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7 Zusammenfassung und Ausblick in:

Christian Roth

Tiergestützte Förderung der exekutiven Funktionen hyperkinetischer Kinder, page 91 - 93

Ergebnisse einer sonderpädagogischen Einzelfallstudie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4057-7, ISBN online: 978-3-8288-6899-1, https://doi.org/10.5771/9783828868991-91

Tectum, Baden-Baden
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91 7 Zusammenfassung und Ausblick Ziel der vorgestellten Studie war es festzustellen, welche Wirkungen sich mit dem entwickelten Tiergestützten Interventionsprogramm „TPP“ auf die exekutiven Funktionen von Kindern mit hyperkinetischen Störungen ergeben können. Neben den drei zu überprüfenden unspezifischen Hypothesen wurden dazu auch weitere Beobachtungen registriert, die auf Abmilderung der ADHS-Symptomatiken durch die Zusammenarbeit der Probanden mit einem Begleithund schließen lassen. Auf bereichsunabhängiger Hypothesenebene kann festgestellt werden, dass sich bei allen drei Probanden das Aufmerksamkeitsverhalten mit Hilfe der Intervention verbessern ließ. Alle erhobenen Messwerte mit Ausnahme des schulischen Aufmerksamkeitsverhaltens des Probanden C wiesen auf deutliche Verbesserungen hin. Insbesondere für den Bereich der geteilten Aufmerksamkeit konnten bei allen Probanden positive Veränderungen festgestellt werden. So wurde z.B. bei Proband C zum ersten Testzeitpunkt eine starke Einschränkung der geteilten Aufmerksamkeit gemessen, der Messwert nach der Tiergestützten Intervention wies auf eine deutliche Verbesserung dieses Bereichs der Aufmerksamkeit hin. Anhand der Analyse aller Videoaufzeichnungen zeigt sich, dass die Verbesserung der geteilten Aufmerksamkeit auf die Führung des Begleithundes, die parallel zur Bearbeitung der Aufgaben durchzuführen war, zurückgeführt werden kann. Alle Probanden zeigten nach kurzer Interventionsdauer eine optimale Aufmerksamkeitsverteilung. Auch eine bereichsübergreifende deutliche Verbesserung der Impulskontrolle konnte bei allen Probanden nachgewiesen werden. Was im pädagogischen Bereich auf die Arbeit mit dem Begleithund zurückgeführt werden kann. Da sich dieser zurückzog, wenn es zu Impulsdurchbrüchen kam, und alle Probanden an der weiteren Zusammenarbeit mit dem Hund interessiert waren, versuchten sie, sich künftig besser zu kontrollieren. Zum Anderen scheint die zum Einsatz gekommene Methode des kognitiven Modellierens im Alltag der Probanden ihre Wirkung entfaltetet zu haben. Diese Methode war unter Assistenz des Begleithundes sehr gut umsetzbar. Bei Erteilung des Stopp-Signals an den Hund gaben sich die Probanden in diesem Moment selbst ebenfalls das Stopp-Signal. So kam dieses Methode während des Trainings implizit zum Einsatz. Eine verbesserte Impulskontrolle geht auch aus den Abschlussgesprächen mit Proband A und B hervor, welche die erlernten Selbstregulationstechniken im Alltag erfolgreich anwenden konnten, um Impulsdurchbrüche selbstständig stoppen oder sogar verhindern zu können. Eine Verbesserung der Merkfähigkeit, die sich im Alltag in einer verbesserten Arbeitsgedächtnisleistung zeigt, war für alle Bereiche feststellbar. Für zwei Probanden konnte allerdings nicht für alle Bereiche die Alternativhypothese bestätigt werden. Die qualitativ ausgewerteten Daten der Interviews weisen allerdings auf 92 eine deutliche Verbesserung der Arbeitsgedächtnisleistung aller Probanden hin. Insbesondere für den häuslichen Bereich wurde von allen Interviewpartnern angegeben, dass das jeweilige Kind nicht mehr so häufig nachfragen muss, wenn es mehrere Anweisungen erteilt bzw. Aufgaben aufgetragen bekommt. Eine Verbesserung der Merkspanne war auch zu erwarten, da der Schwerpunkt der Übungen des „TPP“ auf der Merkfähigkeit liegt. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass sich beim Einsatz der unabhängigen Variable „TPP“ auf hyperkinetische Kinder (Mischtypus), die in einem strukturierten und geregelten häuslichen Umfeld ohne psychosoziale Belastungsfaktoren leben, deutlichere Wirkungen in Hinblick auf die in dieser Studie kontrollierten abhängigen Variablen erzielen lassen. Bei der Auswertung aller Daten wirkten sich die Ergebnisse des Probanden C einschränkend aus, da in einigen Bereichen keine Wirksamkeit festgestellt werden konnte, was in erster Linie auf die starken psychosozialen Belastungsfaktoren, denen der Proband im Interventionszeitraum ausgesetzt war, zurückgeführt werden kann. Ein wichtiges Ergebnis in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass Proband C das Trainingsprogramm nicht abgebrochen hat, wie es nach Aussagen der Eltern in der Vergangenheit bei jeglicher Intervention nach kurzer Zeit geschah. Dies deutet auf eine motivierende Funktion hin, die von dem Trainingsprogramm mit dem Begleithund ausgeht. Allgemein wurde der Aufbau einer tragfähigen pädagogisch-therapeutischen Beziehung zu allen