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Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács in:

Wolfgang Harich

Georg Lukács, page 13 - 114

Dokumente einer Freundschaft

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4068-3, ISBN online: 978-3-8288-6901-1, https://doi.org/10.5771/9783828869011-13

Tectum, Baden-Baden
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13 Andreas Heyer Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács 1. Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR Die Jahre der faschistischen Tyrannei überlebte Georg Lukács im sowjetischen Exil.1 Er emigrierte 1933, nachdem er in den vorangegangenen Jahren bereits mehrmals die Sowjetunion besucht hatte. In Moskau wurde er Mitarbeiter des Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, das so genannte Marx-Engels-Institut (an dem Lukács bereits 1930, 1931 an der Herausgabe der Gesammelten Werke von Marx und Engels mitgearbeitet hatte). Wegen seines sicherlich umstrittensten Buches Geschichte und Klassenbewusstsein übte er in Moskau noch einmal Selbstkritik und beteiligte sich an verschiedenen parteioffiziellen Projekten und Editionen. Zudem war er beispielsweise Redakteur der Internationalen Literatur und weiterer Zeitschriften, was etwa seine enge Freundschaft zu Johannes R. Becher begründete. Aber auch in der Sowjetunion waren die Kommunisten anderer Länder nicht sicher – spätestens heute kennt man die zahlreichen Geschichten von Verhaftungen, Verbannungen, Folter oder Mord. In Moskau lebte Lukács im Hotel Lux. Er hatte aber kaum private Kontakte zu anderen Emigranten, am stärksten waren sicherlich seine Bindungen zu den deutschen Schicksalsgenossen (sowie, wegen verschiedener vorangegangener parteilicher Querelen, 1 Zu dieser Epoche vor allem: Sziklai: Georg Lukács und seine Zeit, außerdem die entsprechenden Passagen in der Biographie von István Hermann: Georg Lukács. 14 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács zu einigen wenigen ungarischen Freunden). »Das Hotel Lux war in den dreißiger Jahren berüchtigt. Das Gästehaus der III. Kommunistischen Internationale lieferte ein eindrückliches Bild für die Versammlung internationaler Intelligenz in Moskau, die bei komfortabelster Unterbringung so lange Spielball der sowjetischen Informationspolitik war, bis sie diskret in das Netz der ›Organe‹ verwickelt und schließlich verhaftet wurde. Auch Lukács war am 29. Juli 1941 von der für Konterspionage zuständigen Zweiten Abteilung des NKGB verhaftet worden. Allerdings erfolgte seine Verhaftung offenbar nicht in unmittelbar machtpolitischem Interesse, denn dafür wäre die dritte Abteilung des NKGB zuständig gewesen.«2 Hotel Lux, um 1914 Kornélia Papp zeichnete diese Vorgänge wie folgt: »Nach Michail Lifschitz‘ Meinung soll sich Lukács in Moskau schließlich so zu Hause gefühlt haben, dass er 1933 nicht mehr, wie Brecht, Eisler oder Adorno, an eine Emigration in die USA dachte. In Moskau lebte er bis 1945 ziemlich zurückgezogen. Er versuchte so wenig wie möglich am politisch-öffentlichen Leben teilzunehmen. Als er nach dem Abebben der großen Prozesse 1941 doch verhaftet wurde, setzte sich Józef Révai für seine Entlassung ein. Entscheidend war, dass der Generalsekretär der Komintern Dimitroff sich für ihn einsetzte, so unterzeichnete der Leiter der NKWD Berija zwei Monate nach seiner 2 Henning: Katharsis der Moderne, S. 151. 15Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR Verhaftung, am 23. August 1941 (auf Befehl Stalins), den Freilassungsbrief – mit Bleistift.«3 In einem rückblickenden Artikel von 1991 schrieb Harich: »Deren Mitglied (der KPD, AH) ist er, 1933 vor Hitler fliehend, dann im abermals sowjetischen Exil bis 1945 geblieben. Er suchte hier für die künftige demokratische Erneuerung eines von der Naziherrschaft befreiten Deutschland geistige Grundlagen zu schaffen, in umfangreichen Büchern, in vielen Aufsätzen, in Rezensionen über Neuerscheinungen der aus der Ferne einfühlend beobachteten ›inneren Emigration‹ und unter unablässigem Gedankenaustausch mit deutschen kommunistischen Literaten, die sich um Johannes R. Becher, den Redakteur der Internationalen Literatur. Deutsche Blätter, scharten. Becher hat denn auch bei Kriegsende versucht, seinen Freund erneut nach Berlin zu holen. Am Widerstand der ungarischen KP-Führung, die den kulturpolitisch versierten Landsmann in Budapest brauchte, ist der Plan gescheitert. In Moskau war Lukács 1941, unter den Anschuldigungen, Chefresident der Horthy-Spionage zu sein, verhaftet worden. Das NKWD ließ ihn nach zwei Monaten zwar wieder frei, doch verschollen blieb fortan, bis heute, das wertvollste seiner beschlagnahmten Manuskripte: Ein weit gediehenes Werk über Goethe. Dies dürfte, im Zeichen von Hitlers Überfall auf die UdSSR, mit dem pauschalen Deutschenhass, den Ilja Ehrenburg in der Prawda predigte, mit der Auflösung der Wolgadeutschen Republik und gewiss mit der den sowjetischen Philosophiekadern zugleich oktroyierten Verleugnung von Lenins Hegelverehrung in Zusammenhang gestanden haben. Beschäftigung mit Goethe und Hegel hat offenbar damals Stalin als Sicherheitsrisiko, wenn nicht als eine Art Kollaboration mit den Okkupanten gegolten.«4 Geprägt waren Lukács’ Moskauer Jahre aber nicht allein durch die permanente Angst vor Problemen, sondern, dies sah Harich ganz richtig, durch ein immenses Arbeitspensum. Es entstanden viele der Schriften und Aufsätze, die dann nach Kriegsende erschie- 3 Papp: In Zwängen verstrickt, S. 58. 4 Harich: Zur Furcht der SED vor Georg Lukács. Dort dann weiter: »Als der siegreiche Stalin 1945 Ehrenburg zurückpfiff, als er die eigenen deutschfreundlichen Äußerungen den Bewohnern der Sowjetzone durch Sichtwerbung bekannt zu machen befahl, derweil seine Generäle in der Weimarer Fürstengruft an den Särgen Goethes und Schillers Kränze niederlegten, kam für Kant, Fichte und Hegel bei alledem nichts heraus. Denn auf ein abstrafendes Urteil über die vermeintlich reaktionären Preußen hatte der vierte marxistische Klassiker, der unfehlbare, sich selber öffentlich festgelegt.« Alle in diesem Band edierten Texte, Briefe Harichs über, an Lukács werden nur angegeben, auf Seitenzahlen etc. wird verzichtet. 16 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács nen, manche direkt publiziert, anderes war und blieb Vorarbeit, tastende Annäherung, die dann Jahre später vollendet wurde. Lukács arbeitete an seinen Theorien – nun freilich unter weitaus strikterer Befolgung der offiziellen sowjetischen Parteimeinung. Eben dies sorgte dann für die immense Durchschlagskraft (literaturwissenschaftlich, philosophisch und parteilich-ideologisch), die er mit seinen Schriften in der SBZ/DDR erreichte – bis hin zur epochalen Zerstörung der Vernunft. Ganz im Gegensatz zur Entwicklung in Ungarn. Fritz J. Raddatz schilderte diese Gemengelage: »Die Rückkehr nach Budapest im Jahre 1944 war keineswegs triumphal. Zwar konnten endlich in rascher Folge seine Arbeiten erscheinen, sehr bald auch im Ost-Berliner Aufbau-Verlag, den Johannes R. Becher, der Kampfgefährte aus den Tagen des BPRS und aus der Moskauer Emigration, gegründet hatte; zwar wurde Lukács Professor für Ästhetik an der Universität Budapest, Mitglied des Parlaments, der Akademie der Wissenschaften und zahlloser anderer Gremien; zwar reiste er zu Diskussionen mit Karl Jaspers nach Genf oder mit Jean-Paul Sartre nach Paris zur Hegel-Konferenz. Aber schon 1949 begannen die nächsten, diesmal besonders vehementen Attacken. Eine Fronde hochstehender Kulturfunktionäre, Parteihochschulleiter, Kulturminister und Chefredakteure ging gegen ihn vor.«5 In der zweiten Version seines Aufsatzes Mehr Respekt vor Lukács! führte Harich in diesem Sinne berechtigt aus, dass es auch in der DDR nach 1945 »keine – und sei es noch so kurze – Phase (gegeben habe), in der ein Meinungsmonopol von Lukács bestanden hätte. Erst recht kann keine Rede davon sein, dass jemals von seiner Seite ein solches beansprucht worden wäre. Erstens haben bei uns lange Zeit bürgerliche Germanisten erheblichen Einfluss ausgeübt: Theodor Frings, Ernst Grumach, Anton Kippenberg, Hermann August Korff, Leopold Magon, Hans Wahl, Paul Wiegler – um nur die namhaftesten aufzuführen. Zweitens nahmen unter den Mitgliedern der SED und ihren zum Marxismus tendierenden Sympathisanten in ästhetischen und literaturtheoretischen Fragen, mehr oder weniger unabhängig von Lukács und ihm mitunter opponierend, Alexander Abusch, Wilhelm Girnus, Wieland Herzfelde, Helmut Holtzhauer, Herbert Jhering, Alfred Kantorowicz, Werner Krauss, Alfred Kurella, Hans Mayer, Joachim Müller, Paul Rilla, Gerhard Scholz, Max Schroeder u. a. jeweils eigenständige Positionen ein; von minder bedeutenden Erscheinungen und nachrückenden Jüngeren ganz zu schweigen. Drittens war jederzeit kritische Distanz zu Lukács unter DDR-Schriftstellern bei Bertolt Brecht, Willi Bredel, Louis Fürnberg, Otto Gotsche, Stephan Hermlin, Anna Seghers, Friedrich Wolf u. a. festzustellen – teils partiell, teils 5 Raddatz: Lukács, S. 94.  17Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR total. Viertens konnte Lukács keineswegs immer sicher sein, dass ein Text von ihm, den er bei uns gedruckt zu sehen wünschte, alsbald auch erschien. Der Personenkult um Stalin, beispielsweise, brachte es mit sich, dass im Aufbau-Verlag Der junge Hegel erst 1954 herauskam, mit sechsjähriger Verzögerung gegenüber dem Züricher Erstdruck (1948) und, bezeichnenderweise, erst drei Jahre nach dem Hegelbuch Ernst Blochs (Subjekt-Objekt, 1951). Gegen den Widerstand Walter Besenbruchs, Wolfgang Heises und Klaus Schrickels wurde 1951 von Erich Wendt eine kleine Auflage des damals so wichtigen Buchs Existenzialismus oder Marxismus? durchgesetzt. Denn – fünftens – auch auf philosophischem Gebiet fehlte es Lukács weder an linkssektiererisch-dogmatischen noch an rechtsrevisionistischen Kritikern, die sich durchaus Gehör zu schaffen wussten. Und hinzu kam auch hier die Animosität seiner bürgerlichen Gegner. Von den nichtmarxistischen Philosophen in der DDR haben einzig Arthur Baumgarten (er freilich Mitglied der Schweizer Partei der Arbeit) und Paul F. Linke den hohen Wert der Zerstörung der Vernunft hervorgehoben, die bei Bloch auf fast ebenso eisige Ablehnung stieß wie bei Günter Jacoby, Hermann Johannsen, Hans Pichler und Lieselotte Richter. Schließlich sechstens: Die zweifelhafte Ehre, Beiträge zur Lukács-Festschrift von 1955 zu verweigern, teilte Brecht sich mit H. A. Korff. Dieser bot immerhin einen Ersatzmann an: Seinen Schüler Hans Lothar Markschieß, und der wieder zog sich aus der Affäre, indem er die Theorie des Romans rühmte. Genügt das, um ein wenig Nachdenklichkeit gegenüber der Legendenbildung zu erwecken, die bei unseren Modernismus-Freunden nachgerade ins Kraut schießt?«6 Lukács übte nach Kriegsende erneut Selbstkritik, diesmal allerdings weitaus stärker die eigenen Positionen verteidigend als früher. Doch die Angriffe in Ungarn blieben bestehen und arteten zu einer regelrechten Kampagne aus7, die dann nach 1956 in der DDR fortgesetzt wurde. »Die Debatte läuft auch in einem merkwürdigen Zickzackkurs, sie macht eine besonders kompliziert zu entwirrende Ungleichzeitigkeit deutlich: Während Lukács in Ungarn nach dem Hauptangriff des Volksbildungsministers und Schriftstellerverbandsvorsitzenden auf dem 1. Schriftstellerkongress 1951 sich völlig aus dem politischen Leben zurückzieht, während Zeitungen, Zeitschriften und Tagungen in Polemiken seinen Einfluss zurückzudrängen suchen, erscheinen in der DDR – unter Bechers Patronat – seine Bücher in hoher Auflage. Sein Einfluss auf die junge 6 Harich: Mehr Respekt vor Lukács! Zweite Version aus dem Sommer 1986. 7 Diesen realgeschichtlichen Hintergrund hatte Harich ja unterschätzt, als er 1949 Lukács’ Goethe-Bild in der Täglichen Rundschau kritisierte. Die Stimmen, die sich daraufhin gegen ihn erhoben, hatten exakt diese Gesamtsituation vor Augen. 18 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Nachkriegsgeneration in der DDR, ob Philosophen, Literaturwissenschaftler oder Autoren, ist nicht zu überschätzen; kein Seminar, kein größerer Aufsatz, keine literarische historische Analyse, die nicht Lukács zitiert. (…) Ebenso einflussreich waren Lukács ideologiekritische Schriften und Arbeiten zur Philosophiegeschichte.«8 In der Tat hatte Lukács in der DDR ein weit höheres Standing als in allen anderen Ländern. Direkt nach dem Krieg hatte der Aufbau-Verlag begonnen, Schriften von ihm zu drucken, ohne mit ihm einen Vertrag, ja, noch nicht einmal sein Einverständnis zu haben. Weitere Werke waren schon in Planung, als der Verlag am 18. Oktober 1946 versuchte, brieflich Kontakt mit Lukács aufzunehmen. Am 3. Dezember antwortete Lukács und verbat sich die Herausgabe weiterer Bücher von ihm, einzig Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur gab er frei.9 Im Herbst 1947 hatten sich beide Parteien dann etwas angenähert, Lukács genehmigte den Druck von Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur und Karl Marx und Friedrich Engels als Literaturhistoriker – zwei Bücher, »bei denen es keine Meinungsverschiedenheiten gibt«.10 Für die geplante Edition anderer Werke von ihm machte er aber erneut geltend, dass er entweder bereits Verträge geschlossen oder diese in Aussicht habe. Es gelang dem Aufbau-Verlag sowohl mit Lukács als auch mit den entsprechenden Schweizer Verlagen Arrangements zu treffen, die die Herausgabe in der Folge ermöglichten. »Mit der Publikation der Buchreihe zwischen 1947 und 1949 war ein Gesamtbild des literaturtheoretischen und literaturhistorischen Konzepts von Lukács öffentlich verfügbar geworden. Die Reihe dieser gelben Bände hat für die Entwicklung von Li- 8 Raddatz: Lukács, S. 96.  9 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 172–175. 10 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 182. Johannes R. Becher, 1951 19Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR teraturkritik und Germanistik am Beginn der fünfziger Jahre prägend gewirkt.«11 Ausgerechnet das – gerade für die Erbe-Pflege der DDR potentiell (und später dann realgeschichtlich) so wichtige – Goethe-Buch blieb jedoch von dieser Vereinbarung ausgeschlossen.12 Lukács schrieb am 29. Oktober 1947 an Erich Wendt (den er aus gemeinsamen Moskauer Tagen kannte): »In Bezug auf das Goethe-Buch habe ich Euch meine Meinung wiederholt mitgeteilt. Die Vereinbarung mit Francke ist für mich – von allen anderen Gründen abgesehen – auch darum wichtig, weil in Eurem Buch nur zwei Faust-Studien enthalten sind, während der Originalaufsatz fünf Studien enthält und die fragmentarische Veröffentlichung geradezu irreführend wirken würde.«13 Fast gleichzeitig zu diesen Zeilen von Lukács erschien der Band Goethe und seine Zeit in Bern. Doch Erich Wendt und der Aufbau-Verlag ließen nicht locker. Da man sich mit Oprecht14, dem anderen Schweizer Verleger von Lukács, bereits geeinigt hatte, strebte man ähnliche Vereinbarungen auch mit dem Francke-Verlag an. »Von größter Bedeutung sind nun noch die Arbeiten über Goethe und die deutsche Literatur«, so Wendt Ende November 1947.15 Die DDR-Ausgabe lag schließlich 1950 vor, drei Jahre später 11 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 13. 12 Lukács’ Goethe-Buch (Goethe und seine Zeit) erschien in der DDR erst 1950, also im Jahr nach den großen Goethe-Feiern von 1949. Dazu gleich im laufenden Text. Aufgearbeitet ist dies bei: Heyer: Der gereimte Genosse. 13 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 183 f. 14 Über seine Arbeit im Aufbau-Verlag schrieb Harich Anfang der neunziger Jahre rückblickend: »Damals fiel mir erstmals aber auch auf, wie schlimm es sein kann, wenn ein Verleger – ein kapitalistischer, versteht sich – zu geizig ist, um einen Lukács-Text durch einen deutschen Redakteur entmagyarisieren zu lassen. Mit Stolz erfüllt es mich, der DDR-Ausgabe des Jungen Hegel und danach auch der Zerstörung der Vernunft, im Einverständnis mit dem Autor, diesen Dienst erwiesen zu haben. Ein ebensolches Ferkel wie Oprecht ist Luchterhand; was die Druckfehler angeht, ein noch schmutzigeres.« Harich: Mein Weg zu Lukács. 15 Lukács: Briefwechsel Lukács und der Aufbau-Verlag, S. 185. Die gelben Lukács-Bände 20 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács zudem in neuer Ausstattung. Ergänzt hatte Lukács, in Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag, nicht nur ein Vorwort, sondern auch den Aufsatz Unser Goethe. Festrede, gehalten am 31. August 1949 im Berliner Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Doch bevor von Goethe die Rede sein kann, in diesem Zusammenhang trafen Harich und Lukács ja zum ersten Mal aufeinander, ist zuerst ein kurzer Blick auf Lukács’ Hegel-Verständnis zu werfen. Wenn von und über Lukács die Rede ist, dann muss immer jenes sonderbar ambivalente Verhältnis beachtet werden, dessen Kern darin besteht, dass Lukács einerseits einer der einflussreichsten Marxisten des 20. Jahrhunderts war, dass er auch die intellektuelle Ausrichtung der DDR seit 1945 maßgeblich mitbestimmte, andererseits aber verschiedene seiner Thesen und Theorien in die Kritik der Partei gerieten (nach 1956 gar der ganze Philosoph samt Werk – inklusive verspäteter zaghaftester Neu-Annäherungsversuche). Diese Konstellation muss noch ergänzt werden. Denn auch die Schriften von Lukács markieren ein breites Spannungsfeld. Zuerst sind seine politischen und philosophischen Werke zu nennen, mit denen er in die Kritik der Partei geriet – so die Blum-Thesen und Geschichte und Klassenbewusstsein. In Moskau, spätestens aber in den ersten Jahren der SBZ/DDR produzierte Lukács dann seinerseits verschiedene Texte, die der parteioffiziellen Linie mehr als nur zuzuordnen sind – auf literaturtheoretischem Gebiet beispielsweise die Abhandlung Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, im philosophischen Bereich Existenzialismus oder Marxismus? und Die Zerstörung der Vernunft. Die dort entwickelten Theorien beförderten ihrerseits die Dogmatik, so dass andere Intellektuelle in die Kritik der Partei gerieten. Drittens, damit zusammenhängend, sind die literaturtheoretischen und literaturwissenschaftlichen Verlautbarungen von Lukács zu nennen, die ebenfalls in der Kritik standen – der eine sagt, zu recht, der andere, zu unrecht, aber das ist echter Diskurs. Die Vermischung von Partei-Auftrag und eigenen Theorien ist kein Spezifikum des Denkens von Lukács, ganz im Gegenteil bezeichnet es einen charakteristischen Zug des fast schon typischen Agierens im Koordinatensystem des real existierenden Sozialismus. Ohne Unterwerfung keine eigene Meinung, ohne Opportunismus keine Opposition – eine merkwürdige, aber durchaus treffende Formel. Hinzu trat, dass mancher Parteiauftrag durchaus intellektuellen Konsens herstellte oder aufnahm: Beispielsweise 21Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR die Kritik an Nietzsche, Ernst Jünger, Oswald Spengler etc. nach Kriegsende.16 Man musste, dies zeigen die Biographien von Lukács und Harich (bis 1956) deutlich an, zuerst von der Partei akzeptiert werden, dieser helfen, Loyalität beweisen, um dann partielle Kritik üben zu können. Begriffe wie »Kaderphilosophie« (Kapferer) oder naive Abrechnungen (von Neubert über Wolle bis zu Herzberg oder Maffeis) helfen da nicht weiter. Lukács selbst war eine durchaus ambivalente Persönlichkeit, im gerade erwähnten Kontext hin und her gerissen zwischen der offiziellen Linie und seinem eigenem Denken, zwischen dem Anspruch der Partei und dem persönlichen Anspruch. Erst mit den großen Spätwerken, zuvorderst mit der Ästhetik, gelang ihm der Ausbruch aus diesen Dichotomien, nicht zuletzt, da er im Zuge verschiedener Vorworte, Ergänzungen usw. sein bisheriges Werk inspizierte. Zuvorderst aber verstand sich Lukács als Marxist, als Kommunist – was zur Konsequenz hatte, dass er die Partei gleichberechtigt neben sein privates Leben stellte und in dieses hineinließ. Ernst Fischer hatte dies zutreffend umschrieben: »Er hatte in sich eine Stimme der Partei etabliert, um in kritischen Situationen die Stimme eines latenten Ich zu übertönen. Als er Kulturminister der Ungarischen Volksrepublik war, aß ich während eines Schriftstellerkongresses mit ihm zu Mittag und bat ihn, sich von den ideologischen Polizeimethoden im Kampfe gegen den ›Formalismus‹ zu distanzieren; er versprach es mir, und hielt dann zu meiner Überraschung die Rede eines Anklägers in einem Ketzerprozess. Der Widerspruch zwischen dem Privatgespräch und der öffentlichen Anklage entsprang nicht innerer Unaufrichtigkeit, sondern dem tiefen Zwiespalt dessen, der es für seine Pflicht hält, nicht individueller Einsicht, sondern der Stimme der Partei zu gehorchen.«17 Diese Stellung zwischen Sein und Wollen/Sollen (samt der absurden Auswüchse offizieller Ideologie) illustriert beispielsweise der Streit um den Druck seines Buches Der junge Hegel – sicherlich das beste marxistische Werk über Hegel. (Es lohnt ein Blick auf und in das Werk, so dass der folgende kleine Ausflug berechtigt ist.) Lukács hatte die Arbeiten an dem Manuskript »im Spätherbst 1938 vollendet. Der baldige Kriegsausbruch verhinderte für viele Jahre sein Erscheinen. Als 1947/48 die Drucklegung möglich wurde, habe ich den Text einer gründlichen Durchsicht unterworfen; in Folge meiner vielfachen Inanspruchnahme war mir jedoch die Berücksichtigung der 16 Das wird heute regelmäßig verkannt. Siehe die Ausführungen von: Heyer: Die Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahre, S. 21–34. 17 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen, S. 357. 22 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács seit 1938 erschienenen Hegelliteratur nur zum geringen Teil möglich.«18 So Lukács 1954. Der junge Hegel war 1948 in Zürich erschienen, die DDR-Ausgabe kam erst sechs Jahre später.19 (Harichs Sicht wurde bereits wiedergegeben.) Als die SED-Kritik an Lukács’ Hegel-Verständnis mit Ernst Hoffmanns Aufsatz 1951 in der Einheit einsetzte,20 war Der junge Hegel in der DDR eigentlich noch gar nicht erhältlich. Dass die Schrift dennoch in die Kritik geriet, ist eine der »Anekdoten« aus der DDR (man könnte ja meinen, dass die SED anderes zu tun hatte, als ein ausländisches Buch zu kritisieren). Natürlich war derart von Anfang an deutlich zu sehen, dass es gar nicht um Inhalte, sondern um Personen ging. Aber auch die Diskussionen um Harichs Vorlesungen an der Berliner HU liefen ja ähnlich – niemand kannte sie und alle Partei-Philosophen kritisierten sie: Wegen der großen Nähe von Lukács und Harich. Und als es darum ging, Harich zu treffen und seine Stellung im System der DDR zu unterminieren, erklärte Walter Hollitscher: »Er bezweifelt, dass wir bestimmte Bücher gelesen haben. Aber das Buch von Lukács (die Schweizer Ausgabe des Jungen Hegel, AH) haben wir alle gelesen.«21 Die SED-»Philosophen« lasen also die West-Bücher, die in der DDR nicht erscheinen durften. Die Ausführungen Harichs, in denen er Lukács’ Hegel-Interpretation umfassend würdigt, liegen in dieser Edition mittlerweile gedruckt vor.22 Von daher kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden, das Werk ausführlich zu interpretieren. Einige kurze Anmerkungen sind aber dennoch zu machen – zur Bestimmung der charakteristischen Momente von Lukács’ Hegel-Bild: (1) Lukács differenzierte sehr genau zwischen dem frühen und dem späten Hegel. Dieser habe eine geistige Entwicklung durchlaufen, die ihn am Ende seines Lebens nach 18 Lukács: Der junge Hegel, S. 7. 19 Lukács: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft. Der erweiterte Titel der DDR-Ausgabe war auch für den Erstdruck in Zürich von Lukács vorgesehen, ließ sich dort aber wegen des Verlegers (Lukács sprach von »Feigheit«) nicht durchsetzen. Siehe: Lukács: Brief an Harich vom 4. Mai 1953.  20 Hoffmann: Hegel, ein großer deutscher Denker, S. 1438–1454. 21 Protokoll der Sitzung des Philosophischen Instituts (Mittwoch, den 16. April 1952), S. 160– 169. 22 Siehe diesen Band sowie vor allem Band 5 (An der ideologischen Front) und die weiteren Manuskripte Harichs zur Aufarbeitung der deutschen Philosophie (vor allem die Vorlesungen, Band 6, die Studien zu Kant, Band 3). Alle weiteren Informationen in den Begleittexten und Anmerkungen des Herausgebers zu Band 5.  23Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR Preußen (und zur preußisch-bürgerlichen Ideologie) führte. Aber dem ging eben eine intellektuelle Genese voraus, die genau nachgezeichnet werden müsse. (2) Der junge Hegel sei gesondert zu bewerten. Detailliert erbrachte Lukács den Nachweis, wie sich dieser die Antike sowie die antike Demokratie als Ideale aneignete, die er den konservativen und restaurativen Tendenzen seiner Zeit gegenüberstellte (inklusive der christlichen Religion). (3) Die Französische Revolution habe der junge Hegel bejaht und als Möglichkeit interpretiert, die verloren gegangenen Ideale der Antike auf höherer Ebene neu zu verwirklichen. »Die Analyse und Lobpreisung der antiken Demokratie hat also in diesem Zusammenhang (d. i. die Kritik am Christentum und die Erneuerung der gesellschaftlichen und politischen Zustände seiner Zeit, AH) für Hegel eine große aktuelle politische Bedeutung.«23 Und an anderer Stelle: »Es ist klar, dass Hegel hier den asketischen Heroismus der Französischen Revolution lobpreist und sogar in die Antike ihre der Antike vielfach fremden Züge hineinträgt.«24 (4) Der Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchziehe das gesamte Werk des jungen Hegel (bis zur später erfolgten »Versöhnung mit der Wirklichkeit«) und präge alle Ebenen der Kritik an seiner Zeit. »Der junge Hegel stellt also der christlich-spießbürgerlichen Moral des ›Privatmenschen‹ die heroische Moral des öffentlichen Lebens gegenüber.«25 (5) Lukács benannte Größe und Grenzen der Hegelschen Dialektik sowie der Gebiete, in denen Hegel dialektisch arbeitete. (6) Zudem würdigte er Hegel als Philosophiehistoriker und Systematisierer der Philosophie: »Der geniale historische Gedanke Hegels besteht in der Feststellung des inneren, dialektischen Zusammenhangs der philosophischen Systeme miteinander. Er hat als erster die Geschichte der Philosophie aus einer Sammlung von Anekdoten und Biographien, aus metaphysischen Feststellungen über die Richtigkeit oder Falschheit 23 Lukács: Der junge Hegel, S. 66. 24 Lukács: Der junge Hegel, S. 85. 25 Lukács: Der junge Hegel, S. 86. Dort weiter: »Dies sind die wesentlichen Züge, mit denen der junge Hegel die Antike in ihrem Gegensatz zum Christentum charakterisiert. Nachdem der Leser sich mit diesem Material bekannt gemacht hat, muss es ihm, glaube ich, nicht nochmals nachgewiesen werden, dass beim jungen Hegel hier das Bild der Antike in die utopische Vorstellung der republikanischen Zukunft hinüberfließt, dass ununterbrochen aus dem einen in das andere Züge hinübergetragen werden. Vom Standpunkt der späteren Entwicklung Hegels ist diese Stellung zur Antike besonders zu unterstreichen – die Tatsache, dass für den jungen Hegel die Antike keine vergangene Geschichtsperiode, sondern das lebendige Vorbild für die Gegenwart war (…).« (Ebd., S. 88) 24 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács einzelner Anschauungen einzelner Philosophen zu der Höhe einer wirklichen historischen Wissenschaft erhoben.«26 Besonderes Gewicht legte Lukács darauf, Hegels ökonomische Studien und Ansichten herauszuarbeiten. In seinen Vorlesungen hat Harich diesen Ansatz als entscheidendes Verdienst Lukács’ gewürdigt, Fritz Behrens und einige andere schlossen sich dieser Feststellung – die zu den umkämpftesten Thesen der Hegel-Debatte gehörte – an. Mit seinen Ausführungen betrat Lukács, darauf hat er berechtigterweise hingewiesen, wissenschaftliches Neuland.27 Dabei begann er mit der fundamentalen Ansicht, dass bereits Hegels frühe ökonomische Studien (aller Naivität zum Trotz) dialektische Züge getragen hätten: »Schon bei den ersten, primitivsten Versuchen Hegels zur Systematisierung der ökonomischen Kategorien fällt es auf, dass deren Gruppierung bei ihm nicht nur die Form der dialektischen Triade hat, sondern dass auch der Zusammenhang der zu einer Gruppe vereinigten ökonomischen Kategorien die Hegelsche Form des Schlusses annimmt.«28 Von zentraler Bedeutung war für Lukács zudem, darauf ist zu verweisen, dass Hegel auch die Kategorien der Arbeit sowie der Entfremdung entscheidend prägte. »Die dialektische Bewegung, die Hegel hier aufzuzeigen versucht, ist eine doppelte: Der Gegenstand der Arbeit, der eigentlich in der Arbeit und durch die Arbeit erst für den Menschen zum wirklichen Gegenstand wird, behält einerseits den Charakter, den er an sich hat. Es ist in der Hegelschen Auffassung der Arbeit eines der für die Dialektik wichtigsten Momente, dass gerade hier das aktive Prinzip (…) die Wirklichkeit, so wie sie ist, respektieren lernen muss. Im Gegenstand der Arbeit wirken unabänderliche Naturgesetzlichkeiten, die Arbeit kann nur auf der Grundlage ihrer Kenntnis, ihrer 26 Lukács: Der junge Hegel, S. 11. 27 »Da die Literatur über Hegel mit sehr wenigen Ausnahmen die ökonomische Seite seiner Gesellschaftsphilosophie vollständig ignoriert hat, da sogar jene bürgerlichen Schriftsteller, die vor dem Faktum, dass Hegel sich eingehend mit Ökonomie beschäftigt hat, die Augen nicht schlossen, der Bedeutung der Hegelschen Ökonomie gegenüber ganz blind waren, ist es unseres Erachtens unbedingt notwendig, zuerst mit einer Darlegung der ökonomischen Anschauungen Hegels zu beginnen. Marx hat in seinen (…) Aussprüchen (gemeint sind die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, AH) sowohl die Bedeutung wie die Schranken der Hegelschen Ökonomie klar und richtig aufgezeigt.« Lukács: Der junge Hegel, S. 374 f. 28 Lukács: Der junge Hegel, S. 375. Mit den frühesten ökonomischen Studien Hegels hatte sich Lukács im Kontext von dessen Frankfurter Periode auseinandergesetzt, siehe S. 208– 220. 25Das Moskauer Exil und der Weg in die DDR Anerkennung stattfinden und fruchtbar werden. Andererseits wird der Gegenstand durch die Arbeit ein anderer; nach der Hegelschen Terminologie wird die Form seiner Gesetzlichkeit vernichtet, er erhält durch die Arbeit eine neue. Diese Formwandlung ist das Resultat der Arbeit in dem ihr fremden eigengesetzlichen Material.«29 Vor allem aber, dies sprach Lukács immer wieder direkt und indirekt an, gehöre Hegel in die Traditionslinie der Genese des Marxismus. Vom Faschismus sei seine Philosophie energisch abzugrenzen – so ja auch die grundsätzliche Aussage seines Aufsatzes Die Nazis und Hegel.30 Das treffe gerade auf Hegels Jugendschriften, die Fragmente und Entwürfe der frühen Phase zu. Diese müssten, das war der Anspruch Lukács’, gründlich marxistisch interpretiert werden. Wenn etwa Hermann Nohl die frühen Fragmente Hegels als Theologische Jugendschriften edierte,31 so führte Lukács den Nachweis, dass es sich um religionskritische Schriften handelte. Aus alledem schlussfolgerte er, dass die Ansichten und Theorien des jungen Hegel als höchstmögliche fortschrittliche Philosophie der damaligen Epoche zu interpretieren seien. Sie markiere das »positive Gegenbild zur ›klassischen‹ Periode des Irrationalismus, die ich in meinem Buch Die Zerstörung der Vernunft dargestellt habe. Derselbe Kampf, der dort als Kampf Schellings und seiner Nachfolger analysiert wird, erscheint in diesem Buch von der Seite Hegels als Kritik und Überwindung des Irrationalismus, freilich als bloß negativ-kritisches Motiv zur Begründung der neuen idealistisch-dialektischen Methode.