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6 Gegenüberstellung der Einzelfälle in:

Christian Roth

Tiergestützte Förderung der exekutiven Funktionen hyperkinetischer Kinder, page 84 - 90

Ergebnisse einer sonderpädagogischen Einzelfallstudie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4057-7, ISBN online: 978-3-8288-6899-1, https://doi.org/10.5771/9783828868991-84

Tectum, Baden-Baden
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84 6 Gegenüberstellung der Einzelfälle Im Folgenden werden zur Einordnung der Wirksamkeit der Tiergestützten Intervention die untersuchten Einzelfälle mit Blick auf die relevanten Bereiche (häuslicher, schulischer und pädagogischer Bereich) aufgezeigt. Alle Ergebnisse werden in tabellarischer Form dargestellt, um aufzeigen zu können, für welche Bereiche die Nullhypothese verworfen und die Alternativhypothese angenommen werden konnte. Alle Messwerte der eingesetzten Testinstrumente zur Überprüfung der jeweiligen Hypothese wiesen bei den Einzelfallauswertungen in der Regel mindestens statistische Signifikanz auf, so dass die Nullhypothesen verworfen werden konnten. Dazu sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass sich Ergebnisdarstellungen der Messwerte je Proband in Bezug auf die jeweilige Hypothese im Anhang dieser Arbeit befinden. In den tabellarischen Auflistungen (vgl. Anh. D-F) finden sich die Messwertveränderungen, gruppiert nach den verwendeten Messinstrumenten. Eine Abweichung von der Regel, die in zwei Fällen stattfand, wurde mit einem hochsignifikanten oder höchstsignifikanten Messwert eines vergleichbaren Messinstruments begründet. Auch bei fehlenden Tagebuchaufzeichnungen galt die Alternativhypothese als bestätigt, wenn mit den erhobenen Messdaten des Kerninstruments BRIEF-Lehrer oder BRIEF-Eltern normative Validität nachgewiesen werden konnte. Bei der Probandenauswahl wurde gemäß den Bedingungen für direkte Replikationsverfahren (vgl. Kap. 5.3.2) auf Homogenität der Merkmale geachtet. Allerdings weisen nicht alle Merkmale Homogenität auf, was vor der Auswahl der Probanden nicht für jedes Merkmal feststellbar war. Im Folgenden werden die wesentlichen Merkmale der Probanden tabellarisch gegenübergestellt, um die zum Teil unterschiedlichen Befunde für die einzelnen untersuchten Bereiche unter Berücksichtigung einiger voneinander abweichender Merkmale der Probanden interpretieren zu können: 85 Tab. 8: Merkmale der Probanden im Vergleich Eine deutliche Inhomogenität weist das Merkmal: IQ auf. Nach Kern (1997) erhöht die Heterogenität dieses Merkmals die externe Validität der Intervention. Der häusliche Alltag und die Unterrichtssituation des Probanden C im Vergleich zu den beiden anderen Probanden weisen ebenfalls Inhomogenität auf. Der IQ des Probanden C, befindet sich mit 78 Punkten im Grenzbereich zur Lernbehinderung. Außerdem steht nach ICD zusätzlich zur Diagnose Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1) die Diagnose kombinierte Entwicklungsstörung der Sprache, Motorik und schulischen Fertigkeiten (F83 G). Für alle Probanden gilt, dass sie regelmäßig und motiviert an der Trainingsmaßnahme mit dem Begleithund teilnahmen. Außerdem befand sich keiner der Probanden zur Zeit der Intervention in einer anderen pädagogisch bzw. therapeutischen Maßnahme, was sich als Störvariable auf die Einzelfallergebnisse hätte auswirken können. Bei Proband B und C konnte im Verlauf der Intervention jeweils eine Störquelle aufgedeckt werden. Bei Proband A handelte es sich um den Tod des Großvaters, der im 3. Abschnitt der Interventionsphase verstarb. Diese Varianzquelle konnte bei der statistischen Auswertung der Tagebuchaufzeichnungen für den häuslichen und schulischen Bereich eliminiert werden. Bei Proband C stellte sich als Varianzquelle permanente psychosoziale Belastungsfaktoren heraus. Dies wirkte sich auf die Ergebnisse des Probanden C deutlich aus. Die Varianzquelle konnte auch nicht eliminiert werden, da ein multimodales