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Die Offiziersausbildung der Weimarer Polizei 1918 bis 1935 in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 99 - 144

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-99

Tectum, Baden-Baden
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3. Die Offiziersausbildung der Weimarer Polizei 1918 bis 1935 3.1 Die Anfänge des polizeilichen Ausbildungswesens in Preußen und Bayern Während des 19. Jahrhunderts verschwendete der deutsche Obrigkeitsstaat kaum Gedanken darauf, die Angehörigen seiner Ordnungsmacht adäquat auszubilden. Weder die staatliche Schutzmannschaft noch die auf dem Lande zuständige Gendarmerie verfügten über ein ein heitliches System, das die ehemaligen Offiziere und Unteroffiziere der Armee auf ihre neu en polizeilichen Aufgaben angemessen vorbereitete. Ihre Ausbildung blieb recht rudimen tär, da sie in nur wenigen Tagen die rechtlichen Dienstvorschriften einstudieren mussten und hernach mit älteren Polizisten auf Streife gingen oder in den Revieren ein paar Wochen lang praktische Erfahrungen sammelten.404 Zwar gründete Bayern im Jahre 1867 die ersten vier Gendarmerieschulen und lieferte damit den Anstoß dafür, dass auch die übrigen Länder ihre bisherige Praxis überdachten und ähnliche Institutionen einrichteten.405 Wie jedoch das Bei spiel der Münchner Lehranstalt verdeutlicht, reichten die dreimonatigen Kurse keineswegs aus, um ehemalige Militärs zu versierten Ordnungshütern auszubilden. Deshalb blieb den frisch gebackenen Gendarmen nichts anderes übrig, als sich selbstständig in ihren neuen Be ruf einzuarbeiten.406 Doch um die Jahrhundertwende fand ein Wandel statt, weil nun in einzelnen Städten be sondere Bildungsanstalten entstanden, in denen die polizeiliche Ausbildung systematisiert werden sollte. Vor allem in Preußen gründeten einzelne Gemeinden oder kommunale Verbunde zahlreiche solcher Schulen, die in wenigen Wochen versuchten, ihre Ordnungskräfte einsatzfähig zu bekommen.407 Die Staatsmacht erachtete diesen Schritt als notwendig, da ei nige militärisch sozialisierte Beamte im Kaiserreich immer wieder gewalttätig gegen die Be völkerung vorgegangen waren. Das lag schon allein daran, dass diese Polizisten offensicht lich nicht ausreichend mit den rechtlichen Grundlagen ihres Handelns vertraut waren. Darüber hinaus rekrutierte die Ordnungsmacht ihre neuen Angehörigen zunehmend aus der Arbeiterschaft, die zwar nicht derart militärisch geprägt, aber damit auch herzlich wenig für den Beruf diszipliniert waren. Außerdem sollten die Staatsdiener eine ständig wachsende Fül 404 Vgl. Stefan Windisch, Die Entstehung der ersten Polizeischulen am Beispiel Preußens, Seminararbeit für das Seminar „Hundert Jahre Bildungsarbeit in der Deutschen Polizei“, Münster 2001, S. 1-5. 405 Ludwig Link erklärt, dass eine Gendarmerieschule in Schwaben bereits 1835 für kurze Zeit existiert habe. Im Jahre 1867 seien dann in Oberbayern, Rheinpfalz, Oberpfalz und Mittelfranken jedoch die eigentlichen Gendarmerieschulen gegründet worden. Vgl. Link, Rückblick, S. 31. Adam Leppert nennt ebenfalls 1867 als Geburtsjahr dieser Bildungsstätten. Vgl. Adam Leppert, Kleine Chronik der baye rischen Polizei. Mit einem Vorspann und drei Einschüben, in: Farin, Polizeireport, S. 130-148, hier: S. 134. Petra Tetzlaff schreibt hingegen, dass die erste bayerische Gendarmerieschule erst im Jahre 1878 entstanden sei. Vgl. Petra Tetzlaff, Das Ausbildungswesen der preußischen Polizei zur Zeit der Weimarer Republik, Schriftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an der G rund schule und Hauptschule, Münster 1973, S. 3. 406 Vgl. Bachmann, Gendarmerie, S. 33. 407 Vgl. Windisch, Entstehung, S. 10-14. 9 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k le an Gesetzen und Vorschriften erfassen und versuchen, jenen hohen Ansprüchen an pro fessionelle und kompetente Hüter des Gemeinwesens gerecht zu werden, welche die wilhel minische Gesellschaft immer lauter artikulierte.408 Zwar halfen die neuen Lehranstalten dabei mit, die Polizei ansatzweise zu liberalisieren und ihre Vertreter fachlich zu professionalisie ren. Trotzdem verlief ihre vorwiegend rechtliche Ausbildung in den einzelnen Schulen recht unterschiedlich. Denn der preußische Staat ging erst kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs dazu über, die entsprechenden Lehrgänge und deren Inhalte zu vereinheitlichen.409 Der Kriegs ausbruch führte aber dazu, dass die meisten der jungen polizeilichen Lehranstalten geschlos sen werden mussten.410 Bis dahin hatten es die neuen Polizeischulen jedoch nicht verstanden, die notdürftig ausgebildeten Beamten tatsächlich zu bürgernahen und zivilisierten Exekutiv kräften zu formen, da in ihnen noch immer ein starker militärischer Drill herrschte.411 Daran änderte sich nach 1918 zunächst recht wenig. Die neuen Sicherheitskräfte waren vor wiegend damit beschäftigt, die chaotischen Verhältnisse einigermaßen zu ordnen, die nach Kriegsende landesweit herrschten. Improvisiert und unsystematisch liefen daher die ersten Versuche ab, in dieser Phase die Ordnungshüter des neuen Staates heranzubilden.412 Die kri tische Lage der Revolutionszeit führte der Politik vor Augen, wie wichtig es war, eine zuver lässige und gut ausgebildete Exekutive zu unterhalten, um sie bei inneren Unruhen einzu setzen. Neben dem individuellen Training der einzelnen Anwärter für den polizeilichen Einzeldienst galt es daher, die junge Sicherheitspolizei in den einzelnen Ländern auf den ge schlossenen Einsatz vorzubereiten. Praktische Übungen dominierten daher die Ausbildung in der Frühphase der Weimarer Republik, die seinerzeit immer noch recht improvisiert er schien und oftmals nur auf dem Kasernenhof stattfand. Einige Polizisten simulierten dort Tumulte, denen ihre Kollegen begegnen mussten. Dabei legten die Ausbilder großen Wert darauf, dass ihre Schützlinge körperlich leistungsfähig waren, ihre Waffen zu benutzen wuss ten und auch ihren Elementarunterricht nicht vernachlässigten. Dieser bestand aus Grund fertigkeiten, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, erstreckte sich aber auch auf andere Diszi plinen, die sich aus Geschichte, Erd- und Staatsbürgerkunde zusammensetzten, wobei rechtliche Aspekte eher in den Hintergrund traten.413 Den innenpolitischen Wirren war es geschuldet, dass insbesondere der geschlossene Ein satz von Polizeiverbänden immer stärker aus dem ttem enpool der polizeilichen Ausbildung herausragte. Weil sich die Polizeioffiziere der neuen Demokratie aus ehemaligen Vertretern der alten Armee rekrutierten, verfügten sie aber über keinerlei polizeiliches Fachwissen. Um diese Defizite zu kompensieren, werteten sie zunächst frühere Einsätze aus und organisier ten Planspiele. In denen sollten ihre Rekruten lernen, wie sie in der Truppe gegen Aufstän dische vorzugehen hatten. Daneben mussten sich die Offiziere selbst weiterbilden, um ein theoretisches Know-how zu erlangen. Weil sie auch als Lehrkräfte für den polizeilichen Fach unterricht fungierten, hatten sie ferner die entsprechenden pädagogischen Fähigkeiten zu erwerben. So sollten die Polizeiführer eine besondere Beziehung zu ihren Männern auffiauen, deren Qualität sich dann im gemeinsamen Einsatz zeigte. Um ihre Untergebenen auf Kurs zu bringen und das hierarchisch geordnete Verhältnis aus Befehl und Gehorsam zu fes 408 Vgl. Jessen, Polizei im Industrierevier, S. 200-202. 409 Vgl. Windisch, Entstehung, S. 15 f. Erst ab 26. November 1913 galten m it dem „Lehrplan für die Preu ßischen Polizeischulen“ einheitliche Standards in ganz Preußen. 410 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 10. 411 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 225. 412 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 14. 413 Vgl. Siggemann, Polizei, S. 123-126. 100 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 tigen, bedienten sich die Polizeioffiziere eines harten militärischen Drills und ließen ihre Schüler unerbittlich exerzieren.414 Dadurch offenbarte sich bereits in der unmittelbaren Nach kriegszeit, dass die polizeiliche Ausbildung in der Weimarer Republik stark militärisch ge prägt war. Das sollte sich bis zu deren Ende kaum ändern.415 Nach dem raschen Ende der Sicherheitspolizei ergriffen die preußischen Polizeireformer die Gelegenheit, ein neues Polizeischulwesen aufzubauen. Es orientierte sich an ihrem libe ralen Sicherheitskonzept, ohne dabei jedoch die Konflikte auf den Straßen zu vergessen. Staat liche Unterrichtsanstalten lösten die bisherigen kommunalen Lehrstätten ab, wodurch die Ausbildung einheitlicher gestaltet werden konnte.416 Der Erlass über die „Richtlinien für die Organisation der Schutzpolizei“ vom 20. November 1920 unterstellte dem jeweiligen Ober präsidenten unmittelbar eine Polizeischule, die in den einzelnen Provinzen ansässig war.417 In Preußen entstanden zwischen 1921 und 1926 insgesamt zehn dieser sogenannten Provin zialpolizeischulen, auf denen die Anwärter ihre Karrieren in der Schutzpolizei begannen.418 Im größten Land der Weimarer Republik existierten im Laufe der Zeit außerdem noch ins gesamt vier Landjägereischulen. A uf ihren Dienst auf dem Lande bereiteten sie die Gendar men vor, die seit 1920 als Landjäger bezeichnet wurden. Hinzu kamen noch Polizeiberufs schulen, die in den größeren Standorten dafür zuständig waren, die Beamten dienstbegleitend weiterzubilden.419 Daneben gab es auch noch eine Reihe besonderer Fachinstitutionen, die sich auf Sonderdienstzweige oder Teilgebiete der Polizei spezialisiert hatten und dem preu ßischen Innenministerium direkt unterstellt waren. Zu ihnen zählten z. B. die Polizeischule für Leibesübungen in Spandau sowie die Polizeischule für Technik und Verkehr und auch die Sanitätsfachschule, die beide in Berlin ansässig waren.420 In der Anfangsphase fanden allgemein verkürzte Kurse statt, um jene Gesetzeshüter an ei ner Polizeischule auszubilden, bei denen dies noch nicht geschehen war, da sie erst nach Kriegsende in die Ordnungsmacht gelangt waren.421 Für die übrigen Bewerber verlief die re guläre preußische Polizeiausbildung nach folgendem Muster: Die jungen Wachtmeisteran wärter besuchten einen Lehrgang an einer Provinzialpolizeischule, der ihnen das grundle gende Wissen für ihren Dienst in der Bereitschaftspolizei vermittelte. Andere Kurse zielten darauf ab, Oberwachtmeister für den Einzeldienst oder Polizeimeister zu stellvertretenden Revierleitern auszubilden. Für die angehenden Ordnungshüter aber bestand der einjährige Lehrgang neben dem allgemeinbildenden und dem Polizeifachunterricht auch noch aus sportlichen sowie waffen- und schießtechnischen Disziplinen. Meisterten die Schüler am Ende auch noch die obligatorische Abschlussprüfung, stand ihnen der Weg frei, zu Polizei 414 Vgl. ebd., S. 128-133. 415 Vgl. u. a. Leßmann, Schutzpolizei, S. 231-247; Mariana Hausleitner, Die Polizei in der Weimarer Re publik, in: Dierl, Ordnung, S. 16-29, hier: S. 20; Fangmann, Parteisoldaten, S. 16; Lieber, Geschichte, S. 221; Bach, Ordnungspolizei, S. 22 f. 416 Vgl. Kai Ditzel, Polizeientwicklung in der Weimarer Republik. Die Ausbildung in der preußischen Schutzpolizei, Seminararbeit für das Seminar: Entwicklungszüge der Polizei in Deutschland und die Konsequenzen für das professionelle Selbstverständnis und Handlungsentscheidungen, Münster 1996, S. 5. 417 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 98. Ferner: Horst Möller, Die preußischen Oberpräsidenten der Wei marer Republik als Verwaltungselite, in: VfZ 30/1 (1982), S. 1-26, hier: S. 2. 418 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 227. Die einzelnen Schulen und deren Personalstärke sind aufgeführt in: L. Donald Maus, History Writ in Steel. German Police Markings 1900-1936, Galesburg 2009, S. 175. 419 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 51-53 und 27 f. 420 Vgl. Ditzel, Polizeientwicklung, S. 5. 421 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 14-17; Buder, Reorganisation, S. 521 f. und 525 f. 101 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k wachtmeistern befördert zu werden und an den einzelnen Standorten ihren Dienst in einer Polizeibereitschaft anzutreten. Dort sammelten die frisch gebackenen Staatsdiener in den nächsten sechs bis sieben Jahren praktische Erfahrungen im polizeilichen Vollzugsdienst, wobei sie aber auch ihre fachliche Ausbildung nicht vernachlässigten.422 Gleichzeitig besuchten die Beamten nämlich mindestens drei Jahre lang die an jedem grö ßeren Standort existierende Polizeiberufsschule, auf der sie hauptsächlich ihr Allgemeinwis sen erweiterten. Je nach Schulabschluss stiegen sie auf unterschiedlichen Ebenen ein: Absol venten der Volksschule gingen zunächst in die einjährige Vorstufe, bevor sie in die Unterstufe kamen, die aus zwei Klassen bestand. Anschließend gelangten sie in die dreiklassige Mittelstufe. Nachdem sie diese Hürde gemeistert hatten, konnten die Beamten einerseits zurück an die Provinzialpolizeischule gehen, um dort einen viermonatigen Lehrgang zu durchlaufen, aus dem sie im siebten Dienstjahr als Oberwachtmeister hervorgehen sollten. Wer jedoch die vorherigen Stufen absolviert hatte, konnte andererseits an der Polizeiberufs schule freiwillig auch noch die Oberstufe besuchen, in die Polizisten mit mittlerer Reife und Abiturienten ohne weitere Zwischenschritte gelangten. Wenn ein Beamter auch diese drei Klassen erfolgreich mit einer Abschlussprüfung überstanden hatte, war es ihm möglich, nach Ende seiner zwölfjährigen Dienstzeit in eine andere Beamtenlauffiahn innerhalb des preu ßischen Staatsapparats zu wechseln. Nachdem sie sich bereits in der Oberstufe und im prak tischen Dienst bewährt hatten, konnten geeignete Kandidaten aber auch gleich die Offizierslauffiahn einschlagen. Das preußische Ausbildungssystem ermöglichte es dadurch sogar Volksschulabsolventen, sich aus eigener Kraft bis in das Korps der Polizeiführer hochzuar beiten. Abiturienten hatten es auf diesem Weg indes deutlich leichter. Sie waren lediglich dazu verpflichtet, nach dem ersten Dienstjahr an einem verkürzten Kurs in den Fächern Staatsbürgerkunde und Volkswirtschaftslehre teilzunehmen.423 Der allgemeinbildende Unterricht setzte sich an den Polizeiberufsschulen aus einer Reihe von Fächern zusammen, die unterschiedlich gewichtet waren - je nachdem, in welcher Stu fe sich der Kurs befand. Im Laufe der achtklassigen Ausbildung befassten sich die Schüler mit den Disziplinen Deutsch, Rechnen, Geschichte, Arbeitskunde, Heimat- und Erdkunde, Mathematik, Staatsbürgerkunde und Volkswirtschaftslehre sowie einer Fremdsprache.424 Grundsätzlich sollten sich die Polizisten durch diese Fächer und deren Inhalte ein fundier tes Allgemeinwissen aneignen, mithilfe dessen sie ihren aktiven Dienst meistern konnten. Doch um dieses Ziel erreichen zu können, genoss vor allem die Staatsbürgerkunde eine he rausragende Position. Sie sollte dem Beamten nicht nur die rechtlichen Kenntnisse zur Wei marer Verfassung vermitteln. Vielmehr bezweckte sie, ihn zu einem überzeugten Verfechter der deutschen Demokratie zu erziehen, womit sie die Rolle der politischen Bildung einnahm.425 Ferner zielte der Unterricht an den Polizeiberufsschulen darauf ab, die Schutzpolizisten zu loyalen Repräsentanten der preußischen Tugenden zu machen, die pflichtbewusst, dienst 422 Vgl. Ditzel, Polizeientwicklung, S. 10 f. Zur Ausbildungsstruktur in Hamburg ferner: Boldt, Reform, S. 82-86. 423 Vgl. O. Rausch, Die Polizeiberufsschule im Dienste der Ausbildung der Schutzpolizei, in: Die Polizei, 05.12.1926, Nr. 23, S. 681-686, hier: S. 684; Leßmann, Schutzpolizei, S. 228 f.; Ditzel, Polizeientwick lung, S. 11 f.; Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 27 f. Ferner: Franz-Josef Menker, Polizeigrundausbildung in der demokratischen Frühphase der preußischen Polizei. Drill kontra Bildung - dargestellt am Bei spiel der Polizeischulen in Münster, in: Archiv für Polizeigeschichte 8 (1992), S. 70-76, hier: S. 73. 424 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 32. Ferner zu den einzelnen Lehrinhalten: Ebd., S. 33-40. 425 Vgl. ebd., S. 36 f. 102 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 freudig, gehorsam, bescheiden, willensstark und zuverlässig sein sollten.426 Diese Eigenschaf ten und das vermittelte Wissen sollten dem Beamten aber nicht nur bei seiner Polizeiarbeit, sondern auch nach Ablauf seiner regulären zwölfjährigen Dienstzeit von Nutzen sein. Im Vergleich zu Preußen schulte Bayern seine Polizeibeamten anders. In der unmittelba ren Nachkriegsphase bildete die bayerische Ordnungsmacht ihre Angehörigen zunächst recht behelfsmäßig und einseitig aus, um sie vorwiegend auf den geschlossenen Einsatz vorzube reiten. Die entsprechenden Maßnahmen reichten dabei über militärischen Drill, Sport, Ge fechts- und Schießübungen kaum hinaus.427 Polizeifachliche wie allgemeinbildende Inhalte spielten eine eher untergeordnete Rolle. Doch die Staatliche Polizeiwehr machte sich bereits erste Gedanken darüber, wie sie ihre führenden Beamten in den einzelnen Standorten aus bilden könnte. Am 20. November 1919 veröffentlichte sie „Vorläufige Richtlinien für geistige und praktische Fortbildung der Angehörigen der staatlichen Polizeiwehr“, die ein polizeili ches Ausbildungssystem entwarfen, das auf rechtliche und polizeifachliche Inhalte fokussiert war.428 Dennoch vertraute sie offenbar weiterhin mehr auf den militärischen Erfahrungs schatz der ehemaligen Armeeangehörigen.429 Nachdem aus ihr Ende 1920 die Bayerische Lan despolizei hervorgegangen war, kam weiterhin den einzelnen Kommandos die Aufgabe zu, den polizeilichen Nachwuchs auszubilden. Dafür unterhielten sie eigene Sondereinheiten. Das neue Aufgabenfeld strapazierte die einzelnen Dienststellen jedoch arg.430 Außerdem wohnte diesem Konzept inne, dass die einzelnen Standorte dezentral ausbildeten, weshalb dies recht uneinheitlich vonstatten ging. Darum entwarf das Landespolizeiamt unter der Lei tung von Hans von Seißer ein neues Konzept, nach dem die Beamten künftig professionel ler herangebildet werden sollten. Obwohl es sich im Laufe der Weimarer Jahre mehrfach ver änderte, blieb seine Struktur im Wesentlichen erhalten: Am 1. März 1921 nahm eine Polizeivorschule in Eichstätt ihren Betrieb auf, die den Schü lern das grundlegende Wissen für ihren Beruf vermittelte, bis die Nationalsozialisten sie am 10. August 1933 auflösten.431 In der Weimarer Zeit blieb diese Institution jedoch nicht die ein zige ihrer Art. Dafür sorgte vor allem die bereits erwähnte Reform der Landespolizei des Jah res 1928.432 Am 15. März 1928 richtete das Landespolizeiamt zunächst einzelne Ausbildungs abteilungen in den Standorten Nürnberg-Fürth, Augsburg und Würzburg ein, die ab dem 426 Vgl. ebd., S. 29 f. 427 Vgl. Schuler, Landespolizei, S. 15-17. 428 Vgl. Link, Rückblick, S. 32 f. Zur Rekrutierung, Einstellung und Lauftahn von Angehörigen der Staat lichen Polizeiwehr ferner: Schwarze, Polizei, S. 68-70. 429 Auf diesen Umstand deuten auch die dürftigen Unterlagen hin, die über die Ausbildung in der Poli zeiwehr aus dem Jahre 1919 überliefert sind. Vgl. dazu BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespo lizeiamt 134, Ausbildung, 1919. 430 Vgl. Sagerer, Landespolizei, S. 7. 431 Vgl. Link, Rückblick, S. 33 f. Ferner: Helmut Reis, Chronik der Jägerkaserne in Eichstätt von der Pla nung 1893 bis zum Jahre 1933, Eichstätt 1986, S. 225-296. Abweichende Angaben m acht dagegen Link zum allgemeinen Ausbildungsgang der Polizeianwärter. Allerdings belegt er nicht, woher seine Infor m ationen stammen. So schreibt er, die Anwärter seien ursprünglich erst dann an die Polizeivorschu le gelangt, nachdem sie zunächst etwa ein Jahr lang an ihrem jeweiligen Standort eine Grundausbil dung erhalten hätten, was später in den Ausbildungsabteilungen erfolgt sei. Vgl. Link, Rückblick, S. 34. Zur Auflösung der Polizeivorschule Eichstätt ferner: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespoli zei Inspektion 392, Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im Staatsministerium des In nern (StMdI)) an Verteiler: Auflösung der Pol.Vorschule Eichstätt, 20.07.1933. 432 Siehe dazu Kapitel 2.1. 103 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k 16. April die truppenpolizeiliche Grundausbildung der bayerischen Anwärter übernahmen.433 Offenbar gründete die Landespolizei diese Instanzen, damit sie die Anwärter einheitlich auf den paramilitärischen Bereitschaftsdienst vorbereiten konnten und um sie den nachfolgen den Stationen der Ausbildung vorzuschalten. Bereits am 12. April 1928 war eine weitere Po lizeivorschule in Bamberg entstanden, die ihre Eichstätter „Schwester“ entlastete. Seither be gannen die bayerischen Polizisten ihre Karriere also an der oberfränkischen Bildungsanstalt, bis auch diese am 1. Oktober 1934 ihren Betrieb einstellen musste.434 In den ersten sechs Monaten besuchten die Anwärter also die Polizeivorschule in Bamberg, um dort hauptsächlich körperlich fit und mit ihren Waffen vertraut gemacht zu werden. Dort lernten sie aber auch, wie die Ordnungsmacht organisiert war und welche Rolle sie im Staa te spielte. Im zweiten Halbjahr wechselten sie dann nach Eichstätt. Dort wurden sie in den allgemeinbildenden Fächern Deutsch, Rechnen, Erdkunde, Geschichte und Staatsbürger kunde unterrichtet, erhielten aber auch einen Überblick über das Strafrecht und die rechtli chen Grundlagen ihres Handelns. Am Ende des Lehrgangs mussten sie eine schriftliche Prü fung ablegen. Wer diese Klausur bestand, kam in eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei und diente dort fünf Jahre lang. Im ersten dieser Dienstjahre vertiefte der Beamte in einem Standortkurs, was er bisher gelernt hatte. Doch im Zentrum dieses Ausbildungsabschnitts standen jene Inhalte, die er für den geschlossenen Einsatz in seiner Polizeieinheit benötigte. Vom dritten bis sechsten Dienstjahr waren keine weiteren Maßnahmen vorgesehen, um die Gesetzeshüter in dieser Zeit weiterzubilden, die sich nun ausschließlich auf den praktischen Polizeidienst konzentrierten. Allerdings fand an den einzelnen Standorten regelmäßig ein Dienstunterricht statt. Dieser zählte jedoch nicht zur eigentlichen Ausbildung, da er sich an alle Beamten richtete und nicht schulmäßig organisiert war.435 Weil die einzelnen Bereitschaften dafür zuständig waren, ihre Angehörigen weiterzubil den und insbesondere auf den geschlossenen Einsatz vorzubereiten, vermittelten sie vorwie gend militärische Inhalte. Einzeln und in der Gruppe strebten die Beamten danach, ihr Leis tungsvermögen zu verbessern, indem sie etwa ausgiebig Sport trieben und Schießübungen abhielten. Darüber hinaus brachte ihnen der jeweilige Einheitsführer bei, aufeinander abge stimmt im Verband zu agieren.436 Daneben lernten die Polizisten, sich gemeinsam im Gelän de zurechtzufinden und notfalls Gefechte zu führen. Außerdem ließen die Offiziere ihre Un tergebenen ausgiebig exerzieren und marschieren, was sie jedoch auch nicht übertreiben sollten. Das Bayerische Innenministerium warnte die verantwortlichen Polizeiführer davor, ihre Untergebenen mit dem militärischen Drill zu sehr zu beanspruchen, weil das die Aus 433 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 45, In Vertretung (I. V.) Forster (Landes polizeiam t beim StMdI) an u. a. Kom m ando der L.P. N ürnberg-Fürth: Ausbildungsabteilungen, 28.03.1928. Weitere Details liefern ferner die Anhänge zu diesem Schreiben, die im selben Akt folgen. Ferner: Schuler, Landespolizei, S. 19. 