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Die Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 55 - 98

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-55

Tectum, Baden-Baden
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2. Die Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit 2.1 Schlachtfeld Demokratie - Die Polizei in der Weimarer Republik Die deutsche Polizei moderner Gestalt erblickte zu Beginn der Weimarer Republik das Licht der Welt. In Deutschland hatte es jedoch lange zuvor schon Kräfte gegeben, die polizeiliche Aufgaben erfüllten und sich sogar bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen. Während die frühen Städte zu lokalen Machtzentren anwuchsen, bildeten sie ein neues Rechtsbewusst sein heraus und schufen eine zunehmend komplexer werdende Verwaltung, die spezielle Ordnungsorgane institutionalisierte. Erstmals im 15. Jahrhundert nennen Quellen den Be griff der „policey“, der sich in der Frühen Neuzeit zum Synonym für das gesamte Staatswe sen und dessen Verwaltung sowie für „die gute Ordnung“ entwickelte.168 Allerdings bezog sich diese öffentliche Ordnung darauf, die Machtposition der Landesfürsten und später der absolutistischen Herrscher wenn nötig mit Gewalt zu sichern. Insofern war die Polizei in Händen des Obrigkeitsstaats seither ein Instrument zur Sozialdisziplinierung, mit dessen Hilfe das Gemeinwesen dazu gezwungen werden sollte, sich mit der bestehenden Ordnung abzufinden. Nicht zuletzt hatte die Polizei dabei die Aufgabe, unter diesen autoritären Ver hältnissen soziale Unruhen oder gar Aufstände zu unterdrücken.169 Als Konsequenz kam der Polizei der Frühen Neuzeit eine umfassende Wohlfahrts- und Schutzfunktion zu. Auch der preußische König Friedrich II. wollte diese aufrechterhalten, indem er seine Exekutive verstärkt militärisch ausrichtete. Das äußerte sich etwa darin, dass der Monarch die Ordnungsmacht mit ausgedienten Angehörigen der Armee besetzte. Die ser Prozess schlug sich auch in Organisation, Rekrutierung und Ausbildung des Personals nieder und prägte den Charakter der Sicherheitsorgane entscheidend. Die Polizei des 19. Jahr hunderts trat institutionell aus dem Schatten der Armee heraus und spezialisierte sich zu nehmend. So entstand vielerorts eine Kriminalpolizei, die ihre Fahndungsmethoden fort während verfeinerte. Im Jahre 1868 löste König Ludwig II. von Bayern ferner aus dem Heer die Gendarmerie heraus, die seit Januar 1813 die Ordnung auf dem Lande und die Grenzen zu sichern hatte. Ähnlich dem bayerischen Muster emanzipierten sich auch in anderen Län dern regionale und kommunale Polizeikräfte allmählich von den Streitkräften. Solche Inno 168 Zu den Anfängen polizeiähnlicher Strukturen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands vgl. Har nischmacher, Polizeigeschichte, S. 4-17; Breibeck, Polizei, S. 3-27; Krabbe, Policey, S. 158 f.; Manfred Biernath, Die Bayerische Polizei. Geschichte, Sozialstruktur und Organisation, Dissertation, München 1977, S. 7-35. 169 Vgl. Peter Nitschke, Die Polizierung aller Lebensbereiche: Sozialdisziplinierung und ihre polizeilichen Implikationen in der Prämoderne, in: Ders., Polizei, S. 27-45. Ferner: Siemann, Ruhe; Biernath, Poli zei, S. 35-37; Alf Lüdtke, „Willkürgewalt des Staates“? Polizeipraxis und administrative Definitions m acht im vormärzlichen Preußen, in: Reinke, Sicherheit, S. 35-55. 55 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k vationen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ordnungshüter bis Ende des Kaiserreichs maßgeblich unter dem Einfluss des Militärs standen.170 Im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert entwickelte sich nicht nur eine Polizeiorganisati on neuen Zuschnitts, sondern auch ein modernes Rechtsverständnis. Es entzog der Polizei zunehmend die Aufgaben der Wohlfahrtspflege und rückte vielmehr die Gefahrenabwehr in den Vordergrund. Der Staat formulierte als vorrangige Aufgabe der Polizei, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten, und stellte ihre Arbeit auf eine gesetzliche Grundlage. Bereits das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 unterschied die staatlichen Aufgaben in Wohl fahrtspflege und Gefahrenabwehr, wobei für letztere die Polizei zuständig war.171 Im König reich Bayern schlug sich diese neue Interpretation polizeilicher Tätigkeit aber erst im Poli zeistrafgesetzbuch des Jahres 1861 nieder.172 Im Kaiserreich befand sich die Ordnungsmacht jedoch in einem Spannungsfeld: Einerseits kam ihr die Aufgabe zu, die Bevölkerung vor Ge fahren zu schützen und dadurch den sozialen Frieden im Zeitalter von Urbanisierung und Industrialisierung zu bewahren. Andererseits ging sie zuweilen recht brutal gegen Arbeiter bewegung und Sozialdemokratie vor, die sich als Gegenmodell zum konservativen Bürger tum verstanden und die bestehende Ordnung zu bedrohen schienen. Doch gerade diese Ar beiterklasse diente nun als Reservoir, um neues Personal für den Polizeidienst zu rekrutieren, da der Bedarf nicht mehr nur durch ehemalige Angehörige der Armee gedeckt werden konn te. So führte unter anderem diese veränderte Einstellungspraxis dazu, dass sich die Staatsge walt von innen heraus allmählich zu zivilisieren begann und aus dem Dunstkreis des Mili tärs befreite.173 170 Vgl. dazu Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 31-71. Zur Entwicklung der einzelnen Polizeizweige insbesondere in Bayern ferner: Manfred Teufel, Vom Werden der deutschen Kriminalpolizei. Ein po lizeihistorischer Abriß m it prosopographischen Anmerkungen, in: Nitschke, Polizei, S. 72-97, hier: S. 72-87; Biernath, Polizei, S. 45 f. sowie 57-59; Breibeck, Polizei, S. 52-55 und 62 f.; Falter, Chronik, Bd.1, S. 14-23; Christoph Bachmann, Die M ünchner Gendarm erie 1798-1898, in: Michael Farin (Hrsg.), Polizeireport München 1799-1999, München 1999, S. 12-35, hier: S. 18; Hans-Joachim He cker, Strafjustiz und Polizei in Bayern im 19. und 20. Jahrhundert, in: Farin, Polizeireport, S. 106-111, hier: S. 106-108. Zur Entwicklung der Polizei in Preußen und anderen europäischen Staaten ferner: Hsi-Huey Liang, ^ e rise of m odern police and the European state system from Metternich to the Second World War, Cambridge 1992, besonders: S. 62-76. 171 Vgl. dazu Peter Preu, Polizeibegriff und Staatszwecklehre. Die Entwicklung des Polizeibegriffs durch die Rechts- und Staatswissenschaften des 18. Jahrhunderts, Göttinger Rechtswissenschaftliche Studi en, Bd. 124, Göttingen 1983, besonders: S. 274-328; Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 39. Ferner: Ralph Jessen, Polizei, Wohlfahrt und die Anfänge des m odernen Sozialstaats in Preußen während des Kaiserreichs, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 157-180; Albrecht Funk, Die Entstehung der m odernen Polizei in Preußen 1870-1890. Bezugspunkte einer historischen Polizeianalyse, in: Reinke, Sicherheit, S. 56-70. 172 Vgl. Biernath, Polizei, S. 54 f. Ferner zur rechtlichen Lage der M ünchner Polizei im 19. Jahrhundert: Gerhard Bauschinger, Das Verhältnis von städtischer Selbstverwaltung und königlicher Polizei in M ün chen im 19. Jahrhundert, Dissertation, München 1968. 173 Vgl. Ralph Jessen, Preußische Polizei und Arbeiterschaft im Kaiserreich, in: Nitschke, Polizei, S. 46 71. Ferner: Ders., Polizei im Industrierevier. M odernisierung und Herrschaftspraxis im westfälischen Ruhrgebiet 1848-1914, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 91, Göttingen 1991, S. 126 137 und 157-170 [Künftig: Jessen, Polizei im Industrierevier]; Schmidt, Polizisten, S. 59-61; ffo m as Lindenberger, Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914, Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 39, Bonn 1995; Andreas Roth, Jugendlichdelinquenz, Poli zei und Straf ustiz in Berlin während des Kaiserreiches, in: Reinke, Sicherheit, S. 222-241. Das m itun ter radikale Vorgehen der Polizei gegen die deutsche Arbeiterschaft entdeckte auch die marxistische 56 Die Ge s c h ic h t e d e r d e u t s c h e n Po l iz e i v o n d e r W e im a r e r Re p u b l ik b is in d ie Na c h k r ie g s z e it Der Zusammenbruch des Kaiserreichs zum Ende des Ersten Weltkriegs erstreckte sich nicht nur auf die politische Ordnung, sondern erfasste auch die innerstaatlichen Sicherheits organe. In der Novemberrevolution von 1918 kapitulierte die kaiserliche Polizei gegenüber den militärischen und zivilen Aufständischen, da sie zur Gegenwehr weder ausreichend ge rüstet noch zahlenmäßig in der Lage war. Insofern blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbst aufzulösen und der neuen Reformbewegung ihren Lauf zu lassen.174 Die rasch entste henden Arbeiter- und Soldatenräte beendeten endgültig die Ära der monarchistischen Ord nungskräfte und schufen neue polizeiliche Institutionen, die ihr Personal aus den eigenen Reihen rekrutierten. Sie sollten sich jedoch alsbald ebenso als eine Übergangslösung entpup pen wie der Einsatz von Restbeständen der untergegangenen Monarchie sowie zwielichtigen Freikorps und Einwohnerwehren durch die provisorische Reichsregierung. Die anschließen de Gründung der Weimarer Republik zwang die deutsche Polizei dazu, sich in den Dienst der demokratischen Staatsform zu stellen, deren Ideale zu übernehmen und ein entsprechen des Selbstbild zu entwickeln.175 Wie in allen deutschen Ländern gestaltete sich die Suche nach einer neuen Identität auch in Bayern durchaus schwierig und langwierig: Nachdem Kurt Eisner, der erste Ministerprä sident des Freistaats Bayern, am 21. Februar 1919 einem Attentat des Rechtsradikalen Anton G raf von Arco auf Valley zum Opfer gefallen war, proklamierten linke Revolutionäre am 7. April die Münchner Räterepublik.176 Unter den chaotischen Verhältnissen litt auch die Schutzmannschaft der Landeshauptstadt, die in kürzester Zeit mehrere Polizeipräsidenten kommen und gehen sah. Sie konnte auch nicht verhindern, dass ein gewalttätiger Mob in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1919 die Münchner Polizeidirektion stürmte und zahl reiche Kriminalakten sowie Teile des Erkennungsdienstes zerstörte. Der Sicherheitsapparat war unter diesen Verhältnissen fast vollständig zusammengebrochen.177 Der nach Bamberg geflohenen Regierung unter Johannes Hoffmann von der Sozialdemokratischen Partei Deutsch lands (SPD) gelang es, mithilfe von Reichswehr und konterrevolutionären Freikorps schrittweise die Kontrolle über Bayern zurückzugewinnen. Als die Truppen herannahten, er eignete sich am 30. April 1919 der berüchtigte „Geiselmord“ im Luitpold-Gymnasium. A n hänger der kommunistischen Räterepublik erschossen dabei zehn Gefangene, unter denen sich auch einige Mitglieder der rechtsextremen ttule-Gesellschaft befanden.178 Diese Gräu eltat diente den „Weißen Truppen“ als Legitimation, um Anfang Mai 1919 in München ein Geschichtsschreibung für sich, wie der folgende Titel belegt: Dieter Fricke, Bismarcks Prätorianer. Die Berliner politische Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung (1871-1898), Berlin 1962. 174 Vgl. Jürgen Siggemann, Die kasernierte Polizei und das Problem der inneren Sicherheit in der Wei marer Republik. Eine Studie zum Auf- und Ausbau des innerstaatlichen Sicherheitssystems in Deutsch land 1918/19-1933, Frankfurt am Main 1980, S. 19 f. Ferner: Peter Leßmann-Faust, Weimarer Repu blik: Polizei im demokratischen Rechtsstaat am Beispiel Preußens, in: Hans-Jürgen Lange (Hrsg.), Staat, Demokratie und Innere Sicherheit in Deutschland, Studien zur Inneren Sicherheit, Bd. 1, Opladen 2000, S. 29-50, hier: S. 29 f. 175 Vgl. Peter Leßmann, Die preußische Schutzpolizei in der Weimarer Republik. Streifendienst und Stra ßenkampf, Düsseldorf 1989, S. 17-43. Zur Rolle der Freikorps und Einwohnerwehren als Vorläufer der ordentlichen Polizeiorgane ferner: Siggemann, Polizei, S. 46-76. Zu den Einwohnerwehren spezi ell in Bayern: David Clay Large, ^ e Politics of Law and Order. A History of the Bavarian Einwohner wehr, 1918-1921, Transactions of the American Philosophical Society, Bd. 70/2, Philadelphia 1980. 176 Vgl. Franz Menges, Vom Freistaat zur Reichsprovinz (1918-1933), in: M anfred Treml (Hrsg.), Ge schichte des m odernen Bayern. Königreich und Freistaat, 3. neu bearb. Aufl., München 2006, S. 161 286, hier: S. 184-187. 177 Vgl. Biernath, Polizei, S. 61 f.; Falter, Chronik, Bd. 1, S. 42. 178 Vgl. Rudolf Herz/Dirk H alftrodt, Revolution und Fotografie München 1918/19, Berlin 1988, S. 183. 