Interventionsverfahren notwendig gewesen wäre, was im Rahmen dieser Studie nicht vorgesehen war. Des Weiteren konnte durch die Eingangsdiagnostik bei allen Probanden die Diagnose des ADHS-Mischtypus bestätigt werden. Alle mit dem Kerninstrument BRIEF ermittelten exekutiven Gesamtwerte wiesen einen Wert Proband Merkmal 86 von (T>157,8) auf, was auf den ADHS-Mischtypus schließen lässt (vgl. Schöfl et al., 2014). Die in Kapitel 5.3.4 aufgestellten Hypothesen werden im Folgenden wiederholt: (H1): Nach einer Tiergestützten Intervention kommt es zu keiner / einer signifikanten Steigerung des Arbeitsgedächtnisses bzw. der Merkfähigkeit (visuelles und auditives Merken). (H2): Nach einer Tiergestützten Intervention kommt es zu keinen signifikanten Veränderungen der Aufmerksamkeitsleistung (auditive und visuelle Aufmerksamkeit). (H3): Nach einer Tiergestützten Intervention ist keine / eine signifikante Verbesserung der Impulskontrolle feststellbar. Der für die Nullhypothese (H0) erforderliche Zusatz ist kursiv geschrieben. Die Ergebnisse mit Blick auf die relevanten Bereiche werden in den folgenden Abschnitten dargestellt. 6.1 Häuslicher Bereich Für den häuslichen Bereich gilt folgende zu prüfende Nullhypothese: (H0.1), die als angenommen gilt, wenn sie in der Tabelle aufgeführt ist. Tab. 9: Hypothesenmatrix – Häuslicher Bereich (* = pädagogische Signifikanz und/oder normative Validität) Die Ergebnisse des Probanden C sind in Bezug auf alle Hypothesen im Vergleich zu den Ergebnissen der beiden anderen Probanden weniger deutlich ausgeprägt. Auch wenn die Alternativhypothesen zum Teil angenommen wurden, liegen einzelne Messdaten nur knapp im signifikanten Bereich und befinden sich alle auf einem vergleichbar niedrigen Signifikanzniveau. Eine Erklärung dafür ist, dass Proband C zu Beginn und während der Intervention klare Regeln und Strukturen für den häuslichen Bereich gänzlich fehlen. Außerdem ist kein einheitlicher Erziehungsstil zu erkennen und das elterliche Erziehungsverhalten ist nicht aufeinander 87 abgestimmt. Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass die partnerschaftliche Beziehung der Eltern erheblich gestört ist. Diese begünstigenden Faktoren für einen negativen Verlauf der ADHS, die zur Verschlimmerung der Symptome führt (vgl. Kap. 4.5), scheinen der Hauptgrund für die nur schwach ausgeprägten Interventionseffekte zu sein. Hinzu kommt die Begebenheit, dass Proband C in der Interaktion mit seinem Vater teilweise ein angstbesetztes Verhalten zeigt. Ein weiterer Grund könnte in der unzureichenden Mitarbeit während der Intervention von Seiten der Eltern liegen. So werden die Transferaufgaben des Interventionsprogramms nur unregelmäßig über den jeweiligen Wochenverlauf bearbeitet. Für die angenommene Nullhypothese des Probanden A in Bezug auf die Variable „Arbeitsgedächtnis“ lässt sich hingegen keine plausible Erklärung finden. Die Annahme der Nullhypothese für den häuslichen Bereich belegt einen fehlenden Transfer in den Alltag. Dieser Befund ist insbesondere aufgrund dessen bemerkenswert, da Proband A in einem besonders hohen Maß von der Intervention profitiert und die erlernten Merkstrategien auch im Alltag erfolgreiche einsetzt. So kam es z.B. während der B-Phase zu einer deutlichen Entspannung der über ein Jahr dauernden problemintensiven Hausaufgabensituation. Insgesamt ist für alle Probanden eine deutliche Verbesserung der täglichen Hausaufgabensituation feststellbar, die grundsätzlich in den häuslichen Bereich fällt. Proband C besucht eine Hausaufgabenbetreuung, die nach Rücksprache deutliche Verhaltensänderungen im Hausaufgabenprozess bestätigt. Aber auch andere häusliche Situationen weisen nach der Intervention für alle Probanden eine deutlich niedrigere Problemintensität auf und zeigen eine starke Abnahme der Häufigkeit des auftretenden Verhaltens. 