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1 Einleitung in:

Michael Lausberg

Die Kunst des Barocks und des Rokoko in Italien, page 1 - 8

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4051-5, ISBN online: 978-3-8288-6878-6, https://doi.org/10.5771/9783828868786-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung In der Zeit von 1500 bis Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte Italien einen Prozess des politischen Niedergangs und die Herrschaft fremder Mächte. Nach dem Tod König Ferrantes von Neapel intervenierte König Karl VIII. von Frankreich 1494 in Italien. Er zwang im nächsten Jahr Florenz, den Kirchenstaat und Neapel zur Kapitulation. Ferdinand von Aragón, Maximilian I. sowie Venedig, Mailand und der Kirchenstaat verbanden ihre Kräfte am 31. März 1495 in einer „Heiligen Liga“ und zwangen den französischen König zum Rückzug über die Alpen.1 Sein Nachfolger Ludwig XII. nahm die expansive Politik wieder auf und annektierte 1499 das Herzogtum Mailand. Er und Ferdinand von Aragón teilten im Vertrag von Barcelona 1500 das Königreich Neapel unter sich auf. Danach sollte der Norden an Frankreich, der Süden an Spanien gehen. Im Vertrag von Lyon 1504 wurde nach einem erneuten Krieg Unteritalien wieder in das Königreich Aragón eingegliedert, da die Franzosen Neapel verlassen mussten. 1507 gelang es den Franzosen, sich der Republik Genua zu bemächtigen.2 Die Liga von Cambrai (Österreich unter Maximilian I., der Papst, Spanien, England, Ungarn, Savoyen und einige italienische Staaten) versuchte im Oktober 1508 die Seerepublik Venedig aufzuteilen, was jedoch scheiterte. Unter Papst Julius II. (1503–1513) wurde der Versuch gestartet, Italien von den Invasoren zu befreien.3 Die Eidgenossenschaft, Spanien, Venedig und der Papst vereinigten sich zur „Heiligen Liga“, um die Franzosen aus Mailand zu vertreiben, was ihnen 1512 gelang. Die Schweizer restituierten die Dynastie der Sforza und annektierten den 1 1 Killinger, C. L.: The History of Italy, Westport 2002, S. 201 2 Schnettger, M.: „Principe sovrano“ oder „Civitas imperialis“? Die Republik Genua und das Alte Reich in der frühen Neuzeit (1556–1797), Mainz 2006, S. 23 3 Lill, R.: Geschichte Italiens in der Neuzeit. 3. Auflage, Darmstadt 1986, S. 47 1 größten Teil des Tessins. In der Schlacht bei Marignano unterlagen die Schweizer jedoch im September 1515 wieder den Franzosen und sie mussten Mailand räumen. Franz I. von Frankreich und Karl I. von Spanien einigten sich im Vertrag von Noyon 1516 auf den Status quo. 1525 gelang es Karl, seit 1519 römisch-deutscher Kaiser, in der Schlacht von Pavia Mailand an sein Haus zu bringen und die französische Oberherrschaft in Italien zu beenden. Die Truppen des Kaisers plünderten 1527 Rom (Sacco di Roma). 1529 schloss Karl mit Frankreich und dem Papst im Vertrag von Cambrai Frieden, da die Osmanen auf Wien marschierten. Im Frieden von Crépy 1544 verzichtete Franz I. auch auf seinen Anspruch auf Neapel und erhielt von Karl V. im Gegenzug Burgund zurück. Der Frieden von Cateau-Cambrésis (1559) verfestigte die spanische Herrschaft im gesamten Süden Italiens, auf den Inseln, in Mailand und im Stato die Presidi im Süden der Toskana.4 Zugleich lagen der Kirchenstaat, das Großherzogtum Toskana und Genua sowie weitere Kleinstaaten im Einflussbereich Spaniens. Savoyen wurde immer wieder zum Schlachtfeld zwischen Spanien und Frankreich. Nur Venedig konnte seine Unabhängigkeit bewahren. Ende des 16. Jahrhunderts verlagerte sich zunehmend der Handel vom Mittelmeer in den Atlantik, wozu auch die Kriege in Italien beitrugen. Dort kollidierten die kaiserlichen und die französischen Interessen zunächst im Erbfolgekrieg von Mantua (1628–1631).5 In dessen Folge schädigte der spanische Fiskalismus, aber auch die Pestepidemien von 1630 bis 1632 und 1656 bis 1657 (Neapel, Rom, Ligurien, Venetien) die wirtschaftliche Entwicklung; so sperrte die Toskana jeden Verkehr mit dem Süden, setzte Quarantäne nach venezianischem Vorbild durch, informierte die benachbarten Mächte. Mit diesen Maßnahmen gelang es Italien lange vor den modernen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, die Epidemien, wenn auch unvollständig, einzudämmen. Plünderungen, Hunger, Epidemien förderten in ihrer Wechselwirkung den Prozess des ökonomischen und politischen Niedergangs, der allerdings scharf mit der kulturellen Entwicklung kontrastierte. 