434 Dies bestätigt Mitte 1931 folgendes Dokument: Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespoli zei München 1523, I. A. Pirner (StMdI - Polizeiwirtschaftstelle) an u. a. Polizeidirektion München: Bereitschaftspolizei; Ausbildung und Beurteilung der Offiziersanwärter vor Einberufung zum Offiz.- Anwärterkurs, 17.06.1931. Ferner: Reis, Chronik, S. 262; Schwarze, Polizei, S. 66. Zur Auflösung der Bamberger Vorschule ferner: Link, Rückblick, S. 35 f. 435 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 564, I. V. Doehla (Landespolizeiamt beim StMdI) an u. a. die Herren Chefs: Neuregelung des Schulwesens, 27.06.1930. Ludwig Link be schreibt einen ähnlichen Ablauf. Vgl. Link, Rückblick, S. 35. 436 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 307, I. A. Pirner (StMdI) an u. a. sämt liche Polizeidirektionen und Staatspolizeiämter: Bereitschaftspolizei; Ausbildung der Polizeitruppe 1932/33, 22.09.1932. 104 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 bildung der Hundertschaften gefährde.437 Denn auch der allgemeinbildende sowie der Poli zeiunterricht sollten an den einzelnen Standorten nicht zu kurz kommen, da die Bereitschafts polizei diese zumindest im ersten Dienstjahr der Beamten systematisch betrieb.438 Damit bildete der Freistaat seine Polizisten etwas anders aus, als dies bei den preußischen Beamten der Fall war. Diese besuchten parallel zu ihrem Bereitschaftsdienst auch noch meh rere Jahre lang eine Polizeiberufsschule. Deren Lehrgänge bereiteten die Ordnungshüter letzt lich darauf vor, im polizeilichen Einzeldienst etwa in den Revieren verwendet zu werden, was in Bayern die Lehranstalt in Fürstenfeldbruck erst Mitte der zwanziger Jahre übernahm. Wer sich für einen solchen Dienst eignete, konnte das gesamte siebte Dienstjahr diese Bil dungsanstalt besuchen, um danach den Polizeidienst auf Lebenszeit fortzuführen. Anders als für die Oberbeamten schrieb das Bayerische Polizeibeamtengesetz vom 26. Au gust 1922 den Wachtmeistern vor, dass sie nur zwölf Jahre lang in der Landespolizei dienen konnten.439 Um diesen Männern den Übergang in ein Leben nach dem Polizeidienst zu er leichtern, konnten sie besondere Fortbildungskurse absolvieren, die sie befähigten, in ande re Behörden, wie etwa Post und Bahn, oder in die freie Wirtschaft zu wechseln. Allerdings war es einigen Gesetzeshütern nach sieben Dienstjahren ebenso möglich, in den polizeili chen Einzeldienst bei der Gendarmerie oder der Schutzmannschaft zu wechseln. Der Gen darmerie- und Polizeischule in Fürstenfeldbruck kam die Aufgabe zu, diese Kandidaten in sogenannten Einheitslehrgängen auf ihren neuen Berufsabschnitt vorzubereiten.440 Vom 1. September 1928 bis 28. Februar 1929 fand der erste dieser speziellen Kurse statt, auf den bis 1936 noch acht weitere folgen sollten.441 Im August 1925 schuf das Landespolizeiamt für die Brucker Lehranstalt eine eigene, wenn gleich vorläufige Dienstvorschrift.442 Sie bestimmte, dass diese Institution dem Bayerischen Staatsministerium des Innern unmittelbar unterstellt war. Nur in Ausnahmefällen sollte sie ihre Lehrer und Schüler mobilisieren, damit diese als geschlossener Verband eingesetzt wer den könnten. Um den Dienstbetrieb weiter zu ordnen, untergliederte sich die bayerische Bil dungsanstalt in vier Lehrabteilungen. In ihnen waren die verschiedenen Lehrgangstypen be heimatet, welche sich an eine Klientel richteten, die im Polizeiapparat unterschiedliche Funktionen ausübten.443 437 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 307, I. A. Pirner (StMdI) an u. a. an sämtliche Polizeidirektionen und Staatspolizeiämter: Bereitschaftspolizei; Ausbildung der Polizeitrup pe 1931/32, 01.10.1931. 438 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 290, Entwurf: Landespolizeiamt beim StMdI: Bestimmungen über den allgemeinbildenden Unterricht und den Polizeiunterricht bei der Be reitschaftspolizei, 03.09.1930. 439 Vgl. Schwarze, Polizei, S. 24. 440 Vgl. ebd., S. 77; Schuler, Landespolizei, S. 19 f. 441 Vgl. dazu BayHStA München, Polizeischule FFB 170, Grundbuch der Lehrgangsteilnehmer 1926 bis 1933 sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 171, Grundbuch der Lehrgangsteilnehmer 1933 bis 1938. Ferner zu den Einheitslehrgängen I bis IV: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei am t 371 bis 374. Ludwig Link zufolge habe das Polizeibeamtengesetz vom 12. April 1928 dazu geführt, dass aus den zuvor verkürzten Anstellungslehrgängen einjährige Einheitslehrgänge geworden seien. Er zählt nur acht solcher Kurse. Vgl. Link, Rückblick, S. 35. 442 Da anderslautende Dokumente nicht überliefert oder zumindest nicht bekannt sind, kann davon aus gegangen werden, dass die genannte Dienstvorschrift tatsächlich in den folgenden Jahren den Lehr betrieb in Fürstenfeldbruck regelte. Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 7, Abschrift: Landesgendarmeriedirektion an Landespolizeiamt beim StMdI: Dienstvorschrift für die Gendarmerie- und Polizeischule Fürstenfeldbruck, 25.08.1925. 443 Vgl. ebd., S. 2. 105 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Denn ferner bestimmte die Dienstvorschrift, dass die Brucker Polizeischule in erster Linie dafür zuständig war, geeignete Wachtmeister auf den Einzeldienst vorzubereiten, in dem sie als Gendarmen oder Schutzmänner tätig sein sollten. Ebenso beschulte die Lehranstalt jene Polizisten, die für Vorrückungsstellen in der Landespolizei infrage kamen. Das für ihren be vorstehenden Dienst erforderliche Allgemein- und Fachwissen erweiterten beide Beamten gruppen, indem sie in Fürstenfeldbruck jeweils fünfmonatige Kurse besuchten. Da mit kam der Brucker Institution eine wich tige Scharnierfunktion zu. Sie war es, die darüber zu befinden hatte, ob sich die ein zelnen Polizeibeamten tatsächlich dafür eigneten, künftig in Revieren und anderen Dienststellen zu arbeiten, nachdem sie bis her nur in den kasernierten Einheiten ge dient hatten. Ihre Lehrgänge kümmerten sich aber nicht nur um die fachliche Kom petenz der Staatsdiener, sondern zielten Abbildung 4: Lehrgang an der Gendarmerie- und ebenso darauf ab, dass sie sich sittlich und Polizeischule Fürstenfeldbruck (Bayerisches moralisch weiterentwickelten. Freigeister Polizeimuseum, Fotosammlung) hatten in der bayerischen Landespolizei allerdings einen schweren Stand und sollten auch in Fürstenfeldbruck dazu erzogen werden, sich in die hierarchische Gemeinschaft der Ordnungsmacht einzufügen. „Unverbrüchlicher Gehorsam gegen die Gesetze und Anordnungen seiner Vorgesetzten ist selbstverständlich für denjenigen, der selbst Hüter der Gesetze sein soll“, wie die Vorschrift unmissverständ lich klarmachte.444 Die Lehrgänge selbst verliefen nach dem gleichen Schema, das die polizeiliche Ausbildung in Bayern und jenseits des Freistaats bestimmte: Die Schüler mussten ausreichend Sport trei ben, um für den militärischen Exerzier- und Waffendienst körperlich gestählt zu sein. Im Vordergrund stand aber eher der Fachunterricht, der sie mit dem nötigen polizeifachlichen Know-how versorgte, vor allem aber mit den rechtlichen Bestimmungen vertraut machte. Daneben galt es, die Allgemeinbildung der Beamten zu verbessern und sie im Geiste der Staatsbürgerkunde zu erziehen. Dies sollte „den persönlichen Wert des Mannes“ erhöhen und ihm dabei helfen, sich beruflich und privat nach Ende seines Polizeidienstes zurechtzufinden.445 Inhaltlich bauten die Kurse auf dem auf, was die Polizisten bereits in den Bereit schaften und auf der Polizeivorschule gelernt hatten. Daran anzuknüpfen, war die Aufgabe des Lehrpersonals, das den Schülern stets ein Vorbild sein sollte. Der jeweilige Vorgesetzte war dazu angehalten, sich fürsorglich und empathisch um seine Schützlinge zu kümmern, aber gleichzeitig streng zu ihnen zu sein, um die als „Manneszucht“ bezeichnete Disziplin nicht durch schädliche „Weichheit“ zu gefährden.446 Damit dies erfolgreich vonstatten gehen konnte, leitete der Chef der Schule nicht nur ihre Dienstgeschäfte, sondern auch die gesam te Ausbildung am Standort und teilte Stundenpläne für die jeweiligen Kurse ein. Außerdem 444 Ebd., S. 1. 445 Ebd., S. 1. 446 Ebd., S. 1. 106 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 erstellte er mithilfe seines Lehrpersonals die entsprechenden Lehrpläne, die das Innenminis terium jedoch erst genehmigen musste.447 Nachdem Hans von Seißer 1930 in den Ruhestand gegangen und auf ihn zunächst der Mi nisterialdirigent Christian Pirner als Kommandeur der Landespolizei gefolgt war, übernahm im Frühjahr 1933 der Polizeigeneral Heinrich Doehla dieses Amt.448 Im gleichen Jahr refor mierte er nun als Inspekteur der uniformierten Staatspolizei das bayerische Ausbildungssys tem. Dazu setzte er z. B. zum 1. Juni mit Dr. Oskar Lossen einen Kommandeur der Polizei schulen ein, dem die Bildungsanstalten der bayerischen Landespolizei unterstanden. Ihm kam die Aufgabe zu, diese zu überwachen, um sicherzustellen, dass sie die Ausbildung ein heitlich durchführten.449 Allerdings sollte dieses Amt nicht lange bestehen, da es der Polizei apparat bereits am 1. August 1934 wieder auflöste.450 Darüber hinaus machte Doehla die Brucker Schule nun exklusiv dafür verantwortlich, ihre Schüler für den Einzeldienst polizeifachlich vorzubereiten. Erwarben die Beamten zuvor einen Teil der dafür benötigten Kenntnisse bereits auf der Polizeivorschule und in den Hundertschaften, mussten sich die se Institutionen nun darauf beschränken, ihnen lediglich das zu vermitteln, was sie unbe dingt für ihren Bereitschaftsdienst brauchten. Damit schrumpften jedoch die intellektuellen Anforderungen, welche die Polizei des jungen NS-Staats an ihre Vertreter stellte. Denn letzt lich hatte das neue Ausbildungskonzept zur Folge, dass die Polizisten erst dann umfassend in den polizeifachlichen und gesetzlichen Gebieten unterrichtet wurden, wenn sie in ihrem siebten Dienstjahr nach Fürstenfeldbruck gelangten. Bis dahin aber wurden sie fast aus schließlich rein militärisch ausgebildet und entsprechend gedrillt, um sie noch effizienter für den geschlossenen Einsatz zu trainieren.451 Da sich die Ordnungsmacht nach der Machtüber nahme der Nationalsozialisten ausnahmslos auf diesen zu konzentrieren hatte, löste der neue bayerische Innenminister Adolf Wagner den Einzeldienst endgültig aus ihrem Aufgaben feld.452 Das war ein Vorbote dafür, dass die Landespolizei 1935 als Personalreservoir für die 447 Vgl. ebd., S. 2-6. 448 Vgl. Schuler, Landespolizei, S. 38. 449 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, Doehla (Inspektion der uni formierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. sämtliche Schulen und sonstige Verbände der Landespo lizei: Kommandeur der Polizeischulen, 24.05.1933. Ferner: Abschied von der Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 16./17.07.1933, Nr. 164, S. 4. 450 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 393, I. A. von Bomhard (Landespo lizei-Inspektion Bayern) an Landespolizeien: Organisation, 24.07.1934. 451 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, Doehla (Inspektion der uni formierten Staatspolizei im StMdI) an die Landespolizeien: Richtlinien für den polizeilichen Fachun terricht bei der bayerischen Landespolizei, 05.12.1933. Dieses Schreiben basiert im Wesentlichen auf den „Bestimmungen über den polizeilichen Fachunterricht bei der Polizeivorschule und den Verbän den der Landespolizei ab 1. Oktober 1933“. Vgl. dazu BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespo lizei FFB Bund 1, Akt 4, I. A. und I. V. von Bomhard (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an die Landespolizeien: Vorläufige Bestimmungenfür den allgemeinbildenden Unterricht und Übergangsbestimmungen für die geistige Ausbildung bei der Landespolizei ab Oktober 1933, 20.09.1933. Wenn auch nur allzu pauschal, findet sich bereits in der Literatur der Hinweis darauf, dass die Ausbil dung der Bereitschaftspolizei in der Frühphase des „Dritten Reichs“ zusätzlich militarisiert wurde. Vgl. u. a. Ingo Löhken, Polizei-Uniformen der Süddeutschen Staaten 1872-1932. Baden, Bayern, Hessen, Württemberg, Reichslande, Friedberg 1988, S. 90. 452 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, Wagner (StMdI) an u. a. die Landespolizeien: Aufgaben und Verwendung der Landespolizei, 24.08.1933. Dies bestätigt Wagner in einem weiteren Schreiben aus dem Jahre 1934: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, Wagner (StMdI) an u. a. die Herren Kommandeure der Landespolizeien: Aufgaben und Verwendung der Landespolizei, 11.10.1934. 107 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Wehrmacht diente. Für diesen Zweck war es daher nicht abträglich, dass die einzelnen Ein heiten bereits im Vorfeld noch intensiver militärisch ausgebildet wurden. Das beschnitt je doch das Aufgabenspektrum der Brucker Bildungsstätte, weil sie nun nicht mehr Wachtmeis ter aus den Bereitschaften schulte und gleichzeitig ausreichend Kräfte im Einzeldienst vorhanden waren.453 3.2 Die Ausbildung von preußischen und bayerischen Polizeioffizieren Preußen und Bayern handhabten nicht nur unterschiedlich, wie ihre mittleren Beamten aus gebildet werden sollten. Auch der Werdegang der Polizeioffiziere gestaltete sich in den bei den Ländern verschiedentlich. In Preußen waren für die Ausbildung der Oberbeamten be sondere Institutionen zuständig, die dem Innenministerium des Landes direkt unterstellt waren: Dazu gehörte allen voran die Höhere Polizeischule in Eiche bei Potsdam, die dafür verantwortlich war, den preußischen Offiziersnachwuchs anzulernen. Das Polizeiinstitut in Berlin-Charlottenburg übernahm hingegen die Aufgabe, bereits aktive Führungskräfte in be sonderen Kursen fortzubilden. Auch die anderen Länder des Weimarer Bundesstaates rich teten ähnliche Lehranstalten ein, wobei sie sich durchaus am preußischen Vorbild orientier ten. Im württembergischen Stuttgart eröffnete etwa eine Polizeioffiziersschule, die als Teil der bestehenden Polizeifachschule fungierte. In der sächsischen Stadt Meißen entstand im Jahre 1922 darüber hinaus eine bedeutende Landespolizeischule.454 So sehr das Ausbildungs wesen von Preußen auch über seine Grenzen hinaus ausgestrahlt haben mag, setzten ande re Länder aber auch eigene Akzente in ihrem System, wie ein Blick auf Bayern zeigt. Wer in Preußen die Karriereleiter weiter nach oben steigen wollte, nachdem er bereits die Oberstufe auf der Polizeiberufsschule gemeistert hatte, musste erneut die Schulbank drücken. Geeignete Kandidaten konnten dann die Höhere Polizeischule in Eiche besuchen, die am 20. Mai 1921 offiziell gegründet, Anfang Dezember 1930 jedoch an das Berliner Polizeiinsti tut angeschlossen wurde. Sie bildete die preußischen Offiziersanwärter aus, die dazu ab 1923 einen neunmonatigen Lehrgang besuchten, nachdem sie zuvor schon verkürzte Kurse abge halten hatte.455 Infolge des preußischen Polizeibeamtengesetzes vom 31. Juli 1927 regelte eine Vorschrift später, dass angehende Führungskräfte zusätzlich noch drei Monate lang an der Spandauer Polizeischule für Leibesübungen zubringen mussten, bevor sie nach Eiche gelang 453 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, Wagner (StMdI) an u. a. die Landespolizeien: Aufgaben und Verwendung der Landespolizei, 24.08.1933. 454 Vgl. Götz, Polizei (Weimarer Republik), S. 407; Ditzel, Polizeientwicklung, S. 5. Zur Ausbildung an der Landespolizeischule Meißen ferner: Joachim Unger, Die sächsische Schutzpolizei zwischen 1919 und 1933. Historischer Abriss und Bestandsaufnahme, in: Oranienburger Schriften 1 (2015), S. 66 85, hier: S. 76 f. Manfred Teufel beschreibt zudem, wie die polizeiliche Ausbildung in Württemberg organisiert war. Vgl. Teufel, Polizei, S. 118 f., 162 f. und 289-293. Lothar Danner informiert über das Ausbildungswesen der Hamburger Ordnungspolizei. Vgl. Danner, Ordnungspolizei, S. 132-136. Da rüber hinaus liefert Major Horst-Adalbert Koch in seinen beiden Aufsätzen eine Übersicht über die einzelnen Schulen und Bereitschaften der jeweiligen Landespolizeien. Vgl. Koch, Landespolizei 1932/3, S. 42-44 sowie Ders., Landespolizei 1932/3, S. 91 f. 455 Vgl. Wegweiser durch die Polizei, 5. Aufl., [Berlin] 1931, S. 23; Ditzel, Polizeientwicklung, S. 12; Leßmann, Schutzpolizei, S. 226. Zur Geschichte und zum Ausbildungsbetrieb der Höheren Polizeischu le in Eiche ferner: Rainer Lambrecht, Von der Kaserne zum Behördensitz. Aus der Geschichte einer Militär- und Polizeiunterkunft in Potsdam-Eiche, Potsdam 2010, S. 43-67. 108 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 ten. Dadurch dauerte ihr Offiziersanwärterlehrgang insgesamt ein Jahr lang.456 Daneben ver anstaltete die Höhere Polizeischule weitere Lehrgänge, um die bereits aktiven Polizeiführer fachlich fortzubilden, damit diese einen höheren Dienstgrad erlangen konnten. Dementspre chend gab es Kurse für Oberleutnante und Hauptleute sowie für Majorsanwärter der Schutz polizei, für Kommissaranwärter der Kommunal- sowie der Kriminalpolizei und für Kandi daten, die in den höheren Aufsichtsdienst der Landjägerei übertreten wollten.457 Die neunmonatigen Offiziersanwärterlehrgänge in Eiche verfolgten dagegen das Ziel, aus den Schülern Führungskräfte zu schaffen, die größere Polizeieinheiten, Bereitschaften oder Reviere leiten bzw. auch als Führergehilfen in einem Polizeikommando fungieren sollten. Dafür mussten sie in den Kursen bestimmte Eigenschaften kultivieren, die sie nach Ansicht der preußischen Ordnungsmacht zu einer Führerpersönlichkeit machten. Ebenso wichtig war es, dass die angehenden Offiziere dazu in der Lage waren, ihren Untergebenen selbst als Lehrer zu dienen, um ihnen sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Fertigkeiten vermitteln zu können. Ferner zielten die Lehrgänge darauf ab, die Anwärter „zur geistigen Durchdringung des Staatswesens und der Gesetze über die materielle Rechtskenntnis hin aus“ zu führen.458 Die Ausbildung der Offiziersanwärter umfasste dabei folgende Fächer: Po lizeiverwendung, Waffenausbildung, Körperschulung, Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Beamtenrecht, Polizeirecht, bürgerliches Recht, Gewerbe- und Arbeitsrecht, Strafrecht, Kri minalistik, Verkehrswesen und Polizeidienstlehre.459 Wenngleich die Höhere Polizeischule die zentrale Einrichtung war, die den polizeilichen Führernachwuchs für Preußen erzog, be suchten auch Beamte ihre Kurse, die von außerhalb kamen.460 So befanden sich nicht nur Braunschweiger, Oldenburger und Thüringer, sondern auch einige Chinesen in den insge samt 17 Offiziersanwärterlehrgängen, die zwischen 1923 und 1932 in Eiche stattfanden.461 Seit dem 1. Januar 1927 war das Polizeiinstitut in Berlin-Charlottenburg dafür zuständig, die leitenden Beamten ab dem Rang eines Hauptmanns in speziellen Seminaren weiterzu bilden, an denen sie freiwillig teilnahmen. Nach Ansicht führender Polizeivertreter zielten diese Kurse darauf ab, „mustergültige Führer, Erzieher und Lehrer der Polizeibeamtenschaft heranzubilden“.462 Die oberste Lehranstalt der preußischen Polizei war aus der Forschungs abteilung der Höheren Polizeischule in Eiche hervorgegangen.463 Ihre Mitarbeiter erforsch ten daher eine Reihe polizeiwissenschaftlicher Fachgebiete. Dabei versuchten sie etwa, die „Grundlagen aller polizeilichen Tätigkeit nach rechtlichen, psychologischen und soziologi schen Gesichtspunkten“ zu ermitteln.464 Ferner analysierten sie, wie sich die Polizeien im Inund Ausland geschichtlich entwickelt hatten und wie sie organisatorisch aufgebaut waren. Außerdem erforschte diese Institution kriminalwissenschaftliche Probleme, systematisierte 456 Vgl. Vorschrift für die staatliche Polizei Preußens (V.f.d.P), Nr. 23: Bestimmungen über Einstellung und Beförderung der Polizeiwachtmeister und Polizeimeister und Ergänzung der Polizeioffiziere, 1. Neudruck, Berlin 1930, S. 38; Ditzel, Polizeientwicklung, S. 13. 457 Vgl. Friedrich Wolfstieg/Otto Schmahel, Der preußische Polizeibeamte. Eine Einführung in den Po lizeiberuf, Lübeck/Berlin 1930, S. 101 sowie 109-112. Ferner: Kemmerich, Entstehung, S. 42. 458 Wolfstieg, Polizeibeamte, S. 109. 459 Vgl. ebd., S. 109. 460 Vgl. Zaika, Polizeigeschichte, S. 63. 461 Vgl. Polizeihauptmann Garski, Die Polizeioffiziersanwärterlehrgänge an der Höheren Polizeischule. Tabellen und graphische Darstellungen, in: Die Polizei, 05.03.1933, Nr. 5, S. 106 f., hier: S. 106. 462 Wolfstieg, Polizeibeamte, 105. Vgl. dazu außerdem Paul Riege, Die preußische Polizei. Kurze Darstel lung ihrer Entwicklung und heutigen Form, 3., wesentlich erw. Aufl., Berlin 1932, S. 52 f. 463 Vgl. Ditzel, Polizeientwicklung, S. 13. 464 Wolfstieg, Polizeibeamte, S. 104. 