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Vom„Bandenkampf" zum Völkermord - Die Relevanz der Ausbildung für die berufliche Sozialisation der Polizeioffiziere in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 563 - 584

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-563

Tectum, Baden-Baden
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9. Vom „Bandenkampf" zum Völkermord - Die Relevanz der Ausbildung für die berufliche Sozialisation der Polizeioffiziere Die Polizeischule Fürstenfeldbruck war ein zentraler Täterort. Erschreckend viele Lehrer und Schüler zogen in den „auswärtigen Einsatz“, von dem einige als Kriegsverbrecher und Juden mörder zurückkehrten. Nun stellt sich die Frage, warum sie sich anscheinend so bereitwil lig daran beteiligten, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik zu vollstrecken. Auch an dieser Stelle können keine Antworten gegeben werden, die ihre Motive und Taten vollstän dig zu erklären vermögen. Diesen Anspruch verfolgt die vorliegende Studie auch gar nicht. Der einleitende Überblick verwies bereits auf zahlreiche tteorien, welche die Täterforschung seit Kriegsende entwickelte. Allein deren Zahl und Spannbreite verdeutlichen, weshalb sich monokausale Erklärungen verbieten. Zudem darf nicht vergessen werden, dass es in den Rei hen der Ordnungspolizei einige tausend Männer gab, die am Holocaust und an weiteren Massenverbrechen mitwirkten. Nicht zuletzt darum kann keine universelle Interpretation dafür gefunden werden, wieso sie das taten und welche Charaktereigenschaften sich daraus ableiten lassen. Fanatische Nationalsozialisten und Antisemiten gab es sicherlich ebenso wie Sadisten, Opportunisten, Karrieristen und Autoritätsgläubige.3060 Ohne dies pauschal auf sämtliche Offiziere der uniformierten Polizei übertragen zu wol len, führt die vorangegangene Analyse jedoch zu dem Ergebnis, dass das Massenmorden in den besetzten Gebieten nicht nur mit individual- und kollektivbiographischen sowie sozia len und situativen Faktoren erklärt werden kann. Stattdessen konnte gezeigt werden, dass innerhalb der deutschen Polizei ein traditionsreiches Normengefüge existierte, das die Na tionalsozialisten vereinnahmen und radikalisieren konnten. Deshalb mussten die Führungs kräfte der Ordnungspolizei nicht unbedingt dem Idealtypus des ideologisch sattelfesten „Po lizeisoldaten“ entsprechen, um in den besetzten Ostgebieten zu „funktionieren“. Eingangs verwies die Studie auf das Modell von Rafael Behr, das eine Dichotomie zwischen einer übergeordneten Police Culture und einer informellen Cop Culture aufzeigt.3061 Es sollte dabei helfen, die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei von „oben“ nach „unten“ zu ana lysieren. Dabei offenbarte sich, dass die nationalsozialistische Polizeikultur kein absolutes Novum darstellte, weil sie sich sehr stark an ihrer Weimarer „Vorgängerin“ orientierte. So waren bereits die angehenden Polizeiführer in den zwanziger Jahren mit erstaunlich ähnli chen Fächern und Inhalten konfrontiert, wie es später auch in Himmlers Machtbereich der Fall sein sollte. Zwar konnten die Nationalsozialisten das polizeiliche Ausbildungswesen und dessen Fächerkanon nicht vollständig neu erfinden. Es ist aber durchaus überraschend, wie viele Komponenten des „Weimarer Modells“ sie in ihrem totalitären Polizeistaat integrierten. 3060 Zur breiten Palette an Motiven vgl. Curilla, Judenmord, S. 875-890. Siehe dazu auch Kapitel 1 . 1 und 1 .2 . 3061 Siehe Kapitel 1.3. 563 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Das lag nicht zuletzt daran, dass die Polizei schon lange vor der „Machtergreifung“ gegen Gegner gekämpft hatte, die auch bei den neuen Machthabern verhasst waren. Den militä risch ausgerichteten Kampf gegen linke Gruppen und „Banden“ konnten sie in ihr Konzept übernehmen, womit sich der Ordnungsmacht gewohnte Orientierungsmuster boten. Um die Polizei noch stärker zu vereinnahmen, baute die nationalsozialistische Polizeikul tur darauf auf, den Oberbeamten als solchen nicht nur wertzuschätzen, sondern ihn regel recht zu glorifizieren. Dabei handelte es sich gewissermaßen um eine Facette der deutschen „Gefälligkeitsdiktatur“, die sich stets bemühte, die Loyalität der „Volksgenossen“ durch ideel le und materielle Geschenke zu sichern.3062 Auch die Führungsriege der Ordnungsmacht ließ sich nur allzu gerne von den Nationalsozialisten korrumpieren. Seit der „Machtergreifung“ begaben sie sich daran, das deutsche Beamtentum insgesamt normativ aufzuwerten und gleichzeitig militärisch auszurichten. Gerade aber die Polizeioffiziere waren besonders emp fänglich für diese „Wiederbelebung eines gewissen Ständestolzes“.3063 Indem sich die neuen Machthaber darum bemühten, nicht nur eine neue starke Armee zu errichten, sondern auch das Berufsethos der polizeilichen Oberbeamten noch wesentlich stärker militärisch aufzu laden, erkauften sie sich deren Ergebenheit.3064 Allgemein boten sich den Polizisten seit 1933 bessere Karrierechancen und Arbeitsbedingungen, da sie anders als in der Weimarer Repu blik nun unter anderem nicht mehr gegen politisch motivierte Aufständische auf den Stra ßen einschreiten und ihren Kopf herhalten mussten.3065 Besonders mit den antikommunis tischen und militaristischen Komponenten der neuen Staatsdoktrin konnte sich die Ordnungsmacht sehr leicht anfreunden.3066 Das vermochte selbst denjenigen Gesetzeshütern zu gefallen, die der NSDAP eingangs ihrer Herrschaft noch skeptisch gegenüberstanden. Be sonders ältere Polizeioffiziere begrüßten den neuen Kurs, weil sie von ihm recht schnell pro fitierten. Für viele von ihnen erfüllte sich ein langgehegter Wunsch, als sie 1935 wieder zu rück in die Armee gelangten und dort ihre Karrieren fortsetzen konnten. Allerdings benötigte der NS-Staat ein weiteres gemeinschaftsstiftendes Moment, um all jene Staatsdiener für sich zu gewinnen, die noch im polizeilichen Offizierskorps verblieben waren oder sich ab 1936 zu ihm gesellten. Insbesondere seitdem er zum obersten Polizeichef aufgestiegen war, verfügte Heinrich Himmler über einen solchen Integrationsfaktor, der in seiner Vision innewohnte, die SS mit der Polizei zu „verschmelzen“. Denn von nun an reiz te es zahlreiche Oberbeamte der Ordnungsmacht, jener neuen Elite anzugehören, als die sich die Schutzstaffel verstand. Sie basierte auf einer primär rassisch definierten Auslese, was ge nerell auf viele Männer äußerst attraktiv wirkte, für die bislang der Weg zu anderen elitären Kreisen versperrt war.3067 A uf diese Weise verstanden es Himmler und seine Entourage, auch jene Polizeibeamten anzusprechen, die sich immer noch so fühlten, als dienten sie nur in ei ner „Armee zweiter Klasse“. Stattdessen firmierten sie nun gedanklich unter dem Etikett der „grünen Soldaten“ innerhalb einer ideologisch aufgeladenen „inneren Wehrmacht“. Dabei halfen dem Reichsführer-SS also nicht nur die rassischen und weltanschaulichen, sondern vor allem die militaristischen Elemente des SS-Elitekonzepts. Diese waren aber keineswegs exklusiv im „Schwarzen Korps“ anzutreffen. Solche Tugenden wie etwa Treue, Gehorsam, 3062 Aly, Volksstaat, S. 36. 3063 Fangmann, Parteisoldaten, S. 84. 3064 Vgl. M artin Hölzl, Walter Nord - Polizeisoldat und Weltanschauungskrieger, in: Mallmann, Karrie ren, S. 166-175, hier: S. 167; Schmidt, Bürgerkriegsarmee, S. 216. 3065 Vgl. Höhne, Orden, S. 191. 3066 Vgl. Schmidt, Prügelknaben, S. 255. 3067 Vgl. Höhne, Orden, S. 54; Dierl, Ordnungspolizei, S. 36; Schmidt, Polizisten, S. 402. 5 64 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord Loyalität, Leistungsfähigkeit und -bereitschaft existierten auch in anderen Institutionen, wenngleich die SS sie besonders pflegte.3068 Während sie den älteren Polizeioffizieren bereits in der Reichswehr und in der Weimarer Ordnungsmacht begegnet waren, hatten die jünge ren Nachwuchskräfte sie entweder im Wehrdienst oder zuvor schon in anderen NS-Organisationen eingehend kennengelernt. Selbst wer sich nur aus opportunistischen und karrieris tischen Gründen auf Hitlers Partei und ihre Gliederungen einließ, konnte sich mit einem solch vertrauten Wertesystem arrangieren. Mit allen Inhalten und Idealen von Himmlers Wertesystem konfrontierte die Männer aber besonders die Ausbildung, die sie an den Offiziersschulen der Ordnungspolizei erhielten. Es war gewissermaßen ihre herausragende Aufgabe, die Police Culture des NS-Staats in eine Cop Culture seiner führenden Ordnungshüter zu transferieren. So zeigte sich an der Polizeischu le Fürstenfeldbruck, dass die Lehrer ihren Schülern ausgiebig einzutrichtern versuchten, wel che Rollen sie künftig einzunehmen und welche Werte sie darin zu kultivieren hatten.3069 Die se Botschaften waren entweder in den jeweiligen Fächern oder interdisziplinär zu finden: Die theoretisch angelegte Polizeiverwendung konzentrierte sich vor allem auf den im ge schlossenen Verband auszufechtenden Kampf, der weniger polizeilich, sondern gerade wäh rend des Krieges vielmehr militärisch geprägt war. Das Fach zielte also darauf ab, die Offi ziersanwärter zu Kämpfern zu formen, die in einer polizeilichen Einheit harmonisch und taktisch klug miteinander zu interagieren hatten. Mehr noch sollten die Männer in die Lage versetzt werden, einen solchen Verband selbst zu führen. Praktisch einstudieren mussten sie dies in der Exerzier- und Geländeausbildung, die außerdem beabsichtigte, die Schüler kör perlich abzuhärten. Auch die Körperschulung forderte sie dazu auf, stets diszipliniert an sich zu arbeiten und zu demonstrieren, was sie physisch zu leisten imstande waren. Gerade im Kampfsport und im Nahkampf übten sie, über sich hinauszuwachsen und sich im Wettbe werb sowie im späteren Ernstfall auch kämpferisch zu behaupten, wobei hauptsächlich das Recht des Stärkeren galt. Indem sie daneben auch noch Reiten und Fechten lernten, unter mauerten die angehenden Führungskräfte damit ihren elitären Status. Diesen sollten sie ge danklich in der Kriegsgeschichte pflegen, die ihnen bewusst zu machen versuchte, dass sie sich in der jahrhundertealten Tradition einflussreicher militärischer Führungsfiguren befän den und dazu verpflichtet seien, ihr historisches Erbe gemeinsam zu bewahren. Dadurch wollten ihnen die Lehrkräfte klarmachen, dass sie als Angehörige der Polizeielite nicht nur attraktive Privilegien genießen dürften, sondern ihnen daraus auch verantwortungsvolle Auf gaben erwüchsen. Insgesamt waren die Offiziersanwärterlehrgänge also dadurch charakte risiert, dass sie ihren Teilnehmern recht archaische und martialische Männlichkeitsbilder vermittelten. Andere Fächer schrieben dem idealen Polizeioffizier noch weitere Rollen und Eigenschaf ten zu. Der Unterricht im Nachrichten-, Waffen- und Kraftfahrwesen sah in ihm einen Ex perten, der technisch, militärisch und organisatorisch sehr versiert war. Darüber hinaus gab es noch eine ganze Reihe von Disziplinen, die ihn buchstäblich zum Gesetzes- und Ord nungshüter stilisierten. Obwohl diese idealistische Botschaft an Polizisten adressiert war, han delte es sich dabei nicht bloß um eine überflüssige Binsenweißheit. Vielmehr hob sie den ei gentlichen Zweck ihres beruflichen Daseins hervor und wirkte somit sinnstiftend. In erster Linie waren es die rechtlichen Disziplinen, die den Schülern verdeutlichen sollten, dass ih nen die essentielle Aufgabe zufiel, genau zu kontrollieren, ob sich auch wirklich jedermann 3068 Vgl. Hein, Elite, S. 92-95. 3069 Siehe dazu auch Kapitel 5. 