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Teil II Späte Kämpfe in:

Wolfgang Harich

Georg Lukács, page 359 - 490

Dokumente einer Freundschaft

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4068-3, ISBN online: 978-3-8288-6901-1, https://doi.org/10.5771/9783828869011-359

Tectum, Baden-Baden
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Teil II Späte Kämpfe 361Späte Kämpfe Eine Beschreibung Wolfgang Harichs. Auszug aus den Erinnerungen (Anne Harich) (AH) Ich habe überlegt, wie dieser zweite Teil des vorliegenden Buches eröffnet werden könnte – mit einem Text Harichs oder mit einer eigenen Einleitung, die die ewig währenden Kämpfe um Lukács hätte reflektieren müssen, den ganzen Irrsinn und Stumpfsinn der Partei und ihrer Schergen. Dann fand ich in den Erinnerungen von Anne Harich, Wenn ich das gewusst hätte,1 eine kleine, aber doch so treffende, melancholische, vor allem die menschlich-traurige Seite der ganzen Angelegenheit zeigende Schilderung – die im Folgenden wiedergegeben wird. Besser kann man es nicht beschreiben, deutlicher kann, abseits aller Debatte und Kritik, der Mensch Wolfgang Harich nicht vorgestellt werden. Und um den geht es ja auch. Sollte es zumindest. * * * * * Einmal betrat ich Harichs Zimmer. Er lag auf dem Sofa, sein Gesicht war zur Wand gekehrt. Er drehte sich nicht um, als ich die Tür öffnete, und er breitete nicht seine Arme zu meinem Empfang aus, und er krähte mir nicht fröhlich entgegen: Ach, da bist du ja endlich, mein Liebling! Er blieb still, und er besann sich auch nicht, als ich ihn leise beim Namen rief. In die linke Handfläche hatte er seinen Kopf gebettet, die rechte, zu einer Faust zusammengekrümmt, war fest gegen seinen Mund gedrückt. Ich setze mich zu ihm und fragte, was er habe, und er sagte mir: Immer, vom 23. Oktober bis zum 29. November, werde ich depressiv. Mit den 23. Oktober nahm alles seinen Lauf, mit dem 23. Oktober begann der ungarische Aufstand, der im November blutig niedergeschlagen worden war. Lukács wurde dann als Staatsfeind in Ungarn aus den Reihen der Partei ausgeschlossen, am 29. November 1956 wurde ich verhaftet. Ich habe alles vor Gericht ausgesagt, was man damals von mir verlangte. Nur in einem habe ich mich nicht gebeugt: Ich habe mich wissenschaftlich nicht von Lukács abgewandt, ich bin ihm immer treu geblieben, als meinem Lehrer, als meinem Verbündeten in der marxistischen Philosophie. Und das hat man mir nie verziehen. Sie wollen nicht, dass ich mich öffentlich zu Lukács bekenne. Es sind dreißig Jahre seither vergangen und ich werde immer noch dafür bestraft. Hast du Lukács nie wieder gesehen, frage ich ihn? Nein, nie mehr. Warum hast du es nicht versucht? Das habe ich mich nie getraut. Es gab einen Versuch: Gisela May 1 (AH) Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte … Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 147–149. 362 Teil II hatte eine Tournee nach Budapest, da wollte ich mitfahren, um Lukács zu treffen. Einen Tag vor der Abreise bekam Frau May Fieber, und alles wurde abgeblasen. Erinnere ich mich solcher Stunden, dann sehe ich Harich auf seinem Sofa liegen, es ist eingerahmt von Bücherregalen. Vom Kopfende aus erreicht er mühelos sein Radio, und mühelos kann er nach den Werken Lukács’ und Hartmanns greifen, und über beiden hat er für Jean Paul ein Stück Brettlänge eingerichtet, und zum Fußende hin folgen Marx und Engels. Das war sein Fleck, sein Platz, hier schlief er des Nachts, und hier ruhte er am Tage aus; hier flüchtete er hin, hier waren seine Lehrer und Verbündeten versammelt, bei ihnen fand er Halt und Schutz und Kraft gegen Verletzung; bei ihnen holte er sich Gewissheit über Gedachtes, über Geschehenes und Wahrgenommenes; und hier holte ihn Vergangenes ein, dass er nie jemandem anzuvertrauen vermag. Wenn ich das alles wieder vor mir sehe, wird mir erneut bewusst, wie wenig ich ihm wirklich helfen konnte und wie wenig ich von ihm in Erfahrung gebracht habe. Seine Haltung gebot, still zu sein, nicht zu fragen. Mir war oft, als bekämpfe er etwas in sich, was er abzuschütteln nicht im im Stande war, als fühle er sich von irgend jemandem genötigt, weiterhin zu büßen, als müsse er noch immer etwas gutmachen. Er war ein verlassener Mensch, ausgestoßen aus dem kultur-politischen Leben der DDR. Damit konnte er sich nicht abfinden. Er wehrte sich dagegen, ausgesondert zu sein, und wusste genau, wenn er nachgäbe, würde er nicht weiter leben können; er wollte aber weiter leben und sich mit der Führung des Landes, mit den Nachfolgern Ulbrichts, der ihn einst wegen »konterrevolutionärer Umtriebe« verurteilen ließ, bis aufs Messer streiten. Dieser Vorwurf bohrte in ihm, und deshalb wollte er keine Ruhe geben, und weil er trotz allem Kommunist geblieben war und der Antifaschismus bei ihm stets Priorität hatte, war es ihm selbstverständlich, die Reaktion im Lande abzuwehren und aufzudecken, wo immer sie sich ausbreitete und zeigte. Er machte sich zum ungebetenen, verhassten Mahner einer unsicheren Regierung, die sich vom Zeitgeist überholt fühlte, und in ihrer Erstarrung sich dennoch integer und tolerant zeigen wollte, aber unschlüssig darüber, wie das in die Tat umzusetzen wäre, ohne ihrem internationalen Ansehen als sozialistischer Staat zu schaden. Harich sah das kritisch, und er sagte es auch, ungeachtet der eigenen Kritik, die er der Regierung, die sich sozialistisch nannte, unverblümt entgegenhielt. Als Alleinkämpfer, er wollte sich des »Abweichlertums« nicht mehr beschuldigen lassen, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit der Parteiobrigkeit gut zu stellen, wenn er weiterhin Einfluss 363Späte Kämpfe nehmen wollte auf die Geschicke der DDR, und er hütete sich streng davor, als Au- ßenseiter, als Oppositioneller vom Westen vereinnahmt zu werden. Und weil er sich nicht Hilfe suchend an den Westen wandte, war er nie ein richtiger Oppositioneller. Für dieses scheinbar unklare, widersprüchliche Verhalten in seinem Leben erfuhr Harich mehr Verachtung als Verständnis. Freimut Duve, damals SPD-Politiker und Publizist, zum Beispiel, hatte ihn um die Zeit seines Geburtstages angerufen, mag sein, er wollte ihm gratulieren. Ich kenne den genauen Grund nicht, doch vermute ich, Duve bot Harich, den Lukács-Artikel betreffend (gemeint ist Mehr Respekt vor Lukács!, siehe die weiteren Texte dieses Bandes, AH), Hilfe an. Harich wehrte ab, weil das eine DDR-interne Angelegenheit sei. Da bemerkte ich seine Unsicherheit. Oft schien er mir unschlüssig zu sein und nicht zu wissen, wie er sich verhalten sollte. Einerseits erzählte er jedem, mit dem er ins Gespräch kam, seine Sorgen, und die waren eben zu der Zeit das Nichtdrucken seines Lukács-Artikels und die stille Duldung des Nietzsche-Kults in der DDR von Seiten der »Oberen«; andererseits aber floh er vor Menschen, die sich ihm näherten; Angst und Misstrauen erwachten; etwas hieß ihn Verdacht schöpfen, dann verhielt er sich widersprüchlich, aus dem Ja wurde ein Nein. Damit verärgerte er manch einen, der ihm ehrlich wohlwollte. Treu, loyal und zuverlässig »denen da oben« zu sein, war für Harich zu einem unabdingbaren Gesetz geworden. Der Vorwurf einer »Gruppenbildung« sollte sich nicht wiederholen, und um dem zu entfliehen, trug er Sorge dafür, dass Sympathisanten und Freunde sich von ihm abkehrten. Aber er wusste auch, wie brüchig das Band der Freundschaft sein kann, er hatte Berechnung und Oberflächlichkeit kennen gelernt, er wusste sich an Gehässigkeit und Feigheit zu erinnern. Adresse an Georg Lukács zum 85. Geburtstag2 (13. April 1970) Lieber, hochverehrter Georg Lukács, wenn Sie eine Müdigkeit verspüren sollten und das Bedürfnis, vom Schreiben auszuruhen, dann vergessen Sie bitte zwei Dinge nicht. Erstens: Tizian war 95 Jahre alt, als er sein »Mysterium der Dornenkrönung« schuf – ein Wunder an hochbetagter Produktivität, das die Malerei dem philosophischen Gedanken nicht länger voraushaben sollte. Ihr dieses Monopol endlich streitig zu machen, dafür scheint Budapest das geeignetste Klima, dafür wären Sie der beste Mann. 2 (AH) Veröffentlicht in: Georg Lukács zum 13. April 1970, Neuwied, 1970.  364 Teil II Zweitens: Der Marxismus wird voraussichtlich das Denken des 21. Jahrhunderts total beherrschen. Es wäre besser für ihn und für die in seinem Geist umzugestaltende Welt, er täte dies mit Hilfe von all dem, was in ihrem immensen Gehirn steckt, ohne bislang zu Papier gebracht zu sein. Ihre bisherige Lebensleistung, von den frühen Literaturessays bis zu den 1800 Seiten der Besonderheit des Ästhetischen, ist gewaltig. Aber noch ist Ihre Ontologie der Gesellschaft erst im Werden begriffen, und gar Ihre Ethik wurde – schlimm für unser nicht allzu ethisches Zeitalter – um der Ontologie willen unvollendet vorläufig beiseite gelegt. Nichts davon wird die Kultur der Zukunft entbehren können, wenn sie die Phase der Gärung, aus der sie hervorgeht, glücklich hinter sich bringen will. Jede neue Gestalt des Weltgeistes pflegt, laut Hegel, sich in ihrer ersten Erscheinung mit fanatischer Feindseligkeit gegen die ausgebreitete Systematisierung des früheren Prinzips zu verhalten und auch furchtsam zu sein, sich in der Ausdehnung des Besonderen zu verlieren. Hinsichtlich der jetzigen neuen Gestalt darf hinzugefügt werden, dass ihr ein mehr als hundertjähriger Georg Lukács nottun wird, damit sie aus dieser Schwierigkeit herausfinde. In diesem Sinne grüße ich Sie in Liebe, Dankbarkeit und Verehrung! Alte Wahrheiten, neuer Bluff3 (08. November 1971) Jacques Monod rechnet mit der Vorstellung ab, dass es ein universelles Gesetz der Höherentwicklung gebe. Er leugnet als Neodarwinist natürlich nicht, dass die höheren Integrationsstufen der Materie aus den niederen hervorgegangen sind. Als unhaltbar jedoch, als animistische Spekulation erscheint ihm die Vermutung ihres Angelegtseins im Niederen, wie sie uns der Wortsinn des Begriffs »Entwicklung« suggeriert. (…) Das teleologische Denken, das Monod »Animismus« nennt, ist bisher am Gründlichsten von Nicolai Hartmann in jenem letzten Schlupfwinkel aufgespürt und widerlegt worden, worin ein allzu buchstäblich verstandener Evolutionsbegriff ihm Asyl gewährt. Mag Monod gegen diese Verirrung idealistischer Metaphysik noch so imponierende – freilich oft überflüssige – Details seines molekularbiologischen Spezialwissens aufbieten, mag er modischer wirken durch den Kybernetiker-Jargon, in dem er schreibt, es gibt bei ihm keinen Gesichtspunkt von philosophischer Relevanz, der sich nicht schon in 3 (AH) Auszüge aus Harichs Rezension des Werkes Zufall und Notwendigkeit von Jacques Monod, in: Der Spiegel vom 08. November 1971, S. 188–193. 365Späte Kämpfe Nicolai Hartmanns Ontologie fände. Deren Einwirkung auf den Neodarwinismus in Deutschland sei nur am Rande erwähnt. Monod ignoriert N. Hartmann. Und obwohl er, außer gegen Spencer und Teilhard de Chardin, auch gegen den dialektischen Materialismus polemisiert, übergeht er desgleichen dessen bedeutendsten zeitgenössischen Vertreter, Georg Lukács. Dieser hat in den dreißiger Jahren einschlägige Äußerungen bei Marx, Engels, Lenin, Stalin zu einer tief durchdachten Darstellung des Teleologieproblems in der neueren Philosophiegeschichte ausgebaut und dabei die teleologische Struktur, die dem Weltprozess in den Systemen des deutschen Idealismus unterstellt wird, als einen Rückfall in christlich-theologische Metaphysik kritisiert, gestützt auf Argumente, die mit den Einwänden Monods gegen »animistische Projektion« gleichbedeutend sind. 1955 ist Lukács dann (übrigens durch meine Wenigkeit) mit der N. Hartmannschen Ontologie bekannt geworden. Nachdem er festgestellt hatte, wie sehr sie in puncto Naturauffassung mit seinen Bestrebungen konform ging, ließ er sich durch sie dazu inspirieren, in seinem Mammutwerk über die Ästhetik der Marx-Engelsschen Teleologie-Kritik zu einer dem heutigen Wissensstand gemäßen Explikation zu verhelfen. Nur so glaubte er den legitimen Anthropomorphismus der Kunst fundiert abgrenzen zu können gegen den illegitimen, hirnvernebelnden der religiös-idealistischen Weltbilder. Was er gegen »anthropomorphisierende« Denkweisen vorbringt, steht mit Monods Ansichten durchweg im Einklang und nimmt sie in vielem vorweg. (…) Monod ist sich seiner Sache auch nicht sicher. Er räumt ein, seine »Rekonstruktion« des marxistischen »Animismus« sei »gewiss anfechtbar«; man könne »bestreiten, dass sie dem wahren Denken von Marx und Engels entspricht«. Das sei jedoch, fügt er hinzu, unwesentlich, da »der Einfluss einer Ideologie von der Bedeutung abhängt, die sie im Geiste ihrer Anhänger hat und die die Epigonen ihr geben«. Mit einer solchen Formel lässt sich alles machen, besonders, wenn man Epigonen vom Kaliber der Lukács und Oparin nicht zur Kenntnis nimmt. Fragt sich, welche Bedeutung die Ideologie Monods im Geiste seiner Anhänger annehmen wird. Voraussichtlich werden sie das bedrohlich anwachsende Interesse am Marxismus unter Berufung auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse als Beschäftigung mit religiösen Hirngespinsten denunzieren. (…) 366 Teil II Zu Stalins Hegelbild. Lukács und Hegel4 (1972) Stalin hat seit jeher die Ansicht vertreten, dass Hegel in politischer Hinsicht ein ausgemachter Reaktionär gewesen sei. Dies geht bereits aus Stalins früher, um die Jahrhundertwende erschienener Schrift Anarchismus oder Sozialismus? hervor, worin es u. a. heißt, die Anarchisten hätten recht, Hegel als einen politischen Reaktionär zu beurteilen, aber unrecht, wenn sie daraus den Schluss zögen, dass die Hegelsche Dialektik nichts tauge. Im geistigen Leben der Sowjetunion der zwanziger und dreißiger Jahre hat diese simplifizierende Einschätzung von Hegels politischem Standort durch Stalin nie eine gravierende Rolle gespielt; jedenfalls hat sie sich damals noch nicht gegen die bekannte Vorliebe Lenins für Hegel durchsetzen können. Lukács’ Buch über den jungen Hegel, worin nachgewiesen wird, dass dessen Dialektik aus entschiedener Parteinahme für die Französische Revolution entsprungen ist, konnte daher auch in den dreißiger Jahren durch die Akademie der Wissenschaften der UdSSR als Habilitationsschrift ihres Verfassers akzeptiert werden. Die Übersetzung des Buchs ins Russische und seine Drucklegung in der Sowjetunion verhinderte dann zunächst lediglich der Umstand, dass der Krieg die in Betracht kommenden Übersetzer anderweitig beanspruchte und in den sowjetischen Druckereien furchtbare Verheerungen anrichtete. Aber während der Krieges vollzog sich, auf Stalins Initiative, im geistigen Leben der Sowjetunion ein radikaler Umschwung in der Beurteilung der klassischen deutschen Philosophie im Allgemeinen und Hegels im Speziellen. Der Grund: Stalin war offenbar der Ansicht, dass es der Abwehr der barbarischen deutschen Aggression ideologisch abträglich sei, wenn nach wie vor, als sei nichts geschehen, die sowjetische Intelligenz zu übertriebener Hochachtung vor der philosophischen Kultur der Deutschen erzogen werde, wie dies in der Sowjetunion seit Lenins Tagen stets üblich war. Aus den Kriegstagen datiert daher eine Äußerung Stalins, derzufolge die klassische deutsche Philosophie vom Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, insbesondere aber die Hegelsche Philosophie, »ideologischer Ausdruck der aristokratischen Reaktion gegen den französischen Materialismus und die französische Revolution« ist. Diese Stalinsche Äußerung ist zwar nirgends schriftlich niedergelegt, sie galt aber, mündlich weiterkolportiert, unter den Sowjetphilosophen bis nach Stalins Tod, ungefähr bis 1954, als sakrosanktes Dogma. Und als Lukács nach 1945 sein Buch über den 4 (AH) Auszug aus Harichs 1972 geschriebenem Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, hrsg. von Th. Grimm, Berlin, 1999, S. 194–197.  367Späte Kämpfe jungen Hegel endlich in der Sowjetunion und in Ungarn veröffentlichen wollte, wurde ihm das verweigert, so dass er sich gezwungen sah, es in der Schweiz herauszubringen (1948 bei Oprecht in Zürich).5 Von diesen Dingen habe ich keine Ahnung, als ich, bereits im Winter 1948/1949, an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität, neben meinen Vorlesungen über Dialektischen und Historischen Materialismus zusätzlich auch solche über die Geschichte der Philosophie zu halten beginne, in der redlichen Absicht, zu den rein bürgerlich-existenzialistischen Vorlesungen der Frau Liselotte Richter6 ein marxistisches Gegengewicht zu schaffen. Die Darstellung der klassischen deutschen Philosophie, von Leibniz bis Hegel und Feuerbach, spielt dabei eine große Rolle, sie nimmt einen erheblichen Raum in meinen Vorlesungen ein, und ich bemühe mich, den Studenten zu zeigen, dass Kant, Fichte und Hegel von der Französischen Revolution inspirierte progressive Denker waren, die eben deswegen die Entstehung des Marxismus in Deutschland vorbereitet haben. Anfang 1950 werde ich mit Lukács’ Buch über den jungen Hegel bekannt, das von da an besonders meine Hegel-Interpretation entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig rege ich im Aufbau-Verlag an, dieses Lukácssche Werk auch in der DDR herauszubringen, woraus aber zunächst – bis 1954 – nichts wird, nicht, weil die SED dagegen Einspruch erheben würde, sondern weil Oprecht für die Überlassung der Rechte unerschwingliche Devisen verlangt, so dass der Aufbau-Verlag sich dafür entscheidet, zunächst das Hegel-Buch von Ernst Bloch herauszubringen, das ihn nur Ostmark kostet und das, bei allen sonstigen Divergenzen mit Lukács’ Hegel-Bild, Hegels politische Position, dessen Progressivität, seine Nähe zur Französischen Revolution, nicht anders als Lukács einschätzt. Auch Blochs Ergebnisse beziehe ich an der Universität in meine Hegel-Vorlesungen ein. 5 (AH) Siehe neben den Hinweisen dieses Bandes ebenfalls: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, in: Faber, Elmar; Wurm, Carsten (Hrsg.): Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten. Autoren- und Verlegerbriefe, 1945–1949, Berlin, 1991, S. 172–186. 6 (AH) In der Hegel-Denkschrift schrieb Harich: »An der Universität Berlin ist seit 1945 noch keine einzige obligatorische Vorlesung oder Seminarübung über ein Thema aus der klassischen deutschen Philosophie gehalten worden. Die Geschichte der Philosophie lag bis 1950 in Händen von Prof. Richter, einer mystisch verschwommenen und verquollenen, religiös und existenzialistisch orientierten alten Jungfer. Um diesem Missstand abzuhelfen, habe ich im Herbst 1949 begonnen, neben meinen Lektionen über dialektischen und historischen Materialismus wöchentlich zweistündig fakultative Vorlesungen über Geschichte der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie zu halten.« (Band 5: An der ideologischen Front, S. 129.) 368 Teil II Diese meine Vorlesungen nun werden von der Parteispitze, von Hager, nicht beanstandet. Wohl aber mehren sich aus der studentischen Zuhörerschaft kritische Stimmen, die mich mit jenem Stalin-Wort konfrontieren. Ich erwidere: Erstens sei mir kein Stalinscher Text bekannt, worin diese negative Äußerung über die klassische deutsche Philosophie geschrieben stehe.7 Zweitens sei die Äußerung, wenn sie authentisch sein sollte, inhaltlich unrichtig, was sich eindeutig aus den Texten Kants, Fichtes und Hegels beweisen lasse. Drittens stehe die Äußerung in klarem Widerspruch zu den einschlägigen Auffassungen von Marx, Engels, Lenin, Plechanow, Mehring, Lafargue und Lukács, die der Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie nicht einzelne lapidare Sätze, sondern ganze Abhandlungen und Bücher gewidmet hätten. Viertens gebiete die nationale Aufgabe der SED, ein demokratisch-antifaschistisches Gesamtdeutschland zu schaffen, die Pflege und Förderung aller progressiven Traditionen der deutschen Vergangenheit, die wir um keinen Preis der Adenauerschen Reaktion »schenken« dürften. Brief an Kurt Hager8 (26. August 1972) Sehr geehrter Herr Professor Hager! Gestatten Sie bitte, dass ich mich an Sie vertrauensvoll in einer Angelegenheit wende, die, nach meinem Dafürhalten, für die Kulturpolitik der Deutschen Demokratischen Republik von hohem Interesse ist. Wie Sie aus den hier beigefügten photokopierten Zeitungsausschnitten ersehen können, wird der philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Teil der Produktion des westdeutschen Luchterhand-Verlages aus ökonomischen Gründen eingehen. Dadurch ist eine angemessene Pflege des Lebenswerkes von Georg Lukács (1885–1971), der alle seine bedeutenden Werke in deutscher Sprache geschrieben hat, im deutschsprachigen Raum gefährdet. Schon jetzt erscheint das große Nachlasswerk von Lukács, die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, ein Werk, das ein in sich geschlossenes Ganzes bildet, 7 (AH) Als das Stalinsche Hegel-Verdikt in der DDR wieder auf die Tagesordnung geriet, war tatsächlich kein originärer Stalin-Text greifbar, der dessen Hegel-Kritik abdruckte. Es gab nur die einschlägige Rede Shdanows. Siehe die bisherigen Ausführungen. 8 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 26. August 1972, adressiert an Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 369Späte Kämpfe bei Luchterhand in der zerstückelten Form von Broschürendrucken der einzelnen Kapitel, die außerdem alle Merkmale einer schludrigen, unsachgemäßen redaktionellen Bearbeitung aufweisen. Mir scheint, dass es eine rettende Tat von moralischer Größe und kulturpolitischer Weisheit und Weitsicht wäre, wenn in dieser Situation das Zentralkomitee der SED einen fachlich zuständigen Buchverlag der DDR dazu ermutigen würde, die Bücher von Georg Lukács wieder in der DDR herauszubringen. Ich bitte Sie zu prüfen, ob das möglich ist. Die Erwerbung der Rechte würde keinerlei Schwierigkeiten bereiten und die DDR auch keinen Pfennig Devisen kosten. Lukács hat, wie ich zuverlässig weiß, in alle seine Verträge mit dem Luchterhand-Verlag eine die DDR begünstigende Vorbehaltsklausel eingefügt, die – nach Auskunft des ehemaligen Cheflektors dieses Verlages, meines Freundes Frank Benseler – sinngemäß besagt, dass, wenn ein Verlag der DDR die Rechte an einem Buch von Lukács zu erwerben wünscht, sie ihm bedingungslos und ohne Inanspruchnahme einer Lizenzgebühr, geschweige einer Devisenzahlung, sowohl für den Buchmarkt der DDR selbst als auch für den des sozialistischen Auslandes überlassen werden müssen. An diese Maßgabe des Autors, die nach dessen Tod den Rang einer testamentarischen Verfügung hat, sind selbstverständlich auch seine privaten Erben – der Politökonom Professor Janossy und seine Frau (Bruder und Schwägerin des bekannten ungarischen Physikers, Sohn und Schwiegertochter der verstorbenen Frau Gertrud Lukács) in Budapest – gebunden, ganz abgesehen davon, dass sie am Wiedererscheinen der Werke ihres Stiefvaters in der DDR natürlich auch stark interessiert wären. In den Jahren 1945 bis 1956 sind die Werke von Georg Lukács in der DDR beim Aufbau-Verlag erschienen. Dies gilt für alle deutschsprachigen Erstdrucke mit der einzigen Ausnahme des Buches über den jungen Hegel, das zuerst 1948 in der Schweiz (bei Oprecht) herauskam und erst später, 1954, vom Aufbau-Verlag übernommen wurde. Inzwischen hat die Verlagsprofilierung in der DDR dazu geführt, dass der Kurt Hager (links) mit den DDR-Schriftstellern Kant (2. v. l.) und Hermlin (r.), 1985 370 Teil II Aufbau-Verlag für philosophische und soziologische Texte – und diese machen den wichtigsten und gehaltvollsten Teil des Vermächtnisses von Lukács aus – nicht mehr zuständig ist und, soweit ich sehe, auch nicht mehr über Lektoratsmitarbeiter verfügt, die fachlich für die redaktionelle Betreuung derartiger Texte kompetent wären. In Frage kämen jetzt also (wenn man vom Dietz-Verlag absieht) in erster Linie der Akademie-Verlag, in zweiter Linie der VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften. Da ich freiberuflicher wissenschaftlicher Mitarbeiter des Akademie-Verlages bin, werden Sie es verständlich finden, dass ich, für den Fall einer positiven Entscheidung der hier angeschnittene Frage, gern meinem Arbeitgeber einen Vorsprung bei der Option sichern möchte und aus diesem Grunde eine Kopie des vorliegenden Schreibens mit gleicher Post an den Leiter des Akademie-Verlages, Herrn Dr. Werner Mußler, gehen lasse. (Betonen möchte ich, dass ich diese meine Initiative vorher nicht mit Dr. Mußler abgesprochen habe, also keineswegs etwa in dessen Auftrag oder auch nur mit seinem stillschweigenden Einverständnis handle, ebenso wenig wie davon die Rede sein kann, dass ich mit Lukács’ privaten Erben in irgendeiner Verbindung stünde. Die Verantwortung für diesen Schritt liegt vielmehr ganz bei mir allein.) Ich bin mir dessen bewusst, dass das Verhältnis zwischen der DDR und Georg Lukács seit den tief zu bedauernden Vorgängen von 1956 schweren Belastungen ausgesetzt war. Aber ich darf Sie an zwei Tatsachen erinnern, die eindeutig dafür sprechen, dass diese Dinge jetzt der Vergangenheit angehören: 1) Georg Lukács war in seinen letzten Lebensjahren wieder Mitglied der marxistisch-leninistischen Partei der ungarischen Arbeiterklasse, und er ist vor über einem Jahr in Budapest unter großen Ehrungen von Seiten der Parteien und des Staates zu Grabe getragen worden, wobei in seinem Trauergefolge auch der Botschafter der UdSSR nicht fehlte. 2) In der DDR selbst genießen Intellektuelle, die sich im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1956 schwerer Vergehen gegen die gesetzliche Ordnung der DDR schuldig gemacht haben, darunter auch meine Wenigkeit, längst wieder das Recht und die Möglichkeiten, ihre Arbeiten in Verlagen der DDR zu veröffentlichen bzw. an Zeitungen und Zeitschriften der DDR mitzuarbeiten. Wenn unter diesen Umständen die Werke von Georg Lukács im Buchangebot der DDR-Verlage auch weiterhin fehlen sollten, so wäre das nach meiner Meinung nicht gerecht. Aber der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit kann hier noch nicht einmal entscheidend sein. Wichtiger ist selbstverständlich die Frage, ob eine Neuveröffentlichung von Lukács’ Werken der Kultur der DDR nutzen oder schaden würde. Lassen Sie mich hierum in 371Späte Kämpfe aller Bescheidenheit eine kurze Bemerkung machen. In einigen Arbeiten von Lukács finden sich zweifellos Gedanken, die problematisch sind. Aber erstens ist es schon von der Thematik her ausgeschlossen, dass selbst extreme Verfechter dieser problematischen Gedanken in der Diskussion darüber die Grenzen überschreiten könnten, die unserem wissenschaftlichen Meinungsstreit im politischen Interesse von Partei und Staat gezogen sind. (Die politischen Fehler, die Lukács in seinem Leben unterlaufen sind – bis hin zur Ungarnkrise von 1956 – , stehen auf einem ganz anderen Blatt und haben mit den wissenschaftlichen Streitfragen, die hier in Betracht kommen, nichts zu tun.)9 Zweitens ist mit einem überwiegend positiven, progressiven Einfluss von Lukács auf die heutige Kultur der DDR deswegen zu rechnen, weil es eine Fülle höchst aktueller Probleme des gegenwärtigen Kampfes an der ideologischen Front gibt, in denen Georg Lukács zumindest ein starker Verbündeter der marxistisch-leninistischen Parteilinie ist – stark durch seinen Scharfsinn, seine enorme Bildung, seine hoch entwickelte Denkkultur und die schöpferische Kraft seines Geistes. Ich erinnere – um nur ganz wenige Beispiele zu nennen – , was die Philosophie angeht, nur daran, dass er ein Todfeind der neopositivistischen Verirrungen war, die sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte auch in den sozialistischen Ländern, und hier fast unbemerkt, weil unter dem Tarnmantel politischer Ergebenheitsbekundungen und unverbindlicher Anleihen bei der marxistischen Terminologie, der verschiedensten Wissenszweige – von der Logik über die Kybernetik und die Physik bis zur Psychologie – bemächtigt haben. Der lebenslange Kampf von Georg Lukács gegen den Positivismus nun gipfelt, wenn ich recht unterrichtet bin, in dem einschlägigen Kapitel seines Nachlasswerkes, der Ontologie des gesellschaftlichen Seins, und das heißt: Die marxistischen 9 (AH) Seit den Ereignissen von 1956 bezog die DDR die gegenteilige Position zu dieser These Harichs. Hans Koch, der als Herausgeber den 1960 erschienenen Band Georg Lukács und der Revisionismus zu verantworten hat, stellte in seiner dortigen Vorbemerkung fest: »Lukács’ Werk hat lange Zeit einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie, Ästhetik und Literaturwissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik ausge- übt – einen Einfluss, der vielfach selbst noch dort spürbar ist, wo offensichtlich um die Überwindung Lukácsscher Gedankengänge gerungen wird.« Die Anklage Kochs gipfelt im Namen von Partei und Staatssicherheit in der Feststellung: »Es ist ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ›hervorragenden Theoretiker‹ ziehen zu wollen, wie dies mancherorts versucht wird.« Da Lukács sich als Politiker an dem Versuch beteiligte, den Sozialismus in Ungarn zu verbessern, gehe es nun also darum, seine Schriften ausschließlich unter diesem Blickwinkel zu lesen: Als Vorbereitung von Revisionismus und Konterrevolution. Koch, Hans: Vorbemerkung, in: Koch, Hans (Hrsg.): Georg Lukács und der Revisionismus. Eine Sammlung von Aufsätzen, Berlin, 1960, beide Zitate S. 8. 372 Teil II Philosophen in der DDR werden, wenn sie auf die kritische Benutzung dieses Buches des späten Lukács verzichten sollten, sich selbst im Kampf mit ihren neopositivistischen Gegnern einer schlagkräftigen Waffe berauben. Nicht anders verhält es sich auf dem Gebiet der ästhetischen, literarhistorischen und literaturkritischen Auseinandersetzung. Hier ist Lukács zumindest in zwei zentralen und wieder aktuellen Fragen ein unentbehrlicher Verbündeter: Durch seine profunde Würdigung des klassischen Kulturerbes, dass die Arbeiterklasse anzutreten und kritisch weiter zu entwickeln hat, und durch seine viele Jahrzehnte lang, bis ans Lebensende bewährte Gegnerschaft gegen jeden inhalt- und formzerstörenden Modernismus. Wenn zum Beispiel heute ein namhafter Schriftsteller der DDR eine modernistische Macbeth-Bearbeitung veröffentlicht, die, in primitiver Spekulation auf die übelsten westlichen Modetrends, der Sex- und der Grausamkeitswelle Gelegenheit gibt, sich an Shakespeares dichterische Kraft heran zu schmarotzen, wenn ein DDR-Theater das aufführt und die Kritik dies als ein bemerkenswertes kulturelles Ereignis feiert, das jedoch besser auf einer der großen Berliner Bühnen hätte stattfinden sollen, dann entringt sich mir jedenfalls, als einem Freund der Klassik, einem Anhänger des Realismus mit humanem Gehalt, der Stoßseufzer: »Ach, wenn da doch Lukács dreinschlagen könnte!«10 Lukács würde aber sehr kräftigt dreinschlagen können, wäre bei uns sein großes Alterswerk über Ästhetik im Gespräch, dasjenige Werk von ihm, in dem sein lebenslanger Kampf gegen den Modernismus und gegen Enthumanisierungen der Kunst kulminiert. Vielfalt der Handschriften – gut! Aber bei Verzicht auf Lukács kann in unserer ästhetischen Kritik die pro-realistische, pro-humane, klassikfreundliche Handschrift kaum einen sehr kräftigen Duktus haben. In der Hoffnung, dass Sie mir dieses Plädoyer für meinen alten Lehrer und Freund, der mir schon viel Kummer bereitet hat, dem ich aber auch unendlich viel Gutes zu verdanken habe, nicht verübeln werden, bin ich mit freundlichen Grüßen Ihr 10 (AH) Mit Harichs kulturtheoretischen und kulturpolitischen Positionen wird sich ein eigener Band dieser Edition beschäftigen. Im hier relevanten Zusammenhang genügt der Hinweis auf seinen Dingo-Aufsatz, in dem er die Debatte mit dem gemeinten Heiner Müller suchte: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. 373Späte Kämpfe Marxistische Jean-Paul-Interpretationen (Juni 1974) (AH) Die einzige eigenständige Monographie Harichs, die nach seiner Haft von ihm in der DDR (und zeitlich parallel bei Rowohlt) erschien, ist die große Arbeit Jean Pauls Revolutionsdichtung von 1974.11 Einige Jahre zuvor, 1968, war bereits eine Auswahl von Schriften Jean Pauls unter dem Titel Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, ebenfalls in Ost und West, mit einer langen Einleitung und ausführlichen Anmerkungen Harichs erschienen.12 In der Revolutionsdichtung setzte sich Harich auch mit Lukács als philosophischem Literaturtheoretiker auseinander. Aus diesem Buch kommen im Folgenden zwei Abschnitte zum Abdruck. Zuerst das Schlusskapitel, S. 552–556, in dem Harich der Frage nachgeht, wa rum es der Marxismus bisher nicht geschafft habe, zu Jean Paul vorzudringen. Der zweite Abschnitt, S. 211–213, beschäftigt sich dann mit literaturtheoretischen Fragestellungen anhand Jean Pauls, ebenfalls in direkter Auseinandersetzung mit den Positionen von Lukács. * * * * * Dass es eine Revolutionsdichtung Jean Pauls gibt, mit deren Analyse man ein dickes Buch füllen kann, ohne mit der Fülle der Probleme, die sie aufwirft, auch nur halbwegs zu Rande zu kommen, wird fast 150 Jahre nach dem Tod des Dichters und 125 Jahre nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests bei dessen Erben, dess‘ kann man gewiss sein, Verwunderung erregen. Woran liegt das? Sicher bis zu einem gewissen Grade an der barocken Manier, die den meisten Büchern Jean Pauls das Gepräge gibt, an seinem Hang zum Skurrilen, an der Überfülle seiner – oft gesuchten – Gleichnisse und Metaphern. Aber dies erklärt nicht alles. Die Verse Schillers, die Prosa Kleists, die Satzgefüge Thomas Manns lesen sich auch nicht glatt herunter. Für die Kulturpolitik der Arbeiterbewegung ist das stets nur ein Grund mehr gewesen, den zeitüberdauernden Wert der Werke dieser Dichter herausstreichen. Ob Jean Paul noch gelesen wird, kümmert sie bis jetzt dagegen wenig. Ihn mit Lessing und Herder, Goethe und Schiller in einem Atem zu nennen, würde ihr nicht im Traum einfallen. Es müssen Missverständnisse besonderer Art vorliegen, wenn gegenüber einem so weit links stehenden 11 (AH) Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. 12 (AH) Harich: Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, Leipzig (Reclam), 1968 und Frankfurt am Main (Suhrkamp), 1968. Vogel von Vogelstein: Jean Paul, 1822 374 Teil II Klassiker ein solches Ausmaß an Gleichgültigkeit so hartnäckig anhält. Worin bestehen sie? Wie sind sie zu erklären? Die Geschichte des Missverstehens, der bis heute unbewältigten Entfremdung fängt damit an, dass Jean Paul in der Zeit des Vormärz, der letzten, in der das Bürgertum mit der revolutionären Aussage seiner Dichtung noch etwas anfangen konnte, Anhänger hatte, die kleiner waren als er und ihm mit ihrer Begeisterung schadeten. Ich meine Ludwig Börne und die Schriftsteller des Jungen Deutschland. Sie waren es, die den Dichter, indem sie sich auf ihn beriefen, erst bei Heinrich Heine und dann auch bei Karl Marx in Verruf brachten. Im vorliegenden Buch werden die Gründe dargelegt, aus denen Jean Paul zwischen 1796 und etwa 1802 die Weimarer Klassik bekämpft hat. Es wird aber auch gezeigt, dass er nicht nur vorher und danach ein Verehrer Goethes war, sondern, im Unterschied zum späten Herder, selbst in der Situation des akuten Konflikts die Größe seiner Gegner zu würdigen wusste und unbefangen von ihnen lernte, mit dem Erfolg, dass sein dritter heroischer Roman, der Titan, nicht zuletzt dank der kritischen Aneignung ihrer Errungenschaften über die ihm vorausgegangenen Versuche, die Unsichtbare Loge und den Hesperus, hoch hinauswuchs. Diesen Sachverhalt in seiner Kompliziertheit zu verstehen waren die kleinbürgerlichen Radikalen des Vormärz, Börne an der Spitze, zu beschränkt. Für sie stellte sich der Fall viel einfacher dar: Goethe war der Fürstenknecht, Jean Paul der Dichter des Volkes. Also hatte ein guter Demokrat Goethe zu verachten und Jean Paul zu lieben. Man nennt dergleichen heute eine linkssektiererische Dummheit und weiß, dass kleinbürgerliche Radikale dafür anfällig sind. Allergisch gegen solchen Schwachsinn waren Heine und Marx. Das Verächtlichmachen Goethes durch Börne und dessen Anhänger bildete den Ausgangspunkt des Kampfes, den Heine gegen die kleinbürgerlichen Radikalen des Vormärz führte. Als Börne gestorben war, veröffentlichte Heine über ihn ein Buch, worin er mit der Borniertheit des Toten scharf abrechnete. Börnes Freunde waren darüber empört. Doch der junge Marx, damals selber noch bürgerlicher Demokrat, gab Heine recht. Dabei ging Marx’ Engagement in dieser Frage so weit, dass er im Herbst 1842 einen jungen Mitarbeiter der Rheinischen Zeitung, der deren Redaktion in Köln aufsuchte, unter anderen deswegen ziemlich kühl abfertigte, weil ihm der Ruf vorausging, zur Börne-Partei zu tendie- 375Späte Kämpfe ren. Der junge Mann, der sich in dem Punkt bald eines Besseren besinnen sollte, hieß Friedrich Engels.13 Die Vorliebe, die Marx für Goethe und Heine hegte, hat sich in der Folgezeit auf das Kulturverständnis der deutschen wie der internationalen Arbeiterbewegung im allgemeinen sehr segensreich ausgewirkt. Sie erleichterte es ihr, sich von banausenhaften Radikalismen, die kleinbürgerliche Elemente von Zeit zu Zeit in ihre Reihen hineinzutragen suchten, weitgehend frei zu halten. Aber die Nachwirkungen jenes Konflikts aus den Jahren des Vormärz bedingten, dass die Elimination des Einflusses von Börne zu Gunsten Heines zugleich auch dem Ansehen Jean Pauls abträglich war. Nach 1848, in derselben Periode, in der er beim Bürgertum in Vergessenheit geriet, galt er auch den Sozialisten nur noch als belanglose Randerscheinung der Literaturgeschichte. Jeder Ansatz zur Besinnung auf ihn wäre als Erneuerung einer alten Börneschen Marotte abgetan worden. Es gab solche Ansätze aber auch nicht, denn die wenigen Gebildeten, die den Weg zum Proletariat fanden, waren hinsichtlich ihrer Literaturkenntnis von der Tradition des deutschen Bildungsbürgertums geprägt, das dem Kult der Weimarer Klassik huldigte. Soweit sie marxistische Erkenntnisse erwarben und sie auf die Literaturgeschichte anwandten, gewannen sie dem Erbe Lessings, Goethes, Schillers usw. neue Seiten ab oder machten dem Bürgertum den Anspruch auf deren Vermächtnis streitig. So verdienstvoll das war, zur Neuentdeckung verschollener und verdrängter revolutionärer Überlieferungen reichte es nicht aus. Marx und Engels scheinen das Lebenswerk Jean Pauls, wenn über haupt, so nur oberflächlich und lückenhaft gekannt zu haben. Nennens wert geäußert haben sie sich jedenfalls nie darüber. In der Deut schen Ideologie erwähnen sie Jean Paul einmal beiläufig als eine Quelle, aus der man Kenntnisse über den zur Zeit Napoleons in Deutschland herrschenden Schachergeist schöpfen könne, und in einer Rezension über ein Buch seines englischen Verehrers Carlyle, aus dem Jahre 1850, rügen sie ihn, seines barocken Stils wegen, als »literari schen Apotheker«. Diese Invektive ist wörtlich übernommen aus der Hegelschen Ästhetik. Sie bezieht sich auf die Gepflogenheit des Dichters, zur Veranschaulichung eines Sachverhalts Gleichnisse aus den entferntesten Lebensbereichen zusammenzutragen und sie so zu vermengen, wie das die Apotheker mit den Ingredienzien ihrer Medi kamente tun. Man kann über diese Eigenart der Erzählweise Jean Pauls unterschiedlicher Meinung sein. Dass ihre Abqualifizierung, zu mal wenn sie sich 13 (AH) Hierzu ausführlich in Harichs Arbeiten zu Heine und zum jungen Marx, enthalten im 5. Band (An der ideologischen Front). 