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1 Annäherung an das Thema in:

Mathias Schoenen

Kirche in der Euregio, page 5 - 38

Das deutsch-niederländisch-belgische Dreiländereck als Praxisfeld kirchlichen Handelns

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4061-4, ISBN online: 978-3-8288-6891-5, https://doi.org/10.5771/9783828868915-5

Tectum, Baden-Baden
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5 1 Annäherung an das Thema Das einleitende Kapitel dieser Arbeit gibt zuerst Auskunft über die Motivation des Autors, die ihn zu dieser Untersuchung veranlasst hat. Es klärt zweitens darüber auf, welche Intention der Arbeit zu Grunde liegt. Damit sind zugleich ihr Ziel und ihre Grenzen angezeigt. In einem dritten Schritt geht das Eingangskapitel auf den Stand der Forschung ein. Daran will die folgende Untersuchung anknüpfen. Indem sie den Stand der Forschung in einem Dreischritt nachvollzieht – in der Verhältnisbestimmung Europas zum Christentum, zum Protestantismus und darin zu protestantischen Institutionen, kommt es zu einer ersten inhaltlichen Darstellung, die dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand voran geht. Letztlich führt ein vierter Abschnitt in die Konzeption der vorliegenden Arbeit ein. Diese Untersuchung ist – wie jede Arbeit, die im Titel das Wort »Europa« trägt – zeitgebunden. Denn sowohl der europäische Einigungsprozess in all seinen Facetten – angefangen bei Fragen der inneren Konsolidierung bis hin zu Fragen der zukünftigen Erweiterung – wie auch die Beziehung protestantischer Kirchen zu diesem Europa unterliegen der Dynamik historischer wie politischer Prozesse. Galt der europäische Einigungsprozess noch vor wenigen Jahren nach dem Scheitern des europäischen Verfassungsentwurfes durch die ablehnenden Volksentscheide in Frankreich und in den Niederlanden als in der Krise befindlich, so keimte mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages im Dezember 2007 in Lissabon neuer Optimismus für den Fortgang der EU auf. Der Beginn dieser Arbeit im Spätherbst des Jahres 2007 wurde zeitlich geprägt von diesem politischen Neuanfang. In dieser Phase suchte die EU ihre Position zu finden in der weiterhin ungelösten und sich daher zuspitzenden Frage des Status des Kosovo im Verhältnis zu Serbien und Albanien. Immerhin hat die EU – und nicht mehr die NATO – hier militärisch Position bezogen. Die Erweiterung des Schengen-Raumes um Polen, die Staaten des Baltikums und Ungarn war gerade abgeschlossen. Die Osterweiterung der EU hatte damit Fortschritte gemacht. Die Frage weiterer Erweiterungen – insbesondere um die Türkei – ist seit Jahrzehnten ein Streitpunkt. In der praktischen Ausführung haben Verhandlungen begonnen. Das Verhältnis der EU zu Russland war und bleibt getrübt durch die umstrittene Frage der Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien und impliziert nicht gelöste Fragen, wie die Energieversorgung 6 1 Annäherung an das Thema Mittel- und Westeuropas durch russisches Gas. Die Frage der Osterweiterung der EU unter Einbeziehung weiterer ehemaliger Staaten der Sowjetunion – etwa der Ukraine – liegt noch in ferner Zukunft. Schon diese bruchstückhafte Aufzählung macht deutlich, dass die vorliegende Untersuchung wegen ihrer zeitlichen Gebundenheit keine apodiktische Aussagekraft beanspruchen kann und will. Es gilt, diesen Kontext als Herausforderung für kirchliches Handeln zu begreifen. Denn auch dieses findet stets »in der Zeit« statt. So dokumentiert die vorliegende Arbeit zunächst, inwieweit Europa auf gemeindlicher und regionaler Ebene in den Blick kirchlichen Handelns gerät. Sie will zugleich Prognosen und Folgerungen für kirchliches Handeln wagen. Darauf weist der ursprüngliche Untertitel der Promotionsarbeit »Europa als grenzüberschreitendes Praxisfeld kirchlichen Handelns auf regionaler und gemeindlicher Ebene am Beispiel der Euregio im deutsch-niederländisch-belgischen Länderdreieck«.Insofern ist sie letztlich praktisch-theologisch ausgerichtet. Schließlich verfolgt diese Untersuchung das Forschungsziel, praktische Konsequenzen aus dieser Momentaufnahme für zukünftiges kirchliches Handeln zu ziehen. 1.1 Motivation zur Arbeit Motivation als Beweggrund des eigenen Handelns, Nachdenkens und Forschens kann nur persönlich formuliert werden. »Europa als Praxisfeld kirchlichen Handelns« lässt sich für mich seit Übernahme meines Dienstes als Pfarrer in der westlichsten evangelischen Kirchengemeinde der Bundesrepublik Deutschland als ein Leitgedanke4 meines kirchlichen Handelns bezeichnen. Zu Dreivierteln ist die Grenze dieser Gemeinde zugleich Staatsgrenze zu den Niederlanden. Anfang der 1990er Jahre bedeutete das noch, die Zollstationen im Schritttempo zu passieren. Belgien liegt – durch die limburgische »Wespentaille« getrennt – nur sechs Kilometer entfernt. Am 14. Juni 1985 unterzeichneten Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg auf einem Moseldampfer im luxemburgischen Ort Schengen ein Abkommen, das den freien Personenverkehr an den Binnengrenzen der Unterzeichnerstaaten regeln sollte. In den Folgejahren traten mit Ausnahme von Großbritannien und Irland alle EU-Staaten diesem Abkommen bei. Es wurde sogar auf die Nicht-EU-Staaten Norwegen und Island ausgedehnt. Nach der EU-Osterweiterung gilt das Schengen-Abkommen seit dem 21. Dezember 2007 auch für Slowenien, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Polen sowie die baltischen Staaten.5 Das Jahr 1990 ließ in der Euregio Rhein-Maas die Grenze auch 4 Zur Bedeutung des Wortes »Motiv« vgl. Duden. Etymologie. Herkunftswörterbuch der Deutschen Sprache, Mannheim 1963, 452 f. 5 Der Kommentator der Aachener Zeitung, Detlef Drewes, begann seinen Beitrag dazu mit den euphorischen Worten »In dieser Nacht hat Europa die Nachkriegszeit beendet.« in: Aachener Zeitung Nr. 296 / 2007, 3 Zum gleichen Ereignis sind aber auch nachdenkliche Worte 7 1.1 Motivation zur Arbeit als Zoll-Hürde fallen, wie zwölf Jahre später die Hürde der Währungsschranke durch die Einführung des Euro. Der westlichste Teil »meiner« Kirchengemeinde Gangelt, Selfkant, Waldfeucht stand in Folge des Zweiten Weltkrieges bis 1963 politisch unter niederländischer Verwaltung. Kirchlicherseits wurde dieses Gebiet weiterhin von deutscher Seite aus betreut.6 Diese Grenzlage bestimmte und bestimmt nicht allein die alltäglichen Belange. Sie provozierte zuerst auch mein historisches Interesse durch die Frage, wie Protestantinnen und Protestanten in dieser Grenzsituation – zumal in der Diaspora des linken Niederrheins bzw. des Maaslandes – gemeindliches Leben aufgebaut haben.7 Im Zuge meiner Nachforschungen stieß ich auf den Sittarder (NL) Pfarrer Gustav Hoefer, der nach dem Wiener Kongress im 2. Viertel des 19. Jahrhunderts die Saeffelener (D) Gemeinde seelsorglich betreute. Sittard gehörte bis 1815 zum Herzogtum Jülich und wurde in Folge der Grenzziehung zwischen den Königreichen der Niederlande und Preußens »einen Kanonenschuß östlich der Maas« niederländisch.8 Bis ins Jahr 1888 war dort das deutschsprachige Gesangbuch in Gebrauch9, und bis in unsere Zeit zeigt das Kirchenfenster der alten Hervormde Kerk in Sittard das Jülicher Wappen. Diese kirchliche Situation legte es im wahrsten Sinne des Wortes nahe, den Kontakt zu den niederländischen evangelischen Nachbarn zu suchen. In Person des Pfarrers Ferdinand Borger begegnete mir ein etwa gleichaltriger Amtskollege, mit dem ich die jeweilige Situation unserer Gemeinden, ihrer Geschichte, Struktur und vor allem ihrer Menschen diskutierte. 1995 planten wir eine gemeinsame Form der 40-jährigen Wiederkehr des »Befreiungstages« der Niederlande am 4. / 5. Mai sowie des allgemeinen Kriegsendes am 8. Mai. Es kam zum ersten Kanzeltausch zwischen Sittard und Gangelt – damals noch predigten Borger und ich jeweils in der eigenen Muttersprache im Vaterland des anderen. Zwischenzeitlich hatte sich dieses in Zusammenarbeit mit dem Nachfolger Borgers, Pfarrer Joachim Stegink, gewandelt. Einmal im Jahr feierte der niederländische Pfarrer auf Deutsch den Gottesdienst in Gangelt, der deutsche Pfarrer auf Niederländisch den Gottesdienst in Sittard – mit der jeweils der Presse zu entnehmen. So meint Joanna M. Rother unter der Überschrift »Am Rande des Reichtums« mit Hinweis auf die Grenzüberwachungsmaßnahmen an den östlichen EU-Au- ßengrenzen: »Jenseits der EU-Außengrenze beginnt nun der wahre Osten – Länder, mit denen sich die Europäische Union schwer tut. … Die Unterscheidung von Westen und Osten, die Trennung und das Gefälle zwischen ihnen sind im zusammenwachsenden Europa nicht etwa Vergangenheit geworden.«, in: DIE ZEIT 52 / 2007, 6. 6 S. u., Kap. 3.1.2.2. 7 Vgl. dazu die daraus entstandene Gemeindechronik: Schläger, Mathias: »Ketzer  – Blaue  – Protestanten«, hg. vom Presbyterium der Ev. Kirchengemeinde Gangelt, Gangelt 1999. 8 Vgl. zur Grenzziehung Kap. 3.1.2.1. 9 So berichtete ein Sittarder Gemeindemitglied anlässlich einer Kirchenbesichtigung in den 1990er Jahren. 8 1 Annäherung an das Thema gültigen Liturgie. Presbyterium bzw. Kirchenrat waren in gemeinsamen Sitzungen in diesen Nachbarschaftsprozess eingebunden. Meine Motivation zu dieser Arbeit steht neben diesem gemeindlichen Standbein auf einem zweiten. 1992 wurde in Kooperation der Kirchenkreise Aachen, Jülich, Krefeld-Viersen und Gladbach-Neuss, des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Classis Limburg der Protestantischen Kirche in den Niederlanden (PKN) sowie des Distrikts Lüttich der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB) die Euregio-Pfarrstelle mit Sitz in Aachen eingerichtet. Geographisch umfasste diese Pfarrstelle das Gebiet der Euregio Rhein- Maas-Nord sowie das Gebiet der Euregio Maas-Rhein.10 Im Sprachgebrauch der vorliegenden Untersuchung bezieht sich der Begriff »Euregio« auf den Geltungsbereich des südlichen Teils der Euregio-Pfarrstelle, der Euregio Maas-Rhein, da sich eine Kontinuität der Zusammenarbeit auch nach Beendigung der Pfarrstelle nachweisen lässt. Als Vertreter des Kirchenkreises Jülich habe ich über elf Jahre im Kuratorium der Euregio-Pfarrstelle deren Arbeit fachlich begleitet. In dieser Phase durfte ich Menschen, Gemeinden und Institutionen im Dreiländereck Belgien – Deutschland – Niederlande kennen lernen. Ich habe erfahren, wie auf kleinstem Raum evangelische Gemeinden unter völlig unterschiedlichen Bedingungen leben konnten und können. Ich habe gelernt, wie gut und wie wichtig es hier ist, dass Christinnen und Christen unterschiedlicher Provenienz die kirchliche Wirklichkeit ihrer unmittelbaren Nachbarn jenseits einer Staatsgrenze kennen lernen und vermitteln können. Zusammen mit dem ersten Stelleninhaber, Pfarrer Helmut Aston, habe ich schließlich die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle, die nach 5-jähriger Tätigkeit von Pastor im Sonderdienst Dr. Markus Coeleveld im September 2007 zu einem Ende gekommen ist, dokumentiert.11 Diese Erfahrung aus der Region, gepaart mit der Ebene gemeindlichen Handelns, motiviert mich, »Europa als Praxisfeld kirchlichen Handelns« in wissenschaftlicher Hinsicht zu beleuchten. Vor diesem Hintergrund beschränkt sich diese Untersuchung auf das grenzübergreifende kirchliche Handeln, soweit es der evangelisch-protestantischen Konfessionsfamilie zuzuordnen ist12. Dabei liegt mir daran, die Perspektive der Kirchengemeinde und der regionalen Ebene zum Zentrum meiner Untersuchung zu machen. Dieses scheint mir gerade vor diesem Hintergrund wichtig, da sich die meisten Veröffentlichungen im Zusammenhang von Kirche und Europa auf die Ebene europäischer Institutionen bzw. kirchlicher Institutionen auf europäischer Ebene beziehen. Wenn aber Europa ein Europa der Bürgerinnen und Bürger sein soll13 und wenn Kirche 10 Vgl. hierzu Kap. 4.3, 168. 