsidiaritätsprinzips im Bundessozialhilfegesetz arbeitete die Arbeiterwohlfahrt mit dem Demokratie-Argument. So hieß es in ihrem Geschäftsbericht von 1959, dass der Gesetzentwurf abzulehnen seien, da die darin enthaltenen, ‚überspitzten‘ Vorstellungen von Subsidiarität zu einer Konfessionalisierung der Wohlfahrtspflege und damit zur Abhängigkeit des Staatsbürgers von der politischen Kirche führen würden. Dies widerspreche den Grundprinzipien einer Demokratie.115 Eine ähnliche Tendenz hatte ihr Vorstand einige Jahre zuvor bereits in einem anderen Zusammenhang beklagt. 1953 hieß es in einem Sitzungsprotokoll, dass durch die Delegation von bestimmten Aufgaben an die freie Wohlfahrtspflege eine ‚Pseudodemokratie‘ entstehe. So seien in den Jugendamtsausschüssen auch Mitglieder stimmberechtigt, die in keiner demokratischen Wahl legitimiert worden seien. Das Pochen auf demokratische Prinzipien schien in diesem Fall aber weniger um der Prinzipienwillen zu geschehen. Denn das eigentliche Problem bestand aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt darin, dass diese ‚nichtparlamentarischen‘ Ausschussmitglieder in der Regel Vertreter der konfessionellen Verbände waren. Dadurch gelang es den bürgerlichen Parteien, die Sozialpolitik in ihrem Sinn zu beeinflussen, obwohl die SPD in vielenKommunalregierungendieMehrheit innehatte.Die imAnschluss daran vorgebrachte Forderung, dass die öffentliche Wohlfahrtspflege den Vorrang vor den freien Verbänden haben sollte, entsprang also nicht nur einer sozialdemokratischenÜberzeugung, sondern kann auch als gezielter Versuch der Arbeiterwohlfahrt gewertet werden, den Einfluss der Kirchen auf die Gestaltung des sozialen Bereichs 113 Subsidiarität - ein Prüfstein derDemokratie? ZurHauptversammlung 1956 derArbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und Jugendfürsorge in Bremen, in: NB 10.11 (1956), S. 169–170. 114 Ludwig Preller: Subsidiarität und Sozialprogramm. Zur Professorendenkschrift, in: NB 9.9 (1955), S. 129–132; Ludwig Preller: Soziale Sicherung – Tod der Selbstverantwortung?, in: NB 10.5 (1956), S. 65–66. Siehe auch:Welche Funktion behält die Fürsorge in einem System der sozialen Sicherung? Bericht über dasReferat vonProfessorDr.LudwigPreller,MdB,Bonn, in:NB 10.7 (1956), S. 99–100. 115 Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Unsere Arbeit; vgl. Boeßenecker: Spitzenverbände der FreienWohlfahrtspflege, S. 162. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 257 zu verringern.116 Vermutlich zielte der 1960 in der Fachzeitschrift der Arbeiterwohlfahrt vorgebrachte Wunsch, Sozialarbeiter mögen sich stärker in kommunalpolitischen Gremien engagieren, in eine ähnliche Richtung.117 Es ist daher nur allzu verständlich, dass der SPD-naheWohlfahrtsverband für das Primat der öffentlichen Wohlfahrtspflege eintrat und damit innerhalb der freien Wohlfahrtspflege eine Sonderposition einnahm. Auch rein praktische Gründe mögen hierfür eine Rolle gespielt haben. Zumindest weist Friederike Föcking darauf hin, dass dieArbeiterwohlfahrt bei einem amKriteriumderKonfession orientierten Verteilungsraster nur für die wenigen Fälle von fürsorgebedürftigen Konfessionslosen zuständig gewesen wäre.118 Darüber hinaus leiteten Vertreter der Arbeiterwohlfahrt den Vorrang der öffentlichen Verantwortung für die soziale Sicherheit der Bundesbürgerinnen und -bürger aus dem seit 1954 de facto geltenden Recht auf Fürsorge ab. So hieß es 1957 in den Presse-Nachrichten der Arbeiterwohlfahrt, dass die öffentliche Fürsorge bei Durchführung ihrer Aufgaben zwar eng mit den freien Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeiten solle. Allerdings könne sie öffentliche Pflichtaufgabennicht global an freieVerbände delegieren,weil sie dannGefahr laufe, die Erfüllung des Rechtsanspruchs nicht mehr sichern zu können.119 Gleichzeitig erwuchsen der AWO-Führungsriege aus dieser Haltung Legitimationsprobleme. Denn schon 1952 wollte die Mehrheit der Vorstandsmitglieder die eigeneOrganisationnichtmehr nur alsÜbergangslösung verstandenwissen, die sich auflösen würde, sobald die staatliche Sozialpolitik umfassend genug ausgebaut war. Sie vertraten vielmehr die Meinung, dass auch ein optimal organisierter Staat nicht auf die ergänzendeMitarbeit der freienWohlfahrtspflege verzichten könne. In ihren Augen konnte eine Demokratie nur funktionieren, wenn sich jede Bürgerin und jeder Bürger für den Staat verantwortlich fühlte. PrivateWohlfahrtsverbände hätten großen Anteil daran, dieses Verantwortungsgefühl zu stärken. Sie seien trotz staatli- 116 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 11./12.4.1953 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 117 Emma Schulze: Der Wandel in den Formen der Sozialarbeit und in der Organisation des fürsorgerischen Dienstes, in: NB 14.7 (1960), S. 105–106. 118 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 395. 119 in: Presse-Nachrichten der Arbeiterwohlfahrt 1.6 (1957). Vgl. auch: Joachim Matthes: Wohlfahrt und Freiheit. Gedanken zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 9.8 (1958), S. 476–481. Dieser leitete die Verpflichtung des Staates zu sozialen Sicherheitsleistungen jedoch nicht aus dem Rechtsanspruch auf Fürsorge ab, sondern aus der Erkenntnis, dass soziale Sicherheit zur Grundvoraussetzung für die Beständigkeit der Gesellschaft geworden sei. 258 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe cher Subventionen das Ergebnis privaten Engagements.120 Sozialdemokratische Sozialexperten sahen in der Förderung von Eigenverantwortung und bürgerschaftlichemEngagement sogar den entscheidendenUnterschied zwischendemokratischen und totalitärenWohlfahrtsstaaten.121 Zweitens verwiesen führende Vertreter der Arbeiterwohlfahrt immer wieder auf das Innovationspotential der freienWohlfahrtspflege, das sie imVergleich zur öffentlichen Wohlfahrtspflege wesentlich höher einschätzten. Für die Arbeiterwohlfahrt wurde der Anspruch, eine ‚Pionierfunktion‘ im sozialen Bereich wahrzunehmen, sogar zu einem wesentlichen Teil des eigenen Selbstverständnisses.122 Um dennoch nicht ihr gesellschaftspolitisches Grundverständnis in Frage zu stellen, das wie bereits beschrieben darauf beruhte, dass die Verantwortung für die soziale Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger letztlich beim Staat liegen sollte, einigten sich die Vorstandsmitglieder auf die Forderung, die Grenzen zwischen öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege klar abzustecken.123DerAWO-Vorstand trat grundsätzlich also für das Subsidiaritätsprinzip ein,mahnte dabei aber den Erhalt demokratischer Prinzipien an und berief sich auf die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements für eine Demokratie.Die konfessionellenVerbände hingegen argumentiertenmitVerweisen auf die christliche Lehre für das Subsidiaritätsprinzip. Die kommunale Wohlfahrtsp ege wiederum vertrat im Subsidiaritätsstreit eine ähnliche Position wie die Arbeiterwohlfahrt. Einer ihrer einflussreichsten Vertreter, der Leiter des Fürsorgeamts der Stadt Frankfurt, Rudolf Prestel, war zwar grundsätzlich für das Prinzip derNachrangigkeit staatlicherHilfen.Dennoch betonte er, dass auch im Bereich der Wohlfahrtspflege der Gedanke der Vorsorge – „die Methoden der Früherfassung und Frühbekämpfung von Notständen“ – eine immer größere Rolle einnehmen müsse. Denn: 120 Protokoll zur Vorstandssitzung der Arbeiterwohlfahrt am 1.12.1952, in: AWO (Hrsg.): Vorstandsprotokolle. Vgl. Heinrich Albertz: Vierzig Jahre Arbeiterwohlfahrt. 1959: Auszug aus der Festansprache auf der Reichskonferenz in Wiesbaden, in: Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Helfen und Gestalten. Beiträge und Daten zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt, erweiterte Neuauflage, Bonn 1992, S. 76–79. 121 Sozialpolitik in dieser Zeit, in: SozF 5.11/12 (1956), S. 225. 122 Mehr dazu siehe 3.2.2. 123 Protokoll zur Vorstandssitzung der Arbeiterwohlfahrt am 1.12.1952, in: AWO (Hrsg.): Vorstandsprotokolle. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 259 „Richtig erfüllte Sozialarbeit ist ein Beitrag zur Sicherung des inneren Friedens, zur wirtschaftlichen Sicherheit, zur Ertüchtigung des Nachwuchses.“124 Dieser Vorsorgegedankewiederumwidersprach seinerAnsicht nach einer allzu strikten Durchsetzung des Prinzips der Nachrangigkeit staatlicher Sozialhilfen. Prestel ging sogar noch weiter. In seinen Augen hing die Zukunft der westdeutschen Gesellschaft davon ab, ob sich „dieser tiefstgeduldete Zustand“ menschlicher Existenz ständig verbesserte. Eine Weiterentwicklung der Sozialarbeit in diesem Sinne sei wiederum nur möglich, wenn die verschiedenen Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Sozialarbeit trägerunabhängig als Einheit betrachtet würden. So sollten beispielsweise die Sorgen einzelner Familienmitglieder in ihrer Gesamtheit angegangen und nicht jedes Familienmitglied von einer anderen Stelle betreut werden.125 Die Zusammenarbeit aller Organisationen im sozialen Bereich sei daher unbedingt erforderlich, wobei Prestel die notwendigen Leitungs- und Koordinationsaufgaben den kommunalen Verwaltungen zudachte. Denn besonders in den Krisenzeiten der vorausgegangenen Jahrzehnte hätten diese ihre Kompetenz bei der Lösung sozialer Probleme unter Beweis gestellt.126 Die Vertreter der öffentlichen Wohlfahrtspflege versuchten also ebenso wie die konfessionellen Verbände, die Sonderrolle, die sie in der ‚staatslosen Zusammenbruchgesellschaft‘127 eingenommenhatten, dazu zu nutzen, ihren Einflussbereich zu erweitern. Darüber hinaus bemühten sie sich, dem schlechten Ruf der öffentlichen Fürsorge entgegenzuarbeiten. So verwiesen sie immer wieder darauf, dass die Gemeinden im sozialen Bereich immer nur neueAufgaben zugewiesen bekämen, ohne dass gleichzeitig die finanziellen und personellen Mittel entsprechend aufgestockt 124 Rudolf Prestel: Zur Sozialarbeit der deutschen Städte, in: Der Städtetag 9.7 (1956), S. 286–292. 125 Ebd. Mit einer solchen, von einer zentralen Stelle koordinierten Familienfürsorge hatten viele Kommunen bereits während und nach dem Ersten Weltkrieg gute Erfahrungen gemacht. Otto Suhr: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 338–340. Vgl. Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 148, 208. 126 Rudolf Prestel: Zur Sozialarbeit der deutschen Städte, in: Der Städtetag 9.7 (1956), S. 286–292. Siehe auch: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfen, in: Der Städtetag 7.2 (1955), S. 45–48; Karl Theodor Marx: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 334–338; Otto Suhr: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 338–340. 127 Vgl. Frie: Kontinuitäten und Trümmer, hier: S. 117. 260 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe würden. Indirekt wollten sie damit ausdrücken, dass die Kommunen unter diesen Voraussetzungen sehr gute Arbeit leisteten und darüber hinaus den Großteil der Fürsorgeausgaben zu tragen hatten. Aus dieser Rolle als Hauptfinanzier heraus wehrten sichKommunalvertreter auch gegendie vonkonfessioneller Seite angestrebte Festlegung, die öffentliche Fürsorge dürfe nur eigene Wohlfahrtseinrichtungen oder -projekte schaffen, wenn kein freier Verband bereit war, diese Aufgabe zu übernehmen.128 Als Geldgeber forderten sieMitspracherechte bei der Ausgestaltung der sozialenMaßnahmen in ihremWirkungskreis – auch imNamen ihrer Bürgerinnen und Bürger, für die sie sich auch aus städtischer Tradition heraus verantwortlich fühlten.129 Auch von kommunaler Seite her schien es beim Susidiaritätsstreit also in erster Linie darum zu gehen, die Stellung der öffentliche Fürsorge im dualen System der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege zu stärken. Wie Friederike Föcking bereits feststellte, führten Kommunalvertreter diesen Streit aber nicht nur aus sozialpolitischenGründen.Ähnlichwie dieKirchen, die über denBereich derWohlfahrtspflege ihren Einfluss auf die bundesdeutsche Gesellschaft insgesamt vergrößern wollten, versuchten auch sie die Auseinandersetzungen um die Fürsorgereform strategisch zu nutzen: Zum einen ließ sich durch die Fürsorgepolitik als Domäne kommunaler Selbstverwaltung die Bedeutung der Gemeinden unterstreichen. Für das Selbstverständnis der Kommunen war das von enormer Bedeutung und konnte wenigstens teilweise ihre Enttäuschung darüber kompensieren, dass ihre Bemühungen fehlgeschlagen waren, vom Verfassungsgeber eine gleichrangige Stellung im Staatsgefüge zugeschrieben zu bekommen wie Bund und Ländern. Zum anderen war die öffentliche Fürsorge ein wichtiger, zum Teil bundesfinanzierter Finanzposten, der dank Nachrangigkeit und Individualprinzip flexibel gehandhabt werden konnte: Die Gemeinden konnten Finanzmittel, die sie bei der öffentlichen Fürsorge einsparten, dazunutzen, finanzielle Engpässe an anderen Stellen auszugleichen.Daswar deshalb wichtig, da ihnendasGrundgesetz zwar dasRecht auf kommunale Selbstverwaltung 128 Dies bedeutete im Vergleich zur in der Reichsfürsorgeverordnung bereits festgelegten Bestandsgarantie für Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege nochmals eine Gewichtsverschiebung zu Ungunsten der öffentlichen und damit kommunalen Fürsorge. Vgl. Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 14. 129 Rudolf Prestel: Zur Sozialarbeit der deutschen Städte, in: Der Städtetag 9.7 (1956), S. 286–292; Karl Theodor Marx: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 334–338; Otto Suhr: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 338–340. Vgl. auch Kapitel 3.2.3. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 261 garantierte, dieses Recht aber indirekt einschränkte, indem die Finanzausstattung der Gemeinden, einschließlich des kommunalen Finanzausgleichs, dem Zuständigkeitsbereich der Bundesländer zugewiesen worden war.130 Beide Aspekte erklären, warum sich die Interessenvertreter der Kommunen gegen eine derart einseitige Auslegung des Subsidiaritätsprinzips sträubten, wie die konfessionelle Wohlfahrtspflege sie forderte. Denn diese schränkte zum einen die kommunale Selbstverwaltung im Bereich der Fürsorge massiv ein; schließlich war die Errichtung von Fürsorgeeinrichtungen nur nochmittelbar über die freienWohlfahrtsverbände möglich. Zum anderen büßten die Kommunen durch die Finanzierungspflicht der freienVerbände ihreKontrolle über die Fürsorgeausgaben teilweise ein, was sich wiederum negativ auswirkte auf ihren ohnehin schon geringen finanziellen Handlungsspielraum. DerDeutsche Städtetag bemühte sich daher auch, die Reform des Fürsorgerechts an die Einführung eines neuen Finanzausgleichs zu koppeln. Kommunalvertreter argumentierten immer wieder damit, dass sich gesetzlich festgelegte Leistungsverbesserungen nur dann umsetzen ließen, wenn damit auch eine Verbesserung der Finanzausstattung der Gemeinden einhergehe.131 Dabei versuchten sie auch mit Slogans wie „Heute arme Städte – morgen arme Bürger“132 für ihre Sache zu werben. Jedoch zeigten ihre Bemühugen erst Ende der 1960er JahreWirkung. 1969 kam es zu einer großen Finanzreform, die die Finanzautonomie der Gemeinden stärkte und ihre finanzielle Situation deutlich verbesserte. Die Hauptlast der Finanzierung der Sozialhilfe verblieb jedoch bei den Kommunen – allen Vorstößen für eine stärkere Einbindung von Bund und Ländern zum Trotz.133 Die Reaktionen auf das Bundessozialhilfegesetz fielen in Fürsorgekreisen dementsprechend unterschiedlich aus. Die Caritas war zufrieden, vor allem mit der Auslegung des Subsidiaritätsprinzips. In einemMemorandumvomApril 1961 zeigte sie sich erfreut darüber, dass der Gesetzgeber es der öffentlichen Wohlfahrtspflege „schlechthin zur Pflicht mach[e]“, mit der Kirche und ihren Verbänden zusammenzuarbeiten.134 Zugleich, und das bereitete vor allem dem Klerus Sorge, sah sie 130 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 89-95. 131 Ebd., S. 188f. 132 Heute arme Städte – morgen arme Bürger, in: Der Städtetag 24.6 (1971), S. 334–335. 133 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 94, 393. 134 MemorandumdesDCV „Zur Situation der kirchlichen Liebestätigkeit in der Bundesrepublik“ vom 4.4.1961, ADCV, 110.055, Fasz. 1961/2. 262 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe sich durch das Gesetz im offenen Wettbewerb mit den anderen Trägern der freien Wohlfahrtspflege. Die deutschen Bischöfe forderten die Seelsorger daher dazu auf, Überzeugungsarbeit zu leistenund jedemkatholischenChristenbewusst zumachen, worin der Wert des katholischen Beistandes im Gegensatz zur konfessionsungebundenen Hilfe bestehe.135 DieFührungsriege desDCVschlugwenigeMonate vor InkrafttretendesGesetzes hingegen vorsichtigere Töne an. Im Januar 1962 riet ihr Vorstand davon ab, den nun gesetzlich garantierten Vorrang der freien Wohlfahrtspflege überzubetonen. Zum einen wollten seine Mitglieder die Fronten nicht weiter verhärten. Zum anderen – und das zeigt sich als der eigentliche Grund – war die freie Wohlfahrtspflege in ihrenAugen für diesenVorranganspruch personell und schulungsmäßig überhaupt nicht vorbereitet. Insbesondere bei der offenenHilfe zeigten sich große Defizite, die zunächst eine bessere Ausbildung des Personals erforderten.136 Auf letzteren Aspekt hatte Lotte Lemke bereits ein halbes Jahr früher verwiesen. So forderte sie am 25.6.1961 den Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt dazu auf, dieAusbildung, SchulungundFortbildunghaupt- undnebenamtlicherMitarbeiter auszubauen, umden aufdenVerband zukommendenpraktischenAufgabengerecht werden zu können. Dazu gehörte ihrer Ansicht nach auch die Schaffung und Herausgabe von fachlichem Schulungs- und Informationsmaterial.137 Erwartungsgemäßwar dieArbeiterwohlfahrt gegenüber demneuen Sozialhilfegesetz beziehungsweise den darin verankerten Vorstellungen zur Subsidiarität wesentlich negativer eingestellt als die Caritas. NachVerabschiedung des BSHG sah sich die AWO-Führung daher dazu angehalten, bis zum Inkrafttreten des Gesetzes in enger Zusammenarbeit mit den SPD-Fraktionen in Ländern und Gemeinden Überlegungen dazu anzustellen, wie einem ‚Ausverkauf‘ kommunaler Aufgaben und Vermögenswerte vorgebeugt werden könne. Sie befürchtete, dass auch die SPD-regierten Kommunen aus Kostengründen dazu übergehen würden, immer mehr Aufgaben undEinrichtungen im sozialenBereich an die freienVerbände abzugebenunddamit einer Konfessionalisierung der Wohlfahrtspflege Vorschub zu leisten. Hinzu kam, dass sie durch einzelne gesetzliche Regelungen auch das gute partnerschaftliche 135 „Die neuen Sozialgesetze – einWort der Bischöfe an den Klerus“, ADCV, 110.055, Fasz. 1962/1. 136 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 18.1.1962 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1962/1. Siehe auch: Alfons Goppel: Freie Wohlfahrtspflege im demokratischen Staat, in: Caritas 62.4 (1961), S. 140–149. 137 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 25.6.1961 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 263 Verhältnis zwischen dem eigenen Verband und den Gemeinden in Gefahr sah. Um dem von vornherein entgegenzuarbeiten, forderte Lotte Lemke die Verbandsspitze dazu auf, so oft wie möglich darauf hinzuweisen, dass die Arbeiterwohlfahrt der einzige Wohlfahrtsverband sei, der den Vorrang der Kommunen in der sozialen Arbeit ausdrücklich bejaht habe.138 Nach eigener Einschätzung zeigten die Bemühungen der Verbandsspitze schon bald Erfolge. Bereits im Frühjahr des folgenden Jahres berichtete Lemke demHauptausschuss, dass viele Kommunalpolitiker erst durch die Aufklärung durch Vertreter der Arbeiterwohlfahrt die Problematik der neuen Sozialgesetze erkannt hätten. Indirekt geht aus dem Sitzungsprotokoll hervor, dass sich das auch positiv auf die Zusammenarbeit zwischen AWO und SPD-regierten Kommunen auswirkte. Darüber hinaus schien die klareHaltung des Verbandes zu den neuenGesetzen die Kontakte zur SPD wieder zu stärken, was der AWO-Vorstand begrüßte.139 Wie bereits erwähnt, reagierten die Länder Hessen, Bremen, Hamburg und Niedersachsen auf die Verabschiedung des BSHG mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Von kommunaler Seite her waren allerdings eher beschwichtigende Worte zu vernehmen. So berichtete die Zeitschrift Der Städtetag, dass der Vorsitzende des DV,HansMuthesius, die freie und die öffentlicheWohlfahrtspflege auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1961 zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit aufgefordert habe. Eindringlich habe er dabei an das gemeinsame Ziel erinnert, hilfsbedürftige Menschen zu unterstützen, und damit den Konkurrenzkampf zwischen den beiden Fürsorgezweigen indirekt verurteilt.140 Im folgenden Jahr veröffentlichte Der Städtetag wiederum einen Artikel, der diese Forderung erfüllt sah. Die Zusammenarbeit der öffentlichen Stellen mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege beschrieb der Autor darin als gut. Bei den vielen neuen Hilfsmöglichkeiten, die das BSHG geschaffen habe, habe es keinen Konkurrenzkampf, keinen Streit um Aufgaben gegeben, sondern nur „ein Ineinandergreifen aller Hände, eine echte Gemeinsamkeit“.141 138 Ebd. 139 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 24.2.1962 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 140 Deutscher Fürsorgetag 1961, in:Der Städtetag 15.1 (1962), S. 53.Aufgrund seiner früherenTätigkeit als Beigeordneter für Soziales beim DST kannMuthesius hier als Meinungsvertreter der kommunalen Wohlfahrtspflege gewertet werden. Siehe Kapitel 3.2.3. 141 Hilfsbereitschaft und Vorsorge, in: Der Städtetag 15.4 (1962), S. 182–184. 264 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Vor einer Konfessionalisierung des sozialen Bereichs schien der DST im Gegensatz zur Arbeiterwohlfahrt also keine Angst gehabt zu haben. Die Kommunen zeigten sich in erster Linie an praktikablen sowie kostengünstigen Lösungen interessiert.Wie bereits beschrieben, versuchten sie darüber hinaus, ihre Forderungen nach mehr Finanzautonomie strategisch an die Fürsorgereform zu koppeln. Der Streit um die Vorrangstellung von freier oder öffentlicher Wohlfahrtspflege war für sie also nicht gleichbedeutend mit einer Auseinandersetzung um Weltanschauungen. Das zeigte sich auch noch, als der Subsidiaritätsstreit im Zuge der 68er-Bewegung erneut aufkam. Bernhard Happe, der Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre einer der wichtigsten Sozialexperten des Deutschen Städtetags war, verteidigte damals die konfessionellen Verbände gegenüber Angriffen junger Linker, die diese kommunalisieren wollten. Dabei argumentierte er mit der Innovationskraft und Flexibilität privater Ideen undTräger. Auf diese sei dieWohlfahrtspflege angewiesen, dennBehörden seien viel zu schwerfällig, um schnell auf neu auftretendeNotstände reagieren zu können. Darüber hinaus hätte die Kommunalisierung des gesamten Wohlfahrtssektors seiner Ansicht nach hohe Kosten verursacht.142 Nichtsdestotrotz ermahnte 1973 auch DST-Vertreter Happe die freien Verbände zu einer besseren Zusammenarbeit mit den öffentlichen Trägern. Seiner Ansicht nach ginge das Potenzial vieler Einrichtungen verloren, wenn die verschiedenen Stellen nicht richtigmiteinander kooperierten.Dahermachte er denVorschlag, dass sich die freien Träger zukünftig auf Schwerpunktaufgaben, Spezialgebiete und projektbezogene Aufgaben konzentrieren sollten, wie die Arbeit mit Alten, Jugendlichen oder Ausländern. Für die allgemeine Fürsorge, zu der er auch die Familienfürsorge zählte, wollte er dagegen allein die öffentliche Verwaltung zuständig wissen. Diese habe hierzu schließlich den gesetzlichen Auftrag.143 Dass Vorschläge wie diese bei Caritas-Vertretern nicht gut ankamen, erschließt sich bereits aus der beschriebenen Bedeutung, die die katholische Wohlfahrtspflege dem Thema Familie zuwies. Daraus erklärt sich auch, dass Caritas-Vertreter nicht müde wurden, die mangelnde Kooperationsbereitschaft seitens der öffentlichen Wohlfahrtspflege zu beklagen. Mehr noch: Ein halbes Jahrzehnt nach Verabschiedung des BSHG zog der DCV-Vorstand die Bilanz, dass bei manchen Ämtern zum 142 Bernhard Happe: Die Zusammenarbeit der Wohlfahrtspflege auf örtlicher Ebene. Arbeitsgemeinschaften nach § 95Abs. 1 BSHG, in:Der Städtetag 20.3 (1967), S. 125–128; Innere Probleme der Städte, in: Der Städtetag 25.4 (1972), S. 208. 143 Bernhard Happe: Koordinierung und Kooperation als Arbeitsprinzip im sozialen Bereich, in: Der Städtetag 26.12 (1973), S. 649–653. 