Probanden durch die Assistenz des Begleithundes erheblich verkürzt, worauf vorgestellten Untersuchungsergebnisse von Julius et al. (2014) ebenfalls hinweisen (vgl. Kap. 2.4.2). Auch die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten, insbesondere mit den Probanden, konnte erheblich verbessert bzw. erleichtert werden. Eine Begebenheit, die darauf schließen lässt, ereignet sich während einer Testsituation, in der der Proband begann zu weinen, weil die Leistungsanforderungen auf ein vermeintlich nicht zu bewältigendes Maß anstiegen. Der Begleithund stand unmittelbar von seinem Platz auf, beruhigte und tröstete das Kind, so dass die Arbeit innerhalb kürzester Zeit fortgesetzt werden konnte. Da selbst die Eltern in solchen Situationen große Probleme haben, das Kind zu beruhigen, hätte dies vermutlich dazu geführt, eine ausgedehnte Pause während der Testsituation einlegen zu müssen, solange bis das Kind wieder arbeitsfähig gewesen wäre. Allgemein kann die Verbesserung sowie Erleichterung der Zusammenarbeit mit der Funktionsform des Hundes als „Situations-/Sozialkatalysator“ erklärt werden (vgl. Kap. 2.4.2). Studien von Walk & Evers (2013) weisen darauf hin, dass sich durch ein Training der exekutiven Funktionen die schulische Leistung deutlich verbessern lassen. Die Ergebnisse dieser Studie deuten ebenfalls auf eine deutliche Verbesserung der schulischen Leistungen hin. So konnten für den schulischen Bereich zu einem großen Teil höchstsignifikante Messwerte ermittelt werden. Die Hausaufgabensituation verbesserte sich bei allen Probanden. Des Weiteren konnte für viele Bereiche normative Validität sowie pädagogische Signifikanz nachgewiesen werden. Außerdem konnte für das „TPP“ in allen vorgestellten Einzelfällen soziale Akzeptanz sowie soziale Validität festgestellt werden. 93 Der Erfolg der Tiergestützten Intervention scheint in einem entscheidendem Maß davon abzuhängen, ob sich das Kind in einem strukturierten häuslichen Umfeld befindet und das Erziehungsverhalten auf die besonderen familiären Situationen, die eine hyperkinetische Störung mit sich bringt, von Seiten der Eltern zum Wohl des Kindes aufeinander abgestimmt wird. Außerdem liegt der Schluss nah, dass Kinder mit unterdurchschnittlicher Intelligenz im Vergleich zu Kindern, die sich im Normalbereich befinden, in einem geringeren Ausmaß von dem entwickelten Tiergestützten Trainingsprogramm profitieren. Dies zeigt sich u.a. an den unterschiedlich hohen Signifikanzniveaus der einzelnen Testergebnisse, die mit dem Chi-Quadrat-Test ermittelt wurden. Außerdem kann ggf. von deutlicheren Effekten ausgegangen werden, wenn der Schwerpunkt des Trainings auf die Problembereiche des jeweiligen Probanden abgestimmt wird, was allerdings im Rahmen dieser Studie nicht möglich war, um die Vergleichbarkeit der Einzelfallergebnisse zu gewährleisten. Im Verlauf der Tiergestützten Intervention konnte beobachtete werden, dass sich alle Probanden öffneten und hoch motiviert am Trainingsprogramm teilnahmen, sowie es von Wohlfarth et al. (2013) im Forschungsbericht: „Wirkmechanismen tiergestützter Maßnahmen“ beschrieben wird. Rückblickend war für die vorliegende Studie die Untersuchungsart Einzelfallanalyse angebracht, da so das entwickelte Trainingsprogramm in drei Fällen auf praktische Umsetzbarkeit erprobt werden konnte und genaue Beobachtungen der einzelnen Probanden möglich war. Auf diese Einzelfallbetrachtung sollte eine Gruppenuntersuchung vorgenommen werden, um Rückschlüsse auf die Gesamtpopulation hyperkinetischer Kinder vornehmen zu können. In einer solchen Studie sollte eine Kontrollgruppe gebildet werden, damit genauer festgestellt werden kann, inwieweit sich der Hund auf Veränderungen der abhängigen Variablen auswirkt. Als Testinstrument sollte das im Rahmen dieser Studie verwendete Kerninstrument BRIEF (Drechsler & Steinhausen, 2013) zum Einsatz kommen. Die Mittelwerte der zu überprüfenden Variablen zweier Messzeitpunkte können so mit einem anschließenden t-Test für abhängige Stichproben ausgewertet werden (vgl. Bortz & Döring, 2006). Des Weiteren könnten bei Gegenüberstellung der Ergebnisse der Kontroll- und der Untersuchungsgruppe auch gezielte Beobachtungen vorgenommen werden, die sich auf Besonderheiten beim Aufbau der therapeutisch-pädagogischen Beziehung unter Assistenz konzentrieren, insbesondere in Hinblick auf den zeitlichen Aspekt des Beziehungsaufbaus. Die vorliegende Studie reiht sich in eine noch geringe Anzahl von Studien ein, deren Ergebnisse, wie von Prothmann (2012) angegeben, auf eine generelle Milderung der ADHS-Symptome schließen lassen. Weitere wissenschaftliche Studien sollten folgen, um u.a. das zum Teil noch verborgene Wirkpotential Tiergestützter Interventionen auf hyperkinetische Kinder zu untersuchen und in Form neuer Erkenntnisse dem jungen wissenschaftlichen Gebiet der Tiergestützten Therapie bzw. Sonderpädagogik zugänglich zu machen.

