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1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema in:

Meike Haunschild

"Elend im Wunderland", page 1 - 16

Armutsvorstellungen und Soziale Arbeit in der Bundesrepublik 1955-1975

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4067-6, ISBN online: 978-3-8288-6906-6, https://doi.org/10.5771/9783828869066-1

Tectum, Baden-Baden
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1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema „Wohlstand für alle!“ forderte Ludwig Erhard 1957 in seinem gleichnamigen Werk. Bis heute gilt der langjährige Wirtschaftsminister und spätere Kanzler der Bundesrepublik als die Symbolfigur des ‚Wirtschaftswunders‘. Wohlgenährt, Zigarre rauchend strahlte er Zuversicht und das Versprechen einer besseren Zukunft aus — einer besseren Zukunft? War die Bundesrepublik 1957 nicht schon wieder auf dem Weg zu einer führenden Wirtschaftsmacht?1 Ging es den Westdeutschen im internationalen Vergleich und vor allem im Vergleich mit der eigenen Nachkriegszeit nicht schon wieder verhältnismäßig gut? Radioapparate, Kühlschränke undWaschmaschinenwurden gekauft, dieUrlaubsreise ging nach Italien, undbeimEigenheimbau gab es Unterstützung vom Staat. Coca Cola, Pettycoat und Rock’n’Roll — das war das Lebensgefühl, das uns die bunte Werbewelt von damals suggeriert. Doch entsprach dieses plakative Bild auch der Wahrnehmung der Zeitgenossen? Bisherige Arbeiten, die sich mit der Thematisierung von Armut in der Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ beschäftigen, legendies nahe. Insbesondere Sozialwissenschaftler gehen davon aus, dass Armutsprobleme in der wirtschaftlich prosperierenden Bundesrepublik verharmlost beziehungsweise verdrängt worden seien.2 Dabei wird die Auseinandersetzung um die ‚Große Rentenreform‘ von 1957 in der Regel als die letzte große Armutsdebatte gewertet, diejenige um die von Heiner Geißler 1975 aufgeworfene ‚Neue Soziale Frage‘ häufig als die erste nach einer längerenZeit, in der das Thema, wenn überhaupt, nur abseits der politischenÖffentlichkeit imRahmen von Professionsdiskursen behandelt worden sei. Die schwindende Einkommensarmut und der Ausbau des Sozialstaats hätten zur Verdrängung des Themas aus der 1 Vgl. Staak: Wirtschaftsmacht, hier: S. 86. 2 Siehe z.B. Herbert E. Colla: Armut im Wohlfahrtsstaat, in: Neues Hochland Jg. 64 (1972), S. 2–18; Tenbruck: Alltagsnormen, hier: S. 310; Hauser/Neumann: Armut in der BRD, S. 239f; Leisering: Zwischen Verdrängung und Dramatisierung; Butterwegge: Kinderarmut in Deutschland, hier: S. 242. 1 2 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema öffentlichen Diskussion beigetragen. Erst in den 1970er Jahren sei Armut von verschiedenenSeitenwieder öffentlich thematisiertworden.3Allerdings bezieht sich die Verdrängungsthese vor allem auf den imVergleichmit anderen Ländern begrenzten Austausch zwischen Wissenschaft und Politik sowie auf die Sozialwissenschaften, die aufgrund einer spezifisch bundesdeutschen Fachkultur erst in den 1970er Jahren zunehmend Studien zum Thema Armut durchgeführt hätten.4 Tatsächlich findet sich zwischen der ‚Großen Rentenreform‘ und der ‚Neuen Sozialen Frage‘ keine in der politisch-medialen Öffentlichkeit geführte Debatte, in der unter Verwendung des Begriffs ‚Armut‘ die prekären Lebensverhältnisse ganzer gesellschaftlicher Gruppen angeprangert sowie politische Lösungen für diese Probleme gefordert worden wären. Diese Beobachtung fügt sich in Lutz Raphaels Feststellung ein, dass der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit in ganz Europa die Hoffnung auf eine mögliche Beseitigung von Armut habe aufleben lassen. Denn wohlfahrtsstaatlicheLeistungenkonnten soweit ausgebautwerden, dass sie erstmals große Mehrheiten der Bevölkerung einschlossen. Auch wurde in der Bundesrepublik des ‚Wirtschaftswunders‘ die Verbindung von Arbeit und Armut in historisch einmaliger Weise gekappt.5 Dadurch schien Armut nicht mehr als soziales Problem wahrgenommen zu werden, sondern als individuelles.6 Gleichzeitig werden die ‚langen‘ 1960er Jahre7 in der Forschung als bedeutende ‚Transformationsperiode‘ der westdeutschen Gesellschaft gewertet, die mit neuen Formen von Partizipation, Toleranz und Pluralität den Abschied von der Nachkriegszeit einleiteten.8 Franz-Werner Kersting, Jürgen Reulecke und Hans-Ulrich Thamer sprechen für die beiden Jahrzehnte vonMitte der 1950er bisMitte der 1970er Jahre sogar von der zweiten beziehungsweise der intellektuellen Gründung der Bun- 3 Stefan Leibfried und Lutz Leisering sprechen in diesemZusammenhang auch von einer ‚Latenzzeit‘ der Armut. Leisering: Armutsbilder imWandel, hier: S. 164; Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 229f. Siehe auch: Buhr u. a.: Armutspolitik, hier: S. 529; Huster: Armut und Reichtum, hier: S. 217. 4 Siehe Dörting: Armutsforschung, hier: S. 213f sowie Süß: VomRand in die Mitte, hier: S. 132f. 5 Diese These geht auf Josef Mooser und Thomas Sokoll zurück, die diesen Gedanken in der Schlussdiskussion des WorkshopsArmut, Sozialpolitik und soziale Ungleichheit seit 1945 äußerten. Siehe: Tagungsbericht: Armut, Sozialpolitik und soziale Ungleichheit seit 1945, 11.10.2012 - 13.10.2012 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 19.12.2012, . 6 Raphael: Armut zwischen Ausschluss und Solidarität, hier: S. 30; vgl. Leisering: Zwischen Verdrängung und Dramatisierung, hier: S. 488. 7 Gemeint sind damit die Jahre von etwa 1958-1973. Siehe Siegfried: Trau keinem über 30, hier: S. 25. 