4.1. Der Vorrang privater Hilfe als Ausgangspunkt 265 Thema Subsidiarität noch ‚unterentwickelte‘ Vorstellungen herrschten. Seiner Meinung nach zeigten sich bei den Kommunen sogar Bestrebungen, die freie Wohlfahrtspflege zumErfüllungsgehilfen der behördlichen Sozialhilfe zumachen.144Deshalb stellte sich die Führungsspitze der Caritas kurz vor der Urteilsverkündung des Bundesverfassungsgerichts zum BSHG auch darauf ein, große Kraft darauf zu verwenden „den Besitzstand zu halten“, sollten die umstrittenen Regelungen zum Subsidiaritätsprinzip gekippt werden.145 Es ist nach den vorherigen Ausführungen dennoch nicht geboten, daraus auf eine eindeutige Antwort auf die Eingangsfrage zu schließen, ob es beim Subsidiaritätsstreit mehr um die Stärkung der Eigenverantwortung der Betroffenen ging oder um einen Konkurrenzstreit zwischen den verschiedenen Sozialhilfeträgern. Denn es hat sich gezeigt, dass dieser Streit bei allen drei Akteuren aus unterschiedlichen Motivationen heraus geführt wurde. Zum einen ging es dem Cartitasverband wie den Kommunalvertretern und der Arbeiterwohlfahrt darum, durch strategisches Verhalten den eigenen Einflussbereich zu erweitern. Zum anderen hatte der Subsidiaritätsstreit für alle drei Akteure die Bedeutung einer Grundsatzdiskussion, bei der ein Abrücken von der eigenen Position das eigene Selbstverständnis beziehungsweise Weltbild in Frage gestellt hätte.146 Deshalb ist es einerseits richtig zu sagen, dass das Subsidiaritätsprinzip in der Praxis letztlich auf ein kompliziertes Subventionsprinzip herauslief.147 Andererseits zeigte die Durchsetzung dieses Prinzips jedoch nicht nur Auswirkungen auf das wohlfahrtsstaatliche Handeln, sondern auch auf das wohlfahrtsstaatliche Denken. Ebenso wie das Prinzip des Familialismus scheint die Vorrangstellung der privaten Träger wie auch die Betonung des Prinzips der Eigenverantwortung der Betroffenen den bundesdeutschen Armutsdiskurs nachhaltig beeinflusst zu haben. Diese These zu überprüfen soll daher Teil des folgenden Abschnitts sein, der sich dem Wandel der Sozialen Arbeit widmen wird. Zunächst werden dabei die Veränderungen in 144 Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 19.4.1966 in Paderborn, ADCV, 110.055, Fasz. 1966/2. 145 Niederschrift zur Sitzung des ZVdesDCVam 17./18.7.1967 in Freiburg,ADCV, 110.055, Fasz. 1967/3. 146 In der Öffentlichkeit wurde dies durchaus als problematisch diskutiert. In einer Sendung des Bayerischen Rundfunks hieß es, der Respekt vor der immensen Leistung der zahllosen öffentlichen wie auch privaten Sozialhilfeträger vermöge nicht ganz den Zweifel ausräumen, ob nicht bei alledem auch vereinsmeierische Rivalität mit im Spiel sei. Armes Deutschland, in: Soziale Ordnung. Christlich Demokratische Blätter der Arbeit 20.2 (1966), S. 8–9. Siehe dazu auch Matthes: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 14 sowie 17-22. 147 Heinz Niedrig: Arbeiterwohlfahrt und die freie Wohlfahrtspflege – Kritische Fragen an die freie Wohlfahrtspflege, in: TuP 25.10 (1974), S. 368–376, hier: S. 375. 266 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe den Zielvorstellungen der Fürsorgeexperten beleuchtet. Sozialarbeiter sollten nicht mehr nur als Notfallhelfer agieren, sondern durch ihre Arbeit dazu beitragen, die Entstehung vonArmut zu verhindern. Im zweiten Schritt geht es darum, dieAuswirkungen dieser veränderten Selbstwahrnehmung auf die Praxis der Sozialen Arbeit an konkreten Beispielen nachzuzeichnen und daraus wiederum Rückschlüsse auf die damals vorherrschenden Armutsvorstellungen zu ziehen. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 4.2.1. „Wandel der Not – Wandel der Sozialarbeit“148 In der Zeit des Übergangs von den 1950er zu den 1960er Jahren mehrten sich die Anzeichen dafür, dass die Not- und Aufbauphase der Nachkriegszeit an ihr Ende gelangt war. Der Großteil der Zeitgenossen hielt die materielle Grundsicherung der Bevölkerung für gesichert. Die offensichtlichsten Formen der Armut (Ruinen- und Kellerwohnungen, Suppenküchen undWärmestuben) waren aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Zudem ging es für viele Bundesbürgerinnen und -bürger im Vergleich zur Nach- und Zwischenkriegszeit tatsächlich wirtschaftlich bergauf. So konnten sich immer mehr Menschen ein eigenes Auto oder einen eigenen Fernseher leisten. Im Laufe der 1960er Jahre ließ der anhaltendeWirtschaftsaufschwung diese und andere Konsumformen einer Wohlstandsgesellschaft dann für weite Bevölkerungskreise zur Normalität werden.149 Im Bereich der konfessionellen Wohlfahrtspflege kann die Vereinigung der Inneren Mission mit dem Evangelischen Hilfswerk zum Diakonischen Werk im Jahr 1957 als Indiz dafür gewertet werden, dass das Kapitel der Kriegsfolgenhilfe als abgeschlossen galt. Denn das Evangelische Hilfswerk war ursprünglich zur Linderung der Kriegsnot gegründet worden, weitete sein Aufgabenspektrum aber zunehmend aus und glich es damit demjenigen der Inneren Mission an. Der Zusammenschluss der beiden evangelischen Wohlfahrtsverbände war die logische Konsequenz.150 Die Arbeiterwohlfahrtwiederumwies in ihremGeschäftsbericht aus dem Jahr 1959 sogar explizit darauf hin, dass sich die materiellen Lebensgrundlagen stabilisiert hätten. 148 Eugene Ries: Wandel der Not –Wandel der Sozialarbeit, in: BdW 111.2 (1964), S. 50–55. 149 Jähnichen: Einleitung, hier: S. 10; Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 203. 150 Jähnichen: Einleitung, hier: S. 10. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 267 Dazu beigetragen hätten vor allem die Reformen der sozialen Sicherungsgesetze, „die, wenn sie auch noch empfindliche Lücken aufweisen, doch beachtliche Verbesserungen gebracht haben“.151 Die Zahl der Fürsorgeempfänger ging also aufgrund des massiven Rückgangs der Kriegsfolgenhilfen zurück. Gleichermaßen trug der Ausbau vorgelagerter Sicherungssysteme zu ihrem quantitativen Bedeutungsverlust bei. Dies zwang die Wohlfahrtsexperten dazu, ihren Aufgabenbereich und damit auch ihr Selbstverständnis neu zu definieren, allein schon um das eigene Berufsfeld zu bewahren. Hinzu kam, dass die Justiz durch die faktische Anerkennung eines Rechts auf Fürsorge im Jahr 1954 bereits zu einer Aufwertung der Wohlfahrtspflege beigetragen und auf diesem Gebiet Modernisierungsimpulse gesetzt hatte.152 Den Experten zu unterstellen, sie hätten die Neuausrichtung der Wohlfahrtspflege aus reinem Opportunismus vorangetrieben, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Zwar dienten diese Debatten durchaus der Selbstlegitimierung. Die Experten zogen aber auch verfassungsrechtliche und politische Argumente für diese Weichenstellung heran. Allerdings wirkten sie mit ihren Forderungen nach einem weiteren Ausbau des sozialen Sicherungssystems (beispielsweise nach einer Erhöhung des Kindergelds oder mehr Gesundheitsvorsorge) teilweise selbst darauf hin, laufende Fürsorgeleistungen zur Ausnahme zu machen. Dabei argumentierten sie mit dem Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes, aus dem vor allem Sozialdemokraten ein Grundrecht auf soziale Sicherung im Falle der sogenannten ‚Standardrisiken des Lebens‘ ableiteten.153 Ebenso häufig diente das aus Artikel 1 des Grundgesetzes abgeleitete Recht auf einmenschenwürdiges Leben als Begründung für einenweiteren Sozialstaatsausbau, oft in Verbindung mit der in Fachkreisen populärer werdenden Ansicht, Armut sei ein Relationsbegriff. Dadurch musste auch das von den Fürsorgeleistungen abgedeckte Existenzminimum aus Sicht der Fachleute mit fortschreitendemWohlstandszuwachs immer weiter steigen. Denn, wie es ein Autor der Caritas-Zeitschrift 1958 formulierte, dieArmut unterliege dem ‚Gestaltwandel‘ dermenschlichenVerhältnis- 151 Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Unsere Arbeit, hier: S. 81. Siehe auch: Maria Schwarz: Neue Notstände und neue Formen der Hilfsbedürftigkeit, in: BdW 110.1 (1963), S. 5–11. 152 Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 89, 160f. 153 Siehe z.B. Ludwig Preller:Wie stehen soziale Sicherung und Fürsorge zueinander?, in: NB 9.6 (1955), S. 84–85;Welche Funktion behält die Fürsorge in einemSystemder sozialen Sicherung? Bericht über das Referat von Professor Dr. Ludwig Preller, MdB, Bonn, in: NB 10.7 (1956), S. 99–100. Siehe auch Kapitel 2.1. 268 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe se. Daher entschieden Zivilisationsstand und Kulturbewusstsein darüber, was ein Mensch zu einemmenschenwürdigen Leben für notwendig halte.154 Die dritte Argumentationslinie für eine Ausweitung der sozialen Hilfsmaßnahmen beruhte darauf, dass viele Sozialexperten die Verwirklichung und Sicherung der sozialen Gerechtigkeit als eine der wichtigsten Aufgaben demokratischer Gesellschaften betrachteten. Dabei sahen sie sich mit bereits erwähntem ‚Paradoxon der liberalen Demokratie‘ (Hockerts) konfrontiert: Während die demokratische Ordnung auf der Idee der politischen Gleichheit beruhe, produziere die Marktökonomie, auf die sich erstere stützt, unablässig soziale Ungleichheit. Daraus wiederum resultiere eine strukturelle Spannung, die ständig neu austariert werden müsse, insbesondere mit Hilfe des Sozialstaats.155 Auch in der Debatte um die Neuausrichtung der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege wurden Demokratie und Sozialstaatsausbau vornehmlich als Einheit behandelt. Die auf dem deutschen Fürsorgetag von 1957 erhobene und in den folgenden Jahren vielfach zitierte Forderung ‚Vom Fürsorgeuntertan zum Fürsorgebürger‘ zeugt von der Bedeutung des Demokratiediskurses für die damalige Wohlfahrtspflege.156 Es gab selbst konfessionelle Wohlfahrtsexperten, die ein Mindestmaß an materiellerGleichheit unddamit sozialerGerechtigkeit zurGrundvoraussetzung für eine funktionsfähige Demokratie erklärten. Wenn nötig, so Caritas-Justitiar Franz Klein 1957, müsse der Staat die abstrakte staatsbürgerliche Gleichheit innerhalb bestimmter Bereiche zu einer materiellen Gleichheit umgestalten.157 Auf dem Boden des Rechtsstaats bestehe zwar eine formalrechtliche Gleichheit, formulierte ein christlicher Gewerkschafter 1956, aber die höchst ungleichen Startbedingungen gäben dem Bemittelten einen ungerechtfertigten Vorsprung vor dem Unbemittelten und verursachten Funktionsstörungen, die unter immer ungleicheren Bedingungen zur Zerstörung des Wirtschafts- und damit auch des Gesellschaftssystems führen 154 Anton Böhm: Die Not der Caritas in dieser Zeit, in: Caritas 59.7/8 (1958), S. 209–217. 155 Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 7. 156 Vom Fürsorgeuntertan zum Fürsorgebürger. Nachlese zumDeutschen Fürsorgetag 1957 – Fürsorge ist Hilfe zur Selbsthilfe, in: WdA 8.50 (1957); Deutscher Fürsorgetag 1957. Thema: Die Neuordnung des Fürsorgerechts alsTeil einer Sozialreform, in:NDV38.1 (1958), S. 1–24;Wie kanndie Selbstverantwortlichkeit des Hilfsbedürftigen gestärkt werden?, in: NDV 38.7 (1958), S. 185–186; Paul Collmer: Hilfe in dermodernenGesellschaft. Bemerkungen zumEntwurf des neuen Fürsorgegesetzes, in:Die Mitarbeit 7.12 (1958), S. 565–577; Ludwig Preller: Freiheit und Verantwortung in der sozialen Arbeit, in: NB 15.12 (1961), S. 178–181. 157 Franz Klein: Die Freie Wohlfahrtspflege in einem Bundesfürsorgegesetz, in: Caritas 58.7 (1957), S. 170–178. Siehe auch Pope: Alfred Delp, S. 92f. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 269 müssten. So könne vom Recht auf Freizügigkeit nur derjenige Gebrauch machen, der auch die Mittel dazu habe, Wohnung und Arbeitsplatz zu wechseln. Gleiches gelte für das Recht auf freie Berufswahl, das die finanziellen Mittel für jedwede Berufsausbildung voraussetze.158 Insgesamt nahm die Wohlfahrtsp ege ihre durch das Wirtschaftswachstum und den Sozialstaatsausbau freigewordenen Kapazitäten als Chance wahr, die bereits in den 1920er Jahren entfalteten, wegen derWeltwirtschaftskrise aber wieder verworfenen Ideen zu neuen Formen der Fürsorge endlich in die Tat umzusetzen: Nicht mehr materielle Unterstützungsleistungen waren das primäre Ziel der Fürsorge, sondern die erzieherische Arbeit. Letztere wiederum sollte ebenso wie der Ausbau des der Fürsorge vorgelagerten sozialen Sicherungssystems dazu beitragen, die Entstehung neuer Armutslagen zu verhindern und allen Bundesbürgerinnen und -bürgern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.159 So verneinte die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Lotte Lemke, 1956 die damals häufig gestellte Frage, ob dieWohlfahrtspflege bei anhaltendemWirtschaftsaufschwung und dem weiteren Ausbau der sozialen Sicherungssysteme überflüssig werden würde. Sie war im Gegenteil der Meinung, dass die Fürsorge erst durch die Entbindung von vielen althergebrachten Aufgaben und Pflichten dazu kommen werde, ihre wesentlichste Funktion zu erfüllen. Diese bestand in ihren Augen darin, „auf dem weiten Feld der nicht materiellen Not, überall da, wo etwas im persönlichen Leben der Menschen nicht in Ordnung ist, bei Störungen im Familienleben, bei Erziehungsproblemen, bei Anpassungsschwierigkeiten in der Arbeit, auf vielen anderen Gebieten helfend einzugreifen, alles das aufzufangen, was sich nicht in das Schema der Paragraphen einfügen läßt, und hier so frühzeitig und so zu helfen, daß ein Notstand erst gar nicht entsteht“.160 SozialdemokratischeWohlfahrtsexperten riefen inAbgrenzung zur früherenGleichsetzung von Sozialpolitik undArbeiterpolitik dazu auf, alle gesellschaftlichenGrup- 158 Herbert Schack: Christ und Wohlfahrtsstaat, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 7.3 (1956), S. 169– 173. Vgl. auch Sachße/Tennstedt: Armenfürsorge, Bd. 3, S. 275f. 159 Franz Klein: Die Freie Wohlfahrtspflege in einem Bundesfürsorgegesetz, in: Caritas 58.7 (1957), S. 170–178. Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 173, 203. 160 Lotte Lemke: Die heutige Situation der Arbeiterwohlfahrt. Auszug aus dem Referat von Lotte Lemke, in: NB 10.7 (1956), S. 97–99. 270 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe pen in denBlick zu nehmen.Denn Sozialarbeiter seien nichtmehr nurNotfallhelfer. Sie wirkten durch ihre Arbeit vielmehr daran mit, die Gesellschaft zu gestalten.161 Aussagen wie „Soziale Not führt zu Sprachstörungen und zu gesellschaftlicher Isolierung“162 oder „Auf den Mangel kommt es an, nicht auf die Güter, an denen es mangelt: das kann eine Brotschnitte, es kann auch ein Rundfunkgerät sein“.163 zeugen davon, dass in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre sowohl sozialdemokratische als auch konfessionelle Fürsorgeexperten davon ausgingen, dass sich ‚Not‘ auch anders ausdrückenkonnte als inFormmateriellerMängel.Das bedeutete aber nicht, dass sie die materielle Dimension von Armut ignorierten. Sie betrachteten diese allerdings vermehrt als Folgeerscheinung sozialer Probleme, die durch präventiveMaßnahmen in den Griff zu bekommen sei.164 Gleichzeitig war der Begriff ‚Armut‘ offenbar für extreme materielle Unterversorgung reserviert. Dies schien einerseits aufgrund der lebendigen Erinnerungen an die Massenarmut der Zwischen- und Nachkriegszeit geboten. Andererseits mieden Fürsorgeexperten den Begriff, wie auch andere im Fürsorgebereich vormals gängige Begriffe, bewusst, um das Neuartige ihrer Ansätze zu betonen. Denn, wie es ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums 1957 formulierte: „[A]lles Neue setzt sich nun einmal schlecht durch, wenn es unter alten Begri en Einzug hält.“165 Darüber hinaus wollten sie durch die Einführung neuer Begriffe ihre Arbeit vom negativen Image der früheren ‚Armenpflege‘ abgrenzen.166Das gelang allerdings nur 161 Welche Funktion behält die Fürsorge in einem System der sozialen Sicherung? Bericht über das Referat von Professor Dr. Ludwig Preller, MdB, Bonn, in: NB 10.7 (1956), S. 99–100; Matthes: GesellschaftspolitischeKonzeptionen, S. 22; Lemke: 50 JahreAWO, hier: S. 108. Vgl. Kaufmann:Der Begriff der Sozialpolitik, hier: S. 69. 162 AW hilft den Kindern. Soziale Not führt zu Sprachstörungen und zu gesellschaftlicher Isolierung, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Niedersachsen und Bremen 8.24 (1957). 163 Anton Böhm: Die Not der Caritas in dieser Zeit, in: Caritas 59.7/8 (1958), S. 209–217. 164 Adolf Mathes: Folgerungen für die Gefährdetenhilfe, in: Caritas 65.5 (1964), S. 232–236. Siehe auch: Walter Baumeister: Hilfe zur Selbsthilfe des Alkoholkranken, in: Caritas 59.3/4 (1958), S. 56–62; Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Unsere Arbeit, hier: S. 82; Jakob David: Christliches Helfen – Erbe und Zukunft, in: Caritas 65.8 (1964), S. 323–330; Gibt es heute noch Arme?, in: Vinzenz-Blätter 48.5 (1965), S. 106–108. 165 Muthesius (Hrsg.): Gesamtbericht. 166 Alfons Goppel: Freie Wohlfahrtspflege im demokratischen Staat, in: Caritas 62.4 (1961), S. 140–149; Ludwig Neundörfer: Gewandelte Zielsetzung der sozialen Arbeit, in: Caritas 62.8 (1961), S. 303–314; Ludwig Preller: Freiheit und Verantwortung in der sozialen Arbeit, in: NB 15.12 (1961), S. 178–181. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 271 bedingt.167Der ‚Wandel fürsorgerischerDenkbilder‘168 in Richtung Prävention und Rehabilitation lässt sich für die zweiteHälfte der 1950er Jahre dagegen in allenwichtigen Fachzeitschriften derWohlfahrtspflege nachweisen.169Auch dieWochenzeitung Welt der Arbeit ging hierauf immer wieder ein. So verwies 1958 der Autor eines Artikels zum Thema Tuberkulosehilfe darauf, dass viele Erkrankte zu früh wieder ihrer Arbeit nachgingen, da sie die Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz und die ihrer Angehörigen dazu treibe. Das verhindere jedoch ihre vollständige Genesung und verfestige letzlich ihre sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Der Autor forderte daher, dass sich die Tuberkulosehilfe stärker auf die Rehabilitation konzentrieren solle und dabei auch die ‚wirtschaftliche Rückführung‘ der Betroffenen im Blick haben müsse.170 Die Fürsorgeexperten wollten also weit mehr als das Existenzminimum sichern. Sie wollten Werte schaffen, nicht nur Werte erhalten.171 Dabei entwickelten sie ihre Vorstellungen von Unterstützungsbedürftigkeit im Vergleich zur Nachkriegszeit weiter und konzentrierten ihre Arbeit auf die Hilfe bei sozialen Problemen. Paradoxerweise machten viele von ihnen gerade das viel beschworene ‚Wirtschaftswunder‘ Siehe auch: Orthbandt: Der Deutsche Verein, S. 361. Das scheint auch ein Grund dafür gewesen zu sein, dass in der Caritas-Zeitschrift die Linderung seelischer Not über den gesamten Untersuchungszeitraum an erster Stelle stand. Die wirtschaftliche Seite der Armut thematisierten die meisten Zeitschriftenartikel dagegen nur indirekt. 167 Vgl. Zacher: Sozialpolitik und Menschenrechte, S. 68f; Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 390. 168 Franz Klein: Die Freie Wohlfahrtspflege in einem Bundesfürsorgegesetz, in: Caritas 58.7 (1957), S. 170–178. 169 Siehe z.B. Ernst Barth: Rehabiliation im Mittelpunkt. Sechs Vorschläge für die Kriegsopferversorgung, in: SozFor 4.5 (1955), S. 116; ArthurHenning: Zur sozialen undwirtschaftlichen Eingliederung des sprachgestörten Menschen. Ein Beitrag zur Frage der Rehabilitation, in: NB 9.11 (1955), S. 165–166; Gertrud Ihme: Gedanken zur Rehabilitation, in: BdW 102.11 (1955), S. 399–400; Karl Schneider: Früherfassung Gefährdeter im Raum der Schule. Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Schularzt und Lehrer, in: Der Städtetag 10.1 (1957), S. 8–9; Walter Baumeister: Caritative Suchtkrankenfürsorge, in: Caritas 58.10/11 (1957), S. 284–286; Ludwig Neundörfer: Gewandelte Zielsetzung der sozialen Arbeit, in: Caritas 62.8 (1961), S. 303–314. 170 Tuberkulose immer noch nicht besiegt. Über 440 000Tbc-Kranke in der Bundesrepublik –Kranke, die kein eigenes Zimmer und kein eigenes Bett haben, in: WdA 9.25 (1958). Siehe auch: Sozialarbeit bedeutet nicht Almosenspenden, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Bayern 7.33 (1956). 171 Ernst Weinbrenner: Persönliche Hilfen in der gesetzlichen Fürsorge und in der kommenden Sozialhilfe, in: Caritas 60.7/8 (1959), S. 217–230; Boehle1960; EugeneRies:Wandel derNot –Wandel der Sozialarbeit, in: BdW 111.2 (1964), S. 50–55. 272 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe mitverantwortlich für diese Verschiebung. So kommentierte beispielsweise Otto Ohl, Pastor und Vorstandsmitglied des DiakonischenWerkes 1957: „Nun da die gröbste Not behoben ist, überfällt es uns, in welch großer inneren Vereinsamung wir leben.“172 Ab Mitte der 1950er Jahre war in Fachkreisen die These populär, diemoderne Industriegesellschaft erzeuge ganz neue Zwänge und Nöte. Neben dem vermeintlichen Funktions- und Strukturwandel der Familie galten technische Neuerungen und der damit verbundene ansteigende Leistungsdruck als Hauptursachen für soziale Probleme – oder wie es in den Blättern der Wohlfahrtspflege 1958 hieß: Die Rationalisierung des Lebens führe zu einer „gewaltigen Not der Einsamkeit“.173 Darüber hinaus wurde immer wieder auf die sozialen Umwälzungen in Folge des Krieges verwiesen. Als Konsequenz meinten Sozialexperten eine große soziale wie auch ideelle Mobilität zu erkennen, welche in ihren Augen wiederum dazu führe, dass Daseinsformen und Weltanschauungen, die den Menschen vormals Richtung und Halt gegeben hätten, ihre tragende Wirkung verloren hätten. Gemeint war damit in erster Linie das Zusammenleben in derMehrgenerationenfamilie sowie das Hochhalten christlich-traditioneller Wertvorstellungen.174 Häufig wurde ein direkter Zusammenhanghergestellt zwischendemAnstieg des Lebensstandards unddem (vermeintlichen) Rückgang von Solidarität, Nächstenliebe undMenschlichkeit.175 Viele Zeitgenossen standen diesem scheinbar parallelen Anstieg von materiellem Reichtum und sozialen Problemen in der Bundesrepublik rat- und verständnislos 172 Otto Ohl: Aufgaben der Altersfürsorge auch noch nach der Rentenreform?, in: BdW 104.12 (1957), S. 391–394. Siehe auch: Anton Böhm: Die Not der Caritas in dieser Zeit, in: Caritas 59.7/8 (1958), S. 209–217; Albert Stehlin: Caritasdienst gestern, heute und morgen, in: Caritas Jg. 69 (1968), S. 63– 71. 173 Versorgungsstaat und freie Fürsorge, in: BdW 105.1 (1958), S. 29–30. 174 Maria Schwarz: Neue Notstände und neue Formen der Hilfsbedürftigkeit, in: BdW 110.1 (1963), S. 5–11. Siehe z.B. auch Nuna Sailer: Der Sozialarbeiter in der modernen Gesellschaft, in: NB 10.7 (1956), S. 100–101; Joachim Matthes: Wohlfahrt und Freiheit. Gedanken zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 9.8 (1958), S. 476–481; Franz Flamm: Unsere Wohlstandsgesellschaft als Problem der Sozialarbeit, in: BdW 112.7 (1965), S. 202–206; Tatsachen- Argumente Nr. 204/66, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 88. 175 Siehe z.B. Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V. (Hrsg.): Unsere Arbeit, hier: S. 81; Hilfe zur Resozialisierung von Prostituierten, in: Caritas 58.1 (1957), S. 20–24; Johannes Kurz: Bildung als gesetzliche Fürsorgepflicht, in: Caritas 60.3 (1959), S. 82–88. Vgl. auch Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 387. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 273 gegenüber. Deutlich wird dies beispielsweise in einem Anfang der 1960er Jahre erschienenen Spiegel-Artikel, der sich dem Thema Selbstmord im internationalen Vergleich widmete. Darin kam der Autor zu dem Schluss: „Im ärmlichen Osten sterben sie vor Not, im reichen Westen erfanden sie etwas Neues: den Wohlstands-Selbstmord.“176 Durch dasVerb ‚erfinden‘ legte derAutor nahe, dass er die Probleme der Bundesbürgerinnen und -bürger aufgrund des allgemeinenWohlstands nicht als so schwerwiegend anerkannte, dass ein Suizid gerechtfertigt gewesen wäre. Implizit gab er damit den Betroffenen selbst die Schuld an ihrer Situation, nicht der Gesellschaft. Zur Bekräftigung seiner These verwies er auf neueste Forschungen, die besagten, dass sich indenAbschiedsbriefenwestdeutscher Selbstmörder kaumnochmaterielleNot niederschlage. ImWiderspruch zur impliziten Aussage seiner Formulierung (‚Erfindung desWohlstands-Selbsmords‘) stufte die Studie jedoch das hektischeGroßstadtleben, den Wirtschaftsprozess und den Konkurrenzkampf als selbstmordfördernd ein. Somit machte sie die gesamtgesellschaftliche Situation für den Großteil der westdeutschen Suizide verantwortlich – also Faktoren, die von den Betroffenen nicht beeinflusst werden konnten. Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Forschern und Medien, die sich in dieser Zeit auch im (diskursiven) Umgang mit Armutsphänomenen insgesamtwiederfinden lässt.WährenddermedialeMainstreambis Ende der 1960er Jahre im Sinne Ludwig Erhards (‚Wohlstand für alle‘) davon ausging, dass Armut mit steigendemWirtschaftswachstum verschwinden werde,177 herrschte in Fachkreisen spätestens seit Mitte der 1950er Jahre die Vorstellung vor, die Anforderungen der modernen Industriegesellschaft erzeugten Gefühle der Angst, Unsicherheit und Bedrohung.178 In der Folge suchten Sozialexperten nach Erklärungen für das Fortbestehen sozialer Probleme. Gerade das Zusammengehen vonmateriellemWohlstand und sozialer Not befeuerte die Schlussfolgerung, dass die reine Versorgung den Großteil menschlicher Not gar nicht in den Griff bekomme.179 Implizit ebnete diese Entwicklung den Weg für einen erweiterten Armutsbegriff – implizit, da die Experten die immateriellen Aspekte von Armut lange Zeit mit 176 Selbstmord. Krankheit zum Tod, in: Der Spiegel 17.5 (1963), S. 32–44. 177 Vgl. Gerhard Greza: Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474. 178 Siehe z.B. Nuna Sailer: Der Sozialarbeiter in der modernen Gesellschaft, in: NB 10.7 (1956), S. 100– 101. 179 Versorgungsstaat und freie Fürsorge, in: BdW 105.1 (1958), S. 29–30. 274 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Begriffen wie ‚soziale Not‘, ‚seelische Not‘ oder ‚Einsamkeit‘ zu umschreiben versuchten.180 Dennoch scheint die Erweiterung der bundesdeutschen Armutsvorstellungen unter anderem hier ihren Anfang genommen zu haben. Denn aus dieser Feststellung folgerten die Experten, dass der bislang gesetzlich festgelegte ‚Minimalstandard fürsorgerischer Definition von Hilfsbedürftigkeit‘ (Föcking) mit dem gesellschaftlichem Wandel nicht vereinbar sei, und forderten daher die Ausweitung des Hilfsbedürftigkeitsbegriffs. Die Wohlfahrtsp ege konzentrierte sich also auf immaterielle Notlagen, forderte aber von der Politik den weiteren Ausbau vorgelagerter sozialer Sicherungssysteme. Zur Begründung stützten sie sich im Wesentlichen auf zwei Argumentationslinien. Wie bereits beschrieben, machten sie zum einen auf die im Vergleich zur Vormoderne veränderten Anforderungen und sozialen Verhältnisse einer Industriegesellschaft aufmerksam (Wegfall traditioneller Sicherungssysteme, Rationalisierung, Beschleunigung, Mobilitätsdruck). Zum anderen argumentierten sie mit einemWandel derRechtsauffassungen, der sichnicht nur imGrundgesetzwiderspiegele, sondern auch auf völkerrechtlicher Ebene (UN-Menschenrechtserklärung von 1948, Europäische Menschenrechtskonvention von 1950, Europäische Sozialcharta von 1961).181 Als Meilenstein in diesem Reformprozess kann die im Bundessozialhilfegesetz festgeschriebene Schwerpunktverlagerung der Fürsorge von laufenden Unterstützungsleistungen zu ‚Hilfen in besonderen Lebenslagen‘ gewertet werden. Bereits 1958 hatte sich der Arbeitsausschuss für Fragen der Fürsorge beim Bundesinnenministerium dafür ausgesprochen, dass die zukünftige Sozialhilfe allen Bürgern helfen solle, wenn auch subsidiär. Dabei müsse sie nach dem Prinzip einer Hilfe zur Selbsthilfe verfahren, dem Hilfsbedürftigen und seiner Familie in jedem Fall aber ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen. Damit das gelinge, sei die individuelle 180 In diesem Zusammenhang entstand beispielsweise auch die Forderung auf dem Deutschen Fürsorgetag 1957 nach einer Neuumgrenzung des Begriffs der Hilfsbedürftigkeit. Sozialpolitische Umschau, in: BdW 104.12 (1957), S. 385–386. 181 Günther Trieschmann: Soziale Menschenrechte. Internationale Normen und deutsches Arbeitsrecht, in: Bundesarbeitsblatt 7.14 (1956), S. 452–461; Carl Peter Spahn: Die Europäische Sozialcharta, in: BdW 109.2 (1962), S. 34–39. Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 203. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 275 Prüfung des Einzelfalls und die persönliche Zuwendung durch den Sozialarbeiter von besonderer Bedeutung.182 Wie oben bereits beschrieben, war es das primäre Ziel der Sozialhilfe, im Gegensatz zur traditionellen Fürsorge nicht mehr Notfallhelfer zu sein, sondern den Bürgerinnen und Bürgern vorsorgend, beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Darüber hinaus hatte die Soziale Arbeit den Anspruch, die Gesellschaft selbständig mitzugestalten, beispielsweise durch die Herstellung gleicher Lebenschancen oder durch die Erhöhung der Lebensqualität insgesamt.183 Traugott Jähnichen spricht in diesem Zusammenhang auch von der ‚Überwindung des traditionellen Fürsorgeparadigmas‘.184 Gemeint ist damit die Auffassung, Sozialleistungen dürften nicht nur auf die Abdeckung des minimalen Lebensbedarfs zielen, sondern sollten den Unterstützten mehr Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.185Dadurchwurde die Sozialhilfe für größere Bevölkerungskreise geöffnet. Denn immaterielle Not konnten auch Menschen aus dem Mittelstand leiden, sogar Personen aus der Oberschicht.186 Leistungen, die nicht den unmittelbaren Lebensunterhalt betrafen, beispielsweise Leistungen für alte Menschen, für Behinderte oder die Gesundheitsfürsorge, sollten daher auch Personen offen stehen, die imstande waren, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Allerdings waren sie dazu verpflichtet, diese Leistungen teilweise selbst zu finanzieren, dann nämlich, wenn ihr Einkommen oberhalb einer gesetzlich festgelegten Grenze lag.187 Die Garantie von Freiheitsrechten und Rechtsgleichheit war in Zusammenhang mit dem Bedeutungszuwachs des Nationalstaats bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wichtiger geworden. Dadurch war auch die Staatsbürgerschaft als Kriterium für Unterstützungsansprüche immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die An- 182 Ergebnisse der Arbeitstagung des Beirats für die Neuordnung der sozialen Leistungen am 13. Oktober 1958 inBonn, in: Bundesarbeitsblatt 9.21 (1958), S. 573–592. Siehe auchLudwigNeundörfer: Gewandelte Zielsetzung der sozialen Arbeit, in: Caritas 62.8 (1961), S. 303–314. 183 Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 189. 184 Jähnichen: Einleitung, hier: S. 10. 185 Siehe z.B. auch Gerhard Greza: Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474. 186 Z.B. „Solange sie noch Geld fürs Kino haben“, in: Kinderheim Jg. 34 (1956), S. 142–143. 187 Ergebnisse der Arbeitstagung des Beirats für die Neuordnung der sozialen Leistungen am 13. Oktober 1958 in Bonn, in: Bundesarbeitsblatt 9.21 (1958), S. 573–592. Dies erklärt auch, warum sich selbst sozialdemokratische Experten für die Beibehaltung der Bedürftigkeitsprüfung aussprachen. Denn erst durch die individuelle Prüfung konnte der kostenfreie Zugang zu Sozialhilfemaßnahmen nach oben hin begrenzt werden. Vgl. Ludwig Preller: Wie stehen soziale Sicherung und Fürsorge zueinander?, in: NB 9.6 (1955), S. 84–85. 276 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe erkennung dieser sozialen Bürgerrechte erfolgte jedoch erst nach und nach. Zwar schaffte die Weimarer Republik mit der Verabschiedung des Reichswahlgesetzes von 1918 die bis dahin übliche Praxis ab, Empfängern von Fürsorgeleistungen das Wahlrecht abzuerkennen. Erst das Grundgesetz erhob die Unantastbarkeit derMenschenwürde zum Auftrag aller staatlichen Gewalt. Bis die Menschenwürde zum Ausgangspunkt des Fürsorgerechts wurde, vergingen allerdings weitere Jahre: 1954 räumte das Bundesverwaltungsgericht demHilfsbedürftigen mit Blick auf Artikel 1 des Grundgesetzes einen Rechtsanspruch auf Fürsorge ein. Damit wurde die Menschenwürde zusammen mit dem Sozialstaatsprinzip zum Rechtsgrund der Sozialhilfe. Gesetzlich verankert wurde dieser schließlich im Bundessozialhilfegesetz von 1961.188 Überwunden war das ‚traditionelle Fürsorgeparadigma‘ zunächst allerdings nur im rechtlichen Sinn. Und selbst hier gab es Einschränkungen angesichts anhaltender Diskussionen zur Rückzahlungspflicht von Sozialleistungen und der gesetzlich festgeschriebenen Möglichkeit zur Zwangsbewahrung ‚Gefährdeter‘.189 Dennoch hatte die rechtliche Entwicklung jener Jahre großen Einfluss auf die in Fachkreisen geführten Armutsdebatten. Armut wurde von juristischer Seite zwar nicht an sich für unwürdig erklärt. Der Staat wurde aber von gerichtlicher Seite dazu verpflichtet, diese insoweit zu bekämpfen, dass niemand aus dem Leben in der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde oder ausgeschlossen zu werden drohte, weil ihn die übrigen Gesellschaftsmitglieder aufgrund seiner Armut verachteten. Daraus leitete sich ab, dass das staatlicherseits zu gewährende Existenzminimum auch Beziehungen zur Umwelt und die Teilnahme am kulturellen Leben ermöglichen sollte und sich nicht auf das physische Existenzminimum beschränken konnte.190 In der Praxis war dieDurchsetzung des Prinzips derTeilhabe ein langwieriger Prozess. Dass sich auch hier eine Verschiebung zugunsten eines weit gefassten Armutsbeziehungsweise Bedürftigkeitsbegriffs abzeichnete, zeigte sich zwar darin, dass die Gemeinden ab Mitte der 1960er Jahre erstmals mehr Geld für die sozialen Dienste und Einrichtungen ausgaben als für materielle Hilfen. Dennoch hieß es in der im 188 Hinrichs: Entwicklung des Rechts der Armut, hier: S. 195, 198, 200f, 203; Raphael: Armut zwischen Ausschluss und Solidarität, hier: S. 27; Matthes: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 3; vgl. Maul: VomGnadenbrot zur Lebensstandardsicherung, hier: S. 117f. 189 Genauer dazu siehe Kapitel 2.2.2 und 5.2.1. 190 Hinrichs: Entwicklung des Rechts der Armut, hier: S. 201, 203; Gerhard Greza: Das Bundessozialhilfegesetz, in: Bundesarbeitsblatt 12.14 (1961), S. 470–474; Zacher: Sozialpolitik undMenschenrechte, S. 11, 13. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 277 Auftrag der Bundesregierung erstellten Sozialenquête von 1967, dass Politiker ‚schematische Einkommenshilfen‘ weiterhin bevorzugten. Denn deren Vorzüge begreife jeder Wähler sofort, wohingegen Verbesserungen, die sich aus der Einrichtung von Altenclubs ergäben oder aus Investitionen in die Ausbildung sozialer Berufe, sich dem Urteil des Einzelnen entzögen.191 Darüber hinaus hatten soziale Dienste und Einrichtungen noch immer keinen guten Ruf – obwohl sie dazu beitrugen, die Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung zu verbessern. Sozialpolitik war weiterhin als ‚Arme-Leute-Politik‘ verschrien, ihre Verfechter galten als politisch links.192 Gleichermaßen langwierigwarderAbschied vonpaternalistischenUnterstützungskonzepten, obwohl das BSHG die Wohlfahrtspflege auch dazu verpflichtete, den Hilfsbedürftigen aktiv am Hilfsprozess zu beteiligen.193 Partnerschaftliche Methoden setzten sich in der Sozialen Arbeit im Einklang mit den gesamtgesellschaftlichenVeränderungsprozessen zu Beginn der 1960er Jahre erst allmählich, gegen Ende des Jahrzehnts jedoch immer schneller durch.194 Diese Neuausrichtung der Wohlfahrtspflege zeigte langfristig wiederum Auswirkungen auf die gängigen Armutsvorstellungen. Denn als mit Heiner Geißlers These von der Neuen Sozialen Frage Mitte der 1970er Jahre erstmals wieder eine Armutsdebatte mit großer öffentlicher Breitenwirkung geführt wurde, kulminierten darin Diskussionen über veränderte Formen der Hilfsbedürftigkeit und daraus resultierende Fragen nach passenden Lösungsansätzen, die in der Fachwelt seit gut zwei Jahrzehnten geführt worden waren.195 4.2.2. Altenhilfe: Von der ‚Schaukelstuhlideologie‘ zur sozialen Teilhabe Die im Bundessozialhilfegesetz festgeschriebene Schwerpunktverlagerung der Fürsorge von laufenden Unterstützungsleistungen zu ‚Hilfen in besonderen Lebensla- 191 Konrad Elsholz: Sozialpolitik und städtische Finanzen, in: Der Städtetag 20.12 (1967), S. 649–651. 192 Vgl. Zacher: Sozialpolitik und Menschenrechte, S. 68f; Eugene Ries: Wandel der Not – Wandel der Sozialarbeit, in: BdW 111.2 (1964), S. 50–55. 193 Matthes: Gesellschaftspolitische Konzeptionen, S. 4, 24. 194 Vgl. Schildt/Siegfried/Lammers: Einleitung; Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß; Boldorf: Zwischen Nothilfe und Professionalisierung, hier: S. 327; Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 15f. Siehe z.B. auch Ludwig Preller: Freiheit und Verantwortung in der sozialen Arbeit, in: NB 15.12 (1961), S. 178–181. 195 Ausführlich hierzu siehe Kapitel 4.2.3. 278 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe gen‘ drückte sich in der Praxis vor allem in einer Stärkung der sozialen Dienste aus. Neben Beratung und rechtlicher Aufklärung setzten die freienWohlfahrtsverbände dabei zunächst auf denAusbau pflegerischer und häuslicherHilfen. Ausgehend von der These, die Familie sei die wichtigste Institution sozialer Sicherheit, aber im Zerfall begriffen, schickte sich die Fachwelt an, diese ‚Funktionsstörung‘ auszugleichen, wennmöglich sogar rückgängig zu machen. Den besten Ansatzpunkt hierfür sahen sie inderHauspflege.Warbeispielsweise eineMutter krank, sollte eineFamilienhelferin derenHaushalts- und Erziehungsaufgaben übernehmen, so dass sich dieMutter auskurieren konnte, ohne dass Störungen im Familienleben entstanden. Genauso sollte die Pflege alterMenschenoderBehinderter imhäuslichenRahmenunterstützt werden.196 Auch für die soziale Absicherung alterMenschen spielte nach allgemeiner Auffassung in den 1950er Jahren die Familie eine zentrale Rolle.197 In Fürsorgekreisen galt es als die wichtigste Aufgabe, die alten Menschen stärker in die Familienstrukturen einzubinden, weil das die wirksamste und ‚natürlichste‘ Weise zu sein schien ihrer Hilfsbedürftigkeit abzuhelfen. Im Umkehrschluss betrachteten die Sozialexperten den Anteil alleinlebender alter Menschen als wichtigsten Indikator für das Ausmaß vonHilfsbedürftigkeit imAlter.198 Das erklärt beispielsweise, warum sich ein Autor derBlätter derWohlfahrtspflegeMitte der 1950er Jahre erfreut darüber zeigte, dass die meisten altenMenschen über 65 Jahren inMehrpersonenhaushalten lebten (Frauen 72%, Männer 87%), widersprach dies doch der allgemein pessimistischen Sicht, in 196 Siehe z.B. Niederschrift zur Sitzung des ZV des DCV am 18.1.1962 in Freiburg, ADCV, 110.055, Fasz. 1962/1; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 24.2.1962 in Bonn, in:AWO(Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63; Sitzungsprotokoll desAusschusses ‚Altenprobleme‘ der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt am 8.11.1963 in Bonn, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 119. Vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 298f. Zu denAufgaben der Hauspflegerinnen bei alten Menschen gehörten vor allem die Haushaltsführung, Einkäufe, Unterstützung bei Behördengängen und in geringerem Umfang auf die Pflege. Siehe z.B.: Anna Goeken: Hauspflege bei altenMenschen, in: Caritas 66.5 (1965), S. 209–215. 197 Siehe z.B. Ilse Elsner/Rüdiger Proske: Der fünfte Stand. Eine Untersuchung über die Armut in Westdeutschland, in: Frankfurter Hefte 8.2 (1953), S. 101–111; K. Mailänder: Der alte Mensch in der Sozialen Neuordnung, in: BdW 102.12 (1955), S. 430–431; Der Tropfen auf den heißen Stein, in: BdW 102.5 (1955), S. 153–154; Josef Schneider: Caritas-Opferwoche. Eine Radioansprache im Bayerischen Rundfunk am 26. Februar 1956, in: Caritas 57.7/8 (1956), S. 143–146; vgl. Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. Noch 1961 formulierte ein Spiegel-Autor den pathetischen Satz: „Einsam sitzen Hunderttausende von Alten auf der wachsenden Pyramide der Lebenserwartung.“ Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend imWunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47. 198 Vgl. Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 234; Lürbke: Armut in der Stadt, S. 168f. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 279 der modernen Gesellschaft steige die Vereinsamung alter Menschen immer weiter an.199 Insbesondere Frauen wurden dafür verantwortlich gemacht, dass es alten Menschen schlecht gehe, da sie sich nicht genügend um diese kümmerten.200 Darüber hinaus vermittelte in den 1950er Jahren, wie Dorothee Lürbke bereits feststellte, auch die Zeitungsberichterstattung den Eindruck, ältereMenschen zögen sich aus dem aktiven Leben zurück. So war der auf einem Stuhl sitzende, von jüngeren, stehendenPersonen flankierte Senior ein beliebtes Fotomotiv. Sprachlichwaren verniedlichendeBegriffewie ‚Altchen‘ und ‚alteLeutchen‘weitverbreitet, ebensodie Gleichsetzung vonAlten undKindern.201Wie inKapitel 2.3 gezeigt, bildete die Rentenreform eine Ausnahme von dieser Praxis, alten Menschen Passivität zuzuschreiben und ihr Wohlergehen ausschließlich im Kontext ihrer familiären Einbindung zu beurteilen. Der alte Mensch – meist jedoch eher der alte, ehemals erwerbstätige Mann – rückte hier als Individuum in den Fokus. Denn die Rente wurde nicht mehr als Teil eines Familieneinkommens angesehen, sondern als Grundlage für die Sicherung des selbst erarbeiteten Lebensstandards.202 In den 1960er Jahren waren Altersprobleme in den Fachorganen der Wohlfahrtspflege ein Dauerthema.203 Das kann nicht allein mit einem ‚objektiven Problemdruck‘ erklärt werden. Ausschlaggebend schienen hierfür vielmehr kulturelle Faktoren zu sein: stereotype Altersvorstellungen wie auch die Annahme, dass das Alter mit demAnstieg der Lebenserwartung nicht nur zu einem eigenen, neuen ‚Lebensstand‘ gewordenwar, sondern auch zu einemsozialenProblem.204 Letzteres galt 199 K. Mailänder: Der alte Mensch in der Sozialen Neuordnung, in: BdW 102.12 (1955), S. 430–431. Vgl. z.B. Bild undWort des Monats. Helft den einsamen Alten!, in: BdW 102.12 (1956), S. 387; Otto Ohl: Aufgaben der Altersfürsorge auch noch nach der Rentenreform?, in: BdW 104.12 (1957), S. 391–394. 200 Siehe z.B. Karl Borgmann: Das Siechtum der Barmherzigkeit, in: Caritas 56.7/8 (1955), S. 166–172; Niederschrift über die Beratungen des Fachausschusses für Familienfürsorge und Armenpflege des DCV am 7./8.10.1955 in Königstein, ADCV, 113.34.030; Theodor Heuss: Ansprache des Bundespräsidenten auf demDeutschen Fürsorgetag, in: NDV 35.10 (1955), S. 347–349; Erich Reisch: Deutscher Caritasverband und Deutscher Verein, in: NDV 35.8/9 (1955), S. 217–222. 201 Lürbke: Armut in der Stadt, S. 169. 202 Zur Problematik der geringen Rentenansprüche von Frauen siehe Abschnitt 4.2.3. 203 Rudloff: Im Schatten des Wirtschaftswunders, hier: S. 392; vgl. Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 234; Grabe: Stationäre Versorgung. Vgl. z.B. auch: Die Altersfürsorge im Bundessozialhilfegesetz, in: NDV 41.10 (1961), S. 335–337; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 24.2.1962 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 204 Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 233; vgl. Lürbke: Armut in der Stadt, S. 296. Siehe auch: Stellungnahme der Kommission für Fragen des Alters im DCV (1956), ADCV, 113.34.030; 280 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe es in den Augen der Sozialexperten durch präventive Maßnahmen zu verhindern, die sich darüber hinaus potentiell an alle alten Menschen wandten, nicht nur die akut hilfsbedürftigen. Unter anderem führte das dazu, dass der DST die Altenhilfe in der zweitenHälfte der 1960er Jahre zur Kernaufgabe der Städte erklärte, und viele Städte auf dessen Anregung dazu übergingen, Altenhilfepläne zu erstellen.205 Die Bestimmungen zur Altenhilfe im BSHG eröffneten aber auch der freien Wohlfahrtspflege eine Reihe von Möglichkeiten.206 Insbesondere etablierte sich in der Folge die bis heute gültige Vorliebe für offene Hilfen (zum Beispiel Altentagesstätten oder Essen auf Rädern) gegenüber geschlossenen Einrichtungen (Altenheime), die in der Praxis allerdings schwieriger durchsetzbar war als in der Theorie. So beklagte der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt noch 1970, dass es trotz großer Fortschritte beim Ausbau offener Altershilfen einfacher sei, die Finanzierung eines großen Heimes für alte Menschen sicherzustellen als die laufende Finanzierung offener Sozialdienste wie Hauspflegedienste, fahrbare Mittagstische, Altenberatungsstellen, Wäschedienste oder Altenclubs.207 Der Themenkomplex Alter und materielle Armut blieb in Fürsorgekreisen auch nach Verabschiedung der Rentenreform präsent.208 Dennoch gingen die Sozialex- Jakob David: Die Familie und die alten Menschen, in: Caritas 60.4 (1959), S. 94–103; Heinrich Tellen: Hauspflegedienste für alte Menschen, in: Caritas 63.6 (1962), S. 261–263; Eberhard Glaß: Die Situation der altenMenschen als soziales Problem, in: Bundesarbeitsblatt 16.4 (1965), S. 172–173; Wiederaufwertung der Alten längst fällig, in: Der Städtetag 22.5 (1969), S. 244. 205 BernhardHappe: Kommunale Altenhilfepläne. Ausgeführt amBeispiel des Altenhilfeplanes für die Stadt Leverkusen, in: Der Städtetag 24.9 (1971), S. 496–499. Vgl. Anton Oel: Alterseinrichtungen in den Städten, in: Der Städtetag 14.3 (1961), S. 123–124; Eberhard Glaß: Die Situation der alten Menschen als soziales Problem, in: Bundesarbeitsblatt 16.4 (1965), S. 172–173; Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 233f, 236. 206 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 24.2.1962 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 207 Haar: Geschäftsbericht, S. 31f; siehe auch: Anna Goeken: Akzente heutiger Altenhilfe, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 57–58. Vgl. Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 234f. 208 Siehe z.B. Ulrich Brisch: Möglichkeiten und Formen kommunaler Altenhilfe, in: Der Städtetag 15.11 (1962), S. 568–570; Anna Goeken: Alte Menschen unter uns. Ergebnisse aus Untersuchungen zur Situation un Lebensform alter Menschen, in: Caritas 63.6 (1962), S. 245–251; Vortrag zur Situation der alten Menschen vor der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt am 17.7.1964, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 121; Otto Blume: Zur Situation der älteren Menschen auf dem Lande, in: NB 20.3 (1969), S. 82–91; Heinz Niedrig: Statistik. Wohnverhältnisse und Einkommen alter Menschen, in: NB 21.1 (1970), S. 34–35; Rentner, Pensionäre, Unterstützungsempfänger und ihre Einkommen, in: Caritas Jg. 72 (1971), S. 218–219; Gerhard Naegele: Formen der Armut im Alter, in: Soziale Welt 26.3 (1975), S. 276–292. Vgl. Sitzungsprotokoll des Ausschusses ‚Altenprobleme‘ der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt am 8.11.1963 in Bonn, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 281 perten mehrheitlich dazu über, Einsamkeit und familiäre Ausgrenzung als die größten Altersprobleme zu betrachten.209 Diese Ideen waren auch in der Arbeiterwohlfahrt weit verbreitet. Allerdings ging es den Verantwortlichen hier früher als in konfessionellenKreisenumdie freie Entwicklungder Persönlichkeit. Soüberschrieb ein Autor der ZeitschriftNeues Beginnen seinen Bericht über Erholungsurlaube für alteMenschen zwar mit demTitel „Ferien von der Einsamkeit“. Er formulierte aber keinBedauernüber den vermeintlichenZerfall familiärer Strukturen. Ihmwar es vor allemwichtig, den altenMenschenmit Hilfe von Erholungsurlauben das Gefühl zu geben, noch etwas wert zu sein.210 Bereits Ende der 1950er Jahre wurden demgegenüber Studien erstellt – und in der Fachpresse rezipiert –, die der Sichtweise widersprachen, die Alten seien einsam. So wurde in einem Artikel der Caritas-Zeitschrift von 1959 über eine Befragung alter Menschen berichtet, bei der nur 4 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angegeben hatten, unter Einsamkeit zu leiden. Gleichzeitig hatten sich knapp vier Fünftel gegen ein Zusammenlebenmit ihren Kindern ausgesprochen. Der Großteil der Befragten hatte sich lediglich derenUnterstützung gewünscht, was bei denmeisten allerdings bereits der Fall war. Der Caritas-Autor schloss daraus, dass sich die Ehrfurcht vor dem Alter im Vergleich zu früheren Zeiten in andere Formen und Ausdrucksweisen kleide. Nichtsdestotrotz mahnte er, die Jugend dazu zu erziehen, guten Kontakt zu ihren Eltern zu pflegen. Denn die ärmsten unter den alten Leuten seien diejenigen ohne aktives Familienleben; sie könnten in Zeiten der Not auf die wenigsten Hilfsquellen zurückgreifen.211 119; Heinz Neubert: Renten-, Pensions- und Unterstützungsempfänger in der Bundesrepublik, in: Bundesarbeitsblatt 16.24 (1965), S. 975–976. 209 Siehe z.B. Paul Jostock: Gibt es noch drückende Armut?, in: Kolpingblatt 57.3 (1957), S. 2–3; Otto Ohl: Aufgaben der Altersfürsorge auch noch nach der Rentenreform?, in: BdW 104.12 (1957), S. 391– 394. 210 Margot Paazig/Hans Günther Matuschak: Altenerholung - ein neues Aufgabengebiet, in: NB 15.2 (1961), S. 21–23. Siehe z.B. auch Ursula Loch: Endstation des Lebens: Altersheim. Ein sauberes Bett und reichliches und gutes Essen ersetzen nicht die Geborgenheit der Familie, in: WdA 9.9 (1958); Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 6.6.1959 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63; Margot Paazig: NeueWege der Arbeiterwohlfahrt in der offenen und halboffenen Altershilfe, in: Presse-Nachrichten der Arbeiterwohlfahrt 3.1 (1959); Aus der Arbeit der AW: Altersheime undAltenklubs werden zahlreicher, in: Presse-Nachrichten der Arbeiterwohlfahrt 5.2 (1961). 