«32 Die exakte wissenschaftliche und ideologische Verortung der unterschiedlichen Lebensund Denkperioden Hegels sei »die« Voraussetzung zur Analyse und Bewertung des 19. Jahrhunderts. »In den vorliegenden Hegelstudien konnte es erst positiv geklärt werden, warum gerade die Hegelsche Philosophie der große Gegner der Irrationalisten dieser Periode war, warum diese – mit Recht – in Hegel den prägnantesten Vertreter des bürgerlich-philosophischen Fortschritts ihrer Zeit bekämpft haben, und zugleich, 29 Lukács: Der junge Hegel, S. 376. Dort weiter: »Dieser Dialektik im Objekt entspricht einer Dialektik im Subjekt. In der Arbeit entfremdet sich der Mensch von sich selbst (…). Durch die Arbeit entsteht im Menschen selbst etwas Allgemeines. Gleichzeitig bedeutet die Arbeit das Verlassen der Unmittelbarkeit, den Bruch mit dem bloß naturhaften, triebhaften Leben des Menschen. (…) Erst dadurch, dass der Mensch zwischen seine Begierde und ihre Erfüllung die Arbeit einschaltet, erst dadurch, dass er mit der naturhaften Unmittelbarkeit bricht, wird er nach Hegel zum Menschen.« (Ebd.) 30 Lukács: Die Nazis und Hegel, S. 278–289. 31 Nohl: Hegels theologische Jugendschriften. In seiner Hegel-Vorlesung griff Harich intensiv auf diese Publikation zurück und folgte damit dem Beispiel Lukács’. 32 Lukács: Der junge Hegel, S. 7 f. 26 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács warum ihre Kritik der Dialektik des Historismus in Hegels idealistischen Fehlern und Schranken reale Anhaltspunkte, Vorwände für eine – relativ – zutreffende Kritik finden konnte.«33 Wichtig war für Lukács auch, Marx und Engels gleichsam bei der Lektüre und (kritischen) Rezeption der Werke Hegels zu zeigen bzw. abzubilden. »Um die nicht nur unmittelbare, sondern zuweilen weit vermittelte Rolle von Marx in der deutschen Gedankenentwicklung ganz zu verstehen, ist eine wirkliche Kenntnis Hegels – seiner Größe und seiner Grenzen – unbedingt notwendig.«34 Die Beeinflussung der Schöpfer des Marxismus durch Hegel lasse sich nicht auf einzelne Felder beschränken, sie habe einen weitreichenden Charakter. Natürlich hätten Marx und Engels Hegel überall von dem Kopf auf die Füße stellen müssen, sie sahen Fehler, Irrungen und Verwirrungen, aber Hegel sei eben auch deshalb immer präsent. Das ist der entscheidende Punkt für Lukács (und in dessen Nachfolge ebenfalls für Harich): Auch wenn Hegel Idealist gewesen sei und den deutschen Idealismus zu seiner höchsten und vollendeten Form führte – sein Denken und seine Theorien waren fortschrittlich. In ihrer Zeit, aber auch über diese hinaus. Durch Marx und Engels und die diesen folgenden Theoretiker sei der Marxismus geschaffen worden, der über Idealismus und Materialismus gleichermaßen stehe und »das Beste« aus beiden auf einer neuen Stufe vereine. Doch solange dieser nicht eine allumfassende Philosophie repräsentiere, behalte der Idealismus in bestimmten Punkten seinen fortschrittlichen Charakter und müsse erst noch überwunden werden. Zudem habe die klassische deutsche Philosophie des Idealismus einen Eigenwert, der nicht (!) im Marxismus aufgehoben werden könne. Im vorliegenden Band kommen verschiedene Texte etc. zum Abdruck, die die Debatte um Hegel entweder direkt betreffen oder aber als Hintergrund voraussetzen. Die Erbe-Politik der frühen Jahre der DDR war für den kleineren deutschen Staat von zentraler Bedeutung. Neben Hegel ist dabei vor allem Goethe zu nennen, wie als Nächstes kurz zu fokussieren ist.35 Lukács hat sich Zeit seines Lebens um die klassische 33 Lukács: Der junge Hegel, S. 8. Dort weiter: »Darstellung und Kritik der Hegelschen Jugendentwicklung geben damit auch den Grund an, weshalb mit Nietzsche, nachdem der wissenschaftliche Sozialismus als Hauptfeind des Irrationalismus aufgetreten ist, auch jene Spuren einer philosophischen Fundiertheit verlorengehen mussten, die der Irrationalismus zu Zeiten des jungen Schelling noch besaß.« (Ebd.) 34 Lukács: Der junge Hegel, S. 8. 35 Siehe hierzu die neue Arbeit: Heyer: Der gereimte Genosse. Dort wird ausführlich analysiert, wie die Intellektuellen der DDR um Goethe (und Hegel) und damit um das potentiell 27Im Zeichen Goethes Literatur, um Goethe und Schiller mehr als nur bemüht. Ein Engagement, das durch die 1970 erfolgte Verleihung des Goethe-Preises durch die Stadt Frankfurt am Main (allen konservativen Widerständen zum Trotz) gewürdigt wurde. 2. Im Zeichen Goethes Der Marxismus kann auf eine lange Tradition der eigenen Goethe-Lektüre und Goethe-Forschung zurückblicken. Neben Marx und Engels ist dabei natürlich zuvorderst Franz Mehring zu nennen. (Der bereits erwähnte Michail Lifschitz hatte die entsprechenden Ausführungen von Marx, Engels und Lenin zur Ästhetik zusammengestellt und interpretiert, wir kommen darauf an anderer Stelle zurück.)36 Im sowjetischen Exil, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, erhielt Lukács seine positiven Erinnerungen an die deutsche Kultur und an die deutschen Menschen aufrecht, indem er sich mit den Höhepunkten der anzutretende humanistische Erbe rangen. Ein Prozess, der so unterschiedliche Personen umfasste wie Johannes R. Becher, Thomas Mann, Lukács, Harich und Bloch, Hans Mayer oder die führenden politischen Vertreter der DDR. 36 Der 1905 geborene Lifschitz gehörte zu den engen Freunden Lukács’ in dessen russischen Jahren. Seit 1929 war er am Marx-Engels-Institut, ein Jahr später traf er dort auf Lukács und die beiden diskutierten intensiv über ästhetische Probleme und Fragestellungen des Marxismus, wobei der russische dem ungarischen Philosophen die entsprechenden Thesen der »Klassiker« näher brachte. Gemeint sind die Bücher: Marx/Engels: Über Kunst und Literatur. Lifschitz: Karl Marx und die Ästhetik. In seinem Alterswerk führte Lukács aus: »Wer die Illusion hegt, mit Hilfe einer bloßen Marx-Interpretation die Wirklichkeit und zugleich damit Marxens Erfassen der Wirklichkeit gedanklich zu reproduzieren, muss beides verfehlen. Nur eine unbefangene Betrachtung der Wirklichkeit und ihrer Aufarbeitung mittels der von Marx entdeckten Methode kann beides erringen: Treue zur Wirklichkeit und zugleich Treue zum Marxismus.« Und weiter dann: »Seit der geistvollen Studie von Michail Lifschitz über die Entwicklung der ästhetischen Anschauungen von Marx, seit seiner sorgfältigen Sammlung und Systematisierung der zerstreuten Aussprüche von Marx, Engels und Lenin über ästhetische Fragen kann kein Zweifel mehr über Zusammenhang und Kohärenz dieser Gedankengänge bestehen.« Beide Zitate: Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. 1, S. 11 f. Michail Alexandrowitsch Lifschitz, 1933 28 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács deutschen Geistesschöpfungen um und nach 1800 auseinandersetzte – mit Marx und Engels, Hegel (wie gerade gesehen) und Goethe. Die dabei zuerst zu nennenden Faust-Studien sind auf der Suche nach Goethe, nach der immerwährenden Weiterentwicklung von Goethes Denken, sie sind gleichzeitig auch Versuche, einen festen Ankergrund der eigenen Biographie und des Marxismus zu finden. Sie sind, nicht zuletzt, Teil einer umfangreichen Vermessung des klassischen deutschen Erbes in Kultur und Philosophie. Auf den 130 Seiten der Faust-Studien variierte Lukács einen für ihn zentralen Gedanken, dem er sich immer wieder und aus permanent wechselnden Gesichtspunkten näherte: »Gestaltet wird das Schicksal eines Menschen, und doch ist der Inhalt des Gedichts: Das Geschick der ganzen Menschheit.«37 Schon in seiner Jugend habe Goethe den Faust »als Weltgedicht empfunden«, aber das Werk sei mit »dem Leben und den Erfahrungen Goethes« gewachsen, durchlief mehrere Phasen der »radikalen Umwandlung«.38 Es können im Folgenden nicht alle Facetten des Ansatzes von Lukács dargestellt werden, manches kann in anderen Zusammenhängen behandelt werden, wieder anderes ist hier nicht von Relevanz. Rainer Rosenberg schrieb im Kontext einer Auseinandersetzung mit Lukács’ Skizze einer Geschichte der neueren deutschen Literatur von 1953: »Hegel und Goethe: Der Weg zum ›wissenschaftlichen Kommunismus‹ führte somit nicht nur über Hegel und Feuerbach, sondern auch über Goethe und Heine. Die Deutung des Fünften Akts von Faust II als symbolische Darstellung der produktiven und zugleich zerstörerischen Energien des Kapitalismus und als poetische Antizipation der befreiten Arbeit beglaubigte die Anbindung, die durch die einschlägigen Faust-Zitate bei Marx und durch Äußerungen von Engels untermauert werden konnte.«39 Die grundlegende Gemeinsamkeit von Faust und Phänomenologie umriss Lukács präzise und marxistisch: »So entsteht für Goethe wie für Hegel der unaufhaltsame Fortschritt der Menschengattung aus einer Kette von individuellen Tragödien; die Tragödien im Mikrokosmos des Individuums sind das Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Gattung.«40 37 Lukács: Faust-Studien, S. 200.  38 Lukács: Faust-Studien, S. 202. 39 Rosenberg: Das klassische Erbe in der Literaturgeschichtsschreibung der DDR, S. 188.  40 Lukács: Faust-Studien, S. 234. 29Im Zeichen Goethes Wir haben bereits darauf verwiesen, dass Lukács am 31. August 1949 die Rede Unser Goethe im Berliner Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands hielt. Der ursprüngliche Titel des Vortrages war Das moderne Goethe-Bild. Für den Druck wurde dann ein neuer und mit Blick auf die Erbekonzeption der DDR prägnanterer Titel gewählt: »Die neue Überschrift Unser Goethe betont einen aktualisierenden Gestus.«41 Anne Hartmann stellte fest: »Gleich, ob nun Städte nach Parteiführern benannt wurden, das Gedenken an Lenin ›verewigt‹ wurde oder mit den Feiern anlässlich seines 100. Todestages Puschkin gehuldigt wurde – stets war bereits der Name Programm und Verheißung, als könne das mit dem Namen verbundene Potenzial sich auch losgelöst von seinem ursprünglichen Träger entfalten.«42 In diesem Sinne ist auch das »unser« zu verstehen – unser Goethe, unser Heine etc.43 Diese Autoren und Theoretiker, so der Anspruch der politischen und geistig-kulturellen Eliten der DDR (es war tatsächlich ein übergreifender Konsens), hatten in der DDR ein neues Zuhause gefunden. Dieter Schiller wies, das ist rezeptionsgeschichtlich wichtig, darauf hin, dass nicht vernachlässigt werden darf, dass Kennern der Materie die Schweizer Ausgabe des Goethe-Buches von Lukács natürlich bekannt war, das Werk in »der Öffentlichkeit der sowjetischen Besatzungszone (…) während des Goethe-Jahres« jedoch wegen des späten Veröffentlichungstermins (1950) kaum eine Rolle spielen konnte.44 Fritz J. Raddatz hat die Goethe-Studien sowie die damit zusammenhängenden Aufsätze zu den deutschen Realisten als Lukács’ »Eintrittskarte zum Partisanenkampf« interpretiert und ihnen gleichzeitig das Hegel-Buch (Der junge Hegel), an dem Lukács zeitgleich gearbeitet hatte, kontrastiert.45 Eine Einschätzung, die insofern hinkt, als Lukács den Goethe und den Hegel zusammen betrachtete, beide als Beiträge zur wissenschaftlichen Fundierung des Marxismus ansah. Dass sein Hegel in der DDR in die Kritik geraten würde, konnte er in den frühen vierziger Jahren (trotz des sowjetischen Hegel-Verdikts) nicht ahnen. Präziser als Raddatz sah Dieter Schiller: »Lukács rekapituliert hier vom Standpunkt der Gegenwart her die Veränderungen und Brüche des Goethe-Bildes von der Kunstperiode über die Niederlage der 48er Revolution bis zur 41 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 42 Hartmann: Züge einer neuen Kunst?, S. 86. 43 Hierzu: Heyer: Wolfgang Harich über Heinrich Heine, S. 45–66. 44 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. Erinnert sei an Walter Hollitschers Aussage über den Jungen Hegel. 45 Raddatz: Georg Lukács, S. 91 f. 30 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft. Den Bildern vom apolitischen Olympier und vom Stammvater des Irrationalismus stellt er seine Deutung der Position Goethes (…) gegenüber: Einerseits letzte epochale, universale Erscheinung seit der Renaissance, andererseits die erste große Erscheinung der Weltliteratur, die nicht mehr von ihrer Epoche getragen wird, sondern im Kampf gegen diese steht, nicht zuletzt durch Kritik an der Kapitalisierung der Welt. Das sind, wie man sieht, kaum neue Gesichtspunkte gegenüber der Emigrationszeit.«46 Der Text, so Schiller weiter, scheine sich »der platten Kampagne gegen den so genannten Formalismus anzubiedern«.47 Aber eben nicht, das ist entscheidend, weil Lukács seine Position den neuen Vorgaben anpasste, sondern vielmehr weil seine Äußerungen zur Parteilinie kompatibel waren – ob gewollt oder ungewollt ist zunächst erst einmal irrelevant. Die Verwirklichung des Sozialismus erscheint geradezu als Einlösung der Hoffnungen und Versprechen Goethes. Lukács interpretierte die »neue Geschichte« seiner Gegenwart als Praxis der Theorie Goethes und verstand gleichzeitig diese Praxis als Prüfstein der Theorie – das ist das Fundament seines Goethe-Vortrages von 1949.48 Doch diese Einsicht, so Lukács weiter, sei kein Versuch einer naiven Aktualisierung Goethes. Vielmehr habe dieser zu Menschheitsproblemen Stellung bezogen, die seit der Oktoberrevolution von realen Menschen in ihrer realen Gegenwart erneut thematisiert werden. Hans Mayer pflichtete im hierin (obwohl er sich da nach eigener Verlautbarung bereits von Lukács emanzipiert hatte)49 noch am Ende des Jahrhunderts bei. In dem kleinen Text Goethe, Tübingen 1999, wies er darauf hin, dass nichts »törichter« sei, »als die modische Frage nach Goethes Bedeutung« für die Gegenwart.50 Wenn der Sozialismus Goethe in seine Reihen aufnehmen will, so kann er damit, Lukács zu Folge, auch ein positives Verständnis der Nation gewinnen. Denn in Weimar habe Goethe »nicht nur eine antifeudale innere Politik, sondern auch eine antipreußische Außenpolitik treiben« wollen, ein »zaghafter und schüchterner Versuch in der Richtung der Herstellung der deutschen Einheit«.51 Aufgrund der deutschen Verhältnisse mussten aus marxistischer Sicht diese Bemühungen scheitern, es war nicht möglich, in einem 46 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 47 Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 18. 48 Vgl. Lukács: Unser Goethe, S. 331. 49 Siehe dazu die entsprechenden Beiträge in den Bänden: Klein/Neuhaus/Pezold: Hans Mayers Leipziger Jahre. Treibhaus, Band 4. Außerdem: Klein: Unästhetische Feldzüge. 50 Mayer: Goethe, Tübingen 1999, S. 445. 51 Lukács: Unser Goethe, S. 336 f. 31Im Zeichen Goethes deutschen Staat dieser Zeit eine progressive Politik durchzusetzen. Der, wenn man so formulieren will, Lichtblick am Horizont, der Ausweg aus der Resignation, sei für Goethe dann Napoleon gewesen: »Goethe seinerseits sah in Napoleon den Erben der sozialen Tendenzen der Französischen Revolution, den – nach Hegels Ausdruck – ›gro- ßen Staatsrechtslehrer in Paris‹, den erhofften Durchführer der Liquidierung des Feudalismus in Deutschland, der dazu die plebejischen Kräfte des Jakobinertums nicht in Anspruch zu nehmen braucht.«52 Gerade diese Ausführungen zeigen, dass sich die marxistische und die bürgerliche bis faschistische Einschätzung der Aufklärung und der Epoche nach der Französischen Revolution tatsächlich fundamental unterscheiden. Es ist hier nicht der Platz, dies genauer auszuführen; Paul Rilla, Harich, Bloch und Lukács haben auch heute noch Wesentliches dazu bereits gesagt. Zentral für die marxistische Wissenschaft sei laut Lukács: »Jetzt ist es unsere Aufgabe, alle diese Niederlagen und Kompromisse rücksichtslos aufzudecken, auch die, wo Goethe in der Anpassung an die schlechten Tendenzen seiner Zeit innerlich weiter ging, als dies zum Schutz des Kerns seiner menschlichen und dichterischen Persönlichkeit notwendig war.«53 Es ist fast schon die utopische Dichotomie aus Gegenwartskritik und alternativer Gesellschaft, wenn Lukács bei Goethe einerseits den »Kampf gegen die eigene Epoche« thematisiert und andererseits dessen Zukunftsvision deutlich positiv besetzt als Erbe des Sozialismus hervorhebt.54 (Das ist, von der intentionalistischen Motivation und Methode allerdings etwas gedrosselt, das Grundprinzip der Spurensuche in und nach Utopia in Blochs Prinzip Hoffnung.)55 Die Kritik Goethes habe der deutschen Misere 52 Lukács: Unser Goethe, S. 337 f. 53 Lukács: Unser Goethe, S. 339. 54 Siehe beispielsweise: Lukács: Unser Goethe, S. 342. 55 In der DDR entfaltete Bloch mit seiner »Hoffnungsphilosophie« eine breite Wirkung. Siehe hierzu die entsprechenden Dokumente der Leipziger Zeit bei: Caysa: Hoffnung kann enttäuscht werden. Jahn: »Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen (…)«. Eine gute Einführung bietet: Feige: Willkommen und Abschied, S. 159–190. Verena Kirchner hat in den einleitenden Anmerkungen ihrer Arbeit interessante Hinweise gegeben, die eigentliche Analyse mit Blick auf die DDR-Literatur ist dann aber inhaltlich mangelhaft und rein deskriptiv: Kirchner: Im Bann der Utopie. Siehe auch die Beiträge des Fünften Walter-Markov-Kolloquiums, das sich mit Bloch beschäftigte: Neuhaus/Seidel: Ernst Blochs Leipziger Jahre. Zuletzt zu Blochs Utopiebegriff vor dem Hintergrund der DDR die verschiedenen Arbeiten von Alexander Amberger: Amberger: »Aufrechter Gang« und Scheitern, S. 229–247. Amberger: Ernst Bloch in der DDR, S. 561–576. Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107–126. Guntolf Herzberg und Kurt Seifert haben in ihrer Bio- 32 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács gegolten, den Resten des Feudalismus, dem Absolutismus, der Kleinstaaterei und nationalen Zersplitterung. Den Kapitalismus habe er auch kritisiert, gleichzeitig jedoch das Positive und Fortschrittliche an diesem hervorgehoben. Gerade die Gestalt Fausts zeige aber, wie tief und deutlich Goethe die Probleme des Kapitalismus gesehen habe. Und so sei die Zukunftsvision des sterbenden Faust – »Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen.« – nur auf der Basis einer »echten Einsicht ins Wesen des Kapitalismus möglich geworden«.56 Um den bei Goethe vorhandenen dialektischen Einsichten gerecht zu werden, stellte Lukács das Verhältnis von Mensch und Menschheit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Es ist dies zugleich jenes Thema, bei dessen Analyse die Analogien von Hegel und Goethe, von Phänomenologie und Faust besonders deutlich hervortreten.57 »Was aber Goethe und Hegel hier ihren Vorgängern und Zeitgenossen gegenüber auszeichnet, ist, dass sie die zentrale Frage, Beziehung und Wechselwirkung zwischen Individuum und Menschengattung, nüchterner, wirklichkeitsnäher und dramatischer zu stellen im Stande sind.«58 Der Vorstoß zur Dialektik durch Goethe und Hegel sei auch deswegen so bedeutend, da beide die Gesetze der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung auf Grund der Erkenntnisschranken ihrer Zeit nur ahnen, nicht aber beweisen konnten. Es sind die Gedanken aus seinen Faust-Studien, die Lukács hier noch einmal aufnimmt. Hegels »List der Vernunft« und Goethes Optimismus erscheinen als Ausdruck derselben Einsicht in die Widersprüche des Kapitalismus: »Eine solche – unausgesprochene – Philosophie (die Phänomenologie, AH) ist die Grundlage der Faustkomposition: Die Tragödien im Mikrokosmos der einzelnen Individualitäten bilden den Weg zum Offenbarwerden des unaufhaltsamen Fortschritts im Makrokosmos der Menschengattung. Daher der unerschütterliche Optimismus Goethes, was das Ganze der graphie Rudolf Bahros beschrieben, dass Bahro, als er mit seiner Verhaftung durch die Staatssicherheit rechnete, extra das Prinzip Hoffnung gut sichtbar in seiner Wohnung ausgelegt hatte, um seinen Protest gegen die starren bürokratischen und verkrusteten (also gerade nicht-träumenden, nicht-utopischen, nicht-emanzipativen) Strukturen der DDR zu versinnbildlichen: Herzberg/Seifert: Rudolf Bahro. Glaube an das Veränderbare. Im 1. Band dieser Edition wird eine kleine Auswahl der Wortmeldungen Harichs zu Bloch vorgestellt. 56 Lukács: Unser Goethe, S. 346. 57 Vor allem Bloch war diesen Zusammenhängen von Goethe und Hegel auf der Spur, in seinen Werken finden sich verschiedene direkte und indirekte Verweise. Aufgearbeitet bei: Heyer: Der gereimte Genosse. Von Bloch exemplarisch: Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161–178. 58 Lukács: Unser Goethe, S. 350. 33Im Zeichen Goethes Menschengattung betrifft, daher seine realistisch unsentimentale Auffassung und Darstellung der noch so tief empfundenen individuellen Tragödien.«59 Natürlich, so Lukács weiter, sei Goethe kein Sozialist gewesen, »auch nicht Vorläufer, nicht einmal Vorahner«. (Mit dieser Einschätzung bezog er gleichsam Position zwischen Johannes R. Becher und Thomas Mann.)60 Aber erst nach dem Sieg des Sozialismus könne Goethe in »seiner wahren Größe, mit seinen Niederlagen und Kompromissen« richtig erkannt werden. Seine Antizipationen der Zukunft wären erst nach der Verwirklichung dieser Zukunft zutreffend zu bewerten und einzuschätzen. »Goethe ist die größte, die universellste, die umfassendste Gestalt einer Vorstufe, in welcher vieles in die Zukunft Weisendes wirklich enthalten ist, aber freilich erst begriffen werden kann, wenn die höhere Stufe bereits verwirklicht wurde.«61 Der Erbantritt der sozialistischen Gesellschaft habe an verschiedene Elemente der Dichtungen und Schriften Goethes heranzugehen: 1) Zuvorderst natürlich einerseits die Bejahung der progressiven Seiten des Kapitalismus, andererseits die Kritik am Kapitalismus. 2) Damit eng zusammenhängend die Problematik der Kunst im Kapitalismus, die Aufhebung der Isolation. 3) Goethe sei ein »großer nationaler Dichter ohne Nation« gewesen, »die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion« habe »das wirkliche Nationwerden vorbildlich gelöst«. 4) Goethes Überlegungen zur Harmonie von Individuum und Menschengattung, von Mensch und Natur sowie der Menschen untereinander seien vorbildlich und wegweisend. 5) Genau in diesem Problem habe die »Größe« von Goethe und auch von Hegel ihre Wurzel: »Was Goethe und Hegel gesehen und geahnt, was sie in den damals gegebenen Verhältnissen nur in 59 Lukács: Unser Goethe, S. 352. 60 Zum 100. Todestag von Goethe hatte Thomas Mann am 18. März 1932 in der Preußischen Akademie der Künste, Berlin, geredet über Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters. Dort heißt es: »Die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt, in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein wird, diese Welt wird kommen, und sie wird das Werk jener großen Nüchternheit sein, zu der heute schon alle in Betracht kommenden (…) Geister sich bekennen. Sie wird kommen, denn eine äußere und rationale Ordnung, die der erreichten Stufe des Menschengeistes gemäß ist, muss geschaffen sein oder sich schlimmen Falles durch gewaltsame Umwälzung hergestellt haben, damit das Seelenhafte erst wieder Lebensrecht und ein menschlich gutes Gewissen gewinnen könne.« Mann: Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, S. 38. (1949 folgte dann seine bedeutende Goethe-Rede in West und Ost, in Frankfurt und Weimar.) 61 Alle Zitate: Lukács: Unser Goethe, S. 361. 34 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács tragisch antagonistischer Verbundenheit zu gestalten bzw. auf den Begriff zu bringen vermocht haben, ist heute in der sozialistischen Sowjetunion eine alltägliche und gro- ße, nüchterne und heroische Erfahrung von hunderten Millionen Menschen.«62 Die dichterischen und wissenschaftlichen Werke Goethes würden eine Bereicherung des Sozialismus darstellen, den Bürgern des Sozialismus Freude vermitteln und sie in ihrer beständigen Aufbauarbeit unterstützen. Goethe erscheint »als Freund und Weggenosse der heutigen Erbauer einer neuen, des Menschen würdigen Welt, als künstlerischer Führer zur Gesundheit aus dem Morast einer Krankhaftigkeit der Kunst, aus dem Morast einer Sympathie mit Krankheit und Verwesung, mit Auflösung und Tod«.63 Lukács’ Vortrag gipfelte dann in einem Bekenntnis zum Marxismus im Allgemeinen und zum sozialistischen Aufbau in der SBZ/DDR im Speziellen, das an Pathos nur knapp hinter jener Rede Bechers zurückbleibt, mit der dieser seinerseits Goethe im Jubiläumsjahr 1949 in den Sozialismus zu integrieren versucht hatte.64 Aber wer hätte, außer Becher und Lukács, diese Rolle übernehmen können, die SBZ/DDR in den großen Traditionszusammenhang des Humanismus zu stellen? 3. Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag Die Beziehung zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács begann unter keinem guten Stern, sondern mit einem echten Missverständnis. Bei der Beschäftigung mit Johann Wolfgang Goethe kreuzten sich ihre Wege zum ersten Mal. Am 31. August 62 Alle Zitate: Lukács: Unser Goethe, S. 361 f. Dort dann weiter: »Und die mehr als dreißigjährige sozialistische Praxis der Sowjetunion zeigt: Ein jeder Mensch steht auf freiem Grund mit freiem Volke; ein jeder Mensch, indem er arbeitet, indem er die Arbeitserfahrung der Menschheit bewusst in sich aufnimmt, indem er seine persönliche Entfaltung in seiner Arbeit zur Bereicherung der Erfahrungen der Menschheitsgattung ausnützt, indem seine Tätigkeit in ihm selbst und in jenen, die mit ihm zusammenarbeiten, die wahren Gattungskräfte erweckt, steht real dort, wirkt und entwickelt sich real dort, wohin Faust nach langen, schweren, tragischen Irrungen bloß in seinen Zukunftsvisionen gelangt.« (Ebd., S. 365.) 63 Alle Zitate: Lukács: Unser Goethe, S. 365. 64 Siehe: Becher: Der Befreier, S. 302–342. Außerdem von Becher, ähnlich pathetisch (und inhaltlich falsch): Denn er ist unser: Friedrich Schiller, der Dichter der Freiheit, S. 342–369. Ergänzend zum Goethe-Jahr: Becher: Zur Verleihung des Goethe-Preises an Thomas Mann, S. 417–421. 35Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag 1949 gehörte Harich zu den Besuchern des gerade analysierten Goethe-Vortrages von Lukács. Harich kritisierte dessen Beitrag zu Goethe in einem Zeitungsartikel Georg Lukács sprach über Goethe vom 2. September 1949 in der Täglichen Rundschau.65 Zwar, so berichtete er gegenüber Siegfried Prokop, habe er seine Kritik an Lukács in eine intensive Würdigung eingebettet.66 Doch die aktuelle Politik habe diesen Zweiklang von Lob und Kritik nicht zugelassen. Auf Anweisung aus Karlshorst sei der Artikel so umgeschrieben worden, dass ein Lukács-Verriss übriggeblieben sei. Dieser Rückblick ist so jedoch nicht vollständig zutreffend, da Harichs Artikel sehr wohl Momente des Lobes für Lukács enthält. Der kurze Text beginnt mit den Sätzen: »Mit enthusiastischem Applaus wurde am Mittwochabend Professor Georg Lukács, der bedeutende ungarische Literaturhistoriker und Kritiker, im überfüllten Vortragssaal des Klubs der Kulturschaffenden willkommen geheißen. Ein überaus zahlreich erschienenes Publikum versuchte, durch herzlichste Sympathiebezeigung dem bewährten Freund und Mitstreiter des demokratischen Deutschland zu danken, der viel dazu beigetragen hat, eine fortschrittliche Deutung der klassischen deutschen Literatur und Philosophie zu erarbeiten und den literarischen Faschismus auch in seinen raffiniertesten Erscheinungsformen zu entlarven.«67 Die kritische Hauptstoßrichtung ist allerdings im Laufe des Textes unübersehbar. Lukács habe in seinen Ausführungen treffende Bemerkungen über die Goethe-Deutungen der Vergangenheit gemacht. (Das entsprechende, gleichsam parallel zu lesende, Buch von Paul Rilla, Goethe in der Literaturgeschichte, kannte Harich zu diesem Zeitpunkt bereits.)68 Zudem hob Harich hervor, dass Lukács es vermieden habe, Goethe zum 65 Abdruck im vorliegenden Band. Harichs Kritik an Lukács war kein Einzelfall, also nicht auf diesen im Speziellen bezogen. So kritisierte Harich beispielsweise Günther Weisenborns Theaterstück Babel derart deutlich, dass sich die Tägliche Rundschau verpflichtet fühlte, in einer redaktionellen Anmerkung unter dem Artikel darauf hinzuweisen, dass Harichs Artikel dessen Ansicht widerspiegele und die Zeitung auch für zustimmende Kommentare offen stehe. Siehe: Harich: Berauschung am Gigantischen, S. 3. Es ging Harich also im wahrsten Sinn des Wortes um seine Meinung, sein Empfinden – und dabei scheute er schon frühzeitig keine Autoritäten und anerkannte keine Dogmen. 66 Prokop: Ich bin zu früh geboren. 67 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 68 In den Neuen Ufern (der von Harich herausgegebene Sammelband zum Goethe-Jahr) war ja Rillas gleichnamiger Aufsatz vertreten. Rilla: Goethe in der Literaturgeschichte, S. 115– 159. In den Memoiren von Anne Harich (Wenn ich das gewusst hätte) finden sich Briefe 36 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Sozialisten zu stempeln. Im Anschluss daran thematisierte er dann fünf Punkte, drei positive und zwei negative: 1) Die Ausführungen von Lukács über den gescheiterten Politiker Goethe würden sich bis zu Marx, Engels und Mehring zurückführen lassen und Lukács habe sich ausdrücklich zu dieser Tradition bekannt. Auch wenn Goethe als Politiker in der Enge des absolutistischen Kleinstaates versagte, Kompromisse schloss, »so habe er sich objektiv in seinen Werken doch aufs Entschiedenste zum Fortschritt bekannt und zugleich die ganze Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit genial erfasst«.69 2) Der zweite Punkt würdigt die von Lukács ausführlich dargestellte ästhetische Methode Goethes.70 3) Den Höhepunkt der Ausführung von Lukács sah Harich dann in dessen »Interpretation der Auffassungen Goethes über die gesellschaftliche Entwicklung«. Außerdem fokussierte er die von Lukács herausgestellte Dichotomie zwischen der Zukunftsvision Goethes (ausgesprochen durch Faust) und der Enge der deutschen Misere sowie den sozialistischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Harich schrieb. »Wie Goethe sich am Fortschritt der Technik begeistert habe, so habe er überhaupt jeden Fortschritt bejaht und auch die Zerstörung patriarchalischer und idyllischer Verhältnisse durch den Kapitalismus als notwendig erkannt. Aber wie Hegel habe Goethe seine größten Werke geschaffen, nachdem das ›Reich der Freiheit‹ bereits als ›Reich der Bourgeoisie‹ erwiesen war, und wie Hegel habe er erkannt, dass die Vorwärts- Harichs an Rilla sowie interessante Anmerkungen zu diesem Thema. Alles weitere hier Relevante wurde bereits erwähnt. Harichs Trauerrede für den verstorbenen Paul Rilla im 4. Band (S. 57–63). 