8 Frese/Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels, hier: S. 8f. 3 desrepublik.9 Die integrative Kraft der bundesdeutschen Gesellschaft zwischen der Unterzeichnung des ersten Anwerbeabkommens für italienische Gastarbeiter (1955) und der ersten Ölpreiskrise (1973), zwischen Vollbeschäftigung (1958) und dem Anstieg der Arbeitslosenzahlen, gründete also nicht nur auf wirtschaftlichen Faktoren. Umso mehr wirft sie die Frage nach denjenigen auf, die von der allgemeinen Aufstiegsmobilität nicht erfasst worden waren,10 insbesondere da in der Zeit des einsetzenden ‚Wirtschaftswunders‘ nicht nur die Vertriebenen und Flüchtlinge, die Witwen und Kriegsversehrten, die Fürsorgeempfänger und Rentner um die prekärenVerhältnisse wussten, in denen sie lebten. Auch denAkteurinnen undAkteuren in Politik und Wohlfahrtspflege war bewusst, dass es in der Bundesrepublik noch viele ‚Notstände‘ gab – so die damals gängige Ausdrucksweise. Um sich ein Gegenbild zur bunten Werbewelt vor Augen zu führen, genügte allein ein Blick in die Statistischen Jahrbücher. So ging die Zahl der Personen, die laufend Leistungen aus der offenen Fürsorge erhielten, im Verlauf der 1950er Jahre lediglich um ein Viertel zurück, von 1,3 Million im Jahr 1950 auf 960.000 im Jahr 1960.11 Auch die Wohnsituation war ein gutes Jahrzehnt nach Kriegsende für jede zehnte Bundesbürgerin beziehungsweise jeden zehnten Bundesbürger alles andere als befriedigend: Für die Jahre 1956/57 errechnete das Statistische Bundesamt einen Fehlbestand von knapp 2 Millionen Wohnungen für rund 6 Millionen Personen. Die meisten dieser Menschen wohnten zur Untermiete, rund 400.000 lebten noch immer in kriegsbedingten Lagern und Notunterkünften.12 Dass die Einschätzung, dasThemaArmut sei in der Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt worden, modifiziert werden muss, zeigte jüngst schon Christoph Lorke in seiner Studie über die Wahrnehmung sozialer Randlagen im deutsch-deutschen Vergleich. Zwar unterlag das Thema in der Tat einer schwankenden Konjunktur öffentlicher Aufmerksamkeit. Dennoch konnten Zeitungsleser oder Bildschirmkonsumenten zu jeder Zeit Berichte über Armut und Bedürftigkeit in der Bundesrepublik finden.13 Auch die vorliegende Studie weist in diese Richtung und macht dabei eine Verschiebung der Wahrnehmung von Armut 9 Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S. 12. 10 Schildt: Sozialgeschichte der BRD, S. 98. 11 StBA (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch, Jg. 1955, S. 387; ders. (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch, Jg. 1962, S. 421, 434. 12 Ders. (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch, Jg. 1957, S. 407; ders. (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch, Jg. 1960, S. 266, 271. 13 Lorke: Armut im geteilten Deutschland, siehe v.a. S. 26; vgl. Malik: Armut in denMedien. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 4 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema von materiellen Aspekten hin zu Fragen von fehlender Teilhabe aus. Damit einher ging das Zugeständnis größerer Eigenständigkeit gegenüber den Personen, um die sich Sozialpolitik undSozialeArbeit kümmerten.Die langen 1960er Jahrewaren also – im Einklang mit der These der Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft – auch im sozialen Bereich eine bedeutende ‚Transformationsperiode‘. So erlebte der Ausbau des Sozialstaats in derÄraAdenauer trotz teilweise massiver Kritik eine nie zuvor dagewesene Blütezeit.14Gleichzeitig wandelte sich das Bild der Armut in der Bundesrepublik.15 Einerseits begrüßten die Bundesbürgerinnen und -bürger diese Entwicklungen – sie entsprachen sogar mehrheitlich ihren Erwartungen. Andererseits schien gerade die Ausweitung der staatlichen Fürsorgeleistungen, die zunehmend auf dem Gedanken beruhten, allen Einwohnerinnen und Einwohnern die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, auch Irritationen auszulösen. Deutlich zeigte sich das in einem Artikel des NachrichtenmagazinsDer Spiegel von 1961, in dem es sich der Autor, Peter Brügge, zur Aufgabe gemacht hatte, über das „Elend im Wunderland“ zu berichten.16 Darin kritisierte Brügge einerseits die Bundesbürgerinnen und -bürger dafür, dass ihreWunschvorstellung vonArmut noch aus wilheminischen Zeiten zu stammen scheine, einer Zeit, als den Empfängern von Wohlfahrtsunterstützung noch das Wahlrecht vorenthalten worden war. Andererseits schien ihmdieAusweitung staatlicherUnterstützungsmaßnahmen für Fürsorgeempfänger bereits zu weit zu gehen. So fragte er recht unverhohlen: „Wo [...] soll man die Armen suchen in einem Lande, in dem die Armen selbst schon zu spenden anfangen? In dem einer Anspruch auf Fürsorgegeld hat, bevor er seine letzten 500 Mark Erspartes antasten muß? In dem der Besitz eines Fernsehgerätes oder eines Automobiles die ö entliche Unterstützung nicht ausschließt?“17 Brügges Antwort legt nahe, dass auch er Armut als ein Teilhabeproblem deutete. Denn er betonte, die empfindlichste Not des Jahres 1961 habe ihre Ursache im Mangel an Liebe und familiärer Geborgenheit. Implizit schlug er damit aber ein 14 Siehe Kahlenberg/Hoffmann: Sozialpolitik als Aufgabe, hier: S. 129. 15 Vgl. Leibfried/et al.: Zeit der Armut, S. 229f. 16 Peter Brügge: „Unsere Armen haben das nicht nötig“. Elend im Wunderland, in: Der Spiegel 15.52 (1961), S. 40–47. 