565 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank an die Gesetze hielt, oder einzuschreiten, wenn die bestehende Ordnung bedroht war. Gleich zeitig vermittelten sie ihnen ein fundiertes Wissen darüber, in welchem gesetzlichen und normativen Rahmen sie selbst agieren konnten. Das bot ihnen eine Orientierung und ord nete ihren Dienstalltag. Diesen Zweck erfüllten auch bürokratische Fächer, wozu z. B. die Revierkunde sowie das Haushalts- und Wirtschaftswesen zählten. Sie skizzierten eine dienst liche Routine, in welcher der Polizeiführer nicht nur als fachkundiger Beamter, sondern ge genüber den Bürgern auch als „Freund und Helfer“ auftreten sollte. Dazu gesellte sich das Motiv des Beschützers, der sich fürsorglich um seine „Volksgenossen“ zu kümmern und sich um ihr Wohlergehen zu sorgen hatte. Den Schülern erschien dieses Ideal vor allem im Luft schutz und in der Kriminalistik. Diese Fächer offenbarten ihnen, dass sie auch verpflichtet waren, die deutsche Bevölkerung zum einen vor feindlichen Fliegern und zum anderen vor Verbrechern zu beschützen. In ihrer Ausbildungszeit waren die Offiziersanwärter darüber hinaus mit einer ganzen Rei he von Tugenden konfrontiert, die nicht nur innerhalb der Polizei, sondern in allen militä risch ausgerichteten Organisationen und sonstigen Männerbünden kultiviert wurden. Sie begegneten den Schülern über die Fachgrenzen hinweg, aber besonders in den militärischen und politisch-weltanschaulichen Disziplinen. Zu ihnen gehörten all jene Werte, die in einem hierarchisch gegliederten System unabdingbar waren, wie etwa Gehorsam, Disziplin und die Fähigkeit, Befehle befolgen oder selbst welche erteilen zu können. Hinzu kamen Tapferkeit, Mut, Loyalität sowie ein ausgeprägtes Selbst- und Pflichtbewusstsein, aber auch eine bedin gungslose Treue gegenüber Vorgesetzten und Kollegen, der übergeordneten Organisation wie den in ihr geteilten Prinzipien. Nicht zuletzt sollten die angehenden Offiziere penibel auf die „Manneszucht“ achten. Beinahe als ihren höchsten Wert würdigte die Ordnungsmacht aber die Kameradschaft. Denn die Beamten mussten sich nicht nur in den Lehrgängen auf einander verlassen können, sondern auch in den Amtsstuben und Polizeieinheiten im „aus wärtigen Einsatz“. Sozialwissenschaftlich betrachtet kommt der Kameradschaft daher gera de in militärischen Formationen eine wichtige integrative Funktion zu, w orauf etwa Hans-Joachim Heuer hinweist. Durch sie entwickeln sich Individuen zu einer relativ homo genen Einheit. Besonders wenn eine solche Gruppe einem kämpferischen Zweck dient, ver steht sie sich als verschworene Gemeinschaft, in der die einzelnen Mitglieder gegenseitig auf einander angewiesen sind und deshalb füreinander einstehen müssen.3070 Nach Udo Behrendes gaben die Männer immer mehr von ihrer Individualität auf und banden sich gleichzeitig immer enger an ihre Truppe und damit auch an die polizeiliche Organisation so wie deren Normensystem, je stärker sie während des „auswärtigen Einsatzes“ von der Au ßenwelt abgeschnitten waren. Das eigene Gewissen trat letztlich hinter der kollektiv geteil ten Moral der Organisation zurück.3071 Mit dieser Palette an dezidiert militärischen Tugenden begnügten sich die vorwiegend ideologisch bestimmten Fächer jedoch nicht, die sie deshalb noch durch eigene Normen er gänzten. Insbesondere die Lebenskunde und später die Pflichtenlehre taten sich dabei her vor. Sie präsentierten den Anwärtern den gesamten Tugendkatalog der SS, in dem vor allem die Ehre einen zentralen Stellenwert besaß. Sie sollten innerhalb der Polizei und in der Öf fentlichkeit jederzeit als mustergültige Repräsentanten des NS-Staats auftreten. Einen Schritt weiter ging die weltanschauliche Schulung, die sich bemühte, den Schülern zu vermitteln, 3070 Vgl. Hans-Joachim Heuer, Über das polizeiliche Töten im Dritten Reich, in: Schulte, Polizei, S. 389 405, hier: S. 399 f. 3071 Vgl. Behrendes, Bürger, S. 65. 566 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord d ass sie als id eo lo g isch g efestig te K äm p fer fü r d a s „ G ro ß d e u tsc h e R eich“ so w ie als H ü te r d e r „a ris c h e n “ R asse u n d d e re n „L eb e n sg ese tze“ fu n g ie re n m ü ss te n . D a d u rc h v e rm e n g te sie p o litis c h -w e lta n sc h a u lic h e u n d p o liz e ilic h -m ilitä r isc h e M o tiv e m ite in a n d e r . S o m it k o n n te das R eg im e eigen e id ee lle A k zen te se tz e n u n d sich a u f d iese W eise v o n d e r W e im are r P o lize ik u l tu r ab g re n z e n . H im m le rs M a c h ta p p a ra t v e rfü g te d a m it zu g le ich ü b e r e in B in d e m itte l, das all d iese E lem e n te z u s a m m e n h a lte n so llte . D iese W e rte fu s io n e r le ic h te r te ih m z u d e m d as K o n s tru k t d es „S ta a ts sc h u tz k o rp s“, d as d a r ü b e r h in a u s in te g ra tiv w irk e n u n d u n p o litis c h e G e se tz e sh ü te r so w ie id eo lo g isch m o tiv ie r te S S -M än n er g ed a n k lich zu p o litisc h e n „P o lize iso ld a ten “ fo rm e n so llte . M elan ie B ecker w eist fü r d ie S ich e rh e itsp o lize i d a ra u f h in , d ass d ieses ab s tra k te G eb ild e es d e n F ü h ru n g sk rä f te n e rm ö g lic h te , s ic h m it ih re r In s ti tu tio n z u id en tifiz ie ren . O rg a n isa tio n sp sy c h o lo g isc h b e tr a c h te t z ie lte d as L e itm o tiv des „S ta a ts sc h u tz k o rp s“ also d a r a u f ab, „d ie K o n g ru e n z z w isc h e n o rg a n isa tio n a le r u n d p e rso n a le r Id e n ti tä t“ zu b e g ü n s tig e n .3072 H e y d ric h s M ä n n e r so llte n s ich d e m e n ts p re c h e n d m ö g lic h s t s ta rk ü b e r ih re O rg a n is a tio n d e f in ie re n , in d e m d as R eg im e sie u n te r a n d e re m a u f e ine S tufe m it d e r A rm e e s te llte u n d in d e n e litä re n K re is d e r SS in te g r ie r te , w ie d as au c h a n a lo g fü r D a lu eg es O rd n u n g s m a c h t g esc h ah . Im U n te rs c h ie d z u ih r b e tr a c h te te s ic h d ie S ich e rh e itsp o lize i je d o c h als „ A rz t a m V o lk sk ö rp e r“, d e r se in e k r im in a l p rä v e n tiv e n A u fg ab e n au s e in e r b io lo g is tisc h e n P e rsp ek tiv e h e ra u s e rled ig te . U m ih re F ü h re r a n d ie se n Id e a le n a u sz u ric h te n , w u rd e n d ie h a n d v e r le se n e n K a n d id a te n in d e n in s t i tu t io n s e ig e n e n „K a d e rsc h m ie d e n “ u n d so n s tig e n S ta tio n e n au sg e b ild e t, w o sie e in g e h e n d m it d e n W e rte k a ta lo g e n d e r S ich e rh e itsp o lize i u n d d e r SS k o n fro n tie r t w a re n .3073 E in m a l ab g e seh en v o n d e n sp ez ifisch en A u fg ab e n d ieses P o lizeizw eigs e rg a b e n s ic h in sg e sa m t also re c h t viele n o rm a tiv e u n d p ro z e d u ra le P a ra lle len z u r O ff iz ie rsa u sb ild u n g d e r O rd n u n g sp o liz e i. D a m it s ic h d as id ee lle M o d e ll d es „S ta a ts sc h u tz k o rp s“ se lb s t re p ro d u z ie re n k o n n te , m u s s te n d ie a n g e h e n d e n P o liz e ifü h re r es n ic h t n u r se lb s t v e r in n e r lic h e n , s o n d e rn au c h n o c h fä h ig se in , se in e P r in z ip ie n a n U n te rg e b e n e z u v e rm itte ln . D esh a lb s c h u lte n d ie K u rse a n d e r P o lize isch u le F ü rs te n fe ld b ru c k so lc h e K o m p e te n z e n eb en fa lls . D ie L eb e n sk u n d e u n d sp ä te r d ie P f lic h te n le h re , a b e r v o r a llem d ie U n te r r ic h ts le h re p o c h te n d esw eg e n d a rau f, d ass je d e r e in z e ln e S ch ü ler le rn te , se lb s t als F ü h re r , L e h re r u n d E rz ieh e r a u fz u tre te n . F ü r ih re S c h ü tz lin g e so llte n sie sp ä te r e in m a l alle als V o rb ild e r u n d d a m it g le ich ze itig als M u ltip lik a to re n d e r N S -T u g e n d leh re fu n g ie re n . W eil d iese A u fg ab e fü r d ie S taa tsg ew alt so b e d e u tu n g s sc h w e r w ar, ze ig te ih n e n au c h d ie SS- u n d P o lize ig e rich tsb a rk e it auf, w ie s ic h d e r P o lizeio ffiz ie r des „ D r it te n R e ich s“ id ea le rw e ise zu b e tra g e n h a tte . Z u g le ic h o ffen b a rte d a s F ach , w elche K o n se q u e n z e n es fü r H im m le rs O rd n u n g s h ü te r n a c h s ic h z ie h e n k ö n n te , w e n n sie g eg en d e n M o ra lk o d e x d e r SS v e rs tie ß e n . D a m it a rb e ite te n d ie L eh re r d a ra u f h in , ab w e ic h en d es , illoya les u n d an g e b lich u n e h re n h a f te s V erh a lte n v o n v o rn h e re in im K eim z u e rs tic k en . D e n n e ine z e n tra le B o tsch aft la u te te d ab e i, d ass d ie a n g e h e n d e n F ü h ru n g sk rä f te se h r sc h n e ll w ie d e r aus d e r E lite au sg e sch lo sse n w e rd e n k o n n te n , so fe rn sie s ic h n ic h t a n d e re n R egeln h ie lten . Es d ro h te ih n e n also , ra s c h je n e n S ta tu s u n d d ie d a m it v e rb u n d e n e n P riv ile g ien e in z u b ü ß e n , m it d e n e n d e r N S -S taa t v ie le v o n ih n e n ü b e rh a u p t e rs t g e k ö d e r t h a tte . D a m it s ic h d e r e in z e ln e O ff iz ie rsa n w ä rte r in d ie p o liz e ilic h e In s t i tu t io n in te g r ie re n u n d m it ih r e n W e rte n id e n tif iz ie re n k o n n te , g en ü g te es fü r d ie O rd n u n g s m a c h t a b e r n ic h t , n u r d as e ig en e p o sitiv e S e lb stb ild zu p fleg en , d as ih re P o lize ik u ltu r m a ß g e b lic h b e s t im m te . Ih m 3072 Melanie Becker, Organisationskultur der Sicherheitspolizei im Nationalsozialismus, in: Lüdtke, Poli zei, S. 249-278, hier: S. 252. 3073 Vgl. ebd., S. 253-257. 567 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank stellte sie deshalb einen Widerpart gegenüber, durch den die uniformierten Staatsdiener ge nauer definieren konnten, was sie selbst ausmacht. Allerdings gestaltete sich dieses Unter fangen nicht gerade leicht. Denn der polizeiliche Gegner war meist recht diffus und durch das verwendete Vokabular nur schwer greiftar. Im genuin polizeilichen Kontext erschien er als Verbrecher, Krimineller, Gesetzesbrecher, Verkehrssünder oder schlicht als Gauner. Solch eine Wortwahl fand sich insbesondere in den rechtlichen Fächern und in der Kriminalistik. Im militärischen Kontext zeigte sich der Gegner hingegen als militärischer Kontrahent oder ausländische Armee, vorwiegend jedoch als Aufständischer, Kriegsgefangener, Partisan, „Ban dit“ oder Kommunist. Genau daran konnten die politisch-weltanschaulichen, aber auch be stimmte rechtliche Disziplinen andocken, welche die Kollage der Antagonisten erweiterten. Sie behandelten insbesondere „Bolschewisten“, „Plutokraten“, Spione, Freimaurer, Ausländer, „Volksschädlinge“, Homosexuelle, „Zigeuner“ und Juden. Einen weiteren Opponenten präg ten noch die Lebenskunde, die Pflichtenlehre sowie die SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Sie richteten sich vor allem gegen all jene Angehörigen des Himmlerschen Apparats, die sich von ihm, seinen Gesetzen, Regeln und Tugenden abwendeten und damit gegen die als hei lig erachtete Ordnung verstießen. Wenn es also darum ging, subversive Elemente in einem größeren Kontext auftreten zu lassen, mobilisierte der Unterricht ganze Armeen oder sogar Staaten. Das kam jedoch eher selten vor. A uf dem Papier oder im Übungsgefecht kämpften die Schüler stattdessen meist gegen Gegner, die allesamt als „Feind im Innern“ identifiziert werden können und sich un ter diesem Oberbegriff subsumieren lassen. Dabei war es nebensächlich, ob sie es mit Straf tätern, Aufrührern, Kommunisten oder „Bandenmitgliedern“ aufnehmen mussten. Als viel wichtiger stellte es sich dar, dass diese Gegner stets die bestehende Ordnung und damit den Status quo gefährdeten, den die Staatsgewalt zu verteidigen hatte - nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst von ihm profitierte. Ein essentielles Wesensmerkmal dieses Gegenparts bestand da rin, dass er sehr diffus und gedanklich nur schwer zu fassen war. Allerdings stellte das kein neues Phänomen dar, weil es bereits die Weimarer Exekutive mit relativ abstrakt gehaltenen Kontrahenten zu tun hatte. Dadurch existierte bereits ein traditionsreiches Feindbild, das der nationalsozialistische Polizeiapparat weitgehend übernahm, ideologisch aber hauptsäch lich durch den Juden erweiterte. Zu Recht weist Jürgen Matthäus darauf hin, dass das Re gime diesen bereits in der Vorkriegszeit sowohl durch seine ständig wachsende Anzahl an tisemitischer Gesetze als auch durch seine judenfeindliche Propaganda zunehmend kriminalisierte und so zum polizeilichen Ziel machte. Denn ein beliebtes Motiv der media len Hetze war es, Juden und Verbrecher miteinander gleichzusetzen.3074 Der „Feind im Innern“ erhielt so scheinbar schärfere Konturen, blieb aber weiterhin ne bulös. Vielmehr sorgten NS-Ideologen dafür, dass sie noch stärker verblassten und letztlich zu austauschbaren Chiffren verkamen. Der Gegner musste auch gar nicht konkret und plas tisch sein, damit die Ordnungspolizei gegen ihn vorgehen konnte. Stattdessen sollte er sogar diffus sein, weil er ansonsten greiftar, durchschaubar und nicht mehr so gefährlich gewesen wäre. Doch wenn es keinen Anlass gegeben hätte, sich vor diesem angeblich übermächtigen Feind zu fürchten, wäre es den „Polizeisoldaten“ nicht so dringlich erschienen, ihn derart en gagiert und rigoros zu bekämpfen. Und einen solchen Kampf hätten sie auch nicht als so hel denhaft wahrgenommen. Denn es griff ein einfaches Prinzip: Je stärker der Schurke ist, des to größer ist auch der Held. Die Polizei steigerte im „Dritten Reich“ also nicht zuletzt deshalb ihren Einfluss, weil der Nationalsozialismus den „Feind im Innern“ deutlich aufwertete. Um 3074 Vgl. Matthäus, Front, S. 150. 