109 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k das Polizeirecht, unterhielt eine Lehrmittelsammlung und versorgte polizeiliche Behörden und Schulen in Preußen mit Lehrmaterialien.465 Eine derartige Forschungsanstalt existierte in Bayern nicht. Der Freistaat tüftelte stattdessen an einem eigenen System, um seinen Nachwuchs an Oberbeamten auszubilden.466 Um diesen musste er sich verstärkt kümmern, nachdem er sich in der Anfangsphase der Weima rer Republik fast ausschließlich auf seine Wachtmeister konzentriert hatte. Erst im Septem ber 1922 veröffentlichte das Landespolizeiamt entsprechende Richtlinien, die genau regelten, wie der Werdegang eines bayerischen Offiziersanwärters aussah.467 Ihren Bedarf an neuen Führungskräften stillte die bayerische Ordnungsmacht, indem sie zunächst aus den kaser nierten Bereitschaften geeignete Kandidaten auswählte, die sich in ihrem bisherigen Dienst bewährt hatten. Später suchte sie sich freiwillige, polizeilich aber noch unerfahrene Bewer ber, die sie gleich als Offiziersanwärter einstellte, sofern sie sich dazu eigneten. Wer ein Po lizeiführer werden wollte, musste jedoch schon 1922 nachweisen, dass er eine neunklassige Mittelschule erfolgreich absolviert hatte. War dies jedoch nicht der Fall, mussten die Bewer ber zwei Prüfungen ablegen, die während ihrer Ausbildungszeit anstanden und grundlegen des Wissen in den Fächern Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik, Physik und Che mie sowie Grundkenntnisse in den Fremdsprachen Englisch oder Französisch abfragten. Zu Beginn ihrer Ausbildung traten sämtliche Bewerber jedoch bei einem Kommando der Lan despolizei ein, wo sie wie alle übrigen Polizeianwärter zunächst als Hilfswachtmeister einge stellt waren. Nachdem ihnen dort mindestens sechs Monate lang elementare Kenntnisse für den Polizeidienst vermittelt und sie auch körperlich trainiert wurden, verbrachten sie das nächste halbe Jahr an der Polizeivorschule. An dieser Institution erweiterten sie ihr Wissen, wobei die Absolventen der Mittelschule besondere Kurse anstelle des Elementarunterrichts besuchten, der für die übrigen Kandidaten aus den Fächern Deutsch, Recht- und Schönschrei ben, Rechnen, Erdkunde, Geschichte und Staatsbürgerkunde bestand. Danach kehrten die Anwärter wieder zu ihren jeweiligen Standorten zurück, wo sie dem praktischen Dienst nach gingen. Nach insgesamt 18 Monaten wurden sie dann zu Unterwachtmeistern befördert. Wenn sich ein Beamter zum Polizeiführer eignete, schlug ihn sein Chef beim Landespoli zeiamt vor. Sobald diese Behörde zugestimmt hatte, mussten die nun offiziell zu Offiziersan wärtern ernannten Männer einen fünfmonatigen Grundkurs an der Gendarmerie- und Po lizeischule absolvieren. Er baute auf dem Stoff der Polizeivorschule auf. Dieser Kurs war gewissermaßen der erste Teil des Offiziersanwärterlehrgangs, auch wenn er seinerzeit noch nicht so hieß. Anschließend gelangte der einzelne Beamte wieder zu seinem Kommando zu rück. Nach einem mindestens sechsmonatigen praktischen Dienst besuchte er den offiziel len Lehrgang für Offiziersanwärter. Dieser umfasste ursprünglich einen Fächerkanon, der sich aus Gesetzeskunde, Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde, Volkswirtschafts- so wie Gesundheitslehre zusammensetzte, aber auch gerade den Polizeitruppendienst und den Sport einbezog. Einen Großteil der Inhalte vermittelten Hochschullehrer in Form von Vor trägen. Nach fünf Monaten legte der Schüler eine theoretische und eine praktische Prüfung ab. Sofern er diese erfolgreich bestanden hatte, stieg er zum Oberwachtmeister auf. Bevor ihn dann der Innenminister zum Leutnant ernennen konnte, fand alljährlich eine Wahl statt, 465 Vgl. ebd., S. 104 und 113f. 466 Helmut Reis skizziert bereits, wie die bayerische Landespolizei ihre Polizeioffiziere ausbildete. Von den für die vorliegende Studie eingesehenen Quellen weicht seine Darstellung allerdings inhaltlich ab, wo für er aber leider auch keine Belege anführt. Vgl. Reis, Chronik, S. 338 f. 467 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 308, I. A. von Seißer (StMdI - Lan despolizeiamt) an u. a. Verteiler II: Der Ausbildungsgang zum Polizei-Offizier, 28.09.1922. 110 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 bei der sämtliche Offiziere des jeweiligen Kommandos über jeden einzelnen Kandidaten ab stimmen mussten. Fiel diese Wahl zu seinen Gunsten aus, konnte er nun seine Karriere im Korps der bayerischen Polizeioffiziere beginnen.468 So sah zumindest in der Frühphase der Weimarer Republik der ideale Weg aus, den die bayerischen Anwärter gehen mussten, um zu Oberbeamten aufzusteigen. In den folgenden Jahren änderte sich dieses Konzept jedoch mehrfach. Deshalb muss festgehalten werden, dass der Ausbildungsprozess für die Polizeiführer des Freistaats insgesamt nicht konstant blieb. Hinsichtlich der Offiziersausbildung entwickelte sich das bayerische System stattdessen viel mehr zu einer Dauerbaustelle, auf der die Verantwortlichen ständig etwas nachzubessern hatten. Bereits 1925 mussten beispielsweise nur noch jene Anwärter die Polizeivorschule be suchen, die kein Reifezeugnis einer Mittelschule besaßen. Die Gendarmerie- und Polizei schule fiel als Ausbildungsstation vollständig heraus. Stattdessen dauerte ein Offiziersanwär terlehrgang mit nun insgesamt 20 Monaten allerdings doppelt so lange und war in zwei einzelne Kurse gegliedert.469 Zu Beginn ihrer Herrschaft schickten sich die Nationalsozialisten ebenfalls an, dem baye rischen Ausbildungskonzept abermals eine neue Struktur zu verpassen. Im August 1933 skiz zierte Heinrich Doehla, wie er sich den künftigen Werdegang der Offiziersanwärter vorstell te: Sie begannen ihre Karriere in der Landespolizei direkt auf der Polizeivorschule Bamberg, wo sie vier Monate lang eine Grundausbildung erhielten und anschließend die nächsten zwei Monate auf einem Truppenübungsplatz zubrachten. Im folgenden halben Jahr sammelten sie an der Polizeivorschule erste Erfahrungen als Ausbilder, um anschließend nach München zu gelangen und dort einen Offiziersanwärterlehrgang zu absolvieren. Nach insgesamt zwei einhalb Jahren hatten sie ihre Ausbildung abgeschlossen und verrichteten danach ihren Dienst in einer Hundertschaft, in der sie zu Leutnanten befördert wurden, sobald dafür eine Stelle frei war.470 Diese Regelungen unterschieden sich von den zuvor gültigen Richtlinien dadurch, dass die Anwärter nun nicht mehr ihren praktischen Dienst in der Schutzpolizei ableisten muss ten, was zuvor noch ein zentraler Abschnitt der Ausbildung gewesen war. 1931 hatte das bay erische Innenministerium noch bestimmt, dass die Polizisten wie bisher in einer Hundert schaft zu dienen hatten, nachdem sie von der Polizeivorschule abgegangen waren, um danach erst an die Offiziersschule zu gelangen.471 Das neue Ausbildungskonzept vom Sommer 1933 erschien dagegen verschult, rückte es doch scheinbar die theoretischen Inhalte in den Vor dergrund. Obwohl der praktische Bereitschaftsdienst tatsächlich wegbrach, ging die Landes polizei jedoch eher dazu über, die jungen Staatsdiener wochenlang auf dem Truppenübungs platz zu drillen. Darüber hinaus leisteten sie anschließend einen kurzen Dienst in der Münchner Polizeidirektion ab, während sie ihren Offiziersanwärterlehrgang besuchten. Die 468 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 308, I. A. von Seißer (StMdI - Lan despolizeiamt) an u. a. Verteiler II: Der Ausbildungsgang zum Polizei-Offizier, 28.09.1922. 469 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1523, Entwurf: von Seißer (Landes polizeiamt beim StMdI): Bestimmungen über Einstellung und Beförderung in der L.P., 13.03.1925, S. 4. 470 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 40, Doehla (StMdI - Inspektion der uniformierten Staatspolizei) an die Landespolizeien: Dienstlicher Werdegang der Offiziersanwärter, 16.08.1933. 471 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 32, I. A. Pirner (StMdI - Polizei wirtschaftstelle) an u. a. Polizeidirektion München: Bereitschaftspolizei; Ausbildung und Beurteilung der Offiziersanwärter vor Einberufung zum Offiz.-Anwärterkurs, 17.06.1931. 111 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k se Reform konnte also nicht kaschieren, dass sich der militärische Drill für die künftigen Führungskräfte zulasten des praktischen Polizeidienstes nur noch weiter verstärkte.472 Inwiefern dieses Verfahren aus dem Jahre 1933 aber überhaupt zum Tragen kam, ist unklar. Schließlich sollte die Landespolizei knapp zwei Jahre später in die Wehrmacht überführt wer den. Deshalb darf stark bezweifelt werden, dass es tatsächlich Oberbeamte gab, die auf die sem Wege in eine Führungsposition gelangten. Allenfalls bei einem Lehrgang könnte dies der Fall gewesen sein. Das neue Reglement verdeutlicht aber, wie sehr sich die nationalsozi alistische Ministerialbürokratie schon damals auf dem Feld des polizeilichen Erziehungswe sens austobte, weshalb sich dessen Struktur ständig veränderte. Der rastlose Reformprozess ließ indes die Tendenz erkennen, dass die Landespolizei noch mehr als bisher militarisiert wurde, um sie besser in die Armee integrieren zu können. Adolf Wagner ging bereits im Januar 1934 dazu über, die Ausbildungszeit auf zwei Jahre zu verkürzen, um die polizeiliche Offiziersausbildung an jener der Reichswehr anzupassen.473 Zur gleichen Zeit veröffentlichte seine Behörde mit der Polizeivorschrift Nr. 9 sogar neue „Offizier-Ergänzungsbestimmungen“. Sie beschrieben genau, wie jemand zum Oberbeamten ausgebildet werden sollte und wie sein Werdegang dabei konkret auszusehen hatte. Diese Vorschrift setzte zwar die vorherigen Regelungen außer Kraft, orientierte sich inhaltlich je doch stark an diesen. Dementsprechend regelten die neuen Bestimmungen etwa, wie die Be werber ausgewählt und eingestellt werden sollten oder wie die Offizierswahl zu erfolgen hat te. D abei unterschieden sich diese Verfahren kaum von dem, was die bayerische Landespolizei schon zuvor praktiziert hatte.474 Der dienstliche Werdegang sah nun aber wieder anders aus: Zunächst durchliefen die Of fiziersanwärter eine praktische Ausbildung im Truppendienst, die an der Polizeivorschule Bamberg neun Monate beanspruchte. Danach besuchten sie zehn Monate lang die Offiziers schule in München, wobei sie noch einmal zwei weitere Monate in besonderen Bereichen geschult wurden. Schließlich gelangten sie dann in die sogenannte Lehrhundertschaft der obersten bayerischen Bildungseinrichtung, wo sie noch ein Vierteljahr lang zubrachten und den Einsatz im Polizeiverband übten, bevor sie endlich ihre Ausbildung abschließen konnten.475 Wenngleich die einzelnen Etappen wieder anders angeordnet waren, ähnelten sie den noch dem bisherigen Ausbildungssystem, das schon für die demokratische Polizei gegolten hatte. Das ist aber nicht weiter überraschend. Den Nationalsozialisten war es eben nicht mög lich, das Rad vollkommen neu zu erfinden. Aber ein Jahr später sollte noch eine weitere Re form folgen, die den bisherigen Experimenten ein Ende bereitete. Im Frühjahr 1935 plante das Reichsinnenministerium, die Offiziere der Landespolizei so ähnlich auszubilden, wie es die Wehrmacht mit ihrem Führungsnachwuchs tat.476 Nach all dem verwirrenden Hin und Her hatte sich spätestens dann das Schulkonzept der Landespolizei überlebt. 472 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 40, Doehla (StMdI - Inspektion der uniformierten Staatspolizei) an die Landespolizeien: Dienstlicher Werdegang der Offiziersanwärter, 16.08.1933. Zum Einzeldienst in der Münchner Polizeidirektion vgl. ferner BayHStA München - Krieg sarchiv, Landespolizei Inspektion 40, [unleserlich] (Offizierschule der L.P.) an Landespolizei-Inspek tion Bayern: Ausbildung der Oberfähnriche der L.P., 08.11.1934. 473 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 32, Abdruck: Wagner (StMdI) an Inspektion der uniformierten Staatspolizei: Dienstlicher Werdegang der Pol.Offizieranwärter, 25.01.1934. 474 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 32, StMdI, Pol.Vorschrift 9: Offizier Ergänzungsbestimmungen der uniformierten Staatspolizei (O.E.B.), München 1934, S. 8-17 und 26 f. 475 Vgl. ebd., S. 18-25. 476 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 32, I. V. Daluege (Reichs- und Preu ßisches Ministerium des Innern) an u. a. StMdI - Landespolizei-Inspektion: Werdegang der Fahnen- 112 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Wesentlich beständiger zeigte sich in den Weimarer Jahren dagegen jenes Verfahren, mit dem der bayerische Polizeiapparat seine neuen Führungskräfte rekrutierte. Wer die Offizierslauftahn in der Landespolizei einschlagen wollte, musste sich schriftlich oder mündlich bei derjenigen Polizeidirektion bewerben, die seinem Wohnsitz am nächsten lag. Anhand der eingereichten Unterlagen nahm der jeweilige Schutzpolizeichef eine vorläufige Auswahl vor. Geeignete Kandidaten mussten sich sodann bei ihm vor Ort persönlich vorstellen und zu dem ärztlich untersuchen lassen. Anschließend hatten sie eine praktische Prüfung zu absol vieren, in der sie zeigen sollten, was sie körperlich zu leisten imstande waren. Bewältigten sie auch diese Hürden, entschied das Bayerische Innenministerium darüber, welche Bewer ber eingestellt und zu Polizeiführern ausgebildet werden sollten. Damit es überhaupt erst dazu kommen konnte, hatte der einzelne Bewerber von vornherein eine Reihe von Kriteri en zu erfüllen: Er sollte zwischen 18 und 21 Jahren alt, mindestens 1,68 m groß und körper lich topfit sein. Generell hatte keine Chance, wessen Sehkraft zu sehr eingeschränkt war. Seit mindestens fünf Jahren musste der Kandidat außerdem die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen. Ebenso war es wichtig, dass er darüber hinaus auch die Hochschulreife besaß, die er durch das Abgangszeugnis einer neunklassigen höheren Lehranstalt nachwies.477 Im Übrigen sollten diese Kriterien sogar beim Übergang zum „Dritten Reich“ noch beste hen bleiben. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gelangt waren, hatten sie an die Bewerber aber zusätzliche Ansprüche. Nun verlangten sie von den Kandidaten, dass sie die „arische Abstammung“ beglaubigen konnten und außerdem „einem nationalen Verband (SA., SS., Stahlhelm, freiwilliger Arbeitsdienst)“ angehören mussten.478 Äußerst erstaunlich ist da bei allerdings, dass sie diese Kriterien auf einem Dokument aufführten, das auf den 12. Mai 1932 datiert ist. Ganz offensichtlich bedienten sich die neuen Machthaber also eines Schreibens, in dem noch ihre demokratischen Vorgänger aufgelistet hatten, was sie von den angehenden Offizieren erwarteten. Die Nationalsozialisten passten es nachträglich einfach an und hefte ten dann das überarbeitete Schriftstück vom 23. Dezember 1933 schlicht über das Original aus dem Vorjahr.479 Damit modifizierten sie lediglich jene Anforderungen, die schon zuvor gegolten hatten. Indem sie einfach ein älteres Schreiben aus der verhassten „Systemzeit“ in strumentalisierten, ließen sie aber eine große Chance verstreichen, bereits in der „Revoluti onsphase“ ihre eigenen Akzente zu setzen. Gleichzeitig dokumentiert dieser Vorgang, dass sich im Übergang von der Weimarer Republik zum NS-Staat nur die rassisch-politischen Anforderungen an das polizeiliche Führungspersonal änderten, die übrigen Kriterien aber ansonsten noch gleich blieben. Doch auch diese Regelungen sollten bereits nach nur einem junker, 30.03.1935. 477 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1523, I. A. Pirner (StMdI - Polizei wirtschaftstelle) an u. a. Polizeidirektion München: Bereitschaftspolizei; Einstellung von Polizeioffi zieranwärtern (Beilage 1 m it 2 Anlagen: Verfahren bei der Einstellung von Polizeioffizieranwärtern), 12.05.1932. Ähnliche Kriterien und Einstellungsverfahren galten auch für die Bewerber in Preußen. Vgl. dazu V.f.d.P., Nr. 23, S. 4-13. 478 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1523, I. A. Pirner (StMdI - Polizeiwirt schaftstelle) an u. a. Polizeidirektion München: Bereitschaftspolizei; Einstellung von Polizeioffizieran wärtern (Beilage 1 mit 4 Anlagen: Verfahren bei der Einstellung von Polizeioffizieranwärtern), 12.05.1932, S. 1. 479 Das Original befindet sich ebenfalls im Akt und trägt den gleichen Titel wie die neuere Version. Im Akt BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 484 befindet sich das gleiche Doku ment. In diesem Exemplar wurden maschinengeschriebene Textstreifen eingeklebt, welche die genann ten Stellen hinzufügten. 113 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Monat überarbeitet und am 25. Januar 1934 von der bereits erwähnten Polizeivorschrift Nr. 9 abgelöst werden.480 Für ihre angehenden Führer regelte die bayerische Ordnungsmacht ferner, welche Dienst grade und Titel sie während ihrer Ausbildung trugen. Nachdem ein Kandidat seinen Dienst in der Landespolizei angetreten hatte, galt er solange als Offiziersanwärter, bis er zu einem entsprechenden Lehrgang einberufen wurde, was in der Regel am 1. April des Jahres erfolg te. Von nun an war er ein „Polizeifahnenjunker“, wobei er den Dienstrang eines Unterwacht meisters innehatte. Zur Hälfte des Kurses hatten die Schüler eine Zwischenprüfung erfolg reich zu absolvieren, um hernach zu Fähnrichen ernannt zu werden. Nachdem sie auch noch am Ende des Lehrgangs die Offiziersprüfung gemeistert hatten, wurden sie als Oberfähnri che bezeichnet und bekleideten den Rang eines Hauptwachtmeisters, bevor sie dann in frei en Planstellen zu Leutnanten aufstiegen.481 Alle Ausbildungsstationen waren für sich genommen wichtig. Doch die bedeutendste war sicherlich der Offiziersanwärterlehrgang, da er den angehenden Führungskräften all das ver mitteln sollte, was sie von den einfachen Wachtmeistern unterschied. Doch so oft wie sich das bayerische Ausbildungssystem allgemein veränderte, taten das auch diese speziellen Kur se, die ebenso wenig eine gleichbleibende Form entwickeln konnten. Erste Lehrgänge für angehende Polizeiführer fanden bereits im Jahre 1923 statt. Diese wirkten noch recht improvisiert, weshalb sich diese Vorgehens weise nicht als eine dauerhafte Lösung er wies. Darum sah sich die Ordnungsmacht des Freistaats dazu gezwungen, auch dieses Prozedere zu systematisieren, wobei sich die Reform allerdings sehr langwierig gestalte te. So entstand erst im Jahre 1926 in M ün chen die Offiziersschule der Bayerischen Lan despolizei, die das Gebäude der früheren Kadettenanstalt in der Marskaserne bezog.482 Mit dieser zentralen Lehranstalt verfügte Bay ern über die wichtigste Instanz, um das eigene polizeiliche Führungspersonal zu erziehen. Zu dieser bedeutenden Institution sind insgesamt aber nur wenige Quellen überliefert. Da rüber hinaus stammen die meisten von ihnen aus den Jahren von 1933 bis 1935. Trotz dieser Widrigkeiten lassen sich dennoch jene Fachbereiche und Inhalte rekonstruieren, in denen die „Kaderschmiede“ der bayerischen Landespolizei ihre Anwärter ausbildete. Abbildung 5: Offiziersschule der Bayerischen Landespolizei München (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 480 Dieser Hinweis findet sich auf dem folgenden Exemplar: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landes polizei Inspektion 276, I. A. Pirner (StMdI - Polizeiwirtschaftstelle) an u. a. Polizeidirektion München: Bereitschaftspolizei; Einstellung von Polizeioffizieranwärtern, 12.05.1932. 481 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Entwurf: Abkommen zwischen dem bayerischen Staatsministerium des Innern und den württembergischen Ministerium des Innern über die Ausbildung der württembergischen Polizei-Offizieranwärter auf der Polizeioffizierschule München, [1933]. 482 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 175, I. A. von Seißer (StMdI - Landespoli zeiamt) an u. a. Landespolizeiamt: Pol.-Offz. Lehrgang 1923, 27.02.1923; BayHStA München - Krieg sarchiv, Landespolizeiamt 12, von Seißer (Landespolizeiamt) an die Herren Chefs: Ausbildung der Offz.-Anwärter, 25.05.1925. Ferner: Schuler, Landespolizei, S. 19. Link m eint dagegen, dass die Offi ziersschule bereits 1923 ihren Betrieb aufgenommen habe: Link, Rückblick, S. 35. 114 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Zwischen 1926 und 1935 hielt die Münchner Offiziersschule einige Kurse für angehende Oberbeamte ab, die grundsätzlich ähnlich aufgebaut waren. Aber der jeweilige Fächerkanon war mitunter recht unterschiedlich gestaltet, so dass von einer einheitlichen und konsequen ten Offiziersausbildung keine Rede sein kann. Höchstwahrscheinlich ist dies darauf zurück zuführen, dass der Polizeiapparat seine eigenen Ausbildungsvorschriften ständig überarbei tete. Weil in den Fachplänen immer wieder die gleichen oder zumindest ähnliche Motive ausgemacht werden können, scheinen das Landespolizeiamt und die Lehranstalt versucht zu haben, ihr System zu perfektionieren oder zumindest an die jeweiligen Erfordernisse anzu passen. Als die Bildungsanstalt 1926 ihren Betrieb aufnahm, unterrichteten die Lehrkräfte z. B. folgende Fächer: Polizeitaktik, Waffen- und Schießkunde, Polizeidienst, Pionierdienst, Nachrichtenwesen, Kriegs- und Heeresgeschichte, Wirtschaftsgeographie und Gesundheits lehre, aber auch Flug- sowie Kraftfahrwesen, Geländebesprechungen, Exerzierübungen, Sport und eine Fremdsprache.483 In einem späteren Kurs sollten zwar bestimmte Disziplinen auch weiterhin vertreten sein, wozu allen voran die Polizeiverwendungslehre, der Sport, die Waf fen- und Schießkunde sowie die Geländelehre und diverse Geländeübungen zählten, die ge nerell einen Großteil der Unterrichtszeit beanspruchten. Andere Fächer fehlten nun aller dings wie etwa der Pionierdienst, das Nachrichtenwesen, die Wirtschaftsgeographie und auch die Gesundheitslehre, während hingegen beispielsweise der Innendienst, die Polizei- und auch die Staatskunde neu hinzukamen.484 In weiteren Lehrgängen wurden im Vergleich dazu wiederum ganz andere Disziplinen unterrichtet.485 Obwohl die Münchner Schule in ihren einzelnen Kursen mitunter recht unterschiedliche Fächer behandelte, zeigt sich aber bei allen ziemlich deutlich, dass die militärischen Aspek te in der Ausbildung eindeutig dominierten. Besonders gut lässt sich das in der Übergangs phase von der Weimarer zur nationalsozialistischen Polizei beobachten, weil für diese Zeit auch entsprechende Lehrpläne überliefert sind, die über die genauen Inhalte der einzelnen Disziplinen informieren. Darin nahm gerade die Polizeitaktik eine besondere Position ein. In diesem Fach sollte der Offiziersnachwuchs nicht nur lernen, kleine Einheiten zu führen. Der einzelne Schüler erhielt seinerzeit bereits einen „Überblick über das Wesen des Krieges und seine Mittel“.486 Neben theoretischen Grundbegriffen behandelte der Unterricht etwa, wie der Einheitsführer mit seinem Verband einen Gegner anzugreifen oder abzuwehren hat te, wobei er auch den Rückzug thematisierte. Im Zentrum des Faches stand also der geschlos sene Einsatz, der immer mehr einem militärischen Gefecht ähnelte und sich mehr oder we niger gegen innerdeutsche Unruhestifter richtete. Wenngleich der Lehrplan zwischen der polizeilichen und der militärischen Taktik unterschied, konnte ein solcher Unterricht die Po lizeioffiziere bereits zum Ende der Weimarer Republik auf ihren späteren Einsatz in der Wehr macht vorbereiten.487 Dazu gesellte sich der praktische Dienst, der auch als Truppendienst bezeichnet wurde. Er war darauf angelegt, die angehenden Polizeiführer im Exerzier- und 483 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 12, von Seißer (Landespolizeiamt) an die Herren Chefs: Ausbildung der Offz.