4 Reinhardt, V.: Geschichte Italiens. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, München 2003, S. 143 5 Arnaldi, G.: Italien und seine Invasoren. Vom Ende des Römischen Reiches bis heute, Berlin 2005, S. 198 1 Einleitung 2 Es kam immer wieder zu Aufständen gegen die Besatzer und deren Fiskalpolitik.6 Der Aufstand in Neapel entzündete sich 1647 an Abgaben auf Lebensmittel. Dabei gelang es den Aufständischen unter Führung des Gennaro Annese am 17. Dezember die Spanier aus der Stadt zu vertreiben. Unterstützung fanden sie durch den Franzosen Henri II. de Guise. Er beanspruchte als Nachkomme Renés I. von Anjou das Königreich Neapel und konnte die Truppen des Juan de Austria besiegen. Die Aufständischen riefen die Republik Neapel aus, die bis zum 5. April 1648 bestand. Innere Streitigkeiten führten jedoch dazu, dass der Neapolitaner Gennaro Annese den Spaniern die Tore öffnete. Beim Versuch, die Stadt zurückzugewinnen, geriet Henri II. am 6. April in spanische Gefangenschaft. Ähnliche Volksaufstände fanden 1647/48 unter Führung des Guiseppe d’Alesi in Palermo statt und unter Ippolito von Pastina in Salerno. 1701 erhob sich der Adel Neapels vergeblich in der Verschwörung von Macchia gegen die spanische Herrschaft, ein Aufstand, der seine Bezeichnung nach Gaetano Gambacorta, Fürst von Macchia, erhielt.7 Ab 1701 kam es mit dem Ende des spanischen Zweigs der Habsburger zu heftigen Diadochenkämpfen. Eine Allianz um die österreichischen Habsburger und England kämpfte dabei gegen eine von Frankreich geführte Koalition. Letztlich gelang es Frankreich, mit Philipp V. die bis heute amtierende Dynastie der Bourbonen zu installieren. Im Frieden von Utrecht 1713 wurden Österreich das zuvor spanische Mailand, Neapel (ohne Sizilien) und Sardinien zugesprochen. Es wurde damit zur vorherrschenden Macht in Italien. Gegen die österreichische Herrschaft kam es 1746 zu einem Aufstand in Genua, den ein jugendlicher Steinewerfer ausgelöst haben soll.8 Nach dem Aussterben der Medici-Dynastie in Florenz 1737 stiftete der Herzog von Lothringen dort eine Sekundogenitur für das Haus Habsburg-Lothringen. Spanien erwarb 1735/38 Neapel und Sizilien und 1748 Parma. 1768 verkaufte die Republik Genua die Insel Korsika an Frankreich. Italien war von 1701 bis 1748 Kriegsschauplatz der 6 Reinhardt, V.: Geschichte Italiens. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, München 2003, S. 159ff. 7 Killinger, C. L.: The History of Italy, Westport 2002, S. 217 8 Lill, R.: Geschichte Italiens in der Neuzeit. 3. Auflage, Darmstadt 1986, S. 54 1 Einleitung 3 Großmächte (Europäische Erbfolgekriege).9 Bis 1796 blieb dieses System stabil, doch geriet Italien in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht ins Abseits. Zwar stieg die Bevölkerungszahl von 1700 bis 1800 von 13,6 auf 18,3 Millionen, doch sank angesichts erheblich schnellerer Wachstumsraten in vielen Nachbarländern der Anteil an der europäischen Gesamtbevölkerung.10 Italien blieb aber sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Bereich noch lange führender Akteur in der europäischen Frühen Neuzeit. Die europäische Barockkunst ist ohne ihre Wurzeln in Italien und insbesondere Roms nicht vorstellbar. Auch die venezianische Rokokokunst in ihrer Blüte wird nur noch von der französischen übertroffen. Die Barockkunst war auch ein Resultat großer religionspolitischer Veränderungen in Europa. Die Teilung Europas in protestantische und katholische Gebiete war nach dem Ende des 30jährigen Krieges besiegelt. Im Westfälischen Frieden wurden 1648 die neuen innereuropäischen Grenzen