69 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 70 »Lukács wies das an Goethes ästhetischer Methode und an seiner Darstellung der Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugend nach. Goethe sei einer der größten und am meisten bewussten Realisten der gesamten bürgerlichen Literatur. Bezeichnend für die Tiefe und Vielseitigkeit seines Realismus sei die Tatsache, dass er niemals der Gefahr des Manierismus verfallen sei, sondern jedem Inhalt die genau adäquate Form gegeben habe. So gebe es keinen Goetheschen Dramenstil wie es einen Shakespeareschen Dramenstil gebe: Unmöglich sei es, die Formen von Götz, Pandora, Iphigenie und Faust auf einen Nenner zu bringen. Immer wieder sei die Form neu und organisch aus dem spezifischen Inhalt erwachsen. Ebenso verhalte es sich mit Goethes Prosadichtung und seiner Lyrik. Dem Baudelaireschen Lyrikstil stehe kein Goethescher Lyrikstil, sondern die konkret unterschiedene Fülle von Ausdrucksformen gegenüber, wie wir sie z. Bsp. im Heideröslein, in der Harzreise im Winter, im Prometheus-Gedicht und in der Marienbader Elegie finden. Und während es einen Balzacschen Romantypus gebe, habe Goethe im Werther, im Wilhelm Meister und den Wahlverwandtschaften völlig verschiedene Prosaformen entwickelt.« Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 37Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag entwicklung der Menschheit, die er als Ganzes optimistisch beurteilte, eine Kette individueller Tragödien sei. Das vorwärtstreibende, daher notwendige Prinzip des Kapitalismus sei zugleich mephistophelisch und zerstörerisch. Gegen diese zerstörenden und entmenschlichenden Tendenzen habe Goethe die Kunst und die allseitig entwickelte Künstlerpersönlichkeit verteidigen wollen, und am Schluss von Faust II habe er die grandiose Erkenntnis ausgesprochen, dass – bei Erhaltung und schöpferischer Weiterentwicklung des Technisch-Zivilisatorischen – das mephistophelische Prinzip nur überwunden und die Freiheit der Persönlichkeit nur gerettet werden könnte durch das ›freie Volk auf freiem Grund‹.«71 Diese Überlegung prägte Harichs Werk viele Jahrzehnte lang, bis hinein in die Wendezeiten. Die beiden letzten Punkte enthalten die Kritik an Lukács: Es sei klar, dass Lukács in seinem Vortrag natürlich nicht alle Elemente und Tendenzen Goethes behandeln konnte, die für ein modernes Goethe-Bild wichtig seien. 4) In seinem Aufsatz in den Neuen Ufern hatte Harich ja den Naturwissenschaftler Goethe thematisiert. Von daher überrascht es nicht, dass er folgenden Punkt geltend machte: »Es ist jedoch zu bemerken, dass eine marxistische Goethe-Darstellung in ihrer ganzen Anlage umfassend sein muss, keinesfalls – wie es bei Lukács der Fall ist – an Goethes naturwissenschaftlicher Leistung vorübergehen kann.«72 Entscheidend sei, dass dieser Mangel bei Lukács auch in anderen Schriften vorkomme, so dass eine Ergänzung und Weiterentwicklung von Lukács’ Thesen für die modernen Wissenschaften notwendig seien:73 »Das aber bedeu- 71 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. Und weiter heißt es: »Freilich habe Goethe in der Wirklichkeit seiner Zeit keine reale Kraft erkennen können, die fähig gewesen wäre, diese letzte und höchste Sehnsucht Faustens zu verwirklichen. Um so höher sei zu bewerten, dass er niemals in einen romantisch-reaktionären Antikapitalismus zurückgesunken oder hoffnungsloser Verzweiflung verfallen sei, sondern das Höchste gegeben habe, was in seiner Zeit möglich war: Die vorahnende, wenn auch utopische Vision einer harmonischen Zukunft der Menschheit. Damit kehrte Lukács zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zurück: Was Goethe erahnt und über alle Widersprüche seiner Gegenwart hinweg ersehnt habe, sei in unserer Zeit radikal irdisch geworden in der Sowjetunion, und so erschließe Goethes Werk seinen tiefsten Sinn erst den fortschrittlichen Menschen von heute, die sich zum Lager der Demokratie und des Sozialismus bekennen und seine Humanität bejahen, die in bewusster menschlicher Vervollkommnung und Höherentwicklung durch Arbeit und Arbeitserfahrung bestehe und in der restlosen Harmonie zwischen persönlichem Glück und gesellschaftlichem Nutzen ihre Vollendung finde.« 72 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 73 »Lukács selbst hat die tragischen Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Bewusstsein der Intelligenz derart scharfsinnig analysiert, dass er sich dieses Mangels zweifellos bewusst ist. Im Vorwort zu seinem Buch über den jungen Hegel, wo er ebenfalls die naturwissen- 38 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács tet, dass man im marxistischen Sinn nur dann die Literatur- und Philosophiegeschichte sachgerecht darstellen kann, wenn man Lukács’ Errungenschaften weiterentwickelt und seine Beschränktheiten kritisiert und überwindet, statt ihn – wie es oft geschieht – für das A und O marxistischer Literaturhistorie zu halten und ihn in steriler Kritiklosigkeit abzuschreiben, wie das die Klosterschüler von Padua mit der Summa des Thomas von Aquin taten.«74 Der Vorwurf Harichs ist jedoch nicht zutreffend, da Lukács im Jungen Hegel (auf die entsprechenden Passagen verwies beispielsweise Hans Mayer in seiner Sammlung von Goethe-Aufsätzen Unendliche Kette)75 und etwa auch in seinen Faust-Studien den Naturwissenschaftler Goethe sehr wohl positiv hervorgehoben hatte. Er begriff dort die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes als Reaktion auf dessen Scheitern in der Weimarer Realpolitik sowie die Erfahrungen der sich anschließenden Italienreise. Lukács schrieb (die Passage ist hier wiederzugeben, da sie gut zeigt, wie Lukács das Problem einschätzte): »Der Versuch Goethes, seine Weltanschauung in politische Aktivität umzusetzen, ist gescheitert und hat zu einer tiefen Enttäuschung geführt. Freilich, wie dies bei Goethe selbstverständlich ist, zugleich zu einer großen Bereicherung seiner Erfahrungen, seines historisch-sozialen Horizonts, deren bewusste Konsequenzen sich jedoch erst viel später zeigen. Die Weimarer Zeit ist aber zugleich die seiner Wendung zur systematischen Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, der Überwindung des gefühlsmäßigen Intuitismus der Jugendzeit. Diese Beschäftigung geht vorerst von praktischen Bedürfnissen aus, führt jedoch schon in Weimar und Italien zu wichtigen Entdeckungen auf dem Gebiet der neuen Naturlehre, zu der Auffassung der Natur als einheitlichem Entwicklungsprozess (Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, Urpflanze usw.).«76 Das ist die von Harich in den Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung vertretene Position. Durchaus ähnlich, dies sei ergänzt, äußerte sich übrigens Paul Rilla in seinem kleinen Buch Goethe in der Literaturgeschichte:77 »Auf Goethes wichtige naturwissenschaftliche schaftliche Seite unberücksichtigt lässt und Hegels wichtige Jugendschrift De orbitis planetarum (Hegels Dissertation, AH) mit keinem Wort erwähnt, hat er den Mangel sogar eingestanden.« Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 74 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 75 Mayer: Unendliche Kette, darin 7 Aufsätze zum Goethe-Jahr. 76 Lukács: Faust-Studien, S. 218. 77 Derartige Analogien stellte auch Dieter Schiller fest, der schrieb: »Auffällig ist, dass Paul Rillas polemischer Essay Goethe in der Literaturgeschichte bei mancher inhaltlichen Berüh- 39Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag Schriften kann hier nicht eingegangen werden. Nur soviel: Indem Goethe dem naturwissenschaftlichen Entwicklungsgedanken die Bahn brach und eine organische Entwicklungstheorie aufbaute, ist er ein Vorläufer der materialistischen Dialektik, durch welche das naturwissenschaftliche Denken von schematischen Prinzipien zu eigenständiger Praxis und praktischer Folge gelangte. Der Naturwissenschaftler und der Dichter Goethe sind nicht zu trennen. Worauf es ihm ankommt, ist der Mensch, der um so bestimmter seinen geschichtlichen und gesellschaftlichen Bezirk ausmisst, je bewusster er sich als Glied einer natürlichen Ordnung fühlt, die nichts Gemachtes, sondern ein Gewordenes, nichts ein- für allemal Fertiges, sondern ein immer Werdendes ist. Goethe sieht die Welt ganz, und er sieht sie schön. Denn sie schließt Willkür aus, auch die Willkür eines Schöpfungsanstoßes. Ihr Entwicklungsgesetz bleibt in den Naturformen so klar erkennbar, wie es im tätigen Menschen wirksam bleibt. Die Welt: Das ist diese Welt.«78 Hans Mayer hat 1973, das auch von ihm bemühte Pathos des Jubeljahres lag ein Vierteljahrhundert zurück, die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes dann weitaus nüchterner eingeschätzt. Bei ihm ist über die verschiedenen Arbeitsfelder Goethes zu lesen: »Weniger verständnisvoll hatten Zeitgenossen die so divergierenden Tätigkeiten, wo nicht gar Dilettantismen, eines berühmten Dichter beurteilt. Selbst die Entdeckung des Zwischenkieferknochens vermochte daran nichts zu ändern. Goethes Sympathie für Hegel stieg jäh an, als der Philosoph sich zur Farbenlehre bekannte. Allein Hegel war leider gleichfalls nicht vom Fach.«79 Und einige Seiten später: »Noch eine von Goethes letzten Arbeiten zur Naturwissenschaft und Naturphilosophie entscheidet sich, bei Darstellung des Pariser Akademiestreits von 1830, wissenschaftlich wie historisch falsch. Für Geoffroy de Saint-Hilaire und gegen Cuvier.«80 Harich richtete sich mit seinen Anmerkungen nicht nur gegen Lukács, sondern auch gegen die von ihm geortete Tendenz, dessen Schriften und Thesen gleichsam unreflektiert als Wahrheiten letzter Instanz auszugeben. (Auch wenn Harich in den fünfziger rung keinerlei Bezug auf Arbeiten von Lukács nimmt. Thesen, Theoreme und historische Wertungen, die solche Übereinstimmungen aufweisen, wurden – mit hoher Wahrscheinlichkeit – als geistiges Gemeingut empfunden, während Differenzen ausgeklammert blieben, um keine Fronten im eigenen Lager zu schaffen.« Schiller: Der abwesende Lehrer, S. 17. 78 Rilla: Goethe in der Literaturgeschichte, S. 47. 79 Mayer: Goethe. Ein Versuch über den Erfolg, S. 10. 80 Mayer: Goethe. Ein Versuch über den Erfolg, S. 13. 40 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács bis achtziger Jahren zum sicherlich wichtigsten Lukács-Verteidiger im marxistischen Lager wurde, so war dies bei ihm doch auch immer mit partieller Kritik am ungarischen Philosophen verbunden, er akzeptierte Lukács als Freund und Diskussionspartner, als Autorität und Institution, aber er hob ihn nicht als Denkmal auf einen Sockel.) 5) Der zweite Mangel von Lukács’ Vortrag müsse darin gesehen werden, dass es dieser versäumt habe, »Goethes große Bedeutung als nationaler deutscher Dichter, seine bewusste Repräsentanz der nationalen Einheit Deutschlands und der Unteilbarkeit der deutschen Kultur herauszustellen«.81 Dieser Vorwurf greift aber ebenfalls zu kurz, da Lukács in seinen Ausführungen sehr wohl auf Goethes Verständnis der Nation eingegangen war und zudem gezeigt hatte, wie und in welcher Weise seine entsprechenden Gedanken für die sozialistische deutsche Nation fruchtbar gemacht werden könnten. Bei Harich heißt es: »Wie ein Marxist im Jahr 1949 in Deutschland über Goethe sprechen kann, ohne den Kosmopolitismus zu entlarven, ist eine unbegreifliche Verfehlung dessen, was Goethe die ›Forderung des Tages‹ nannte. Auch hier haben wir es mit einer Begrenztheit von Lukács zu tun, auf die unbedingt hingewiesen werden muss, wenn seine Leistungen nicht durch kritikloses Nachschwätzen zerredet, sondern kritisch weiterentwickelt, bereichert, vertieft, konkretisiert und von ihren Mängeln und Schwächen befreit werden sollen.«82 Die Folgen des Artikels waren für Harich deutlich zu spüren: »Der Artikel erscheint, und ich bin furchtbaren Anfeindungen ausgesetzt – von wem? Von Hanns Eisler: ›Sie sind vollständig abhängig von den Erkenntnissen von Lukács, wie können Sie sich gegen Ihren Lehrer wenden? Das ist ja unerhört, Sie sind ein Schwein. Und Pfui Deibel! Da hätten Sie nicht mitmachen dürfen!‹ Mir ist der Mund verschlossen, weil hier in der Redaktion gesagt worden war: ›Redaktionsgeheimnis – dass wir gestrichen haben, darf keiner wissen. Sonst ist Schluss bei uns, sonst sitzen Sie vor der Tür. Ja, ja, Sie haben nichts gewusst, Sie dürfen darüber nicht reden.‹ Wie kann ich mich vor Eisler verteidigen?«83 81 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. Dort heißt es weiter: »Dieses Versäumnis wurzelt offenbar darin, dass Lukács in der Auseinandersetzung mit der profaschistischen und faschistischen Goethe-Verfälschung von gestern (Gundolf, Spengler, Klages, Weinhandl, Hildebrandt usw.) stecken geblieben ist und nicht klar genug erkannt hat, dass es heute bereits eine neue, ebenso gefährliche, ja, aktuellere Version der Goethe-Verfälschung gibt, die der kosmopolitischen Demagogie des amerikanischen Monopolkapitals entspricht.« Siehe außerdem: Harich: Goethe-Schändung in Westberlin. Bemerkungen über den Faschisten Ortega y Gasset, S. 4. 82 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe. 83 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 41Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag Hanns Eisler und Bertolt Brecht Auch andere übten Kritik, z. Bsp. Ernst Bloch84 – der ja gerade noch eng mit Harich in Sachen Goethe zusammengearbeitet hatte. Bei seinen verschiedenen Versuchen, wieder mit Lukács Kontakt aufzunehmen, hatte Bloch am 4. November 1949 an diesen geschrieben: »Mit Ekel las ich die Frechheiten des playboy W. Harich gegen Dich. Dem Lausejungen muss das Handwerk gelegt werden.«85 Harichs Zeitgenossen gingen also davon aus, dass Harichs Artikel in der vorliegenden Form nicht auf Lukács’ Goe the- Interpretation zielte, sondern auf dessen Philosophie und deren Einfluss sowie Ausrichtung im Allgemeinen. Den geschichtlichen Hintergrund bildeten dabei, es sei zumindest ergänzt, die damaligen Debatten um Lukács in Ungarn. (Lukács antwortete 84 Siehe: Mesterházi: Ernst Bloch und Georg Lukács, S. 130. Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 85 Bloch: Brief an Lukács vom 4. November 1949, S. 196.  Ernst Bloch, 1954, Begegnung der Geistesschaffenden 42 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács übrigens nicht auf diesen Brief Blochs, auch andere Kontaktversuche ließ er unbeantwortet. Erst im Herbst 1952 meldete er sich wieder bei Bloch – der Grund war die geplante Deutsche Zeitschrift für Philosophie, zu der Lukács Artikel beisteuern sollte. Die entsprechende Korrespondenz in diesem Zusammenhang führten dann Harich und Lukács.) In einem der radikalen Kritik an Harich gewidmeten Artikel in der Utopie kreativ interpretierte Bernd Florath 1994 den Vorgang wie folgt: »Auf der antisemitischen und intellektuellenfeindlichen Welle des Kampfes gegen den Kosmopolitismus schwimmend, greift Harich 1949 jenen Georg Lukács an, zu dessen Großkopfeten er sich spätestens 1986 ernennen wollte.«86 Harich hat besonders auf diese Vorwürfe reagiert: »Dagegen haben wir den nationalen Gedanken vertreten und gesagt: Gegen den Kosmopolitismus setzen wir unsere Bejahung der Nation und den Internationalismus des Proletariats. Was ja in Deutschland besondere Bedeutung hatte. (…) Das war hier die Linie. Die hatte aber mit Antisemitismus oder Intellektuellenfeindlichkeit gar nichts zu tun. Und ich konnte ja auch nicht die Idee haben, dass die Sowjetunion damit zu tun hat, denn wir hatten lauter jüdische Redakteure an der Täglichen Rundschau.«87 Doch Florath sprach »von einer billigen Denunziation (…), die überdies zu einem Zeitpunkt vorgebracht wurde, da Lukács in Ungarn schwersten ideologischen Angriffen ausgesetzt ist, Angriffen, die in der Atmosphäre des Rajk-Prozesses in anderen Fällen tödlich endeten. Mag sein, es war Harichs Ahnungslosigkeit, mit der er Lukács in dieser verfänglichen Lage traktierte, mag sein, dass er sich mit Lukács über den Casus später verständigte. Mag sein, dass er zutiefst von der Richtigkeit und Notwendigkeit der Attacke überzeugt war. Jedenfalls wandelte sich seine Haltung zu Lukács in den folgenden Jahren fundamental.«88 86 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. 87 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 88 Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. Dort weiter, versuchend, den vermeintlichen Wandel in Harichs Lukács-Bild zu verstehen: »1986 erklärt er das Werk von Georg Lukács für sakrosant. Die Extremität dieser Wandlungen ist überraschend. Sie ist einem Außenstehenden nicht nachvollziehbar, und will man keinen billigen Opportunismus unterstellen, so müsste konstatiert werden, dass Harich dazu neigt, die von ihm gewonnene Überzeugung, selbst wenn sie einer älteren ins Gesicht schlüge, mit derselben Intransingenz vorzutragen: einer Intransingenz, die sich selbst als letzte Wahrheit dünkt.« (Ebd., S. 61). Der Verweis auf 1986 bezeichnet: Harich: Mehr Respekt vor Lukács! 43Harich als Kommentator von Lukács’ Vortrag Wenn Florath Harich »denunzierende« Absichten vorwarf, so beschrieb er damit doch vor allem seine eigene Motivation. Es ist hier nicht der Ort, ausführlich zu schildern, für welche Gruppe Florath sprach, wo sein Irrtum aufhört und die Tatsachenverfälschung beginnt – in Unkenntnis verzerrte er zur Unkenntlichkeit. Zu konstatieren bleibt, dass Floraths Generalangriff diesen in die Havemann-Gesellschaft (Harichs Gegner seit den fünfziger Jahren)89 brachte, während Harich die letzten Jahre seines Lebens als Vorsitzender der Alternativen Enquetekommission gerade der Kritik der bundesrepublikanischen »Interpretation« der Geschichte, Kultur, Wissenschaften, Philosophie der DDR widmete – immer unter Bezug auf seinen Freund und Weggefährten Georg Lukács und immer im Namen seines Hauptanliegens: Die Herbeiführung und gerechte, menschliche Ausgestaltung der deutschen Einheit. (Eben dafür hatte die Bürgerbewegung der DDR, ein elitärer Zirkel von Privilegierten und Korrumpierten, ja nichts übrig, man muss daran erinnern, dass sie »ihre« separate DDR erhalten wollte – von Bärbel Bohley über Christa Wolf bis hin zum Havemann-Kreis.) Es ist eine grundsätzliche Angelegenheit: Die Genese des Marxismus-Verständnisses von Harich ist ohne den Einfluss von Georg Lukács nicht zu erklären. Ja, Lukács war die zentrale Autorität des Denkens von Harich. Er stand als Stichwortgeber noch vor Nicolai Hartmann. Zuzurechnen wäre dieser Denkkonstellation dann ebenfalls Arnold Gehlen. Helmut Steiner, der Harich in den achtziger Jahren im Zusammenhang mit seinen Studien zur Soziologie kennen gelernt hatte, schrieb: »Und obwohl wir im Verlauf unserer Gespräche von Beginn an am Beispiel unserer konträren Beurteilungen von Arnold Gehlen und Ferdinand Tönnies dennoch auch über Fach-Soziologen zu sprechen kamen, kreisten seine intellektuellen Darlegungen immer wieder um Leben und Werk von Georg Lukács einerseits und Friedrich Nietzsche andererseits. Fühlte ich mich bei letzterem als Gesprächspartner inkompetent, so befanden wir uns mit seiner Forderung ›Wieder mehr Einfluss dem Lukács!‹ in voller Übereinstimmung.«90 Innerhalb dieses intellektuellen Bezugrahmens lässt sich Harichs Philosophie und auch sein literaturwissenschaftliches Schreiben gewinnbringend verankern – mit Blick auf 89 Die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen von Harichs Beschäftigung mit Havemann auf theoretisch-wissenschaftlichem Gebiet dokumentiert der kürzlich publizierte Aufsatz: Harich: Über Robert Havemanns politische Konzeption, S. 363–379. Dort auch eine kleine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Wolfgang Harichs Kritik am demokratischen Sozialismus Robert Havemanns, S. 359–362. Siehe außerdem: Prokop: Der Harich-Havemann-Disput im Jahre 1956, S. 131–143. 90 Steiner: Wolfgang Harichs Briefwechsel mit Georg Lukács, S. 67. 44 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács die fünfziger ebenso wie auf die achtziger Jahre. Die Annäherung an Lukács auf der einen, die radikale Kritik an Nietzsche auf der anderen Seite.91 Und beides verpflichtet dem nationalen humanistischen Erbe, der Weiterentwicklung des Marxismus. Als zum Ende der DDR die Nietzsche-Renaissance einsetzte und von vielen als Aufbruch in eine neue intellektuelle Freiheit gefeiert wurde, erinnerte Harich an Lukács – unter dem bezeichnenden Titel Mehr Respekt vor Lukács! An dessen überaus deutliches Nietzsche-Urteil und auch daran, dass dieser in der DDR keine wissenschaftliche Heimat gefunden hatte. Jürgen Große führte zuletzt aus, dass Harich in der Nietzsche-Renaissance zum Ende der DDR »nur einen ideologischen Ausverkauf des DDR-Sozialismus erkennen« konnte.92 Einige Monate nach dem Zeitungsartikel hatten Lukács und Harich ihrer Differenzen ausgeräumt und waren bis zu den politischen Umbrüchen von 1956 enge Weggefährten. Ihre gemeinsame Arbeit trug viele Früchte. Beide kehrten, man kann schon sagen Jahrzehnte später, erneut zu einer intensiven Beschäftigung mit Goethe zurück. Lukács in der Eigenart des Ästhetischen, zuerst erschienen 1965, Harich im Rahmen seiner Beschäftigung mit Jean Paul (Jean Pauls Revolutionsdichtung). Aber diese Geschichte ist hier nicht zu erzählen. 4. Vermessung des Vorhandenen Wenn das Verhältnis von Harich und Lukács beleuchtet werden soll, dann müssen sofort weitere Namen fallen – gerade mit Blick auf beider Marxismus-Verständnis. Denn dieses oszilliert (unter anderem) zwischen den Polen Nicolai Hartmann und Arnold Gehlen. Abgebildet werden muss dergestalt ein philosophiehistorisch relevantes Diskursgebilde von Anregungen, Kritiken (vor allem an Gehlen, auch wenn die Forschungsliteratur dies bisher bestritt)93 und Abhängigkeiten. Dieser Konstellation 91 Dieser Antagonismus prägte auch Harichs radikale (und fast ausschließlich negativ bewertete/eingeschätzte) Kritik an Nietzsche in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Siehe: Harich: Nietzsche und seine Brüder. Anne Harich hat ihre Erinnerungen an Wolfgang Harich ebenfalls in dieser Konstellation aufgebaut. Dadurch gelang es ihr überaus stark, das Denken Harichs in den achtziger Jahren nachvollziehbar zu machen, d. h. in seinen Ursprüngen und Determinanten zu erklären. Siehe: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. 92 Große: Ernstfall Nietzsche, S. 23. 93 Siehe zuvorderst Harichs Studien zur Anarchie, abgedruckt in Band 7.  45Vermessung des Vorhandenen sind dann natürlich Goethe und Hegel, Marx und Engels und so manch andere hinzuzusetzen. Bei der Bewertung der Philosophiegeschichte durch Harich stand auch das in der marxistischen Theorie immer wieder bemühte Verhältnis von Idealismus und Materialismus im Mittelpunkt. Am deutlichsten sicherlich in den Hartmann-Manuskripten Harichs aus den achtziger Jahren.94 Für die fünfziger Jahre sind zu diesem Thema vor allem seine Ausführungen zu Hegel und Feuerbach sowie seine Vorlesungen von Interesse. (Hierzu erübrigen sich weitere Ausführungen, alle relevanten Informationen finden sich im 5. Band sowie den weiteren thematisch entsprechenden Texten.) Man hat das Gefühl, dass der Marxismus immer dann besonders hoch stehend und präzise ist, wenn er sich mit den »Klassikern« auseinandersetzt. Nicht in der dogmatischen Rezeption, sondern in der Partizipation, Weiterentwicklung. Die »Klassiker« dürfen nicht als Zitatenschrank betrachtet, missbraucht werden, vielmehr als Diskussionspartner – das war die Meinung von Harich (siehe vor allem das große Manuskript Widerspruch und Widerstreit), teilweise die von Lukács, es war die Meinung Ernst Blochs im Prinzip Hoffnung. Natürlich stehen dann die Parteidogmatiker sofort mit Revisionismusvorwürfen parat – doch das unterstreicht nur die Lächerlichkeit ihrer Position. Vielleicht kann man sogar formulieren, dass es Harich, Lukács und auch Bloch nicht nur um die Diskussion mit Marx und Engels ging, sondern alle drei an die Quellen des Marxismus unvoreingenommen anknüpfen wollten, an den originären Hegel usw., mit unverstelltem Blick, also ohne die marxistische Tradition, aber mit Marx und Engels. Für Harich beispielsweise hieß dies intensive Rezeption von Arnold Gehlen oder Nicolai Hartmann – abseits aller ideologischen Scheuklappen. Einige der Texte und Briefe dieses Bandes werden das verdeutlichen. Harichs letzte Frau schrieb in ihren Erinnerungen in diesem Zusammenhang: »Als ich Wolfgang Harich kennenlernte, saß er, trotz der vielen Alarmbriefe, die er geschrieben hatte, doch im ›Elfenbeinturm‹ und arbeitete bereits seit drei Jahren über seinen Lehrer Nicolai Hartmann. In seiner geliebten Arbeit, in der es um den Versuch einer Synthese zwischen Hartmann und Lukács geht, ließ er sich immer wieder stören, um für Georg Lukács, Jean Paul und gegen Nietzsche zu streiten.«95 Diese Verknotung 94 Vor allem in Harichs Hartmann-Dialogen lassen sich zahlreiche Anspielungen, direkte Verweise, Theorie- und Thesenbildungen auffinden. Harich: Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen. 95 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 206. Anne Harichs Buch ist in dem hier bezeichneten Zusammenhängen eine überaus ergiebige Informationsquelle. Ihre Ausführungen sind zudem besser und evidenter, enthalten weniger Fehler als die zwei Ansätze 46 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács unterschiedlicher Probleme, Inhalte, Theorien und Personen durch Harich ist in dessen Biographie fast programmatisch – sie findet sich in seinen frühen Schriften ebenso wie in den Altersmanuskripten. Dabei kam es allerdings zu verschiedenen Prämissenverschiebungen. So versuchte Harich, um nur ein Beispiel zu nennen, in den fünfziger Jahren Lukács von Gehlens Anthropologie und Hartmanns Philosophie zu überzeugen und gleichzeitig kann Lukács’ Philosophieverständnis als maßgebliche Richtschnur seines eigenen Denkens ausgemacht werden. In dem Jahrzehnt vor dem Ende der DDR ging es ihm dann um die von Anne Harich thematisierte Synthese von Lukács und Hartmann, der gleichzeitig eine umfassende Formulierung seiner Nietzsche-Kritik und die Verschärfung seiner Gehlen-Kritik entsprachen. Diese intellektuellen Entwicklungsprozesse müssen der analytischen Vermessung der philosophischen Biographie Harichs zu Grunde liegen. Noch einmal soll und muss Harichs Frau zu Wort kommen:96 • »Fällt der Name Lukács, denke ich an die anhängliche, ja fast zärtliche Verehrung, die er für den ungarischen Denker und Kommunisten hegte, an die zeitweiligen Lebensparallelen der beiden, und an die Trennung, die ihnen angetan worden war.« • »Lese ich den Namen Nietzsche, oder irgend jemand bezieht sich auf ihn, spüre ich augenblicklich Wut in mir, und ich vergesse nicht, in welchem Alleingang Harich gegen dessen menschenverachtende Ideologie in dem Teil Deutschlands kämpfte, der sich sozialistisch nannte.« • »Und Hartmann? Ihm wollte Harich den Platz verschaffen, der ihm unter den bedeutenden Philosophen des 20. Jahrhunderts zusteht (…).« Welche Möglichkeiten und Zeugnisse haben wir heute, die Beeinflussung und intellektuelle Beziehung zwischen Lukács und Harich dingfest zu machen? Der vorliegende Band präsentiert ein Panoptikum der Dokumente, wie Harich über, für, mit Lukács arbeitete – von Gutachten für das Amt für Literatur über Zeitungsartikel bis hin zu Eingaben, Verteidigungstexten oder Rezensionen. (Einige weitere Anmerkungen finden sich im editorischen Nachwort.) Natürlich war die Zusammenarbeit beider und die breite Rezeption Lukács’ durch Harich viel intensiver und breiter als hier abgebildet. von Siegfried Prokop (Ich bin zu früh geboren) und Matthias Eckholdt (Begegnungen mit Wolfgang Harich). 96 Die folgende Aufzählung nach: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 27 f. Anne Harich setzt noch Jean Paul hinzu, der an dieser Stelle allerdings ausgeklammert wird: »Höre ich den Namen Jean Paul, sehe ich einen verzweifelten Harich vor mir, der jahrelang ergebnislos darum gestritten hatte, Jean Pauls Dichtung vor der Vergessenheit zu bewahren.« (S. 27) 47Vermessung des Vorhandenen Wer Texte Harichs liest, dem wird immer auffallen, welche Querverbindungen zu Lukács gezogen werden können. Zentral ist der Briefwechsel, der hier von Seiten Harichs erstmals vollständig (weggelassen wurden Telegramme, Briefe, die ausschließlich Korrekturen, organisatorische Fragen etc. umfassen, beinhalten) vorgestellt wird.97 Neben verschiedenen philosophischen und geschäftlichen Diskussionen bildet auch er den philosophisch-wissenschaftlichen Austausch beider ab. Die Diskussionen des Berliner und des Budapester Philosophen über Hartmann (Einigkeit und Differenzen anzeigend) und Harichs Versuche, Gehlens Philosophie bei Lukács an den Mann zu bringen,98 prägen den Briefwechsel über weite Passagen. In verschiedenen Funktionen versuchte Harich ständig, Lukács Platz und Raum und (wichtiger noch) Papierkontingente in der DDR zu verschaffen, um den Druck von dessen Werken zu ermöglichen. Dies spiegelt der Briefwechsel natürlich auch wider, wie Helmut Steiner ausführte: »Im Mittelpunkt stand selbstverständlich die deutsche Veröffentlichung der Arbeiten Lukács’. Harichs Doppelfunktion als Lektor des Aufbau Verlages und als einer der Herausgeber (…) der Deutschen Zeitschrift für Philosophie bot ihm die Gelegenheit, Arbeiten Lukács’ sowohl in Buchform, als auch als Zeitschriftenaufsätze soviel wie irgend möglich zu veröffentlichen. Das damit verbundene Lektorieren erledigte er mit außerordentlichem Engagement, beachtlicher Sorgfalt und aufopferungsvollem Respekt vor dem Autor.«99 Harich hat sich, daran kann und darf kein Zweifel bestehen, um die Verbreitung des Denkens vom Lukács in der DDR mehr als nur verdient gemacht. Eben dies hatte sicherlich Ernst Bloch vor Augen, als er formulierte: »Ulbricht wird aus Moskau ferngelenkt, Harich aus Budapest.« Es ist hier nicht der Platz, den Briefwechsel in all seinen Facetten zu durchleuchten. Was bei einer Lektüre sofort auffällig wird, ist der Charakter des Miteinander-Sprechens. 97 Vor einigen Jahren publizierte Reinhart Pitsch eine Auswahl, deren Kriterien aber nicht klar wurden. Pitsch vermeldete Vollständigkeit, hatte allerdings nur im Lukács-Archiv gearbeitet. Seine Edition erfolgte ohne rechtliche Grundlage. 98 Hierzu: Rehberg: Kommunistische und konservative Bejahung der Institutionen, S. 438–486. 99 Steiner: Wolfgang Harichs Briefwechsel mit Georg Lukács, S. 68 f. Dort weiter: »Die oft gerühmten Beispiele produktiver Beziehungen zwischen manchem Verleger/Lektor und Autor lassen sich anhand des Harich-Lukács-Briefwechsels um ein Weiteres ergänzen. Folgerichtig betrafen die Briefe nicht allein die technische Redaktion und verlegerische Angelegenheiten, sondern beinhalten in vielfacher Hinsicht die inhaltlichen Aussagen, die Art ihrer bestmöglichen Ausdrucksform sowie die zu berücksichtigenden geistig-politischen Einflussfaktoren ihrer Veröffentlichung.« (Ebd., S. 69.) 48 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Er ist von Respekt und Hochachtung geprägt und transportiert auch das Gefühl intellektueller Annäherung. (Trotz und inklusive der »bitterbösen« Briefe von Lukács, die dieser mehrfach an den Aufbau-Verlag schickte.)100 Ein wichtiges Thema des schriftlichen Austauschs von Harich und Lukács war die Mitarbeit von Lukács an der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Siegfried Prokop führte aus: »Harich hatte von Anfang an großen Wert auf die Mitarbeit von Lukács in der Philosophie-Zeitschrift gelegt. Harich hatte ein Gespür für den ›Partisan des Geistes‹, der auch unter widerlichsten Bedingungen stalinistischer Einengungen und Pressionen ein Beispiel für die intellektuelle Differenziertheit marxistischen Denkens zu geben vermochte.