-Anwärter, 25.05.1925, S. 2 f. 484 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 28, Stundenplan für den Offizier-Anwärter-Lehrgang 1926/28, [1926]. 485 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 175, Offizier-Anwärter-Kurs 1925/26. Ausbildungs - Ziele - und Zeit, [1925]; BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 175, Stundenplan für den Offiziers-Anwärter Kurs 1925/26, [1925]. 486 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Taktik (endgültiger Lehrplan), [1933], S. 3. 487 Vgl. ebd., S. 3-6 sowie BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht in der Taktik, 19.03.1934, S. 1-5. 115 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Schießdienst und damit gleichzeitig zu Ausbildern zu schulen, die später einmal ihre Unter gebenen ebenfalls in diesem Bereich trainieren sollten. In diesem Sinne zielte diese Diszip lin darauf ab, die Offiziersanwärter zu Zugführern auszubilden.488 A uf diesen Fächern bau te die Waffen- und Schießkunde auf, die sowohl den praktischen Umgang mit dem Schießgerät behandelte als auch theoretisches Wissen über Kriegswaffen vermittelte.489 Damit waren die militärischen Inhalte aber noch lange nicht vollständig abgedeckt. Das Lehrpersonal brachte den künftigen Polizeiführern in weiteren Disziplinen bei, wie sie in der „freien Wildbahn“ zurechtkamen. Wie sie etwa fließende Gewässer mit behelfsmäßigen Brü cken überwinden oder kleinere Objekte in die Luft sprengen konnten, erfuhren sie in der Pi onierlehre. Sie erklärte ihnen außerdem, wie Feldbefestigungen gebaut werden mussten, zu denen z. B. Schützenlöcher und -gräben gehören.490 Die Geländelehre vermittelte den Schü lern ferner ein grundlegendes Wissen darüber, wie sie sich mittels Karte und anderen Hilfs mitteln in unbekanntem Terrain zurechtfinden oder wie sie ihre Umgebung möglichst de tailliert beschreiben konnten, um ihre Einsatzlage richtig zu beurteilen.491 In der Nachrichtenmittelkunde lernten sie dann, welche verschiedenen Möglichkeiten es innerhalb der Polizei und des Heeres gab, um Botschaften zu übermitteln, zu denen etwa der Funk oder Telegraphenverkehr gehörte.492 Daneben zeigte die Kriegsgeschichte, wie sich die Schlach tentaktik seit den Anfängen des deutschen Heerwesens bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verändert hatte, wobei die Lehrer historische und militärtaktische Aspekte miteinander vereinten.493 Schließlich gab es noch eine Reihe weiterer Fächer, die zwar nicht vorwiegend militärisch ausgerichtet waren, aber dafür sorgen sollten, dass sich bei den Schülern eine bestimmte Mentalität herausbildete. Dazu zählte in erster Linie der Unterricht im Innendienst, bei dem die Lehroffiziere ihre Schüler mit den wesentlichen Aufgaben und Vorschriften vertraut mach ten, welche die dienstlichen Obliegenheiten bestimmten. Dieses Wissen benötigten sie für ihre alltäglichen Dienstgeschäfte. Hauptsächlich zielte dieser Unterricht jedoch darauf ab, sie zu tugendhaften und charakterstarken Polizeioffizieren zu erziehen, die später einmal ihren Untergebenen selbst als Erzieher dienen und ihre Einheit verantwortungsvoll führen sollten. „Die Pflichterfüllung des deutschen Heeres im Weltkrieg“ hatte ihnen als Leitmotiv zu die nen, wobei sich die Beamten an den „drei Haupttugenden des Soldatentums: Vaterlandslie 488 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den praktischen Dienst, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Truppendienst (end gültiger Lehrplan), [1933]. 489 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Waffen- und Schießkunde (end gültiger Lehrplan), [1933]; BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1513, Lehr plan für den Unterricht in der Waffen- und Schießkunde, [1934]. 490 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht in der Pionierlehre, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Pionier lehre (Endgültiger Lehrplan), [1933]. 491 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht in der Geländelehre, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Gelän delehre (endgültiger Lehrplan), [1933]. 492 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Nachrichtenmittelkunde (end gültiger Lehrplan), [1933]; BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1513, Lehr plan für den Unterricht in der Nachrichtenmittelkunde, [1934]. 493 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Kriegsgeschichte (endgültiger Lehrplan), [1933]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht in der Kriegsgeschichte, [1934]. 116 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 be, Pflichttreue und Kameradschaft“ zu orientieren hatten.494 An diesen Tenor knüpfte die Staatsbürgerkunde an. Sie verdeutlichte den Anwärtern schon zu Beginn der NS-Herrschaft, wie sich die Nationalsozialisten den idealen Staat vorstellten und wie sie diesen errichten wollten. Zwar behandelte das Fach unter anderem auch, welche unterschiedlichen Staatsfor men existierten oder wie die deutsche Rechtsordnung gegliedert war. Doch bereits 1934 kon frontierte es die Polizisten mit der „Volksgemeinschaft“, dem „Führerprinzip“, der „Rassen frage“ oder der „Überwindung des Liberalismus und M arxism us“. Ferner sollten sie begreifen, dass die „Neuordnung des deutschen Staatswesens“ einherging mit der „Einschrän kung der Individualrechte“ und der „Beseitigung der politischen Parteien“.495 Solche Inhalte ließen keinen Zweifel daran, dass die Polizei und ihre Schulen längst in der Diktatur ange kommen waren, wenngleich die Staatsbürgerkunde bereits in der Weimarer Republik dar auf ausgerichtet gewesen war, die Polizisten politisch zu erziehen.496 Die eigentlichen Aufgaben und Tätigkeitsfelder der Staatsgewalt behandelte lediglich die Polizeikunde, die daneben auch das Strafrecht und das Gerichtswesen unter die Lupe nahm. Im Unterricht erfuhren die Beamten außerdem, welche rechtlichen Aspekte sie bei einem geschlossenen Einsatz zu beachten hatten und wie der Dienstbetrieb eines Polizeireviers or ganisiert war.497 Dieses scheinbar zentrale Fach war in den Kursen insgesamt jedoch eher randständig, weil die truppenpolizeilichen Inhalte ohnehin überwogen. Wie wenig die poli zeifachlichen Belange im Übergang von der ersten deutschen Demokratie zum „Dritten Reich“ zählten, zeigte sich noch deutlicher, als die Polizeikunde im Jahre 1934 in den Lehrplänen überhaupt nicht mehr auftauchte.498 Insofern entwickelte sich die Offiziersausbildung zu Be ginn des NS-Regimes dahingehend, dass die militärischen Schwerpunkte nahezu alle recht lichen ^ e m e n in den Hintergrund drängten oder sogar ganz verschluckten. Denn in den Lehrgängen der Weimarer Jahre hatte ein Unterricht im Beamten-, Verwaltungs- und Poli zeirecht noch fest zum Repertoire gezählt. Das waren also genau jene Disziplinen, in denen die Polizisten lernten, in welchem gesetzlichen Rahmen sie sich überhaupt bewegten. Ein Vergleich mit den Lehrplänen des frühen „Dritten Reichs“ offenbart jedoch auch, dass sich die meisten Fächer und Inhalte seit den zwanziger Jahren ansonsten kaum verändert hatten und nun im neuen System der Nationalsozialisten einfach weiterhin fortbestanden.499 Ähnlich wie die Polizeikunde und die rechtlichen Fächer zählte auch die Volkswirtschafts lehre zu jenen Gebieten, die ebenfalls spätestens 1934 aus dem Fächerkanon verschwanden. 494 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht im In nendienst, [1934] sowie BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Innendienst (endgültiger Lehrplan), [1933]. 495 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für den Unterricht in der Staatsbürgerkunde, [1934]. Vgl. dazu BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Staatsbürgerkunde (endgültiger Lehrplan), [1933]. 496 Siehe dazu Kapitel 3.3. 497 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Polizeikunde (endgültiger Lehr plan), [1933]. 498 Dies geht hervor aus BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 40, [unleserlich] (Pol.Offizierschule) an Kommandeur der Polizei-Schulen: Lehrplan für den Unterricht an der Pol.Offz. Schule, 25.04.1934. 499 Vgl. z. B. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1523, von Seißer (Landespoli zeiamt im StMdI) an Leiter des Offizier-Anwärter-Kurses Pol.Major Hunglinger: Lehrplan des Offiz. Anw.Kurses (Anlage: Lehrplan für den Offizier-Anwärter-Lehrgang), 09.04.1929; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1523, I. V. Doehla (Landespolizeiamt beim StMdI) an u. a. Offiz.Anwärter-Kurs: Polizei-Offiziers-Anwärter-Kurs (Anlage: Lehrpläne), 07.04.1930. 117 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k In ihr erhielten die Schüler einen knappen Überblick über ökonomische Grundbegriffe und Theorien, was vor allem ihrer Allgemeinbildung nützen sollte.500 Nicht zuletzt gehörten auch die Leibesübungen in den Lehrplan, die vor allem aus Disziplinen der Leichtathletik, des Ge räteturnens und des Geländesports sowie aus diversen Mannschaftssportarten bestanden. Daneben trainierten die Schüler noch verschiedene Polizeigriffe, um sich auch ohne Waffen verteidigen zu können.501 Schließlich gab es auch noch einen Schwimmunterricht, der im Müllerschen Volksbad oder in der Militärschwimmschule stattfand, die seinerzeit auf dem Oberwiesenfeld lag.502 An der Polizeireitschule in München übten die Gesetzeshüter ferner, auch im Sattel eine gute Figur abzugeben, bis diese besondere Lehranstalt am 1. Septem ber 1935 ihren Betrieb einstellen musste.503 Ebenfalls in der Landeshauptstadt befand sich die Kraftwagenwerkstätte Bayern-Süd, in der die Anwärter lernten, verschiedene Kraftfahrzeu ge zu lenken, wozu vor allem das Automobil und das Motorrad zählten. Dort konnten sie auch gleich den Führerschein erwerben.504 Letztlich wohnten sie noch einigen Vorträgen bei, die sich mit dem noch jungen Flugverkehr, dem Gasschutz oder dem Sanitätswesen ausein andersetzten. Vor diesem Hintergrund frischten sie ihre Kenntnisse in Erster Hilfe auf und durften mitunter sogar fliegen, um dabei zu lernen, wie sie sich in einem Flugzeug orientie ren konnten. Außerdem erfuhren sie mehr über den Luftschutz und die Tätigkeit der Luftpolizei.505 500 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Volkswirtschaftslehre (endgül tiger Lehrplan), [1933]. 501 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für die Ausbildung in den Leibesübungen, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Lei besübungen, [1933]. 502 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1529, Offizierschule an Komman deur der Polizeischulen: Gebühren, 09.02.1934; BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1529, Entwurf: Offizieranwärterkurs an Landespolizei-Offizierschule München: M ilitär schwimmschule, 22.06.1935. 503 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1528, I. A. u. I. V. Pohl (Landespoli zeiamt beim StMdI) an u. a. den Herrn Chef der Pol.Reitschule München und im Abdruck an den Offizier-Anwärter-Kurs: Reitausbildung der Offizier-Anwärter 1928, 02.07.1929; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1528, von Cochenausen (Kriegschule München - Kommando) an Landespolizei-Offizierschule München: Reitunterricht an die Fähnriche der Landespolizei-Offi zierschule, 03.09.1935; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1513, Lehrplan über die Ausbildung im Reiten, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Reiten, [1933]. 504 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1528, I. V. Doehla (Landespolizei am t beim StMdI) an u. a. Leiter des Pol.Offiz.Anw.Kurses: Kraftfahrausbildung der Pol.Offz.Anw., 14.10.1930; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1528, Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. Kommandeur der Polizeischulen: Ausbildung der Fah nenjunker und Fähnriche im Reiten und im Steuern von Kraftfahrzeugen, 21.07.1933; BayHStA M ün chen - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Lehrplan für die Ausbildung im Kraftfahrwesen, [1934]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Kraftfahrwesen, [1933]. Wei tere organisatorische Details zur Kraftfahrausbildung finden sich in BayHStA München - Kriegsar chiv, Landespolizei Inspektion 33. 505 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Einzelvorträge, [1933]; BayHS tA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Einzelvorträge, [1934]. Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Abbildung 6: Polizeiskischule „Schwarzenkopf“ (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) Abseits des lehrplanmäßigen und fachgebundenen Unterrichts beinhalteten die Lehrgänge darüber hinaus noch besondere Lehreinheiten. In erster Linie übten die Schüler den prakti schen Einzel- und den polizeilichen Truppendienst, wofür sie in der Polizeidirektion Mün chen knapp einen Monat lang zubrachten. Daneben absolvierten sie einen Skikurs, den die Offiziersschule auf der Schwarzenkopfrütte in Spitzingsee abhielt. Auch besuchten die Be amten einen Kurs im Gasschutz, der direkt in der Landeshauptstadt stattfand.506 Er befasste sich z. B. mit der Frage, wie Giftgast theoretisch im Kampf eingesetzt oder wie eine verseuch te Örtlichkeit gereinigt werden könnte, um die Ordnungshüter auf einen solchen Katastro pheneinsatz vorzubereiten.507 Vor 1933 lernten die Offiziersanwärter auch den Gendarmerie dienst näher kennen. Einige Wochen lang sammelten sie an verschiedenen Revieren auf dem Lande praktische Erfahrungen, nachdem sie bereits in Dienststellen in der Großstadt einge setzt waren.508 Doch dies änderte sich nach der „Machtergreifung“, da dem Bayerischen In nenministerium nun der Dienst der angehenden Oberbeamten in der Polizeidirektion an scheinend ausreichte.509 Am Ende des Lehrgangs hatten die Anwärter eine schriftliche und eine mündliche Prüfung zu absolvieren, die ihr theoretisches Wissen und vor allem ihr prak tisches Können in den zentralen Fächern auf die Probe stellte.510 Die folgende Tabelle zeigt, welche Prüfungen die Schüler an der Münchner Offiziersschule ablegen mussten:511 506 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 40, [unleserlich] (Offizierschule der L.P.) an Landespolizei-Inspektion Bayern: Ausbildung der Oberfähnriche der L.P., 08.11.1934. 507 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1515, Doehla (Landespolizei-Inspek tion Bayern) an Kommandeur der L.P.-Offizierschule München: Gasschutzkurs der Oberfähnriche, 15.02.1935. 508 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 587, Abschrift: Dr. Stützel (StMdI) an u. a. Polizeidirektion München: Ausbildung der Pol.Offz.Anwärter im Gendarmeriedienst, 19.02.1932. 509 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 34, I. A. Doehla (StMdI) an u. a. Landespolizei München: Ausbildung der Polizeioffiziersanwärter im Gendarmeriedienst, 07.07.1933. 510 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Abdruck: I. A. Doehla (StM dI) an u. a. Reichszwischenbefehlsstelle für die Polizei im Amte Stuttgart: Offizierprüfung 1934 an der L.P.-Offizierschule München, 14.11.1934. 511 Die folgende Aufstellung beruht auf BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 40, Abdruck: Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. Kommandeur der 119 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Tabelle 2: Fächer- und Prüfungsplan an der Offiziersschule M ünchen (Stand: 1933) L ehrfach Zwischenprüfung O ffiziersprüfung W ertung Taktik schriftliche Prüfung 2 schriftliche Prüfungen vierfach Innerer D icnsl'T nippendicnst praktische Prüfung praktische Prüfung drei fach W affen- und Sciiießkunde schriftliche Prüfung schriftliche Prüfung zw eifach K riegsgeschichte schriftliche Prüfung schriftliche Prüfung zw eifach Polizei künde schriftliche Prüfung schriftliche Prüfung einfach Staatsbürgerkunde schriftliche Prüfung schriftliche Prüfung einfach Innendienst schriftliche Prüfung schriftliche Prüfung einfach Pionier! eil re scltriftliclte Prüfung schriftliche Prüfung einfach Gelände lehre schriftliche Prüfung schritllichePrüfung einfach Nachriclitem niitelkunde scltriftliche Prüfung schriftliche Prüfung einfach V olkswirtschaft m ündliche Prüfung einfach Leibesübungen praktische Prüfung praktische Prüfung einfach Reiten Kraft fahren Einzelvorlrägc in F lugw esen. G asschutz, Sanitätswesen usw. Generell hatten es die Lehrkräfte selbst in der Hand, ihren Unterricht mit Inhalten zu füllen. Dazu mussten sie sich insbesondere an den gängigen Gesetzestexten und deren Kommenta ren orientieren. Ein noch größeres Gewicht besaßen aber die polizeidienstlichen und mili tärischen Fachbücher und -zeitschriften, vor allem jedoch die zahlreichen Heeresdienstvor schriften (H D v).512 Dass gerade diese einen wichtigen Schwerpunkt des Unterrichts darstellten, unterstreicht erneut, wie sehr sich die polizeiliche Offiziersausbildung an derje nigen der Armee anlehnte und damit auch den Einsatz der Ordnungsmacht in diese Rich tung lenkte. Damit war die Tätigkeit der Offiziersschule München jedoch noch lange nicht erschöpft. Sie organisierte außerdem noch verschiedene Kurse, die das Ziel verfolgten, die bereits ak tiven Führungskräfte fachlich weiterzubilden. Vom 3. November 1931 bis 30. April 1932 ver anstaltete sie etwa einen Fortbildungskurs für Polizeioffiziere, „die sich zur Heranbildung von Führergehilfen, als Lehrer für Offiziers- und Offiziersanwärterkurse und für höhere Füh rerstellen der Schutzpolizei eignen“.513 Auch im jungen NS-Staat fanden ähnliche Lehrgänge statt, die sich an ausgewählte Beamte richteten, die sich auf diesem Wege für höhere Posten innerhalb des Polizeiapparats qualifizieren konnten.514 Diese waren nun Teil einer theoreti Pol.Offizierschule: Bestimmungen für die Ausbildung der Polizeioffizieranwärter auf der Polizeioffi zierschule (Beilage 1), [1933]. 512 Eine Auswahl der verwendeten Lehrmittel ist enthalten in BayHStA München - Kriegsarchiv, Landes polizei Inspektion 41. 513 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 308, I. A. Pirner (StMdI) an u. a. Polizei schule FFB: Bereitschaftspolizei; Fortbildung der Polizeioffiziere, 10.10.1931, S. 1. Weitere solcher „Of fiziersfortbildungskurse“ sind für die Weimarer Jahre dokum entiert in: BayHStA München - Kriegs archiv, Landespolizeiamt 121 und 122. 514 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1511, Abdruck: I. A. von Bomhard (Landespolizei-Inspektion Bayern) an u. a. die Landespolizei-Inspektion beim Sächsischen Mi nisterium d. Innern: Führergehilfenausbildung an der Pol.Offizierschule München, 25.07.1934; BayHS tA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 1511, Abdruck: Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. die Herren Kommandeure der Landespolizeien: Offi zierfortbildungskurs 1934, 13.01.1934. Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 schen Sonderausbildung, welche die Polizeiführer in der Übergangsphase vom demokrati schen zum totalitären Staat zu absolvieren hatten, um etwa zu Hauptleuten aufsteigen zu können.515 Ihr juristisches Fachwissen konnten die Oberbeamten ab 1928 vertiefen, indem sie spezielle polizeirechtliche Kurse besuchten. Sie sollten ausgewählte Kandidaten etwa dazu befähigen, in den Bereitschaften künftig über diverse Rechtsgebiete zu lehren.516 Aber nicht nur die Hundertschaften benötigten fähiges Führungspersonal, sondern auch die Sonderdienstzweige. Für sie schrieb das Landespolizeiamt jedoch nur wenige Stellen aus, auf die sich interessierte Offiziere dann selbst bewerben konnten. Geeignete Kandidaten mussten eine Spezialausbildung absolvieren, um z. B. in der Flugüberwachung, im nachrich ten- oder kraftfahrtechnischen Dienst oder in den berittenen Zügen eingesetzt zu werden.517 Ausgewählte Oberbeamte konnten ihre Kenntnisse im Gasschutz erweitern, indem sie dazu an besonderen Lehrgängen teilnahmen. Dort lernten die angehenden Gasschutzoffiziere etwa, wie sie mit Schutzkleidung und Atemmasken umzugehen hatten, um sich bestmöglich vor der unsichtbaren Gefahr zu schützen.518 Wer ferner ein Waffenoffizier werden wollte, muss te bei einem der beiden Polizeiwirtschaftsämter einen 14-tägigen Kurs besuchen, damit er dieses besondere Amt ausüben konnte.519 Nachdem sie einen Lehrgang für Offiziersanwärter erfolgreich absolviert hatten, war da mit die Ausbildung der polizeilichen Führungskräfte grundsätzlich nicht beendet. Nun wa ren die einzelnen Standorte gefordert, Angebote zu schaffen, um ihre Offiziere polizeifach lich und sportlich weiterzubilden. Die jeweiligen Kommandos hatten also dafür zu sorgen, dass vor Ort regelmäßig Seminare und Vorträge stattfanden, in denen die Beamten auf den neuesten Stand gebracht und ihre Fähigkeiten trainiert wurden. Oftmals richteten sich die se Maßnahmen jedoch nicht exklusiv an die Offiziere. Vielmehr waren sie an die gesamten Angehörigen einer Dienststelle adressiert, so dass auch Wachtmeister daran teilnahmen. In sofern öffnete ein erfolgreich abgeschlossener Lehrgang an der Offiziersschule eine Türe. Wer sie durchschritten hatte, befand sich innerhalb der Polizei in einem höheren Rang und ver fügte damit über eine mächtige sowie verantwortungsvolle Position. Das bedeutet allerdings nicht, dass er damit für immer ausgelernt hatte. Stattdessen musste er sich ständig weiterbil den und daher an seinem Standort weitere kleine Kurse besuchen, um seiner besonderen Rolle im Polizeiapparat gerecht zu werden.520 Daran sollte sich auch in Zukunft nichts ändern.521 515 Über diese Sonderausbildung informiert insbesondere BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespo lizei München 1514. Weitere Dokumente zu Fortbildungskursen der Jahre 1932 bis 1934 liefert zu dem BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1531. 