festgelegt. Zwei große katholische Mächte standen sich mit Frankreich unter Ludwig XIV und dem mächtigen Habsburgerreich gegenüber. Italien und Süddeutschland waren ebenfalls katholisch geblieben, die nördlichen Niederlande, England und Norddeutschland bleiben zum großen Teil protestantisch. Die kulturelle Entwicklung verlief entsprechend unterschiedlich. Die künstlerischen Aufgaben variierten: Hof, Aristokratie und Klerus waren die Auftraggeber barocker Kunst in den katholischen Ländern, in protestantischen Gebieten sammelten Bürger und Kaufleute Kunstwerke. Charaktistika barocker Kunst sind bewegte Formen, reiche Dekoration, Täuschung der Wahrnehmung durch ausgefeilten Illusionismus und in Portraits vor allem die Überhöhung der Dargestellten.11 In Italien haben sich barocken Formen schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts ausgebreitet, bis etwa Mitte des 18. Jahrhunderts finden sie sich in Flandern, Holland, Deutschland, Österreich, Spanien, Frankreich und England. 9 Arnaldi, G.: Italien und seine Invasoren. Vom Ende des Römischen Reiches bis heute, Berlin 2005, S. 202ff. 10 Procacci, G.: Geschichte Italiens und der Italiener, München 1989, S. 204 11 Brown, B.L. (Hrsg.): Die Geburt des Barock, Stuttgart 2001, S. 16 1 Einleitung 4 Die Grenzen zwischen den Kunstgattungen werden im Barock durchlässiger: Die Architektur zeigt viele plastische Elemente, Vergoldungen, Marmor und Stuck, die Malerei findet an Decken und Wänden Platz. Die Bestrebungen barocker Künstler waren keineswegs nur auf Architektur und bildende Kunst beschränkt, sie beschäftigten sich auch mit Literatur und Theater, Mode und Musik. Mit Claudio Monteverdis Orfeo wurde 1607 in Mantua die erste Oper uraufgeführt. Opern mit Balletteinlagen, Kostüm- und Kulissenpracht in prunkvollen Häusern entsprachen ganz der Vorstellung vom Zusammenwirken der Künste zu einem Gesamtkunstwerk, wenngleich dieser Begriff erst im 19. Jahrhundert formuliert wurde. Die Gegenreformation, von der katholischen Kirche als Reaktion auf den sich ausbreitenden Protestantismus vorangetrieben, galt mit dem Konzil von Trient als beendet. Die Glaubensspaltung war nun endgültig. Einberufen von Papst Paul III. befasste man sich auf dem mit Unterbrechungen von 1545 bis 1563 tagenden Konzil mit der Neuausrichtung des Katholizismus. Dabei wurden der religiösen Kunst engere Grenzen gesteckt, eindeutig und leicht verständlich sollte sie sein. Auch für den Kirchenbau legte man neue Grundsätze fest. So sollte etwa die Fassade „der Heiligkeit des Ortes“ angepasst werden. Für die Umsetzung dieser Ziele wurde oft schon in den Ausbildungsstätten der Künstler, den Akademien, Sorge getragen. Auch die Mitglieder des neu gegründeten Jesuitenordens standen hinter den päpstlichen Reformen und trugen zu ihrer Durchsetzung als Lehrer und Missionare ebenso wie als Bauherren bei. In Rom erreichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die modernisierende Stadtplanung ihren Höhepunkt. Straßen wurden angelegt, Obelisken errichtet, der Vatikan baulich in die Stadt miteinbezogen. Wichtigster Auftragsgeber der Architekten blieb die Kirche. Mitte des 17. Jahrhunderts begann unter Giovanni Lorenzo Bernini die Umgestaltung des Petersplatzes in zwei aufeinanderfolgende Plätze, beide von Kolonnadengängen gesäumt. Bernini führte zahlreiche öffentliche Aufträge in Rom aus, arbeitete als Architekt und Stadtplaner. Vor allem durch seine bildhauerischen Werke wurde Bernini zum Inbegriff des römischen Barock. Wie in der Architektur und Plastik lassen sich auch in der Malerei des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts große Veränderungen beobachten. Den manieristischen Formen und Farben 1 Einleitung 5 setzten viele Maler wieder eine stärker naturgetreue Darstellung entgegen, schreckten in ihren Bildern aber auch vor dynamischer Bewegung und theatralischen Effekten nicht zurück. Zwei Hauptströmungen lassen sich in dieser Zeit ausmachen, die mit den Namen Annibale Carracci und Caravaggio