57 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k zumarschieren. Rasch eroberten sie die Stadt zurück und schlugen die „Rote Armee“ der Rä terepublik vernichtend. Dabei gingen sie äußerst brutal gegen die Verantwortlichen, aber auch gegen unbeteiligte Zivilisten vor, von denen viele den Tod fanden.179 Damit hatten Mi litär und Freikorps die Münchner Räterepublik gewaltsam beseitigt. Ein ähnliches, wenn gleich nicht ganz so brutales Schicksal ereilte im Jahre 1919 auch die übrigen Räterepubliken, die etwa in Berlin, Bremen, Hamburg und im Ruhrgebiet entstanden waren.180 Vor dem Eindruck dieser chaotischen Zustände bemühte sich die Regierung des Freistaats darum, schleunigst die Lage zu stabilisieren und dazu eine schlagkräftige Polizeitruppe zu schaffen. Als rechtliche Grundlage für den Aufoau einer neuen Ordnungsmacht diente ihr die Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919, die den einzelnen Ländern die Polizei hoheit gewährte. Bis auf wenige Ausnahmen sollte damit das Reichsministerium des Innern nahezu keine Handhabe besitzen, um Einfluss auf die deutsche Ordnungsmacht zu nehmen.181 Das bayerische Staatsministerium des Innern richtete am 11. November 1919 unter der Lei tung von Major Hans von Seißer die „Staatliche Polizeiwehr“ ein, die sich größtenteils aus ehemaligen Offizieren und Soldaten der alten Armee sowie Freikorpskämpfern zusammen setzte. Sie sollte aber nur wenige Monate bis September 1920 bestehen bleiben, da die Inter alliierte Militärkontrollkommission (IMKK) in ihr eine getarnte Armee zu erkennen glaub te.182 In der Note von Boulogne vom 22. Juni 1920 drängte die Entente die einzelnen deutschen Länder dazu, ihre paramilitärischen Sicherheitsorgane wieder aufzulösen. Der Versailler Ver trag begrenzte schließlich die Reichswehr auf 100.000 Mann, die nicht über das Hintertür chen wieder aufgestockt werden sollte. Daher mussten die Länder ihre Polizeiorgane um funktionieren, wozu ihnen die alliierten Siegermächte insgesamt 150.000 Polizisten zubilligten.183 Das bedeutete auch das Ende der neu eingerichteten Sicherheitspolizei in Preu ßen. Sie hatte vor allem gegen innere Unruhen und Revolten einzuschreiten und wie in den übrigen Ländern in geschlossenen Polizeieinheiten operiert, was ein Novum in der deut schen Geschichte darstellte. An ihre Stelle rückte die bereits im Kaiserreich existierende „Ord nungspolizei“, die jedoch in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Namen erhielt, meist aber als „Schutzpolizei“ bezeichnet wurde.184 179 Vgl. Walter Nickmann/Joachim Schröder, Revolution und „Ordnungszelle Bayern“, in: Schröder, Po lizei, S. 17-22, hier: S. 17-19; Menges, Freistaat, S. 189 f. 180 Vgl. Gunther Mai, Die Weimarer Republik, München 2009, S. 24. Ferner zur Geschichte der Rätere publik in Hamburg und deren Folgezeit: Danner, Ordnungspolizei, S. 10-23. Zur „Sozialistischen Re publik Bremen“: Schneider, Polizeibataillone, S. 31f. 181 Vgl. Neufeldt, Entstehung, S. 5-7. 182 Vgl. Biernath, Polizei, S. 63; Johannes Schwarze, Die bayerische Polizei und ihre historische Funktion bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit in Bayern von 1919-1933, Miscellanea Bavarica Monacensia, Bd. 72, München 1977, S. 20 f. Ferner zur Geschichte der Polizeiwehr: Klaus Wild, Die Polizeiorganisation in Nürnberg und Fürth von 1919 bis 1945. Der Weg vom Staatspolizeiamt zum Polizeipräsidium, Masterarbeit, Münster 2011, S. 23 f. 183 Vgl. Johannes Buder, Die Reorganisation der preußischen Polizei 1918-1923, Europäische Hochschulschriften. Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 294, Frankfurt am Main/Bern/New York 1986, S. 244-251; Schwarze, Polizei, S. 55. 184 Vgl. Ludwig Dierske, Sicherheitskräfte in Preußen zu Beginn der Weimarer Republik, in: APuZ 47 (1969), S. 31-55, hier: S. 44 f. Ferner zur preußischen Sicherheitspolizei: Leßmann, Schutzpolizei, S. 44-90. Zur Geschichte der Ordnungspolizei in einzelnen Ländern u. a.: M anfred Teufel, Die süd westdeutsche Polizei im Obrigkeits- und Volksstaat. Zur Geschichte der Polizei in Baden, W ürttem berg und Hohenzollern. Daten - Fakten - Strukturen. 1807-1932, Holzkirchen 1999, S. 125-139 und 156-168; Danner, Ordnungspolizei. 58 Die Ge s c h ic h t e d e r d e u t s c h e n Po l iz e i v o n d e r W e im a r e r Re p u b l ik b is in d ie Na c h k r ie g s z e it In der Weimarer Republik unterteilte sich die exekutive Staatsgewalt in Schutzpolizei, Gen darmerie, Kommunal-, Kriminal- und Verwaltungspolizei. Der preußischen Schutzpolizei gaben vor allem der sozialdemokratische Innenminister Carl Severing und der Leiter der Po lizeiabteilung Wilhelm Abegg ihre Gestalt. Beiden schwebte eine Ordnungsmacht vor, die sich von ihren militärischen Ursprüngen und Traditionen lösen und dadurch zu einem bür gernahen Instrument der Demokratie avancieren sollte. Ihnen genügte es aber nicht, die Po lizei lediglich zu entmilitarisieren. Auch wollten sie deren Angehörigen zu professionellen Staatsdienern heranformen, weshalb in Preußen zahlreiche Polizeischulen entstanden, die als Vorbild für ähnliche Institutionen in den übrigen Ländern fungierten. Tatsächlich gelang es, neue Ordnungskräfte außerhalb des Militärs zu rekrutieren und dadurch die Staatsmacht weiter zu zivilisieren. Trotz aller Reformversuche ließen sich die ambitionierten Pläne der preußischen Politik und deren idealistische Vision von der Polizei als „Freund und Helfer“ nur ansatzweise verwirklichen. Auch künftig operierten die kasernierten Polizeieinheiten im geschlossenen Einsatz gegen Aufständische und Demonstranten.185 Dabei zeigte sich schon früh, dass eine schlagkräftige Polizeitruppe in den einzelnen Län dern absolut notwendig war, um die junge Demokratie zu schützen: Im Kapp-Putsch vom 13. März 1920 versuchte eine republikfeindliche Allianz aus militärischen und politisch rechts extremen Kräften, die Weimarer Regierung gewaltsam zu stürzen. Dadurch wollte sie etwa verhindern, dass die Reichswehr ihre Personalstärke derart drastisch reduzieren musste, wie es der Versailler Vertrag verlangte.186 Zwar scheiterte der Staatsstreich, doch offenbarte sich dabei, dass nicht nur solche radikalen Kreise die neue politische Ordnung bedrohten. Denn auch große Teile der Sicherheitspolizei insbesondere in Preußen hatten die antirepublikani schen Verschwörer unterstützt. Dadurch erwiesen sie sich nicht gerade als zuverlässige Ga ranten des neuen Staatswesens.187 In dieser Umbruchphase ging aus der bayerischen Polizeiwehr zunächst die „Staatliche Ordnungspolizei“ hervor, die aber nicht lange unter diesem Namen firmieren sollte. Das In nenministerium des Freistaats benannte sie am 20. November 1920 in „Bayerische Landes polizei“ um. Sie bestand hauptsächlich aus kasernierten Einheiten und setzte sich zu einem erheblichen Teil aus dem Personal der ehemaligen Polizeiwehr zusammen. Aus dieser neu en Bereitschaftspolizei rekrutierte der Staat außerdem seine Nachwuchskräfte für den poli zeilichen Einzeldienst, der auf „Streife“ und auf den Revieren in Städten und Gemeinden so wie in ländlichen Gegenden für Ordnung sorgte. Denn neben der Landespolizei existierte noch die Gemeindepolizei, die sich aus der auf dem Lande zuständigen Gendarmerie und der städtischen Schutzmannschaft zusammensetzte.188 Weil das „Reichsgesetz über die Schutz polizei der Länder“ vom 17. Juli 1922 die einzelnen Länder dazu drängte, die Rechtsverhält nisse ihrer Ordnungshüter zu klären, verabschiedete das bayerische Parlament am 26. Au gust 1922 sein Landespolizeibeamtengesetz. Wie die entsprechenden Gesetze der anderen 185 Vgl. Volkmar Götz, Polizei und Polizeirecht, in: Kurt G. A. Jeserich/Hans Pohl/Georg-Christoph von U nruh (Hrsg.), Deutsche Verwaltungsgeschichte, Bd. 4: Das Reich als Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1985, S. 397-420, hier: S. 399-409 [Künftig: Götz, Polizei (Weimarer Republik)]. 186 Vgl. Ulrich Kluge, Die Weimarer Republik, Paderborn 2006, S. 62 f.; Horst Möller, Die Weimarer Re publik. Eine unvollendete Demokratie, 9. Aufl., München 2008, S. 153 f. 187 Vgl. Buder, Reorganisation, S. 190-204; Leßmann, Schutzpolizei, S. 78-85; Siggemann, Polizei, S. 143; Danner, Ordnungspolizei, S. 35-45. 188 Vgl. Biernath, Polizei, S. 63; G. Sagerer/Emil Schuler, Die Bayerische Landespolizei von 1919-1935, München 1954, S. 6; Schwarze, Polizei, S. 23. 59 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Länder bestimmte es unter anderem, dass sich die eingestellten Polizisten dazu verpflichten mussten, zwölf Jahre lang, aber eben auch nicht länger, in der Polizei zu dienen - eine Rege lung, die einigen Gesetzeshütern künftig Probleme bereitete.189 Alle Reformen innerhalb der Polizei konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Revolutionszeit und Räterepublik auch ihre Spuren bei den Polizeibeamten hinterlas sen hatten, denen der Kapp-Putsch als Vorlage dafür diente, selbst auf die Politik Einfluss zu nehmen. Zu den größten Republikgegnern im bayerischen Polizeiapparat zählte der neue Münchner Polizeipräsident Ernst Pöhner. Er gehörte zu jenen Kräften, die den sozialdemo kratischen Ministerpräsidenten Hoffmann zum Rücktritt zwangen. Dessen Nachfolger, Gus tav Ritter von Kahr, etablierte die „Ordnungszelle Bayern“, die einen idealen Sammelplatz für rechtsextreme und erzkonservative Kreise bot.190 Mit dafür verantwortlich war auch Pöhner, der diesem Milieu nicht nur wohlwollend gegenüberstand, sondern sogar „Fememörder“ wie die terroristische Organisation Consul unterstützte, die eine Reihe von politischen Morden verübt hatte. In seiner Polizeidirektion waren daneben einige Polizisten anzutreffen, die mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sympathisierten oder sich in ihr sogar aktiv betätigten. Selbst nachdem er und von Kahr im September 1921 von ihren Ämtern zurückgetreten waren, hielt diese unrühmliche Liaison weiter an.191 Die Gegner des Parlamentarismus sahen sich erst recht in ihrer ablehnenden Haltung be stärkt, als es im Deutschen Reich zu teils gewaltsamen Krawallen kam, in denen radikale Kräfte beider politischer Lager gegen die Weimarer Republik opponierten. Großangelegte Streiks von Arbeitern und gewaltsame Demonstrationen vorwiegend linker Akteure forder ten bereits in der Frühphase des demokratischen Staates einen entschlossenen Einsatz sei ner jungen Polizei. Zahlreiche solcher polizeilichen Aktionen fanden vor allem im Ruhrge biet, in Norddeutschland, in Bayern und in Sachsen statt.192 Eine besondere Rolle nahm dabei der Mitteldeutsche Aufstand vom März 1921 ein: Zu einem bewaffneten Konflikt eskalierte ein Generalstreik der Arbeiterschaft in der Provinz Sachsen, den die Kommunistische Par tei Deutschlands (KPD) initiiert hatte. Diesen konnten einige Hundertschaften der preußi schen Schutzpolizei mit großer Waffengewalt, aber ohne wesentliche Mithilfe der Reichs wehr beenden.193 Der Erfolg der Operation etablierte die Polizei in Preußen als Hüterin der 189 Vgl. BayHStA München - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 6, Landespolizeibeamtenge setz (LBG) vom 26.08.1922, in: Gesetz- und Verordnungs-Blatt für den Freistaat Bayern, 30.08.1922, Nr. 39, S. 427-432, hier: S. 427. 190 Vgl. Nickmann, Revolution, S. 19f. 191 Vgl. Ders., Die Auswüchse des „Pöhner-Systems“: Polizei und Fememorde, in: Schröder, Polizei, S. 25 29; Ders./Joachim Schröder, Die M ünchner Polizei und die NSDAP, in: Schröder, Polizei, S. 31-37, hier: S. 35 f.; Schwarze, Polizei, S. 38; Hermann Wilhelm, Dichter, Denker, Fememörder. Rechtsradi kalismus und Antisemitismus in München von der Jahrhundertwende bis 1921, Berlin 1989, S. 129 131 sowie 137. 192 Vgl. u. a. Siegfried Zaika, Polizeigeschichte. Die Exekutive im Lichte der historischen Konfliktfor schung. Untersuchungen über die 'f f eorie und Praxis der preußischen Schutzpolizei in der Weimarer Republik zur Verhinderung und Bekämpfung innerer Unruhen, Polizei Praxis, Bd. 1, Lübeck 1979, S. 66-134; Schmidt, Polizisten, S. 74 f.; Frank Jochims, Auf dem Weg zu einer demokratischen Polizei. Gelsenkirchener Schutzpolizei 1918-1928, in: Goch, Gesellschaft, S. 98-153, hier: S. 118-131. Recht ausführlich setzt sich insbesondere Schwarze m it links- und rechtsextremen Straftaten und Demons trationen in Bayern und der Reaktion der hiesigen Polizei auseinander. Vgl. Schwarze, Polizei, S. 25 f., 87-103 sowie 150-155 und 217-227. 