516 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 125, Lossen an das Landespolizeiamt: Er fahrung über den polizeirechtlichen Kurs, 29.10.1928. Der gesamte Akt dokum entiert umfangreich diese polizeirechtlichen Kurse: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 125. 517 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 34, von Seißer (Landespolizeiamt) an die Herren Chefs nach Verteiler II: Offizierausbildung, 29.04.1927. 518 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 484, I. A. Pirner (StMdI - Polizei wirtschaftstelle) an u. a. die Polizeivorschule Bamberg: Bereitschaftspolizei; Gasschutzlehrgang, 21.03.1932. 519 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 484, Abschrift: Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. Landespolizei München: Ausbildung von Waffen offizieren, 04.04.1934. 520 Inform ationen zu solchen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, die in den einzelnen Standorten stattfanden, finden sich u. a. in folgenden Akten: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 12, 34 und 587. 521 Siehe dazu Kapitel 5.3. 121 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Damit sich die Offiziere gerade in der kalten Jahreszeit kontinuierlich fortbilden konnten, organisierte die bayerische Ordnungsmacht alljährlich eine sogenannte Winterausbildung.522 Bereits Ende 1920 mussten sich die Oberbeamten in den einzelnen Standorten selbstständig und mithilfe älterer Kollegen weiterbilden. In dieser Anfangsphase dienten besondere Semi nare dazu, die ehemaligen Militärs für den Polizeiberuf ausreichend umzuschulen. Daneben hatten die Offiziere auch noch weitere Aufgaben zu bewältigen.523 Bei niedrigen Temperatu ren sollten die Führungskräfte ihre freie Zeit nutzen, indem sie ihr theoretisches Wissen er weiterten und dieses auch in Prüfungen unter Beweis stellten. Das theoretische Wissen ver mittelten ihnen Vorträge, die ihre Vorgesetzten oder versierte Gastredner hielten. Die Leutnante und Oberleutnante mussten jedoch auch selbst vor dem versammelten Offiziers korps des jeweiligen Standorts ein kurzes Referat halten. Derlei Vorträge befassten sich un ter anderem mit einzelnen Facetten des militärisch-taktischen Polizeieinsatzes, dem allge meinen Dienstgeschäft, aktuellen Tages- oder Ausbildungsfragen oder historischen Ereignissen.524 Außerdem musste jeder Offizier bis zum Major schriftlich eine taktische Auf gabe lösen und dabei auf dem Papier mit seiner Einheit innere Unruhen bekämpfen, die nur allzu häufig linksextreme Parteien entfacht hätten.525 Im Laufe des Ausbildungsjahres hatten möglichst alle Polizeiführer darüber hinaus an militärischen Übungen, Planspielen und Ge ländebesprechungen teilzunehmen, die diese Theorie in die Praxis umsetzten. Dabei simu lierten sie verschiedene Situationen wie etwa den „Angriff auf Aufrührer“, den „Kampfein satz in der Großstadt“ oder die „Säuberung und Befriedung einer größeren Ortschaft nach Niederschlagung eines großen Aufstandes“.526 Dergestalt bildete die bayerische Landespoli zei ihre Offiziere auch in der Übergangszeit von der Weimarer Republik hin zum NS-Staat fort.527 Wie sich später noch zeigen wird, sollte diese Praxis während des „Dritten Reichs“ auch noch in ähnlicher Form bestehen bleiben.528 3.3 Die Dominanz der Polizeitaktik im Weimarer Ausbildungswesen So facettenreich das Themenspektrum im Unterricht an den Polizeischulen auf den ersten Blick auch erscheinen mag, gestaltete sich die Ausbildungspraxis wesentlich einseitiger. Selbst einer der Väter des liberalen preußischen Polizeikonzepts, Wilhelm Abegg, sah es als not wendig an, dass sich die einzelnen Bildungsanstalten maßgeblich um die „Manneszucht“ der 522 Die theoretische Ausbildung in den W intermonaten erfolgte nicht nur für die Offiziere, sondern auch für die Mannschaften. Vgl. Schwarze, Polizei, S. 76. 523 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 544, [unleserlich, Der Chef] (Poli zeitruppenkommando München) an u. a. Abschnitt I-III: Ausbildung der Oberbeamten, 05.11.1920. 524 Einige Listen m it Vortragsthemen sind enthalten in: BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespoli zei München 15 sowie Landespolizeiamt 123 und 126. 525 Eine Auswahl solcher taktischen Aufgaben findet sich ferner in: BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei München 13, 14 und 17. 526 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 15, Landespolizei München - Abschnitts kommando III an Kommando der Schutzpolizei München: Theoretische Ausbildung d.Pol.Offze. im Ausbildungsjahr 1932/33, 04.11.1932, S. 3 f. 527 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1511, Doehla (Inspektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an die Herren Kommandeure der Landespolizeien: Theoreti sche Ausbildung der Pol.Offiziere im Winterhalbjahr 1933/34, 06.10.1933. 528 Siehe dazu Kapitel 5.3. Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Beamten kümmern sollten.529 Geprägt waren solche Gedanken von den Großeinsätzen der Polizei gegen vorwiegend linkspolitische Gegner, welche die junge Demokratie zu stürzen versuchten. Die Politik begrüßte es daher, dass gerade solche Inhalte in der polizeilichen Aus bildung dominierten, die sich auf den geschlossenen Einsatz bezogen. Die einzelnen Schutz polizisten sollten die Republik notfalls mit rabiater Waffengewalt verteidigen, wobei gerade Polizeioffiziere zu lernen hatten, ihre Untergebenen dabei siegreich einzusetzen.53° Um diese Aufgabe meistern zu können, musste die Polizei der Weimarer Republik aller dings erst ein Konzept zum polizeilichen Kampfeinsatz entwickeln, da dieses Sachgebiet vor Ende des Ersten Weltkrieges schlichtweg nicht existiert hatte. Bis dato war letztendlich die Armee dafür verantwortlich gewesen, innerdeutsche Unruhen niederzuschlagen, was aller dings nur selten vorkam.531 Taktische Verhaltensregeln der Polizei bei Aufläufen und Tumul ten waren dementsprechend über grobe Ansätze nicht hinausgekommen.532 Das änderte sich jedoch, als in den Jahren von 1919 bis 1924 große Aufstände und Streiks dazu führten, dass sich die Staatsgewalt eingehend damit befassen musste, wie sie auf solche Situationen reagie ren sollte. Deshalb schufen vor allem Vertreter des preußischen Offizierskorps eine einheit liche Polizeiverwendungslehre, die auch als Polizeitaktik bekannt und maßgeblich von der artigen Szenarien geprägt war. Besonders in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre manifestierte sie sich in zahlreichen Verordnungen, Lehrbüchern und sonstigen Schriften. Dabei taten sich insbesondere das Polizeiinstitut in Charlottenburg und die Höhere Polizei schule in Eiche hervor. Letztere war es auch, die den Begriff „Polizeiverwendung“ prägte, um damit ein eigenes Fach zu begründen. In ihm studierten die Anwärter, wie sie die ihnen un terstellten Wachtmeister und Einheiten zu führen hatten, um bei Kundgebungen, Krawallen und Kampfeinsätzen in Innenstädten oder im freien Gelände möglichst effizient gegen die Aggressoren vorzugehen.533 Das Polizeiinstitut hingegen war maßgeblich daran beteiligt, eine allgemeingültige Polizeiverwendungslehre zu entwickeln.534 Das preußische Innenministeri um beauftragte die wichtigste polizeiliche Forschungsanstalt sogar damit, Vorschriften aus zuarbeiten, nach denen die Beamten polizeitaktisch und an der Waffe ausgebildet werden sollten.535 Die 1929 für Preußen veröffentlichte Vorschrift zur „Polizeiverwendung“ setzte sich hingegen relativ nüchtern mit dem mehr oder minder alltäglichen Dienst der Staatsgewalt auseinander. Neben der Organisation von Revieren und sonstigen Gliedern der Ordnungs macht behandelte sie, wie ihre Vertreter gegenüber Menschenaufläufen und auf Katastro phen zu reagieren hatten. Der geschlossene Einsatz gegenüber gewalttätigen Gruppen spiel te in ihr aber keine Rolle.536 529 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 94. 530 Vgl. Ders., Mit „Manneszucht“ gegen „irregeleitete Volksgenossen“. Bildung und Ausbildung der preu ßischen Schutzpolizei in der Weimarer Republik, in: Reinke, Sicherheit, S. 71-93, hier: S. 83-85. 531 Vgl. Zaika, Polizeigeschichte, S. 48; Danner, Ordnungspolizei, S. 143; Jochims, Weg, S. 100. Daniel Schmidt weist jedoch darauf hin, dass bereits während des Kaiserreichs die Polizei im Ruhrgebiet zu sammen m it der Armee bei Streiks einschritt. Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 60. 532 Vgl. Siegfried Zaika, Polizeiliche Einsatzlehre von der Jahrhundertwende bis zum Dritten Reich, in: Nitschke, Polizei, S. 98-118, hier: S. 99-105. 533 Vgl. Ders., Polizeigeschichte, S. 33 und 66. Wie Lothar Danner für die Hamburger Ordnungspolizei festhält, bildete sie ihre Oberbeamten in der Polizeitaktik aus, indem sie sich nicht nur m it den G roß einsätzen der Weimarer Frühphase, sondern auch m it Schlachten des Ersten Weltkriegs auseinander setzte. Vgl. Danner, Ordnungspolizei, S. 150 f. 534 Vgl. Wolfstieg, Polizeibeamte, S. 104 und 114. 535 Vgl. Zaika, Polizeigeschichte, S. 62. 536 Vgl. V.f.d.P, Nr. 8/I: Polizeiverwendung Teil I, Berlin 1929. 123 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k In der tteorie sollte die Polizei vorwiegend präventiv tätig werden, also Unruhen am bes ten gar nicht erst entstehen lassen und nur notfalls mit Waffengewalt gegen Aufständische vorgehen. Sie musste versuchen, potentielle Gefahrenherde zu beseitigen, indem sie etwa Personen oder Gebäude nach Waffen durchsuchte, Razzien durchführte und die Rädelsfüh rer vorzeitig festnahm. Bei Ausständen, politischen Umzügen und Kundgebungen sollte sie sich ebenfalls zurückhalten. War es aber unvermeidlich, gegen die Unruhestifter gewaltsam einzuschreiten, hatte die Staatsgewalt nicht davor zurückzuschrecken, die Schusswaffe zu ge brauchen. Denn im Ernstfall kam ihr die Aufgabe zu, Tumulte restlos niederzuschlagen, um dadurch Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen. Dabei hatte sie jedoch darauf gefasst zu sein, selbst von bewaffneten Aufständischen oder gar Heckenschützen angegriffen zu wer den. Um sich auf solche Szenarien vorzubereiten, hielten die Polizeischulen und Bereitschaf ten zahlreiche Planspiele ab und übten darin vor allem den Straßen- und Gebäudekampf. In solchen praktischen Simulationen trafen die Beamten gedanklich meist auf kommunistische Gegner, mit deren Kampfweise sich die polizeilichen Taktiker intensiv beschäftigten.537 Dadurch kultivierte die Polizei jedoch ein Feindbild, das sich häufig in der zeitgenössi schen Fachliteratur fand, die sich ab Mitte der zwanziger Jahre intensiv mit polizeitaktischen Belangen auseinandersetzte - ironischerweise also in einer relativ ruhigen Zeit, in der es kei ne innerdeutschen Unruhen gab. Diese befasste sich umso stärker mit den Aufständen der Weimarer Frühphase, je weiter die Zeit seither vorangeschritten war.538 Zu den fachlichen Pu blikationen gehörten z. B. Titel wie die „Polizei-Taktik“ der beiden Polizeioffiziere Botho Els ter und Herbert Jilski oder die zweibändigen „Aufgaben aus der Polizeiverwendungslehre“ von Cassian Freiherr von Montigny und Franz Beyer.539 Ziemlich unterschiedlich spiegelte sich die Polizeiverwendung in den beiden wichtigsten Standardwerken der preußischen Polizeiliteratur wider. Das „Polizei-Handbuch“ von Poli zeischuldirektor Friedrich Retzlaff konzentrierte sich durchgehend auf verfassungs- und po lizeirechtliche Belange, ohne auf die Polizeitaktik einzugehen.540 Obwohl auch „Das Lehr buch für die Polizeischulen“ von Polizeioberst Willi Neese neben den Feldern Kriminalistik und Erste Hilfe vorwiegend die verschiedenen Rechtsbereiche behandelte, widmete hinge gen die Ausgabe des Jahres 1930 dem U e m a ein großes Kapitel. Darin klärte es das Fachpu blikum über die polizeilichen Gegner auf. Diese seien entweder „harmlose Schaulustige, die einer polizeilichen Sperrkette gegenüberstehen; [...] Aufrührer oder öffentliche Friedensstö rer“ oder sogar „mit M.G. und Gewehren bewaffnete, gut organisierte, unter einheitlicher Führung stehende Banden, die auf gewaltsamem Wege die Reichs- und Staatsverfassung än dern wollen“.541 Wenngleich es zwar zunächst vernünftig erscheinen mag, dass der Autor zwi schen diesen Gruppen unterschied, überraschen jedoch der Jargon und das dahinterstehen de Bedrohungsszenario, das er von den staatsgefährdenden „Banden“ zeichnete. Dies 537 Vgl. Zaika, Polizeigeschichte, S. 135-210. 538 Vgl. Knatz, Heer, S. 377. Weitere Ausführungen über die zeitgenössische Literatur zur Polizeiverwen dung finden sich bei ebd., S. 373-386 und generell bei Zaika, Polizeigeschichte. 539 Vgl. Botho Elster/Herbert Jilski, Polizei-Taktik. Übungsbuch für den praktischen Unterricht, Berlin 1928; Cassian Freiherr von Montigny/Franz Beyer, Aufgaben aus der Polizeiverwendungslehre, 2 Bde., Berlin 1931. 540 Vgl. Friedrich Retzlaff, Polizei-Handbuch, 33. Aufl., Lübeck 1928. 541 Willi Neese, Das Lehrbuch für die Polizeischulen, 10. verb. u. vermehrte Aufl., Berlin 1930, S. 611. 124 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 verwundert sogar noch mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass die Polizeiverwendung in früheren Ausgaben überhaupt keine Rolle gespielt hatte.542 Recht schnell konnte sich eine derartige Denkweise in der polizeilichen Fachliteratur eta blieren. Sie schlug sich dort zwar besonders in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre nie der, offenbarte sich in einschlägigen Werken aber auch deutlich früher. Insbesondere der „Mitteldeutsche Aufstand“ des Jahres 1921 fand sich sehr häufig als zentrales Motiv in den zeit genössischen Schriften. Ihre Autoren stammten aus den Reihen der Polizei und werteten da bei hauptsächlich die Vorgehensweise ihrer Berufsgenossen aus. Unter ihnen befanden sich auch einige Lehroffiziere, die an der Höheren Polizeischule oder anderen Bildungsinstanzen tätig waren und mit ihren Schriften die Polizeiverwendungslehre maßgeblich prägten.543 Zu diesen literarischen Urvätern aus Eiche gehörte z. B. der Polizeimajor Karl von Oven, der zahlreiche Schriften zum Polizeikampf publizierte.544 Eines seiner Bücher beinhaltete Aufga ben aus der Polizeitaktik, in denen auch Musterlösungen dafür enthalten waren, welche Be fehle ein verantwortlicher Offizier erteilen sollte. Es skizzierte dabei die fiktive Lage, dass im Reich Aufstände ausgebrochen seien, welche die Polizei nun niederschlagen müsse, wobei es konkret auf den Mitteldeutschen Aufstand verwies.545 Zwar begrüßte es von Oven, dass sich Mitte der zwanziger Jahre solche Situationen nicht mehr ereignet hätten. Dennoch plä dierte er dafür, die Polizei nun erst recht für den geschlossenen Kampfeinsatz adäquat aus zubilden, „denn je besser gerüstet und auf alle Möglichkeiten vorbereitet die Schutzpolizei ist, um so mehr trägt sie zur immer weiter fortschreitenden Genesung und Gesundung unseres Volkes bei. Eine gute, für alle Lagen verwendungsbereite Schutzpolizei wirkt allein schon durch ihr Vorhandensein abschreckend auf staatsfeindliche Elemente und hält sie davon ab, sich mit Gewalt gegen die bestehende Staatsordnung zu wenden. Je mehr wir also wünschen, möglichst selten oder nie mehr die harte und schwerste Pflicht der Polizei, den Kampf gegen Volksgenossen, erfüllen zu müssen, um so mehr müssen wir für einen derartigen Kampf bereit sein.“546 Mit Karl Fendel-Sartorius wollte der Leiter der Hessischen Landespolizeischule in Darmstadt ebenfalls etwas zum Thema beisteuern. In einer Schrift versuchte er bestimmte Grundsätze für den Polizeikampf aufzustellen, wobei er sich eingehend mit innerstädtischem „Straßenund Häuserkampf“ und dem „Bandenkrieg“ auseinandersetzte.547 „Das polizeiliche Gefecht im freien Gelände“ sparte er dabei jedoch aus, „weil dessen Grundsätze dem größten Teil der Beamtenschaft noch von Kriegs- und Friedenszeiten her bekannt sind und außerdem hier die vorhandenen militärischen Gefechtsvorschriften nach einiger Umstellung zur Not ver 542 Vgl. u. a. Ders., Das Lehrbuch für die Polizeischulen, 3. verb. u. vermehrte Aufl., Berlin 1923; Ders., Das Lehrbuch für die Polizeischulen, 4. verb. u. vermehrte Aufl., Berlin 1924. 543 Vgl. Zaika, Polizeigeschichte, S. 65; Kemmerich, Entstehung, S. 42; Jochims, Weg, S. 136. 544 Vgl. u. a. Karl von Oven, Straßenkampf - Gedanken zur Polizeiführerausbildung - Die Tätigkeit der beteiligten Polizeikommandos bei der Vorbereitung des großen Aufsichtsdienstes - Vorausdisponie ren in Kampfverhältnissen, 2. Aufl., Berlin/Lübeck/Hamburg 1928. Zur Biographie von Karl von Oven ferner: Schmidt, Polizisten, S. 192-194. 545 Vgl. Karl von Oven, Polizeiverwendung dargestellt an Aufgaben. Buch I: Im landespolizeilichen Ein satz, Lübeck 1927, S. 3. 546 Ebd., S. 3. 547 Karl Fendel-Sartorius, Die Schutzpolizei und ihre Gefechtsgrundsätze, 2. Aufl., Darmstadt 1922, S. 43. 125 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k wandt werden können“.548 Auch bayerische Autoren, wie etwa Oberleutnant Max Kreutzer, ließen Polizisten in ihren Büchern gegen Widerständler und Aufständische kämpfen.549 Selbst das preußische Innenministerium analysierte bereits 1921 in einer Denkschrift, wie sich die Polizei anlässlich des Mitteldeutschen Aufstands verhalten hatte. Die Schrift „Die Märzunruhen 1921 und die preußische Schutzpolizei“ stellte fest, dass nahezu alle Kommu nen des Aufruhrgebietes „unter kommunistischem Terror“ gestanden hätten.550 Als äußerst brutal beschrieb sie die linksextremen Gegner, gegen die sich die Polizeiverbände schließ lich durchgesetzt hätten. Eine zentrale Aufgabe der Schutzpolizei sei dabei der „Kam pf ge gen die großen Banden, die sich abseits der Hauptstraßen plündernd, brandschatzend und mordend auf dem flachen Lande“ herumgetrieben hätten, und deren „Vernichtung“ gewe sen.551 Letztlich sei es aber den vielen kleinen Polizeieinheiten gelungen, die „[r]estlose Be friedung des gesamten Aufruhrgebiets“ zu erwirken, wobei die Staatsmacht „größere Säube rungsaktionen“ durchgeführt und das „Bandenunwesen“ erfolgreich bekämpft habe.552 Ein ähnliches Vokabular verwendete auch der Polizeimajor Walter Drobnig. In seinem 1929 erschienenen Buch „Der mitteldeutsche Aufstand 1921“ plädierte er dafür, dass die Ord nungsmacht gegenüber den Aufrührern schneller und energischer hätte durchgreifen müs sen. Auch er sprach anlässlich des Polizeieinsatzes von „Bandenbekämpfung“, „Befriedungs aktionen“ und „Säuberungsunternehmungen“.553 Trotz einiger Fehler sei dies insgesamt erfolgreich verlaufen, was allerdings auch den polizeilichen Gegnern zu verdanken gewesen sei. Der dezentrale „Bandenkrieg“ sei auch deswegen gescheitert, weil die Aufständischen ihn unkoordiniert und uneinheitlich geführt hätten.554 Selbst bei solchen Einsätzen dürfe ins besondere der Polizeioffizier aber nie vergessen, dass sein Handeln stets auf den geltenden Gesetzen basieren und er sich deshalb gegenüber der revoltierenden Bevölkerung ruhig und überlegt verhalten müsse. Auch im Eifer des Gefechts habe ihm bewusst zu sein, „daß die Aufstandsbekämpfung sich nicht gegen Feinde, sondern gegen irregeleitete Volksgenossen richtet“.555 Nicht nur der Mitteldeutsche Aufstand diente den literarischen Polizeitaktikern als Vorla ge, um auf Basis eines Polizeieinsatzes diverse Übungen, Planspiele und theoretische Aufga ben zu entwickeln. Das Buch „Der Kampfeinsatz der Schutzpolizei bei inneren Unruhen“ be schäftigte sich mit den Hamburger Oktoberunruhen des Jahres 1923. Es stammte aus der Feder des Polizeioberleutnants Wilhelm Hartenstein, der an den Ereignissen in der hansea tischen Metropole selbst beteiligt gewesen war.556 Bevor er sich darin recht ausführlich dem Aufstand und daran orientierten Aufgaben für den Unterricht widmete, setzte er sich mit der Frage auseinander, wie sich Kommunisten bei inneren Unruhen taktisch verhielten. Über das Mittel des Streiks zielten diese darauf ab, den bewaffneten Aufstand zu proben, um letzt 548 Ebd., S. 3 f. 549 Vgl. Max Kreutzer, Der Einsatz der Schutzpolizei im Stadtgebiet, München 1932. 550 Die M ärzunruhen 1921 und die preußische Schutzpolizei. Mit einem Beiheft: Von der Schutzmann schaft zur Schutzpolizei. Amtliche Denkschrift des Ministeriums des Innern, Berlin 1921, S. 16. 551 Ebd., S. 10. 552 Ebd., S. 15. 553 Walter Drobnig, Der mitteldeutsche Aufstand 1921. Seine Bekämpfung durch die Polizei, Lübeck/Ber lin/Hamburg 1929, S. 130 und 147. 554 Vgl. ebd., S. 159 f. 555 Ebd., S. 173. 556 Vgl. Wilhelm Hartenstein, Der Kampfeinsatz der Schutzpolizei bei inneren Unruhen, Charlottenburg 1926, S. 3. Zum Niederschlag des Hamburger Aufstandes in der polizeifachlichen Literatur ferner: Boldt, Reform, S. 129 f.und 143. 