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2. Freiheit des Arztes in:

Marcus Rauch

Notwendige juristische Kompetenzen des Arztes, page 9 - 18

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4063-8, ISBN online: 978-3-8288-6889-2, https://doi.org/10.5771/9783828868892-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Rechtswissenschaften, vol. 103

Tectum, Baden-Baden
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Freiheit des Arztes Arztberuf als freier Beruf Der Beruf des Arztes besitzt in Deutschland eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. Ausdruck findet diese besondere Stellung u. a. durch die rechtliche und wirtschaftliche Einordnung des Arztberufes in die Gruppe der sog. „Freien Berufe“ gem. § 1 Abs. 2 BÄO oder bspw. gem. § 1 Abs. 2 PartGG oder gem. § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG. Diese Einordnung gilt für den Arztberuf in seiner Gesamtheit, d. h. sowohl für die selbständig praktizierenden, niedergelassenen Ärzte als auch für die angestellten Ärzte in öffentlichen oder privaten Einrichtungen (bspw. Krankenhäusern, Sanatorien, Unternehmen, Ämtern etc.).23 Unwesentlich hierbei ist auch, ob der Arzt in seiner Funktion, bspw. als zugelassener Vertragsarzt bzw. ermächtigter Arzt, zur Behandlung von sozialversicherten Patienten berechtigt ist oder in seiner Funktion als Privatarzt ausschließlich privatversicherte oder selbst zahlende Patienten behandelt.24 Wesensmerkmale Die Besonderheit dieser Berufsgruppe gegenüber anderen Berufen liegt darin begründet, dass sie diesen gegenüber durch bestimmte einzigartige Merkmale bzw. zugestandene Freiheiten abgegrenzt werden kann. Zu den wichtigsten Freiheiten bzw. Merkmalen zählen dabei die Existenz einer grundsätzlichen, ethischen Berufsauffassung (das Berufsethos), die Existenz einer gewissen persönlichen wie sachlichen Berufsunabhängigkeit, die Existenz einer besonderen Verantwortung für die Allgemeinheit sowie die Existenz eines spezifischen 2. 2.1. 2.2. 23 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 11. 24 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 2 ff. 9 Vertrauensverhältnisses zum Mandaten, Klienten oder Patienten.25 Darüber hinaus qualifiziert das BVerfG den „Freien Beruf “ durch eine hohe Verantwortlichkeit und hohes eigenes Risiko in wirtschaftlicher Beziehung sowie durch die eigene Verantwortlichkeit hinsichtlich der Ausübung des Berufes.26 Dazu gehört ferner eine unabhängige, eigenverantwortliche berufliche Stellung und eine spezielle berufliche Sachkunde.27 Erfüllt werden diese Kriterien bzw. Merkmale des „Freien Berufs“ durch den Beruf des Arztes u. a. dadurch, dass dieser mit den jeweiligen Ärztekammern der Länder ein eigenständiges organisationsrechtliches Gefüge besitzt, welches zum Erlassen autonomer, unmittelbarer rechtsverbindlicher Satzungen ermächtigt ist.28 Dieser Erlass von Satzungen durch die Landesärztekammern ist dabei als Ausdruck der demokratisch legitimierten, funktionalen Selbstverwaltung der Ärzteschaft zu verstehen,29 welche es den Ärzten erlaubt, Angelegenheiten zu regeln, die sie selbst betreffen und die sie selbst am sachkundigsten beurteilen können.30 Entsprechend werden die Ärzte somit eigenen, speziellen Berufsregeln unterworfen und besitzen damit folglich ein eigenständiges ärztliches Berufs- bzw. Standesrecht. Es ist diese öffentlich-rechtlich gestaltete Selbstverwaltung, welche letztlich die Unabhängigkeit des Arztberufs in Deutschland sicherstellt.31 Die Anforderung der besonderen beruflichen Ethik des Arztberufs wird hierbei dadurch verwirklicht, dass das Berufsrecht, in Form der erlassenen Satzungen, sich ausdrücklich auf die älteste bekannte medizinische Ethik, den Eid des Hippokrates, bezieht und auch die Gesetzgebung die ärztliche Ethik rechtlich berücksichtigt.32 Jeder Arzt hat demnach seinen Beruf entsprechend dem eigenen Gewissen, den Geboten der ärztlichen Ethik und der Menschlichkeit auszuüben.33 Zwar können Dienstherr und Arbeitgeber gegenüber den Ärzten die Betriebsabläufe 25 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 5. 26 BVerfGE 9, 338 (351). 