193 Vgl. Christian Knatz, „Ein Heer im grünen Rock“? Der Mitteldeutsche Aufstand 1921, die preußische Schutzpolizei und die Frage der inneren Sicherheit in der Weimarer Republik, Quellen und Forschun gen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Bd. 19, Berlin 2000, insbesondere S. 393; 6 o Die Ge s c h ic h t e d e r d e u t s c h e n Po l iz e i v o n d e r W e im a r e r Re p u b l ik b is in d ie Na c h k r ie g s z e it inneren Sicherheit und führte dazu, dass sie in dieser Funktion endgültig die Armee beerb te. Deswegen besaß sie im Deutschen Reich eine Vorreiterrolle, an der sich andere Länder orientierten. Der militärische Charakter des geschlossenen Einsatzes hintertrieb jedoch Severings liberales Polizeikonzept. Mehr noch zementierte der Mitteldeutsche Aufstand den paramilitärischen Charakter der demokratischen Ordnungsmacht und sorgte dafür, dass die se auch in Zukunft in derlei Strukturen agierte.194 Eine weitere Bewährungsprobe für die Po lizei war der „Hamburger Aufstand“ im Oktober 1923, bei dem die KPD in der hanseatischen Metropole revoltierte, indem sie z. B. einige Polizeidienststellen gewaltsam stürmte und be setzt hielt. Mit ihrem aussichtslosen Umsturzversuch scheiterten die Kommunisten letztlich auch am Widerstand der Staatsmacht. Allerdings kamen dabei über 100 Menschen ums Le ben. Allein die Hamburger Polizei hatte 17 Tote und 69 Verletzte zu beklagen.195 Angesichts solcher Einsätze gegen vorwiegend kommunistische Gruppierungen nimmt es nicht wunder, dass viele Polizisten den Feind vor allem am linken politischen Rand verorteten. Umso stärker tangierte es dann die Ordnungsmacht, dass eine echte Gefahr von rechts den Status quo bedrohte. Einen Höhepunkt der polizeilichen Intervention stellte der Hitler Putsch vom 8. und 9. November 1923 dar: Die gesellschaftliche Stimmung hatte sich in Deutschland aufgrund der wirtschaftlich prekären Lage zunehmend verschlechtert, die durch Reparationen an die Siegermächte und eine verheerende Inflation bedingt war. Die Beset zung des Ruhrgebiets durch französisch-belgische Truppen im Januar 1923 verschärfte die Situation zusätzlich und radikalisierte die nationalistischen Gruppierungen. Als das Deut sche Reich unter Reichskanzler Gustav Stresemann im September den „passiven Widerstand“ gegen die Besatzer aufgab, strebte der bayerische Ministerpräsident Eugen Ritter von Knilling nach einem nationalen Umsturz und verhängte den Ausnahmezustand. Für dieses Vor haben bildete sein neuer Generalstaatskommissar Gustav von Kahr zusammen mit dem Lan deskommandeur der Reichswehr Otto von Lossow und dem Kommandeur der Bayerischen Landespolizei Hans von Seißer ein „Triumvirat“. Adolf Hitler wollte ihnen mithilfe von Welt kriegsgeneral Erich Ludendorff und seiner Kampfverbände zuvorkommen. Bei einer Ver sammlung im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1923 drängte er die Dreierherr schaft dazu, seinen Staatsstreich gegen die Reichsregierung in Berlin zu unterstützen. Wenige Stunden später widerriefen von Kahr, von Lossow und von Seißer ihre Zusagen und bereiteten Einheiten von Reichswehr und Landespolizei auf den Gegenschlag vor. Dessen ungeachtet marschierte Hitler mit seinen Anhängern zur Feldherrnhalle, um die „nationa le Revolution“ zu erzwingen. Dort angekommen kam es zu einem Schusswechsel mit der Landespolizei, bei dem vier Polizisten und 16 Putschisten starben. Die Drahtzieher Hitler und Ludendorff wurden wenig später verhaftet und kamen 1924 mit weiteren Umstürzlern vor Gericht, wobei der „Hitler-Prozess“ in Skandalurteilen endete. Nur für die wenigsten Sympathisanten der NS-Bewegung innerhalb der Polizei zog ihre Mithilfe bei dem Putsch versuch berufliche Konsequenzen nach sich. Auch der spätere Reichsinnenminister Wilhelm Frick verblieb im Staatsdienst. Er erhielt lediglich eine Bewährungsstrafe, obwohl er mithil Ders., Ein Sieg über Aufrührer und Reformer. Der Mitteldeutsche Aufstand von 1921 als verpaßte Chance der preußischen Schutzpolizei, in: ZfG 46/1 (1998), S. 28-39, hier: S. 29. Ferner: Zaika, Poli zeigeschichte, S. 81-105. 194 Vgl. Knatz, Heer, S. 392 f. 195 Vgl. Danner, Ordnungspolizei, S. 63-106; Zaika, Polizeigeschichte, S. 128-134; Erwin B. Boldt, Die verschenkte Reform. Der Neuaufoau der Hamburger Polizei zwischen Weimarer Tradition und den Vorgaben der britischen Besatzungsmacht (1945-1955), Hamburger Arbeitskreis für Regionalgeschich te (HAR), Bd. 12, Hamburg 2002, S. 87-112. 61 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k fe der Putschisten die Münchner Polizeidirektion als dessen neuer Chef hatte übernehmen wollen, in der er seit 1917 beschäftigt war. Der bayerischen Ordnungsmacht hätte nun be wusst werden müssen, wie sehr auch Rechtsextreme das bestehende Gefüge bedrohten. Den noch sanktionierte sie weiterhin jene Aktivitäten wesentlich härter, die von der politischen Linken ausgingen.196 Zwischen 1924 und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise kehrte eine Phase relativer Ruhe ein, da sich dank der Währungsreform von 1923 und weiterer Initiativen die ökonomi sche Lage wieder verbesserte. Diese Atempause stellte sich aber auch deshalb ein, weil die republikanische Politik schärfer auf den Extremismus reagierte und die Polizei beherzter ge gen radikale Störer einschritt.197 Außerdem halfen technische Innovationen dabei, die Arbeit der Ordnungsmacht zu erleichtern. Dazu müssen etwa der Auftau eines gesamt deutschen Polizeifunknetzes und der Ein satz von Wasserwerfern gezählt werden.198 Da die Alliierten Mitte der zwanziger Jahre mit der beamtenrechtlichen Organisation der Polizei jedoch noch immer nicht voll ends zufrieden waren, veranlassten sie die einzelnen Landesregierungen, ein neues ge setzliches Fundament für ihre Exekutivge walt zu schaffen.199 Am 12. April 1928 brach ten so z. B. das Bayerische Polizeibeamten gesetz und die Verordnung über die unifor mierte Staatspolizei einige organisatorische Reformen für die Landespolizei des Freistaats: Die augenscheinlichste Neuerung lag darin, dass sich die uniformierte Polizei nur noch aus Schutzpolizei und Gendarmerie zusammensetzte. Die kasernierten Einheiten der Landes polizei existierten fortan unter dem Namen „Bereitschaftspolizei“, während die bisherige Schutzmannschaft als Einzeldienst der Schutzpolizei bezeichnet wurde.200 Infolge der Weltwirtschaftskrise sollte aber ab dem Jahre 1929 diese relative Ruhe- und Re formphase ein jähes Ende finden. Die ökonomische Not verwandelte sich in politische Ra dikalität und führte zu brutalen Konfrontationen zwischen Links- und Rechtsextremen auf Deutschlands Straßen. Dadurch verschlechterte sich auch die Situation der Polizei drama tisch, die den Gewaltexzessen kaum Einhalt zu bieten vermochte. Stattdessen reagierte sie im geschlossenen Einsatz oftmals mit überzogener Härte auf die Krawallmacher, ging aber auch gegen Unbeteiligte vor und radikalisierte sich auf diese Weise selbst. Hinzu kommt, dass 196 Vgl. Walter Nickmann, Der Hitler-Ludendorff-Putsch, in: Schröder, Polizei, S. 39-45; Günter Neliba Wilhelm Frick. Der Legalist des Unrechtsstaates. Eine politische Biographie, Paderborn 1992, S. 30 40 [Künftig: Neliba, Wilhelm Frick (1992)]; Ders., Wilhelm Frick - Reichsinnenminister und Rassist, in: Smelser, Elite 2, S. 80-90, hier: S. 80 f. [Künftig: Neliba, Wilhelm Frick (1999)]; Schwarze, Polizei, S. 165-180. 197 Vgl. Walter Nickmann, Die M ünchner Polizei und die Republik (1923-1933), in: Schröder, Polizei, S. 47-53, hier: S. 47-50. 198 Vgl. Schwarze, Polizei, S. 104-123. 199 Vgl. Teufel, Polizei, S. 262-264. 200 Vgl. Polizeibeamtengesetz vom 12.04.1928 und Verordnung über die uniformierte Staatspolizei vom 12.04.1928, in: Bayer. Beamtengesetz und Polizeibeamtengesetz, bearb. v. Heinrich Schmitt, München 1931. Ferner: Schwarze, Polizei, S. 40. Abbildung 1: Panzerwagen der Bayerischen Landespolizei (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 62 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it die Ordnungskräfte trotz aller technischen Neuheiten innerhalb des Polizeiwesens teilweise schlechter ausgerüstet waren als ihre Gegner.201 Außerdem versuchten Kommunisten und Nationalsozialisten besonders in der Krisenpha se zum Ende der Weimarer Republik die Polizei zu infiltrieren und dadurch ideologisch auszuhöhlen.202 Während die KPD dabei nur geringe Erfolge erzielen konnte, gelang es den Kräf ten aus der N SD AP wesentlich besser, die Gesetzeshüter für sich zu vereinnahm en.203 Innerhalb einiger Polizeibehörden gründeten sich im gesamten Reichsgebiet sogar national sozialistische Zellen, denen vorwiegend Polizeioffiziere beitraten. Wenngleich solche Beam te mit ihrer Nähe zur NS-Bewegung eher eine Minderheit darstellten, ging auch von ihnen eine unmittelbare Gefahr für die Organisation des Staatswesens und Teile der Gesellschaft aus. Denn darüber hinaus beteiligten sich einzelne „Gesetzeshüter“ bereits in dieser Phase an politisch motivierten Morden an linken Aktivisten.204 Die Empfänglichkeit einiger Poli zisten für die Parolen Hitlers kam nicht von ungefähr. Mit den Nationalsozialisten teilten sie ein gemeinsames Feindbild, das der Kommunismus war.205 Zudem wirkte die Vision von ei nem starken Mann an der Spitze des deutschen Staates besonders auf das Korps der Polizei offiziere sehr attraktiv, das zu einem großen Teil autoritär und antidemokratisch eingestellt war.2oS Viele Beamte fühlten sich von der Weimarer Demokratie im Stich gelassen. Das po lizeiliche Vorgehen gegen Kriminelle schien der Rechtsstaat aus ihrer Sicht eher zu behin dern als zu fördern.207 Es frustrierte die Polizisten aber auch, dass sie zwar für den demokratischen Staat ihr Le ben riskierten, von ihm aber nur schlecht bezahlt und unzureichend versorgt wurden. Be reits zu Beginn der Weimarer Republik war die Dienstzeit in der Schutzpolizei auf zwölf Jah re begrenzt, um zu verhindern, dass die Ordnungsmacht überalterte. Diese Regelung manifestierte sich auch im „Reichsgesetz über die Schutzpolizei der Länder“ vom 17. Juli 1922. Demnach verpflichteten sich die Wachtmeister in den einzelnen Ländern, sich für diese Zeit dauer als unmittelbare Staatsbeamte in den öffentlich-rechtlichen Dienst zu stellen, ohne je doch lebenslänglich und unkündbar angestellt zu werden. In eigenen Gesetzen bestätigten 201 Vgl. Schwarze, Polizei, S. 121-133 sowie 207-217; Leßmann, Schutzpolizei, S. 265-274 und 286-295; Daniel Schmidt, Die Bürgerkriegsarmee. Gelsenkirchener Schutzpolizei und politischer Extremismus 1928-1932, in: Goch, Gesellschaft, S. 212-231, hier: S. 218-229. Ferner: Helmut Timmermann, Die Polizei im Regierungsbezirk Arnsberg 1816-1988, hrsg. v. Regierungspräsidenten Arnsberg, A rns berg 1989, S. 87. Timmermanns Werk ist allerdings nur bedingt für wissenschaftliche Zwecke brauch bar, da der ehemalige Polizist in seinem Text keinerlei Quellenbelege vornimmt, sondern lediglich einzelne Schlüsseldokumente abdruckt. 202 Vgl. Schwarze, Polizei, S. 145 und 221. 203 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 295-330; Hsi-Huey Liang, Die Berliner Polizei in der Weimarer Re publik, Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 47, Berlin/New York 1977, S. 93-97 und 103-108. Ferner: Fangmann, Parteisoldaten, S. 29 f. 204 Solche NS-Zellen und politische Verbrechen zeigen sich etwa am Beispiel der Hamburger Polizei. Vgl. Danner, Ordnungspolizei, S. 213-224. Zu NS-Zellen und m it der NS-Bewegung sympathisierenden Beamten ferner: Christoph Graf, Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwick lung der preußischen Politischen Polizei vom Staatsschutzorgan der Weimarer Republik zum Gehei m en Staatspolizeiamt des Dritten Reiches, Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 36, Berlin 1983, S. 92-107; Werner Jung, Ein gleitender Übergang. Die Kölner Polizeifüh rung zwischen „Preußenschlag“ und Machtergreifung, in: Buhlan, Freund, S. 64-144, hier: S. 85 f. 205 Vgl. Alfons Kenkmann, Vom Ordnungshüter zum Ordnungspartner. Ein Streifzug durch die Polizei im 20. Jahrhundert, in: Goch, Gesellschaft, S. 36-52, hier: S. 41. 206 Vgl. Springfeld, Polizei, S. 16-18 sowie 24; Liang, Polizei, S. 97-103. 