126 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 lich eine Rätediktatur zu errichten. Damit sie diese verwirklichen konnten, gründeten die linksextremistischen Akteure „Partisanenabteilungen“, in denen sie dezentral operierten. Nachdem sie zunächst wichtige Örtlichkeiten besetzt hätten, seien sie darauf aus, sich „in nerhalb eines Aufstandsgebietes“ zu größeren Einheiten zu formieren und daraufain größe re Areale zu erobern.557 Hartenstein plädierte dafür, entschieden gegen diese Formationen vorzugehen, da sie enorm gefährlich seien. „Für die Schutzpolizei kommt somit alles darauf an, so schnell wie möglich mit den einzelnen Partisanenabteilungen fertig zu werden“, wie der Offizier klarstellte.558 Ferner sprach er vom „Banditenwesen“, das sich unter dem Deck mantel des kommunistischen Aufruhrs formiere,559 und ließ sich über „bewaffnete Banden“560 oder „die bolschewistische Gefahr“561 aus. Um den geschlossenen Einsatz und seine Eigen heiten zu beschreiben, bedienten sich die polizeilichen Literaten also zuweilen eines Jargons, der erst nach Ende der ersten deutschen Demokratie seinen Siegeszug antreten sollte. Die Weimarer Polizeiführer verwendeten einen Wortschatz, der jedoch wesentlich älter war als die Polizeiverwendung. In ihren Schriften fanden sich Begriffe, aber auch Denkwei sen und Feindbilder, die eine lange Tradition besaßen. Um die gefürchteten „Banden“ zu be kämpfen, hatten sich schon im Dreißigjährigen Krieg lokale Initiativen auf deutschem Bo den formiert. In der Folgezeit übernahmen staatliche Stellen diese Aufgabe und verfeinerten zunehmend ihre Methoden. Als dann im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 die „Franktireurs“ gegen die deutschen Truppen bewaffneten Widerstand leisteten und einen „Volkskrieg“ führten, ging das deutsche Militär gegen die irregulären Verbände unerbittlich vor. Das Narrativ der heimtückisch aus dem Hinterhalt operierenden „Freischärler“ blieb den Deutschen aber noch lange erhalten und sollte auch weiterhin ihre Kriegsführung ge gen Partisanen beeinflussen. Im 19. Jahrhundert entstanden Strategien und Taktiken zur „Bandenbekämpfung“, welche die Armee unermüdlich theoretisch und praktisch einstudier te. Die Streitkräfte und eigens dafür eingerichtete Polizeiorgane konnten sie in militärischen Operationen in den deutschen Kolonien und während des Ersten Weltkriegs testen, was oft mals zu einem äußerst brutalen Umgang mit Widerständlern, aber auch der Zivilbevölke rung führte. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten die dahinterstehenden Konzepte in den Freikorps fort, die sie etwa im Kampf gegen die Münchner Räterepublik anwendeten. Aber auch die Armee ließ nicht von ihnen ab, als sie in den oberschlesischen Aufständen von 1919 bis 1921 gegen polnische Partisanen vorging.562 A uf die deutschen Streitkräfte und vor allem auf die deutsche Ordnungsmacht warfen all diese Ereignisse einen langen Schatten. Noch über Jahrzehnte hinweg prägten sie nicht nur Mentalitäten und Feindbilder der Poli zei, sondern auch deren berufliches Vokabular, was sich gerade in der Ausbildung ihrer Ober beamten zeigte.563 Eine solche eher mit der NS-Ideologie assoziierte Wortwahl beschränkte sich allerdings nicht auf das Gebiet der Polizeitaktik, sondern erfasste auch andere Themen und Diszipli nen, die in den Polizeischulen der Weimarer Republik gelehrt wurden. Ein Standardwerk zur Staatsbürgerkunde von Friedrich Ehringhaus und Heinrich Münscher versuchte, seinen Le sern ein fundamentales Wissen darüber zu vermitteln, wie das politische System der Wei- 557 Hartenstein, Kampfeinsatz, S. 16 f. 558 Ebd., S. 18. 559 Ebd., S. 19. 560 Ebd., S. 35. 561 Ebd., S. 34. 562 Vgl. dazu Blood, Bandit Hunters, S. XII, 3-28 und 31 563 Siehe dazu Kapitel 5., 8. und 9. 127 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k marer Demokratie organisiert war. Die historischen und verfassungsrechtlichen Grundla gen sollten den Gesetzeshütern nicht nur dazu dienen, ihre Allgemeinbildung zu verbessern. Mehr noch zielte der Polizeiapparat darauf ab, ihre Angehörigen dadurch zu loyalen und überzeugten Repräsentanten des Staates zu erziehen. Während sich dabei das Buch beispiels weise mit dem Wahlrecht, dem Rechts- und dem Finanzwesen sowie der Rolle der Reichs wehr und der Kirche in Weimar recht sachlich befasste, behandelte es andere Themen hin gegen nicht ganz so neutral. Es hetzte z. B. über den Versailler Vertrag und den „Inhalt dieses Gewaltfriedens“. Denn Deutschland habe zahlreiche Gebiete verloren, „obwohl die Länder und ihre Bewohner der Geschichte und der Blutsgemeinschaft nach vielfach zu ihm gehören“.564 Außerdem habe die Entente das Land „völlig wehrlos gemacht unter dem Mäntelchen der Rüstungseinschränkungen, die bis jetzt kein anderer Staat eingeführt hat“.565 Neben dieser „Verstümmelung Deutschlands“ sei es „der leitende Gedanke des Schmachvertrages“, den deutschen Außenhandel zu zerstören.566 „A uf lange Zeit hinaus müssen wir die sauer ver dienten Erträgnisse unseres Fleißes an den Feindbund zahlen, obwohl von Jahr zu Jahr sich deutlicher herausstellt, daß nicht wir, sondern unsere Feinde den Krieg gewollt haben“, wie das Autorenduo klarzustellen meinte. Daher sei jeder Deutsche dazu angehalten, „die Kriegs schuldlüge zu bekämpfen und die schweren und unträglichen Bestimmungen des Londoner Abkommens ändern zu lassen“.567 Einen ähnlichen Tenor besaßen dann auch weitere Bücher zur „Staatsbürgerkunde“, die zu Beginn des „Dritten Reichs“ erschienen.568 Der Ausgang des Ersten Weltkriegs und dessen Konsequenzen für das Deutsche Reich waren U em en, über welche die polizeiliche Literatur häufiger diskutierte. Insbesondere die Frage nach den deut schen Reparationszahlungen fand sich in einigen Werken wieder. Ein zweiteiliger Beitrag des „Deutschen Polizei-Archivs“ etwa rechnete Lehrern und Schülern der Polizei vor, wie hoch diese ausfielen und welche Lasten dadurch für den Reichshaushalt entstanden.569 Innerhalb der Weimarer Polizei kursierten auch verschiedene Ansichten über Kriminali tät und ihre Ursachen, die später die Nationalsozialisten zu Leitmotiven der polizeilichen Arbeit erhoben. Diese waren meist begründet auf pseudowissenschaftlichen Theorien und Forschungen, zu denen etwa die Kriminalbiologie oder die Eugenik zählten, die auf erbhygienischen und gesundheitspolitischen Konzepten basierte.570 Wenngleich sie diese Denk modelle auf eine radikalere Weise weiterentwickelten und umsetzten, waren diese pseudo 564 Friedrich Ehringhaus/Heinrich Münscher, Staatsbürgerkunde und Volkswirtschaftslehre (früher „Klei ne Staatsbürgerkunde“). Ein übersichtliches Lehr- und Lernbuch für die Fachschulen des Heeres, der Marine und Polizei, sowie für Beamte, Studenten und Schüler, 5. verb. und vermehrte Aufl., G öttin gen 1926, S. 84. 565 Ebd., S. 85. 566 Ebd., S. 87. 567 Ebd., S. 92. 568 Vgl. z. B. Christian Zinßer, Deutsche Staatsbürgerkunde. Eine leicht verständliche Einführung in die Staatsbürgerkunde des neuen Deutschlands zum Gebrauch an Grund-, Fortbildungs- und Fachschu len, Lehrlingskursen, Arbeitslagern usw., Leipzig 1933, S. 85. 569 Vgl. R. Vick, Deutschlands Reparationsverpflichtungen, in: Deutsches Polizei-Archiv, 10.08.1927, Nr. 15, S. 270-272 und Ders., Deutschlands Reparationsverpflichtungen, in: Deutsches Polizei-Archiv, 10.09.1927, Nr. 17, S. 309. 570 Durch seine Studien an Häftlingen begründete der Gefängnisarzt Dr. ^ e o d o r Viernstein Anfang der zwanziger Jahre die Kriminalbiologie, die im „Dritten Reich“ zu einer äußerst populären Wissenschaft aufstieg. Die Ergebnisse der kriminalbiologischen Forschung dienten auch den Polizeidienststellen als theoretisches Rüstzeug für ihr Vorgehen gegen Straftäter. Vgl. z. B. Wolfgang Burgmair/Nikolaus Wachsmann/Matthias M. Weber, „Die soziale Prognose wird damit sehr trübe . . .“ - ^ e o d o r Viernstein und die Kriminalbiologische Sammelstelle in Bayern, in: Farin, Polizeireport, S. 250-287; Tho 128 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 genetischen Vorstellungen und M aßnahm en also keineswegs eine Erfindung von NS-Ideologen. Das zeigt ein Blick in Fachzeitschriften und Ausbildungsmaterialien der Po lizei aus den zwanziger Jahren. In der Zeitschrift „Deutsches Polizei-Archiv“ widmete sich im Jahre 1926 z. B. Kriminaldirektor Dr. Schuppe verschiedenen Theorien, die der Frage nachgingen, ob es einen „Verbrechertypus“ gebe, der durch körperliche Merkmale auf einen kriminellen Charakter hinweise.571 Der Jurist Dr. H. Lindenau vermutete, es sei durchaus möglich, „daß mit dem Körperbau auch die verbrecherische Veranlagung zusammenhängt“.572 Ein Beitrag des Rechtsanwalts Dr. Max Alsberg feierte das Buch „Der Berufsverbrecher“ von Dr. Robert Heindl, in dem der Autor für ein härteres Vorgehen gegen Wiederholungstäter eintrat.573 Der Berliner Jurist Heindl zählte z. B. Mörder, Räuber, Einbrecher, Diebe, Erpresser, Be trüger und Mädchenhändler zum Kreise dieser angeblich unverbesserlichen Delinquenten.574 Aber auch Bettler reihte er in diese Verbrechergilde ein, die er als lästige, listige und verschla gene Gauner charakterisierte, die „glänzend auf Kosten der Mitmenschen leben und reich liche Rücklagen auf die Bank tragen“.575 Über Sinti und Roma meinte er zu wissen, „daß je der Zigeunerbesuch mit Bettel beginnt und mit Diebstahl endet“. Wer der Ansicht sei, „daß diese schwarzhaarigen, hundeäugigen, schmutzigen Gesellen einer romantischeren Vergan genheit angehören und nur mehr in Operetten und altmodischen Romanen vorkommen“, solle einen Blick in das „Zigeunerbuch der Polizeidirektion München“ werfen. Bei den an geblich kriminellen „Nomaden“ sei aber das Mittel der Sicherungsverwahrung nicht direkt anwendbar. „Denn wenn man einmal beginnen würde, einige von ihnen als professionelle Diebe und Betrüger lebenslänglich einzusperren, würden sämtliche Zigeunerwagen Rich tung Grenze nehmen.“576 Mit solchen Gedankengängen legte Heindl einen Grundstein da für, wie später die nationalsozialistischen Kriminalisten über diese Menschen denken und mit ihnen umgehen sollten. Auch der württembergische Kriminal-Obersekretär Lutz widmete sich 1926 in einer Arti kelserie intensiv dem „Zigeunerproblem“.577 Weil ein Landjäger am 7. August in Oberndorf am Neckar durch „Zigeunerhand“ ermordet worden sei, hätten weite Teile der Gesellschaft den Staat „zur Ausrottung der zur Landplage gewordenen Zigeunerbanden gefordert“. Lutz wendete sich an den Leser, um ihn „mit dem Wesen und den bösen Eigenschaften der Z i geuner“ vertraut und zugleich „Vorschläge zur Lösung des Zigeunerproblems“ zu machen. Hierbei argumentierte der Kriminalist nicht nur mit rassistischen Begrifflichkeiten, indem er z. B. über „rasseechte Zigeuner“ sprach. Mehr noch verwies er darauf, dass der Begriff „Z i geuner“ ungarischen Ursprungs sei und „so viel bedeutet wie Betrüger und Lügner“, womit er „treffend gekennzeichnet“ sei. Der Polizist charakterisierte seinen Gegner als arbeitsscheumas Kailer, Vermessung des Verbrechers. Die Kriminalbiologische Untersuchung in Bayern, 1923 1945, Bielefeld 2011. 571 Dr. Schuppe, Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv, 25.09.1926, Nr. 17/18, S. 308-310. 572 H. Lindenau, Körperbau und Verbrechen, in: Deutsches Polizei-Archiv 10.01.1926, Nr. 1, S. 8 f. hier: S. 9. 573 Vgl. Max Alsberg, Der Berufsverbrecher, in: Deutsches Polizei-Archiv 25.08.1926, Nr. 16, S. 284 f. 574 Vgl. Robert Heindl, Der Berufsverbrecher. Ein Beitrag zur Strafrechtsreform, 5. Aufl., Berlin 1927, S. 222-313. Zu Heindl ferner: Wagner, Volksgemeinschaft, S. 19-25. 575 Heindl, Berufsverbrecher, S. 255. 576 Ebd., S. 261 f. 577 Vgl. Lutz, Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv 25.02.1926, Nr. 4, S. 66-68; Ders., Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv 10.03.1926, Nr. 5, S. 93 f.; Ders., Das Zigeunerprob lem, in: Deutsches Polizei-Archiv 10.06.1926, Nr. 11, S. 191 f. 129 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k en Kriminellen, der „sehr oft freilich unter dem Deckmantel irgend eines Hausierergewer bes“ bei jeder Gelegenheit das Gesetz breche und dabei auf Kosten der Gemeinschaft lebe. „Seine Neigung zum Diebstahl ist grenzenlos“, wie Lutz ferner zu wissen glaubte, der sodann auch auf zahlreiche Raubmorde verwies, die angeblich auf das Konto der ungebetenen Gäs te gingen. Daraufein befasste er sich eingehend mit den geltenden gesetzlichen „Möglich keiten zu einer durchgreifenden Bekämpfung des Zigeunerunwesens“.578 Dazu verwies er etwa auf die Mittel der Polizei, „Zigeuner“ energisch zu überwachen, in Arbeitshäuser zu verbringen oder gar aus dem Reichsgebiet abzuschieben.579 Weil sich dies jedoch zuweilen recht schwer gestalten würde, plädierte Lutz für eine deutlich härtere Gangart der Ordnungs macht und schärfere Gesetze gegen diese „Ausnahmemenschen“580 und „Schmarotzer am ar beitenden Volk“.581 Wenngleich die Reaktion der staatlichen Behörden auf die Präsenz von Sinti und Roma in Deutschland keineswegs die Inhalte der Fachorgane dominierten, fanden sich auch andern orts Bezüge zu diesem Kontext und ähnlichen feemenkomplexen. Ein Artikel der Zeitschrift „Die Bayerische Polizei“ vom Dezember 1929 aus der Feder von Kriminal-Oberinspektor Dau merlang berichtete über „Einige praktische Ergebnisse aus dem Vollzug des bayer. Zigeunerund Arbeitsscheuengesetz“. Der im Polizeipräsidium Nürnberg-Fürth tätige Beamte würdig te dieses Gesetz, das am 5. August 1926 in Kraft getreten und gegen „Asoziale“ sowie jene Menschen gerichtet war, „bei dem die Arbeitsunlust zur Gewohnheit geworden ist“.582 Obwohl sich die Schriften zur Polizeitaktik nicht über Reparationen, Verbrechertypen oder „Zigeuner“ ausließen, bezeugen all diese U em en, welche Gedankenwelten in der Polizei all gemein und speziell in ihrer Ausbildung existierten. Zwar lässt sich nicht nachweisen, ob sich diese Vorstellungen auch auf die Einsatzpraxis auswirkten. Allerdings zeigt die ange sprochene feemenpalette recht deutlich, dass führende Repräsentanten der Polizei schon in der Weimarer Demokratie eine Weltanschauung kultivierten, die viele Parallelen zur NS- Ideologie aufwies und es der Ordnungsmacht dadurch erleichterte, sich in das „Dritte Reich“ zu integrieren. Die Ausbildungspraxis an den Polizeischulen belegt zumindest, wie stark sich das „Auge des Gesetzes“ an militärischen Konzepten und Traditionen orientierte, dabei aber auch gegen den „Feind im Innern“ zu Felde zog. Ähnlich wie der Rest des Weimarer Bundesstaats fürchtete sich auch Bayern davor, dass es zu gewaltsamen Unruhen kommen könnte, gegen die dann die Staatsgewalt entschlossen einschreiten müsste. Daher befasste sich die Ordnungsmacht des Freistaats intensiv mit der Polizeiverwendung, deren theoretische Konzepte sie besonders in ihren Schulen umfassend behandelte. Die Stabsoffiziere der Bayerischen Landespolizei mussten z. B. bereits im Sep tember 1921 zumindest auf dem Papier gegen „kom m unistische] Kampforganisationen“ kämpfen, die in Sachsen und feüringen eine „Rätediktatur“ eingerichtet hätten.583 Abseits des regulären Unterrichts hörten die Münchner Offiziere am 19. Februar 1930 in der Polizei direktion einen Vortrag, der sich Walter Drobnigs Buch „Der mitteldeutsche Aufstand 1921“ 578 Lutz, Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv 25.02.1926, Nr. 4, S. 66-68, hier: S. 66. 579 Vgl. ebd., S. 66 f. 580 Ders., Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv 10.06.1926, Nr. 11, S. 191. 581 Ders., Das Zigeunerproblem, in: Deutsches Polizei-Archiv 10.03.1926, Nr. 5, S. 94. 582 Daumerlang, Einige praktische Ergebnisse aus dem Vollzug des bayer. Zigeuner- und Arbeitsscheu engesetz, in: Die Bayerische Polizei 12 (1929), S. 187 f. 583 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 119, von Seißer (Chef des Landespolizeiamts) an u. a. Chef München: feeoretische Ausbildung der Pol.-Stabsoffiziere, 26.09.1921. 130 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 widmete.584 Um sich mit diesem Ereignis und dem gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 im Unterricht zu beschäftigen, forderte die Gendarmerie- und Polizeischule Fürstenfeldbruck schon im September 1925 entsprechende Erfahrungsberichte an, welche die beiden Unruhe szenarien analysierten.585 Außerdem informierte die Ordnungsmacht der Landeshauptstadt gelegentlich ihre Führungskräfte über neue Literaturtitel zur Polizeitaktik oder wies auf de ren Rezensionen hin. Das Kommando der Münchner Schutzpolizei machte seine Offiziere beispielsweise auf eine Kritik aufmerksam, die am 17. April 1929 in der Zeitschrift „Deutsche Wehr“ erschienen war und das Buch „Der Einsatz der Schutzpolizei im Aufruhrgebiet“ un ter die Lupe nahm.586 Noch größeren Wert legte die Bayerische Landespolizei darauf, den geschlossenen Einsatz gegen Unruhestifter auch praktisch zu üben. Das tat sie, indem sie sich in Situationen hin einversetzte, die für die Anfangsphase der Weimarer Republik geradezu klassisch waren. Sol che Übungen handelten davon, dass die Ordnungsmacht möglichst effektiv gegen Aufstän de im Landesinnern vorgehen musste. Die Münchner Schutzpolizei versetzte sich etwa am 25. November 1932 bei einem Planspiel in die Lage, die „Kräfte des gut organisierten und be waffneten grünen Kampftundes“ stoppen zu müssen. Diese würden versuchen, in Bayern einzufallen, nachdem in Nord- und Mitteldeutschland „unter Leitung einer radikalen gel ben Partei schwere Unruhen ausgebrochen“ seien. In der Gegend um Weilheim und Murnau hatten nun einige Polizeieinheiten aus der Landeshauptstadt den Aufständischen entge genzutreten und diese aufzuhalten.587 Die Staatsgewalt schritt in solchen Szenarien aber nicht nur gegen solch abstrakte Gegner ein, sondern führte zuweilen auch einen „Kam pf gegen kommunistischen Aufruhr“ und „bewaffnete rote Banden“, die plündernd und brandschat zend nach München zögen, wovon ein weiteres Planspiel handelte.588 Zahlreiche weitere sol cher Übungen skizzierten stets den gleichen Hintergrund: Kommunistische Gruppen, Ar beiter, Erwerbslose oder Bauern würden einen bewaffneten Aufstand proben, teilweise ihre Gegner ermorden und mitunter sogar Arbeiter- und Soldatenräte bilden, weil die angespann te wirtschaftliche Lage oder linksradikale Hetzer aus dem In- oder Ausland sie dazu getrie ben hätten. Die Polizei müsse unerbittlich gegen diesen gefährlichen Mob vorgehen und die Situation unter Kontrolle bringen.589 584 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 586, Schnitzlein (Kommando der Schutzpolizei München) an u. a. Abschnitte I-IV: Vortrag, 17.02.1930. 585 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 893, Abschrift: Lauer (Polizeischule FFB) an Landespolizeiamt beim StMdI: Erfahrungsbreichte, 03.09.1925. 586 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 586, Schnitzlein (Kommando der Schutzpolizei München) an u. a. Abschnitte I-III: Polizeitaktisches Lehrbuch, 24.04.1929. 587 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 483, von Imhoff (Kommando der Schutz polizei München) an u. a. Abschnitt IV: Übung am 25.11.32, 25.11.1932, S. 1 f. Vgl. ferner BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 483, Kommando der Schutzpolizei München: Kom mandobefehl, 25.11.1932. 588 BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 483, I. V. [unleserlich] (Landespolizei München - Abschnittskommando II) an u. a. Chef: Abschnittsübung am 11.7.1932 - Lage für die Ab schnittsübung am 11.7.1932 (Anhang), 08.07.1932, S. 1. 589 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 120, [unleserlich] (Kommando der Landespolizei München): Abschnittsübung am Freitag, 18.11.1927, 15.11.1927; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 120, Henigst (L.P. München): Planübung am 18.1.28, [1928]; BayHS tA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 483, Rahmenübung am 14.10.30, [1930]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, Wild (Landespolizei München - Stat.Verst. West 2): Polizeitaktische Planübung am 26.11.29 3.30 Nachm. (Pol.Kasino), 21.11.1929; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, [unleserlich] (Landespolizei München - Abschnitt II): Pol.tak- 131 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Solche Planspiele operierten aber nicht nur mit linken Kräften im Landesinnern, sondern konn ten zuweilen sogar die Feindmächte des Ersten Weltkriegs wiederauferstehen lassen. Eine Übung im Februar 1928 spielte z. B. vor dem fiktiven Hintergrund, Frankreich habe seinem deutschen Nachbarn „überraschend nach kolonialen D if ferenzen den Krieg erklärt“.590 Die Reichswehr sei deswegen über Luxemburg nach Belgien mar schiert, wo es zur entscheidenden Schlacht gedung in Grafenwöhr (1930) (Bayerisches kommen sei. Da aber andere französische Ein Polizeimuseum, Fotosammlung) heiten die deutsche Grenze passiert hätten, seien einheimische Polizeikräfte herbeigeeilt, um die Eindringlinge zu stoppen.591 Es sollte nicht das einzige Mal sein, dass sich die Polizisten in die Lage versetzten, Deutschland werde von seinen west- oder osteuropäischen Nachbarstaa ten attackiert, weshalb die Staatsgewalt den äußeren Feind im Landesinnern entgegenzutre ten habe.592 Zwar waren derlei Gedankenspiele rein hypothetisch und dienten militärischen Lernzwecken. Doch ließen sie die alten Weltmächte wieder aufeinanderprallen, die noch we nige Jahre zuvor in dem bis dahin schlimmsten Krieg gegenübergestanden und sich uner bittlich bekämpft hatten. Während derlei Planspiele vorwiegend an die geschlossenen Be reitschaften und damit an deren Wachtmeister adressiert waren, mussten aber gerade auch ihre Vorgesetzten beweisen, dass sie dazu imstande waren, ihre Einheit ordnungsgemäß zu führen. Um sich selbst weiterzubilden, veranstalteten die Offiziere zudem ihre eigenen Übungs reisen oder Geländebesprechungen. Diese führten sie in ländlichen Gegenden durch. Vor wiegend waren sie polizei- und militärtaktisch angelegt und frischten die Kenntnisse der Oberbeamten in diesen Gebieten auf.593 tische Planübung am 28.1.1930, 24.01.1930; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, [unleserlich] (Kommando der Schutzpolizei München) an den Chef des Landespolizeiamts beim StM dI: Offiziersausbildung (Anlage: Planübung am 31.1.30), 27.01.1930; BayHStA München - Kriegsar chiv, Landespolizeiamt 127, [unleserlich] (Polizeidirektion - Kommando der Schutzpolizei München) an StMdI: Offiziersausbildung (Anlage: Planübung am 3.12.1930, 27.11.1930); BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, Rohmeder (Landespolizei München - Abschnitt I): Geländebe sprechung am 13.11.30, November 1930; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 483, von Oelhafen (Landespolizei München - Abschnittskommando II): Lage für die Abschnitts-Rah menübung am 27.5.1932, [1932]. 