«101 Am 5. September 1952 schrieb Harich in diesem Sinn an Lukács über die geplante Deutsche Zeitschrift für Philosophie: »Die Linie: In der Grundtendenz und der Mehrzahl der Beiträge marxistisch, aber unter Mitarbeit bürgerlicher Philosophen, sofern ihr Schaffen humanistisch-progressive und rationale Tendenzen aufweist, resp. naturwissenschaftlich-materialistisch orientiert ist. Verbreitungsgebiet: Gesamtdeutschland. (…) Ein echter Lukács pro Nummer wäre uns hochwillkommen.« Wenn die ersten Jahrgänge der Deutschen Zeitschrift für Philosophie untersucht werden, dann ist dieser Einfluss Lukács’ gut erkennbar. Damit sind nicht nur dessen eigene Artikel gemeint (die teilweise mit einem quantitativen Umfang von 40 bis 50 Seiten die Idee einer Zeitschrift eigentlich konterkarierten). Auch viele der anderen Beiträge standen in den von Lukács vorgegebenen Prämissen und verwendeten seine Art des Zugangs zu den Quellen und Traditionen. Ganz in diesem Sinn lautete einer der Vorwürfe der SED an die Zeitschrift ja, dass sie die spezifischen Probleme der DDR vernachlässige und statt dessen un-marxistische Ideengeschichte betreibe. Alfred Kosing war sich nicht zu schade, als Helfershelfer der Partei diese Position zu präsentieren.102 Das war in der frühen DDR neben dem Formalismus-Verdikt ein harter Vorwurf. Von daher überrascht es nicht, dass Harich in seinen Briefen Lukács auch vor parteioffizi- 100 Siehe u. a. die Briefe: Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953, Harich: Brief an Lukács vom 07. April 1954, Lukács: Brief an Harich, 19. April 1954. 101 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 69. 102 Kosing: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, S. 299– 303. Alfred Kosing formulierte in seinem Aufsatz die parteioffizielle und von Kurt Hager initiierte Kritik an der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, wie sie die Babelsberger Konferenz erbracht hatte. Am 19. Mai 1954 hatte Harich im Vorfeld der Konferenz Lukács bereits über die Pläne der Partei informiert. Siehe: Harich: Brief an Lukács vom 19. Mai 1954. 49Vermessung des Vorhandenen ellen Reaktionen warnte. Sein Augenmerk bei der Gestaltung der Hegel-Debatte galt dem Anliegen, den Vorwurf des »Lukácsianertums« zu vermeiden.103 Motiviert wurde durch diese Vorsicht sicherlich auch, dass der von Harich und Lukács gemeinsam verfasste Artikel Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx gerade mit Blick auf die Verankerung des Idealismus und Hegels in der deutschen Philosophie eine »reduzierte« Position bezog, d. h. bestimmten Konfrontationen aus dem Weg ging.104 (Hierzu noch ausführlicher.) Diese Einschätzung determinierte die Herausgabe der Werke Lukács’ in Buchform aber nicht. (Ausnahmen gab es natürlich – Hegel!) Ganz im Gegenteil setzte Harich innerhalb einiger weniger Jahre mehrere Projekte durch. Die entsprechenden Gutachten etc. enthält der vorliegende Band, der damit gleichsam eine doppelte Sichtweise ermöglicht: Einerseits die »Außendarstellung« Harichs, andererseits die verschiedenen internen Debatten (Verlag, Autor etc.). »Die Briefe beschäftigten sich auch mit Fragen der Herausgabe der ›blauen Lukács-Bände‹ in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, in die Harich eine enorme Kraft investierte. Verlagsleiter Walter Janka blickte mit sichtlichem Missvergnügen auf die Ausstrahlung, die von der ›Freundschaft im Geiste‹ Harich-Lukács ausging und zog die Verbindung zu Lukács 1956 an sich. Der später offenbar werdende Konflikt zwischen beiden dürfte auch in dieser Männereifersucht seitens Walter Jankas einen Ausgangspunkt gehabt haben.«105 Die äußerliche Gestaltung der Bände Lukács’ im Aufbau Verlag erinnert an die Präsentation der Schriften von Marx und Engels. Das war kein Zufall – wir haben es bereits angesprochen, Harich hatte vielmehr wieder einmal eines seiner Bonmots gesetzt. In diesem Fall die optische Gleichberechtigung von Marx, Engels und Lukács in den Buchhandlungen und Bibliotheken.106 103 Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Anti-Hegel-Artikels von Rugard Otto Gropp hatte Harich geschrieben: »Außerdem würden wir uns dann (im Falle eine Nicht-Ver- öffentlichung, A. H.) unweigerlich den Vorwurf des ›Lukácsianertums‹ zuziehen, was in den genannten Kreisen (gemeint waren die Parteiphilosophen, A. H.) als Todsünde gilt.« Harich: Brief an Lukács vom 14. August 1953. 104 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx. 105 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 69. 106 In einem Gutachten zur 2. Auflage von Lukács’ Schicksalswende hatte Harich neben inhaltlichen Umstellungen auch das einheitliche Erscheinungsbild der Lukács-Bücher als Grund für die Neuauflage genannt: »Das Buch ist 1947 in unserem Verlag erschienen und inzwischen seit langem vergriffen. Es handelt sich um das letzte der nur in der alten Ausstattung vorliegenden Bücher von Lukács, das wir mit der neuen Auflage ebenfalls in die Reihe seiner in dunkelblauem Kunstleder erscheinenden Werke übernehmen wollen.« Harich: Gutachten zu: Lukács: Schicksalswende, vom 19. Juli 1955.  50 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Über diese organisatorischen Probleme hinaus spielten aber auch inhaltliche Faktoren und Themensetzungen eine Rolle. Dabei sind vor allem drei Teilbereiche explizit hervorzuheben. 1) Der vor allem von Harich angeregte Austausch über Nicolai Hartmann und Arnold Gehlen. 2) Die Diskussion um den gemeinsamen Artikel Zur philosophische Entwicklung des jungen Marx. 3) Die geleistete Auseinandersetzung Harichs mit Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft. Da Harich dieses epochale Werk Lukács’ auch in einer Rezension besprochen hat, bietet sich so die Gelegenheit, seine Stellung zu dem Werk nachzuvollziehen. Hier sind im folgenden zwei Punkte genauer zu fokussieren: Der Artikel Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx sowie die Konstanten des gemeinsamen Arbeitens von Harich und Lukács in den fünfziger Jahren. (Im Hintergrund dieser verschiedenen Arbeiten ging es immer auch um die seinerzeit laufenden Debatten um die Logik, um Hegel und um das humanistische anzutretende Erbe – dies muss bedacht werden, um ein klares Bild der damaligen Jahre samt ihrer theoretischen Modelle zu erhalten.) 5. Der junge Marx In seinem Vorwort zum Briefwechsel zwischen Lukács und Harich bezeichnete Reinhard Pitsch die dort dokumentierte intensive Mitarbeit Harichs an dem Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx von Lukács als echte Entdeckung.107 Sicherlich werfen gerade die entsprechenden Ausführungen Harichs (und die im vorliegenden Band edierten Briefe) erhellendes Licht auf die Entstehungsgeschichte des Aufsatzes. Doch bereits im 2. Heft des Jahres 1954 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in dem der Aufsatz gedruckt wurde, war in den Anmerkungen folgender Hinweis zu lesen: »Dem Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx von Lukács liegt ein im Jahr 1942 in der Sowjetunion entstandenes Manuskript zu Grunde, das als Teil einer Kollektivarbeit über Karl Marx entworfen wurde und daher in seinen Ausführungen einen lexikalisch abgekürzten Charakter erhielt. Da den Verfasser andere Beanspruchungen daran hinderten, der Arbeit selbst die nötige Ausbreitung und Konkretisierung zu geben, unterzog sich Wolfgang Harich dieser Aufgabe.108 Die jetzt 107 Pitsch: Zum Briefwechsel zwischen Harich und Lukács, S. 280. 108 Bis zu diesem Punkt stammt die Formulierung von Lukács, wie dieser sie in einem Brief an Harich entwickelt hatte. Dieser hatte weiterhin als Anmerkung vorgeschlagen: »Ich spreche ihm (d. i. Harich, A. H.) für seine selbstlose und hingebungsvolle Arbeit meinen aufrichtigen Dank aus.« Lukács: Brief an Harich vom 4. Mai 1953.  51Der junge Marx vorliegende, von Harich erweiterte Fassung, wurde von Lukács durchgesehen und gebilligt.«109 Pitschs Ausführungen waren also ein Stück weit überzogen, allerdings ermöglicht der Briefwechsel tatsächlich exaktere inhaltliche Zuschreibungen. Nunmehr ist gesichert, dass das gesamte Kapitel Die Deutsch-Französischen Jahrbücher von Harich stammt.110 Darüber hinaus hat Harich den weiteren Text ebenfalls deutlich geprägt. Als Bearbeiter schloss er zahlreiche Lücken. Neben eigenen Anmerkungen integrierte er auch eine Vielzahl von Marx-Zitaten in den Text, der dadurch sehr eng an den Quellen orientiert ist. Daneben zitierte Harich überwiegend aus Publikationen, die nach 1942, d. h. nach dem eigentlichen Lukács-Text erschienen sind. Und auch seine eigenen Forschungsinteressen bildet der Aufsatz deutlich ab – dafür stehen die Verweise auf Heinrich Heine als Philosophiehistoriker oder die Aufwertung der Arbeiten Rudolf Hayms. Daher lässt sich erkennen, dass der Text über das direkt von ihm stammende Kapitel hinaus zu einem großen Teil sein Werk darstellt. Anzumerken ist hier ebenfalls, dass die zeitliche Publikation des Textes eine Aussage zur Hegel-Debatte war. Denn der Aufsatz erschien im selben Heft wie Rugard Otto Gropps111 zweiter (und abschließender) Teil seines Hegel-Verrisses. Als im Frühjahr 1953 Lukács’ ursprüngliches Manuskript in Berlin eintraf, war Harich nach eigenen Angaben ebenfalls mit Arbeiten zur Entstehungsgeschichte des Marxismus beschäftigt.112 Das Redaktionskollegium der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Baum- 109 Redaktion der DZfPhil: Anmerkungen, S. 524. Dort weiter: »Sie sollte bereits als Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 1953 erscheinen, konnte aber nicht mehr in den Jahrgang I, 1953, unserer Zeitschrift aufgenommen werden, da wir aus technischen Gründen gezwungen waren, die Hefte 3 und 4 dieses Jahrgangs zu einem Doppelheft zusammenzufassen.« (Ebd.) Alle weiteren Hinweise in den entsprechenden Briefen in diesem Band. 110 Neudruck dieses Teilkapitels unter: Harich: Die Deutsch-Französischen Jahrbücher, Band 5, S. 414–428. 111 Gropp: Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels, Teil 2, S. 344–383. 112 Siehe: Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953.  Der junge Marx 52 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács garten, Bloch, Schrickel, Harich) stellte nach der Lektüre des Aufsatzes von Lukács fest, dass dieser in der vorliegenden Form nicht gedruckt werden könne.113 Gleichzeitig, so Harich weiter, sei man sich im Klaren gewesen, dass Lukács nicht die Zeit habe, seinen Text zu überarbeiten.114 »In dieser Notlage machten die Genossen und Ernst Bloch den Vorschlag, ich solle doch an den beanstandeten Stellen Ergänzungen einfügen, resp. Veränderungen vornehmen, da ich auf Grund meiner eigenen, fragmentarisch vorliegenden Arbeit in die Materie eingearbeitet sei, und Ihnen dann das so veränderte Manuskript zur endgültigen Streichung, Redaktion usw. zu schicken.«115 Harich unterzog sich diesem Unterfangen und sendete Lukács das vollständig überarbeitete Manuskript. Im Laufe des beiliegenden Briefes ging Harich dann auf die vorgenommenen Änderungen ein. Seine Aufzählung kann als Grundlage unserer Rekonstruktion dienen:116 1) Lukács’ Text sei »sehr kurz« gewesen. »Dinge«, die er nur »hinweisartig angetippt«117 habe, wurden von Harich ausführlicher besprochen. 113 »Inzwischen haben nun Genosse Baumgarten, Ernst Bloch, Genosse Schrickel und ich Ihre Arbeit über die philosophische Entwicklung des jungen Marx gründlicher gelesen und dabei dann doch an einer Reihe von Punkten übereinstimmend festgestellt (und eine Übereinstimmung zwischen uns ist ziemlich selten), dass sie gewisse Mängel aufweist, die es nicht als ratsam erscheinen lassen, sie in der vorliegenden Form – gänzlich ohne Ver- änderungen – abzudrucken.« Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953.  114 Siehe: Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953.  115 Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953.  116 Die Aufzählung folgt: Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953. 117 Dieses »hinweisartige Antippen« gehört zu den charakteristischen Merkmalen des Schreibens bei Lukács. Sehr oft finden sich bei ihm weiterführende Verweise, neue Gedankengänge, Kontexte und ähnliches in Klammern gesetzt. In seinem Beitrag zu Lukács’ Festschrift schrieb Harich: »So also wollen Sie die Bemerkungen, die Sie in Klammern oder in Paranthese äußern, verstanden wissen – als Warntafeln, die dem Leser nahelegen, sich vor falscher Verabsolutierung zu hüten, als Hinweise auf jene Totalität der jeweiligen Epoche, des jeweiligen Problemzusammenhangs, von der Sie wünschen, dass man sie, in Umrissen wenigstens, sich vor Augen halte, um gegen Einseitigkeit gefeit zu sein.« Harich: Lukács zum 70. Geburtstag. Und in Harichs Rezension der Zerstörung der Vernunft hieß es: »Man weiß aus den früheren Werken des Verfassers, dass er, um den Zusammenhang des Ganzen einer Epoche immer wieder dem Leser zu Bewusstsein zu bringen, in telegrammartiger Kürze, oft in Klammern gesetzt, andeutende Hinweise auf scheinbar abgelegene Probleme zu geben pflegt, die er für geeignet hält, eine gesellschaftlich typische, klassenmäßig vorherrschende Tendenz in ihren verschiedenen, unmittelbar voneinander unabhängigen und doch zutiefst analogen Ausprägungen verständlich zu machen.« Harich: Rezension zu: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Lukács selbst äußerte sich dazu ebenfalls, 53Der junge Marx 2) Hinzugefügt wurden die entsprechenden Zitate, die bereits vorhandenen Verweise Lukács’ weit ausführlicher integriert. 3) Verschiedene implizite Äußerungen Lukács’ wurden expliziter niedergeschrieben, »so z. B. die Tatsache, dass Marx an alle ideengeschichtlichen Quellen, an die er anknüpft, von vornherein kritisch herantritt, also keinen Augenblick eigentlicher Hegelianer, eigentlicher Feuerbachianer oder gar Utopischer Sozialist oder gar bürgerlicher Ökonom gewesen ist«. 4) Lukács’ Verständnis des Materialismus und der Dialektik sei teilweise verwirrend gewesen. Harich habe »Formulierungen etwas vorsichtiger« gemacht. 5) Der Abschnitt über die Deutsch-Französischen Jahrbücher wurde neu eingefügt.118 6) Die Interpretation der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte wurde »komplettiert«. Die Ausführungen zur Entfremdung habe Harich aus Der junge Hegel übernommen. Diesen Änderungen trat eine weitere Überarbeitung zur Seite, die Harich als die »schwerwiegendste« bezeichnete. Das Problem des Verhältnisses von Materialismus und Idealismus sei in dem Aufsatz nicht hinreichend herausgearbeitet gewesen. Es drohe von daher der Vorwurf des »Hegelianisierens«, da seit der ursprünglichen Fassung des Aufsatzes eben nicht nur Lukács’ Der junge Hegel (1948) erschienen sei, sondern auch Shdanows Referat gegen Alexandrow.119 Mit diesen Sätzen hatte Harich die Bedeutung und den Stellenwert der frühen Hegel-Debatte, die den Diskussionen in der DDR voranging, anerkannt. Da in dem gleichen Heft auch Aufsätze von Rugard Otto Gropp und Victor Stern erscheinen würden, müsse der Eindruck vermieden werden, dass diese beiden Beiträge als Polemik gegen Lukács verstanden werden könnten.120 »Das in dem gedruckten Briefwechsel mit Anna Seghers: Lukács: Ein Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács, S. 171–215. 118 Die Ergänzung erfolgte »unter dem Gesichtspunkt, dass diese den Übergang vom revolutionären Demokraten zum proletarischen Klassenstandpunkt widerspiegeln, dass dies die Voraussetzung für den entscheidenden qualitativen Sprung ist – noch vor den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten – , und dass im Grunde schon in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie das Hinüberwachsen der bürgerlichen in die proletarisch-sozialistische Revolution konzipiert wird.« Harich: Brief an Lukács vom 17.  April 1953.  119 Siehe: Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80–114. 120 Beide Zitate: Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953, S. 294. Gropps Aufsatz (Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels) lag zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig vor. Am 14. August 1954 konnte Harich dann Lukács über den Inhalt informieren, die entsprechenden Passagen wurden bereits wiedergegeben. Siehe: Harich: Brief an Lukács vom 14. August 1953. Von Victor Stern 54 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács sieht dann entweder so aus, als ob die Redaktion eine tückische Gemeinheit gegen Sie ausgeheckt hätte, oder aber so, als ob die Gemeinheit sich gegen Gropp und Stern richtete, deren Aufsätze leider nicht glänzend sind. Was also tun? Ich habe vor allem den von Ihnen nur in einem Nebensatz erwähnten Feuerbach und dessen Einfluss auf Marx breiter gewürdigt.«121 Im Licht dieser Passage ist es absurd, Harich vorzuwerfen, er spiele Hegel gegen Feuerbach aus und verwische damit die Grenze zwischen Materialismus und Idealismus. Dies war einer der immer wieder gegen ihn erhobenen Vorwürfe, nachzulesen etwa in dem Beitrag von Alfred Kosing zur (von der SED und Kurt Hager initiierten) Kampagne gegen die Deutsche Zeitschrift für Philosophie.122 Harich hatte zwar die These aufgestellt, dass es (vor Feuerbach, Marx, Engels) so gut wie keine eigenständige deutsche materialistische Tradition gebe, die der deutschen Aufklärung oder der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus entgegengestellt werden könnte – gerade mit Blick auf die französische Entwicklung. Der Materialismus setze in Deutschland erst mit Feuerbach und Marx ein. Aber auch die Adaption der materialistischen Traditionen anderer Länder sei für die sozialistische Erbe-Pflege gewinnbringend. Diese Position findet sich auch in seinen späteren Werken. In Nietzsche und seine Brüder schrieb er rückblickend: »Die DDR kann stolz darauf sein, erstmals vollständig und in korrekten Übersetzungen Holbachs Système de la Nature und die beiden Hauptwerke von Helvétius deutsch herausgebracht zu haben. Vorbildhafte Pflege materialistischer Denktradition, Erfüllung eines Nachholbedarfs seit dem 18. Jahrhundert.«123 Es komme für die DDR also gar nicht unbedingt darauf an, eine eigene deutsche Materialismus-Tradition für das 18. Jahrhundert zu konstruieren. Das positive Bekenntnis zum franzöwar gemeint: Stern: Karl Marx über den französischen Materialismus, S. 461–470. Der Text erschien in Heft 3/4 von 1953. 121 Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953. Dort weiter: »Zunächst habe ich das wichtige Dokument Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach erwähnt; dann habe ich die Bedeutung der Vorläufigen Thesen für die Kritik des Hegelschen Staatsrechts vom Frühjahr-Sommer 1843 stark betont und bei dieser Gelegenheit die Marxsche Idealismus-Kritik (…) hervorgehoben – ich glaube: in Ihrem Sinne.« 122 Kosing: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, S. 302.  123 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 202. Dort weiter: » Aber glauben Sie, die DDR wäre bereit, ihren Lesern die beiden wichtigsten deutschsprachigen Zeugnisse eines militanten Materialismus aus dem 20. Jahrhundert zugängig zu machen: Friedrich Jodls Kritik des Idealismus, Nicolai Hartmanns Teleologisches Denken? Seit vielen Jahren versuche ich, das zu erreichen. Ich schaffe es nicht.« Siehe hierzu: Heyer: Zur Rezeption Friedrich Jodls in der DDR, S. 191–198. 55Der junge Marx sischen Materialismus der Aufklärung sei verdienstvoll genug – wenn es Größe und Grenze gleichermaßen erfasse. An dieser Stelle kann konstatiert werden, dass Harich die einzigartige Stellung von Lukács innerhalb der marxistischen Theoriebildung anerkannte. Denn die Verweise auf Gropp und Stern (und andere) sind keine Auswüchse intellektueller Überheblichkeit in dem Sinn: Die sind schlecht, wir sind besser. Vielmehr hatte Harich zur Kenntnis genommen, dass die philosophischen, methodischen, inhaltlichen und theoretischen Überlegungen von Lukács, Bloch und ihm selbst in Konflikte mit der offiziellen Parteimeinung geraten könnten bzw. solche sogar schon heraufbeschworen hatten. Auch wenn er eigentlich kaum eine Auseinandersetzung scheute, war er dennoch bereit, potentielle Diskussionen im Vorfeld zu verhindern. Und zwar auch dadurch, dass er sich selbst zurücknahm. Der gerade verwendete Brief Harichs endete dann mit verschiedenen Bitten an Lukács, die Umarbeitungen freundlich aufzunehmen, die vorgenommenen Änderungen zu akzeptieren etc.124 Am 4. Mai gab Lukács dann sein Einverständnis, der Aufsatz konnte in der Fassung Harichs in Druck gehen.125 Er erschien schließlich im 2. Heft des Jahres 1954. Auf über fünfzig Seiten entfalteten Lukács und Harich ein Szenario der Analyse der Philosophischen Entwicklung des jungen Marx (so ja der Titel), das die Jahre 1840 bis 1844 umfasst. Auch Rugard Otto Gropp hatte bei seiner Hegel-Verdammung auf die 124 Harich: Brief an Lukács vom 17. April 1953. 125 Lukács: Brief an Harich vom 4. Mai 1953. Dort: »Lieber Genosse Harich, vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Sendung (…). Sie waren unbegründet ängstlich in Bezug auf meine Reaktion. Ich finde Ihre Arbeit sehr gut und nehme Ihren Vorschlag der Publikation in No. 3 unter meinem Namen an. Ich tue es zwar nach einem gewissen Zögern, da Ihre Arbeit eine sehr große war und nicht überall, wie Sie versichern, einfach ein ›Plagiat‹ aus meinen anderen Arbeiten.« Es schloss sich dann die bereits wiedergegebene Bitte Lukács’ an, dass in einer Fußnote Harich explizit erwähnt und ihm gedankt werde. Friedrich Engels und Karl Marx, vorn die Töchter Laura, Eleanor und Jenny, 1864 56 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Interpretation dieser zeitlichen Periode viel Platz verwendet.126 Handelte es sich doch um eine der (die?) entscheidenden Phasen der Entstehung des Ideengebäudes von Marx. Dass Harich bei seinen Ausführungen den Artikel von Gropp durchaus im Blickfeld hatte und implizit gegen diesen argumentierte, könnte ein direkter Vergleich aufzeigen. Das evidieren gerade die Differenzen zwischen beiden Aufsätzen. Jene Thesen, die denen Gropps widersprechen, belegte Harich durch ausführliche Zitate. Teilweise ging er sogar so weit, dass nur die Zitate aus den Werken von Marx die Gegenthese zu Gropps Ausführungen anzeigten. Außerdem ist Harich und Lukács die größere Zusammenschau besser gelungen. Es ist sicherlich nicht verfehlt, dies ihren deutlich höheren intellektuellen Kompetenzen zuzuschreiben, ihrer besseren und intensiveren Kenntnis des 19. Jahrhundert. Daher erschien Marx bei ihnen nicht als »Wundererscheinung« und Hegel als »Rätsel«, wie Auguste Cornu Gropp vorgeworfen hatte.127 Eine hier noch kurz anzusprechende Differenz der Ansätze von Gropp und Lukács/ Harich ist damit angedeutet. Sie ergab sich dadurch, dass bei letzteren ebenfalls andere Philosophen zu Wort kamen. Das heißt, sie zitieren an den entsprechenden Stellen auch aus den Schriften von Feuerbach oder Hegel, während Gropp (und mit ihm auch weitere Teilnehmer der Hegel-Debatte) auf Verweise dieser Art verzichtet hatten und sich allein auf Marx, Engels, Lenin und Stalin fokussierten (wobei es vorkam, dass sich die Klassiker-Aussagen auch noch gegenseitig widersprachen). Aus dieser Perspektive ist der Lukács-Harich-Aufsatz ebenfalls wissenschaftlich überzeugender. Ein Beitrag, der den engen Horizont der Philosophie der DDR durchbrochen und zu Recht diese Epoche überdauert hat. Marx und die Entstehung des Marxismus erscheinen bei Lukács und Harich – wie gesehen – als wesentlicher Teil der Geschichte der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Der Aufsatz beginnt mit der banalen Feststellung, dass die Frühphase der Philosophie Marx’ nicht hinreichend erforscht sei. Doch gerade für die Verwendung der Instrumente des Marxismus (Dialektik, materialistische Philosophie etc.) sowie für eine richtige Bewertung der laufenden Debatten der DDR müsse dieses 126 Gropp hatte die Jugend-Phase von Marx bis 1847 angesetzt. Siehe: Gropp: Die marxistische dialektische Methode etc. Teil 1, S. 99–112. Er kam zu dem Schluss, dass man für die Jahre »zwischen 1844 und 1847 (…) nicht von einem philosophiegeschichtlichen Übergang von Hegel zu Marx sprechen kann«. (S. 109) 127 Cornu in seiner Reaktion auf Gropps Angriffe gegen ihn: Cornu: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 895. Gropps Cornu-Kritik, siehe: Gropp: Die marxistische dialektische Methode etc. Teil 1, S. 90–92. 57Der junge Marx Verständnis weiter vertieft werden.128 Folgende Punkte wären dabei von fundamentaler Bedeutung:129 • »Der Prozess der Überwindung des Hegelianismus, • das Hinausgehen auch über Feuerbach, • die Begründung der materialistischen Dialektik (…) und • die Entwicklung vom Standpunkt der revolutionären Demokratie zum bewussten Sozialismus.« Signifikant sei dabei, dass diese Veränderungen sich »in deutschen Formen« abspielten. Marx habe seine Anschauungen vor dem Hintergrund der deutschen Verhältnisse entwickelt130. »Das heißt konkret: Der politische Ausgangspunkt ist der revolutionär-demokratische Radikalismus des deutschen Vormärz, der ideologische Weg beginnt mit der Kritik und Umbildung der idealistischen Dialektik Hegels und erreicht sein Ziel in ihrer materialistischen Umstülpung. Das ist zunächst ein Vorgang innerhalb der deutschen Philosophie; auch die Wendung zum Materialismus vollzieht sich unter dem Einfluss eines deutschen Denkers: Ludwig Feuerbach.«131 Erst später seien dann die anderen Quellen des Marxismus hinzugetreten, so Harich und Lukács unter Rückgriff auf Lenins Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus (von 1913). Von zentraler Bedeutung ist in diesem Kontext die These Harichs und Lukács’ über die geistige Entwicklung Marx’: »Sein eigentlicher philosophischer Werdegang setzt erst mit der Aneignung der Hegelschen Philosophie ein. Damit erst beginnt sein welthistorisch bedeutsamer Lebenslauf.«132 Es war dadurch auch gesagt, dass es eine spezifische deutsche geschichtliche, kulturelle, philosophische usw. Tradition gebe – was aus marxistische Sicht eben Stichwörter umfasst wie: Deutsche Misere, Verspätung, fehlende eigene bürgerliche Revolution, kein Bürgertum, kaum ökonomische Einheit, Herrschaft des Idealismus, Fluchtphantasien, Irrationalismus. 128 Siehe: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 288. Ähnlich argumentierte bereits der teilweise von Harich stammende Leitartikel der Redaktion im 1. Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 1956. Siehe: Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR, S. 5–34.  129 Das folgende Zitat nach: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 289. Analog argumentierte auch Georg Mende: Karl Marx’ Entwicklung vom revolutionären Demokraten zum Kommunisten. 130 Exemplarisch siehe: Harich: Die Lehre von Marx, S. 280. 131 Beide Zitate: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 289. 132 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 290. 58 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Vor dem Hintergrund der Philosophiegeschichte der frühen DDR stecken in diesen wenigen Ausführungen bereits deutliche Stellungnahmen. Am wichtigsten ist dabei sicherlich das eindeutige Bekenntnis zu Hegel. Bei Harich und Lukács lassen sich Termini wie »Überwindung« oder »Umstülpung« finden, um den Einfluss von Hegel auf Marx zu beschreiben. Damit ist dann aber gesagt, dass Hegels Philosophie auf Marx gewirkt habe (das bestritt Gropp ja vehement). Gleichzeitig ist auch gut erkennbar, dass Harich und Lukács ihre eigenen Hegel-Thesen ein Stück weit zurücknahmen. Das heißt, sie setzten nunmehr vor allem die Kritik von Marx an Hegel in den Mittelpunkt. Das war sicherlich eine Konzession an die potentiellen parteinahen Kritiker, auch ein Zugehen auf Gropp. Indem sie diesem in bestimmten Bereichen entgegenkamen, konnten sie dessen Hauptthese, wie gesehen, direkt angreifen.133 Marx habe sich zwar frühzeitig Hegels Philosophie zugewendet. Doch zwischen seiner Position und der der anderen Junghegelianer134 hätten von Anfang an Differenzen bestanden. Marx sei politisch radikaler in seinem Demokratismus und philosophisch tiefer, d. h. weiter in die Hegelsche Philosophie eindringend, gewesen.135 Und Marx habe schon frühzeitig erkannt, dass allein mit der Weiterentwicklung der Hegelschen Gedanken und Ideen kein allumfassender Fortschritt gestaltet werden könne.136 Auch wenn Marx zur Zeit der Abfassung seiner Dissertation137 der Hegelschen Philosophie 133 Im Prinzip ist dies jenes Vorgehen, das Harich in einem Brief an Lukács umrissen hatte: »Ich würde also vorschlagen, mit dem Gropp-Aufsatz folgendermaßen zu verfahren: Wir veröffentlichen diesen Aufsatz zunächst ungekürzt und kommentarlos in der Rubrik Diskussion unseres vierten Heftes. In Heft eins, 1954, beginnen wir dann eine Diskussion unter breiter Beteiligung aller an der Sache Interessierten, angefangen von linken Sektierern bis zu bürgerlichen Philosophen (wobei sich dann sonderbare Übereinstimmungen herausstellen werden). Im Verlaufe dieser Diskussion würde ich eine ziemlich heftige Kritik an Gropp veröffentlichen und gleichzeitig versuchen, all das, was an seinen Auffassungen richtig ist, herauszuarbeiten und zu würdigen. Im weiteren Verlauf der Diskussion müssten dann auch Sie Stellung nehmen, wobei sehr wahrscheinlich ist, dass Sie einen Zweifrontenkrieg gegen rechts und links werden führen müssen.« Harich: Brief an Lukács vom 14. August 1953. 134 Das Verhältnis von Marx zu den Junghegelianern wurde in der Hegel-Debatte kontrovers diskutiert. Die Bandbreite der bezogenen Positionen verdeutlichen: Cornu: Karl Marx und Friedrich Engels. Mönke: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 239 f. Höppner: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 295 f. Hoffmann: Hegel, ein großer deutscher Denker, S. 1444 f. 135 Vgl.: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 290. 136 Vgl.: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 292. 137 In seiner Vorlesung zu antiken Philosophie setzte sich Harich ausführlich mit Demokrit, Epikur und der Doktordissertation von Marx auseinander, siehe: Band 6.1 (Philosophie- 59Der junge Marx deutlich verhaftet gewesen sei und den Materialismus als philosophisches Konzept noch nicht für sich entdeckt hatte, so sei ihm doch bewusst gewesen, dass die Idee des Fortschritts an anderen Stellen gesucht werden müsse – d. h. nicht dort, wo die Junghegelianer ihn zu finden meinten. »Und es ist für den Geist der Dissertation bezeichnend, dass Marx von allen vorhandenen Richtungen der Zeit einzig und allein die politische Partei des Fortschritts, den Liberalismus (von dem sich damals in Deutschland die radikale Demokratie noch nicht getrennt hat), als inhaltsvoll betrachtet, als diejenige Richtung, mit der die Philosophie ein Bündnis zu schließen habe.