568 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord Beckers organisationspsychologischer Interpretation der Sicherheitspolizei zu folgen, konn ten sich die Staatsdiener wahrscheinlich umso stärker mit ihrer ordnungspolizeilichen Or ganisation identifizieren, je mehr sie sich von diesem Gegner bedroht fühlten.3075 Insbesondere das Konstrukt der „Bande“ eignete sich hervorragend, um diese diffuse Be drohung aufrechtzuerhalten und damit Teil der Cop Culture werden zu lassen. Dieser Begriff verriet nicht genau, um was für eine Art von gegnerischem Zusammenschluss es sich dabei handelte. Ihre Angehörigen verschwanden lediglich in einem anonymen Kollektiv. Dabei ging dieses Feindbild nicht auf die Nationalsozialisten zurück, sondern stellte vielmehr eine Konstante der deutschen Geschichte dar, die sich mindestens bis in die Frühe Neuzeit zu rückverfolgen lässt. Über viele Jahrhunderte hinweg war die Mentalität der Armee von der Furcht vor heimtückisch aus dem Hinterhalt operierenden „Freischärlern“ geprägt gewesen, die auch das Ende des Ersten Weltkriegs überstanden hatte. Als „Bande“ hatte dann die Wei marer Polizei eine Gruppe bezeichnet, deren Angehörige sich deswegen zusammenfanden, um gemeinsam eine Straftat zu begehen. So hatte sie z. B. von Diebes-, Räuber-, Einbrecher oder Mörderbanden gesprochen. Daneben hatte sie den Terminus aber auch verwendet, um damit dezidiert politisch links orientierte und gemeinschaftlich organisierte Gegner zu be nennen, die den bewaffneten Kampf gegen den demokratischen Staat und seine Ordnungs macht aufgenommen hatten. Obwohl oder gerade weil er so schwammig war, hatte der „Banden-Begriff“ nachhaltig die polizeiliche Gedankenwelt der zwanziger Jahre geprägt und den erneuten Systemwechsel überlebt, um sich dann sogar noch größerer Popularität zu erfreu en.3076 Ähnlich verhielt es sich mit verwandten Vokabeln, zu denen besonders der einzelne „Bandit“ zählte. Die Propaganda des NS-Regimes griff sie ebenfalls auf, verwendete sie aber nicht nur im polizeilichen Kontext.3077 Solche Ausdrücke dienten vor allem Himmlers Macht apparat dazu, seinen Angehörigen sprachlich zu suggerieren, dass die so bezeichneten Per sonen per se kriminell und deshalb scharfe Maßnahmen gegen sie gerechtfertigt seien.3078 Für die Nationalsozialisten war es sehr vorteilhaft, dass ihre fiktiven Gegner lediglich gro be Orientierungsmuster vorgaben. Ihnen genügte es vollkommen, nicht nur im polizeilichen Bereich, sondern generell mit einer einfachen Dichotomie zu operieren, die auf dem existentialistischen Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ basierte. „Ganovenjäger“ brauchten ihre „Verbrecher“ ebenso sehr wie „Polizeisoldaten“ ihre „Partisanen“. Da die selbsternannten „Her renmenschen“ jedoch die Furcht vor dem „Feind im Innern“ noch stärker befeuerten, benö tigten sie aber auch geeignete Kräfte, die ihm Einhalt gebieten konnten. Weil die Ordnungs macht naturgemäß damit beauftragt war, diesen Kam pf auszufechten, wirkte allein die mögliche Existenz ihres Widersachers für sie sinnstiftend. Denn ohne ihn wäre nicht nur die Polizei obsolet geworden. Ohne dieses interdependente Verhältnis hätte auch die NS-Herrschaft nicht funktioniert, weil sie wesentlich auf einem Wechselspiel zwischen Exklusion und Inklusion fußte. Wie Hans Mommsen konstatiert, war die braune Diktatur grundsätzlich auf den „inneren Feind“ angewiesen, um es den „Volksgenossen“ und vor allem den eigenen Par teiaktivisten zu ermöglichen, sich in das neue Gesellschaftsprojekt zu integrieren.3079 Am Ende dieses Prozesses sollte dann eine deutsche „Volksgemeinschaft“ stehen, unter deren A n gehörigen egalitäre Verhältnisse herrschten. Damit dieses Konstrukt realisiert werden konn te, mussten sich seine Propagandisten daranmachen, all jene tatsächlich aus der deutschen 3075 Vgl. Becker, Organisationskultur, S. 271. 3076 Siehe dazu besonders Kapitel 3.3. 3077 Vgl. Brewing, Alltagspraxis, S. 512; Matthäus, Welle, S. 267. 3078 Vgl. Westermann, Friend, S. 648. 3079 Vgl. Mommsen, Polizeistaat, S. 70. 569 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Bevölkerung auszusondern, denen sie absprachen dazuzugehören. Die „Volksgemeinschaft“ existierte also gewissermaßen erst durch „die Chimäre der sozialen Gleichheit und die Pra xis der rassistischen Ungleichheit“.3080 Und eben diese Praxis fungierte gerade für die Voll strecker des staatlichen Willens „als korrumpierendes Partizipationsangebot“ und „Vehikel sozialen Aufstiegs“.3081 All diese ideellen Schemen und Deutungsmuster können aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Im Gegensatz zur Führungsriege der Sicherheitspolizei und des SD bilde ten die Offiziere der Ordnungspolizei keineswegs eine intellektuelle oder gar weltanschauli che Elite. Zwar sollten sie sich nach dem Willen des Regimes als solche verstehen. Doch be reits in den Friedens- und erst recht in den Kriegsjahren mussten Himmler und seine bürokratische Gefolgschaft ernüchtert feststellen, dass Wunsch und Wirklichkeit nur allzu häufig weit auseinanderklaffien. Diese Erkenntnis stammte besonders aus den Offiziersschu len, die eben nicht in der Lage waren, jeden Kandidaten zu einem führenden „Polizeisolda ten“ zu erziehen. Den Kommandeuren zufolge waren viele Schüler dafür gänzlich ungeeig net, weil sie weder über die notwendigen Erfahrungen noch über die geistigen Fähigkeiten verfügten. Um die Expansion des „Dritten Reichs“ abzusichern, benötigte der Polizeiappa rat trotzdem dringend neues Führungspersonal. Deshalb musste er seine Ansprüche immer weiter herunterschrauben, um überhaupt zu einem Offiziersersatz zu gelangen. Dass viele Anwärter auch noch ideologisch ziemlich unbedarft waren, zeigte dem System der weltan schaulichen Schulung seine Grenzen auf. Wer in die Polizei eingetreten war, um seine sozi ale Situation zu verbessern und von den Chancen zu profitieren, die ihm das Regime bot, musste nicht zwangsläufig dessen Prinzipien teilen. Zudem war es den Schulen ohnehin we sentlich wichtiger, die Kursteilnehmer polizeitaktisch und militärisch auszubilden, damit sie in den „auswärtigen Einsatz“ geschickt werden konnten. Aber gerade in den entsprechen den Fächern begegneten den Offiziersanwärtern die traditionellen Feindbilder, an denen sie sich ebenfalls in den Polizeieinheiten orientieren konnten. Obwohl viele Kandidaten den Anforderungen nicht vollends entsprachen und vielmehr bestimmte Defizite aufwiesen, absolvierten zahlreiche Beamte trotzdem ihre Lehrgänge. Ein erheblicher Teil von ihnen gelangte dann in die besetzten Gebiete, um sich am deutschen Terror zu beteiligen. Das war es, was ihre Polizistenkultur in erster Linie prägte. Zwar lässt sich nicht genau bestimmen, wie sehr die Ausbildung in Fürstenfeldbruck oder Berlin-Kö penick sie auf diesem Weg beeinflusst hatte. Aber offensichtlich reichte ihr darin erworbe nes Know-how aus, um mit ihren Einheiten im „auswärtigen Einsatz“ bestehen zu können. Politisch-weltanschauliche Botschaften waren dafür anscheinend nicht ausschlaggebend. A l lerdings dürften sie mit dazu beigetragen haben, dass die jungen Offiziere ein elitäres Selbst verständnis entwickeln konnten, in dem der Gemeinschaftsgeist eine zentrale Größe darstell te. Der Zusammenhalt innerhalb einer Polizeieinheit war lebenswichtig für jeden einzelnen ihrer Angehörigen. Für diesen hatten aber gerade die vorgesetzten Offiziere zu sorgen, zu denen zahlreiche Brucker Absolventen und Lehrkräfte gehörten. Wenn die Führungskräfte der Ordnungspolizei es dann auch noch verstanden, sich gegen über ihren Untergebenen zumindest so ähnlich zu verhalten, wie es Himmlers Polizeiappa rat vorschwebte, konnten sie auf diese und damit die gesamte Einheit deutlich einwirken. 3080 Ulrich Herbert, „Volksgemeinschaft“: Gleichheit und Ungleichheit, in: Winfried Nerdinger (Hrsg.), München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, M ün chen 2015, S. 408-418, hier: S. 418. 3081 Mallmann, Fußvolk, S. 382. 570 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord D u rc h e in e n e n ts p re c h e n d e n H a b itu s g e lan g es ih n e n , ih re M ä n n e r w e se n tlic h s tä rk e r zu b e e in flu sse n , als es d e r th e o re tis c h e U n te r r ic h t o d e r d ie p o litis c h e In d o k tr in a t io n v e rm o c h te n . Ih re e ig e n e n M o tiv e k o n n te n d u rc h a u s id e o lo g isc h b e g rü n d e t se in . U n a b h ä n g ig d a v o n w a re n es h äu fig g e ra d e d ie O b e rb e a m te n , d ie b e i d e n M a sse n v e rb re c h e n als t r e ib e n d e K ra ft f u n g ie r te n u n d ih re T ru p p e d ab e i d u rc h ih r „V orbild“ a n im ie r te n .3082 A u ch w a re n sie es, „d ie ih re M ä n n e r m o tiv ie r te n , a n s ta c h e lte n , ih n e n F re irä u m e l ie ß e n o d e r au c h e n ts p re c h e n d e B efeh le e r te ilte n “ u n d d a d u rc h d ie „ H a u p tv e ra n tw o r tu n g fü r d ie G e w a lta u sü b u n g “ t r u g e n .3083 U n te r so lc h e n U m s tä n d e n o ffen b a rte s ich , dass z u m in d e s t e in Teil d e r in H im m le rs S taa ts g ew alt k u rs ie re n d e n T u g e n d e n d u rc h a u s e in flu ss re ic h se in k o n n te . D as s c h e in t in s b e s o n d e re je n e b e tro ffe n zu h a b e n , d ie a u f d e n Z u s a m m e n h a lt d e r E in h e ite n ab z ie lten . W ä h re n d des „ a u sw ä rtig e n E in sa tz e s“ ze ig te s ich , d ass o ftm a ls d ie L o y alitä t d e r M ä n n e r v o r a llem z u ih re n V o rg ese tz ten , a b e r au c h u n te re in a n d e r e n ts c h ie d , ob P o liz is ten a m Ju d e n m o rd te iln a h m e n . O b w o h l e tw a d e r K o m m a n d e u r des R ese rv e -P o liz e ib a ta illo n s 1 0 1 , M a jo r W ilh e lm T rap p , s e i n e n U n te rg e b e n e n v o r d e r e rs te n M a s s e n e rsc h ie ß u n g e in g e rä u m t h a tte , s ic h n ic h t u n b e d in g t d a ra n b e te ilig e n z u m ü sse n , so fe rn sie s ic h n ic h t d a z u im s ta n d e sa h e n , n a h m e n le d ig lic h z w ö lf v o n r u n d 5 0 0 M a n n d ieses A n g e b o t an . W ie H a ra ld W elze r m e in t , w irk te n d ie m e is te n P o liz is ten au c h d esh a lb a n d e r M o rd a k tio n m it, w eil sie w e d e r ih re n K o m m a n d e u r n o c h ih re K a m e ra d e n m it d ie se r sc h w e re n A u fg ab e im S tich la ssen w o llten . W er s ic h d e m T ö ten d ag e g en e n tz o g e n h ä tte , h ä tte g eg en d ie W e rte se in e r G ru p p e u n d d a m it u n s o lid a r is c h g e g e n ü b e r ih r e n M itg lie d e rn g e h a n d e lt, s ic h d a d u rc h illoya l v e rh a lte n u n d le tz tlich so z ia l iso l ie r t .3084 So g e se h e n ex is tie r te in n