376 Teil II selber eines weit hergeholten Vergleichs bedient, nichts über den Ideengehalt seiner Bücher, über den Wert oder Un wert seiner Romanfabeln und die von ihm gestalteten Charaktere aus sagt, liegt auf der Hand. Marx hat offensichtlich seine – und Heines – Abneigung gegen Börne auf Jean Paul übertragen. Engels wiederum war zu kurze Zeit Börne-Anhänger gewesen, um in das Allerheiligste dieser Richtung, den Jean-Paul-Kult, tiefer einzudringen. Dass er als Neunzehnjähriger einmal die Vereinigung von Jean Pauls Schmuck mit Börnes Präzision als Ideal des modernen Stils bezeichnet hat, ist für die marxistische Literaturwissenschaft unerheblich. Den größten Einfluss auf die Einstellung der deutschen Sozialdemo kratie zum literarischen Erbe übte in der Ära der II. Internationale Franz Mehring aus. Er war ein bedeutender Marxist, scheint aber von Jean Paul fast nichts gelesen zu haben. In seinen Schriften geht er nir gends auf eines seiner Werke ein. Selbst in seinem sonst kenntnisreichen Aufsatz über Herder nicht, obwohl darin, wie auch in Mehrings Schiller-Biographie, über Herders Spätphase ein ziemlich ausgewoge nes Urteil gefällt wird, das der einseitig negativen Einschätzung durch die bürgerliche Literaturwissenschaft nationalliberaler Richtung wider spricht. Georg Lukács, der hervorragendste marxistische Literatur historiker der III. Internationale, übergeht Jean Paul zwar nicht mehr, bewertet ihn aber, vermutlich in Unkenntnis des Hesperus und des Titan, nur aus der Sicht seiner Idyllen von der Art des Quintus Fix lein. In politischer Hinsicht, meint Lukács, sei Jean Paul radikaler eingestellt gewesen als Goethe und Schiller. Seine größere Volkstümlichkeit und die persönliche politische Radikalität hätten bei ihm, in Folge der deutschen Verhältnisse, jedoch »nicht eine leidenschaftlichere Aufdeckung der großen Widersprüche des modernen Lebens, wie bei Dickens und im russischen Roman«, zur Folge gehabt, »sondern nur eine kleinbürgerliche Versöhnung mit der elenden deutschen Wirklich keit«. Man kann sich leicht ausrechnen, dass ein Dichter, den Marx als »literarischen Apotheker« abtut, den Mehring fast mit Stillschwei gen übergeht, den schließlich Lukács mit dem eben zitierten Vorwurf tadelt, unter Marxisten kein allzu großes Ansehen genießt. Gegen die Auffassung, dass Jean Paul ein Vertreter des Kleinbürger tums gewesen sei, wäre an sich kaum etwas einzuwenden (obwohl ich aus guten Gründen dazu neige, seine Affinität zur Klasse der Fron bauern für elementarer und stärker zu halten, ähnlich wie später bei den russischen revolutionären Demokraten aus der Reformperiode unter 377Späte Kämpfe Zar Alexander II.).14 Man muss sich nur darüber klar sein, dass im 18. Jahrhundert das Kleinbürgertum, geistig repräsentiert durch Rousseau, politisch z. Bsp. durch Robespierre, die revolutionärste Klasse der Gesellschaft gewesen ist, dass es damals an der Spitze des Kampfes der vorproletarischen plebejischen Massen gegen den Absolutismus und die Adelskaste gestanden hat und im Schreckensjahr 1793 in Frank reich sogar zur Unterdrückung des Großbürgertums überging. Klein bürger war Jean Paul etwa in diesem Sinne. Er war es nicht im Sinne der Idyllen-Helden wie Wutz, Fixlein und Fibel, die er am Rande seiner Romanwelt gestaltet und dabei durchaus kritisch gesehen hat, wie ich oben, in meiner Analyse des Wutz, bewiesen zu haben glaube. An diese Figuren pflegt aber unsinnigerweise gedacht zu werden, wenn man den Dichter einen Kleinbürger nennt. Man glaubt, er habe sich mit der vergnüglichen Anpassung seiner Idyllen-Helden an das schlechte Bestehende identifiziert, wovon keine Rede sein kann. Es ist nicht einmal zulässig, Jean Paul mit den – immer noch radikalen – Kleinbürgern des Vormärz gleichzusetzen, die sich auf ihn berufen haben, als er schon unter der Erde lag. Denn im Vormärz be gann sich bereits das Proletariat zu organisieren, das im Zuge der Entfaltung seines Klassenkampfes der einstigen revolutionären Mission des Kleinbürgertums ein Ende setzte. So immens die Verdienste sind, die Georg Lukács sich um die marxistische Erhellung der deutschen Literaturgeschichte erworben hat, sein Urteil über Jean Paul hält kritischer Nachprüfung nicht stand. Er tut Jean Paul Unrecht, wenn er bei ihm eine »kleinbürgerliche Versöhnung mit der elenden deutschen Wirklichkeit« vermutet. Er begeht den Fehler, sich ausschließlich an den Fixlein zu halten und aus dem zufälligen Umstand, dass dieser Idylle in ihrer zweiten Auflage (1796) die von Herder inspirierte Polemik gegen den Formenkult des Weimarer Klassizismus vorangestellt ist, den abwegigen Schluss zu ziehen, Jean Paul habe allein mit volkstümlich-humoristischen Dichtungen von der Art des Fixlein ein Muster dafür geben wollen, wie dem ästhetischen Aristokratismus Goethes und Schillers zu begegnen sei, dem er Fix leins Versöhnung mit der Wirklichkeit entgegengesetzt hätte. Tat sächlich ist bei Jean Paul der devote Fixlein eine rührend-lächerliche Figur, deren Verhalten ihm in keiner Hinsicht als vorbildhaft gilt. Tat sächlich erfolgt Jean Pauls umfassende Auseinandersetzung mit der Weimarer Klassik im Titan, wo dem einseitig ästhetischen Bildungs ideal Goethes und Schillers ein anderes, das der revolutionären Poli tisierung, kontraponiert wird und wo er abermals, 14 (AH) Dieses Thema entwickelte Harich ausführlich in seinen Studien zur Anarchie, vor allem in dem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe, abgedr. im 7. Band. 378 Teil II wie schon vor dem Fixlein im Hesperus, unzweideutig die grundstürzende Überwin dung der deutschen Feudalmisere fordert. Über den Hesperus und den Titan, desgleichen über die Unsicht bare Loge, schweigt Lukács sich aus. Sollte er sie gekannt haben – was ich für ausgeschlossen halte – , so ist er der Meinung gewesen, dass Idyllen wie der Fixlein für den Dichter charakteristischer seien als seine heroischen Romane. Und genau das ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Grundirrtum des bürgerlichen Jean-Paul-Verständ nisses, den der Marxismus überwinden muss, um der Arbeiterbewe gung endlich den Zugang zu einer der belangvollsten Erscheinungen ihres revolutionär-demokratischen Literaturerbes zu erschließen. Die vorliegende Untersuchung konzentrierte sich aus keinem anderen Grund auf die drei heroischen Romane Jean Pauls. Sie fußt auf dem Bild der klassischen deutschen Literatur, das Mehring und Lukács ge schaffen haben, und ist beiden zu großem Dank verpflichtet. Aber sie will dieses Bild berichtigen und ergänzen an dem Punkt, wo es, bis heute zum Schaden des Traditionsbewusstseins der Linken, seine be dauerlichste Lücke aufweist. * * * * * Die Antipathien der klassizistisch orientierten bürgerlichen Literaturtheorie gegen diesen Dichter sind dadurch bis zu einem solchen Grade reaktiviert worden, dass die Kühnheit seiner revolutionär-demokratischen Inhalte sogar in der Arbeiterbewegung bis heute so gut wie unbekannt geblieben ist. Abgeholfen werden kann dem nur, wenn nachgewiesen wird, dass das »überwuchernde Beiwerk« mit diesen Inhalten insofern zusammenhängt, als es überwiegend politische Aussagen enthält, welche die gestaltete Gesellschaftskritik durch begriffliche Hinzufügung dessen, worauf sie hinaus will, noch verdeutlichen möchten. Der prominenteste der auf Gestaltung dringenden Literaturtheoretiker des Marxismus ist Georg Lukács, der übrigens, wohl nicht zufällig, von Jean Paul ebenso wenig Notiz nimmt wie seine Vorläufer Mehring, Plechanow und Lafargue. Um so nachdenklicher muss es stimmen, dass gerade Lukács zumindest einmal, in seinem Essay Die intellektuelle Physiognomie der künstlerischen Gestalten, noch dazu unter Berufung auf unumstrittene klassische Vorbilder (auf Platons Symposion, auf die Erörterungen über Hamlet in Goethes Wilhelm Meister, auf die Diskussionen Lewins mit seinem Bruder und mit Oblonski in Tolstois Anna Karenina), Gedanken geäußert hat, die viel von dem Jean Paulschen »Beiwerk« mitlegitimieren. »Eine Charakteristik«, sagt Lukács, »die 379Späte Kämpfe nicht die Weltanschauung der gestalteten Menschen umfasst, kann nicht vollständig sein. Die Weltanschauung ist die höchste Form des Bewusstseins. Also verwischt der Schriftsteller das Wichtigste an der ihm vorschwebenden Gestalt, wenn er an ihr vorübergeht. Die Weltanschauung ist ein tiefes, persönliches Erlebnis des einzelnen Menschen, ein höchst charakteristischer Ausdruck seines inneren Wesens, und sie spiegelt gleichzeitig in bedeutsamer Weise die allgemeinen Probleme der Epoche wider.«15 Zwei Besonderheiten des Jean Paulschen Romans werden dadurch implicite gerechtfertigt: Seine Humoristen (Fenk, Leibgeber-Schoppe) als der lebensvollste, »saftigste« Prototyp der vielen Romanfiguren, die er, unter anderem, durch ihre Weltanschauung bzw. politische Überzeugung charakterisiert hat und – im Sinne des Hinweises auf die Gespräche Lewins bei Tolstoi – alle seine Dialoge mit weltanschaulicher bzw. politischer Thematik. Da Jean Paul aber eins wie das andere in quasi propagandistischer Absicht konzipiert hat, da Schoppe, als scharf umrissene Individualität, in all seiner – einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassenden – Lebendigkeit, unentwegt Satiren gegen die Feudalkaste von sich gibt und die politisierenden Dialoge ebenfalls ein Mittel sind, die Ansichten des Autors über die gesellschaftlichen Realitäten noch zusätzlich zu deren dichterischer Gestaltung auch gedanklich zur Geltung zu bringen, lässt sich bei ihm zwischen erlaubter, ja, geforderter »intellektueller Physiognomie« und unerlaubtem räsonierenden »Beiwerk« kein Trennstrich ziehen. Es wäre nicht stichhaltig, dagegen einzuwenden, Lukács grenze seine Forderung gegen das mögliche Missverständnis ab, die intellektuelle Physiognomie der literarischen Gestalten bedeute, dass deren Anschauungen stets richtig sein müssten. Er meint damit natürlich nicht, dass ein Literaturwerk im Ganzen den Leser darüber im Unklaren lassen darf, wie der Autor zu den »allgemeinen Problem der Epoche« steht. Er meint nur, dass innerhalb eines solchen Werkes auch Vertreter negativ bewerteter weltanschaulicher Tendenzen auftreten können und sollen, und genau das geschieht im Titan (man denke zum Beispiel an Roquairol) ebenso gut wie, sagen wir, in Thomas Manns Zauberberg (man denke an Naphta16 und Settembrini). Und da weder hier noch dort 15 (AH) Harich zitierte aus: Lukács, Georg: Probleme des Realismus, Berlin, 1955, S. 61 f. 16 (AH) Im Zauberberg hat Thomas Mann Lukács ein bleibendes Denkmal gesetzt – freilich kein schmeichelhaftes. Leo Naphta, Jesuit, Kommunist, Jude, »ein kleiner, magerer Mann« von »ätzender Hässlichkeit«. Gleichzeitig aber hat Mann betont, dass ihm Naphta in Wirklichkeit nie begegnet sei, dass zwischen dem gezeichneten Bild und der geistigen Welt von Lukács mehr als zu unterscheiden sei. Eberhard Bahr schrieb: »Thomas Mann hat in Naphta einen Jesuiten so dargestellt, dass er neben ihm auch etwas von Georg 380 Teil II die Stellung des jeweiligen Autors zu den solcherart aufgegriffenen epochalen Problemen dahingestellt bleibt, entfällt auch der andere denkbare Einwand, dass es Lukács einzig um die Weltanschauung als Mittel zur Charakterisierung des Helden gehe, während hier, umgekehrt, die Neigung Jean Pauls verteidigt werde, die eigenen Auffassungen durch den Mund eines Teils seiner Helden vortragen zu lassen. * * * * * (AH) Nach seiner Haftentlassung arbeitete Harich freiberuflich für den Akademie-Verlag, so dass dieser sein erster Ansprechpartner für Projekte und Pläne war. Der Druck der Bücher Zur Kritik der revolutionären Ungeduld und Kommunismus ohne Wachstum kam zwar nicht zu Stande (beide erschienen im Westen), aber in den späten siebziger Jahren versuchte Harich mehrfach, mit verschiedenen Editionsprojekten beim Akademie-Verlag besser Fuß zu fassen. Sein Plan 1976/1977, im Akademie-Verlag eine größere Edition von Werken Utopischer Sozialisten zu veranstalten, konnte jedoch ebenfalls nicht umgesetzt werden. Einige Briefe zu diesem Thema sowie das Exposé für die Edition einer Sammlung von Texten des sozialutopischen Erbes, datiert auf den 31. März 1977, wird im Rahmen von Harichs Vorlesungsmanuskripten präsentiert (da sich Harich in der entsprechenden Vorlesung thematisch intensiv mit dem Utopischen Sozialismus als Quelle des Marxismus auseinandersetzte).17 Ein parallel laufendes Projekt war Harichs Versuch, an seine Bemühungen aus den fünfziger Jahren anzuknüpfen, im Aufbau-Verlag die großen Leistungen der bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts zumindest so lange wieder greifbar zu machen, bis der Marxismus eigenes oder gar besseres geschaffen habe. (Erwähnt seien nur die schon zur Sprache gekommene Philosophische Bücherei des Aufbau-Verlages und die Neuedition von Rudolf Hayms Herder-Biographie durch Harich.) Daher schlug er dem Akademie-Verlag vor, verschiedene Bücher aus dem Bereich der Literaturwissenschaften, Philosophiegeschichte und Ästhetik neu zu editieren. Verknüpft war dies oftmals mit einem Eintreten für Lukács, so dass die Dokumente im Folgenden zum Abdruck kommen. Nicht zuletzt, da sie zeigen, in welchen Kontexten die Autorität von Lukács für Harich nach wie vor ungebrochen war. Zuerst wird ein Schreiben an Lothar Berthold (der Leiter des Akademie-Verlages) abgedruckt, dann folgen die Überlegungen Harichs zur Erbe-Pflege der DDR – unter Einbeziehung, Fortsetzung seiner früheren Arbeiten sowie der Rückkehr der Schriften von Lukács in das »Leben« der DDR. Lukács erfasst hat. Es spricht für die dichterische Leistung der Ironie Thomas Manns, dass ihm diese Gestalt so gelungen ist, aber in diesem Falle spricht es ebenso sehr für Georg Lukács’ künstlerisches Verstehen und seine Humanität, dass er sich durch dieses Porträt nicht beleidigt fühlte.« Bahr, Ehrhard: Georg Lukács, Berlin, 1970, S. 6 f. 17 (AH) Band 6.2, S. 1168–1178. 381Späte Kämpfe Brief an Lothar Berthold, Akademie-Verlag18 (16. Dezember 1976) Sehr geehrter Herr Berthold! Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bei mir der Groschen manchmal ein bisschen langsam fällt und mir so auch erst jetzt die für mich negativen Aspekte der Vorschläge aufgehen, die Sie mir bei unserer gestrigen Unterredung unterbreitet haben. Zu diesen Vorschlägen möchte ich Ihnen, nach reiflicher Überlegung, nunmehr Folgendes erklären: Der Gedanke, das neuerliche Arbeitsverhältnis zwischen dem Akademie-Verlag und mir auf die Grundlage eines Herausgeber-Vertrages zu stellen, ist für mich nicht annehmbar. Ich schlage Ihnen meinerseits die Wiederinkraftsetzung des alten Vertrages, der zwischen dem Akademie-Verlag und mir bis 1. März 1976 bestanden hat, mit zwei Modifikationen vor: a) Erweiterung des thematischen Aufgabenkreises um die Probleme einer interdisziplinär zu betreibenden und namentlich ökologisch fundierten Zukunftsforschung,19 b) Zusicherung der meiner beruflichen Qualifikation und – seit 1945 vollbrachten – Arbeitsleistung entsprechenden Intelligenz-Rente für den Fall meines Ausscheidens aus dem Arbeitsprozess aus Alters- oder Invaliditätsgründen. Exposés über Vorhaben, die der Verlag mir anzuvertrauen gedenkt bzw. die ich an den Verlag herantragen möchte, will ich gerne für Sie ausarbeiten, jedoch erst nach Inkrafttreten des zwischen uns abzuschließenden Arbeitsvertrages und nicht schon vorher, da es sich bei der Erstellung eines derartigen Exposés bereits um eine von mir für den Verlag erbrachte Arbeitsleistung handeln würde. Art und Umfang meiner beruflichen Qualifikation sind dem Verlag sowohl aus meinen Veröffentlichungen als auch aus meinen früheren Tätigkeiten als Redakteur (an Zeitungen und Zeitschriften), als Verlagslektor, Herausgeber und philologischer Bearbeiter (an Buchverlagen, darunter 18 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 16. Dezember 1976, adressiert an Lothar Berthold, Leiter des Akademie-Verlages. 19 (AH) Harich versuchte in den siebziger Jahren immer wieder, die für ihn zentrale Beschäftigung mit der Ökologie und den ökologischen Herausforderungen irgendwie in der DDR verankern zu können. Alle seine Ideen, Pläne, Anfragen scheiterten vollständig. Dies war einer der Hauptgründe für seinen Weggang aus der DDR im Jahr 1979. Die einschlägigen Dokumente und Manuskripte zu diesem Thema präsentiert der 8. Band (Ökologie, Frieden, Wachstumskritik) dieser Edition. Dort auch eine ausführliche Einleitung (Die Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept) des Herausgebers mit allen wichtigen und zentralen Hinweisen zur Forschungsliteratur, Rezeption etc. (Bd. 8, S. 9–100). 382 Teil II zuletzt von 1965–1976 am Akademie-Verlag selbst) sowie als Universitätsdozent hinreichend bekannt, und über die beiderseits bestehenden Vorhaben haben wir uns in Umrissen gestern schon mündlich verständigt, so dass für Sie die Gefahr, »eine Katze im Sack zu kaufen«, wohl schwerlich besteht. Im Übrigen möchte ich keineswegs nur für bestimmte editorische Aufgaben herangezogen werden, sondern auch zu beratender und gutachterlicher Tätigkeit, zur Mitbeurteilung von Plänen, soweit ich fachlich für sie zuständig bin, und zur kollektiven ideologischen Selbstverständigung, soweit sie sich auf Fragen meines Interessenkreises bezieht. In Ihren Ausführungen, Herr Verlagsleiter, und in denen des Kollegen Wolfgang Schubardt, schien gestern auch mehrfach anzuklingen, dass die Absicht besteht, mich, was meine Unterstellung anbelangt, möglichst ausschließlich an die Verlagsleitung zu binden. Auch damit bin ich nicht einverstanden. Selbstverständlich werde ich jederzeit gerne Aufträge und Weisungen der Verlagsleitung entgegennehmen und umgekehrt auch meinerseits an die Verlagsleitung Anregungen und Vorschläge herantragen (wobei ich Ihren engsten wissenschaftlichen Mitarbeiter, Kollegen Schubardt, als Adressaten mit einschließe). Ich lege aber ebenfalls großen Wert darauf, dass es den Leitern der für Philosophie und Literaturwissenschaft zuständigen Lektoratsabteilungen nicht nur unbenommen bleibt, sondern seitens der Verlagsleitung geradezu angeraten wird, mich von sich aus von Fall zu Fall zu Rate zu ziehen und mit geeigneten Aufgaben zu betreuen, und dass umgekehrt auch ich jederzeit die Möglichkeit habe, gegenüber diesen Kollegen mit eigenen Vorschlägen, Anregungen usw. initiativ zu werden, genau so, wie es nach den Bestimmungen des bis zum 1. März 1976 zwischen dem Akademie-Verlag und mir bestehenden Vertrages möglich war. Schließlich noch ein Wort zu den Fragen der – nennen wir es »Vergangenheitsbewältigung« – , über die ich mich mit Ihnen und Kollegen Schubardt gerne bald einmal aussprechen möchte. Es gehören dazu zwei Angelegenheiten, die wahrscheinlich nicht nur der Vergangenheit angehören, sondern, jedenfalls für mich, von aktuellster Bedeutung sind und einer längst fälligen Entscheidung bedürfen. Ich meine die Behandlung meines großen Jean-Paul-Buches durch den Verlag und den seit Ende 1974 ohne mein Verschulden in Blei stornierten Band 1 der Feuerbach-Ausgabe, mit dem zusammen die Veröffentlichung meiner sprachlich-stilistisch, wie ich glaube, besten Arbeit blockiert ist. Je verständnisvoller Sie in diesem Zusammenhang den Interessen Ihres Autors, der ich ja auch noch bin, Rechnung tragen werden, desto ersprießlicher wird sich natürlich 383Späte Kämpfe auch Ihre Zusammenarbeit mit mir als neu zu gewinnendem Verlagsmitarbeiter gestalten. Zu dem zwischen uns vereinbarten Termin unserer neuerlichen Zusammenkunft, am 5. Januar 1977, 9:00 Uhr, werde ich gerne pünktlich bei Ihnen vorsprechen. Ich denke, dass Sie und Kollege Schubardt bis dahin ausreichend Gelegenheit haben werden, sich meine hier unterbreiteten Darlegungen durch den Kopf gehen zu lassen. Einen Durchschlag erlaube ich mir mit gleicher Post an Herrn Vizepräsidenten Professor Dr. Heinrich Scheel zu richten. Indem ich Ihnen sowie den Kollegen Schubardt und Turley frohe Feiertage und ein gutes neues Jahr wünsche, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen Brief an Lothar Berthold, Akademie-Verlag20 (05. Mai 1977) Betrifft: 1) Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit; 2) Veröffentlichung von Georg Lukács’ Werken in der Deutschen Demokratischen Republik Sehr geehrter Herr Verlagsleiter! Da unser Gespräch auch in dieser Woche nicht mehr zu Stande kommen wird, erlaube ich mir, den wichtigsten Punkt, den ich Ihnen und Kollegen Schubardt (gemeint ist, wie schon im vorhergehenden Brief, Wolfgang Schubardt vom Akademie-Verlag, AH) vortragen wollte, nunmehr in schriftlicher Form darzulegen. Im März dieses Jahres wurde ich von Dr. Gerhard Dahne von der Hauptverwaltung Verlagswesen und Buchhandel des Ministeriums für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik dazu aufgefordert, für das Ministerium ein sich auf die Herausgabe oben genannter Werke beziehendes Exposé auszuarbeiten. Ich schlug vor, dies, wenn auch unaufgefordert, für den Akademie-Verlag zu tun (wofür sich zeitlich nach der Ablieferung des Exposés über Texte des Utopischen Sozialismus ja Gelegenheit ergab) 20 (AH) 11 Blatt, maschinenschriftlich, 05. Mai 1977, adressiert an Lothar Berthold, Leiter des Akademie-Verlages. 384 Teil II und der Hauptverwaltung des Kulturministeriums lediglich eine Kopie des betreffenden Schreibens zugehen zu lassen. Dabei ließ ich mich von dem Bestreben leiten, zuerst Sie und Kollegen Schubardt über das zur Debatte stehende Vorhaben zu unterrichten, das, meines Erachtens, in die Verlagsproduktion des Akademie-Verlages besonders gut hineinpasst und von diesem Verlag, weil er sowohl über ein philosophisches als auch über ein literatur- und sprachwissenschaftliches Lektorat verfügt, leichter und sachgerechter als anderswo bewältigt werden könnte. Herr Dahne war damit einverstanden, so zu verfahren. Gestatten Sie daher bitte, dass ich ihm eine Kopie dieses an Sie gerichteten Briefes aushändige, und betrachten Sie diesen Brief, bitte, sogleich als das seitens des Ministeriums bei mir bestellte Exposé. I. Zur Vorgeschichte des ersten oben genannten Projekts Das Projekt geht auf die erste Hälfte der fünfziger Jahre, auf meinen damals häufigen und intensiven Gedankenaustausch mit dem Literaturhistoriker, Literatur- und Theaterkritiker Paul Rilla (gestorben 1954) zurück. Nach Rillas bekannten polemischen Abrechnungen mit reaktionären Literaturhistorikern der Vergangenheit, namentlich aus Anlass des Goethe-Gedenkens 194921, unterhielten wir – Rilla und ich – uns mehrmals über die Frage, ob auf diesem Gebiet total »reiner Tisch« gemacht werden müsse oder ob es nicht vielmehr auch da ein verhältnismäßig progressives, ja, ein von der bürgerlich-reaktionären Geisteswissenschaft der imperialistischen Periode sogar zurückgedrängtes, vernachlässigtes bzw. befehdetes Erbe gäbe, das für die sozialistische Gesellschaft neu zu erschließen wichtig sei. Nach sorgfältigem Abwägen aller Für und Wider gelangten wir zu dem Ergebnis, die erste Alternative als sektiererisch zu verwerfen und uns, auf Grund von Kriterien, die ich daraufhin in dem Aufsatz Zur Frage des Erbes in der Literaturwissenschaft, 1954 (in meiner Aufsatzsammlung Rudolf Haym und sein Herderbuch, Berlin 1955), dargelegt 21 (AH) Im Goethe-Jahr beteiligte sich Rilla an der von Harich initiierten und betreuten Goethe-Würdigung in der Neuen Welt. Zu dem Sammelband (mit Vorabdruck in der Neuen Welt) Zu neuen Ufern. Essays über Goethe (o. O. (Berlin), o. J. (1949)), den Harich herausgab, steuerte er den Aufsatz Goethe in der Literaturgeschichte (S. 115–159) bei. Zeitlich parallel erschien sein in der SBZ/DDR zentrales Buch Goethe in der Literaturgeschichte. Zur Problematik der bürgerlichen Bildung, Berlin, 1949. Zum freundschaftlichen Verhältnis von Harich und Rilla, auch zu ihrem gemeinsamen Engagement für die deutsche Einheit, gibt es interessante und wertvolle Hinweise in dem Buch von Anne Harich: Wenn ich das gewusst hätte, Berlin, 2007.  385Späte Kämpfe habe, für die zweite Alternative zu entscheiden. Dabei einigten wir uns zunächst, was die Literaturgeschichtsschreibung anbelangt, auf Gervinus, Danzel, Hettner und Haym, ferner auf Justis großes Werk über Winckelmann und, unter den Ausländern, auf Georg Brandes (Dänemark). Eben dieser Einschätzung schlossen sich kurz danach, auf unser Befragen hin, auch Hans Mayer, damals Ordinarius für Geschichte der Weltliteratur an der Karl Marx Universität Leipzig, und Georg Lukács, Budapest, an. Andere Namen, so zum Beispiel Julian Schmidt, Wilhelm Scherer und andere, blieben zwischen uns umstritten. Einigkeit herrschte darüber, dass am wenigsten bei der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zwischen Literatur- und Philosophiegeschichte ein scharfer Trennstrich gezogen werden könne, weshalb die meisten Werke von Gervinus, Hettner und Haym ja auch der philosophischen ebenso wie der literarischen Historiographie zuzurechnen seien. 1953/1954 konkretisierten diese Gespräche sich zu dem Plan, im Aufbau-Verlag zunächst die zweibändige Herder-Biographie von Rudolf Haym (mit einer von mir zu verfassenden ausführlichen Einleitung, die ich 1955 in erweiterter Fassung als das eben erwähnte Buch herausgebracht habe), sodann die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts von Hermann Hettner und Carl Justis Winckelmann. Sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossen (wofür wir Hans Günther Thalheim als Herausgeber zu gewinnen beabsichtigten) neu zu edieren. Alle übrigen Standardwerke von Gervinus, Haym, Hettner und Brandes sollten nach und nach folgen. Realisiert worden sind hiervon lediglich durch mich die Neuedition der Haymschen Herder- Biographie (2 Bde., Berlin, 1954) und später durch Gotthard Erler die des auf Deutschland bezugnehmenden dritten Teils von Hettners Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts (2 Bde., Berlin, 1961); beides im Aufbau-Verlag. Dabei ist es bis heute geblieben. Rillas Tod, Lukács’ Beteiligung an den Ungarn-Ereignissen von 1956, meine Inhaftierung, Mayers Republikflucht22 und, nicht zuletzt, die Verlagsprofilierung in der DDR, welche die Elimination philosophischer Projekte aus dem Aufbau-Verlag zur Folge hatte, führten dazu, dass in diesem Verlag eine weitere Realisierung des Rilla-Ha- 22 (AH) Nach den Ereignissen von 1956 war auch Hans Mayer in die Kritik geraten, allerdings nicht derartigen Repressionen ausgesetzt wie beispielsweise Ernst Bloch. Es begann vielmehr eine Art zermürbende Auseinandersetzung mit ihm, wobei Mayer freilich viele Privilegien behielt. 1963 kehrte er nach einer Reise in die Bundesrepublik nicht in die DDR zurück. Er machte diese Entscheidung nicht sofort öffentlich, so dass die DDR Wilhelm Girnus nach Hamburg, zum Rowohlt-Verlag schickte, um Mayer zur Rückkehr zu bewegen. Dieser hatte Hamburg aber bereits verlassen. 386 Teil II richschen Vorhabens aus den fünfziger Jahren nicht mehr zu Stande kam. Indes, auch in anderen Verlagen unserer Republik wurde dieser Plan nicht aufgegriffen, geschweige fortgesetzt und auch kein ihm ähnlicher entwickelt. Derjenige Verlag aber, zu dem er am besten passte, ist der Akademie-Verlag. Mein Vorschlag geht dahin, den Plan jetzt neu in Angriff zu nehmen und ihn im Akademie-Verlag unterzubringen, unter Ausnutzung des Umstandes, dass ich nunmehr für diesen Verlag als Mitarbeiter tätig bin. Eine neue Situation ist zwischenzeitlich insofern entstanden, als jetzt Georg Lukács, einundzwanzig Jahre nach den Ereignissen von 1956 und sechs Jahre nach seinem Tode, selbst zum Kulturerbe gehört. Denn einerseits sind bestimmte Aspekte seines Schaffens zu problematisch und nach wie vor umstritten, als dass er ohne Weiteres und im Ganzen dem theoretischen Schrifttum des Marxismus-Leninismus zugeordnet werden könnte. Andererseits aber gehören jene Ereignisse, um von noch weiter zurückliegenden Auseinandersetzungen der kommunistischen Bewegung mit Lukács gar nicht zu reden, in solchem Maße der geschichtlichen Vergangenheit an, dass es längst nicht mehr als gerechtfertigt erscheint, diesen bedeutenden Denker den Lesern in der Deutschen Demokratischen Republik nach über zwanzigjähriger Pause noch länger vorzuenthalten. Daher ja auch der 1975 erschienene differenzierende kritische Band über ihn, Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács, und die noch für dieses Jahr zu erwartende Auswahl einiger Lukácsscher Essays und Aufsätze, beides im Reclam-Verlag, Leipzig, beides herausgegeben von dem ordentlichen Mitglied der AdW, Prof. Dr. Werner Mittenzwei.23 Unter diesen Umständen dürfte es nicht abwegig sein, dem oben geschilderten Projekt aus den fünfziger Jahren nunmehr gewissermaßen einen »linken Flügel«, repräsentiert etwa durch Georgi Plechanow, Antonio Labriola, Franz Mehring, auch Paul Rilla, auch Walter Benjamin, auch Werner Krauss sowie eventuell noch andere, mit anzureihen, in diesen Zusammenhang die Werke von Lukács zu stellen und sie, abwechselnd mit denen der oben genannten liberalen und bürgerlich-demokratischen Philosophie- und 23 (AH) Mittenzwei hatte Harich am 15. Januar 1976 das Buch geschickt und einen kleinen Begleitbrief beigelegt: »Lieber Wolfgang Harich! Ich schicke Ihnen heute das Lukács-Büchlein, das ich mit meiner kleinen Forschergruppe für den Reclam-Verlag gemacht habe. Schmeißen Sie es bitte nicht gleich an die Wand; es ist mit der besten Absicht gemacht, Lukács aus der Ecke herauszuholen, in der er bei uns immer noch steht. Meine Kritik an Lukács werden Sie allerdings nicht teilen. (…) Gegenwärtig stelle ich einen Band Essays von Georg Lukács für den Reclam-Verlag zusammen.« Mittenzwei, Werner: Brief an Wolfgang Harich vom 15. Januar 1976, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 387Späte Kämpfe Literaturhistoriker der Vergangenheit und der eben erwähnten Marxisten bzw. Quasi-Marxisten, nach und nach neu bei uns herauszubringen. Es ergäbe sich damit gleichzeitig ganz zwanglos zweierlei: Einmal eine thematische Ausweitung jenes Projekts auch auf klassische Werke der Ästhetik (da neben die große Lukácssche Ästhetik zum Beispiel die von Friedrich Theodor Vischer oder auch ein Werk wie Hermann Lotzes Geschichte der Ästhetik in Deutschland zu stellen wäre), zum anderen eine weitere Internationalisierung des in Betracht kommenden Autorenkreises (denn nach der Einbeziehung des Dänen Brandes und des Ungarn Lukács wäre es nur logisch, ihnen nicht nur den Italiener Labriola und den Russen Plechanow beizugesellen, sondern sich auch der Prüfung ausländisch-bürgerlicher Parallelerscheinungen zu Hettner, Haym usw., etwa des Franzosen Hippolyte Taine – um nur das gewichtigste Beispiel dieser Art zu nennen – , zuzuwenden). Zu beachten ist schließlich, dass Rudolf Haym, als der bedeutendste liberale Philosophie- und Literaturhistoriker des deutschsprachigen Bürgertums im 19. Jahrhunderts, drei große, klassisch zu nennende, bis heute den Rang von Standardwerken beanspruchende Biographien (über Hegel, Wilhelm von Humboldt und Herder) verfasst hat. Aus Hayms zentraler Stellung in der Reihe ergibt sich somit ohnehin deren Anreicherung mit klassischen Biographien, wie der schon erwähnten über Winckelmann von Carl Justi (aber auch anderer, zum Beispiel Hegels Leben von Rosenkranz, Ulrich von Hutten von David Friedrich Strauß, Voltaire und Goethe von Brandes, vielleicht sogar der Philosophen-Biographien – über Bacon, Descartes, Spinoza, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer – von Kuno Fischer). Auf das Thema Lukács-Edition werde ich weiter unten noch zurückkommen. Vorher möchte ich noch einen – vorläufigen – Themenplan für die ganze Sammlung aufstellen und daraus dann die fünf oder sechs nach meiner Meinung zuerst zu veröffentlichenden, weil für die »Bandbreite« des Plans besonders programmatisch wirkenden Werke auswählen. II. Für das erste oben genannte Projekt in Frage kommende Werke (1) Georg Gottfried Gervinus (1805–1871) • Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen • Shakespeare 388 Teil II • Händel und Shakespeare. Zur Ästhetik der Tonkunst • Auswahl von Aufsätzen und kleineren Schriften (2) Friedrich Theodor Vischer (1807–1887) • Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen • Kritische Gänge • Ausgewählte Vorträge, Aufsätze und kleinere Werke (3) David Friedrich Strauß (1808–1874) • Schubarts Leben in seinen Briefen • Ulrich von Hutten • (Die im engeren Sinne religionskritischen Schriften von Strauß, vor allem Das Leben Jesu und Der alte und der neue Glaube, wären ein Kapitel für sich, über das der Verlag der neuen Feuerbach-Edition sich, am besten im Hinblick auf die Philosophischen Studientexte, auch einmal Gedanken machen müsste; dies nur nebenbei.) (4) Theodor Wilhelm Danzel (1818–1850) • Gottsched und seine Zeit • Lessing, sein Leben und seine Werke • Gesammelte Aufsätze und kleinere Schriften (5) Hermann Hettner (1821–1882) • Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, alle drei Teile (über die englische, französische und deutsche Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts) • Auswahl kleinerer Werke (6) Rudolf Haym (1821–1901) • Wilhelm von Humboldt. Lebensbild und Charakteristik • Hegel und seine Zeit • Die Romantische Schule. Beitrag zur Geschichte des deutschen Geistes • Herder, nach seinem Leben und seinen Werken dargestellt • Ausgewählte Aufsätze (namentlich über Ulrich von Hutten, Friedrich Schiller, J. G. Fichte, E. M. Arndt, Gentz, Varnhagen von Ense, Schopenhauer, L. Feuerbach) (7) Carl Justi (1832–1912) • Winckelmann. Sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossen (8) Georg Brandes (1842–1927) • Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts • Shakespeare • Goethe 389Späte Kämpfe • Voltaire • Michelangelo • Auswahl kleinerer Schriften und Aufsätze (9) Antonio Labriola (1843–1904) • Mehrbändige Auswahl seiner nach 1878 (Hinwendung zum Marxismus) entstandenen philosophischen und philosophiehistorischen Schriften. (10) Franz Mehring (1846–1919) • Die Lessing-Legende • Karl Marx. Geschichte seines Lebens • Gesammelte Aufsätze zur Literatur- und Philosophiegeschichte (11) Georgi Valentinowitsch Plechanow (1856–1918) • Tschernyschewski • Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung • Aufsätze und Kritiken zur Geschichte der Philosophie, Literatur, Kunst und zur ästhetischen Theorie (12) Georg Lukács (1885–1971) (Die zwischen jeweils zwei Schrägstriche // gesetzten Zahlen am Ende bezeichnen die von mir vorgeschlagene Reihenfolge der Veröffentlichung. • Die Seele und die Formen, Die Theorie des Romans (mit dem selbstkritischen Vorwort von 1962), Kleinere Schriften, 1909–1920 /13/ • Geschichte und Klassenbewusstsein (mit dem selbstkritischen Vorwort von 1967), Lenin, Moses Hess und die Probleme der idealistischen Dialektik, Kleinere politische Schriften /14/ • Skizze einer Geschichte der neueren deutschen Literatur, Existenzialismus oder Marxismus?, Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx (Gemeinschaftsarbeit mit Wolfgang Harich), Kleinere publizistische Schriften /9/ • Essays über Realismus, Marx und das Problem des ideologischen Verfalls, Volkstribun oder Bürokrat?, Wieder den missverstandenen Realismus, Aufsätze aus der Linkskurve /12/ • Der russische Realismus und die Weltliteratur /6/ • Der historische Roman, Balzac und der französische Realismus /8/ • Goethe und seine Zeit (inklusive der Fauststudien), Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, Thomas Mann /7/ • Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft /11/ • Die Zerstörung der Vernunft /10/ 390 Teil II • Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Die Sickingendebatte zwischen Marx, Engels und Lassalle, Friedrich Engels als Literaturtheoretiker und Literaturkritiker, Über die Kategorie der Besonderheit /5/ • Die Eigenart des Ästhetischen, I /1/ • Die Eigenart des Ästhetischen, II /2/ • Zur Onologie des gesellschaftlichen Seins, I /3/ • Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, II /4/ • Eventuell: Bruchstücke der geplanten Ethik und der geplanten wissenschaftlichen Autobiographie /15/ (13) Walter Benjamin (1892–1940) • Reichliche Auswahl in zwei bis drei Bänden. (14) Paul Rilla (1896–1954) • Gesamtausgabe in drei Bänden. Als dritter Band die von ihm besorgte und mit verbindenden Texten versehene Zusammenstellung der autobiographischen Stellen aus den Werken und Briefen Gottfried Kellers. (15) Werner Krauss (1900–1976) • Gesamtausgabe III. Start der Sammlung mit den folgenden Werken, die kurz hintereinander, wenn nicht nahezu gleichzeitig auf den Markt kommen sollten Rudolf Haym: Wilhelm von Humboldt. Lebensbild und Charakteristik. Schafft Präzedenzfall für die Neuedition biographischer Werke von klassischem Rang, dokumentiert unsere Entschlossenheit, mit der Pflege des Haymschen Erbes fortzufahren, die nach dem Erscheinen der Herder-Biographie abgebrochen schien, ist thematisch angesiedelt zwischen politischer Geschichte und Geschichte der Philosophie, der Literatur-, Kunstund Sprachwissenschaft, eröffnet daher Optionen für spätere eventuelle thematische Erweiterungen der Sammlung in mancherlei Richtung, macht thematisch nach über hundertzwanzig Jahren zum ersten Mal wieder eine der bedeutendsten historisch-philologischen Leistungen deutscher Sprache neu zugänglich. Georg Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, I und II. Ist in der DDR noch nie erschienen, stellte Lukács’ wichtigstes Alterswerk dar, trägt wesentlich bei zur Förderung realistischer Kunstgesinnung und zur Bekämpfung dekadenter und modernistischer Strömungen im Kunstschaffen und in der ästhetischen Theorie der Gegenwart, schafft 391Späte Kämpfe Präzedenzfall für das Gewicht, das in der Sammlung generell der Ästhetik beigemessen werden wird, unterstreicht den internationalen Charakter der Sammlung. Georg Brandes: Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Auf jeden Fall das amüsanteste, spritzigste Werk, das es zu diesem Thema überhaupt gibt, Spitzenleistung der nicht-marxistischen Literaturwissenschaft liberaler bzw. demokratischer Provenienz, vollständig von humanistischem Geist durchdrungen, unterstreicht den internationalen Charakter der Sammlung. Hermann Hettner: Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, Teil I: England. Längst fälliger Beitrag zur Komplettierung der 1961 auf den Markt gekommenen Erlerschen Edition von Teil III des selben Werkes, bürgerlich-demokratisches Standardwerk über die Philosophie und Literatur der englischen Aufklärung seit der Glorious Revolution 1688, schlechthin grundlegend für das Verständnis der Aufklärungsbewegung überhaupt. G. W. Plechanow: Tschernyschewski. Verfasst von dem Bahnbrecher des Marxismus in Russland, dabei einziges größeres Werk von ihm, das nach 1945 noch nicht wieder deutsch erschienen ist, durch Autor und Thematik wird das russische Kulturerbe programmatisch in die Sammlung mit einbezogen, zugleich wird mit Lukács und Plechanow in etwa die Bandbreite der marxistischen und quasi-marxistischen Leistungen markiert, die in der Sammlung ihren Platz finden sollen. Gesamtausgabe Paul Rilla oder wahlweise Gesamtausgabe Werner Krauss. Um so oder so von vornherein zu dokumentieren, dass die DDR über eine ebenbürtige eigene Tradition auf den Gebieten, die durch die Sammlung erfasst werden, verfügt. IV. Zum Problem der Lukács-Edition in der DDR (d. h. zweiter Punkt der im vorliegenden Brief zu behandelnden Fragen) Werke von Georg Lukács sind elf Jahre lang, zwischen 1945 und 1956 deutschsprachig im Aufbau-Verlag erschienen, und zwar 1950 bis 1956 von mir dort redigiert. Wenn jetzt, ab 1977, Lukács in der DDR wieder erscheinen wird, dann scheint der Aufbau-Verlag am ehesten dazu berufen, seine Werke abermals zu betreuen. Aus folgenden Gründen kann davon jedoch keine Rede mehr sein. 392 Teil II 1) Die redaktionelle Betreuung der Werke von Lukács im Aufbau-Verlag war so lange, bis ich mich, von 1950 an, ihrer annahm, nachweislich durchaus schluderhaft, das gilt desgleichen für die erste, 1948 bei Oprecht in der Schweiz herausgekommene deutschsprachige Ausgabe des Jungen Hegel, eines Werkes, das überhaupt erst von mir 1953/1954, unter lebhaftem Beifall und mit uneingeschränkter Zustimmung des deutsch schreibenden ungarischen Autors, in seine endgültige, stilistisch einwandfreie, in allen Zitaten philologisch zuverlässige Form gebracht worden ist. 2) Ein erheblicher Teil der Lebensleistung von Lukács, darunter sein riesiges Alterswerk (Zerstörung der Vernunft, Eigenart des Ästhetischen, Ontologie des gesellschaftlichen Seins) trägt überwiegend philosophischen Charakter und kann daher angemessen nur von einem Verlag betreut werden, der über eine spezielle philosophische Lektoratsabteilung verfügt. Der Akademie-Verlag ist in der DDR aber der einzige Verlag mit einer philosophischen und einer literatur- und sprachwissenschaftlichen Lektoratsabteilung. Dem Aufbau-Verlag wurde demgegenüber die Philosophie schon seit langen wegprofiliert, und seit dem Tode von Friedrich Bassenge hat er keinen philosophisch versierten Lektor mehr. 3) Lukács war bis an sein Lebensende korrespondierendes Mitglied sowohl der Akademie der Wissenschaften als auch der Akademie der Künste der DDR. Schon aus diesem Grunde kommt für die verlegerische Betreuung seines Erbes in der DDR in erster Linie der Akademie-Verlag in Betracht. 4) Dies um so mehr, als der Aufbau-Verlag nicht das Geringste dafür getan hat, dass die Werke dieses seines einstigen Autors in der DDR wieder erscheinen können. Die Initiativen dazu sind vielmehr von dem ord. Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Werner Mittenzwei, und schon vorher von mir ausgegangen. Nachdem mir 1972 bekannt geworden war, dass Lukács in seinen Generalvertrag mit dem BRD-Verlag Luchterhand die – einer testamentarischen Verfügung gleichkommende – Klausel hatte aufnehmen lassen: Wenn ein DDR-Verleger eines seiner Werke herausbringen wolle, so könne er das tun, ohne von Luchterhand die Rechte zu erwerben, da war ich es, der diesen Umstand erstmals, und zwar in brieflicher Form (mit Kopie an Dr. Werner Mußler) dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, Prof. Kurt Hager, mitteilte, und ich verband damit schon damals die dringende Bitte, nunmehr der Neuherausgabe von Lukács’ Werken in der DDR wieder grünes Licht zu geben. 393Späte Kämpfe Drei Jahre später hat dann Prof. Mittenzwei mit dem oben erwähnten Reclam-Band Dialog und Kontroverse etc. den entscheidenden Durchbruch erzielt, und erst nachdem er beim Ministerium für Kultur den für dieses Jahr vorgesehenen weiteren Reclam-Band, wieder von ihm herausgegeben und mit Beiträgen von Lukács selbst, durchgesetzt hatte, erst da besann sich der Aufbau-Verlag auf Lukács und erhob Anspruch auf dessen übrige Werke. Mit der Herausgabe wollte er, geschmackloser Weise, jedoch ausgerechnet Wolfgang Heise betreuen, der, in Anpassung an die Konjunkturlage von 1963, in ein- und demselben Buch, betitelt Aufbruch in die Illusion, sowohl ausgiebig von Lukács gezehrt als auch polemisch auf ihn eingedroschen hatte. 5) Der Erbe aller Rechte an den Werken Georg Lukács’ ist dessen Stiefsohn, der in Budapest lebende, an der dortigen Akademie und Universität tätige Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Ferenc Janossy. Dieser hat in einem an mich gerichteten Brief, der in mehreren Photokopien der Hauptabteilung Verlagswesen und Buchhandel des Ministeriums für Kultur der DDR vorliegt, mir die Aufgabe übertragen, die editorische und redaktionelle Betreuung der Werke von Lukács in der DDR durchzuführen, und hat dies damit begründet, dass sein Stiefvater zu seinen Lebzeiten wiederholt, unter Verwünschung der Schlampigkeit des Luchterhand-Lektorats, mich als den zuverlässigsten Redakteur und Lektor bezeichnet hatte, mit dem er je im Leben zu tun gehabt habe. Und da nun ich jetzt für den Akademie-Verlag tätig bin, ist die einfachste und vernünftigste Lösung natürlich die, dass ich mich dieser Aufgabe als Mitarbeiter dieses Verlages, nicht etwa nebenberuflich, womöglich gar unter Inanspruchnahme irgendeines Sonderhonorars, beim Aufbau-Verlag unterziehe. 