«138 Anhand von Feuerbachs Philosophie habe Marx nicht nur die Schranken der radikalen deutschen Spielart des Materialismus erkannt, sondern auch seine Kritik an Hegel fundieren können: »Mit dem Bekenntnis zu Feuerbach auf der einen, mit dem Plan der Kritik an Hegels Rechtsphilosophie auf der anderen Seite schlägt Marx seit Anfang 1842 die Richtung ein, die ihn in den folgenden Jahren mit einer unvergleichlichen Geradlinigkeit zur Begründung des dialektischen Materialismus führt. Von diesem Zeitpunkt an ist sein allseitiges Hinausgehen über die damals höchsten Resultate der deutschen Philosophie, über Hegel zum Materialismus, über Feuerbach zur Kritik der Politik und damit zur politischen Kritik an Hegel, nicht mehr aufzuhalten.«139 Der wichtigste Baustein dieser Hegelkritik bestehe darin, dass Marx als »revolutionärer Demokrat« die »konstitutionelle Monarchie und deren Rechtfertigung durch Hegel« bekämpfte.140 Untrennbar verbunden sei diesem Prozess »das Hinausgehen auch über Feuerbach«, d. h. »die Ausdehnung der materialistischen Kritik auf Hegels Gesellschaftslehre, die Erweiterung der materialistischen Welterklärung von der Natur auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge, das Weitergehen von der Religionskritik zur Kritik der Politik, die Überwindung des anthropologischen Abstraktums ›der Mensch‹ und – als die höchste weltanschauliche Frucht all dessen – die Schaffung der materialistischen Dialektik.«141 Diese Ausführungen stehen im Kontext von Harichs Feuerbach-Artikel geschichte und Geschichtsphilosophie. Vorlesungen), dort zu Demokrit S. 148–162, zu Epikur S. 389–408, in diesem Zusammenhang auch ein eigenständiges Kapitel zur Dissertation des jungen Marx, S. 396–405. Siehe auch die entsprechenden Briefe von und an Lukács. 138 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 295. 139 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 29 f. 140 Beide Zitate: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 303. Ebenfalls: S. 308 f., dort zu den »politisch-reaktionären Seiten« der Gesellschaftslehre Hegels und zu dessen weltanschaulichen Ausführungen. 141 Beide Zitate: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 304 f. 60 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács und geben die dortigen Thesen wieder.142 Analog argumentierte Lukács bereits in Der junge Hegel. Signifikant ist, dass Harich bestrebt war, die trennenden Gräben zwischen Feuerbach und Marx sehr deutlich zu benennen. In letzter Konsequenz war das der Versuch, die Differenzen zwischen beiden in den Vordergrund zu stellen, damit der Abstand zwischen Hegel und Marx nicht als quantitativ oder qualitativ größer erscheine als der zwischen Feuerbach und Marx.143 Es handelte sich also um eine implizite Aufwertung der idealistischen Philosophie. Gleichwohl aber war Harich und Lukács zu Folge der Ansatzpunkt der Aushebelung des Idealismus durch Marx ein materialistischer (Feuerbach wird in der folgenden Passage allerdings nicht genannt!): »Es ist (…) klar ersichtlich, welchen starken materialistischen Akzent gegen den Hegelschen Idealismus diese Kritik aufweist. Nachdem die unsinnige Mystik der Hegelschen idealistischen Methodologie entlarvt ist, wird nun gezeigt, dass die Kehrseite dieses Idealismus eine geradezu biologistische Apologie der Geburtsprivilegien ist, die die qualitative Besonderheit des Menschen, seine soziale Bedingtheit als ›Produkt der selbstbewussten Gattung‹, verleugnet. Doch der politische 142 Harich: Über Ludwig Feuerbach, S. 279–287. Dort zur Anthropologie, siehe: S. 285 f. Gleichlautend äußerte sich Kurt Hager. Hager: Ludwig Feuerbach, S. 669–671. 143 »Wenn also der dialektische Materialismus von Marx aller vorhergehenden Philosophie, auch der der unmittelbaren Vorgänger, – Hegel und Feuerbach – gegenüber etwas qualitativ Neues darstellt, wenn seine Entstehung eine wirkliche Revolution in der Geschichte der Philosophie, ein qualitativer Sprung ist, so kündigt sich dies bereits in der Überlegenheit an, mit der Marx – von vornherein kritisch – an Hegel sowohl wie an Feuerbach herantritt.« Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 305. Diese Argumentation lässt sich sich so auch in den Texten der Hegel-Kritiker nachweisen, am deutlichsten zeigt sich die Analogie mit Blick auf Shdanows Hegel-Verdikt. Siehe: Shdanow: Kritische Bemerkungen etc., S. 80–114. Aber die Unterschiede überwiegen: Während Shdanow die deutsche idealistische Philosophie gleich Stalin ablehnte, versuchte Harich sie aus der »Schusslinie« zu nehmen und dadurch in den Bereich der wissenschaftlichen Forschung zu überführen. Außerdem wertete er sie an verschiedenen Stellen auf, gerade mit Blick auf andere philosophische Richtungen, denen ein Vorläuferstatus für den Marxismus zugesprochen wurde. Und direkt gegen Shdanow ist die These von Harich und Lukács gerichtet, »dass der dialektische Materialismus alles andere als eine eklektische Synthese von Hegelscher Dialektik und Feuerbachschem Materialismus ist, dass vielmehr das Umstülpen, das vom Kopf auf die Füße Stellen der Hegelschen Philosophie die Dialektik als solche grundlegend und qualitativ verändert hat.« Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 308. Zur Absicherung dieser Ausführungen verwiesen Harich und Lukács auf Marx’ Nachwort zur 2. Auflage des Kapital, das in der Hegel-Debatte bei der Verteidigung der idealistischen Philosophie eine wichtige Rolle spielte. 61Der junge Marx Inhalt dieser Kritik ist (…) noch kein proletarisch-sozialistischer. Noch erfolgt die Kritik vom Standpunkt der revolutionären Demokratie und richtet sich in der Hauptsache gegen die feudal-ständischen Richtungen.«144 Einen Schwerpunkt des Aufsatzes bildet die Analyse der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Marx, die in der Hegel-Debatte von den Gropp-Kritikern oftmals gegen diesen und zu Gunsten der idealistischen Philosophie argumentativ verwendet wurden. 1844 verfasst, würden sie einen Wechsel im Denken von Marx markieren. Sein monatelanges Studium der Klassiker der englischen bürgerlichen Ökonomie145 führte, so die These, zu einer Verschiebung der Prämissen bei der Kritik von Hegels Staatsphilosophie. Marx habe damit begonnen, die Kategorien der materialistischen Dialektik auf die Probleme der Ökonomie anzuwenden. »Diese Dialektik enthüllt einerseits die Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft und damit das Geheimnis ihrer historischen Entwicklung; andererseits zeigt sie das Wesen des Sozialismus, und zwar nicht mehr als abstrakte ideale Forderung (wie bei den Utopisten), sondern als notwendiges Resultat der historischen Menschheitsentwicklung.«146 Die Hinwendung zur bürgerlichen Ökonomie habe bei Marx also dessen Überwindung des Utopischen Frühsozialismus stimuliert bzw. überhaupt erst ermöglicht. Gleichzeitig schärfte die Dialektik als materialistische Dialektik durch die Aneignung der Ökonomie ihr methodisches Profil. Außerdem konnte Marx erst auf der Basis der verarbeitenden kritischen Analyse der damals modernen ökonomischen Theorien den Stellenwert von Hegels Philosophie vollständig erkennen.147 Und nicht zuletzt markiere die ökonomische Fundierung des philosophischen Denkens von Marx den abschlie- ßenden Bruch a) mit Hegels Idealismus und b) mit »den metaphysischen Schranken Feuerbachs«.148 »Das Kriterium für die Größe und die Grenzen der ökonomischen wie der philosophischen Klassik des Bürgertums liegt nach Marx darin, ob und wieweit sie 144 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 310. 145 »Eben dies ist für Marx das Große, Bedeutende an der klassischen politischen Ökonomie: Dieses Herausarbeiten der krassen Widersprüchlichkeit des Kapitalismus als einer Gesetzmäßigkeit. Die Grenze der klassischen Ökonomie erblickt Marx darin, dass sie diese Gesetze der entfremdeten Arbeit nicht als das, was sie sind, versteht, also auch weder eine historische, noch eine begriffliche Ableitung ihrer Kategorien zu geben vermag; sie nimmt sie ganz einfach als gegeben hin.« Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 335. 146 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 331. 147 Vgl.: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 331. 148 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 336. 62 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács die Widersprüche (der kapitalistischen Gesellschaft, A. H.) offen (…) zum Ausdruck bringen, oder ob sie diesen Widersprüchen auszuweichen bestrebt sind. (…) Damit wird das Fundament zu einer materialistisch-dialektischen Kritik an den unmittelbaren Vorläufern des historischen Materialismus gelegt, einer Kritik, die Wahrheitsgehalt und Irrtum in den Theorien der Vorgänger scharf unterscheidet und gleichzeitig beide Momente, sie aus der Dialektik ihrer historisch-gesellschaftlichen Grundlagen ableitend, erklärt.«149 Bedeutsam an diesen Ausführungen war sicherlich, dass Lukács und Harich die ökonomischen Passagen in Hegels Philosophie betonten. In der Hegel-Debatte folgten mehrere Wissenschaftler dieser Überlegung.150 Lukács hatte schon in Der junge Hegel in diesem Sinn die ökonomischen Seiten der Hegelschen Philosophie positiv würdigend hervorgehoben.151 (Und Harich hat genau diesen Punkt immer wieder herausgestellt, siehe die Texte dieses und des 5. Bandes.) Marx habe, so ihre – direkt gegen Gropp gerichtete – These, Hegel zugebilligt, »dass dieser auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomie stehe«.152 Doch diese Bejahung des »ökonomischen Hegel« führte Marx weder zu einer apologetischen Aneignung dieses philosophischen Tatbestandes – noch zu einem rein kritischen Umgang.153 Vielmehr machte Marx zwei Fehler bei Hegel aus. »Erstens verwechselt Hegel die unmenschliche Entfremdung im Kapitalismus mit der Gegenständlichkeit überhaupt und will in idealistischer Weise diese statt jener 149 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 332. 150 Exemplarisch siehe: Behrens: Zur Entwicklung der politischen Ökonomie beim jungen Marx. Kuczynski: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 315–318. Gropps Konzept verteidigend: Höppner: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 294. 151 Lukács: Der junge Hegel, S. 208–220, 389–458. Fritz Behrens bezog sich daher in seinen Ausführungen berechtigt auf Lukács. Behrens: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 896–903.  152 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 332, auch S. 335 f. 153 »Marx erkennt, wie gesagt, als das Große, Bedeutende an Hegel an, dass er auf der Höhe der klassischen Ökonomie steht und den Menschen als das Resultat seiner eigenen Arbeit, mithin die Arbeit als Selbsterzeugungsprozess des Menschen begreift. Aber, fügt Marx hinzu, Hegel sieht an der Arbeit nur deren positive Seite, er hat keinerlei Einsicht in die negativen Seiten der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. Aus diesem Grund entstehen bei ihm philosophisch falsche Trennungen und falsche Vereinigungen, idealistische Mystifikationen (…).« Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 336. 63Der junge Marx aufheben.«154 Hegels Philosophie habe also die falsche Zielperspektive – eine Erkenntnis, zu der Marx auf der Basis seines »neuen proletarischen Klassenstandpunktes« gekommen sei.155 Harich und Lukács, die auf den Nachweis dieser These über vier Seiten verwendeten, setzten also den aus dem Idealismus entspringenden Mystifikationen Hegels den dialektischen Materialismus als »Instrument« des Proletariats gegenüber.156 »Der zweite, von Marx kritisierte Fehler Hegels (…) liegt darin, dass Hegel in der Negation der Negation die Entfremdung aufzuheben meint, sie in Wirklichkeit aber bestätigt. Darin kommt der falsche Positivismus Hegels, sein nur scheinbarer Kritizismus zum Ausdruck (…).«157 Da Hegel als Teil der bürgerlichen Welt deren Grenzen und Determinationsmechanismen nicht erkannt habe, scheitere auch sein Versuch, die Probleme der bürgerlichen Gesellschaft, sofern er sie von seinem Klassenstandpunkt aus überhaupt wahrnahm (der Marxismus billigte ihm dabei neben Goethe noch die höchsten Kompetenzen der Vertreter der bürgerlichen Welt zu, siehe die entsprechenden Wortmeldungen von Lukács, Harich, Johannes R. Becher, Paul Rilla, Bloch, Alexander Abusch, Wilhelm Girnus, Hans Mayer), zu lösen. Ähnliches gelte auch für den Materialismus Feuerbachs, d. h. auch dieser sei mit seinem radikalen materialistischen Ansatz trotzdem Teil der bürgerlichen Denkwelt.158 Eine kurze Aufzählung kann verdeutlichen, in welchen Etappen sich Harich und Lukács die Genese des Ideengebäudes von Marx vorstellten, wobei vor allem der Blick auf Hegel entscheidend ist:159 • Um 1840/41, zur Zeit seiner Dissertation, sei Marx noch kein Materialist gewesen, »seine Weltanschauung ist zu dieser Zeit ein radikalisierter, atheistischer Pantheismus, mit unvermeidlich objektiv-idealistischen Zügen«. (S. 292) Allerdings habe er den Materialismus auch nicht abgelehnt. • 1842 las Marx Feuerbachs Wesen des Christentums, Er habe »die Bedeutung dieses Werkes (…) sogleich erkannt«. (S. 296) • Von diesem Punkt führte ihn mit »unvergleichlicher Geradlinigkeit« ein Weg »zur Begründung des dialektischen Materialismus«. (S. 296) 154 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 336. 155 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 337. 156 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 338 f. 157 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 339. 158 Siehe: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 341. 159 Die folgende Aufzählung nach: Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx. Seitenzahlen in Klammern im laufenden Text. 64 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács • Beginn seiner Kritik an den Linkshegelianern. (S. 297–300) • Es folgte die Kritik der Hegelschen Staats- und Rechtsphilosophie, die Kritik an Feuerbach schloss sich an. Beide ergänzten sich gegenseitig. (S. 302–314) • Die Deutsch-Französischen Jahrbücher »spiegeln die wachsende Erkenntnis der Bedeutung des revolutionären Kampfes der Volksmassen wider – bis zur schließlichen klaren Orientierung aufs Proletariat«. (S. 314) Sie markieren den »Wechsel des Klassenstandpunktes«. (S. 320) • Der Weg ging von der revolutionären Demokratie zum proletarischen Sozialismus. (S. 314–319) • Kenntnisnahme und Überwindung des Utopischen Frühsozialismus und der französischen Historiker.160 (S. 318 f.) • Die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte Marx’ erbrachten die Aneignung der englischen bürgerlichen Ökonomie. (S. 331) • Die Dialektik wurde dadurch zur materialistischen Dialektik. (S. 331 f.) • Radikaler Bruch mit Hegel (idealistisch) und Feuerbach (metaphysisch). (S. 332, 335 f.) • Die »endgültige Überwindung und materialistische Aufhebung der Hegelschen Dialektik« führte Marx zur bewussten proletarisch-sozialistischen Revolution. (S. 343) An dieser Aufzählung war vor allem ein Punkt für die Hegel-Debatte von Bedeutung. Der dialektische Materialismus habe sich bei Marx und Engels herausgebildet, bevor diese alle Kriterien und philosophischen Erkenntnisse besaßen, um den Idealismus Hegels endgültig zu überwinden (im Sinne des angesprochenen radikalen Bruchs) und die metaphysischen Schranken des Materialismus Feuerbachs vollständig zu erkennen. Damit wäre dann die idealistische Philosophie in den dialektischen Materialismus eingegangen – und zwar über die im marxistischen Lager (bis auf bei Gropp und den Stalin-Apologeten) anerkannte Vorläuferrolle Hegels hinaus. Daneben ist ein weiterer intellektueller Schachzug von Harich und Lukács festzustellen. Der zeitgleich erscheinende Artikel von Gropp setzte einseitig auf die Kritik, die Marx an Hegel übte. Einige der Kritiker Gropps argumentierten daher, dass diese Kritik nicht allumfassend gewesen sei und versuchten so, Reste der Hegelschen Philosophie zu 160 Harich hat sich mehrfach zu den Quellen des Marxismus, zur Ökonomie, zum Utopischen Sozialismus, zur materialistischen und idealistischen Philosophie (Hegel) und zu den französischen Historikern des 19. Jahrhunderts – François Pierre Guillaume Guizot, François-Auguste Mignet, Louis Adolphe Thiers, Jacques Nicolas Augustin Thierry – ge- äußert. Exemplarisch zu studieren in seinen Vorlesungsmanuskripten (Band 6). 65Die fünfziger Jahre bewahren. Sie versuchten also die Idee durchzusetzen, dass alles, was Marx nicht kritisierte, erhaltenswert sei. Harich und Lukács gingen einen anderen Weg. Denn sie gestanden die Auseinandersetzung Marx’ mit Hegel ein, zogen aber die zu Gropps Hegel-Verdammung entgegengesetzten Konsequenzen: »Marx vermag die Größe Hegels gerade deswegen zu würdigen, vermag dessen Errungenschaften gerade deswegen fruchtbar zu machen, weil er mit dem Hegelschen Idealismus den radikalsten Bruch – weit über Feuerbach hinaus, auch dessen idealistische Reste noch überwindend – vollzieht. Gerade durch die schonungslose Kritik an den idealistischen Verzerrungen der Dialektik wird das Große an Hegel sichtbar.«161 Dadurch, dass Marx Hegel kritisierte, habe er diesen als Philosophen voll anerkannt. Pointierter konnte man Gropp kaum widersprechen. 6. Die fünfziger Jahre Wie gesehen, stand die Goethe-Episode der freundschaftlichen Annäherung von Harich und Lukács nicht im Weg. Spätestens ab 1952/1953, als Harich für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie verantwortlich war und sich im Aufbau-Verlag um die Werke Lukács’ kümmerte,162 ist eine überaus hohe intellektuelle Übereinstimmung zwischen beiden zu erkennen, die auch die hier abgedruckten Gutachten, Briefe, Verteidigungsschriften etc. Harichs deutlich aufzeigen. Schon 1952 intervenierte er gegen die Kritik an Lukács’ Existentialismus oder Marxismus? von Klaus Schrickel, die in der Einheit, der offiziellen theoretischen Zeitschrift der SED, erschienen war.163 Im gleichen Jahr setzte er sich in seiner Hegel-Denkschrift sowie den beiden dazugehörigen Anlagen (am schärfsten in Über die Methoden des Genossen Ernst Hoffmann) ebenfalls für Lukács an höchster Stelle ein und argumentierte gegen dessen Kritiker (in diesem Fall zuvorderst Ernst Hoffmann sowie Kurt Hager).164 In Mein Weg zu Lukács hat Harich rückblickend vor allem dessen Der junge Hegel als »Bekehrung« bezeichnet. An dieser Selbsteinschätzung kann kein Zweifel bestehen. 161 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 340. 162 Hierzu: Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, S. 208– 243. Heyer: Zur inhaltlichen Ausrichtung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Zeichen des Neuen Kurses der SED, S. 551–554. 163 Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács. 164 Die entsprechenden Texte druckt der Band: Harich: An der ideologischen Front, S. 121–159. 66 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Lukács’ Verständnis der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus wurde für Harich prägend. Klar erkennbar wird dies sicherlich im Zusammenhang mit seiner Vorlesung zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel.165 Die Veranstaltung fand 1951/1952 in einer Zeit statt, in der die »heiße Phase« der Hegel-Debatte ihre Schatten bereits voraus warf. Lukács’ Der junge Hegel konnte in der DDR nicht erscheinen. Zwei Jahre später, Ende 1953, unternahm Harich dann einen erneuten Versuch, die Veröffentlichung des Werkes im Aufbau-Verlag zu ermöglichen. (Abdruck des Gutachtens in diesem Buch.) Mit seiner Hegel-Vorlesung geriet Harich in die Kritik der SED, die Vorwürfe gegen ihn gipfelten in einem Parteiverfahren.166 Der Grund für diese restriktive Haltung der Partei war a) die Aufwertung der Philosophie Hegels, die Harich in seiner Vorlesung unternahm, und b) die Tatsache, dass er sich dabei auf Lukács stützte bzw. sogar überaus ersichtlich dessen Hegel-Konzeption positivierte167 – was naturgemäß auf diesem Feld die direkte und die indirekte Kritik an dem mysteriös durch die DDR-Philosophie geisternden Stalin-Shdanowschen Hegel-Verdikt einschloss.168 Und letzteres hatte – mit der Formel von der vermeintlichen »aristokratischen Reaktion« auf Materialismus und Revolution, denn das sollte die Philosophie Hegels beziehungsweise des deutschen Idealismus sein – fast schon philosophische Gesetzeskraft. Kurt Hager persönlich rügte beispielsweise an Ernst Blochs Hegel-Buch (Subjekt-Objekt), dass dieses Stalins Urteil nicht berücksichtige bzw. sogar konterkariere. Bloch erkundigte sich daraufhin bei Erich Wendt, wo er die entsprechenden Passagen nachlesen könne.169 Da es sie, direkt von Stalin, ja gar nicht gab, blieb die Suche erfolglos.170 Wer 165 Ediert in: Harich: An der ideologischen Front, S. 437–713. Dort auch die Einleitung von Heyer: Harichs Hegel-Vorlesung, S. 431–436. 166 Aufgearbeitet bei: Amberger/Heyer: Der konstruierte Dissident. Auch: Amberger: Harich und eine philosophische Kontroverse in der DDR, S. 25. 167 Siehe hierzu die entsprechenden Ausführungen von Camilla Warnke: Das Problem Hegel ist längst gelöst, S. 194–221. 168 Grundlegend: Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80–114. Shdanow war der Schwiegersohn Stalins. 169 Bloch: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1951. Auch: Wendt: Brief an Bloch vom 29. Juni 1951, beide, S. 39–41.  170 In der Hegel-Denkschrift notierte Harich: »Das Buch des Professors Bloch Subjekt-Objekt, das Hegelbuch eines bedeutenden und bewährten antifaschistischen Schriftstellers, der sich seit Jahrzehnten mit ganzem Herzen zu unserer Sache bekennt, konnte wegen aller möglichen ›Bedenken‹ der Abteilung Propaganda des ZK der Partei fast zwei Jahre lang 67Die fünfziger Jahre genauer hinschaute, Harich, Lukács und Bloch verwiesen darauf, der fand aber Stalins gegenteilige Aussagen in Anarchismus oder Sozialismus? – was den parteioffiziellen Hegel-Tötern durchaus Kopfschmerzen bereitete. Nicht zuletzt, da sich aus den Werken von Marx und Engels ebenso zahlreiche Stellen »pro Hegel« anführen ließen. Die Hegel-Debatte erhielt in diesen Tagen von der Partei der Arbeiterklasse ihre absurde Dimension gratis dazu. Die Kritik der SED an Harich sollte, daran kann kein Zweifel bestehen, auch Lukács (und ebenso Bloch) treffen. Als er 1956 die Vorlesung wiederholte, gab er seinen Studenten den Hinweis: »Früher habe ich Lukács breit wiedergegeben. Jetzt Mittelpunkt: Hegels System, der alte Hegel. Empfehlung, das Buch zu lesen.«171 Natürlich war das nur die halbe Wahrheit. In der überarbeiteten Version seiner Vorlesung verzichtete Harich – einige Jahre nach den Querelen mit der Partei – tatsächlich auf verschiedene direkte Verweise auf Lukács. Und dennoch prägte dieser Harichs Ansatz weiter – Form, Struktur, Quellenauswahl und vieles andere blieben Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der beiden. Und die Grundlage seiner neuerlichen Hegel-Vorlesung war in weiten Teilen das Manuskript von 1951/1952. Mit den Worten Harichs aus Mein Weg zu Lukács: »Da ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Universitätsdienst stehe, kann ich es mir heute leisten, einzugestehen, dass ich damals aus der Oprecht-Ausgabe (die Züricher Ausgabe von 1948 des Jungen Hegel, AH) herausgetrennte Seiten in mein Vorlesungsmanuskript gelegt und sie an passender Stelle wörtlich, unverändert vorgelesen habe, die Studenten glaubend machend, dies sei von mir. Hochstapelei? Sicher, aber die Identifikation war vollkommen, und besser konnte ich das, was zu sagen war, mit eigenen Worten nicht vorbringen.« nicht veröffentlicht werden und musste beim Aufbau-Verlag ›auf Eis liegen‹.« Harich: Hegel-Denkschrift, S. 128. 171 Harich: Hegel-Vorlesung, § 4: Die Tübinger Fragmente, S. 489. Lukács und Anna Seghers bei der Tagung des Weltfriedensrates, 1952 68 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Aber Harich war kein reiner Lukács-Apologet. Das würde beiden Philosophen kaum gerecht werden. Im Prinzip lässt sich erkennen, dass Harich aus Lukács’ Werken die Anregungen empfing, die Art zu denken, nicht aber die Inhalte selbst – die Analyse und Interpretation der Hegelschen Philosophie bilden dabei die Ausnahme, verbanden aber nicht nur Harich, Lukács und Bloch, sondern waren gleichsam ein Konsens der philosophischen Intelligenz abseits der Parteilinie, der auch von Fritz Behrens, Werner Krauss, Jürgen Kuczynski, Auguste Cornu u. a. mitgetragen wurde. Bei der Lektüre der Schriften Lukács’ eignete sich Harich die Methode an, um den marxistischen Zugriff auf die Kulturleistungen der Vergangenheit präzise und konsequent durchdacht durchführen zu können. In der Festschrift für Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag (Abdruck in diesem Band) schrieb Harich in diesem Sinn in seinem Beitrag: »Sie gehen, wie mir scheint, von der Erkenntnis aus, dass es auf unserer Bildungsstufe des sozialistischen Bewusstseins zunächst einmal darauf ankommt, in zentralen Einzelproblemen gründlich zu sein, statt gleich ein Panorama des Ganzen auszubreiten (…). Ihnen selbst ist indessen das Ganze stets gegenwärtig, und so sind Ihre Bemerkungen in Klammern doch mehr als bloße Warnschilder; für Ihre Schüler sind es, so behaupte ich, Wegweiser, denen sie zu folgen, Orientierungspunkte, nach denen sie sich zu richten haben werden, wenn sie das gewaltige Bildungsgut, das mit Ihrem Namen unlöslich verknüpft ist, fortschreitend explizit machen wollen.«172 Wichtig ist zudem noch hervorzuheben, dass Lukács und Harich voneinander partizipierten – sie diskutierten miteinander, wovon, um nur ein Beispiel zu nennen, Harichs punktuelle kritische Weiterentwicklung von Die Zerstörung der Vernunft Zeugnis ablegt. Intellektuell gipfelte die Zusammenarbeit dann sicherlich in dem gemeinsam verfassten Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, 1840–1844 – der gerade analysiert wurde. Kehren wir noch einmal zur Lukács-Festschrift zurück. In seinem Beitrag zeigte Harich am Beispiel seiner Dissertation zu Herder (und anderer Arbeiten zu Herder und Rudolf Haym, siehe die Bände 4 und 1.2) auf, in welcher Weise der ungarische Philosoph ihn beeinflusst und wie er selbst eben diese »Anleitung« wahrgenommen sowie in philosophische Praxis umgesetzt habe: 172 Harich: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag. Weiter heißt es dann: »Ich will das an einigen Arbeiten, die ich selbst in den vergangenen Jahren vorlegen konnte, erläutern. An Fehlern, die mir darin unterlaufen sein mögen, sind Sie natürlich unschuldig, aber für das, was in diesen Arbeiten wertvoll sein mag, sind Sie in erster Linie verantwortlich zu machen, da es sich im Grunde dabei nur um Versuche handelt, hinweisartige Bemerkungen aus Ihren Büchern zu konkretisieren.« 69Die fünfziger Jahre »Mancher Genosse rechnet es mir als Verdienst an, dass ich damit eine Lücke ausgefüllt hätte, ein Thema erörternd, das von Ihnen nicht behandelt worden sei. Stimmt das wirklich? Gewiss: Sie haben niemals ein Buch oder einen Aufsatz über Herder verfasst. Aber Ihre Polemik gegen die Konstruktion einer deutschen Präromantik im 18. Jahrhundert, ferner die Ausführungen, die Sie in Ihrem Werther-Essay über die inneren Widersprüche der Aufklärung und über den deutschen Rousseauismus machen, sodann Ihre Bemerkungen über die Problematik des Kampfes, den der alte Herder gegen die Weimarer Klassik führte, und schließlich die auf Herders Geschichtsphilosophie bezüglichen Stellen im Jungen Hegel fügen sich, wie ich glaube, genau zu dem zusammen, was ich nicht erst zu entdecken, sondern, diesen Fingerzeigen folgend, nur näher auszuführen und mit konkreten Belegen zu versehen brauchte. Es waren Ihre Hinweise, diese ganz knappen, beiläufigen Andeutungen, die mir in dem uferlosen und widerspruchsvollen Schaffen des genialischen Superintendenten von Weimar das Wesentliche markiert und mich zugleich auf die zentralen Fehler seiner bürgerlichen Interpreten aufmerksam gemacht hatten. So hatte ich während der Arbeit auch stets das Gefühl, im Grunde nichts anderes zu tun, als das Herderbild von Lukács zu reproduzieren.«173 Dieser Aussage Harichs kann ein weiteres Zitat ergänzend zur Seite gestellt werden. In seiner Vorbemerkung des Herausgebers zu Herders Zur Philosophie der Geschichte schrieb er im November 1951: »Ich möchte nicht versäumen zu erwähnen, dass ich wesentliche Einsichten über die deutsche Aufklärung, von denen ich mich bei der Auswahl der Texte leiten ließ, den Werken von Georg Lukács verdanke, der sich mit seiner Interpretation des deutschen klassischen Kulturerbes und namentlich bei der Zertrümmerung reaktionärer Legenden unvergängliche Verdienste erworben hat. Erst durch die Hinweise in seinen Büchern Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur, Goethe und seine Zeit und Der junge Hegel ist mir die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der Herder-Verfälschung der reaktionären bürgerlichen Geisteswissenschaft bewusst geworden.«174 All die gerade wiedergegebenen Aussagen Harichs waren immer auch Statement und Positionierung. Jeder Fetzen Papier, jede Rede, jeder Brief wurde von den genannten Intellektuellen der DDR genutzt, um Hegel aus der Umklammerung von Stalin, Shdanow und der SED zu befreien. An der Berliner HU, im Aufbau-Verlag und in der 173 Harich: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag. 174 Harich: Vorbemerkung des Herausgebers, S. 5 f. 70 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Deutschen Zeitschrift für Philosophie hat Harich diese Debatte federführend miterlebt und mitgestaltet. Lukács stand ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite. Harich und Lukács einte eine zentrale Überlegung: Der Marxismus sei keineswegs abgeschlossen und endgültig fertig. Ganz im Gegenteil: Zu einer umfassenden Philosophie müsse er erst noch ausgebaut, entwickelt werden. Die meisten der philosophischen Diskussionen der fünfziger Jahre kreisten ja eben genau um diese Probleme: Wie ist Hegel zu verorten? Wo ist die marxistische Erkenntnistheorie? Wie kann eine marxistische Ästhetik aussehen, mit welchen Inhalten gefüllt werden? Im Vademekum hatte Harich diese Fragen 1956 angesprochen, wir kommen gleich darauf zurück. In seinen Vorlesungen zur Entwicklung der deutschen Philosophie von Leibniz bis zur Auflösung der klassischen idealistischen Philosophie skizzierte Harich im Wintersemester 1953/1954 die »Hauptprobleme der klassischen deutschen Philosophie« wie folgt:175 (a) Das Problem der Religion. (b) Das Erkenntnisproblem. (c) Logische Probleme. (d) Die Naturanschauung. (e) Die gesellschaftlichen und historischen Anschauungen. (f ) Die Ethik. (g) Die Ästhetik. Bis auf die Auseinandersetzung mit der Religion ist dies eben jenes Programm, das Harich und Lukács in all ihren Arbeiten verfolgten: Die Versuche der Generierung einer marxistischen Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie und Ontologie. Auch Bloch wäre sicherlich in diesem Kontext zu nennen, da er analoge Absichten verfolgte (die in seinem Fall die direkte Religionsrezeption einschlossen). Während Lukács sich vor allem um die Ästhetik und die Ontologie bemühte, arbeitete Harich in den Jahren nach seiner Haftentlassung – neben vielen anderen Dingen – am intensivsten zum Problem der Erkenntnistheorie, d. h. zum Ausgleich von Logik und Dialektik. Es entstanden verschiedene umfangreiche Studien, die alle erst posthum ediert werden konnten – u. a. die Manuskripte zu Leben und Werk Nicolai Hartmanns, der bedeutende Text Widerspruch und Widerstreit aus den späten sechziger Jahren. 