11 Aston, Helmut; Schoenen, Mathias (Hg.): Europa mitgestalten, s. o., Anm. 11. 12 Zur Verwendung der Begriffe »evangelisch« und »protestantisch« s. u. Kap. 1.4, 39. 13 In Veröffentlichungen der EU werden deren Einwohnerinnen und Einwohner als »Bürger« bezeichnet, so etwa in: http://ec.europa.eu/citizenship/guide_de.html und http://ec.europa. eu/youreurope/nav/de/citizens/index.html. 9 1.1 Motivation zur Arbeit »Kirche bei den Menschen« sein will, so halte ich es für unverzichtbar, gerade das kirchliche Handeln im Hinblick auf den uns alle mehr und mehr bestimmenden Themen- und Lebenskomplex »Europa« auf der Ebene der Kirchengemeinde und der sie umgebenden regionalen Struktur wissenschaftlich zum Gegenstand zu machen. Daneben bleibe ich dem Thema als Mitglied des fortbestehenden »Euregionalen Arbeitskreises« mit seinen regelmäßigen Treffen in Aachen sowie zeitweise dem »Arbeitskreis Europa« der Evangelischen Kirche im Rheinland mit Sitz an der Evangelischen Akademie in Bonn-Bad Godesberg verbunden. Abb. 1: Karte der Euregio Maas-Rhein14 Die Frage, wie sich der Protestantismus zur politischen Gestaltung Europas verhält, ist aus meiner Sicht weiterhin auf der Tagesordnung. Wie bedeutsam sie seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, wird in einer Schrift des damaligen 14 Quelle: Aston, Helmut; Schoenen, Mathias (Hg.): Europa mitgestalten / Europa mee vorm geven. Ein Beitrag der protestantischen Kirchen im Dreiländereck Belgien – Deutschland – Niederlande. Dokumentation über die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle, Aachen 2007, dokumentiert auf der CD im Anhang der zitierten Schrift. 10 1 Annäherung an das Thema Generalsekretärs des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Hans Hermann Walz, aus dem Jahre 1955 deutlich: »Sie ist eine Frage, die uns in unserer gegenwärtigen Lage auf den Nägeln brennt. Mit allem, was wir evangelischen Christen in Europa heute denken, sagen und tun, geben wir eine Antwort auf diese Frage. Auch die, die nichts mit der Europafrage zu tun haben wollen, sind davon nicht ausgenommen. Sie geben eine Antwort, vor deren Konsequenzen sie vielleicht noch zu ihren Lebzeiten erschrecken, für die aber sicher ihre Kinder und Kindeskinder sie verantwortlich machen werden.«15 Auch wenn der dramatisierende Unterton dieses Zitates unzeitgemäß erscheint, so machen diese Worte doch die Relevanz der Beschäftigung mit Europa im Raum der protestantischen Kirchen deutlich. Diese Relevanz ist durch den historischen Verlauf des europäischen Einigungsprozesses in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht geringer geworden. Aus dieser persönlichen Sicht sei hier aufgenommen, was am Ende einer Biographie über den Reformator Straßburgs, Martin Bucer, geboren im elsässischen Schlettstadt (franz. Séléstat) und gestorben im englischen Cambridge, gesagt ist: »Sein Gespür für die Regionen, die den Menschen Nähe, Überschaubarkeit, Geborgenheit und Identität geben, wirft die Frage auf, ob die Kirchen nicht auch die Aufgabe haben, im europäischen Einigungsprozeß das unverwechselbare Gesicht einer Region bewahren zu helfen. Nicht im Sinne eines Provinzialismus, sondern offen und aufgeschlossen, in einer Art europäischer Grenzgängerschaft.«16 Die eigene gemeindliche Praxis als solche »Grenzgängerschaft« zu reflektieren liegt also nahe. Diese Grenzgängerschaft lädt ein zum Lernen. Insofern ist Bundespräsident Joachim Gauck Recht zu geben, wenn er in seiner Antrittsrede anlässlich seiner Vereidigung am 23.3.2012 im Deutschen Bundestag den Heidelberger Philosophen Hans-Georg Gadamer folgendermaßen zitierte: »Der Philosoph Hans-Georg Gadamer war der Ansicht, nach den Erschütterungen der Geschichte erwarte speziell uns in Europa eine ›wahre Schule‹ des Miteinanderlebens auf engstem Raum. ›Mit dem Anderen leben, als der Andere des Anderen leben‹ darin sah er die ethische und politische Aufgabe Europas. 15 Walz, Hans Hermann: Der politische Auftrag des Protestantismus in Europa, Tübingen 1955, 10. 16 Joisten, Hartmut: Der Grenzgänger Martin Bucer. Ein europäischer Reformator, Speyer 1991, 173. Martin Bucer spielte wenigstens für eine kurze Zeit im Rahmen des Reformversuchs Hermanns von Wied in Kurköln im Rheinland eine Rolle. Vgl. hierzu: Smolinsky, Heribert: Kirchenpolitik in Köln und den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg, 316 ff. 11 1.2 Intention der Arbeit Dieses Ja zu Europa gilt es zu bewahren. Gerade in Krisenzeiten ist die Neigung, sich auf die Ebene des Nationalstaats zu flüchten, besonders ausgeprägt. Das europäische Miteinander aber ist ohne den Lebensatem der Solidarität nicht gestaltbar. Gerade in dieser Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.«17 Das Wort von der »wahren Schule« angesichts der »Nachbarschaft des Anderen« motiviert mich zu der Frage: Gibt es in dieser Schule auch das Fach Evangelische Religion bzw. Protestantische Theologie? Anders gefragt: können wir als Nachbarn über die Staatsgrenzen hinweg auch in unserer Kirchengemeinde, also als Kirche, miteinander, aneinander und voneinander lernen? Was das mit unserer Vielsprachigkeit macht und was mit unserer auch kirchlichen Nationalstaatlichkeit, wird sich dann zeigen. 1.2 Intention der Arbeit Mit dieser Arbeit wird untersucht, ob und inwieweit Kirchengemeinden und – am Beispiel kirchlicher Strukturen in der Euregio Maas-Rhein – eine Region grenz- übergreifende Beiträge zur Gestaltung Europas vor Ort leisten können. Der Begriff »grenzübergreifend« ist dabei sprachlich ebenso problematisch wie der Begriff »grenzüberschreitend«. Allein diese Tatsache weist schon auf die Problematik hin, die die europäische Geschichte vorgibt. Grenzen wurden allzu oft in der Geschichte Europas – und im vergangenen Jahrhundert insbesondere durch deutsche Armeen – überschritten. Und »übergreifend« bedeutete vor diesem Hintergrund dann Okkupation, Ausbeutung, Zerstörung. 17 http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2012 (Stand:23.3.2012), (siehe im Anhang zur Arbeit) Nach Auskunft des Bundespräsidialamtes – Telefonat mit Herrn Sturm am 26.6.2012 – zitierte Gauck Gadamer nach einer Rede des britisch-polnischen Philosophen Zygmunt Bauman, die dieser anlässlich des Europäischen Kulturkongresses im September 2011 in Breslau gehalten hatte. Baumans Gadamer- Zitat, auf Polnisch veröffentlicht am 8.9.2011 in der Gazeta wyborcza (http://wybor cza. pl/1,75475,10254951,Czego_nas_uczy_centralna_Europa_.html (Stand: 26.6.2011), entnahm er der französischen Ausgabe des auf Deutsch unter dem Titel »Das Erbe Europas« erschienenen Essays. Dort heißt es: »Da ist zunächst die Vielsprachigkeit Europas. Da wird der Andere in seiner Andersheit ganz nahe gerückt. Diese Nachbarschaft des Anderen ist zugleich trotz aller Andersheit mit uns vermittelt. Das Andere des Nachbarn ist nicht nur die scheu zu meidende Andersheit. Es ist auch die einladende und zur eigenen Selbstbegegnung beitragende Andersheit. Wir sind alle Andere, und wir sind alle wir selbst. (…) Und hier scheint mir die Vielsprachigkeit Europas, diese Nachbarschaft des Anderen auf engem Raume und die Ebenbürtigkeit des Anderen auf engerem Raum, eine wahre Schule zu sein. Dabei geht es nicht etwa nur um die Einheit Europas im Sinne einer machtpolitischen Allianz. Ich meine, daß es die Zukunft der Menschheit im ganzen sein wird, für die wir das alle miteinander zu erlernen haben, was unsere europäische Aufgabe für uns ist.« Gadamer, Hans-Georg: Das Erbe Europas, Frankfurt / M. 1989, 30 f. Diese Anmerkung zur Entstehung des oben angeführten Zitates macht in der Sache schon deutlich, was die »wahre Schule« eines Grenzgängers bedeutet. 12 1 Annäherung an das Thema Dass diese Begriffe neue, positive Wendungen erfahren, das ist Ergebnis jüngerer Geschichte, insbesondere die des europäischen Einigungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg. Grenzübergreifend bzw. -überschreitend sind dann Unternehmungen, Prozesse und Initiativen zu nennen, die unter Berücksichtigung und Wahrung historisch gewachsener Staatsgrenzen diese nicht als selbstverständliche Begrenzung ihrer Intention akzeptieren.18 Ob es sich dabei um die Entfaltung einer wirtschaftlichen Unternehmung, die Errichtung eines Naturschutzgebietes oder die Organisation gemeinsamer Gottesdienste handelt, spielt keine Rolle. Wichtig in diesem neuen Verständnis des Begriffs ist die Tatsache, dass Grenzen nicht mehr a priori als voneinander trennend und voreinander schützend erlebt und verstanden werden. Gleichwohl behalten sie ihre historische und politische Bedeutung, definieren Rechtsräume je eigener hoheitlicher Staatsgewalt. Auch deshalb ist Vorsicht geboten, Begriffe wie »grenzüberwindend« oder gar »grenzauflösend« zu verwenden. Denn Ziel grenzübergreifender Aktivitäten ist nicht die Aufhebung der Grenze. Gemeint ist in der vorliegenden Arbeit also ein kirchliches Handeln auf der Ebene von Kirchengemeinden bzw. auf kirchlich-regionaler Ebene, das unter Berücksichtigung bestehender, historisch gewachsener Staatsgrenzen in Europa diese Grenzen nicht mehr als Begrenzungen erfährt. Hier soll also untersucht werden, ob etwa durch Grenzen markierte trennende Faktoren wie Sprache, Geschichte, kulturelle Eigenarten oder auch Parteinahme in vormaligen kriegerischen Auseinandersetzungen durch gemeindliche und / oder kirchlich-regionale Handlungsweisen aufgegriffen werden und in neue gemeinsam getragene Prozesse münden können. Es geht also dezidiert nicht darum, bestehende Grenzen zwischen europäischen Nationen in ihrer historischen, kulturellen oder kirchlichen Funktion in Frage zu stellen oder nicht mehr ernst zu nehmen. Die Absicht ist vielmehr, einerseits gemeindliches und kirchlich-regionales Handeln im Kontext bestehender Verhältnisbestimmungen des Protestantismus zu Europa zu berücksichtigen, andererseits soll diese Arbeit eine Antwort auf die Frage bieten, ob und inwieweit es eigenständige Beiträge zur europäischen Einigung innerhalb der Europäischen Union von Gemeinden und kirchlich-regionaler Arbeit im »Referenzbereich« Euregio Maas-Rhein gibt. Die Euregio Maas-Rhein bietet sich dafür in mehrfacher Weise an: • Sie ist durch politische Entscheidung als klar umrissenes Gebiet ausgewiesen. • Sie umfasst Gebiete aus den drei Staaten Belgien, Deutschland und Niederlande. • Sie bietet Menschen von dreierlei Muttersprachen Heimat – deutsch, französisch und niederländisch. 18 In diesem Sinne gebraucht zum Beispiel auch H. Breuer den Begriff »grenzüberschreitend«. Vgl. Breuer, Helmut W.: »Land ohne Grenzen«  – Entwicklung der Regio Aachen in der Euregio Maas-Rhein, Bonn 2002, 297. 13 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen • In dieser Euregio hat es exemplarisch auf kirchlicher Seite grenzübergreifend eine Euregio-Pfarrstelle gegeben, die von den kirchlichen Gremien aller Seiten fachlich begleitet und materiell ausgestattet und finanziert wurde.19 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen In seiner Schrift »Kirche in der Zeitenwende«20 beschreibt der damalige Ratsvorsitzende der EKD und Berlin-Brandenburgische Landesbischof Wolfgang Huber als Ausgangspunkt seiner Analyse der Krise, in der sich aus seiner Sicht die Kirche der Zeitenwende in West- und Mitteleuropa befinde, eine gesellschaftliche Säkularisierung, die einhergehe mit Orientierungsproblemen in Fragen der Ethik und Moral.21 Im fünften von sechs Hauptkapiteln, überschrieben mit »Die Zukunft der Kirche«, kommt Huber auch auf Europa zu sprechen.22 Er sieht die »Vereinigung Deutschlands und Europas als Herausforderung« dafür, »daß sich im christlichen Glauben Antworten auf persönliche Lebensfragen, die Orientierung in einer unmittelbar erfahrenen lokalen Gemeinschaft und grenzüberschreitende Solidarität miteinander verbinden.