6) Die philologischen, redaktionellen und editorischen Probleme, welche die neue Herausgabe von Lukács’ Werken in der DDR aufwirft, aber auch die damit verbundenen, zum Teil recht heiklen politisch-ideologischen Fragen kann der Aufbau-Verlag überhaupt nicht beurteilen. Auf diesen ganzen Fragenkomplex ist unser Kulturministerium, Hauptverwaltung Verlagswesen, erst durch mich, im September 1976, aufmerksam gemacht worden. Bei der selben Gelegenheit entwickelte ich dem dort zuständigen Herrn Dr. Dahne drei mögliche Alternativlösungen für Lukács’ künftige Behandlung in der DDR. Und eben die dritte Lösung, für die Herr Dahne sich dann entschied, liegt dem hier erörterten Projekt, siehe oben die Abschnitte I bis III, zu Grunde, die Idee nämlich, Lukács’ Werke in den Gesamtrahmen einer umfassenderen Sammlung des ästhetischen, literaturwissenschaftlichen und philosophiehistorischen Erbes von G. G. Gervinus bis zu Paul Rilla und Werner Krauss mit einzufügen. 394 Teil II V. Zur Ergänzung des oben genannten Projekts Es versteht sich, dass der oben, Abschnitt II, 1 bis 15, aufgestellte Plan von Buchtiteln laufend zu ergänzen ist und dass wir, d. h. die Lektoratsabteilungen Philosophie und Literatur- und Sprachwissenschaft des Akademie-Verlages, schon jetzt allmählich da rauf Kurs nehmen sollten, weitere für das Objekt in Betracht kommende Ästhetiker, Literaturwissenschaftler, Philosophiehistoriker, große Biographen usw. der Vergangenheit zu prüfen, zum Beispiel ganz gewiss die russischen revolutionären Demokraten (Belinski, Herzen, Tschernyschewski, Dobroljubow)24, aber auch – ich wiederhole diese Namen – von deutschen bürgerlichen Literarhistorikern, zum Beispiel Julian Schmidt, Wilhelm Scherer u. a., Kuno Fischers Philosophen-Biographien, bedeutende Vertreter der Hegelschen Schule, wie Karl Rosenkranz, unter den Franzosen besonders Hippolyte Taine usw. Unter Umständen werden derartige Neueditionen auch devisenträchtig sein. Um das festzustellen, müssten wir untersuchen, ob es im außersozialistischen deutschen Sprachraum entsprechende Marktlücken gibt. VI. Ratschläge für die Realisierung des Projekts Kein gesonderter Name für die Sammlung als solche. Wohl aber einheitliche Ausstattung, die Optionen für schmale und umfangreiche Bände und auch für mehrbändige Werke offen hält und für jeden Autor eine jeweils besondere Leinenfärbung des Einbands vorsieht (etwa grün für Gervinus, beige für Haym, rot für Lukács usw.). Durchweg moderne Rechtschreibung (nach Duden) und Zeichensetzung. Möglichst kurze editorische Vor- oder Nachworte, keine langatmigen essayistischen Einleitungen. Für jedes Werk Personen-, unter Umständen auch Sachregister. Bei Werken fremdsprachiger Autoren (wie Brandes) Benutzung bereits vorhandener, möglichst urheberrechtlich freier Übersetzungen, die aber gegebenenfalls verbessernd zu überarbeiten sind. Anfertigung von Neuübersetzungen nur in Ausnahmefällen. Große Auflagen, die dann all- 24 (AH) Mit den genannten russischen revolutionären Demokraten hat sich Harich immer wieder auseinandergesetzt, am intensivsten in den fünfziger Jahren. In den verschiedenen Bänden dieser Edition finden sich zahlreiche Hinweise auf diese Theoretiker. Wichtige und einführende Hinweise gibt der Text A. I Herzen in deutscher Sprache. Zum Erscheinen seiner Ausgewählten philosophischen Schriften, eine ausführliche Rezension, die Harich im 10. Heft der Neuen Welt von 1950 veröffentlicht hatte (Bd. 6.2, S. 1321–1331). Siehe außerdem seinen Artikel aus der Täglichen Rundschau vom 5. Februar 1950: Dobroljubow – der »sozialistische Lessing«. Anlässlich des Erscheinens seiner Werke in deutscher Sprache (Bd. 1.2, S. 1210–1214). 395Späte Kämpfe mählich, über viele Jahre hin abzusetzen sein werden. Auf diese Weise Vermeidung kostspieliger Neuauflagen. Ich bitte Sie, Herr Verlagsleiter, diese Vorschläge zur Kenntnis zu nehmen, sie von den fachlich zuständigen Vertretern der betreffenden Akademie-Institute und Lektoren unseres Verlages beurteilen zu lassen, sie ferner auch mit Herrn Dahne vom Ministerium für Kultur zu erörtern und mir dann Bescheid zu geben, was Sie und diese Kollegen von dem Projekt halten. Mit freundlichen Grüßen Ihr Brief an Hermann Turley, Akademie-Verlag25 (14. August 1982) Betrifft: Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit Lieber Herr Kollege Turley! Heute möchte ich mich, wie zwischen uns vereinbart, noch einmal zu meinem vom 5. Mai 1977 datierten Exposé zu den oben genannten Verlagsvorhaben äußern. Das Exposé füge ich in der Anlage bei. Um mir die Arbeit psychologisch zu erleichtern, wähle ich, mit Ihrem freundlichen Einverständnis, wieder die Briefform. In den über fünf Jahren, die seit der Erarbeitung des Exposés vergangen sind, hat die Situation sich geändert in drei Hinsichten, die eine Abwandlung des Projektes und neue einschlägige Überlegungen erfordern: 1) Die verlegerische Betreuung des Gesamtwerks von Georg Lukács ist beim Aufbau-Verlag verblieben, der auch bereits Lukács’ zweibändige Eigenart des Ästhetischen, in übrigens mustergültiger Bearbeitung, unter Ausmerzung der bei Luchterhand unterlaufenen Schlampereien, herausgebracht hat. 2) Bei der von mir vorgeschlagenen Serie geht es jetzt nicht mehr nur darum, bestimm- 25 (AH) 8 Blatt, maschinenschriftlich, 14. August 1982, adressiert an Herrn Dr. Hermann Turley, Akademie-Verlag. Am Ende des Briefes dann datiert auf den 22. August 1982, Harich hatte die Anfertigung des Briefes also mehrmals unterbrochen. Auf die enthaltenen Querverweise auf das Exposé (Seitenzahlen und Zeilenangaben) wurde bei der Wiedergabe verzichtet. 396 Teil II te Bildungsbedürfnisse der sozialistischen Gesellschaft in der DDR noch besser und vielgestaltiger zu befriedigen – woran ich 1977 einzig und allein gedacht habe –, sondern es sind nunmehr auch Gesichtspunkte des Außenhandels stark zu berücksichtigen. 3) Die marxistische Auseinandersetzung mit dem Erbe der bürgerlichen Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts hat offenbar gegenüber 1977 einen neuen Stand erreicht. Die folgende aktualisierende und präzisierende Abänderung meines Vorschlages will allen drei Momenten Rechnung tragen. Aus der Entscheidung über Lukács ist, meine ich, die Konsequenz zu ziehen, dass wir uns bei der Serie den ganzen »linken Flügel« (Labriola, Mehring, Plechanow, Lukács, Benjamin, Rilla, Krauss) sparen können. Dieser Teil des Projekts nämlich hatte lediglich vermeiden sollen, dass Lukács als ein Einzelfall erscheint und dass so der Eindruck entsteht, sein Erbe werde bei uns fortan der bürgerlichen Literaturwissenschaft zugerechnet. Diese Gefahr besteht nun nicht mehr, und wir können es uns daher leisten, all den Komplikationen aus dem Wege zu gehen, die sich bei Etablierung eines »linken Flügels« unserer Serie zwangsläufig aus der Überschneidung mit den Rechten, den Programmen, den »Profilen« anderer Verlage der Republik ergeben hätten (da ja zum Beispiel Mehring und Plechanow bei Dietz herauskommen, Rilla teils vom Henschel-, teils vom Aufbau-Verlag betreut wird, Krauss durch eine Gesamtausgabe, dem Vernehmen nach im Aufbau-Verlag, gewürdigt werden soll usw.). Dem Außenhandelsinteresse hoffe ich durch folgende Überlegungen und Vorschläge zu entsprechen: a) Aus der Serie sind Titel zu streichen, die im kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums nach 1945 bereits neu erschienen sind. Um festzustellen, ob dies der Fall ist, müssen Kataloge, die darüber umfassend und zuverlässig Auskunft geben, durchgesehen werden. Mir liegt lediglich das Gesamtverzeichnis 1980 der Wissenschaftlichen Buch-Gesellschaft Darmstadt (WB) vor. Hier ein Beispiel dafür, dass das nicht genügt. Ich habe zufällig in irgendeiner Privatbibliothek von Bekannten in Westdeutschland eine nach 1945 neu erschienene Ausgabe des Winckelmann von Carl Justi entdeckt. Im Gesamtverzeichnis der WB taucht dieses Werk aber nicht auf. Kooperationsangebote an die WB kann ich im Folgenden also nur mit dem Vorbehalt empfehlen, dass sie nicht hinfällig werden durch den – unerlässlichen – vollständigen Überblick über die westliche deutschsprachige Verlagsproduktion seit 1945. b) In die Serie sind Titel neu aufzunehmen, deren Veröffentlichung in der DDR nur wenig – oder, im Einzelfall, sogar gar keinen – Sinn hat, die aber wegen ihrer Attrak- 397Späte Kämpfe tivität für westdeutsche Verlage, namentlich für die WB, besonders devisenträchtig sein dürften. Liegt ein solcher Fall vor, so kann die DDR-Auflage ganz gering gehalten werden, ja, unter Umständen braucht es sie gar nicht zu geben. c) Die Kooperation mit dem westlichen Partner, namentlich der WB, sollte unbedingt den gesamten Herstellungsvorgang, bis zur Lieferung der ausgedruckten Bogen-Exemplare bzw. sogar der fertigen Bücher, in die DDR verlagern, und zwar so, dass dies für den Partner in seinem Absatzgebiet möglichst preisgünstig wäre, uns möglichst viele Devisen bringt. d) Photomechanische Nachdrucke kann der westliche Partner sich leicht selbst herstellen – so, wie die WB das vorzugsweise seit jeher getan hat – , während bei uns hergestellte Ausgaben ihre Attraktivität unter anderem daraus herleiten können, dass sie, bei vergleichsweise billigem Preis, Texte bieten, die unter Wahrung des Lautbestandes orthographisch und hinsichtlich der Zeichensetzung modernisiert sind. e) Marxistische Vor- bzw. Nachworte können, falls der Kooperationspartner dies wünscht, aus der West-Ausgabe fortgelassen werden und nur in der DDR-Ausgabe erscheinen, was technisch durch römische Paginierung der betreffenden Bogen leicht zu bewerkstelligen ist. In Anbetracht der – seit den sechziger Jahren – hohen Marktgängigkeit marxistischer Interpretationen sollte hierüber jedoch von Fall zu Fall, anhand des jeweiligen konkreten Objekts und nicht pauschal, nicht nach Schema entschieden werden. f ) Sehr große Attraktivität haben Gesamtausgaben, und zwar besonders solche von Autoren, deren Werke bisher nur einzeln bzw. in Auswahl erschienen sind, was bei den weitaus meisten der im Exposé von 1977 genannten Autoren der Fall ist. Eine in diesem Sinne vorzunehmende Erweiterung unseres Projekts ist in Erwägung zu ziehen. Zu beachten ist dabei freilich, dass sich in diesem Zusammenhang unter Umständen die Aufnahme auch belletristischer Texte nicht würde vermeiden lassen. Ein Beispiel: Friedrich Theodor Vischer, der Verfasser einer großen Ästhetik, hat u. a. lyrische Gedichte, einen dritten Teil des Faust und den humoristischen Roman Auch einer geschrieben. Allerdings hat die WB im Falle des Philosophen F. H. Jacobi auf dessen Romane Allwill und Woldemar ihrerseits auch nicht verzichtet – ein für uns gegebenenfalls wichtiger Präzedenzfall. g) Es wäre zu überlegen, die Serie für die WB dadurch interessant zu machen, dass unsererseits eine prominente, zugkräftige Herausgeberschaft präsentiert wird; sei es eine einzelne Gelehrtenpersönlichkeit als Herausgeber des Ganzen, sei es ein aus international renommierten Wissenschaftlern sich zusammensetzendes Herausgeberkollektiv. 398 Teil II h) Der Fortfall des »linken Flügels« würde nicht nur Überschneidungen mit der Produktion anderer Verlage in der DDR vermeidbar machen, sondern käme auch den Interessen des westlichen Kooperationspartners entgegen, im Falle der WB ganz bestimmt. i) Der westliche Kooperationspartner sollte ermuntert werden, eigene Vorstellungen und Wünsche bezüglich des gemeinsamen Projekts an uns heranzutragen. Die Gefahr, dass dies zum Ausgangspunkt ideologische Diversion bei uns werden könnte, ließe sich durch die stark reduzierte Auflagenhöhe bzw. den gänzlichen Fortfall einer DDR-Ausgabe des einen oder anderen Titels ohne weiteres bannen. k) In allen Fällen, in denen Ausgaben von in die Serie aufgenommenen Werken auf dem westlichen Markt zwar längst nicht mehr zu haben sind, aber Rechte westlicher Verlage an den betreffenden Editionen dieser Werke bestehen, kann eine eigenständige Bearbeitung der betreffenden Texte – und beziehe sie sich auch nur auf die Interpunktion oder auf einzufügenden Übersetzungen fremdsprachiger Stellen u. dgl. – eine neue Rechtslage zu Gunsten des Akademie-Verlages schaffen, vorausgesetzt natürlich, dass der betreffende Autor urheberrechtlich generell »frei« ist, was aber auf alle im Exposé aufgeführten bürgerlichen Autoren – und nur die kommen ja jetzt noch in Betracht – zutrifft (der jüngste starb 1927, genau 50 Jahre vor Niederschrift des Exposés). l) Analog zu (k) wäre mit Übersetzungen zu verfahren. Der einzige, bei dem die in Frage kämen, ist – vorläufig – der Däne Georg Brandes. Bei Werken von ihm brauchen, soweit ich sehe, weder Neuübersetzungen angefertigt noch vorhandene Übersetzungen käuflich erworben zu werden (womöglich gar gegen Devisen). Anhand der im – seit Jahrzehnten nicht mehr existenten – Verlag Erich Reiss erschienenen Brandes-Werke habe ich mich davon überzeugt, dass es genügt, in den vorhandenen Übersetzungen orthographische und Interpunktionsfehler auszumerzen, Satzstellungen zu verbessern, Übersetzungen fremdsprachiger Stellen (zum Beispiel bei Vers-Zitaten aus Voltaire) einzufügen usw. – lauter Routineaufgaben für einen Redakteur –, um einen neuen, eigenständigen deutschen Text zu bieten. Die heutige wissenschaftliche Situation in der DDR ist gegenüber der vom Mai 1977, soweit dem für unser Projekt Relevanz zukommt, in zweierlei Hinsicht neu. Einerseits ist, nach dem Erscheinen der Eigenart des Ästhetischen, Georg Lukács in keiner Weise mehr »Unperson«, so dass seine für die Einschätzung der Liberalen des 19. Jahrhunderts paradigmatische Auseinandersetzung mit Friedrich Theodor Vischer (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin, Aufbau-Verlag, 1954, S. 217 f.) wieder Maßstäbe setzen 399Späte Kämpfe kann bei der marxistischen Beurteilung auch der übrigen bürgerlichen Autoren, auf die mein Exposé sich bezieht. Andererseits liegen aus jüngster Zeit Arbeiten von DDR-Wissenschaftlern vor, die zu der Hoffnung Anlass geben, dass wir heute bei der Vergabe von Aufträgen für Einleitungen bzw. Nachworte und bei der Bestellung von Herausgebern auf eine Reihe hochqualifizierter Kräfte zurückzugreifen im Stande sind. Mir ist das insbesondere klar geworden bei der Lektüre des Sammelbandes Kunstperiode. Studien zur deutschen Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts in der Serie Literatur und Gesellschaft des Akademie-Verlages, Berlin, 1982. So hat Peter Weber (a. a. O., S. 7 f.) das bisher als kanonisch geltende Gervinus-Bild Franz Mehrings von Grund auf, und zwar in durchaus prinzipienfest marxistischer Weise, so überzeugend revidiert, dass wir nach einem geeigneten Gervinus-Herausgeber schwerlich noch werden suchen müssen. Unsere editorische Absicht müsste nun freilich mit dem Forschungsprogramm des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der AdW zumindest koordiniert werden, falls es sich nicht sogar empfehlen sollte, dieses Akademie-Institut dafür zu gewinnen, dass es unser Projekt unter seine Fittiche nimmt; eventuell bei bestimmten Autoren und Titeln in Zusammenarbeit mit der Editionsabteilung des ZIPh (da Literatur- und Philosophiegeschichte sich bei Gervinus, Vischer, Strauß, Danzel, Hettner, vor allem Haym, aber auch bei Brandes ebenso wenig voneinander trennen lassen wie bei den von diesen behandelten Themen). Aus den veränderten Umständen und den darauf bezüglichen obigen Überlegungen möchte ich nun, lieber Herr Turley, einige Änderungen der in meinem Exposé von Mai 1977 enthaltenen Vorschläge ableiten: 1) Nachdem die Ausgabe der Gesammelten Werke Ludwig Feuerbachs weit vorangeschritten ist, sollte der Akademie-Verlag ein, zwei oder sogar drei Gesamtausgaben von Vertretern der Hegel-Nachfolge des 19. Jahrhunderts in devisenbringender Kooperation mit der WB in Angriff nehmen und dabei folgende Punkte beachten: a) Grundsätzlich kämen meines Erachtens in Frage: Ruge, Rosenkranz, Vischer, Strauß, Haym, von Kuno Fischer die mehrbändige Geschichte der neueren Philosophie, eventuell noch von Bruno Bauer eine Auswahl der politisch-historischen Schriften (was besonderer Begründung bedürfte, die hier zu weit führen würde). b) Interessant sind: Ruge als politisch-philosophischer Denker mit zeitweiliger Nähe zu Marx und durch seine Beiträge zur Ästhetik, Rosenkranz als Philosophie- und Literarhistoriker, Ästhetiker und Kritiker der Theologie, Vischer als der bedeutendste 400 Teil II Ästhetiker der liberalen Hegel-Nachfolge, Strauß als Bahnbrecher des Junghegelianismus sowie als Verfasser von Werken über Schubart, Hutten, Reimarus u. a., Haym als Autor von bis heute unübertroffenen Standardwerken über Herder, Wilhelm von Humboldt, die Romantische Schule, als Verfasser der zeitgeschichtlich symptomatischen liberalen Abrechnung mit Hegel nach 1848, als hervorragender Essayist, als Begründer und Herausgeber der Preußischen Jahrbücher in deren progressiver Periode und als Historiker der Frankfurter Nationalversammlung von 1848, Kuno Fischer durch die bis heute informativsten, am meisten ins Detail gehenden großen Bio- und Monographien über Bacon, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel und Schopenhauer. c) Sammelausgaben der Werke der genannten Autoren existieren entweder überhaupt noch nicht (Beispiel: Rudolf Haym) oder sind unvollständig, überholt und selbst antiquarisch nicht mehr zu haben (Beispiel: Ruges Gesammelte Schriften in zehn Bänden, 1846–1848, Ruge starb aber erst, nach Veröffentlichung vieler weiterer Werke, 1880). Kuno Fischers Geschichte der neueren Philosophie ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich ein Sonderfall. d) Der Akademie-Verlag könnte mit dem grundsätzlichen Vorschlag derartiger kooperativ herzustellender Editionen an die WB herantreten und dieser zugleich ein Mitspracherecht darüber einräumen, welcher der genannten Autoren zu bevorzugen ist. e) Bei Rosenkranz und Kuno Fischer wäre daran anzuknüpfen, das von ihnen einzelne Werke bei der WB bereits herausgekommen sind (Rosenkranz‘ Ästhetik des Hässlichen und G. W. F. Hegels Leben, Kuno Fischers Schopenhauers Leben, Lehre und Werke, d. h. der letzte Band der Geschichte der neueren Philosophie – siehe Gesamtverzeichnis der WB, Seite 9, 28). Und einen Präzedenzfall dafür, Randfiguren der Philosophie- und Literaturgeschichte mit Gesamtausgaben zu bedenken, hat die WB mit ihrer F. H. Jacobi-Edition (siehe Gesamtverzeichnis, S. 12 f.) bereits selbst geschaffen. f ) Da bei den genannten Autoren aus der Hegel-Nachfolge die Gründe entfallen, die uns bei Feuerbach dazu bewogen haben, auf die Erstdrucke zurückzugreifen, wären die jetzt vorgeschlagenen Gesamtausgaben leichter und schneller, ohne großen Bearbeitungsaufwand, fertig zu stellen: Es brauchten lediglich die Texte letzter Hand, unter Modernisierung von Orthographie und Interpunktion, in neuer, editionsgerechter Zusammenstellung, nachgedruckt zu werden. g) Zur Abfassung der Einleitungen, Anmerkungen usw., zumindest für die DDR-Ausgaben der hier vorgeschlagenen Editionen, wären Mitarbeiter der Zentralinstitute für Philosophie und für Literaturgeschichte der AdW heranzuziehen. Dies gebe zugleich der marxistischen Literatur- und Philosophiegeschichtsforschung in Bezug auf eine 401Späte Kämpfe besonders wichtige Epoche, nämlich auf die Zeit, in der Marx und Engels gelebt und gewirkt haben, neue Impulse. (Maßgeblich für die Beurteilungskriterien: Lukács’ Essay Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer, siehe oben.) 2) Aus dem Exposé vom 5. Mai 1977 sind auf Grund der neuen Überlegungen zu streichen: Die aufgeführten Werke von Carl Justi, Antonio Labriola, Franz Mehring, G. W. Plechanow, G. Lukács, Walter Benjamin, Paul Rilla, Werner Krauss, desgleichen die seinerzeit vorgeschlagenen Einzelausgaben von Werken Fr. Th. Vischers, D. F. Strauß‘ und R. Hayms, falls positiv entschieden werden sollte, von diesen Autoren (erstmalige oder auch neue) Gesamtausgaben zu veranstalten. Sollte es zu dieser Entscheidung jedoch nicht kommen, so würde ich empfehlen, von Vischer zumindest dessen große Ästhetik, von Strauß zumindest dessen Ulrich von Hutten, von Haym zumindest seinen Humboldt, seinen Hegel, seine Romantische Schule und eine Auswahl seiner Aufsätze, möglichst in Kooperation mit der WB, neu herauszubringen. 3) In meinem Exposé von 1977 wird einmal auf die Philosophischen Studientexte des Akademie-Verlags angespielt. Ich glaube heute, dass wir angesichts der Eigentümlichkeit bestimmter Titel, die hochinteressant sind, nicht werden umhin können, unser Projekt teilweise auch auf die Studientexte bzw. auf die Serie des Verlages, die inzwischen an ihre Stelle getreten ist, zu erstrecken. Die Studientexte waren seinerzeit als DDR-Analogon zur Philosophischen Bibliothek des Verlags Felix Meiner gedacht, wobei mitunter (namentlich im Falle Hegels) Rechte von diesem BRD-Verlag – überflüssiger Weise und gegen harte Devisen – übernommen wurden. Ein großer Teil der Produktion der WB würde nun, wie deren Gesamtverzeichnis mir deutlich macht, durchaus sowohl in unseren Studientexten (bzw. in ihrer Nachfolge-Serie) als auch in der Meinerschen Philosophischen Bibliothek am Platze sein. Das legt den Gedanken nahe, nun einmal den Spieß umzudrehen und die WB durch Kooperation mit ihr zum Devisenbringer zu machen mit Hilfe von Studientexten, für die die Rechte beim Akademie-Verlag liegen. Dies nur grundsätzlich. Konkret schweben mir zunächst in diesem Zusammenhang zwei Einzelausgaben vor: a) Die im Exposé nur kurz am Rande erwähnte Geschichte der Ästhetik in Deutschland von Hermann Lotze und, falls eine D. F. Strauß-Gesamtedition nicht zu Stande kommt, b) eine Einzelausgabe von Strauß‘ Der alte und der neue Glaube (1872, mit neuem Nachwort des Autors versehene 4. Aufl., 1873). Beide Werke sind im Gesamtverzeichnis der WB nicht genannt. Über Rang und Bedeutung des ersten Werks braucht kein 402 Teil II Wort verloren zu werden. Das zweite ist deswegen so interessant, weil Marx es von links kritisiert hat (siehe in den Briefen an Engels, MEW, Bd. 35, S. 50 und 83) und Nietzsche von rechts (siehe dessen erste Unzeitgemäße Betrachtung). Strauß‘ Schrift könnte also im Vor- bzw. Nachwort zum Anlass einer einschlägig richtungsweisenden philosophiegeschichtlich-ideologiekritischen Klarstellung genommen werden (an der übrigens mir im Zusammenhang mit meinen Überlegungen zu Nietzsche sehr gelegen wäre). Bei diesen beiden Titeln würde ich es in der Folgezeit jedoch keineswegs bewenden lassen. Ich hätte eine ganze Reihe philosophiehistorischer Editionsvorschläge in petto, die ins Produktionsprogramm der WB ebenso hineinpassen würden wie in unsere Studientexte (bzw. in deren Nachfolge-Serie). 4) In meinem Exposé wird beiläufig Hippolyte Taine erwähnt. Es handelt sich um den Hauptexponenten (wenn nicht sogar Begründer) der so genannten »Milieutheorie« in den Geschichts- und Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts. Auch er ist im Gesamtverzeichnis der WB nicht vertreten und, soweit ich sehe, in der DDR noch nie erschienen (wohl aber, dem Vernehmen nach, in der – um vieles stärker an Frankreich orientierten – VR-Polen). Ich empfehle, zu prüfen, ob Taine überhaupt und, wenn ja, mit welchen Werken für eine Veröffentlichung in der DDR in Betracht kommen kann, und gegebenenfalls der WB einen entsprechenden Kooperationsvorschlag zu unterbreiten. Urheberrechtlich längst freie deutsche Übersetzungen von Hauptwerken Taines gibt es, es sind heute antiquarische Raritäten. 5) Die in meinem Exposee enthaltenen Vorschläge möchte ich heute im Wesentlichen nochmals bekräftigen. Nach Prioritäten befragt, würde ich jetzt antworten: (a) Bei Gervinus dessen Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen (b) Bei Fr. Th. Vischer dessen große Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen (c) Bei D. F. Strauß: Ulrich von Hutten und Der alte und der neue Glaube (d) Bei Th. W. Danzel: Gottsched und seine Zeit (e) Bei Hettner unbedingt alle drei Teile seiner Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts (f ) Bei Rudolf Haym: Die Romantische Schule oder, falls diese in Westdeutschland nach 1945 bereits wieder erschien sein sollte, Hegel und seine Zeit (g) Bei Georg Brandes dessen Hauptströmungen etc. Die genauere Begründung für diese Prioritätensetzung liefere ich nach, sobald über meinen Vorschlag grundsätzlich entschieden ist. 403Späte Kämpfe 6) Zur Beurteilung des Ganzen empfehle ich die Kontaktaufnahme mit den fachlich zuständigen Mitarbeitern des ZIL und ZIPh der AdW, wie ich denn überhaupt glaube, dass diese beiden Institute bei der Verwirklichung des Projekts federführend sein sollten. Das wär‘s. Ich hoffe, lieber Kollege Turley, mit diesen Darlegungen Ihren Erwartungen zu entsprechen. Das Original des Exposés vom 5. Mai 1977 füge ich bei. Im Bedarfsfall werde ich Sie bitten, es mir erneut zu überlassen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Brief an Hermann Turley, Akademie-Verlag26 (27. Oktober 1982) Betrifft: Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit. Mein diesbezügliches Schreiben an Sie vom 14. August 1982 Lieber Herr Kollege Turley! Professor Berthold äußerte zu mir am 9. September dieses Jahres, dass er mit meinen Darlegungen im o. g. Schreiben vom 14. August im Wesentlichen einverstanden sei, und forderte mich auf, die darin enthaltene Prioritätenliste nunmehr Titel für Titel auch zu begründen (Termin: 31. Oktober). In Erfüllung dieses Auftrages möchte ich dazu im einzelnen Folgendes bemerken, ohne jetzt bereits zu jedem der vorgeschlagenen Werke und den speziellen Editionsproblemen, die es jeweils aufwirft, ein regelrechtes Gutachten erstellen zu können. 1) Georg Gottfried Gervinus (1805–1871): Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen in 5 Bänden, Plan veröffentlicht in den Heidelberger Jahrbücher von 1833, 1. Aufl. 1835–1842, 4. Aufl. unter dem Titel Geschichte der deutschen Dichtung, 1853, 26 (AH) 9 Blatt, maschinenschriftlich, 27. Oktober 1982, adressiert an Herrn Dr. Hermann Turley, Akademie-Verlag. Auf die enthaltenen Querverweise auf das Exposé und den Brief vom 14. August (Seitenzahlen und Zeilenangaben) wurde bei der Wiedergabe verzichtet. Nummerierung neu eingeführt, Harich arbeitete mit den gerade genannten Seitenverweisen etc. sowie den Nummerierungen des Briefes vom 14. August. 404 Teil II noch vor dem Tode selbst verfasstes Vorwort zu der 1871–1874 von K. Bartsch herausgegebenen 5. Aufl. Es handelt sich um die überhaupt erste umfassende Gesamtdarstellung der deutschen Literatur (da Kobersteins einschlägiges Werk erst danach und allmählich aus einem ursprünglichen Schulbuch, von 1827, hervor gewachsen ist). Der Verfasser gehört, als einer der Göttinger Sieben (1837), als Begründer der Deutschen Zeitung (1847), als Mann der Frankfurter Paulskirche (1848), als späterer Gegner Bismarcks, zu den gro- ßen Gestalten des Altliberalismus im 19. Jahrhundert. Das Werk, geschrieben in dem Bemühen, stets den Zusammenhang der Dichtung mit der politischen und kulturellen Gesamtentwicklung deutlich zu machen, markiert den Beginn der Literaturgeschichte als Wissenschaft, gerade auch im internationalen Maßstab. All dies genügt bereits, einen Neudruck zu rechtfertigen. Ein solcher wäre aber jetzt auch wissenschaftlich aktuell, nachdem die unter Marxisten seit langem als maßgeblich geltende, überwiegend positive Einschätzung durch Franz Mehring (»der einzige große Versuch, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen«, so die Lessing-Legende, 1893) neuerdings bei uns in Frage gestellt wird (»Gervinus in seinem national-bornierten Altliberalismus, moralisierenden Biedersinn und konservativen Kunstgeschmack geradezu blind für Dichtungen, die problematische Seiten des kapitalistischen Fortschritts reflektieren«, so Peter Weber in Kunstperiode, 1982). Nur wenn der dergestalt umstrittene Text im Original erhältlich – und damit öffentlich überprüfbar – wäre, könnte der Selbstverständigungsprozess über das literaturwissenschaftliche Erbe aus der Enge einer bloßen Expertendiskussion herausgeführt werden, und das anhand einer gewaltigen Pionierleistung, mit der sich auseinander zu setzen die größte prinzipielle Bedeutung hat. Dies gilt sicherlich im Hinblick auf die Aufgabe, das Kulturleben in der DDR zu bereichern. Sollte Gervinus‘ Werk auch im kapitalistischen Teil des deutschen Sprachraums während der letzten Jahrzehnte nicht wieder herausgekommen sein – und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt (WB) hat es bisher offenbar nicht beachtet – , so wäre eine vollständige, philologisch gediegene Edition unzweifelhaft aber auch devisenträchtig. Für Bearbeitung und Herausgeberschaft stehen, so weit ich sehe, uns zumindest zwei sehr sachkundige marxistische Literarhistoriker zu Gebote, deren einschlägige Auffassungen sich zwischen denen von Mehring und P. Weber bewegen: Gotthard Erler 405Späte Kämpfe (siehe die Einführung zu der Gervinus-Auswahl des Aufbau-Verlages, Schriften zur Literatur, Berlin, 1982, S. V-LXXIV) und Rainer Rosenberg (siehe dessen Zehn Kapitel zur Geschichte der Germanistik, Akademie-Verlag, Berlin, 1981, S. 22 f.), ferner, als dritter, der 1959 Mehrings Standpunkt konkretisiert hat, Walter Dietze (siehe Sinn und Form, 11. Jhrg., Heft 3, S. 445 f., Neudruck in: Reden, Vorträge, Essays, Reclam, Leipzig, 1972, S. 200 f.). Erlers Auswahl von 1962 war viel zu begrenzt und ist außerdem, mitsamt der hervorragenden Einführung, seit langem vergriffen. (Nach Beschäftigung mit den genannten Arbeiten Rosenbergs und Erlers stelle ich hiermit meine im Brief vom 14. August 1982 geäußerte Ansicht über P. Weber doch ein wenig in Frage.) 2) Friedrich Theodor Vischer (1807–1887): Ästhetik, Über das Erhabene und Komische. Ein Beitrag zur Philosophie des Schönen, 1837, Plan zu einer neuen Gliederung der Ästhetik, veröffentlicht im Jahrbuch der Gegenwart, 1844, Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen, 1. Aufl., zwei Teile, 1847–1857, dazu Sachregister, 1858. 2. Aufl. in sechs Bänden, ed. Sohn: Robert Vischer, 1922–1923. Obwohl behaftet mit allen Schwächen der liberalen Hegel-Nachfolge, obwohl namentlich den Irrweg zur Psychologisierung der ästhetischen Theorie einschlagend, dennoch das monumentalste Werk dieser Disziplin, hinter das man zurück gehen (Hegel), über das man hinaus gehen (zu Tschernyschewski, zu Marx und Engels, zu Lukács), an dem man jedoch auf keinen Fall vorbei gehen kann. Daher unentbehrlich in einem Land wie der DDR, in dem Kunst und Literatur unter sozialistischem Vorzeichen allseitig gefördert werden und der Entwicklung der Ästhetik, dem Meinungsstreit über ihre Probleme erhebliche Beachtung geschenkt wird. Im Gesamtverzeichnis der WB nicht genannt, so dass bei der Neuherausgabe devisenträchtige Kooperation mit diesem bundesdeutschen Partner als möglich erscheint. Eine kritische Einschätzung des Verfassers vom marxistischen Standpunkt aus liegt vor (Georg Lukács: Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer, in: Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin, 1954, S. 217 f.). Die Erarbeitung einer adäquaten Einführung in Vischers Hauptwerk kann unter diesen Umständen nicht schwer fallen. Ich empfehle, sich an Professor Dr. Wolfgang Heise mit der Bitte zu wenden, einen geeigneten Herausgeber und Bearbeiter zu nennen. 3) Hier möchte ich, nach nochmaliger, etwas gründlicherer Beschäftigung mit David Friedrich Strauß (1808–1874), meinen Vorschlag vom 14. August 1982 jetzt revidieren. Es bleibt dabei, dass, natürlich, Hutten eine sehr wichtige und von uns noch nicht hinreichend gewürdigte Gestalt der Vergangenheit ist, auch hat Strauß‘ Buch über ihn 406 Teil II mich seinerzeit stark beeindruckt. Wenn es sich indes um die Priorität der Neuveröffentlichung irgend eines Straußschen Hauptwerkes bei uns handelt, so würde ich nun doch der Christlichen Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampfe mit der modernen Wissenschaft, 2 Bde., 1840/1841, den Vorzug geben. Das Werk ist – der Titel besagt es – von der Themenstellung her für die bei uns obwaltenden Wissensund Bildungsbedürfnisse am interessantesten – interessanter noch als das berühmte Leben Jesu. Es stammt aus Strauß‘ radikalster Phase (in seine Gesammelten Schriften hat er es daher, laut letztwilliger Verfügung, nicht wollen aufnehmen lassen), und als »Fund«, als »Ausgrabung« dürfte es für die Kooperation mit der WB unbedingt einen »Knüller« darstellen. In hohem Maße käme eine Neuveröffentlichung auch der Forderung entgegen, die, im jüngsten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, 9, 30. Jhrg., 1982, S. 1077, Wolfgang Förster vom ZIPh der AdW erhoben hat, indem er bemängelte, dass in der DDR »Studien zum Verhältnis von Philosophie und Theologie nahezu überhaupt fehlen«, woran er die Bemerkung knüpft: »Engels verwies bekanntlich darauf, dass die Ausbreitung der protestantischen Religion in den deutschen Territorien die Ausbildung einer außerordentlich breiten und differenzierten Religionskritik zur Folge gehabt habe.« Eine marxistische Einführung in das genannte Werk von D. F. Strauß gäbe hier sicher Gelegenheit, diese Lücke in unserem philosophiehistorischen Schrifttum ausfüllen zu helfen. Ich empfehle, etwa bei Martin Robbe anzufragen, wer als Herausgeber und Bearbeiter in Betracht käme. (Postulat Försters siehe a. a. O., S. 1091.) Dagegen halte ich mein Vorschlag vom 14. August aufrecht, von D. F. Strauß außerdem, und zwar im Rahmen der philosophiegeschichtlichen Studientexte des Akademie-Verlags, die Schrift Der alte und der neue Glaube, von 1872, herauszubringen. Nützlich erschiene mir dies aus zwei Gründen: Einerseits handelt es sich um den, meines Wissens, im bürgerlich-liberalen Lager des 19. Jahrhunderts einzigen Fall, dass ein junghegelianischer Religionskritiker aus den dreißiger Jahren, und zwar der Initiator des Junghegelianismus schlechthin, gegen Ende seines Lebens noch den Darwinismus zur Stützung seiner antitheologischen Position heranzuziehen versucht hat und dabei, wohl in Vorausahnung sozialdarwinistischer Gefahren, Bildungswerte und Moral vor falscher Verallgemeinerung dieser wissenschaftlichen Errungenschaft, und sei es durch noch so brüchige und spießige Argumente, retten wollte. Zum anderen ist die genannte Schrift von Strauß sowohl von Karl Marx als auch von Friedrich Nietzsche unmittelbar nach ihrem Erscheinen scharf angegriffen worden, was nun die Gelegenheit bietet, in der Einleitung an einem ganz konkreten und besonders einleuchtenden Beispiel, wegwei- 407Späte Kämpfe send für künftige marxistische Nietzsche-Forschung, zu zeigen, worin Kritik von links und Kritik von rechts an der liberalen Ideologie sich unterscheiden, was eigentlich die Kriterien ihres Gegensatzes sind. Ich wäre stark interessiert daran, die Herausgabe dieses Bandes, mit entsprechender Einleitung, im Zuge meiner derzeitigen Nietzsche-Studien selbst zu übernehmen und, eventuell, auch die Einleitung als Vorabdruck in Sinn und Form zu veröffentlichen. 4) Theodor Wilhelm Danzel (1818–1850): Gottsched und seine Zeit, 1848. Franz Mehring und Paul Rilla haben auf Danzels Erbe so eindringlich hingewiesen, dass wir es, meine ich, diesen Urvätern der Literaturgeschichtsforschung in der DDR einfach schuldig sind, uns der wichtigsten Werke des tragisch früh vollendeten Ästhetikers und Literarhistorikers aus der Zeit des Vormärz und der Achtunvierziger Revolution anzunehmen und sie bei uns neu herauszubringen. Da nun die beiden genannten Marxisten über Lessing selber bedeutende Bücher geschrieben haben (Die Lessing-Legende von 1893, Lessing und sein Zeitalter von 1954), erscheint es wohl als ratsam, eine Neuver- öffentlichung von Danzels grundlegendem Werk G. E. Lessing, Bd. 1, 1850, Bd. 2, ed. Guhrauer, 1854, zunächst noch hinauszuschieben und dafür, vorläufig, einer seiner anderen Schriften Priorität zuzuerkennen. Unter diesen anderen aber ist sein Gottsched-Werk rein thematisch für uns sicher am ergiebigsten, weil es an angemessener Einschätzung sowohl von Goethes Spinozismus (hierüber Danzel, 1843) als auch der Ästhetik der Hegelschen Philosophie (Danzel, 1844) in der DDR nicht mangelt, wohingegen Gottsched hier relativ noch »terra incognita« geblieben ist. Zu der Tatsache, dass es sich bei Gervinus und Danzel um komplementäre Erscheinungen der klassischen bürgerlichen Literaturwissenschaft handelt, um Autoren, deren Vorzüge und Fehler sich wechselseitig erhellen und ausgleichen, vgl. außer den einschlägigen Passagen in Mehrings Lessing-Legende besonders Rainer Rosenberg, a. a. O., S. 74–76. Wo Gervinus neu herausgebracht wird, da sollte, möglichst simultan, mit Danzel ebenso verfahren werden, und umgekehrt. Wegen Herausgeberschaft und Bearbeitung empfehle ich, bei Gotthard Erler, Jürgen Jahn und Rainer Rosenberg anzufragen. 5) Hermann Hettner (1821–1882): Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Hettners historisches Verdienst bleibt es, über Gervinus, Danzel und R. Haym hinaus den entscheidenden, bahnbrechenden Schritt zur Internationalisierung des Gegenstandsfeldes deutscher Literaturgeschichtsschreibung getan zu haben. (Siehe z. B. R. Rosenbergs gleichlautende Feststellung, a. a. O., S. 26, von ihm bereichert um den wichtigen Gedanken, dass, zugleich, erst auf diese Weise »die Deutschen als eine Franzosen und 408 Teil II Engländern ebenbürtige große Literaturnation ausgewiesen« worden seien.) Danach ist es schwerlich zu begreifen, warum eigentlich der England- und der Frankreich-Teil von Hettners Hauptwerk weder von vornherein (1961) noch bis auf den heutigen Tag (2. Aufl., 1981) in die DDR-Ausgabe mit einbezogen worden. Hier tut dringend Abhilfe not. Herausgeber und Bearbeiter des ganzen Werkes: Selbstverständlich auch wieder Gotthard Erler, eventuell unter Heranziehung je eines marxistischen Anglisten und Romanisten für den ersten und zweiten Teil. Kooperation von Aufbau- und Akademie-Verlag und, in der BRD, WB. Vorbesprechung des Projekts mit Gotthard Erler, Jürgen Jahn und Rainer Rosenberg. 6) Rudolf Haym (1821–1901): Wahlweise Die Romantische Schule (1870) oder, falls dieses Werk in Westdeutschland nach 1945 wieder erschienen sein sollte, Hegel und seine Zeit (1857). Pflege und Wiederbelebung des Erbes von Rudolf Haym liegen mir besonders »am Herzen«, nachdem ich bereits 1954 mit der Herausgabe seiner großen, zweibändigen Herder-Biographie (von 1877–1880) einen Anstoß zur Nutzung progressiver bürgerlicher Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts in der DDR gegeben habe. Meine damalige Einleitung ist ein Jahr später, in erweiterter Form, als Buch erschienen (Rudolf Haym und sein Herderbuch, Berlin, 1955). Darin habe ich ausführlich dargelegt, wieso, nach meiner Überzeugung, Haym und Hettner unter den liberalen bzw. bürgerlich-demokratischen Literarhistorikern jener Zeit für uns am lehrreichsten und ergiebigsten sind – eine Anregung der Hettner-Editionen von Jürgen Jahn (1959) und Gotthard Erler (1961) – , und habe in diesem Zusammenhang die speziellen Vorzüge Hayms aus seiner Übergangsstellung zwischen Hegel und Gervinus auf der einen und dem Positivismus der Scherer-Schule auf der anderen Seite abgeleitet (siehe mein genanntes Buch, a. a. O., S. 17 f.). Die damalige Argumentation brauche ich hier nicht noch einmal zu wiederholen. Hinzugefügt sei nur, dass es bei Haym, wie bei Hettner, noch keine spezialistenhaft bornierte Trennung von Literatur- und Philosophiegeschichte gab und dass Hayms Kenntnis zumal der deutschen Philosophie (von Leibniz bis Hegel, Schopenhauer, Feuerbach, Eduard von Hartmann) die von Hettner weit überragt. Im Hinblick darauf und auch aus weiteren Gründen neige ich zu der Ansicht, dass unter den liberalen Philosophie- und Literarhistorikern des 19. Jahrhunderts am ehesten Haym Neuausgaben seines gesamten Lebenswerks in der DDR verdient hätte. Geradezu Bewunderung hege ich überdies für Haym als Prosa-Stilisten. 409Späte Kämpfe Hayms Romantische Schule hat die frühe deutsche Romantik (Tieck, Wackenroder, die Brüder Schlegel, Novalis, Schleiermacher, Schelling usw.) zum Gegenstand und enthält auch ein Kapitel über Hölderlin. Das Buch ist ungeheuer instruktiv und steht dabei den behandelten Dichtern und Denkern, so sehr es ihre Talente zu schätzen weiß, mit starken kritischen Vorbehalten gegenüber, und eben das macht es für uns aktuell wertvoll, nachdem sich seit der Mitte der siebziger Jahre eine nicht geringe Anzahl von Intellektuellen der DDR zu einer viel zu positiven Haltung zur Romantik verstiegen hat. In der Abwehr damit verbundener Verirrungen könnte Haym die Rolle eines exzellenten Verbündeten spielen. Nun ist aber Die Romantische Schule Hayms ein Standardwerk solchen Ranges (3. bis 5. Aufl., ed. O. Walzel, 1914–1925), dass es mich sehr erstaunen würde, wenn es nach 1945 noch keine Neuedition des Buches im Westen, freilich nicht bei der WB, gegeben haben sollte. In der Annahme, dass eine solche bereits existieren dürfte, schlage ich daher als – unter den zu vermutenden Umständen – devisenträchtigere Alternative vor, zunächst, in Kooperation mit der WB, eine neue Ausgabe von Rudolf Hayms Hegel und seine Zeit (1857) zu veranstalten. Die Auseinandersetzung mit diesem Werk käme der Hegel-Forschung in der DDR außerordentlich zustatten, weil diese, soweit ich sehe, sich mit der liberalen Kritik an Hegel bisher noch keineswegs konkret befasst hat, einer Kritik, die, aus der Sicht der Revolutions-Niederlage von 1848/1849 und unter dem deprimierenden Eindruck der ihr nachfolgenden Reaktionsperiode, am reifsten, niveauvollsten, interessantesten eben von Rudolf Haym formuliert worden ist. (Nähere Kennzeichnung des Hegel-Bildes von Haym in meinem o. g. Buch, a. a. O., S. 38–41, 68 f., 92–94.) An der Aufgabe, Rudolf Hayms Hegel und seine Zeit neu herauszugeben, mit einer Einleitung zu versehen und zu kommentieren, wäre ich selbst interessiert, vorausgesetzt, der Akademie-Verlag entscheidet sich für diese von mir genannte Alternative zur Romantischen Schule, welch letzteres Werk jedoch – zugegebenermaßen – für die Bildungsbedürfnisse in der DDR – und für einen breiteren Leserkreis – noch wichtiger wäre. Eine Einleitung zur Romantischen Schule Hayms schreiben zu wollen, liegt mir indes gänzlich fern. Ich möchte nur dringend dazu raten, dass der Verlag, falls er sich für dieses Projekt entscheiden sollte, zum Herausgeber und Verfasser der Einleitung einen Literaturwissenschaftler wählt, der zu der bei uns leider zu verzeichnenden Romantik-Renaissance in gebührend kritischer Distanz steht und nicht etwa Haym gerade dort tadelt, wo wir gut daran täten, auf ihn als Verbündeten zurückzugreifen. 