211 JakobDavid: Die Familie und die altenMenschen, in: Caritas 60.4 (1959), S. 94–103. Siehe z.B. auch: Ulrich Brisch: Möglichkeiten und Formen kommunaler Altenhilfe, in: Der Städtetag 15.11 (1962), S. 568–570. 282 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Birgit Baumgartl stellt in ihrer Studie zumWandel der Altersbilder in der Bundesrepublik fest, dass diese sich in den 1960er Jahren zunehmend an der gesellschaftlichen Realität orientierten. Unter anderem führt sie dies auf die stetige Zunahme sozialwissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema Alter zurück.212 Der Zusammenhang scheint durchaus gegeben.213 Allerdings zeigen die Quellen auch, dass die Sozialexperten bisMitte des Jahrzehnts nicht dasGefühl hatten, die ‚reale‘ Situation alter Menschen sowie deren Wünsche und Bedürfnisse ausreichend zu kennen, gerade auch im Hinblick auf deren gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe.214 Dabei hatten sie bereits auf dem Deutschen Fürsorgetag von 1957 mehr wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gefordert.215 Zum anderen konnten sich die Experten offenbar trotz widersprechender Studienergebnisse nur schwer von der liebgewonnenenVorstellung verabschieden, dass die Hauptursache für die gegenwärtige Zunahme von Altersproblemen im Zerfall familiärerBindungen zu sehen sei.216Nur so ist es zu erklären, dass sichbeispielsweise die Caritas-Autorin Anna Goeken, die sich in den Jahren zuvor mehrfach zum ThemaAltersfürsorge geäußert hatte, 1965 überrascht zeigte, dass laut verschiedener Studienergebnisse allein lebende alteMenschen enge Beziehungen zu ihrenKindern pflegten und von diesen unterstützt wurden. Im Gegensatz zu ihren früheren Artikeln verurteilte sie in dem von 1965 die jüngere Generation erstmals nicht für ihren angeblichen Egoismus. Im Gegenteil: Sie betonte, dass die Versorgung und Betreuung alterMenschen Familienangehörige oftmals über ihreKräfte belaste, und leitete darausHandlungsbedarf seitens derWohlfahrtspflege ab.217Allerdings verging noch 212 Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 235. 213 Siehe z.B. Anna Goeken: Akzente heutiger Altenhilfe, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 57–58. 214 Siehe z.B.Der Beitrag der Statistik zur Erforschung des Altenproblems, in: Der Städtetag 17.11 (1964), S. 544–545. 215 Sozialpolitische Umschau, in: BdW 104.12 (1957), S. 385–386. 216 Siehe z.B. Heinrich Tellen: Hauspflegedienste für alte Menschen, in: Caritas 63.6 (1962), S. 261–263; Anna Goeken: Alte Menschen unter uns. Ergebnisse aus Untersuchungen zur Situation un Lebensform alter Menschen, in: Caritas 63.6 (1962), S. 245–251; Tagesstätten für alte Leute, in: Der Städtetag 15.8 (1962), S. 419–420; Maria Schwarz: Neue Notstände und neue Formen der Hilfsbedürftigkeit, in: BdW 110.1 (1963), S. 5–11; Felix Mayer: Schutz der Familie in der Sozialhilfe, in: BdW 111.4/5 (1964), S. 133–138; Gefahr der Vereinsamung, in: Der Städtetag 22.1 (1969), S. 32. Auch der Titel desDeutschen Fürsorgetags von 1961 ‚Fürsorge im Spannungsfeld der Generationen‘ impliziert, dass die Auffassung, die Altenhilfe übernehme eine Art Ausgleichsfunktion für den familiären Zerfall, weiterhin große Anerkennung genoss. 217 Anna Goeken: Hauspflege bei alten Menschen, in: Caritas 66.5 (1965), S. 209–215. Vgl. Hilde Munier: Hilfen für alte Menschen, in: NB 19.12 (1965), S. 186–187; Otto Blume: Zur Situation 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 283 ein weiteres Jahrzehnt, bis sich in der Wohlfahrtspflege die Erkenntnis durchsetzte, dass Schuldgefühle die denkbar schlechteste Basis für die Entscheidung seien, die Pflege im Familienverband zu leisten, und dazu aufgerufen wurde, den ohnehin bestehenden gesellschaftlichen Druck auf Angehörige nicht weiter zu verstärken.218 Erst ab Mitte der 1960er Jahre begann sich das Altersbild also insoweit zu ver- ändern, dass der Vorstellungswandel Auswirkungen auf den Umgang der Sozialen Arbeit mit alten Menschen zeigte. Alte Menschen wurden nun weniger als passive Opfer der Zeitumstände wahrgenommen, sondern immer öfter als eigenständige Personen, die im Alltag an der einen oder anderen Stelle Unterstützung benötigten. Das primäre Ziel der Altenhilfe verschob sich dementsprechend von der Verhinderung von Einsamkeit zur Förderung von Selbständigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft. Gleichzeitig nahm die Altenhilfe immer mehr Abstand davon, das Verhalten der Angehörigen auf Grundlage von christlich-moralischen Kategorien zu verurteilen und die Angehörigen zum vermeintlich richtigen Umgang mit den altenMenschen zu erziehen.219 Die Arbeiterwohlfahrt baute die Altenhilfe im Einklang mit der großen diskursiven Aufmerksamkeit für das Alter im Laufe der 1960er Jahre zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte aus.220 Wie im Zusammenhang mit den Erholungsurlauben bereits anklang, hatte sie sich schon relativ früh dem Ziel verschrieben, alten Menschen zu mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verhelfen. Dabei hatte sie den Blick immer wieder nach Großbritannien und in die USA gerichtet, wo neue Wohnformen (betreutes Wohnen) und soziale Dienste für Ältere, die sich nicht nur um das leibliche, sondern auch das seelische Wohl bemühten, bereits erprobt worden waren.221 Aus diesem Anspruch heraus setzte sich die Arbeiterwohlfahrt auch für die Bereitstellung von Telefonen für ältere Mitbürger ein. Das Telefon der älteren Menschen auf dem Lande, in: NB 20.3 (1969), S. 82–91; Ulrich Lange: Haus- oder Heimpflege? Familiensoziologische und sozialpolitische Probleme der Betreuung chronisch kranker alter Menschen, in: TuP 25.3 (1974), S. 89–94. 218 Vgl.UlrichLange:Haus- oderHeimpflege? Familiensoziologische und sozialpolitische Problemeder Betreuung chronisch kranker alter Menschen, in: TuP 25.3 (1974), S. 89–94. 219 Vgl. Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 235; Lürbke: Armut in der Stadt, S. 170, 286f, 296. Siehe z.B. auch Alte. Um einen längeren Tag, in: Der Spiegel 23.52 (1969), S. 38–59. 220 (Haar: Geschäftsbericht, S. 31f). Vgl. Kapitel ??. 221 Siehe z.B. K.Mailänder: Der alteMensch in der SozialenNeuordnung, in: BdW 102.12 (1955), S. 430– 431; Ursula Loch: Endstation des Lebens: Altersheim. Ein sauberes Bett und reichliches und gutes Essen ersetzen nicht die Geborgenheit der Familie, in: WdA 9.9 (1958). 284 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe erschien ihr, mehr noch als Rundfunkgeräte und Fernseher, bei sinkenderMobilität ein wichtiger Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben zu sein.222 Hinweise auf ähnliche Ansätze fanden sich zeitversetzt auch in den Fachorganen des Caritasverbandes und des Städtetags.223 Ab Mitte der 1960er Jahre bemühte sich die Arbeiterwohlfahrt verstärkt darum, ältere Menschen auch am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Ganz in der Tradition der Arbeiterbewegung lag ihr dabei insbesondere die Altenbildungsarbeit am Herzen. Um die Angebote der Erwachsenenbildung auch für die ältere Generation attraktiv zu machen, überdachte sie diese nicht nur inhaltlich, sondern auch formal. So wurde damals vieles entwickelt und eingeführt, was heute als selbstverständlich gilt: fahrbare Bibliotheken, Bildungsfahrten speziell für Ältere (Museumsbesuche oder ähnliches), die Öffnung der Universitäten für ältere Hörer oder die Ausweitung der Kurszeiten an den Volkshochschulen auf die Vor- undNachmittage. Denn bis dahin waren die meisten Kurse zwischen 18 und 22 Uhr angeboten worden, was zeigt, dass die Zielgruppe der Volkshochschulen zunächst jüngere Arbeitnehmer gewesen waren, die sich nach Feierabend weiterbilden wollten. Neben all diesen Vorschlägen zur Attraktivitätssteigerung der Bildungsangebote für Senioren forderte die Arbeiterwohlfahrt aber vor allem, die älteren Menschen aktiv an der Bildungsarbeit zu beteiligen, sie nach ihren Wünschen zu fragen und ihnen nichts aufzuzwingen.224 Damit beschritt sie, zumindest auf theoretischer Ebene, in der Altenhilfe denWeg von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft. Auch Vertreter des DST und der Caritas plädierten ab Mitte der 1960er Jahre dafür, altenMenschen ein größeresMaß an Selbstbestimmung zuzugestehen, sie selbst zu Wort kommen zu lassen, ihnen zuzuhören und sie zu mehr Eigeninitiative zu ermuntern.225Dabei genügte es Teilen der katholischenWohlfahrtspflege beispielsweise nicht mehr, ambulante Hilfen in Form von Essensbringdiensten, Pflegediensten 222 Siehe z.B. Sitzungsprotokoll des Ausschusses ‚Altenprobleme‘ der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt am 8.11.1963 in Bonn, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 119. 223 Z.B. Klaus Dörrie: Die gesellschaftliche Stellung des alten Menschen in unserer Zeit, in: DPWV- Nachrichten 17.9 (1967), S. 123–125; BernhardHappe: Sozialausschuß undArbeitskreis „Familie und Jugend“, in: Der Städtetag 23.11 (1970), S. 587–588. Vgl. Rat und Auskunft für ältere Bürger, in: Der Städtetag 23.4 (1970), S. 190. 224 Margot Paazig: Bildungsarbeit mit alten Menschen –Möglichkeiten – Grenzen, in: NB 17.4 (1966), S. 149–154. 225 Siehe z.B. Eberhard Glaß: Die Situation der altenMenschen als soziales Problem, in: Bundesarbeitsblatt 16.4 (1965), S. 172–173; Dora Lent: Der gewährte Lebensabend. Plädoyer für ein würdiges Alter, in: Caritas 68.5 (1967), S. 245–247; Die Alten in der Sozialenquête, in: Caritas 68.1 (1967), S. 48–52. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 285 oder demEinsatz vonHaushaltshilfen auszubauen. Zwar trug auch das imVergleich zur Unterbringung imAltersheim dazu bei, den altenMenschen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen.Ähnlichwie dieArbeiterwohlfahrt begannen aber auch die Altenhilfeexperten der Caritas, mit ihrer Arbeit einen pädagogischen Anspruch zu verfolgen und die alten Leute beispielsweise mit Hilfe von Volkshochschulangeboten dazu zu ermuntern, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen.226 So wandelten sich die Altentagesstätten, die in den 1950er Jahren oftmals aus den nach demKrieg eingerichtetenWärmestuben hervorgegangen waren, im Lauf der 1960er Jahre von Orten mitmenschlicher Zuwendung zu Horten der Altenbildung.227 Hierbei von einer allgemeinen Trendwende in der Altenhilfe zu sprechen, ginge allerdings zu weit. So scheinen die kulturellen Angebote weiterhin von der Weltsicht der Trägerverbände beeinflusst gewesen zu sein, was die Selbstbestimmungsmöglichkeiten der alten Menschen, die auf Betreuung angewiesen waren, merklich einschränkte.228 Auch fanden sich in den Fachorganen derWohlfahrtspflege noch in den 1970er Jahren die gleichen Absichtserklärungen, die alten Menschen als gleichberechtigte Partner in die Planung und Realisierung der Hilfen einzubeziehen, wie in den vorausgegangenen Jahren.229 Indirekt verweist das darauf, dass die seit den 1960er Jahren formulierten Ansprüche, in der Praxis noch längst nicht verwirklicht waren.230 Dazu passt auch, dass Mitte der 1970er Jahre aus dem linken Spektrum der Sozialen Arbeit sogar der Vorwurf auftauchte, das vorherrschende Altersbild sei noch immer geprägt von einer ‚Schaukelstuhlideologie‘, derzufolge alte Menschen das Bedürfnis hätten, sich aus dem aktiven Leben zurückzuziehen. Der Kritiker argumentierte, dass dies dazu führe, dass für alte Leute nur Spezialangebote gemacht würden, was deren gesellschaftliche Isolierung befördere, anstatt sie zu beheben.231 226 Siehe z.B. Grete Borgmann: Die Kunst der langen Lebensfreude. Um die Bildungsarbeit an alten Menschen, in: Caritas 66.4 (1965), S. 175–179; Klaus Dörrie: Die gesellschaftliche Stellung des alten Menschen in unserer Zeit, in: DPWV-Nachrichten 17.9 (1967), S. 123–125. Vgl. auch für den DST: BerndGröttrup: Seniorenpässe und Seniorenbeiräte:Neue Formen derAltenhilfe, in:Der Städtetag 28.11 (1975), S. 613–615. 227 Vgl. Versuche undneue FormenderAltenhilfe. ErfahrungenmitAlten-Tagesstätten, in: Caritas 60.4 (1959), S. 110–115; Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 235. 228 Vgl. Protokoll zu Sitzung des Ausschusses „Altenprobleme“ derGesellschaft für Sozialen Fortschritt am 08.11.1963 in Bonn, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 119. 229 Siehe z.B. Anna Goeken: Akzente heutiger Altenhilfe, in: Caritas Jg. 73 (1972), S. 57–58. 230 Vgl. Baumgartl:Altersbilder undAltenhilfe, S. 233; Lemke:DieArbeiterwohlfahrt inderBerichtszeit, hier: S. 22. 231 Rupert Englbrecht: Chancengleichheit im Alter?, in: BdW 121.12 (1974), S. 310–312. 286 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Es handelte sich also eher um eineTendenz als eineTrendwende.DieGrundorientierung derAltenhilfe blieb,wie auchBirgit Baumgartl feststellt, seit der Einführung des BSHG gleich: die Betonung immaterieller Problemlagen, das Postulat ‚offen vor geschlossen‘ sowie der Versuch, die Entstehung von Altersproblemen mit Hilfe präventiver Maßnahmen zu verhindern.232 Dennoch zeichnete sich ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre in der Altenhilfe eine neue Entwicklung ab, die zudem im Einklang stand mit den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen.233 Gemeint ist die unter Sozialexperten wachsende Einsicht, dass Soziale Arbeit in einer Demokratie, die sich der Verwirklichung von Teilhaberechten und der freien Entfaltung der Persönlichkeit verschrieben hatte, nicht auf dem Konzept der sozialen Vormundschaft beruhen konnte, sondern auf demPrinzip der Partnerschaft aufbauenmusste. Dazu gehörte auch eine Veränderung in der Auffassung von Teilhabe. Bis Mitte der 1960er Jahre herrschte die Vorstellung vor, alte Menschen zögen sich mit dem Ende ihres aktiven Arbeitslebens auch aus dem aktiven Gesellschaftsleben zurück. Daher seien sie nur in die Gesellschaft eingebunden, wenn sie in einen funktionierenden Familienverband eingebettet waren. Diese Vorstellung von indirekter Teilhabe begann sich nach und nach zu wandeln. Die alten Menschen wurden als Individuen angesprochen. Sozialarbeiter versuchten sie sogar zu mehr politischer Beteiligung zumotivieren. Beispielsweise wurde zu Beginn der 1970er Jahre in vielen Städten die Einführung von Seniorenbeiräten diskutiert.234 Es deutete sich neben der von Birgit Baumgartl herausgearbeiteten Verschiebung in der Altenhilfe also ab Mitte der 1960er Jahre noch eine weitere an: nämlich die Abkehr von der sozialen Vormundschaft, die auf der Durchsetzung des christlichreligiösen Ideals von Familie beruhte. Alte Menschen wurden zunehmend als eigenständige Personen mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen anerkannt. Dementsprechend änderte sich auch die Vorstellung von Unterstützungsbedürftigkeit und Unterstützungsberechtigung im Alter. Die Gesellschaft wurde stärker in die Verantwortung genommen, auch für alte Menschen Teilhabemöglichkeiten 232 Baumgartl: Altersbilder und Altenhilfe, S. 233-235; vgl. Lürbke: Armut in der Stadt, S. 170. 233 Vgl. Schildt/Siegfried/Lammers: Einleitung; Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß; Rödder: Werte undWertewandel. 234 BerndGröttrup: Seniorenpässe und Seniorenbeiräte:Neue Formen derAltenhilfe, in:Der Städtetag 28.11 (1975), S. 613–615. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 287 an der Gesellschaft zu schaffen. Im gleichen Zug wurde die Familie, zumindest moralisch, von ihrer Verantwortung entlastet, für ihre Alten zu sorgen.235 4.2.3. Soziale Hilfen für Frauen: Vom Objekt zum Subjekt Wie in Abschnitt 4.1.1 bereits beschrieben, vertrat zu Beginn des Untersuchungszeitraums der Großteil der bundesdeutschen Sozialexperten familienpolitisch konservative Positionen.Damit einher ging auch eine ‚traditionelle‘Auffassung vonderRolle der Frau. So sahen nicht nur konservative, sondern auch SPD-Politiker ebenso wie kirchliche Organe und Wohlfahrtsverbände die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit als große Bedrohung für die Institution Familie an. Insbesondere erkannten sie darin eine Gefahr für eine ‚gedeihliche‘, das bedeutet den gesellschaftlichen Werteund Moralvorstellungen entsprechende, Sozialisation der Kinder, und damit eine Gefahr für die gesellschaftliche Zukunft insgesamt.236 Umdieser wachsenden ‚Familiennot‘ entgegenzuwirken, gründeten beispielsweise die Kirchen Anfang der 1950er Jahre insgesamt vier verschiedene Organisationen, die alle das Ziel verfolgten, die Interessen von Familien gegenüber Politik undWirtschaft zu vertreten: den FamilienbundDeutscher Katholiken, die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, den überkonfessionellen Deutschen Familien- Verband sowie den ebenfalls überkonfessionellen Bund der KinderreichenDeutschlands.237 Vor allemMütter ‚erziehungsbedürftiger‘ Kinder sollten keiner außerhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgehen. Oder, wie es die der Sozialdemokratie nahe stehende Gesellschaft für sozialen Fortschritt 1955 formulierte: Sie sollten vom Arbeitszwang abgeschirmtwerden.238Mit dieserMeinung standendie Experten nicht allein. 235 Die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 kann als ein Ergebnis dieser langwierigen Entwicklung gedeutet werden. 236 Niehuss:Kontinuität undWandel, hier: S. 317;Hering/Münchmeier:Geschichte der SozialenArbeit, S. 207f. 237 ders.: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 207f. Siehe auch: Stegmann/Langhorst: Geschichte der sozialen Ideen, hier: S. 800f. Zur Zusammenarbeit der vier Familienorganisationen und deren Einflussnahmeversuche auf Politik undGesellschaft vgl. Situationsbericht der Bundesgeschäftsführung des Familienbundes der Deutschen Katholiken (März 1957), ADCV, 349.66.024. Siehe auch: Brief an die CDUBundesgeschäftsstelle, Kommission ‚Soziale Dienste‘ vom 1.9.1973, ADCP, 07-001 8719. 238 Eine Tagung der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt e.V. In: Bundesarbeitsblatt 6.11 (1955), S. 439– 441. Siehe auch: Broschüre „SPD Sozialplan“ (1954/55), AdsD,Nachlass Ludwig Preller, Signatur 92; Pressemotiz des SPD Frauenbüros Nr. 8/57 vom 6.11.1957, AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 329. 288 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Laut einer Umfrage sprach sich im selben Jahr die Hälfte der Bundesbürgerinnen und -bürger sogar dafür aus, Müttern mit Kindern unter 10 Jahren außerhäusliche Erwerbstätigkeit gesetzlich zu verbieten.239 Das Bundesfamilienministerium erwog 1962 tatsächlich die Einführung eines solchen Gesetzes, ließ dieses Vorhaben aus verfassungsrechtlichen Gründen jedoch wieder fallen.240 Im BSHG war auf diesen Gedanken allerdings Rücksicht genommen worden. So waren Mütter nach § 18 Abs. 3 BSHG von der Arbeitspflicht entbunden, wenn andernfalls die geordnete Erziehung der Kinder gefährdet worden wäre. Gleiches galt für Frauen, die durch eine außerhäusliche Erwerbsarbeit ihrer Verpflichtung zur geordneten Führung des Haushalts oder zur Pflege von Angehörigen nicht mehr hätten nachkommen können.241 Diese und ähnliche Versuche von Politik und Behörden, denUmfang der Frauenbeziehungsweise Müttererwerbstätigkeit zurückzuschrauben, hatten allerdings grö- ßere Auswirkungen auf Werte- und Moralvorstellungen als auf die Realität am Arbeitsmarkt.242 So war die erwerbstätige, verheiratete Frau gesellschaftlich nur toleriert, wenn sie befristet hinzuverdiente und zum Zeitpunkt der Erwerbstätigkeit keineKinder zu betreuen hatte. Ausgenommen davonwaren alleinstehendeMütter oderMütter aus den unteren Gesellschaftsschichten, da deren Familien den Lebensunterhalt ohne ihre (Mit-)Arbeit oftmals nicht bestreiten konnten.243 Hier wirkte sich die prinzipielle moralische Ablehnung der Erwerbstätigkeit von Ehefrauen und Müttern aber ebenfalls aus, nämlich in Form einer starken Unterbewertung und damit auch Unterbezahlung der Frauenarbeit.244 Gleichermaßen akzeptiert war die Berufstätigkeit von Müttern im familieneigenen Betrieb. Denn die Gemeinschaftsarbeit stärkte in den Augen der Zeitgenossen die familiären Beziehungen, die in 239 Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 327. Ein weiteres Indiz für die große Zustimmung der Bevölkerung zu diesemkonservativenRollenbild der Frau kann imgroßenErfolg des Familienbunds Deutscher Katholiken gesehen werden, der schon sechs Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1953 über 900.000 Familien zu seinenMitgliedern zählte. Stegmann/Langhorst: Geschichte der sozialen Ideen, hier: S. 770. 240 Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 65. 241 Felix Mayer: Schutz der Familie in der Sozialhilfe, in: BdW 111.4/5 (1964), S. 133–138. 242 Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 196f, 333; vgl. Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 208. 243 Siehe z.B. Robert Scholl: Was tun wir gegen die zunehmende Berufsarbeit der Mütter?, in: BdW 102.5 (1955), S. 137–139. 244 Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 289 modernen Familien „nur noch auf der Liebe beruh[t]en“.245 So schien im bäuerlichen Betrieb oder im selbständigen Mittelstand das verloren geglaubte Ideal der Familie als Wirtschaftsgemeinschaft noch zu bestehen. Dennoch stieg der Anteil der verheirateten Frauen, die in einem lohnabhängigen Arbeitsverhältnis standen, zwischen 1933 und 1961 von 12,5 auf 26,8 Prozent an, wobei die erste sprunghafte Erhöhung in den 1950er Jahren zu verzeichnen war. Viele dieser Frauen arbeiteten, um sich besondere Anschaffungen leisten zu können. Allerdings: Je mehr Kinder eine verheiratete Frauen hatte, desto seltener ging sie einer außerhäuslichen Beschäftigung nach.246 Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Frauenerwebstätigkeit im Laufe des Untersuchungszeitraums stetig zunahm. So erhöhte sich die Zahl erwerbstätiger Frauen in Westdeutschland zwischen 1945 und 1958 von 2,9 auf 6,5 Millionen.247 1970 waren bereits 10 Millionen Frauen berufstätig.248 Erstaunlich ist hierbei, dass vor allem in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gerade der Mütteranteil an den erwerbstätigen Frauen überproportional zunahm.249 Die Industrie rechnete bereits in den 1950er Jahren mit den zusätzlichen Arbeitskräften durch steigende Frauenerwerbstätigkeit, allerdings hauptsächlich als Hilfsarbeiterinnen. Das trug, ebenso wie durch die Einführung von Leichtlohngruppen, dazu bei, das traditionelle weibliche Rollenverständnis zu verstetigen. Denn viele Frauen, die nur zu Hilfsarbeiten angelernt worden waren, zogen sich schnell wieder in den Haushalt zurück, da sie aufgrund ihrer mangelnden Ausbildung in der Regel unattraktive Tätigkeiten ausüben mussten und diese darüber hinaus schlecht bezahlt waren. Aufgrund dieser Erfahrungen legten jedoch immermehrMütter großenWert darauf, dass ihreTöchter eineBerufsausbildung erhielten, wobei viele von ihnen trotzdem die Vorstellung teilten, dass die Frau sich primär umHaushalt und Kinder kümmern sollte.250 Nicht unterschätzt werden darf darüber hinaus der moralische Druck, dem berufstätige Frauen ausgesetzt waren. Der oftmals undifferenziert verwendete Begriff des ‚Schlüsselkinds‘ avancierte dabei in den 1950er Jahren zum Symbol für weib- 245 Ludwig Preller: Familienpolitik – aber wie?, in: NB 10.8 (1956), S. 113–115. Siehe auch: Erich Reisch: Deutscher Caritasverband und Deutscher Verein, in: NDV 35.8/9 (1955), S. 217–222. 246 Niehuss: Kontinuität undWandel, hier: S. 324-328. 247 Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 207. 248 Heinz Niedrig: Sozialbericht 1970, in: NB 21.3 (1970), S. 99–104. 249 Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 196-198. 250 Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 329f; Saldern: Von der „guten Stube“ zur „guten Wohnung“, hier: S. 245. 