«23 Neben deutscher Vereinigung und europäischem Einigungsprozess benennt er als dritten Kontext die »Globalisierung als wirtschaftlich verursachter Prozeß«.24 Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit ist von Bedeutung, dass Huber diese überregionalen, ja globalen Bezugspunkte explizit mit dem christlichen Glauben verknüpft, der um seine konkrete gemeindliche Zugehörigkeit und lokale Beheimatung weiß. Doch könne die evangelische Kirche der Frage nicht ausweichen, was der christliche Glaube zur Identität des größer werdenden Europas beitrage.25 Huber schließt diesen kurzen Abschnitt mit einer Forderung: »Dafür ist es allerdings erforderlich, auch organisatorisch die gemeinsamen Organe des deutschen und des europäischen Protestantismus zu stärken.«26 19 S. u. zu Euregio Maas-Rhein Kap. 3.2.1 sowie zur Euregio-Pfarrstelle Kap. 4.3. 20 Huber, Wolfgang: Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1999. 21 Ders., aaO., 9 – 11. 22 Huber nimmt das Stichwort »Europa« – wenn auch nicht an vorderer Stelle – so doch immerhin in seine Zukunftsüberlegungen für die Kirche auf. Der europäische Kontext in der Zukunftssicht des Protestantismus fehlt bei der Stellungnahme anderer Bischöfinnen und Bischöfe völlig. Vgl. hierzu: Marquard, Reiner (Hg.): Mitten im Leben. Bischöfinnen und Bischöfe zur Zukunft des Protestantismus, Stuttgart 2003. 23 Ders., aaO., 259 f. 24 Ders., aaO., 260. 25 Vgl. Ders., aaO., 260. 26 Ders., aaO., 261. 14 1 Annäherung an das Thema Als Einleitung zum Kapitel »Forschungslage und kircheninstitutionelle Veröffentlichungen« erscheint dieser kurze Blick auf Hubers Darstellung aufschlussreich. Wie gezeigt, spricht Huber das Zusammenwirken der kirchlichen Ebenen an, angefangen bei der Gemeinde bis hin zur europäischen, ja sogar globalen Dimension. Bemerkenswert in unserem Zusammenhang ist, dass er allerdings das Verhältnis von Gemeinde und Glaube mit den Worten »Zugehörigkeit« und »Beheimatung« charakterisiert. Es sind also eher statische Begrifflichkeiten, die er hier gebraucht. Wenn es um kirchliche Dynamik, um kirchliches Handeln geht, so bezieht sich Hubers Forderung auf die Stärkung »gemeinsamer Organe« auf der deutschen und europäischen Ebene des Protestantismus. Demnach wird in Bezug auf Europa übergemeindlich und überregional gehandelt. Der Beitrag der Gemeinden ist demnach darin erschöpft, den Christinnen und Christen, insbesondere in Grenznähe, Heimat zu bieten. Wenn es um die sachliche Verbindung kirchlichen Handelns im europäischen Kontext geht, so beschränkt sich Hubers Sichtweise auf kirchenleitende Organe. Nicht weniger wichtig ist, Fachkompetenz und Entscheidungsbefugnisse auf der grenz-gemeindlichen Ebene zu stärken. Denn gerade in Gottesdiensten, Verkündigung, Bildung und Diakonie handelt Kirche zuerst vor Ort. Mit Blick auf die Bedeutung der Ortsgemeinden im europäischen Kontext kommt Beatus Brenner, 1993 wissenschaftlicher Referent des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes in Bensheim, zu einer anderen Position: »Viele evangelische Christen und Kirchen realisieren: Es genügt nicht mehr, selbstgenügsam auf die eigene Ortsgemeinde oder Landeskirche zu blicken. Dieses weithin für den heutigen Protestantismus typische provinzielle Denken gilt es abzustreifen. Wenn die Protestanten ihre Anliegen in Europa wirksam einbringen und aus ihrer jetzigen reagierenden Haltung herausfinden wollen, müssen sie es gemeinsam tun.«27 Auch der Pfarrer der Waldenserkirche Italiens, Paolo Ricca, warnt vor der Gefahr gemeindlichen Provinzialismus.28 Diese Momentaufnahme weist darauf hin, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Thema »Protestantismus und Europa« bisher auf die überregionale Ebene beschränkt hat. Die Begründung für das Anliegen, sich in Europa wirksam 27 Brenner, Beatus: Europa und der Protestantismus, in: ders. (Hg.): Europa und der Protestantismus. Ein Arbeitsheft mit Dokumenten und Beiträgen von Eberhard Jüngel, Reinhard Frieling und Lothar Ullrich, BenshH 73, hg. vom Evangelischen Bund, Göttingen 1993, 5 – 12, Zitat: 5. Dieses Arbeitsheft ist hier insofern bemerkenswert, weil es in der Zusammenstellung seiner Beiträge sowie der aufgenommenen Dokumente mit Schwerpunkten von der Europäischen Evangelischen Versammlung in Budapest im März 1992 und der KEK in Prag im September 1992 den Fall des »Eisernen Vorhanges« 1989 als Neubeginn betrachtet, nun auch im evangelischen Bereich über einen eigenen Beitrag nachzudenken. Vgl. Brenner, 5. 28 S. u., Zitat in Kap. 2.1.5, 70, Anm. 250. 15 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen einbringen zu wollen, ist nachvollziehbar. Eine Ortsgemeinde kann dieses kaum leisten. Andererseits wird die Ebene ökumenischer transnationaler Kirchenbünde und Versammlungen die Rückkoppelung aus den Gemeinden brauchen, wenn denn nicht fernab der unmittelbar betroffenen Menschen Kirchen- und als solche Europapolitik betrieben werden soll. Wenn Brenner Ortsgemeinde mit »provinziellem Denken« verbindet, so wird verkannt, dass sich der Protestantismus gerade auch von der Basis her organisiert und nicht zentralistisch oder gar hierarchisch geleitet wird. In seiner Untersuchung zum protestantischen Profil in der Europäischen Union weist der damalige Landesjugendpfarrer der Rheinischen Kirche und derzeitige Landeskirchenrat Stefan Drubel zu Recht auf das »ekklesiologische Defizit« hin, das sich aus der fehlenden Verankerung des Themas »Protestantismus und Europa« ergibt, wenn er schreibt: »Die in Sachen Europa engagierten Institutionen und Kirchenleitungen bewegen sich ohne Rückhalt ihrer Kirchenbasis auf dem europäischen Parkett.«29 Dass die lokale Ebene bei ökumenischen Konferenzen ausgeblendet bleibt, hat schon zu Beginn der 1970er Jahre der deutsche Theologe Ernst Lange aus seinem Amt als Abteilungsleiter und beigeordneter Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen am Beispiel der Konferenz der Kommission für »Glaube und Kirchenverfassung« im belgischen Löwen begründet, wenn er – nicht ohne Ironie – schreibt: »Ökumenische Zusammenkünfte sind wie Hilton-Hotels. Sie sind in der ganzen Welt einander ähnlich wie ein Ei dem anderen. (…) Entsprechend ihrer Herkunft im angelsächsischen Kulturbereich ist die ökumenische Bewegung überall auf der Welt gut für puritanischen Fleiß. An den Abenden wird grundsätzlich gearbeitet, an den Sonntagen meist auch. Gelegentlich findet ein Empfang statt, ein Trip in die Umgebung. Dann sieht man ein Stück Lokalkolorit – meist durch die Fenster eines Busses.«30 Die Antipoden sind somit benannt, zwischen denen die Beschäftigung mit der regionalen Bedeutung Europas für die Kirche stattfindet: der Gefahr des Provinzialismus auf der einen Seite steht die Gefahr der ortsfernen Theoriebildung auf der anderen Seite gegenüber. Weder Paolo Ricca noch Ernst Lange stehen im Verdacht, einem dieser Extreme erlegen zu sein. Im Gegenteil beklagt Lange: 29 Drubel, Stefan: Protestantisches Profil in der Europäischen Union. Historische Tendenzen, strukturelle Perspektiven und religionspädagogische Konzepte, Regensburg 2006, 20. 30 Lange, Ernst: Die ökumenische Utopie oder Was bewegt die ökumenische Bewegung?, Stuttgart 1972, 19. 16 1 Annäherung an das Thema »Aber es ist gleichsam viel zuweit … vom ökumenischen Gespräch der Kirchenmänner zur Auseinandersetzung der Bürger, obwohl doch die Kirchenmänner auch Bürger und die Bürger zum Teil auch Kirchenmänner sind. Es ist auch viel zuweit vom ÖRK bis zur Basis der Gemeinden, von ›Glauben und Kirchenverfassung‹ bis zu den Orten, wo konkret geglaubt und in verfaßten Kirchen gelebt werden muß. (…) Ökumeniker haben geteilte Herzen.«31 Im Jahr 1993 nahm Norbert Mette, katholischer Praktischer Theologe der Universität-Gesamthochschule Paderborn, in einem Aufsatz Stellung zur Bedeutung der Europa-Thematik für die Gemeindeebene.32 Auch wenn diese Schrift die innerkatholische Situation zwischen Basisgemeinden und päpstlichem Neuevangelisierungskonzept im Blick hat, so lässt sich seine Wahrnehmung auf die gegenwärtige Forschungslage für den Protestantismus übertragen. »Sieht man die verschiedenen neueren Beiträge und Stellungnahmen aus kirchlichem Raum oder von theologischer Seite zur Europa-Thematik (…) durch, fällt auf, daß in ihnen die Frage nach der Gemeinde durchweg keine – und zwar weder im empirischen noch im normativen Sinne – Rolle spielt.«33 Mette weist den Kirchengemeinden einen Ort »an der Grenze zwischen System und Lebenswelt«34 zu, d. h. sie sind organisatorisch einer Kirche zugeordnet. Sie sind aber zugleich aufgrund ihrer ortsnahen Anbindung den Lebenswelten der in ihrem Bereich wohnenden Menschen verbunden. Was diese Nähe zu den Lebensbereichen der Menschen angeht, so wird die vorliegende Arbeit die besondere Situation der Gemeinden wie der Menschen in der Grenznähe der Euregio Maas- Rhein berücksichtigen und beleuchten.35 Im Rahmen dieser Untersuchung ist festzuhalten, dass in den zurückliegenden Jahren die Ebene der Gemeinde nicht im Fokus stand. Allerdings ist in jüngerer Zeit die ekklesiologische Bedeutung gemeindlicher Partnerschaften bzw. Nachbarschaften36 prägnant formuliert worden. Der Dekan der Comenius-Universität Bratislava, Ondrej Prostredník, hat anlässlich einer Tagung der Evangelischen Akademien Bad Boll und Thüringen 2010 im Zinzendorfhaus Neudietendorf in fünf Thesen zusammen gefasst: »These 1: Eine Partnerschaft der Kirchen und deren Gemeinden gehört zum Wesen der Kirche. (…) 31 Lange, Ernst: Utopie, 30. 32 Mette, Norbert: Gemeinde-werden im europäischen Kontext, in Edition Exodus (Hg.): Die Kirchen und Europa. Herausforderungen – Perspektiven, Luzern 1993, 125 – 139. 33 Ders., aaO., 125. 34 Ders., aaO., 128. 35 S. u., u. a. Kap 3.2. 36 Zum Begriff der Nachbarschaft s. u., Kap. 4.1. 17 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen These 2: Eine Kirche, die nicht in einer Partnerschaft mit anderen Kirchen lebt, stirbt. (…) These 3: Gemeinsam verarbeitete und verstandene Unterschiede in der Kultur und der Tradition der einzelnen Kirchen bereichern und stärken die Partnerschaft. (…) These 4: Die fortschreitende politische und wirtschaftliche Integration im Rahmen der EU zwingt uns von dem unverbindlichen Austausch in unserer Partnerschaft zu einer verbindlichen Form von Zusammenarbeit überzugehen. (…) These 5: Die Themen der Partnerschaftlichen Zusammenarbeit sind ein Zeugnis über die Fähigkeit der Kirche, prophetisch und diakonisch in der gewandelten Gesellschaft von Heute zu agieren.«37 Ausgehend vom neutestamentlichen Begriff der praktischen Gemeinschaft, der Koinonia (2. Kor 8,4), betont Prostredník, dass sich lebendige Gemeinden in der ehemaligen Tschechoslowakei vor 1989 nur dort entwickelt haben, wo die Pfarrer sich über alle Verbote und Restriktionen des Staates hinweg um Kontakte zu anderen Gemeinden und Kirchen innerhalb und außerhalb ihres Landes bemüht haben. Seine dritte These weist hin auf die Verschiedenheit unterschiedlicher Traditionen, die grenzübergreifende Zusammenarbeit bei reflektiertem Umgang damit bereichert und nicht etwa begrenzt haben. Dass dazu verbindliche Strukturen und Verabredungen zwingend nötig sind, darauf stellt seine vierte These ab. Schließlich verdeutlicht seine fünfte These, welche Verantwortlichkeit sich aus der Zusammenarbeit von Kirchen und Gemeinden für die sich im europäischen Einigungsprozess befindenden Gesellschaften erwächst. Dieses anzunehmen, kann ein Beitrag des Protestantismus für Europa sein. Im Folgenden gilt es, den Stand der Forschung darzustellen, wie er sich im Hinblick auf das grenzüberschreitende gemeindliche und regionale Handeln im Bereich der Euregio Maas-Rhein zeigt. Dabei ist voranzustellen, dass für den zu untersuchenden Bereich keine umfassende Studie im Sinne der vorliegenden Arbeit vorliegt. Vielmehr konzentrieren sich regionale Arbeiten im Wesentlichen auf die örtliche Geschichtsschreibung38 oder sind Untersuchungen zu speziellen Themenbereichen wie Grenzziehung oder soziologischen Entwicklungen. Vereinzelt behandeln Veröffentlichungen grenzübergreifende kirchliche Themen in historisch darstellender Weise.39 37 Prostredník, Ondrej: Kirchliche Partnerschaften unter den gewandelten Bedingungen einer europäischen Zivilgesellschaft, in: Württemberg, Thüringen, Europa. Kirchliche Partnerschaften auf dem Weg. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll und der Evangelischen Akademie Thüringen vom 22.  bis 24.  Januar 2010 im Zinzendorfhaus Neudietendorf, epd-Dokumentation Nr. 25, Frankfurt am Main 2010, 42. 38 Etwa in Einzelbeiträgen im »Heimatkalender des Kreises Heinsberg« oder in Jubiläumsschriften von Ortschaften, Vereinen oder Kirchengemeinden. 39 So Ek, Jan; Aachens Protestanten in Vaals, in: Rieske-Braun, Uwe (Hg.): Protestanten in Aachen – 200 Jahre Evangelische Annakirche, Aachen 2003, 91 – 98 sowie: 350 jaar hervormde gemeente Vaals 1649 – 1999, in: De Bergketen, jubileumuitgave, maart 1999. 18 1 Annäherung an das Thema Eine umfangreiche wissenschaftliche Bibliographie liegt im untersuchten Bereich der Euregio Maas-Rhein vor.40 Das grenzübergreifende Zusammenwirken protestantischer Gemeinden ist darin jedoch nicht dokumentiert. Das gilt auch für ein nach 2010 herausgegebenes Lesebuch für Kinder ab 9 Jahren.41 Als Vorarbeit zu dieser Arbeit kann die Mitarbeit des Autors an der Dokumentation über die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle in der Euregio Maas-Rhein angesehen werden.42 Sie stellt die Tätigkeit der Euregio-Pfarrer in den Jahren 1992 bis 2007 in den Rahmen der Entwicklung der Europäischen Union und zeigt die theologische Begründung und Ausrichtung der Pfarrstelle auf. Sie wagt den Blick in die Zukunft grenzüberschreitender kirchlicher Arbeit. Insbesondere der Anhang dieser Dokumentation bietet umfangreiches Material für eine zielorientierte Problemanalyse. Die vorliegende Untersuchung steht in einem größeren Kontext. Dieser wird von zwei Blickwinkeln beherrscht, dem politischen und dem kirchlich-theologischen. Zum einen besteht in der Forschung ein weit gefächertes Interesse daran, Aspekte des europäischen Unionsprozesses zu beleuchten. Der politische Werdegang nach dem Zweiten Weltkrieg, von den Anfängen der Montanunion bis hin zum Europa der 28 plus x Staaten, fordert und fördert diesen Forschungsprozess. Dazu zählen Untersuchungen im Hinblick auf ökonomische, historische, juristische oder kulturelle Aspekte. Dieser Teil der Forschung behandelt darüber hinaus Fragen, die über die aktuelle Europäische Union hinausgehen, etwa in der Betrachtung einer möglichen weiteren Osterweiterung der EU. Hinzu kommen außenpolitische Untersuchungen zum Verhältnis zu Russland oder zur Türkei. Als Spezialfall kann hierbei der Forschungsbereich zu Fragen des Verhältnisses der ehemals christlich geprägten Länder West-, Mittel- und Osteuropas zur islamischen Welt, insbesondere zur Türkei, gewertet werden. In den Kontext des Letztgenannten fallen etwa die im Bereich der EKiR verfassten Stellungnahmen zum Verhältnis des Christentums zum Islam.43 Zum anderen gehen der vorliegenden Arbeit wissenschaftliche Untersuchungen aus kirchlich-theologischer Perspektive voran. Dabei lassen sich zwei Ebenen 40 Arbeitsgemeinschaft Grenzland; Werkgemeenschap Grensland; Kreis Heinsberg – Limburg (Hg.): Bibliographie Grenzland. Bibliografie Grensland 1981 – 1999, Heinsberg 2000. 41 Projekt Linguacluster (Hg.): Euregio Vis à vis. Grenzenlose Heimat. Ein Lesebuch. 46 kleine Entdeckungsreisen durch die Euregio Maas-Rhein, Aachen o. J. Unter der Überschrift »Gott und die Euregio« werden die Protestanten darin als Minderheit in der Euregio erwähnt. Ebd., 90. 42 S. o., 12, Anm. 11. 43 Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat im Januar 2009 einen theologischen Beitrag zum christlich-islamischen Dialog verabschiedet, der zum einen die Trinitätslehre als Ausformung der Rede von dem einen Gott zum Inhalt hat, zum anderen die Abrahams-Sohnschaft als gemeinsame Grundlage für Judentum, Christentum und Islam ins Gespräch bringt. Vgl.: EKiR (Hg.), Abraham und der Glaube an den einen Gott. Beschlossen von der Landessynode 2009. Arbeitshilfe Christen und Muslime Nr.1, Düsseldorf 2009. Sechs Jahre später folgte eine weitere Arbeitshilfe unter dem Titel: EKiR (Hg.), Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen. Arbeitshilfe, Düsseldorf 2015. 19 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen oder konzentrische Kreise aufzeigen, die im Folgenden näher dargestellt werden: Europa und das Christentum sowie Europa und der Protestantismus. Auf der zweiten Ebene werden ökumenische protestantische Institutionen wie die GEKE behandelt. Eine dritte Ebene, die der Gemeinde, bleibt bisher weitgehend ein wei- ßer Fleck in der Landschaft wissenschaftlicher Untersuchungen und wird – wo vorhanden – im 4. Kapitel dieser Arbeit dargestellt. Das Bild der konzentrischen Kreise stellt Drubel im religionspädagogischen Kontext europäischen und globalen Lernens dar. »Die konzentrischen Kreise sind von einem Netzwerk durchzogen, bei dem die Verbindungen von einem lokalen Ausgangspunkt zu mehreren anderen, kontinentalen oder globalen Punkten laufen (…) Ein besonderes protestantisches Profil erweist sich also in der Verknüpfung der globalen, kontinentalen und regionalen Zusammenhänge und deren unmittelbare Erlebbarkeit.«.44 Das gilt nicht allein für junge Menschen in der Kirche, auf die Drubels Formulierung abzielt, sondern für Gemeindemitglieder aller Altersstufen. Der Zusammenhang zwischen regionaler und europäischer Ebene klingt bei Drubel aus religionspädagogischer Sicht an. So arbeitet er im Kontext europäischer Jugendpolitik heraus, dass die Generation der heute Jugendlichen einer europäischen Identität bedürfe, wenn es denn wirklich ein Europa der Bürger geben solle.45 Hier liegt eine besondere Aufgabe evangelischer Jugendbildung, für die Drubel zehn Anforderungen benennt. Zwei dieser Anforderungen beziehen sich explizit auch auf die Kirchengemeinden und Regionen als Basis des europäischen Protestantismus, die ihren Beitrag zur evangelischen Bildungsarbeit leisten. So lautet die zweite Anforderung: »Das ›Prinzip der Konziliarität‹ anerkennen und auf Europa bezogen weiter entwickeln.«46 Hier heißt es: »Eine Aktivierung der Kirchenbasis ist eine dem Protestantismus unverzichtbare Form der Beteiligung aller Kirchenmitglieder an Entscheidungen.«47 Die siebte Anforderung lautet: »Ein ›ökumenisch-europäisches Lernen‹ im lokalen Kontext junger Menschen verorten.«48 Drubel ist darin zuzustimmen, wenn er unter dieser Überschrift schreibt: 44 Drubel, Profil, 307. Drubel folgt dabei in seiner Darstellung Klaus Seitz, Religionspädagogik im Zeitalter der Globalisierung – Die gesellschaftstheoretische Dimension religionspädagogischer Interdisziplinarität, in: Schweitzer, Friedrich; Schlag, Thomas: Religionspädagogik im 21. Jahrhundert, RPG Bd. 4, Gütersloh / Freiburg 2004, 266 – 279. 45 Vgl. Drubel, Profil 312 f. 46 Ders., aaO., 377. 47 Ders., ebd. 48 Ders., aaO., 380. 20 1 Annäherung an das Thema »Die Feststellung der alltäglichen Relevanz Europas für ihr zukünftiges Leben kann sie (sc. die jungen Menschen) motivieren, ihren lokalen Gestaltungsraum um die europäische Dimension zu erweitern.«49 Die grenznahe Nachbarschaft ist als »natürlicher« Ort anzusehen, die alltägliche Relevanz Europas im lokalen Gestaltungsraum zu erfahren. Die Beschäftigung mit diesem Ort ist zu unterscheiden von gemeinde-übergreifender Zusammenarbeit innerhalb eines Landes, insbesondere mit Auslandsgemeinden. Bei diesen Gemeinden handelt es sich zumeist um Personalgemeinden, deren Mitglieder und ihre Familien aus beruflichen Gründen, etwa als Diplomaten oder Handelsvertreter, auf Zeit in einem fremden Staat Wohnung nehmen.50 1.3.1 Europa und das Christentum Auf der ersten Ebene, dem weitesten Kreis, wird die Verhältnisbestimmung zwischen Europa und dem Christentum untersucht und dargestellt. Die damalige Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Petra Bahr, stellt das Christentum vor dem Hintergrund des europäischen Einigungsprozesses in den größeren Rahmen der Religion.51 Ausgehend von der Beobachtung, dass sich das Thema »Religion« um die Jahrtausendwende in der europäischen Öffentlichkeit zurückgemeldet habe, etwa durch den Karikaturenstreit in Dänemark, die Debatte um die Comicserie »Popetown« oder die allgemeine Debatte in den Feuilletons über die Darstellung des Religiösen in den Medien52, kommt sie zu folgender These: »Die neue und konfliktreiche Gegenwart religiöser Überzeugungen stellt auch Anforderungen an das europäische Selbstverständnis. Mag es dieses Selbstverständnis auch nur als Suchbewegung geben, das Ringen um das, was Europa künftig sei, kommt ohne das Nachdenken über Religion nicht aus. (…) Dem ›christlichen Abendland‹ ist dieses Nachdenken schon in den Titel gesetzt.«53 Dabei konstatiert sie, dass die Aufmerksamkeit, die der Islam auf sich ziehe, auch eine neue Wahrnehmung des Christentums zur Folge habe.54 Bahr macht in der 49 Ders., ebd. 50 Vgl. hierzu: Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.): Zur ökumenischen Zusammenarbeit mit Gemeinden fremder Sprache oder Herkunft. Eine Handreichung des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. EKD-Texte 59, Hannover 1996. 51 Bahr, Petra: Religion und Säkularität in Europa – ein gezähmter Widerspruch? in: Bahr, Petra / Assmann, Aleida / Huber, Wolfgang / Schlink, Bernhard (Hg.): Protestantismus und europäische Kultur, hg. im Auftrag des Kirchenamtes der EKD, Protestantismus und Kultur, Bd. 1, Gütersloh 2007, 85 – 96. 52 Als Beispiel aus jüngerer Zeit kann auf die Berichterstattung um die juristische Auseinandersetzung des Vatikan mit der deutschen Satirezeitschrift Titanic im Juni 2012 verwiesen werden. Vgl. etwa: http://www.sueddeutsche.de/medien/katholische-kirche-gegen-satire-magazin-papst-wehrt-sich-gegen-titanic-titel blatt-1.1407822 (letzter Zugriff 6.2.2016). 53 Bahr, 87. 54 Vgl. Dies., 88. 21 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen Interpretation des Phänomens Religion in Europa zwei Grundmythen aus, die bis in die Gegenwart latent seien, den Mythos der Säkularisierung und den Mythos des Bürgerkrieges.55 Der Mythos der Säkularisierung setze auf die Trennung einer religiösen Sphäre von einer weltlich–politischen Sphäre. »Der Säkularisierungsmythos erkennt die Rolle der Religion für die Geschichte Europas zwar an und mag auch dann und wann stolz von den kulturellen Errungenschaften des Abendlandes reden. Er hat allerdings auch eine religionsfeindliche Tendenz, weil er die widerspenstige Kraft der Religion nicht akzeptieren kann, die sich gegen die vollendete Verweltlichung sperrt.«56 Für Frankreich etwa und seinen Laizismus bedeute die Trennung von Staat und Religion die Freiheit von der Religion. Religiöse Bekenntnisse und religiöse Praxis führen aus dieser Perspektive in eine Bindung, die mit dem Freiheitsbegriff des französischen Laizismus nicht mehr konform ging. Für das deutsche System hingegen bedeutet die Trennung von Staat und Religion eher die Geburt der Religionsfreiheit, der Freiheit also, die eigene religiöse Überzeugung frei wählen und praktizieren zu können.57 Der Mythos des Bürgerkrieges versteht das christliche Abendland als »Raum verheerender religiöser Bürgerkriege und rabiater Intoleranz«58. So unbestreitbar die Geschichte des Christentums mit Intoleranz bis hin zum schlimmsten Antijudaismus behaftet ist, so einseitig wäre es, die Bedeutung des Christentums und seine historische Darstellung darauf zu reduzieren. »Damit stehen die Europäer, (…), in der Gefahr, der dunklen Seite ihres religiösen Erbes eine Monopolstellung einzuräumen, der wie ein Dämon über Europa herrscht. Der Terror der Aufklärung, der als Fratze der europäischen Befreiungsbewegungen mit gleicher Macht wütete, ist dagegen in den europäischen Diskussionen um die gemeinsamen geistigen Werte kaum eine Erwähnung wert.