410 Teil II 7) Georg Brandes (1842–1927): Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, im dänischen Original, 6 Bde., 1872–1890, deutsch, 1872 f., neu bearbeitete Ausg. 1924. Der jüngste der liberalen Literarhistoriker der Vergangenheit, auf die ich aufmerksam machen möchte, ist, nicht zufällig, auch der problematischste, der am meisten schillerndste. Hervorstechendster Charakterzug des dänischen Ästhetikers, Kritikers, Historikers und Literaturwissenschaftlers Cohen, der sich Brandes nannte, war seine Leidenschaft, sich für »alles Neue« einzusetzen. Das machte ihn zum einflussreichsten Vorkämpfer des »Gjennembrud« (»Durchbruchs«), dem die skandinavischen Literaturen ihren unerhörten Aufschwung, ihren Weltruhm zu verdanken hatten, das ließ ihn zum Anreger Ibsens, Strindbergs, J. P. Jacobsens und vieler anderer werden, das verstrickte ihn in polemische Fehden mit Akademismus und erstarrter Epigonenromantik, die seine Anstellung als Universitätsprofessor in Kopenhagen verhinderten, was seine Übersiedlung nach Deutschland (von 1877 bis 1883) zur Folge hatte. Das konnte jedoch, in dem Maße, wie die Entwicklung sich dem Übergang zur imperialistischen Periode näherte, unter Umständen auch dazu führen, dass Brandes sich für durchaus reaktionäre Erscheinungen begeisterte, vorausgesetzt, sie imponierten ihm durch Originalität. Um die Widersprüchlichkeit seiner Position ganz kurz zu kennzeichnen, genügt es, darauf hinzuweisen, dass Brandes auf der einen Seite Pionier der Frauenemanzipationsbewegung gewesen ist und andererseits als erster ausländischer Gelehrter propagierende Vorlesungen ausgerechnet über Nietzsche gehalten hat. Ich bin nichtsdestoweniger der Ansicht, dass bei Brandes die positiven Qualitäten überwiegen, dass er vor allem Marxisten, wenn die mit ihrer Methodologie an seine Ergebnisse kritisch herangehen, sehr viel zu geben hat. Um auch hierfür nur ein Beispiel zu nennen, war er der erste Goethe-Biograph, der die Briefe an Frau von Stein als Werk, als »gesteigerten Werther«, würdigte, der erste auch, der weder dem Faust noch dem Wilhelm Meister gesonderte Kapitel widmete, sondern deren Interpretation durch alle Lebensphasen des Dichters zu führen wusste. Er schreibt klar, einfach, ohne jeden Schwulst. Er versteht es, Literatur lebendig zu machen. Seine Bücher funkeln von Witz und Ironie. Er gewinnt dem Anekdotischen charakterisierende Bedeutung ab und benutzt es als Vehikel der Popularisierung, ohne dabei flach zu werden. 411Späte Kämpfe Am Liebsten sähe ich, wenn drei der großen Monographien Brandes‘ bei uns neu erschienen: Sein Shakespeare (1895 f.), sein Goethe (1915) und sein Voltaire (1916/1917), die letzteren beiden zugleich als Kampfschriften gegen den Ersten Weltkrieg, als Beiträge zur Aussöhnung von Deutschen und Franzosen gedacht. Michelangelo (1921) und Julius Cäsar (1924) dürften problematischer sein (auch sie sollte man prüfen). Wenn jedoch überhaupt Brandes‘ Erbe bei uns bekannt gemacht und öffentlich diskutiert werden soll – und darüber müsste die kollektive Meinung des ZIL und des ZIPh der AdW eingeholt werden (so, wie ich das in meinem Schreiben vom 14. August empfohlen habe) – , dann wäre selbstredend mit dem chef d‘oeuvre dieses Autors, eben mit den Hauptströmungen etc., die Literaturgeschichte ja nicht nur behandeln, sondern sie, was den skandinavischen Kulturraum betrifft, förmlich auch erweckt, mitgestaltet – um nicht zu sagen: »gemacht« – haben, zu beginnen und damit, in der Einleitung, eine differenzierende kritische Würdigung der Gesamtgestalt des Verfassers vom marxistischen Standpunkt zu verknüpfen. Ich selbst würde mich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen – um so weniger, als mich derzeit das Nietzsche-Studium in Anspruch nimmt – glaube aber, dass das ZIL dank seines weltliterarischen Orientiertseins im Stande wäre, sie, vielleicht auf dem Wege der Kollektivarbeit, in Angriff zu nehmen. Denn die Schwierigkeit bei Brandes besteht darin, dass man, um ihm gerecht zu werden, sich nicht nur mindestens in der englischen, französischen und deutschen Literatur und Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts auskennen, sondern auch über die Entwicklung der skandinavischen – und speziell dänischen – Gesellschaft und Kulturszene zu Brandes‘ Lebzeiten informiert sein muss. Brandes ist übrigens im deutschen Sprachraum zuletzt von Erich Reiss, Berlin, verlegerisch betreut worden, einem Verlag, der schon vor 1933 eingegangen und nach 1945 nicht wieder begründet worden ist. Die hier erschienenen Brandes-Ausgaben wimmeln von Schlampigkeit in Rechtschreibung und Zeichensetzung und, offenbar ohne sinnentstellende Übersetzungsfehler aufzuweisen, von stilistisch ungeschickten Satzstellungen. Anhand des Voltaire habe ich dies bis ins Detail nachgeprüft. Gerade in diesem Werk finden sich auch zahlreiche fremdsprachige Zitate, denen keine deutschen Übersetzungen beigegeben wurden. Das alles bedeutet, dass wir bei Brandes um eine eigenständige Textbearbeitung wohl nicht herumkommen dürften. 8) Nachtrag zu Punkt 6: Rudolf Haym. Erst heute, nach Abschluss des vorstehenden Exposés, konnte ich ausfindig machen, dass Rudolf Hayms Hegel und seine Zeit (1857) Jahrzehnte nach dem Tode des Verfassers, in den Jahren der Weimarer Republik, 1927 412 Teil II von Hans Rosenberg neu herausgegeben worden ist und dass von dieser Edition 1962 eine zweite Auflage in der BRD veranstaltet wurde. Das beeinträchtigt die Aussicht, mit diesem Werk – via Kooperation mit der WB – ein Devisengeschäft machen zu können. Außer dem Hegel, der Romantischen Schule und dem – in der DDR schon erschienenen – Herder hat Rudolf Haym an Werken, die für uns von hohem Interesse wären, über Wilhelm von Humboldt (1856) und, zwischen 1858 und 1873 für die Preußischen Jahrbücher, glänzende Essays über Ulrich von Hutten, Schiller, Ernst Moritz Arndt, Macaulay, Fichte, Varnhagen von Ense, Schopenhauer und Eduard von Hartmann verfasst. Nachdruck des Schopenhauer-Essays in der DDR, 1955.27 Eine Auswahl der gesammelten Aufsätze und Essays von Haym ist zuletzt 1903 erschienen. Von der Humboldt-Biographie hat es weder zu Lebzeiten des Verfassers eine zweite Auflage noch, soweit ich feststellen konnte, später einen posthumen Neudruck geben. Ein solcher wäre nach 126 Jahren, bei allen Mängeln des Werks (namentlich die Unterschätzung der Wandlungen Humboldts in Paris und Rom), wohl fällig. Ich stelle anheim. Mit freundlichen Grüßen Ihr Brief an Udo Bermbach28 (25. Januar 1985) Sehr geehrter Herr Professor! Haben Sie vielen Dank für die freundliche und ehrenvolle Einladung, an Ihrem Lukács-Symposion im November dieses Jahres in Hamburg teilzunehmen. Aus Gesundheitsrücksichten halte ich es für besser, abzusagen. Wegen eines Herzleidens – Zustand nach Doppelbypass 1975 – bin ich invalidisiert. Mein Befinden ist an sich zwar gut, so dass ich durchaus auch, unter der Bedingung sehr freier Zeiteinteilung, noch etwas leisten kann. Aber ich leide immerhin an paroxysmalen Tachykardien, bereits im Vorfeld derartiger Veranstaltungen, sobald nur meine Phantasie um sie zu kreisen beginnt, und muss unbedingt auch die Gegenwart von Rauchern meiden, wobei es mir immer äußerst unangenehm ist, wenn ich besonders Gelehrte, Schrift- 27 (AH) Den Band hatte Harich herausgegeben, Abdruck seines Vorwortes in diesem Band (unter dem Titel Einleitung in die Schopenhauer-Kritiken). 28 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 25. Januar 1985, adressiert an »Professor Dr. Udo Bermbach«, Adresse der Universität Hamburg. 413Späte Kämpfe steller usw. darum bitten muss, meinetwegen das Rauchen zu lassen, was die dann stets entnervt. So habe ich auch eine Einladung zum Philosophenkongress der DDR, der im Oktober 1984 in Berlin stattfand, abschlägig beschieden und neulich auch Herrn Professor Mittenzwei eine Absage erteilt, als der mich dazu aufforderte, im April zusammen mit ihm, Hermlin, Hacks und Weimann an einer Podiumsdiskussion über Lukács in der Akademie der Künste der DDR teilzunehmen. Nun wäre es vollends unmöglich, wenn ich plötzlich gesund genug wäre, Lukács im Westen zu ehren. Zu dem gesundheitlichen Grund meiner Absage kommt also das politische Takt- und Stilgefühl noch hinzu. Ich bitte Sie, dafür Verständnis aufzubringen. Wenn ich mir ein Wort der Kritik erlauben darf, so finde ich an dem vorläufigen Plan des Symposions zu beanstanden, dass die Proportionen zu Gunsten des unreifen, weit überschätzten quasi-marxistischen Frühwerks Geschichte und Klassenbewusstsein und auf Kosten des um Vieles bedeutenderen riesigen Alterstorsos (Eigenart des Ästhetischen, Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins), das gründlicher und mit mehr Zeitaufwand zu behandeln wichtig wäre, verschoben sind. Dass es mir am Herzen liegt, diese Kritik zu äußern, werden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sage, dass ich an einer auf zwei Bände veranschlagten Arbeit über Nicolai Hartmann sitze, der ich den Rest meines produktiven Lebens widmen will, und wenn Sie bedenken, wie sehr der ganz späten Lukács durch diesen großen deutschen Denker – den größten im 20. Jahrhundert – inspiriert war. Die Arbeit über Hartmann fordert im Übrigen – und nun kommt der letzte, nicht schlechteste, Grund für meine Absage – meine volle, ungeteilte Konzentration, so dass es mir schwerfiele, mich vom Schreiben los zu reißen, um Gyuri-Báscis29 wegen eine volle, anstrengende Woche lang in Hamburg zu schwadronieren. Haben Sie, bitte, auch dafür Verständnis. Mit freundlichem Gruß, auch an Herrn Professor Benseler, und allen guten Wünschen für das Gelingen des Lukács-Symposions verbleibe ich Ihr 29 (AH) Im Ungarischen wird ein »básci« oft von Kindern an männliche Vornamen angehängt, übersetzen lässt es sich mit »Onkel«, die Passage meint also »Onkel Georg«. 414 Teil II Brief an Stefan Dornuf30 (05. November 1985) Lieber Herr Dornuf! Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 14. Oktober 1985. Ja, auch ich habe zu dem Lukács-Bloch-Kolloquium, das Ende November in Mailand stattfinden wird, eine Einladung erhalten, habe aber in einem Schreiben an das Centro di Iniziativa usw. meine Teilnahme inzwischen längst abgesagt, mit der Begründung, dass derartige Veranstaltungen mir Tachykardien zu verursachen pflegten, die mir gesundheitsschädlich seien; dass ich an einer keine Unterbrechung duldenden größeren Arbeit säße; dass ich aber auch, nachdem Einladungen aus der DDR und der BRD zu Kolloquien zum selben Thema von mir aus eben diesen Gründen abschlägig beschieden worden seien, nun nicht plötzlich nach Mailand doch fahren könne, ohne mich bei den deutschen Veranstalter unmöglich zu machen. Sollte mein Absagebrief in Mailand nicht eingetroffen sein, so wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie dem Centro usw. die Motive meines Fernbleibens plausibel machen würden. Ihre Sendung war mir im Übrigen für meine eigene Arbeit sehr interessant, und zwar in Bezug auf die Wirkungsgeschichte Nicolai Hartmanns. Lukács’ gesamtes Alterswerk ist von seiner Nicolai-Hartmann-Rezeption durchdrungen. Diese hat auf seine Ästhetik und seine Gesellschaftsontologie viel stärker eingewirkt, als die unmittelbaren Bezugnahmen erkennen lassen, und viel spricht dafür, dass sie auch seine Ethik, wäre die noch zu Stande gekommen, beeinflusst haben würde; allein schon die Ausführungen über Wertkonflikte in dem Essay über Minna von Barnhelm, von 1963, lassen daran kein Zweifel. Ja, nicht nur das: Wenn Lukács – wie ihm dies Narski vorgeworfen hat – sich hinsichtlich der Ontologie der Natur auf nur wenige sehr allgemeine Bemerkungen beschränkt, so nicht, weil er ihre Unerlässlichkeit verkannt hätte, sondern deshalb, weil ihm die kritische Einbeziehung aller wesentlichen Aussagen von Hartmanns Philosophie der Natur in den dialektischen Materialismus als die verhältnismäßig unproblematischste, am leichtesten zu bewerkstelligende Aufgabe erschienen ist, die er ohne weiteres anderen glaubte überlassen zu können. Und mit Recht: Nicolai Hartmann kommt in der Tat in seiner Philosophie der Natur dem Diamant sehr nahe. 30 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 05. November 1985, adressiert an Dornufs Privatadresse in Hagen. 415Späte Kämpfe An Lukács’ Nicolai-Hartmann-Rezeption nehmen nun zwei Parteien Anstoß: Eine ultralinke, dogmatisch-sektiererische, die am extremsten der schmähsüchtige Faselhans Wilhelm Raimund Beyer vertritt, und eine rechte, revisionistische, deren Exponenten Ágnes Heller und Ferenc Fehér sind. Es fällt schwer, dem, was Beyer von sich gibt, einen – wie Hartmanns es ausgedrückt hätte – »Rest haltbaren Sinnes abzugewinnen«. Doch es gibt da einen solchen Rest. Denn aus Unkenntnis des gnoseologischen Hauptwerks von Hartmann, der Metaphysik der Erkenntnis (von 1921, 2. Aufl. 1925), nimmt der späte Lukács zur Erkenntnistheorie eine extrem abwertende Haltung ein, die mehr seiner Neigung, die Liquidation der eigenen idealistischen Jugendsünden, aus Geschichte und Klassenbewusstsein, zu übertreiben, entgegenkommt, als dass sie von den Problemen her geboten wäre. Hier übertreibt Beyer seine Kritik an dieser Übertreibung. Und dahinter erhebt sich neben weiteren untergeordneten Fragen noch eine von zentralem Rang, die auch besonnenen, sachlicher urteilenden Gegner sowohl Hartmanns wie des späten Lukács aus Besorgnis um die Unverfälschtheit der Marx-Leninschen Lehre zu schaffen macht: Die Frage, ob nicht jede Ontologie, selbst die rationellste, indem sie mit dem Begriff des Seins über den der Materie hinaus zu einem noch höheren, einem letzten Allgemeinen aufsteigt, sich eo ipso gegen den Materialismus stellt und schon aus dem Grunde nur idealistisch sein kann. In dieser Frage fassen sich linke Berührungsängste, genährt von Reminiszenzen an das Hegelsche, das Dühringsche, das neothomistische und, wahrlich nicht zuletzt, ans existenzialphilosophische Sein, zusammen. In meinem Buch will ich versuchen, sie behutsam abzubauen. Aber in einem Punkt wird das halt nicht gehen: Hartmann ist darin ein quasiplatonischer Idealist, dass er außer dem realen noch ein ideales Sein (der mathematischen Gebilde, der logische Gesetzlichkeit und der ethischen bzw. ästhetischen Werte) kennt. Doch dies hat niemand schärfer gesehen und unnachsichtiger kritisiert als eben – Lukács. Es bedürfte dazu des Thersiten Beyer nicht. (Homer haben Sie doch gelesen?) Nun zur anderen Partei. Das sind einfach Heideggerianer und obendrein Kriminelle, Leichenfledderer. Ich erkläre mich näher. Wie alle seine größeren Werke hat Lukács auch die Ontologie des gesellschaftlichen Seins in deutscher Sprache verfasst. Der ungarischen Ausgabe ist ein Vorwort des Übersetzers Istvan Eörsi vorangestellt. Eörsi behauptet darin, Lukács hätte kurz vor seinem Tode mit seinem letzten Werk Unzufriedenheit geäußert und in dem Zusammenhang bedauert, Nicolai Hartmann überbewertet zu haben. Irgendein Dokument, das dies bestätigen würde, existiert nicht, und Lukács’ nächste Familienangehörige erklären das Gegenteil für richtig. Lukács’ 416 Teil II Stiefsohn, Professor Ferenc Janossy, ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler – den Eörsi erst in der Sterbestunde von Lukács kennen lernte (siehe Gelebtes Sterben, in: Revolutionäres Denken. Georg Lukács. Eine Einführung in Leben und Werk, ed. F. Benseler, Darmstadt und Neuwied, 1984, S. 50–61) – Janossy also versichert, dass Lukács über Nicolai Hartmann immer nur mit großer Hochachtung gesprochen und dass sich daran Zeit seines Lebens nichts mehr geändert habe. Von einem Teil seiner Schüler sei dies aber missbilligt worden. Namentlich Ágnes Heller und Ferenc Fehér hätten, vergebens, versucht, Lukács dazu zu überreden, in puncto Ontologie eine Überlegenheit Heideggers anzuerkennen. Dem widerstrebend und in der Absicht, diesen Schülern den eigenen Standpunkt besser verständlich zu machen, habe Lukács vor der Inangriffnahme seiner geplanten Ethik – aus der dann nichts mehr wurde – die Prolegomena zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins geschrieben, und über dieser Arbeit sei er dann gestorben. Nur der chaotischen Form der unter wachsenden Altersbeschwerden zu Papier gebrachten Prolegomena habe seine Unzufriedenheit gegolten, nicht der Ontologie als solcher und auch nicht seiner eigenen Affinität zu Nicolai Hartmann. Und von wem hat Eörsi die »Information«, auf die seine anderslautende Auskunft sich stützt? Dreimal dürfen Sie raten! Ausgangspunkt der Differenzen mit den genannten Schülern war – ich habe es nachgeprüft – eine unterschiedliche Auffassung des Alltagsbewusstseins. Während Lukács hier von der Analyse der »emotional-transzendenten Akte« inspiriert ist, wie Hartmanns sie, unter scharfer Polemik gegen Heidegger, im dritten Teil seines Werkes Zur Grundlegung der Ontologie darlegt, sucht Frau Heller in ihren thematisch einschlägigen Arbeiten gerade Heideggers Befunde über Alltäglichkeit in die marxistische Gesellschaftstheorie einzubringen. Doch Lukács behandelt das Alltagsbewusstsein bereits in seinem Riesenwerk Die Eigenart des Ästhetischen, von 1963, in Anlehnung an Nicolai Hartmann. Seine etwaige Abkehr von diesem, wäre sie wirklich erfolgt, hätte sich also in erster Linie hierauf beziehen müssen, und das heißt, die ihm unterstellte Selbstkritik hätte nicht nur die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, sondern sein spätes Schaffen insgesamt betroffen. Von daher klingt Eörsis aus zweiter Hand bezogene Mitteilung besonders unseriös. Da seine Informanten Heller und Fehér heißen, ist er einer Lüge aufgesessen, mit deren Hilfe die »Budapester Schule« ihren – angeblichen oder tatsächlichen – Begründer auch dort noch für sich mit Beschlag belegt, wo sie sich theoretischen am weitesten von ihm entfernt. 417Späte Kämpfe Und nun bedenken Sie mal, was das philosophiehistorisch und politisch bedeutet. Als der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker, ein Mann, der die Deutsche Demokratische Partei in der SPD-geführten Regierung Braun-Severing vertrat, 1929 Nicolai Hartmann von Köln nach Berlin holen wollte, wäre das um ein Haar an zwei Klippen gescheitert: Die Fakultät lehnte Hartmann ab, weil ihr der Neukantianer Cassirer oder, wahlweise, der Neopositivist Schlick lieber gewesen wäre, und Beckers Nachfolger im Amt, Adolf Grimme, zog, wohl dem modischen Trend zu Liebe, Heidegger vor. Und nur weil Heidegger 1930 Berlin verschmähte, kam Hartmanns Berlin-Berufung zu Stande. Und dann kam Hitler zur Macht. Jetzt wollten die Nazis Heidegger, als den »Führer der deutschen Philosophie«, in die Reichshauptstadt haben. Aber wieder machte Heidegger nicht mit – beim zweiten- wie beim ersten Mal aus heimattümelnden Gründen, »um an der alemannische Scholle haften zu bleiben«; sein Hinterwäldlerimage war ihm das Wichtigste. Zwischen beiden Berufungen liegt Heideggers Freiburger Rektoratsrede von 1933. Die konnte Grimme noch nicht kennen. Für den Nazikultusminister Rust war sie das Motiv der zweiten Berufung. Begreifen Sie, lieber Herr Dornuf, in welcher Traditionslinie Frau Heller steht, wenn sie den Kampf contra Hartmann, pro Heidegger in die heutige Diskussion um Lukács hinein fortsetzt – unter Schändung der Lukácsleiche? Wenn Sie in Ihrem Brief an mich bekennen, »hier ganz und gar nicht kompetent zu sein«, jetzt sind Sie es, hoffe ich, ein bisschen doch. Und H. H. Holzens Buch Dialektik und Widerspiegelung würde mich interessieren. Herzliche Grüße, auch an Kofler (dem Sie diesen Brief, wenn Sie mögen, ruhig zu lesen geben dürfen) von Ihrem Brief an Siegfried Rönisch31 (11. Mai 1986) Sehr geehrter Herr Rönisch! Zum Abdruck in den Weimarer Beiträgen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt übersende ich Ihnen in der Anlage meinen Artikel Mehr Respekt vor Lukács! Ich wäre Ihnen 31 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 11. Mai 1986, adressiert: An die Zeitschrift »Weimarer Beiträge«, z. Hd. Herrn Siegfried Rönisch, Chefredakteur. 418 Teil II verbunden, gäben Sie mir bald Bescheid, ob Sie ihn brauchen und wann Sie ihn bringen können. Aufmerksam machen möchte ich Sie darauf, dass ich kein Honorar beanspruchen darf. Die 400,- M, die mir, als Invalidenrentner, hinzu zu verdienen erlaubt sind, erhalte ich monatlich aus dem Kulturfonds. Der Aufbau-Verlag müsste das Honorar also entweder einbehalten oder auf das Konto des Kulturfonds (Kontodaten etc., hier weggelassen, AH) überweisen. Mir wäre mitzuteilen, wie verfahren wurde. Großen Wert lege ich auf die Möglichkeit, Korrektur zu lesen. Mit freundlichen Gruß * * * * * (AH) Die verschiedene Briefe zwischen Harich und Rönisch konnten leider, bis auf eine Ausnahme, nicht gefunden werden. Rönisch gab das Ersuchen Harichs sofort »nach oben« weiter – und zwar an Gregor Schirmer (zwischen 1977 und 1989 stellvertretender Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK der SED). Dieser schrieb am 23. Mai an Kurt Hager: »Harich hat einen ziemlich links und polemisch angelegten Artikel bei den Weimarer Beiträgen eingereicht. Bei Abwägung aller Umstände sollten wir ihn ohne Teil I und bei Glättung einiger ›Verbalinjurien‹, die ich angestrichen habe, veröffentlichen, zumal Harich in Sachen Nietzsche und Bloch mit seiner Lukács-Verteidigung auf der richtigen Seite steht.« Ohne die entsprechenden Änderungen solle ein Abdruck jedoch verhindert werden. »Der Vergleich im Teil I der Behandlung von Lukács und Tönnies bei uns, in den das Neue Deutschland hineingezogen wird, ist einfach unsachlich. Und das Lukács-Heft der Weimarer Beiträge darf man schon aus Gründen unserer Beziehungen zu Ungarn nicht ›Schmäh-Heft‹ nennen.«32 Hager informierte Schirmer am 10. Juni, dass er mit Rönisch das weitere Vorgehen besprochen habe. Dieser werde das Gespräch mit Harich suchen. Rönisch selbst schrieb Harich am 28. September33 und schickte gleichzeitig das Manuskript zurück. »Ich bin uneingeschränkt der Ansicht, dass die von Ihnen aufgeworfenen Fragen unseres Verhältnisses zu Georg Lukács von hoher Wichtigkeit für die Weiterentwicklung der Literatur- und Kunstwissenschaften der DDR sind.« Weiter hieß es dann: »Ich kann aber auch nicht übersehen, dass in einzelnen Passagen eine große Schärfe der Polemik vorherrscht, die, wie ich fürchte, das Gespräch beeinträchtigen würde, da sie zum Teil sehr weittragende Urteile über Personen enthalten, wir aber in der Zeitschrift doch nur weltanschauliche und wissenschaftliche Fragen diskutieren können. Diese Einwände sind Dinge, die gewiss in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ohne großen Aufwand lösbar sind. Ich muss Sie auch davon informieren, dass ich mich bei der wissenschaftspolitischen Tragweite Ihres Beitrages veranlasst sah, den Rat und die Meinung einiger Mitglieder unseres Beirates einzuholen. Dies erklärt auch den Umstand der eingetretenen Verzögerung, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte.« Dieser Beirat bestand, 32 (AH) Gregor Schirmer an Kurt Hager, 1 Blatt, Brief vom 23. Mai 1986.  33 (AH) Siegfried Rönisch: Brief an Wolfgang Harich vom 18. September 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 419Späte Kämpfe wie die Aktenlage zeigt, natürlich nicht aus Wissenschaftlern, sondern aus Schirmer und Hager. Brief an Kurt Hager34 (05. November 1986) Lieber Kurt Hager! Heute wende ich mich an Sie mit der Bitte, eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob ein Aufsatz von mir bei uns, in der DDR, erscheinen soll – und, wenn ja, in welcher Zeitschrift – oder in einem linkssozialistischen Organ in Wien oder aber, was mir am angenehmsten wäre, an beiden Orten, mit zeitlichem Vorsprung der DDR-Veröffentlichung. Der Aufsatz trägt den Titel Mehr Respekt vor Lukács! Das Original des Manuskripts befindet sich bei der Redaktion der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, der es, mit meinem Einverständnis, von Dr. Sebastian Kleinschmidt, einem Mitarbeiter von Sinn und Form, übergeben wurde. Eine Kopie des Aufsatzes hatte der Direktor des Akademie-Verlages, Prof. Dr. Berthold. Weitere Kopien existieren nicht, auch keine, die sich im Ausland, etwa schon bei der Redaktion der daran interessierten Wiener Zeitschrift Aufrisse, befände. Unkorrektes Verhalten meinerseits liegt nicht vor. Zur Vorgeschichte der Angelegenheit darf ich Ihnen Folgendes mitteilen. Bei den Lukács- und Bloch-Jubiläen 1985 habe ich mich bewusst sehr zurückgehalten. Mein Taktgefühl verbot mir, den Eindruck zu erwecken, dass nun auch ich den Zeitpunkt für ein volles »Come back« für herangereift hielte. Meine Zurückhaltung fiel mir aber, offen gesagt, schwer, als ich feststellen musste, dass einerseits Lukács mit allzu viel – oft inkompetenter – Mäkelei und Besserwisserei bedacht wurde und sich andererseits bei uns Leute zu Wort meldeten, die Bloch vor Lukács den Vorzug geben. Mein Befremden wuchs angesichts der DDR-Ausgabe von Lukács’ Schrift Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik, Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag), 1985. Ein anmaßendes Nachwort darin, verfasst von Michael Franz, kritisiert Lukács von rechts und versteigt sich sogar dazu, Adorno gegen Lukács recht zu geben. Das war für mich das Signal, aus meiner Reserve herauszutreten und mich mit einer entsprechenden Beschwerde an den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke zu 34 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 05. November 1986, adressiert an Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 420 Teil II wenden. Dieser empfahl mir, zu dem ganzen Fragenkomplex einen kritischen Beitrag für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich, nun natürlich unter Bezugnahme auch auf einschlägige Artikel, die anlässlich des Lukács-Gedenkens in dieser Zeitschrift erschienen waren und mir außerordentlich missfallen hatten. Mitte Mai lag eine erste Fassung meines Aufsatzes den Weimarer Beiträgen vor. Am 23. Juni suchte deren Chefredakteur, Kollege Rönisch, mich zu einem Gespräch in meiner Wohnung auf. Er schlug mir vor, meinen Beitrag an Umfang zu erweitern, ihn mit mehr Argumenten anzureichern und einige ihm als unsachlich erscheinende polemische Formulierungen abzuschwächen. In Aussicht stellte Kollege Rönisch mir einen Abdruck noch in diesem Jahrgang (32, 1986), und zwar in Heft elf oder, allenfalls, Heft zwölf der Weimarer Beiträge. Nach umfangreichen Studien zu der ganzen Thematik habe ich daraufhin in den folgenden Monaten mit zweimaliger Umarbeitung meines Textes, unter Berücksichtigung aller von Rönisch vorgetragenen Änderungswünsche, bei einem Arbeitsaufwand von zusammen vier Wochen allein für die Niederschriften, mir größte Mühe gegeben und eine, glaube ich, gründliche, wissenschaftlich hieb- und stichfeste und im marxistisch-leninistischen Sinne parteiliche Argumentation zu Wege gebracht, die zugleich auch lesbar ist und breites Interesse zu finden vermag. Die zweite Fassung legte ich den Weimarer Beiträgen bereits Anfang Juli dieses Jahres vor. Danach erschienen zwei neue Lukács-Editionen auf unserem Buchmarkt: Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie, ed. J. Schreiter und L. Sziklai, Berlin (Akademie-Verlag), 1986, und Über die Vernunft in der Kultur, ed. S. Kleinschmidt, Leipzig (Reclam), 1986. Im Einvernehmen mit den Weimarer Beiträgen nahm ich nun, um noch eine positive Bewertung dieser beiden Publikationen mit einzuarbeiten, eine zweite Umarbeitung vor, die zu der neuen, dritten, nunmehr endgültigen Fassung meines Aufsatzes geführt hat. Diese händigte ich Anfang August Kollegen Rönisch persönlich aus, der daraufhin fast sieben Wochen lang nichts mehr von sich hören ließ und mir, auf eine Anfrage meinerseits am 18. September, erklärte, die »Unsachlichkeit« meiner Argumentation sei immer noch Grund für Beanstandungen im Redaktionskollegium und der mir zugesagte Abdruck noch in diesem Jahr, in Heft elf oder zwölf, werde daher nicht erfolgen können. Sie werden verstehen, lieber Kurt Hager, dass ich darauf, recht verärgert, das Manuskript zurückzog und es der Zeitschrift Sinn und Form anbot. Von dieser erhielt ich nun, in einem vom 20. Oktober datierten Brief, der mich am 31. Oktober erreichte, ebenfalls 421Späte Kämpfe eine Absage. Professor Max Walter Schulz hat zwar weder gegen den Inhalt meines Beitrages noch gegen dessen polemische Form etwas einzuwenden und hält das Thema für wichtig, fühlt sich aber der streng essayistischen Tradition von Sinn und Form so sehr verpflichtet, dass er sich zum Abdruck einer Arbeit, die mit 50 Anmerkungen versehen ist, nicht entschließen kann. Daher empfiehlt er mir eine Umarbeitung, die die Anmerkungen mit in den Text einbringt oder auf sie ganz verzichtet. Zu einer solchen Herstellung einer vierten Fassung, die unter nochmaligem großen Arbeitsaufwand eine rein formale Änderung mit sich brächte, kann ich mich wegen wichtigerer Vorhaben, auf die ich mich bei schwindender physischer Leistungsfähigkeit konzentrieren muss, unmöglich mehr bereit finden. Sebastian Kleinschmidt, Mitarbeiter von Sinn und Form, leitete daher, mit meiner Zustimmung, den Aufsatz an die Redaktion der Deutschen Zeitschrift für Philosophie weiter. Seinem heutigen Bescheid muss ich entnehmen, dass die Prüfung der Arbeit dort wieder längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Mein Kollege Heinz Malorny, mir verbündet in der Bekämpfung Nietzsches bei uns, ist im übrigen der Ansicht, bei der Redaktion der DZfPh bestünden gegen meine Person zu starke Vorbehalte, so dass ich dort schwerlich als Autor willkommen sein werde. In dieser Situation wende ich mich, mit der Bitte um ein klärendes Wort und eine sachdienliche Empfehlung an die Adresse einer der drei in Betracht kommenden Zeitschriften, an Sie. Ich halte meinen Aufsatz für gleich geeignet, in den Weimarer Beiträgen oder in Sinn und Form oder in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgedruckt zu werden. Eine schnelle Entscheidung erschiene mir dringlich, weil ich es für politisch falsch hielte, das Angebot, das mir aus Wien zugegangen ist, lange unbeantwortet zu lassen. Dieses Angebot, von Reinhard Pitsch, kam mir völlig überraschend. Ich hatte einem Kofler-Schüler namens Stefan Dornuf, der an einer Volkshochschule in Köln marxistische Vorträge hält und mich gelegentlich über die bundesdeutsche Philosophieszene selbstlos und hilfreich informiert, einem nach meiner Überzeugung vertrauenswürdigen jungen Mann, lediglich von meinem Beitrag über Lukács für die Weimarer Beiträge und später von den Schwierigkeiten, die es dort noch gäbe, erzählt. Darauf ist Dornuf von sich aus, ohne mein Zutun, initiativ geworden, und zwar bei dem ihm bekannten österreichischen Linkssozialisten Pitsch, der für die Wiener Zeitschrift Aufrisse z. Zt. ein für Januar 1987 geplantes Sonderheft gegen den im Westen wieder auflebenden Irrationalismus vorbereitet. Den Brief, den Pitsch daraufhin an mich geschrieben hat, füge ich Ihnen zu Ihrer Information hier bei. Alles Nähere können Sie daraus ersehen. 422 Teil II Mit Pitsch hat es, nach den Auskünften, die mir durch Dornuf zugegangen sind, folgende Bewandtnis: Pitsch hat als ganz junger Mensch einer anarchistischen Gruppierung angehört, die 1977 Österreichs größten Miederwarenfabrikanten, Herrn Palmers, kidnappte, um Lösegeld für die »Rote Armee Fraktion« zu erpressen. Die Sache ging unblutig zu. Pitsch, am Rande an ihr beteiligt, kriegte eine Strafe von drei Jahren und acht Monaten. Nach deren Verbüßung hat er sich offenbar recht positiv entwickelt – als marxistischer Philosoph, mit Stipendium der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Anhänger der Philosophie des ganz späten Lukács und hasst und bekämpft dessen in den Westen abgewanderte, antikommunistisch orientierte Schüler (Agnés Heller, Ferenc Feher). Zum Bloch-Lukács-Jubiläum organisierte er im November 1985 einem Kongress in Wien, mit dem er ein Gegengewicht schaffen wollte – und anscheinend sollte – zu dem einschlägigen »postmodernistischen« Pariser Kongress vom Frühjahr 1985. Er selbst will zu dem von ihm vorbereiteten Sonderheft der Aufrisse einen Aufsatz beisteuern, der die heutige Aktualität von Lukács’ Werk Die Zerstörung der Vernunft unterstreicht. Nach alledem glaube ich, dass ich mich da in keiner schlechten Gesellschaft befände. Nur: Eine ausschließliche Veröffentlichung meines Beitrages in Wien hielte ich für absolut falsch und schädlich. Erstens käme ich dadurch wieder politisch in schiefes Licht, statt endlich, endlich – woran mir sehr, sehr liegt – eindeutig als Mann der DDR dazustehen, zu ihr sich bekennend und von ihr akzeptiert. Zweitens ist mein Beitrag speziell auf die DDR-interne Diskussion zugeschnitten; und zwar zielt er darauf ab, die marxistisch-leninistischen Philosophen der DDR zu einem ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit zu mobilisieren, in dem sie, mit Hilfe des Vermächtnisses von Lukács, schwere ideologische Unklarheiten bei unseren Literaturwissenschaftlern (Überschätzung Blochs und Benjamins, Vorliebe für die Frankfurter Schule, Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbepflege) überwinden helfen sollen. Drittens entstünden, bei uns wie im Westen, schädliche, zumindest höchst überflüssige Irritationen hinsichtlich der Beziehungen zwischen der DDR und Ungarn, wenn es dazu käme, dass ein ungarischer Stipendiat mir zu westlicher Erstveröffentlichung einer Arbeit über Lukács verhilft, die in der DDR gar nicht oder erst sehr viel später herauskommt. Für klug und nützlich hielte ich es dagegen, wenn mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! bei uns zuerst erschiene – in welcher der drei genannten Zeitschriften auch immer – und dann die an der Sache interessierte Intelligenzija des – zumal deutschsprachigen – 423Späte Kämpfe kapitalistischen Auslandes über den Inhalt nicht durch tendenziös entstellte Berichte seitens uns gegnerischer Medien der BRD und Westberlin erführe, sondern durch den authentischen vollständig Text, abgedruckt in einem unabhängigen linkssozialistischen Organ des neutralen Österreich, mit dessen Alternativbewegung mich bekanntermaßen freundschaftliche Beziehungen verbinden, die ich, 1979–1981, an Ort und Stelle immer dazu genutzt habe, Vorurteile gegen den realen Sozialismus, und zumal gegen die DDR, abbauen und ein Einmünden rein ökologischer Politik in den Friedenskampf vorantreiben zu helfen.35 In diesem Sinne würde ich gerne Herrn Reinhard Pitschs Angebot positiv beantworten, daran aber die Bedingung knüpfen, dass der Abdruck meines Beitrages im Anti-Irrationalismus-Heft der Zeitschrift Aufrisse in Wien erst nach der Veröffentlichung desselben in einer der in Betracht kommenden DDR-Zeitschriften erfolgt. In der Hoffnung, dass mein Beitrag, falls Sie ihn lesen, Ihnen in der Hauptlinie zusagen wird, dass Sie meine politische Einschätzung der Angelegenheit im Wesentlichen teilen und, dementsprechend, eine meinem Vorschlag entsprechende Entscheidung treffen werden, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr PS. Da die Abfassung meines Beitrages Mehr Respekt vor Lukács! im Frühjahr dieses Jahres, mit der Empfehlung, mich an die Weimarer Beiträge zu wenden, vom stellv. Kulturminister Klaus Höpcke ausgegangen ist, erlaube ich mir, um diesen nicht zu übergehen, eine Kopie des vorliegenden Briefes zu seiner Information auch an ihn zu schicken. * * * * * (AH) Anne Harich hat in ihren Erinnerungen Teile dieses Briefes ebenfalls wiedergegeben. Im Anschluss an den Abdruck heißt es bei ihr: »Wieder wartet Harich jeden Tag auf Antwort. Er weiß, die ungarische Regierung hat ihrem einst verfemten Philosophen ein Denkmal errichtet; er weiß nicht, was die ungarischen Genossen von den DDR-Oberen denken, die sich noch immer zögerlich zu Lukács verhalten. Mit einer Neubesinnung zu Lukács in der DDR erhofft Harich eine schrittweise Wiedereingliederung seiner eigenen Person in das öffentliche kultur-politische Leben im Land. Die langen Jahre vergeblichen Ringens darum haben ihn ungeduldig und misstrauisch gemacht; er will nicht nachgeben, er will durchsetzen, was er als wichtig erachtet, aber er ist undiplomatisch und ungeschickt, er wird wütend, und dabei 35 (AH) Harichs Schriften zur Ökologie und Friedenspolitik aus den Jahren im Westen liegen gedruckt vor, siehe den 8. Band (Ökologie, Frieden, Wachstumskritik) dieser Edition. 424 Teil II vergisst er alle seine Befürchtungen, jemals wieder unfolgsam zu sein, denn für umständliche Strategien ist in seinem Kopf kein Platz.«36 Brief an Kurt Hager37 (10. November 1986) Lieber Kurt Hager! Bezugnehmend auf mein Schreiben an Sie vom 5. November 1986 darf ich Ihnen im Nachtrag heute noch mitteilen, dass meine Befürchtung sich leider bewahrheitet hat. Chefredakteur Günter Klimaschewsky hat über sein Redaktionsmitglied Steffen Dietzsch den Herrn Kleinschmidt von Sinn und Form wissen lassen, dass mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! auch für den Abdruck in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie nicht in Betracht komme. Das Manuskript des Beitrages befindet sich nun wieder bei Sinn und Form, dessen Leiter, Max Walter Schulz, den ich darum gebeten habe, seine Ablehnung, die ja nur mit einer Formfrage, mit den vielen Anmerkungen zum Text, begründet worden ist, doch noch einmal zu überdenken. Aus Gründen der – bei meiner physischen Verfassung leider nötig gewordenen – Kräfteökonomie sehe ich davon ab, Herrn Klimaschewsky um eine Begründung seiner ablehnenden Entscheidung zu bitten. Nochmals mit herzlichem Gruß Ihr * * * * * (AH) Kurt Hager antwortete ganz kurz und knapp am 27. November auf Harichs Brief vom 05. November – »eine Fülle anderer Arbeiten« habe dazu geführt, dass er erst jetzt »den Eingang Ihres Briefes vom 5. November bestätigen« könne. Zudem teilte er mit, dass er den Artikel von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angefordert habe und Harich seine Meinung mitteilen werde, »sobald ich ihn gelesen habe«.38 Harich antwortete daraufhin wie folgt: 36 (AH) Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte … Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 146. 37 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 05. November 1986, adressiert an Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 38 (AH) Hager, Kurt: Brief an Wolfgang Harich, 1 Blatt, maschinenschriftlich, 27. November 1986. 425Späte Kämpfe Brief an Kurt Hager39 (02. Dezember 1986) Lieber Kurt Hager! Ich bestätige Ihnen hiermit dankend den Empfang Ihres freundlichen Schreibens vom 27. November 1986. Mein Artikel befindet sich nicht mehr bei der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Er ist von dieser wieder an die Redaktion von Sinn und Form mit ablehnendem Bescheid zurückgegeben worden, und heute habe ich ihn von Sinn und Form, mit ebenfalls endgültiger Ablehnung, wie Sie aus dem beigefügten Schreiben von Max Walter Schulz vom 1. Dezember 1986 ersehen können, zurückerhalten. Mir erschiene eine Veröffentlichung in den Weimarer Beiträgen am sinnvollsten. Ich möchte Sie bitten, sich dort für einen Abdruck, so wie er ja auch ursprünglich vorgesehen war, einzusetzen. Und dankbar wäre ich Ihnen auch, wenn Sie mir grünes Signal für den gleichzeitigen oder nachfolgenden Abdruck, eventuell auf dem Lizenzwege, in der Wiener linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse (Sonderheft gegen den Irrationalismus) gäben; Redaktionsschluss ist dort dem Vernehmen nach Mitte Dezember. Zur Zeit arbeite ich an einer Erwiderung auf den Aufsatz von Heinz Pepperle in Sinn und Form, Heft 5, 1986, der mir in der Kritik an Nietzsche nicht weit genug zu gehen scheint und, sollte er unerwidert bleiben, der schleichenden Nietzsche-Renaissance in der DDR durchaus förderlich sein könnte. Durch die Rias-Stimme, auf die Max Walter Schulz sich beruft, werde ich mich nicht beirren lassen. Mit freundlichem Gruß, in Herzlichkeit und mit allen guten Wünschen Ihr 39 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Dezember 1986, adressiert an Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 426 Teil II Erich Mielke, Egon Krenz und Erich Honecker gratulieren Kurt Hager zum 75. Geburtstag, 1987 Brief an Erich Honecker40 (10. März 1987) Lieber Generalsekretär der Partei! Hochverehrter Herr Vorsitzender des Staatsrates! Bitte gewähren Sie mir auf kulturpolitischem Gebiet, bei der Pflege des humanistischen Kulturerbes in Philosophie- und Literaturgeschichte, den Einfluss, der meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, meinen Leistungen und Erfahrungen und, wahrscheinlich nicht zuletzt, meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen entspricht. Bitte tun Sie dies so rechtzeitig, dass ich bestimmte Anliegen, die für Partei, Staat und Gesellschaft wichtig sind, noch im Zuge der Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz (Leipzig, Januar 1988) und des fälligen Jean-Paul-Gedenkens (März 1988) wirksam zur Geltung bringen kann! 40 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 10. März 1987, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Versehen mit dem Vermerk: »Persönlich!