207 Vgl. Wagner, Volksgemeinschaft, S. 141f. 63 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k die Länder diesen Sachverhalt, wie etwa das preußische Schutzpolizeibeamtengesetz vom 16. August 1922 offenbart. An dieser Personalpolitik änderte sich recht wenig, als die Alliier ten gegen das Reichsschutzpolizeigesetz des Jahres 1922 intervenierten und die einzelnen Länder dazu zwangen, eine neue legale Grundlage zu schaffen. Das preußische Polizeibeam tengesetz vom 31. Juli 1927 löste zwar seinen gesetzlichen Vorgänger ab, räumte aber nur ei ner begrenzten Anzahl an Staatsdienern die Möglichkeit ein, ihren Beruf auf Lebenszeit aus zuüben. Ferner eröffnete es den übrigen Männern die Chance, in anderen Bereichen des Polizeidienstes zu verbleiben und so etwa in der Kriminalpolizei oder in der Gendarmerie unterzukommen. Allerdings waren davon nur wenige Beamte betroffen, da die Mehrzahl der Schutzpolizisten nach ihrer zwölfjährigen Dienstzeit weiterhin entlassen werden konnte.208 Diese prekären Rechtsverhältnisse verunsicherten die Wachtmeister sehr, da ihre Zukunft nach dem Polizeidienst ungewiss war und nicht genügend freie Stellen in der polizeilichen Verwaltung existierten. Mit dafür verantwortlich war die rigide Sparpolitik der Regierung. Sie führte dazu, dass zahlreiche Beamtenstellen abgebaut wurden. Viele andere fanden sich in der freien Wirtschaft nicht zurecht, weil sie unzureichend qualifiziert und für Arbeitge ber daher unattraktiv waren. Gerade während der Weltwirtschaftskrise scheiterten auch zahl reiche Versuche von ehemaligen Ordnungshütern, sich selbstständig zu machen. Lediglich die Polizeioffiziere blieben von diesem Schicksal verschont, weil sie ohnehin auf Lebenszeit im Dienst verbleiben konnten und anschließend berechtigt waren, eine Pension zu beziehen. Diese verfehlte Personalpolitik spielte links- und vor allem rechtsradikalen Kräften in die Karten, als sie mehr oder minder erfolgreich versuchten, die Polizei zu unterwandern.209 Der „Altonaer Blutsonntag“ vom 17. Juli 1932 offenbarte besonders deutlich, wie ohnmäch tig die Weimarer Polizei war. Anlässlich einer Demonstration der NSDAP in der preußischen Stadt kam es zu Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Bei den anschließenden Schießereien mit der Ordnungsmacht starben insgesamt 18 Menschen.210 Dass die Polizeikräfte anscheinend nicht in der Lage waren, Sicherheit und Ordnung zu ge währleisten, diente Reichskanzler Franz von Papen als Vorwand für einen Staatsstreich ge gen die Führung des größten Landes der Weimarer Republik. Beim „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 entmachtete er per Notverordnung die preußische Regierung unter Ministerprä sident Otto Braun und ließ sich von Reichspräsident Paul von Hindenburg als „Reichskom missar“ einsetzen. Papen verhängte den militärischen Ausnahmezustand, so dass Reichs wehrverbände das preußische Innenministerium übernehmen konnten. Das Militär nahm zudem das Berliner Polizeipräsidium sowie die Zentrale der Schutzpolizei ein und brachte deren Leiter dazu abzudanken. Zu dieser Maßnahme griff von Papen schon allein deshalb, um sich die Kontrolle über die preußische Schutzpolizei zu sichern und Innenminister Severing seiner Machtbasis zu berauben. Mit dieser Vorgehensweise hatte er nicht nur der preu ßischen Ordnungsmacht den Todesstoß versetzt, da sie die drohende Konfrontation mit der Reichswehr umgehen und hilflos mit ansehen musste, wie die Politik sie zu ihrem Spielball 208 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 120-136. 209 Vgl. ebd., S. 136-150; Ders., Die Besatzung des „Bollwerks Preußen“. Personal und personalpolitische Probleme der preußischen Schutzpolizei in der Weimarer Republik, in: Geschichte im Westen 8/1 (1993), S. 7-23, hier: S. 16. 210 Vgl. Danner, Ordnungspolizei, S. 234 f. Zum detaillierten Ablauf ferner: Leon Schirmann, Altonaer Blutsonntag 17. Juli 1932. Dichtungen und Wahrheit, Hamburg 1994; Ders., Der Verlauf des Altona er Blutsonntags vom 17. Juli 1932 und die Geschichtsschreibung, in: Informationen zur Schleswig Holsteinischen Zeitgeschichte 22 (1992), S. 45-64. 64 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it degradierte. Er hatte dadurch auch den Weg für die künftige zentralistische Herrschaftspra xis der Nationalsozialisten geebnet.211 Noch vor der „Machtergreifung“ entließ die preußische Kommissariatsregierung zahlrei che unliebsame Polizeiführer, die als Anhänger der demokratischen Parteien nun in dem Ruf standen, in der Vergangenheit zu einseitig gegen rechte Extremisten vorgegangen zu sein. Ihre Posten besetzte sie stattdessen mit republikfeindlichen Polizeioffizieren, die zusammen mit ihren untergebenen Beamten den Terror der Sturmabteilung (SA) tolerierten oder sogar aktiv unterstützten.212 Nach der Machtübernahme gingen die Nationalsozialisten ans Werk, die Polizei nach ihren Vorstellungen zu reformieren und als personelles Reservoir für die deutschen Streitkräfte zu verwenden. Das Schicksal der einzelnen Landespolizeien war letzt lich besiegelt, als Hitler diese per Gesetz aus den Verwaltungen der einzelnen Länder her auslöste und auf das Reich übertrug. Diese rechtliche Maßnahme trat am 1. April 1935 in Kraft und führte dazu, dass die kasernierten Polizeibereitschaften bis zum 15. Oktober 1935 fast komplett in die Wehrmacht eingegliedert wurden.213 Damit hatten die neuen Machthaber aber keineswegs das Schicksal der deutschen Ordnungsmacht besiegelt. Vielmehr schlugen sie nur ein neues Kapitel in deren Geschichte auf, das gleichzeitig zu ihrem schrecklichsten werden sollte. 2.2 Von Ordnungshütern zu Massenmördern - Die Polizei im NS-Staat Die deutsche Polizei war seit Beginn des „Dritten Reichs“ ein zentrales Instrument der nati onalsozialistischen Terrorpolitik. Bereits in den ersten Monaten beteiligte sie sich maßgeb lich daran, politische Gegner der NS-Bewegung zu verfolgen. Als brutale Schläger aus SA und SS vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten malträtierten, sah sie tatenlos dabei zu. Mehr noch nahm die Exekutive aktiv an solchen Aktionen teil, indem sie massenhaft Ver treter linkspolitischer Parteien oder Gewerkschaftler verhaftete und an ihre rechtsextremen Widersacher auslieferte oder gar selbst in Polizeigefängnisse sperrte.214 Im Frühjahr 1933 in stitutionalisierten Preußen und weitere Länder diese unheilvolle Liaison, indem sie eine Hilfs polizei unterhielten, die sich aus Angehörigen von SA, SS und Stahlhelm rekrutierte und die „reguläre“ Ordnungsmacht unterstützte. Während sie offiziell Schutz- und Sicherungsaufga ben wahrnehmen sollte, ging sie hauptsächlich rabiat gegen ihre politischen Kontrahenten 211 Vgl. Ludwig Biewer, Der Preußenschlag vom 20. Juli 1932. Ursachen, Ereignisse, Folgen und Wertung, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 119 (1983), S. 159-172; Leßmann, Schutzpolizei, S. 363-370. Ferner: Ludwig Dierske, War eine Abwehr des „Preußenschlages“ vom 20. Juli 1932 möglich?, in: Zeit schrift für Politik 17/3 (1970), S. 197-245. 212 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 370-378; Liang, Polizei, S. 182. 213 Vgl. Gesetz über die Landespolizei vom 29.03.1935, in: Reichsgesetzblatt (RGBl), 30.03.1935, Nr. 37, S. 460. Ferner: Sagerer, Landespolizei, S. 12; Springfeld, Polizei, S. 97; Georg Tessin, Deutsche Verbän de und Truppen 1918-1939. Altes Heer, Freiwilligenverbände, Reichswehr, Heer, Luftwaffe, Landes polizei, Osnabrück 1974, S. 462 f. [Künftig: Tessin, Deutsche Verbände]. In der entmilitarisierten Zone erfolgte dieser Schritt erst am 1. April 1936. Vgl. ebd., S. 466 f. 214 Vgl. Gerhard König/Inge König, Das Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz. Seine Geschichte - Sei ne Polizei - Seine Häftlinge (1933-1945), Berlin 1997, S. 56 f.; Springfeld, Polizei, S. 53-59. Ferner: Ulrich Josten, Preußische Polizei und nationalsozialistische Machtergreifung in Bonn, in: Schloßma cher, Farbe, S. 25-40, hier: S. 35 f. 65 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k vor, bis der NS-Staat sie bis Ende 1933 aus Kostengründen wieder auflöste.215 Rechtlich grün deten die Nationalsozialisten das zügellose Vorgehen von Polizei und Parteiorganisationen auf der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Febru ar 1933. Als Reaktion auf den Reichstagsbrand des Vorabends schaffien sie mit ihr etliche Grundrechte wie etwa die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit ab. Zudem führten sie die „Schutzhaft“ ein, mit der die Exekutivkräfte ihre Opfer ohne Gerichtsbeschluss zeitlich unbefristet inhaftieren konnten.216 Die Symbiose von staatlichen und parteilichen Gewaltor ganen kam nicht zuletzt deshalb zustande, weil viele Polizisten mit Hitlers Visionen sympa thisierten oder diesen zumindest neutral begegneten, da sie sich selbst vor Sanktionen fürch teten. Als sie den Beamtenapparat politisch „säuberten“, entfernten die Nationalsozialisten daher nur eine geringe Anzahl an Gesetzeshütern aus dem Dienst. Dazu diente ihnen for malrechtlich das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Lediglich 7,3 % der Offiziere und nur 1,7 % der Wachtmeister der preußischen Schutzpolizei verloren bis Ende 1933 ihre Posten.217 Obwohl sie mit den Ordnungshütern in der Weimarer Republik negative Erfahrungen ge macht hatten und ihnen skeptisch gegenüberstanden, wussten die neuen Gewalthaber ganz genau, wie wichtig diese Exekutivkräfte für ihre Herrschaft sein würden.218 Daher ergriffen sie Maßnahmen, die bereits im „Preußenschlag“ ihren Anfang genommen hatten. Die NSDAP setzte in den einzelnen Ländern ihre Reichsstatthalter ein und brachte sie damit strukturell unter ihre Obhut. Danach legte das Gesetz über den Neuauftau des Reiches vom 30. Januar 1934 den rechtlichen Grundstein für eine deutsche „Reichspolizei“.219 Um ihre Kontrolle ent brannte in den ersten Jahren des „Dritten Reichs“ ein erbitterter Machtkampf zwischen dem neuen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring, Reichsinnenminister Wilhelm Frick und dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler.220 Letzterer begann im März 1933 seine Karriere als Polizeipräsident von München und dadurch auf einem verhältnismäßig niede ren Posten. Doch recht schnell gelang es ihm, zum Leiter der Bayerischen Politischen Poli zei zu avancieren und die Grundlagen für den nationalsozialistischen Polizeistaat zu legen, indem er etwa Ende März 1933 das erste Konzentrationslager in Dachau errichten ließ. Nach dem Vorbild dieses „M odell-KZ“ entstanden im gesamten Deutschen Reich weitere dieser rechtsfreien Räume, in denen die Opfer von Himmlers Polizeigewalt systematisch gequält, gefoltert und ermordet wurden. Damit er seinen Machtbereich weiter ausdehnen konnte, 215 Vgl. Bernd-A. Rusinek, Unsicherheit durch die Organe der Sicherheit. Gestapo, Kriminalpolizei und Hilfspolizei im „Dritten Reich“, in: Reinke, Sicherheit, S. 116-133, hier: S. 120-122; Wilhelm, Polizei, S. 47 f. 216 Vgl. U o m as Raithel/Irene Strenge, Die Reichstagsbrandverordnung. Grundlegung der Diktatur m it den Instrum enten des Weimarer Ausnahmezustands, in: VfZ 48/3 (2000), S. 413-460, hier: S. 416 419. Zur Schutzhaft vgl. u. a. auch Josten, Polizei, S. 36; Robert Gellately, Hingeschaut und weggese hen. Hitler und sein Volk, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe, Bd. 416, 2. Aufl., Bonn 2004, besonders: S. 56 f. 217 Vgl. Leßmann, Schutzpolizei, S. 388. Allerdings machen andere Studien geltend, dass zumindest in m anchen Regionen weitaus m ehr Polizisten ihre Ämter verloren. Vgl. Springfeld, Polizei, S. 38 f.; Schmidt, Polizisten, S. 356-358. Ohne einen Beleg dafür zu liefern, sagt Timmermann aus, dass „sehr viele Polizeibeamte aller Dienstgrade [zwangsentlassen] wurden, weil sie nicht als Jinientreu galten“. Timmermann, Polizei, S. 103. 218 Vgl. Florian Dierl, Die Ordnungspolizei, in: Ders., Ordnung, S. 30-41, hier: S. 33. 219 Vgl. Neufeldt, Entstehung, S. 7. 220 Vgl. Neliba, Wilhelm Frick (1992), S. 247-251. Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it vereinnahmte der Reichsführer-SS bis 1934 die Politische Polizei in den übrigen Ländern.221 Im Herbst 1935 konnte er Hitler schließlich von seinem kriminalpräventiven und radikalen Polizeikonzept überzeugen. Dadurch gelang es ihm, letztlich auch Frick im Rennen um die Oberaufsicht über die innerdeutsche Staatsmacht auszustechen.222 Hitler ernannte den Reichsführer-SS Heinrich Himmler am 17. Juni 1936 nun auch zum „Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern“. Formal war er damit zwar noch Frick unterstellt. Tatsächlich verfügte Himmler aber uneingeschränkt über die zentra len parteilichen und polizeilichen Ordnungskräfte des NS-Staats. Damit war er „der mäch tigste Machtträger des Dritten Reiches“.223 Nach seinem Amtsantritt als oberster Polizeichef startete er die größte Polizeireform der deutschen Geschichte: Zunächst einmal führte er je nen Prozess fort, der bereits mit dem „Preußenschlag“ begonnen hatte. Er zentralisierte die gesamte Polizei unter seiner Führung. Durch diese „Verreichlichung“ schuf er erstmals eine Reichspolizei und beendete damit endgültig die polizeiliche Hoheit der Länder.224 Ferner wollte Himmler ein „Staatsschutzkorps“ aus weltanschaulich gefestigten „Polizeisoldaten“ ins Leben rufen, indem er SS und Polizei miteinander fusionierte. Diese „Verschmelzung“ der parteilichen Organisation mit der staatlichen Exekutive erfolgte in der Praxis dadurch, dass einerseits SS-Männer für den Polizeidienst rekrutiert wurden und andererseits Polizisten der Schutzstaffel beitraten. Zwar gelang es dem Reichsführer-SS bis Kriegsende nicht vollstän dig, sein „Staatsschutzkorps“ zu verwirklichen. Auf ideologischer und personeller Ebene fand zwischen beiden Institutionen der Gewalt dennoch ein reger Austausch statt.225 Der wichtigste Punkt seines Reformprogramms war jedoch, dass Himmler die Polizei in zwei Bereiche aufspaltete: Nach dem Prinzip divide et impera unterteilte er seine Staatsge walt in eine Sicherheits- und eine Ordnungspolizei. Für beide Sparten richtete er jeweils eine übergeordnete Behörde ein, die nach dem Vorbild der SS-Institutionen als „Hauptämter“ be zeichnet wurden.226 Den Chef des SD, Reinhard Heydrich, ernannte er zum Leiter der Sicher heitspolizei (Sipo).227 Sie umfasste die Gestapo, die 1933 aus der Politischen Polizei hervorge 221 Vgl. Peter Longerich, Heinrich Himmler. Biographie, München 2010, S. 158-178. Zur Biographie von Heinrich Himmler ferner: Ebd.; Josef Ackermann, Heinrich Himmler - „Reichsführer-SS“, in: Ronald Smelser/Enrico Syring/Rainer Zitelmann (Hrsg.), Die braune Elite 1. 