290 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe lichen Egoismus.251 Zwar wurde im Allgemeinen anerkannt, dass ein einziges Einkommen bei einer Familie mit mehreren Kindern häufig nicht ausreichte.252 Doch stand gleichzeitig der Verdacht imRaum, dass Frauen nur aus reinemMaterialismus und Egoismus arbeiteten. Schließlich trage, wie es ein Autor der Blätter der Wohlfahrtspflege 1955 formulierte, auch die Hausfrau zur wirtschaftlichen Verbesserung des Haushaltseinkommens bei, da sie Arbeiten übernehme, die der Alleinstehende meist vonDienstleistern erledigen lassenmüsse.253 Selbst die vermeintlich ansteigende Jugendkriminalität wurde den arbeitenden Frauen angelastet: Diese würden ihre familiären Pflichten vernachlässigen, wodurch die Kinder zu ‚charakterlich abartigen‘ Personen heranwüchsen. Auch war im Zusammenhangmit der Berufstätigkeit vonMüttern vom ‚seelischenWaisenkind‘ die Rede.254 Die GewerkschaftszeitungWelt der Arbeit arbeitete der Vorverurteilung berufstätigerMütter immerwieder entgegegen. So entkräftete einer ihrer Autoren 1958 die These, Schlüsselkinder würden häufiger kriminell als ihre ‚behütet‘ aufwachsenden Altersgenossen. Zwar lasse sich nicht bestreiten, so der Autor, dass Kinder berufstätiger Mütter vieles an Zuwendung und Fürsorge entbehren müssten. Ob eine Frau aberBeruf,Haushalt undKindererziehungbewältigen könne, hängewesentlich von ihren Fähigkeiten und von ihrem Charakter ab. Daher sei berufstätigen Müttern mit sozialen und technischen Erleichterungenmehr gedient alsmit Vorurteilen oder grundlosen Beschuldigungen. Auch die Anerkennung ihrer Leistungen verringere 251 Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 208; Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 327; Saldern: Von der „guten Stube“ zur „guten Wohnung“, hier: S. 245; Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 176-182. 252 Siehe z.B. Wirksame Hilfe für die Familie. Vorschläge und Forderungen des Deutschen Caritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7 + 48–54; Die Not tritt ans Tageslicht, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Baden-Württemberg 7.39 (1956); Jedes vierte Kind hat kein eigenes Bett, in: WdA, Stimme der Arbeit aus NRW 8.15 (1957); Frauen müssen oft mitverdienen. Umfrage ergab: Löhne und Gehälter der Männer sind in den meisten Familien zu gering, in: WdA 12.21 (1961), S. 1; Nur für kinderlose Mieter. Familien mit Kindern benachteiligt – Auf Einkommensstufe von Fürsorgeempfängern, in: WdA 12.25 (1961), S. 11; Joseph Frings: Subsidiarität in Staat und Kirche, in: Caritas 62.2 (1961), S. 56–58; Soziale Notlage zwingt viele Frauen zur Arbeit. Zahllose Haushalte haben nur 400 bis 500 DM im Monat, in: WdA 14.7 (1963), S. 1; Kinderreiche – stiefmütterlich behandelt, in: SZ Jg. 20 (21. Juli 1964); Familie — von der Gesellschaft bedrängt, in: SZ Jg. 20 (22. Juli 1964); Kinder werden zum Luxus, in: FR 20.167 (22. Juli 1964). 253 Ferdinand Oeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 254 Siehe z.B. Unger: Die Frau als Mutter und das deutsche Wirtschaftswunder, in: BdW 103.5 (1956), S. 151; Soziale Not derHeimarbeit, in:WdA, Stimme der Arbeit ausHessen 9.7 (1958); Frank: Unstet und flüchtig, S. 20, 35f. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 291 ihre Schwierigkeiten in vielerHinsicht.255Dieses Beispiel zeigt, dass die Erwerbstätigkeit von Müttern von Teilen der Gesellschaft durchaus akzeptiert war. Gleichzeitig wurde aber auch im zitierten Artikel moralischer Druck auf die betroffenen Frauen ausgeübt, da der Erfolg bei der Vereinbarkeit von Familie, Haushalt und Beruf indirekt zum Beweis von Charakterstärke stilisiert wurde. Das Ideal der nichterwerbstätigen Hausfrau und Mutter wurde also auch über politisch konservative Kreise hinaus geteilt.256 Ein Unterschied im Umgang mit diesem Thema lässt sich dennoch ausmachen. Sozialexperten, die dem politisch konservativen Lager nahestanden, setztenmehr darauf, Frauen durch ‚eindringliche Apelle‘ und vermeintlich eindeutige Beweise für die negativen familiären Auswirkungen davon abzuhalten, einer außerhäuslichen Berufstätigkeit nachzugehen.257 Sozialdemokratische Experten betonten demgegenüber eher die großen Schwierigkeiten, die viele berufstätige Frauen und Mütter im Alltag zu meistern hätten. Gemeinsam war beiden Lagern die Forderung, die staatlichen Hilfen für Familien, beispielsweise in Form von Kindergeld, so auszubauen, dass Mütter während des Heranwachsens ihrerKinder nichtmehr auswirtschaftlicherNot gezwungenwaren, erwerbstätig zu sein. Im Umkehrschluss galt ihnen eine Familie als potenziell arm beziehungsweise hilfsbedürftig, wenn die Mutter einer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit nachging.258 255 Schlüsselkinder sindnicht dabei.Hamburger Polizeipräsident zerstörtVorurteil, in:WdA9.50 (1958). Siehe z.B. auchDie „armen Schlüsselkinder“ ... undwas eine berufstätigeMutter dazu sagt, in:WdA 7.7 (1956); Solch tapferenMütternwird das Leben schwer gemacht, in:WdA, Stimme der Arbeit aus NRW 8.5 (1957); Fleiß der Witwen wird bestraft, in: WdA, Stimme der Arbeit aus NRW 8.7 (1957); Erika Engelbrecht: Dürfen Frauen nur arbeiten, wenn es sein muß? In anderen Ländern hilft man ihnen, ihre Doppelaufgabe zu lösen, in: WdA 8.22 (1957). 256 Vgl. Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 208. Siehe auch Die Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft. Das Frauenprogramm der SPD, in: NB 11.9 (1957), S. 139. 257 Vgl. Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 192-194. 258 Wirksame Hilfe für die Familie. Vorschläge und Forderungen des Deutschen Caritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7+48–54;Unger:DieFrau alsMutter unddas deutscheWirtschaftswunder, in: BdW 103.5 (1956), S. 151; Pressenotiz des SPD Frauenbüros Nr. 8/57 vom 6.11.1957, AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 329; Schlüssel – Zeichen zweifelhafter Würde. Der Tagesablauf eines Schlüsselkindes in Schwäbisch Gmünd, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Baden-Württemberg 9.5 (1958); Leistungslohn oder Familienlohn? Die Gewerkschaften sind eifrige Förderer einer aktiven Familienpolitik – Gegen Vorwürfe des Familienministers, in: WdA 9.5 (1958); Joseph Frings: Subsidiarität in Staat und Kirche, in: Caritas 62.2 (1961), S. 56–58; Familie — von der Gesellschaft bedrängt, in: SZ Jg. 20 (22. Juli 1964). 292 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Konservative wollten jedoch im Sinne des Subsidiaritätsprinzips und in Abgrenzung zur Bevölkerungspolitik der NS-Zeit diese direkten Familienhilfen auf das Nötigste beschränkt wissen und setzten darauf, dass der Staat, beispielsweise durch eine gezielte Lohnpolitik, bessere Rahmenbedingungen für alle schuf.259 Sozialdemokraten plädierten aus Gründen der Gerechtigkeit dafür, dass gerade auch die Familien aus den unteren Gesellschaftsschichten gefördert werden müssten. Damit setzten sie tendenziell auf eine Sozialpolitik der Umverteilung.260 Dem Grundsatz der Subsidiarität zum Trotz etablierte die Bundesregierung auf Drängen des Bundesfamilienministeriums bis Anfang der 1960er Jahre nicht nur direkte und indirekte Einkommenshilfen für Familien (Kindergeld, Kinderfreibeträge bei der Einkommenssteuer), sondern noch eine Reihe weiterer indirekter Familienhilfen. So stellte sieGelder für FamilienerholungsmaßnahmenundMüttergenesung ebenso zur Verfügung wie Erziehungs- und Ausbildungshilfen. Darüber hinaus finanzierte sie Schüler-, Geschwister- und Familientarife im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.261 In ähnlicherWeise unterschieden sich die beiden politischen Lager auch hinsichtlich ihrer Lösungsansätze für eine bessere Altersversorgung von Frauen. Die prekäre Lage vieler Frauen imRentenalterwar nämlich gleichermaßenbekanntwie diejenige kinderreicher Familien. Schon vor Verabschiedung der Rentenreform von 1957 war in der (Fach-)Presse vielfach darauf hingewiesen worden, dass nicht alle alten Menschen inderBundesrepublik vonderErhöhungderRentenprofitierten.262Denndie Rentenreform war, wie das bundesdeutsche Sozialversicherungssystem insgesamt, mit den Worten Hans Günter Hockerts’ in erster Linie auf die voll erwerbstätigen, hinreichend verdienenden, in der Regel männlichen Arbeitnehmer zugeschnitten. Für diese Personengruppe war die Gefahr der Altersarmut durch die Rentenreform gebannt.263 Da die meisten Frauen aufgrund der gängigen Praxis, bei Heirat die Berufstätigkeit aufzugeben, nur indirekt über ihre Ehemänner oder männlichen 259 Reichwein:Kinderarmut inderBRD,S. 129f, 133.Vgl. z.B. auchFranz-JosefWuermeling: Startschuß!, in: Rheinischer Merkur Jg. 10 (9. Dez. 1955), S. 1–2. 260 Siehe z.B. Elsbeth Stahl: Kindergeld muß für zweites Kind gezahlt werden! Der Regierungsentwurf zur Änderung der Kindergeldgesetze enttäuscht wieder viele Familien – Soziale Härten müssen endlich beseitigt werden, in: WdA 9.48 (1958). Vgl. Anlage 4 zu einem Einladungsschreiben an die Mitglieder der Bundesausschusses für Sozialpolitik vom 31. Januar 1968, ADCP, 01-098 012/1. Vgl. Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 60. 261 Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 191. 262 Siehe dazu Abschnitt 2.3.3. 263 Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 85. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 293 Verwandten in das soziale Sicherungssystem einbezogen waren, erhielten sie auch nach der Reform nur eine sehr kleine oder überhaupt keine Rente. Und selbst bei Frauen, die ihr Leben lang berufstätig gewesenwaren, bewirkten die imVergleich zu männlichen Berufstätigen weitaus geringeren Löhne sowie die ungünstige Bemessungsgrundlage vonTeilzeitarbeit, dass die Altersrente klein ausfiel.264 Sowurde die arme alte Frau—oftmals als einsameWitwedargestellt—zu einer gern verwendeten Chiffre dafür, dass es in der Bundesrepublik trotz des Wirtschaftswunders noch Menschen gab, die unverschuldet in Not geraten waren.265 War eine Ehe im Rentenalter noch intakt, zeigten die fehlenden oder geringen Rentenansprüche der Frauen keine Auswirkungen auf ihre soziale Stellung – ein in konservativen Kreisen gern benutztes Argument, um den Vorwurf zu entkräften, dass es auch nach der Rentenreform noch eine alarmierend große Altersarmut gebe.266 Doch die vielen alleinstehenden, geschiedenen oder verwitweten Frauen waren hiervon ausgenommen, worauf insbesondere die DGB-ZeitungWelt der Arbeit immer wieder verwies.267 Auch in konservativen Kreisen fand das Beachtung. Insbesondere ihreweiblichen Sozialexpertenwaren derMeinung, dass es sich hierbei in der Regel nicht um bedauerliche Einzelfälle handelte. So betonte die spätere erste Bundesgesundheitsministerin, Elisabeth Schwarzhaupt, 1957: „Diese Frauen sind nicht lebensuntüchtig, sie sind nicht sozial schwierig, sie sind oft schuldlos an dem Scheitern der Ehe. Diejenigen, die Fürsorgeunterstützung in Anspruch nehmen müssen, sind dabei nur die radikalsten Fälle aus einer sehr viel größeren Gruppe von Frauen in einer ähnlichen Lage, die aus dem kleinen Erbe oder aus Unterstützungen ihrer Kinder gerade etwas mehr erhalten als den Richtsatz der Fürsorgeunterstützung.“268 264 Niehuss: Kontinuität undWandel, hier: S. 330; Hilpert:Wohlfahrtsstaat derMittelschichten, S. 345. 265 Vgl. Lorke: Nur die Landstraße, S. 13. Siehe auch Kapitel 6.1.1. 266 Siehe z.B. Ilse Elsner: Sorgen um den Lebensabend. Entwurf zur Rentenreform im Kreuzfeuer der Meinungen, in: Die Welt Jg. 11 (20. Nov. 1956). 267 Siehe z.B. Das bringt die Rentenreform den Frauen, in:WdA 8.6 (1957); Rentnerwitwen leidenNot, in: WdA 9.17 (1958); Materialsammlung zum Thema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 322. 268 Elisabeth Schwarzhaupt: Familienrecht undWohlfahrtspflege, in: BdW 103.2 (1957), S. 42–44. Siehe auch: Ist es eine Schande, von Wohlfahrtsunterstützung zu leben?, in: Die katholische Frau 1957, S. 10. 294 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Schwarzhaupts Lösungsansatz bestand darin, das Familienrecht zu Gunsten der Frau zu reformieren, solange es, anders als beispielsweise in der DDR, noch üblich war, dass die Frau mit der Eheschließung ihren Beruf aufgab. So setzte sie sich dafür ein, dass eine Ehe nicht mehr ohne das Einverständnis der schuldlosen Ehefrau geschieden werden durfte. Dabei verwies sie darauf, dass diese Regelung erst während des Nationalsozialismus gelockert worden war. Damit schien sie gleichzeitig den Unrechtscharakter dieser Regelung unterstreichen sowie die christlichkonservativen Werte als Gegenmodell zur nationalsozialistischen Weltanschauung darstellen zu wollen. Darüber hinaus forderte sie, dass der geschiedenen Frau nicht nur der Besitz zustehen solle, den sie mit in die Ehe gebracht hatte, sondern auch die Hälfte des während der Ehe erwirtschafteten Vermögens. Ebenfalls strebte sie eine Besserstellung derWitwe im Erbschaftsrecht an.Waren nämlich Kinder vorhanden, erbten diese bis dahin drei Viertel des Vermögens, nur ein Viertel ging an dieWitwe. Dadie beruflicheExistenz derKinder jedoch inderRegel nichtmehr andas elterliche Erbe geknüpft sei, solle die Witwe in Zukunft die Hälfte des Vermögens erhalten. Bemerkenswerterweise betonte dieCDU-Abgeordnete zugleich, dass das eigentliche Ziel darin bestehe, dass die Frau mit der Hochzeit nicht mehr ihre eigene Existenz aufgebe.269 Obwohl sich also hinter der aus diesen Forderungen folgenden „Katholisierung des Rechts“270 – zumindest aus Sicht der konservativen Sozialexpertinnen – das Ziel verbarg, Frauen sozial besser abzusichern, trug das Regierungslager mit diesen und ähnlichen Reformen dazu bei, das bestehende Modell der indirekten sozialen Absicherung von Frauen über die Institution Familie zu festigen. Im Gegensatz dazu setzte die SPD verstärkt darauf, die individuelle Absicherung von Frauen zu verbessern. Schon in ihrem Sozialplan von 1954/55 forderten die Sozialdemokraten, dass die Hausfrauenarbeit sozialrechtlich als Berufsarbeit bewertet werden müsse. Erreichenwollten sie dasmit der Einführung einer Grundrente für alle Staatsbürger ab 65 Jahren, auf die auch Hausfrauen einen unbedingten Rechtsanspruch haben 269 Elisabeth Schwarzhaupt: Familienrecht undWohlfahrtspflege, in: BdW 103.2 (1957), S. 42–44. Siehe auch:WirksameHilfe für die Familie. Vorschläge undForderungen desDeutschenCaritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7 + 48–54. 270 Vgl. Theo Rasehorn: Ehescheidung als soziales und sozialwissenschaftliches Problem, in: TuP 26.5 (1975), S. 162–172. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 295 sollten. Ebenfalls sollten Hausfrauen einen eigenen unbegrenzten Rechtsanspruch auf alle Leistungen der gesundheitlichen Sicherung erhalten.271 In den folgenden Jahren setzten sozialdemokratische Kreise vor allem darauf, Aufklärungsarbeit zu leisten.Denn, wie es die SPD-BundestagsabgeordneteHelene Wessel 1961 formulierte: „Zu unseren Vorstellungen der Stellung der Frau in der demokratischen Gesellschaft gehört vor allem auch ein würdiges Alter.“272 So versuchten sie, Frauen davon abzubringen, sich bei der Eheschließung die in die Rentenversicherung eingezahlten Beiträge wieder auszahlen zu lassen. Dass die Regierung diese Möglichkeit geschaffen hatte, war in ihren Augen nämlich ein Grund für die hohe Altersarmut von Frauen. Viele frisch Vermählte machten von dieser Möglichkeit Gebrauch, um wichtige Anschaffungen für den gemeinsamen Haushalt zu finanzieren. Die langfristigen Folgen hatten sie dabei nicht im Blick.273 Über Jahre wurde in der bundesdeutschen Öffentlichkeit immer wieder auf das Problem weiblicher Altersarmut aufmerksam gemacht. Beispielsweise wies die ZeitschriftNeues Beginnen darauf hin, dass im Jahr 1965 bei knapp 30 Prozent der über 65-jährigen Frauen das Individualeinkommenunter demExistenzminimumgelegen habe.274 Nach jahrelangem Bemühen konnte die Bundestagsfraktion der SPD im Mai 1969 diesbezüglich einen Erfolg vermelden: Der Sozialpolitische Ausschuss des Bundestags hatte sich nämlich dazu entschieden, allen Frauen, die wieder erwerbstätig gewordenwaren, dieMöglichkeit zu geben, dieRentenversicherungsbeiträge, die sie sich bei der Eheschließung hatten erstatten lassen, wieder einzuzahlen. Durch diese Nachentrichtung könnten die sozialen Nachteile der Beitragserstattung rückgängig gemachtunddie zu erwartendenRentenansprüchewirksamverbessertwerden, freu- 271 Broschüre „SPD Sozialplan. Der Punkt, der jeden interessiert“ (1954/55), AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 92. 272 Materialsammlung zumThema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD,NachlassHelene Wessel, Signatur 322. 273 Sitzungsprotokoll des Ausschusses ‚Altenprobleme‘ der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt am 8.11.1963 in Bonn, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 119. 274 Heinz Niedrig: Statistik. Wohnverhältnisse und Einkommen alter Menschen, in: NB 21.1 (1970), S. 34–35. Siehe z.B. auch: Zacher: Sozialpolitik und Menschenrechte, S. 57; Armut ist nicht ausgestorben, in: Ketteler Wacht 1968; 1,5 Millionen arme Bundesbürger, in: Medizin heute 18.8 (1969), S. 244; Alte. Um einen längeren Tag, in: Der Spiegel 23.52 (1969), S. 38–59. Vgl. auch: AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 86 und 89. 296 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe te sich die SPD.275 Darüber hinaus bemühten sich Sozialdemokraten und ihnen nahestehende Kreise darum, die Situation für erwerbstätige Frauen, insbesondere die alleinstehenden unter ihnen, zu verbessern, indem sie die gegenwärtige Situation anprangerten und immer wieder gleichen Lohn für gleiche Arbeit sowie bessere Aufstiegschancen für Frauen forderten.276 Vorbild waren dabei insbesondere die skandinavischen Länder.277 Entgegen dem Ideal der lebenslang andauerndenHausfrauenehemit zwei Kindern gehörte die ‚unvollständige‘ Familie seit der Kriegszeit zumAlltag. Sowaren im Jahr 1950 1,7 Millionen der 16 bis 65 Jahre alten Frauen verwitwet. Weitere 700.000 lebten von ihren Männern getrennt, 365.000 waren geschieden. 2,2 Millionen Kinder bezogen eine Waisenrente. Der Großteil derjenigen, die ihren Vater im Krieg verloren hatten, wuchs bei der Mutter auf. Eine weitere Kriegsfolge war der große Frauenüberschuss in den Altersgruppen zwischen 20 und 35 Jahren, was wiederum den Anteil unehelich geborener Kinder in den Jahrgängen 1947 bis 1955 auf einen Anteil von 20 bis 30 Prozent ansteigen ließ.278 Die Schwierigkeiten alleinerziehender Mütter blieben den Zeitgenossen nicht verborgen. So verwiesen die beiden Journalisten Ilse Elsner und Rüdiger Proske in ihrer bereits erwähnten Studie zur Armut in Westdeutschland von 1953 darauf, dass sich vor allem in der Gruppe der unverheirateten Frauen und Witwen ein „recht umfassender Armutsherd“ verberge. Ursachen hierfür sahen sie zum einen in der schlechten sozialen Absicherung von Frauen, die nicht auf einen männli- 275 Informationen der Sozialdemokratischen Fraktion im Deutschen Bundestag vom 21.5.1969, AdsD, Nachlass Ernst Schellenberg, Signatur 4. Siehe auch: Zeitungsartikel von Ernst Schellenberg: „Für Mitbürger sorgen, die trotz Hochkonjunktur im Schatten leben“ vom 25-27.12.1970 (keine Angabe der Zeitung), AdsD, Nachlass Ernst Schellenberg, Signatur 5. 276 Siehe z.B. Schriftenreihe der SPD für Frauenfragen: Probleme der alleinstehenden Frau. Die wirtschaftliche Situation der alleinstehenden Frau (1956), AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 369; Putzfrauen müssen noch warten, in: WdA, Stimme der Arbeit aus der Nordmark 8.2 (1957); Frauen sind immer noch benachteiligt, in: WdA 9.22 (1958); Weibliche Angestellte imHintertreffen. Bundesdurchschnittsgehalt bei Männern 580 DM, bei Frauen 354 DM monatlich, in: WdA 9.38 (1958); Materialsammlung zum Thema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 322. 277 Siehe z.B. Schreiben vonHeleneWessel an FrauDr. Julie Poehlmann vom 10.4.1959, AdsD,Nachlass HeleneWessel, Signatur 74. Vgl. auch AdsD, Nachlass HeleneWessel, Signatur 72. 278 Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, S. 27; Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 318, 320; Ilse Elsner/Rüdiger Proske: Der fünfte Stand. Eine Untersuchung über die Armut in Westdeutschland, in: Frankfurter Hefte 8.2 (1953), S. 101–111. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 297 chen Ernährer zurückgreifen konnten, sowie der geringen Wertschätzung weiblicher Erwerbsarbeit, die sich in schlechter Bezahlung und Arbeitsplatzunsicherheit widerspiegelte. Zum anderen darin, dass sich diese Frauen nichtsdestotrotz, ihrem Rollenbild genügend, um denUnterhalt und die Pflege ihrer Eltern kümmerten.279 Trotz öffentlicher Aufmerksamkeit für die Probleme alleinstehender Frauen, insbesondere Witwen mit Kindern, blieb die Sozialpolitik auf das Idealbild der ‚traditionellen‘ Familie ausgerichtet. Zwar hatten sich die Verfasser der Rothenfelser Denkschrift dazu bekannt, dassWitwenmit Kindern in Ausbildung so gut versorgt werden sollten, dass sie „aus Gründen des Lebensunterhalts“ keiner Erwerbsarbeit nachgehen mussten. Doch lagen die Unterstützungssätze fürWitwen, gerade wenn diese mehrere Kinder hatten, meist unterhalb der Fürsorgesätze.280 Verschärfend kam hinzu, dass das 1954 eingeführte Kindergeld zunächst ausschließlich berufgenossenschaftlich organisiert und damit an Erwerbsarbeit gebunden war. Erwerbstätige, die nicht in Berufsgenossenschaften organisiert waren, waren damit von dieser Regelung zunächst ebenso ausgenommen wie Personen, die ihren Lebensunterhalt aus Sozial(versicherungs)leistungen bestritten, also auch Bezieherinnen von Witwenrenten.281 Denn aus Regierungssicht war das Kindergeld nicht als bevölkerungspolitische Maßnahme eingeführt worden. Dem ersten Kindergeldgesetz hatte eine andere Erwägung zugrunde gelegen: Arbeiter und Angestellte, die bei geringem Einkommen eine Familie mit mehr als zwei Kindern zu unterhalten hatten, sollten Kindergeld ausgezahlt bekommen, das ihre jeweilige Berufs- beziehungsweise Wirtschaftsgruppe zu tragen hatte. Auf dieseWeise sollte vor allem dem „familienfeindlichen Trend des überspitzten Leistungslohngedankens“282 entgegengesteuert werden. Ab 1. Januar 1955 wurde aber auch Empfängern von Renten- und Versorgungsleistungen ab dem dritten Kind Kindergeld gewährt. Nachdem die Fachwelt auf dem Deutschen Fürsorgetag gefordert hatte, dass auch Sozialleistungsempfänger Kindergeld in vollem Umfang erhalten sollten, wurde auf diesem Gebiet nochmals nachjustiert, so dass ab 1. Februar 1956 neben Selbständigen sowie nicht berufsgenossenschaftlich organisierten Arbeitnehmern auch Fürsorgeempfänger Kinder- 279 Ilse Elsner/Rüdiger Proske: Der fünfte Stand. Eine Untersuchung über die Armut in Westdeutschland, in: FrankfurterHefte 8.2 (1953), S. 101–111. Siehe z.B. auch FerdinandOeter: Die Förderung von Familie und Jugend als Problem des Wohlfahrtsstaates, in: BdW 102.9 (1955), S. 324–326. 280 Vgl. Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 252. 281 Paul Collmer: Die Professorendenkschrift zur Sozialreform, in: BdW 102.9 (1955), S. 315–320;Waisen sind auch Kinder, in: SozFor 1955, S. 230. 282 Lorenz Höcker: Familie. Zur Überarbeitung der Kindergeldgesetze. Ein Diskussionsbeitrag, in: SozFor 5.5 (1956), S. 102. 298 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe geld erhielten.283 Trotz dieser kleinen Erfolge mahnte dieWelt der Arbeit 1957, dass gerade die Probleme alleinstehender Frauen mit Kindern in der Sozialpolitik kaum Beachtung fänden.284 Große Beachtung fand hingegen ein Phänomen, dasMitte der 1950er Jahre in der bundesdeutschen Öffentlichkeit meist unter dem Begriff der ‚Onkelehe‘ diskutiert wurde.285 Auch hier zeigten sich Unterschiede zwischen den beiden politischen Lagern, weniger bei dessenmoralischer Bewertung als beim konkretenUmgangmit ihm. Der Begriff umschrieb ein eheähnliches Verhältnis zwischen einer Witwe und einem neuen Partner, das aber nicht durch Heirat legitimiert wurde, um den Anspruch aufWitwenrente zu erhalten.Der neuePartner derWitwewurde dabei in der Vorstellung der Zeitgenossen von ihrenKindern als ‚Onkel‘ bezeichnet. Gleichzeitig verweist die Bezeichnung auf den widersprüchlichen Umgang mit dieser Form des Zusammenlebens. Einerseits galten wilde Ehen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als nicht hinnehmbar. Denn sie wurden als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung wahrgenommen, deren Kern, wie in Abschnitt 4.1.1 bereits beschrieben, inAbgrenzung zuNS-Vergangenheit undKommunismus die ‚traditionelle‘ Familie bildete. Vor allem die katholische Kirche trug zur Verbreitung dieser Sichtweise in der Öffentlichkeit bei, beispielsweise durch eine Denkschrift der katholischen Bischöfe zur ‚Rentenkonkubinate‘, die betonte, dass die ‚Onkelehe‘ bei allem Verständnis für die betroffenen Frauen eine sittlicheGefahr für die gesamteGesellschaft darstelle.286 Andererseits deutete sich in der begrifflichen Fortführung dieses Scheinverhältnisses Verständnis dafür an, dass die Sorge um die eigene soziale Absicherung dieses Verhalten verursachte. So warben vor allem Veröffentlichungen aus dem linken politischen Spektrum immer wieder um Verständnis für diese Frauen.287 Genauso for- 283 Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 175, Fußnote 232; Deutscher Fürsorgetag 1955, in: NB 9.11 (1955), S. 170+179. 284 Siehe z.B. Fleiß der Witwen wird bestraft, in: WdA, Stimme der Arbeit aus NRW 8.7 (1957). 