« 427Späte Kämpfe 428 Teil II Es tut mir leid, in dieser Angelegenheit Sie belästigen zu müssen. Aber mir bleibt keine andere Wahl mehr. Denn auf allen anderen Ebenen sind meine Bemühungen bisher vergebens geblieben. Durch das Ministerium für Kultur bin ich schwer enttäuscht worden. Auch Herr Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK, hält mich hin. Er hat einen Brief von mir, den ich im Juni 1986 an ihn gerichtet habe, nicht beantwortet. Desgleichen ist eine Stellungnahme von ihm, die er mir am 5. Januar 1987 durch sein Sekretariat telefonisch in Aussicht stellen ließ, bis heute nicht erfolgt. Die oben genannten Termine aber machen deutlich, dass die Zeit drängt. Gegen die folgenden Missstände möchte ich gerne ankämpfen: 1) Bei uns kriecht aus allen Rattenlöchern eine Renaissance des erzreaktionären, antihumanistischen Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie greift um sich in Lehre und Forschung und in der Verlagsproduktion. Das Vorhaben, nächstens in Weimar eine Nietzsche-Büste aufzustellen, fördert sie. Publikationen in Zeitschriften, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, leisten diesen gefährlichen Bestrebungen, die uns auch im Ausland sehr schaden können, Schützenhilfe. Eine Polemik, die ich, für Sinn und Form, dagegen geschrieben habe, soll dort nur verstümmelt und zu einem ungewissen Zeitpunkt erscheinen, womit ich nicht einverstanden sein kann. 2) Die politischen Konflikte, die es vor langer Zeit mit Georg Lukács gab, werden bei uns, unter dem Vorwand kritischer Abgrenzung von Lukács, von Gegnern des Marxismus-Leninismus dazu benutzt, in Philosophie und Literaturwissenschaft reaktionären Strömungen zum Durchbruch zu verhelfen. Auch dagegen habe ich, unter dem Titel Mehr Respekt vor Lukács!, eine Polemik verfasst. Sie ist weder von den Weimarer Beiträgen, für die sie bestimmt war, noch von Sinn und Form, noch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angenommen worden. Nachdem auch Professor Hager sich nicht dazu hat entschließen können, ihren Abdruck bei uns, in einer dieser Zeitschriften, zu empfehlen, war ich gezwungen, von der Möglichkeit einer Veröffentlichung im Ausland, in der Wiener linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse, Gebrauch zu machen, wo sie Ende April erscheinen wird. Auch dieser Beitrag könnte, käme er doch noch bei uns heraus, der bevorstehenden Philosophiehistorikerkonferenz wesentliche Impulse geben. 3) Die in diesem Jahrhundert letzte Gelegenheit, den Dichter Jean Paul Friedrich Richter, aus Anlass seines 225. Geburtstages am 21. März 1988, angemessen zu wür- 429Späte Kämpfe digen, droht wieder versäumt zu werden. Jean Paul hat mindestens die Größe Schillers. Er stand dabei viel weiter links. Die positiven Helden seiner zwischen 1793 und 1803 erschienenen »heroischen Romane« entwickeln sich – ein in unserer klassischen Literatur einzig dastehender Fall – zu Revolutionären. Jean Paul ist so der bedeutendste literarische Wegbereiter der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen und der analogen Reformen in den Rheinbundstaaten. Als Verfasser des umfangreichen Buches, worin dies nachgewiesen wird, erschienen 1974 im Akademie-Verlag Berlin und im Rowohlt-Verlag Reinbek,41 bemühe ich mich seit Januar 1984 darum, unser Ministerium für Kultur dafür zu gewinnen, dass bei den Jean-Paul-Gedenktagen 1963 und 1975 Versäumte nun endlich wettzumachen. Ich muss befürchten, dass auch diesmal nichts Nennenswertes geschieht. Dass es Vorurteile gegen mich geben mag, die triftige Gründe haben, verkenne ich bei alledem durchaus nicht. Aber seit meiner Verurteilung durch das Oberste Gericht sind nun drei Jahrzehnte ins Land gegangen, und meinen zeitweiligen Aufenthalt in Österreich und der BRD, 1979 bis 1981, habe ich ausschließlich dazu genutzt, bei den Grünen und Alternativen Vorurteile gegen die DDR abbauen und ihre Bereitschaft zu aktiver Teilnahme am Friedenskampf stärken zu helfen, so wie ich das Ihnen vor nunmehr acht Jahren, als ich um eine Ausreisegenehmigung nachsuchte, brieflich versprochen habe.42 41 (AH) Gemeint ist: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. Zwei kleine Auszüge aus diesem Werk, die sich auf Lukács beziehen, wurden unter dem Titel Marxistische Jean-Paul-Interpretationen bereits wiedergegeben. 42 (AH) Am 11. Januar 1979 bat Harich in einem Brief an den Rat des Stadtbezirks Friedrichshain um die Genehmigung der Übersiedlung »in den kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums«, genauer: nach Wien. Da er keine Antwort bekam, wendete er sich am 8. März 1979 an Erich Honecker – in dessen Funktion als Staatsratsvorsitzender der DDR. Harich: Brief an den Staatsrat der DDR, zu Händen seines Vorsitzendenden, Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED, vom 8. März 1979, 4 Blatt. Den Brief verschickte Harich per Einschreiben. Dieser Brief liegt gedruckt vor, siehe Band 8 (Ökologie, Frieden, Wachstumskritik), S. 139–143. Dort heißt es u. a.: »Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturschaffenden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im Stande wäre. Gute Dienste vor allem bei der Abwehr reaktionär ablenkender Manipulationen, denen die ökologistische Bewegung von Seiten desselben Klassenfeindes ausgesetzt ist. Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik. Sie treten dafür ein, dass heute, 430 Teil II Als die Behörden der BRD an mich, bei Strafe materiellen Ruins, das Ansinnen stellten, meine Anerkennung als politischer Flüchtling zu beantragen, habe ich das abgelehnt und bin in die DDR zurückgekehrt.43 Auch das ist nun fast fünfeinhalb Jahre her. Daher glaube ich, dass die Zeit herangereift ist, unter die vergangenen Geschichten jetzt endlich einen Schlussstrich zu ziehen, zumal wenn dies dazu beitragen kann, auf kulturpolitischem Gebiet Nützliches fördern und Schädliches abwenden zu helfen. Indem ich Sie meines tiefen Vertrauens und meiner großen Hochachtung versichere, verbleibe ich mit kommunistischen Grüßen Ihr jetzt, sofort die Weichen für das Leben noch ungeborener Generationen richtig gestellt werden. Und sie vergessen dabei mitunter nächstliegende, akute Gefahren, die aus Wettrüsten und Kriegsvorbereitung erwachsen und, wenn es nicht gelänge, sie zu bändigen, binnen kurzem solch unvorstellbare Zerstörungen herbeiführen würden, dass es gar keine Weichen mehr gäbe, die noch in irgendeine Richtung gestellt werden könnten. Die Grünen bringen aber andererseits auch, weil es ihnen so dringlich um die Erhaltung des Lebens auf der Erde geht, überaus günstige Voraussetzungen mit, vor solchem Vergessen bewahrt, ihm, wenn nötig, blitzschnell entrissen zu werden. Bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass selbst ein erzbürgerlicher Vertreter des rechten Flügels der Grünen, der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, seinen Anfang Juli 1978 erfolgten Austritt aus der CDU in erster Linie damit begründet hat, dass diese Partei zur Neutronenbombe Ja und Amen gesagt hatte. Marxistisch geschulter Bündnispolitik dürfte es somit unschwer gelingen, den Kampf für den Frieden mit dem Schutz der natürlichen Umwelt, für die Schonung der Ressourcen zur Einheit zusammenzuschließen. Und meinen Einfluss dahingehend geltend zu machen, das wäre überhaupt die vornehmste Aufgabe, der ich mich im Westen zu widmen gedächte.« (Ebd., S. 142 f.) 43 (AH) Während seiner Zeit in Österreich und der Bundesrepublik kämpfte Harich unentwegt mit zahlreichen Institutionen der Bundesrepublik um seine Rentenzahlungen sowie deren Höhe. Er erhielt für seine nachweisbaren Arbeitszeiten eine Rente, für seine ja fast ein Jahrzehnt dauernde Haft in Bautzen konnten jedoch keine Arbeitsnachweise beigebracht werden, so dass diese Jahre nicht bei der Rente berücksichtigt wurden. Einziger Ausweg wäre gewesen, dass er sich als politischer Flüchtling hätte registrieren lassen, dann hätte er sofort entsprechende hohe Zahlungen erhalten. Dies lehnte Harich jedoch vehement ab. Ernst Bloch hat er immer übel genommen, dass dieser bei seinem Verbleib im Westen nach dem Mauerbau genau dies nicht getan hatte, der DDR durch seine Bereitschaft, sich als politischer Flüchtling registrieren zu lassen, in den Rücken gefallen sei. Die Korrespondenz Harichs mit der Bundesrentenanstalt und verschiedenen anderen Institutionen füllt in seinem Nachlass ganze Ordner – und zeigt übrigens auch den teilweise echten Wahnsinn unserer behördlichen Administration. (Etwa bei dem Streit darüber, wie viele Stunden Harich im Zuchthaus in Bautzen wöchentlich gearbeitet habe und warum für seine dortigen Arztbesuche keine Krankmeldungen beigebracht werden könnten.) 431Späte Kämpfe PS. Das Originalmanuskript meines Beitrages Mehr Respekt vor Lukács! befindet sich seit dem 4. Dezember 1986 im Büro von Professor Kurt Hager; dasjenige meines Beitrags Revision des marxistischen Nietzschebildes? seit dem 3. März 1987 in der Redaktion der Zeitschrift Sinn und Form. * * * * * (AH) Erich Honecker antwortete am 1. April 1987.44 Er schrieb, dass die Partei die Mitarbeit auf den von Harich angesprochenen Gebieten begrüße und wünsche. Besonders hoffe man, dass Harich »als einen profunder Kenner des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werde, seinen 225. Geburtstag (…) gebührend zu würdigen«. Das Ministerium für Kultur werde sich mit ihm in Verbindung setzen. Die Redaktionen der Zeitschriften hätten entsprechend ihrer Verantwortung den Artikel von Harich gelesen und sowohl Vorschläge zur Überarbeitung angeführt als auch die Gründe genannt, warum der Beitrag nicht veröffentlicht werden könne. »Es ist doch zweifellos das Recht der Redaktion einer Zeitschrift, über die Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung eines Artikels zu entscheiden. Andererseits könnte durch eine größere Bereitschaft des Autors zur Bearbeitung des von ihm eingereichten Artikels möglicherweise auch eine vernünftige Lösung gefunden werden.« Anschließend bekräftigte Honecker noch einmal, dass die Mitarbeit Harichs auf kulturpolitischen Gebiet gewünscht sei und die Partei auf eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den entsprechenden kulturellen Institutionen hoffe. »Ich meine, dass keine Vorurteile gegen Sie bestehen und die alten Geschichten erledigt sind.« Kurt Hager, so Honecker zum Schluss, werde sich mit Harich in Verbindung setzen und alles weitere beratschlagen. Brief an Erich Honecker45 (30. April 1987) Lieber Erich Honecker! Den Brief, mit dem Sie mein an Sie gerichtetes Schreiben am 10. März 1987 beantworten, habe ich am 2.  April erhalten. Mit Genugtuung, Freude und großer Dankbarkeit habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie mir versichern, die »alten Geschichten« würden als erledigt betrachtet, es bestünden Vorurteile gegen mich nicht mehr und meine Mitarbeit bei der Pflege des humanis- 44 (AH) Honecker, Erich: Brief an Wolfgang Harich vom 01. April 1987, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 45 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 10. März 1987, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Versehen mit dem Vermerk: »Persönlich!« Erich Honecker, 1950 432 Teil II tischen Kulturerbes, auf den wichtigen Gebieten der Philosophie und der Literaturgeschichte, sei erwünscht und würde begrüßt. Wenn ich mir heute erlaube, mich an Sie nochmals zu wenden, so deshalb, weil, entgegen Ihrer Ankündigung, sich bisher weder Herr Professor Dr. Kurt Hager mit mir in Verbindung gesetzt noch das Ministerium sich mit mir über die Gestaltung des fälligen Jean-Paul-Jubiläums verständigt hat. Im Hinblick auf die drängende Zeit (Schriftstellerkongress im November, Philosophiehistorikerkonferenz im Januar, Jean-Paul-Geburtstag im März) bitte ich Sie, beiden Instanzen bzw. Persönlichkeiten ein weiteres Mal die Dringlichkeit meiner Anliegen ins Gedächtnis zu rufen. Etwas enttäuscht bin ich, offen gesagt, auch über das, was Sie zu der Nichtveröffentlichung meiner Aufsätze zu Friedrich Nietzsche bzw. zu Georg Lukács ausführen. Ich kann mir dies nur damit erklären, dass Ihnen die Details dieser Angelegenheiten nicht bekannt sind; schlimmstenfalls, so fürchte ich, auf Grund Ihnen vorenthaltener Informationen. Wüssten Sie, was hier geschehen ist und geschieht, so würden Sie – davon bin ich fest überzeugt – darin sofort einen skandalösen Missstand erkennen, der, ganz abgesehen von seiner entnervenden, zermürbenden psychologischen Wirkung auf mich, für Partei, Staat, Gesellschaft und Kulturleben unserer Republik ernste Gefahren in sich birgt und uns auch im Ausland Schaden zufügen kann. Im Vertrauen auf die Weisheit und auch die Durchschlagskraft Ihrer Initiativen und mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Festtag der internationalen Arbeiterklasse verbleibe ich mit kommunistischem Gruß Ihr * * * * * (AH) Es wurde bereits darauf verwiesen, dass die Angelegenheit um Harichs Lukács-Aufsatz natürlich in der Bürokratie entschieden wurde, in den Büros von Kurt Hager und Gregor Schirmer. Nach Harichs Brief an Erich Honecker mussten Nägel mit Köpfen gemacht werden. In einer Hausmitteilung vom 19. Juni 1987 teilte Schirmer Hager Folgendes mit:46 Harich sei »sehr rührig« und verbreitete seine subjektive Sicht der Dinge, beispielsweise auch über ein Gespräch, welches er mit Kurt Hager geführt hatte. Der Lukács-Artikel werde nicht veröffentlicht. Für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie sei er noch ungeeigneter als für die Weimarer Beiträge. Vor allem der dritte Punkt der Begründung liest sich einfach nur wie Hohn: »Begründung: a) Der Artikel sagt nichts Konstruktives zu Lukács, sondern beschränkt sich auf Polemik mit angeblichen Lukács-Gegnern. Das Anliegen von Harich selbst – nämlich Lukács 46 (AH) SED-Hausmitteilung, Abteilung Wissenschaften, Schirmer an Hager, 3 Blatt, 19. Juni 1987, maschinenschriftlich. 433Späte Kämpfe für uns aufzuschließen – wird dadurch nicht erreicht. Wir würden Harich im Grunde einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir den Artikel brächten. b) Der Artikel enthält so scharfe Angriffe, dass die Zeitschrift für Philosophie den Angegriffenen die Möglichkeit geben müsste, zu antworten. Darauf will sich die Redaktion aber nicht einlassen. Ein solcher Streit wäre unproduktiv. c) Es ist bei der Zeitschrift für Philosophie nicht Usus, Artikel nachzudrucken, die schon im westlichen Ausland veröffentlicht wurden.« Anschließend wurden dann verschiedene Ideen entwickelt, wie Harich stärker in das kulturelle Leben der DDR integriert werden könnte – selbstverständlich immer so, dass er ein Außenseiter bleiben und nicht in der tatsächlichen Öffentlichkeit wirken würde. Anstelle der Veröffentlichung von Harichs Artikel solle dieser in einer Diskussionsrunde mit den von ihm angegriffenen Genossen über Lukács debattieren. Erich Hahn solle sich darum kümmern, dass Harich in einem Arbeitskreis (beispielsweise Philosophiegeschichtsschreibung in den geistigen Kämpfen unserer Tage) im Januar 1988 auf der Leipziger Konferenz Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe reden könne. Manfred Buhr solle dazu angehalten werden, eine interne Diskussion über das marxistisch-leninistische Nietzsche-Bild durchzuführen. Um Harich »aus seiner Isolierung herauszubringen, erhalten die Genossen Hahn und Buhr den Hinweis, dafür zu sorgen, dass er zu geeigneten wissenschaftlichen Veranstaltungen eingeladen wird und ein lockerer, aber ständiger Kontakt zu ihm unterhalten wird«. Mehr Respekt vor Lukács! Erste Version47 (Mai 1986) I. Eine Würdigung des Wirkens von Ferdinand Tönnies, anlässlich seines 50. Todestages abgedruckt im ND (das Neue Deutschland, AH) konnte ich neulich nur mit gemischten Gefühlen aufnehmen. Tönnies hat sich um manches verdient gemacht: So um die Kritik an Nietzsche, so um die Hobbesforschung. Und nachdem er schon zur Zeit des Sozialistengesetzes Marx als den »tiefsten Sozialphilosophen« zu charakterisieren gewagt hatte, fand er, nach dem Ersten Weltkrieg, den Weg in die Reihen der SPD. Als aufrechter Antifaschist ist er im vierten Jahr der Nazidiktatur verstorben. Diesen Gelehrten bei uns geehrt zu wissen, wohl im Zeichen der Koalition der Vernunft, die der Besinnung von Kommunisten und Sozialdemokraten auf gemeinsame Traditionen günstig ist, tat mir gut. Trotzdem war ich auch erbost. Immerhin ist Tönnies »Gemeinschafts«begriff, weil unmarxistisch gedacht, weil gewonnen aus romantischem Missverstehen der Aussagen von Morgan und Engels über den Urkommunismus, einst zum Ausgangspunkt reaktionärer Entwicklungen in der deutschen Soziologie geworden. Sie mündeten ein in vernunftfeindliche, schließlich präfaschistische Konzepte. Sie halfen gewiss auch dem »Volksgemein- 47 (AH) Im Nachlass in mehreren Durchschlägen überliefert, 8 Blatt, maschinenschriftlich. Harichs Korrekturen letzter Hand wurden stillschweigend eingearbeitet. 434 Teil II schafts«schwindel der Nazis den Boden bereiten. Keine Silbe kritischer Distanzierung wies den Leser warnend darauf hin. Nun erschien der Artikel ausgerechnet am 13. April, am 101. Geburtstag von Georg Lukács. Das steigerte meinen Ärger noch. Wo Tönnies drei Spalten mit Bild abbekam, da hätte, fand ich, ein Jahr zuvor Lukács eine ganze Seite zustehen müssen. Die Proportionen stimmten nicht. Und wieso, fragte ich mich, ist der Verfasser des Artikels gar nicht auf die Idee gekommen, erst einmal bei Lukács nachzuschlagen, um sich zu vergewissern, wie Tönnies vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus aus einzuschätzen ist? Wieso hat das sogar dem Redakteur, als er das Manuskript in Satz gab, ferngelegen? Wo leben wir eigentlich? Lukács war ein großer Philosoph der Kommunisten, nach meiner Überzeugung der seit Lenins Tod weltweit größte. Ihn im Zentralorgan nicht umfänglicher gefeiert zu sehen als einen ehrenwerten sozialdemokratischen Professors geringeren Formats, stimmte mich traurig. Ich kann es, im Gedanken an lange zurückliegende politische Kollisionen, über die ich, leider, nur zu genau Bescheid weiß, jedoch irgendwo noch verstehen. Werden indes gesicherte Erkenntnisse von Lukács – diesenfalls stehen sie in Kapitel VI der Zerstörung der Vernunft – nicht ausgewertet, sondern achtlos übergangen, wenn es, aus konkretem Anlass, darum geht, exemplarisch die Ambivalenz linksbürgerlicher Gesellschaftslehre deutlich zu machen, dann hört jedes Verständnis auf. An den Berührungsängsten, und seien sie historisch noch so plausibel, darf ein einmal errungener Wissensstand keinen Schaden nehmen. II. Dies muss jetzt und an dieser Stelle gesagt werden. Jetzt angesichts einer Neuerscheinung, die eine Wendung zum Besseren verspricht, die Wiederentdeckung von Lukács’ Vermächtnis im Verlagswesen unserer Republik, vor über einem Jahrzehnt vorbereitet durch eine dankenswerte Initiative Werner Mittenzweis, ist mit dem Reclamband 1120, Über die Vernunft in der Kultur, in ein neues Stadium getreten; in das der Angemessenheit. Dokumentiert wird darin Lukács’ gesamte Entwicklung, von den ganz frühen Schriften, vor dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Gesellschaftsontologie des Achtzigjährigen, mittels ausgewählter Texte, von denen nur zwei in der DDR früher bereits erschienen sind. Besprochen werden soll das Buch hier nicht. Aber hingewiesen sei auf die essayistisch angelegte, des Mannes wie der Sache inhaltlich würdige Einleitung, die der Herausgeber, Sebastian Kleinschmidt, der Auswahl vorangestellt hat. Und gerühmt sei, vor allem, der Überdruss an Mäkelei und Besserwisserei, dem 435Späte Kämpfe es zuzuschreiben sein dürfte, dass jedwede Beanstandung von Fehlern, in den Anmerkungen, kein anderer vorträgt als Lukács selbst. Außer Zitaten, die dessen Stellungnahmen zu überwundenen eigenen Positionen wiedergeben, fällt da kein kritisches Wort. So, meine ich, gehört sich das. So sollte es weitergehen. Das darf nicht heißen, dass Kritik an Lukács künftig zu verstummen hätte. Sie gehört aber keinesfalls, als ideologische Verdauungshilfe, verabfolgt von Epigonen, die sich weiser dünken, in seine Bücher, es sei denn, er selber hätte dies nachgewiesenermaßen legitimiert. Schon im Nachkriegsjahrzehnt hat die verlegerische Betreuung von Lukács’ Werken in der DDR sich vor der im Westen, soweit man ihn da überhaupt herausbrachte, durch ein höheres Maß an Gewissenhaftigkeit und Gediegenheit ausgezeichnet. (Man vergleiche unter diesem Gesichtspunkt etwa den Jungen Hegel in der Ausgabe des Europa-Verlages, Zürich, 1948, mit der des Aufbau-Verlages, Berlin, 1954.) Diese gute Tradition setzt, nach der politisch motivierten langen Pause, Jürgen Jahn mit vorzüglichen Textrevisionen fort. Wer unter der sagenhaften Schlamperei der Luchterhand-Edition gelitten hat, darf aufatmen. Aufgeatmet hätte insbesondere Lukács. Der pflegte Frank Benseler, so sehr er ihn sonst mochte, seinen »schlechtesten Lektor« zu nennen. Jahn ist entschieden besser, um von der größeren Sorgfalt, mit der die Korrektoren in der Französischen Straße arbeiten, ganz zu schweigen. Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgeben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen: Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind so anmaßend wie überflüssig. Selbst weiterführende Gedanken, die sie hie und da, teilweise und sehr bedingt, enthalten, hätten woanders publiziert werden sollen: In Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukács-Texten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie da den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken. Gesetzt, Lehmann verhielte sich zu Lukács wie, sagen wir, Fichte zu Kant. Hätte denn Verleger Hartknoch nach dem Ableben Kants zu einer Neuauflage der Kritik der reinen Vernunft Fichte ein Nachwort schreiben lassen? Und wäre es Fichte lieb gewesen, die Leute glauben zu machen, er schelte Kant im Auftrag Friedrich Wilhelm III. einen »Dreiviertelkopf«? Das sind keine ideologischen, es sind Taktfragen. Ideologisch freilich, desgleichen historisch hapert es mitunter ebenfalls. Die Anhänger der ästhetischen Theorien Brechts, nicht zu verwechseln mit den Bewunderern seiner Gedichte und Stücke, haben die Zeit, in der Lukács ungedruckt bei uns blieb, emsig genutzt, ihren Meister als eine Alternative zu ihm aufzubauen, die marxistischen Grundsätzen gemäßer sei. Zu dem 436 Teil II Behuf sind die beiden zu Antipoden stilisiert worden, und man redet uns ein, dies seien sie seit Anfang der dreißiger Jahre gewesen. Die Konstruktion ist windschief. Ein junger Dichter kommt für einen nicht unerheblich älteren Philosophen als Antipode schwerlich in Betracht, ein Neuling auf der Sympathisantenszene erst recht nicht für einen in Klassenschlachten gereiften Parteifunktionär. Als Lukács 1931 aus Moskau in Berlin eintraf, mit der »Sickingen-Debatte« im Kopf (respektive im Koffer), zu konsequentem Materialismus bekehrt durch noch unveröffentlichte Marxsche Frühschriften, da hießen die wirklichen, die ihm vergleichbaren Gegenspieler, die er hier im linken Umfeld vorfand, Korsch, Benjamin und Bloch. Brecht, mit seinem Hang zum theoretischen Dilettieren (wobei es ihm zustieß, dass er Theodor Lipps für Aristoteles hielt), stand unter ihrem Einfluss, weshalb Lukács sich vergebens um ihn bemühte. Ernst Bloch saß damals an Erbschaft dieser Zeit. Er hatte Brecht den Floh ins Ohr gesetzt, gerade Fäulnisprodukte spätkapitalistischer Kultur ließen sich revolutionär »umfunktionieren« (daher Brechts Forderung, nicht ans gute Alte, sondern ans schlechte Neue anzuknüpfen). Walter Benjamin wieder belehrte ihn über vermeintliches Auseinanderklaffen kritischer und genießender Haltung beim Publikum, über die angebliche Hinfälligkeit der Kunstgattung und dergleichen. Auch von der Seite also ward Brecht auf den Modefimmel einer linksbürgerlichen Avantgarde eingedrillt, die sich, aufgewühlt von der großen Krise, doch ohne von heut auf morgen ihren mitgeschleppten Snobismus loszuwerden, der kommunistischen Bewegung näherte. Lukács hat sich der KP gleich bei ihrer Gründung angeschlossen, Ausgeschlossen aus ihr, wegen Beharrens auf ultralinken Dummheiten, war seit 1926 Karl Korsch. Und eben auf Korsch geht noch Brechts sektiererisches Unbehagen an der späteren Volksfrontpolitik, gehen desgleichen seine gelegentlichen Missverständnisse der Dialektik zurück. Es ist wahr: Um einzusehen, dass Lukács’ materialistisch-dialektische Methode, dass seine Einstellung zum Kulturerbe, seine anspruchsvollen Maßstäbe auch für die Würdigung proletarisch-revolutionärer, sozialistischer Kunst und Literatur immens brauchbar sind, muss man sich an die ihm zu verdankenden Analysen sowjetischer Erzählwerke, namentlich Gorkis, Fadejews, Wirtas, Scholochows, Makarenkos, Beks, Kasakewitschs halten. Brecht hat er lange unterschätzt. Er hat, als er ihn kennenlernte, ihm offenbar nicht zugetraut, dass die Kraft seiner realistischen Dichtkunst sich in der Praxis des künstlerischen Schaffens gegen die ideologischen Irritationen behaupten werde, denen er in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung ausgesetzt war. So 437Späte Kämpfe hat Lukács erst unmittelbar nach dem Tode Brechts in dessen reifsten Stücken das Festhalten an der aristotelischen Katharsis wahrgenommen. Das ändert nichts daran, dass von ihm die tiefe Fragwürdigkeit der Brechtschen ästhetischen Doktrin und ihrer – ich muss das einmal offen aussprechen – pseudo- und antimarxistsichen Quellen jederzeit richtig beurteilt worden ist; richtig und obendrein unbestechlich auch bei genauer, von hoher Wertschätzung getragener Kenntnis sowohl der Lyrik Brechts wie seiner reifen dramatischen Produktionen in der Eigenart des Ästhetischen (1963). Man mag das alles anders sehen. Mittenzwei, um die Vorbereitung neuerlicher Lukács-Edition bei uns – ich wiederhole mich – sehr verdient, sieht es extrem anders in seiner 1966 entstandenen einschlägigen Publikation; abgeschwächt anders, diplomatisch lavierend anders in den Beiträgen, die er 1974 zu einem Sammelband der von ihm geleiteten Forschergruppe (Reclamband 643) beigesteuert hat. Dies ist sein gutes Recht. Ja, als Ferment in der nun fälligen Auseinandersetzung, vielleicht sogar als Korrektiv, sind seine Ansichten wertvoll. Entschlössen wir uns, in jene Debatte, die seinerzeit vornehmlich in der Moskauer Zeitschrift Das Wort geführt wurde, jetzt neu einzusteigen, um sie, bereichert um die Erfahrung fast eines halben Jahrhunderts, fortzusetzen – was ich begrüßen würde – , dann wären Dialog und Kontroverse mit Werner Mittenzwei um der Sache willen gar nicht zu entbehren. Ob aber Mittenzwei gut beraten war, den von ihm herausgegebenen Reclamband 702, Georg Lukács: Kunst und objektive Wahrheit, 1977, mit einem Vorwort zu versehen, das, statt sich auf die gebotene Distanzierung von politischen Fehlern des Autors zu beschränken, dessen ästhetische und literaturtheoretische Errungenschaften vom Standpunkt der Brechtschule aus bekrittelt, das ist die Frage. Vielmehr, es war die Frage. Sie ist eindeutig mit Nein zu beantworten, nachdem das schlechte Beispiel, neuerdings unter Einmischung lupenreiner Tui-Ideologie, Schule gemacht hat. Auf Mittenzweis Vorwort ist Lehmanns Nachwort gefolgt, auf dieses wieder der Anhang des Michael Franz, und der von Franz favorisierte Tui heißt Theodor W. Adorno, derselbe, der Brecht einst als Modell des Tui-Unwesens galt. 264 Seiten nimmt der Lukács-Text Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik in der Ausgabe des Aufbau-Verlages, Berlin und Weimar, 1985, ein. Angehängt sind ihm, auf den Seiten 267 bis 325, unter der Überschrift Auf der Suche nach Vermittlung, Franz‘ Auslassungen über Die dialektische Natur des Besonderen als ästhetisches Problemfeld in der Sicht von Georg Lukács. Franz ist glücklich, dass heute »niemand mehr einen solchen individuellen politisch-ideologischen Monopolanspruch auf die Lösung strittiger Fragen geltend 438 Teil II machen würde, wie es Lukács zumindestens vorübergehend getan hat« (S. 267). Vorübergehend – das kann man wohl behaupten. Ob Lukács »sich jemals vollständig von seinen neukantianischen und neuhegelianischen Ursprüngen lösen konnte«, für Franz »steht es dahin« (S. 268). Lukács habe sich jedenfalls nie um die Distribution gekümmert, die »den Anteil der Individuen an der Welt der künstlerischen Produkte regelt«, habe z. Bsp. noch nichts von Audio- und Videokassetten gewusst (S. 271 f.). Als Bloch ihn in der Expressionismus-Debatte 1938 kritisiert hätte, habe er damit Lukács »gezwungen, sein Ideal von der Geschlossenheit einer Lebenstotalität zu problematisieren, was leider in ästhetischer Hinsicht keine Konsequenzen zeitigte« (S. 277). Die Beispiele solcher Unverschämtheit ließen sich beliebig vermehren. Sie führen dahin, dass Lukács und Adorno als Größen gleichen Ranges behandelt werden (S. 281 f.). Sie gipfeln in der Feststellung, gegen Lukács sei »Adorno recht zu geben« (S. 305 f.). Abermals stellt sich die Frage: Wo leben wir eigentlich? Ich warte auf die Plechanow-Ausgabe, in der per Nachwort diesem Menschewiken der Fehler angekreidet wird, nicht mit genügend Verständnis in die Tiefen der Gedankenwelt von Mach und Avenarius eingedrungen zu sein und daher hinter dem wackeren Bolschewiken Bogdanow an Einsicht zurück zu bleiben. Was schützt uns vor derartigem Wahnwitz? Etwa Materialismus und Empiriokritizismus? Wie, wenn Lenin durch anderweitige, dringlichere Parteiarbeit oder durch Krankheit, Haft, Verbannung oder sonstwas daran gehindert gewesen wäre, das Buch zu schreiben? Wären wir dann gegen Machismus gefeit? Wo es geschehen kann, dass Adorno gegen Lukács, und das heißt in diesem Fall: gegen Invarianzen marxistisch-leninistischer Erkenntnis, ausgespielt wird, da kann man sich, um wachsam zu bleiben, Konsequenzen ähnlicher Art nicht phantasievoll genug ausmalen. Und sind wir denn gegen Machismus, gegen dessen fortentwickelte Nachfolge, wirklich gefeit? Lukács, in seinen letzten Schriften, hörte nie auf, vor einer »Weltherrschaft des Neopositivismus« zu warnen. Unschwer ließe sich beweisen, dass gleichgültige, überhebliche Einstellung zu Lukács dem Vordringen auch dieser Pest förderlich ist. Das Wuchern der Informationsmetapher, die Relativismen, Indeterminismen, Reduktionismen, die das Weltbild der Wissenschaft zersetzen, der Triumph des Behaviorismus etwa über die Tierpsychologie, die der Literaturdeutung sich bemächtigende, deren Funktion usurpierende Semiotik, all das und Ähnliches mehr wäre Beweis genug, selbst wenn Vorlieben für Carnap und Wittgenstein nicht so um sich griffen, wie sie es tun. Mit Hilfe des großen Ungarn, der mit Vorliebe deutsch schrieb, könnten wir leicht gegen all das einen Damm errichten. Ohne Respekt vor ihm kommen wir daher nicht aus. 439Späte Kämpfe III. Gesagt werden muss dies jetzt und an dieser Stelle. An dieser Stelle, weil Mäkelei und Besserwisserei das Lukács-Gedenken 1985 am ärgsten in den Weimarer Beiträgen beeinträchtigt haben. Lukács dadurch zu ehren, dass man ihn schmäht, von solchem Doppelbeschluss schien der größere Teil dessen eingegeben, was zum 100. Geburtstag des Mannes in den Spalten vorliegender Zeitschrift zu lesen war. Einer nicht endenwollenden Polemik bedürfte es, um detailliert damit ins Gericht zu gehen. Nur ein Punkt, der bedenklichste, sei herausgegriffen. Günther K. Lehmann stellt in Heft 4/1985 Vergleiche an zwischen Lukács und Bloch, die für den letzteren ersichtlich schmeichelhafter ausfallen. Dabei erkühnt er sich, zu dekretieren, Blochs weiterer und reicherer Erbebegriff stünde »uns« näher. Wie äußerst eng Lukács das Erbe fasst, muss Lehmann wissen, da er, wie bemerkt, ja das Nachwort zur Eigenart des Ästhetischen geschrieben hat. Als Blochschüler muss er aber auch wissen, dass sein Lehrer diese atembeklemmende, »uns« einschnürende Enge keineswegs zu Gunsten freieren Genusses von Avicenna oder Thomasius, von Karl May oder Johann Peter Hebel zu lockern verstanden hat. Blochs Schatzkästlein ist dermaßen geräumig, dass darin Nietzsche Platz findet. In Band III seines Hauptwerkes Das Prinzip Hoffnung, Aufbau-Verlag, Berlin, 1959, kann man es nachlesen. Ich will nicht unterstellen, dass auch Lehmann zu denen gehört, die, über »differenzierendes« Betrachten murmelnd, gewollt oder ungewollt eine Nietzsche-Renaissance in der DDR herbeireden helfen. Aber Renate Reschke gehört zu ihnen, von der die Weimarer Beiträge 1983 einen einschlägigen Aufsatz brachten. Und Eike Middell gehört dazu, dem völlig klar ist, dass sein Bestreben, Nietzsche mit Hilfe der Dichter und Schriftsteller, die er beeinflusst hat, zu retten, nur bei anhaltender Diskreditierung des Vermächtnisses von Lukács durchzusetzen sein wird. Zum Jubiläumsschmähheft lieferte Middell denn auch gleich zwei Beiträge. Der eine, in Form einer Buchbesprechung, will uns weismachen, Lukács habe sich zwar Thomas Mann aufgedrängt, er sei, zu seinem Kummer, bei dem aber auf wenig Gegenliebe gestoßen. Alles, was dieser Geschichtsklitterung nicht in den Kram passt, wird verschwiegen, so besonders die Würdigung des siebzigjährigen Lukács durch Thomas Mann, ein Exklusivbeitrag für die im Aufbau-Verlag erschienene Festschrift, Berlin, 1955. Ist sie Middell unbekannt geblieben? Gedeckt von solcherart selbstgeschaffenem Flankenschutz, holt er jedenfalls in seinem Hauptbeitrag, einer Ansammlung von Infamien gegen Lukács zum gezielten Schlag aus: Die Philosophie sei inkompetent, wenn es gelte, Nietzsches Bedeutung für die Literatur auf den Begriff zu bringen. Einspruch von philosophischer Seite habe 440 Teil II nichts zu besagen. Ich fasse mich an den Kopf: Wo leben wir eigentlich? Da gibt es einen, der ernstlich annimmt, das Spiel von 1900 ließe sich mit zeitgemäßem Kulissenwechsel wiederholen, einen, der glaubt, es in unsereinem mit dem hilflosen Windelbach, mit dem versöhnlerischen Alois Riehl zu tun zu haben. 441Späte Kämpfe Middell könnte das freilich zu Recht glauben, ließen wir es daran fehlen, uns zu Lukács zu bekennen. »Linkes« Nietzscheanertum hat in der Vergangenheit – man kennt die Folgen – noch und noch Verwirrung gestiftet. Sollten wir versäumen, uns auf Lukács als Autorität zu besinnen, es stünde uns abermals ins Haus. Wir leben gefährlich am Ende des 20. Jahrhunderts, leider! Der philosophisch dilettierende Scharlatan, der die Losung »Gefährlich leben!« ausgab, würde alles noch schlimmer machen, gewönne er im sozialistischen Land deutscher Sprache auch nur einen Millimeter an Boden zurück. Diesem Unheil gilt es beizeiten zu wehren. Nicht nur dafür brauchen wir Lukács. Aber dafür wahrscheinlich zu allererst. Der Schoß, aus dem Nietzsche kroch, ist fruchtbarer denn je. Mehr Respekt vor Lukács tut not, damit wir das begreifen und daraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Mehr Respekt vor Lukács! Zweite Version48 (02. August 1986) Der nachstehende Aufsatz war ursprünglich für die im Aufbau-Verlag erscheinenden Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturtheorie bestimmt. W. Hr. Anmerkung der Redaktion: Wolfgang Harich, studierte in Berlin unter anderem bei Nicolai Hartmann Philosophie, Dozent in Berlin, Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Lektor des Aufbau-Verlages, 1956 verhaftet, langjährige Haft, lebt als Bezieher einer Invalidenrente in Berlin/DDR, Mitherausgeber der Feuerbach-Gesamtausgabe. Veröffentlichungen: Rudolf Haym und sein Herderbuch, Jean Pauls Revolutionsdichtung, Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, Kommunismus ohne Wachstum? Wolfgang Harich arbeitet an einem großen Buch über Nicolai Hartmann. (Im Original unten links stehend, S. 31, siehe die Briefe von und an Werner Mittenzwei, AH.) I. Nur mit gemischten Gefühlen konnte ich im April 1986 zwei Würdigungen des Wirkens von Ferdinand Tönnies aufnehmen, verfasst von Dieter Pasemann bzw. Günther Rudolph. Tönnies hat sich um manches verdient gemacht; so um den Kampf gegen Nietzsche, so um die Hobbesforschung. Und nachdem er schon zur Zeit des Sozialistengesetzes gewagt hatte, Marx als den »tiefsten Sozialphilosophen« zu charak- 48 (AH) Zuerst in: Aufrisse, Heft 2, 1986, S. 31–37. 442 Teil II terisieren, fand er zur Zeit der Weimarer Republik den Weg in die Reihen der SPD. Als aufrechter Antifaschist ist er im vierten Jahr der Nazidiktatur verstorben. Diesen Gelehrten bei uns geehrt zu wissen, wohl im Zeichen der Koalition der Vernunft, die der Besinnung von Kommunisten und Sozialdemokraten auf gemeinsame Traditionen günstig ist, tat mir gut. Trotzdem war ich doch auch erbost. Immerhin ist Tönnies‘ »Gemeinschafts«begriff, von 1887, weil unmarxistisch gedacht, weil gewonnen aus romantischem Missverstehen der Aussagen von Morgan und Engels über den Urkommunismus – und bis zur Auflage letzter Hand, von 1935, nie revidiert – , einst zum Ausgangspunkt reaktionärer Entwicklungen in der deutschen Soziologie geworden. Sie mündeten ein in vernunftfeindliche, schließlich präfaschistische Konzepte. Sie halfen gewiss auch dem »Volksgemeinschafts«schwindel der Nazis den Boden bereiten. Weder Pasemann noch Rudolph weisen auch nur mit einer Silbe kritischer Distanzierung warnend darauf hin. Nun erschien Rudolphs Artikel zu Tönnies‘ 50. Todestag (11. April) ausgerechnet am 101. Geburtstag von Georg Lukács (13. April). Das steigerte mein Ärger noch. An derselben Stelle, an der Tönnies drei Spalten mit Bild abbekam, da war genau ein Jahr zuvor an Lukács nur in ungefähr gleichem Umfang und ohne Bild erinnert worden. Zugestanden hätte ihm, bei Anlegung gleicher Maßstäbe, eine ganze Seite. Die Proportionen stimmten nicht. Und wieso, fragte ich mich, ist keiner auf die Idee gekommen, erst einmal bei Lukács nachzuschlagen, um sich zu vergewissern, wie Tönnies vom Standpunkt des Marxismus aus einzuschätzen ist? Wieso hat das sogar den Redakteuren, als sie die Manuskripte in Satz gaben, ferngelegen? Wo leben wir eigentlich? Lukács war ein großer Denker der Kommunisten; nach meiner Überzeugung der seit Lenins Tod weltweit größte – wer sonst? Ihn in unserer Tagespresse nicht umfänglicher gefeiert zu sehen als einen ehrenwerten sozialdemokratischen Professor viel geringeren Formats, stimmt mich traurig. Ich kann es, in Erinnerung an lange zurückliegende politische Kollisionen, über die ich, leider, nur zu genau Bescheid weiß, jedoch irgendwo noch verstehen. Werden aber gesicherte Erkenntnisse von Lukács – diesesfalls stehen sie in Kapitel VI seines Werkes Die Zerstörung der Vernunft – nicht ausgewertet, sondern achtlos übergangen, wenn es aus konkretem Anlass darum geht, exemplarisch die Ambivalenz linksbürgerlicher Gesellschaftslehre deutlich zu machen, dann hört jedes Verständnis auf. An Berührungsängsten, seien sie historisch noch so plausibel, darf ein einmal errungener Wissensstand keinen Schaden nehmen. Und ist es der Wissensstand 443Späte Kämpfe der Kommunisten, dem dergestalt Abbruch geschieht, so lassen Herkunft und Art der Einflüsse, die das entstehende Vakuum ausfüllen werden, sich leicht absehen. II. Wie weit haben sie es bereits ausgefüllt? Das muss jetzt und an dieser Stelle gefragt werden. Jetzt angesichts von Neuerscheinungen, die eine Wende zum Besseren versprechen. Die Wiederentdeckung von Georg Lukács im Verlagswesen unserer Republik, vor über einem Jahrzehnt vorbereitet durch eine Initiative Werner Mittenzweis49, ist 1986 mit der von Jörg Schreiter und László Sziklai besorgten Zusammenstellung wieder hochaktueller Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie für den Akademie-Verlag50 und mit der von Sebastian Kleinschmidt bei Reclam herausgegebenen Auswahl Über die Vernunft in der Kultur51 in ein neues Stadium getreten: In das der Angemessenheit. Der eine Band bringt Texte aus vier Büchern von Lukács, die bei uns zuerst zwischen 1947 und 1956 erschienen sind. Der andere dokumentiert durch die Wiedergabe von Werken, von denen nur zwei in der DDR früher schon einmal heraus kamen, Lukács’ gesamte Entwicklung, angefangen bei den ganz frühen Schriften, vor dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Gesellschaftsontologie des über Achtzigjährigen. Besprochen werden sollen die beiden Ausgaben hier nicht. Aber hingewiesen sei auf Kleinschmidts essayistisch angelegte, des Mannes wie der Sache würdige Einleitung, die, mit polemischer Spitze gegen gängige avantgardistische und modernistische Auffassungen, Lukács’ Standpunkt bekräftigt, dass im Kunstwerk über »reine Negation und Kritik« hinaus »positive wahrnehmbare Humanität ästhetisch wirksam werden müsse«.52 Und gerühmt sei, mehr noch, der Überdruss an Mäkelei und Besserwisserei, der die Herausgeber in beiden Fällen zum Verzicht auf eigene kritische Kommentierung 49 (WH) »Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács«, ed. Werner Mittenzwei u. a., Verlag Philipp Reclam jun., Universalbibliothek Band 643, Leipzig 1975. (AH) Harichs Fußnoten werden im Folgenden, mit leichten Vereinheitlichungen, in ihrer gedruckten ursprünglichen Form wiedergegeben. 50 (WH) Georg Lukács: »Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie«, ed. Jörg Schreiter und László Sziklai, Akademie-Verlag, Berlin 1986. 51 (WH) Georg Lukács: »Über die Vernunft in der Kultur. Ausgewählte Schriften 1909–1969«, ed. Sebastian Kleinschmidt, Reclam-Verlag, UB Bd. 1120, Leipzig 1986. 