6.2 Schulischer Bereich Für den schulischen Bereich gilt folgende zu prüfende Nullhypothese: (H0.2), die als angenommen gilt, wenn sie in der Tabelle kursiv aufgeführt ist. Tab. 10: Hypothesenmatrix – Schulischer Bereich (* = pädagogische Signifikanz und/oder normative Validität) Im schulischen Bereich haben sich für die Probanden A und B die deutlichsten Veränderungen in Hinblick auf alle zu prüfenden Hypothesen eingestellt. Das Interventionsprogramm mit seiner schulischen Ausrichtung hat sich in diesem Bereich als besonders wirksam und auch nachhaltig herausgestellt. Neben der zu 88 überprüfenden Hypothesen waren auch für die anderen exekutiven Funktionen anhand der Skalenwerte des Testinstruments BRIEF deutliche Verbesserungen feststellbar. Im schulischen Bereich des Probanden C konnten im Vergleich zu den beiden anderen Probanden keine signifikanten Veränderungen festgestellt werden. Die Messwerte wiesen entweder keine Veränderung auf oder befanden sich im Vergleich zu den Messwerten der beiden anderen Probanden nicht auf dem gleichen Signifikanzniveau. Dies kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass die Klassenlehrerin innerhalb des Interventionszeitraums den Jungen von einem Praktikanten betreuen ließ. Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass die Lehrerin das nach Schulbeginn täglich auftretende geistig abwesende Verhalten des Probanden als stark überlagernd wahrnimmt. Dies ist nach Angaben der Klassenlehrerin auf die regelmäßig verspätete Medikamenteneinnahme im elterlichen Haushalt zurückzuführen. So kann davon ausgegangen werden, dass die Lehrerin kaum in der Lage war, Veränderungen des Verhaltens über den Interventionszeitraum genauer zu beobachten. Ein Beleg dafür ist, dass die Klassenlehrerin vor den Osterferien angibt, dass sich Verbesserungen eingestellt haben, die sich auf das morgendliche Verhalten beziehen. Sie gibt in dem Gespräch auch andere hypothesenrelevante Veränderungen für diesen Zeitraum an. Ein weiterer Einflussfaktor, insbesondere in Hinblick auf die Variable „Arbeitsgedächtnis“, ergibt sich aus dem unterdurchschnittlich ausgeprägten IQ des Probanden, der sich im Grenzbereich zu einer Lernbehinderung befindet. Des Weiteren könnten die ungünstigen psychosozialen Bedingungen im häuslichen Bereich einen negativen Ausstrahlungseffekt auf den schulischen Alltag gehabt haben, der ein erfolgreiches Lernen erschwert oder sogar unmöglich macht. Insgesamt ist die Mitarbeit von Seiten der Schule nur in einem Einzelfall als vorbildlich zu bezeichnen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Klassenlehrerin des Probanden B, die an einer Regelschule unterrichtet, das abweichende Verhalten des Schülers im Gegensatz zu den beiden anderen Förderschullehrerinnen besser beobachten konnte, da sie lediglich ein Kind mit abweichenden Verhaltensweisen im Klassenverbund hat. So hatte sie die Möglichkeit das Verhalten eines einzelnen Schülers genauer zu beobachten und aufzuzeichnen. 6.3 Pädagogischer Bereich Die Aufzeichnungen über das Verhalten während des Trainings konnten aufgrund fehlender Daten, wie z.B. den Retest-Reliabilitäten nicht auf Signifikanz überprüft werden. So galten andere Kriterien, wie z.B. eine deutliche prozentuale Verhaltensänderung beim Vergleich der Mittelwerte nach Teilung der Intervention in zwei Hälften (vgl. Kap. 5.3.7.2). Auch die Messergebnisse einiger Testinstrumente konnten aufgrund fehlender Retest-Reliabilitäten keinem Signifikanztest unterzogen werden. 89 Für den pädagogischen Bereich, bei dem die Test- bzw. Trainingssituation berücksichtigt wird, gilt folgende zu prüfende Nullhypothese: (H0.3), die als angenommen gilt, wenn sie in der Tabelle kursiv aufgeführt ist. Tab. 11: Hypothesenmatrix – Pädagogischer Bereich Für den pädagogischen Bereich gelten fast alle Alternativhypothesen als angenommen, mit Ausnahme der abhängigen Variable „Impulskontrolle“ von Proband A und „Merkfähigkeit“ von Proband C. In diesen beiden Einzelfällen ist die Nullhypothese aufgrund der ermittelten Messwerte aus der Test- und nicht aus der Trainingssituation angenommen