e rh a lb d e r P o liz e ie in h e ite n also g e w isse rm a ß e n e in so z ia le r B e fe h lsn o ts tan d . In p u n c to L o y alitä t g a lt d a rü b e r h in a u s fü r d ie O ffiz ie re d e r O rd n u n g sp o liz e i s ic h e rlich au ch , w as K lau s-M ich a e l M a llm a n n fü r e in e n Teil d e r F ü h ru n g sk rä f te in d e n E in sa tz g ru p p e n k o n s ta t ie r t . I h m zu fo lg e w a re n sie d e m N S -S taa t t r e u e rg eb e n , w eil sie ih m ih re n b e r u f lic h e n A u fstieg v e rd a n k te n . D a h e r n u tz te n sie d e n „ a u sw ä rtig e n E in sa tz “ d az u , s ich zu „ b e w ä h re n “ u n d ih re K a rr ie re n d u rc h e in e rb a rm u n g s lo se s V o rg eh e n g eg e n d ie v o m R eg im e v o rg e g e b e n e n F e in d e n o c h w eite r v o ra n z u tr e ib e n .3085 A u f d ie se m W ege k o n n te s ic h an a lo g d a z u e in u n ifo rm ie r te r P o liz e ifü h re r g le ich ze itig b e i s e in e m D ie n s th e r rn fü r se in e e x p o n ie r te P o s itio n u n d d ie d a m it v e rb u n d e n e n P r iv ile g ien re v a n c h ie re n . Z w isc h e n b e id e n A k te u re n h e r rs c h te fo lg lich e ine F o rm v o n R ez ip ro z itä t. D as b e d e u te t n ic h ts an d e re s , als dass s ich d ie O b e rb e a m te n d e r O rd n u n g sp o liz e i u n d H im m le rs M a c h ta p p a ra t d u rc h e in ab w ec h se ln d k o o p e ra tiv e s V e rh a lte n b e ie in a n d e r e rk e n n tlic h z e ig te n .3086 Es e x is tie r te a lso e in System des g eg e n se itig e n G eb en s u n d N e h m e n s , in d e m d ie O ffizie re m e is t d e u tl ic h s tä rk e r v o n d e n G ra t i f ik a t io n e n d e r D ik ta tu r p ro f i t ie r te n als d ie M a n n s c h a f te n . D e n n d ie g rö ß e re H ö h e v o n D ie n s tg ra d u n d S o ld so w ie d ie re ic h h a ltig e re Fülle v o n M a c h t u n d A n se h e n b a n d e n d ie F ü h ru n g sk rä f te en g e r an ih r e n D ie n s th e r rn . D esh a lb h ä tte es fü r sie sc h w e rw ie g e n d e re K o n se 3082 Vgl. Hölzl, Nord, S. 172; Klemp, Freispruch, S. 113 f. Ferner: Jürgen Matthäus, Das „Unternehmen Bar barossa“ und der Beginn der Judenvernichtung, Juni-Dezem ber 1941, in: Browning, Entfesselung, S. 360-448, hier: S. 375; Pohl, Schauplatz, S. 195. 3083 Klemp, Vernichtung, S. 41. 3084 Vgl. Harald Welzer, Wer waren die Täter? Anmerkungen zur Täterforschung aus sozialpsychologi scher Sicht, in: Paul, Täter, S. 237-253, hier: S. 244-246. 3085 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Die Türöffner der „Endlösung“. Zur Genesis des Genozids, in: Paul, Gestapo (2000), S. 437-463, hier: S. 461. 3086 Zum Phänomen der Reziprozität vgl. Gerd Gigerenzer, Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Un bewussten und die Macht der Intuition, München 2008, besonders: S. 226. 571 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank q u e n z e n g eh a b t, d iese A n n e h m lic h k e ite n w ie d e r zu v e rlie ren . Im G eg en z u g p o c h te d as R e g im e a u f p e r m a n e n te n G e h o rs a m u n d b e d in g u n g s lo s e K o n fo rm itä t . D ie T e iln a h m e a m Ju d e n m o rd w ar d em z u fo lg e so w o h l fü r d ie P o liz e ifü h re r als au c h fü r ih re U n te rg e b e n e n e ine G e g e n le is tu n g in E x tre m fo rm . D iese zu e rb r in g e n , e r le ic h te r te ih n e n d e r U m s ta n d , d ass d as N S -R eg im e b e so n d e rs w ä h re n d d es Z w e iten W e ltk rieg s d e n b e re its v o rh a n d e n e n „F re isc h ä rle rw a h n “ n o c h w e ite r s c h ü r te , m it d e m s ic h au c h d ie t r a d it io n e lle n F e in d b ild e r d e r P o lizei v e rb in d e n lie ß en . G e ra d e d ie d e u tsc h e A rm e e re c h n e te n o c h v o r K rie g sb e g in n d a m it, es im p o ln is c h e n N a c h b a rla n d m it „ F ra n k tire u rs“ zu tu n z u b e k o m m e n . A ls sie d a n n d o r th in e in m a rs c h ie r te , re a g ie rte sie d a h e r a u f je d e n o c h so k le in e F o rm v o n ta ts ä c h l ic h e m o d e r a n g e b lic h e m W id e rs ta n d m it b ru ta le r W affengew alt. D ass au c h d ie E in sa tz g ru p p e n s c h o n d am a ls v o n d iese r h äu fig G e b ra u c h m a c h te n , ze ig en n ic h t z u le tz t d ie E re ig n isse u m d e n „B ro m b erg e r B lu tso n n ta g “.3087 M a llm a n n w eist d a ra u f h in , d ass d ie O rd n u n g sp o liz e i im P o len fe ld zu g e rs t d esh a lb z u m E in sa tz g e k o m m e n sei, w eil d ie W e h rm a c h t A n fa n g S e p te m b e r 19 39 n a c h ih r v e r la n g t h ab e , u m im rü c k w ä r t i g e n G eb ie t a u f te im e n d e „ B a n d e n k ä m p fe “ im K eim z u e rs tic k en . D e n n n ic h t z u le tz t in d e n o b e rsc h le s isc h e n A u fs tä n d e n v o n 19 19 b is 19 2 1 h a b e d ie d e u tsc h e A rm e e b e re its e r fa h re n , w as s ic h n u n z u B e g in n d es Z w e iten W e ltk rieg s zu w ie d e rh o le n s c h ie n .3088 A u s F u rc h t v o r P a r t i s a n e n e rm o rd e te n d e u tsc h e T ru p p e n p o ln isc h e Z iv ilis ten , v o n d e n e n sie fä lsc h lich e rw e ise g la u b te n , d ass sie m it d e r re g u lä re n A rm e e z u s a m m e n g eg en d ie In v a so re n k äm p ften . W eil sie d e re n T a k tik d es W a ld - u n d H ä u se rk a m p fs als feige u n d h in te rh ä l t ig a n s a h e n , tö te te n W e h rm a c h tse in h e ite n a u ß e rd e m S o ld a te n d e r p o ln is c h e n A rm e e , u n m itte lb a r n a c h d e m sie in K rie g sg e fan g en sc h a ft g e g a n g e n w a re n .3089 D e r „ F re is c h ä r le rw a h n “ in n e rh a lb d e r W e h r m a c h t w a r also m it d a fü r v e ra n tw o rtlic h , dass s ic h d ie u n ifo rm ie r te Po lizei s c h o n in d e r F r ü h p h a se d es K rieges d a ra u f fo k u ss ie rte , an g eb lich e P a r t is a n e n z u b e k ä m p fe n . A u f d iese A u fg ab e h a tte s ic h d ie S taa tsg ew alt je d o c h b e re its b e d e u te n d f rü h e r v o rb e re ite t. E d w a rd B. W e s te rm a n n g la u b t zw ar, d ie O rd n u n g sp o liz e i h a b e in d e n F r ie d e n s ja h re n n ic h t d a m it g e re c h n e t, d ass es ih re E in h e ite n sp ä te r e in m a l m it E in sä tz e n z u r P a r t is a n e n b e k ä m p fu n g z u tu n b e k ä m e n . D e sw e g e n se ie n sie in d e n K rie g g ez o g en , o h n e w irk lic h z u a h n e n , w elche n e u e n A u fg ab e n sie d o r t e rw a rte te n . D u rc h ih re m ili tä r is c h e A u sb ild u n g in d e n V or k r ie g s ja h re n h ä tte n sie s ic h a lle rd in g s a u f d iese u m s te lle n k ö n n e n .3090 D ie v o rl ie g e n d e S tu d ie k o n n te a b e r ze ig en , dass W e s te rm a n n h ie r ir r t . D e n n in d e r g e sa m te n Z w isc h e n k rie g s ze it b e re ite te s ich d ie u n ifo rm ie r te O rd n u n g s m a c h t d u rc h a u s d a ra u f vor, in p a ra m il itä r is c h e n O p e ra tio n e n g eg en „ B an d en “ z u k äm p fen . M it d ie se m K n o w -h o w z o g e n d ie O rd n u n g sp o liz is te n in d e n „ a u sw ä rtig e n E in sa tz “. D o r t s e tz te n sie d a n n in d ie T at u m , w as sie zu v o r e in s tu d ie r t h a tte n . D a z u m u ss te n sie a b e r n ic h t z w in g e n d a u f b e w a ffn e te n W id e rs ta n d s to ß e n . In d e r F rü h p h a se d es „ U n te rn e h m e n s B a rb a ro s sa “ v e rü b te n d ie e rs te n , n o c h w en ig e n ru s s is c h e n „ F re isc h ä rle r“ zw ar ta tsä c h lic h k le in e re A n sch läg e . A u f sie r e a g ie r te n d ie d e u ts c h e n B esa tzer je d o c h m it ü b e rm ä ß ig e r G ew a lt g e g e n Z iv ilis ten , w eil sie d e n e ig e n tlic h e n U rh e b e rn k a u m h a b h a ft w e rd e n k o n n te n . D ie se n n a c h m ili tä r isc h e n G e s ic h tsp u n k te n v o llk o m m e n s in n lo se n T erro r in te rp re t ie r t H a n n e s H eer so g a r als e in e n „ P a r tis a n e n k a m p f o h n e P a r t is a n e n “.3091 C h r is t ia n G e rla c h w e n d e t d e m g e g e n 3087 Vgl. dazu Wildt, Generation, S. 435-447. Siehe dazu auch Kapitel 2.2. 3088 Vgl. Mallmann, Mißgeburten, S. 71. 3089 Vgl. Böhler, Auftakt, S. 19 f. 3090 Vgl. Westermann, Friend, S. 652 und 655. 3091 Heer, Logik, S. 107. Vgl. ebd., S. 106-111. Dieses Motiv findet sich z. B. auch bei Bernd Greiner. Vgl. Bernd Greiner, Partisanenkampf ohne Partisanen. Über die Rückkehr der Moral in die Geschichte, in: 572 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord ü b e r z u R e ch t e in , d ass d ies so au c h n ic h t g esag t w e rd e n k ö n n e , d a es e tw a in W e iß ru ss la n d b e re its im S o m m e r 19 4 1 e in e b e a c h tlic h e A n z a h l v o n G u e ri l la k ä m p fe rn g eg e b en h a b e .3092 E b e n w eil d ie P o liz is ten b e re its in d ie se r P h a se des O s tk rie g s s ta ttd e sse n e h e r g eg en zivile O p fe r ä u ß e rs t b ru ta l v o rg in g e n , sp ie lte es in d e r S e lb s tre c h tfe r tig u n g d e r T ä te r k e in e o d e r h ö c h s te n s n u r e in e u n te rg e o rd n e te R olle, w ie v ie le „e ch te“ P a r t is a n e n w irk lic h v o rh a n d e n w aren . D ie O rd n u n g sp o liz e i fü h r te e in e n P a r t is a n e n k a m p f, d e r k e in e P a r t is a n e n b e n ö tig te . D as e rb a rm u n g s lo s e V o rg eh e n d e r d e u ts c h e n B esa tzer k o n n te a lle rd in g s n ic h ts d a ra n ä n d e rn , dass A n sch läg e aus d e m H in te rh a lt fü r sie ta tsä c h lic h e in P ro b le m d a rs te l lte n , d as ih r S ic h e rh e itsb e d ü rfn is s ta rk ta n g ie rte . Ih r A n lie g e n w ar es d ah e r, d ie W id e rs ta n d sb e w e g u n g so sc h n e ll w ie m ö g lic h au sz u sc h a lte n . G e ra d e d as g es ta lte te s ic h je d o c h ä u ß e rs t sch w ierig . B e so n d e rs in O s te u ro p a d ra n g sa lie r te n sie s ta ttd e sse n d ie Z iv ilb e v ö lk e ru n g im m e r b ru ta le r , w eil sie k a u m u n te r s c h e id e n k o n n te n , w er w irk lich zu d e n „B an d ite n “ g e h ö r te , e in e r ih re r H e lfe r w ar o d e r m it k e in e m v o n b e id e n etw as zu sch a ffen h a tte . In d ie se r d iffu se n G e fa h re n lage fü h l te n sie s ic h s tä n d ig v o n a llen S e iten b e d r o h t .3093 SS- u n d P o liz e ie in h e ite n s c h e in e n a u c h d esh a lb m a s se n h a f t u n b ew affn e te Ju d e n g e tö te t z u h a b e n , w eil sie so „ ih r V ersag en b e i d e r P a r t is a n e n b e k ä m p fu n g z u k a sc h ie re n v e rsu c h te n “.3094 D as w ar je d o c h k e in esw eg s d e r e inz ig e G ru n d , w a ru m H im m le rs M ä n n e r im R a h m e n ih re r p a ra m il i tä r is c h e n O p e ra tio n e n g eg en G u e rilla k ä m p fe r g ez ie lt jü d is c h e Z iv ilis ten e x e k u tie r te n . O h n e Z w eife l g ab es u n te r ih n e n v iele , d ie b e i so lc h e n T aten v o n e in e m m e h r o d e r m in d e r s ta rk a u sg e p rä g te n H ass a u f Ju d e n g e tr ie b e n w aren . D as w ar a b e r k e in P h ä n o m e n , d as s ic h ex k lu s iv im „S ch w arzen K o rp s“ u n d in d e r „ g rü n e n S taa tsg ew alt“ f in d e n ließ . L au t K o n ra d K w iet h ä t te n „ A n tise m itism u s u n d R a ss ism u s z u s a m m e n m it a n tik o m m u n is tis c h e n S te re o ty p e n als K e rn e le m e n te n a tio n a lso z ia lis t is c h e r M o b ilis ie ru n g s- u n d R e c h tfe r tig u n g s id e o lo g ie “ g ed ie n t. Sie h ä tte n n ic h t n u r se it d e r „ M a c h te rg re ifu n g “ als p o litisc h e L e itlin ien fu n g ie r t u n d d ie w e lta n sc h a u lic h e S c h u lu n g b e s t im m t, s o n d e rn „ a u c h d ie D e n k - u n d V er h a lte n sw e ise n d e u ts c h e r T ä te r u n d Z u s c h a u e r“ b e e in f lu s s t .3095 In s b e so n d e re fü r d ie W e h r m a c h t w e ist d ie F o rsc h u n g d a ra u f h in , d ass d as N S -R eg im e g e g e n ü b e r ih re n A n g e h ö rig e n s c h o n in d e n F r ie d e n s ja h re n e in d iffu ses S a m m e lsu r iu m au s an tis law isc h e n , a n tib o lsc h e w is t is c h e n u n d a n tis e m it is c h e n Id e o lo g e m e n p ro p a g ie r t h ab e . D e ra rt ig e F e in d b ild e r h ä tte n an ä lte re D en k w e ise n ü b e r d e n „O sten “ u n d se in e M e n sc h e n a n k n ü p fe n k ö n n e n , d ie la n g e v o r d e r n a tio n a lso z ia lis t is c h e n M a c h tü b e rn a h m e in d e r A rm e e u n d v o r a llem in ih re m O ffiz ie rs k o rp s k u rs ie r t h ä tte n . S o lch e t ra d it io n e lle n u n d n e u a u sg e ric h te te n V o ru r te ile se ie n d a n n im Z w e iten W e ltk rieg m it d a fü r v e ra n tw o rt lic h g ew esen , dass d ie T ru p p e in P o len u n d b e s o n d e rs in d e r S o w je tu n io n so ra d ik a l g eg en d ie B e v ö lk e ru n g v o rg in g .3096 Es is t zw ar d a v o n a u s Mittelweg 36 7/4 (1998), S. 19-27, hier: S. 21 f. 3092 Vgl. Gerlach, Morde, S. 860 f. Ferner: Peter Lieb, Täter aus Überzeugung? Oberst Carl von Andrian und die Judenmorde der 707. Infanteriedivision 1941/42, in: Hartmann, Krieg, S. 271-304, hier: S. 291; Dieter Pohl, Das deutsche Militär und die Verbrechen an den Juden im Zweiten Weltkrieg, in: Cle mens Vollnhals (Hrsg.), Wehrmacht - Verbrechen - Widerstand. Vier Beiträge zum nationalsozialis tischen Weltanschauungskrieg, Berichte und Studien, Bd. 40, Dresden 2003, S. 45-61, hier: S. 48 f. 3093 Vgl. Brewing, Alltagspraxis, S. 512f. 3094 Hans-Heinrich Wilhelm, Die „nationalkonservativen Eliten“ und das Schreckgespenst vom „jüdischen Bolschewismus“, in: ZfG 43/4 (1995), S. 333-349, hier: S. 346. 