52 (WH) Ebd., S. 23. Noch prägnanter, ebd., S. 25: »Lukács hat an der Erkenntnis festgehalten, dass es die Erfahrung des Guten ist, die gut macht, dass die Klugen klug und die Tapferen tapfer machen und dass es im Unterschied dazu also nicht ausreicht, allein das Böse, die Absurdität, Dummheit und Unfreiheit zu zeigen, um den Menschen menschlicher, selbstbewusster und souveräner zu machen. Kunst als Schocktherapie durch Schreckensbilder der Gewalt, die jede andere Sicht der Dinge als mildernde Lüge verwirft, schien ihm nicht einzulösen, was sie verspricht: Eine Aktivierung von Widerstandsenergie.« 444 Teil II bewogen hat. Schreiter und Sziklai beschränken sich auf eine redaktionelle Nachbemerkung von zwölf Zeilen, gefolgt von einem kurzen Quellennachweis, ohne jede Wertung. Kleinschmidt, der auch vormarxistische Arbeiten von 1909 bis 1917, sowie die problematischste Abhandlung aus Geschichte und Klassenbewusstsein, Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats, von 1922, bringt, lässt gleichwohl, in den Anmerkungen, niemand anderen als Lukács selbst Beanstandungen vortragen. Außer Zitaten, die dessen spätere Stellungnahmen zu den überwundenen eigenen Positionen wiedergeben, fällt auch da kein kritisches Wort. So gehört sich das. So sollte es weitergehen. Denn nur so ist auszuschließen, dass in Lukács’ Büchern unter dem Vorwand ideologischer Verdauungshilfe, verabfolgt durch Epigonen, die sich weiser dünken, auf die Liquidation der ihm zu verdankenden Errungenschaften hingearbeitet wird. Schon im Nachkriegsjahrzehnt hat die verlegerische Betreuung von Lukács’ Werken in der DDR vor der im Westen, soweit man ihn da überhaupt herausbrachte, sich durch ein höheres Maß an Gewissenhaftigkeit und Gediegenheit ausgezeichnet. Man vergleiche unter diesem Gesichtspunkt etwa den Jungen Hegel in der Ausgabe des Züricher Europa-Verlages mit der des Aufbau-Verlages.53 Diese gute Tradition setzt, nach der politisch motivierten langen Pause, Jürgen Jahn in vorzüglichen Textrevisionen fort, und Jörg Schreiter sekundiert ihm darin neuerdings. Wer unter der sagenhaften Schlamperei der Luchterhand-Edition (Darmstadt, Neuwied und Westberlin) gelitten hat, darf aufatmen. Aufgeatmet hätte insbesondere Lukács. Der pflegte von Frank Benseler, so sehr er ihn sonst mochte, als seinem »schlechtesten Lektor« zu sprechen. Jahn und Schreiter machen ihre Sache entschieden besser; um von der größeren Sorgfalt, mit der die Korrektoren des Aufbau- und des Akademie-Verlages arbeiten, ganz zu schweigen. Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgaben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen.54 Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind nicht nur anmaßend und, bestenfalls, überflüssig. Sie bestreiten ihre kritischen Einwände in der Hauptsache aus Anleihen bei nichtmarxistischen Ideologen: Bei Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und diversen Neopositivisten. Und selbst wo die Nachworte hie und da, teilweise und sehr bedingt, weiterführende Einfälle enthalten, über die sich reden 53 (WH) Georg Lukács: »Der junge Hegel. Über die Beziehungen von Dialektik und Ökonomie«, Europa-Verlag, Zürich, Wien, 1948. DDR-Ausgabe unter dem Titel »Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft«, mit neuem Vorwort, Seite 7–10, Aufbau-Verlag, Berlin, 1954. 54 (WH) Beide Ausgaben im Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1981 bzw. 1985. 445Späte Kämpfe ließe, hätten die woanders publiziert werden sollen: In Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukácstexten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken. Gesetzt, Lehmann verhielte sich zu Lukács wie, sagen wir, Fichte zu Kant. Hätte denn Verleger Hartknoch nach dem Ableben Kants zu einer Neuauflage der Kritik der reinen Vernunft Fichte ein Nachwort Schreiben lassen? Und wäre es Fichte lieb gewesen, die Leute glauben zu machen, er schelte Kant im Auftrag Friedrich Wilhelms III. einen »Dreiviertelkopf«? Das sind, zunächst, bloß Taktfragen. Indes verweisen sie auf einen ideologischen Missstand, der behoben zu werden verlangt, und auf historische Irrtümer, die ihn stützen. III. Die Anhänger der ästhetischen Theorien Bertolt Brechts, mit den Bewunderern seiner Gedichte und Stücke keineswegs identisch, haben die Zeit, in der Lukács ungedruckt bei uns blieb, emsig genutzt, ihren Meister als eine Alternative zu ihm aufzubauen, die marxistischen Grundsätzen gemäßer sei. Zu dem Behuf sind die beiden zu Antipoden stilisiert worden, und man redete uns ein, dies seien sie seit Anfang der dreißiger Jahre gewesen. Die Konstruktion ist windschief. Ein junger Dichter kommt für einen nicht unerheblich älteren Philosophen als Antipode schwerlich in Betracht, ein Neuling auf der Sympathisantenszene erst recht nicht für einen in Klassenschlachten und Fraktionskämpfen gereiften Parteifunktionär. Als Lukács 1931 aus Moskau in Berlin eintraf, mit der Sickingendebatte im Kopf (respektive im Koffer), zu konsequentem Materialismus bekehrt durch noch unveröffentlichte Marxsche Frühschriften, da hießen die wirklichen, die ihm vergleichbaren Gegenspieler, die er hier im linken Umfeld vorfand, Korsch, Bloch und Benjamin. Brecht, mit seinem Hang zu theoretischem Dilettieren (wobei es ihm zustieß, dass er Theodor Lipps für Aristoteles hielt), stand unter ihrem Einfluss, weshalb Lukács sich vergebens um ihn bemühte. Bloch saß damals an Erbschaft dieser Zeit. Er hatte Brecht den Floh ins Ohr gesetzt, gerade Fäulnisprodukte spätbürgerlichen Kulturverfalls ließen sich revolutionär »umfunktionieren«.55 Daher Brechts Forderung, nicht ans gute Alte, 55 (WH) Ernst Bloch: »Erbschaft dieser Zeit«, bei Emil Oprecht, Zürich, 1935. Die Arbeit an dem Werk hatte er 1930 in Berlin begonnen; sie wurde nach der Emigration in Zürich fortgesetzt. Die, soweit ich sehe, bisher treffendste marxistische Einschätzung veröffentlichte Hans Günther in der »Internationalen Literatur«, Moskau, 1936, Heft 3. Eine Diskussion mit Bloch, der die Kritik in keinem Punkt gelten ließ, schloss sich damals an. 446 Teil II sondern ans schlechte Neue anzuknüpfen.56 Benjamin, zu ähnlichen Schmonzetten aufgelegt, belehrte ihn über vermeintliche Hinfälligkeit der Kunstgattungen, über das Auseinanderklaffen kritischer und genießender Haltung, die das Publikum erst beim Ansehen von Filmen wieder verbinden lerne, und dergleichen, wobei er sich ihm gleichzeitig durch sein Loben des »epischen Theaters« als verständnisinniger Parteigänger empfahl. Auch von der Seite also ward Brecht auf Modeformeln einer linksbürgerlichen Avantgarde eingeschworen, die, aufgewühlt von der großen Krise, vom sich verschärfenden Klassenkampf, doch ohne von heut auf morgen ihren mitgeschleppten Snobismus loszuwerden, sich der kommunistischen Bewegung näherte. Der ungarischen KP hatte Lukács sich gleich bei deren Gründung, 1918, angeschlossen. Ausgeschlossen aus der KPD, wegen Beharrens auf ultralinken Dummheiten, war seit 1926 Karl Korsch. Und eben auf Korsch geht noch Brechts sektiererisches Unbehagen an der späteren Volksfrontpolitik, gehen desgleichen seine gelegentlichen Schnitzer in Sachen Dialektik zurück.57 Es ist wahr: Um einzusehen, dass Lukács’ Handhabung der materialistisch-dialektischen Methode, dass seine anspruchsvollen Maßstäbe, seine Einstellung zum Kulturerbe für die Analyse und Wertung proletarisch-revolutionärer, sozialistischer Literatur immens brauchbar sind, muss man sich in erster Linie an die ihm zu verdankenden Arbeiten über sowjetische Erzählwerke, namentlich Gorkis, Fadejews, Wirtas, Scholochows, Makarenkos, Platanows, Beks und Kasakewitschs, halten. Brecht ist lange von ihm unterschätzt worden. Nachdem er ihn in der Phase der Lehrstücke kennen gelernt hatte, traute Lukács seinem Realitätssinn und seiner poetischen Kraft offenbar nicht zu, dass sie sich gegen Agitprop-Enge und linksmondäne Koketterie behaupten würden. Siehe Hans Günther: »Der Herren eigener Geist«, ed. W. Röhr und S. Barck, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1981, S. 336 f., 853 f. 56 (WH) Bertolt Brecht: »Schriften zur Literatur und Kunst«, Band 2, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1966, S. 22. 57 (WH) Vgl. viele der Aufsätze Brechts über den Faschismus aus den Jahren 1933 bis 1939, insbesondere die neun Punkte der »Plattform für linke Intellektuelle« sowie die Pariser Rede von 1935, und seine Notizen zur Philosophie, die zwischen 1929 und 1941 niedergeschrieben worden sind. Die übertreibende Korschlegende ist nicht durch eine unterschätzende Gegenlegende, wie sie etwa Mittenzwei (in einer Anmerkung zum Reclamband 482, »Positionen«, Leipzig, 1969, S. 613 f.) glaubhaft zu machen sucht, loszuwerden. Worauf es ankäme, wäre vielmehr, einmal klar und deutlich auszusprechen, dass sich eine Schwäche Brechts darin zeigt, Korsch, bei aller Ablehnung seiner antisowjetischen Ressentiments, dennoch vor Lukács bevorzugt zu haben. Und auch Benjamin war von Korsch, der ihm Einblick in unveröffentlichte Manuskripte gewährte, beeindruckt. 447Späte Kämpfe So hat Lukács erst einige Szenen aus Furcht und Elend des Dritten Reiches packend und ausgezeichnet gefunden. Und erst unmittelbar nach dem Tode Brechts, nahm er in dessen reifsten Stücken, besonders in Mutter Courage, im kontrastierenden Verhalten der Courage und der stummen Kattrin, das Festhalten an der Aristotelischen Karthasis wahr. Das ändert nichts daran, dass von ihm die tiefen Fragwürdigkeiten der Brechtschen ästhetischen Doktrin und ihrer pseudo- und antimarxistischen Quellen jederzeit richtig beurteilt worden sind; richtig und obendrein unbestechlich auch bei genauer, von hoher Wertschätzung getragener Kenntnis sowohl der Lyrik Brechts wie seiner reifen dramatischen Produktionen in der Eigenart des Ästhetischen, wo noch 1963 dem »Verfremdungseffekt« lediglich zugestanden wird, vom versteckten Konformismus der Avantgarde frei zu sein.58 Man mag das alles anders sehen. Mittenzwei, um die Vorbereitungen neuerlicher Lukács-Edition bei uns, wie gesagt, verdient, sieht es extrem anders in seiner 1966 entstandenen einschlägigen Publikation59; abgeschwächt anders, diplomatisch lavierend anders in den Beiträgen, die er 1974 zu einem Sammelwerk der von ihm geleiteten Forschungsgruppe beigesteuert hat.60 Dies ist sein gutes Recht. Ja, als Ferment für die nun fällige Auseinandersetzung sind seine Ansichten sicher von Wert. Entschlössen wir uns, in jene Debatte, die seinerzeit vornehmlich in der Moskauer Zeitschrift Das Wort geführt wurde, jetzt neu einzusteigen, sie ließe, bereichert um die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts, sich bequem als Dialog und Kontroverse mit Werner Mittenzwei fortführen. Ob aber Mittenzwei gut beraten war, den von ihm herausgegebenen Aus- 58 (WH) Lukács, im August 1956, nach Brechts Ableben, von Helene Weigel nach Berlin gerufen und um einen Beitrag zur bevorstehenden Trauerfeier im Berliner Ensemble gebeten, vertiefte sich, bevor er zur Niederschrift ansetzte, in die Lektüre der »Mutter Courage«. Wenige Stunden vor dem Staatsakt gab er im Hotel Newa, wo er logierte, einem Schüler seine Rede zu lesen. Auf dessen verblüffte Frage, wie es zur Entdeckung der Aristotelischen Katharsis bei Brecht gekommen sei, erwiderte Lukács: »Natürlich durch Kattrin.« Mittenzwei, der Lukács’ Aussagen über die Katharsis bei Brecht für ein groteskes Missverständnis hält, sieht dabei selbst, im Programmheft der »Courage«-Aufführung des BE von 1978, die Bedeutung der Kattrin kaum anders. Er streitet also um des Kaisers Bart. Aber hat er Aristoteles studiert? – Zur echt nonkonformistischen Intention des »Verfremdungseffekts« vgl. Kapitel 16, II (Allegorie und Symbol) im zweiten Halbband von Lukács’ »Die Eigenart des Ästhetischen«. 59 (WH) Werner Mittenzweis 1966 geschriebene Arbeit »Die Brecht- Lukács-Debatte« erschien erstmals in »Sinn und Form«, Heft 1, 1967. Ihre spätere Einschätzung durch den Autor, 1974, in »Dialog und Kontroverse« usw., a. a. O., S. 440 f. 60 (WH) »Dialog und Kontroverse« usw., a. a. O., S. 9 f., 153 f., 429 f., 440 f. 448 Teil II wahlband: Georg Lukács, Kunst und objektive Wahrheit61, 1977, mit einem Vorwort zu versehen, das, statt sich auf die gebotene Distanzierung von politischen Fehlern des Autors zu beschränken, dessen ästhetische und literaturtheoretische Ergebnisse vom Standpunkte des Modernismus aus bekrittelt, das ist die Frage. Vielmehr, es war die Frage. Sie ist eindeutig mit Nein zu beantworten, nachdem das schlechte Beispiel, nunmehr unter Einmischung einer von Brecht und Lukács gleichermaßen bekämpften Ideologie, Schule gemacht hat. Auf Mittenzweis Vorwort ist nämlich Lehmanns Nachwort gefolgt, auf dieses wieder der Anhang des Michael Franz, und Franz favorisiert den Theodor W. Adorno, denselben, den Lukács im »Grande Hotel Abgrund« einlogiert sah, während Brecht ihn für das Tui-Unwesen Modell stehen ließ. Nur 264 Seiten nimmt der Lukács-Text Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik in der DDR Ausgabe62 ein. Angehängt sind ihm da, auf den Seiten 265 bis 325, unter der Überschrift Auf der Suche nach Vermittlung, Franz‘ Auslassungen über Die dialektische Natur des Besonderen als ästhetisches Problemfeld in der Sicht von Georg Lukács. Franz ist glücklich, dass heute »niemand mehr einen solchen individuellen politisch-ideologischen Monopolanspruch auf die Lösung strittiger Fragen geltend machen würde, wie es Lukács zumindest vorübergehend getan hat« (S. 267). Auch nicht vorübergehend hat Lukács dies getan (und das »zumindest« kann man sich auf der Zunge zergehen lassen).63 Ob Lukács »sich jemals vollständig 61 (WH) UB 702, Reclamverlag, Leipzig, 1977, S. 5–17. 62 (WH) Georg Lukács: »Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik«, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1985. 63 (WH) In der Entwicklung nach 1945 lässt sich keine – und sei es noch so kurze – Phase angeben, in der ein Meinungsmonopol von Lukács bestanden hätte. Erst recht kann keine Rede davon sein, dass jemals von seiner Seite ein solches beansprucht worden wäre. Erstens haben bei uns lange Zeit bürgerliche Germanisten erheblichen Einfluss ausgeübt: Theodor Frings, Ernst Grumach, Anton Kippenberg, Hermann August Korff, Leopold Magon, Hans Wahl, Paul Wiegler – um nur die namhaftesten aufzuführen. Zweitens nahmen unter den Mitgliedern der SED und ihren zum Marxismus tendierenden Sympathisanten in ästhetischen und literaturtheoretischen Fragen, mehr oder weniger unabhängig von Lukács und ihm mitunter opponierend, Alexander Abusch, Wilhelm Girnus, Wieland Herzfelde, Helmut Holtzhauer, Herbert Jhering, Alfred Kantorowicz, Werner Krauss, Alfred Kurella, Hans Mayer, Joachim Müller, Paul Rilla, Gerhard Scholz, Max Schroeder u. a. jeweils eigenständige Positionen ein; von minder bedeutenden Erscheinungen und nachrückenden Jüngeren ganz zu schweigen. Drittens war jederzeit kritische Distanz zu Lukács unter DDR-Schriftstellern bei Bertolt Brecht, Willi Bredel, Louis Fürnberg, Otto Gotsche, Stephan Hermlin, Anna Seghers, Friedrich Wolf u. a. festzustellen – teils partiell, teils total. Viertens konnte Lukács keineswegs immer sicher sein, dass ein Text von ihm, den er bei uns gedruckt zu sehen wünschte, alsbald auch erschien. Der 449Späte Kämpfe von seinen neukantianischen und neuhegelianischen Ursprünge lösen konnte«, für Franz »steht es dahin« (S. 268). Lukács habe sich jedenfalls nie um die Distribution gekümmert, die »den Anteil der Individuen an der Welt der künstlerischen Produkte regelt«, habe z. B. noch nichts von Audio- und Videokassetten gewusst (S. 271 f.). Als Bloch in der Expressionismusdebatte 1938 Lukács kritisiert hätte, sei er dadurch »gezwungen« worden, »sein Ideal von der Geschlossenheit einer Lebenstotalität zu problematisieren, was leider in ästhetischer Hinsicht keine Konsequenzen zeitigte« (S. 275). Die Beispiele ließen sich vermehren. Sie führen dahin, dass Lukács und Adorno als Größen gleichen Ranges behandelt werden (S. 281 f.). Sie gipfeln in der Feststellung, gegen Lukács’ »Ideal der künstlerischen Einheit von Wesen und Erscheinung« sei »Adorno recht zu geben« (S. 304 f.). Ist auch so etwas noch durch die Abrechnung mit dem vor dreißig Jahren Geschehenen gedeckt? Wenn ja, dann warte ich auf die Plechanow-Ausgabe, in der im Nachwort diesem Menschewistenführer der Fehler angekreidet wird, nicht mit genügend Verständnis in die Tiefen der Gedankenwelt von Mach und Avenarius eingedrungen zu sein. Wer schützt uns vor solcher Torheit? Etwa Materialismus und Empiriokritizismus? Wie, wenn Lenin durch anderweitige, dringlichere Parteiarbeit oder durch Krankheit, Haft, Verbannung oder sonst was daran gehindert gewesen wäre, das Buch zu schreiben? Wären wir gegen Machismus gefeit? Wo es passiert, dass Adorno gegen Lukács, und Personenkult um Stalin, beispielsweise, brachte es mit sich, dass im Aufbau-Verlag »Der junge Hegel« erst 1954 herauskam, mit sechsjähriger Verzögerung gegenüber dem Züricher Erstdruck (1948) und, bezeichnenderweise, erst drei Jahre nach dem Hegelbuch Ernst Blochs (»Subjekt-Objekt«, 1951). Gegen den Widerstand Walter Besenbruchs, Wolfgang Heises und Klaus Schrickels wurde 1951 von Erich Wendt eine kleine Auflage des damals so wichtigen Buchs »Existenzialismus oder Marxismus?« durchgesetzt. Denn – fünftens – auch auf philosophischem Gebiet fehlte es Lukács weder an linkssektiererisch-dogmatischen noch an rechtsrevisionistischen Kritikern, die sich durchaus Gehör zu schaffen wussten. Und hinzu kam auch hier die Animosität seiner bürgerlichen Gegner. Von den nichtmarxistischen Philosophen in der DDR haben einzig Arthur Baumgarten (er freilich Mitglied der Schweizer Partei der Arbeit) und Paul F. Linke den hohen Wert der »Zerstörung der Vernunft« hervorgehoben, die bei Bloch auf fast ebenso eisige Ablehnung stieß wie bei Günter Jacoby, Hermann Johannsen, Hans Pichler und Lieselotte Richter. Schließlich sechstens: Die zweifelhafte Ehre, Beiträge zur Lukács-Festschrift von 1955 zu verweigern, teilte Brecht sich mit H. A. Korff. Dieser bot immerhin einen Ersatzmann an: Seinen Schüler Hans Lothar Markschieß, und der wieder zog sich aus der Affäre, indem er die »Theorie des Romans« rühmte. Genügt das, um ein wenig Nachdenklichkeit gegenüber der Legendenbildung zu erwecken, die bei unseren Modernismus-Freunden nachgerade ins Kraut schießt? 450 Teil II das heißt: dass die Frankfurter Schule gegen Invarianzen marxistischer Erkenntnis ausgespielt wird, da kann, wer auf der Hut bleiben will, sich Konsequenzen ähnlicher Art nicht phantasievoll genug ausmalen. Und sind wir gegen Machismus, gegen dessen fortentwickelte Nachfolge denn wirklich gefeit? Lukács, in seinen letzten Schriften, hörte nicht auf, vor einer »Weltherrschaft des Neopositivismus« zu warnen. Unschwer ließe sich zeigen, dass gleichgültige, überhebliche, nicht selten feindselige Einstellung zu Lukács dem Ansteigen auch dieser Seuche förderlich ist. Das Wuchern der Informationsmetapher, die Relativismen, Indeterminismen, Reduktionismen, die das Weltbild der Wissenschaft zersetzen, der Triumph des Behaviorismus etwa über die Tierpsychologie, aber auch die der Literaturdeutung sich bemächtigende, deren Funktion usurpierende Semiotik, all das und ähnliches mehr wäre Beweis genug, selbst wenn Vorlieben für Carnap und Wittgenstein nicht so um sich griffen, wie sie es tun. Mit Hilfe des großen Ungarn, der am liebsten Deutsch schrieb, ohne den sozialistische Kultur deutscher Sprache gar nicht zu denken ist, könnten wir gegen all das Dämme errichten. Er hat, in hohem Alter, sich der für einen Goethe- und Hegelkenner unerquicklichen, widerwärtigen Aufgabe unterzogen, Carnap und Wittgenstein zu studieren, und hat gegen sie eine glänzende Polemik verfasst. Dank Luchterhand ist die nach seinem Tode noch dreizehn Jahre lang der deutschsprachigen Öffentlichkeit vorenthalten geblieben. Gerade auch diese Arbeit brauchen wir, und zwar dringend.64 Wie aber soll hierzulande den kulturpolitisch Zuständigen verständlich gemacht werden, dass die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, von der sie einen Teil bildet, uns Not tut, solange ihrem Autor bei uns von der Mehrzahl der Philosophen und Literaturwissenschaftler der gebührende Respekt versagt wird? IV. Gefragt werden muss dies jetzt und an dieser Stelle. An dieser Stelle deswegen, weil Mäkelei und Besserwisserei das Lukács-Gedenken 1985 am ärgsten in den Weimarer Beiträgen beeinträchtigt haben. Lukács dadurch zu ehren, dass man ihn schmäht, von solchem Doppelbeschluss schien mir das meiste von dem eingegeben, was zum 100. Ge- 64 (WH) Georg Lukács: Werke, Band 13, Luchterhand-Verlag, Darmstadt und Neuwied, 1984, S. 352 bis 420. Vielleicht ist es schneller Drucklegung bei uns förderlich, dass Lukács in der Beurteilung des Kardinals Bellermins, auf dessen Kompromissformel er geistesgeschichtlich den Positivismus und Neopositivismus zurückzuführen pflegt, völlig mit Brecht (»Galileo Galilei«) übereinstimmt. Siehe hierzu auch Kleinschmidt in »Über die Vernunft in der Kultur«, a. a. O., S. 521 f. 451Späte Kämpfe burtstag des Mannes in der vorliegenden Zeitschrift65 zu lesen war. Und führe ich mir vor Augen, wie die darin munter fortfährt, vertiefe ich mich in diejenigen auf dem Lukács-Kolloquium, vom März 1985, gehaltenen Referate, die zum zusätzlichen Abdruck in ihrem darauf folgenden Jahrgang ausgewählt worden sind,66 dann vermag ich mich des Eindrucks gehässiger Regie nur mit Mühe zu erwehren. Fast durchweg, nur mit zwei Ausnahmen, stammen die Beiträge im soi-diasant Jubiläumsheft, bei Abwesenheit auch nur der geringsten Kostprobe aus der Hinterlassenschaft des zu Feiernden, von mehr oder weniger entschiedenen Lukács-Gegnern. Von den beiden freundlichen Artikeln sind dem einen, den Dietrich Löffler beigesteuert hat, durch seinen Gegenstand, eine zu besprechende Chrestomathie von Bildern, Selbstzeugnissen und Dokumenten, erschienen 1981 in der BRD,67 enge Schranken gesetzt. Und der andere, von Günter Fröschner geschriebene,68 wirkt ungewollt insofern bereits negativ, als er historisch an dem Punkt halt macht, wo der junge Lukács vor dem Ersten Weltkrieg bei verdächtigen Exponenten bürgerlicher Philosophie und Soziologie, ja bei »theologisierenden und platonisierenden Strömungen« Rat sucht.69 War bei der Wahl an bestimmte Adressaten gedacht? Man braucht sich nur in einen berührungsängstlichen, von Vorurteilen erfüllten Kulturfunktionär hinein zu versetzen, der hier über Lukács’ frühe Nähe zu badischen Neukantianern, gar zu »irrationalistischer, lebensphilosophisch fundierter Methodologie« informiert wird, um den Effekt zu ermessen. Vollends übel werden dürfte einem solchen Leser, falls er, im selben Heft, auch noch Ausführungen Dieter Schlenstedts Glauben schenkt, denen zu Folge Lukács, als Freund »organischer Gestaltung und reiner Formen«, in den Reportagen Egon Erwin Kischs »nichts als eine strukturelle Wiederholung kapitalistischer Entfremdung« gese- 65 (WH) »Weimarer Beiträge«, Heft 4, 1985. 66 (WH) »Weimarer Beiträge«, Heft 2, 1986. Darin die Arbeiten von Dieter Schlenstedt: »Veto gegen die Trollwelt – Georg Lukács zur Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus«, S. 275 f., und Friedrich Tomberg: »Die Kritik der spätbürgerlichen Philosophie unter dem Blickwinkel der Brecht-Lukács-Debatte, S. 287 f. 67 (WH) Eva Feteke, Eva Karádi: »Georg Lukács. Sein Leben in Bildern, Selbstzeugnissen und Dokumenten, deutsch: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1981. Rezensiert in den »Weimarer Beiträgen (= »WB«), Heft 4, 1985, S. 694 f., von Dietrich Löffler. 68 (WH) Günter Fröschner: »Der junge Lukács. Gymnasialzeit, Jurastudium, Thalia-Gesellschaft, Philosophiestudium, publizistische Tätigkeit«, in: »WB«, S. 580 f. 69 (WH) Ebd., S. 600 f. 452 Teil II hen haben kann.70 Das stimmt zwar hinten und vorne nicht, da Bedenken gegen die Einführung von Reportageelementen in den Roman ja gar nicht die Reportage als solche betreffen und erst recht nicht den Wert der Lebensleistung Kischs in Zweifel ziehen. Aber die eins mit dem anderen vermengende Suggestivbehauptung ist schwer ohne weiteres aufzudröseln, und sie gewinnt an Eindringlichkeit durch eine Heftbebilderung, die dem Denker den Reporter so voransetzt, wie der es nicht einmal nach der Reihenfolge der Geburtsdaten verdient hätte.71 Uns gegen eine Wiederkehr Lukács’ abzuschirmen, darum zeigt desgleichen Heinz-Jürgen Staszak sich besorgt.72 Nur hat er noch andere Zielgruppen im Sinn. Er umwirbt die liberal-romantische Mafia mit der Unterstellung, Lukács sei im Nachkriegsjahrzehnt zu Ungunsten des lebendigen literarischen Schaffens und mit der Folge »dramatischen Zurückbleibens der literaturtheoretischen Entwicklung«73 manipulativ gefördert worden. Als hätte es Schwierigkeiten, ihn durchzusetzen, namentlich 1949 bis 1953, nie gegeben und als wären Verfechter abweichender Konzepte nicht einzig in Ermangelung vergleichbarer Produktivität damals gehindert gewesen, die durchaus bestehende Chance seiner Überrundung wahrzunehmen (vom Widerstand der bürgerlichen Gelehrtenzunft gegen ihn gar nicht erst zu reden). Es scheint geraten, den Spieß einmal umzudrehen, und zu prüfen, welchen Richtungen am meisten daran gelegen sein muss, dass Lukács’ Resonanz möglich begrenzt bleibe, nachdem seine politische Zernierung nicht länger zu haben ist. Offenkundig ist die in Kunst und Dichtung dem Modernismus zu Statten gekommen, weshalb es kaum überraschen kann, dessen Befürworter sich zur Abwehr rüsten zu sehen. Man spürt es bei Günther K. Lehmann74, bei Staszak75, am vernehmlichsten bei Schlenstedt76 und, 70 (WH) Dieter Schlenstedt: »Egon Erwin Kischs Borinage-Berichte«, ebd., S. 630 f., namentlich S. 646. 71 (WH) »WB«, 4, 1985, steht ein Bild von Kisch (geb. 29.4.1885) vorne gleich neben dem Titelblatt, eines von Lukács (geb. 13.4.1885) ganz hinten, wo die Zeitschrift, auf der dritten Umschlagsseite, sonst nur Anzeigen abzudrucken pflegt. 72 (WH) Heinz-Jürgen Staszak: »Beobachtungen an der Wirkungsweise des Lukácsschen Literaturkonzepts«, ebd., S. 573 f. 73 (WH) Ebd., S. 577. 74 (WH) Günther K. Lehmann: »Stramin und totale Form. Der Kunstphilosoph Georg Lukács und sein Verhältnis zu Ernst Blochs Ästhetik der Hoffnung«, ebd., S. 533 f., besonders 546 f. bis Ende. 75 (WH) H. J. Staszak, a. a. O., S. 576 f. 76 (WH) D. Schlenstedt, »WB«, 2, 1986, S. 275 f. 453Späte Kämpfe mit dem Versuch philosophischer Untermauerung, bei Friedrich Tomberg.77 Mittenzwei hat dafür seinerzeit die Zeichen gesetzt, indem er Lukács’ Bejahung großer Traditionen des Realismus historisch auf die Volksfronttaktik relativierte, statt sie als für jede sozialistische Kultur verpflichtend anzuerkennen, und zugleich, andererseits, den »kühnen Experimenten« der linksbürgerlichen Avantgarde revolutionäre Dignität zusprach,78 die nur eben leider – und selbst dort, wo ein aufrichtiges politisches Bekenntnis die Hypothese stützt – in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Genießbarkeit der betreffenden Werke steht. Zu eruieren bliebe, ob nicht vielmehr durch modernistische Desorientierung mitunter auch revolutionäre Intentionen in den spätbürgerlichen Marasmus zurückgezerrt werden und ob, demgegenüber, der Rang sowjetischer Erzählkunst nicht mit deren Traditionsbindung und der sie bewahrenden, dem Modernismus abträglichen Kulturpolitik zusammenhängt. Um schlagende Argumente wäre ich nicht verlegen. Um nur eines anzudeuten: Welche Vertreter der Gegenwartsliteratur irgendwo in der Welt reichen als Erzähler an Trifonow, Aitmatow und Rasputin heran?79 Ich wüsste nicht. Und eben sie bedienen sich mit einer Unbekümmertheit, die sonst nirgends mehr anzutreffen ist, der realistischen Erzählweise des 19. Jahrhunderts, von der somit feststeht, dass sie auch den Stoffen von heute noch immer am adäquatesten ist. Für Lukács’ Lob des 19. Jahrhunderts nun hat Schlenstedt nur süffisanten Hohn übrig. Er äußerte ihn gleichsam prophylaktisch, privilegiert durch Einsichtnahme in Band 4 der Luchterhand-Edition (Berlin-West, 1971).80 Für gewöhnliche Sterbliche bei uns ist das betreffende Schriftchen erst jetzt, durch den von Kleinschmidt besorgten Reclamband81 zugänglich geworden. Und die Voreingenommenheit dagegen sitzt fest. Doch weiter. Der Gefahr einer Lukács-Wiederkehr bei uns zu begegnen und ihr gleichsam gegenzusteuern, sucht Lehmann, Verfasser besagten Nachworts zur Eigenart des Ästhetischen, dadurch, dass er Bloch mindestens als gleichrangig, möglichst als höher- 77 (WH) F. Tomberg, ebd., S. 287 f. 78 (WH) Mittenzwei, in: »Dialog und Kontroverse« usw., a. a. O., S. 54–83, 88–93, 97–100, ähnlich in: G. Lukács, »Kunst und objektive Wahrheit«, a. a. O., S. 7–14, 16. 79 (AH) Siehe hierzu die Anmerkungen Harichs in seinem Aufsatz Das Weib in der Apokalypse von 1979, neu abgedruckt in: Band 8, S. 163–170. Dort ausführlich zu Rasputin und zur russischen Erzählkunst des 20. Jahrhunderts mit Blick auf die Herausforderungen der Moderne. 80 (WH) »WB«, 2, 1986, S. 275 f. 81 (WH) G. Lukács: Über Vernunft in der Kultur«, a. a. O., S. 429 f. 454 Teil II wertig zu behandeln empfiehlt.82 Dies allein müsste die marxistische Philosophie an Ort und Stelle hellhörig machen. Aufhorchen lassen müsste sie ebenso der Positivistenjargon, in dem Lehmann dort daher redet, wo er gegenüber beiden Alten die Überlegenheit der eigenen kommunikationstheoretischen Befunde herausstreicht.83 Und noch mehr ist sie gefordert, wenn die Frankfurter Schule, vertreten durch Tomberg, gegen Lukács ihre Invektiven schleudert.84 Tomberg bescheinigt Horkheimer und Adorno, dass sie über einen zur Unvernunft des gegenwärtigen Weltzustandes eher passenden Begriff von Rationalität und Irrationalität verfügten, und gibt im Anschluss daran die schnoddrige Bemerkung Adornos zum Besten, mit der Zerstörung der Vernunft könne wohl nur des Autors eigene gemeint sein.85 Für ihn, Tomberg selbst, ist Vernunftzerstörung ein »geschichtliches Erfordernis«, »nämlich als Negation des weltanschaulichen Avantgardismus Westeuropas samt der zugehörigen Bewusstseinsformen«, so dass er findet, insofern habe »die spätbürgerliche Rationalismuskritik einen rationellen Kern«.86 Warum schweigen unsere Philosophen dazu? Bislang haben sie sogar zu Folgendem geschwiegen. Lehmann dekretiert: »Mit seiner weiteren Erbeauffassung steht uns heute Bloch näher als Lukács.«87 Wie eng Lukács das Erbe fasst, muss Lehmann von der Eigenart des Ästhetischen her wissen. In dem zweibändigen Riesentorso ist die Menschheitskultur präsent, von den Höhlenbildern aus der Altsteinzeit bis hin zum Bauhaus, zum Film, zu Aufführungen des Berliner Ensembles. Als Blochschüler muss Lehmann aber ebenfalls wissen, dass sein Lehrer diese atembeklemmende, »uns« einschnürende Enge keineswegs nur zu Gunsten freieren Genusses von Avicenna oder Thomasius, von Richard Wagner, Karl May oder Johann Peter Hebel zu lockern verstanden hat. Blochs Schatzkästlein ist dermaßen geräumig, dass darin Nietzsche Platz findet. In Band III seines Hauptwerkes, Das Prinzip Hoffnung,88 kann man es nachlesen. Ob auch Lehmann zu denen gehört, die, über »differenzierendes« Betrachten murmelnd, eine Nietzsche-Renaissance in der DDR herbeireden helfen, ich weiß es nicht und will 82 (WH) G. K. Lehmann: »Stramin« usw., a. a. O., S. 533 f. 83 (WH) Ebd., S. 533 f. 84 (WH) »WB«, 2, 1986, S. 287 f. 85 (WH) Ebd., S. 291. 86 (WH) Ebd., S. 294 f. 87 (WH) »WB«, 4, 1985, S. 550. 88 (WH) Ernst Bloch: »Das Prinzip Hoffnung«, dritter Band, Aufbau-Verlag, Berlin, 1959, S. 20 f., 27 f., 33–36, 44, 92, 306, 312, 441. 455Späte Kämpfe es nicht behaupten. Aber Renate Reschke gehört zu ihnen, von der die Weimarer Beiträge schon 1983 einen einschlägigen Aufsatz brachten.89 Und vor allem gehört Eike Middell dazu, dem völlig klar ist, dass seine Absicht, Nietzsche mit Hilfe der Dichter und Schriftsteller, auf die er einst gewirkt hat, zu retten, nur bei anhaltender Diskreditierung des Vermächtnisses von Lukács zu verwirklichen sein wird. Diesem Anliegen Gehör zu verschaffen bietet das Jubiläumsheft ihm Gelegenheit, und er nutzt sie. Womit der Anti-Lukács-Eisberg seine Spitze zeigt. Geliefert hat Middell gleich zwei Beiträge. Beide ergänzen einander, beide sind zu beachten. In dem einen90 rezensiert Middell das Buch von Judith Marcus-Tar, Thomas Mann und Georg Lukács (Köln, Wien, 1982), dem er Belege für seine abenteuerliche Konstruktion glaubt entnehmen zu können, wonach Lukács, im Grunde selber Anhänger Nietzsches, mit seiner späteren unversöhnlichen Kritik an ihm nur die Spuren der eigenen geistigen Herkunft habe verwischen wollen.91 Gleichzeitig soll die Besprechung uns weismachen, bei seinen Versuchen, sich Thomas Mann aufzudrängen, sei Lukács, zu seinem Kummer, auf wenig Gegenliebe gestoßen. Was dieser Geschichtsklitterung nicht in den Kram passt, wird als marginal hingestellt oder verschwiegen. Insbesondere scheint die Huldigung Thomas Manns für den siebzigjährigen Lukács, ein Exklusivbeitrag für die damalige DDR-Festschrift,92 nie existiert zu haben. Vielleicht ist sie dazumal Frau Marcus-Tar, obwohl die erst anderthalb Jahre später aus Ungarn emigrierte, unbekannt geblieben. Aber auch ihrem als Literarhistoriker in der DDR tätigen Rezensenten? Aber auch dem Redaktionskollegium, das über die Annahme der 89 (WH) »WB«, 7, 1983, S. 1190–1215. 90 (WH) »WB«, 4, 1985, S. 699 f. 91 (WH) Ebd., S. 562 f., 572. 92 (WH) »Georg Lukács zum siebzigsten Geburtstag«, Aufbau-Verlag, Berlin, 1955, S. 41. Darin schreibt Thomas Mann u. a.: »Ich will aussprechen, dass ich den Menschen Lukács hoch achte der Opfer wegen, die er seinen Überzeugungen gebracht, des strengen Lebens, dass er sich auferlegt hat. Und aussprechen will ich, dass ich die gleiche Hochachtung habe für seine geistige Arbeit (…). Was vor allem daran meine Sympathie erregt, ist der Sinn für Kontinuität und Tradition, von dem es geleitet ist und dem es großenteils sein Dasein verdankt. Denn geradezu vorzugsweise gilt seine Analyse älterem literarischem Kulturgut, in dem er belesen ist wie der konservative Historiker und mit dem er die neue Welt seines Glaubens in Verbindung zu bringen, ihren Wissens- und Lerneifer dafür zu erwecken sucht. Dass er dabei vornehmlich die gesellschaftskritischen Elemente dieser Leistungen der bürgerlichen Kultur aufsucht und aufzeigt, ist nur recht und billig und verringert keineswegs meine Wertschätzung eines Mittlerwerkes zwischen den Sphären und Zeitaltern, das mir inspiriert scheint von einer Idee, welche heute vielerorts in beklagenswert geringen Ehren steht: Der Idee der Bildung.« 456 Teil II Besprechung zu befinden hatte und dem es oblag, auf deren Seriosität zu dringen? Schwer vorstellbar. Drei wichtige Elemente der heutigen, wieder einmal »links« drapierten Nietzsche-Apologie sind in Middells anderem, seinem Hauptbeitrag, Totalität und Dekadenz93, zu finden. Er macht sich die philologische Legende zu eigen, die aus der posthumen Kompilation des Opus magnum, Der Wille zur Macht, verharmlosende und beschönigende Folgerungen zieht, für die es inhaltlich keinerlei Anhaltspunkte gibt.94 Er deutet ferner die Abkehr Nietzsches von Wagner aus dem symptomatischen Teilaspekt sich steigernder Inhumanität, um den es sich da tatsächlich handelt, in einen löblichen Vorzug um.95 Und statt Anfälligkeit für Nietzsche, bei wem auch immer sie auftreten mag, als kritikwürdigen Mangel kenntlich zu machen, schließt Middell umgekehrt aus dem Rang vieler Schriftsteller, denen sie anzulasten, an denen sie, allenfalls, zu bedauern ist, auf Nietzsches vermeintlich positive kulturgeschichtliche Bedeutung.96 Nicht endenwollender Polemik bedürfte es, mit alledem detailliert ins Gericht zu gehen. Nur ein Punkt, bei dem Dankbarkeit am Platze, sei herausgegriffen. Um den letztgenannten Fehlschluss für Linke nachvollziehbar zu machen, beruft Middell sich auf das Beispiel Walter Benjamins.97 Er hat, was die Fakten angeht, da völlig recht. Nur sprechen die nicht für Nietzsche. Sie sprechen gegen Benjamin. Dessen romantische Klage über »technische Reproduzierbarkeit«, die dem Kunstwerk die »Aura« des Einzigartigen nehme, hat ja nicht von ungefähr einen elitären, snobistischen, massenverachtenden Zug. Sie ist im Kern undemokratisch, woran der Salto mortale ins nicht minder falsche Gegenextrem, in die Geburt des Proletkult aus dem Geist des Kintopps, nur wenig ändert. Benjamin, meist inkohärent denkend, Virtuose der ins Banale umkippenden Esoterik, bietet hier das Bild eines Ortega y Gasset, der plötzlich die Ballonmütze aufsetzt.98 Und gleich Übles, mutatis mutandis, ist in allen Fällen nachzu- 93 (WH) »WB«, 4, 1985, S. 558 f. 94 (WH) Ebd., S. 561. 95 (WH) Ebd., S. 566 f. 96 (WH) Ebd., S.562 f., 568 f. 97 (WH) Ebd., S. 569 f. 98 (WH) Vgl. Walter Benjamin: »Allegorien kultureller Erfahrung. Ausgewählte Schriften 1920–1940«, ed. Sebastian Kleinschmidt, UB 1060, Reclamverlag, Leipzig, 1984, S. 407 f. Die Affinität zu Ortega y Gasset ist klar ersichtlich ebd., S. 178, der Brückenschlag zum Proletkult, mitbedingt durch Anlehnung an Korsch, ebd., S. 155. Adorno nennt Friedrich Schlegel, Novalis, die Georgeschule, Franz Rosenzweig, den Bloch des »Geist der Utopie«, den Messianismus jüdisch-theologischer Tradition und Georg Simmel als die wichtigsten 457Späte Kämpfe weisen, in denen Autoren, bedeutend oder nicht, dem Einfluss Nietzsches Tribut gezollt haben. Ob bei Hamsun oder bei Thomas Mann, ob bei Dehmel oder Sternheim, bei Gide oder Montherlant oder Malraux – der Nietzschekult richtete immer Schaden an. (Wohl einzige Ausnahme: Der Weg vom Übermenschen zum Menschen ist bei Shaw der Weg vom Mann zum Ehemann. Wer da freilich noch an Anhängerschaft glauben will, mag es tun.) Noch dankbarer müssen wir Middell für die Unmissverständlichkeit sein, mit der er, um Lukács loszuwerden, der Philosophie die Kompetenz abspricht, über Nietzsche mitzureden.99 Der Schoß, aus dem Nietzsche kroch, ist derzeit fruchtbarer denn je. Am Ende des 20. Jahrhunderts leben wir sehr gefährlich – leider! Der in der Philosophie herumpfuschende Scharlatan, der die Losung »Gefährlich leben!« ausgab, würde alles noch schlimmer machen, gewönne er im sozialistischen Land deutscher Sprache auch nur einen Millimeter an Boden zurück. Diesem Unheil gilt es zu wehren. Nietzsche sollte hier weder jemals gedruckt noch geehrt noch beifällig oder auch nur mit Gelassenheit zitiert werden. Lukács brauchen wir nicht nur dafür, dies zu begreifen, aber dafür wahrscheinlich zu allererst. Und dass der massivste Versuch, Nietzsche in die Erbepflege der DDR mit einzubeziehen, aus Furcht vor Lukács, aus dem Wunsch, ihn fernzuhalten, ein gegen die Philosophie gerichtetes Zuständigkeitsmonopol der Literaturgeschichte zu erkämpfen trachtet, liefert die Probe aufs Exempel. Unsere Philosophen sollte es auf hohe Alarmstufe bringen. geistigen Quellen Benjamins und schlägt dithyrambische Töne an, wenn er dessen Nähe zu Nietzsche preist; all dies in der Einleitung zur zweibändigen Auswahl: Walter Benjamin, »Schriften«, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 1955, Band I, S. IXff. Von Philosophie verstand Benjamin fast nichts, und dem Marxismus stand er, obwohl von 1928 an mit der kommunistischen Bewegung politisch sympathisierend, als Theoretiker noch viel ferner als seine Freunde Bloch, Horkheimer und Adorno. In der Ablehnung des Benjaminschen »Aura«begriffs trafen sich Lukács und Brecht. Brecht tadelte ihn, dass Richtige meinend, wenngleich mit unglücklich gewähltem Terminus, als »ziemlich grauenhafte Mystik« (Brecht, »Arbeitsjournal«, Bd.1, Frankfurt am Main, 1973, S. 16). Lukács widerlegt in der »Eigenart des Ästhetischen«, zweiter Halbband, 14. Kapitel, Abschnitt V, dem bisher bedeutendsten Beitrag zur Ästhetik des Filmkunstwerks, vom marxistischen Standpunkt aus die einschlägigen abstrusen Thesen Benjamins, angefangen von dessen »Aura«theorie bis zu seinem technikfeindlichen Vergleich der schauspielerischen Leistungen in Theater und Film. Der Einfall, das Vermächtnis Benjamins zur theoretischen Begründungen des sozialistischen Realismus heranzuziehen, ist eine Verirrung der allerärgsten Art. Und dass es Leute, die hierzu aufgelegt sind, dann auch zu Nietzsche lockt, kann nicht wundernehmen. 