175 Harich: Vorlesungen zur Entwicklung der deutschen Philosophie von Leibniz bis zur Auflösung der klassischen idealistischen Philosophie, S. 488. 711956 – Der große Umbruch 7. 1956 – Der große Umbruch Das Jahr 1956 war eine Zäsur in der Geschichte des Sozialismus und Marxismus und brachte mit seinen Ereignissen tiefe Einschnitte in die Biographie von so manchem Intellektuellen. In der DDR versuchten Partei und Staatssicherheit die vielfältigen Diskussionen in den einzelnen Wissenschaften, die die Dynamik des intellektuellen Aufschwungs der DDR verbürgt hatten (vor allem in der Philosophie), ein- für allemal zu unterbinden. Es sollte sie nicht mehr geben, sondern ausschließlich den Parteidogmatismus. Für 1956 wurde daher ein ausführliches Konzept entwickelt, wie das akademische Leben zu gestalten sei, um die notwendige Konformität herzustellen. Jede Konferenz, jeder Vortrag, jeder Redner war detailliert erfasst und schon im Vorfeld genehmigt oder abgelehnt.176 Der Geschichte freilich war es egal, was die Stasi sich ausgedacht hatte: Sie konterkarierte schon immer jedwede menschliche Idee ihrer Planbarkeit. Von Chruschtschows Stalin-Rede bis zum ungarischen Aufstand setzte sie, wie es ihrem Wesen entspricht, auf die Unberechenbarkeit des Seins – auch wenn dies sehr metaphysisch klingt. a) Die historische Situation in Ungarn Das Jahr 1956 begann im sozialistischen Lager mit einem echten Paukenschlag.177 Vom 14. bis 25. Februar fand der XX. Parteitag der KPdSU statt, auf dem Chruschtschow am letzten Tag ab 10 Uhr vormittags hinter verschlossenen Türen die radikale Abrechnung mit Stalin suchte. Über Monate hinweg war das entsprechende Material zusammengetragen worden und der vor Entsetzen gelähmte Saal erfuhr nun von den Verbrechen des Diktators. Die Lektüre der Rede zeigt, dass es Chruschtschow gerade nicht um den Beginn einer innerparteilichen oder gar öffentlichen Diskussion der Prinzipien der real existierenden sozialistischen Staaten bzw. der Sowjetunion ging. Vielmehr zielte sie fast ausschließlich darauf, die Fehlentwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte, salopp formuliert, Stalin anzulasten und damit gerade der Diskussion zu entziehen. »Nach dem Tode Stalins begann das ZK der Partei, exakt und konsequent eine Politik durchzuführen, die darin bestand nachzuweisen, dass es unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus fremd ist, eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermenschen mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu 176 Hierzu die entsprechenden Passagen in: Herzberg: Anpassung und Aufbegehren. 177 Verschiedene der Passagen dieses Kapitels sind ausführlich im Kontext entwickelt in dem Aufsatz: Heyer: Wolfgang Harichs Demokratiekonzeption aus dem Jahr 1956, S. 529–550. 72 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács verwandeln.«178 Die Abrechnung rüttelte am Weltbild und Selbstverständnis vieler Marxisten und Kommunisten im gesamten Ostblock. Die CIA versuchte, irgendwie Kenntnis von der Rede zu erhalten – was schließlich auch gelang. Parallel veröffentlichte die Sowjetunion selbst Teile des Referats. In der DDR war der Text über die Westberliner Zeitungskioske erhältlich. Im Ostblock wertete man die Kritik an Stalin als Beginn einer Neubestimmung der real existierenden sozialistischen Verhältnisse. Stanislav Sikora schrieb einleitend in seine Darstellung der ungarischen und tschechoslowakischen Umbrüche als Reaktion auf die Stalin-Kritik des Parteitags der KPdSU: »Die Beschlüsse dieses Parteitages weckten in den Ländern Mittel- und Südosteuropas – auch wenn sie keine direkte Systemkritik des totalitären Sozialismus mit sich brachten – Hoffnungen auf seine Humanisierung und Liberalisierung in der Praxis.«179 Aufruf zu Reformen und Veränderungen, Versprechen auf Hoffnung und Verbesserung. Doch diese Einschätzung der verschiedenen oppositionellen und reformorientierten Gruppierungen war völlig falsch. Denn Chruschtschow hatte Stalin für alle Fehlentwicklungen des Sozialismus verantwortlich gemacht. Woraus sich der Schluss ziehen ließ, dass durch Stalins Tod gerade keine Reformen mehr notwendig seien. Der König ist tot, lang lebe der König! In Ungarn und Polen kam es zu den heute noch bekannten Unruhen und Auseinandersetzungen. Wer einmal Ungarn besucht hat, der weiß, wie patriotisch aufgeladen die Erinnerung an den Aufstand von 1956 ist, wie sehr dieser zum ungarischen Nationalbewusstsein gehört. (Der Autor dieser Zeilen war, zufällig, 2006 während der offiziellen Gedenkveranstaltungen in Budapest.) Georg Lukács war Teil der revolutionären Regierung in Budapest und wurde nach der Machtübernahme durch die Sowjets für kurze Zeit verhaftet und interniert. Den ungarischen Ereignissen soll kurz unser Interesse gelten, da Lukács in ihnen als Treibender und Getriebener agierte. »Der nachhaltige Einfluss, den Lukács mit seinen Büchern ein Jahrzehnt lang in der SBZ und frühen DDR ausgeübt hatte, hat zweifellos dazu beigetragen, dass der ungarische Petöfi-Klub für viele zu einem Symbol der gesellschaftlichen Erneuerungswünsche und für die Parteiführung der SED zur Inkarnation aller drohenden politischen und ideologischen Aufweichungs-Gefahren wurde. Der ursprünglich als Diskussionsforum junger Intellektueller unter der Leitung des 178 Chruschtschow: Über den Personenkult und seine Folgen, S. 8. 179 Sikora: Die Wirkung der ungarischen Ereignisse etc., S. 73. 731956 – Der große Umbruch Jugendverbandes gegründete Petöfi-Klub war seit Mai 1956 zu einem Zentrum anti stalinistischer Opposition geworden.«180 Norbert Kapferer beschrieb die Situation wie folgt: »Nach dem Tode Stalins setzten sich in dem besonders rigiden, stalinistisch geprägten Regime in Ungarn gewisse Auflockerungstendenzen durch. Im selben Jahr wurde der Reformer Imre Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt. Der von Nagy verfolgte Kurs eines ungarischen Weges zum Sozialismus scheiterte aber schon zwei Jahre später am Widerstand der Altstalinisten in der Kommunistischen Partei Ungarns. Die Spannungen zwischen Reformern und Konservativen verschärften sich in der Gefolgschaft des XX. Parteitags der KPdSU und ermunterten gleichzeitig viele ungarische Intellektuelle zur kritischen Stellungnahme. Lukács nahm mit einer im März 1956 gegründeten oppositionellen Gruppierung von Intellektuellen und Schriftstellern, dem so genannten Petöfi-Kreis, Kontakt auf. Hier, in diesem Kreis, begann Lukács dann auch erstmals seine kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus.«181 Erinnert wurde mit dem Namen an den ungarischen Revolutionsdichter Sándor Petöfi. Lukács nahm in der Gruppierung eine wichtige Rolle ein: »Er leitete die philosophischen Diskussionen, hielt einige Vorträge, mit denen er zum ersten Mal öffentlich in die Debatten eingriff, die der XX. Parteitag der KPdSU auslöste, unter anderem mit den Text Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, der wiederum in der DDR zuerst gedruckt wurde.«182 Am 28. Oktober – mitten im ungarischen Chaos – hielt Lukács eine Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, in der er, die damaligen Unruhen fokussierend, ausführte, dass er selber bereits seit Jahren ein Kritiker der ungarischen Politik sei: »Diese berechtigte Unzufriedenheit entstand durch den undemokratischen Charakter der Politik, wegen der Vernachlässigung der nationalen Unabhängigkeit, der nationalen Traditionen und der nationalen Eigenart. Daher halte ich es auch für verständlich und gerechtfertigt, dass die Unzufriedenheit der Jugend so offen zu Tage trat. Die berechtigte Unzu- 180 Schiller: Der Donnerstagskreis, S. 9 f. 181 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 144 f. 182 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. Imre Nagy 74 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács friedenheit nahm bedauerlicherweise Formen an, die zahlreiche Opfer forderte und ein Betätigungsfeld für die in unserem Land noch immer vorhandenen revolutionären Strömungen bot. Eine solche Feststellung darf jedoch die Tatsache nicht schmälern, dass der überwiegende Teil der Forderungen der Jugend nach demokratischer und nationaler Unabhängigkeit berechtigt war und dass er verwirklicht werden muss.«183 Lukács nahm sich in die Pflicht, die Umsetzung der Forderungen in die direkte Politik philosophisch zu flankieren: »Die Hauptaufgabe der neuen Regierung wird es sein, ein solches demokratisches und nationales Programm auszuarbeiten und durchzuführen. Aus den schrecklichen Beispielen der letzten Tage muss jedermann die Lehre ziehen. Die drängendsten Lehren sind: Unser staatliches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Leben im Geiste einer wahren Demokratie neu zu formen. Ein solcher wahrer Demokratismus ist in der Lage, alle Überreste des Stalinismus zu beseitigen. Der Aufbau einer demokratischen Freiheit, der Selbstbestimmungsgewalt des Volkes in jeder Richtung ist die wirkliche Grundlage, den ungarischen Weg des Sozialismus zu finden und den ungarischen Weg zum Sozialismus überall erfolgreich zu verwirklichen.«184 Lukács blieb aber nicht bei den philosophischen Debatten stehen, sondern engagierte sich direkt politisch, versuchte die Forderungen des Klubs »nach individuellen Freiheiten, Wiederzulassung verschiedener politischer Parteien, freien Wahlen und nach der Abschaffung der Geheimpolizei«185 in staats- und gesellschaftstragende Richtlinien umzusetzen: »Im Oktober 1956 tritt er als Volksbildungsminister in die Regierung Nagy ein, ist nach genau 37 Jahren zum zweiten Mal in diesem Amt – das ihn wieder außer Landes treibt. Obwohl Lukács am Vorabend der sowjetischen Intervention aus der Regierung Nagy zurückgetreten war, weil er den offiziell erklärten Austritt aus dem Warschauer Paktsystem als verhängnisvoll verurteilte, wird er von den Sowjets mit Imre Nagy und anderen Politikern verhaftet und nach Rumänien deportiert. Nagy wird ermordet, Lukács kehrt im April 1957 nach Budapest zurück – nun ein aus allen Ämtern und Würden gejagter, sogar aus der Partei ausgeschlossener Privatgelehrter.«186 Erst 1969 wurde er wieder in die Kommunistische Partei Ungarns aufgenommen, in Ost-Berlin wertete Harich dies dann einige Jahre später als Zeichen dafür, dass Lukács 183 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 184 Lukács: Radio-Botschaft an die ungarische Jugend, S. 641. 185 Amos: Politik und Organisation der SED-Zentrale, S. 454. 186 Raddatz: Georg Lukács, S. 105. 751956 – Der große Umbruch auch in der DDR zu rehabilitieren und wieder in seine Funktion als philosophische Autorität einzusetzen sei. Doch er konnte sich mit dieser Position kaum durchsetzen. Lukács war und blieb in der DDR eine überaus unerwünschte Person, deren Namen man am besten noch nicht einmal nennen wollte. Erst in den späten siebziger und achtziger Jahren änderte sich dies etwas – wir werden an anderer Stelle darauf zurückkommen. (Die entsprechenden Texte und Dokumente, Briefe und Eingaben des unermüdlichen Kampfes, den Harich in diesen Jahren für Lukács in der DDR führte, werden im II. Teil dieses Bandes vorgestellt – inklusive des zentralen Aufsatzes Mehr Respekt vor Lukács!) In einem Brief an Kurt Hager vom 5. November 1986 (Abdruck in diesem Band) schrieb Harich: »Bei den Lukács- und Bloch-Jubiläen 1985 habe ich mich bewusst sehr zurückgehalten. Mein Taktgefühl verbot mir, den Eindruck zu erwecken, dass nun auch ich den Zeitpunkt für ein volles ›Come back‹ für herangereift hielte. Meine Zurückhaltung fiel mir aber, offen gesagt, schwer, als ich feststellen musste, dass einerseits Lukács mit allzu viel – oft inkompetenter – Mäkelei und Besserwisserei bedacht wurde und sich andererseits bei uns Leute zu Wort meldeten, die Bloch vor Lukács den Vorzug geben. Mein Befremden wuchs angesichts der DDR-Ausgabe von Lukács’ Schrift Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik, Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag), 1985. Ein anmaßendes Nachwort darin, verfasst von Michael Franz, kritisiert Lukács von rechts und versteigt sich sogar dazu, Adorno gegen Lukács recht zu geben. Das war für mich das Signal, aus meiner Reserve herauszutreten und mich mit einer entsprechenden Beschwerde an den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke zu wenden.« Hier geht es nun noch darum, die ungarischen Ereignisse verlassend, ein Kuriosum zu erwähnen, dass sich in dieser Zeit sogar zwei Mal zutrug – für ein Kuriosum ein seltener Fall. 1955 hatten, zu ihrem 70. Geburtstag, sowohl Lukács als auch Bloch in der DDR eine Festschrift bekommen (Bloch zudem einen Auswahl-Band). Geehrt wurden, mit vielen offiziellen Stimmen und zusätzlichen Preisen, die damals bekanntesten marxisti- Die Schmähschrift 76 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács schen Philosophen. (Wie kritisch sich die beiden dabei beäugten, wie vor allem Bloch penibel Seiten zählte und Parteikontakte nutzte, damit seine Festschrift ein paar Gramm schwerer sei als die des ungarischen Philosophen, kann hier nicht rekonstruiert werden. Diese Geschichte ist an anderer Stelle zu erzählen.) Da nun beide von der Partei nach 1956 als schlimmste Revisionisten gebrandmarkt wurden, gerieten die Jubiläumsgaben in Vergessenheit und wurden ersetzt durch Schmäh- und Verleumdungsschriften – wobei teilweise dieselben Autoren sowohl 1955 als auch in den Jahren danach in den Bänden vertreten waren. Noch einmal kann Norbert Kapferer beschreiben: »Nachdem sich im Jahre 1955 Freunde, Verehrer, Schüler und Kritiker des Ungarn versammelt hatten, um den Siebzigjährigen als bedeutenden marxistischen Theoretiker zu würdigen, forderten die politischen Ereignisse des Jahres 1956 zur Entscheidung für oder gegen Lukács.«187 Hans Koch, der als Herausgeber den 1960 erschienenen Band Georg Lukács und der Revisionismus zu verantworten hat, stellte in seiner Vorbemerkung fest: »Lukács’ Werk hat lange Zeit einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie, Ästhetik und Literaturwissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik ausgeübt – einen Einfluss, der vielfach selbst noch dort spürbar ist, wo offensichtlich um die Überwindung Lukácsscher Gedankengänge gerungen wird.«188 Die Anklage Kochs gipfelt im Namen von Partei und Staatssicherheit in der Feststellung: »Es ist ausgeschlossen, etwa eine Trennungslinie zwischen dem gefährlich irrenden Politiker und dem ›hervorragenden Theoretiker‹ ziehen zu wollen, wie dies mancherorts versucht wird.«189 Da Lukács sich als Politiker an dem Versuch beteiligte, den Sozialismus in Ungarn zu verbessern, gehe es nun also darum, seine Schriften ausschließlich unter diesem Blickwinkel zu lesen: Als Vorbereitung von Revisionismus und Konterrevolution. Dass Hans Koch mit seinen Ausführungen in der Tat die neue offizielle Linie verkündet hatte, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich noch Werner Mittenzwei 1975 bei seinem Versuch der leisen Rehabilitierung Lukács’ in den Literaturwissenschaften gezwungen sah, diese Paradigmen zu wiederholen. Zu lesen war: »Es war unausbleiblich, 187 Gemeint ist die Festschrift: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag. Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 144. Dort weiter zur ungarischen Situation: »Seit dem Revisionismusvorwurf aus dem Jahre 1951 hatte sich Lukács aus der Politik in Ungarn zurückgezogen. An den ungarischen Universitäten durfte er ab dem Jahre 1952 keine Vorlesungen mehr halten.« (Ebd.) 188 Koch: Vorbemerkung, S. 8. 189 Koch: Vorbemerkung, S. 8. 771956 – Der große Umbruch dass Lukács’ Theorie in den fünfziger Jahren immer mehr die Kritik herausforderte. Diese Situation spitzte sich vor allem während der Konterrevolution 1956 in Ungarn zu. Obwohl Lukács’ Tätigkeit in dieser Phase nicht mit der Imre-Nagy-Losonczy-Gruppe identisch war, diente er mit seinen Erklärungen im Petöfi-Kreis objektiv den konterrevolutionären Kräften. In diesen Jahren nutzte der internationale Revisionismus das theoretische Werk Lukács’ auf seine Weise aus. Indem Lukács seine Polemik einseitig gegen die Entstellungen und Hemmnisse durch die Phase des Personenkult richtete und meinte, nur so könne eine ›Erneuerung‹ des Marxismus-Leninismus herbeigeführt werden, wurde sein Werk von Leuten in Anspruch genommen und ausgelegt, die Lukács selbst immer bekämpft hatte und die bisher stets seine Gegner gewesen waren. Erst später, und nicht zuletzt durch die geduldige Diskussion, die leitende Genossen der ungarischen Partei mit Lukács führten, fand er die Verbindung zur ungarischen Partei der Arbeiterklasse, in deren Reihen er wieder aufgenommen wurde.«190 (Was Lukács tatsächlich gesagt hatte, ist an anderer Stelle zu rekonstruieren.) b) Die Berliner Ereignisse In Ostberlin versuchte Johannes R. Becher am Ende des Jahres 1956 während der ungarischen Wirren seinem Freund Lukács zu helfen. Walter Janka hat die damaligen Vorgänge in seinen Erinnerungen beschrieben: »Die von den Volksmassen hinweggefegte Rákosi-Regierung hinterließ im Oktober 1956 ein Chaos. Niemand wusste, wie sich eine neue Regierung konstituieren soll. Bis Imre Nagy, ehemals Emigrant in der SU, einst selbst den Intrigen Rákosis ausgesetzt, eine neue Regierung bildete und auch Lukács zu einem seiner Minister ernannte.«191 Als sich die Situation weiter zuspitzte, wusste niemand mehr, wie es Lukács während der Unruhen ging, wo er sich aufhielt, ob er in Gefahr war. Die Pressemeldungen überschlugen sich – natürlich mit einigen Unterschieden in der Darstellung in Ost und West: »Wollte man den Meldungen über Rundfunk, Fernsehen und Presse glauben, sah es in Ungarn verheerend aus. Die Medien in der DDR sprachen von Konterrevolution. Verrat der Intellektuellen, Einmischung der Westmächte. Die westlichen Sender und Zeitungen meldeten Generalstreik, Plünderungen, brennende Partei- und Regierungsgebäude, Kommunisten, die gelyncht wurden. Kein Wunder, dass wir die Ereignisse mit Sorge verfolgten.«192 190 Mittenzwei: Gesichtspunkte, S. 93 f. 191 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 14. Dort zur Situation in der DDR weiter: »In Berlin war man ratlos. Viele fürchteten, dass die Aufstände in Polen und Ungarn über die Grenzen ausufern würden. Der 17. Juni 1953 war noch nicht vergessen.« (Ebd.) 192 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 29. 78 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Walter Janka sprach mit Anna Seghers über die Probleme, die wiederum Becher einschaltete. Becher beschloss, dass Janka, chauffiert von seinem Fahrer, ausgestattet mit Pässen, Visa von westlichen Botschaften, nach Ungern reisen sollte, um Lukács dort herauszuholen, notfalls sogar freizukaufen.193 Doch Jankas Abfahrt verzögerte sich, wurde verschoben. Becher gelang es dann endlich, mit Ulbricht zu sprechen und er teilte das Ergebnis Janka telefonisch mit: »Tut mir leid. Ihr könnt nicht fahren. Ulbricht hat die Reise untersagt. Es sei Sache der sowjetischen Genossen, zu handeln. Die wären in Ungarn präsent und wüssten allein, was zu tun ist. Einmischung unsererseits kommt nicht in Frage.«194 Harichs Sichtweise der Dinge muss hier nicht rekonstruiert werden, da im vorliegenden Band ein Auszug aus seinem Buch Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit vorgestellt wird (als letzter Text), der diese gut abbildet. Diese kurze Geschichte zeigt an, dass auch die Intellektuellen der DDR die Situation falsch einschätzten. Sie glaubten, agieren zu können. Im Aufbau-Verlag und in der Redaktion der Zeitung Sonntag hatten sich im Laufe des Jahres 1956 mehrere Personen unter der Leitung Harichs zusammengeschlossen, um mögliche Veränderungen in der DDR zu diskutieren, ja, diese, so möglich, herbeizuführen. Gedacht war, neben verschiedenen Reformen, sogar an eine Absetzung Walter Ulbrichts und der Regierung. Die historische Situation schien günstig zu sein.195 Im Juli brachte Harich seine Gedanken erstmals zu Papier. Es entstand als Diskussionsgrundlage und für den eigenen Gebrauch das Memorandum. Außerdem verfasste er auch sein Vademekum, das in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, im vierten Heft, erscheinen sollte. (Dazu später ausführlicher.) Ende Juli machte dann Lukács Urlaub im Harz (wo ihn u. a. Johannes R. Becher besuchte). In Berlin kam es im Anschluss zu mehreren Treffen und angeregten Diskussionen mit Harich, der sich dadurch in seinen Ansichten bestätigt fühlte. Ähnliche Gespräche führte er auch mit Bloch. Die folgenden Wochen vergingen mit verschiedenen Diskussionen und Zusammenkünften, der normalen Arbeit im Verlag, im Oktober nahm Harich zum Beispiel als einer der Hauptredner an der großen Heine-Konferenz teil. Es kann vermutet werden, dass das Konferenzprotokoll wegen seiner Teilnahme nie gedruckt wurde.196 193 Hierzu: Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 30 f. 194 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 35. 195 Siehe: Loth: Stalins ungeliebtes Kind, S. 193–216. 196 Siehe hierzu: Schiller: Die Heine-Konferenz 1956 in Weimar, S. 199–211. 791956 – Der große Umbruch In der Mitte des Oktobers beschleunigten sich dann die Ereignisse. Am 25. war Harich ab Mittag in der sowjetischen Botschaft und sprach dort mit Georgij Puschkin über das Memorandum. Die großen Hoffnungen, die Harich, Gustav Just und Walter Janka in das Treffen gesetzt hatten, erfüllten sich nicht. Denn Botschafter Puschkin stellte sich auf die Seite Ulbrichts und wies die dargelegten Pläne in so ziemlich allen Punkten zurück. Weitere Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Administration folgten in den nächsten Wochen. Da er sich von den Sowjets enttäuscht sah, suchte Harich nunmehr den Kontakt zur Westberliner SPD. Diese jedoch spielte von Anfang an mit falschen Karten und vermittelte ihn an das so genannte »Ostbüro« – damals ein Tummelplatz für Agenten, Spione und zwielichtige Gestalten jeder Art. Man agierte mit Decknamen, kodierten Telefonnummern, Geheimtreffen usw. Willy Brandt hat sich Ende der siebziger Jahre dafür bei Harich entschuldigt. Seinen Mitstreitern hatte Harich diese Kontakte verschwiegen, er war sich also der Gefährlichkeit seines Unterfangens offensichtlich bewusst. Am 7. November war Harich dann zu einem kurzen Gespräch bei Walter Ulbricht. Dieser kritisierte die Vorgänge in Polen und Ungarn heftig. Es ist heute klar, dass Ulbricht bereits über Harichs Tätigkeiten Bescheid wusste. Ebenso über die verschiedenen Diskussionszirkel in Berlin und anderen Städten der DDR. Es war also mehr als nur eine Warnung, dass Ulbricht Harich unmissverständlich sagte, dass er eine Gruppe wie den Budapester Petöfi-Kreis, die intellektuelle Keimzelle des ungarischen Aufstands, nicht dulden und mit aller Härte zerschlagen werde. Gemeinsam mit dem Minister für Staatssicherheit, Ernst Wollweber, hatte Ulbricht beschlossen, die von Harich geplante Reise nach Hamburg noch zuzulassen, um weiteres Material gegen diesen und seine »Mitverschwörer« zu sammeln. Am 26. November brach Harich auf, er traf unter anderem mit Rudolf Augstein und Hans Huffzky zusammen. Dabei ging es neben persönlichen Kontakten auch um verschiedene Artikel Harichs für westdeutsche Zeitschriften, in denen er seine Position darstellen wollte. Mao, Bulganin, Stalin, Ulbricht, Tsedenbal, zu Stalins 71. Geburtstag 80 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Im November begann Harich damit, an seiner Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus zu arbeiten. Zuerst ruhig und kontinuierlich, ab dem 20. dann mit immer größerer Energie und von der Zeit getrieben. Jochen Cerny schrieb: »Vielleicht war Harich der einzige, der die vom XX. Parteitag der KPdSU im Februar eröffneten politischen Aussichten in ihrer ganzen Reichweite erfasste. Zumindest war er der einzige, dem zuzutrauen war, er könnte ein angemessenes Programm entwerfen. Als er es in der dritten November-Dekade endlich niederschrieb, waren die Aussichten für die Parteiopposition zwar schon schlechter geworden. (Hier sei nur an den Suez-Konflikt, den ungarischen Bürgerkrieg und die Interventionen der Großmächte erinnert.) Doch zum Zeitpunkt der Konzipierung hatte die Welt anders ausgesehen.«197 Am 29. November kehrte Harich mittags aus Hamburg zurück. Er ging kurz in den Aufbau-Verlag und führte einige Gespräche. In seiner Wohnung traf er dann seine damalige Lebensgefährtin Irene Giersch und wurde kurz darauf gemeinsam mit dieser verhaftet. In den Abendstunden kam es zur ersten Vernehmung Harichs in der Haftanstalt Hohenschönhausen. Weitere restriktive Maßnahmen folgten in der ganzen Republik, am 6. Dezember wurde auch Walter Janka verhaftet. Viele noch heute bekannte Namen sind mit dieser Säuberungswelle von Partei und Staatssicherheit verbunden (mit unterschiedlichen Konsequenzen): Von Ernst Bloch bis Erich Loest in Leipzig, viele Namenlose in der Provinz, Harich und seine Mitstreiter in Berlin. Die Institutionen überprüften sich selbst, führende Funktionäre übten »Selbstkritik«, so mancher musste in die Produktion oder floh in den Westen. Die kulturellen Eliten wurden von Ulbricht gezwungen, alles aus nächster Nähe zu betrachten. Vom 7. bis 9. März und vom 23. bis 26. Juli 1957, die Verfahren gegen Harich und Janka waren getrennt worden, fanden die Gerichtsverhandlungen gegen die »konterrevolutionäre Gruppe Harich« statt, in denen die Angeklagten Harich, Manfred Hertwig, Bernhard Steinberger, Walter Janka, Gustav Just, Heinz Zöger und Richard Wolf zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Harich erhielt wegen »Boykotthetze« mit zehn Jahren die höchste Haftstrafe. Seine Kontakte zum Ostbüro wurden als streng geheim eingestuft. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass gerade sie für die hohe Strafe verantwortlich waren. Mit dem Prozess hatte Ulbricht seine Macht demonstriert und für die nächsten Jahre gerettet. Er hatte gezeigt, dass er nicht bereit war, irgendwelche Kritik zu dulden. Das Ende der DDR – es ist in diesen Wochen und Monaten schon vorgeprägt. Gerade auch im Schweigen derer, die eigentlich etwas hätten sagen 197 Cerny: Einführung zu Wolfgang Harichs Programm etc., S. 50. 811956 – Der große Umbruch sollen/können. Gegenrede, öffentlich gar, leistete kaum jemand. Wer die entsprechenden Dokumente über Harichs Haftzeit liest oder durchblättert, der begreift das ganze Entsetzen dieses radikalen Einschnitts. Von der Außenwelt abgetrennt, von Büchern, Diskussionen und Debatten ferngehalten, stupiden Arbeiten ausgesetzt: Die Isolation Harichs, die bis zu seinem Tod ein ständiger Begleiter blieb, hatte begonnen. 1963 durfte er zum ersten Mal wieder Bücher lesen: Die Geschichte der KPdSU (B) und die Grundlagen der marxistischen Philosophie.198 Zu erinnern ist auch daran, dass die Partei alles tat, seinen Namen und sein Werk in der Öffentlichkeit der DDR für immer zu tilgen. (Einige Beispiele dafür wurden bereits erwähnt.) So wurde der Protokollband zu der Konferenz Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der Harich (und etwa auch Bloch) geredet hatte, direkt nach seinem Erscheinen und dem Beginn der Auslieferung mühsam wieder Exemplar für Exemplar eingezogen und vernichtet. Das fünfte Heft des Jahres 1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in dem die bedeutenden Hegel-Aufsätze von Bloch und Harich enthalten waren, wurde ebenfalls nicht veröffentlicht und mit einiger Verspätung Anfang 1957 durch ein neues Doppelheft, Nr. 5/6, ersetzt. Statt Bloch und Harich (und dem auch im Briefwechsel von Harich und Lukács erwähnten Friedrich Bassenge) hießen die Autoren nun Hager und Ulbricht.199 Kurze Zeit vorher war es Bloch und Harich noch gelungen, ein Ulbricht-Jubiläumsheft, geplant von Klaus Schrickel ganz im Sinne des Stalinismus, zu verhindern. Nun hielt der Parteivorsitzen- 198 Hierzu: Heyer: Gefängnisnotizen zur Logik am Beispiel Plechanows und Hartmanns, S. 691– 696. 199 Die Aufsätze von Bloch und Harich liegen trotz allem gedruckt vor: Bloch: Problem der Engelsschen Trennung von Methode und System bei Hegel, S. 461–481. Außerdem: Bloch: Hegel und die Gewalt des Systems, S. 481–500. Harich: Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels, S. 185–220. Die neuen Beiträge von Ulbricht und Hager: Ulbricht: Zum Kampf zwischen dem Marxismus-Leninismus und den Ideologien der Bourgeoisie, S. 518–532. Hager: Der Kampf gegen bürgerliche Ideologien und Revisionismus, S. 533–538. Ernst Bloch auf dem Schriftstellerkongress in Berlin, 1956 82 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács de mit seinem Stab Einzug und großen Hof, philosophische Ehren nach dem Ende der Philosophie. Im Dezember 1964 wurde Harich etwas vorzeitig aus der Haft entlassen. Es begann der zweite Abschnitt seines Lebens. Und diesen verbrachte er, das ist sicherlich ein starkes Bekenntnis zum Marxismus, in der DDR. Ernst Bloch beispielsweise hat er nie verziehen, dass dieser in den Westen ging und sich dort aus finanziellen Gründen als politischer Flüchtling registrieren ließ. Das berühmte Geburtstagstelegramm Harichs an Bloch zum 90. Geburtstag lautete ja: »Lieber Ernst, in der Hölle, Abteilung für Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Müntzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges Lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müssten. Es wird schwer sein, dies bis zu Deinem 150. Geburtstag wieder einzurenken. Trotz Bitterkeit darüber grüße ich Dich zu Deinem 90. in Verehrung und Liebe, Dein Wolfgang Harich.«200 c) Harichs Vademekum Um zu verdeutlichen, wie sich Harich und Lukács 1956 positionierten, bietet es sich an, jene Wortmeldungen von ihnen kurz vorzustellen, in denen sie die philosophische und kulturelle Situation der damaligen Zeit beschrieben, analysierten, kritisierten. 1956 suchte Harich, auch dies war ein Grund für seine Verhaftung (zentral waren aber die Kontakte zum Ostbüro sowie die Umsturzpläne, wie gerade gesehen), immer wieder die Möglichkeit, seine Überlegungen zu einer Reformierung des Marxismus und Sozialismus vorzutragen. Es entstanden nicht nur die »internen« Dokumente Memorandum und Plattform, im Sonntag veröffentlichte er mehrere Artikel, in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie hielt er beispielsweise die Hegel-Debatte am Laufen und wollte dort auch sein Kleines Vademekum für Schematiker veröffentlichen, das seit 1956 als verschollen galt und nur durch die entsprechende parteioffizielle Kritik überhaupt noch bekannt war. Hans-Christoph Rauh hat es 2006 ediert und mit einer prägnanten 200 Zitiert bei: Markun: Ernst Bloch, S. 120. 