285 Ausführlich beleuchtet dieseMitte der 1950er Jahre geführte Debatte Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 168-252, Auf S. 171, Fußnote 10 gibt sie außerdem einen guten Forschungsüberblick zum Phänomen der ‚Onkelehe‘. 286 Joseph Frings: Denkschrift der katholischen Bischöfe zu den Fragen der „Rentenkonkubinate“, in: Caritas 57.3/4 (1956), S. 79–80. Siehe auch: Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 169, 171, 190, 252. 287 Siehe z.B. Emma Schulze: Überlegungen zum Problem der „Onkelehen“, in: NB 9.6 (1956), S. 85; Familien ohne Vater. Verwitwete Frauen und Mütter sprechen sich aus, in: WdA 7.24 (1956); „Sie sind ja gar nicht verheiratet“. Staatsanwalt jagt Onkelehen – Aber kann der Moral so geholfen 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 299 derten diese, dass sich die Gesellschaft mehr um die Probleme vonMüttern mit unehelichenKindern kümmernmüsse unddiese nicht aufgrund ihres (vermeintlichen) moralischen Makels ignorieren dürfe.288 So war es in den Augen sozialdemokratischer Sozialexperten zum einen unerlässlich, dass die freien Wohlfahrtsverbände ebensowieKirchengemeinden undKommunen familienergänzende Einrichtungen wie Kindergärten oderHorte betrieben.289 Zum anderen forderten sie, dass, solange im Sozialrecht der arbeitende Mensch im Mittelpunkt stand, insbesondere alleinerziehende Mütter mit steigendem Alter der Kinder wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden sollten. Deshalb sollten Frauen mit Kleinkindern über hohes Kindergeld gut abgesichert werden, die Witwenrenten aber gering bleiben.290 Damit versuchten sie eineArtMittelweg zwischen den zwei von ihnen in anderen Ländern beobachteten sozialpolitischen Lösungsstrategien zu etablieren. ImNeuen Beginnen hieß es 1958, dass in den skandinavischen und angelsächsischen Ländern das Bestreben vorherrsche, Erwerbstätigkeit und Familienaufgaben mit Hilfe sozialer Einrichtungen in Einklang zu bringen. In den romanisch bestimmten Ländern überwiege hingegen die Vorstellung, die Gesellschaft sei grundsätzlich dafür verantwortlich, den Lebensunterhalt von Witwen zu finanzieren, damit diese sich ganz dem Haushalt und den Kindern widmen könnten. Beide Modelle erschienen dem Autor des Artikels aber zu einseitig: Auch die beste Tageseinrichtung könne bei Kleinkindern nicht die Mutter ersetzen. Aber je älter die Kinder würden, um so mehrErwerbsarbeit sei derMutter zuzumuten.Dadurchwärendie Frauennicht nur sozial besser abgesichert. Sie würden aus ihrer Berufstätigkeit auch dringend benötigtes Selbstbewusstsein gewinnen.Darüber hinaus könne gesellschaftlicheTeilhabe in der Industriegesellschaft nur über die Einbindung in das Erwerbsleben funktionieren.291 werden?, in: WdA, Stimme der Arbeit aus Bayern 7.46 (1956). Interessanterweise wurde in der Debatte nämlich vor allem das Verhalten der Witwen be- und verurteilt, weniger dasjenige ihrer Partner. Vgl. Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 200ff. 288 Erwin Jahn: Vaterlose Familien, in: NB 12.3 (1958), S. 35–37. 289 Broschüre „SPD Sozialplan“ (1954/55), AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 92. 290 Erwin Jahn: Vaterlose Familien, in: NB 12.3 (1958), S. 35–37. Siehe auch: Max Thoma: Die Sorgen und Probleme der Sozialarbeit, in: WdA 9.37 (1958). 291 Ebd. Damit in Einklang steht die Feststellung Merith Niehuss’, dass die Berufstätigkeit verwitweter Frauen mit Kindern als ‚Kriegsfolgelast‘ akzeptiert war. Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 323. Vgl. auch: Waisen sind auch Kinder, in: SozFor 1955, S. 230. 300 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Insgesamt lässt sich feststellen, dass gerade in den 1950er Jahren die Hilfsbedürftigkeit von Frauen in der (Fach-)Öffentlichkeit breit diskutiert wurde. Auf den erstenBlickwidersprach dies der seit der Industrialisierung bestehendenTrennung von Privatheit und Öffentlichkeit inklusive ihrer geschlechtsspezifischen Zuordnung. Zwar habe, wie es Adelheit von Saldern formuliert, das Begriffspaar Öffentlichkeit versus Privatsphäre mehr eine Konstruktion der Wirklichkeit als die Wirklichkeit selbst dargestellt. Dennoch sei es wirksam genug gewesen, um Frauen strukturell zu benachteiligen. Denn der hauptsächliche Lebenskreis der Frauen sei mit der Privatsphäre gleichgesetzt worden, weshalb Fraueninteressen als nicht öffentlich zu verhandeln gegolten hätten.292 Auf den zweiten Blick allerdings war der beschriebene Mechanismus, durch den Fraueninteressen nicht öffentlich thematisiert wurden, offenbar auch in den 1950er Jahrenweiterwirksam.DenndieDebattenmachendeutlich, dass Frauenweniger als Individuen imMittelpunkt des sozialpolitischen Interesses standen; ihre Probleme wurden vielmehr im Kontext ihrer familiären Einbindung definiert. So wurden ihnen soziale Hilfen zum einen dann zugestanden, wenn sie andernfalls ihrer Rolle als Hausfrau undMutter nicht mehr gerecht werden konnten, zum anderen, wenn ihre soziale Absicherung nicht über die Institution Ehe organisiert werden konnte, wie dies bei alleinstehenden, verwitweten oder geschiedenen Frauen der Fall war. In der öffentlichenWahrnehmung verschwanden die Frauen also hinter der Institution der Familie, die zwar weiterhin als privat deklariert war, deren vermeintlich strukturelle Probleme jedoch öffentlich diskutiert wurden. Die beschriebenen Debatten um soziale Hilfe für Frauen weisen daher mit denWorten Anna Schnädelbachs auf eine Verschränkung und Überschneidung von öffentlicher und privater Sphäre hin. Denn einerseits legte die bundesdeutsche Gesellschaft der 1950er Jahre großenWert aufPrivatheit, gerade auch, umsich gegenüberNationalsozialismusundKommunismus abzugrenzen. Andererseits waren Konflikte in als privat angesehenen Sphären wie Partnerschaft und Familie Gegenstand öffentlicher Debatten.293 Ein Erklärungsansatz für diesen scheinbaren Widerspruch könnte darin liegen, den eigentlichenVerhandlungsgegenstand dieserDebatten nicht inweiblicherHilfsbedürftigkeit zu sehen, sondern in der über die ‚traditionelle‘ Familie definierten Gesellschaftsordnung. Die Schwierigkeit bestand aus Sicht zeitgenössischer Sozialexperten daher darin, Familien, die diesem Ideal nicht entsprachen, soziale Hilfen 292 Saldern: Von der „guten Stube“ zur „gutenWohnung“, hier: S. 241. 293 Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 9-11. Vgl. z.B. Hans Koch: Staat und Familie in der Sowjetzone, in: BdW 102.9 (1955), S. 359–361. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 301 zukommen zu lassen, ohne dadurch aber Anreize für mehr Frauen- beziehungsweise Müttererwerbstätigkeit zu schaffen. Denn die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen hätte wiederum das Ideal der ‚traditionellen‘ Familie und damit den angenommenen Grundpfeiler der Gesellschaft gefährdet.294 Diese sozialpolitische Gratwanderung schien ihnen zunächst zu gelingen. Merith Niehuss’ Feststellung, dass die Emanzipationder Frau in den 1950er Jahrennur sehr langsamvorgekommen sei, obwohl gerade die Erwerbstätigkeit der Frau, insbesondere der verheirateten Frau und Mutter, in dieser Zeit beträchtlich anstieg, kann hierfür als Beleg herangezogen werden. Allerdings betont Niehuss auch, dass die Frauen selbst zu diesem Verharren beitrugen. Erst ab dem Geburtenjahrgang 1935 stellt sie eine deutliche Verhaltensänderung fest.295 Im Gegensatz zur Altenhilfe waren soziale Hilfen für Frauen kein fest umrissenes Aufgabengebiet der Wohlfahrtspflege. Bezeichnenderweise wurden Maßnahmen zur Unterstützung von Frauen (zum Beispiel Hauspflege, Nachbarschaftshilfe oder Müttererholung) selbst von der Arbeiterwohlfahrt ab 1959 unter den Begriff der ‚Familienhilfe‘ eingereiht.296 Auch sie nahm Frauen also weniger als individuell unterstützungsbedürftig wahr, sondern als unterstützungsbedürftig in ihren famili- ären Funktionen, sprich als Verantwortliche für denHaushalt, die Kindererziehung oder auch die Pflege von Angehörigen. In diesem Zusammenhang betrachteten die Wohlfahrtsverbände soziale Hilfen für Frauen sogar als eines ihrer wichtigsten Aufgabenfelder.Dennwenn eine Frau die ihr zugewieseneRolle in der Familie nicht mehr erfüllen konnte, galt die Familie insgesamt als gefährdert. War die Institution Familie gefährdert, galt wiederum die soziale Sicherheit als gefährdet, die primär auf der Familie aufbaute.297Wiewichtig dieWohlfahrtspflege dieses Thema nahm, zeigt 294 Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 171, 252. 295 Niehuss: Kontinuität undWandel, hier: S. 330, 334. 296 Siehe z.B. Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 17.9.1959 in Wiesbaden, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. Auch im SPD-Sozialplan war die Forderung nach einer Grundrente für Hausfrauen unter dem Punkt ‚Familienförderung‘ eingereiht worde. Broschüre „SPD Sozialplan. Der Punkt, der jeden interessiert“ (1954/55), AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 92. 297 Siehe z.B. Theodor Heuss: Ansprache des Bundespräsidenten auf dem Deutschen Fürsorgetag, in: NDV 35.10 (1955), S. 347–349; Ludwig Preller: Familienpolitik – aber wie?, in: NB 10.8 (1956), S. 113– 115; Gebhard Müller: Soziale Sicherheit in einer demokratischen Gesellschaft, in: Caritas 62.7 (1961), S. 269–285. 302 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe sich auch daran, dass derDeutscheVerein 1963 sogar seinen Fürsorgetag der „Mutter in der heutigen Gesellschaft“ widmete.298 Die Wohlfahrtspflege sah ihre Aufgabe darin, die familieneigenen Kräfte zu mobilisieren.299Während die Caritas dabei vordergründig immer auch vor einemÜbermaß an staatlichenHilfenwarnte,300 setzten insbesondere dieKommunen auf einen Ausbau der sozialen Infrastruktur inklusive sozialpädagogischer Angebote. Denn, wie es ein Autor der Zeitschrift Der Städtetag 1956 formulierte: Die erzieherische Kraft der Familien aus allen Schichten der Gesellschaft reiche oft nicht mehr aus. (Soziale) Probleme seien dadurch programmiert. Die Wohlfahrtspflege müsse sich daher darum bemühen, diesen durch ihre Arbeit vorzubeugen.301 Dabei konzentrierten sich die Fürsorgeexperten im Wesentlichen auf drei Aufgabenfelder: zum einen auf Kurse und Beratungsangebote für Frauen, insbesondere in Bezug auf die Kindererziehung, zum anderen auf Erholungsangebote für Kinder, Familien und Mütter, und zumDritten auf den Ausbau der Hauspflege. Schon auf demDeutschen Fürsorgetag von 1955 betonte Bundespräsident Heuss, dass das Instrument der Hauspflege zur sozialen Sicherheit unbedingt dazugehöre. Er begründete das damit, dass Mütter nur dann beruhigt einen Krankenhaus- oder Erholungsaufenthalt antreten würden, wenn sie die Gewissheit hätten, dass ihre Familien in ihrerAbwesenheit versorgt seien.Auch in denAugenderWohlfahrtspflege war die Hauspflege eine besonders familiennahe und familienfördernde Form der Sozialarbeit.302 Im selben Jahr richtete der Deutsche Verein einen eigenen Arbeitskreis zum Thema ‚Hauspflege‘ ein. Dieser sollte das Berufsbild der Hauspflegerin (!) erarbeiten – ein Beruf, der, wie sich schon in der Endung zeigt, ausschließlich von Frauen ausgeübt werden sollte. Denn in Fürsorgekreisen bestand Mitte der 298 Mütter sind die Stiefkinder der heutigen Gesellschaft. Der Deutsche Fürsorgetag ruft zu notwendigen Hilfsmaßnahmen auf, in: WdA 14.43 (1963), S. 3. 299 Hedwig Kränzler: Das Kind in der unvollständigen Familie. Bericht über das UNO-Seminar in Deutschland, in: NB 9.10 (1955), S. 149–150. 300 Wirksame Hilfe für die Familie. Vorschläge und Forderungen des Deutschen Caritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7+ 48–54. Siehe auch:Nächstenhilfe imVerborgenen, in: Badische Zeitung Jg. 17 (6. Sep. 1962) . 301 EdwinOstendorf: Zur FrüherfassungGefährdeter imRaum der Schule, in: Der Städtetag 9.7 (1956), S. 303–306. Vgl. Otto Suhr: Die Städte und die Neuordnung der sozialen Hilfe. Vorträge in der IX. Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, in: Der Städtetag 8.8 (1956), S. 338–340; Manfred Fuchs: Familienpolitik auch in den Gemeinden?, in: Der Städtetag 19.2 (1966), S. 65–67. Siehe auch: Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 298f. 302 Theodor Heuss: Ansprache des Bundespräsidenten auf demDeutschen Fürsorgetag, in: NDV 35.10 (1955), S. 347–349; Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 303. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 303 1950er Jahre noch keine Einigkeit darüber, welcheAufgaben diese Formder Sozialen Arbeit umfassen sollte. Es kristallisierten sich aber schon bald zwei Kernaufgaben heraus: die ambulante Pflege alter Menschen und die Haushaltsführung bei krankheitsbedingter Einschränkung oder erholungsbedingter Abwesenheit der Mutter. Dabei schien der Fokus mehrheitlich auf hauswirtschaftlichen und pflegerischen Tätigkeiten zu liegen undweniger auf sozialpädagogischenAufgaben. Besonders die Arbeiterwohlfahrt bedauerte dies.303 Vom Nutzen der Hauspflege waren alle Beteiligten jedoch gleichermaßen überzeugt. Friederike Föcking vertritt darüber hinaus dieThese, dass die freieWohlfahrtspflege die soziale Bedeutung professioneller Hauspflege vor allem aus strategischen Gründen betonte. Sie habe damit durchsetzen wollen, dass im Gesetz der Einsatz von zumindest halbprofessionellen Hauspflegekräften festgeschrieben würde. Dies wiederum hätte ihr Streben nach einer Vorrangstellung vor der öffentlichen Wohlfahrtspflege unterstützt, denn die freien Verbände hatten im Gegensatz zur öffentlichen Wohlfahrtspflege – mit Ausnahme der Arbeiterwohlfahrt – die Professionalisierung der Hauspflege bereits vorangetrieben und hofften daher auf eine öffentliche Subventionierung ihrer Ausbildungsangebote sowie ihrer Verwaltungs- und Personalkosten. Die zuständige Sozialabteilung des Bundesinnenministeriums verzichtete aber auf eine derartige Regelung, einerseits um die kommunalen Interessen zu wahren, andererseits um die ‚bewusst missionarisch‘ eingesetzten katholischen Familienpflegerinnen nicht öffentlich zu fördern. Darüber hinaus schien der Bedarf an Hauspflegerinnen so groß, dass auf den Einsatz von nebenberuflichen Kräften zunächst nicht verzichtet werden konnte.304 In den folgenden Jahren trieb jedoch nicht nur die konfessionelleWohlfahrtspflege die ProfessionalisierungdiesesArbeitsfelds voran, sondern auchdieArbeiterwohlfahrt. Denn entgegen ihrem Selbstverständnis, ein Verband von Ehrenamtlichen zu sein,305 musste sie einsehen, dass es immer schwieriger wurde, ehrenamtliche Kräfte für diese Arbeit zu gewinnen und im Wettbewerb mit den konfessionellen 303 Gängler/Rauschenbach: Professionalisierung der sozialen Arbeit, hier: S. 536; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 30.5.1956 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 6.6.1959 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 304 Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom, S. 303-305. Siehe auch: Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 30.5.1956 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 15.12.1960 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 305 Siehe Kapitel 3.2.2. 304 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Verbänden zu bestehen. So konnte Anfang 1959 ein halbjähriger Hauspflegekurs nicht angeboten werden, da von sechzehn Anmeldungen nur drei übrig geblieben waren, wohingegen die konfessionellen Verbände mit ihren Kursen und Ausbildungsangeboten äußerst erfolgreichwaren.306Daher richtete dieAWOAnfang 1960 einen eigenen Arbeitskreis ein, der sich ausschließlich mit dem Thema Hauspflege beschäftigen sollte, und veranstaltete im Herbst desselben Jahres ihren ersten zentralen Lehrgang für Hauspflegerinnen.307 Diese Bemühungen zahlten sich offenbar aus: 1963 waren bereits knapp drei Viertel der 2.700Hauspflegerinnen der Arbeiterwohlfahrt hauptamtlich beschäftigt.308 Festzuhalten bleibt aber auch, dass es den Fürsorgeexperten trotz der beschriebenen Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf den Erhalt der traditionellen Familie und trotz der damit verbundenen vormundschaftlichen Ansätze in erster Linie darum ging, Wege zu finden, armen und oder ausgegrenzten Menschen zu helfen. Im Instrument derHauspflegemeinten sie hierfür einen gutenAnsatz gefunden zuhaben. Darauf verweisen auch die Einsatzberichte vonHaus- beziehungsweise Familienpflegerinnen, die 1959 in der Caritas-Zeitschrift veröffentlicht wurden. Darin hieß es, dass die Familienpflegerin häufig mit ‚vielfacher Familiennot‘, ‚äußerer Bedrängnis‘ und ‚innerer Armut‘ konfrontiert sei. Was sich hinter diesen Begriffen verbarg, verdeutlicht eine kurze Schilderung einer Familienpflegerin aus ihrer Arbeit: „Danach wurde ich eingesetzt in einer sehr armen Arbeiterfamilie. Die Mutter war nach langem Krankenhausaufenthalt froh, entlastet zu werden. Sie hätte bei ihren fünf Kindern viel mehr Hilfe gebrauchen können, als wir ermöglichen konnten. Die Verhältnisse waren äußerst primitiv. Nach der Flucht aus dem Osten war die Familie lange von einem Lager ins andere geschleust worden. Jetzt bewohnte sie zwei ganz feuchte Räume in einem stallähnlichen Gebäude am Rande des Dorfes. Dieses Haus hatte noch nicht einmal Anschluß an die Wasserleitung. Das Wasser mußte von einem nahe liegenden Straßenhydranten geholt 306 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 31.1.1959 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 6.6.1959 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 307 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 20.2.1960 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 308 Lemke: Die Arbeiterwohlfahrt in der Berichtszeit. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 305 werden. [...] Die Pfarrcaritas hatte zur Linderung der wirtschaftlichen Not viel Hilfe geleistet.“309 Die Schilderung zeigt, dass Familienpflegerinnen sehr genau erkannten, dass sie in ihrer Arbeit mit materieller Armut konfrontiert waren. Sie verweist darüber hinaus aber auch auf die komplexen Zusammenhänge zwischen sozialen, physischen und materiellen Mangelerscheinungen, in diesem Fall die Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht, der Migrationshintergrund, der Kinderreichtum, die beengten und primitiven Wohnverhältnisse sowie die Krankheit der Mutter. Das Berufsbild der Hausoder Familienpflegerin schien es also zu ermöglichen, Armutsphänomene in ihrer Komplexität zu erkennen und unter Zuhilfenahme anderer sozialer Einrichtungen und Hilfsangebote anzugehen. Auch das könnte ein Erklärungsansatz dafür sein, warum selbst in Fürsorgekreisen der abstrakte Begriff ‚Armut‘, durch den all diese Zusammenhänge hinter demmateriellenAspekt zurücktraten, nur seltenGebrauch fand. Gleichzeitig zeigen die Berichte auch, dass die zunächst modern und innovativ erscheinendeMethode, ambulante soziale Dienstleistungsangebote auszubauen, zumindest im Fall der Caritas stark restriktive Züge aufwies. Immer wieder verwiesen die Familienpflegerinnen auf diemangelndeReligiosität ihrer Schützlinge, sprachen negativ über Scheidungen. Selbst ‚Mischehen‘ zwischen katholischen und evangelischen Partnern, deuteten sie als Anzeichen von Unmoral. Darüber hinaus führten sie die wirtschaftlicheNot der betreuten Familien häufig auf Faulheit, Unwirtschaftlichkeit und fehlenden Ordnungswillen insbesondere der Frauen zurück. Insofern war das Prinzip der sozialen Vormundschaft mit Hilfe der Hauspflege in die Praxis der Sozialarbeit übertragen worden.310 Die Müttergenesung, im Regelfall ein vierwöchiger Kuraufenthalt ohne Kinder, war der zweite Bereich, auf den sich die Wohlfahrtspflege im Rahmen der sozialen Hilfen für Frauen konzentrierte. Eine zentrale Rolle spielte dabei das 1950 vonEllyHeuss-Knapp, der Ehefraudes erstenBundespräsidenten, gegründeteDeutsche Müttergenesungswerk.311 Der in sozialdemokratischen Kreisen weit verbreite- 309 Familienpflegerinnen berichten aus ihrer Arbeit, in: Caritas 60.10/11 (1959), S. 333–336. Siehe auch: Hauspflege und Jugendhilfe. AusTagebuchblättern vonFamilienpflegerinnenundDorfhelferinnen, in: Caritas 66.5 (1965), S. 216–224. 310 Vgl. Familienpflegerinnen berichten aus ihrer Arbeit, in: Caritas 60.10/11 (1959), S. 333–336. Siehe auch: Meyer: Schwestern bauen das Familienleben wieder auf. 311 Vgl. Rosemarie Pflüger: Müttergenesungsfürsorge für junge Frauen, in: NB 17.2 (1966), S. 64–68. 306 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe ten Idee vorsorgender Sozialhilfe folgend engagierte sich dieArbeiterwohlfahrt stark in diesem Bereich.312 Dahinter verbarg sich die Vorstellung, dass Familien leichter durch schwere Zeiten von Arbeitslosigkeit, Flucht oder Krankheit gingen, wenn die Mütter durch Erholungsmaßnahmen gestärkt würden. Dies wiederum beuge einer Verstetigung sozialer und wirtschaftlicher Probleme vor und helfe dadurch, Armut zu verhindern.313 Oder, wie es wiederum Bundespräsident Heuss in seiner Rede auf dem Deutschen Fürsorgetag 1955 formulierte: Das Müttergenesungswerk habe die Aufgabe, überlasteten Frauen vor dem Zerbrechen ihrer Kraft zu helfen und damit ein Grundelement des wechselseitigen Familienhelfens zu sichern.314 1957 beschloss die Führungsspitze der Arbeiterwohlfahrt, sich darüber hinaus auch stärker in der Familienferienerholung zu engagieren.315 Gleiches taten auch die Städte. So schickte beispielsweise die Stadt Frankfurt 1964 rund200kinderreicheFamilien in einenErholungsurlaub.Allerdings argumentierte ein Autor des Städtetags wenige Jahre später, dass derartige Familienhilfen leicht den Geruch einer ‚Arme-Leute-Politik‘ bekämen und die beste Familienhilfe seiner Meinung nach darin bestehe, durch die Verbesserung der Infrastruktur bessere Voraussetzungen für das Familienleben zu schaffen, beispielsweise durch den Bau von Schulen, Spielplätzen, Erziehungsberatungsstellen, Gesundheitseinrichtungen sowie eine guteWohnungspolitik, die auch materielle Hilfe beim Bau von Eigenheimen beinhalte.316 Den konfessionellen Verbänden war die Müttergenesung ebenfalls ein wichtiges Anliegen. Besonders forderten sie in diesem Zusammenhang die Belastungen der Frauen anzuerkennen und ihnen aus rationalen wie auch aus ethischen Gründen einen jährlichen Urlaub zuzugestehen. NebenWitwen, Bauersfrauen undMüttern aus kinderreichen Familien kümmerten sie sich vor allem um Frauen aus Familien, „die aus der normalen Lebensbahn geschleudert wurden“, sprich Flüchtlinge, Vertrie- 312 Vgl. Lemke: Die Arbeiterwohlfahrt in der Berichtszeit. 313 Siehe z.B. Vergesst dieMütter nicht!, in: NB 9.5 (1955), S. 65–66; Lotte Lemke: Aus derMütterarbeit der Arbeiterwohlfahrt, in: NB 9.2 (1955). 314 Theodor Heuss: Ansprache des Bundespräsidenten auf demDeutschen Fürsorgetag, in: NDV 35.10 (1955), S. 347–349. 315 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 14.5.1957 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957. 316 Eduard Neumaier: Wo Reichtum zur Armut führt. Kinderreiche Familien in Frankfurt, in: FAZ 16.217 (1964), S. 35–36; Manfred Fuchs: Familienpolitik auch in den Gemeinden?, in: Der Städtetag 19.2 (1966), S. 65–67. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 307 bene, Frauen von Invaliden, Alkoholikern, psychisch Kranken.317 Bemerkenswert ist dabei, dass die Caritas ihre Müttergenesungsmaßnahmen auch auf Großmütter ausweitete und zwar mit der Begründung, dass diese mit der zunehmenden Berufstätigkeit vielerMütter häufig großeVerantwortung in den Familien übernähmen.318 Über den positiven Nutzen der Müttergenesung waren sich die Fürsorgeexperten also einig. Wie die Arbeiterwohlfahrt jedoch immer wieder feststellte, waren viele Frauen überhaupt nicht bereit, ihren Haushalt und ihre Familien vier Wochen lang allein zu lassen. Nahmen sie, häufig erst nach einem Zusammenbruch, die Müttergenesungshilfe doch in Anspruch, versuchten viele von ihnen, ihren Kuraufenthalt vor dem sozialen Umfeld geheim zu halten. Einerseits hatten die Frauen das von der Gesellschaft an sie herangetragene Rollenbild der aufopferungsvollen HausfrauundMutter offenbar selbst so sehr verinnerlicht, dass sie es als persönliches Versagen ansahen, eine Müttergenesungskur zu benötigen. Andererseits war, wie bereits erwähnt, der gesellschaftliche Druck tatsächlich enorm, diesem Rollenbild zu entsprechen. Die Arbeiterwohlfahrt versuchte hier gezielt Aufklärungsarbeit zu leisten.319 Gleichzeitig aber beteiligte sie sich durch speziell anMädchen und Frauen gerichtete Bildungs- und Beratungsangebote auch daran, diese ‚traditionellen‘ weiblichen Rollenbilder zu verstetigen.320 Bildungs- und Beratungsangebote waren der dritte Bereich, auf den sich die freie Wohlfahrtspflege im Rahmen der Frauen- beziehungsweise Familienhilfe konzentrierte.321 Begründet wurde das einerseits damit, dass es in Folge des Krieges viele ‚unvollständige‘ Familien gab, die ihren Erziehungsaufgaben aufgrund von 317 Ludwig Neundörfer: Der Standort des Müttergenesungswerkes innerhalb unserer Gesellschaft, in: Caritas 59.5/6 (1958), S. 108–109. 