99 (WH) »WB«, 4, 1985, S. 561 f. 458 Teil II V. Warum haben sie bisher zu alledem nichts gesagt? Wer dieser Frage nachgeht, stößt alsbald auf den Tatbestand, dass auch sie, in der Regel, es an Respekt vor Lukács immer noch fehlen lassen. Mäkelei und Besserwisserei waren beim Jubiläumsanlass von ihrer Seite, wenn auch in geringerem Maße, gleichfalls zu vernehmen. Die Motivation allerdings (den Gesandten der Frankfurter Schule in Jena lasse ich außer acht) sieht bei ihnen ganz anders aus. Sie benutzen die politisch begründete Berührungsangst nicht. Sie empfinden sie, ehrlicherweise, wirklich. Ihre Einwände stammen aus eher dogmatischem Gedankenarsenal, und oft haben sie einen berechtigten Kern. Ob Lukács als Philosophiehistoriker dem Kampf zwischen Materialismus und Idealismus die nötige Beachtung schenke, ob er dem Kategoriebegriff von Marx nicht eine sinnentstellende Bedeutung verleihe, ob die Ausarbeitung einer Ontologie sich mit dem dialektischen Materialismus vertrage, ob da über dem Sein, über diesem von Hegel und Dühring, von Thomasius und vom Existenzialismus her so suspekten Sein, nicht die Materie zu kurz komme usw. – lauter Fragen, die aus meist triftigem Grund hochabstraktes Kopfzerbrechen bereiten. Mir sind solche Sorgen sympathischer. Bei ihnen fühle ich mich, auch wo ich sie nicht teilen kann, heimisch. Meinungsverschiedenheiten hierüber bewegen sich innerhalb der Bandbreite marxistischer Selbstverständigung. Nur: Sobald durch sie ein Einbruch reaktionärer, klassenfeindlicher Ideologie außer Sicht gerät oder mit Achselzucken hingenommen wird, missraten sie zu sektiererischer Nabelschau, zum Zeitvertreib im Elfenbeinturm. Dass Bloch und Benjamin und die Matadore der Frankfurter Schule alles andere als Marxisten waren – welche Anregungen in Einzelfragen bei ihnen hie und da auch zu holen sein mögen – , dass es den Neopositivismus auf der ganzen Linie zu bekämpfen gilt, dass vollends Nietzsche für Sozialisten absolut indiskutabel ist und es zu bleiben hat, das sind Wahrheiten von nahezu axiomatischem Rang, die im philosophischen Periodikum der DDR, in deren Schriftenreihen zur Kritik bürgerlichen Denkens, ihrem Philosophischen Wörterbuch, ihrem Philosophenlexikon wieder und wieder erhärtet wurden. An diesen Wahrheiten ist nicht zu rütteln. Wird ihre Selbstverständlichkeit in Frage gestellt unter dem Vorwand, kritische Distanz zu Lukács zu demonstrieren, dann muss halt Lukács energisch verteidigt, gegebenenfalls wiederentdeckt und, vor aller Kritik, aufs Neue als unser Lehrer und Meister in Anspruch genommen werden. Nächst den Klassikern haben wir keinen besseren. Nicht Dogmatik allein indes lässt die philosophischen Kader des Marxismus zögern, gegen die geschilderte Verirrung vom Leder zu ziehen. Sie fühlen sich auf literaturge- 459Späte Kämpfe schichtlichem Terrain auch unsicher. Dies einräumen heißt an einen unbefriedigenden Aspekt hiesiger Bildungspolitik rühren. Mit dem Ruf nach der allseitig gebildeten Persönlichkeit auf den Lippen, mit der Befürchtung, sie könne zum Individualismus tendieren, im Hinterkopf, nehmen wir manchmal den Mund ein bisschen voll. Für ein wenig mehr Vielseitigkeit zu sorgen wäre schon hilfreich. Die Kombination philosophischer und literaturwissenschaftlicher Sachkenntnis ist allzu rar. Was bleibt zu tun? Der bloße Appell an die Ästheten, schärfer zu denken, und an die Denker, sich mehr im Musischen umzutun, nützte wenig, verliehen ihm nicht organisatorische Maßnahmen Nachdruck, und die wieder gerieten zu Papier und bürokratischer Routine, solange sie der Orientierung an einem Leitbild entbehren. Ob dazu nicht am ehesten Lukács taugt, wäre zu überlegen. Ich glaube, ja. Im Übrigen ist zu bedenken, wie bei Literaturhistorikern der Hang zu fragwürdiger Philosophie zu Stande kommt. Lukács hat einmal, mit einem tiefdringend ernsten Scherz, bemerkt, sie brächten von sich aus an Begriffsbildung nie mehr zu Wege, als die Dichter nach ihren Geburtsorten zu sortieren, wie Sauer und Nadler, oder nach ihren Geburtstagen, wie Walzel und Korff. Zu theoretischer Leistung, die darüber hinaus ginge, benötigten sie die Lebensphilosophie. Hinzu kommt, meine ich, noch etwas anderes: Die Mentalität des Einzelwissenschaftlers, der, wie in der Chemie, sich gar nichts Böses dabei denkt, vom jeweils neusten Stand seines Fachgebiets auszugehen, und, um auf dem Laufenden zu bleiben, die Ergebnisse simultaner Kollegen auswertet, auch derjenigen, versteht sich, mit denen er friedlich koexistiert. Dorothea Böck beispielsweise, meine Kollegin in der Jean-Paul-Forschung der DDR, fand den für sie relevanten »neuesten Stand« unter anderem bei Burkhardt Lindner – und wie auch nicht? Damit aber befand sie sich eo ipso bei Habermas. So geht das zu. Eine sozialistische Gesellschaft nun bietet günstige Bedingungen dafür, an die Stelle fragwürdiger Philosophie den dialektischen und historischen Materialismus treten zu lassen und die Inspiration durch ihn auch literaturtheoretisch zur Geltung zu bringen. Fragt sich nur, wie das in prekären Fällen zu bewerkstelligen ist. Selbst angenommen, Lehmann und Middell, Schlenstedt, Staszak und Franz wären bereit, noch einmal einen Gewi-Nachhilfekurs zu absolvieren, es käme nicht viel dabei heraus. Die Initiative des Brückenschlags zu ihnen, der ausgestreckten Bruderhand (die freilich ruhig auch mal einen Nasenstüber sollte austeilen dürfen), müssten die Kader der marxistischen Philosophie ergreifen. Das hätte Sinn, vorausgesetzt, sie hätten den ganzen Lukács intus und wüssten mit ihm zu operieren und begäben sich mit ihm, mit den von ihm ge- 460 Teil II schmiedeten Waffen in den ressortüberschreitenden, den interdisziplinären Meinungsstreit. Dazu gehört aber einiges. Solange sie sich nicht mit derselben Subtilität, mit der sie den hypothetischen Urknall des Universums oder den tendenziellen Fall der Durchschnittsprofitrate am Schnürchen haben, auch über die weltanschaulichen Gründe zu äußern wissen, aus denen wir für das Symbol und gegen die Allegorie Partei nehmen sollten, stehen sie dem Kulturverfall im Nachbarinstitut, der Konfusion im Redaktionskollegium drei Straßenecken weiter hilflos und ratlos gegenüber. Aus so manchem Morast vermag Lukács uns herauszuziehen. Wir leisten uns daher selbst einen guten Dienst, wenn wir an sein gewaltiges Vermächtnis mit Respekt, mit Wissbegier, mit Lernbereitschaft herangehen und, angesichts etlicher Lücken und Mängel, Verständnis dafür aufbringen, dass dort, wo der Himalaya sich auftürmt, nicht auch noch die Alpen oder, wenn man so will, weite Tiefebenen besät mit Maulwurfshügeln, liegen können. Und gefasst sein müssen wir auf eines: Der Mann verlangt eine Menge. An Mühsal schenkt er uns nichts. Berlin, den 2. August 1986 Nachtrag der Redaktion: Selten bedauert eine Redaktion den Abdruck eines guten Beitrages. Im Falle Harichs allerdings müssen wir feststellen, dass wir gerne auf eine Publikation verzichtet hätten: Der »natürliche Ort« wären die Weimarer Beiträge gewesen. Der Einfluss der von Harich Kritisierten verhinderte dies. Auch in Sinn und Form konnte der Beitrag nicht erscheinen. Selbstverständlich beklagen wir nicht »mangelnden Pluralismus« der DDR-Redaktionen. Es berührt uns bloß seltsam, wenn die Beiträge alter Kommunisten als offenbar zu »dogmatisch« eine schlechtliberale »pluralistische« Kulturpolitik stören und ausgegrenzt werden. Mag die Kritik Harichs von Wien aus ihren Weg finden! Wir hoffen, Harich nicht mehr publizieren zu müssen. (Im Original unten rechts stehend, S. 37, siehe die Briefe von und an Werner Mittenzwei, AH.) * * * * * (AH) Harichs Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! war 1987 im 2. Heft der Aufrisse erschienen. Dieser Beitrag wurde als zweite Version des Aufsatzes gerade wiedergegeben. Harich hatte offensichtlich mehrere Exemplare der Zeitschrift erhalten und eines davon an Werner Mittenzwei gesandt – einer der wenigen Diskussionspartner auf Augenhöhe, die ihm in der DDR verblieben waren. Mittenzwei schrieb Harich am 9. September 1987 einen Brief, in dem er sich nach 461Späte Kämpfe verschiedenen anderen Dingen für die Zusendung der Zeitschrift bedankte.100 Er äußerte seine Freude darüber, dass der Text endlich erschienen sei. Weiter schrieb er dann: »Da wir immer ehrlich unsere Meinungen ausgetauscht haben, kann ich mir eine Anmerkung nicht verkneifen. Mich ärgert in dieser Zeitschrift am Ende Ihres Beitrages die Fußnote der Redaktion. Wenn ich in Ihrem Beitrag schon zu den ›Kritisierten‹ gehöre, was ich ganz selbstverständlich finde, so gehöre ich doch gewiss nicht zu denen, die das Erscheinen Ihres Aufsatzes verhindert haben. Ich halte Sie für einen unserer besten Stilisten und bin schon deshalb immer dafür eingetreten, dass Sie einen Platz in Sinn und Form haben. Doch es geht nicht nur um mich. Auch von den anderen ›Kritisierten‹, mit denen mich wenig verbindet und die ich bis auf Middell und Schlenstedt persönlich gar nicht kenne, glaube ich aber nicht, dass deren Einfluss ausgereicht hätte, Ihren Beitrag in den Weimarer Beiträgen zu verhindern. Unter denen, die Ihren Aufsatz verhinderten, waren die ›Kritisierten‹ mit größter Sicherheit nicht. Aber das ist nur eine Randbemerkung, die ich loswerden wollte.« Harich reagierte darauf mit einem Brief vom 15. September, Abdruck S. 465–466. Brief an Stefan Dornuf101 (04. April 1987) Lieber Stefan Dornuf! Nach unserem heutigen Telefongespräch möchte ich dem Projekt, das Sie dem Verlag Sendler vorgeschlagen und in Ihrem Schreiben vom 21 März 1987 auch an mich herangetragen haben, aus folgenden Gründen eine Absage erteilen: 1) Ich kenne Lukács’ »Demokratisierungs«-Broschüre von 1968 nicht, kann über sie also auch kein Urteil abgeben. Ich weiß aber, dass Lukács 1968 mit dem so genannten »Prager Frühling« sympathisiert hat, und darin sehe ich, bei aller sonstigen großen Verehrung für ihn, eine bedauerliche politische Verirrung; eine Verirrung im Übrigen, die auf der Linie seiner – und meiner – verhängnisvollen Fehler von 1956 liegt. Nun verhielt Lukács sich 1968 freilich als disziplinierter Kommunist – seit 1965 war er ja wieder Parteimitglied – , was bedeutete, dass er sein »Demokratisierungs«konzept nicht einfach veröffentlichte – was ihm durch Benseler gewiss schon damals möglich gewesen wäre – , sondern es intern, direkt nur der Führung der USAP zugänglich machte. 100 (AH) Mittenzwei, Werner: Brief an Wolfgang Harich, 2 Blatt, maschinenschriftlich, 09. September 1987, das Zitat Blatt 1 f. 101 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 04. April 1987, adressiert an Dornufs Privatadresse in Hagen. 462 Teil II Von Ihnen erfahre ich nun, dass seine »Demokratisierungs«-Broschüre von 1968 jetzt zwar gedruckt vorliegt, dass die USAP aber nach wie vor zögert, sie auszuliefern. Wenn unter diesen Umständen der Inhaber der Rechte, Ferenc Janossy, einer Vorab-Veröffentlichung in einem bundesdeutschen Verlag, eben bei Sendler, zugestimmt haben sollte, so hätte er nicht im Sinne seines Stiefvaters Georg Lukács gehandelt. Sollte aber Benseler, ohne Janossys Zustimmung, eigenmächtig gehandelt haben, so hieße das, dass er sich an Lukács versündigt. Im einen wie im anderen denkbaren Fall würde ich allergrößten Wert darauf legen, dass mein leidenschaftliches Eintreten für die Durchsetzung der Autorität des großen marxistisch-leninistischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers Georg Lukács in der DDR mit derartigen Machenschaften, die fragwürdige Aspekte seines politischen Wirkens aufs Neue ins Spiel zu bringen suchen, nicht verwechselt wird. Dass der Verlag Sendler sich zu solchen Machenschaften hergibt, ist für mich außerdem nicht überraschend. In dem Band Georg Lukács – Jenseits der Polemiken, FfM 1986, sind Fehér, Heller und Markus mit Beiträgen zum Teil schändlichen Inhalts vertreten, das genügt mir. Und auch an den Rand des Beitrages von Axel Honneth habe ich an den Rand geschrieben: »Also: vormarxistischer Lukács + Habermas = Honneth – Schei- ße!!« Verfluchter Pluralismusterror, der einen guten Mann wie Nikolas Tertullian (nur leider kein Hartmann-Kenner) dazu zwingt, sich in eine solche fiese Gesellschaft zu begeben. (Der Rest des Briefes beschäftigt sich dann mit verschiedenen editorischen Plänen, hier weggelassen, AH.) Brief an Ferenc Janossy102 (15. April 1987) Lieber Ferenc! Wie mir ein Freund aus Westdeutschland mitteilt, ist Frank Benseler im Begriff, in dem Verlag Sendler, Frankfurt am Main, die so genannte Demokratisierungs-Broschüre von Georg Lukács, die dieser 1968 nicht veröffentlichte, sondern intern dem ZK der USAP zur Verfügung stellte, herauszubringen, obwohl man in Ungarn mit der Auslieferung dieses Textes immer noch zögert. Ich kann mich natürlich nicht verbürgen dafür, dass das auch wirklich stimmt und nicht vielmehr ein bloßes Gerücht ist. Und 102 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 15. April 1987, adressiert an die Budapester Privatadresse von Janossy. 463Späte Kämpfe wenn es stimmt, weiß ich nicht, ob Du davon weißt oder ob Benseler eigenmächtig handelt, hinter Deinem Rücken. Wie dem auch sei, ich möchte warnen. Der Sendler-Verlag hat ein – mir jedenfalls höchst suspektes – Buch mit Beiträgen unter anderem von Fehér, Heller, Markus und Vajda herausgebracht (Georg Lukács – Jenseits der Polemiken. Beiträge zur Rekonstruktion seiner Philosophie, ed. Rüdiger Dannemann, Frankfurt am Main, 1986). Ich habe daraufhin ein Angebot dieses Verlages, einen Band mit Essays von mir (über Goethe, Herder, Jean Paul und Heine) zu verlegen, zurückgewiesen.103 Außerdem bitte ich Dich, folgendes zu bedenken: Ich kämpfe hier, in der DDR, gegen zähe Widerstände für die Veröffentlichung einer Abhandlung Mehr Respekt vor Lukács!, in in der ich gegen hiesige Philosophen und Literaturwissenschaftler polemisiere, die Lukács von rechts, besonders von Positionen der Frankfurter Schule aus, bekämpfen und in dem Zusammenhang einen Nietzsche-Renaissance bei uns herbeiführen wollen. Es würde meinen Bestrebungen, Lukács’ Autorität bei den Philosophen und Literaturwissenschaftler der DDR zu stärken, großen Schaden zufügen, wenn jetzt etwas geschähe, was Lukács politisch ins Zwielicht rückte. Bitte tue alles Dir Mögliche, diesen Schaden abzuwenden. Mit herzlichen Grüßen, auch an Deine Frau, Dein Brief an Frank Benseler104 (15. April 1987) Lieber Frank! Wie mir durch westdeutsche Bekannte mitgeteilt wird, sollst Du im Begriff sein, im Sendler-Verlag, Frankfurt am Main, die so genannte Demokratisierungs-Broschüre, die Georg Lukács 1968 verfasst, damals aber nicht veröffentlicht, sondern nur intern dem Zentralkomitee der USAP zur Verfügung gestellt hat, jetzt herauszubringen, obwohl man – oder weil man – in Ungarn mit der Auslieferung dieses Textes immer noch zögert. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt oder ob es sich da bloß um ein Gerücht handelt. Sollte es stimmen, so würde ich Dich hiermit dringend darum bitten, von diesem Vorhaben abzusehen. 103 (AH) Unter anderem darum drehten sich die weggelassenen Passagen der Briefes an Stefan Dornuf vom 04. April 1987. 104 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 17. April 1987, adressiert an Benselers Privatadresse. 464 Teil II Ich führe hier, in der DDR, einen Kampf gegen zähe Widerstände um die Veröffentlichung einer Abhandlung Mehr Respekt vor Lukács!, in der ich gegen Leute polemisiere, die Lukács von rechts her, besonders von Positionen der Frankfurter Schule aus, bekämpfen und in dem Zusammenhang – das ist die faschistoide Spitze dieses Eisbergs – gegen ihn bei uns einen Nietzsche-Renaissance herbeizuführen versuchen. Dieselben Herrschaften, die ich darin angreife, haben den Abdruck meines Beitrages in den Weimarer Beiträgen bis jetzt verhindert, und nachdem auch Sinn und Form und die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihn nicht haben wollten, war ich gezwungen, ihn einer linkssozialistischen Zeitschrift in Wien, namens Aufrisse, zu geben, damit er überhaupt erscheint. Den Kampf um den Abdruck auch in der DDR, eben in den Weimarer Beiträgen, gebe ich deswegen aber noch lange nicht auf. Wenn jetzt etwas geschähe, was Lukács politisch aufs Neue ins Zwielicht rückte, so würde das meinen Bestrebungen, seine Autorität bei den Philosophen und Literaturwissenschaftler der DDR zu stärken, einen enormen, vielleicht nie wieder gutzumachenden Schaden zufügen und auch mir persönlich abträglich sein. Sowohl unsere Nietzscheanern und Adorno-Jüngern, die mir verhasst sind und die mich hassen, als auch den Dogmatikern und Sektierern hierzulande, die nicht aufhören, Lukács – und ebenso auch mir – die alten Geschichten von 1956 nachzutragen, könnte kein größerer Gefallen getan werden, als wenn meine Publikation in Wien im Lichte Deines Vorhabens betrachtet würde. Und dies um so mehr, als ausgerechnet im Sendler-Verlag der von Rüdiger Dannemann herausgegebenen Band Jenseits der Polemiken mit Beiträgen unter anderem von F. Fehér, A. Heller, G. Markus, M. Vajda erschienen ist. Ich habe, um nicht in diese Nachbarschaft zu geraten, das Angebot eines Freundes abgelehnt, von mir in diesem Verlag eine Sammlung meiner Essays über Goethe, Herder, Jean Paul und Heine herauszubringen. Bitte falle nun nicht Du mir in den Rücken. Mit herzlichen Grüßen, auch an Frau und Familie, Dein 465Späte Kämpfe Brief an Werner Mittenzwei105 (15. September 1987) Lieber Herr Werner Mittenzwei! Haben Sie vielen Dank für Ihren mich – zumindest im Absatz 1106 – hocherfreuenden, schmeichelhaften Brief vom 9. September 1987. Ich wusste, dass Sie an Ihrem 60. Geburtstag nicht erreichbar sein würden, und habe Ihnen deswegen nur schriftlich gratuliert, Sie aber vorher, mit Rücksicht auf die schlechte Postverbindung innerhalb Berlins, telefonisch wissen lassen, dass ein Brief an Sie unterwegs ist. Heute versuche ich vergeblich, Sie anzurufen. Da ich keine Verbindung kriege, schreibe ich Ihnen zu dem Sie Ärgernden, dass Sie im Absatz 2 erwähnen. Hierzu möchte ich Folgendes sagen: 1) Ich bin an beiden Fußnoten der Aufrisse-Redaktion unschuldig. Von der ersten, auf S. 31, unten links, habe ich gar nichts gewusst, die zweite, auf S. 37, unten rechts, habe ich vergebens durch eine Mittelsmann – die Redaktion selbst war für mich zeitweilig nicht zu erreichen – zu verhindern versucht; seither redet sich da einer auf den anderen heraus. Den Abdruck eines Protestes möchte ich von der Redaktion nun aber auch nicht verlangen, da a) diese viel für mich getan hat und b) die Geschichte dadurch nur noch mehr hochgespielt werden würde. Von mir selbst stammte lediglich der Vorspann, gezeichnet mit W. Hr., auf S. 31, oben links. 2) Sie nehmen unter den Kritisierten eine Sonderstellung ein, da Sie ja auch gelobt, und nicht nur kritisiert, werden. Außerdem: Für die Weimarer Beiträge sind Sie nicht verantwortlich, und in Bezug auf Sinn und Form wird in der Note S. 37, u. r., ja nur festgestellt, dass der Beitrag auch dort nicht erscheinen konnte, wobei in diesem Fall die Gründe offen bleiben. Unterstellt wird nicht, dass auch hier der Einfluss Kritisierter das Nichterscheinen bewirkt hätte. 3) Wenn Schlenstedt, Middell, die Sie kennen, und Lehmann, Staszak und Franz sowie Tomberg, die Ihnen nicht bekannt sind, an der Unterdrückung meines Beitrages unschuldig sein sollten, so hätten Sie die Möglichkeit, Herrn Rönisch oder, wahlweise, Herrn Klimaszewski von der DZfPhil mitzuteilen, dass es ihnen recht – um nicht zu 105 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 15. September 1987. 106 (AH) In diesem ging es um Brecht, gegenseitige Ehrbezeigungen etc. Zudem hatte Mittenzwei Harichs stilistisches und essayistisches Talent gelobt. 466 Teil II sagen: willkommen – wäre, erschiene mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! nunmehr auch in der DDR. Ich sage »sie« klein geschrieben und meine damit diese Herren. Aber »Sie« groß geschrieben könnten sich, von mir aus, auch gern zum Sprecher dieser Herren machen (ob das im Sinne unseres Strafrechts eine »Bürgerinitiative« qua Gruppenbildung wäre, vermag ich nicht zu beurteilen, aber Rechtsauskünfte geben hiesige Anwälte kostenlos). Mir ist an einem Abdruck des Beitrags in der DDR, sei es in den Weimarer Beiträgen, sei es in der DZfPhil, nach wie vor sehr, sehr gelegen, und Prof. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, hat im Mai Herrn Klimaszewski von der DZfPhil, dem er auf meinen Wunsch den Beitrag übersandte – das Original muss sich immer noch bei dieser Zeitschrift befinden – , bei dieser Gelegenheit erklärt, die Entscheidung über Abdruck oder Nichtabdruck läge allein bei der Redaktion. Auf einer Ebene tiefer (Verlagsleiter Berthold vom Akademie-Verlag, andere Gewährsleute mag ich nicht nennen) wird mir aber immer wieder versichert, Schlenstedt, Middell, Lehmann, Staszak, Franz, Tomberg und Sie müssten vor meinem »Rundumschlag« geschützt werden. Wenn die – wie Sie meinen – gar nicht geschützt werden wollen – um so besser, dann wäre ja alles gut. Und nun zu Ihrer liebenswürdigen und mich ehrenden Art, mich anzureden.107 Seit Jahrzehnten warne ich Sie davor – und bin sofort tief gekränkt, wenn Sie‘s einmal unterlassen. Nun aber möchte ich Sie beim Wort nehmen. Wenn mein Nietzsche-Aufsatz in Sinn und Form erschienen sein wird, will ich meine Aufnahme als Kandidat in die SED beantragen und dann Sie als einen der Bürgen benennen. Herzlichen Glückwunsch zu den daraus vermutlich erwachsenden Querelen! In alter Liebe und Freundschaft und junger Verehrung, Ihr Genosse 107 (AH) Mitenzwei schrieb immer: »Lieber Genosse Wolfgang Harich!« 467Späte Kämpfe Brief an Kurt Hager108 (06. Dezember 1987) Lieber Kurt Hager! Hinsichtlich des philosophischen Erbes breitet sich bei uns zunehmend Verwirrung aus. Aus dem Neuen Deutschland (Nr. 286 vom 5./6. Dezember 1987, S. 4) erfahre ich, dass soeben im Kiepenheuer-Verlag, Leipzig und Weimar, ein Sammelband publizistischer »Wortmeldungen« von Theodor Lessing, herausgegeben von Hans Stern, erschienen ist. An sich habe ich gar nichts dagegen. Ich empfinde es aber als alarmierend, dass im Zentralorgan der Partei der Rezensent des Buches, Hans Usler, es versäumt, sich von Th. Lessings Philosophie gebührend kritisch zu distanzieren, und dass ihm das offenbar auch von der Kulturredaktion des Blattes nicht nahegelegt worden ist. Th. Lessing hat politisch sehr weit links gestanden – ja! Er wurde zum Opfer nazistischen Mordterrors – ja! Dies ändert jedoch nichts daran, dass er als Philosoph ein erzreaktionärer Irrationalist gewesen ist. Er hat Ludwig Klages, seinem gleichaltrigen Jugendfreund (beide stammen aus Hannover), den Hass auf die Vernunft und die feindselige Einstellung zur Kultur beigebracht. Er selbst vertrat in seinen Büchern extrem irrationalistische und pessimistische Auffassungen, und ständig kehrt bei ihm das Motiv der Todessehnsucht wieder. Obwohl selbst Jude, predigt er Antisemitismus (als »Ausgeburt jüdischen Geistes« zum Beispiel verhöhnt er die Psychoanalyse Freuds). In Hegel, Marx und Darwin bekämpft er die drei »schlimmsten Truggeister«, und warum? Weil sie »den Entwicklungs- und Aufstiegsglauben (…) zum Dogma erhoben« hätten. Ich halte Th. Lessing für aktuell hoch gefährlich besonders deshalb, weil sein Orakeln vom Untergang der Erde am Geist (so der Untertitel seines 1916 erschienenen Buchs Europa und Asien, 5. Aufl., 1931) mir sehr geeignet erscheint, die heutige Ökologiebewegung ideologisch zu desorientieren und ihre wertvollen, wenngleich oft verworren antikapitalistischen Impulse abzufangen und in den wieder erwachenden reaktionären Irrationalismus zurückzulenken – und das mit »linkem« Vorzeichen, unter missbräuchlicher Ausnutzung eines Streitbaren antifaschistischen Gelehrten, mit welcher Überschrift das ND die Uslersche Rezension versieht. 108 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 06. Dezember 1987, adressiert an Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 468 Teil II Freilich, Usler weist kurz darauf hin, dass Th. Lessing von Friedrich Nietzsche beeinflusst war. Aber wird das noch als Warnzeichen empfunden werden bei uns, nachdem ein streitbarer antifaschistischer Dichter, Stephan Hermlin, auf dem jüngsten Schriftstellerkongress der DDR repräsentativ herausgestellt, philosophisch absolut ahnungslos, offen für die Einbeziehung Nietzsches in die sozialistische Erbepflege plädiert hat – wohl gemerkt in Kenntnis meiner Warnungen vor Nietzsche und unwidersprochen gegen mich polemisierend. Bereits Usler scheint dies als richtungsweisend zu betrachten, und ähnlich denkt allem Anschein nach die Kulturredaktion des ND. Wie sonst wäre in besagter Rezension die Lässigkeit zu erklären, mit der dem Publizisten Th. Lessing attestiert wird: »Seine logischen Analysen der Charaktere Ferdinand Lassalles, Maximilian Hardens und Friedrich Nietzsches nehmen einen gefangen«? Hermlin hat gesprochen, und prompt ist Nietzsche akzeptiert. Hätte Usler sich meinen Standpunkt zu eigen gemacht, dann hätte er am Beispiel Th. Lessings die gefährliche Wirkung verdeutlichen müssen, die Nietzsche auch auf links stehende Intellektuelle wieder und wieder ausgeübt hat und jetzt anscheinend abermals ausübt. Davon aber ist bei Usler keine Rede. Er bleibt unter dem Erkenntnisniveau selbst eines Kurt Hiller, der 1936 anlässlich der posthumen Veröffentlichung von Th. Lessings Memoiren zutreffend in der – damals von Hermann Budzislawski geleiteten – Prager Weltbühne festgestellt hat, dass Th. Lessing »die Kugel gießen half, die ihn niederstreckte«. Und noch eines ist bei der Gelegenheit zu bedenken. Usler hätte angemessener geurteilt und der zuständige ND-Redakteur hätte seine Rezension kritischer gelesen, stünde bei uns Georg Lukács höher im Kurs, gehörte dessen Zerstörung der Vernunft bei uns für angehende Kulturredakteure und Rezensenten zur Pflichtlektüre. Lukács entschuldigt sich in diesem Werk, Ausgabe Berlin, 1953, im Vorwort (S.12) dafür, dass nicht sämtliche irrationalistischen Reaktionäre von ihm behandelt werden und so zum Beispiel Th. Lessing neben Klages in den Hintergrund tritt. Und auf Seite 417 schreibt Lukács über Klages: »Er verwandelt eigentlich die Lebensphilosophie erst in ein offenes Bekämpfen von Vernunft und Kultur. (Wie sehr es sich hier um Zeitströmungen und nicht um einzelne Individualitäten handelt, zeigt die auffallende Parallelität der Denkrichtung des politischen links orientierten Theodor Lessing.«) Wir stehen kurz vor dem Leipziger Philosophiehistorikerkongress zum Thema »Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe«. Ich habe die Veranstalter mehrmals darauf aufmerksam gemacht, wie dringend nötig es wäre, auf diesem Kongress einerseits 469Späte Kämpfe dem drohenden Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die DDR eine klare, unmissverständliche Abfuhr zu erteilen und andererseits die Autorität des Lehrworts von Georg Lukács bei uns entschieden anzuheben. Mit beiden Forderungen bin ich auf kein Verständnis gestoßen. Sehr deutlich zurückgewiesen wurden sie bei der gemeinsamen Aussprache der Redaktionskollegien der Weimarer Beiträge und der Deutschen Zeitschrift für Philosophie über Georg Lukács, die am 1. Dezember 1987 im Aufbau-Verlag stattfand, durch ZK-Mitglied Prof. Dr. Erich Hahn. Daraufhin habe ich meine Teilnahme an jener Konferenz in einem Schreiben an Prof. Dr. Martina Thom, Leipzig, höflich dankend abgesagt. Ich bin nun drauf und dran, in diesen Fragen völlig zu resignieren. Die meines Erachtens falsche Behandlung der Problematik Theodor Lessings im ND lässt mich den letzten Versuch eines Appells an Sie, lieber Kurt Hager, wagen. Es wäre aber, glaube ich, der Sache kaum dienlich, ermutigten Sie nun mich dazu, am 12. Januar 1988 doch nach Leipzig zu fahren und dort meine Stimme gegen die Fehlentwicklungen, die ich zu sehen glaube, zu erheben. Abgesehen davon, dass ich zur Wortmeldung lediglich in einem der Arbeitskreise eingeladen war, genieße ich bei weitem nicht das Ansehen Stephan Hermlins. Es lässt sich also absehen, dass ich sowohl mit meiner Einschätzung Nietzsches als auch mit meiner Forderung Mehr Respekt vor Lukács! kaum Gehör finden werde. Aussichtsreich erschiene es mir nun, wenn Sie, lieber Kurt Hager, sich meine Besorgnisse zu eigen machten und ihnen mit der ganzen Autorität der Partei Nachdruck verliehen, sei es, dass Sie die Veranstalter der Konferenz zu einer Umdisponierung Ihrer Planung motivierten, sei es, dass Sie selbst auf der Konferenz das Wort ergriffen. Im Vertrauen auf Ihrer Beurteilung der Situation und dem Weitblick Ihrer Entscheidungen bleibe ich mit kommunistischem Gruß Ihr Brief an den Reclam-Verlag, an Roland Opitz109 (06. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Verlagsleiter! Von Ihrem Vorgänger Hans Marquardt erhielt ich im Frühjahr 1987 den Auftrag, in Reclams Universalbibliothek Nicolai Hartmanns Schrift Teleologisches Denken (Erstauf- 109 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 06. Januar 1988, adressiert an Verlag Philipp Reclam jun., Verlagsleitung, z. Hd. Dr. Opitz. 470 Teil II lage postum Berlin, de Gruyter, 1951) mit einer von mir zu verfassenden Einleitung herauszugeben. In einem Antwortschreiben erklärte ich mich damit einverstanden. Da ich mit Frau Frida Hartmann, der Witwe des 1950 verstorbenen Philosophen, seit 1985 in intensiver, freundschaftlicher Korrespondenz stand, unterrichtete ich sie von Marquardts Angebot, woraufhin sie mir schrieb, dass sie dieses Projekts zwar lebhaft begrüße, aber die Besorgnis hege, es werde an der »Sturheit« des Verlages de Gruyter scheitern, der – ich vermute: aus Furcht vor Dumping-Preisen – keine Rechte in die DDR zu vergeben bereit sei. Ich machte Frau Hartmann daraufhin klar, dass es ihr als Erbin und, gegebenenfalls, bis zum 8. Oktober 2000 ihren Kindern, namentlich ihrem ältesten Sohn Olaf, freistünde, die Rechte an den Werken ihres Mannes zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Weltmarkt zu teilen. Sie hatte sich dazu mir gegenüber telefonisch, auch im Namen ihres Sohnes, schon einmal grundsätzlich bereit erklärt, antwortete mir nun auf mein darauf bezugnehmendes Schreiben aber nicht mehr. In einem Glückwunschschreiben zu Weihnachten und Neujahr kam ich dann auf diese Angelegenheit zurück. Heute erhalte ich eine vom 29. Dezember 1987 datierte Antwort Frau Hartmanns, aus der ich folgende Sätze zitiere: »Vielen Dank für Ihren Brief vom 18. Dezember mit den guten Wünschen für 1988, die ich herzlich erwidere! Sie haben wohl gar nicht erfahren, dass ich den Vertrag mit dem Reclam-Verlag Leipzig längst unterschrieben habe, nämlich bald nach Ihren dringenden Ermahnungen. Erst am 14. August schrieb mir dann der neue Verlagsleiter, Herr Dr. Opitz, er wolle von meiner Unterschrift keinen Gebrauch machen, um mich nicht in Schwierigkeiten zu stürzen. (Der Reclam-Verlag hatte ohnehin Teleologisches Denken erst für 1989 in Aussicht genommen.)« Ich kann Ihnen, Herr Verlagsleiter, mein Befremden, ja, meine Bestürzung über diese Nachricht nicht verhehlen. Ich bitte Sie hiermit, Ihr mir unbegreifliches Verhalten unter den folgenden Gesichtspunkten noch einmal zu überdenken: 1) Im Zusammenhang mit der politischen Entlarvung Martin Heideggers durch den Chilenen Victor Farias (Heidegger et le Nazisme, Paris, 1987) wird in den einschlägigen Rezensionen (sie liegen mir in Ablichtungen vor) häufig die davon vorteilhaft sich unterscheidende Distanz Nicolai Hartmanns gegenüber dem Naziregime hervorgehoben, die auch ich in den Archiven der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Berliner Humboldt-Universität in den jeweiligen Nicolai-Hartmann-Akten ganz eindeutig bestätigt fand. Darüber hinaus könnte ich Ihnen drei rassisch Verfolgte nennen, 471Späte Kämpfe die Hartmann wissentlich noch im Kriege an seinen Lehrveranstaltungen, obwohl das streng verboten war, teilnehmen ließ. Einer von ihnen war mein inzwischen verstorbener Freund und Kollege, der DDR-Historiker Prof. Dr. Jürgen Streisand, den ich 1941/1942 in Nicolai Hartmanns Seminarübungen (!!) als ganz jungen Menschen kennen gelernt habe. Zeugin hierfür ist auch Frau Prof. Dr. Margherita v. Brentano von der Freien Universität Westberlin, eine gemeinsame Bekannte von Streisand und mir aus jener Zeit. 2) Bei uns ist eine Georg-Lukács-Renaissance im Gange, die sich – worauf Sie sich verlassen können – in den nächsten Jahren noch erheblich ausweiten wird. Nun, Lukács hat nicht nur im Rahmen seiner Ontologie des gesellschaftlichen Seins Nicolai Hartmann in hohem Maße positiv gewürdigt (siehe hierzu auch den Reclamband 1120, ed. S. Kleinschmidt, Leipzig, 1985, S. 433 f., 521 f.) und ihn als Bundesgenossen der Marxisten-Leninisten gegen reaktionäre Ideologen wie Carnap, Wittgenstein, Heidegger und sonstige Existenzialisten sowie gegen die Wortführer des religiösen Bedürfnisses in der Gegenwart in Anspruch genommen, sondern das ganze riesige Alterswerk von Lukács ist auch so sehr mit der kritischen Rezeption des Vermächtnisses von Nicolai Hartmann kontaminiert, dass wir an diesem Denker unmöglich mehr werden vorbeigehen können, was natürlich die Herausgabe seiner wichtigsten Werke auch in den sozialistischen Ländern, vorab in der DDR, zur Voraussetzung oder, mindestens, zur Konsequenz haben wird. (Ich selbst bin, vom Kulturfonds der DDR hierfür finanziert, seit 1983 mit der Ausarbeitung eines größeren Werks über Nicolai Hartmann beschäftigt, das, in der Form eines fiktiven Dialogs zwischen zwei Marxisten – einer greift Nicolai Hartmann an, einer verteidigt ihn – , hierfür die Grundlage schaffen soll.) 3) Wir können es uns unmöglich gefallen lassen, dass Fragen der philosophischen Entwicklung bei uns in Abhängigkeit von den Profitinteressen westlicher kapitalistischer Verleger verbleiben. Es ist nicht einzusehen, dass der Reclam-Verlag dem keinen Widerstand leistet. Von der Chance, der DDR Devisen zu sparen, ganz zu schweigen. Im Übrigen würde ich gern wissen, Herr Verlagsleiter, ob der Verlag auch unter Ihnen zu einem Auftrag steht, der mir von Ihrem Vorgänger erteilt worden ist. Ich habe Vorarbeiten zu dem Projekt Teleologisches Denken geleistet, die unter Zeitverlust und Kräfteverschleiß von meiner Hauptarbeit abgezweigt werden mussten. Ich erwarte, dass 472 Teil II der Reclam-Verlag moralisch zu seinem Wort steht, auch wenn dieses in rechtlich verbindlicher Form noch nicht fixiert war. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichem Gruß und guten Wünschen zum Neuen Jahr, auch an Ihre Mitarbeiterin Frau Gurst Brief an Erich Hahn110 (07. Dezember 1987) Lieber Erich Hahn! Meine Teilnahme an der Konferenz »Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe«, die am 12. und 13. Januar 1988 in Leipzig stattfinden wird, habe ich in einem Schreiben an die Kollegin Prof. Dr. Martina Thom vom 2. Dezember 1987 abgesagt, mit der Begründung, dass in der methodologischen Arbeitsgemeinschaft, an der mit Wortmeldung teilzunehmen ich eingeladen war, bereits starker Andrang herrsche und dass außerdem eine Reise nach Leipzig mitten im Winter für mich zu strapaziös sein würde. Ich habe diese Motive angegeben, um mich nicht dem Verdacht auszusetzen, Kollegin Thom in meinen – man darf es wohl so nennen – Konflikt mit Ihnen hineinzuziehen. Der Hauptgrund meiner Absage ist natürlich – und das sollen Sie wissen – in Ihrem Unverständnis für meinen Vorschlag zu suchen, in den Mittelpunkt der Konferenz eine klare, scharfe Absage an die Nietzsche-Renaissance und eine entschiedene Anhebung der Autorität von Georg Lukács in unserem Lande zu stellen. Ich bitte Sie heute, doch noch einmal Ihre Einstellung dazu zu überdenken. Beachten Sie dabei aber, bitte, auch den mich stark beunruhigenden Artikel über Theodor Lessing im ND vom 5./6. Dezember, S. 14 unten, am besten zu lesen im Lichte von Lukács’ Äußerungen zu Theodor Lessing in der Zerstörung der Vernunft, Berlin, 1953, S. 12 und 417. Nicht vorenthalten möchte ich Ihnen ferner, dass, laut einem Brief, den ich heute von Professor Dr. Hans Henning aus Weimar erhalten habe, die Nietzsche-Diskussion bei uns mit Sorge in Israel verfolgt wird. Prof. Henning bittet mich um einen Sonderdruck 110 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 07. Dezember 1987, adressiert an Herrn Professor Dr. Erich Hahn, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates für Marxistisch-Leninistische Philosophie der DDR, c/o Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. 473Späte Kämpfe meines Sinn und Form-Beitrages (Heft 5, 1987), um denselben an einen Freund nach Israel weitergeben zu können. Auch das sollte, meine ich, den Veranstaltern der in Leipzig bevorstehenden Philosophiehistorikerkonferenz zu denken geben. Mit freundlichem Gruß Brief an Kurt Hager111 (07. Januar 1988) Lieber Kurt Hager! Am Vorabend der Konferenz »Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe«, die am 12. und 13. Januar in Leipzig stattfinden wird, appelliere ich aus dringendem Anlass heute nochmals an Sie, mit allem Nachdruck dafür zu sorgen, dass dort eine Weichenstellung in die Zukunft erfolgt, die reaktionäre Fehlentwicklungen im philosophischen Leben unserer Republik blockiert und den im Parteiprogramm der SED festgelegten Grundsatz, alles Große und Edle, alles Humanistische und Revolutionäre zu fördern, durchsetzen hilft. Über den Besorgnis erregenden Fortgang der Nietzsche-Renaissance, die durch das Auftreten Stephan Hermlins auf dem X. Schriftstellerkongress in unserem Land neuen Auftrieb erhalten hat, und die daraus resultierende Schädigung des Ansehens der DDR im Ausland dürften Sie hinreichend informiert sein. Ich muss heute, leider, noch einmal auf die Lukács-Frage zurückkommen. Mein Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács!, abgeschlossen am 2. August 1986 und in der DDR nach wie vor nicht veröffentlicht, ist, leider, noch längst nicht gegenstandslos geworden. Die von Ihnen im Mai angeregte gemeinsame Konferenz der Redaktionskollegien der Deutschen Zeitschrift für Philosophie und der Weimarer Beiträge, auf der ich das einleitende Referat halten durfte, hat, da sie am 1. Dezember, nach Hermlins Auftreten, stattfand, offenbar nichts bewirkt. Meine Darlegungen stießen bei der überwiegenden Mehrzahl der Teilnehmer auf Unverständnis, ja, zum Teil eisige Ablehnung. Besonders bedenklich fand ich die Gehässigkeit, mit der die Direktoren der Zentralinstitute für Philosophie bzw. Litera- 111 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 07. Januar 1988, adressiert an Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). 474 Teil II turgeschichte der AdW, die Professoren Dr. Buhr und Dr. Naumann, darauf reagierten. Inzwischen habe ich erfahren, dass auch in der 1987 erschienenen zweiten Auflage der zweibändigen Eigenart des Ästhetischen von Lukács wieder das lange Nachwort des Bloch-Anhängers Günther K. Lehmann steht, der darin Lukács offen von rechts, von Positionen Benjamins, Habermas‘ und des Neopositivismus aus kritisiert und die Bedeutung seiner Errungenschaften geradezu infam herabsetzt. Jetzt, in Heft 1, 1988, der DZfPhil, finden Sie einen Beitrag von Dieter Wittich, der Lukács mit Bogdanow, Karl Korsch u. a. auf eine Stufe stellt und gegen die idealistische Erkenntnistheorie aus Geschichte und Klassenbewusstsein so polemisiert, als habe Lukács sie zeitlebens vertreten, ohne zu erwähnen, dass Lukács sich bereits 1930 endgültig von ihr gelöst und sie noch 1967, im Alter von 82 Jahren, in einer scharfen Selbstkritik unmissverständlich verworfen hat. In diesem Zusammenhang darf ich Sie auch auf die folgende empörende Tatsache hinweisen. Bei unserem Gespräch am 18. Mai 1987 hatten Sie u. a. festgelegt, dass ich meine Bemühungen um die kritische Aneignung des philosophischen Erbes von Nicolai Hartmann fortsetzen soll. Diese Aufgabe und die Lukács-Frage greifen ineinander, da Lukács in seinem Alterswerk (Ästhetik, Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Vorarbeiten zur Ethik) die progressiven, materialistischen Elemente der N. Hartmannschen Philosophie kritisch ausgewertet und unserem Kampf gegen den Existenzialismus Heideggers, den Neopositivismus Carnaps und Wittgensteins und die modernen religiösen Strömungen (Bultmann, Teilhard de Chardin usw.) nutzbar gemacht hat. Es lässt sich absehen, dass wir unter diesen Umständen in naher Zukunft Texte Nicolai Hartmanns bei uns werden veröffentlichen müssen. Der Reclam-Verlag Leipzig wollte mit N. Hartmanns entschieden materialistischer und atheistischer Schrift Teleologisches Denken, die in der VR Ungarn bereits längst erschienen ist, beginnen. Da der BRD-Verleger N. Hartmanns, Walter de Gruyter, aus Furcht vor unseren Dumpingpreisen grundsätzlich keine Lizenzen an DDR-Verlage erteilt, hatte ich die jetzt fünfundachtzigjährige Witwe des Philosophen, Frau Frida Hartmann, die bei Göttingen lebt, dafür gewonnen, die Rechte an den Werken ihres Mannes zu teilen und Verlagen in der DDR (Reclam, gegebenenfalls später Akademie-Verlag) für den sozialistischen Weltmarkt zu überlassen, was uns die Zahlung von Devisen ersparen würde. Bereits im Frühjahr 1987 hatte Frau Hartmann einen ihr von dem früheren Reclam-Verleger Hans Marquardt vorgelegten Vertrag über Teleologisches Denken unterzeichnet. Wie Frau Hartmann mir jetzt brieflich mitteilt, hat Marquardts Nachfol- 475Späte Kämpfe ger, Dr. Opitz, sie dann ein Vierteljahr lang, bis August 1987, ohne Bescheid warten lassen, um ihr schließlich mitzuteilen, dass er diesen Vertrag nicht gegenzeichnen werde. Angeblich lässt Dr. Opitz sich dabei von dem Motiv leiten, Frau Hartmann vor Schwierigkeiten mit dem westdeutschen Verleger schützen zu wollen. Ich nehme stark an, dass das nur ein Vorwand ist, hinter dem sich die gegen Lukács und N. Hartmann ankämpfende Richtung verschanzt, die auf Bloch, Benjamin, die Frankfurter Schule und schließlich auch auf Nietzsche größeren Wert legt. Frau Hartmann schreibt mir in ihrem vom 29. Dezember 1987 datierten Brief, den ich gestern erhalten habe, u. a.: »Ich bin ja gern bereit, die Rechte zwischen Ost und West zu teilen, vorausgesetzt, dass ich die Rechte habe, was offenbar sehr ungewiss ist (ein ihr suggerierter Irrtum!, WH). Was nützt meine Unterschrift – und auch Bereitschaft zur Teilung der Rechte – , wenn diese Unterschrift für die Verlage keine Geltung hat bzw. wenn sie es daraufhin nicht wagen, zu drucken?