3095 Konrad Kwiet, Erziehung zum Mord - Zwei Beispiele zur Kontinuität der deutschen „Endlösung der Judenfrage“, in: Grüttner, Geschichte, S. 435-457, hier: S. 435 f. 3096 Vgl. z. B. Jochen Böhler, „Tragische Verstrickung“ oder Auftakt zum Vernichtungskrieg? Die Wehr m acht in Polen 1939, in: Mallmann, Genesis, S. 36-56, hier: S. 38 f.; Ders., Auftakt, S. 35-41 und 242 f.; Dieter Pohl, Die Wehrmacht und der Mord an den Juden in den besetzten sowjetischen Gebieten, in: 573 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank zu g e h en , d a ss ä h n lic h e M e c h a n ism e n eb en fa lls in d e r O rd n u n g sp o liz e i au fg e tre te n se in k ö n n te n . A lle rd in g s la ssen sie s ic h b e im G ro s d e r P o lizeio ffiz ie re u n d ih re r U n te rg e b e n e n n ic h t zw eife lsfre i b e leg en . D as N S -R eg im e sc h e in t b e i ih n e n o h n e h in e in e g a n z a n d e re S tra teg ie v e rfo lg t zu h a b e n . Im Laufe ih re r H e rrsc h a ft v o llb ra c h te n es d ie N a tio n a lso z ia lis te n o ffenbar, d e r „ B a n d e n b e k ä m p fu n g “ e ine a n tise m itisc h e S to ß r ic h tu n g zu v e r le ih e n . D as p o liz e ilic h e F e in d b ild r e i c h e r te n sie m it ju d e n fe in d lic h e n K o m p o n e n te n an . Es g e lan g ih n e n a n sc h e in e n d , Ju d en u n d „ B a n d e n “ m e h r o d e r m in d e r s ta rk m ite in a n d e r z u v e rk n ü p fe n , w o d u rc h d e n O rd n u n g s h ü te rn e in n eu e r, a b e r in sg e sa m t d o c h a llzu b e k a n n te r G e g n e r b eg e g n e te . W e n n g le ic h es n ic h t e in z e n tra le s U e m a d e r P o liz e ik u ltu r d es „ D r it te n R e ich s“ w ar, v e rm itte lte g e ra d e d ie w e lt an sc h a u lic h e S c h u lu n g d e n n o c h e n ts p re c h e n d e B o tsc h a ften . In s o fe rn g r if f d ab e i e in e in fa ch es, a b e r e ffiz ien tes P r in z ip : „D ie P ro p a g a n d a w ar in s b e s o n d e re d o r t w irk u n g sv o ll, w o sie s ic h a u f b e s te h e n d e W e rte u n d E in s te l lu n g e n s tü tz te , a n s ta tt ih n e n e n tg e g e n z u a rb e ite n “, w ie Ian K ersh aw a llg e m e in fe s ts te llt .3097 D e n t r a d i t io n s re ic h e n K a m p f g eg en k o m m u n is tis c h e „B an d en “ e rw e ite rte d as N S -R eg im e z u e in e m alles e n ts c h e id e n d e n „R a sse n k rie g “ g eg en v o n Ju d en g e le n k te „b o lsc h ew is tisc h e“ P a r t is a n e n in d e n b e se tz te n G eb ie ten . Z u m in d e s t Teile d e r O rd n u n g sp o liz e i, a b e r au c h w e ite re r B e sa tz u n g s in s titu tio n e n w a re n m e h r o d e r m in d e r s ta rk d a v o n ü b e rz e u g t, dass d as fik tive B ü n d n is z w isc h en Ju d e n u n d P a r t is a n e n w irk lic h ex is tie rte . D a fü r g ib t es z a h lre ic h e B elege: S c h o n in d e r A n fa n g sp h a se des Z w e iten W e ltk rieg s g in g e n P o liz is ten ta tsä c h lic h d a v o n aus, dass Ju d en fü r so lc h e A k te des W id e rs ta n d s v e ra n tw o r t l ic h se ien , d ie a n g e b lic h au s d e m H in te rh a lt e r fo lg te n .3098 U m d as G e sc h e h e n in d e n b e se tz te n G e b ie te n z u d e u te n , b e d ie n te n sie s ic h a u c h im w e ite re n V er la u f d es K rieg es d ie se r a n tis e m it is c h e n In te rp re ta tio n . D ass sie d e n g rü n u n ifo rm ie r te n V oll s tre c k e rn d e r „ E n d lö su n g “ n ic h t f re m d w ar, z e ig t e tw a d e r B rie f e in e s A n g e h ö rig e n d es B re m e r R ese rv e -P o liz e ib a ta illo n s 10 5 . A m 18 . N o v e m b e r 19 4 1 s c h r ie b er se in e r F rau , d ass se in e E in h e it ta g s zu v o r ac h t ju n g e P a r t is a n e n e rsc h o sse n h a b e .3099 „Sie w o llten also d e u tsc h e S o l d a te n tö te n , im A u ftrag ih re r K o m m issa re u n d Ju d en “, w ie e r ih re a n g e b lic h e n A b s ich te n u n d H in te rm ä n n e r c h a ra k te r is ie r te .3100 B e so n d e rs w ä h re n d des K rieges g eg en d ie S o w je tu n io n w a re n so lc h e A n s ic h te n eb en fa lls in d e r W e h rm a c h t w eit v e rb re ite t .3101 „D as J u d e n tu m b i l d e t d e n M itte lsm a n n z w isc h e n d e m F e in d im R ü c k e n u n d d e n n o c h k ä m p fe n d e n R e sten d e r R o te n W e h rm a c h t u n d d e r R o te n F ü h ru n g “, w ie d e r O b e rb e fe h lsh a b e r d e r 1 1 . A rm e e , E rich v o n M a n s te in , in e in e m B efeh l v o m 2 0 . N o v e m b e r 19 4 1 e rk lä r te .3102 I h m zu fo lg e s ä ß e n Ju d en in d e r U dSSR a n d e n S c h a lth e b e ln d e r M ac h t u n d se ie n fü r alle F o rm e n v o n p o te n tie lle m W id e rs ta n d v e ra n tw o rt lic h . D a h e r fo rd e r te e r v o n s e in e n M ä n n e rn e in d ra s tisc h e s V o rg e h en : „D as jü d isc h -b o lsc h e w is tisc h e System m u ss e in fü r a llem a l a u sg e ro tte t w e rd e n .“ 3103 „F ü r Kaiser, Täter, S. 39-53, hier: S. 39 f. und 49 f.; Ders., Judenverfolgung, S. 304; Wette, Krieg, S. 22-30; Chiari, Herrschaft, S. 146-148; Matthäus, Beteiligung, S. 175; Ders., Unternehmen, S. 362-365. 3097 Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999, S. 17. 3098 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 379 f. 3099 Vgl. BayHStA München, Office of Military Government for Germany (U.S.) (OMGUS) 170, Gieschen an Ehefrau: Feldpostbrief, 18.11.1941, S. 561-566, hier: S. 564 f. Der transkribierte Brief ist ebenfalls enthalten in: Eiber, Wahrheit, S. 82 f. 3100 BayHStA München, OMGUS 170, Gieschen an Ehefrau: Feldpostbrief, 18.11.1941, S. 561-566, hier: S. 565. Der transkribierte Brief ist ebenfalls enthalten in: Eiber, Wahrheit, S. 83. 3101 Vgl. u. a. Manoschek, Partisan, S. 171 f.; Hasenclever, Wehrmacht, S. 351. 3102 Dokument 4064-PS: Befehl von Mansteins vom 20. November 1941, in: IMT, Bd. 34, Nürnberg 1949, S. 129-132, hier: S. 130. 3103 Ebd., S. 130. 574 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des bolschewisti schen Terrors, muss der Soldat Verständnis auftringen. Sie ist auch notwendig, um alle Er hebungen, die meist von Juden angezettelt werden, im Keime zu ersticken“, wie von Man stein weiter ausführte.3104 Auch unter Heydrichs „Rassekriegern“ fanden sich derartige Standpunkte.3105 Der Abteilungsleiter des SD beim KdS in Minsk, Kurt Burkhardt, glaubte Anfang 1942 zu wissen, „daß gerade das Judentum nach wie vor der verläßlichste Träger der bolschewistischen Idee“ sei und es besonders nahe jüdischer Siedlungen vermehrt Guerilla kämpfer gebe. „Wenn der Jude auf Grund seiner rassisch bedingten Charaktereigenschaften auch nicht selbst als Partisan tätig wird oder aktiv gegen die Deutschen vorgeht, so unter stützt er doch die Kräfte des Widerstandes nachrichtendienstlich und durch Stellung von Kleidung usw.“, wie Burkhardt festhielt.3106 Derlei Fiktionen konnten sich sogar noch weiter steigern. Innerhalb des deutschen Besat zungsapparats kursierte darüber hinaus die Ansicht, dass Juden und Partisanen nicht nur miteinander kooperierten, sondern auch geradezu identisch seien. Bereits in der Frühphase des „ U n te rn e h m e n s B a rb aro ssa“ o ffen b a rte sich , d ass e tw a d ie W e h rm a c h t g an z b e w u ss t n ic h t mehr zwischen beiden Feindgruppen unterschied.3107 Auch berichtete die Einsatzgruppe A darüber, dass in Weißrussland „von der Wehrmacht bis Dezember 1941 ungefähr 19.000 Par tisanen und Verbrecher, d. h. also in der Mehrzahl Juden erschossen worden“ seien.3108 Als d e r B e fe h lsh a b e r d es rü c k w ä r tig e n H e e re sg e b ie te s M itte , M a x v o n S c h e n c k e n d o rff , E n d e September 1941 einen Lehrgang zur Partisanenbekämpfung in Mogilew veranstaltete, brach ten gleich mehrere Referenten die auffleimende Guerillabewegung mit der jüdischen Bevöl kerung in Verbindung. Einer von ihnen war der Kommandeur des 2. SS-Kavallerieregiments, Gustav Lombard, der seine Ansichten zum U em a folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Man kann vielleicht über die Maßnahmen verhandeln, wie der Jude am zweckmäßigsten aus den uns anvertrauten Gebieten verschwinden soll, aber dass er beseitigt werden muss, steht fest, denn der Jude ist der Partisan!“3109 Obwohl beide Gegner nicht generell gleichgesetzt wurden und antisemitische Gesichtspunkte nicht per se im Zentrum standen, vermittelte der 3104 Ebd., S. 131. 3105 Vgl. u. a. Mallmann, Türöffner, S. 445 und 447. 3106 Dok. 50: Der Kommandeur der Sicherheitspolizei in Minsk berichtet Anfang 1942 über die Geschich te der weißrussischen Juden und die Lage in den Gettos, in: Die Verfolgung und Ermordung der eu ropäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (VEJ), Bd. 8: Sowjetunion m it annektierten Gebieten II, Berlin/Boston 2016, S. 175-180, hier: S. 178. Zu Kurt Burkhardt vgl. fer ner ebd., S. 175. 3107 Vgl. dazu u. a. Manoschek, Partisan, S. 170-175; Hannes Heer, Killing Fields. Die Wehrmacht und der Holocaust, in: Ders., Vernichtungskrieg, S. 57-77, hier: S. 64-67; Helmut Krausnick, Die Einsatzgrup pen vom Anschluß Österreichs bis zum Feldzug gegen die Sowjetunion. Entwicklung und Verhältnis zur Wehrmacht, in: Ders., Truppe, S. 11-278, hier: S. 247 f.; Andreas Hillgruber, Der Ostkrieg und die Judenvernichtung, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette (Hrsg.), Der deutsche Überfall auf die So wjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, Frankfurt am Main 2011, S. 185-205, hier: S. 196 f.; Ha senclever, Wehrmacht, S.351. 3108 Dokument 2273-PS: Undatierter Geheimbericht über die von Einsatzgruppe A systematisch durchge führte M assenermordung von Juden in West- und Weissrussland sowie in den baltischen Staaten, m it Angabe von Zahlen, in: IMT, Bd. 30, Nürnberg 1948, S. 71-80, hier: S. 79. 3109 Zit. nach Einleitung, in: VEJ, Bd. 7: Sowjetunion m it annektierten Gebieten I. Besetzte sowjetische Ge biete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien, München 2011, S. 34. Vgl. dazu auch M artin Cüppers, Gustav Lombard - ein engagierter Judenmörder aus der Waffen-SS, in: Mall mann, Karrieren, S. 145-155, hier: S. 145. Zum Partisanenlehrgang ferner: Krausnick, Einsatzgrup pen, S. 248; Blood, Bandit Hunters, S. 167. 