17 Ebd. 5 anderes Lösungsmodell zur Armutsbekämpfung vor als der Großteil der sozialpolitischen Akteurinnen und Akteure. Denn diese hatten sich bis dahin vor allem auf die Behebung materieller Mängel konzentriert. Brügge hingegen verwies auf die immateriellen Aspekte von Armut und sah zur Bekämpfung dieser Probleme weniger den Staat, sondern vielmehr die Familie in der Pflicht. Welche dieser drei Einschätzungen zum Thema Armut der sozialen Wirklichkeit von 1961 am nächsten kam, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Was der Artikel jedoch deutlich macht, ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Armutsvorstellungen in der Zeit des bundesdeutschen ‚Wirtschaftswunders‘. Der Wandel von Armutsbildern und dementsprechend der Umgang mit Armut war folglich kein streng linearer Prozess. Er war vielmehr von Gleichzeitigkeiten und Heterogenität geprägt.18 Die Analyse des Spiegel-Artikels verweist zudem darauf, dass sich das Armutsverständnis auch in der vermeintlich ‚nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘19 in einem stetenAushandlungsprozess befand.Denndie gesellschaftlichenStrukturenunddie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen veränderten sich laufend. Daher musste sich auch die ‚Wirtschaftswunder‘-Gesellschaft immer wieder neu darüber verständigen, welche Ungleichheitsspanne noch akzeptabel war undmit welchenMaßnahmen gegebenenfalls inakzeptablenFormenderUngleichheit entgegengewirktwerden sollte, gerade auch vor demHintergrund der Systemkonkurrenz im Kalten Krieg.20 Dabei kann in Anlehnung an die soziologische Armutsforschung davon ausgegangen werden, dass Armut immer auch in Abgrenzung zu oder in Verbindung mit anderen sozialen Problemlagen, wie demografischem Wandel, Arbeitsunfähigkeit oder Obdachlosigkeit, verhandelt wurde.Welches Armutsverständnis zu einem bestimmten 18 Dennoch lassen sich grobe Entwicklungslinien nachzeichnen. Vgl. Hunecke: Überlegungen zur Geschichte derArmut, hier: S. 498;Raphael:Armut zwischenAusschluss und Solidarität, hier: S. 27. 19 Dieser Begriff geht auf den Soziologen Helmut Schelsky zurück, der ihn erstmals 1953 verwendete. Entgegen der gängigen Rezeption traf dieser in seiner Analyse zwar keine Aussagen über eine vermeintlich sich verringernde gesellschaftliche Ungleichheit. Siehe: Braun: Helmut Schelskys Konzept der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ und die Bundesrepublik der 50er Jahre, hier S. 199f. Gleichzeitig scheint er die Rezeption des Begriffs als positive Selbstzuschreibung der bundesdeutschenGesellschaft bewusst in Kauf genommen zu haben. Geschickt verband er mit ihm Analyse und Suggestion. Siehe: Hacke: Rezension (http://library.fes.de/pdf-files/ afs/81608.pdf, Stand: 24.05.2018); Huster: Armut und Reichtum, hier: S. 216. 20 Buhr u. a.: Armutspolitik, hier: S. 503; Obinger/Schmitt: Guns and Butter, hier: S. 247; Lorke: Armut im geteiltenDeutschland, v.a. S. 20-25; vgl.Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 7; Vobruba: Freiheit, hier: S. 155. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 6 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema Zeitpunkt gerade vorherrschend war, beeinflusste den Umgang mit gesellschaftlichen Gruppen, die von Armut betroffen waren.21 Davon ausgehend stellen alle Debatten, die sich mit diesen Themenfeldern beschäftigen, potentielle Armutsdebatten dar – sofern sie bewusste oder unbewusste Aushandlungs- beziehungsweise Verständigungsprozesse über die in der Gesellschaft jeweils vorherrschenden Armutsvorstellungen nachzeichnen. ‚Armut‘ als Begriff muss in diesenDebatten nicht auftauchen. Denn das Aushandeln vonArmutsvorstellungen kann auch in Debatten und sozialen Praktiken stattfinden, die sich vordergründig ganz anderen Themen widmen, vor allem der Frage nach der ‚richtigen‘ Gesellschaftsordnung. Kennzeichen einer Armutsdebatte in diesem Sinne ist lediglich, dass bestimmte Aspekte sozialer Ungleichheit als nicht akzeptabel angenommen und Lösungsansätze aufgezeigt werden. Die angenommene Ungleichheit wiederum kann dabei von der sozialenWirklichkeit abweichen.22 Nicht (vermeintlich) objektives Wissen über Armut bestimmt sozialpolitische und fürsorgerische Maßnahmen, sondern die vorherrschenden Armutsvorstellungen. Erst wenn diese klar umrissen sind, wird deutlich, warum und auf welche Art Armutsphänomene zu einem bestimmten Zeitpunkt bekämpft wurden oder nicht. Im Umkehrschluss lassen sich aus dem zeitspezifischen Umgang mit sozialen Problemlagen auch Rückschlüsse auf vorherrschende Armutsvorstellungen ziehen. Nicht zuletzt zeigen sich Armutsvorstellungen auch in der Art, wie Armutsthematiken auf bild(sprach)licher Ebene dargestellt werden.23 Das alles zusammen – das Sprechen über, der Umgang mit und die Darstellung von Armut – bildet den Armutsdiskurs. Dieser wiederum kann mit Siegfried Jäger als Bestandteil und bestimmende Kraft der Gegebenheit und Entwicklung gesellschaftlicher Wirklichkeit betrachtet werden.24 In den vergangenen Jahren ist eine ganze Reihe von Studien entstanden, die sich (implizit) mit dem Thema Armut in der Zeit des Wirtschaftsaufschwungs in der Bundesrepublik beschäftigen. Die meisten von ihnen konzentrieren sich dabei 21 Vgl. Buhr u. a.: Armutspolitik, hier: S. 505. Siehe auch: Hradil: Anmerkungen zum Armutsdiskurs, hier: S. 210ff. 22 Vgl. Buhr u. a.: Armutspolitik, hier: S. 505; Schäfers: Zum öffentlichen Stellenwert, hier: S. 106; Koselleck: Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, hier: S. 124. 23 Vgl. Korff: Bemerkungen zur Ikonographie, hier: S. 300. 24 Jäger: Kritische Diskursanalyse, S. 148, 173. 