«59 Für die Gegenwart sei es somit von Bedeutung, beide Seiten der Religion wahrzunehmen, nämlich ihre zivilisierende und ihre gefährdende Macht. Nur so »wird es gelingen, der vorherrschenden Frage nach der Bedeutung der Religion die Frage nach der angemessenen Gestalt von Religion in Europa an die Seite zu stellen«60. Bahr schließt ihre Ausführungen mit einem »Bild der Zähmung«, gleichsam visionär, wenn sie die Rolle der Religion für die staatliche Ebene folgendermaßen beschreibt: 55 Vgl. Dies., 91. 56 Dies., aaO, 92. 57 Vgl. Dies, ebd. 58 Dies., aaO., 94. 59 Dies., ebd. 60 Dies., aaO., 94 f. 22 1 Annäherung an das Thema »Die Religion sorgt dafür, dass Staat, Politik und Bürokratie, aber auch Wirtschaft und Wissenschaft selbst nicht religiös werden. Sie verzichtet allerdings ihrerseits auf politische Herrschaftsansprüche und erkennt die Säkularität der anderen Sphäre an. Beides zusammen ist die Bedingung für Freiheit und europäische Kultur als ›Bedeutung im Werden‹.«61 Rémi Brague, Professor für arabische Philosophie an der Pariser Sorbonne und Inhaber des Romano-Guardini-Lehrstuhles in München, leitet die spezifisch europäische Identität von einem, wie er es nennt, exzentrischen Charakter des Christentums ab.62 Dabei geht er aus von einer differenzierten Betrachtung des Orients, also dessen, was Europa im Osten als Gegenüber hat. In einer weit gehenden Betrachtung ist Europa geographisch das Pendant zum Fernen Osten und schließt somit die Welt des Islam mit ein. Dieses Europa steht den fernöstlichen Hochkulturen Chinas und Indiens gegenüber und hat zwei kulturelle Wurzeln, das hellenistische Erbe und den Glauben Abrahams.63 Enger gefasst beschreibt Brague mit Europa den Westen der islamischen Welt. Aus europäischer Perspektive bezeichnet der Orient damit die arabische Welt, was dem landläufigen Gebrauch heute sicher nahe kommt. Schließlich bezeichnet Europa den westlichen Teil des Christentums, dessen lateinische Hälfte, die sich später in römisch-katholische und protestantische Konfessionen aufspaltete. Die vom orthodoxen Christentum geprägten Staaten gehören demnach nicht zu einem so definierten Europa. In der Tat versteht Brague im eigentlichen Sinne unter Europa jenen letztgenannten »Westen«, denn seiner Ausführung nach gehören das antike Griechenland und Byzanz nicht zu Europa.64 Daher fügt er bereits im Titel seines Aufsatzes die Näherbestimmung »römisch« in Anführungszeichen dem Christentum bei. Seine These lautet demnach: »Die europäische Identität ist ›römisch‹«.65 Unter »römisch« versteht er eine kulturelle Praxis, die die Römer in antiker Zeit im Umgang mit anderen Kulturen ausprägten. Etwa in der Begegnung mit dem Hellenismus eigneten sie sich konsequent die Erkenntnisse an, in denen das Griechentum ihnen überlegen erschien. Brague interpretiert dieses Vorgehen als einen speziellen Umgang mit dem Gefühl der Unterlegenheit, einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber einer externen Kultur. Die Römer wiederum gaben an die von ihnen unterworfenen Völker nicht allein ihr römisches Recht und ihre römischen Sitten und Gebräuche weiter, sondern sie vermittelten ihnen ebenso die Werte griechischer Kultur. 61 Dies., aaO., 96. 62 Brague, Rémi: Orient und Okzident. Modelle »römischer« Christenheit, in: Kallscheuer, Otto (Hg.): Das Europa der Religionen. Ein Kontinent zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus, Frankfurt am Main 1996, 45 – 65. 63 Vgl. Ders., aaO.,46. 64 Vgl. Ders., aaO., 48 f. 65 Ders., aaO., 54. 23 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen »Und genau dies hat Europa meiner Meinung nach im Laufe seiner Geschichte vollbracht: Europäische Entdeckungen, Eroberungen und Kolonialisierung vermittelten der Welt nicht nur den europäischen ›way of life‹, sondern kulturelle Fakten, welche eine universelle Dimension besaßen (von denen die moderne Technologie die bedeutendste sein mag).«66 Das Christentum jenes »römischen« Europas leitet sich ebenso wie die Römer von einer externen Quelle ab, dem Alten Testament. Anders als der Islam, so führt Brague aus, hat das Christentum das Alte Testament als unverfälschte Quelle der Offenbarung Gottes anerkannt. Hier liegt letztlich die Verbindung zum »römischen« Europa, das mit der Einbeziehung einer externen Quelle, dem Hellenismus, zur eigenen Identität fand. »Keine der beiden Städte, welche die Quellen der europäischen Kultur symbolisieren – Athen und Jerusalem –, liegt in Europa. Diese schlichte Tatsache spiegelt treffend die europäische kulturelle Identität wider: eine ihrem Wesen nach exzentrische Identität.«67 Brague folgert aus dieser These, dass das Christentum »einen Spielraum offenließ für weltliche Angelegenheiten«68. Wer demnach das Bewusstsein dafür wach hält, seine Identität fremden Quellen zu verdanken, und wer seine eben selbst übernommenen Ideale allen Menschen und Kulturen anbietet und nicht aufzwingt, hat Zukunft. So jedenfalls enden Bragues Ausführungen mit Blick auf Europa.69 Der Gießener Kirchenhistoriker Martin Greschat macht zwei Eigenarten Westeuropas als christliche Mitgift aus, die klare Unterscheidung, nicht Trennung, kirchlicher und weltlicher Macht, also des Sakralen vom Profanen einerseits und das Verständnis der Person als Individuum andererseits. »Aus der christlichen Mitgift sind also der vom Sakralen unterschiedene Raum der Diesseitigkeit und ebenso die herausgehobene Bedeutung der Person als die zwei hervorstechenden Charakteristika Westeuropas erwachsen.«70 Bis in die Gegenwart bestimmen diese Entsakralisierung des Weltlichen sowie die Freiheit des Individuums das Denken, ja – so Greschat – die Mentalität der Europäer. Die Präzisierung auf Westeuropa macht zugleich deutlich, dass von einer gesamteuropäischen Sichtweise unter dem Stichwort »Christentum« kaum die 66 Ders., aaO., 56. 67 Ders., aaO., 60 f. Es ist in diesem Zusammenhang nicht die Aufgabe der Untersuchung, eine inhaltliche Bewertung der vorgestellten Thesen vorzunehmen. Wie dargelegt, geht Brague von einem Europa-Begriff aus, der den christlich-orthodoxen Bereich nicht zum Kernbereich »seines« Europas zählt, also auch nicht das hellenistische Athen. 68 Ders., aaO., 62. 69 Vgl. Ders., 64 f. 70 Greschat, Martin: Die christliche Mitgift Europas – Traditionen der Zukunft, Stuttgart 2000, 22. 24 1 Annäherung an das Thema Rede sein kann. Aus dem Wissen um die Charakteristika Westeuropas ergibt sich allerdings die Möglichkeit, mit Traditionen anderer Kulturen, etwa des Islam, neu in Beziehung zu treten. »Vielmehr käme es darauf an, diese beiden charakteristischen Eigentümlichkeiten Westeuropas in neuer Weise und auf einer höheren Ebene in Beziehung zu setzen mit den Traditionen anderer Kulturen – zur durchaus auch befreienden Begrenzung des einzelnen durch die Gemeinschaft sowie durch das Sakrale, dem Resonanzboden aller echten Weltlichkeit. Gewiß, das ist eine Vision.« 71 Ähnlich wie Bahr machen diese Ausführungen zum Ende hin eine offene, visionäre Sicht auf die Zukunft des Christentums in Europa deutlich. Diese Sichtweise beschreibt vage die Bedeutung des Christentums für den weiteren europäischen Einigungsprozess. Es hat seine Rolle noch nicht gefunden oder gar definiert, sondern tastet sich eher voran. Vertreterinnen und Vertreter christlicher Kirchen lassen damit erkennen, dass vor dem Hintergrund des politischen und kulturellen Entwicklungs- und Findungsprozesses die Frage nach dem Christentum selbst in Bewegung bleibt. Vor dem Hintergrund des Prozesses der politischen Einigung Europas befindet sich das Christentum selbst in einem Prozess der Neuorientierung. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Evangelische Theologie der Universität Bamberg, Sylvia Losansky, legte 2010 mit ihrer Dissertation unter dem Titel »Öffentliche Kirche für Europa. Eine Studie zum Beitrag der christlichen Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenalt in Europa« eine umfangreiche Untersuchung zur Rolle der Kirchen im Hinblick auf gesellschaftspolitische Fragen im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses vor.72 Im Titel der Untersuchung ist ihre Ausgangsfrage enthalten: »Wie oder wodurch kann eine dauerhafte Solidarität zwischen den Europäern entstehen und welche Rolle können die christlichen Kirchen dabei spielen.«73 Losansky stellt einerseits sozialphilosophische und theologische Konzeptionen zur Frage des Beitrages von Kirchen zum europäischen Einigungsprozess vor. Exemplarisch entfaltet sie den Entwurf des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zur Frage einer europäischen Identität, den von Johannes Paul II. zur Neuevangelisierung74 sowie den des früheren Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, unter der Überschrift »Europäische Integration und Öffentliche Kirche«75. Andererseits untersucht sie Beiträge der Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt 71 Ders., aaO., 27 (Hervorhebung im Text; der Verfasser). 72 Losansky, Sylvia: Öffentliche Kirche für Europa. Eine Studie zum Beitrag der christlichen Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa, Leipzig 2010. 73 Dies., aaO., 19. 74 Vgl. zum Stichwort »Neuevangelisierung« s. u. Kap. 2.1.5.1. 75 Losansky, aaO., 97 ff. 25 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen in Europa. Ihre systematisch-theologische Arbeit ist dabei vor allem an sozial-ethischen Fragestellungen orientiert. So formuliert sie in einem Zwischenergebnis u. a.: »Oberste Priorität in den kirchlichen Beiträgen muss der Unantastbarkeit der Menschenwürde zukommen. Davon abgeleitet sollten sich die Kirchen mit Nachdruck einsetzen für: die Unteilbarkeit der Menschenrechte, ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit im Sinne von Verteilungs-, Beteiligungs- und Befähigungsgerechtigkeit, eine ganzheitliche Kultur des Helfens (welche auch religiöse Aspekte mit einbezieht), die Achtung der Würde der Natur und den Schutz der Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen.«76 Losansky bietet als Ausblick ihrer Untersuchungen »je fünf Ratschläge an Kirchen, Politik, Wirtschaft, Medien und die Gesellschaft«77. Keiner dieser sogenannten Ratschläge bezieht sich dezidiert auf die Gemeindeebene. Die Grenzgebiete europäischer Staaten werden nicht gesondert berücksichtigt. Im Bereich der Handlungsempfehlungen an die Kirchen schlägt sie etwa vor: »Eine neue Europadenkschrift der EKD wäre beispielsweise schon längst an der Zeit.«78 Die Ratschläge an die Bürgerinnen und Bürger beziehen sich im Wesentlichen auf den Hinweis, sich für Europa und europäische Politik zu interessieren und sich zivilgesellschaftlich und kirchlich zu engagieren.79 Immerhin kommt Losansky in einem halbseitigen Abschnitt ihrer fast 600 Seiten umfassenden Untersuchung auf die kirchliche Basisarbeit zu sprechen. Ihr ist dabei zuzustimmen, wenn sie konstatiert: »Die Beschäftigung mit dem Thema Europa spielt sich vor allem in den kirchlichen Führungsetagen ab und erreicht nur wenig die Basis. Für die Zukunft muss es hier gelten, das Thema Europa nicht nur stärker in die kirchliche Gemeinde- und Bildungsarbeit einzubinden, es gilt in gleicher Weise, die spirituelle Kraft, die von gemeinsamen Gottesdiensten ausgehen kann, vermehrt zu entdecken sowie das vielseitige und reiche liturgische Material zum Thema Europa, das bereits zur Verfügung steht, stärker zum Einsatz zu bringen.