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Zusammenfassung

Tiergestützte Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche können auch in der sonderpädagogischen Arbeit als zielführende und wirkungsvolle Interventionsmöglichkeit angesehen werden. Erzielbare Wirkungen ergeben sich auf der sozialen, psychologischen und physiologischen Ebene. Zur Erreichung eines hohen Wirkpotentials ist eine gezielte Vorbereitung und professionelle Vorgehensweise unabdingbar. Zur erfolgreichen Gestaltung Tiergestützter Interventionen gehört sowohl ein auf die Zielgruppe abgestimmtes Tiergestütztes Trainingsprogramm als auch die fortwährende Gestaltung der Mensch-Tier-Beziehung im pädagogischen Beziehungsdreieck während des Interventionsprozesses. Im vorliegenden Buch werden die Grundlagen der Tiergestützten Arbeit mit Blick auf die sonderpädagogische Arbeit mit hyperkinetischen Kindern zusammenfassend dargestellt. Im Fokus steht die Förderung der bei hyperkinetischen Kindern defizitär ausgeprägten exekutiven Funktionen. Im Rahmen eines hundegestützten Parcourstrainings mit gezielten Übungen zur Förderung der exekutiven Funktionen werden mögliche Wirkungen einzelfallanalytisch erfasst und ausgewertet.