22 biographische Skizzen, 4., akt. Aufl., Darmstadt 1999, S. 115-133. 222 Vgl. Patrick Wagner, Der Kern des völkischen Maßnahmenstaates - Rolle, Macht und Selbstverständ nis der Polizei im Nationalsozialismus, in: Schulte, Polizei, S. 23-48, hier: S. 23 f.; Neufeldt, Entste hung, S. 12-15. 223 Heinz Wagner, Die Polizei im Faschismus, in: Udo Reifner/Bernd-Rüdeger Sonnen (Hrsg.), Strafjus tiz und Polizei im Dritten Reich, Frankfurt am Main/New York 1984, S. 161-172, hier: S. 166. 224 Die „Verreichlichung“ fand erst ihren Abschluss, als die Beamten, Angestellten und Arbeiter inner halb des Polizeiapparats durch die zwei Gesetze über Finanzmaßnahmen auf dem Gebiete der Polizei vom 19. März 1937 und vom 28. März 1940 in den Reichshaushalt übernommen wurden. Vgl. Wil helm, Polizei, S. 90 f.; Neufeldt, Entstehung, S. 19 f. 225 Ausführlicher zum Prozess der „Verreichlichung“ der Polizei und ihrer „Verschmelzung“ m it der SS vgl. z. B. Wilhelm, Polizei, S. 73-76 und 90-96; Deuster, Polizei-Uniformen, S. 18. 226 Vgl. Dams, Gestapo, S. 28. 227 Zum SD vgl. u. a. Michael Wildt (Hrsg.), Nachrichtendienst, politische Elite, Mordeinheit. Der Sicher heitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003; George C. Browder, f f e SD: f f e Significance of Or ganization and Image, in: George L. Mosse (Hrsg.), Police Forces in History, Sage Readers in 20th Cen tu ry H istory, Bd. 2, L ondon/B everly Hills 1975, S. 205-229. Ferner zum Aufstieg der Sicherheitspolizei und des SD: Ders., Foundations of the Nazi Police State. f f e Formation of Sipo and SD, Kentucky 1990. 67 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k gangen war.228 Nachdem sie bereits in der Anfangsphase des „D ritten Reichs“ die Reichsgrenzen überwacht hatte, beanspruchte sie Anfang Mai 1937 offiziell, exklusiv für die sen Bereich zuständig zu sein. Deshalb integrierte sie die Grenzpolizei in sich, die schon in der Weimarer Republik existiert und nun auch politisch-polizeiliche Kompetenzen wahrzu nehmen hatte. Dadurch ist es nur bedingt möglich, sie von ihrer Dachorganisation abzugrenzen.229 Zur Sicherheitspolizei gehörte außerdem die Kriminalpolizei, die damit aus der her kömmlichen Struktur des Polizeiapparats herausgelöst war und künftig zusammen mit der Gestapo den präventiv ausgerichteten Kampf gegen Verbrecher und Staatsfeinde führen soll te.230 Beide Organe des NS-Terrors verübten vor allem seit 1937 zahlreiche Gewaltakte im Rahmen dieser „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“.231 Nach Entwürfen von Heydrich fusionierte Himmler am 27. September 1939 die Sicherheitspolizei mit dem SD zum Reichs sicherheitshauptamt (RSHA) und schuf damit einen riesigen Verwaltungsapparat unter Heydrichs Obhut, der als zentrale Behörde des Rassen- und Vernichtungskriegs fungierte.232 A uf ihren Chef verübten tschechoslowakische Agenten am 27. Mai 1942 ein Attentat in Prag, an dessen Folgen er wenige Tage später starb.233 Nach einer kurzen Interimsphase übernahm Ernst Kaltenbrunner am 30. Januar 1943 die Leitung des RSHA. Für seine Rolle bei den Mas senverbrechen des Regimes verurteilte ihn der Internationale Militärgerichtshof in Nürn berg zum Tode und ließ ihn am 16. Oktober 1946 hinrichten.234 Den zweiten Zweig der Staatsgewalt bildete die Ordnungspolizei (Orpo), welche die uni formierten Polizeizweige unter ihrem Dach vereinte und auch als „grüne“ Polizei bekannt war. An der Spitze des Hauptamts Ordnungspolizei stand der Polizeigeneral Kurt Daluege, bis ihn Himmler im Sommer 1943 loswerden wollte und seines Amtes enthob, da er gegen die vollständige „Verschmelzung“ von SS und Polizei interveniert hatte. Wegen seiner Ver antwortung für Kriegsverbrechen in Tschechien verurteilte ein Prager Gericht den SS-Oberstgruppenführer am 23. Oktober 1946 zum Tod, wobei die Strafe noch am selben Tag vollstreckt 228 Neben den bereits in Kapitel 1. genannten Titeln zur Gestapo vgl. u. a. Gerhard Paul, Die Gestapo, in: Dierl, Ordnung, S. 54-65; M artin Faatz, Vom Staatsschutz zum Gestapo-Terror. Politische Polizei in Bayern in der Endphase der Weimarer Republik und der Anfangsphase der nationalsozialistischen Diktatur, Studien zur Kirchengeschichte der Neuesten Zeit, Bd. 5, Würzburg 1995; Graf, Polizei. 229 Vgl. Buchheim, SS, S. 148-155. Ferner: Thomas Sandkühler, Von der „Gegnerabwehr“ zum Juden mord. Grenzpolizei und Zollgrenzschutz im NS-Staat, in: Christian Gerlach (Hrsg.), „Durchschnitt stäter“. Handeln und Motivation, Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 16, Berlin 2000, S. 95-154, hier: S. 97-100. 230 Neben den bereits in Kapitel 1. genannten Werken zur Kriminalpolizei vgl. u. a. Thomas Roth, Die Kriminalpolizei, in: Dierl, Ordnung, S. 42-53; Ders., „Verbrechensbekämpfung“ und soziale Ausgren zung im nationalsozialistischen Köln. Kriminalpolizei, Strafjustiz und abweichendes Verhalten zwi schen Machtübernahme und Kriegsende, Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 15, Köln 2010; Ders., Verbrechensbekämpfung und Verfolgung sozialer Randgruppen - zur Beteiligung lokaler Kriminalpolizeien am NS-Terror, in: Schulte, Polizei, S. 539-588; Ders., „Verbre chensbekämpfung“ und Verfolgung. Zur Praxis der Bonner Kriminalpolizei 1933-1945, in: Schloß macher, Farbe, S. 221-289; Ders., Die Kölner Kriminalpolizei: Organisation, Personal und „Verbre chensbekämpfung“ eines lokalen Kripo-Apparates 1933-1945, in: Buhlan, Freund, S. 299-369. 231 Vgl. Wagner, Kriminalisten, S. 88-108; Ders., Volksgemeinschaft, S. 254-298. 232 Vgl. Wildt, Generation, S. 276-281. 233 Vgl. dazu Miroslav Ivanov, Das Attentat auf Heydrich, Augsburg 2000. Zur Biographie von Reinhard Heydrich ferner: Günther Deschner, Reinhard Heydrich. Biographie eines Reichsprotektors, 5., überarb. und erg. Aufl., Wien 2008; Ders., Reinhard Heydrich - Technokrat der Sicherheit, in: Smelser, Eli te 1, S. 98-114. 234 Zur Biographie von Ernst Kaltenbrunner vgl. Peter Black, Ernst Kaltenbrunner - Chef des Reichssi cherheitshauptamtes, in: Smelser, Elite 1, S. 159-172. 6 8 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it wurde.235 In der Funktion als Dalueges ständiger Vertreter leitete der SS-Obergruppenführer Alfred Wünnenberg von Ende August 1943 bis Kriegsende die Zentralbehörde der Ordnungspolizei.236 Die uniformierte Polizei bestand vor allem aus der Schutzpolizei des Reiches, der Schutzpolizei der Gemeinden und der Gendarmerie, die auf dem Lande zuständig war. Un ter dem Dach der Ordnungspolizei sammelten sich bis Kriegsende außerdem die Wasser schutzpolizei, die Feuerschutzpolizei, die Luftschutzpolizei, die Verkehrspolizei, die Techni sche Nothilfe (Teno), die Kolonialpolizei, Teile der Verwaltungspolizei sowie diverse Hilfspolizeien.237 Obwohl die Bedeutung dieser Sonderzweige besonders während des Krie ges zunahm, bildeten Schutzpolizei und Gendarmerie den eigentlichen Kern der uniformier ten Staatsgewalt. Die Ordnungspolizei war unter anderem dafür zuständig, Großveranstal tungen und Paraden abzusichern, verw altungspolizeiliche W ohlfahrtsaufgaben wahrzunehmen, Verkehrswege zu sichern und - wie ihr Name schon vermuten lässt - allge mein für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen.238 Hatte sich die deutsche Polizei bereits in der Anfangsphase des NS-Regimes maßgeblich daran beteiligt, politische Gegner zu verfolgen, konzentrierten sich die Staatsdiener seit Mit te der dreißiger Jahre verstärkt auf andere Feindgruppen: Nach den Olympischen Sommer spielen von 1936 gerieten zunehmend rassisch definierte Gegner in ihren Fokus, aber auch jene Teile der Bevölkerung, die nach Ansicht der Nationalsozialisten in der deutschen „Volks gemeinschaft“ nichts zu suchen hatten. Zu diesen zählten vor allem Homosexuelle,239 235 Zur Biographie von Kurt Daluege vgl. Caron Cadle, My honor is loyalty. The biography of S.S. Gene ral Kurt Daluege, Princeton 1979; Dies., Kurt Daluege - Der Prototyp des loyalen Nationalsozialisten, in: Smelser, Elite 2, S. 66-79; Neufeldt, Entstehung, S. 107; Schulz/Wegmann, Generale, Bd. 1, Bissen dorf 2003, S. 194-200. Ferner: T. Friedmann (Hrsg.), SS-Obergruppenführer und General der Polizei Kurt Daluege. Der Chef der Ordnungspolizei. Dokumentensammlung, Haifa 1997. Eine knappe zeit genössische Biographie von Daluege liefert: Institut für Zeitgeschichte - Archiv (IfZ Archiv), 11/Dc 011.003, Der Chef der Ordnungspolizei, hrsg. v. Hauptamt Ordnungspolizei, [Berlin 1941]. 236 Zur Biographie von Alfred Wünnenberg vgl. Schulz/Zinke, Generale, Bd. 6, Bissendorf 2012, S. 558 573; Neufeldt, Entstehung, S. 115. 237 Zu den einzelnen Polizeigliedern vgl. u. a. Deuster, Polizei-Uniformen, S. 21-359; Peter Bröhl, Was serschutzpolizei in drei Zeitepochen. Zur Geschichte der Wasserschutzpolizei auf dem Rhein von 1920 bis 1953, Villa ten Hompel Aktuell, Bd. 8, Frankfurt am Main 2006; Ders., Die Bonner Wasserschutz polizei in der NS-Zeit, in: Schloßmacher, Farbe, S. 323-357; Frank Sparing, Verwaltungspolizei und Verfolgung - Beispiele aus Düsseldorf, in: Dams, Dienst, S. 175-202. 238 Vgl. Longerich, Himmler, S. 251; Wilhelm, Polizei, S. 84. 239 Vgl. u. a. Bernadette Schenk, Die Verfolgung der Homosexuellen, in: Schröder, Polizei, S. 111-119; Albert Knoll, Ein Schandfleck für das dritte Reich. Homosexuelle als Opfer von Verfolgung und Ver nichtung während der Diktatur des Nationalsozialismus in Bayern, in: Farin, Polizeireport, S. 220 239; Jürgen Müller, „Bekämpfung der Homosexualität als politische Aufgabe!“ Die Praxis der Kölner Kriminalpolizei bei der Verfolgung der Homosexuellen, in: Buhlan, Freund, S. 492-518; Burkhard Jellonnek, Staatspolizeiliche Fahndungs- und Ermittlungsmethoden gegen Homosexuelle. Regionale Dif ferenzen und Gemeinsamkeiten, in: Paul, Gestapo (2003), S. 343-356. Ferner: Michael Schwartz (Hrsg.), Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von les bischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933 bis 1945, Zeitgeschichte im Gespräch, Bd. 18, München 2014; Burkhard Jellonnek/Rüdiger Lautmann (Hrsg.), Nationalsozialistischer Ter ror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002; Stefan Maiwald/Gerd Mischler, Sexualität unter dem Hakenkreuz. Manipulation und Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat, Wies baden 2002, S. 169-193. 69 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k „Berufsverbrecher“240 und „Asoziale“,241 wozu NS-Ideologen vor allem „Zigeuner“ zählten.242 Die Ordnungsmacht war zwar bereits vor Ende der Weimarer Republik repressiv gegen die se Gesellschaftsgruppen vorgegangen. Damit besaß nicht nur ihr Status als Subjekte polizei licher Verfolgung eine lange Tradition, sondern auch ihre Funktion als Feindbilder der staat lichen Exekutive. Schon um die Jahrhundertwende und gerade in den „wilden“ Zwanzigern überwachten die Gesetzeshüter etwa bestimmte öffentliche Plätze in den Städten, an denen sich bevorzugt Schwule und Lesben trafen.243 Ferner verfügte die Polizeidirektion München seit 1899 über eine „Zigeunerpolizeistelle“, die als Nachrichtendienst über Sinti und Roma fungierte und Bayern damit zu einer Vorreiterrolle im Deutschen Reich verhalf.244 Doch im „Dritten Reich“ bekämpften vor allem Gestapo und Kriminalpolizei diese Minderheiten noch wesentlich schärfer und brachten die Verhafteten in Konzentrations- und Vernichtungslager, wo viele von ihnen wegen der lebensfeindlichen Zustände starben oder einfach ermordet wurden.245 Nicht zuletzt taten sich aber Heydrichs Polizisten gerade dabei hervor, schon in den dreißiger Jahren die jüdische Bevölkerung übel zu diskriminieren. So sabotierten sie 240 Der Begriff „Berufsverbrecher“ war ein Synonym für Wiederholungstäter. Kriminalisten hatten ihn bereits in der Weimarer Republik verwendet. Die Strafverfolger des NS-Staats verstanden darunter jene Delinquenten, die ihre Verbrechen gewerbsmäßig auszuüben schienen. Vgl. u. a. Julia Hörath, Terrorinstrument der „Volksgemeinschaft“? KZ-Haft für „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ 1933 bis 1937/38, in: ZfG 60/6 (2012), S. 513-532. 241 Der Begriff des „Asozialen“ war nicht eindeutig definiert. Vielmehr subsumierten die NS-Ideologen darunter einige soziale Randgruppen wie z. B. „Arbeitsscheue“, Obdachlose, Bettler, Alkoholiker oder Prostituierte. Vgl. u. a. Wolfgang Ayaß, „Asoziale“ im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995; Ders., „Aso ziale“ - die verachteten Verfolgten, in: Dachauer Hefte 14 (1998), S. 50-66; Ders., Die Einweisung von „Asozialen“ in Konzentrationslager. Die „Aktion Arbeitsscheu Reich“ und die kriminalpolizeiliche Pra xis bei der Verhängung von Vorbeugungshaft, in: Dietmar Sedlaczek/Thomas Lutz/Ulrike Puvogel u. a. (Hrsg.), „minderwertig“ und „asozial“. Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter, Zü rich 2005, S. 89-103; Ders., „Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin“. Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938, in: Ders., Feinderklärung, S. 43-74; Thomas Roth, Die „Asozialen“ im Blick der Kripo - Zur kriminalpolizeilichen Verfolgung von Landstreichern, Bettlern, „Arbeitsscheuen“ und Fürsorge empfängern nach 1933, in: Buhlan, Freund, S. 424-464; Joachim Schröder, Vorgehen gegen „Gemein schaftsfremde“, „Volksschädlinge“ und ausländische Zwangsarbeiter, in: Ders., Polizei, S. 93-101, hier: S. 93-95. 242 Vgl. u. a. M artin Luchterhandt Der Weg nach Birkenau. Entstehung und Verlauf der nationalsozialis tischen Verfolgung der „Zigeuner“, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V., Bd. 4, Lübeck 2000; Guenter Lewy, „Rückkehr nicht erwünscht“. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich, München/Berlin 2001; Sybil Milton, Vorstufe zur Vernichtung. Die Zigeunerlager nach 1933, in: VfZ 43/1 (1995), S. 115-130; Frank Sparing, NS-Verfolgung von „Zigeunern“ und „Wieder gutmachung“, in: APuZ 22/23 (2011), S. 8-15. 243 Vgl. z. B. Stephan R. Heiß, Die Polizei und Homosexuelle in München zwischen 1900 und 1933. Schlag lichter auf ein schwieriges Verhältnis zwischen Obrigkeit und Subkultur, in: Farin, Polizeireport, S. 194 207; Jens Dobler, Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeige schichte e.V., Bd. 6, Frankfurt am Main 2008. 244 Vgl. Fabian Frese/Joachim Schröder, Die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ der M ünchner Kriminal polizei, in: Schröder, Polizei, S. 103-109, hier: S. 103; Reimar Gilsenbach, Die Verfolgung der Sinti ein Weg, der nach Auschwitz führte, in: Ayaß, Feinderklärung, S. 11-41, hier: S. 16-19; Lewy, Rück kehr, S. 19 f.; L uchterhandt, Weg, S. 30-36; R ainer H ehem ann, Die „B ekäm pfung des Zigeunerunwesens“ im Wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik, 1871-1933, Frankfurt am Main 1987, S. 285-294; Wagner, Kriminalisten, S. 143. 245 Vgl. z. B. Frank Sparing, Die Dienststelle für Zigeunerfragen bei der Kriminalpolizeileitstelle Köln, in: Buhlan, Freund, S. 519-574, hier: S. 525-560; Luchterhandt, Weg, S. 235-306; Wagner, Kriminalisten, S. 143-148; 70 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it etwa in den Jahren 1934 und 1935 generell das jüdische Vereinsleben, indem sie unter ande rem jene Zusammenschlüsse verboten und jenen Repräsentanten ein Redeverbot auferleg ten, die sich für einen Verbleib im Deutschen Reich aussprachen. Um die Juden loszuwer den, protegierten sie jedoch insgeheim jene Organisationen, die ihre Mitglieder dazu ermunterten und aktiv dabei unterstützten, aus Deutschland auszuwandern.246 An solchen Praktiken beteiligten sich auch ehemalige uniformierte Staatsdiener. Denn seit Beginn der NS-Herrschaft wechselten viele von ihnen zur Gestapo oder Kriminalpolizei.247 Während die Sicherheitspolizei bereits in den Friedensjahren rücksichtslos gegen ihre Geg ner vorging, fungierte die Ordnungspolizei eher als ihr Erfüllungsgehilfe, der aber schon in der Vorkriegszeit aktiv daran mitwirkte, Juden und andere Opfer zu verfolgen.248 Schutzpo lizei und Gendarmerie waren diejenigen Instanzen, die Juden verhafteten und anschließend an die Gestapo übergaben, welche sie dann in Konzentrationslager steckte. Bei der „Reichs kristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 hielten sich Dalueges Beamten hingegen eher zurück und unterstützten den Pogrom durch ihre Passivität. Während die Sicherheits polizei insgesamt etwa 30.000 männliche Juden verhaftete und in Konzentrationslager brach te, verwüsteten Parteischläger zahlreiche jüdische Geschäfte, Wohnungen sowie Synagogen und steckten sie oftmals in Brand. Die Ordnungspolizisten sollten hingegen lediglich dann intervenieren, wenn Plünderer sich in diesem Chaos bereichern wollten. Darüber hinaus hatten sie zusammen mit der Feuerwehr einzugreifen, wenn die Flammen die umliegenden „deutschen“ Bauwerke bedrohten.249 Ebenfalls im Jahre 1938 zeigte sich aber, dass sich die uniformierte Staatsgewalt noch we sentlich aktiver an der nationalsozialistischen Terrorpolitik beteiligen sollte. Nachdem die Landespolizei und damit auch deren Personal in die Wehrmacht überführt worden waren, hatten im Jahre 1936 für den geschlossenen Einsatz nur noch vereinzelte Verbände der Schutz polizei existiert, die seitdem durch neue Kräfte verstärkt wurden.250 Wenngleich es im NS- Staat keine politischen Straßenkämpfe zwischen Linken und Rechten mehr gab, wurden sie etwa bei Großveranstaltungen oder im Katastrophenfall eingesetzt.251 Sie bildeten den Grund stock für die späteren Polizeibataillone, die jeweils etwa 500 Mann stark waren und zunächst aus vier, dann drei Kompanien sowie dem Bataillonsstab bestanden. Im Laufe der Zeit wuchs ihre Anzahl, so dass es während des Krieges insgesamt mindestens 130 dieser paramilitäri schen Einheiten gab.252 Ähnlich wie die neu aufgestellten Einsatzgruppen von Sicherheitspo 246 Vgl. Hans Mommsen, Der nationalsozialistische Polizeistaat und die Judenverfolgung vor 1938, in: VfZ 10/1 (1962), S. 68-87, hier: S. 71-73. 247 Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 407. 248 Vgl. Peter Nitschke, Polizei und Gestapo. Vorauseilender Gehorsam oder polykratischer Konflikt?, in: Paul, Gestapo (2003), S. 306-322, hier: S. 312-317; Klaus-Michael M allmann/Gerhard Paul, Die Ge stapo. Weltanschauungsexekutive m it gesellschaftlichem Rückhalt, in: Paul, Gestapo (2000), S. 599 650, hier: S. 626. Ferner: Daniel Schmidt, „Vom Prügelknaben eines verrotteten Systems zum ersten Instrum ent des Staates“. Die Eingliederung der Gelsenkirchener Schutzpolizei in den NS-Staat 1933 1938, in: Goch, Gesellschaft, S. 232-259, hier: S. 256. 249 Vgl. Jürgen Matthäus, An vorderster Front. Voraussetzungen für die Beteiligung der Ordnungspolizei an der Shoah, in: Paul, Täter, S. 137-166, hier: S. 149-151; Kaiser, Schranken, S. 123; Longerich, Poli tik, S. 202-206; Westermann, Police Battalions, S. 54. Ferner: Pohl, Verfolgung, S. 26; Thomas Köhler, „Mama, wieso löscht die Feuerwehr denn nicht?“ Die Feuerwehren als Pogromakteure am 9. und 10. No vember 1938 - eine Fallstudie aus Nordwestdeutschland, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Polizei, S. 50-60, hier: S. 53-58. 250 Vgl. Deuster, Polizei-Uniformen, S. 26. 251 Vgl. Link, Rückblick, S. 36. 252 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 75-77, 80 und 85 f. 71 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lizei und SD kamen sie zum ersten Mal bereits beim „Anschluss“ Österreichs im März 1938 zum „auswärtigen Einsatz“. Im Herbst marschierten sie auch in das Sudetenland ein und hal fen im März 1939 dabei, die übrige Tschechoslowakei zu besetzen. Stets folgten sie im Wind schatten der Wehrmacht in diese Gebiete, um dort für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen und anschließend Polizeistrukturen einzurichten, die sich an jenen des Deutschen Reichs orientierten.253 Nach ähnlichem Muster verfuhr die Ordnungspolizei auch während des Zweiten Welt kriegs, wodurch ihr in den neuen Besatzungsgebieten eine Reihe von bedeutsamen Aufga ben zukam. So war sie etwa seit dem Überfall auf Polen dafür verantwortlich, wichtige Ge bäude und Objekte, aber auch Bahnanlagen und Brücken zu bewachen, Pass- und Verkehrskontrollen durchzuführen, Razzien und Festnahmen im großen Stil vorzunehmen, besondere Personen und öffentliche Veranstaltungen zu schützen sowie Nachschubwege zu sichern.254 Ein weiteres Tätigkeitsfeld erwuchs ihr daraus, dass Himmler seit 7. Oktober 1939 als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ fungierte. Hitler hatte ihm nach Ende des Polenfeldzugs dieses neue Amt verschaffi, in dem er dafür zuständig war, im eroberten Nachbarland ganze Bevölkerungsgruppen umzusiedeln.255 An den Polizeibataillo nen und Einsatzgruppen lag es nun, Himmlers „Umvolkungspolitik“ zu realisieren, indem sie einerseits Polen und Juden aus den frisch annektierten Gebieten in das Generalgouver nement abschoben und andererseits diese freigewordenen Regionen mit Reichs- und Volks deutschen kolonisierten.256 Hauptsächlich bedeutete dies für die „Polizeisoldaten“, dass sie die jüdische Bevölkerung gewaltsam in Ghettos pferchten und beauftragt waren, diese spe ziellen Wohngebiete zu bewachen.257 Damit die Nationalsozialisten sie wirtschaftlich ausbeu ten konnten, verpflichteten sie deren Bewohner ab 26. Oktober 1939 dazu, Zwangsarbeit zu leisten.258 Die uniformierte Polizei zählte zu denjenigen Kräften, die nun dafür verantwort lich waren, entsprechende Arbeitslager und deren Insassen zu bewachen.259 Wie für die anderen Waffenträger des NS-Staats war der deutsche Überfall auf Polen für die Ordnungspolizei aber auch der „Auftakt zum Vernichtungskrieg“.260 Als ihre Einheiten im September 1939 in Polen einrückten, verübten sie zahlreiche Verbrechen an der einhei mischen Zivilbevölkerung, die sich schon in dieser Phase gezielt gegen Juden richteten. Da bei entwickelten viele uniformierte Staatsdiener eine bemerkenswerte Eigeninitiative. Den Polizeioffizieren kam schon seinerzeit eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum ging, ihre Män ner zu radikalisieren. Wenn sich Schützen weigerten, bei Massenerschießungen Säuglinge 253 Vgl. Nix, Police Forces, S. 256 f.; Tessin, Stäbe und Truppeneinheiten, S. 9-11; Deuster, Polizei-Uni formen, S. 26. Zu der Aufstellung der Einsatzgruppen und deren ersten Einsätzen vgl. Wilhelm, Poli zei, S. 133 f. 254 Vgl. Wlodzimierz Borodziej, Terror und Politik. Die deutsche Polizei und die polnische Widerstands bewegung im Generalgouvernement 1939-1944, Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ge schichte Mainz Abteilung Universalgeschichte, Beiheft 28, Mainz 1999, S. 43. Ferner: Bernhard Daenekas, Verbrechen deutscher Polizeieinheiten im Zweiten W eltkrieg - aus der Sicht eines Ermittlungsbeamten, in: Archiv für Polizeigeschichte 9 (1993), S. 21-24, hier: S. 23; Klemp, Polizeiba taillone, S. 79. 255 Vgl. Longerich, Himmler, S. 449 f. 256 Vgl. ebd., S. 455-466; Diercks, Dokumentation, S. 63; Cadle, honor, S. 180. 257 Vgl. Primavesi, Ordnungspolizei, S. 168-170. 258 Vgl. Brakel, Holocaust, S. 57; Reitlinger, Endlösung, S. 76 f. 259 Vgl. Broszat, Grundzüge, S. 23 und 41; Curilla, Judenmord, S. 92. 260 Zum Begriff: Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Bundes zentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 550, Bonn 2006, S. 247. 72 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it zu töten, gab es durchaus Fälle, in denen die Oberbeamten so lange auf sie einwirkten, bis sie es schließlich doch taten.261 Anders als lange Zeit angenommen, gehörten also nicht nur die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, Verbände der Waffen-SS sowie Teile der Wehrmacht zu den Vollstreckern der „Umvolkungspolitik“.262 Die Polizeibataillone der uniformierten Ordnungsmacht standen ihnen an Brutalität und Vernichtungseifer in nichts nach. Während sie ihre Verbrechen in Polen noch relativ unkoordiniert und häufig eigen mächtig verübten, bremsten die weiteren „Blitzkriege“ in Nord- und Westeuropa das mör derische Treiben der uniformierten Staatsdiener ein wenig. Doch nachdem diese Regionen erobert waren, verfolgte der Polizeiapparat auch dort unbarmherzig seine Opfer.263 Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 sollte das Töten jedoch zu ei nem systematischen Massenmord ausweiten. Bei Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ folgten Einsatzgruppen und Polizeibataillone abermals der Wehrmacht in die eroberten Ge biete. Hinter der Front zogen sie von Ort zu Ort, um dort jeweils nach einer ähnlichen Pro zedur zu verfahren. In den Kommunen trieben sie zunächst alle jüdischen Männer zusam men und brachten sie in entlegene Waldgebiete, zu Gruben oder anderen Plätzen, um sie dort in Massenerschießungen umzubringen. Ab Mitte August 1941 gingen die Mörder in Po 261 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Mißgeburten, die nicht auf diese Welt gehören“. Die deutsche O rd nungspolizei in Polen 1939-1941, in: Ders., Genesis, S. 71-89, hier: S. 72-80. 