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1 Einleitung in:

Christian Roth

Tiergestützte Förderung der exekutiven Funktionen hyperkinetischer Kinder, page 9 - 10

Ergebnisse einer sonderpädagogischen Einzelfallstudie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4057-7, ISBN online: 978-3-8288-6899-1, https://doi.org/10.5771/9783828868991-9

Tectum, Baden-Baden
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9 1 Einleitung Auf ein zufälliges Ereignis, das sich im Jahr 1961 in der Praxis des Kinderpsychiaters Boris Levinson zugetragen hat, ist die ursprüngliche Idee zurückzuführen, Hunde in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit gezielt einzusetzen. Der Professor für Psychologie und Sozialwissenschaften arbeitete sehr erfolgreich mit autistischen Kindern. Während seiner therapeutischen Sitzungen wurde sein Hund, Jingles, stets aus dem Behandlungszimmer herausgeführt. Es ergab sich nun, dass einer seiner autistischen Kinderpatienten mit seinen Eltern eine Stunde zu früh zu einem vereinbarten Termin erschienen war. Jingles befand sich noch im Behandlungszimmer, als die Eltern mit ihrem Sohn eintraten. Der Hund stand ohne zu zögern auf, um das Kind freudig zu begrüßen. Der Junge begann mit Jingles Kontakt aufzunehmen, er redete und spielte mit ihm. Nach Absprache mit den Eltern nahm der Hund nun an künftigen Therapiesitzungen mit dem Jungen teil. Levinson gelang es dann über den Hund als Medium, dass der autistische Junge in Kommunikation mit anderen Menschen trat. Der Kinderpsychiater erkannte das Wirkpotential, welches sich durch seinen Hund im therapeutischen Prozess entfaltete, und er setzte seinen Hund gezielt als „therapeutisches Mittel“ in seinen Therapiesitzungen mit anderen Kindern ein. Seine Arbeiten auf diesem Gebiet fasste er in einem Buch (Pet-Oriented Child Psychology, Springfield 1969) zum Thema „Kinder und Tiere in der Therapie“ zusammen und empfahl u.a., dass Familien mit psychisch auffälligen Kindern einen Hund in die Familie integrieren sollten, er sprach dabei vom Hund als therapeutisches Mittel im Alltag. Heute gehört der professionelle Einsatz von Tieren in unterschiedlichen sozialen, pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern in vielen Ländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch in Österreich und der Schweiz, zur gängigen Praxis. Die positive, fördernde und oftmals tatsächlich heilsame Wirkung von Tieren auf Menschen mit Beeinträchtigungen und Störungen steht in diesen Ländern außer Frage. Auch in Deutschland fristen Tiergestützte Interventionen kein Schattendasein mehr, sondern finden schon seit Jahren immer mehr Beachtung (vgl. Vernooij & Schneider, 2010). Allgemein können mit Hilfe Tiergestützter Interventionen positive Auswirkungen auf das psychische, physische und soziale Wohlbefinden von Kindern erzielt werden. Soziökonomische Messungen bestätigen grundsätzlich den Einfluss von Tieren, insbesondere von Hunden, auf die Gesundheit von Menschen (vgl. Prothmann, 2012; Beetz, 2012). Neue Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Tiergestützten Therapie und Pädagogik mit unterschiedlichen Untersuchungsgegenständen erscheint dringend erforderlich, kommt dem Einsatz von therapeutischen und pädagogischen Begleithunden doch eine erfolgsversprechende Funktion bei der Arbeit mit external verhaltensgestörten Kindern zu. Bestehende Studien lassen darauf schlie- ßen, dass der Einsatz von Tieren in der Therapie aufmerksamkeitsgestörter 10 und/oder verhaltensauffälliger Kinder ein großes Potential innehat (vgl. Prothmann, 2012). In der vorliegenden Arbeit wird nach Durchführung eines entwickelten Tiergestützten Trainingsprogramms mit verschiedenen Messinstrumenten versucht mögliche Effekte im häuslichen, schulischen sowie klinischen bzw. pädagogischen Bereich (Trainings- und Testsituation) in drei Einzelfällen nachzuweisen. Dabei soll folgende übergeordnete Forschungsfrage beantwortet werden: Welche Wirkungen können sich nach Durchführung eines kognitiven Trainings mit pädagogisch-therapeutischen Begleithunden auf die exekutiven Funktionen bei Kindern mit hyperkinetischen Störungen ergeben? Die ersten drei Kapitel sollen einen Überblick über die Grundlagen Tiergestützter Interventionen, das Konstrukt der exekutiven Funktionen sowie die hyperkinetische Verhaltensstörung geben. Im 2. Kapitel werden die Möglichkeiten der Tiergestützten Arbeit und deren Wirkpotential erörtert. Des Weiteren werden Forschungsergebnisse Tiergestützter Interventionen sowie Metaanalysen vorgestellt und interpretiert. Im 3. Kapitel werden die exekutiven Funktionen beschrieben und die relevanten Subkomponenten für die im praktischen Teil zu formulierenden Hypothesen herausgearbeitet. Im 4. Kapitel der theoretischen Grundlagen wird die hyperkinetische Störung beschrieben und definiert, auf Kernsymptome und deren Erscheinungsmerkmale eingegangen, sowie Subtypen vorgestellt. Des Weiteren werden Ursachen und begünstigende Faktoren, Begleit- und Folgesymptome sowie Defizite der exekutiven Funktionen hyperkinetischer Kinder beschrieben. Mit Darstellung der Prävalenzraten, Interventions-möglichkeiten und Förder- und Einflussmöglichkeiten mit Hilfe von Begleithunden endet das Kapitel. Im 5. Kapitel wird das Forschungsprojekt vorgestellt. Das Kapitel beinhaltet im Einzelnen den Ansatz und die Ziele des Forschungsvorhabens, eine detaillierte Darstellung des Studiendesigns und des Prozesses der Probandenauswahl von der Zielgruppenbestimmung bis zum Erstgespräch. Im 6. Kapitel werden die Ergebnisse dreier Probanden gegenübergestellt und weitere Schlussfolgerungen gezogen. Das 7. Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung und Stellungnahme zu den gewonnen Erkenntnisse, sowie einen Ausblick auf weiterführende Studien Tiergestützter Interventionen zur Förderung exekutiver Funktionen hyperkinetischer Kinder.

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Zusammenfassung

Tiergestützte Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche können auch in der sonderpädagogischen Arbeit als zielführende und wirkungsvolle Interventionsmöglichkeit angesehen werden. Erzielbare Wirkungen ergeben sich auf der sozialen, psychologischen und physiologischen Ebene. Zur Erreichung eines hohen Wirkpotentials ist eine gezielte Vorbereitung und professionelle Vorgehensweise unabdingbar. Zur erfolgreichen Gestaltung Tiergestützter Interventionen gehört sowohl ein auf die Zielgruppe abgestimmtes Tiergestütztes Trainingsprogramm als auch die fortwährende Gestaltung der Mensch-Tier-Beziehung im pädagogischen Beziehungsdreieck während des Interventionsprozesses. Im vorliegenden Buch werden die Grundlagen der Tiergestützten Arbeit mit Blick auf die sonderpädagogische Arbeit mit hyperkinetischen Kindern zusammenfassend dargestellt. Im Fokus steht die Förderung der bei hyperkinetischen Kindern defizitär ausgeprägten exekutiven Funktionen. Im Rahmen eines hundegestützten Parcourstrainings mit gezielten Übungen zur Förderung der exekutiven Funktionen werden mögliche Wirkungen einzelfallanalytisch erfasst und ausgewertet.