7 auf den Bereich der Sozialpolitik.25 Einige wenige nehmen Armutsphänomene aber auch aus sozialgeschichtlicher Perspektive in den Blick.26 Dennoch trifft die Feststellung Axel Schildts aus dem Jahr 2007 noch immer zu, dass eine Sozialgeschichte der Armut im ‚Wirtschaftswunder‘ bislang nicht geschrieben wurde.27 Auchdie vorliegendeUntersuchung, die imRahmendesFreiburgerDFG-Projekts Armut in Deutschland 1950-1990 entstand, wird diese Forschungslücke nicht schlie- ßen können. Indem sie sich auf die Wahrnehmungsgeschichte von Armutsphänomenen konzentriert und dabei Armutssemantiken und -konstrukte der zeitgenössischen Äußerungen zur Armutsfrage herausarbeitet, soll sie jedoch einen Beitrag zum Gesamtbild der Armut in der BRD leisten. Denn die Entscheidung darüber, welche Armutsphänomene als solche anerkannt wurden und welche nicht, sowie darüber, welche Art sozialer Hilfeleistungen welchen Personenkreisen zu einem bestimmten Zeitpunkt zugestanden wurde, wirkte sich auf die soziale Wirklichkeit aller Menschen in prekären Lebensverhältnissen aus. Gegenwärtig wie auch historisch gibt es verschiedene Ansätze zur Bestimmung der Grenze zwischen Arm und Nicht-Arm, in der Regel können diese aber den beiden Konzepten absoluter oder relativer Armut zugeordnet werden. Absolute Armut wird dabei stärker an ökonomischen Bedürfnissen angelehnt definiert, die Begriffsdefinition von relativer Armut ist dagegen mehr auf soziale Bedürfnisse ausgerichtet.28 Da in der vorliegenden Arbeit aber Armut als ein sich historisch wandelndes und imGesellschaftsvergleich variables Konzept zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand erklärt wird,29 erübrigt sich eine vorausgreifende Definition des Begriffs.30 In ihrer Vorgehensweise ist die Untersuchung inspiriert von Michel Foucaults Diskursbegriff. ImUnterschied zuFoucault geht dieAutorin jedochnicht davonaus, 25 Beispielsweise die elfbändige Reihe BMA/Bundesarchiv (Hrsg.): Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. Darüber hinaus siehe z.B.: Boldorf: „Neue Soziale Frage“ und „Neue Armut“; Föcking: Fürsorge im Wirtschaftsboom; Hinrichs: Entwicklung des Rechts der Armut; Bösl: Politiken der Normalisierung; Hockerts: West und Ost; Schnädelbach: Kriegerwitwen; Schölzel- Klamp/Köhler-Saretzki: Das blinde Auge des Staates; Süß: Vom Rand in die Mitte; Hockerts: Der deutsche Sozialstaat; Hilpert: Wohlfahrtsstaat der Mittelschichten; Oelkers: Familialismus; Reinecke: Auf demWeg; Ruck: Expansion um jeden Preis? 26 Z.B. Kossert: Kalte Heimat; Reichwein: Kinderarmut in der BRD; Lürbke: Armut in der Stadt. 27 Schildt: Sozialgeschichte der BRD, S. 98; vgl. Hockerts: Der deutsche Sozialstaat, S. 30f. 28 Krämer: Armut, hier: S. 52f. Siehe auch: Hradil: Anmerkungen zum Armutsdiskurs, hier: S. 208. 29 Dörting: Armutsforschung, hier: S. 202f. 30 Vgl. Koselleck: Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, hier: S. 125. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 8 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema dassWirklichkeit generell erst durchDiskurse geschaffen wird, sondern dass es auch eineWirklichkeit hinter denDiskursen gibt. Es geht hier also nicht darum, die durch die Diskurse geschaffene Wirklichkeit offenzulegen, sondern Erklärungen dafür zu finden, wie es zur vorgefundenen Interpretation von Wirklichkeit kam. Ähnlich wie Foucault geht die Untersuchung dabei aber der Frage nach, welchen Regeln die ‚diskursive Praxis‘ unterlag und wer dabei die Deutungsmacht innehatte. Einzelne Texte, Reden, aber auch bildliche Darstellungen undHandlungen bezogen auf eine Thematik werden dabei weniger als individuelle Äußerungen verstanden, sondern als Teil des bereits vorhandenen, sich stetig im Wandel begriffenen Diskurses zu dieser Thematik. Sie reihen sich damit in ein vorgefundenes Ordnungsmuster ein, prägen es gleichzeitig aber auch mit.31 Da der Begriff ‚Armut‘, wie bereits beschrieben, im Untersuchungszeitraum selten gebrauchtwurde, geht die Studie dabei von denAkteurinnen undAkteuren aus, die sich professionell mit Fragen der Fürsorge und Sozialhilfe auseinandersetzten. Das heißt, sie beschäftigt sich vor allemmitDebatten,Handlungen und Leitbildern der Wohlfahrtspflege. Denn diese war es, die den Diskurs um das gesellschaftlich tolerierte Ausmaß von Ungleichheit prägte, im materiellen Sinn wie auch bezogen auf das Thema Chancengleichheit. Die Betroffenen selbst meldeten sich hingegen, zumindest in der (Fach)Öffentlichkeit, selten zu Wort.32 Um parallele und divergente Entwicklungen zwischen Fachöffentlichkeit und weiterer Öffentlichkeit aufzuzeigen, wird darüber hinaus immer wieder auch der mediale Diskurs in den Blick genommen.33 Die Untersuchung basiert dabei in erster Linie auf einer vergleichenden Textanalyse, schließt die Interpretation bildlicher Darstellungen aber mit ein. Darüber hinaus werden sozialgeschichtliche Aspekte in Form von statistischen Jahrbüchern und Aufstellungen berücksichtigt. Damit soll jedoch nicht der Versuch unternommen werden, ein objektives Abbild vergangener Wirklichkeit zu präsentieren und dieses mit den vorherrschenden Armutsvorstellungen abzugleichen. Zeitgenössisch erstellte statistische Zahlen zu Armutsphänomenen sowie zu Art und Umfang der 31 Vgl. Landwehr:HistorischeDiskursanalyse, S. 20f, 92, 98; Schnädelbach: Kriegerwitwen, S. 55; Jäger: Kritische Diskursanalyse, S. 173. 32 Süß: Vom Rand in die Mitte, hier: S. 134. Siehe auch Raphael: Experten, hier: S. 232 sowie Föcking: Expertenwissen, hier: S. 108. 33 Vgl. Schäfers:ZumöffentlichenStellenwert, hier: S. 104;Hockerts: Einführung, hier: S. 18; ders.:West und Ost, hier: S. 48; Kersting/Reulecke/Thamer: Aufbrüche und Umbrüche, hier: S. 14; Reinecke: Auf demWeg, hier: S. 112. 9 Wohlfahrtspflege können zwar dazu dienen, gesellschaftliche Entwicklungen einzuschätzen. Vor allem geht es aber darum, deutlich zumachen, aufGrundlagewelchen Wissens dasThemaArmut verhandeltwurde.Damitwerden zeitgenössische Statistiken ebenfalls als ElementedesArmutsdiskurses betrachtet.DennauchdieErstellung oder Nichterstellung bestimmter Statistiken sowie die Wahl und Benennung der statistischen Kategorien lässt Aussagen über vorherrschende Armutsvorstellungen zu.34 Da im untersuchten Zeitraum, zumindest jedoch bis weit in die 1960er Jahre hinein, trotz der verhältnismäßig großenPräsenz vonFrauen im sozialenBereich, die Hauptakteure beziehungsweise wesentlichen Entscheidungsträger Männer waren, wird im Folgenden in der Regel die männliche Schreibweise verwendet. Wo Frauen inwichtigen Positionen an denDebatten und Entscheidungsfindungen beteiligt waren, geht das aus