262 Zur Rolle der Einsatzgruppen im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust vgl. u. a. Richard Rhodes, Die deutschen Mörder. Die SS-Einsatzgruppen und der Holocaust, Bergisch Gladbach 2004; Andrej Angrick, Im Windschatten der 11. Armee. Die Einsatzgruppe D, in: Paul, Gestapo (2000), S. 481-502; Ders., Die Einsatzgruppe D und die Kollaboration, in: Kaiser, Täter, S. 71-84; Ders., Otto Ohlendorf und die SD-Tätigkeit der Einsatzgruppe D, in: Wildt, Nachrichtendienst, S. 267-302; Ralf Ogorreck, Die Einsatzgruppen und die „Genesis der Endlösung“, Reihe Dokumente - Texte - Materialien. Zen trum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Bd. 12, Berlin 1996; Klaus Michael Mallmann/Jochen Böhler/Jürgen Matthäus, Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Do kumentation, Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 12, Darmstadt 2008; Klaus-Michael Mallmann, Menschenjagd und Massenmord. Das neue Instrument der Einsatzgruppen und -kommandos 1938-1945, in: Paul, Gestapo (2000), S. 291-316; Dorothee Weitbrecht, Ermächtigung zur Vernichtung. Die Einsatzgruppen in Polen im Herbst 1939, in: Mall mann, Genesis, S. 57-70; Christian Gerlach, Kontextualisierung der Aktionen eines M ordkomman dos - die Einsatzgruppe B, in: Kaiser, Täter, S. 85-95; Wolfram Wette, Sowjetische Erinnerungen an den deutschen Vernichtungskrieg, in: Paul Kohl, Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Poli zei 1941-1944. Sowjetische Überlebende berichten, Frankfurt am Main 1995, S. 315-337, hier: S. 323 326; Hans-Heinrich Wilhelm, Die Einsatzgruppen und die „Endlösung der Judenfrage“, in: Karl Diet rich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 192, Bonn 1986, S. 591-617; Edmund Dmitrow, Die Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes zu Beginn der Judenvernichtung im Gebiet von Lomza und Bialystok im Sommer 1941, in: Ders./Pawel Machcewicz/Tomasz Szarota (Hrsg.), Der Beginn der Vernichtung. Zum Mord an den Juden in Jedwabne und Umgebung im Sommer 1941. Neue Forschungsergebnisse polnischer Historiker, Ver öffentlichungen der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft Bundesverband e.V., Bd. 4, Osnabrück 2004, S. 95-208. 263 Vgl. u. a. Jörgen Trolle, Die verschwundene Ordnungsmacht. Gestapo-Terror gegen die dänische Po lizei vom 19.09.1944 bis Mai 1945, Frankfurt am Main 1994; Guus Meershoek, Machtentfaltung und Scheitern. Sicherheitspolizei und SD in den Niederlanden, in: Paul, Gestapo (2000), S. 383-402; Ste fan Klemp/Herbert Reinke, Kölner Polizeibataillone in den Niederlanden während des Zweiten Welt krieges, in: Buhlan, Freund, S. 263-276; Stefan Klemp, Einsatz im Westen - Deutsche Polizeibataillo ne in Holland 1940 bis 1945, in: Johannes Houwink ten Cate/Alfons Kenkmann (Hrsg.), Deutsche und holländische Polizei in den besetzten niederländischen Gebieten. Dokumentation einer Arbeits tagung, Villa ten Hompel Aktuell, Bd. 2, Münster 2002, S. 29-66. 73 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lizeiuniform dazu über, auch jüdische Frauen und selbst Kinder zu töten.264 A uf diese Weise beteiligten sich deutsche „Gesetzeshüter“ an den schlimmsten Verbrechen des NS-Regimes, wozu etwa das Massaker von Babij Jar gehörte. In dieser Schlucht bei Kiew erschossen am 29. und 30. September 1941 nicht nur Angehörige der Einsatzgruppe C sowie der Wehrmacht, sondern auch Einheiten des Polizeiregiments Süd insgesamt 33.771 Juden.265 In der „ersten Tötungswelle“ ermordeten die deutschen Truppen in ihrem „auswärtigen Einsatz“ bis A n fang des Jahres 1942 insgesamt mehr als 500.000 Menschen.266 An solchen Massenmorden beteiligten sich zwar keineswegs alle Polizisten. Allerdings sind die Beispiele rar, in denen sich uniformierte Beamte aktiv gegen die Vernichtungspolitik des NS-Staats stellten oder sich zumindest weigerten, verbrecherische Befehle auszuführen.267 Die allermeisten Angehörigen der Polizeibataillone befolgten sie jedoch und gewöhnten sich rasch an ihre mörderische Tätigkeit. An vielen Tätern ging das Morden jedoch nicht spur los vorbei und führte dazu, dass sich bei einigen Männern psychische oder psychosomati sche Krankheiten entwickelten, während andere dem Alkohol verfielen oder sich sogar das Leben nahmen.268 Weil es insbesondere für die Schützen sehr belastend war, wehrlose Zivi listen und sogar kleine Kinder zu erschießen, sah Himmler sich dazu veranlasst, andere Me thoden zu entwickeln, um das europäische Judentum zu vernichten. Außerdem erschien ihm die bisherige Vorgehensweise nicht effizient genug, weil ihm das Morden schlichtweg nicht schnell genug ging. Deshalb einigte sich Heydrich mit weiteren Vertretern der NS-Bürokratie auf der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, wie die „Endlösung der Judenfrage“ ra tionalisiert werden sollte.269 Doch diese war zu diesem Zeitpunkt schon längst im Gange, da 264 Vgl. Kwiet, Auftakt, S. 196 f.; Pohl, Verfolgung, S. 75; Ders., Die deutsche Militärbesatzung und die Es kalation der Gewalt in der Sowjetunion, in: Christian H artm ann/Johannes Hürter/Peter Lieb u. a. (Hrsg.), Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944. Facetten einer Grenzüberschreitung, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 76, München 2009, S. 73-93, hier: S. 81 f. und 85. Ferner: Jür gen Matthäus, Jenseits der Grenze. Die ersten Massenerschießungen von Juden in Litauen (Juni-Au gust 1941), in: ZfG 44/2 (1996), S. 101-117. 265 Vgl. Welzer, Täter, S. 166-169; Pohl, Verfolgung, S. 77. 266 Vgl. Dierl, Ordnungspolizei, S. 41; Benz, Holocaust, S. 60 f. 267 Solche Beispiele werden etwa geschildert in: Lennart Westberg, Zwei Polizistenschicksale im Zweiten Weltkrieg - Befehlsverweigerung und Widerstand, in: Archiv für Polizeigeschichte 5 (1991), S. 80-83; David H. Kitterman, f f ose Who Said „No!“: Germans Who Refused to Execute Civilians during World War II, in: German Studies Review 11/2 (1988), S. 241-254, hier: S. 243-247; Kwiet, Auftakt, S. 204. 268 Zu den jeweiligen Folgen vgl. Wolfram Wette, Einleitung: Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter in den bewaffneten Formationen des NS-Staates, in: Ders. (Hrsg.), Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt am Main 2004, S. 15-32, hier: S. 22; Mallmann, Ein satzgruppen, S. 76; Guido Knopp, Die SS. Eine Warnung der Geschichte, München 2003, S. 234. Zum Alkoholkonsum in den SS- und Polizeieinheiten ferner: Edward B. Westermann, Stone-Cold Killers or D runk with Murder? Alcohol and Atrocity during the Holocaust, in: Holocaust and Genocide Studies 30/1 (2016), S. 1-19; Jürgen M atthäus/Christopher R. Browning, Evidenz, Erinnerung, Trugbild - Fotoalben zum Polizeibataillon 101 im „Osteinsatz“, in: Martin Cüppers/Matthäus/Andrej Angrick (Hrsg.), Naziverbrechen. Täter, Taten, Bewältigungsversuche, Veröffentlichungen der Forschungsstel le Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 25, Darmstadt 2013, S. 135-190, hier: S. 147 f.; Schäfer, NSG-Verfahren, S. 281-283. 269 Vgl. Wolf Kaiser, Die Wannsee-Konferenz. SS-Führer und Ministerialbeamte im Einvernehmen über die Ermordung der europäischen Juden, in: Heiner Lichtenstein/Otto R. Romberg (Hrsg.), Täter - O p fer - Folgen. Der Holocaust in Geschichte und Gegenwart, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 335, 2., erw. Aufl., Bonn 1997, S. 24-37, hier: S. 24 f. 74 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it im Dezember 1941 die „zweite Tötungswelle“ bereits angelaufen war und vor allem zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943 zu einem noch wesentlich größeren Massenmorden führte.270 Nachdem das NS-Regime dazu übergegangen war, die jüdischen Opfer in Vernichtungs lagern wie Auschwitz und Majdanek massenhaft umzubringen, war damit das mörderische Treiben der Ordnungspolizei noch lange nicht beendet. Zusammen mit den anderen Besat zungskräften ging sie stattdessen noch energischer gegen Juden in den annektierten Territo rien vor. Seitdem die Beamten in grüner Uniform nach Ende des Polenfeldzugs begonnen hatten, die neu errichteten jüdischen Ghettos zu bewachen, kam es immer wieder zu spon tanen oder angeordneten Morden.271 Schon seit Herbst 1941 hatte sich die Staatsgewalt auch maßgeblich daran beteiligt, Juden aus dem „Altreich“ und anderen europäischen Besatzungs gebieten in den „Osten“ zu verschleppen, wo sie in den zugewiesenen Wohnvierteln das glei che Schicksal erwartete. Als das NS-Regime diese Ghettos in den Jahren 1942 bis 1944 auf löste, ermordeten insbesondere Himmlers „Polizeisoldaten“ deren Bewohner noch vor Ort oder trieben sie brutal in die Deportationszüge, die sie dann auf ihrem Weg in die Vernich tungslager eskortierten, was oftmals von weiteren Gewaltakten begleitet war.272 Zusammen mit der Waffen-SS löschten Einheiten der Ordnungspolizei z. B. im Frühjahr 1943 das War schauer Ghetto aus, wobei sie insgesamt über 56.000 Juden deportierten oder kurzerhand selbst umbrachten.273 Im Zuge der „Aktion Reinhardt“ ermordeten SS und Polizei zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 hauptsächlich in den eigens dafür errichteten Vernichtungsla gern Belzec, Sobibor und Treblinka im Generalgouvernement über zwei Millionen Juden.274 Bis Kriegsende töteten die „Herrenmenschen“ insgesamt etwa sechs Millionen Juden. Die uniformierte Polizei hatte an diesem beispiellosen Verbrechen einen immens hohen Anteil und ermöglichte durch ihre unterschiedlichen Taten überhaupt erst den Holocaust. Wolf gang Curilla schätzt, dass sie mit dazu beitrug, weit über 66 % aller jüdischen Opfer zu er morden.275 „Neben SS-Angehörigen und Hilfswilligen in den Vernichtungslagern stellte die deutsche Ordnungspolizei“, so der Historiker, „das entscheidende Instrument bei der Durch führung des Judenmords dar“.276 Zudem glaubt Stefan Klemp, dass fast sämtliche Polizeiba taillone an straftaren Handlungen mitwirkten, wobei ihre Angehörigen bis zu einer Millio nen Menschen unmittelbar durch Erschießungen umbrachten.277 Die Anzahl der Ordnungspolizisten wuchs durch den „auswärtigen Einsatz“ rasant an, zu dem rund ein Drittel von ihnen während des Krieges ausgerückt sein soll.278 Befanden sich 270 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 372. 271 Vgl. Primavesi, Ordnungspolizei, S. 171 f. 272 Vgl. Andreas Determann, Wegbegleiter in den Tod. Zur Funktion der Ordnungspolizei bei den De portationen jüdischer Bürger „in den Osten“, in: Kenkmann, Villa, S. 28-53, hier: S. 30-35; Stefan Klemp, „I Would Have Liked to Travel Once on Such a Transport“. German Policemen as Guards on Deportation Trains from Italy to Auschwitz, in: Yad Vashem Studies 41/1 (2013), S. 99-127. 273 Vgl. Stefan Klemp, Vernichtung. Die deutsche Ordnungspolizei und der Judenmord im Warschauer Ghetto 1940-43, Münster/Berlin 2013, S. 7. 274 Vgl. Brakel, Holocaust, S. 105-111; Christopher R. Browning, Der Weg zur „Endlösung“. Entschei dungen und Täter, Bonn 1998, S. 128-141. Ferner: Bogdan Musial, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Generalgouvernement. Die Zivilverwaltung und die Shoah, in: Paul, Täter, S. 187-203, hier: S. 196-198. 275 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 852. 276 Ebd., S. 898. 277 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 79 und 85. 278 Vgl. Hans-Gerd Jaschke, Geschichte der deutschen Polizei vor und nach 1945: Kontinuitäten und Brü che, in: Bundeskriminalamt, Bundeskriminalamt, S. 37-61, hier: S. 46. 75 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k im Jahre 1938 noch rund 62.000 Beamte in der uniformierten Staatsmacht, waren es zu Be ginn des Krieges über 131.000, um Anfang des Jahres 1942 auf 276.500 Polizisten anzustei gen.279 Allein 91.500 von ihnen kamen aus der Polizeireserve, die nach Kriegsbeginn aus dem 1937 eingerichteten „Verstärkten Polizeischutz“ (VPS) hervorgegangen war. Dieser hatte sich aus Männern der Jahrgänge von 1901 bis 1909 rekrutiert, die eigentlich zivilen Berufen nach gingen und gemäß einer Notdienstverordnung vom 15. Oktober 1938 im Mobilmachungsfall als Polizeireservisten die Berufsbeamten unterstützen sollten. Sie hatten ihre Ausbildung in eigenen Hundertschaften erhalten, die das Regime nach Kriegsbeginn in Reserve-Polizeiba taillone umwandelte, die von aktiven Offizieren geleitet wurden.280 Nicht zuletzt ihretwegen gelang es der Ordnungspolizei ansatzweise, jene personellen Verluste zu kompensieren, die sie 1935 anlässlich des Auffiaus der neuen deutschen Armee erlitten hatte. Zwar konnte sie es verkraften, dass sie zu Beginn des Krieges hauptsächlich aus der Gendarmerie noch ein mal rund 8.100 Mann an die Wehrmacht abgeben musste, die nun in der Feldgendarmerie dienten, welche die deutsche Militärpolizei darstellte.281 Trotz ihrer zunehmenden Stärke plag te Dalueges Staatsgewalt allerdings ein chronischer Personalmangel, der aus ihren wachsen den Aufgaben resultierte, weshalb sie nicht besonders wählerisch sein durfte.282 Dennoch versammelten sich während des Zweiten Weltkriegs insgesamt etwa 2,8 Millio nen Mann unter dem Dach der Ordnungspolizei.283 Diese waren jedoch keineswegs nur in den genuin polizeilichen Dienststellen und Behörden im „Altreich“ oder den „auswärts“ ein gesetzten Einheiten tätig. Einen Großteil davon bildeten die deutsche Feuerwehr und ande re Sonderdienstzweige, die während des Bombenkriegs immer wichtiger wurden.284 Dazu gesellten sich einheimische Hilfspolizisten in den annektierten Ostgebieten, die in sogenann ten „Schutzmannschaften“ (Schumas) eingesetzt waren und für die deutschen Besatzer ar beiteten. Sie fungierten hauptsächlich als Polizeikräfte vor Ort oder als Truppenpolizeien, die von deutschen Polizeioffizieren angeführt in den Kampf gegen Partisanen zogen, aber auch als lokale Erfüllungsgehilfen Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung ausführten.285 279 Vgl. Browning, Männer, S. 24 f.; Neufeldt, Entstehung, S. 98. 