318 WelchenMüttern gilt unsere besondere Sorge?, in: Caritas 59.5/6 (1958), S. 125–130. 319 Siehe z.B. Rosemarie Pflüger: Müttergenesungsfürsorge für junge Frauen, in: NB 17.2 (1966), S. 64–68; Rosemarie Pflüger: Widerstände gegen die Müttererholung, in: Caritas 75 (1974), S. 329–323; Gerd Neises: Soziale Hilfen für Frauen mit Kindern – Bemerkungen zur Arbeit des Müttergenesungswerkes, in: TuP 26.5 (1975), S. 173–178. 320 Ähnlich ambivalent ist der Ausbau des sozialen Bereichs und die damit in Zusammenhang stehende Erweiterung der Arbeitsplatzangebote für Frauen zu sehen. Einerseits bot dieser Bereich gerade Frauen eine Möglichkeit, berufstätig zu werden – auch da Teilzeitarbeitsplätze hier üblicher waren als in der Industrie. Anderseits schrieb der große Frauenanteil im sozialen Bereich das weibliche Rollenbild von der Frau als sozialem Wesen fort, genauso wie die schlechte Bezahlung in diesem Bereich ihre wirtschaftliche Benachteiligung verstetigte. Vgl. Hilpert: Wohlfahrtsstaat der Mittelschichten, Kapitel IV, S.299-331. 321 Vgl. Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 181f. 308 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Überforderung nicht gerecht würden. Andererseits meinten Fürsorgeexperten gerade bei weiblichen Jugendlichen einen Rückgang an sozialem Engagement sowie hauswirtschaftlichen Kenntnissen festzustellen. Vor allem der Caritasverband sah sich daher in der Pflicht, bei deren Erziehung mitzuwirken.322 Das Bundesinnenministerium unterstützte die Verbände in diesemVorhaben. So sah der Bundesjugendplan von 1957 vor, weiblichen Jugendlichen bis 25 Jahre „eine wirksame Hilfe bei der Vorbereitung auf die zukünftigen Anforderungen in Familie, Beruf, Gesellschaft und Staat“ zu geben.323 Auf die in diesemRahmen zur Verfügung gestellten Gelder konnte die freie Wohlfahrtspflege wiederum zurückgreifen, um ihre Bildungsseminare zu finanzieren.Allerdings, so eineKlage derArbeiterwohlfahrt 1959, schrieb der Bundesjugendplan auch denUmfang des Stoffs vor, der in denmeist zehn- bis zwölftägigen Seminaren zu bewältigen war. Dies ließ wenig Gestaltungsspielraum.324 Die Arbeiterwohlfahrt hatte darüber hinaus Mitte der 1950er Jahre damit begonnen, halb- bis einjährige ‚Grundausbildungslehrgänge‘ für Jugendliche anzubieten. Auch hierfür gab es Zuschüsse aus dem Bundesjugendplan.325 Interessant ist, dass diese Kurse je nach Geschlecht völlig unterschiedlich ausgerichtet waren. Während dieKurse fürmännliche Jugendliche darauf abzielten, Jungenmit körperlichen oder seelischen ‚Reifeverzögerungen‘ vor allem technische Fähigkeiten zu vermitteln und sie dadurch für eineAusbildung inHandwerk oder Industrie zu befähigen,326 richteten sich die ‚Mädchenlehrgänge‘ an alle jungen Frauen, die ihre hauswirtschaftlichen Kenntnisse verbessern wollten. Darüber hinaus hob die Arbeiterwohlfahrt aber den allgemeinbildenden Charakter der Lehrgänge hervor, sowie deren Funktion als Berufsvorbereitung für sozialpflegerische Berufe, wie den der Kindergärtnerin oder der Krankenschwester.327 Dies stand einerseits im Einklang damit, dass sich Frauen aus sozialdemokratischenKreisenbereits inden 1950er Jahren immerwieder dafür einsetzten, dass der im 322 Siehe z.B. Wirksame Hilfe für die Familie. Vorschläge und Forderungen des Deutschen Caritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7 + 48–54; Erich Reisch: Deutscher Caritasverband und Deutscher Verein, in: NDV 35.8/9 (1955), S. 217–222. 323 Sozialpolitische Umschau, in: BdW 103.7 (1957), S. 201–202. 324 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 21.9.1957 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957; Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 6.6.1959 in Bonn, in: ebd., Jg. 1958/63. 325 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 21.9.1957 in Bonn, in: ebd., Jg. 1951/1957. 326 Grundausbildungslehrgänge für Jungen, in: NB 9.3 (1955), S. 40–41. 327 Grundausbildungslehrgänge führen zum Beruf, in: NB 9.2 (1955), S. 24–25. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 309 Grundgesetz festgehaltene Grundsatz der Gleichberechtigung auch Auswirkungen auf das Ehe- und Familienrecht, die Sozialversicherung, die Bildungsmöglichkeiten und auch die Arbeitswelt zeigte.328 Andererseits trug die Arbeiterwohlfahrt durch diese geschlechtsspezifischen Bildungsangebote dazu bei, traditionelle Rollenbilder zu verfestigen. Als der Caritasverband Anfang der 1960er Jahre zusammen mit den anderen Spitzenverbänden die „Aktion Gemeinsinn“ ins Leben rief329 – eine ebenfalls ausMitteln des Bundesjugendplans finanzierte Initiativemit demZiel, weibliche Jugendliche zur freiwilligen Mitarbeit in den Wohlfahrtseinrichtungen zu ermuntern –, warnten einige Vorstandsmitglieder der Arbeiterwohlfahrt allerdings davor, die jungen Frauen mit derartigen Aktionen zu überfordern. Letztlich überwog jedoch die Meinung, dass die Aktion eine große Chance darstelle, den schrumpfenden Kreis der ehrenamtlichenMitarbeiter zu erweitern.330 An diesem Beispiel offenbaren sich die häufig ambivalenten Züge, die soziale Hilfen für Frauen in den 1950er Jahren und darüber hinaus trugen.Dermangelhafte Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen bei gleichzeitigem Wissen um den großen Bedarf kann als weiterer Beleg für diese These herangezogen werden. So forderte selbst die Caritas bereits Mitte der 1950er Jahre, mehr Kindergärten und Horte einzurichten. Gleichzeitig warnte sie aber davor, damit dem ‚Gewinnstreben‘ einiger erwerbstätiger Mütter Vorschub zu leisten.331 So konnte eine Situation entstehen, in der es gerade fürMütter, die auswirtschaftlichenGründen arbeiten gehen mussten, schwierig war, eine Tagesbetreuung für ihre Kinder zu organisieren. Denn diese durfte nichts kosten. Frauen aus höheren Schichten konnten sich hingegen auch Hausangestellte leisten, die diese Funktion übernahmen.332 Obwohl der Großteil der Kinder erwerbstätiger Mütter schichtenübergreifend von Verwandten betreut wurde, in der Regel von den Großmüttern,333 warf die 328 Siehe z.B. Irmgard Enderle: Zur sozialen Stellung der Frau, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6.1 (1955), S. 47–49; Lotte Paepcke: In der drittenKlasse einer Klinik, in: Caritas 57.5/6 (1956), S. 116–120; Materialsammlung zumThema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD,NachlassHelene Wessel, Signatur 322. 329 Hammerschmidt: Wohlfahrtsverbände in der Nachkriegszeit, S. 298. 330 Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 15.12.1960 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1958/63. 331 Wirksame Hilfe für die Familie. Vorschläge und Forderungen des Deutschen Caritasverbandes, in: Caritas 56.1-3 (1955), S. 3–7 + 48–54. Vgl. Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 181. 332 Saldern: Von der „guten Stube“ zur „guten Wohnung“, hier: S. 245; Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 327; Hering/Münchmeier: Geschichte der Sozialen Arbeit, S. 208. 333 Niehuss: Kontinuität und Wandel, hier: S. 327. Siehe auch: Großmütter heute, in: Der Städtetag 22.12 (1969), S. 620. 310 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe Berufstätigkeit vonMüttern in Bezug auf die Betreuung der Kinder viele Probleme auf. DieWohlfahrtspflege nahm dies durchaus wahr, reagierte aber nicht mit einem systematischen Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, sondern schuf diese quasi durch die Hintertür. So eröffnete die Stadt Frankfurt bereits in den 1950er Jahren die bereits erwähnten Sozialstationen, die nicht nur Beratungsstellen für Erziehungs-, Familien- und Ehefragen beherbergten, sondern in denen ausgebildete Pflegerinnen und Pädagogen334 tagsüber auch Kinder vom Säugling bis zum schulpflichtigen Alter betreuten.335 Auch scheint es eine übliche Praxis gewesen zu sein, dass berufstätige Mütter ihre Kinder mangels anderer Betreuungsmöglichkeiten während ihrer Arbeitszeit bei der Bahnhofsmission abgaben.336 Im Verlauf der 1960er Jahre vollzog sich ein langsamerWandel. Der „mentale Überhang des Obrigkeitsstaats“ (Ulrich Herbert) begann allmählich zu schwinden. Zwar standen sich konservative Ideen und kritische Gegenentwürfe häufig über lange Zeit gegenüber. Letztlich wurde nun aber nachgeholt, was bei der institutionellen Demokratisierung Westdeutschlands in den Nachkriegsjahren zunächst ausgeblieben war: die Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft.337 In diesem Zusammenhang veränderten sich auch die Sicht auf die Institution Familie sowie weiblicheRollenbilder. So kam zunehmendKritik daran auf, dass Abweichungen vom ‚traditionellen‘ Familienmodell immer noch strafrechtlich sanktioniert oder wie die Unehelichkeit, zumindest rechtlich benachteiligt und gesellschaftlich diskriminiert wurden.338 Frauenwurden nichtmehr ausschließlich in Bezug auf die Familie wahrgenommen, auch wenn dieses Konzept noch dem Alltagsbild entsprach. Das Scheidungsrecht wurde gelockert, die Möglichkeit zur freiwilligen Rentenversicherung von Hausfrauen eingeführt und Teilzeitarbeitsplätze geschaffen. Selbst im katholischenMilieu zeichneten sich Veränderungen ab.339 Bezeichnend ist außerdem, dass sich in der Fachöffentlichkeit der Begriff der ‚Alleinerziehenden‘ gegenüber der früheren Bezeichnung der ‚unvollständigen Familie‘ durchsetzte, zeugt dies doch davon, dass das Modell des alleinerziehenden Elternteils als Ist-Zustand 334 Interessanterweise wurden in dem Artikel ‚Pfleger‘ und ‚Pädagoginnen‘ nicht erwähnt. 335 Lebenshilfe für jedes Alter. Zwei neue Sozialstationen eingeweiht, in: FAZ 13.138 (1961), S. 13. 336 Abendschau Baden-Württemberg vom03.02.1967, BeitragBahnhofsmission, SWR-Archiv Stuttgart, Nr. 6700006128. 337 Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, S. 30f. 338 Ebd., S. 30. 339 Siehe z.B. Gisela Stelly: „Wir sind die letzten Doofen“. Wie katholische Familien auf das päpstliche Rundschreiben reagieren, in: Die Zeit 23.33 (1968), S. 36. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 311 akzeptiert wurde und Unterstützungsmaßnahmen nicht als Überbrückungsmaßnahmen bis zur (Wieder-)Heirat betrachtet wurden, sondern als potentielle soziale Dauerleistungen. Im Gegensatz dazu war im ersten Familienbericht der Bundesregierung von 1968 noch immer von den ‚unvollständigen‘ Familien die Rede. Deren besonderen Problemen widmete der Bericht nur drei Seiten. Sein Schwerpunkt lag auf der Sorge um die Stabilität der ‚traditionellen‘ Familie.340 Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dem sich dennoch abzeichnenden Einstellungswandel hatten nach Sybille Buske die Medien. Diese hätten mit der Thematisierung der Unehelichkeit anhand privater Geschichten zwar auch darauf abgezielt, ihre Auflagen zu steigern. Durch ihre massive Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit ledigen Müttern und ihren unehelichen Kindern hätten sie aber auch strukturelle Defizite der bundesdeutschen Gesellschaft sichtbar gemacht und so dazubeigetragen, dass überkommene gesellschaftlicheNormenundGesetze auf den Prüfstand kamen.341 Ein weiterer Faktor kann darüber hinaus in der technischen und sozialen Modernisierung des Lebens342 gesehen werden, welche die Alltagsrealität vieler Frauen zunehmend veränderte. Gemeint sind damit imWesentlichen die Technisierung des Haushalts, der Rückgang der Kinderzahl pro Frau sowie der Anstieg der Lebenserwartung. All das habe der ‚modernen‘ Frau im Vergleich zu früheren Generationen einen Zugewinn an Zeit gebracht, so ein Autor des Spiegels 1966. Diese Zeit gelte es sinnvoll zu nutzen, denn häufig sei festzustellen, dass sich die ‚Nur-Hausfrau‘ verwahrlose, was vielfach zu familiären und damit auch sozial störenden Spannungen führe. Die Berufstätigkeit fördere hingegen das Selbstvertrauen, weshalb sie von Ärzten mittlerweile sogar als Heilmittel betrachtet werde. Er forderte daher die Abkehr vom Ideal der Hausfrauenehe, mehr Berufsbildungsmöglichkeiten für Frauen, den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen sowie die Schaffung von mehr Teilzeitarbeitsplätzen.343 Teilzeitarbeit von Frauen wurde als Kompromiss zwischen beruflichen und familiären Anforderungen also zunehmend akzeptiert. Das Auseinanderfallen von Norm und Wirklichkeit, das die Akteure der 68er-Bewegung auch bezogen auf 340 Reichwein: Kinderarmut in der BRD, S. 63; vgl. Zacher: Sozialpolitik undMenschenrechte, S. 57. 341 Buske: Veröffentlichung des Privaten, hier: S. 193f. 342 Vgl. Herbert: Liberalisierung als Lernprozeß, hier: S. 12. 343 Frauen. Grete im Wunderland, in: Der Spiegel 24.52 (1970), S. 42–55. Siehe auch: Scheidung. Wie im Orient?, in: Der Spiegel 24.49 (1970), S. 70–86. Vgl. Saldern: Von der „guten Stube“ zur „guten Wohnung“, hier: S. 245. 312 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe den familiären Bereich anprangerten, hatte dementsprechend bereits früher eingesetzt. Hinter den Fassaden schienen bereits viele Umbrüche stattgefunden zu haben. Ehen wurden aber häufig aufrechterhalten, damit Frauen Diskriminierung und wirtschaftlicher Not entgingen.344 Die Bundestagsfraktion der SPD reagierte Ende 1962 auf dieses, sich gerade in Bezug auf die Rolle der Frau bereits abzeichnende, Nebeneinander von ‚Tradition‘ und Liberalisierung mit einem Antrag auf die Erstellung einer umfassenden Enquête über die Situation der Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft. Die Unionsfraktion reichte hierzu im April des Folgejahres einen Ergänzungsantrag ein. Im Dezember 1964 ersuchte der Bundestag schließlich die Regierung, ihm umfassend zu berichten, woraufhin der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung am 14. September 1966 der Öffentlichkeit den ersten Bericht im Rahmen der sogenannten Frauenenquête vorlegte.345 Die Ergebnisse der Enquête wurden in der Fachöffentlichkeit breit rezipiert, allerdings sehr unterschiedlich ausgelegt. Sie brachten also nicht die erhoffte Klarheit. Zwar erkannten Experten aller politischen Lager die zunehmende Bedeutung von Frauenerwerbstätigkeit an und unterstützten in diesem Zusammenhang eine der zentralen Forderungen der Enquête, Frauen- und Mädchenbildung zu fördern. Während die einen aber betonten, dass die Familienrolle der Frau weiterhin im Zentrumstehenmüsse,weil die Frau einerseits derOrientierungdurch einenPartner bedürfe, andererseits bei Gleichbehandlung ihrer verschiedenenRollen überfordert werde,346 strebten andere Lösungen an, die es Frauen ermöglichten, ihre Rollen in Familie und Beruf leichter miteinander zu vereinbaren.347 344 Kuller: Familienpolitik, S. 74ff, 225. 345 Frauen-Enquete, in: NB 19.3 (1965), S. 43; Die soziale Lage der Frauen in der Bundesrepublik Deutschland. Enquete über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft, in: BdW 113.11 (1966), S. 338–340; Zur Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft. Zum ersten Bericht der Bundesregierung imRahmen der Frauenenquete, in: NDV 47.1 (1967), S. 2–7. Die SPD- Abgeordnete Helene Wessel hatte bereits 1961 die Erstellung einer umfassenden Enquête über die tatsächliche Situation der Frau in der industriellen Gesellschaft gefordert. Siehe: Materialsammlung zum Thema Frauen und Erwerbstätigkeit vom 25.5.1961, AdsD, Nachlass Helene Wessel, Signatur 322. 346 Siehe z.B. Zur Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft. Zum ersten Bericht der Bundesregierung im Rahmen der Frauenenquete, in: NDV 47.1 (1967), S. 2–7. 347 Siehe z.B. Die soziale Lage der Frauen in der Bundesrepublik Deutschland. Enquete über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft, in: BdW 113.11 (1966), S. 338–340. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 313 Bemerkenswert ist, dass die Trennlinie hier weniger zwischen linken und konservativen Sozialexperten verlief als zwischen männlichen und weiblichen. Letztere waren es auch, diemassivKritik daranübten, dass die Situation all derjenigenFrauen, die nicht das Ideal derHausfrauenehe lebten, noch immer zuwenig Beachtung fand, in der Frauenenquête ebenso wie in der Sozialpolitik insgesamt.348 Ein Umdenken schien also nur sehr langsam einzusetzen. So klangen die Klagen und Forderungen aus dem linken Spektrum der Wohlfahrtspflege zu Beginn der 1970er Jahre noch immer wie in den Jahren zuvor: Die Situation der Frau in Arbeit, Beruf und Bildung sei weiterhin unbefriedigend. Noch immer bestünden Diskriminierungen der Frauenarbeit in Form von unterschiedlichen Einstufungen und Beschäftigungsverboten. Bildungsmöglichkeiten für Mädchen seien zwar erweitert worden, sie würden sich in der Regel aber weiterhin auf traditionelle Frauenberufe beschränken. Die partnerschaftliche Ehe, auch bezogen aufHaushalt und Kindererziehung, sei noch längst nicht verwirklicht.349 Im Bereich Frauen- und Familienhilfen waren nichtsdestotrotz gegen Ende der 1960er Jahre Veränderungen im Sinne einer Liberalisierung erkennbar. Vor allem setzte die Soziale Arbeit zunehmend auf das Prinzip der Partnerschaft. So wurde das Instrument der Hauspflege in einem Artikel von 1967 mit dem Begriff ‚Teamwork‘ beschrieben, wobei der Autor den Hilfsbedürftigen zum ‚Team‘ hinzuzählte.350 Auch ließen sich im Bereich der Elternbildungsarbeit Bestrebungen erkennen, denEltern einenweniger patriarchal-disziplinierendenund stärkerpartnerschaftlichgleichberechtigten Erziehungsstil zu vermitteln.351 Insgesamt zeigte die Frauenen- 348 Siehe z.B. Rede Margot Kalinkes zum Thema „Aktuelle Fragen der Sozialpolitik“ auf der Veranstaltung des Verbandes der weiblichen Angestellten und der Arbeitsgemeinschaft Göttinger Frauenverbände am 16.3.1963, ACDP, 1-026 012/1; Margot Paazig: Die Frau in der Sozialhilfe, in: BdW 113.11 (1966), S. 351–353; Protokoll zur Sitzung des Bundesauschusses der Arbeiterwohlfahrt am 21.4.1967 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1966/1967. Vgl. Zacher: Sozialpolitik undMenschenrechte, S. 56. 349 Siehe z.B. Heinz Niedrig: Sozialbericht 1970, in: NB 21.3 (1970), S. 99–104; Sozialbericht 1970, in: Die Mitarbeit 19.2 (1970), S. 176–182; Die prekäre Situation der Frau. 20 Jahre Deutsches Müttergenesungswerk, in: NDV 50.7 (1970), S. 188–189. Vgl. Agnes Kempermann: Forderungen der Familie an die Gesellschaft, in: BdW 119.5 (1972), S. 107–109, 113; Gerd Neises: Soziale Hilfen für Frauenmit Kindern – Bemerkungen zur Arbeit desMüttergenesungswerkes, in: TuP 26.5 (1975), S. 173–178. 350 Hauspflege – helfende Gruppe, in: NDV 47.1 (1967), S. 7–9. 351 Z.B.MartaDamkowski: Elternbildungsarbeit inHamburg, in:Der Städtetag 18.10 (1965), S. 500–501; Thesen der Arbeitsgemeinschaften. Arbeitsgemeinschaft 1: Programmund Praxis in der Familienbildung und in Elterninitiativen, in: TuP 24.5 (1973), S. 176–177. Vgl. Kuller: Familienpolitik, S. 18. 314 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe quête aber kaumAuswirkungen.Dennoch kann sie als wichtiges politisches Symbol dafür gewertet werden, dass die Zuordnung der Frau zum privaten Bereich aufgeweicht wurde.352 Bedeutender dafür, dass sich auch Sozialexperten aus konservativen Kreisen gegenüber Problemen von Frauen öffneten, die nicht oder wie im Falle einer Scheidung nicht mehr in ‚traditionelle‘ Familienstrukturen eingebunden waren, scheint hingegen die Debatte um die Neuregelung des Abtreibungsparagraphen 218 gewesen zu sein.WieThomasGroßbölting bereits feststellte, berührte die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen eines Schwangerschaftsabbruchs nicht nur strafrechtliche Belange. Mit ihr wurden auch Konzepte von Familie, Gleichberechtigung und Sexualität, ja sogar Überlegungen zu Demografie und Eugenik verhandelt.353 Ein weiterer Punkt, der in der Forschung bislang kaum Beachtung gefunden hat, war die oftmals prekäre wirtschaftlich-soziale Lage von alleinerziehenden Frauen. Gerade dieserAspektwar es aber, der dieDebatte vor allem in konservativenKreisen prägte. So betonte die CDU-Bundestagsabgeordnete Roswitha Verhülsdonk 1973, dass die sozialen Probleme von Müttern und Familien der Öffentlichkeit noch nie so deutlich vor Augen geführt worden seien wie durch die Diskussion über die Reform des § 218. Zugleich sei noch zu keiner Zeit bei so vielen gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen und Einzelnen so viel guter Wille und Bereitschaft zur organisiertenHilfe für die inNot geratenenMütter undwerdendenMütter vorhanden gewesen.354Die weiblichen Sozialexperten der Union nutzten diese unverhoffte Aufmerksamkeit für wirtschaftliche Probleme von Frauen, um hier sozialpolitische Verbesserungen zu erreichen. Die sozialliberale Koalition strebte die Neuregelung des § 218 ab 1970 im Rahmen einer Reform des Strafgesetzes an. Während die Regierungsparteien die sogenannte Fristenregelung durchsetzen wollten, bei der ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölftenWoche grundsätzlich straffrei sein sollte (eine entsprechende Regelung führte dieDDR1972 ein), setzte sichdieCDU/CSU-Fraktion für die ‚Indikationsregelung‘ ein.Diese ließAbtreibungen nur beimedizinischen oder ethischen Konflikten zu, beispielsweise nach einer Vergewaltigung oder bei unmittelbarer Ge- 352 Vgl. Saldern: Von der „guten Stube“ zur „gutenWohnung“, hier: S. 241. 353 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 131. 354 Beitrag von Roswitha Verhülsdonk (CDU/CSU) zur Bundestagsdebatte zur Reform des § 218, Deutschland-Union-Dienst vom 18.5.1973, ACDP, 7-001 8718. Siehe auch: Bundesvorstand der Arbeiterwohlfahrt bedauertKarlsruherUrteil zurReformvon § 218 StGB, in: TuP 26.4 (1975), S. 122. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 315 fahr für das Leben der Mutter. Angeheizt wurde die Debatte durch eine von Alice Schwarzer angestoßene Aktion im Juni 1971, bei der sich 374 prominente und nichtprominente Frauen im Nachrichtenmagazin Stern dazu bekannten, abgetrieben zu haben.355 Nachdem sich der Bundestag im April 1974 zunächst mit knapper Mehrheit für eine Fristenregelung ausgesprochen hatte, gab das Bundesverfassungsgericht ein knappes Jahr später einer Klage der Unionsparteien Recht und erklärte das Gesetz für verfassungswidrig. Im Mai 1976 einigte sich der Bundestag schließlich auf eine modifizierte Indikationsregelung, bei der ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb bestimmter Fristen und unter bestimmten Voraussetzungen straffrei blieb, wie bei einer Gefährdung des Lebens der Schwangeren, bei einer zu befürchtenden schweren Schädigung desUngeborenen, nach einerVergewaltigung oder bei einer sozialen Notlage der Frau.356 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Union durch die Auseinandersetzung um den Abtreibungsparagraphen dazu veranlasst sah, die wirtschaftlichen Probleme von Frauen, insbesondere von alleinstehenden Müttern, in ihrer Sozialpolitik stärker zu berücksichtigen. Denn der Schutz des ungeborenen Lebens könne, wie die Frauenvereinigung der CDU auf ihrem Deligiertentag im Frühjahr 1973 anmerkte, nur dann glaubwürdig vertreten werden, wenn gleichzeitig Hilfen für das geborene Leben angeboten würden, insbesondere da die Motivation zum Schwangerschaftsabbruch meist wirtschaftlich-materieller Art sei. Als zweitwichtigster Grund für Abtreibungen wurde die Angst vor Diskriminierung durch die Umwelt angeführt.357 Hinzu kam, dass zu Beginn der 1970er Jahre verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen festgestellt hatten, dass in der Bundesrepublik Alleinerziehende und deren Kinder, damals in der Regel noch als ‚unvollständige Familien‘ bezeichnet, besonders benachteiligt waren. Auch die 12. Europäische Familienministerkonferenz, die sich 1970 demThema ‚Alleinstehende Elternteilemit abhängigenKindern‘ gewidmet hatte, hatte ähnliche Ergebnisse zu Tage gefördert. Teile der CDU/CSU 355 Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 131f. 356 Ebd., S. 131. 357 8. Bundesdeligiertentag der Frauenvereinigung der CDU vom 30.3.-1.4.1973 in Kassel, Bericht des Arbeitskreises „Hilfe statt Strafe“ sowie Referat ‚Hilfe statt Strafe“ von Anneliese Ulrich, ACDP, 7- 001 8718. Vgl. Programm zur Weiterentwicklung der Familienpolitik der CDU vom 28.8.1972 sowie Ergebnisprotokoll vom 10.10.1973 zu der Sitzung des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU vom 28. September 1973 im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn ACDP, 7-001 8718. 