831956 – Der große Umbruch Einleitung versehen.201 Seinerzeit lag der Beitrag schon in den Druckfahnen vor, aber Alfred Kosing und Matthäus Klein zensierten diese und schrieben Harich in den Urlaub einen Brief, dass vor dem Druck zuerst die Partei über die Thesen diskutieren müsse.202 Diesem Text kann im Folgenden unsere Aufmerksamkeit gelten, um Harichs Denken exemplarisch darzustellen. Harichs Schrift transportiert all die Differenzen und das Unbehagen, das im Laufe der Jahre zwischen den Intellektuellen und der SED entstanden war. Dabei ging es nicht um den Sozialismus an sich. Sondern um Druckorte und -genehmigungen, die Einmischung der Partei in Lehre und Forschung, Angriffe, auf die man nicht reagieren konnte und ähnliches. Fast jeder hatte zwar seine eigenen schlechten Erfahrungen mit dem Apparat gemacht, und doch wurden gerade kaum Fundamentalkritiken erzeugt. Ganz im Gegenteil gingen auch die von der SED kritisierten, abgestraften und gemaßregelten Wissenschaftler und Künstler davon aus, dass genau sie für den weiteren Aufbau des Sozialismus gebraucht würden. Harichs Biographie in den frühen fünfziger Jahren ist dafür ein Beispiel, für Bloch und etwa Hans Mayer muss dies noch stärker geltend gemacht werden. Harich schrieb: »Der Marxismus ist keine dogmatische Konstruktion, die mit dem Anspruch einer ein- für allemal abgeschlossenen Totalität der Erkenntnis auftritt.«203 Das einzige Buch, das Harich in seinem kurzen Artikel nannte, war Blochs Prinzip Hoffnung. Das war ein deutliches Bekenntnis Harichs zur »unabhängigen« (soweit man davon sprechen kann), zumindest aber zur nicht-dogmatischen und parteifernen 201 Der Text trug ursprünglich den Titel Vademekum für Dogmatiker, Harich änderte ihn in Kleines Vademekum für Schematiker. Siehe: Prokop: Was befähigt Marxisten? Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus (Vademekum), S. 759–765. Die Einleitung: Rauh: Ein kleines Vademekum für Schematiker, S. 751–757. Paradoxerweise verurteilte die SED in mehreren Studien Harichs Artikel explizit, sogar noch in der offiziellen Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie von 1979. Einen Text, den bis 2006 keiner kannte und lesen konnte (auch nicht die, die ihn im Auftrag der SED zu kritisieren hatten). Akademie für Gesellschaftswissenschaften: Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, Band III. Dort: Wrona: Marxistisch-leninistische Philosophie und sozialistische Revolution in der DDR, S. 174–211. Zur Geschichte des Textes: Wessel: Ein Denker zwischen Dichternamen, S. 302. Redaktion der DZfPhil: Über die neue Aufgabenstellung etc., S. 7. 202 Kosing »erinnert« sich nicht an diese Vorgänge, hat aber dennoch eine andere Version mitgeteilt. Im Harich-Nachlass in Amsterdam sind die entsprechenden Schriftstücke archiviert. 203 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 759. 84 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács DDR-Philosophie. Repräsentiert durch das zu diesem Zeitpunkt bereits in der Kritik stehende epochale Prinzip Hoffnung Blochs. Damit stand er am Anfang einer Tradition, die – über alle Differenzen hinweg – unterschiedliche Oppositionelle vereinte: Robert Havemann ebenso wie Rudolf Bahro.204 In diesem Sinn ergab sich für Harich ein ganz einfacher Antagonismus: Dogmatismus contra Dynamik. Der Marxismus selbst könne in seiner dogmatisierten Lesart (d. h. aus Sicht der Partei) nur auf Probleme Anwendung finden, die die »Klassiker« bewusst ansprachen.205 Aus der permanenten Veränderung der Realität folge »zwingend, dass Einsichten, die den marxistischen Klassikern zu danken sind, unbeschadet ihrer Wahrheit, auch insgesamt genommen die Realität nur teilweise widerspiegeln können«.206 Die »bei weitem gefährlichste Erscheinungsform des Dogmatismus« stelle das »Festhalten an Denkgewohnheiten, die sich im Bann der Kämpfe von gestern herausgebildet haben«, dar.207 Die Konsequenzen aus dem bisher Gesagten seien klar: »Dem Anspruch des Marxismus, die führende Weltanschauung der sozialistischen Gesell schaftsordnung zu sein und alle Gebiete ihres geistigen Lebens zu durchdringen, sind durch den Stand seiner eigenen Entwicklung und Ausarbeitung deutlich Grenzen gezogen. (…) Der Hauptfehler des Stalinismus auf kulturpolitischem Gebiet war der verzweifelte Versuch, diese Grenze durch Dekrete und administrativen und psychologischen Druck auf die Intellektuellen gewaltsam aufheben zu wollen, was um so sicherer scheitern musste, als gleichzeitig der Marxismus durch Verpönung jedes neuen Gedankens daran gehindert wurde, sie wirklich aufzuheben.«208 204 Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Außerdem: Amberger: Der konstruierte Dissident, S. 5–31. Weber: Sozialismus in der DDR. Außerdem: Weber: Sozialistisches Denken in der DDR, S. 65–98. 205 Siehe: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 759. Dort: »Selbst wenn eine absolute Garantie bestünde, dass kein einziger Satz der marxistischen Klassiker sich jemals als korrekturbedürftig erweisen könnte, so wäre immer noch daran zu erinnern, dass die nicht zu bezweifelnde Wahrheit ihrer Worte sich schlechterdings nur auf Fragen beziehen kann, die in ihren Werken tatsächlich behandelt werden.« (S. 759) 206 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 760. »Das aber heißt gerade nicht, dass die neu entstandenen sozialen Realitäten als solche den ausschließlichen Gegenstand jener neuen Erkenntnisse zu bilden hätten, um die es den Marxismus jetzt zu bereichern gilt. Es ist zwar die Gegenwart, die der Theorie ihre Aufgaben stellt, aber diese Aufgaben sind weit umfassender, als dass sie mit einer Analyse der Verhältnisse der Gegenwart erledigt wären.« (Ebd., S. 762.) 207 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 762. 208 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 851956 – Der große Umbruch Ja, die Entwicklung des 20. Jahrhunderts habe die marxistische Idee »aufs glänzendste bestätigt«. Es sei aber eine Illusion, aus dieser Tatsache zu folgern, dass der Marxismus im Volk verbreitet wäre. Vielmehr sei eher das Gegenteil der Fall: »Die Kirchen und die Vorträge bürgerlicher Professoren« wären »in den meisten sozialistischen Ländern überfüllt«.209 Im Prinzip sagte Harich damit, dass es dem Marxismus bzw. der SED in der DDR bisher nicht gelungen wäre, das Volk zu überzeugen, dass der Sozialismus als gesellschaftliche, kulturelle und staatliche Organisationsform ein Erfolg sei. In letzter Wendung war dies auch eine nachträgliche Erklärung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953. Harich war damit einer der ganz wenigen Theoretiker der DDR, die auch rückblickend noch versuchten, das Ereignis abseits der offiziellen Deutungsmechanismen zu verstehen. Er machte drei Bereiche aus, in denen der Marxismus bisher versagt habe:210 1) Über die politische Ökonomie hinaus habe der Marxismus in seiner derzeitigen Form keine Möglichkeiten, »die Überzeugungen und Gesinnungen (der Menschen) zu durchdringen«. 2) Der Marxismus erreiche die Menschen nicht, könne ihr »normales« Leben nicht anleiten. »Was hat er ihnen in Bezug auf ihre Arbeit, ihre Lebensführung, ihre moralischen Wertungen und Kollisionen, ihr Verhältnis zu Liebe, Ehe, Heimat, Lebensgenuss, Krankheit, Tod zu sagen?« 3) Die »intellektuellen Interessen« des Volkes würden durch den Marxismus kaum berührt. Denn die Kultur wäre »so reich und differenziert«, dass ihr der Marxismus bisher nicht gerecht geworden sei. Die marxistische Philosophie scheitere also an den ganz einfachen, aber für das Individuum doch so eminent wichtigen Fragen. An dieser Stelle wusste sich Harich mit Bloch einig, der im Rahmen seiner Hoffnungsphilosophie nach Antworten auf genau diese Fragenkomplexe gesucht hatte. Heimat, Kultur, Zukunft etc. – in diesen Kategorien solle der Marxismus Denk- und Identifikationsangebote unterbreiten. Er müsse die Menschen mitnehmen und gleichzeitig genau dort erreichen, wo sie dankbar für Orientierung wären: In ihrem täglichen Leben.211 Eine andere, eigentlich eine komplett 209 Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 210 Die Aufzählung nach: Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 211 »Seiner Intention nach mag der Marxismus noch so universell und allseitig orientiert sein, diese Universalität und Allseitigkeit sind in erheblichem Maße bisher nur Möglichkeiten, und er ist auf demjenigen Stande seiner Entwicklung, der im wesentlichen den theoretischen Bedürfnissen des klassenbewussten Proletariats in der Ära des Kapitalismus entspricht, 86 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács neue Beziehung von Mensch und Marxismus, von Individuum und Staat müsse erzeugt werden. Hierfür sei der Marxismus weiterzuentwickeln – innerhalb eines freien und nicht-kontrollierten Diskurses der besten Köpfe und Denker des Landes. Dass auch die Führungsschichten der SED bzw. DDR die Sprengkraft des Vademekum erkannten, lässt sich daran ablesen, dass die Hetzkampagne nach Harichs Verhaftung auch auf dessen verschollenen, d. h. von der Stasi vernichteten Text Bezug nahm. Auf den bisherigen Seiten war mehrfach die Sprache davon, wie eng und intensiv Lukács und Harich zusammenarbeiteten. Von daher überrascht es sicherlich nicht, dass es auch zwischen Harichs Vademekum und den Texten und Wortmeldungen von Lukács bezüglich des XX. Parteitages zahlreiche Überschneidungen gibt – was die Kritik angeht ebenso wie bei der Fokussierung der Potenziale und Chancen des innersozialistischen Umbruchs und Wandels. Der Blick ist also nach Budapest zu wenden. d) Im Petöfi-Klub Im Prinzip durchlief Lukács im Zeitraffer einiger weniger Monate einen Radikalisierungsprozess, der ihn zu seinen eigenen Wurzeln und zu den Grundlagen des Marxismus zurückführte. Peter Ludz beschrieb dies als eine Entwicklung, die von den frühen politischen Schriften bis zu den sechziger Jahren reichte.212 Dabei brach er mit seinen eigenen Theorien, mit jenen Schriften in denen er einfach schematisierend den Dogmatismus der Partei nach außen angewandt hatte. Es ließe sich sogar formulieren, dass erst durch die Umbrüche von 1956 der Weg für seine Ästhetik frei wurde, da »die für Lukács’ Denken so charakteristische Verschmelzung philosophisch-ideologischer und politischer Reflektion«213, die marxistische Betrachtung der Ästhetik sonst nicht möglich gewesen wäre. Wie Harich, das wurde bereits angesprochen, war auch Lukács wegen seines Engagements harten Restriktionen und Repressionen ausgesetzt, kam allerdings nicht ins Gefängnis, sondern wurde nach einer kurzfristigen Internierung durch die Sowjets wieder freigelassen und durfte in Budapest als Privatgelehrter weiter forschen. Während er in Ungarn schon seit den späten vierziger Jahren in der Kritik stand, hatte er in noch weit davon entfernt, explizit zu allen Aspekten des sozialen und geistigen Lebens Stellung nehmen zu können.« Harich: Zur Frage der Weiterentwicklung des Marxismus, S. 763. 212 Ludz: Der Begriff der »demokratischen Diktatur« etc., S. XVIIIf. 213 Ludz: Vorwort, S. 11. 871956 – Der große Umbruch seiner zweiten Heimat Deutschland immer Weggefährten und Freunde gehabt, die sich nun auch dort von ihm abwendeten. Norbert Kapferer hat dies als »Vatermord« bezeichnet.214 Und ein solcher war es, der Pathetik sind wir uns durchaus bewusst, tatsächlich – gerade, wenn der enorme Einfluss von Lukács auf das wissenschaftliche und kulturelle Leben des kleineren deutschen Staates erinnert wird: »Wie kein anderer marxistischer Denker hatte Lukács mit seinen Schriften zur Philosophie, Literatur und Ästhetik die intellektuelle Landschaft der SBZ/DDR geprägt. Keine Grundsatzdiskussion, kein Seminar ohne Lukács. Ungeachtet der in seinem Heimatland Ungarn seit 1949 erhobenen und des öfteren wiederholten Revisionismusvorwürfe stießen seine Beiträge in der DDR (…) überwiegend auf Beifall und Anerkennung. Die parteimarxistische Kritik an seinem philosophischen und literaturhistorischen Werk hielt sich hier in Grenzen.«215 Gleichwohl gilt es zu differenzieren: »Während Lukács’ Zerstörung der Vernunft im gesamten parteimarxistischen Spektrum der DDR positiv aufgenommen bzw. emphatisch begrüßt wurde, fanden seine ästhetischen und literaturtheoretischen Schriften, vor allem aber sein im Jahre 1954 erstmals in der DDR veröffentlichtes Werk Der junge Hegel ein geteiltes Echo. Das Spektrum der Kritiker war dabei keineswegs auf Vertreter der Kaderphilosophie bzw. der Ulbrichtführung verpflichtete Funktionäre und Intellektuelle beschränkt, sondern reichte – was seine Literaturtheorie anbetraf – von Alexander Abusch über Bertolt Brecht und Ernst Bloch bis hin zu Hans Mayer. Den kaderphilosophischen Kritikern seiner Hegel-Auslegung standen Befürworter aus demselben philosophischen Lager gegenüber.«216 Man kann den Streit um Hegel, die Hegel-Interpretation von Lukács und anderen (vor allem von Harich und Bloch) sowie die entsprechende dogmatische und sektiererische Kritik aus den Kreisen der Partei bereits als absurd charakterisieren. Und doch war es noch ein riesiger Graben der übersprungen werden musste und den die SED nach 1956 problemlos überquerte, um 214 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 120. 215 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 120. 216 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 144. Sandor Petöfi 88 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács zu der totalen Ausgrenzung von Lukács aus dem intellektuellen Leben der DDR zu kommen, die mit der Schmähschrift von Hans Koch einen ersten Höhepunkt erreichte. Danach folgte das tiefschwarze Schweigen der Nacht. Mit diesen Anmerkungen ist jene Gemengelage beschrieben, jenes Fundament charakterisiert, auf dem Lukács seine Ansichten zur Reformierung des Sozialismus und Marxismus vortrug. Es war, wie gesagt, eine Rückkehr zu seinen denkerischen Ursprüngen, die er in den vorangegangenen Jahrzehnten teilweise im Auftrag der Partei »selbstkritisch« revidieren hatte müssen (vereinzelt auch – wollen). Am 15. Juni 1956 redete Lukács im Petöfi-Klub, zu dem ja bereits verschiedene Anmerkungen gemacht wurden. Dabei ging er davon aus, dass der XX. Parteitag nicht nur Umbruch, Einschnitt, Aufklärung über die Stalinschen Verbrechen bedeute, sondern zugleich dem Marxismus-Leninismus »begeisternde Möglichkeiten« der »Verbreitung im Weltmaßstab« in Aussicht stelle. »Dieses Ereignis muss uns mit Pathos und Begeisterung erfüllen. Gewaltige Möglichkeiten stehen vor uns (…).«217 Nachdem der Parteitag die Verbrechen und Verfehlungen der letzten Jahre benannt habe, sei nun der Weg frei, jene Debatten und Diskussionen weiter zu fokussieren und zu intensivieren, die bis zu diesem Zeitpunkt in der Kritik durch die Partei gestanden hätten. Dadurch könne und müsse es gelingen, den Marxismus als ehrliche Weltanschauung weitaus stärker zu verbreiten als bisher. Dieser Hoffnungshorizont erweise aber auch auf die Kehrseite der zukünftigen Möglichkeiten, nämlich das, Lukács zu Folge eine nicht zu leugnende Tatsache, fast schon völlige Versagen des Marxismus in der Gegenwart der fünfziger Jahre. Eine bittere und traurige Zeitdiagnose: »Der Marxismus war in der öffentlichen Meinung des Landes noch nie in einer so prekären Lage wie heute.«218 Zu Zeiten der faschistischen Diktaturen habe der Marxismus Sympathien sammeln können – wegen seiner aufrechten Haltung gegenüber den Faschisten. Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei diese Stimmung gerade nicht benutzt worden. Es sei nicht darum gegangen, die Potenziale des Marxismus zu entfalten und seinen Wirkungsradius sukzessive zu erweitern. Es wurden nicht Debatten geübt und Philosophie unterrichtet, sondern »Philosophen am laufenden Band hergestellt«, es sei nicht darum gegangen, den Marxismus zu vermitteln, sondern lediglich die Aufgabe zu stellen, »auf eine aktuelle Frage das passende 217 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 218 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 593. 891956 – Der große Umbruch Lenin- oder Stalin-Zitat zu finden, um das jeweils ›politisch Richtige‹ auszubrüten«.219 Gerade außerhalb der Geisteswissenschaften zeige sich dies, beispielsweise bei Naturwissenschaftlern, wo man an längst überholten bürgerlichen Meinungen festhalten könne, ja, diese mit einem Stalin-Zitat sogar als Marxismus auszugeben vermöge.220 Es sei elementar, »den aufgestauten Hass gegen den Marxismus« in breiten Bevölkerungsschichten und vor allem bei den Intellektuellen zu überwinden.221 Nur so könne es gelingen, endlich das Werk von Marx und Engels fortzusetzen – wofür seit der Oktoberrevolution sowie der Entstehung der sozialistischen Volksdemokratien die Bedingungen eigentlich überaus günstig wären (gerade nach dem XX. Parteitag sowie der Überwindung des Stalinkults): »Inzwischen hat das Proletari- 219 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 595. Dort: »Vor ein paar Jahren jedoch bestand das individuelle Lernen, wenn jemand Philosoph war, darin, dass er den Anti-Dühring von Seite 40–70, Feuerbach von Seite 80–85 usw. lesen musste und um keinen Preis der Welt dazu angehalten wurde, ein Werk im Zusammenhang ganz durchzulesen.« (Ebd., S. 594 f.) 220 Siehe: Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 596. 221 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 596. Franz Kollarž »Petőfi apotheosisa« 90 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács at die Macht an sich gerissen. Geboren sind die materiellen Voraussetzungen des Marxismus zu dem von Engels und später auch von Lenin in den Philosophischen Heften wiederholt geforderten realen wissenschaftlichen Ausbau. Die gewaltige historische Schuld des Stalinismus besteht darin, dass er diesen wissenschaftlichen Ausbau nicht nur ungenutzt ließ, sondern ihn rückwärts entwickelte. Stalin behinderte gerade jene Richtungen, die zu einem derartigen Ausbau des Marxismus fähig gewesen wären.«222 Dies vor Augen sah sich Lukács gezwungen, eine überaus ernüchternde Feststellung zu machen: »Es gibt heute noch keine marxistische Logik, keine marxistische Ästhetik, keine marxistische Ethik, keine marxistische Pädagogik, keine marxistische Psychologie usw.«223 Genau diese Teilbereiche des marxistischen Denkens endlich auszubauen oder überhaupt erstmals wissenschaftlich zu umreißen war ja das gemeinsame Interesse von Lukács und Harich (siehe dessen gerade genannten analogen Thesen) und Bloch. Wenn wir heute zurückblicken, dann sehen wir, welch beeindruckende Leistungen ihnen dabei allen Widerständen zum Trotz gelungen sind.224 Auch im Lichte dieser Ausführungen erhellt sich, warum Lukács davon sprach, dass nicht nur der Ausbau des Marxismus zur vollgültigen Philosophie wichtig sei, »sondern in erster Linie (die) Gewinnung des Vertrauens zum Marxismus«.225 Vor dem XX. Parteitag seien keinerlei Diskussionen möglich gewesen. Dies müsse konstatiert werden, um nun mit der erneuten Aufbauarbeit zu beginnen. Wichtig sei, dies war eine mehr als nur berechtigte Warnung von Lukács, dass man für immer mit Personenkult und Dogmatismus breche, also nicht etwa Stalin durch Lenin ersetze.226 Wie wichtig diese 222 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 598 f. 223 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. 224 Lukács irrte also, wenn er gleich im Anschluss davon ausging, dass es das Werk einer ganzen Generation sein werde, dies zu schaffen. Es waren eben doch einzelne Philosophen, die in die Dachkammern und Kellerräume der französischen Aufklärer zurückkehrten und dort ihre Werke für die Nachwelt erarbeiteten. »Die Geschichte misst uns gewaltige und großartige Aufgaben zu. Aus ihr müssen wir Mut und Pathos schöpfen: Nicht einzelne Menschen, sondern die Gesamtheit der durch den XX. Parteitag geweckten und an den wahren Marxismus herangeführten Marxisten wird jetzt die Gesamtheit der marxistischen Wissenschaften schaffen – nicht innerhalb von drei Monaten und nicht in einem Jahr, sondern durch die Arbeit einer ganzen Generation.« Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 599. 225 Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 600. 226 »Es handelt sich darum, dass der XX. Parteitag an Stelle des Stalinismus die Leninsche Methode setzte. Es muss jedoch wirklich die Leninsche Methode an seine Stelle gesetzt werden. Um es wieder mit meiner bekannten Brutalität zu sagen: Aus Lenin kann jedoch ebenso Zitatologie und Dogmatismus gemacht werden wie aus Stalin. Und wenn auch 911956 – Der große Umbruch Gedanken für Lukács waren, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er sie knapp ein Jahr später im Vorwort zur italienischen Ausgabe der Beiträge zur Geschichte der Ästhetik erneut vortrug, damit also gleichsam internationalisierte, aus dem ungarischen Kontext herausnahm und zur breiten Diskussion stellte. Er wollte, dass sie als Teil seines politischen und philosophischen Gesamtwerkes angesehen werden. In der DDR erreichte er in der Umbruchzeit die größte Wirkung mit dem Vortrag Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, den er am 28. Juli gehalten hatte und der im September-Heft des Aufbau erschien227 – also mitten in der Zeit der heißen Phase der Diskussionen und Debatten. In seine Auseinandersetzung mit der aktuellen kulturellen Situation baute Lukács eine Analyse der politischen Lage sowie deren Auswirkungen auf das intellektuelle gesellschaftliche Leben ein. Diese Teile des Aufsatzes interessieren hier im Folgenden. Die Probleme der zurückliegenden Jahre und Jahrzehnte seien entstanden, da es »ein charakteristischer Zug des Sektierertums, des Dogmatismus ist, die fundamentalsten Fragen der Theorie in direkte Verbindung mit den Tagesfragen zu bringen«. Oder anders formuliert: Mit Marx-, Engels-, Lenin- oder Stalin-Zitaten wurden Probleme beantwortet, Herausforderungen bewältigt, die völlig anders waren als es der Kontext der Zitate erlaube: »Zahllose strategische Fehler unserer Partei stammen daher, dass wir die Wahrheiten von 1917 und des auf 1917 unmittelbar folgenden revolutionären Abschnitts (…) ohne jede Kritik, ohne Überprüfung der neuen Situation einfach in eine Periode übernahmen, deren grundlegendes strategisches Problem nicht der unmittelbare Kampf um den Sozialismus, sondern ein Kräftemessen zwischen Faschismus und Antifaschismus war.«228 Nach dem Zweiten Weltkrieg seien dann weitere Fehler dieser Art begangen worden. Um den Frieden nach 1945 zu sichern, sei es notwendig, »die Koexistenz, das friedliche Nebeneinanderleben der beiden Gesellschaftssysteme« zu akzeptieren. Dies natürlich verbunden mit der marxistischen Einsicht, »dass wir diese Tendenz bei uns wie auf internationaler Linie nur vereinzelt vorkommt, bin ich überzeugt, dass es Kräfte und Tendenzen gibt, die auch den XX. Parteitag in diese Richtung treiben wollen. Es ist unsere kommunistische Pflicht, die uns als im Marxismus arbeitende Philosophen und Intellektuelle verpflichtet, dass wir gleich von vornherein gegen diese Tendenz kämpfen.« Lukács: Rede in der philosophischen Debatte des Petöfi-Kreises, S. 601. 227 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, in: Aufbau, Heft 9, 1956, S. 761–776, hier verwendete Ausgabe nach der Edition von Peter Ludz, S. 603–632. 228 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 607. 92 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Inhaltsverzeichnis des Aufbau, September 1956 931956 – Der große Umbruch zutiefst davon überzeugt sind, jedes kapitalistische Land schreite – in Folge der inneren Dialektik seiner eigenen Entwicklung, durch Widersprüche hindurch, mit Hilfe von Widersprüchen – notwendigerweise auf den Sozialismus zu«.229 Daraus ergebe sich eine der wichtigen Aufgaben des sozialistischen Gesellschaften, im Weltmaßstab sicherlich die zentralste: »Je menschlicher wir den Sozialismus aufbauen (…), um so mehr dienen wir auch dem endlichen Sieg des Sozialismus«. Der Sozialismus müsse anziehend gemacht werden, er müsse strahlen, leuchten, menschliche Wärme verbreiten. »Aber sein wir ehrlich: Es gibt im Westen noch zahllose Arbeiter, die vor dem Sozialismus in seiner heutigen Form zurückschrecken.«230 Der Philosophie und der Kultur würden bei diesem Prozess wesentliche Aufgaben zukommen: »Die bürgerliche Ideologie wird nicht von selber zusammenbrechen; die bürgerliche Philosophie, die bürgerliche Wissenschaft ist in eine ideelle Krise geraten, aber wir müssen sie stürzen; stürzen aber nicht mit von der Roten Armee geliehenen Waffen, sondern mit den Waffen des Marxismus-Leninismus, des wahren Wissens und der Sachkenntnis.«231 Doch genau dabei habe der Marxismus bisher versagt: Die Erneuerung der Wissenschaft und der Kultur habe nicht, zumindest nicht vollständig stattgefunden.232 Die bürgerliche Philosophie und Kultur in der Krise – das ist ein Argument, das uns in der SBZ/DDR an jeder Ecke begegnet. Gerade die angesprochenen Goethe-Feierlichkeiten von 1949 lebten ja geradezu davon, dass nun endlich der »wahre Goethe«, »unser Goethe« (daneben, später gab es auch »unseren« Heine, »unseren« Schiller usw.) gegen den bürgerlichen und/oder faschistisch missbrauchten geltend gemacht werden könne.233 Auf dem Gebiet der Kultur sei es notwendig, diesen permanenten Kampf zwischen Fortschritt und Reaktion weiter zu führen. Aber die »übernommenen Momente aus der Stalinschen Epoche« seien »ein Hindernis für eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Kampf«.234 Lukács machte drei dieser Faktoren aus, die eine realistische Beurteilung von sozialistischer und bürgerlicher Kunst verhindern würden: 1) Die Auffassung, »dass nämlich mit dem Heraufkommen des sozialistischen Realismus die Zeit des kritischen Realismus abgelaufen sei«. 2) Die Kriterien dessen, was Dekadenz sei, würden viel zu dogmatisch und formalistisch aufgefasst werden. 3) Und schließlich 229 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 610 f. 230 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 612. 231 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 626. 232 Siehe: Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 623. 233 Im Kontext dargestellt und erläutert bei: Heyer: Der gereimte Genosse. 234 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 627. 94 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács »beurteilen wir die literarischen Werke und die Autoren von kleinlichen, alltäglichen politischen Gesichtspunkten aus«.235 Es wäre die Aufgabe des Marxismus, das gesamte Feld der Kultur zu überblicken und dabei jede fortschrittliche Erscheinung mit Hilfe marxistischer Kritik zu unterstützen. Doch letztlich sei das Gegenteil der Fall gewesen: »Unsere sich zwischen Extremen bewegende, so genannte marxistische Kritik, die außer Lob und Niederknüttelung keinen vermittelnden Standpunkt kannte, beförderte die zu Stande kommende Differenzierung nicht, sondern trieb mehr als einmal diejenigen ins Lager der Reaktion, bei denen vielleicht die Neigung zu einer Annäherung bestanden hätte.«236 Noch einmal ist an dieser Stelle anzumerken, damit tun wir Lukács nun wirklich kein Unrecht, dass es auch in seine Bücher und Aufsätze waren, die eben diese Situation heraufbeschworen hatten. Denn eine feinfühlige Differenzierung sucht man in Existenzialismus oder Marxismus? ebenso vergebens wie in Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur. Ein Stück weit erinnern diese Passagen an die typische Partei-Kritik: Ja, man habe Fehler gemacht, wer, warum, wann und welche – das steht natürlich nicht zur Debatte. Bertolt Brecht hatte 1953, dies vor Augen, in direkter Absprache mit Harich, ein wunderbares satirisches Gedicht geschrieben. Aber wir wollen Lukács auch nicht zu lange, gar unbilliger Weise böse sein, seine Worte und Taten waren mutig und kühn – gerade wenn man vergleicht, mit Ernst Bloch, Hans Mayer oder anderen. Der XX. Parteitag habe den Weg frei gemacht und neue Horizonte eröffnet. Es gelte, so die Quintessenz aus, mit Lukács, radikal das Alte, die Dogmen der Vergangenheit zu überwinden und sich voll und ganz auf das Neue einzulassen. Für einen zukunftsfähigen und zukunftsvollen Sozialismus in der Realität und Marxismus in der Praxis. 235 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 627 f. 236 Lukács: Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, S. 630. Dort kurz zuvor: »Aber wenn wir mittelmäßige Werke kritiklos lobpreisen, wie wir es jahrzehntelang getan haben und leider noch immer tun, dann machen wir keine Propaganda für den sozialistischen Realismus, sondern im Gegenteil, wir untergraben sein Ansehen; es bildet sich eine öffentliche Meinung, man habe unter sozialistischem Realismus jene mittelmäßigen, schematischen Werke zu verstehen, die unsere Kritiker in den Himmel zu heben pflegten. Da aber diese Gleichmacherei ebenfalls eine Eigenschaft des Sektierertums ist und sich so auf die gesamte internationale Kulturpolitik erstreckt (auch auf unsere), so ist es natürlich, dass wir im Hinblick auf unsere künstlerischen Werke niemals mit jener Kraft aufgetreten sind, die tatsächlich in uns vorhanden sein könnte.« (Ebd., S. 629.) 951956 – Der große Umbruch e) Schlussbemerkungen Es ist von zentraler Bedeutung, dass die historische Zäsur des Jahres 1956 zwar die Biographien determinierte und damit natürlich auch in das Denken und Schreiben der Intellektuellen Eingang fand. Aber Lukács und Harich blieben den übergeordneten Paradigmen ihrer Theorien treu, der politisch existierende Sozialismus (oder das, was sich dafür ausgab) und die marxistische Grundhaltung wurden von ihnen strikt getrennt. Als Wolfgang Harich im Dezember 1964 etwas vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, hatte sich in ihm, nach den langen Jahren der Einzelhaft eine gewaltige intellektuelle Energie, verbunden mit dem Hunger nach Diskussion, nach Ernst zu nehmenden Partnern des geistigen Austauschs, angesammelt. Und es ist überaus bezeichnend, dass seine ersten schriftstellerischen und wissenschaftlichen Gehversuche nach dem Zuchthaus jenen Themen galten, mit denen er sich schon vor dem Oktober 1956 beschäftigt hatte: Hegel, die Erkenntnistheorie, die klassische deutsche Philosophie des Idealismus. Historische Zäsur – ja. Biographische Zäsur – ja. Änderung der allgemeinen Theorie – nein. So zugespitzt und doch banal lässt sich beschreiben, wie Lukács, Harich und andere (etwa Bloch)237 die Mitte des Jahrhunderts, die Umbrüche von 1953, 1956, 1961, 1968 erlebten und durchlebten. Lukács begann in der Mitte der fünfziger Jahre mit seinen Arbeiten an der Eigenart des Ästhetischen. Ernst Bloch, um einen weiteren nach 1956 verfemten Theoretiker zu nennen, widmete in Tübingen Seite um Seite seines Schaffens dem Marxismus und der Utopie (sowie der Aussöhnung beider). Harich verteidigte den Marxismus gegen seinen übereifrig-unbeherrschten Stiefbruder, den Anarchismus (Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, Die Baader-Meinhof-Gruppe), widmete sich nach Jean Pauls Revolutionsdichtung dem Verhältnis von Ökologie und Marxismus (Kommunismus ohne Wachstum), um schließlich das sozialistische Erbe an einer ganz anderen ideologischen Front zu bestimmen: Seine heute noch bekannte Kritik an Nietzsche verband er mit einem permanenten Plädoyer für Lukács.238 Alle seine schriftlichen Wortmeldungen dieser Jahre vor dem Zusammenbruch der DDR atmen diesen Geist der Erinnerung an das Vermächtnis von Lukács als Wegweiser in den Debatten der Zeit. (Die entsprechenden Briefe, Dokumente usw., die sich direkt mit Lukács beschäftigen, druckt der II. Teil dieses Bandes ab.) 237 Siehe hierzu: Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107–126. 