derDarstellung hervor.Denn es gab sie auch, die einflussreichen Sozialexpertinnen, beispielsweise die langjährige Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Lotte Lemke, oder auch die Leiterin des Hamburger Landesfürsorgeamtes, Käthe Petersen, die 1970 sogar als erste Frau zur Vorsitzenden desDeutschenVereins für öffentliche und private Fürsorge (DV) gewählt wurde. Wie aber lassen sich die Hauptakteure im Bereich der Wohlfahrtspflege fassen? Und vor allem:WelcheQuellen sollen für die Untersuchung herangezogenwerden? Dennderwestdeutsche Staat baute stärker als schon dieWeimarerRepublik auf sozialstaatlichen Prinzipien auf.35 Die Mütter und Väter des Grundgesetzes definierten die Bundesrepublik in Artikel 20, Absatz 1 als „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ und verankerten damit das Sozialstaatsprinzip zentral in der Verfassung. Die Verbindung von Sozialstaat und Demokratie brachte eine spezifische Vielfalt eigenständiger Institutionen hervor, welche bis heute zwischen der Sozialstruktur undderpolitischenOrdnungvermitteln.Damit sindnichtnurParteienundWahlen gemeint. Auch Kirchen, Verbände und Vereinigungen tragen zur Interessenpluralität innerhalb des bundesdeutschen Sozialstaats bei. Eine wichtige Rolle spielen au- ßerdem Aushandlungssysteme verschiedener Art, insbesondere die freien Medien, aber auch das Gerichtswesen. So konnte sich im Sozialbereich eine großeMeinungsvielfalt ausbilden, die zusammen mit der Möglichkeit der öffentlichen Konfliktaustragung die Anpassungselastizität des bundesdeutschen Sozialstaats steigerte. Dies 34 Siehe dazu auch: Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen, hier: S. 190f; Graf/Priemel: Zeitgeschichte, hier: S. 482. 35 Ritter: Soziale Frage und Sozialpolitik, S. 69, 89. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 10 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema erklärt zugleich, warum sich in der BRD Experten36 als Akteure gesellschaftlicher Interessengruppen und sozialstaatlicher Klientel profilieren konnten. DasAkteursspektrumderWohlfahrtspflege entstand inderBundesrepubliknicht von Grund auf neu, sondern hatte weit in die Vergangenheit zurückreichendeWurzeln.37 Die Entwicklung des Sozialstaats Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten vor allem gesellschaftliche Gruppen und private Initiativen vorangetrieben.38 Nach dem Ersten Weltkrieg begannen letztere, sich zunehmend besser zu organisieren. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Armutsursachen und Fragen der sozialen Sicherung trug zum Ausbau öffentlicher Institutionen bei.39 Im Verlauf der Weimarer Republik büßten die bürgerlich-sozialreformerischen Organisationen ihre vormals starke Position im Bereich der Wohlfahrtspflege mehrheitlich ein.AlleindemDeutschenVerein für öffentlicheundprivate Fürsorge (DV)40 gelang es sich als öffentliches Diskussionsforum der Wohlfahrtspflege zu etablieren und diese Rolle über dieNS-Zeit hinweg bis in die Bundesrepublik zu behalten. Die monatlich erscheinende FachzeitschriftNachrichtendienst des Deutschen Vereins für Ö entliche und Private Fürsorge (NDV) diente ihm als offizielles Organ. Zudem hielt er im zweijährigen Turnus den Deutschen Fürsorgetag ab – die bedeutendste bundesdeutsche Fachtagung für den sozialen Bereich. 41 36 Lutz Raphael definiert Experten im Sozialstaat als „Träger eines verwissenschaftlichten und bereichsbezogenen Fachwissens“ und bezieht damit sowohl Wissenschaftler als auch „akademisch gebildete Praktiker [...] des Sozialwesens“ in seinen Expertenbegriff ein. Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen, hier: v.a. S. 177f sowie ders.: Experten, hier: S. 232. 37 Ausführlicher hierzu siehe 3.2. 38 Sachße/Tennstedt: Armenfürsorge, Bd. 2, S. 156f. 39 Ebd., S. 160. 40 Zur Geschichte des Deutschen Vereins siehe Maurer: Der Caritasverband, S. 38-41; Willing: Der Deutsche Verein, hier: S. 118. NachWillings eigenenAngaben ist dieMonografie die erste Forschung zumDeutschenVerein seit 1945, die die nötigeDistanz zumUntersuchungsgegenstand bewahrt.Die vorher erschienenen Festschriften hätten vor allem dieNazizeit ausgeblendet oder beschönigt. (ders.: Der Deutsche Verein, hier: S. 118). 41 Die Leitthemen des Deutschen Fürsorgetags erscheinen rückblickend wie ein Spiegelbild der jeweils vorherrschendenDebatten innerhalb der Fachwelt:Während sich die Fürsorgetage von 1955 und 1957 der Sozialreformwidmeten,wandten sich seineTeilnehmer in den folgenden Jahrender Frage zu,wie die Sozialarbeit auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren sollte, beispielsweise den Wandel der Familienstrukturen. 1967 schließlich stand dieTagung unter demLeitthemaDer behinderteMensch in unserer Zeit und griff damit eines der bedeutendsten sozialen Themen der 1960er Jahre auf. Ebd., hier: S. 193. Siehe auch die Leitthemen der Deutschen Fürsorgetage im Untersuchungszeitraum: – 1955: Fürsorge und Sozialreform – 1957: Die Neuordnung des Fürsorgerechts als Teil einer Sozialreform 11 Aufgrund seinerMitgliederstruktur – demDeutschen Verein gehörten nicht nur alle mit dem Thema Wohlfahrtspflege befassten Bundes-, Länder- und Gemeindestellen an, sondern auch Fachverbände sowie die kommunalen Spitzenverbände und die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege – fungierte er als Bindeglied zwischen den drei Ebenen des bundesdeutschen Sozialstaats: dem Zentralstaat, den Kommunen und den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege. Dabei nahm er vor allem eine Beratungsfunktion ein.42 Der Deutsche Verein war von seiner Anlage her also eine Institution, die den Meinungsaustausch innerhalb der Expertenschaft anregen und ein einheitlichesVorgehen der Wohlfahrtspflege ermöglichen sollte. Nach 1945 gewannen konservative Meinungen innerhalb des