verbunden sind: Carracci tendierte zu idealisierender Darstellung, griff auf die Werke der Antike zurück und auf Raffael. Caravaggio hingegen plädierte für eine naturalistische, dabei durchaus dramatische Form der Darstellung. In seinem Ursprungsland Frankreich wurde das Rokoko während der Regentschaft Ludwigs XV. (1730–1750) zur vorherrschenden Kunstrichtung, weshalb es auch als Louis-quinze bezeichnet wird. Als Dekorationselement des Rokoko entwickelte sich die Rocaille, ein Ornament in Muschelform, heraus und wurde in vielen unterschiedlichen Variationen an der Außenfassade, in der Raumgestaltung sowie im Kunsthandwerk und der Malerei verwendet. Die freie Grundrissgestaltung, vor allem aber die reiche Ausstattung mit Ornamenten, Stuck, Spiegeln, Bildern und Schnitzwerk, zeichnen die Bauten des Rokoko aus und unterscheiden sie von barocken Kunstwerken. Dargestellt werden in ländlicher Landschaft mit üppiger Vegetation meist verliebte Paare, Tänzer, schöne Damen und Hirten; oftmals in Form von Schäferszenen mit Unterhaltung oder Vertraulichkeiten inmitten einer Parklandschaft. Nicht nur in der Architektur, auch in der Bildhauerei, auf Möbeln und Porzellan war das aus natürlichen oder phantastischen Formen gebildete Ornament dominierendes Element. Wie im Barock gehen Architektur, Bildhauerei und Malerei nahtlos ineinander über. Da der Architekturschmuck viel Raum in Anspruch nahm, wurden Fresken seltener ausgeführt. Weltliche bis erotische Themen gingen in der Malerei des Rokoko einher mit einer Aufhellung der Farbpalette durch beigemischtes Weiß. Die Vedutenmalerei erfreute sich in Italien ausgesprochener Beliebtheit, vor allem in Venedig. Eine Vedute (veduta ‚Aussicht‘) ist in der Malerei und Grafik die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes.12 Gemäß der Kunsttheorie der Zeit ist das Ziel die Wiedererkennbarkeit, alle anderen Aspekte der Bildge- 12 Pallucchini, R.: Die Venezianische Malerei des 18. Jahrhunderts, München 1961, S. 49 1 Einleitung 6 staltung (Licht und Schatten, Farben etc.) sind weniger wichtig. Das venezianische Rokoko, das vom theatralisch anmutigen Illusionismus geprägt wird, kennzeichnete neben den französischen Rokokoeinflüssen, in denen die Zerbrechlichkeit, Zierlichkeit und Leichtigkeit des Dargestellten stärker betont wird, die Kunst Europas. Giovanni Battista Tiepolo (1694–1770) war der bedeutendste Künstler der venezianischen Schule am Ende ihrer Hochblüte im 18. Jahrhundert. Seine Söhne Gian Domenico und Lorenzo waren ihm unersetzliche Gehilfen bei seinen großen Bilderzyklen und Fresken an Wänden und Gewölben. Die Tiepolos behandelten religiöse, mythologische, historische und traditionelle Themen. Sie nutzten all die aus Experimenten resultierenden Erfahrungen ihrer Vorgänger und schufen monumentale Kompositionen, in denen die Figuren meist in einem mit Wolken verhangenen Himmel schweben. 1 Einleitung 7

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Zusammenfassung

Italien war sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Bereich führender Akteur in der europäischen Frühen Neuzeit. Die europäische Barockkunst ist ohne ihre Wurzeln in Italien und insbesondere Rom nicht vorstellbar. Die venezianische Rokokokunst mit ihrer Vedutenmalerei und die großen Bilderzyklen und Fresken an Wänden und Gewölben von Giovanni Battista Tiepolo sind unvergleichliche Kompositionen in der Kunstgeschichte. Das venezianische Rokoko, das vom theatralisch anmutigen Illusionismus geprägt wird, kennzeichnete neben den französischen Rokokoeinflüssen, in denen die Zerbrechlichkeit, Zierlichkeit und Leichtigkeit des Dargestellten stärker betont wird, die Kunst Europas. Die Zeit des Barocks und des Rokokos in Italien ist eine der spannendsten der europäischen Kunstgeschichte. Michael Lausberg arbeitet die wichtigsten Grundelemente und Künstler heraus und nimmt die Leser mit auf eine spannende Zeitreise voller ästhetischer und sinnlicher Höhepunkte der italienischen Kunst- und Kulturgeschichte.