27 BVerfGE 33, 367 (381); Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 5. 28 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 5, Rn. 5. 29 BVerfGE 107, 59 (92 f.). 30 Lipp in: Laufs/Katzenmeier/Lipp, Arztrecht, II. Ärztliches Berufsrecht, Rn. 7. 31 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 7. 32 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 12 u. Rn. 14. 33 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 12. 2. Freiheit des Arztes 10 steuern, fachliche Anweisungen erteilen sowie Art, Ort und Zeit der Arbeit näher bestimmen, jedoch finden das Weisungsrecht und die Direktionsbefugnis ihre Grenzen dort, wo sie das ärztliche Berufsethos und die ärztlichen Berufsregeln berühren.34 Konkret drückt sich dies insbesondere in der dem Arztberuf nach § 1 Abs. 2 BÄO und den §§ 1 Abs. 1 sowie 2 Abs. 1 u. Abs. 4 MBO-Ä zugestandenen Therapiefreiheit aus,35 die es ihm gestattet zu entscheiden, ob überhaupt eine Behandlung stattfinden soll, die es verbietet, den Arzt zu einer seinem Gewissen widersprechenden Behandlungsmethode oder Arzneimitteltherapie zu zwingen, und die ihm die Freiheit gewährt, die ihm am geeignetsten erscheinende diagnostische oder therapeutische Behandlungsmethode auszuwählen.36 Selbst die staatliche Gewalt hat dabei die entsprechenden medizinischen Vorstellungen des Arztes anzuerkennen und nicht etwa durch eigene therapeutische Vorstellungen zu verdrängen.37 Das Bestehen der besonderen Verantwortung des Arztes für die Allgemeinheit lässt sich dagegen direkt von seinem Aufgabenfeld ableiten. Mit der Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge von Krankheiten bzw. Verletzungen der Patienten dient er zweifellos der Gesundheit des einzelnen Menschen und damit zugleich der Gesundheit des gesamten Volkes.38 Die geforderte spezielle berufliche Sachkunde des Arztberufs wird dabei durch die genaue staatliche Festlegung der Ausbildung (Dauer, Ablauf, Pflichtinhalt etc.) und die genaue staatliche Überwachung der Zulassung (die Approbation) gewährleistet.39 Das hohe eigene Risiko in wirtschaftlicher Beziehung verwirklicht sich hierbei für den Arzt hauptsächlich durch seine Haftpflicht gegenüber den Patienten bzgl. erlittener Schäden aus Qualitätsmängeln der medizinischen Behandlung.40 Diese Haftpflicht sowie der Umstand, dass Ärzte i. d. R. als Dienstleister i. S. d. § 613 S. 1 BGB zur persönlichen Leistungserbringung verpflichtet sind, erfüllen des Weiteren auch die 34 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 12 u. Rn. 13. 35 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 14. 36 Zuck, NJW 1991, 2933 (2933). 37 Gallwas, NJW 1976, 1134 (1134 f.). 38 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 3 u. Rn. 5. 39 Wollersheim in: Terbille/Clausen/Schroeder-Printzen, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 2. Auflage, § 6, Rn. 9 ff. 40 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 23 u. Rn. 24. 2.2. Wesensmerkmale 11 Voraussetzung des spezifischen Vertrauensverhältnisses zum Patienten.41 Beschränkungen der Therapiefreiheit Die dem Arzt zuerkannte Berufsausübungsfreiheit kann aber aus Gründen des Gemeinwohls „zum Schutz der Volksgesundheit wie individueller Güter von Patienten“ eingeschränkt sein.42 Auch ist es der staatlichen Gewalt aus Gründen der Gefahrenabwehr erlaubt, das therapeutische Angebot zu begrenzen und Risikobereiche auszuweisen, um diese dem Bestimmungsrecht von Ärzten und Patienten entziehen zu können.43 Legitimation durch den Patienten So setzt etwa die zugebilligte Therapiefreiheit des Arztes in Form der auf medizinischer Erfahrung und Berufsethos beruhenden ärztlichen Behandlungsentscheidung die ständige Legitimation durch den Patienten voraus.44 Hintergrund ist, dass eine medizinische Maßnahme immer Auswirkungen auf dessen Leben, Körper und/oder Gesundheit haben kann.45 „Dies darf nur mit dem Willen des Patienten geschehen.