«80 Kritisch anzufragen bleibt bei dieser Analyse hinsichtlich der zu Grunde liegenden Sichtweise, ob Europa »von oben« oder »von unten« gestaltet wird; auf die Kirche bezogen heißt das: von den Kirchenleitungen hin zu den Gemeinden oder umgekehrt: von den Gemeinden hin zu den Kirchenleitungen. Es stellt sich die Frage: führen die sogenannten Führungsetagen in Sachen Europa oder lebt nicht vielmehr die Gemeindebasis zumindest in den Grenzregionen wenigstens rudimentär dieses Europa im Alltag? 76 Dies., aaO., 133. 77 Dies., aaO., 438 ff. 78 Dies., aaO., 439. 79 Vgl. Dies., aaO., 448 ff. 80 Dies., aaO., 440. 26 1 Annäherung an das Thema Die exemplarische Darstellung neuerer Beiträge zur Verhältnisbestimmung des Christentums zu Europa, also jenem weitesten der oben angeführten konzentrischen Kreise, verdeutlicht zudem eine Gemeinsamkeit. Obwohl die Beiträge von Bahr, Brague, Greschat und Losansky aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln das Christentum zu Europa in Beziehung setzen, so sind alle vier doch zugleich bemüht, positive Ansätze und Beiträge des Christentums für den Fortgang des europäischen Einigungsprozesses herauszustellen. Sie legen Wert auf die kulturelle Bedeutung des Christentums im Hinblick auf Werte wie Freiheit, persönliche Integrität und Toleranz, die den Fortgang und die Erweiterung des europäischen Einigungsprozesses befördern können. Sie weisen kritisch auf jene Defizite hin, die aus den gewaltsamen und intoleranten Strömungen des Christentums in der Geschichte sichtbar sind. Allerdings überwiegen bei ihnen im historischen und kulturellen Fortgang des Christentums die tragenden und tragfähigen Elemente, die für den weiteren Fortschritt in Europa eingebracht werden. Inwiefern die Ideen der hier genannten Beiträge des Christentums in die kirchliche Praxis grenzübergreifender Gemeindearbeit Einzug gehalten haben, wird diese Untersuchung aufzuzeigen haben. Die Verhältnisbestimmung des Christentums zu Europa fällt nämlich nicht ausschließlich so positiv aus, wie es aus den vorangestellten Beiträgen den Eindruck machen könnte. Die folgende Position fällt deutlicher kritischer aus. Der in New York und Brüssel lehrende Jurist Joseph H. H. Weiler wendet die Kundschafter-Erzählung aus Num 13 und Dtn 1 auf die EU an.81 Heutige Kundschafter würden natürlich auf einem relativ kleinen Kontinent sehr viele Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern Europas entdecken. »Wo ist Europa, könnte man fragen, in diesem Babel von Unterschieden.«82 Weitere Kundschafter würden aber auch berichten, dass überall in Europa die Gräber dieselben christlichen Kreuze aufweisen, aus allen Epochen. Sie würden auf die Dorfkirchen in fast jedem Ort hinweisen, selbst wenn sie zumeist leer wären, zu entscheidenden Ereignissen des Lebens jedoch gut besucht, bei Geburt, Hochzeit und Tod. Sie würden von Gemeinschaften und Gemeinden praktizierender Christen erzählen. Weiler weist hin auf eine europäische Kultur, die ohne das Christentum nicht denkbar wäre – bis hin zu prägenden Ideen und Werten: »Die europäische moralische Sensibilität ist entscheidend vom christlichen Erbe bestimmt und, gerade auch in jüngerer Zeit, vom Kampf gegen dieses Erbe.«83 Obwohl er mit Verweis auf die wechselvolle Geschichte Europas das Christentum als wesentlichen Bestandteil europäischer Identität ausmacht, spricht Weiler dennoch von einem »christlichen Ghetto«, von inneren und von äußeren Mauern 81 Vgl. Weiler, Joseph H. H.: Ein christliches Europa. Erkundungsgänge, Salzburg 2004, 25 ff. 82 Ders., aaO., 26. 83 Ders., aaO., 28. 27 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen umgeben.84 Zwei Beispiele für die sogenannte »äußere Mauer« gibt er an. Zum einen hätten sich die zuständigen Kommissionen sowohl in der Europäischen Grundrechtscharta als auch in der Präambel des Vertrages über eine Europäische Verfassung gegen die Erwähnung des Christentums entschieden. Zum anderen weise fast keine neuere Veröffentlichung, die sich mit Europa und der EU befasse, auf das Christentum und seine Bedeutung für Europa hin.85 Die »innere Mauer« des christlichen Ghettos sieht Weiler darin, dass sich die Christen selbst schlicht verbergen86: »Die wahren Marranen zogen aus Angst vor Verfolgungen die Vorhänge ihrer Häuser zu, um ihre religiösen Zeremonien zu verbergen. Die christlichen Marranen von heute ziehen die Vorhänge weniger zu, weil sie von irgendjemand verfolgt würden, als aus ihrer eigenen Verlegenheit heraus.«87 Weiler kommt daher zu dem Schluss: »Das Christentum tritt nicht in das Blickfeld der europäischen Integration, und Europa, wie es scheint, tritt in keiner signifikanten Form ins christliche Blickfeld.88 1.3.2 Europa und der Protestantismus In einem engeren Kreis schließen sich Untersuchungen zum Verhältnis des Protestantismus zu Europa an. Neben allgemeinen Darstellungen zur Bedeutung des Protestantismus in Europa89 gehen andere Veröffentlichungen vor dem Hintergrund des jeweiligen Standes des europäischen Einigungsprozesses auf die Rolle des Protestantismus in und für Europa ein. So hat sich bereits 1955 Hans Hermann Walz, damals Generalsekretär des Deutschen Evangelischen Kirchentages, zur »Stellung des Protestantismus zur politischen Gestalt Europas« geäußert.90 Nach einer Übersicht über die historischen 84 Ders., aaO., 30. Weiler, selbst Jude, ist sich der Problematik des Begriffs »Ghetto« angesichts seiner Verwendung im Nationalsozialismus wohl bewusst. Er verwendet ihn dennoch »in provozierender Absicht«. Ders., aaO., 31. 85 Vgl. Ders., aaO., 31 f. 86 Vgl. Ders., aaO., 83 ff. 87 Ders., aaO., 83. Auch hier verwendet Weiler den Begriff »Marranen« in provozierender Weise. Ursprünglich wurden gegen Ende des 15.  Jahrhunderts zwangsgetaufte Juden in Spanien »Marranen« genannt, was übersetzt soviel wie »Schweine« heißt. 88 Ders., aaO., 89. 89 So Greschat, Martin: Protestantismus in Europa. Geschichte – Gegenwart – Zukunft, Darmstadt 2005. Diese Monographie zeigt in der Darstellung des geschichtlichen Ablaufs die Beiträge spezifisch protestantischer Merkmale für die europäische Entwicklung auf. 90 Walz, Hans Hermann: Der politische Auftrag des Protestantismus in Europa, Tübingen 1955; Zitat, 10. Walz war von 1954 – 1981 Generalsekretär des Deutschen Evangelischen Kirchentages und war zuvor Studienleiter beim Ökumenischen Institut in Bossey am Genfer See. Er war maßgeblich daran beteiligt, den DEKT als Laienbewegung zu etablieren. Vgl. dazu: Schroeter, Ha- 28 1 Annäherung an das Thema Leitbilder des Verhältnisses von Kirche und Staat91 kommt er auf den Auftrag zu sprechen, den der Protestantismus in und an Europa hat: »Der Protestantismus hat seinem Wesen nach nicht den Auftrag, politische Programme vorzulegen, die doch nur wieder für eine bestimmte Gruppe gelten könnten, wohl aber zur Bildung eines politischen Ethos beizutragen, das Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben kann. Entsprechend dem doppelten Aspekt des Weges der Kirche in dieser Welt sehe ich den aktuellen protestantischen Beitrag zum politischen Ethos insbesondere in der Bestimmung des Ziels und der Grenze des Politischen.«92 Das Wohl des Menschen markiert für Walz dabei sowohl das Ziel als auch die Grenze der Politik. Demnach ist staatliches Handeln letztlich fürsorgliches Handeln, das seine Grenze in der Freiheit des Menschen findet. Der fürsorgliche Staat gibt keine Antworten auf Fragen nach der letzten Wahrheit. Insbesondere das Wohl des Menschen als politisches Ziel führt nach Walz zur Relativierung staatlicher Souveränität. »In Wirklichkeit sind der souveräne Staat europäischer Prägung und ›Europa‹ als ein Bündel souveräner Staaten zum Tode verurteilt durch die Möglichkeiten der modernen Industrie, die, weil sie technische Möglichkeiten sind, wirtschaftliche Notwendigkeiten werden; durch die sozialen Auswirkungen der großen Wanderungsbewegungen, in denen wir uns befinden; durch die Heraufkunft von Asien und Afrika als selbständiger politischer und wirtschaftlicher Partner; durch die Notwendigkeit der Verteidigung, die zu jedem Gemeinwesen gehört und die heute auf nur nationaler Basis wertlos geworden ist.«93 So deutlich diese Worte von ihrem historischen Kontext zeugen, dem Kalten Krieg, dem wirtschaftlichem Neubeginn, dem sich abzeichnenden Ende der Kolonialisierung, so deutlich weisen sie auf Entwicklungen hin, die Europa bis in die Gegenwart begleiten und prägen. Das gilt insbesondere für die Bedeutung der Wirtschaft in heute globalem Ausmaß, ihre Folgen für die europäische Sozialpolitik und die Migrationsentwicklungen innerhalb Europas und an seinen Grenzen. Dass ein einzelner souveräner Staat nicht mehr alleine für das Wohl seiner Menschen sorgen kann, belegt Walz mit der Arbeit der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen.94 Für ihn ist es letztlich die Gemeinschaft der Staaten, die das Wohl des rald: Kirchentag als vor-läufige Kirche. Der Kirchentag als eine besondere Gestalt des Christseins zwischen Kirche und Welt, PTHe 13, Stuttgart 1993. 91 S. u. Kap. 2.1.3. 92 Walz, 58. 93 Ders., aaO., 50 f. 94 Vgl. Ders., aaO., 70. 29 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen Menschen garantieren kann. Diese Position weist dem Protestantismus in Europa also eine Aufgabe zu, die in den Bereich der Ethik gehört. Der Theologe und Leiter des Referates »Geistige Orientierung« im Bereich Politik bei der Bertelsmann-Stiftung, Ralf Hoburg, veröffentlichte 1999 seine »Erwägungen für eine Kirche der Konfessionen« unter dem Titel »Protestantismus und Europa«95. Er sieht die Kirchen aufgerufen, »sich um der eigenen Zukunft willen an der öffentlichen Diskussion über das zukünftige Leitbild Europas zu beteiligen, Position zu beziehen und Europa darüber hinaus zum Thema der Theologie zu machen.«96 Um in Europa zukunftsfähig zu bleiben, so fragt Hoburg an, müssten die Kirchen die strukturelle Bindung an die Nationalstaaten zugunsten ihrer Konfessionsfamilien überdenken: »Liegt die Zukunft statt in der Volkskirche eher in einer Kirche der Konfessionen?«97 Sein Plädoyer geht im Anschluss an eine Übersichtsdarstellung der staatskirchenrechtlichen Verhältnisse in Europa von Folgendem aus: »Die Kernthese meines Plädoyers für eine Kirche der Konfessionen besagt darum vor dem Hintergrund der europäischen Wirklichkeit in den rechtlichen Verankerungen der Kirchen, daß sich protestantisches Profil theologisch immer in konfessionellen Positionen und Deutungsmustern zeigt.«98 Diese Position führt zu dem Schluss, dass die Kirchen in Europa ihre Anbindung an nationale Grenzen überdenken müssen. Hoburgs Überlegungen zielen darauf ab, eine Lobby gegenüber einer europäischen Politik zu bilden, die immer mehr politische Kompetenz von nationaler auf die europäische Ebene verlagert. »Ich vermute, daß sich die Kirchen in Europa zunehmend als öffentliche »Lobby« mit eigenen Interessen und Zielen zu definieren haben.« 99 Als eine Veröffentlichung aus jüngerer Zeit ist die Dissertation von Stefan Drubel, »Protestantisches Profil in der Europäischen Union. Historische Tendenzen, strukturelle Perspektiven und religionspädagogische Konzepte«100 aus dem Jahr 2006 zu nennen. Seine Arbeit zeichnet dezidiert die Entwicklung des Protestantismus im europäischen Kontext nach und bietet einen Überblick über den politischen Werdegang der EU insbesondere für die Zeit vom Regierungsgipfeltreffen 1993 95 Hoburg, Ralf: Protestantismus und Europa. Erwägungen für eine Kirche der Konfessionen. Geschichte. Modelle. Aufgaben, Berlin 1999. 96 Ders. aaO., 26. 97 Ders. aaO., 7. 98 Ders., aaO., 154. 99 Ders., aaO., 200. 