Vereins jedoch deutlich an Einfluss.43 Deshalb wird im Folgenden nicht der Deutsche Verein als Ganzes im Fokus der Betrachtungen liegen, sondern die beiden Verbände, welche die beiden Pole des Meinungsspektrum innerhalb des DV und damit innerhalb der Wohlfahrtspflege insgesamt abdecken: der Deutsche Caritasverband und die Arbeiterwohlfahrt. WährendderCaritasverband sein Selbstverständnis aus der christlichenNächstenliebe bezog, gründete die Arbeiterwohlfahrt ihre Arbeit auf dem Prinzip der Solidarität. Beiden gemein war die Vorstellung von einem Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Im Unterschied zur Caritas begründete die Arbeiterwohlfahrt dieses Recht jedoch nicht mit dem christlichen Glaubensgrundsatz, der Mensch sei das Ebenbild Gottes. Die führenden Mitglieder des SPD-nahen Wohlfahrtsverbandes gingen vielmehr von einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen aus, die in – 1959: Fürsorge in der gewandeltenWelt von heute – 1961: Fürsorge im Spannungsfeld der Generationen – 1963: Die Mutter in der heutigen Gesellschaft – 1965: Vier Jahre Bundessozialhilfegesetz und Jugendwohlfahrtsgesetz – 1967: Der behinderte Mensch in unserer Zeit. Vorbeugung, Heilung, Linderung – 1969: Die Fürsorge im sozialen Rechtsstaat – Standort, Forderungen, Möglichkeiten – 1973: Soziale Arbeit im sozialen Konflikt – 1976: Selbsthilfe und ihre Aktivierung durch die Soziale Arbeit. Auch über die Fürsorgekreise hinaus erfuhr der Fürsorgetag immer wieder öffentliche Aufmerksamkeit. Siehe z.B.Deutscher Fürsorgetag in Frankfurt, in: FAZ 7.208 (1955), S. 8; Deutscher Fürsorgetag 1957, in: FAZ 9.272 (1957), S. 5; Deutscher Fürsorgetag eröffnet, in: FAZ 15.242 (1963), S. 7. 42 Ziebill: Geschichte des DST, S. 299; Sachße/Tennstedt: Armenfürsorge, Bd. 2, S. 160; Eifert: Frauenpolitik und Wohlfahrtspflege, S. 199f; Deutscher Fürsorgetag 1957, in: FAZ 9.272 (1957), S. 5; Willing: Der Deutsche Verein, hier: S. 153. 43 Eifert: Frauenpolitik undWohlfahrtspflege, S. 199;Willing:DerDeutscheVerein, hier: S. 154, 159; vgl. Föcking: Fürsorge imWirtschaftsboom, S. 43. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 12 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema einer Demokratie unbedingt verwirklicht werden müsse. Ähnlich wie die ihnen nahe stehenden politischen Lager CDU/CSU beziehungsweise SPD beargwöhnten sie daher immerwiederHandlungen undMeinungsäußerungen des jeweils anderen Verbandes.44 Auch die sozialpolitischen Vorstellungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege waren in der Regel zwischen diesen beiden Polen verortet. Teilweise verfolgten die Kommunen jedoch Ansätze, die vor allem auf schnelle Lösungen und die Aufrechterhaltung der öffentlichenOrdnung zielten. Dies war einerseits pragmatischen Erwägungen geschuldet, denn Städte undGemeinden hatten ein weit größeres Aufgabenspektrum zu bewältigen als die Verbände der freien Wohlfahrtspflege. Andererseits spielten dabei auch finanzielle Zwänge eine Rolle. Daher wird der Deutsche Städtetag als die dominierendeKommunalvertretung in der Bundesrepublik an den entsprechenden Stellen als dritter Hauptakteur in die Betrachtungen einbezogen. Aufgrund des diskursgeschichtlichen Ansatzes bilden schriftlich überlieferte Aussagen von sozialpolitischen Akteuren in Fachzeitschriften, wissenschaftlichen Studien und Sitzungsprotokollen von Wohlfahrtsverbänden die Grundlage des Quellenkorpus der vorliegenden Untersuchung.45 So wurden für den gesamten Untersuchungszeitraum von 1955 bis 1975 sieben Fachzeitschriften systematisch ausgewertet, die durch ihre Herausgeberschaft das bundesdeutsche Akteursspektrum auf sozialpolitisch-fürsorgerischem Gebiet repräsentieren. Im einzelnen waren dies die Monatszeitschriften Blätter der Wohlfahrtspflege (inklusive der drei Mal jährlich erscheinenden Beilage Der Wanderer beziehungsweise ab 1963 Gefährdetenhilfe), Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für Ö entliche und Private Fürsorge und Sozialer Fortschritt sowie das im zwei Wochen Rhythmus veröffentlichte Bundesarbeitsblatt. Auch die drei Hauptakteure veröffentlichten jeweils eine eigenes Fach- 44 Siehe z.B. Protokoll zur Sitzung des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 11./12.4.1953 in Bonn, in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/1957; Brief Walter Auerbachs an die Vorsitzenden der SPD vom 31.8.1959, AdsD, Nachlass Ludwig Preller, Signatur 93; Haar: Sozialstaat, Hilfeansprüche und freieWohlfahrtspflege, hier: S. 169f. Vgl. auch: „Wer nicht Liebe übt, verkümmert“, in: Badische Zeitung vom 11.3.1959. 45 Vgl. Jäger: Kritische Diskursanalyse, S. 133. 13 blatt, nämlich die Zeitschriften Der Städtetag46, Caritas47 und Neues Beginnen48. Letztere erschien ab 1972 unter dem Namen Theorie und Praxis der sozialen Arbeit.49 Dieses Vorgehen erlaubte es, über den gesamten Untersuchungszeitraum einen Querschnitt der zentralen Debatten abzubilden, innerhalb derer Armutsthematiken verhandelt wurden. Als wichtigste Themen kristallisierten sich hierbei Alter, Familie, Weltbild und Selbstverständnis der Akteure, die Professionalisierung des sozialenBereichs, die Schuldfrage (individuelleVerantwortung oderVerantwortung der Gesellschaft) sowie Wohnungslosigkeit heraus. Die Themen ‚Behindertenhilfe‘ und ‚Gastarbeiter‘ wurden zunächst ebenfalls verfolgt, erwiesen sich für die vorliegende Untersuchung jedoch als weniger relevant, weshalb sie bei der Abfassung der Arbeit nicht berücksichtigt wurden. Die NS-Zeit bildete in allen Zeitschriften eine auffällige Leerstelle. Eine weitere Einschränkung ergab sich aus der Entscheidung, bei der Suche nach relevanten Artikeln die Thematik der Kinder- und Jugendfürsorge sowie diejenige der Entwicklungshilfe auszuschließen – erstere, da sich die entsprechenden Artikel 46 Der Städtetag war eine Monatszeitschrift, die sich allen wichtigen Themen der Kommunalverwaltung und -politik widmete. Das Thema Wohlfahrtspflege war dabei nur eines unter vielen, tauchte aber vor allem in Bezug auf das Thema Wohnen und Anstaltsbau (z.B. Altenheime) immer wieder auf. 47 Die Caritas-Zeitschrift erschien mit kurzen Unterbrechungen von 1896 bis 1999 unter diesem Namen und war grundsätzlich als Monatszeitschrift konzipiert. Häufig wurden im Untersuchungszeitraum jedoch zwei Monate in einer Ausgabe zusammengefasst, so dass sie sechs bis acht Mal pro Jahr herausgegeben wurde. Neben der Schriftleitung gehörten Mitarbeiter aus den Mitgliedsgruppen des Deutschen Caritasverbandes zu den Autoren (z.B. Sozialarbeiter, Studenten, Ehrenamtliche).Außerdemäußerten sich in derZeitschrift Sozialwissenschaftler, teilweise aber auch Journalisten. 