316 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe hatten darauf im Sommer 1972 mit der Forderung nach einem ‚Aktionsprogramm für die unvollständige Familie‘ reagiert. Auch hier ging der Impuls für Veränderungen vor allem von weiblichen Sozialexperten aus. Entgegen den bis dahin üblichen Verlautbarungen aus konservativen Kreisen forderten diese unter anderem den Ausbau von Kindertagesstätten und Teilzeitarbeitsplätzen. Ein weiteres Indiz für die Öffnung konservativer Kreise gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen war die vermehrte Verwendung des Begriffs ‚Eltern‘ statt ‚Mütter‘. Dadurchwurden Väter zumindest begrifflich stärker in die Verantwortung für die Erziehungsarbeit genommen.358 Dennoch betonten die Unionsparteien in ihren kurze Zeit später erstellten Programmschriften zurWeiterentwicklung ihrer Familienpolitik, dass sie zwardasRecht der Frau auf Berufstätigkeit bejahten. Gleichzeitig hielten sie an der Auffassung fest, dass eine Frau mit der Betreuung eines Kleinkindes oder mehrerer Kinder in jüngerem Alter sowie der Haushaltsführung ausgelastet sei. Zusätzliche Berufsarbeit würde sie sogar überfordern. Auch warnten sie weiterhin davor, Kinder und Jugendliche durch staatliche Einrichtungen ihren Familien zu entfremden oder gar zumObjekt ideologischer Beeinflussung zumachen. Indirekt unterstellten sie damit der in der Regierungsverantwortung stehenden SPD noch ein gutes Jahrzehnt nach derVerabschiedung desGodesberger Programms, den Sozialismus unddamitDDR- ähnliche Zustände anzustreben.359 Einerseits also erkannten die Sozialexperten und -expertinnen der Union, dass ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen nur zu rechtfertigen war, wenn die soziale Absicherung von Frauen verbessert würde. Andererseits hielten sie am Ideal der Nichterwerbstätigkeit von Müttern fest. Gleichzeitig war ihnen bewusst, dass die indirekte soziale Absicherung von Frauen über die Hausfrauenehe in vielen Fällen nicht funktionierte oder zumindest nicht ausreichte. So hieß es in einem 1974 erstellten Positionspapier zur „Alterssicherung der Frau“: „[D]ie Fiktion, daß der Mann allein Ernährer der Familie ist und daher nur sein Einkommen abzusichern ist, kann nicht mehr aufrechterhalten werden – in der Agrargesellschaft hat das nie gestimmt.“360 358 Begründung für das „Aktionsprogramm für die unvollständige Familie“ der CDU/CSU- Bundestagsfraktion vom 13.6.1972, ACDP, 7-001 8718. 359 Programm zur Weiterentwicklung der Familienpolitik der CDU vom 28.8.1972 sowie Sozial- und gesellschaftspolitisches Aktionsprogramm der CDU vom September 1972, ACDP, 7-001 8718. 360 Positionspapier „Alterssicherung der Frau“ vom 22.2.1974, ACDP, 7-001 8721. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 317 Dahermussten die Expertinnen undExperten derUnion sozialpolitisch einen ihnen völlig neuenWeg beschreiten, nämlich den der eigenständigen sozialenAbsicherung der Frau, auch wenn diese nicht erwerbstätig war. Gerade aus diesem letzten Punkt ergab sich jedoch ein weiteres Problem. Denn die Unionsparteien wollten, auch in Abgrenzung zur SPD, am Primat der Sozialversicherung festhalten, die wiederum auf Erwerbsarbeit fußte. Aus Steuermitteln finanzierte Versorgungsleistungen sollten dagegen die Ausnahme bleiben.361 Die Lösung lag offenber darin, die Leistung von Hausfrauen und Müttern quasi in Erwerbsarbeit ‚umzurechnen‘. So forderten die Sozialexperten der CDU für Hausfrauen eine eigenständige Pflichtunfallversicherung einzuführen, die diese im Fall der Invalidität besser absicherte.362Auchplanten sie zurVerbesserung derAltersrente von Frauen, die während der Ehe erworbenen Sozialversicherungsansprüche zwischen beiden Partnern aufzuteilen sowie Zeiten der Kindererziehung auf die Versicherungsansprüche anzurechnen.363Alleindas sogenannteMütter- beziehungsweise Erziehungsgeld sollte aus Bundesmitteln finanziert werden und damit eine reineVersorgungsleistung sein. Begründetwurde dieses Vorhaben damit, dass dieses ‚Erziehungsförderungsgeld‘ die Tagesmutter ersetzen könne, die wiederum in konservativen Kreisen als reiner Notbehelf galt und grundsätzlich abgelehnt wurde.364 Ähnliche Überlegungen hatte es zwar bereits gegen Ende der 1960er Jahre gegeben. Diese waren bis zur Auseinandersetzung um den § 218 aber offensichtlich nicht durchsetzungsfähig.365 1976 wurde tatsächlich ein Gesetz erlassen, das einen sogenannten Versorgungsausgleich zwischen den beiden Ehepartnern in Bezug auf die Alters- und Invaliditätsrente festschrieb. Das Informationszentrum des Deutschen Bundestages maß diesem Gesetz nicht nur große Bedeutung im Rahmen des Scheidungsrechts bei. Es ging vielmehr davon aus, dass es auf das gesamte System der sozialen Sicherung Auswirkungen zeigen werde. Denn die Einführung des Versorgungsausgleichs sei der erklärte erste Schritt auf dem Weg zu einer eigenständigen sozialen Sicherung 361 Vgl. Kapitel 2.2. 362 Programm zur Weiterentwicklung der Familienpolitik der CDU vom 28.8.1972 sowie Sozial- und gesellschaftspolitisches Aktionsprogramm der CDU vom September 1972, ACDP, 07-001 8718. 363 Positionspapier „Alterssicherung der Frau“ vom 22.2.1974, ACDP, 7-001 8721. 364 Ergebnisprotokoll vom 10.10.1973 zu der Sitzung des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU vom 28. September 1973 im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn ACDP, 7-001 8718. 365 Siehe z.B. BriefHermannC.Keckhoffs an dieMitglieder des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU vom 23.2.1968, ADCP, 01-098 012/1; Ludwig Neundörfer: Zur Situation der alten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Caritas Jg. 70 (1969), S. 118–125. 318 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe aller Frauen. Mit ihm werde eines der hierfür vorgeschlagenen Modelle in einem Teilbereich erprobt. Seine Bewährung oder Nichtbewährung werde alle Überlegungen indiesemBereichder Sozialpolitikmaßgeblichbeeinflussen.366Damit schiender sozialpolitische Paradigmenwechsel, den Sozialexperten der Union in den vorausgegangenen Jahren vollzogen hatten, eine erste gesetzliche Verankerung gefunden zu haben. Wie bereits angedeutet, hatte es in sozialdemokratischen Kreisen bereits in den 1950er Jahren Bestrebungen in Richtung einer eigenständigen sozialen Absicherung aller Staatsbürger gegeben, auch der Hausfrauen.367 In den 1960er Jahren war die SPD allerdings vermehrt zu demKonzept übergegangen, Frauen darin zu unterstützen, berufstätig zu sein und ihre soziale Absicherung darüber zu organisieren. Dar- über hinaus machte die erste sozialdemokratische Familienministerin, Käte Strobel, im Unterschied zu ihren Amtsvorgängern nicht mehr die Institution Familie, sondern die einzelnen Familienmitglieder zumMittelpunkt ihrerArbeit, wieChristiane Kuller feststellte.368Genau aus diesen beidenunterschiedlichenHerangehensweisen an die Problematik der sozialen Absicherung von Frauen entwickelte sich nun anscheinend das, was in der Forschung unter dem Begriff der ‚Neuen Sozialen Frage‘ häufig als das Paradebeispiel für die ‚Wiederentdeckung‘ des Armutsthemas angeführt wird, das seit der Rentenreform von 1957 angeblich aus der bundesdeutschen Öffentlichkeit verdrängt worden war.369 Das Ende des Untersuchungszeitraumes markiert die von Heiner Geißler angestoßene Debatte um die ‚Neue Soziale Frage‘. Erstmals öffentlich vorgestellt wurde das Konzept im Juni 1975 auf demMannheimer Parteitag der CDU.370 Geißlers Kernaussage war, dass der bundesdeutsche Sozialstaat zu stark auf die Erwerbs- 366 Informationszentrum des Deutschen Bundestages (Hrsg.): Reform des Ehe- und Familienrechts. Versorgungsausgleich, Aus der öffentlichen Anhörung des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages am 2. und 9. Juni 1975; Stellungnahme des Bundesministers der Justiz zum Ergebnis der Anhörung; Aus den Beratungen des Plenums des Deutschen Bundestages am 11. Dezember 1975 und 8. April 1976, Bonn 1976. 367 Siehe Broschüre „SPD Sozialplan“ (1954/55), AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 92. 368 Kuller: Familienpolitik, S. 18f. 369 Lutz Leisering spricht u.a. im Zusammenhang mit der ‚Neuen Sozialen Frage‘ von der ‚Wiederentdeckung‘ der Armut in der Bundesrepublik. Leisering: Armutsbilder imWandel, hier: S. 164f; siehe auch Könen: Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, S. 62; Lorke: Armut im geteilten Deutschland, S. 238ff; vgl. Krämer: Armut, hier: S. 47f; Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 136. 370 Geißler: Die Neue Soziale Frage, S. 11. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 319 arbeit, insbesondere die Interessen der organisierten Arbeiterschaft, zugeschnitten sei. Dadurch wiederum fändenNotsituationen vonMenschen, die nicht oder nicht mehr im Arbeitsprozess stünden, zu wenig Beachtung – oder, wie es in der Mannheimer Erklärung des CDU-Bundesvorstandes hieß: „Die bisherige Betonung des Konfliktes zwischen Arbeit und Kapital hat häufig die Probleme der wirklich Schwachen und Bedürftigen in unserer Gesellschaft verdeckt.“371 In diesem Zusammenhang verwies Geißler insbesondere auf die prekäre Situation vieler Rentner, kinderreicher Familien und Frauen. Damit benannte er genau die Gruppen, die bereits im Rahmen der Auseinandersetzung seiner Partei mit dem Abtreibungsparagraphen immer angesprochen worden waren. Dies legt die Vermutung nahe, dass der CDU-Politiker die These, dass die bundesdeutsche Gesellschaft Mitte der 1970er Jahre mit einer vermeintlich neuen sozialen Frage konfrontiert war, unter anderem im Zuge der Debatte um die Reform des § 218 entwickelt hat. Dafür spricht auch, dass die oben zitierten Dokumente zum größten Teil aus dem bereits an das Archiv für Christlich-Demokratische Politik übergebenen Nachlass Heiner Geißlers stammen.Darüber hinaus belegt ein Sitzungsprotokoll des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU, dass Geißler sich bereits im Sommer 1973 der Argumentation der Frauenvereinigung der CDU anschloss und dafür plädierte, im Rahmen der Abtreibungsdebatte insbesondere die Problemsituationen anzusprechen, die Frauen zur Abtreibung führten.372 Das in der bundesdeutschen Öffentlichkeit breit rezipierte Konzept der ‚Neuen Sozialen Frage‘ sollte daher nicht nur als wahltaktisches Manöver gedeutet werden.373 Zwar hatte Geißler diese Stoßrichtung durchaus im Sinn. Denn er inszenierte seine ‚Neue Soziale Frage‘ als Gegenprogramm zum ‚sozialdemokratischen Arbeitnehmerstaat‘, der Menschen, die außerhalb des Erwerbsprozesses standen, nur unzureichend sichere. Auch versuchte er den politischen Gegner zu diskreditieren, indem er der SPD mit Sätzen wie „Wer den Menschen, wie die Marxisten, als 371 Zitiert nach:UlrichGeißler:Armut inDeutschland– eineNeue Soziale Frage?, in: SozFor 25.3 (1976), S. 49–54. 372 Ergebnisprotokoll vom 31.8.1973 zu der Sitzung des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU vom 27. August 1973 im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn, ACDP, 7-001 8718. 373 Vgl. z.B. Ulrich Geißler: Armut in Deutschland – eine Neue Soziale Frage?, in: SozFor 25.3 (1976), S. 49–54. Siehe auch: Leisering: Armutsbilder im Wandel, hier: S. 165; Krämer: Armut, hier: S. 47f; Lorke: Armut im geteilten Deutschland, S. 238. 320 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe produzierendes Wesen definiert, muß zwangsläufig in seiner Politik für alle, die nicht produzieren, zu untragbaren Ergebnissen kommen“374 indirekt sogar vorwarf, ihre Sozialpolitik trotz Bad Godesberg an der ‚sozialistischen Klassenkampfideologie‘ zu orientieren. Gerade in Bezug auf die soziale Absicherung von Frauen argumentierte er, dass eine hohe Erwerbstätigenquote, wie sie in der Sowjetunion vorzufindenwar, den Frauen nicht nur neue Rechte, sondern vor allem neue Pflichten gebracht habe. Daher müsse, so Geißlers Folgerung, die Absicherung in einem Staat, der den Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung im Produktionsprozess abhängig mache, anders organisiert werden und aufGrundlage sozialer Gerechtigkeit erfolgen. Dabei blendete der CDU-Politiker aus, dass es gerade seine Partei gewesen war, die das soziale Sicherungssystem in den vorausgegangenen Jahrzehnten auf die Erwerbsarbeit sowie das Konzept der Lebensstandardsicherung ausgerichtet hatte.375 Dennoch lohnt es sich, das Konzept der ‚Neuen Sozialen Frage‘ als eine Art Fortsetzung des in der Abtreibungsdebatte bereits angestoßenen Paradigmenwechsels konservativer Sozialpolitik zu deuten. Gemeint ist damit die Abkehr von der unbedingten Ausrichtung der Sozialpolitik auf die ‚traditionelle‘ Familie, bei der der erwerbstätige Mann direkt abgesichert war, die übrigen Familienmitglieder in der Regel nur indirekt. Nun zeichnete sich ab, dass auch konservative Sozialexperten aufgrund gesellschaflicher Veränderungen, wie der zunehmenden Alterung der Bevölkerung und sich wandelnden Geschlechterrollen und Familienformen, neue Antworten finden mussten für die Lösung sozialer Probleme, zumal die Neuen Sozialen Bewegungen mit ihren Stadtteilprojekten, Frauenhäusern und Tagesmüttermodellen bereits dabei waren, das Feld der Sozialen Arbeit an die gesellschaftlichen Bedürfnisse anzupassen. Insofern kann die Debatte über die ‚Neue Soziale Frage‘ auch alsVersuch verstandenwerden, eineNeubewertungdesVerhältnisses vonStaat, Familien und einzelnen Bürgern zu erreichen – ein Vorstoß, der auch an die eigenen Reihen gerichtet war.376 ObwohlGeißler seine Kritik am gegenwärtigen Sozialstaat auf Zahlen stützte, die vor allem materielle Benachteiligung beschrieben,377 betrachtete er laut Christine 374 Geißler: Die Neue Soziale Frage, S. 33. 375 Ebd. Siehe auch:Reinecke:Auf demWeg, hier: S. 128;Huster:ArmutundReichtum, hier: S. 214.Vgl. Ulrich Geißler: Armut in Deutschland – eine Neue Soziale Frage?, in: SozFor 25.3 (1976), S. 49–54. 376 Vgl. Süß: Vom Rand in die Mitte, hier: S. 136; Hilpert: Wohlfahrtsstaat der Mittelschichten, S. 311; Lorke: Armut im geteilten Deutschland, S. 240. Siehe auch der Artikel von Richard vonWeizäcker, in: KPV aktuell 2 (1973), ADCP, 07-001 8722. 377 Könen: Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, S. 62. 4.2. Von der sozialen Vormundschaft zur Partnerschaft 321 Reinecke gerade den nicht-materiellenAspekt als zentralesMoment sozialer Benachteiligung, sprich den Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe.378 Für diese These spricht, dass sich der Sozialpolitische Ausschuss der CDU, dem auch Geißler angehörte, bei der Suche nach neuen sozialpolitischen Lösungen stark auf den Ausbau sozialer Dienste konzentrierte.379 Dennmit dieser, wie esWinfried Süß formulierte, Hinwendung zu einer stärker am Individuum orientierten Dienstleistungsstrategie konnte die CDUbei ihrer sozialpolitischenNeuausrichtung am konservativen Ideal der Subsidiarität anknüpfen.380Darüber hinaus glaubten die Sozialexperten der Partei, auf diesem Gebiet die stärksten Unterschiede zur ‚sozialistischen‘ Sozialpolitik markieren zu können.381 Dennoch, und das steht Christine Reineckes These entgegen, ging es Geißler bei seiner ‚Neuen Sozialen Frage‘ – das dürften die Ausführungen zur Debatte um den § 218 gezeigt haben – auch darum, Menschen, die außerhalb des Erwerbsprozesses standen, materiell besser abzusichern, und zwar nicht mehr vermittelt über die Familie, sondern als Individuen. Das ist deshalb wichtig, da erst in der gemeinsamen Betrachtung dieser beiden Zielrichtungen deutlich wird, dass sich hier eine (konservative) Neubewertung des Konzepts der Teilhabe abzeichnete. Denn wie bereits die Ausführungen zu den Veränderungen der sozialen Hilfen für alte Menschen und Frauen gezeigt haben, wurde Teilhabe nun nicht mehr vermittelt über die Institution Familie definiert, sondern als individuelles Recht. Mit den Worten Winfried Süß’ kanndie ‚Neue Soziale Frage‘ als einVersuch gewertetwerden, soziostrukturelle Wandlungsprozesse im Zusammenhang mit veränderten Familienformen und der demografischen Alterung diskursiv zu verarbeiten. Dieser Versuch habe auf eine Neuverständigung über das Verhältnis von Staat, Familien und einzelnen Bürgern abgezielt.382 378 Reinecke: Auf demWeg, hier: S. 128. 379 Siehe z.B. Ergebnisprotokoll vom 10.10.1973 zu der Sitzung des Bundesausschusses für Sozialpolitik der CDU vom 28. September 1973 im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn ACDP, 7-001 8718. Vgl. Kapitel 3.2.1. 380 Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 136. 381 Brief von CDU-Bundestagsabgeordneten Burger an die Kommission ‚Soziale Dienste‘ vom 1.9.1973, ADCP, 07-001 8719. Vgl. Ulrich Geißler: Armut in Deutschland – eine Neue Soziale Frage?, in: SozFor 25.3 (1976), S. 49–54; Ulrich Geißler: Armut, Sozialhilfe und Sozialpolitik – Zur Armutsdiskussion in der BRD, in: TuP 27.8 (1976), S. 290–296. 382 Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 136; vgl. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 131. 322 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe 4.3. Armutsvorstellungen und die Pluralisierung der Gesellschaft Bezogen auf den Untersuchungszeitraum deuteten sich in der Sozialen Arbeit wesentliche Veränderungen an. So begannen die Fürsorgeexperten abMitte der 1950er Jahre den Anspruch zu erheben, nicht mehr nur Notfallhilfe zu betreiben, sondern aktiv auf die Ausgestaltung der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung einzuwirken, so dass sich diese möglichst gerecht und harmonisch entwickelte. Dabei waren sich die sozialen Fachkreise weitgehend einig darüber, dass das gesamte soziale Sicherungssytem in Abgrenzung zum NS-Regime sowie zum sozialistischen Osten auf die ‚traditionelle‘ Familie ausgerichtet werden sollte. Wenn die Menschen darin unterstützt würden, dieses vermeintlich ‚natürliche‘ soziale Sicherungssystem zu festigen und zu erhalten, so die These, würden sich soziale Probleme weitgehend erübrigen. In Bezug auf Armut bedeutete das, dass die Experten diese weniger als Problem gesellschaftlicherVerhältnissewahrnahmen, sondern vielmehr als Problem individuellen und sozialen Verhaltens. Die ‚Erziehung‘ nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Gesamtgesellschaft, zur Einhaltung eines von Solidarität und Nächstenliebe geprägten Leitbildes erschien als logische Konsequenz. Daraus erklärt sich auch der pädagogisch-moralisierende Impetus, mit dem der Großteil der Sozialarbeit noch bis weit in die 1960er Jahre behaftet war. Sozialexperten gingen gleichzeitig aber davon aus, dass sich ‚Not‘ auch anders ausdrücken konnte als in Form materieller Mängel. Daher vertraten sie die Auffassung, Sozialleistungen dürften nicht nur auf die Abdeckung des minimalen Lebensbedarfs zielen, sondern sollten den Unterstützten mehr Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. In diesem Zusammenhang erklärt sich auch die Betonung der immateriellen Hilfen im Bundessozialhilfegesetz von 1961, an dessen Ausgestaltung die Fürsorgeexperten großen Anteil hatten. Allerdings ging es ihnen dabei auch um die Ausweitung des eigenen Einflussbereichs. Insbesondere die Debatte um das Subsidiaritätsprinzip war Ausdruck eines mehr oder minder offensichtlichen Konkurrenzstreits zwischen den verschiedenen Trägern der Wohlfahrtspflege. Vor allem die Caritas leitete aus der in der Nachkriegszeit etablierten Sonderstellung der Kirchen einen Anspruch auf eine Vorrangsstellung im sozialen Bereich ab.383 383 Allerdings verloren die christlichen Kirchen ihre besondere Stellung im politischen System der Bundesrepublik in dem Maße, wie sich in der Gesellschaft eine allgemein stärkere Politisierung, 4.3. Armutsvorstellungen und die Pluralisierung der Gesellschaft 323 Aber auch die Kommunen versuchten zu taktieren und hofften darauf, über eine Stärkung der kommunalen Wohlfahrtspflege insgesamt ihre Stellung im bundesdeutschen Staatsgefüge zu verbessern.384 AbMitte der 1960er Jahre aber – unddies lässt sich imErgebnis nicht so einfach in einem Gesetz ablesen – änderte sich vor dem Hintergrund allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen, die mit Stichworten wie Partizipation, Pluralisierung, Säkularisierung, Erosion sozialer Milieus, familiärer Strukturwandel, sich verändernde Geschlechterrollen angedeutet werden können,385 die Vorstellung davon, was Teilhabe überhaupt bedeutete. Bis dahin war es hauptsächlich der erwachsene, arbeitsfähige Mann, dem individuelle Absicherung zugestanden wurde. Die soziale Absicherung von alten Menschen und Frauen wurde hingegen immer im Zusammenhang mit dem Familienverband gedacht – die Liste könnte auch umKinder, Jugendliche und Behinderte erweitert werden. Das bedeutete, dass diesen Personengruppen Hilfe von Seiten der Gesellschaft in der Regel erst dann zugestanden wurde, wenn die Familie diese nicht (mehr) leisten konnte. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit standbei ihnenhinter der Funktionserhaltungdes Familienverbandes imSinne eines bürgerlich-christlichen Familienbildes zurück. Doch in einer Gesellschaft, die zunehmend auf die Entfaltung des Individuums setzte, musste auch das Verhältnis zwischen sozialer Sicherheit, Gesellschaftsmodellen und Menschenbildern neu ausgehandelt werden.386 Langsam setzte sich dabei die Auffassung durch, dass Individuum und Gesellschaft nicht mittelbar über die Institution Familie miteinander zusammenhingen, sondern unmittelbar. Das Frauenbild, das Familienbild und das Bild vom Mann veränderten sich dergestalt, dass vielfältigere Lebensentwürfe als ‚normal‘ anerkannt wurden.387Dies wiederum stützt die These von der Liberalisierung der Armutsvorstellungen. Denn immer mehrFormenderLebensführungwurden als normal unddamit unterstützungswürdig anerkannt. Pluralisierung und Polarisierung bemerkbar machte. Letztlich wurden sie zu einer Lobbygruppe unter vielen. Großbölting: Der verlorene Himmel, S. 131. 384 Vgl. Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 134. 385 Ruck: Expansion um jeden Preis?, hier: S. 120; Rödder:Werte undWertewandel, hier: S. 20;Herbert: Liberalisierung alsLernprozeß, hier: S. 10; vgl. Schulz: Lebenswelt undKultur, S. 3, 8f, 19–22; Saldern: Von der „guten Stube“ zur „gutenWohnung“, hier: S. 250. 386 Vgl. Thießen: Gesundheit, hier: S. 357. 387 Vgl. Rödder:Werte undWertewandel, hier: S. 19; siehe auch: Klages:Wertorientierungen imWandel; ders.: Traditionsbruch als Herausforderung. 324 4. Soziale Arbeit und das Prinzip der Teilhabe In der Folge zeichnete sich im Bereich der Sozialen Arbeit eine zweite wesentliche Veränderung ab. So versuchten aufgeschlossene Sozialarbeiter nach dem Leitspruch ‚Partnerschaft statt Paternalismus‘ bei den Hilfen für alte Menschen und Frauen, erzieherisch-disziplinierende Ansätze zurückzudrängen und stattdessen aktivierende, die Eigeninitiative der Betroffenen stärkende Hilfsangebote zu schaffen. Das Ziel bestand nicht mehr darin, Individuen, die aus der vorgegebenen gesellschaftlichen Ordnung ausscherten, in diese einzupassen, sondern darin, Ordnungs- und Normvorstellungen dahingehend zu verändern, dass nicht mehr ganze Gruppen von Menschen auf Grund ihrer individuellen Lebensführung aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. In diesem Sinne zeigen sich Pluralisierung und Liberalisierung auch für die historische Erforschung von Armutsvorstellungen und deren Wandel als wichtige Analysekategorien.

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References

Zusammenfassung

Armut und Wirtschaftswunder – auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Begriffe. Auch die zeitgenössisch häufig verwendete Selbstzuschreibung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) bestärkt die Annahme, dass sich zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik kaum jemand mit dem Thema Armut auseinandergesetzt hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Armutsverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft genau in dieser Zeit stark veränderte: Es wurde vielschichtiger, demokratischer, liberaler. Zugleich erfuhr der Sozialstaat in diesen beiden Dekaden einen Ausbau ungeahnten Ausmaßes.

An diesem Punkt setzt die Studie an. In ihrer umfangreichen Analyse konzentriert sich Meike Haunschild auf Expertendiskurse und nimmt am Beispiel von Caritas und Arbeiterwohlfahrt zentrale Debatten der Wohlfahrtspflege in den Blick. Geleitet von der Frage, wie und warum sich die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptierten und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierten Formen sozialer Ungleichheit verschob, arbeitet sie Veränderungen im vorherrschenden Armutsverständnis heraus und zeigt dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Leistungen auf.