100 Drubel, Stefan: Protestantisches Profil in der Europäischen Union. Historische Tendenzen, strukturelle Perspektiven und religionspädagogische Konzepte, Regensburg 2006. 30 1 Annäherung an das Thema in Kopenhagen bis zur Ablehnung des Verfassungsentwurfes der EU durch die Niederlande und Frankreich im Jahr 2005.101 Auch die jüngste der hier berücksichtigten Untersuchungen hat den Fokus auf die mögliche europäische Bedeutung des Protestantismus gelegt. Unter dem Titel »Kirche und Europa« veröffentlichte die Aachener Theologin Monika Schreiber eine systematisch-theologische Arbeit, die ihren Schwerpunkt durch die Zweit- überschrift deutlich macht: »Protestantische Ekklesiologie im Horizont europäischer Zivilgesellschaft«.102 Ihre Grundfrage lautet daher, »welche Rolle die protestantischen Kirchen im Horizont der zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Integration Europas spielen, und ob sie zur Ausbildung eines europäischen Bürgertums beitragen können, (…).«103 Mit der dazu gehörenden These macht Schreiber zugleich deutlich, dass sich ihre Untersuchung dem institutionellen Protestantismus auf europäischer Ebene zuwendet: »Meine These lautet dabei, dass sich die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) (…) durch strukturelle Reformen als kulturprotestantische Deutungsinstanz europäischer Lebenswirklichkeit etablieren könnte.«104 In einem ersten Schritt untersucht Schreiber mit dem Instrument des Interviews mit 17 Vertreterinnen und Vertretern aus dem Raum der Kirche und Politik auf europäischer Ebene, wie aussagekräftig der Europa-Begriff im Hinblick auf kollektive Identitätsbeschreibungen ist.105 Daraus ergeben sich für sie »Kriterien für eine kirchliche und theologische Verwendung des Begriffs ›Europa‹ (…).«106 Sie selbst kommt für ihre Arbeit zu der Entscheidung, ›Europa‹ im Sinne der EU zu verwenden.107 Nach einem historischen Aufriss politischer Philosophien108, in denen der Freiheitsbegriff in der Spannung zwischen Vielfalt und Einheit reflektiert wird, kommt sie zu dem Schluss, dass »die spezifische Variante politischer Freiheit, welche als Idee für die EU charakteristisch ist, unter dem Stichwort der ›Entgrenzung‹ be- 101 Zu Drubel: s. o.: Kap. 1.3. 102 Schreiber, Monika: Kirche und Europa. Protestantische Ekklesiologie im Horizont europäischer Zivilgesellschaft, Berlin 2012. 103 Dies., aaO., 1 f. 104 Dies., aaO., 2. 105 Die Liste der Interviewten nennt u. a. M. Gahler, Mitglied des Europaparlaments, Pfr. Dr. D. Heidtmann, Executive Secretary, Church & Society Commission, (KEK) und Monsignore N. Treanor, Generalsekretär der COMECE. Vgl. Liste der Interviewten: Dies., aaO., 224 f. 106 Dies., aaO., 5. 107 Vgl. Dies., aaO., 49. 108 Schreiber behandelt das römische Rechtsverständnis, Thomas von Aquin, Immanuel Kant und Wilhelm Friedrich Hegel. Vgl. dies., aaO., 50 – 58. 31 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen trachtet wird.«109 Die ökonomische Idee vom gemeinsamen Markt führte dazu, nationalstaatliche Grenzen bzw. Rechtsvorschriften zugunsten einer gemeinschaftlichen Ordnung aufzuheben. Die politische Ausformung der EU folgt dieser Tendenz. Schreiber führt den Begriff der »Entgrenzung« dabei in zweierlei Hinsicht aus. Zum einen legt sich die EU in juristischen Fragen wenig materiell fest. Ihr System beruht im Wesentlichen auf Verfahrensvorschriften, die auf Kompromiss hin zielen. Somit reicht es für die Bürgerinnen und Bürger der EU aus, diesen »Spielregeln« zuzustimmen und nicht einer inhaltlich gefestigten Rechtssatzung.110 Zum anderen bedeutet »Entgrenzung« die Rechtssetzung der EU selbst. So gewährt die Grundrechtscharta zwar der Familie rechtlichen Schutz, nicht aber – wie im deutschen Recht – einer besonderen Lebensform wie der Ehe. Ebenso verhält es sich mit der Stellung des arbeitsfreien Wochentages. An dem wird zwar festgehalten, doch wird damit nicht der Sonntag in besonderer Weise geschützt.111 1.3.3 Protestantische und ökumenische Institutionen in Europa Im Rahmen des zweiten Kreises, dem Protestantismus in Europa, befasst sich die Forschung mit einzelnen kirchlichen Institutionen und Bünden in ihrem Werden und Wirken.112 Im Einzelnen sind es die Arbeitsbereiche protestantischer oder ökumenischer Institutionen in Europa, die Gegenstand der Veröffentlichungen sind. 2012 bietet M. Schreiber eine Übersicht über kirchliche Vertretungen bei der EU in Brüssel.113 Wenn im Folgenden der Blick auf überregionale europäische kirchliche Organisationen, Gemeinschaften und Konferenzen fällt, so bleibt er ausgerichtet auf das Thema dieser Untersuchung, nämlich Europa als kirchliches Handlungsfeld auf Gemeindeebene und Region am Beispiel der Euregio Rhein-Maas. Eine Vorstellung europäischer kirchlicher Institutionen wie der GEKE oder der KEK ist hier also nicht zu erwarten. Andererseits wurde bereits dargelegt, dass sich im kirchlichen Bereich die überwiegende Zahl der Veröffentlichungen mit der übernationalen europäischen Ebene kirchlicher Strukturen befassen.114 109 Dies., aaO., 59. 110 Vgl. Dies., aaO., 60. 111 Vgl. Dies., aaO., 61. 112 So die Dissertation von Reuter, Hans-Ulrich: Die Europäische Ökumenische Kommission für Kirche und Gesellschaft (EECCS) als Beispiel für das Engagement des Protestantismus auf Europäischer Ebene, Stuttgart 2002. 113 Vgl. Schreiber, Kirche und Europa, 65 – 75. Über kirchliche Institutionen hinaus sind dort auch Einrichtungen anderer Religionen und Weltanschauungen aufgeführt. 114 Beim Besuch des Autors beim Vertreter der Kommission für Kirche und Gesellschaft bei der KEK, Pfarrer Frank-Dieter Fischbach, in Brüssel am 2.2.2015 wurde deutlich: der Ökumene- Begriff der verfassten kirchlichen Organisationen in Europa zielt ab auf das kirchenleitende Handeln der Mitgliedskirchen. Auch nach der Reform der KEK weist ihre 2013 in Budapest angenommene neue Verfassung in diese Richtung, wenn es etwa in Artikel 2 »Aims and Objectives« heißt: »To fulfil its aims, the Conference establishes fora for programmatic development and research, such as conferences, working groups and seminars for dialogue. 32 1 Annäherung an das Thema Europaweit organisierte kirchliche Strukturen bilden daher hier den Horizont, vor dem sich praktisches Handeln der Gemeinde vor Ort oder Kirche in der Region vollzieht. Somit steht nun keine allgemeine Abhandlung über die zu behandelnden Organisationen an.115 Vielmehr soll zur Sprache kommen, inwieweit diese Impulse für kirchliches Handeln vor Ort geben. Im Idealfall wirken überregionale und regionale Ebene, also »oben« und »unten« der Kirche wechselseitig aufeinander ein. So macht das Impulspapier des Rates der EKD »Kirche der Freiheit« drei Verantwortlichkeiten aus, die sich »in der evangelischen Kirche unterscheiden, obwohl sie nirgends ungetrennt vorkommen«116. Es folgt darauf die Zuordnung von Kompetenzen für die Ebenen der Gemeinden, der Kirchenkreise und der Landeskirchen. Der Gemeindebegriff wird dabei weit verstanden und »umfasst alle Orte, an denen sich Menschen um das Evangelium versammeln«117. Auf der Handlungsebene der Gemeinde erfülle sich der kirchliche Kernauftrag und werde die »geistliche Grundversorgung« geleistet. Was sich zunächst als traditionelle Beschreibung kirchlicher Gemeindearbeit liest, die Feier der sonntäglichen Gottesdienste, die Begleitung der Menschen im Lebens- und Jahreslauf, gemeindliche Diakonie, Kinder- und Jugendarbeit etc. wird im Verständnis des Impulspapiers mit einer Perspektiverweiterung versehen: »Die evangelische Kirche besteht aus Menschen, die sich um Verkündigung und Sakrament sammeln; deshalb hat die Gemeinde am Ort eine hohe Bedeutung. Zugleich bedarf die Form der Parochialgemeinde der Ergänzung, wenn möglichst viele Generationen und Lebenswelten in das kirchliche Leben einbezogen und drohende Milieuverengungen wirkungsvoll überwunden werden sollen. Solche ergänzenden Gemeindeformen können auch dazu beitragen, dass der auf einen engen Gemeindehorizont bezogenen Betreuungskultur eine sich nach außen wendende Beteiligungskultur zur Seite tritt.«118 Genau an dieser Stelle setzt der spezifische Aufgabenhorizont für die Gemeinden in den Grenzregionen an. Denn mit ihrer grenzübergreifenden Arbeit vermögen In this, it collaborates with its Organisations in Partnership, National Councils of Churches, and other ecumenical bodies inside and outside Europe.« Conference of European Churches: And now, what are you waiting for? CEC and its Mission in an Changing Europe. Report of the 14th General Assembly of the Conference of European Churches. Budapest, Hungary, 3 to 8 July 2013, Genf 2014, 100. 115 Diese liegen in Darstellungen der Organisationen selbst vor. Des weiteren sind sie Gegenstand anderer wissenschaftlicher Untersuchungen. Vgl. etwa S. Drubel, Protestantisches Profil, M. Schreiber, Kirche und Europa oder H.-U. Reuter. 116 Kirche der Freiheit: Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21.  Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, hg. vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover 2006, 35. 117 Ders., aaO., 36. 118 Ders., aaO., 37. Vgl. zu »kirchlichen Orten« Kap. 4.6. 33 1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen sie das kirchliche Engagement in und für Europa, welches auf den anderen Ebenen, insbesondere der Ebene der EKD geschieht, mit Leben zu erfüllen. Das Papier fügt als vierte Ebene die Evangelische Kirche in Deutschland an, die in freiwilliger Übereinkunft der Landeskirchen durch Kirchen- und Fachreferentenkonferenzen gemeinsame Aufgaben übernimmt. »Inhaltlich geht es dabei unter anderem um konkrete Themen öffentlicher Verantwortung, die europäische wie die weltweite politische Entwicklung, gesamtkirchliche Medienarbeit, diakonische Aufgaben unter Einschluss der ökumenischen Diakonie, den ökumenischen Auftrag der Kirche unter Einschluss der kirchlichen Auslandsarbeit sowie um Einrichtungen, die als gesamtkirchliche Kompetenzzentren den Gliedkirchen zur Verfügung stehen.«119 Mit dem ersten Teil dieser Aufzählung beschreiben die Autoren – zugespitzt formuliert – den »außenpolitischen« Verantwortungsbereich der EKD. Allerdings bleibt das Impulspapier im weiteren Verlauf bezogen auf die Entwicklung innerhalb der EKD bis zum Jahr 2030. In zwölf »Leuchtfeuern der Zukunft« werden Handlungsfelder der Kirche skizziert, »die für den Mentalitätswechsel in der evangelischen Kirche zentrale Bedeutung haben.«120 Eine europäische Perspektive wird dabei nicht aufgewiesen. Im Rahmen seiner kritischen Analyse kirchlicher Reformprogramme fragt Reiner Knieling, apl. Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal / Bethel und Leiter des Gemeindekollegs der VELKD in Neudietendorf: »Ist das EKD-Impulspapier Kirche der Freiheit ein letztes Aufbäumen des Fortschrittsglaubens angesichts der inneren und äußeren Erosion der Kirche oder die Wiederkehr von Aufbruch und Hoffnung?«121 So sehr das Impulspapier betont, in seiner Konzentration auf zwölf Handlungsfelder keine vollständige Perspektive aufzuzeigen122, so sehr ist doch mit Knieling anzumerken: »All diese Ziele sind so formuliert, als ob es keinen Zweifel daran gäbe, dass sie erreicht würden. Das reizt, kann motivieren, aber genauso konkreten Widerspruch herausfordern.«123 Der damalige Professor für Systematische und Ökumenische Theologie und Direktor des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes in Bensheim, 119 Ders., Ebd. 120 Ders., 48 121 Knieling, Reiner: Plädoyer für unvollkommene Gemeinden. Heilsame Impulse, Göttingen 2008,73, Hervorhebung im Zitat. 122 Vgl. Kirche der Freiheit, 48. 123 Knieling, 20. 34 1 Annäherung an das Thema Reinhard Frieling, beschreibt die Rolle der LKG, die heutige GEKE, als »Ort evangelischer Selbstbesinnung, ein Kommunikationsorgan für Zeugnis und Dienst der evangelischen Kirchen in Europa.