48 Unter dem Namen Neues Beginnen veröffentlichte die Arbeiterwohlfahrt im monatlichen Rhythmus zunächst ihreMitgliederzeitschrift, die sowohl Fach- als auch Laienkräfte ansprechen sollte. Die immer wieder vorgebrachte Forderung, ein eigenes Fachblatt herauszubringen, wurde 1953 noch aus finanziellenGründen abgelehnt.Ab 1956 konnte dann aber unter demTitelUnsere Arbeit eine reine Mitgliederzeitschrift herausgegeben werden, so dass sich Neues Beginnen als reine Fachzeitschrift etablieren konnte. (Siehe Protokoll zur Sitzung desHauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 17.- 18.1.1953 in Bonn, Protokoll zur Sitzung desHauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 19.3.1955 in Bonn sowie Protokoll zur Sitzung desHauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt am 8.1.1956 in Bonn, alles in: AWO (Hrsg.): Protokolle Bundesausschuß, Jg. 1951/57.) Zwischen 1966 und 1972 erschien die Zeitschrift im Zwei-Monats-Rhythmus. 49 Um Verwechslungen zwischen den Fachzeitschriften und den Verbänden zu vermeiden, die im Fall von Caritas und Städtetag denselben Namen trugen, werden die Titel aller Zeitungen und Zeitschriften im Folgenden kursiv gesetzt. 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 14 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema vor allem auf erzieherische Fragen konzentrierten, letztere, da die Untersuchung von vornherein auf eine Analyse von Armutsvorstellungen im deutsch-deutschen Vergleich angelegt worden war.50 Aus konzeptionellen Erwägungen wurde nach ersten intensiven Recherchen der Vergleich mit dem Armutsdiskurs in der DDR wieder herausgenommen. Denn in Bezug auf die ostdeutsche Gesellschaft erwies sich das entwickelte Konzept, von den Akteurinnen und Akteuren auszugehen, die sich professionell mit Fragen der Fürsorge und Sozialhilfe auseinandersetzten, um so den Armutsdiskurs indirekt zu erschließen, als nicht tragfähig. Recherchen im Archiv des Deutschen Caritasverbandes, im Archiv für Soziale Bewegungen in Freiburg, in den Beständen zum Deutschen Städtetag im Landesarchiv Berlin und Einsichtnahmen in Nachlässe wichtiger Sozialpolitiker im Archiv der SozialenDemokratie in Bonnwie auch imArchiv für Christlich-Demokratische Politik in Sankt Augustin spiegelten die in den Zeitschriften aufgegriffenen Themen wider und gaben tieferen Einblick in die Interessenlagen der verschiedenen Akteure. Ergiebig waren hierbei vor allem Sitzungsprotokolle des Zentralvorstandes des DCV sowie des Sozialausschusses des DST. Die Protokolle zu den Sitzungen des Hauptausschusses der Arbeiterwohlfahrt sind über die Bibliothek der Friedrich- Ebert-Stiftung in Bonn zugänglich. Das Spektrum der unsystematisch herangezogenen veröffentlichten Quellen umfasst sowohl statistische Jahrbücher als auch Bundestagsdebatten,Parteitagsredenund sozialwissenschaftliche Studien.Vereinzeltwurden darüber hinaus Zeitzeugeninterviews geführt, die in ihrer Mehrzahl jedoch lediglich als Quelle für Hintergrundinformationen dienten. Zuletzt wurde punktuell auch die Berichterstattung in Presse und Fernsehen in den Blick genommen. Zum einen ermöglichte die Presseausschnittsammlung des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen eine thematische Suche. Zum anderen wurde in den Zeiträumen rund um fürsorge- beziehungsweise sozialpolitisch wichtige Ereignisse, wie die Verabschiedung des Bundessozialhilfegesetzes von 1961, die Bild-Zeitung, der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie die Printmedien des DGB, Welt der Arbeit und Gewerkschaftliche Monatshefte, nach relevantenArtikeln durchsucht. Insbesondere zumThemaWohnungslosigkeit konnte darüber hinaus über das SWR-Archiv in Baden-Baden eine Vielzahl von Fernsehbeiträgen recherchiert und eingesehen werden.51 50 Gerade eine Untersuchung von Debatten zur Entwicklungshilfe könnten aber auch interessante Rückschlüsse für eine veränderte Sichtweise aufArmutsphänomene imeigenenLand zulassen. Siehe dazu z.B. Hein: Die Westdeutschen und die Dritte Welt. 51 Ausführlicher dazu siehe Haunschild: Fernsehbeiträge als historische Quellen. 