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Einleitung in:

Karim Mahmoud

Deutschlandstereotype im Deutschunterricht, page 11 - 14

Entstehung und Veränderung am Beispiel des Deutschunterrichts in Ägypten

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4069-0, ISBN online: 978-3-8288-6905-9, https://doi.org/10.5771/9783828869059-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Einleitung Ein Zitat von Alexander Chase (*1926), amerik. Journalist besagt: »Alle Verallgemeinerungen sind falsch, diese eingeschlossen«. Jeder soll sich immer die Frage stellen: »Sind andere so oder tun alle so?« Außerdem: »Stimmt alles, was wir über die anderen gehört bzw. gelernt haben oder sogar was wir selber sagen?« Diese Fragen habe ich mir zum ersten Mal nach meiner Ankunft in Deutschland gestellt. Denkanstoß und Motivation, mich diesem Thema anzunähern, war meine Deutschlernerfahrung als Schüler an einer staatlichen Oberschule in Ägypten sowie die Erfahrung als Student an der Sprachenfakultät Al-Alsun in Kairo. Als Deutschlerner wurden mir nicht nur in der Schule, sondern auch an der Uni im Laufe meines Studiums verschiedene Informationen über Deutschland und die Deutschen vermittelt. Ich erinnere mich an das Buch »Tatsachen über Deutschland«, das ein Dozent an der Uni an uns verteilt hat. Nach meiner Ankunft in Deutschland erlebte ich verschiedene Situationen, in denen ich mir immer »das stimmt nicht« sagen sollte. Eigentlich bezieht sich die Aussage auf meine vorhandenen Vorstellungen, die der Realität widersprechen, bzw. von der Realität zumindest divergieren. Deshalb hatte ich angefangen, alles, was ich vorher wusste, infrage zu stellen. Als Deutschlerner und vor allem danach als Deutschlehrer habe ich angefangen, mir andere Fragen zu stellen: Wie kommt das zustande? Wie sind solche Vorstellungen entstanden? Was bzw. wer hat dabei eine Rolle gespielt? Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet: »Der Einfluss des Deutschlernens auf die Entstehung und Veränderung von Stereotypen am Beispiel der Situation in Ägypten«. Die Ziele dieser Arbeit lassen sich dabei grob auf die Beantwortung folgender Fragestellung reduzieren: Inwieweit werden die Stereotype ägyptischer Deutschlerner durch das Deutschlernen an Bildungseinrichtungen in Ägypten beeinflusst und welche 12 Karim Mahmoud: Der Einfluss des Deutschlernens auf die Entstehung und Veränderung von Stereotypen grundlegenden Faktoren spielen dabei eine bestimmende Rolle? Außerdem soll die Arbeit Verbesserungsvorschläge machen, die nicht nur von den Lehrwerkautoren, sondern auch von den Lehrkräften im Unterricht beachtet werden können. Mithilfe einer Längsschnittuntersuchung wird versucht, diese Fragestellung zu beantworten, d. h. das Forschungsdesign der vorliegenden Arbeit ist durch zwei zeitlich aufeinander folgende Erhebungszeitpunkte gekennzeichnet. Während der erste Erhebungszeitpunkt am Anfang des Schuljahres bzw. Studienjahres 2014 / 2015 stattfand, wurde die zweite Erhebung am Ende des gleichen Schuljahres bzw. Studienjahres durchgeführt, um differenzierte Daten für die Auswertung zu erhalten. Um mögliche Störeinflüsse zu kontrollieren, scheint der Vergleich mit Kontrollgruppen notwendig. Befragt wurden Deutschlernende auf den Niveaus A1 und A2 des GER an staatlichen Oberschulen und Hochschulen in Ägypten. Methodisch wurden Leitfadeninterviews durchgeführt. Zur Erhellung der unterrichtlichen Einflüsse scheint die Ergänzung durch die Lehrerbefragung und die Beschäftigung mit den im Unterricht eingesetzten Lehrwerken sinnvoll. Bei der Entscheidung für ein qualitatives Forschungsdesign wurde die Frage gestellt, inwiefern die Frage nach Stereotypen und deren Ver- änderung ein qualitatives Forschungsdesign benötigt, obwohl fast alle Forscher, die sich bisher damit beschäftigt haben, eher quantitativ vorgegangen sind. Die meisten empirischen Studien der Stereotypenforschung sind ja quantitativ angelegt, da es bei solchen Studien um den Verbreitungsgrad sozialer Stereotype innerhalb einer bestimmten Gruppe geht. Solche Stereotype können anhand des hohen Verbreitungsgrades festgestellt werden. Außerdem werden die standardisierten quantitativen Messverfahren sehr oft kritisiert, da sie zum einen verallgemeinern und bestimmte Eigenschaften bei allen Gruppenmitgliedern als gegeben voraussetzen und da ihre Ergebnisse zum anderen nichts über die Einstellungen der Probanden zu diesen Eigenschaften aussagen. Insofern kam seit den 1980er Jahren die Forderung nach qualitativen Untersuchungen der Deutschlandbilder bzw. Stereotype (vgl. Wernike 2014: 34 f.) auf. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive soll man auch im Fach Deutsch als Fremdsprache großen Wert auf die Frage nach der Bildung und Veränderung der stereotypischen Bilder bei den Deutschlernern legen (vgl. Altmayer / Koreik 2010: 1383). In dieser Hinsicht geht es in der vorliegenden Arbeit vielmehr um den Einfluss des Deutschunterrichts auf die individuellen Stereotype der Deutschlerner. Es handelt sich da- 13 Einleitung bei um den Versuch, die Meinungen, Einstellungen, Erlebnisse, subjektive Bedeutungszuschreibungen und Wissen zu erfragen. Darüber hinaus gibt es schon Arbeiten, die den Stereotypen bei den Deutschlernern qualitativ nachgegangen sind, wie z. B. die Studien von Ertelt-Vieth 2005, Ellis 2009, Deckers 2010 und Wernike 2013. Aufgrund der Kritik an quantitativen Messverfahren und ausgehend von der Forderung nach einem qualitativen Forschungsdesign zur Untersuchung von Stereotypen und gleichzeitig der aus kulturwissenschaftlicher Sicht betonten Forderung nach der Untersuchung des Einflusses der stereotypischen Bilder im Unterricht sowie ihrer Veränderung bei den Lernern, setzt sich die vorliegende Arbeit zum Ziel, die Stereotype ägyptischer Deutschlerner mithilfe eines qualitativen Forschungsdesigns einzufangen und ihre Entwicklung durch den Deutschunterricht nachzuzeichnen. Die vorliegende Arbeit gliedert sich, ohne Berücksichtigung von Einleitung und Fazit, in vier Kapitel. In Kapitel 1 werden die zum Verständnis der Arbeit notwendigen Grundlagen und Definitionen zum Stereotypenbegriff vorgestellt. Zuerst wird versucht, den Begriff »Stereotyp« zu definieren und von den anderen verwandten und bedeutungsnahen Begriffen wie z. B. Vorurteil, Image und Bild abzugrenzen. Dann werden einige Theorien zur Klärung der Entstehung von Stereotypen dargestellt. Anschließend wird ein kurzer Überblick über den bisherigen Forschungsstand und vor allem die Stereotypenforschung im Fremdsprachenunterricht gegeben. Im zweiten Kapitel wird aufgrund des speziellen Untersuchungskontexts dieser Arbeit die Situation des Faches Deutsch als Fremdsprache in Ägypten vorgestellt. Dieses Kapitel hilft bei der Klärung der Entstehungssituation. Außerdem wird durch die Einbeziehung der Situation in Ägypten der Versuch unternommen, einen Beitrag zur Verbesserung der Situation des Faches Deutsch als Fremdsprache in Ägypten zu leisten. Das dritte Kapitel ist der Empirie gewidmet. In den ersten Abschnitten des Kapitels werden dafür in Vorbereitung der Empirie die theoretischen Grundlagen behandelt, die der Darstellung von Forschungsmethodologie und -design dienen. Zuerst wird zwischen quantitativer und qualitativer Forschung unterschieden. Danach erfolgt die Darstellung der Forschungskonzeption. Dabei wird auf die Fragestellung, methodisches Vorgehen, Erhebungsmethode, Datenaufbereitung und Auswertungsmethode näher eingegangen. Im Anschluss daran wird die detail- 14 Karim Mahmoud: Der Einfluss des Deutschlernens auf die Entstehung und Veränderung von Stereotypen lierte Vorgehensweise bei der Datenerhebung und Datenauswertung für die beiden Erhebungszeitpunkte dargestellt. Das vierte Kapitel befasst sich mit einer ausführlichen Darstellung der Datenanalyse und fasst gleichzeitig die Ergebnisse der beiden Erhebungszeitpunkte zusammen. Im darauffolgenden Abschnitt werden die unterrichtlichen Faktoren dargestellt. Am Ende des Kapitels werden mögliche Verbesserungsvorschläge präsentiert.

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Zusammenfassung

Im Fremdsprachenunterricht wird die Rolle von Stereotypen bzw. der Umgang mit Stereotypen häufig diskutiert. Insofern stellt sich die Frage, ob Stereotype durch Deutschunterricht, wie immer behauptet wird, abgebaut oder möglicherweise sogar verstärkt und unterstützt werden. Zu dieser Frage gibt es im Fach Deutsch als Fremdsprache zu wenig empirische Evidenz. In der vorliegenden Arbeit wird ein Dissertationsprojekt, das seit Oktober 2013 am Herder-Institut der Universität Leipzig durchgeführt wird, vorgestellt. Dabei wird untersucht, inwieweit die Stereotype ägyptischer Deutschlerner durch das Deutschlernen an Bildungseinrichtungen in Ägypten beeinflusst werden und welche grundlegenden Faktoren dabei eine bestimmende Rolle spielen. Es handelt sich dabei um eine Längsschnittuntersuchung, in der die ägyptischen Deutschlerner über einen Zeitraum von durchschnittlich 8 Monaten zweimal anhand von Leitfaden-Interviews befragt wurden.