«124 Er strebte mit der 1993 diskutierten Neuordnung der LKG ein »Europäisches Forum Evangelischer Kirchengemeinschaft« an: »Wir brauchen keine evangelische Superkirche und keinen evangelischen Vatikan, wohl aber ein kirchliches Instrument, das mit Glauben und Vernunft das evangelische Zeugnis des Evangeliums in Europa laut werden läßt, etwas lauter als bisher.«125 Veröffentlichungen der KEK oder der GEKE nehmen bis in die Gegenwart aus ökumenischer bzw. protestantischer Perspektive Bezug zu aktuellen politischen und sozial-ethischen Themen.126 Diese haben z. T. Auswirkungen in die kirchliche Fläche, also auch in die Grenzregionen. Die Situation der kirchlichen Regionen bzw. Gemeinden an den Grenzen machen sie allerdings nicht zu ihrem Thema. 1.3.4 Fazit Die Analyse der Forschungslage verdeutlicht zum einen, dass das wissenschaftliche Interesse bisher überwiegend überregionalen und großstrukturierten Einheiten gilt. Dieses mag darin begründet sein, dass sich von kirchlicher Seite nur ein kleiner Kreis von Personen mit Europa beschäftigt. Und diese Wenigen agieren mitunter losgelöst von der Basis in Gremien und Institutionen.127 Die Situation lässt sich zugespitzt formulieren: Die in Sachen Europa engagierten Pfarrerinnen und Pfarrer, Presbyterinnen und Presbyter sowie Gemeindemitglieder handeln oft ohne den Rückhalt von Pfarrkonventen, Kreissynoden oder Kreissynodalvorständen. Oft besteht zwischen diesen Engagierten und jenen Institutionen und Kirchenleitungen kein geregelter Austausch.128 124 Frieling, Reinhard: Die Verantwortung der Kirchen im europäischen Einigungsprozeß, in: Brenner, Beatus (Hg): Europa und der Protestantismus. Ein Arbeitsheft mit Dokumenten und Beiträgen von Eberhard Jüngel, Reinhard Frieling und Lothar Ullrich, BenshH 73, hg. vom Evangelischen Bund, Göttingen 1993, S.19 – 34, 32. 125 Ders., aaO., 34. 126 So z. B. zum Thema Sterbehilfe: GEKE (Hg.): Leben hat seine Zeit, und sterben hat seine Zeit. Eine Orientierungshilfe des Rates der GEKE zu lebensverkürzenden Maßnahmen und zur Sorge um Sterbende, Wien, 2011. Oder im Themenbereich Migration: CCME (Hg.):Activity Report 2013, Brüssel o. J. 127 S. o. 15, Zitat Drubel, Anm. 29. 128 Auf die geringe Resonanz, die das Thema Europa in Gemeinden hervorruft, weist R. Hoburg in seinem Beitrag hin: »Während Kirchenleitungen und Theologie auf Synoden und in wissenschaftlichen Texten sich seit Beginn der neunziger Jahre durch die gesamtpolitische Entwicklung mit Europa intensiver auseinandergesetzt haben, ist die Resonanz in den Gemeinden nach wie vor verhalten. Dieser Eindruck entspricht wohl am ehesten der Zwiespältigkeit, die das Thema auch bei den Bürgern hervorruft (…). Zwar hat Europa nach wie vor Konjunktur in den Evangelischen Akademien, aber schon Pfarrkonferenzen reagieren mit mäßiger Teilnahme, wenn das Thema ansteht. Die Zahl der Gemeindepartnerschaften stagniert, und 35 1.4 Konzeption der Arbeit Zum anderen lässt der derzeitige Stand der Forschung auch den Schluss zu, dass ein Defizit bei der wissenschaftlichen Betrachtung der gemeindlichen und regionalen Ebene besteht. Nicht allein im politischen Bereich führt eine theoretische Diskussion der Institutionen über strukturelle Fragen über Europa – und somit Menschen fernes Reden – zur oft beklagten Europamüdigkeit, wie sie an der sinkenden Wahlbeteiligung an Europawahlen manifest wird.129 Wenn im Bereich der verfassten Kirche Europa überwiegend eine Sache von Institutionen und Kirchenleitungen bliebe, so würde die Relevanz des Protestantismus für Europa wie auch umgekehrt die Bedeutung Europas für die eigene Kirche und Gemeinde bis hin zum Kirchenrecht unterschätzt bleiben. So wirkt sich die europäische Gesetzgebung längst auch auf die Arbeit der Gemeinden aus, etwa bei der Gestattung der Weitergabe von Konfessionsdaten der Bürgerinnen und Bürger über die kommunalen Melderegister an die jeweiligen Kirchengemeinden. Die vorliegende Arbeit will überprüfen, ob die Beschäftigung mit Europa durch Kirchenleitungen oder landeskirchliche Institutionen die kirchliche Praxis hinreichend wahrnehmen. Insofern die Betrachtung kirchlichen Handelns um den Bereich gemeindlicher bzw. regionaler Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg ergänzt werden muss, will diese Arbeit einen Beitrag liefern. 1.4 Konzeption der Arbeit Aus diesen Annäherungen an das Thema ergibt sich folgender Aufbau für die weitere Untersuchung. Im Anschluss an dieses erste einleitende Kapitel stellen die folgenden drei Kapitel den Kontext dar, in dem gemeindliches und regionales Handeln der protestantischen Kirchen im Hinblick auf Europa stattfindet. Das zweite Kapitel bietet die Annäherung an den Begriff »Europa«. Diese geschieht zunächst hinsichtlich der sprachlichen und der geographischen Klärung des Begriffes. Im Anschluss daran wird nach der kulturhistorischen sowie der politischen Bedeutung Europas im Kontext des Arbeitsthemas gefragt. Schließlich kommt die Bedeutung Europas für die theologische Auseinandersetzung zur Sprache. Dabei werden drei unterschiedliche Modelle der Verhältnisbestimmung der Kirchen zu Europa aufgezeigt. Bilden die fünf genannten Kategorien den Längsschnitt, so wird anschließend im Querschnitt nach den Motiven gefragt, die kirchliches Handeln in Gemeinde und Region grenzübergreifend fördern. Die Verkündigung ist dabei als erstes Motiv auszumachen. Es folgt darauf das Motiv der Versöhnung zwischen Völkern und Nationen. Daran knüpft sich eng das Motiv des friedlichen Zusammenlebens das Wissen über die kirchliche Situation im Nachbarland ist bei Presbytern, Kirchenältesten und Gemeindegliedern auffällig gering.« Hoburg, 30 f. 129 S. u. Kap. 2.1.4.1. 36 1 Annäherung an das Thema an. Wenn im weiteren Verlauf der Untersuchung die Situation von Migranten zur Sprache kommt, so deshalb, weil sie im Grenzbereich insbesondere für kirchlich motiviertes Handeln unter den Gesichtspunkten der Gerechtigkeit und Teilhabe wahrgenommen wird. Als weiteres Motiv wird das Interesse an ökumenischem Austausch im Sinne gelebter Einheit in Verschiedenheit zur Sprache gebracht. Zum Abschluss des Kapitels wird untersucht, inwieweit der Protestantismus ein eigenes Interesse am europäischen Einigungsprozess hat. Insofern dieser Prozess zum Motiv kirchlichen Handelns wird, kann vom Protestantismus als Katalysator oder Ferment des europäischen Einigungsprozesses gesprochen werden. Das dritte Kapitel geht auf den Spezialfall grenzübergreifender Zusammenarbeit ein. Hier gilt es, die Bedeutung der Grenze im konkreten Raum der Euregio zu beleuchten. Diese Bedeutung wird sowohl im historischen Ablauf als auch für die gegenwärtige Situation präzisiert. Die Darstellung des Protestantismus in den drei beteiligten Grenzregionen bzw. Staaten gehört ebenso dazu wie ein Einblick in die kirchenrechtliche Behandlung der Kirchenmitgliedschaft. Das vierte Kapitel wendet sich der euregionalen und gemeindlichen Ebene zu. Es legt dabei seinen Schwerpunkt auf die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle und ihre Bedeutung für die regionale kirchliche Situation in der Euregio.130 Hier kommen exemplarisch Nachbargemeinden im Grenzbereich zur Sprache. Aber auch Gemeindepartnerschaften, die den Euregio-Raum überschreiten, werden in die Darstellung mit einbezogen. Um die Untersuchung an dieser Stelle aussagekräftiger und nachvollziehbar zu machen, bietet die Arbeit methodisch eine statistisch ausgewertete Umfrage grenzübergreifender Zusammenarbeit von Gemeinden. Im abschließenden fünften Kapitel entwickelt die Arbeit Schlussfolgerungen für das grenzübergreifende kirchliche Handeln, wie sie sich aus den vorangegangenen Untersuchungen ergeben. Diese Folgerungen werden nochmals differenziert auf die drei Handlungsebenen angewandt. Dem Modell konzentrischer Kreise folgend wird erst der innere Bereich, die Gemeindeebene, behandelt. Die regionale sowie die überregional-landeskirchliche Ebene schließen sich an. Neben dem Literaturverzeichnis und einem Abkürzungsverzeichnis bietet die Arbeit in einem Anhang Dokumente, die etwa als Arbeitspapiere, Protokolle oder Redebeiträge nicht für einen größeren Kreis publiziert worden sind. Abschließend ist hier auf den sprachlichen Gebrauch der Begriffe »evangelisch« und »protestantisch« hinzuweisen. Eine Arbeit, die sich konzeptionell im europäischen Kontext aufhält, muss diese Begriffe und ihre sprachlichen Ableitungen bedeutungsgleich verwenden. Im deutschen Sprachgebrauch ist »evangelisch« gebräuchlicher, mag »protestantisch« vielleicht sogar etwas negativ klingen. »In 130 Die Kirchenkreise Gladbach-Neuss sowie Krefeld haben ihre Mitarbeit nach Beendigung der Euregio-Pfarrstelle 2007 in der weitergeführten euregionalen Arbeitsgemeinschaft eingestellt. Daher werden sie für die weitere Untersuchung nicht weiter berücksichtigt. Das Gleiche gilt für den französisch-sprachigen Bereich des Districts Lüttich, der nur in den frühen 1990er Jahren im Euregio-Kuratorium vertreten war. S. u., Kap. 4.3. 37 1.4 Konzeption der Arbeit Deutschland ist das Wort ›Protestant‹ heute wenig beliebt.«131. Allerdings ist nicht nur kirchengeschichtlich das Wort »Protestanten« aus der deutschen Reformationsgeschichte erwachsen132. Im europäischen Umfeld, gerade auch im untersuchten Grenzraum Belgiens, Deutschlands und der Niederlande ist »protestantisch« ebenso zur Selbstbezeichnung geworden, etwa in der Protestantse Kerk in Nederland (PKN) wie der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB). Auf europäischer Ebene ist auch in deutschsprachigen Publikationen in der Regel vom »Protestantismus« die Rede133, so zuletzt in den Titeln der Untersuchungen von S. Drubel134 und M. Schreiber135. 131 Honecker, Martin: Die europäische Verantwortung des Protestantismus, in: Honecker, Martin; Regul, Jürgen, Protestantismus in Europa, Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland Nr. 16, Düsseldorf 1998, 1 – 22, 2. 132 Als Fremdbezeichnung der katholischen Seite gegenüber den »Protest«, d. h. Rechtsverwahrung, einlegenden evangelischen Ständen auf dem Reichstag zu Speyer 1529, vgl. Honecker, 3. 133 Es reicht in diesem Zusammenhang, auf das Literaturverzeichnis zu verweisen, in dem das Wort »Protestantismus« in den angeführten Titeln wesentlich häufiger erscheint als das Wort »Evangelisch«. 134 Drubel kommt zur selben Grundsatzentscheidung des synonymen Gebrauches der Begriffe »protestantisch« und »evangelisch«, vgl. Drubel, Profil, 14, Anm. 14. 135 Schreiber. Kirche und Europa. Protestantische Ekklesiologie … .

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Zusammenfassung

Mathias Schoenen ist seit den frühen 1990er Jahren evangelischer Gemeindepfarrer in der westlichsten Kirchengemeinde Deutschlands. Seine praktische Erfahrung in der kirchlichen Zusammenarbeit im deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck der Euregio Maas-Rhein führten ihn zu der Frage, inwieweit der Protestantismus auf der Ebene von Kirchengemeinden und kirchlicher Regionen als verbindendes Element zwischen den Nationen EU-Europas angesehen werden kann. In Zeiten, in denen die Fliehkräfte zwischen den Staaten der EU stärker werden, fragt der Autor nach dem grenzübergreifend Verbindenden, inhaltlich wie strukturell. Gehört die konfessionelle Identität zu dem, was Protestantinnen und Protestanten im grenznahen Raum zu einem nachbarschaftlichen Miteinander bewegt? Oder ist die kirchliche Prägung bis in die Gemeindeebene hinein so sehr nationalstaatlich bestimmt, dass das Gemeinsame unkenntlich wird? Am Beispiel einer Grenzregion zeigt der Autor in seiner praktisch-theologischen Untersuchung auf, dass gelebte Nachbarschaft grenzübergreifend möglich ist. Er gibt zugleich Hinweise auf dazu nötige, wünschenswerte und hinderliche Faktoren.