590 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 120, [unleserlich] (Kommando der Landespo lizei München bei der Polizeidirektion München) an Chef des Landespolizeiamtes beim StMdI: (An lage: Plan-Übung am 2.2.1928), 30.01.1928. 591 Vgl. ebd. 592 Vgl. u. a. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 124, [unleserlich] (Kommando der Schutzpolizei München) an Chef des Landespolizeiamtes beim StMdI: Offiziersausbildung (Anlage: Planspiel am 15.1.29), 12.01.1929; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, [unle serlich] (Offiz.Anwärterkurs) an StMdI: (Anlage: Polizeitaktische Planübung am 5.12.1930, 02.12.1930); BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 127, [unleserlich] (Kommando der Schutzpoli zei München) an Landespolizeiamt beim StMdI: Offz.Ausbildung (Anlage: Plan-Übung am 14.2.30), 08.02.1930. 593 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 484, von Imhoff (Kommando der Schutzpolizei München) an u. a. Kommando: Übungsreise 1931, 04.05.1931; BayHStA München Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Ihren Einsatz im Gelände trainierten die angehenden Offiziere hauptsächlich auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr, aber auch auf dem Exerzierplatz der Schutzpolizei Nürnberg-Fürth.594 Zuweilen musste die Münchner Offiziersschule allerdings umdisponieren, da ihr diese Liegenschaften nicht immer zur Verfügung standen. Stattdessen unternahm sie dann einen Abstecher in die unmittelbare Nachbarschaft, um ihre Übungen in der Umge bung der Polizeischule Fürstenfeldbruck abzuhalten.595 Um ihre Oberfähnriche zu Zugfüh rern auszubilden, verlegte die Münchner Offiziersschule etwa im März 1935 einen Lehrgang dorthin, wo die Polizisten einen Monat lang kaserniert untergebracht waren. Zeitgleich be fanden sich an der Brucker Bildungsstätte auch 52 Fahnenjunker der preußischen Landes polizei, die nahe der bayerischen Landeshauptstadt zu Gruppenführern geschult wurden.596 Die Bayerische Landespolizei suchte Ende der zwanziger Jahre sogar ein Gelände mit geeig neten Bauten, auf dem sie den Straßen- und Häuserkampf simulieren konnte.597 Zuweilen fanden derartige Übungen auch in der freien Natur statt. Die Münchner Ordnungsmacht nutzte dafür z. B. ein Waldstück, das sich südlich der Landeshauptstadt nahe der Gemeinde Fasanengarten befand. Dort hielt sie etwa Anfang März 1928 ein Planspiel ab, bei dem sich einige kasernierte Einheiten in die Lage versetzen mussten, dieses Gebiet nach bewaffneten Aufständischen zu durchkämmen und diese schließlich zu verhaften. Die Unruhestifter hät ten sich dort versammelt, um das Gefängnis Stadelheim zu stürmen und die Häftlinge zu befreien.598 Abseits solcher Szenarien bereiteten sich die Polizisten auf besondere Einsätze vor, indem sie etwa trainierten, den Schienenverkehr und Bahnhöfe abzusichern. Bei einer entsprechen den Übung vom 11. Dezember 1928 eskortierten einige Beamte aus mehreren Standorten ei nen Eisenbahnzug, den sie mit Waffengewalt vor Angreifern schützten, die den Zug oder die Gleise überfallen wollten. Dabei simulierten sie Gefechte, die sie für sich entscheiden konnten.599 Bei dieser Gelegenheit ging es den verantwortlichen Offizieren unter anderem darum, die teilnehmenden Polizeiverbände auf „ein systematisches Bekämpfen der einzelnen W i - Kriegsarchiv, Landespolizei München 587, [unleserlich] (II./München): Geländebesprechung der Of fiziere, 18.09.1935. 594 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 35, I. A. Pirner (StMdI - Poli zeiwirtschaftstelle) an das Wehrkreiskommando VII: Benützung des Truppenübungsplatzes Grafen wöhr im September 31, 13.06.1931. Ferner dazu die beiden Akten BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 310 und 1527. 595 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 71, I. A. Forster (Landespolizei am t beim StMdI) an u. a. den Offizier-Anwärter-Kurs: Ausbildung der Offiz.Anwärter, 06.07.1928; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 71, von Seißer (Landespolizeiamt beim StMdI) an u. a. den Offizier-Anwärter-Kurs: Ausbildung der Offizier-Anwärter, 13.06.1927. 596 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1515, Doehla (Landespolizei-Inspek tion Bayern) an u. a. Kommandeur der Pol.-Hauptschule FFB: Besondere Anordnungen für die Ge ländeübungen der L.P.-Offizierschule München in Fürstenfeldbruck, 25.02.1935. 597 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 481, von Seißer (Landespolizeiamt beim StMdI) an u. a. Kommando der Landespolizei München: Übungen im Strassenkampf, 15.01.1929. 598 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 481, Abdruck: Schnitzlein (Komman do der Landespolizei München bei der Polizeidirektion München) an u. a. Kommando: Polizeiliche Vorführung am 6.3.1928 - Befehl für 6.3.28, 05.03.1928. 599 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 481, Abschrift: I. A. von Imhoff (Lan despolizei M ünchen - Abschnittskommando III) an den Chef der Landespolizei München: Bahn schutzübung am 11.12.1928, 19.12.1928. 133 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k derstandsnester“ zu trainieren.600 In seinem Bericht schlug Polizeihauptmann Bergen sogar vor, ein Schienenfahrzeug so zu modifizieren, dass es in der Lage sei, eine zusätzliche Ach se vor den Zug rollen zu lassen. Sollte sich am Gleis eine Sprengladung befinden, wollte er sie auf diese Weise detonieren lassen, um dadurch die Gefahr für den Zug zu bannen. Sei ner Ansicht nach sollte die Polizei sogar damit rechnen, einen Gegner bekämpfen zu müs sen, der mit Flugzeugen angreift, weshalb sie sich auch für diesen Fall zu wappnen habe.601 Die Offiziersausbildung der Landespolizei war mitunter so stark infanteristisch ausgerich tet, dass selbst das Bayerische Innenministerium monierte, der Unterricht müsse ausgegli chener sein. Nach einem Bericht der Behörde habe ein Lehrgang von 1925/26 gezeigt, dass der Stoff und die Prüfungsaufgaben zu sehr militärisch geprägt gewesen seien, während die eigentlichen polizeilichen Inhalte dadurch ins Hintertreffen gerieten. Rechtliche U em en etwa seien kaum durchgenommen worden. Nur aus dem „Polizeidienst“ hätten die Lehrer ein paar Aufgaben gestellt, die allerdings „nur den bescheidensten Ansprüchen“ genügten.602 Dementsprechend erschien es dem Ministerium so, als orientierten sich die Kurse für ange hende Polizeiführer an jenen, die an der Infanterieschule des Reichsheers stattfanden, was sich jedoch ändern müsse.603 Aber es blieb bei dem Wunsch. Denn auch in der Folgezeit soll ten die Lehrgänge weiterhin primär militärisch ausgerichtet sein und sich in der Übergangs phase zum „Dritten Reich“ sogar noch stärker die Armee zum Vorbild nehmen. Organisation und Ausbildung der Polizei erhielten im NS-Staat von Anfang an ein noch stärkeres militärisches Gepräge.604 Nicht zuletzt zeigt sich das daran, dass im März 1934 an der Wehrkreisprüfung ausgewählte Offiziere der Landespolizei teilnahmen, die zuvor einen eigenen Vorbereitungskurs absolviert hatten.605 Bayerische Oberbeamte hatten diese beson dere Prüfung zwar bereits in den Weimarer Jahren absolviert, um hinsichtlich ihres militä rischen Know-hows nicht von den Führungskräften der Armee abgehängt zu werden.606 In der Übergangsphase von der Weimarer Demokratie zum „Dritten Reich“ besaß diese Maß nahme dennoch einen großen Symbolcharakter, drückte sich in ihr doch aus, wie sehr die Armee bereits daran arbeitete, sich die Landespolizei einzuverleiben. In diesem Zeichen stan den auch zahlreiche Ausbildungsmaßnahmen, die sich an Wachtmeister und Polizeioffizie re gleichermaßen richteten. Beide Beamtengruppen wurden dabei hauptsächlich in Verbän den der Reichswehr ausgebildet. Einzelne O ffiziere der Landespolizei nahm en beispielsweise an deren Truppenübungen teil, wobei sie dies möglichst gut verschleiern muss 600 BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei M ünchen 481, Abschrift: Triendl (Landespolizei München): Beilage - 2 - zu Bericht L.P. München Abschnitt III vom 19.12.1928, S. 4. 601 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 481, Abschrift: Bergen (Landespoli zei München): Beilage 1 zu Bericht L.P. München Abschnitt III vom 19.12.28, S. 7. 602 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 186, Abschrift: Stützel (StMdI) an Landespoli zeiamt: Ausbildung der Polizeioffizieranwärter, 10.10.1928, S. 1. 603 Vgl. ebd., S. 1-3. 604 Auf diese Tatsache verweist die Forschung in erster Linie dann, wenn sie darauf eingeht, welche Rol le der Polizei beim A uftau der Wehrmacht zukam. Vgl. u. a. Kraus, Geschichte, S. 121; Harnischma cher, Polizeigeschichte, S. 102; Linck, Ordnung, S. 47; Noethen, Kameraden, S. 27; Schmidt, Polizis ten, S. 367-375; Westermann, Police Battalions, S. 72 f. 605 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1511, I. A. von Bomhard (Inspekti on der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an u. a. die Herren Kommandeure (Chef) der Landes polizeien München, Nürnberg-Fürth: Wehrkreisprüfung 1934, 01.03.1934. 606 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 119, I. V. Reiss (Landespolizeiamt beim StMdI) an u. a. die Herrn Chefs nach Verteiler II: Ausbildung der Offiziere, 26.09.1924. Etliche dieser Aufgaben zu den Wehrkreisprüfungen der Jahre 1924 und 1925 finden sich in: BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizeiamt 119. 134 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 ten. Das taten sie etwa dadurch, dass sie extra die Uniform der Reichswehr oder auch deren Abzeichen anlegten, die sie eigens dafür von ihren Polizeidienststellen erhalten hatten. „Die außenpolitische Lage macht strengste Geheimhaltung und Tarnung der vorgesehenen Ab ordnungen erforderlich“, wie Doehla diese Camouflage rechtfertigte.607 A uf ähnliche Weise vertuschten seinerzeit auch preußische Behörden solche militärischen Aktivitäten zum Trai ning ihrer Ordnungsmacht.608 Es sollte jedoch nicht ohne Folgen bleiben, dass schon die Weimarer Republik ihre Poli zisten derart militärisch ausrichtete, was sich Anfang der dreißiger Jahre im Rahmen der Ausbildung noch verstärken sollte.609 Wie mangelhaft vorbereitet die preußische Schutzpo lizei ihren rechts- und linksradikalen Gegnern gegenüberstand, lässt sich daran ablesen, dass der Ausbildungsapparat die wirkliche politische Gefahr gehörig unterschätzte. Der Leiter der Höheren Polizeischule in Eiche, Oberst Hardt, hielt es etwa für zeitgemäß, wenn die Beam ten 1927 in der Polizeiverwendung die Schlacht von Cannae nachspielten, die im Jahre 216 v. Chr. stattgefunden hatte.610 Anstatt sich um notwendige Ausbildungsreformen zu be mühen, pflegte die Weimarer Staatsgewalt seit ihrer Frühphase eine verhängnisvolle und langlebige Polizistenkultur, die durch kriegerische Männlichkeitsideale und antikommunis tische Feindbilder bestimmt war.611 Einige Ordnungshüter hielten dem schikanösen Drill durch ihre Vorgesetzten nicht stand und quittierten vorzeitig den Dienst. Bei anderen lagen die Nerven blank, so dass sie im Einsatz leichter zur Schusswaffe griffen. Gerade in den Stra ßenschlachten zwischen den Anhängern von NSDAP und KPD fiel es einigen Beamten nicht besonders schwer, die an den Schulen gelernte tteorie in die Tat umzusetzen. In Berlin etwa ereigneten sich Ende der zwanziger Jahre einige Vorfälle, bei denen Vertreter der Staatsmacht gerade bei kommunistischen Kundgebungen vorschnell das Feuer eröffneten.612 So verur sachte die Polizei am 22. März 1927 eine Panik, als ein Beamter bei einer solchen Demonst ration in Charlottenburg einen Teilnehmer erschoss. Daraufain stellten sich seine Kollegen in Schützenlinie auf und gaben ebenfalls ein paar Schüsse auf die zivilen Akteure ab. Bei ähn lichen Begebnissen starben im Kugelhagel der Staatsdiener zuweilen auch unbeteiligte Pas santen. Außerdem half das hohe Aufgebot der Polizeibeamten auch nicht dabei, solche Situ ationen zu deeskalieren. Vielmehr stachelte es die Massen erst richtig an.613 Anstatt aber ihre Taktik zu überdenken, sahen sich die Polizeioffiziere in ihrer harten Linie bestätigt und leg ten nun noch größeren Wert darauf, die Beamten an der Waffe auszubilden. Damit erweck ten sie gegenüber ihren Untergebenen den Eindruck, als sei der geschlossene Einsatz gleich bedeutend mit Krieg auf deutschen Straßen.614 Dass die polizeiliche Ausbildung in der Weimarer Republik so stark auf die innerdeutschen Kampfeinsätze ausgerichtet war, lag nicht zuletzt an der allgemeinen Personal- und Bildungs politik. Denn in den Polizeischulen fungierten großteils Offiziere als Lehrkräfte, die aus der 607 BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1511, Doehla (Inspektion der uniformier ten Staatspolizei im StMdI) an die Herren Kommandeure der Landespolizeien: Richtlinien für die Ausbildung im Sommerhalbjahr 1934, 16.03.1934, S. 8. 608 Vgl. Schmidt, Prügelknaben, S. 249 f. 609 Vgl. Ders., Weichenstellung für das „Dritte Reich“ - Die Landespolizeiinspektion West in Düsseldorf, in: Dams, Dienst, S. 115-144, hier: S. 130 f. 610 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 265. 611 Vgl. Daniel Schmidt, Die Straße beherrschen, die Stadt beherrschen. Sozialraumstrategien und poli tische Gewalt im Ruhrgebiet 1929-1933, in: Lüdtke, Polizei, S. 225-248, hier: S. 231 f. 612 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 248-251. 613 Vgl. Liang, Polizei, S. 118f. 614 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 275-277. 135 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k alten Armee stammten und wie das Gros ihrer Kollegen rein militärisch und nicht polizei lich sozialisiert waren. Im demokratischen Staat taten diese „alten Hasen“ nun das, was sie im Militär gelernt hatten, und übertrugen deren Prinzipien auf den Polizeiapparat. In Spit zenpositionen innerhalb des Ausbildungssystems gelangten einige Polizeiführer, die maß geblich daran beteiligt waren, den Mitteldeutschen Aufstand von 1921 niederzuschlagen. Ei nige dieser erfahrenen „Praktiker“ leiteten sogar Polizeischulen, an denen sie oftmals freie Hand hatten und daher die Lehrinhalte vorwiegend auf den geschlossenen Einsatz ausrichteten.615 In den Ausbildungsstätten herrschte daher ein Kasernenhofton. Ihre Lehroffiziere waren pädagogisch und didaktisch meist unerfahren und deshalb wenig kompetent. Hinzu kam noch, dass in Preußen erst ab 1926 hinreichende Ausbildungspläne und Vorschriften exis tierten, die den polizeifachlichen Unterricht organisierten. Dennoch kam diesen höheren Beamten die Aufgabe zu, die neuen Gesetzeshüter des demokratischen Staates heranzubil den und sie mit den polizeilich-rechtlichen Grundlagen vertraut zu machen, die für ihren Beruf unabdingbar waren. Da sie über diese Kenntnisse selbst nicht verfügten, konzentrier ten sie sich jedoch vielmehr darauf, ihre Schüler in der Polizeiverwendung nach militäri schem Vorbild auszubilden. Daher drillten solche Offiziere die jungen Anwärter, indem sie diese ausgiebig exerzieren ließen, aber auch diverse Planspiele und Übungen veranstalteten. Für den geschlossenen Einsatz bei Unruhen war es auch noch wichtig, dass die Polizisten körperlich fit waren und mit ihren Waffen umzugehen verstanden.616 Grundsätzlich verlang ten die Lehroffiziere von ihren Schülern, sich ihrem Regime vollständig zu unterwerfen so wie bedingungslos gehorsam und diszipliniert zu zeigen. Der minutiös und uniform gere gelte Alltag an den Polizeischulen tat ein Übriges, um jeden Anflug von Individualität der jungen Anwärter im Keim zu ersticken.617 „Die äußere und innere Organisation der Polizei schule verschlingt alles, was an Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit aus dem bürgerlichen Leben mitgebracht worden ist“, wie Dr. Erwin Palm zur Situation der Anwärter in seiner 1933 veröffentlichten Dissertation ausführte.618 In ihr beschrieb er jene uniformierenden sozialen Prozesse, die er an polizeilichen Lehranstalten der Weimarer Republik zu finden glaubte, wo bei sich in seinem Werk realistische und idealistische Ausführungen vermischten. Der an der Polizeischule Bonn tätige Hauptmann und promovierte Soziologe sah in einer solchen Bildungsstätte eine Institution, „die den Polizeischüler äußerlich und innerlich zu formen hat zu einem in allen Waf fen- und Körperübungen bis zum motorischen Ablauf aller Handhabungen geschul ten und selbstsicheren, in seiner äußeren Haltung genormten, an bedingungslosen G e horsam gewöhnten Kollektivbeamten, der der militärisch integrierten Bereitschaftspolizei reibungslos eingegliedert werden kann“.619 Mit dem liberalen Konzept Severings von einer bürgernahen Polizei hatte eine solche Aus bildung herzlich wenig gemein, sondern kultivierte an den polizeilichen Bildungsanstalten eher ein prekäres Klima. Erst nachdem die Polizeischulen ab 1921 ihren Dienstbetrieb aufge nommen hatten, erhielt die Ordnungsmacht in der Folgezeit Führungskräfte des demokra 615 Vgl. Knatz, Heer, S. 367-369 sowie 371. 616 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 239-243. 617 Vgl. Menker, Polizeigrundausbildung, S. 75f. 618 Erwin Palm, Die Polizeischule. Eine soziologische Studie, Dissertation, Berlin 1933, S. 62. 619 Ebd., S. 55. 136 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 tischen Staats, die jedoch erst Anfang der dreißiger Jahre höhere Ränge bekleideten. Sie konn ten nicht mehr verhindern, dass sich der militärische Geist in den Lehrstätten, Revieren und Einheiten der Polizei weiterhin breitmachte.620 Darüber hinaus stammten die jüngeren Polizeioffiziere zwar nicht mehr aus dem Heer. Aber gerade deshalb waren sie unerfahren darin, eine Einheit zu kommandieren. Ironischer weise lernten sie genau dies an der Höheren Polizeischule, wobei ihre Ausbildung wieder sehr militärisch und auf polizeitaktische und waffentechnische Gesichtspunkte ausgerichtet war. Diesen Unterricht erteilten wiederum jene polizeilichen Pädagogen, die zuvor in der Armee gedient hatten.621 An dieser allgemeinen Praxis stießen sich zuweilen einzelne Medi en, denen der exzessive Drill an den polizeilichen Bildungsanstalten nicht verborgen geblie ben war. Zwar versuchte der preußische Innenminister, diesem Treiben entgegenzuwirken. Doch scheiterte er letztlich an den Lehroffizieren, die oftmals nur deshalb in ihre Posten ge langt waren, weil sie an die Schulen strafversetzt wurden.622 Die primär martialische Mentalität der Weimarer Polizeioffiziere stellte allerdings auch aus anderen Gründen ein ernstes Problem dar. Denn diese Führungskräfte beeinflussten ihre Untergebenen nicht nur, indem sie diese militärisch drillten und dadurch disziplinieren woll ten. Sie entwickelten auch ein Berufsethos, das zwischen zwei Mentalitäten anzusiedeln war: Einerseits begriffen sich die ehemaligen Vertreter der kaiserlichen Streitkräfte immer noch als eine Militärelite, die einen entsprechend martialischen Korpsgeist pflegte. So traten sie dann auch gegenüber ihren Wachtmeistern und in der Öffentlichkeit auf, indem sie sich der alten Symbole und Verhaltensweisen bedienten. Einige dieser militärischen Nostalgiker be handelten ihre Untergebenen wie ihre persönlichen Laufturschen oder sangen kaisertreue und kriegsverherrlichende Lieder. Severing sah sich 1920 sogar dazu genötigt, den Polizeiof fizieren zu verbieten, ein Monokel oder den Freikorpsorden zu tragen.623 Andererseits woll ten sie auf diese Weise verhindern, gegenüber den Truppenführern der Armee als Offiziere zweiter Klasse wahrgenommen zu werden. Viele Polizeiführer fühlten sich in ihrem neuen Beruf degradiert und minderwertig. Denn sie konnten ihre Karriere in der Reichswehr nicht fortführen, während es ihren ehemaligen Kameraden in dieser Hinsicht besser erging. Da mit ihr Ansehen gegenüber den Offizieren der Armee nicht abnahm und um dieses auch in der zivilen Bevölkerung zu verbessern, gründeten sie Interessensvertretungen. So entstand etwa am 8. August 1922 die „Vereinigung der Polizei-Offiziere Preußens“. Das war ebenfalls ein Ausdruck dafür, dass sich die Führungskräfte der Ordnungsmacht gegenüber den Reichs wehroffizieren ebenbürtig fühlen wollten.624 Allerdings vermochten solche Maßnahmen nur bedingt, der Identitätskrise der preußi schen Polizeioffiziere entgegenzuwirken. Wie bereits der Kapp-Putsch zeigte, standen zahl reiche Offiziere der Sicherheitspolizei nicht loyal hinter der neuen Republik, sondern sehn ten sich auch später in der Schutzpolizei vielmehr nach einem starken Staat unter autoritärer oder gar monarchischer Führung. Ihnen erschien die demokratische Politik aber nicht nur deshalb suspekt, weil sie die Verhältnisse der wilhelminischen Ära zurückhaben wollten. Viel mehr waren sie mit der liberalen preußischen Polizeipolitik unzufrieden. Einige Vertreter des polizeilichen Offizierskorps besaßen neben ihren antirepublikanischen und revanchisti schen auch rechtsradikale sowie antisemitische Ansichten und betätigten sich darüber hin 620 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 175. 621 Vgl. Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 41. 622 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 251-253. 623 Vgl. ebd., S. 179 f.; Ders., Besatzung, S. 10. 624 Vgl. Ders., Schutzpolizei, S. 193-198; Liang, Polizei, S. 82. 137 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k aus in entsprechenden Organisationen wie etwa dem Wehrverband „Stahlhelm“.625 Dass all zu viele Oberbeamte der preußischen Schutzpolizei nicht bereit waren, die Weimarer Demokratie zu verteidigen, zeigt sich allein daran, dass sie den „Papenputsch“ vom Juli 1932 ausdrücklich begrüßten.626 Der Systemwechsel hin zum nationalsozialistischen Polizeistaat sollte vielen von ihnen jedoch bald wieder zu einem neuen Selbst- und Standesbewusstsein verhelfen. 