575 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Kursus seinen Teilnehmern eine unmissverständliche Botschaft: „Wo der Partisan ist, ist der Jude, und wo der Jude ist, ist der Partisan.“3110 Es ist aber wenig überraschend, dass das NS-Regime nicht häufiger und vehementer ver suchte, beide Feindgruppen auf eine Stufe zu stellen. Denn das hätte die ideologische Stringenz gefährdet. Aus Sicht der Nationalsozialisten waren Juden zu feige und unfähig, Mann gegen Mann zu kämpfen. Solch ein Glaubenssatz passte nicht zusammen mit dem Gedan ken, dass sie sich aktiv und mit Waffengewalt gegen die deutschen Invasoren zur Wehr setz ten. Die „Herrenmenschen“ scheint es jedoch wenig irritiert zu haben, dass sich beide Mo tive widersprachen. Vielmehr verstärkte es bei ihnen das Gefühl der Bedrohung und die diffuse Furcht davor, dass Juden mit den „Banden“ irgendwie im Bunde seien. Ob sie nun ge danklich als deren Hintermänner oder als kämpfende Angehörige fungierten, war dabei zweitrangig. Solche Ansichten fanden sich jedoch nicht exklusiv unter den Repräsentanten des Besat zungsapparats. Selbst Führungsfiguren des NS-Staats verknüpften beide Feindgruppen mit einander. Um den Exekutoren der Vernichtungspolitik klarzumachen, wie sie mit Juden ver fahren sollten, genügte ihnen zuweilen ein Verweis auf die „Banden“. Als er zusammen mit Daluege am 8. Juli 1941 nach Bialystok reiste, habe Himmler, nach Aussage von Erich von dem Bach-Zelewski, gegenüber Führungskräften aus SS und Ordnungspolizei sogar erklärt, dass „grundsätzlich jeder Jude als Partisan anzusehen“ sei.3111 Bereits zu Beginn des „Unter nehmens Barbarossa“ baute der Reichsführer-SS damit gedanklich eine Brücke vom „Ban denkampf“ zum Holocaust. Anders als Dieter Pohl meint, handelte es sich so gesehen also nicht wirklich um „eine neue Variante des Judenmords“, wenn die Besatzer etwa im Distrikt Lublin ab Mai 1942 im Zuge der Partisanenbekämpfung auch Juden töteten.3112 Denn das Kon zept dazu hatte der SS- und Polizeiapparat schon mindestens ein knappes Jahr zuvor entwi ckelt und intern in Umlauf gebracht. Es gibt Hinweise darauf, dass das „Banden-Motiv“ sogar von Adolf Hitler höchst persön lich verwendet wurde, um damit den millionenfachen Mord an den europäischen Juden als einen angeblich rechtmäßigen Akt von Notwehr darzustellen. Anlässlich eines Vortrags im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ notierte Himmler am 18. Dezember 1941 in seinem Dienstkalender stichpunktartig „Judenfrage. | als Partisanen auszurotten“.3113 In diesen Wor ten vermerkte er sich wahrscheinlich das zentrale Ergebnis seines Gesprächs mit dem „Füh rer“. Darin hatte dieser dem Reichsführer-SS offenbar mitgeteilt, unter welcher Perspektive sämtliche Juden in Europa ermordet werden sollten. Christian Gerlach geht davon aus, dass diese Unterredung nur wenige Tage später stattfand, nachdem sich Hitler zur „Endlösung der Judenfrage“ entschlossen hatte. In seinem antisemitischen Wahn sei er mit Blick auf die 3110 2 Ks 2/54: Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 08.04.1954, in: Fritz Bauer/Karl Dietrich Bracher/ Ch. J. Enschede u. a. (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen na tionalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Bd. 12: Die vom 04.12.1953 bis zum 17.11.1954 ergangenen Strafurteile Lfd.Nr. 383-410, Amsterdam 1974, S. 369-385, hier: S. 374. Im Prozess gegen Angehörige des Infanterieregiments 691 sagte ein Zeuge dies über einen Bericht aus, den Teilnehmer aus dieser Einheit über den Lehrgang verfasst hatten. Vgl. ebd., S. 374. 3111 Zit. nach Longerich, Himmler, S. 543 sowie Ders., Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“, München 2001, S. 102. 3112 Pohl, Judenpolitik, S. 131. 3113 Heinrich Himmler, Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, im Auftrag der Forschungsstel le für Zeitgeschichte in Hamburg bearbeitet, kommentiert und eingeleitet von Peter Witte, Michael Wildt, M artina Voigt u. a., Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Quellen, Bd. 3, Ham burg 1999, S. 294. Hervorhebung im Original. 576 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord angespannte Kriegslage Ende 1941 davon überzeugt gewesen, die Juden fungierten auf dem von Deutschland beherrschten Kontinent tatsächlich als Partisanen.3114 Denkbar ist aber auch, dass Hitler selbst nicht so recht daran glaubte und diesen Zusam menhang stattdessen nur konstruierte. Vielmehr könnte er Himmler bei dem Treffen jene Parole ausgegeben haben, mit der die Vollstrecker aus SS und Polizei den allumfassenden Ju denmord durchzuführen und gleichzeitig zu tarnen hatten. Es ist jedoch ebenfalls möglich, dass sich Himmler bei dieser Gelegenheit vom deutschen Diktator bloß nachträglich abseg nen ließ, was vielen Tätern bereits seit Monaten als Scheinlegitimation für antisemitische Verbrechen diente. Die NS-Führung machte die wehrlosen Opfer so offiziell zu gefährlichen Tätern, womit sie ihnen mehr Macht verlieh. Das „Banden-Motiv“ avancierte zu einem zen tralen Kennwort, das von den Exekutoren der Shoah kollektiv geteilt werden sollte. Wahr scheinlich ermöglichte es ihnen, die menschenverachtende Politik ihres obersten Chefs aus zuführen und gleichzeitig für sich zu reklamieren, dass ein solches Vorgehen zwar schlimm, aber völlig legitim sei. „Judenaktionen“ seien tatsächlich, so die dahinterstehende Logik, ge gen aktuelle und künftige Partisanen gerichtet, wodurch sie sich in den traditionellen Deu tungskontext der deutschen Polizeikultur einfügten. Sozialwissenschaftlich ausgedrückt ge lang es dem Regime offenbar, Juden in den polizeilich-militärischen Referenzrahmen der Staatsdiener zu rücken.3115 Dafür war es gar nicht notwendig, die Beamten jahrelang mit ei ner nationalsozialistischen und vor allem antisemitischen Propaganda zu indoktrinieren. Anscheinend reichte es vollkommen aus, sie in der Ausbildung und im Dienst lediglich mit den „Spielregeln“ des NS-Staats zu konfrontieren. Juden gerieten nicht zuletzt deshalb zum Gegenstand der Polizeiarbeit, weil der NS-Staat seine Rechtsordnung dahingehend bewusst verwässerte und flexibel auslegte. Stefan Kühl betont völlig zu Recht, dass Polizisten ganz allgemein in ihrer Ausbildung lernen, staatlich legitimierte und rechtlich definierte Gewalt ausüben zu müssen, sobald dies erforderlich sei. Dazu berechtige sie das staatliche Gewaltmonopol, weil sie als Mitglieder der polizeilichen Organisation fungierten, die nun einmal darauf spezialisiert sei, auf Kommando notfalls ge waltsam gegen Gegner vorzugehen. Im „Dritten Reich“ habe es auch gültige Befehlsstruktu ren, Gesetze und Vorschriften gegeben, die den Aktionsbereich der Staatsdiener determi niert hätten. Trotzdem sei die Ordnungsmacht im NS-Staat faktisch aber nicht mehr an das Recht gebunden gewesen, da sie sich stattdessen am diffusen „Führerwillen“ und am angeb lichen Wohl der „Volksgemeinschaft“ orientiert habe. Deshalb hätten ihre Angehörigen nicht immer vollkommen sicher sein können, ob sich die erhaltenen Befehle tatsächlich mit dem geltenden Gesetz deckten. Um ihnen derlei Zweifel an der Rechtmäßigkeit zu nehmen, wenn sie jüdische Männer, Frauen und Kinder töten sollten, habe das NS-Regime deshalb seine Opfer kriminalisiert. So habe es ihnen einfach ein illegales Verhalten unterstellt, das ein po lizeiliches Eingreifen als gerechtfertigt erscheinen ließ, obwohl diese Menschen in Wirklich keit nichts Straffiares getan hatten. Die Ordnungspolizisten hätten dieses vorgegebene Sche ma jedoch nicht passiv übernommen, sondern ihre Tätigkeit mit seiner Hilfe selbst so umgedeutet, dass sie ihr Wirken mit dem eigentlichen polizeilichen Aufgabenspektrum in Einklang bringen konnten. Vor allem in Osteuropa hätten die Besatzer dementsprechend die für Juden geltenden Vorschriften solange verschärft, bis diese gar nicht anders konnten, als 3114 Vgl. Christian Gerlach, Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers po litische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: WerkstattGeschichte 18 (1997), S. 7-44, hier: S. 22-27. 3115 Zum Begriff des Referenzrahmens vgl. z. B. Neitzel, Soldaten, S. 16-19; Welzer, Täter, S. 80. 577 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank s ie z u v e r le tz e n . W e r s ic h d a n n e tw a v e rb o te n e rw e ise a u ß e rh a lb d es G h e tto s a u fg e h a lte n habe, sei von den „Gesetzeshütern“ als „Gesetzesbrecher“ erschossen worden. Die Beamten hätten solche Taten gegenüber sich und anderen als legitime und legale staatliche Maßnah men gegen Verbrecher darstellen können, die sie berufsbedingt zu vollstrecken hätten. Selbst wenn die Vorwürfe in den konkreten Situationen auch noch so absurd gewesen seien und die Täter selbst kleine Kinder umgebracht hätten, habe nach ähnlichem Muster auch die Stra tegie gegriffen, Juden und Partisanen miteinander gleichzusetzen.3116 Das „Banden-Motiv“ ermöglichte es den Tätern zugleich, über den Judenmord zu spre chen, ohne ihn explizit zu erwähnen. Um ihr radikales Vorgehen gegen Widerstandskämp fer und Zivilisten in den Besatzungsgebieten zu bemänteln, bedienten sich die Täter ganz allgemein einer Tarnsprache.3117 Beschönigende Vokabeln kaschierten während des Zweiten Weltkriegs vor allem aber Mordaktionen gegen Juden, wie Kwiet richtig bemerkt. Dazu zähl te beispielsweise, wenn die Opfer angeblich in „Befriedungsmaßnahmen“ und „Säuberungs aktionen“ oder als „Partisanen“ und „Banditen“ erschossen wurden.3118 Gleichzeitig war das NS-Regime darauf bedacht, seine Gegner begrifflich so zu kennzeichnen, dass an ihrem an geblich verbrecherischen und illegitimen Charakter kein Zweifel bestehen sollte. Wie etwa das Verordnungsblatt der Waffen-SS verlautbarte, befahl Himmler im Sommer 1942 sogar, „ d a ß in Z u k u n f t d a s v o n d e n B o lsc h e w is te n e in g e fü h r te u n d v e rh e r r l ic h te W o rt ,P a r t is a n ’ nicht mehr zu gebrauchen ist. Es ist der Ausdruck ,Banden’ anzuwenden.“3119 Dadurch kri minalisierte er den Widerstand gegen die deutschen Truppen zusätzlich und gliederte des sen Repression mithilfe dieses psychologischen Tricks in den polizeilichen Kontext ein. Denn ein Polizist kämpfte naturgemäß gegen „Banditen“.3120 Es konnte sogar vorkommen, dass Juden und „Banden“ begrifflich miteinander verschmol zen. Das schlug sich auch im Schriftverkehr des SS- und Polizeiapparats nieder, der sich ei nes entsprechenden Vokabulars bediente. So informierte z. B. Anfang Januar 1943 ein Fernschreiben des HSSPF Ost an den Kommandostab des Reichsführers-SS über eine Ope ration im Wald des polnischen Brudzewice. Im Ergebnis konnte „eine 14 koepfige judenban de [sic!], die sich in einem erdbunker [sic!] aufeielt, restlos vernichtet werden“.3121 In einem anderen Telegramm war sogar die Rede von „banditenjuden [sic!]“, denen zuvor schon im Distrikt Krakau ein ähnliches Schicksal widerfahren sei.3122 Wenigstens für einen Teil von Himmlers Untergebenen waren „Banden“ offenbar ohne Juden überhaupt nicht mehr denk bar. Aber nicht nur der SS- und Polizeiapparat, sondern auch die Wehrmacht verwendete derlei Begriffe, um antisemitische Gewalt zu camouflieren. Das tat sie sogar deutlich früher, wie etwa ein Eintrag im Kriegstagebuch des OKW vom 12. November 1941 zeigt. Der Befehls haber des rückwärtigen Gebiets der Heeresgruppe Mitte habe ihm zufolge für diesen Tag ge 3116 Vgl. Kühl, Organisationen, S. 261-268 und 272-295. 3117 Vgl. u. a. Matthäus, Erziehung, S. 321 f. 3118 Kwiet, Erziehung, S. 438. 3119 IfZ Archiv, 11/Dc 050.001, Kdo.d.W.-SS/Ia: 304. Gebrauch des Wortes „Partisan“, in: Verordnungsblatt der Waffen-SS (V.Bl.d.W.-SS), hrsg. v. SS-Führungshauptamt, 01.09.1942, Nr. 17, S. 71. 3120 Vgl. dazu auch u. a. Blood, Bandit Hunters, S. 76; Heer, Logik, S. 125; Kühl, Organisationen, S. 279. 3121 BAB, R 19/321, I. A. Specht (HSSPF Ost) an Kommandostab Reichsführer-SS: bandenvernichtung. be zug: fs. des ss- und polizeifuehrers radom nr. 66 v. 7.1.43, 08.01.1943. 