worden. Bei Proband C war während des Trainings zu beobachten, dass er trotz seiner unterdurchschnittlich ausgeprägten Intelligenz viele Aufgaben richtig lösen konnte. Auffällig dabei ist, dass er in keiner der Testsituationen in der Lage war, eine vergleichbar hohe Leistung, wie während des Parcourstrainings zu erbringen. Eine mögliche Erklärung ist die in Kapitel 5.1 erwähnte Unteraktivierungshypothese, die in der Testsituation zum Tragen kam, da für den Probanden keine Bewegungsmöglichkeit während der Aufgabenbearbeitung in der Testsituation bestand. Auch bei Proband A führten die Ergebnisse in der Testsituation zu der Annahme der Nullhypothese, was vermutlich auch auf die Unteraktivierung des Probanden zurückgeführt werden kann. Einen weiteren Grund für diese Ergebnisse stellt die Beobachtung dar, dass Proband A Probleme bei der Umsetzung der Selbstinstruktionstechnik und Proband C beim Erlernen der Merktechniken im Rahmen des Trainingsprogramms hatten. Für alle Einzelfälle gilt, dass bei Anwesenheit des Hundes, ob in der Testoder in der Trainingssituation, keine oppositionellen Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten waren. Dies kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass alle Probanden ein hohes Maß an Rücksichtnahme auf den Hund aufwiesen. Zum anderen könnte dies auf die von allen Probanden gewonnene Erkenntnis im Trainingsprozess zurückgeführt werden, dass der Hund die Zusammenarbeit bei exaltierendem Verhalten verweigert (vgl. Kap. 2.7.1). Außerdem war in der Trainingssituation nach der 5. bzw. 6. Trainingseinheit eine deutliche Verbesserung des Bewegungsverhaltens während der Arbeit mit dem Hund zu beobachten. Alle Probanden gingen zudem bei der Erledigung ihrer Aufgaben bedacht und konzentriert vor. In diesem Zusammenhang können die Beobachtungen von Petermann (1997) im Rahmen eines Tiergestützten Parcourslaufs mit hyperkinetischen Kindern in der ergotherapeutischen Praxis nachdrücklich bestätigt werden (vgl. 90 Kap. 5.1). Des Weiteren konnte bei allen Probanden eine Verbesserung des Leistungsverhaltens während des Trainingsprogramms beobachtet werden. Dies kann auf den Auf- bzw. Ausbau des Vertrauens in die eigene Leistungsfähigkeit zurückgeführt werden. Alle Probanden gaben während der ersten Trainingssitzungen vor der Bearbeitung von Aufgaben mit einem höheren Schwierigkeitsgrad an, dass es unmöglich für sie sei, diese zu lösen. Zusammen mit dem Begleithund trauten sie es sich dann doch zu. Der Erfolg in solchen Situationen führte zu mehr Zuversicht in die eigene Leistungsfähigkeit. So kann z.B. bei Proband B die Veränderung des Leistungsverhaltens als ein wichtiger Einflussfaktor auf die deutliche Verbesserung der schulischen Ergebnisse angesehen werden.

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Zusammenfassung

Tiergestützte Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche können auch in der sonderpädagogischen Arbeit als zielführende und wirkungsvolle Interventionsmöglichkeit angesehen werden. Erzielbare Wirkungen ergeben sich auf der sozialen, psychologischen und physiologischen Ebene. Zur Erreichung eines hohen Wirkpotentials ist eine gezielte Vorbereitung und professionelle Vorgehensweise unabdingbar. Zur erfolgreichen Gestaltung Tiergestützter Interventionen gehört sowohl ein auf die Zielgruppe abgestimmtes Tiergestütztes Trainingsprogramm als auch die fortwährende Gestaltung der Mensch-Tier-Beziehung im pädagogischen Beziehungsdreieck während des Interventionsprozesses. Im vorliegenden Buch werden die Grundlagen der Tiergestützten Arbeit mit Blick auf die sonderpädagogische Arbeit mit hyperkinetischen Kindern zusammenfassend dargestellt. Im Fokus steht die Förderung der bei hyperkinetischen Kindern defizitär ausgeprägten exekutiven Funktionen. Im Rahmen eines hundegestützten Parcourstrainings mit gezielten Übungen zur Förderung der exekutiven Funktionen werden mögliche Wirkungen einzelfallanalytisch erfasst und ausgewertet.