3.4 Das Ende des Weimarer Ausbildungssystems und sein Übergang zum NS-Staat Zu Beginn des „Dritten Reichs“ schaffie es die Offiziersschule der Landespolizei in München noch einmal, ihren Einfluss auszubauen. Obwohl sie in erster Linie die bayerischen Polizei führer ausbildete, gelangten in ihre Kurse nun auch Beamte, die aus anderen Ländern stamm ten.627 Verantwortlich dafür war ein Entschluss des Reichsinnenministeriums vom 9. Novem ber 1933, demzufolge die bayerischen Nachbarländer ihre Offiziersanwärter künftig nach München entsenden sollten.628 Daher besuchten ab dem Jahre 1934 einige Polizisten aus Würt temberg, Baden und Sachsen einen Lehrgang in der bayerischen Landeshauptstadt.629 Ande re Anwärter gelangten aus Thüringen, Hessen oder gar Hamburg in die oberste Polizeischu le des Freistaats.630 Damit diese grenzüberschreitenden Kurse überhaupt zustande kamen, hatte das Bayerische Innenministerium ein Abkommen mit den Innenministerien anderer Länder geschlossen, damit sie ihre Staatsdiener in München ausbilden lassen konnten. Das hatte jedoch zur Folge, dass sich Ministerialbeamte und Offiziersanwärter außerhalb des Frei staats an den bayerischen Maßstäben orientieren mussten, um den Anforderungen zu genügen.631 Zumindest in der Endphase der deutschen Landespolizeien fungierte die Münchner 625 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 202-207; James F. Richardson, Berlin Police in the Weimar Republic: A Comparison with Police Forces in Cities of the United States, in: Mosse, Police Force, S. 79-93, hier: S. 86 f.; 100 Jahre, S. 33. 626 Vgl. Eric D. Kohler, The Crisis in the Prussian Schutzpolizei 1930-32, in: Mosse, Police Force, S. 131 150, hier: S. 148-150. 627 Vgl. Schuler, Landespolizei, S. 19. 628 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei Inspektion 32, Abdruck: I. A. und I. V. von Bomhard (StMdI - Inspektion der uniformierten Staatspolizei) an u. a. das Sächsische Ministerium des Innern: Ausbildung der Pol.Offizieranwärter auf der Pol.Offizierschule München, 13.11.1933. 629 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1518, Doehla (Landespolizei-Inspek tion Bayern) an Kommandeur der Landespolizei-Offizierschule München: Württembergische und ba dische Offizieranwärter, 11.12.1934; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1518, Geheim: Landespolizei-Abteilung Dresden an Landespolizei-Offizier-Schule München, Marskaserne: Offz.-Anw. Lehrgang München, 14.12.1934. 630 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Doehla (Landespolizei-Inspek tion Bayern) an den Kommandeur der L.P.-Offizierschule München: Ausbildung hamburgischer, thü ringischer und hessischer Offizieranwärter an der L.P.Offizierschule München, 08.12.1934. 631 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Entwurf: Abkommen zwi schen dem bayerischen Staatsministerium des Innern und den württembergischen Ministerium des Innern über die Ausbildung der württembergischen Polizei-Offizieranwärter auf der Polizeioffizier schule München, [1933]; BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1501, Abkom men zwischen dem bayerischen Staatsministerium des Innern und der Landespolizei-Inspektion beim sächsischen Ministerium des Innern über die Ausbildung der sächsischen Pol.Offizieranwärter auf der Pol.Offizierschule München, [1934]. 138 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Schule auch jenseits der bayerischen Grenzen als „Kaderschmiede“ für polizeiliche Führungs kräfte. Allerdings hatte die Offiziersschule München seinerzeit ihren Zenit bereits überschritten. Im Oktober 1935 war schließlich ihr Ende gekommen, als sie in die Hände der Wehrmacht gelangte, die sich seinerzeit noch im Aufflau befand.632 Selbst ihre Lehrmittel musste sie an die neue Münchner Kriegsschule abgeben.633 Hitlers Armee konnte sich sogar die Teilneh mer des allerletzten Offiziersanwärterlehrgangs der bayerischen Landespolizei einverleiben, noch ehe dieser Kurs überhaupt abgeschlossen war.634 Ähnlich wie der ehemaligen Vorzeigeanstalt des Freistaats erging es zahlreichen Weimarer Polizeischulen, die im noch jungen „Dritten Reich“ entweder aufgelöst wurden oder an die Wehrmacht fielen. Um diese schnellst möglich zu einer schlagkräftigen Streitmacht aufzubauen, griff das Regime zu einem Trick, der zwar die Wiederaufrüstung behelfsmäßig kaschierte, sich aber nachhaltig zulasten der Polizei auswirkte: Bereits am 1. April 1933 hatte das preußische Innenministerium mehrere Landespolizeiinspektionen „zur Vorbereitung und Durchführung der Abwehr innerer Un ruhen und für andere Aufgaben“ eingerichtet, für die es spezielle Direktiven gab.635 Nach die sem Vorbild entstanden im Jahre 1933 auch in anderen Ländern solche zentralen Komman dostellen. Sie waren hauptsächlich dafür verantwortlich, die Polizeibereitschaften militärisch auszubilden. Diese Einheiten sammelten sich nun begrifflich unter der neuen „Landespoli zei“. Allerdings handelte es sich bei ihr nicht mehr um die bayerische Landespolizei der Wei marer Jahre, weshalb diese beiden Institutionen nicht miteinander verwechselt werden dür fen. Vielm ehr wollten die Nationalsozialisten nunmehr die kasernierten Polizeien der einzelnen Länder einheitlich bezeichnen, woraus aus bayerischer Sicht die verwirrende Na mensgleichheit resultiert. Die paramilitärischen Einheiten wurden am 7. September 1933 von der Revierpolizei getrennt, die weiterhin den Einzeldienst verrichtete.636 Indem die kasernierten Bereitschaften dann am 1. Oktober 1935 geschlossen in die Wehr macht überführt wurden, gelangten mit ihnen etwa 56.000 Polizisten in die deutsche Armee. Damit verlor die Ordnungsmacht nicht nur einen erheblichen Teil ihres Personals an das Mi litär, sondern auch zahlreiche Gerätschaften, Ausrüstungsgegenstände, Fahrzeuge, Waffen und Immobilien, zu denen eben einige Polizeischulen zählten.637 Unter ihnen befand sich auch die Höhere Polizeischule in Eiche.638 In den Anfangsjahren des „Dritten Reichs“ führ 632 Vgl. u. a. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1502, Wehrkreiskommando VII an u. a. L.P. Offizierschule München: Übernahme der L.P.-Offizierschule München, 11.09.1935. 633 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1530, Abschrift: Brennecke (Wehr kreiskommando VII) an u. a. Kriegschule München: Lehrmittel der L.P.Offz.Schule, 26.08.1935. 634 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, Schnellbrief: I. A. Garski (Ober befehlshaber des Heeres - Kommando der Landespolizei) an die L.P.-Offizierschule, 09.08.1935; BayHS tA München - Kriegsarchiv, Landespolizei München 1513, [unleserlich] (L.P.-Offizierschule) an die Kriegsschule: Auflösung der L.P.Offizierschule München, 27.08.1935. 635 RdErl. d. MdI. (KdR.) v. 26.03.1933, in: Ministerialblatt der inneren Verwaltung (MBliV), 05.04.1933, Nr. 18, Sp. 399 f., hier: Sp. 399. Vgl. Harald Buhlan, Organisation, Personal und Standorte der staatli chen Polizeiverwaltung Köln in der NS-Zeit. Mit einer Skizze zur Aufgabenwahrnehmung durch Schutzund Verwaltungspolizei, in: Ders., Freund, S. 145-197, hier: S. 171. Ferner Schmidt, Weichenstellung, S. 118. 636 Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 66-68; Faatz, Staatsschutz, S. 416f. 637 Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 69 f.; Richard Bessel, Die „Modernisierung“ der Polizei im Nationalsozialis mus, in: Bajohr, Norddeutschland, S. 371-386, hier: S. 378. Ferner: Erich Radecke, Die Landespolizei als Kadertruppe für die W ehrmacht - Anmerkungen zur Uniformierung, in: Archiv für Polizeige schichte 4 (1991), S. 41-43, hier: S. 43; Tessin, Deutsche Verbände, S. 462. 638 Vgl. Riege, Polizei-Geschichte, S. 44. 139 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te sie wie bisher Lehrgänge durch, in denen sie die neuen Offiziere der Schutzpolizei ausbildete.639 Gerade diese Institution hatte sich aber schon im Visier der Nationalsozialisten be funden, bevor sie die Macht übernahmen. Bereits im Novem ber 1932 hatten sich nationalsozialistisch gesinnte Polizeioffiziere angeschickt, die preußischen Lehranstalten im Geiste der braunen Bewegung umzugestalten, was eben besonders für diese Einrichtung galt.640 Wenngleich diese Führungskräfte ihr Ziel nicht wirklich erreichen konnten, gelang es den neuen Machthabern aber dennoch, die Höhere Polizeischule für ihre Zwecke zu ins trumentalisieren und in die Armee einzugliedern. Seit dem 15. Oktober 1936 fungierte sie als Unteroffiziersschule des Heeres.641 Zwar hatte sich die Wehrmacht mit Eiche und München die zentralen Lehranstalten der Weimarer Polizei einverleibt. Aber dennoch wirkte sich deren Erziehungskonzept indirekt auf den neuen Dienstherrn aus, da im Herbst 1935 mit den kasernierten Bereitschaften auch zahlreiche Polizeioffiziere in die Armee gelangten und ihre Karrieren dort einfach fortsetz ten. Gerade sie fungierten in der späteren „Blitzkriegstruppe“ oftmals als Ausbilder, wobei ihr polizeilicher Erfahrungsschatz sie zu interdisziplinären Experten machte. Dabei hatten sie es der nationalsozialistischen Wehrpolitik zu verdanken, dass sie erstmals oder wieder in die Armee aufstiegen, nachdem sie sich zuvor in der Polizei häufig zweitklassig gefühlt hatten.642 Von den neuen Verhältnissen im „Dritten Reich“ konnten sie jedoch noch anderwei tig profitierten. Im Jahre 1942 amtierten insgesamt 97 Generäle in der Wehrmacht, die bis 1935 noch in der innerdeutschen Ordnungsmacht gedient hatten.643 Der Systemwechsel ging auch am Polizeiinstitut in Berlin-Charlottenburg nicht spurlos vorbei, das seit Anfang September 1933 nicht mehr wie bisher für die Schutzpolizei verant wortlich war. Die immer noch führende preußische Lehranstalt trat diesen Aufgabenbereich nun vollständig an die Höhere Polizeischule in Eiche ab.644 Diese war bereits am 1. April 1933 wieder aus dem Institut herausgelöst und dem Innenministerium unterstellt worden.645 Wäh rend ihre „Kollegin“ letztlich an die Wehrmacht fiel, bildete das Polizeiinstitut ab Frühjahr 1 933 gezielt Beamte fort, die in der Kriminalpolizei und der Gestapo tätig waren.646 Dank ih rer neuen Funktion konnte sich diese Einrichtung im Vergleich zu anderen Bildungsstätten der Weimarer Republik relativ lange halten. Doch vier Jahre später übertrug ihr Heinrich Himmler eine neue Aufgabe. Seit dem 1. April 1937 fungierte sie als Führerschule der Sicher heitspolizei, die nun deren Chef, Reinhard Heydrich, direkt unterstand. Seine Vollzugsbe amten sollten von da an in dieser Anstalt „durch weltanschauliche und körperliche Erzie hung und durch einheitliche berufliche Schulung“ zu Führungskräften ausgebildet werden.647 639 Vgl. z. B. RdErl. d. MdI. v. 08.05.1933, in: MBliV, 17.05.1933, Nr. 28, Sp. 578e-578h; RdErl. d. MdI. v. 08.09.1933, in: MBliV, 13.09.1933, Nr. 47, Sp. 1040a f.; RdErl. d. MdI. v. 21.12.1933, in: MBliV, 27.12.1933, Nr. 63, Sp. 1525 f. 640 Vgl. Graf, Polizei, S. 86 f. 641 Vgl. Lambrecht, Kaserne, S. 76. 642 Vgl. Schmidt, Kommissare, S. 55 f. 643 Vgl. Browning, Männer, S. 24. 644 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 22.08.1933, in: MBliV, 30.08.1933, Nr. 45, Sp. 989-991. 645 Vgl. RdErl. d. MdI. (KdR.) v. 10.03.1933, in: MBliV, 15.03.1933, Nr. 14, Sp. 265 f. 646 Vgl. Bericht über die Tätigkeit des Polizeiinstituts in Berlin-Charlottenburg für die Zeit vom 1.6.1933 bis 31.3.1935, hrsg. v. Polizeiinstitut Berlin-Charlottenburg, [Berlin 1935], S. 8-48. 647 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 06.04.1937, in: RMBliV, 14.04.1937, Nr. 15, Sp. 567 f., hier: Sp. 568. Vgl. auch Jens Banach, Die Rolle der Schulen der Sicherheitspolizei und des SD, in: Florian von Buttlar/Stefanie Endlich/Annette Leo (Hrsg.), Fürstenberg-Drögen. Schichten eines verlassenen Ortes, Reihe Deutsche Vergangenheit, Bd. 106, Berlin 1994, S. 88-96, hier: S. 90; Ders., Elite, S. 108. 140 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 Während das bayerische Ausbildungswesen bis 1935 fast vollständig zum Erliegen kam, re formierten die Nationalsozialisten hingegen die preußischen Polizeiberufsschulen. Als kom missarischer Innenminister Preußens verpflichtete Hermann Göring die Leiter dieser Bil dungsstätten im Frühjahr 1933 dazu, künftig nur noch Lehrkräfte zu beschäftigen, die ihre Unterrichtstätigkeit mit den Zielen der braunen Bewegung in Einklang brachten. So hatten sie ihre Schüler „zu hingebender Pflichterfüllung, zu Achtung und Verehrung der deutschen Vergangenheit und deutschen Volkstums, zu echter Vaterlandsliebe und zu Opferbereitschaft für die Gesamtheit der Nation zu erziehen“.648 Diese Aufgabe wurde sogar schriftlich fixiert und in die Dienstverträge aufgenommen, welche die neu einzustellenden Lehrer unterzeich nen mussten.649 Zwei Tage nachdem die Nationalsozialisten auf dem Reichsparteitag im Sep tember 1935 ihre Nürnberger Rassegesetze verkündet hatten, verschärften sie erneut die Kri terien, nach denen sie künftig das Personal für die Polizeischulen aussuchten. Per Erlass regelte der neue Reichsinnenminister Wilhelm Frick, dass niemand mehr als Polizeilehrer eingestellt werden dürfe, der selbst Jude oder mit einer Jüdin verheiratet sei.650 Von einer sol chen rassischen Auslese war die Ordnungsmacht aber schon zuvor erfasst worden. Wenn ein Bewerber bei der Polizei eingestellt werden wollte, musste er bereits seit 1933 seine „einwand freie arische Abstammung“ nachweisen können.651 Außerdem verbot Göring, bestimmte Lehrbücher im polizeilichen Unterricht zu verwenden, die noch in der Weimarer Republik als wichtige Hilfsmittel gedient hatten und nun vernichtet werden mussten.652 Ferner ordne te er an, dass die Ausbildung an den Erziehungsanstalten künftig nach neuen Lehrplänen zu erfolgen habe.653 Durch einen Erlass vom 20. Mai 1933 sorgte er dafür, dass die preußischen Polizeischulen ihm unmittelbar unterstellt wurden.654 Um das preußische Berufsschulwesen weiter zu vereinheitlichen, fand dazu ab dem 19. Februar 1934 eine zweitägige Konferenz im Polizeiinstitut Berlin-Charlottenburg statt, auf der sich die jeweiligen Schulleiter austausch ten.655 Allerdings war dies allenfalls eine Etappe auf dem Weg, an dessen Ende letztlich das gesamtdeutsche polizeiliche Ausbildungswesen „verreichlicht“ werden sollte. Nachdem das erfolgt war, löste die neuorganisierte Staatsgewalt schließlich die alten Berufsschulen im Lau fe des Jahres 1938 auf, da sie diese offensichtlich nicht mehr benötigte.656 Dabei konnte die neue Ordnungsmacht nicht einfach ignorieren, dass sie trotz aller bishe riger Reformen mit dem Erbe der dezentralen Weimarer Polizeipolitik konfrontiert war. Die Entscheidungsträger der NS-Diktatur mussten vielmehr dazu übergehen, die bislang in den einzelnen Ländern bestehenden Unterschiede zu nivellieren, die aus der föderalen Struktur des einst demokratischen Staates resultierten. Daher war es z. B. notwendig, die in den ein zelnen Ländern bisher unterschiedlich verlaufenden Lehrgänge an einem einheitlichen Kon zept auszurichten und somit quasi „gleichzuschalten“. Erst Mitte der dreißiger Jahre schuf der Polizeiapparat dafür einheitliche Richtlinien, die reichsweit gültige Standards begründe ten, während er gleichzeitig die bereits erfolgten polizeilichen Ausbildungsmaßnahmen an 648 RdErl. d. MdI. (KdR.) v. 21.02.1933, in: MBliV, 01.03.1933, Nr. 10, Sp. 192. 649 Vgl. RdErl. d. MdI. (KdR.) v. 10.04.1933, in: MBliV, 19.04.1933, Nr. 23, Sp. 468. 650 Vgl. RdErl. d. Reichs- und Preußischen Ministers des Innern (RuPrMdI.) v. 17.09.1935, in: MBliV, 25.09.1935, Nr. 39, Sp. 1134-1138, hier: Sp. 1134. 651 RdErl. d. MdI. v. 16.08.1933, in: MBliV, 23.08.1933, Nr. 44, Sp. 974. 652 Vgl. z. B. RdErl. d. MdI. (KdR.) v. 15.03.1933, in: MBliV, 22.03.1933, Nr. 16, Sp. 322; Schmidt, Prügel knaben, S. 253; Leßmann, Schutzpolizei, S. 401. 653 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 26.04.1933, in: MBliV, 03.05.1933, Nr. 26, Sp. 512 f. 654 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 20.05.1933, in: MBliV, 31.05.1933, Nr. 30, Sp. 610 f., hier: Sp. 610. 655 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 16.01.1934, in: MBliV, 24.01.1934, Nr. 4, Sp. 119 f. 656 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 16.05.1938, in: RMBliV, 25.05.1938, Nr. 22, Sp. 892e f. 141 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k erkannte. Weil der jeweilige berufliche Bildungsgang aber für ein unterschiedliches Niveau unter den deutschen Beamten sorgte, hatten einzelne Ordnungshüter und Ranggruppen spe zielle Kurse zu besuchen, um etwaige Lücken aufzufüllen.657 Allerdings war damit noch längst nicht geklärt, wie die nationalsozialistische Polizei zu neuen Kräften gelangen sollte. Noch ehe Himmler am 17. Juni 1936 zum obersten Polizeichef aufstieg, bildete die Ordnungsmacht ihren Wachtmeisternachwuchs verstärkt in Hundert schaften aus, in denen die Männer insgesamt ein Jahr lang zubrachten und dort theoretisch wie praktisch an ihren späteren Dienst herangeführt wurden. Dadurch schwand allerdings der Einfluss der Schutzpolizeischulen auf das Ausbildungswesen immer mehr, weil sie nur noch wenige Arten von Lehrgängen anbieten konnten.658 Solche Lehranstalten hatte das Re gime bereits im Jahre 1934 neueingerichtet. Zwischen Mai 1934 und September 1935 hatten sie allein in Preußen 30 Schutzpolizeianwärterlehrgänge mit insgesamt 2.087 Wachtmeistern durchgeführt, von denen 1.959 ihren Kurs erfolgreich absolvierten. Darüber hinaus hatte die Schutzpolizeischule in Berlin auch noch weitere Lehrgänge veranstaltet, die unter anderem an Kommissar- oder Obermeisteranwärter adressiert waren.659 Doch auch ihre kurze Hoch phase endete wenig später. Gleich zu Beginn der NS-Herrschaft hatten sich die neuen Macht haber außerdem dafür eingesetzt, dass „alte Kämpfer“ der NSDAP oder ihrer Organisatio nen bevorzugt eine Stelle in der Ordnungsmacht erhielten. Bei dieser Personalpolitik tat sich in Preußen besonders Kurt Daluege hervor, der seit Mai 1933 als Ministerialdirektor im preu ßischen Innenministerium und Leiter der Polizeiabteilung unter dem neuen Ministerpräsi denten Hermann Göring tätig war.660 Weiteres Personal rekrutierte die Schutzpolizei im Jahre 1935 zwar zunächst noch aus den Reihen der aktiven Beamten der Landespolizei.661 Das trug allerdings nur bedingt dazu bei, die großen personellen Verluste zu kompensieren, welche die Ordnungsmacht erlitten hat te, als sie einen Großteil ihrer Männer an die Wehrmacht hatte abgeben müssen. Daher griff die Schutzpolizei noch stärker auf linientreue Gefolgsleute des NS-Regimes zurück, indem sie sich beispielsweise des SA-Feldjägerkorps bediente. In seiner Funktion als Oberster SA- Führer in Preußen hatte Göring es am 1. Oktober 1933 gegründet, nachdem er die Hilfspoli zei seines Landes kurz zuvor aufgelöst hatte. Um dadurch arbeitslos gewordene Mitglieder der SA wieder zu beschäftigen, hatte er sie in dieser neuen Parteipolizei untergebracht, die gegen jene Angehörigen der NSDAP oder ihrer Gliederungen einschritt, die durch undiszi pliniertes Verhalten oder Straftaten drohten, den Ruf der neuen Machthaber in der Öffent lichkeit zu schädigen.662 Die Schutzpolizei nahm das SA-Feldjägerkorps mit Wirkung vom 657 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 08.06.1937, in: RMBliV, 16.06.1937, Nr. 24, Sp. 959-967. Ferner: BAB, R 39/166, I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an den HSSPF in Wien: Anerkennung von Lehrgän gen, 10.07.1939, S. 265-271. Zu den konkreten Inhalten der einheitlichen Vorschriften siehe Kapitel 4.3 und 4.5. 658 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 05.05.1936, in: RMBliV, 13.05.1936, Nr. 22, Sp. 639 f. 659 Vgl. Major Wenner, Ausbildung der Schutzpolizei, in: Hans Kehrl (Hrsg.), Jahrbuch der deutschen Po lizei 1936, Leipzig 1936, S. 60-73, hier: S. 61 f. 660 Vgl. BAB, R 19/390, Entwurf: Daluege (Preußisches Ministerium des Innern) an Göring, 10.01.1934, Bl. 5-8. Ferner: Shlomo Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart 1971, S. 80; Cadle, Kurt Daluege, S. 70; Westermann, Police Battalions, S. 38. 661 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 15.11.1935, in: MBliV, 20.11.1935, Nr. 47, Sp. 1400. 662 Vgl. Hans Buchheim, SA-Hilfspolizei, SA-Feldpolizei und Feldjägerkorps und die beamtenrechtliche Stellung ihrer Angehörigen, in: Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. I, Stuttgart 1958, S. 335 340, hier: S. 338; Wilhelm, Polizei, S. 51. Ferner: Westermann, Police Battalions, S. 68 f. 142 Die Off iz ie rsau sb ild u n g d e r W eim arer Po lize i 1918 bis 1935 1. November 1935 vollständig in ihre Reihen auf.663 In Preußen wandelte sie am 1. April 1936 dessen Bereitschaften in „Schutzpolizeihundertschaften“ um, sofern sie sich in Standorten mit staatlicher Polizeiverwaltung befanden.664 Um die SA-Feldjäger bestmöglich in die Ord nungsmacht integrieren zu können, mussten sie bis Mitte der dreißiger Jahre aber noch spe zielle Kurse oder sogar die Polizeiberufsschule besuchen.665 All diese personalpolitischen Maßnahmen waren allerdings nur eine Übergangslösung. Die neuen Machthaber mussten vielmehr eine Strategie entwickeln, um geregelter an polizeili che Nachwuchskräfte zu gelangen. Das galt vor allem für die Offiziere der schon bald „ver reichlichten“ Ordnungsmacht, um deren Aus- und Fortbildung sich Berlin ganz besonders bemühte. Dazu hatten die Nationalsozialisten aber zunächst einmal neue Strukturen zu schaf fen, um ihren Polizeiapparat auch auf dieses Ziel auszurichten. In diesem neuen System soll te Fürstenfeldbruck eine zentrale Bedeutung zukommen. 663 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 28.11.1935, in: MBliV, 04.12.1935, Nr. 49, Sp. 1429. Wilhelm Frick hatte dies bereits im Frühjahr 1935 initiiert. Zu den Hintergründen und zum weiteren Verlauf vgl. Buch heim, SA-Hilfspolizei, S. 339. 664 RdErl. d. RuPrMdI. v. 09.04.1936, in: RMBliV, 15.04.1936, Nr. 18, Sp. 512a-512e, hier: Sp. 512a. Fer ner: Buhlan, Organisation, S. 181. 665 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 05.12.1935, in: MBliV, 11.12.1935, Nr. 50, Sp. 1464c f.; RdErl. d. RuPrMdI. v. 20.03.1936, in: RMBliV, 25.03.1936, Nr. 15, Sp. 389-392. 143

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.