3122 BAB, R 19/321, I. A. Specht (HSSPF Ost) an Kommandostab Reichsführer-SS: bandenvernichtung. be zug: bes.-bericht vom 3.1.1943, 08.01.1943. 578 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord meldet, dass „erfolgreiche Aktionen gegen stärkere Partisanengruppen“ gelungen seien und dabei sogar „eine bewaffnete Judenbande im Kampf vernichtet“ worden sei.3123 Jüdische Partisanengruppen formierten sich jedoch erst in einer Zeit, in der die „Endlö sung“ längst in vollem Gange war. Denn ab Mitte 1942 jagten die mobilen Tötungseinheiten nicht nur „Freischärler“. Sie durchkämmten zudem vermehrt die Wälder nach untergetauch ten Juden, die dort schlichtweg ums Überleben kämpften, dazu aber auch vereinzelt bewaff nete Partisanengruppen gebildet hatten.3124 Durch diese Zweckgemeinschaften kam es für die Deutschen gewissermaßen zu einer self-fulfilling prophecy.3125 Denn die Invasoren gingen nicht zuletzt deshalb äußerst gewaltsam gegen Juden vor, weil die NS-Führung in ihnen eben die Strippenzieher hinter den bolschewistischen „Banden“ zu erkennen glaubte oder dies den Vollstreckern zumindest suggerierte. In der verschwörungstheoretischen Gedankenwelt der Nationalsozialisten war das internationale Judentum nämlich für alles Übel in der Welt verantwortlich.3126 Während des Ostkriegs begingen Himmlers Mannen deshalb den „Juden mord als prophylaktische Partisanenbekämpfung“.3127 Es waren aber nun einmal diese Gräu eltaten, die einige Juden überhaupt erst in den Untergrundkampf trieben. Als es die „Polizeisoldaten“ dann tatsächlich mit „bewaffneten Judenbanden“ zutun bekamen, schloss sich also der Kreis und die Prophezeiung erfüllte sich selbst. Jürgen Matthäus meint, dass die im Laufe des Krieges erstarkte Partisanenbewegung so manchem Täter als „Vorwand“ gedient haben könnte, um den Mord an wehrlosen jüdischen Zivilisten zu rechtfertigen.3128 Das ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, greift aber zu kurz. Denn die „Herrenmenschen“ brachten bereits als „Banden“ charakterisierte Juden um, noch ehe sich überhaupt nennenswerte Partisanengruppen formieren und gegen die Besat zer zur Wehr setzen konnten. Der Beginn des systematischen Judenmords ging dem eigent lichen „Bandenkampf“ in Osteuropa praktisch voraus, nicht aber theoretisch. A uf dem Pa pier, im Planspiel und im Geiste kämpften die Polizeioffiziere gegen die oftmals abstrakt erscheinenden „Freischärler“, lange bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte. Ordnungspolizisten und Angehörige anderer Besatzungsorgane mussten aber nicht wirk lich davon überzeugt sein, dass Juden und Partisanen miteinander interagierten oder gar identisch waren. Es reichte völlig aus, wenn sie diese postulierte Kooperation respektive Kon gruenz als Dogma des NS-Staats akzeptierten. Offenbar fand sich auch niemand, der diesem widersprach. Unabhängig davon, ob er selbst an die angebliche Allianz zwischen jüdischen Zivilisten und „Banden“ glaubte oder nicht, signalisierte das kollektive Schweigen jedem ein zelnen „Rassenkrieger“, dass es aber alle seine Kameraden und Vorgesetzten taten. Er muss te also davon ausgehen, dass er mit seiner abweichenden Ansicht allein dasteht. Wer sich aber nicht von der Masse abwenden und dadurch aus ihr negativ hervorstechen wollte, konn te gar nicht anders, als sich ihr anzuschließen und dem fiktiven Zusammenspiel zwischen Juden und Partisanen hinzugeben.3129 Das bedeutet aber keineswegs, dass sich das „Fußvolk 3123 Percy E. Schramm (Hrsg.), Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. W ehrmachtfüh rungsstab. 1. August 1940-31. Dezember 1941, Bd. 1. Zweiter Halbband, Augsburg 2005, S. 754. 3124 Vgl. Pohl, Judenpolitik, S. 168 f.; Hilberg, Vernichtung, Bd. 2, S. 400-404; Matthäus, Welle, S. 266. 3125 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, „Aufgeräumt und abgebrannt“. Sicherheitspolizei und „Bandenkampf“ in der besetzten Sowjetunion, in: Paul, Gestapo (2000), S. 503-520, hier: S. 517. 3126 Vgl. Hilberg, Vernichtung, Bd. 3, S. 1090. 3127 Mallmann, Türöffner, S. 447. 3128 Matthäus, Beteiligung, S. 182. 3129 Zum Phänomen der Konsensfiktion vgl. Kühl, Organisationen, S. 100-105. 579 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank der ,Endlösung’“3130 zu den Verbrechen verführen ließ. Die Täter waren keine willenlosen Werkzeuge des NS-Regimes und seiner Propagandisten. Selbst im hierarchisch geordneten Verhältnis von Befehl und Gehorsam handelten sie stets eigenverantwortlich, obwohl ein be stimmter Gruppendruck in den einzelnen Einheiten und der gesamten Organisation der Ordnungspolizei nicht von der Hand zu weisen ist. An ihrer Schuldfähigkeit und Schuldhaf tigkeit ändert das aber nichts. Offenbar fiel es vielen Polizisten deutlich leichter, ihre Opfer zu töten, wenn sie diese zu Partisanen deklarierten, als Juden umzubringen, die sie klar als solche identifizieren konn ten.3131 Wenn die Einheitsführer gegenüber ihren Untergebenen nicht hinreichend begrün deten, warum sie als Polizisten plötzlich unbewaffnete jüdische Zivilisten umzubringen hat ten, scheinen die Beamten selbst die Lücken in der Logik gefüllt zu haben. Um diesen Schritt zu vollziehen, könnten sie sich der Motive der nationalsozialistischen „Behauptungspropa ganda“ bedient haben, wie Raul Hilberg es formuliert. Demnach rationalisierten sie mögli cherweise ihre Taten, indem sie Juden als Inkarnation des Bösen auffassten.3132 An solche vom Regime vorgegebenen oder bereits vor der „Machtergreifung“ in der deutschen Gesellschaft kursierenden Ideologeme mussten sie aber ebenso wenig glauben wie an die fiktive Liaison von Juden und Partisanen. Vielmehr wirkten sie wie „ein nachträgliches Beruhigungsmittel“.3133 So gesehen scheint zumindest bei manchen Staatsdienern während des „auswärtigen Ein satzes“ ein scheinbar widersprüchliches Phänomen aufgetreten zu sein: Die Polizisten töte ten die Juden nicht, weil sie diese hassten, sondern die Täter hassten ihre jüdischen Opfer, weil sie diese töteten. Spätestens nach den Mordaktionen stand für Himmlers Männer fest, dass die Exekutierten tatsächlich gefährliche „Banditen“ oder zumindest deren Hintermän ner gewesen sein und deshalb umgebracht werden mussten, um das von ihnen ausgehende Sicherheitsrisiko möglichst präventiv zu beseitigen. Sie hätten sie ja sonst nicht erschossen. Mithilfe dieser Logik rechtfertigten die Vollstrecker der Vernichtungspolitik ihre Verbrechen und verorteten sie im polizeilichen Kontext. Juden wurden für sie spätestens durch ihren ge waltsamen Tod zu Partisanen.3134 Mit Blick auf den „auswärtigen Einsatz“ der SS- und Polizeieinheiten wird aber letztlich auch klar, dass weder die weltanschauliche Schulung noch die übrigen Ausbildungsfächer in ihrer Wirkungsmacht überschätzt werden dürfen. Obwohl es Himmlers Tugendkatalog und den Prinzipien seiner besonderen Gerichtsbarkeit zuwiderlief, nutzten viele Staatsdiener j ene Gelegenheiten aus, die sich ihnen in den besetzten Gebieten auftaten. Wenn die sich dort all mächtig fühlenden Täter etwa jüdische Frauen vergewaltigten oder sich finanziell und ma teriell an den Habseligkeiten ihrer Opfer bereicherten, widersprach das zentralen Normen des SS- und Polizeiapparats. Seine antisemitischen und rassistischen Ideologeme waren für die „Herrenmenschen“ vor Ort dennoch wichtig, weil sie sich diese für ihre eigenen Zwecke mehr oder minder bewusst aneigneten. Sie privatisierten die juden- und fremdenfeindlichen Dogmen, die ihnen der NS-Staat institutionell und kollektiv vorgab, um dadurch ihre Ver brechen zu rechtfertigen und ihre individuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Dazu mussten 3130 Mallmann, Fußvolk. 3131 Vgl. Christopher R. Browning, Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter, Frankfurt am Main 2001, S. 249. 3132 Hilberg, Vernichtung, Bd. 3, S. 1087. 3133 Mallmann, Fußvolk, S. 388. 3134 Vgl. Ders., Der Einstieg in den Genozid. Das Lübecker Polizeibataillon 307 und das Massaker in Brest- Litowsk Anfang Juli 1941, in: Archiv für Polizeigeschichte 29 (1999), S. 82-88, hier: S. 86. 580 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord d ie M ä n n e r n ic h t u n b e d in g t in h a l t l ic h m it ih n e n ü b e re in s t im m e n .3135 Z u m Ju d en h a ss ec h te r Ü b e rz e u g u n g s tä te r g ese llte s ich so e in „ A n tis e m itism u s d e r P ro fi te u re “, w ie M a llm a n n fests te llt .3136 Es se i d a h in g e s te ll t, in w elche K ateg o rie v o n T ä te rn s ich je n e A b so lv en ten d e r o rd n u n g s p o liz e ilic h e n O ffiz ie rssc h u len p r im ä r e in o rd n e n la ssen , d ie fü r V e rb re c h e n v e ra n tw o rt lic h w aren . Fest s te h t n u r, d ass es s ic h b e i d e n m e is te n v o n ih n e n n ic h t u m fan a tisch e W e lta n sc h a u u n g s k r ie g e r h a n d e lte . S ta ttd e ssen w a re n b e m e rk e n sw e r t v ie le v o n ih n e n O p p o r tu n is te n , d ie k e in esw eg s alle In h a lte u n d W erte v o rb e h a ltlo s a d a p tie r te n , d ie ih n e n F ü rs te n fe ld b ru c k u n d B e rlin -K ö p e n ic k zu v e rm itte ln v e rsu c h te n . W e n n g le ic h sie s ic h als O ffiz ie re in e in e r e x p o n ie r te n P o s itio n b e fa n d e n u n d b e re its v o r ih re r A u sb ild u n g d u rc h a u s w e lta n sc h a u lich m e h r o d e r m in d e r s ta rk a n d as R eg im e a n d o c k e n k o n n te n , s c h e in t fü r sie a b e r au c h d ie id eo lo g isch e „ L eg itim a tio n sfa ssad e fü r p riv a te B e d ü rfn is se “ 3137 a t tra k tiv g ew ese n zu se in . D ie p o liz e ilic h e A u sb ild u n g zie lte a n sc h e in e n d g ar n ic h t d a ra u f ab, au s d e n P o liz is ten fa n a tisc h e Ju d e n h a sse r z u m a c h e n , d ie s ic h z u E x zess ta te n h in r e iß e n l ie ß en . Ih r o b e rs te r C h e f le h n te so lc h e o h n e h in ab. D e rle i Fälle b e tra c h te te e r als „ A u sn a h m e n m e n sc h lic h e r S ch w ä ch en “, w o h in g e g e n d ie m e is te n T ä te r d es H o lo c a u s t se in e r A n s ic h t n a c h „ a n s tä n d ig g eb lie b e n “ se ien , w ie H im m le r in se in e r b e r ü h m te n P o se n e r R ed e v o m 4 . O k to b e r 19 4 3 e rk lä r te .3138 D ieses b iz a rre V e rs tä n d n is v o n „ A n s tä n d ig k e it“ b e z o g s ic h also d a ra u f , d ass d as G ro s d e r „P o lize iso ld a ten “ d ie M a ss e n tö tu n g e n a u f g e o rd n e te W eise d u rc h fü h r te , o h n e sie d u rc h au f fa lle n d e ig e n in itia tiv e s o d e r b e so n d e rs g ra u sa m e s H a n d e ln e sk a lie ren z u la s se n .3139 U m Ju d e n u m z u b r in g e n , m u s s te n d ie T ä te r n o c h n ic h t e in m a l A n tis e m ite n se in . D e n n Ju d en h a ss w ar in d e r u n ifo rm ie r te n P o lizei k e in esw eg s a llg eg en w ärtig , w ie M a llm a n n b e re c h tig te rw e i se a n m e rk t .3140 H im m le rs M a c h ta p p a ra t in te g r ie r te d e sh a lb se in e Id e o lo g em e in d as aus W ei m a r ü b e rn o m m e n e A u sb ild u n g ssy s te m d e r O rd n u n g s m a c h t, w eil e r h o ffie , ih re A n g e h ö r i g e n v ie lm e h r z u w e lta n sc h a u lic h g e fe s tig ten „P o lize iso ld a ten “ e rz ie h e n z u k ö n n e n . D a d u rc h e rm ö g lic h te er es ih n e n , ih re V e rb re c h e n a n Ju d en u n d a n d e re n O p fe rn im K o n tex t d e r e i g e n tl ic h e n P o lize iau fg a b en zu v e ro r te n u n d so zu le g itim ie re n . F ü r d ie se n a u ß e rg e w ö h n li c h e n D ie n s t ze ig te s ic h d e r N S -S ta a t w ie d e ru m e rk e n n tlic h , in d e m er b e re itw illig w eg sah , w e n n s ic h se in e S ta a tsd ie n e r in d e n e ro b e r te n T e rr ito r ie n n ic h t im m e r so v e rh ie lte n , w ie er es ih n e n v e ro rd n e t h a tte . Es is t d u rc h a u s m ö g lic h , dass d ie B o tsc h a ften d e r w e lta n sc h a u lic h e n S c h u lu n g ih n e n e ine O r ie n tie ru n g sh ilfe b o te n , m it d e r sie ih re E in d rü c k e in d e n b e se tz te n O stg e b ie te n v e ra rb e i te n k o n n te n .3141 D as g a lt d a n n a b e r e rs t r e c h t so w o h l fü r d a s tra d itio n e lle F e in d b ild d e r „ b o l sch e w is tisc h e n B a n d e n “ als au c h fü r d ie M a ß n a h m e n zu d e re n B e k äm p fu n g . M it b e id e n w a re n d ie d e u ts c h e n O rd n u n g sp o liz is te n in ih re r A u sb ild u n g im m e r w ie d e r k o n f ro n t ie r t u n d b e ru f lic h so z ia lis ie r t w o rd e n . W ä h re n d d es „ a u sw ä rtig e n E in sa tz es“ b e s a ß e n sie d a m it n ic h t n u r e in id eo lo g isch au fg e la d en es D e u tu n g sm u s te r fü r d as G e sc h e h e n v o r O r t , s o n d e r n au ch V e rh a lte n s reg e ln d afü r, w ie sie m it ih r e n G e g n e rn p o liz e ita k tisc h v e r fa h re n so llten . 