“46 Der Wahrung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten muss durch den Arzt folglich Rechnung getragen werden, indem für jedwede medizinische Behandlung grundsätzlich die Einwilligung des Patienten benötigt wird.47 Dazu bedarf es zusätzlich auch der vorherigen Aufklärung des Patienten, die umso umfangreicher zu erfolgen hat, je weniger die angewandten Behandlungsmethoden den erprobten, gängigen und fachlich anerkannten Methoden der „Schul- 2.3. 2.3.1. 41 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 9. 42 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 14. 43 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 16. 44 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 14. 45 BT-Dr 17/10488, S. 23. 46 BT-Dr 17/10488, S. 23. 47 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 8. 2. Freiheit des Arztes 12 medizin“ entsprechen.48 In diesem Sinne ist die Therapiefreiheit des Arztes immer auch abhängig vom Zusammenspiel zwischen den konkreten objektiven medizinischen Umständen und der Einwilligung des angemessen aufgeklärten Patienten.49 Ärztlicher Sorgfaltsmaßstab Im Hinblick auf die freie Methodenwahl des Arztes ist die Therapiefreiheit ebenfalls weiteren Beschränkungen unterworfen. Sie hat sich etwa nach einem Maßstab bestehend aus verbindlichen objektiven Sorgfaltsanforderungen zu richten,50 welche durch den jeweilig geltenden medizinischen Standard repräsentiert werden.51 Dieser selbst wiederum repräsentiert dabei „den jeweiligen Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis und ärztlicher Erfahrung, der zur Erreichung des ärztlichen Behandlungsziels erforderlich ist und sich in der Erprobung bewährt hat“.52 Durch ihn wird grundsätzlich vorgegeben, was der Arzt aus medizinischen Gesichtspunkten nun in der jeweiligen Situation zu tun oder zu unterlassen hat.53 Insofern stellt er in seiner Gesamtheit für den Arzt das Maß für die Grenze der ärztlichen Therapiefreiheit dar.54 Er begrenzt die Therapiefreiheit des Arztes dabei i. d. R. auf die Wahl der bewährten und aussichtsreichen Behandlungsmethoden,55 kann im Einzelfall aber auch den Arzt verpflichten, von der herkömmlichen 2.3.2. 48 Siebert, MedR 1983, 216 (216 ff.). 49 Siebert, MedR 1983, 216 (216 ff.). 50 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 17. 51 Uhlenbruck, ArztR 1989, 233 (238). 52 Carstensen, Dtsch. Ärztebl. 1989, A 2431 (A 2432). 53 Terbille in: Terbille/Clausen/Schroeder-Printzen, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 2. Auflage, § 1, Rn. 459. Zum medizinischen Standard und der entsprechenden medizinischen Sorgfalt gehört es bspw., dass ein Arzt im Rahmen der Diagnose zwar die seiner Meinung nach wahrscheinlichste Krankheitsursache feststellen und verfolgen darf, Anhaltspunkte für alternative Krankheitsursachen aber berücksichtigen und vorher abklären muss. Terbille in: Terbille/Clausen/ Schroeder-Printzen, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 1. Auflage, § 1, Rn. 557. 54 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 17. 55 Rumler-Detzel, VersR 1989, 1008 (1008 ff.). 2.3. Beschränkungen der Therapiefreiheit 13 medizinischen Methodik abzuweichen, etwa wenn dieser nach gewissenhafter Prüfung (unter Abwägung von damit verbundenen Vorteilen und Gefahren)56 zu der Einsicht gelangt, dass einer anderen Behandlungsmethode Vorrang einzuräumen ist.57 Entsprechend ist der Arzt nicht immer gezwungen, den sichersten therapeutischen Weg zu bestreiten, muss aber in diesem Fall dann die Inkaufnahme eines höheren Risikos anhand der besonderen Sachzwänge des konkreten medizinischen Sachverhalts oder anhand einer dann günstigeren Heilungsprognose sachlich rechtfertigen können.58 Der für den Arzt mögliche Beurteilungsspielraum der Therapiefreiheit ist i. d. S. auch immer direkt abhängig vom Umfang seiner medizinischen Kenntnisse. Nur diejenigen Ärzte, welche genaue Kenntnisse über die von ihnen bevorzugte Methode besitzen und eine entsprechende weitere fachliche Übersicht zur Thematik vorweisen können, werden bei ihrer Behandlungsentscheidung selbständig einen vorhandenen Beurteilungsspielraum nutzen dürfen,59 ohne auf kundigere Kollegen oder Spezialisten zwecks Konsultation oder Überweisung angewiesen zu sein.60 Wirtschaftlichkeit Die zugestandene Eigenverantwortlichkeit und Unabhängigkeit des Arztes wird, neben dem Prinzip der Patientenautonomie und dem Prinzip des medizinischen Standards, mitunter aber auch durch gesetzliche Vorgaben und Leistungsbeschränkungen eingegrenzt, was aus den oben genannten Gründen des Gemeinwohls verfassungsrechtlich gerechtfertigt wird.61 Genannt werden kann hierfür bspw. die Limitierung der Therapieformen gegenüber gesetzlich krankenversicherten Personen nach Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit zur Erhaltung der Finanzier- 2.3.3. 