« Aktuell geworden ist – dies als letzter Hinweis von mir – Nicolai Hartmann für uns durch die Enthüllungen des Chilenen Victor Farias in seinem Aufsehen erregenden Buch Heidegger et le Nazisme, Paris, 1987. In den Rezensionen dieses Buches wird häufig darauf hingewiesen, dass, im Gegensatz zu Heidegger, Nicolai Hartmann dem Naziregime gegenüber stets kühle Distanz gewahrt hat. (Was übrigens auch die von mir vorgenommene Durchsicht der N. Hartmann-Akten in den Archiven der AdW der DDR und der Humboldt-Universität ganz eindeutig bestätigt hat.) Auch hier also geht es beschämenderweise darum, dass wir, ähnlich wie bei Nietzsche, in die Lage zu geraten drohen, uns vom Ausland Lektionen in Antifaschismus erteilen lassen zu müssen. Denn zum Beispiel in unserem Philosophenlexikon, Berlin (Dietz), 1982, wird auf den Seiten 354 und 356 Heidegger schöngefärbt, während die Beurteilung Nicolai Hartmanns auf den Seiten 341 bis 344 überzogen negativ ausfällt und Lukács auf den Seiten 583 bis 587 nicht einmal eines Porträtfotos für wert befunden wird. Ich verbleibe in der Hoffnung, dass Sie die Philosophiehistorikerkonferenz zum Anlass nehmen werden, in diesen Dingen gründlich Wandel zu schaffen, mit guten Wünschen zum Neuen Jahr und kommunistischem Gruß Ihr 476 Teil II Zur Furcht der SED vor Georg Lukács. Zum 20. Todestag des Philosophen112 (07. Juni 1991) Unter den bedeutenden Philosophen dieses Jahrhunderts gab es einen Marxisten: Georg Lukács. Er war auch ein exzellenter Kenner von Kunst und Literatur. Bei ihrer Analyse, ihrer Beurteilung verband seine materialistisch-dialektische Methode, virtuos von ihm gehandhabt, sich mit dem Traditionsbewusstsein und Niveauanspruch eines wertkonservativen Bildungsbürgers. Darin lag kein Widerspruch. Bei Marx und Engels wie bei allen ihren legitimen Epigonen finden wir dasselbe. So hat Lenin, Verfasser bewundernder Aufsätze über Romane Tolstois, geäußert, am Expressionismus, Futurismus und anderen Ismen der »Avantgarde«, die er gar nicht verstünde, keine Freude zu haben. Lukács ging es ähnlich. Freude hatte der an der Sixtinischen Madonna, an Mozarts Musik, an Versen Goethes und Heines, an der Erzählkunst Scotts und Manzonis, Balzacs und Tolstois, Gottfried Kellers und Fontanes. Unter den Schriftstellern seiner Zeit schätzte er am meisten Thomas Mann. Und präzise brachte er die Gründe dafür auf den Begriff. Der ungarische Jude, seit 1918 Kommunist, 1919 einer der Führer der Räterepublik, hing ungemein an Deutschland. Seine akademische Ausbildung hatte er vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin und Heidelberg vollendet. Meist pflegte er deutsch zu schreiben. Deutsche Geschichte und Kultur, ihre Problematik, ihre Errungenschaften werden in zahlreichen Werken von ihm behandelt. Als durch die Weltwirtschaftskrise sich die Klassenkämpfe der Weimarer Republik zu nahender Revolution zuzuspitzen schienen, eilte, um aktiv helfend dabei zu sein, der daheim von der faschistischen Horthy-Justiz in Abwesenheit zum Tode verurteilte Emigrant, der 1920 in Wien, 1929 in Moskau Zuflucht gefunden hatte, nach Berlin und wechselte von der ungarischen KP zur KPD über. Deren Mitglied ist er, 1933 vor Hitler fliehend, dann im abermals sowjetischen Exil bis 1945 geblieben. Er suchte hier für die künftige demokratische Erneuerung eines von der Naziherrschaft befreiten Deutschlands geistige Grundlagen zu schaffen, in umfangreichen Büchern, in vielen Aufsätzen, in Rezensionen über Neuerscheinungen der aus der Ferne einfühlend beobachteten »inneren Emigration« und unter unablässigem Gedankenaustausch mit deutschen kommunistischen Literaten, die sich um Johannes R. Becher, den Redakteur der Internationalen Literatur. Deutsche Blätter, 112 (AH) Veröffentlicht in der Zeitung Freitag am 7. Juni 1991.  477Späte Kämpfe scharten. Becher hat denn auch bei Kriegsende versucht, seinen Freund erneut nach Berlin zu holen. Am Widerstand der ungarischen KP-Führung, die den kulturpolitisch versierten Landsmann in Budapest brauchte, ist der Plan gescheitert. In Moskau war Lukács 1941, unter den Anschuldigungen, Chefresident der Horthy-Spionage zu sein, verhaftet worden. Das NKWD ließ ihn nach zwei Monaten zwar wieder frei, doch verschollen blieb fortan, bis heute, das wertvollste seiner beschlagnahmten Manuskripte: Ein weit gediehenes Werk über Goethe. Dies dürfte, im Zeichen von Hitlers Überfall auf die UdSSR, mit dem pauschalen Deutschenhass, den Ilja Ehrenburg in der Prawda predigte, mit der Auflösung der Wolgadeutschen Republik und gewiss mit der den sowjetischen Philosophiekadern zugleich oktroyierten Verleugnung von Lenins Hegelverehrung in Zusammenhang gestanden haben. Beschäftigung mit Goethe und Hegel hat offenbar damals Stalin als Sicherheitsrisiko, wenn nicht als eine Art Kollaboration mit den Okkupanten gegolten. Als der siegreiche Stalin 1945 Ehrenburg zurückpfiff, als er die eigenen deutschfreundlichen Äußerungen den Bewohnern der Sowjetzone durch Sichtwerbung bekannt zu machen befahl, derweil seine Generäle in der Weimarer Fürstengruft an den Särgen Goethes und Schillers Kränze niederlegten, kam für Kant, Fichte und Hegel bei alledem nichts heraus. Denn auf ein abstrafendes Urteil über die vermeintlich reaktionären Preußen hatte der vierte marxistische Klassiker, der unfehlbare, sich selber öffentlich festgelegt. Die Wirkung des Denkers Lukács ist dadurch eingeengt worden. Es schlug alsbald die Stunde des Philosophie-Administrators Kurt Hager, späteren Kulturpapstes der SED, der ihn nicht ausstehen konnte, weil er bei jedem Anlauf, ihn zu lesen, sich überfordert und die ihm geläufigen lapidaren Stalin-Dogmen gefährdet sah. Eben Hager hat nachmals durch seine Sbirren ausstreuen lassen, Lukács hätte während des ersten Nachkriegsjahrzehnts einen »individuellen ideologisch-politischen Monopolanspruch geltend gemacht« und sei, zum Nachteil für das »lebendige literarische Schaffen« sowie mit der Folge »dramatischen Zurückbleibens der literaturtheoretischen Entwicklung«, parteioffiziell favorisiert worden. Nichts davon ist wahr. Abgesehen davon, dass bürgerliche Literaturprofessoren, die länger einflussreich blieben als Lukács, diesen stets unbehindert bekämpft haben – etwa in Leipzig der berühmte H. A. Korff – , war er von Anbeginn umstritten auch unter SED-Theoretikern, von denen nicht wenige sich gegen ihn Gehör zu schaffen wussten, um ganz zu schweigen von seinen Gegnern unter den Schriftstellern, den Bredels und Gotsches und gar erst Brecht. 478 Teil II Doch damit nicht genug. Lukács, der Philosoph, war zunächst überhaupt unerwünscht. Sein philosophiegeschichtliches Meisterwerk, Der junge Hegel, blieb in der DDR, solange Stalin lebte, verboten, und wer es in einschlägige Vorlesungen mit einbezog, wurde von randalierender FDJ gestört und handelte sich Parteirügen ein.113 Vollends war, nachdem in Ungarn, bei der Verdammung des ursprünglichen Konzepts der Volksdemokratie, Lukács als Sündenbock Prügel bezogen hatte, es in der DDR zwischen 1950 und 1953 äußerst schwer, für eine Neuerscheinung von ihm eine auch nur winzige Auflage durchzusetzen; selbst Bechers Fürsprache half da selten. Zu Gute gekommen ist Lukács erst das Tauwetter 1953 bis 1956, aber keineswegs nur ihm, sondern allen seinen Widersachern, von rechts wie ultralinks, desgleichen. Dreimal hat Lukács sich 1955/1956 in der DDR aufgehalten. Mit Bloch und Brecht wurde er, philosophische und kunsttheoretische Divergenzen überbrückend, einig im oppositionellen Engagement. Seine Kritik an der stalinistischen Deformation ging dabei an Radikalität über beide hinaus, zumal nur er die nationale Frage ins Auge fasste und der DDR prophezeite, sie werde entweder nächstens das »deutsche Piemont« oder über kurz oder lang, von Bonns Imperialismus vereinnahmt, gar nicht mehr sein. Lukács’ mitreißendes Auftreten im Budapester Petöfi-Club kurz danach, sein Eintritt in die Regierung Imre Nagy während des Volksaufstandes galten Ulbricht und Hager als Verrat. Als »das geistige Haupt der Konterrevolution« hat Generalstaatsanwalt Melsheimer ihn in den Schauprozessen 1957 gebrandmarkt. Ekelerregende ideologische Abrechnungen mit Lukács’ »Revisionismus«, wie 1960 der Aufbau-Verlag sie gesammelt herausbrachte, besorgten des Rest. Es sei, so steht da in der Vorbemerkung, »ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ›hervorragenden‹ Theoretiker ziehen zu wollen«.114 Im Klartext hieß das, dieser gehöre auf den Index. Und so geschah es. 113 (AH) Harich sprach von sich selbst und spielte auf die absurden Diskussionen um seine in den frühen fünfziger Jahren gehaltenen Vorlesungen zu Hegel im Speziellen und zur Geschichte der Philosophie im Allgemeinen an der Berliner Humboldt-Universität an. Alle wichtigen Texte und Dokumente enthält der 5. Band (An der ideologischen Front). 114 (AH) Harich meinte den Band: Georg Lukács und der Revisionismus. Eine Sammlung von Aufsätzen, Berlin, 1960. Die meisten Beiträge wurden aus dem Ungarischen und Russischen übersetzt. Im Namen der SED beteiligte sich neben Hans Kaufmann auch Hans Koch an der Schmähschrift schlechtester stalinistischer Machart. In seiner Vorbemerkung (daraus zitierte Harich) schrieb Koch: »Die objektiv dialektischen Konsequenzen auch des Standpunkts von Georg Lukács sind in den Oktobertagen des Jahres 1956 in Budapest so krass wie nur möglich hervorgetreten. Es ist ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ›hervorragenden Theoretiker‹ ziehen zu wollen, 479Späte Kämpfe Übrigens scheint, mit Perspektivplanung, im Verlauf jener Prozesse auch ein für Lukács vertrauenserweckender Provokateur und Manipulant aufgebaut worden zu sein. Funde im Budapester Lukács-Archiv lassen kaum einen anderen Schluss zu. Auf jeden Fall beweisen sie, dass ein dubioser Bursche durch üble Nachrede ihm alle seine persönlichen Freunde in der DDR verekelt hat. Die Abschottung der DDR von ihm wurde dergestalt perfekt, ein halbes Jahr nach dem Mauerbau, der Bloch veranlasste, sich im Westen niederzulassen. Sinnentleert worden ist so Lukács’ korrespondierende Mitgliedschaft in beiden Ostberliner Akademien, der Wissenschaften wie der Künste, erstickt worden sein brennendes Interesse am Berliner Ensemble und an Felsensteins Komischer Oper. Nie ist es zur Fortsetzung seiner Dialoge mit Georg Klaus über Kybernetik, mit Friedrich Bassenge über Fragen der Aristoteles-Übersetzung gekommen. Und wie sehr hätte das Gespräch mit, sagen wir, Peter Hacks, über dessen Lossagung von Brecht, seine Hinwendung zu Goethe, ihn gefesselt! Wie gern hätte er sich noch einmal in Dresden den Anblick der Sixtina gegönnt! Um nur einiges von dem herauszugreifen, was zum Heulen ist. Nun sollte man meinen, Konflikte verjähren, Konstellationen ändern sich. In Kadars USAP, die ihn 1957 ausgestoßen, ward Lukács ja eines Tages, steinalt, wieder aufgenommen, und am 4. Juni 1971 starb er. Seinem westdeutschen Lektor raunte bei der Beerdigung der Sowjetbotschafter zu: »Protestieren kann er nicht mehr, jetzt können wir ihn ehren.« Bezogen hatte sein letzter Protest sich auf die rüde Beendigung des Prager Frühlings, und das war drei Jahre lang her. Legte das SED-Regime endlich Großmut an den Tag? Weit gefehlt. In Lukács’ Generalvertrag mit seinem westdeutschen Verlag steht die testamentarische Klausel, dass, falls jemals die DDR wieder etwas von ihm zum Druck genehmigen sollte, sie dafür keine harte Währung zu zahlen brauchte. Lukács also, sehr anders als Brecht, hatte auf Kosten der eigenen Erben, die DDR finanziell begünstigt. Hager erfuhr es 1972. Darauf positiv zu reagieren, hielt er für »noch verfrüht«. Erst 1977 hat er einen Reclam-Band mit Lukács-Texten zugelassen, unter der Bedingung einer sich vom Autor ideologisch distanzierenden Einleitung. In der Folgezeit ging das so dann weiter: Dass anmaßende, inkompetente Gegner seiner Philosophie aufgeboten wurden, seinen Lesern geistige Verdauungshilfe zu gewähren. Hager verlangte das. Besudelt worden ist auf diese Weise besonders das riesige geniale Spätwerk Die Eigenwie dies mancherorts versucht wird.« (Ebd., S. 8) Die Stelle wurde im Kontext bereits wiedergegeben. 480 Teil II art des Ästhetischen von 1963, Berlin/DDR, 1981. Das andere monumentale Alterswerk, Zur Geschichte des gesellschaftlichen Seins, die gehaltvollste Grundlegung des historischen Materialismus seit Marx, blieb dem philosophisch interessierten Leserpublikum in der DDR bis zu deren Ende, das heißt noch sechs Jahre nach dem Erscheinen der westdeutschen Edition, gänzlich vorenthalten. Verlegenheit hat der SED-Führung 1985 Lukács’ 100. Geburtstag bereitet. Man konnte, aus Rücksicht auf die ungarischen Verbündeten, nicht umhin, dem einzigen Denker von Weltrang, der aus Ungarn hervorgegangen, eine Ehrung angedeihen zu lassen. In Ostberlin fand daher ein Symposium über ihn mit Rednern aus seiner Heimat, aus beiden deutschen Staaten, der Sowjetunion und Finnland statt. Taktisch denunzierende Regie sorgte dafür, dass, soweit SED- und DKP-Vertreter zu Wort kamen, von vornherein das Übergewicht negativer Stimmen – stalinistischer Betonköpfe, herummäkelnder Besserwisser, arroganter Snobisten – gesichert war. Politbüromitglied Hager blieb der Veranstaltung fern. Dem besten Kopf der KPD aus den Jahren 1931 bis 1945 seine Reverenz zu erweisen, kam für ihn nicht in Betracht. Nicht zufällig indes ist der Chefideologe der SED noch im selben Monat auf einer Plenartagung der Akademie der Künste mit einer kulturpolitisch richtungsweisenden Rede aufgetreten, in der er, ohne Lukács mit einer Silbe zu erwähnen, alles, was dem an moderner Kunst, Literatur und ästhetischer Reflexion fremd geblieben, gar von ihm abgelehnt worden ist – von ungenießbarer »proletarisch-revolutionärer« Sektenstümperei bis hinauf zu Walter Benjamins ausgetüftelten Feinheiten – , ex cathedra zum wertvollsten Geisteserbe der DDR erklärte. Eine Polemik, die daraufhin, ohne Hager direkt anzugreifen, in Auseinandersetzung mit seinen akademischen Kreaturen mehr Respekt vor Lukács anmahnte, durfte, obwohl zweimal abmildernd umgearbeitet, in der DDR nicht gedruckt werden.115 Auf Weisung des ZK-Apparats von den Weimarer Beiträgen, Sinn und Form und der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zurückgewiesen, erschien der Beitrag, über die Grenze geschmuggelt, erst 1987 in Österreich. Danach ordnete Hager eine »Diskussion« über Lukács hinter verschlossenen Türen an. Den Teilnehmern war untersagt, sich auf den kritischen Text, den alle kannten, zu beziehen. Den Verfasser aber hatten sie fertigzumachen. 115 (AH) Harich meint seinen Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács!, der gerade zum Abdruck kam. 481Späte Kämpfe All das war wieder, was wenige wussten, was die Eingeweihten verheimlichten, politisch motiviert. Lukács nämlich hatte 1968 dem Prager Frühling nicht nur solidarisch Sympathie bekundet, er war durch ihn auch dazu aufgerüttelt worden, seine Vorschläge zur Umgestaltung des realen Sozialismus zu Papier zu bringen. Diese Schrift, Demokratisierung heute und morgen, nach dem 21. August zu veröffentlichen, im Untergrund oder im Ausland, wäre für den 83jährigen Genossen ein unabsehbares Risiko gewesen. Sie war außerdem als loyal gemeinter Denkanstoß für die eigene Partei konzipiert. So übergab der Autor sie diskret dem ZK der USAP, das nach eigenem Gutdünken zum geeigneten Zeitpunkt von ihr Gebrauch machen sollte. 1985 erkämpfte das Lukács-Archiv die Erlaubnis, den Text posthum herauszubringen, unter Vorsichtsmaßregeln: In kleiner Auflage, nur im deutschen Original, gleichwohl nur in Ungarn, überdies in einer durch philologische Hyperkorrektheit für Laien nahezu unleserlichen Edition. Die ganze spätstalinistische Abwehrstrategie gegen Lukács’ Lebensleistung, zumal in der geopolitischen Festung DDR, erschiene irrational, würde dieser Umstand nicht bedacht werden. Lukács führt da einen Zweifrontenkampf sowohl gegen die stalinistischen Strukturen, an denen festzuhalten er für ebenso schädlich wie auf die Dauer für selbstmörderisch hält, als auch gegen Ambitionen, eine parlamentarische Demokratie bürgerlichen Typs einzuführen, von der er voraussieht, dass sie die Restauration des Kapitalismus zur Folge haben, ja, möglicherweise in die Errichtung einer faschistischen Diktatur nach Art des griechischen Obristenputsches von 1967 umschlagen werde. Das »Tertium datur«, auf das er setzt, ist eine umfassende Demokratisierung des Alltagslebens, an der politisch die Wiederherstellung des ursprünglichen Rätesystems die Hauptsache sein soll. Damit nähert er sich trotzkistischen Positionen, besonders dort, wo er statt einer Kombination der Übel der Bürokratie mit denen des Marktes demokratische Wirtschaftsplanung fordert. Für sich genommen, lassen die betreffenden Stellen offen, ob sie vom Trotzkismus übernommen sind oder aus von ihm unabhängigen Überlegungen resultieren, die unbewusst auf ähnliche Ergebnisse hinausführen. Aus dem Respekt aber, mit dem auf anderen Seiten über Trotzki gesprochen, aus der Unbefangenheit, mit der Isaac Deutscher nicht nur genannt, sondern seine Sicht der Parteigeschichte auch nachvollzogen wird, ist zu schließen, dass Kommunisten heute auf Lukács sich zu berufen ermächtigt wären, entschlössen sie sich, der IV. Internationale als einer Bewahrerin besten marxistischen Gedankenerbes Achtung und Lernbereitschaft entgegenzubringen. 482 Teil II Dass die PDS, die Kautsky, ja, Bernstein ungeniert für sich wiederentdeckt hat, zögert, in ihre Ahnengalerie auch Lukács mit aufzunehmen, kann unter diesen Umständen nicht verwundern. Es hat aber noch einen anderen Grund: Die Nachfolgepartei der SED vermag sich nicht von den Überlieferungen der »Avantgarde« oder gar des Nietzscheanertums zu lösen, mit deren Hilfe Hager und, unter seinem Einfluss, der ahnungslose Erich Honecker wohl aus Furcht vor dem in Budapest archivierten Manuskript verzweifelt versucht haben, Lukács’ Vermächtnis loszuwerden. Je weiter der Realsozialismus sich von seinem revolutionären Ursprung entfernte, je unglaubwürdiger seine Zukunftsverheißungen wurden, desto bedenkenloser griffen seine Machthaber zwecks Verbreiterung ihrer ideologischen Basis auf reaktionäre und dekadente Pseudokultur zurück. Dass diese im pluralistisch marktgängigen Angebot ihren Platz findet, versteht sich am Rande. Ihr hat aber in der DDR der Schutz monolithischer Meinungsdiktatur gewährt werden sollen, damit genuiner Marxismus den Schlendrian, die Routine und den Machtmissbrauch des etablierten Apparats nicht störe. Der Lukács von 1968 hätte wie der von 1956 da sehr gestört. Heute stolzieren seine Verächter aus der ostdeutschen Provinzelite, Leute, die Kandinsky, Schwitters und Beuys, die Schönberg, Nono und Stockhausen zu genießen vorgeben, nicht zu vergessen die »differenzierenden« Neubewerter des Zarathustra, Matadore künstlichen Formzertrümmerns, gedanklichen Nomadisierens, mit einer Selbstgefälligkeit einher, als wären sie Märtyrer, die sich ebenso tapfer wie mühselig ihrer Fesseln entledigt haben. Bestenfalls irren sie. Manche tischen, ihre tatsächlichen Erfahrungen verdrängend, über ihre Nationalpreise sich ausschweigend, uns Lügen auf. Ich erlaube mir, in ihnen Hätschelkinder der spätstalinistischen Oligarchie zu sehen, die es unzureichend fand, die parasitäre Intelligenzija ja bloß materiell zu korrumpieren, sondern sich erst sicher fühlte, wenn sie auch deren tiefere Sehnsüchte, faschistoide nicht ausgenommen, zufriedengestellt sah. Lukács hätte dem im Weg gestanden. Es gereicht ihm zum Ruhm. Lukács in der DDR (04. Oktober 1992) (AH) In den Wendezeiten sah sich Harich den massiven Angriffen Walter Jankas ausgesetzt, gegen die er sich mit allen Mitteln wehrte. 1993 erschien als Reaktion auf Jankas Memoiren das Buch Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, welches unter anderem die Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus, Harichs Reformschrift aus dem Jahr 1956, abdruckte. Zudem benutzte Harich die Gelegenheit, seine Sicht der damaligen Dinge vorzu- 483Späte Kämpfe tragen. So verfasste er unter anderem den Versuch einer Rechtfertigung nebst aktuellen Äußerungen zur deutschen Frage, ein fiktiver Dialog, in dem Harich im Gespräch mit sich selbst auf Spurensuche seiner eigenen Entwicklung war. Aus diesem Text werden im Folgenden einige Seiten als Auszug abgedruckt – jene Passagen, die sich mit Georg Lukács beschäftigen.116 * * * * * (Frage) So viel zu dem für Ulbricht, nach Ihrer Meinung, politisch gefährlichsten Mann (gemeint ist Paul Merker, AH). Als intellektuell noch gefährlicher haben Sie an erster Stelle Georg Lukács genannt. Warum ist sein geistiger Einfluss ausgeschaltet worden? (Antwort) Lukács’ Lebenswerk bezieht sich in sehr starkem Maße auf die deutsche Philosophie und Literatur. Er hat unsere Gruppe anti stalinistisch beeinflusst und in ihren nationalen Intentionen bestärkt. Auch er galt als Exponent des Wiedervereinigungskonzepts. Kurz nach seinem letzten Besuch in der DDR ist er während des Volksaufstandes in Ungarn Volksbildungsminister der Regierung Imre Nagys gewesen. Nach der Niederschlagung des Aufstands sind Nagy und die wichtigsten Mitglieder seiner Regierung, vor allem der Verteidigungsminister Pál Maleter, nicht nur verhaftet und, vorübergehend, nach Rumänien verbracht, sondern auch zum Tode verurteilt und hingerichtet worden, dies 1958. Wäre Lukács auch getötet worden, so hätte das einen gewaltigen Proteststurm in der Kulturszene der ganzen Welt hervorgerufen, unter den berühmtesten Philosophen, Literarhistorikern, Schriftstellern und Künstlern. Darauf wollte man es nicht ankommen lassen. Und es boten sich historisch glaubwürdige Anhaltspunkte für eine Argumentation, die Lukács als harmloseren Fall hinzustellen erlaubte. Man bezog sich darauf, dass in der Tat in dem Moment, als Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt verkündet, ja, die eigenen Truppen zum Kampf gegen die Sowjetarmee mobilisiert hatte, Lukács unter Protest aus seiner Regierung ausgeschieden war. Diese Divergenz zu Nagys Verhalten lieferte die Begründung dafür, ihn freizulassen, so dass er sich wieder nach Budapest, in seine Wohnung zurück begeben und an seiner großen Ästhetik und Ontologie weiterarbeiten konnte. Er ist dann mit über achtzig Jahren sogar wieder in die Partei aufgenommen worden, hat danach allerdings eine weitere Sünde, mit seinem unverhohlenen Bekenntnis zum Prager Frühling, von 1968, begangen, und wohl auch damit, dass er sich, in seiner damals 116 (AH) Versuch einer Rechtfertigung nebst aktuellen Äußerungen zur deutschen Frage, in: Harich: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin, 1993, S. 169–253. Der Auszug auf den Seiten 207–214. Druck nach dem Originalmanuskript mit kleinen Abweichungen. Der Titel stammt vom Herausgeber. 484 Teil II entstandenen, erst 1985 postum veröffentlichten Schrift Demokratisierung heute und morgen vorsichtig gewissen trotzkistischen Positionen nährte. (F) Was bedeutete all das für die DDR? (A) Lukács ist hier seit 1956 von der Partei aufs Schärfste verurteilt worden. Auch wissenschaftlich galt er nichts mehr. Noch 1960 wurde ein Sammelband mit üblen sektiererisch-dogmatischen Angriffen auf seine Lehren veröffentlicht.117 Bücher von ihm durften nicht mehr erscheinen, über zwei Jahrzehnte lang. Erst 1977 setzte Werner Mittenzwei die Neuveröffentlichung eines Reclambandes mit Essays von Lukács zur Geschichte und Theorie der Literatur durch. Dem hatte er aber 1975 einen Band mit überwiegend negativen Urteilen über ihn vorausschicken müssen; zu einem Zeitpunkt, als Lukács sich nicht mehr dagegen wehren konnte; er war seit vier Jahren tot.118 Nun stellte sich für die DDR, solange er lebte, aber das Problem, dass er korrespondierendes Mitglied ihrer beiden Akademien, der Wissenschaften wie der Künste, war. Als solches hätte er jederzeit in die DDR fahren, dort an ideologischen Diskussionen teilnehmen und auch politisch seine Fäden knüpfen können. Wie konnte er der DDR ferngehalten werden, ohne dass die sich mit seinem Ausschluss aus ihren Akademien international blamierte? Eines der Mittel, das ihr aus dieser Verlegenheit heraushalf, bestand darin, dass Willi Bredel 1956 zum Vizepräsidenten der Akademie der Künste ernannt wurde und 1962 zu ihrem Präsidenten aufstieg. Bredel und Lukács waren Gegner. Bredel hatte seit den ausgehenden zwanziger Jahren Lukács immer wieder vorgeworfen, mit viel zu hoch geschraubten Ansprüchen die jungen proletarisch-sozialistischen Schriftsteller entmutigt zu haben – besonders ihn. Umgekehrt war für Lukács Bredel der in Begriff eines langweiligen, ungenießbaren Tendenzschriftstellers. Lukács pflegte hönisch zu sagen, die Partei wünsche sich einen Dichter, so genial wie Shakespeare und so linientreu wie Ulbricht. Da das aber nicht zu haben sei, müsse sie sich mit Bredel zufrieden geben. (F) Und verfuhr man bei der Akademie der Wissenschaften ähnlich? Wer wurde da als Anlaufperson für Lukács herausgesucht? (A) Zum Akademiepräsidenten erkor man da irgend einen namhaften Mathematiker, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber ohne anderweitige Interessen. Sie bringen mich auf die Vermutung, dass auch diese Kaderentscheidung kein Zufall gewesen sein dürfte. Lukács und ein solcher Mann hätten einander gewiss nicht zu sagen gehabt. Auf den folgte ein Altphilologe, es lohnt nicht, über ihn zu reden. 117 (AH) Gemeint ist: Koch, Hans (Hrsg.): Georg Lukács und der Revisionismus. Eine Sammlung von Aufsätzen, Berlin, 1960 118 (AH) Siehe die entsprechenden Dokumente und Verweise dieses Bandes. 485Späte Kämpfe (F) Nun hatte doch 1956 gerade Walter Janka versucht – auf Initiative von Anna Seghers – Lukács in die DDR zu holen. (A) Damit kommen wir zum Kern der Sache. Während des Ungarn-Aufstands, Ende Oktober 1956, sagte Janka zu mir, er werde nach Budapest fahren, Lukács dort suchen und ihn in die DDR bringen. (F) Lukács veröffentlichte viel im Aufbau-Verlag. (A) Er war, aus der Ferne, der einflussreichste Berater der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, der da, weil ich als Chefredakteur – und der Redaktionssekretär Hertwig, in dieser Hinsicht wie in anderen Fragen, uns völlig einig waren – mehr zu bestimmen hatte als meine Mitherausgeber Arthur Baumgarten, Ernst Bloch und Karl Schröter.119 (F) Mehr als sogar Bloch? (A) Bei aller Liebe zu Bloch hielt ich Lukács für den strengeren Marxisten. Ich räumte diesem daher aus freien Stücken größeren Einfluss ein. Davon abgesehen betreute ich im Aufbau-Verlag als Lektor Lukács’ Bücher und stand so schon vor der Gründung der Zeitschrift mit ihm in einem brieflichen Gedankenaustausch, der im Mai 1955 bei unserer ersten Begegnung, anlässlich der Schiller-Gedenkfeiern in Weimar und Jena, zu einer engen persönlichen Freundschaft wurde. (F) Anderthalb Jahre später also wollte Janka Lukács aus Budapest retten. (A) Nachdem er – auch wieder ein zwielichtiger Punkt – kurz zuvor sich zwischen Lukács und mich gedrängt, den Kontakt des Verlages mit Lukács an sich gezogen hatte. Im Oktober ging Lukács’ Manuskript Über den missverstandenen Realismus beim Verlag ein. Normalerweise hätte erst ich es lesen und dann brieflich an den Autor dazu Stellung nehmen müssen. Plötzlich bestätigte, wieder alle Regeln, Janka den Empfang, 119 (AH) In dem Text Die Ereignisse aus meiner Sicht schrieb Harich 1992/1993: »Dadurch kam, ab 1954, bei mir die Kombination hauptsächlicher Arbeit am Aufbau-Verlag mit bloßen Vorlesungen an der Universität und, an der Zeitschrift, mit redaktionellen Aufgaben, bei denen Hertwig mir zur Hand ging, zu Stande. Am Verlag wie an der Zeitschrift war Lukács in zunehmendem Maße mir nicht nur als Autor, sondern ebenso sehr als Ratgeber wichtig. Bloch höhnte, dass, wie Ulbricht aus Moskau, ich aus Budapest ferngesteuert werde. Die vier Herausgeber, desgleichen Hertwig – und aus der Ferne Lukács – stimmten überein in dem Bestreben, eine Zeitschrift zu machen, die geeignet sei, die philosophisch interessierte Intelligenzija im ganzen deutschen Sprachraum durch möglichst hohes Niveau zu beeindrucken, um bei ihr Aufgeschlossenheit für marxistisches Gedankengut wecken zu helfen. Hager sah unsere Aufgabe anders. (…) Nach Hertwigs und meiner Festnahme ist er (Matthäus Klein, AH) dann auch zwei Jahre später an der Zeitschrift auf meinem Posten aufgerückt, bei strikten Verbot weiterer Mitarbeit von Lukács und Bloch. Weil, daraufhin, Baumgarten und Schröter sofort zurücktraten, hat fortan das Herausgebergremium nicht mehr existiert.« Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, in: Harich: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin, 1993, S. 29 f. 486 Teil II telegraphisch, zugleich mit einem Werturteil, das ihm gar nicht zustand: »Mit großen Interesse am Sonntag gelesen, beglückwünsche Dich für diese außerordentlich bedeutsame Arbeit, Harich wird sie sofort lesen, dann folgt Brief. Herzliche Grüße auch an Gertrud, Euer Walter Janka.« Und am 8. November, vier Tage nach dem zweiten militärischen Eingreifen der Russen gegen den ungarischen Aufstand, ein weiteres Telegramm: »Mache mir große Sorgen um Dich und Gertrud. Gib bitte sofort eine Nachricht. Können wir Dir etwas schicken? Wie geht es Olga? Mit den besten Wünschen und herzlichsten Grüßen.« Schließlich am 3. Dezember, vier Tage nach meiner Verhaftung, nochmals ein Telegramm, fast mit dem selben Wortlaut. (F) Wer war Olga? (A) Die Witwe von Andor Gábor, die uns auch in Berlin besucht hatte, meiner Erinnerung nach schon im September. (F) Und zwischen dem ersten und dem zweiten Telegramm Jankas Plan, nach Budapest aufzubrechen, Ende Oktober angeregt durch Anna Seghers? (A) Das behauptet Janka in den Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Ich weiß nur, dass Janka diesen Plan hatte, dass Becher davon wusste und damit einverstanden war und dass kurz danach die ganze Aktion abgeblasen wurde, auf höheren Wink hin, wie Janka sich ausdrückte. Es lag nahe, anzunehmen: Auf Intervention Ulbrichts. Bei Heym, in Collin,120 geht die Idee auf den Minister Curd (sprich Becher) zurück, und Zeugen dafür sind die Piddelkoe und der Titelheld des Schlüsselromans, auf einer Abendgesellschaft bei Curd, die es damals zuverlässig in dieser Zusammensetzung nicht gegeben hat. Der Frage des Zeithistorikers Andreas Bengsch: »Weigel oder Seghers?« hat Heym sich 1991 entzogen. (F) Demnach war die Beziehung zwischen Lukács und Janka gar nicht zu eng, wie es seither aussieht? (A) Nein. Lukács hatte freilich seit Sommer 1956 über Janka eine positive Meinung: Er schätzte ihn als sehr tüchtig ein. Einmal meinte er sogar, der sei politisch »zu Höherem geboren« als bloß zum Verlagsleiter. Aber eine auf gemeinsamen geistigen Interessen basierende Beziehung hat es zwischen beiden nie gegeben. (F) Wie standen Sie zu jenem Plan, als Janka Sie darüber informierte? (A) Negativ. Ich fand, Janka werde in Berlin gebraucht, für die Zwecke der Gruppe. (F) Sind Sie im Prozess zu den Vorgängen um die geplatzte Reise befragt worden? (A) Nein. Ich hätte dazu aus erster Hand auch nichts aussagen können. 120 (AH) Heyms Roman Collin erschien 1979 im Westen, die DDR-Ausgabe folgte erst 1990. Wegen unerlaubter Veröffentlichung eines Werkes im Westen wurde Heym zum zweiten Mal verurteilt und zudem aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. 487Späte Kämpfe (F) Und von Lukács distanzieren haben Sie sich nicht müssen? (A) Inhaltlich, was seinen philosophischen Einfluss auf mich betraf, habe ich das verweigert, obwohl ich während der Untersuchungshaft dazu aufgefordert worden war. Wahrheitsgetreu habe ich allerdings zugsegeben, von Lukács politisch beeinflusst worden zu sein. Das abzustreiten wäre unmöglich gewesen, es gab zu viele Zeugen dafür, im Grunde wussten es alle.121 (F) Sie haben diesen Einfluss als verhängnisvoll gekennzeichnet. (A) Das gehörte zum Unterwerfungsritual. Es wurde ja stets eine Einschätzung im Geist von »Kritik und Selbstkritik« verlangt. Auf wissenschaftlichem Gebiet ist aber eine Distanzierung von Lukács für mich nie in Betracht gekommen. (F) Für den Prozess relevant wurde so nur die Beziehung zwischen Lukács und Janka. (A) Ja. Janka stand fortan als der Mann da, der wegen seines Versuchs, Lukács zu retten, unschuldig Verfolgung erlitten hätte. Das traf überhaupt nicht zu, denn weder in der gegen ihn erhobenen Anklage noch in der Begründung des über ihn verhängten Urteils spielt dieser Punkt die geringste Rolle, der kommt dort einfach nicht vor. Aber aus zwei Gründen war es zweckmäßig, eine solche Legende zu verbreiten: Einmal ließ sich so vor der Nachwelt der wahre Sinn der Prozesse verbergen, bis hin zu Heyms 121 (AH) In dem gerade erwähnten Beitrag Die Ereignisse aus meiner Sicht schrieb Harich hierzu: »Die stärkste Ermutigung zu offensivem Verhalten in der nationalen Frage ging von Georg Lukács aus, der sich damals dreimal besuchsweise in der DDR aufhielt: Im Mai 1955 zu Ehren des 150. Todestages von Schiller in Weimar, Jena und Berlin; dann als ungarischer Gastdelegierter auf dem Berliner Schriftstellerkongress Anfang 1956; schließlich im Sommer desselben Jahres als Urlauber in Schierke im Harz, mit Berlinvisiten davor und danach. Bei der zweiten Gelegenheit kamen er und Brecht einander so nahe, dass nach dessen Tod, Mitte August, Helene Weigel darauf bestand, bei der Trauerfeier im Berliner Ensemble müsse auch Lukács, als eine Art Gegengewicht zu Ulbricht und Becher, für ihren Mann Gedenkworte sprechen. In den zahlreichen Gesprächen, die Lukács in kleinem oder größerem Kreis in der DDR führte, trug er bereits all die kritischen Erkenntnisse vor, die nachmals den wesentlichen Inhalt seiner Reden vor dem Budapester Petöfi-Klub ausmachten und ihn für die Leitung des Kulturressorts in der Regierung Imre Nagy als prädestiniert erscheinen ließen. Meine Vorstellungen fanden nicht nur seinen Beifall, sondern er ergänzte und bereicherte sie auch. Zur Wiedervereinigung meinte er, die DDR werde entweder nächstens das ›deutsche Piemont‹ oder über kurz oder lang, vom Bonner Imperialismus vereinnahmt, gar nicht mehr sein. Allerdings hielt Lukács wenig von meinem Versuch, inspirierend auf sowjetische Diplomaten einzuwirken. Diese Leute seien, anders als zur Zeit Tschitscherins, nur noch karrierebewusste Befehlsempfänger. Dass sie in der Beurteilung Hegels eifrig umlernten, spräche nicht dagegen, sondern eher dafür. Ich hätte ebenso gut den Einfall haben können, einen zaristischen Bürokraten wie Tolstois Karenin zum Narodniken zu bekehren.« Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, in: Harich: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin, 1993, S. 53. 488 Teil II Collin. Zum anderen – und das war der unmittelbare Zweck – wurde auf diese Weise für Lukács Janka zum besonders zuverlässigen Freund aufgebaut. Schon 14 Monate nach Jankas Haftentlassung – er und Just sind Ende 1960 durch einen Gnadenerweis Ulbrichts vorzeitig freigekommen – hat Janka sich brieflich an Lukács gewandt. In seiner Antwort hat Lukács sich sofort nach mir erkundigt und die Absicht kund getan, sich mit mir, seinem »alten Lektor« – noch fast drei Jahre saß ich danach von meiner Strafe ab – , wieder in Verbindung setzen zu wollen. Daraufhin hat Janka in verleumderischer Art gegen mich losgeschlagen. Ich hätte eine üble Rolle gespielt, hätte menschlich völlig versagt. Er, Janka, wolle mit mir nichts mehr zu tun haben. Lukács äußerte sich erschüttert, er hätte von alledem nichts gewusst. Ausgerechnet zu seinen 77. Geburtstag hatte Janka ihm den Brief geschrieben, in dem er den »alten Lektor« bei ihm anschwärzt, unter Berufung auf Shakespeare: »Und wer in Not versucht, den falschen Freund, verwandle ihn sogleich in einen Feind!« Noch im selben Sommer verleidete Janka in einem weiteren Brief Lukács in ähnlicher Art alle Freunde, die der noch in der DDR besaß. Das betraf besonders Lilly Becher, die Witwe des vier Jahre zuvor verstorbenen engsten Freundes. »Ungeheuerlich« seien deren »nachträglich aufgebrachte Gerüchte um die beabsichtigte Reise« vom Herbst 1956 gewesen. »Sie, die mich mit Tränen in den Augen verabschiedet hatte und mich ewigen Dankes versicherte, weil ich mich um den Verbleib ihrer besten Freunde und des ›größten Wissenschaftlers‹ unterrichten wollte, erfand ein paar Monate später die unglaubhaftesten Räubergeschichten.« Es folgen Ausfälle übler Nachrede gegen Anna Seghers, gegen Helene Weigel, gegen den früheren – von Lukács außerordentlich geschätzten – Verlagsleiter, Erich Wendt, und auch gegen Willi Bredel, der, wie gesagt, kein Freund von ihm war, aber als Akademiepräsident in amtlicher Eigenschaft ihn in Berlin hätte willkommen heißen müssen. Der schmähsüchtige Rundumschlag gegen alle diese Genossen in Jankas späteren autobiographischen Schriften ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass er immer damit hat rechnen müssen, eines Tages mit den betreffenden Briefstellen konfrontiert zu werden. Sie sind im Budapester Lukács-Archiv ja jedermann zugänglich. Er tritt, vorbeugend, eine Art Flucht nach vorn an, sobald er seinen Groll gegen die Bechers, gegen Wendt, die Weigel, die Seghers usw. zur Schau trägt. Der Zweck ist von 1962 an durch diese Briefe – und durch spätere Reisen Jankas nach Budapest – jedenfalls erreicht worden: Lukács hat sich Zeit seines Lebens nicht mehr in der DDR blicken lassen, sie war ihm vergällt. (F) Umgekehrt, sagen Sie, sei auch er in der DDR geringschätzig beurteilt und, selbst Jahre nach seinem Tode, nicht mehr gedruckt worden, bis 1977. 489Späte Kämpfe (A) Lukács ist der einzige Denker von internationalem Rang, den Ungarn hervorgebracht hat. 1985, anlässlich seines 100. Geburtstages, konnte die DDR, aus Rücksicht auf das mit ihr verbündete Ungarn, nicht länger umhin, Lukács zu ehren. Sie tat es, gelinde gesagt, sehr halbherzig, obwohl er in den schicksalsschweren Jahren 1931 bis 1945 Mitglied der KPD gewesen war, was nicht erwähnt wurde. Es ist in Berlin auch keine Gedenktafel an dem Haus A in der Friedrichstraße 129, in dem er 1931 bis 1933, als unermüdlicher Aktivist des antifaschistischen Kampfes, gewohnt hatte, angebracht worden. Und manipulierende Regie sorgte dafür, dass auf dem zu seinem Gedenken veranstalteten Kolloquium der Akademie der Wissenschaften der DDR die Mehrzahl der Redner – ich denke an Manfred Buhr, Hans Heinz Holz, Hans-Martin Gerlach, Robert Steigerwald, Seppo Toivainen, Wolfgang Förster, Wolfgang Heise, Sieglinde Heppener, Dieter Schlenstedt, Perki Karkama, Friedrich Tomberg und Walter Jopke – missgünstig, oft auch unverschämt an seinem gewaltigen Erbe herumgemäkelt hat. Wohl nicht zufällig hielt dann in demselben Monat der – diese Veranstaltung sogar schneidende – Chefideologe der SED, Politbüromitglied und ZK-Sekretär Kurt Hager, auf einer Plenartagung der Akademie der Künste einen Vortrag, der, gewissermaßen ex cathedra, alle von Lukács bekämpften Richtungen moderner Kunst und Literatur mit Lobpreisungen bedachte. Hermlins und Hagers Einfall, abgesegnet von Honecker, zur Verbreiterung ihrer dahin schwindenden Machtbasis Friedrich Nietzsche in die Erbepflege der DDR mit einzubeziehen, stellt zugleich den Gipfelpunkt ihrer Verfemung des großen, deutsch schreibenden ungarischen Marxisten dar, sie wächst hier ins Faschistische hinüber. Dagegen protestierende Schriften von mir konnte ich teils nur, herausgeschmuggelt, im Ausland publizieren, teils hatte die Zensur der DDR sie verstümmelt oder die Meute ihrer Kettenhunde gegen mich, den Verfasser, losgelassen, teils liegen sie immer noch in meiner Schublade. (F) Wir waren bei Heyms Collin. Die Romanhandlung dreht sich um den Plan, im Herbst 1956 Lukács zu retten. Wie wird er in dem Zusammenhang dargestellt? (A) Lukács trägt bei Heym den Namen Daniel Keres, tritt aber selbst nicht auf. Es ist von ihm nur immer wieder die Rede, am ausführlichsten in den – eingeflochtenen – Notizen eines Kritikers Theodor Pollock, mit dem Heym wohl sich selbst meint, der gelegentlich aber auch Auffassungen der Frankfurter Schule, so wie Heym sie sich vorstellt, äußert. An einer Stelle behauptet Pollock, Keres habe sich 1956/1957 »dem Tod durch waghalsige Flucht in ein fremdes Land« entzogen. Auf der Gesellschaft bei Curd bescheinigt die Piddelkoe ihm eine »ans kindliche grenzende Naivität, viel zu gutmütig und gefällig«; so werde er »nicht erkannt haben, dass die Feinde von Frieden und Fortschritt, die da in Budapest ihr Haupt erheben, nur im Sinne hatten, seinen 490 Teil II weltberühmten Namen für ihre verwerflichen Ziele zu benutzen«. Selbstverständlich steht bei der Schilderung des Havelka-Prozesses die negative Bewertung Keres‘ als eines Konterrevolutionärs durch den Generalstaatsanwalt im Mittelpunkt. Dass der von ihm aus politischen Motiven ein verzerrtes Bild zeichnet, wird für den Leser deutlich. Dem Urteil, Keres sei weltfremd, widerspricht Heym jedoch nicht, womit er der milderen Variante der Herabsetzung von Lukács’ Bedeutung durchaus Tribut zollt, und das liegt ganz auf der Linie der generellen Tendenz des Romans, den Opfern von 1956/1957, mit der einzigen Ausnahme Havelkas, politische Seriosität abzusprechen. Der angebliche Naivling Lukács steht in genauer Analogie zu dem angeblichen physischen Wrack Merker. Beide Male handelte sich um Legenden.

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References

Zusammenfassung

Mit Georg Lukács war Harich eng befreundet. In den fünfziger Jahren arbeiteten die beiden zusammen, Harich war im Aufbau-Verlag für die Bücher von Lukács verantwortlich und als Chefredakteur der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ für dessen Aufsätze. Die Wirkung des ungarischen Philosophen in der DDR wurde maßgeblich durch Harich gestaltet. Dabei vertraten beide ähnliche Ansätze in der Philosophiegeschichte und auch bei der Entwicklung eigenständiger marxistischer Theorien. Der vorliegende Band druckt eine Vielzahl von Dokumenten, Manuskripten und Gutachten ab, die Harich bis zu den Umbrüchen von 1956 über Lukács verfasste. Präsentiert werden zudem die meisten Briefe von Harich an seinen Freund und Mitstreiter. Nach 1956 besuchte Lukács die DDR nie wieder. Der Kontakt zu Harich brach völlig ab. Dieser wirkte ab 1970 aber in der DDR weiter für seinen früheren Weggefährten. In mehreren Eingaben, Briefen usw. mahnte er gegenüber den offiziellen Stellen der DDR „Mehr Respekt vor Lukács!“ an, dies ist ja der Titel seines bedeutenden Aufsatzes. Eine marxistische Philosophie ohne Lukács, so das Credo von Harich Zeit seines Lebens, sei zum Scheitern verurteilt.