15 Gerade die Auswertung der medialen Berichterstattung lieferte wichtige Impulse für die Analyse bild(sprach)licher Elemente von Armutsvorstellungen, die bei genauerer Durchsicht auch in Fachzeitschriften und in anderweitigen Äußerungen von Sozialexperten zu finden waren. Ebenso wie die Auswertung der zentralen Debatten der Fürsorgekreise, die, wie oben bereits aufgeführt, um die Themen Alter, Familie, Weltbild/Selbstverständnis, Professionalisierung, Schuldfrage und Wohnungslosigkeit kreisten, ließ dieAnalyse der Ikonografie derArmut interessante Rückschlüsse auf bundesdeutscheArmutsvorstellungen in der Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ zu. Zum einen machte sie auf die Langlebigkeit mentaler Strukturen aufmerksam. Zum anderen zeigten sich bei genauerer Betrachtung zeitverzögert auch in der bildhaften Darstellung von Armut in den Medien Veränderungen, die auf eine Liberalisierung desArmutsverständnisses hindeuteten.DieAusweitung derArmutsvorstellungen auf denAspekt derTeilhabegerechtigkeit schien also nicht nur in Expertenkreisen stattgefunden, sondern auch Auswirkungen auf die Vorstellungen einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt zu haben. Auch andere Aspekte, die in der Forschung meist den Begriffen Liberalisierung und Pluralisierung zugeordnetwerden, spielten imUntersuchungszeitraum für den Wandel von Armutsvorstellungen einen wichtige Rolle. Diese lassen sichmit Begriffen wie Entkirchlichung, Professionalisierung oder Ausdifferenzierung geschlechtlicher Rollenbilder beschreiben. Dementsprechend ist der Aufbau der Arbeit thematisch angelegt. Innerhalb der Kapitel beziehungsweise Kapitelabschnitte hält sie sich an die Chronologie. Um die unterschiedlichen Diskursebenen der Untersuchung deutlich zu machen, aber auch die Wechselwirkungen zwischen Fachdiskurs und breiterer Öffentlichkeit, ist die Arbeit darüber hinaus dreigeteilt: Während sich der erste Abschnitt (Kapitel 2) auf den politisch-öffentlichen Armutsdiskurs bezieht, konzentrieren sich Kapitel 3 und 4 auf die bundesdeutscheWohlfahrtspflege, insbesondere den Deutschen Caritasverband, die Arbeiterwohlfahrt und den Deutschen Städtetag. Der dritte Abschnitt ist in der Gegenüberstellung der beiden Kapitel 5 und 6 darauf ausgerichtet, Veränderungen in den Armutsvorstellungen vonÖffentlichkeit undFachöffentlichkeit inBeziehung zu setzen.Gleichzeitig trägt derAufbau der Arbeit der Beobachtung Rechnung, dass sich der Armutsdiskurs zwar über den gesamten Untersuchungszeitraum nachzeichnen lässt, aber nicht immer auf gleich öffentlichkeitswirksame Weise. Vielmehr changierte er zwischen Fachöffentlichkeit und breiterer Öffentlichkeit. Jedes Kapitel wiederum fokussiert darauf, die wichtigsten Armutsvorstellungen bezogen auf einen Teildiskurs herauszuarbeiten und diese mit Hilfe geschichtswis- 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema 16 1. Annäherung an ein schwer greifbares Thema senschaftlicher Analysekategorien zu deuten. So widmet sich Kapitel 2 der in den mittleren 1950er Jahren prägenden Debatte um die ‚umfassende Sozialreform‘ und richtet dabei den Blick vor allem auf die Aspekte Vorsorge und Planung sowie Erfahrung und Erwartung. Kapitel 3 und 4 betrachten hingegen den gesamten Untersuchungszeitraum. Dabei geht ersteres von Lutz Raphaels These einer ‚Verwissenschaftlichung des Sozialen‘ aus und beleuchtet die Entwicklung der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege im Spannungsfeld von weltanschaulichen Überzeugungen und Professionalisierungsbestrebungen beziehungsweise -zwängen in einer modernen Industriegesellschaft. Zweiteres betrachtet Armutsvorstellungen in der sich pluralisierenden bundesdeutschenGesellschaft und arbeitet besonders am Beispiel von sozialen Unterstützungsmaßnahmen für alte Menschen sowie für Frauen heraus, wie das zunächst auf die Institution Familie ausgerichtete Konzept sozialer Sicherheit immer mehr auf das Individuum zugeschnitten wurde. Kapitel 5 lenkt den Blick auf die Jahre um ‚1968‘. Dabei geht es um die Frage, inwiefern die Generation der 68er den bundesdeutschen Armutsdiskurs beeinflusste und zum Wandel von Armutsvorstellungen beitrug. Am Beispiel des Umgangs mit Obdachlosigkeit werden dabei längere Entwicklungslinien in Bezug gesetzt zu Impulsen, die von einer neuenGeneration von Sozialarbeitern ausgingen und selbst in das wertkonservative Milieu der Caritas hineinwirkten. Dadurch werden Wechselwirkungen zwischen der Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft insgesamt und der Liberalisierung des Armutsdiskurses in- und außerhalb der Expertenkreise besonders deutlich. Dagegen verweist die Analyse der Ikonografie der Armut (Kapitel 6) vor allem auf die Langlebigkeitmentaler Strukturen, offenbart aber auch Verschiebungen. Damit macht das Kapitel auf die unterschiedlichen Veränderungsgeschwindigkeiten aufmerksam,die öffentlicher undFachdiskurs aufwiesen.Kapitel 7 kommt schließlich die Aufgabe zu, die einzelnen Aspekte des bundesdeutschen Armutsdiskurses, die in den Kapiteln aufgegriffen werden, zu ordnen und in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Es zeigt auf, inwieweit sich die Liberalisierungsthese auf Armuts- und Sozialstaatsvorstellungen anwenden lässt, beziehungsweise an welchen Stellen sie modifiziert werden muss.

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References

Zusammenfassung

Armut und Wirtschaftswunder – auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Begriffe. Auch die zeitgenössisch häufig verwendete Selbstzuschreibung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) bestärkt die Annahme, dass sich zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik kaum jemand mit dem Thema Armut auseinandergesetzt hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Armutsverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft genau in dieser Zeit stark veränderte: Es wurde vielschichtiger, demokratischer, liberaler. Zugleich erfuhr der Sozialstaat in diesen beiden Dekaden einen Ausbau ungeahnten Ausmaßes.

An diesem Punkt setzt die Studie an. In ihrer umfangreichen Analyse konzentriert sich Meike Haunschild auf Expertendiskurse und nimmt am Beispiel von Caritas und Arbeiterwohlfahrt zentrale Debatten der Wohlfahrtspflege in den Blick. Geleitet von der Frage, wie und warum sich die Grenze zwischen gesellschaftlich akzeptierten und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierten Formen sozialer Ungleichheit verschob, arbeitet sie Veränderungen im vorherrschenden Armutsverständnis heraus und zeigt dessen Wechselwirkung mit sozialstaatlichen Leistungen auf.