56 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 19. 57 Rumler-Detzel, VersR 1989, 1008 (1008 ff.). 58 BGH, Urt. v. 07.07.1987 – VI ZR 146/86 = NJW 1987, 2927 (2927 f.). 59 Siebert, MedR 1983, 216 (216 ff.). 60 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 19. 61 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 8. 2. Freiheit des Arztes 14 barkeit und Funktionsfähigkeit des Systems der Gesetzlichen Krankenversicherung entsprechend dem Wirtschaftlichkeitsgebot nach den §§ 12 u. 70 ff. SGB V.62 Ist der Arzt bei seiner beruflichen Tätigkeit diesen Regelungen unterworfen, hat er im Rahmen seiner Therapiefreiheit bei der Wahl der entsprechenden Behandlungsmethoden insbesondere auch die Anforderungen der Notwendigkeit, der Zweckmäßigkeit und der Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Der Arzt hat dann diejenige medizinische Leistung zu veranlassen, welche in der Gesamtbetrachtung der Anforderungen sich als unvermeidlich, zwangsläufig und unentbehrlich i. S. d. Fehlens einer kostengünstigeren Alternative erweist, zu einer wesentlichen Besserung führt, im konkreten Behandlungsfall zur Erreichung des Behandlungsziels geeignet ist und die angemessenste Kosten-Nutzen-Relation aufweist.63 Gem. den §§ 4, 9 Abs. 5 u. 17 Abs. 2 S. 1 KHG, sind dabei auch die Krankenhäuser (welche schon seit langer Zeit immer wieder mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen haben)64 regelmäßig einem Wirtschaftlichkeitsgebot unterworfen. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass solcherart ökonomische Beschränkungen mittlerweile in Form von Wirtschaftlichkeitsklauseln standardmäßig auch Eingang in die Anstellungsverträge der Krankenhausärzte finden.65 Die Frage der Finanzierbarkeit von medizinischen Leistungen stellt sich aber nicht nur innerhalb dieser Bereiche. Jeder, der nach wirtschaftlichen Maßstäben agierend medizinische Leistungen erbringt oder in Anspruch nimmt, hat sich mit dieser Problematik mehr oder weniger auseinanderzusetzen. Daher ist es denkbar, dass der Arzt auch außerhalb des GKV-System regelmäßig auf solcherart wirtschaftliche Beschränkungen – sei es innerhalb von Anstellungsverträgen oder gar Behandlungsverträgen – treffen kann. 62 Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, § 1, Rn. 8; das Wirtschaftlichkeitsgebot wird unter dem Punkt 4.1.2. ausführlicher behandelt. 63 Scholz in: Becker/Kingreen, Kommentar SGB V, § 12, Rn. 7 ff. 64 Halbe in: Terbille/Clausen/Schroeder-Printzen, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 2. Auflage, § 11, Rn. 114. 65 Genzel/Degener-Hencke in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 86, Rn. 30; Quaas/Zuck/Clemens, Medizinrecht, 3. Auflage, § 16, Rn. 38. 2.3. Beschränkungen der Therapiefreiheit 15 Gesetzgebungskompetenz Die zugestandene eigene berufsrechtliche Gestaltungsmöglichkeit und die damit verbundene Berufsfreiheit des Arztes ist entsprechend nicht gleichzusetzen mit einer ansonsten fehlenden gesetzlichen Reglementierung des Arztberufs und führt schon gar nicht zu seiner Entbindung vom geltenden Recht.66 Im Gegenteil: Der Beruf des Arztes stellt unter den freien Berufen vermutlich den am meisten reglementierten dar.67 Wenngleich diesbezüglich Überlegungen bestehen bzw. bestanden,68 existiert ein einheitliches oder abgeschlossen zusammengefasstes „Arztrecht“ in Deutschland jedoch nicht.69 Vielmehr ergeben sich die primär auf den Arztberuf einwirkenden Regelungen aus der Summe einer Vielzahl von unterschiedlichen Gesetzen, Verordnungen und Satzungen.70 Wie umfangreich und gestreut sich die rechtliche Reglementierung nun tatsächlich darstellt, soll die