238 Aufgearbeitet bei: Heyer: Die Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahre, S. 21– 34. Dort alle weiteren Hinweise etc. 96 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Über alle persönlichen und inhaltlichen Differenzen hinweg stimmten Lukács, Harich und Bloch darin überein, dass der Marxismus keine ein- und für alle Mal fertige und abgeschlossene Angelegenheit sei, in der Philosophie schon gar nicht, sondern dass er immer wieder aufs neue mit Leben gefüllt werden müsse, dass ihm eine Dynamik zu eigen sei, die permanent neue Anstöße benötige und Ergebnisse zeitige – einige wichtige Wortmeldungen zu diesem Themenkomplex wurden im Laufe dieser Ausführungen bereits erwähnt. Viele Gegenstandsgebiete seien echte Derivate. Der Marxismus habe, so die Standortbestimmung von Harich und Lukács in den fünfziger Jahren, keine tragfähige Anthropologie, keine Erkenntnistheorie (die parteioffizielle Ausnahme war sicherlich Lenins Materialismus und Empiriokritizismus), keine Logik, keine Geschichtsphilosophie, kaum Philosophiegeschichte, keine Ontologie (noch heute behauptet ja so mancher vermeintliche Marxist, dass der Marxismus keine Ontologie benötige, aber wo kann es jemals echte Ontologie gegeben, wenn nicht im Marxismus), keine Ästhetik – zumindest dann, wenn man moderne Maßstäbe anlege. Es müsse nicht nur darum gehen, den Marxismus zu bereichern, sondern, in einem zweiten, ja, vielleicht sogar in einem ersten Schritt, sich nicht ausschließlich auf Marx und Engels und ihre Mitstreiter sowie Nachfolger zu verlassen, sondern erneut in die damaligen Diskussionen einzusteigen. Gerade die Hegel-Debatte der jungen DDR-Philosophie offenbarte zumindest implizit auch die Überlegung der beiden, Hegel (sowie auch den Utopischen Sozialismus und die englische Nationalökonomie) im Zusammenhang der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus selbst noch einmal zu studieren. Also, um es anders zu formulieren, an den originären, den ursprünglichen Hegel anzuknüpfen und nicht an den durch den Marxismus hindurchgegangenen. Marx und Engels und Lenin, dies hat Harich sicherlich in seinem großen Manuskript Widerspruch und Widerstreit am Deutlichsten ausgesprochen, wären in diesem Prozess Diskussionspartner, keine unumstößlichen Autoritäten, keine Lieferanten von Dogmen, sondern mit ihren Positionen Teil der offenen Debatte. Lukács ging sogar noch weiter und formulierte in einem Interview 1970: »Eine der schwersten Sünden des Marxismus ist es, dass seit der Veröffentlichung von Lenins Werk über den Imperialismus im Jahre 1914 keine echte ökonomische Analyse des Kapitalismus durchgeführt wurde. Es fehlt uns auch eine echte historische und ökonomische Analyse der Entwicklung im Sozialismus.«239 Ein traurigeres Urteil kann ein 239 Lukács: Nach Hegel nichts neues, S. 142. 971956 – Der große Umbruch Marxist über den Marxismus in/nach der Mitte des 20. Jahrhunderts sicherlich kaum sprechen. Verschärfend kam nach Lukács noch hinzu, dass sich der Marxismus immer stärker von der bürgerlichen Entwicklung entfernt habe – in Analyse und Kritik der Erscheinungen der bürgerlichen Welt.240 Genau dies zu leisten war ja einer der Grundsätze von Lukács, Bloch, Harich, Paul Rilla, Hans Mayer und vielen anderen, wie zum Beispiel anhand der entsprechenden Abrechnungen mit den bürgerlichen Goethe-Verfälschungen aufgezeigt werden könnte. Versuche der Erneuerung des Marxismus, seiner Weiterentwicklung und Ausgestaltung seien nicht per se Revisionismus, so Lukács programmatisch, sondern echte praktische, theoriegeleitete Arbeit in den tagtäglichen Kämpfen. Die Welt habe sich verändert, der Marxismus habe dies noch vor sich:241 »Erst durch eine echte Erneuerung der marxistischen Methode kommen wir zu einer richtigen Einschätzung der westlichen Entwicklungen.«242 Und der Schlusssatz des Gespräches lautet: »Ohne neue Marxe werden zu wollen, sollten wir zum Marxismus zurückkehren.«243 Aber wir brauchen gar nicht bis in die siebziger Jahre zu springen, es ist bereits der Blick auf 1956/1957 ein ganzes Stück weit ernüchternd. Es sei abschließend angemerkt, dass man gerade im Vergleich erkennt, wie wirklich beeindruckend und mutig die Wortmeldungen von Harich und Lukács waren. Mit ihnen waren es viele heute Namenlose, die ihr Leben riskierten für eine Verbesserung des Sozialismus. Eben dies bringt uns aber zur Ernüchterung. Es ist ein hochgradig peinlicher Anblick, heute zu sehen, wer in den entscheidenden Wochen und Monaten alles schwieg – von Johannes R. Becher über Ernst Bloch bis Hans Mayer, Stephan Heym oder Robert Havemann, Anna Seghers oder Helene Weigel. Natürlich lassen sich, ihrer Apologeten haben das in nach Zentnern zu messender Sekundärliteratur eifrigst getan, zahlreiche Gründe anbringen, warum gerade Bloch und Mayer stumm blieben: Die Bandbreite reicht von der schlichten Angst bis hin zu den bereits genossenen und noch in Aussicht stehenden 240 »Es war ein Irrtum, dass der offizielle Marxismus in den Tagen des Stalinismus völlig von den Ergebnissen der Entwicklung außerhalb der Sowjetunion isoliert wurde. Es war ein Fehler, der nicht dem Marxismus entsprach, da sowohl Marx als auch Engels und Lenin selbst die Entwicklung der damaligen Philosophie und Wissenschaft mit äußerster Aufmerksamkeit verfolgten.« Lukács: Nach Hegel nichts neues, S. 142. 241 Siehe: Lukács: Nach Hegel nichts neues, S. 144–149. Siehe auch das Interview: Lukács: Die Deutschen – eine Nation der Spätentwickler?, S. 100–115. 242 Lukács: Nach Hegel nichts neues, S. 142. 243 Lukács: Nach Hegel nichts neues, S. 150. 98 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Vorteilen und Privilegien. Man kann und darf niemandem einen Vorwurf machen, aber sehr wohl Fakten konstatieren. Harich und Lukács handelten, bezahlten dafür einen hohen Preis und wurden auch deshalb von den angeblichen Oppositionellen der späteren Jahre, die allesamt mehr oder minder privilegiert und damit korrumpiert waren, geschnitten, ausgegrenzt, angefeindet. Sie verkörperten, wozu den anderen der Mut fehlte. Georg Lukács, 1959 8. Ausblicke Nach den Ereignissen von 1956/1957 sahen sich Harich und Lukács nicht wieder und hatten auch keinen persönlichen Kontakt mehr. Harich hat dafür geltend gemacht, dass Walter Janka nach seiner Haftzeit (vielleicht sogar im Auftrag der SED) einen Keil zwischen Lukács und dessen treue Verbündete und Freunde in der DDR getrieben habe.244 In einem Vortrag zur Verteidigung von Seghers sagte er 1991: »Kaum 14 Monate nach der eigenen Haftentlassung hat am 7. Februar 1962 Janka – doch wohl nicht ohne jede, sagen wir, Rückendeckung – sich in einem Brief nach Budapest an Lukács gewandt, um in der Folgezeit – bei einer späteren Reise nach Ungarn obendrein 244 Siehe z. Bsp. die Ausführungen Harichs in: Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, S. 94 f. und passim. In diesem Band wird ein Auszug aus dem Buch Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit (in dem ja auch die Schilderung Die Ereignisse aus meiner Sicht enthalten ist) gedruckt, der Harichs Sichtweise gut darstellt. 99Ausblicke auch noch mündlich – dem Lukács und seiner Frau Gertrud alle ihre Freunde in der DDR durch üble Nachrede zu verleiden: Bechers Witwe Lilli, Anna Seghers, Helene Weigel, den früheren Leiter des Aufbau-Verlages bis 1953, Erich Wendt, nicht zuletzt mich, seinen Lektor, desgleichen Willi Bredel, der zwar kein Freund von Lukács war, der aber als Präsident der Akademie der Künste die für ihn wichtigste offizielle Anlaufperson in der DDR gewesen wäre.«245 Ob die Entfremdung zwischen Harich und Lukács von Janka tatsächlich im Auftrag der SED betrieben wurde, lässt sich nicht mehr klären. Aber es ist zu konstatieren, dass es sie gab. Um zu verstehen, dass Harich angesichts der Briefe und Ungarn-Besuche Jankas misstrauisch wurde, muss nur daran erinnert werden, dass Hans Mayer zeitgleich beispielsweise enorme Probleme hatte, ein Buch in der DDR zu veröffentlichen, weil er dort Lukács nur kurz (und zudem kritisch) erwähnte. Klaus Gysi höchstpersönlich teilte ihm dies mit.246 Kurz zuvor hatte man ihm bereits eine Reise nach Budapest untersagt: Es stand die »Gefahr« im Raum, dass er mit Lukács zusammentreffen könne.247 Mayer schrieb an Peter Huchel: »Übrigens: Heute hätte ich eigentlich nach Budapest fliegen sollen. Ungarische Akademie, Universität, PEN-Club, Zeitschrift für Weltliteratur. Großer Bahnhof allerseits vorbereitet. Ausreiseverbot durch das Staatssekretariat. Kurt Hager telegrafiert, er könne nicht eingreifen. Begründung: Ich dürfe nicht mit Lukács zusammentreffen.«248 (Statt dessen bekam Janka die Kontakte nach Ungarn – ein merkwürdiger Geschmack zumindest bleibt.) Trotz der vollständigen persönlichen Trennung blieb Lukács für Harich einer derjenigen Denker, die ihn geistig herausforderten und mit denen er sich auch nach der Haftentlassung beschäftigte. Davon zeugen zeitlich zuvorderst seine Arbeiten zu Jean Paul, die den methodologischen Vorgaben von Lukács folgten. Inhaltlich allerdings bezog Harich eine konträre Position. »Anders als z. Bsp. Georg Lukács, der in Jean Pauls Dichtung nicht mehr sieht als ›kleinbürgerliche Versöhnung mit der elenden deutschen Wirklichkeit‹, unterstellt Harich ihr eine ›revolutionäre Grundkonzeption‹ 245 Harich: Zur Verteidigung von Anna Seghers’ Ehre, S. 2. 246 Gysi: Brief an Hans Mayer vom 27. Februar 1963, S. 164. Dort: Man kann »unserer Meinung nach nicht Lukács gewissermaßen in einem Atemzug mit Marx, Engels und Mehring als adäquate Größe der marxistischen Literaturwissenschaft auffassen und einstufen«. (Ebd.) 247 Leistner: Hans Mayer als Literaturprofessor in Leipzig, S. 218.  248 Mayer: Brief an Peter Huchel vom 13. April 1962, S. 545. 100 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács und – implizit – ein revolutionäres, was heißt, ein auf Veränderung gerichtetes Bildungskonzept.«249 Hinzuweisen ist auch darauf, dass verschiedene der Manuskripte, an denen Harich nach seiner Haftentlassung arbeitete, deutlich im Schatten seiner Studien aus den fünfziger Jahren und damit natürlich im Zeichen Lukács’ stehen – vor allem die Studien zur Erkenntnistheorie, Widerspruch und Widerstreit, die Arbeiten zu Hegel etc.250 Die inhaltlichen Differenzen zu Lukács standen, wie schon bei der Diskussion über die Logik, auf einem festen gemeinsamen Fundament.251 Die grundlegende Übereinstimmung war für Harich die Vorbedingung der Diskussion, partiellen Kritik. Und so schrieb er, das ist durchaus programmatisch zu lesen, über seine Jean-Paul-Monographie: »Das größte Lob, das man mir gespendet hat, war der als Tadel gemeinte Vorwurf Günter de Bruyns, ich hätte Lukács in puncto Jean Paul nur ergänzt, statt mit seiner Methode zu brechen. Oh nein, mit dieser Methode breche ich nicht! Es gibt keine bessere. Wahrscheinlich deswegen, weil es die von Marx ist.«252 Vor allem aber setzte sich Harich dafür ein, dass Lukács in der DDR Anerkennung und Würdigung finden könne, müsse. Am 26. August 1972 schrieb er an Kurt Hager – mittlerweile selbstredend nicht mehr »per du«. Anlass war der sich abzeichnende Umbruch im Luchterhand-Verlag, der Lukács’ Bücher im Westen betreute. Dadurch (und durch eine Verfügung Lukács’) sei es möglich, die Werke des ungarischen Philosophen ohne Devisenzahlungen in der DDR zu edieren. Zwar sei er sich »bewusst, dass das Verhältnis zwischen der DDR und Lukács seit den tief zu bedauernden Vorgängen von 1956 schweren Belastungen ausgesetzt war«.253 Doch diese zurückliegenden Ereignisse dürften einer neuerlichen positiven Rezeption nicht im Wege stehen. Rückblickend führte Harich dafür sogar ein Gespräch bei der Beerdigung von Lukács an: »In Buda- 249 Uhlig: Harich und das Pädagogische bei Jean Paul, S. 125.  250 Von zentraler Bedeutung sind in diesem Zusammenhang von ihm: Widerspruch und Widerstreit, S. 53–316. Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 247–298. Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus, S. 299–312. Alle weiteren wichtigen Hinweise wurden bereits gegeben. Siehe zudem die entsprechenden Anmerkungen in den Bänden 2, 3, 4 und 5. 251 Hierzu: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, S. 577–592. 252 Harich: Mein Weg zu Lukács. 253 Harich: Brief an Kurt Hager vom 26. August 1972. 101Ausblicke pest, da war doch der Benseler bei der Beerdigung, da war auch der sowjetische Botschafter dabei. Der hat zu Benseler gesagt: ›Jetzt ist er tot, jetzt können wir ihn ehren.‹«254 In seinem Brief an Hager nannte Harich zwei Gründe für die Neubestimmung des Umgangs der SED und der DDR-Philosophie mit Lukács. Erstens wurde Lukács in seiner ungarischen Heimat durch die Partei bereits rehabilitiert.255 Und zweitens: »In der DDR selbst genießen Intellektuelle, die sich im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1956 schwerer Vergehen gegen die gesetzliche Ordnung schuldig gemacht haben, darunter auch meine Wenigkeit, längst wieder das Recht und die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Verlagen der DDR zu veröffentlichen bzw. an Zeitungen und Zeitschriften der DDR mitzuarbeiten.«256 Im Grunde genommen appellierte Harich an den marxistischen Wissenschaftler (mit dem er ja die Universitätsbank gedrückt und mehrere Jahre an der HU zusammengearbeitet hatte) und nicht an den Bürokraten Hager. Die alles entscheidende Frage sei letztlich, ob man Lukács’ Philosophie in der DDR und für die Weiterentwicklung des Marxismus benötige. Harichs Antwort war klar und Hagers gegenteilige Positionierung ebenso.257 Und so konnte bzw. musste Harich rückblickend lapidar feststellen: »Hager versperrte sich gegenüber marxistischen Denkern. Er sagte zu Ernest Mandel – nein, Isaak Deutscher – nein. Lukács – nein.«258 (Auch das ist im Prinzip für Hagers Denken typisch, erinnert sei nur an seine Kritik an der »zu ideengeschichtlichen« Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die er lieber als Journal für sozialistische Produktionsstatistiken gesehen hätte. Kombiniert übrigens mit einigem Engagement für Ernst Bloch.) Gleichwohl ist aber auch darauf hinzuweisen, dass Die Zerstörung der Vernunft in der DDR-Philosophie nach 1956 noch genutzt wurde, präsent war. (Natürlich ohne Lukács namentlich zu erwähnen.) Auf Hans Mayers Probleme, Anfang der sechziger Jahre Lukács kritisierend nur zu erwähnen, wurde bereits verwiesen. Dennoch sprach Ca- 254 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 161. 255 »Lukács war in seinen letzten Lebensjahren wieder Mitglied der marxistisch-leninistischen Partei der ungarischen Arbeiterklasse, und er ist vor über einem Jahr in Budapest unter großen Ehrungen von Seiten der Partei und des Staates zu Grabe getragen worden, wobei in seinem Trauergefolge auch der Botschafter der UdSSR nicht fehlte.« Harich: Brief an Kurt Hager vom 26. August 1972. 256 Harich: Brief an Kurt Hager vom 26. August 1972. 257 Anne Harich teilte mit, dass Harich keine Antwort auf den Brief erhielt. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 57. Das äußerte auch Harich im Gespräch mit Siegfried Prokop: Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 161. 258 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 160. 102 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács milla Warnke zu Recht davon, dass das Werk trotz des Revisionismus-Vorwurfs gegen Lukács »zur Bibel, zum Leitbild aller hiesigen Ideologiekritik« wurde.259 In den siebziger Jahren war diese Stellung dann jedoch mehr als brüchig geworden, Lukács’ Schriften hatten den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs der DDR verlassen. In den siebziger und achtziger Jahren erschienen wieder erste Bücher von Lukács. Auch über Lukács durfte wieder gesprochen werden, ein ganzes Stück weit musste die Partei dies aber auch zulassen bzw. selbst organisieren, da ja 1985 dessen hundertster Geburtstag anstand und man Ungarn nicht verprellen durfte. So überwogen die kritischen Stimmen – das zumindest konnte die SED planen und kontrollieren. Es wäre allerdings übertrieben, von einer Lukács-Renaissance zu sprechen. Obwohl Werner Mittenzwei eigentlich als Brechtianer zu bezeichnen ist, Brecht vertrat ja die ästhetische und kunsttheoretische Gegenposition zur Lukács,260 hat er sich um Lukács’ »Rückkehr« in die DDR verdient gemacht. Dabei hat er sich auch zu den Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen Lukács und Brecht geäußert. Wichtig ist, dass er beider Konzepte auch auf einer grundsätzlich philosophischen Ebene in einer antagonistischen Stellung beschrieb und interpretierte.261 Diese Zweierkonstellation sah er als prägend an, auch wenn sie seit 1956 nicht mehr thematisiert worden sei. In den siebziger Jahren, so Mittenzwei, »galt Lukács jetzt wirklich als erledigt. Was die Kulturpolitik nur mit administrativer Gewalt geschafft hatte, ihn ins Abseits zu stellen, das wurde nun, wenn auch mit anderer Begründung, vollzogen. Die Moderne dominierte im Denken der Mitarbeiter des Instituts. In Lukács sahen sie einen toten Hund. Doch so konnte er nicht überwunden, nicht ins Abseits befördert werden. Offiziell hielt man ihn immer noch für einen Revisionisten.«262 259 Warnke: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte, S. 38. 260 Die Entstehung der Diskussionen erläutert Hermann: Georg Lukács, S. 124 f. und passim. 261 In seinen Erinnerungen schrieb Mittenzwei: »Nun war mir seit langem klar, dass es, als es in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre zur bedenkenswerten Wegscheide kam, zu früh für einen entschiedenen Weg zum Sozialismus war. Lukács plädierte für eine lange Übergangsperiode statt einen vorschnellen Aufbau des Sozialismus. Aber ich selber fand mich noch nicht zurecht. Einerseits imponierte mir Brechts entschlossene Haltung und seine Einsicht, ein unvollkommener, befohlener Sozialismus sei besser als gar keiner, andererseits leuchteten mir die Vorteile einer längeren Übergangsperiode ein, die den umfassenden Ausbau der Demokratie ermöglichte. Bald meinte ich, dass Lukács’ erweitertes Demokratieverständnis der Weg gewesen wäre.« Mittenzwei: Zwielicht, S. 309 f. 262 Mittenzwei: Zwielicht, S. 308 f. 103Ausblicke Stationen der Aufwertung Lukács’ durch Mittenzwei waren der 1975 herausgegebene Sammelband Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács sowie die zwei Jahre später publizierte Lukács-Auswahlausgabe Kunst und objektive Wahrheit.263 Beide Bücher erschienen bei Reclam und waren damit nicht nur sehr preiswert, sondern wurden auch in hohen Auflagen gedruckt. Rückblickend schrieb Mittenzwei: »Unser Dialog-und-Kontroverse-Büchlein schickte ich Wolfgang Harich mit der Bemerkung: ›Schmeißen Sie es bitte nicht gleich an die Wand; es ist in bester Absicht gemacht, Lukács aus der Ecke herauszuholen, in der er bei uns immer noch steht. Meine Kritik an Lukács werden Sie allerdings nicht teilen. Aber ich schicke Ihnen den Band trotzdem.‹ Er nahm ihn verständnisvoll auf und bezeichnete ihn als ›Annäherung durch Distanzierung‹.«264 In dem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! (Abdruck beider Versionen in diesem Band) hat Harich in der Mitte der achtziger Jahre Mittenzweis Engagement für Lukács deutlich positiv hervorgehoben und von den von ihm kritisierten anderslautenden Tendenzen der DDR-Wissenschaften abgesetzt. Es wurde bereits angesprochen, dass Harichs Denken (gerade mit Blick auf die achtziger Jahre) nur dann verstanden werden kann, wenn es in seinen Verknüpfungen und Verästelungen wahrgenommen wird: Hartmanns Philosophie, Gehlens Anthropologie (sowie der realgeschichtlich bedingte Übergang zu Paul Alsberg), das Vermächtnis von Lukács, die Erinnerung an Jean Paul, die Kritik an Nietzsche – alle diese Themen überlappten sich und gehören in unterschiedlichen Kombinationen und Nuancierungen zusammen. 1992 setzte Harich diesem Szenario dann die These hinzu, dass die DDR-Politik bewusst darauf angelegt war, ihn zum Schweigen zu bringen, ihn zu isolieren: »Wenn, nebenbei bemerkt, Jean Paul zu seinen runden Gedenktage, 1975 und 1988, in der DDR nicht gefeiert worden ist, so geschah das ebenfalls um meiner Ausgrenzung willen. Ich sollte Unperson bleiben, und dass ich Jean Paul im Geist von Lukács interpretiert hatte, galt obendrein als Frevel. Nietzsche war nicht zuletzt deswegen willkommen, weil von ihm Jean Paul als ›Verhängnis im Schlafrock‹ geschmäht 263 Mittenzwei: Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács. Darin eine Vorbemerkung und zwei Aufsätze von Mittenzwei. Lukács: Kunst und objektive Wahrheit. Das Vorwort stammt von Mittenzwei. Rückblickend schrieb Mittenzwei: »Damit schien die endgültige Rehabilitierung von Lukács erreicht. Doch der Aufbau-Verlag konnte sich noch nicht entschließen, seine Lukács-Werkausgabe fortzusetzen, obwohl dieser verfügt hatte, dass die DDR seine Texte ohne Valutazahlung an Luchterhand nachdrucken darf.« Mittenzwei: Zwielicht, S. 310. Analog hatte sich Harich geäußert: Harich: Brief an Kurt Hager vom 26. August 1972. 264 Mittenzwei: Zwielicht, S. 310. Siehe: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!. 104 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács worden ist.«265 Harich registrierte fast schon seismographisch das, was er letztlich als »falsche« Erbepflege bezeichnete. Lukács spielte dabei die zentrale Rolle. Denn sein Werk setzte Harich der offiziellen DDR-Politik entgegen – gleichsam als Maßstab für marxistisch richtiges Handeln. Von daher ist Lukács in Harichs philosophischem Spätwerk der achtziger Jahre eigentlich überall enthalten. Manchmal wurde dessen Denken offensiv angesprochen, teilweise mit kritischer Diskussion verbunden, in anderen Kontexten leitete Lukács’ methodisches Konzept Harichs eigene Überlegungen an. Vor allem mit Blick auf die Nietzsche-Debatte in der DDR und Harichs Arbeiten zu Nicolai Hartmann muss Lukács diese immense Präsenz zugesprochen werden. Seinen sinnfälligen Ausdruck fand diese intellektuelle »Verwandtschaft« in dem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács!, den Harich 1986 fertigstellte. Er reagierte damit unter anderem auf das 4. Heft des Jahres 1985 der Weimarer Beiträge, in dem zum 100. Geburtstag von Lukács mehrere, vor allem kritische Aufsätze abgedruckt waren, die sich mit dem Jubilar auseinandersetzten. Harich sendete seinen »Gegenartikel« ebenfalls an die Weimarer Beiträge. Er erhielt eine Ablehnung, später wiesen auch die Sinn und Form und die Deutsche Zeitschrift für Philosophie den Text zurück.266 Diese Vorgänge sind anhand der hier abgedruckten Briefe und Dokumente gut nachzuvollziehen. Harichs eigentlicher »Aufhänger« war, dass im Neuen Deutschland am 13. April 1986 ein großer Artikel zu Ferdinand Tönnies erschienen war (und damit zum Zeitpunkt des 101. Geburtstags vom Lukács). Einerseits sei es durchaus zu begrüßen, sozialdemokratische Gelehrte wie Tönnies zu würdigen und die Offenheit des Marxismus zu demonstrieren. Aber darüber dürfe die Kritik an deren »unmarxistischen« Tendenzen und Theorien nicht verlorengehen.267 Vor allem regte sich Harich darüber auf, dass »Tönnies drei 265 Harich: Nietzsche und seine Brüder, S. 209. Dort weiter: »Unmissverständlich ist mir immer wieder klargemacht worden, niemand brauche mich.« (Ebd., S. 209.) 266 Siehe: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 45, S. 58. Der Aufsatz erschien, in der 2. Version, zuerst in der Wiener Zeitschrift Aufrisse (Heft 2, 1986, S. 31–37). 267 »Trotzdem war ich auch erbost. Immerhin ist Tönnies ›Gemeinschaftsbegriff‹, weil unmarxistisch gedacht, weil gewonnen aus romantischem Missverstehen der Aussagen von Morgan und Engels über den Urkommunismus, einst zum Ausgangspunkt reaktionärer Entwicklungen in der deutschen Soziologie geworden. Sie mündeten ein in vernunftfeindliche, schließlich präfaschistische Konzepte. Sie halfen gewiss auch dem ›Volksgemeinschafts‹schwindel der Nazis den Boden bereiten. Keine Silbe kritischer Distanzierung wies den Leser darauf hin.« Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, 105Ausblicke Spalten mit Bild abbekam«, wo »ein Jahr zuvor Lukács eine ganze Seite« zugestanden hätte. »Die Proportionen stimmten nicht.«268 Doch genau diese Disproportionierung habe System und sei politisch und philosophisch gewollt. Es gehe nach wie vor in der DDR um die Stigmatisierung und Verdrängung von Lukács’. Wie gesehen, billigte Harich Mittenzweis Engagement und hob es positiv hervor. »Die Wiederentdeckung von Lukács’ Vermächtnis im Verlagswesen unserer Republik, vor über einem Jahrzehnt vorbereitet durch eine dankenswerte Initiative Werner Mittenzweis, ist mit dem Reclam-Band Über die Vernunft in der Kultur, in ein neues Stadium getreten: in das der Angemessenheit.«269 Sebastian Kleinschmidt, der Herausgeber der genannten Publikation, erhielt von Harich ebenfalls Zustimmung.270 Doch ähnlich wie er selbst seien diese beiden eher Einzelkämpfer, die sich gegen den allgemeinen Trend stemmen würden. Indikator dafür war für Harich natürlich die damals einsetzende Nietzsche-Renaissance in der DDR.271 Und auch die Kritik an Lukács werde unterstützt und staatlich gefördert, so Harich weiter. Als wissenschaftliche Protagonisten dieser neuen Ausrichtung der staatlich-ideologischen Kulturpolitik bezeichnete er Renate Reschke, Eike Middell, Günther K. Lehmann und Michael Franz. Letzterem etwa warf Harich vor, Lukács’ Verhältnis zum Neukantianismus und Neuhegelianismus falsch zu bewerten: »Die Beispiele solcher Unverschämtheit ließen sich beliebig vermehren. Sie führen dahin, dass Lukács und Adorno als Größen gleichen Ranges behandelt werden. Sie gipfeln in der Feststellung, gegen Lukács sei ›Adorno recht zu geben‹. Abermals stellt sich die Frage: Wo leben wir eigentlich?«272 268 Alle Zitate: Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, 269 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, 270 »Dokumentiert wird darin Lukács’ gesamte Entwicklung, von den ganz frühen Schriften, vor dem Ersten Weltkrieg, bis hin zur Gesellschaftsontologie des Achtzigjährigen, mittels ausgewählter Texte, von denen nur zwei in der DDR bereits früher erschienen sind. (…) Aber hingewiesen sei auf die essayistisch angelegte, des Mannes wie der Sache inhaltlich würdige Einleitung , die der Herausgeber, Sebastian Kleinschmidt, der Auswahl vorangestellt hat.« Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, Harich war sicherlich auch sehr angetan davon, dass der Band den Aufsatz Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie enthielt, der der Ontologie des gesellschaftlichen Seins entnommen war. Lukács: Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie, S. 435–492. 271 Zur Chronologie der Nietzsche-Diskussion siehe: Busch: Friedrich Nietzsche und die DDR, S. 762–777. 272 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, Der Fortgang dieser Stelle muss hier wiedergegeben werden: »Ich warte auf die Plechanow-Ausgabe, in der per Nachwort diesem Menschewiken der Fehler angekreidet wird, nicht mit genügend Verständnis in die Tiefen der 106 Varianten marxistischer Philosophie. Wolfgang Harich und Georg Lukács Aus diesem Szenario leitete Harich dann seine abschließende These ab. Angesichts der Rückkehr der Philosophie Nietzsches sei zu konstatieren: »Wir leben gefährlich am Ende des 20. Jahrhunderts, leider! Der philosophisch dilettierende Scharlatan (…) würde alles noch schlimmer machen, gewönne er im sozialistischen Land deutscher Sprache auch nur einen Millimeter an Boden zurück. Diesem Unheil gilt es beizeiten zu wehren. Nicht nur dafür brauchen wir Lukács. Aber dafür wahrscheinlich zu allererst. Der Schoß, aus dem Nietzsche kroch, ist fruchtbarer denn je. Mehr Respekt vor Lukács tut not, damit wir das begreifen und daraus die nötigen Konsequenzen ziehen.«273 Für Harich war die Konstellation also relativ klar und deutlich. Wer Lukács, aus welchen Motiven und in welchem Zusammenhang auch immer kritisiere, der leiste der Rückkehr Nietzsches Beihilfe. Umgekehrt habe dies natürlich auch zu gelten. Auch in den Jahren nach seiner Haftentlassung spielte Lukács’ Philosophie für Harich eine wesentliche und seine eigenen Theorien tragende Rolle. Denn er war nicht nur dort präsent, wo Harich ihn namentlich nannte. Seine Methodik und seine grundlegenden Thesen wendete Harich auf vielen Gebieten an – bei seinen literaturwissenschaftlichen Studien ebenso wie bei Betrachtungen zur Tagespolitik. So gesehen konnte hier mit Recht behauptet werden, dass Lukács der vielleicht größte Anreger des Gedankengebäudes von Harich war – und zwar in der permanenten Debatte (auch unter Abwesenden), jenseits platter Apologie. 9. Literatur Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg.): Zur Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Band III: Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, hrsg. von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, Vera Wrona, Leiterin des Autorenkollektivs, Berlin, 1979. Amberger, Alexander: Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn, 2014. – »Aufrechter Gang« und Scheitern. Der Einfluss von Ernst Blochs utopischem Wollen auf linke DDR-Oppositionelle, in: Amberger, Alexander; Möbius, Thomas: Auf Utopias Spuren. Utopie und Utopieforschung, Wiesbaden, 2017, Gedankenwelt von Mach und Avenarius eingedrungen zu sein und daher hinter dem wackeren Bolschewiken Bogdanow an Einsicht zurückzubleiben. Was schützt uns vor derartigem Wahnwitz? (…) Wo es geschehen kann, dass Adorno gegen Lukács, und das heißt in diesem Fall gegen Invarianzen marxistisch-leninistischer Erkenntnis, ausgespielt wird, da kann man sich, um wachsam zu bleiben, Konsequenzen ähnlicher Art nicht phantasievoll genug ausmalen.« 273 Harich: Mehr Respekt vor Lukács! 107Literatur S. 229–247. – Der konstruierte Dissident. 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References

Zusammenfassung

Mit Georg Lukács war Harich eng befreundet. In den fünfziger Jahren arbeiteten die beiden zusammen, Harich war im Aufbau-Verlag für die Bücher von Lukács verantwortlich und als Chefredakteur der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ für dessen Aufsätze. Die Wirkung des ungarischen Philosophen in der DDR wurde maßgeblich durch Harich gestaltet. Dabei vertraten beide ähnliche Ansätze in der Philosophiegeschichte und auch bei der Entwicklung eigenständiger marxistischer Theorien. Der vorliegende Band druckt eine Vielzahl von Dokumenten, Manuskripten und Gutachten ab, die Harich bis zu den Umbrüchen von 1956 über Lukács verfasste. Präsentiert werden zudem die meisten Briefe von Harich an seinen Freund und Mitstreiter. Nach 1956 besuchte Lukács die DDR nie wieder. Der Kontakt zu Harich brach völlig ab. Dieser wirkte ab 1970 aber in der DDR weiter für seinen früheren Weggefährten. In mehreren Eingaben, Briefen usw. mahnte er gegenüber den offiziellen Stellen der DDR „Mehr Respekt vor Lukács!“ an, dies ist ja der Titel seines bedeutenden Aufsatzes. Eine marxistische Philosophie ohne Lukács, so das Credo von Harich Zeit seines Lebens, sei zum Scheitern verurteilt.