3135 Vgl. Ders., „Mensch, ich feiere heut’ den tausendsten Genickschuß“. Die Sicherheitspolizei und die Shoah in Westgalizien, in: Paul, Täter, S. 109-136, hier: S. 124-128. 3136 Ebd., S. 128. 3137 Paul, Psychopathen, S. 65. 3138 Dokument 1919-PS: Rede Himmlers bei der SS-Gruppenführertagung in Posen am 4. Oktober 1943, in: IMT, Bd. 29, Nürnberg 1948, S. 110-173, hier: S. 145. 3139 Vgl. Welzer, Täter, S. 165. 3140 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 383. 3141 Vgl. Heinemann, Rasse, S. 98. 581 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Es waren also weniger die antisemitischen und rassistischen Elemente der weltanschauli chen Schulung, sondern vielmehr die bis zur Routine eingeübte polizeitaktische Praxis, die es den Ordnungshütern erleichterte, Massaker an Juden durchzuführen. Den Nationalsozi alisten gelang es, die grün uniformierten Polizisten in den Genozid zu involvieren, indem sie unter anderem deren Aufgabe der Gefahrenabwehr instrumentalisierten und sämtliche Juden in den besetzten Gebieten zu einem allgegenwärtigen Sicherheitsrisiko in Form von „Banden“ erklärten. A uf die vermeintlichen Partisanen reagierten sie daher genauso wie auf echte. Um den Holocaust zu vollstrecken, so Kühl, hätten die staatlichen Gewaltorganisati onen während der NS-Herrschaft insgesamt die gleichen Programme angewendet, die auch sonst geregelt hätten, was genau in welchem Fall zu tun war. In der Praxis seien die Polizei einheiten daher beispielsweise gegen Juden nach dem gleichen zuvor festgelegten und be währten Schema vorgegangen wie gegen echte „Bandenmitglieder“. Mit Ausnahme der Füh rungskräfte sei es auch gar nicht notwendig gewesen, extra für den Judenmord ein außergewöhnliches Personal zu rekrutieren, das sich eigens für diesen Zweck besonders ge eignet hätte. Denn es sei letztlich nur eine von vielen Aufgaben der Ordnungspolizei gewe sen, daran mitzuwirken, die europäischen Juden zu vernichten.3142 Die Ordnungspolizisten verübten ihre Massaker an Juden daher meist nach dem gleichen Muster. Sie gingen schematisch vor, wenn sie Ortschaften und Ghettos umzingelten, deren Bewohner zusammentrieben und zu entlegenen Plätzen abführten, um sie dort zu erschie- ßen.3143 Dass sie ihre Opfer einkesselten, war ebenfalls die bevorzugte Taktik, welche die Po lizeieinheiten bei ihren Einsätzen zur „Bandenbekämpfung“ verfolgten.3144 Hinsichtlich der von ihnen angewendeten Methoden war es für Hitlers „grüne Soldaten“ zweitrangig, ob sie nun gegen Juden oder gegen Partisanen einschritten. Obwohl es faktisch zwei verschiedene Gegnergruppen waren, unterschied sich die polizeiliche Vorgehensweise kaum. Vielmehr wies sie erstaunlich viele Parallelen auf. Anscheinend trug der standardisierte Ablauf auch dazu bei, dass es den Staatsdienern leichter fiel, ihre Mordaktionen so erschreckend routi niert durchzuführen. Bei ihnen zeigte es offenbar Wirkung, dass sie ähnliche taktische Ma növer schon zuvor in den Schulen und Einheiten der Ordnungspolizei immer und immer wieder theoretisch wie praktisch einstudiert hatten. Im „auswärtigen Einsatz“ mussten sie die erlernten Denk- und Verhaltensmuster nur noch abrufen - unabhängig davon, gegen welche Gegner sie konkret vorgingen. Als die Vollstrecker dann in den besetzten Gebieten massenhaft jüdische Opfer töteten, hatte das für sie bald „den Charakter von Arbeit ange nommen“, wie Welzer konstatiert.3145 Dabei darf zwar nicht übersehen werden, dass die Po lizeischüler in den Lehranstalten nicht sämtliche Schritte übten, die sie später bei den „Ju denaktionen“ durchführten. Dazu zählten vor allem die Erschießungen von unbewaffneten Menschen. Doch offensichtlich bereitete es den Oberbeamten keine Probleme, ihren Män nern das neben all den herkömmlichen polizeitaktischen Einzelmaßnahmen auch noch zu befehlen. Die Ausbildung in Fürstenfeldbruck und Berlin-Köpenick diente also zumindest indirekt und partiell dazu, die Offiziersanwärter auf ihre künftige Führungsrolle beim Juden mord vorzubereiten. Insofern trainierten die Polizisten tatsächlich für den Holocaust. All das dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Führungskräfte der Ordnungspolizei es insgesamt als legitim erachteten, was sie im „auswärtigen Einsatz“ taten. In der Nach- 3142 Vgl. Kühl, Organisationen, S. 302 f. und 305 f. 3143 Vgl. Peter Nitschke, Polizei im NS-System, in: Lange, Staat, S. 51-63, hier: S. 60. 3144 Vgl. Blood, Bandit Hunters, S. 177 f. 3145 Welzer, Täter, S. 202. 582 Vom „Bandenkampf" zum Völkermord k rie g sz e it s te llte d ie „ B a n d e n b e k ä m p fu n g “ d a h e r e in U e m a d ar, ü b e r d as eh e m a lig e P o lize i b e a m te u n d r a n g h o h e O ffiz ie re d es N S -R eg im e s u n g e n ie r t sp re c h e n k o n n te n . So fiel es e tw a P a u l R iege n ic h t b e so n d e rs sch w er z u z u g e b e n , d ass d ie E in h e ite n d e r O rd n u n g sp o liz e i „ z u r S ic h e ru n g d e r rü c k w ä r tig e n V e rb in d u n g e n g eg en P a r t is a n e n u n d B a n d e n u n d z u r V e rs tä r k u n g d e r m ili tä r is c h e n F ro n t tru p p e n e in g e se tz t“ g ew esen s e ie n .3146 D a m it so llte n n ic h t n u r d ie m o n s trö s e n V e rb re c h e n v e r tu sc h t w e rd e n . H itle rs „ g rü n e S o ld a ten “ v e rsu c h te n d a d u rc h zu g le ich , s ic h in d e r b u n d e s d e u ts c h e n Ö ffen tlic h k e it als u n b e la s te t d a rz u s te lle n , w as ü b e r v ie le Ja h rz e h n te so g a r s e h r e r fo lg re ic h g e lan g . Sie k o n n te n d a n e b e n d e n D e c k m a n te l des „B a n d e n k a m p fe s“ d a z u n u tz e n , u m ih re n T aten e in e n S in n u n d e in e R e c h tm ä ß ig k e it zu v e r le ih e n , d ie ih re m e litä re n u n d p flic h tb e w u ss te n S e lb s tb ild n ic h t zu w id e rlie fe n . S o b a ld es d ie U m s tä n d e e r fo rd e r te n , d is ta n z ie r te n s ic h d ie eh e m a lig e n „P o lize iso ld a ten “ z u d e m v o n a llen h e ik le n P u n k te n ih re r b e ru f lic h e n W e rd eg än g e , d ie d ieses Im ag e g e fä h rd e te n . W e n n b e isp ie lsw eise f rü h e re A n g e h ö rig e e in es P o lize ib a ta illo n s fü r d e sse n V e rb re c h e n v o r G e r ic h t s ta n d e n , ä u ß e r te n sie s ic h n u r in A u sn a h m e fä lle n z u r w e lta n sc h a u lic h e n S c h u lu n g , w eil sie s ic h n ic h t se lb s t b e la s te n w o llten . W er d o c h d a rü b e r sp ra c h , v e rsu c h te d a m it m e is t n u r se in e e ig en e S c h u ld zu re la tiv ie ren , in d e m er a u f d ie au sw eg lo se S itu a tio n h in w ies , in d e r e r s ic h in id e o lo g isc h e r H in s ic h t an g e b lich b e fu n d e n h a b e .3147 H äu fig e r k a m es a b e r vor, dass s ic h P o liz is ten in V e rn e h m u n g e n o d e r im P ro zess ü b e r d ie „ B a n d e n b e k ä m p fu n g “ au sließ en . D ab e i v e rw e n d e te n sie n ic h t n u r d as b e la s te te V o k ab u la r d e r N S -T a rn sp rach e , s o n d e rn v e rsu c h te n au c h d ie V e rb re c h e n g eg en Ju d en z u le g itim ie re n , in d e m sie d iese zu w id e r s tä n d ig e n w ie g e fä h rlic h e n „B an d ite n “ u n d „ P a r tisa n e n “ s til is ie r te n . D as ze ig te s ic h z. B. im V e rfa h re n g eg en d as R e se rv e -P o liz e ib a ta illo n 1 0 1 . A n d e rs als Jan K iep e es fü r d ie m e is te n so l c h e r Fälle d e u te t, w ar d as n ic h t n u r e in e p ra g m a tisc h e S tra teg ie v o n B e sc h u ld ig te n u n d Z e u g en , u m s ic h m ö g lic h s t sc h a d lo s z u h a l te n .3148 D as w ar zw ar s ic h e rl ic h ih r z e n tra le s A n lieg en . V ie lm e h r o rd n e te n d ie M ä n n e r ih r H a n d e ln a b e r im m e r n o c h in je n e D e u tu n g sm u s te r e in , d ie ih n e n d e r N S -S taa t e in s t v o rg e g e b e n h a tte . W ie e in B lick a u f d ie A u sb ild u n g d e r b u n d e s d e u ts c h e n O rd n u n g s m a c h t v e rd e u tlic h t, b lie b e n sie au c h n o c h d a n n in ta k t, als d e r K rieg u n d d a m it d e r „a u sw ä rtig e E in sa tz “ s c h o n lä n g s t v o rb e i w aren . Es is t d e n n o c h v e rb lü ffen d , w ie le ic h t es d e n B e a m te n fiel, v o n e in e m s ta a tlic h e n System z u m a n d e re n z u w ech se ln . V iele O b e rb e a m te h a t te n o ffen b a r k e in e P ro b le m e d a m it, s ic h d e n jew e ilig en V e rh ä ltn is se n a n z u p a sse n , d ie z u n ä c h s t in d e r W e im a re r D e m o k ra tie , d a n n im „ D r it te n R eich“ u n d s c h ließ lic h in d e r B u n d e s re p u b lik h e r rs c h te n . M it B lick a u f ih re W e r d eg än g e e rs c h e in e n d iese M ä n n e r ta tsä c h lic h als D ie n e r d es S taates - ega l v o n w elch em . D as „ F u n k tio n ie re n im A p p a ra t“ sei, la u t U d o B e h ren d e s , a n s c h e in e n d „ d e r ro te F a d e n a ller p o liz e ilich e r F a rb e n w e ch se l im 2 0 . J a h rh u n d e r t“ g ew ese n .3149 F rag lich b le ib t, ob d iese o p p o r tu n is tisc h e M e n ta litä t n o c h im m e r in d e n K ö pfen d e u tsc h e r G e se tz e sh ü te r ex is tie rt. A u s all d e m la ssen s ic h zw ar k e in e in d u k tiv e n S ch lü sse z ieh en . W e ite re S tu d ie n m ü ss e n k ü n ftig d e r F rage n a c h g e h e n , ob d ie fik tive V e rb in d u n g v o n P a r t is a n e n u n d Ju d en au c h in d e r A u sb ild u n g v o n W e h rm a c h t, W affen-SS u n d S ich e rh e itsp o lize i ä h n lic h s ta rk w ie in j e n e r d e r O rd n u n g sp o liz e i p rä s e n t w ar. Es is t je d o c h ä u ß e rs t u n w a h rsc h e in lic h , d ass H itle rs „ g rü n e S o ld a ten “ m it d ie se m w ic h tig e n Su jet ex k lu siv k o n f ro n t ie r t w a ren . So b e d e u te n d se in S te lle n w e rt au c h w ar, d a r f d ie se r a b e r n ic h t ü b e rsc h ä tz t w e rd e n . D ie h ie r e n tw o rfe n e „B an- 3146 Riege, Polizei-Geschichte, S. 47. 3147 Vgl. Kwiet, Tätern, S. 129 f. 3148 Vgl. dazu z. B. Kiepe, Reservepolizeibattaillon, S. 114-121. 3149 Behrendes, Orientierungspunkte, S. 419. 583 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank d en -^eorie“ ist keine Universalerklärung. Sie kann nicht für jeden einzelnen Täter aus den Reihen der Ordnungspolizei erklären, warum er sich am Holocaust beteiligte. Ebenso wenig lässt sie sich auf die darin involvierten Angehörigen aller anderen Waffenträger und NS-Organisationen übertragen. Trotzdem macht sie begreiffiar, wie es den Nationalsozialisten ge lang, „Gesetzeshüter“ mithilfe ihrer eigenen Polizeikultur mental zu vereinnahmen und die se gleichzeitig mit antisem itischen Ideologem en aufzuladen, um polizeiliche „Bandenkämpfer“ zu Vollstreckern des Judenmords zu machen. Diese Interpretation erklärt das Verhalten der „Polizeisoldaten“ selbstverständlich nicht allumfassend. Das große und komplexe Mosaik von den Tätern der Shoah erhält durch sie lediglich einen weiteren Stein. 584

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.