folgende Auflistung der wichtigsten Rechtsquellen samt den dazugehörigen Ausführungen bzgl. der wichtigsten Anforderungen, Pflichten und Rahmenbedingungen des Arztberufs noch einmal verdeutlichen. Die gesetzlichen Bestimmungen, welche den Beruf des Arztes direkt reglementieren, ergeben sich dabei sowohl aus der Bundesgesetzgebung wie auch aus der Landesgesetzgebung. Ursache für diese gesetzliche Zersplitterung des „Arztrechts“ ist hauptsächlich die Aufteilung der diesbezüglichen Gesetzgebungskompetenz zwischen Bund und Ländern durch das Grundgesetz.71 Damit soll das Ziel verfolgt werden, zumindest ein gewisses Maß an Vereinheitlichung für den Arztberuf in Deutschland zu erreichen,72 ohne aber gleichzeitig das verfassungsrechtlich anerkannte Prinzip der berufsrechtlichen 2.4. 66 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 25. 67 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 3, Rn. 1. 68 Wollersheim in: Terbille, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 1. Auflage, § 5, Rn. 27. 69 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 5, Rn. 2; Wollersheim in: Terbille/ Clausen/Schroeder-Printzen, Münchener Anwaltshandbuch Medizinrecht, 2. Auflage, § 6, Rn. 1. 70 Laufs in: Laufs/Kern, Handbuch des Arztrechts, § 5, Rn. 2. 71 Quaas/Zuck/Clemens, Medizinrecht, 3. Auflage, § 13, Rn. 1. 72 Quaas/Zuck/Clemens, Medizinrecht, 3. Auflage, § 13, Rn. 3; Schelling in: Spickhoff, Medizinrecht, 50. BÄO, Vorbemerkungen, Rn. 1. 2. Freiheit des Arztes 16 Autonomie zu stark einzuschränken.73 Auf der Grundlage des Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 u. Nr. 19 GG obliegt der Bundesgesetzgebung so die Gesetzgebungsbefugnis für die Aspekte der Sozialversicherung und der Zulassung. Der Begriff der Zulassung umfasst dabei die Gesamtheit aller Bestimmungen, welche „sich auf Erteilung, Zurücknahme und Verlust der Approbation oder auf die Befugnis zur Ausübung des ärztlichen Berufs beziehen“.74 Alle anderen rechtlichen Aspekte des Arztberufs, wie „die Normierung der öffentlichen Berufsvertretung, der Berufspflichten, der Weiterbildung und der Berufsgerichtsbarkeit“,75 obliegen hinge ̼gen gem. Art. 70 Abs. 1 GG der Landesgesetzgebung. Entsprechend fallen die Einbindung in das System der GKV sowie das Berufszugangs- bzw. -zulassungsrecht des Arztberufs in die Bundeskompetenz, während das eigentliche Berufsausübungsrecht des Arztberufs Sache der Länderkompetenz ist.76 73 BVerfGE 33, 125 (156 ff.). 74 BVerfGE 33, 125 (154 f.). 75 Lipp in: Laufs/Katzenmeier/Lipp, Arztrecht, II. Ärztliches Berufsrecht, Rn. 5. 76 Quaas/Zuck/Clemens, Medizinrecht, 3. Auflage, § 13, Rn. 1. 2.4. Gesetzgebungskompetenz 17

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Zusammenfassung

Das vorliegende Werk befasst sich mit der Frage nach der Notwendigkeit von juristischen Kompetenzen des Arztes. Es beinhaltet dazu eine tiefgreifende, jedoch verständliche Analyse der Prinzipien des deutschen Arzthaftungsrechts. Behandelt wird neben der berufsrechtlichen, zivilrechtlichen und strafrechtlichen Haftung des Arztes vor allem auch dessen Rechtsbeziehung zu seinen Patienten und zu seinem Arbeitgeber. Schwerpunktmäßig betrachtet werden folglich der Begriff des Behandlungsfehlers, des Aufklärungsfehlers sowie des Organisationsfehlers, der Behandlungsvertrag, die Einbindung des Arztes in die Krankenhausorganisation, aber auch das Wirtschaftlichkeitsgebot. Die Arbeit ist aufgrund der eindeutigen Ergebnisse insofern nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht interessant, sondern eignet sich zudem als Nachschlagewerk für Studenten, Mediziner und Juristen, das einen umfassenden und tiefgründigen Einblick in das geltende Arztrecht gewährt. Anhand einer Vielzahl von Beispielen aus der Rechtsprechung wird die Systematik der Haftung des Arztes eingängig erläutert und auf die besonderen arztrechtlichen Problemstellungen, wie bspw. die Behandlungsverweigerung durch den Patienten, dessen vom geltenden medizinischen Standard abweichenden Behandlungswunsch oder die ärztliche Unabhängigkeit gefährdende Dienstanweisungen des Arbeitgebers, explizit eingegangen.