280 Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 86; Schneider, Stühlen, S. 20 f.; Ders., Bremer Polizeibataillone, S. 118-126; Mallmann, Fußvolk, S. 364 f.; Tessin, Stäbe und Truppeneinheiten, S. 12 f.; ffiom as Roth/Michael Schröders, Sozialstruktur und Einsatzprofil der Bonner Schutzpolizei: die „Stammrolle O rdnungspo lizei“. Ein Werkstattbericht, in: Schloßmacher, Farbe, S. 137-192, hier: S. 146. 281 Vgl. Nix, Police Forces, S. 308; Westermann, Friend, S. 645; Williamson, Military Police, S. 6; Robert E. Witter, Die deutsche Militärpolizei im Zweiten Weltkrieg, Wölfersheim-Berstadt 1995, S. 9. 282 Vgl. z. B. Goldhagen, Vollstrecker, S. 221; Westermann, Police Battalions, S. 87 und 156. 283 Vgl. Florian Dierl, Das Hauptamt Ordnungspolizei 1936 bis 1945. Führungsspitze und die Befehlsha ber in den Wehrkreisen, in: Kenkmann, Auftrag, S. 159-175, hier: S. 159. Neufeldt kommt inklusive Hilfspolizeikräfte für 1943 und 1944 auf eine Gesamtzahl von über 3,5 Millionen Angehörigen der Ordnungspolizei. Vgl. Neufeldt, Entstehung, S. 101. 284 Vgl. Neufeldt, Entstehung, S. 99-101. 285 Vgl. u. a. Knut Stang, Kollaboration und Massenmord. Die litauische Hilfspolizei, das Rollkomman do Hamann und die Ermordung der litauischen Juden, Frankfurt am Main 1996, S. 113-189; Yuri Radchenko, „We Emptied our Magazines into ffiem“. ffie Ukrainian Auxiliary Police and the Holo caust in Generalbezirk Charkow, 1941-1943, in: Yad Vashem Studies 41/1 (2013), S. 63-98; Dieter Pohl, Ukrainische Hilfskräfte beim Mord an den Juden, in: Paul, Täter, S. 205-234; Ders., Nationalso zialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines staat lichen Massenverbrechens, Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 50, München 1996, S. 92 f. und 277 f.; Ka trin Reichelt, Kollaboration und Holocaust in Lettland 1941-1945, in: Kaiser, Täter, S. 110-124; Jürgen Matthäus, „Reibungslos und planmäßig“. Die zweite Welle der Judenvernichtung im Generalkommis sariat Weißruthenien (1942-1944), in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 4 (1995), S. 254-274, 76 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it Dabei kollaborierten sie auch mit deutschen Polizeistationen, die ortsgebunden in den be setzten Territorien eingerichtet und im Einzeldienst mit dafür verantwortlich waren, diese Landstriche rücksichtslos zu „befrieden“.286 Damit die „Polizeisoldaten“ so schrecklich effizient gegen ihre Opfer vorgehen konnten, bedurfte es eines besonderen Systems, das ihre Einsätze möglichst präzise koordinierte. Über die grausamen Operationen der Polizeiverbände bestimmten die verantwortlichen Instituti onen in Berlin. Während die Einsatzgruppen ihre Befehle aus dem RSHA erhielten, entschied das Hauptamt Ordnungspolizei über die Einsätze seiner Polizeibataillone. Nach diesem Sche ma waren auch die Befehlswege für die beiden Polizeizweige geteilt und hierarchisch geglie dert, was sich in Dalueges Machtbereich folgendermaßen gestaltete: Bereits seit 1. Septem ber 1936 war in jedem Wehrkreis ein Inspekteur der Ordnungspolizei (IdO) dafür zuständig, alle Kräfte der uniformierten Staatsgewalt sowie deren Aus- und Fortbildung zu kontrollie ren. In den besetzten Gebieten und in besonders luftgefährdeten westdeutschen Regionen hießen sie hingegen Befehlshaber der Ordnungspolizei (BdO), die jedoch ihre Einheiten nicht nur beaufsichtigen, sondern auch befehligen konnten.287 A uf Distriktebene unterstan den ihnen dazu Kommandeure der Ordnungspolizei (KdO), denen die mobilen Polizeiver bände sowie die stationären Schutzpolizei- und Gendarmeriedienststellen des jeweiligen Di strikts unterstellt waren.288 Analog dazu existierten solche Äm ter auch für Heydrichs Apparat, die sich in Inspekteure bzw. Befehlshaber und Kommandeure der Sicherheitspoli zei unterteilten (IdS/BdS und KdS).289 Weil Heinrich Himmler seinen Einfluss auf das „Staatsschutzkorps“ vergrößern wollte und sich daher mit diesem Befehlsweg nicht begnügte, richtete er einen zweiten ein. Damit er die Vernichtungsaktionen noch effizienter durchführen konnte, bediente er sich deshalb der Hö heren SS- und Polizeiführer (HSSPF), die in den eroberten Territorien dafür zuständig wa ren, die gemeinsamen Einsätze von SS- und Polizeieinheiten zu koordinieren. Ein Erlass des Reichsinnenministers hatte diese mächtigen Funktionäre bereits am 13. November 1937 in nerhalb des Deutschen Reichs geschaffen. Unabhängig von der inneren Verwaltung fungier ten sie in den einzelnen Wehrkreisen als regionale Vertreter des Reichsführers-SS, dem sie hier: S. 259; Deuster, Polizei-Uniformen, S. 418 f. Ferner: Frank Golczewski, Organe der deutschen Besatzungsmacht: die ukrainischen Schutzmannschaften, in: Wolfgang Benz/Johannes Houwink ten Cate/Gerhard Otto (Hrsg.), Die Bürokratie der Okkupation. Strukturen der Herrschaft und Verwal tung im besetzten Europa, Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939-1945, Bd. 4, Ber lin 1998, S. 173-196. 286 Vgl. Martin C. Dean, ^ e German Gendarmerie, the Ukrainian Schutzmannschaft and the „Second Wave“ of Jewish Killings in Occupied Ukraine: German Policing at the Local Level in the Zhitomir Region, 1941-1944, in: German History 14/2 (1996), S. 168-192; Ders., Collaboration in the Holo caust. Crimes of the Local Police in Belorussia and Ukraine, 1941-44, New York 2000; Wolfgang Curilla, Schutzpolizei und Judenmord. Die Dienststelle des Kommandeurs der Schutzpolizei in Riga, in: Alfred Gottwaldt/Norbert Kampe/Peter Klein (Hrsg.), NS-Gewaltherrschaft. Beiträge zur historischen Forschung und juristischen Aufarbeitung, Publikationen der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Bd. 11, Berlin 2005, S. 247-264; Erich Haberer, ^ e German police and genocide in Belorussia, 1941-1944. Part I: Police deployment and Nazi genocidal directives, in: Journal of Genocide Research 3/1 (2001), S. 13-29; U om as Geldmacher, „Wir als Wiener waren ja bei der Be völkerung beliebt“. Österreichische Schutzpolizisten und die Judenvernichtung in Ostgalizien 1941 1944, Wien 2002. 287 Vgl. Gabriele Lotfi, Der Befehlshaber der Ordnungspolizei in Münster und der Luftschutz im Zwei ten Weltkrieg, in: Kenkmann, Villa, S. 78-98, hier: S. 78-81; Wilhelm, Polizei, S. 84 f. 288 Vgl. Browning, Männer, S. 27. 289 Vgl. Banach, Elite, S. 174-235; Dams, Gestapo, S. 35-37. 77 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k unmittelbar unterstellt waren. Da sie den gesamten SS- und Polizeiapparat in ihrem jeweili gen Gebiet leiteten, verkörperten sie die von ihrem Dienstherrn angestrebte „Verschmelzung“ von SS und Polizei.290 Ohne auf das Hauptamt Ordnungspolizei oder das RSHA angewiesen zu sein, konnten sie direkt Befehle an die BdO und BdS erteilen, wenn ihre Kräfte miteinan der oder auch zusammen mit SS-Einheiten operieren sollten. In einigen Besatzungsgebieten unterstanden Himmlers Vertretern zudem noch SS- und Polizeiführer (SSPF), die in den Di strikten vor allem dafür verantwortlich waren, die Befehle an die KdO und KdS weiterzugeben.291 Wo jedoch solche Zwischeninstanzen fehlten, erhielten die Kommandeure der Ordnungs- und Sicherheitspolizei ihre Direktiven unmittelbar von den HSSPF. Dadurch besaßen sie ähnlich wie die Befehlshaber der beiden Polizeizweige in den annektierten Gebieten eine wesentlich größere Machtfülle als ihre Kollegen im „Altreich“. Die Befehlsstrukturen von Himmlers Polizeiapparat waren also durch ein duales System gekennzeichnet.292 Es war auch dieser Organisation zuzuschreiben, dass die Ordnungspolizei so umfangreich am Holocaust mitwirken konnte. In ihr Fadenkreuz gerieten aber nicht nur jüdische Opfer. Gerade in der zweiten Kriegshälfte konzentrierte sie sich verstärkt darauf, insbesondere in Osteuropa einen Feind zu bekämpfen, den das NS-Regime schon fürchtete, noch ehe die deutschen Streitkräfte in die Sowjetunion einmarschierten. In seinem Erlass über die Aus übung der Kriegsgerichtsbarkeit vom 13. Mai 1941 ordnete Hitler bereits an, dass Partisanen „durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht schonungslos zu erledigen“ seien.293 Die In vasoren machten sich darauf gefasst, es mit aus ihrer Sicht illegitimen Kombattanten zu tun zu bekommen, welche die deutschen „Blitzkrieger“ aus dem Hinterhalt attackieren könnten. Deshalb kündigte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wenige Tage später an, nur durch „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Frei schärler, Saboteure, Juden und restlose Beseitigung jedes aktiven oder passiven Widerstan des“ den bevorstehenden Krieg gewinnen zu können.294 Seit Beginn des „Unternehmens Bar barossa“ bestimmte diese Strategie auch das Auftreten der deutschen Arm ee in der Sowjetunion, die dort nicht nur beim Judenmord mit SS und Polizei eng kooperierte. Auch bei der „Bandenbekämpfung“ interagierten sie miteinander. Dabei waren gerade die mobi 290 Vgl. Birn, Höheren SS- und Polizeiführer, besonders: S. 9-20; Buchheim, Höheren SS- und Polizei führer, S. 362-364 und 367 f.; U o m as Köhler, Himmlers Weltanschauungselite: Die Höheren SS- und Polizeiführer West - eine gruppenbiographische A nnäherung, in: Schulte, Polizei, S. 51-79, hier: S. 52 f.; Ders., Himmlers verlängerter Arm in Rheinland und Westfalen - Die Höheren SS- und Poli zeiführer West, in: Dams, Dienst, S. 203-233, hier: S. 203 f.; Curilla, Ordnungspolizei, S. 55; Nanno in ’t Veld, Höhere SS- und Polizeiführer und Volkstumspolitik: ein Vergleich zwischen Belgien und den Niederlanden, in: Benz, Bürokratie, S. 121-138, hier: S. 122; Tino Jacobs, Himmlers Mann in Ham burg. Georg Henning G raf von Bassewitz-Behr als Höherer SS- und Polizeiführer im Wehrkreis X 1943-1945, Veröffentlichung der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Hamburg 2001, S. 43. 291 Vgl. Andreas Mix, Organisatoren und Praktiker der Gewalt. Die SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau, in: Timm C. Richter (Hrsg.), Krieg und Verbrechen. Situation und Intention: Fallbeispiele, Villa ten Hompel Aktuell, Bd. 9, München 2006, S. 123-134, hier: S. 123-126; Jacobs, Mann, S. 47 f. 292 Vgl. Deuster, Polizei-Uniformen, S. 19. 293 Dokument 050-C: I. A. Keitel: Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet „Barba rossa“ und über besondere Massnahmen der Truppe vom 13. Mai 1941, in: IMT, Bd. 34, Nürnberg 1949, S. 249-255, hier: S. 253. 294 Richtlinien des OKW vom 19.5.1941 für das Verhalten der deutschen Truppen in der Sowjetunion, in: Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus (1938-1945). Acht bändige Dokumentenedition, Bd. 5: Die faschistische Okkupationspolitik in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion (1941-1944), Berlin 1991, S. 134 f., hier: S. 134. 78 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it len Tötungsverbände der Polizei in den rückwärtigen Heeresgebieten dafür zuständig, jed weden Widerstand rigoros niederzuschlagen, um dadurch für „Ruhe und Ordnung“ zu sor gen und die besetzten Gebiete dauerhaft zu „befrieden“. Der Kampf gegen Partisanen und der Genozid an den Juden waren während des Ostkriegs aus Sicht der Täter stets eng mitei nander verknüpft und beeinflussten sich wechselseitig.295 Hitlers Streitkräfte allgemein und speziell die Ordnungspolizei waren aber schon seit Be ginn des Zweiten Weltkriegs für diesen scheinbar unsichtbaren Gegner sensibilisiert. Bereits vor dem Überfall auf Polen war die Wehrmacht davon ausgegangen, es beim Einmarsch in das Nachbarland mit einem hinterlistig kämpfenden Feind zu tun zu bekommen. Nach Start der Offensive hatte Himmler seinen Einsatzgruppen am 3. September befohlen, jedwede Auf ständische kurzerhand zu erschießen. Beide Waffenträger hatten dann in den ersten Wochen in den eroberten Gebieten gewütet und dabei Widerständler sowie Zivilisten umgebracht. Das wohl bekannteste Beispiel für diesen frühen Terror lieferte der „Bromberger Blutsonn tag“. Angehörige der deutschen Truppen hatten mehrere hundert polnische Einwohner von Bromberg umgebracht, nachdem Polen in der Stadt einige Volksdeutsche getötet hatten. Auch an diesem Massenmord war die uniformierte Ordnungsmacht beteiligt.296 Polizeibataillone hatten daneben seit Herbst 1939 gegen polnische „Banden“ gekämpft.297 Zum Aufgabenfeld der „Polizeisoldaten“ im eroberten Polen hatten auch noch im Jahre 1940 solche paramilitä rischen Operationen gehört, bei denen sie bereits in den ersten Wochen des Feldzugs und der Besetzung hunderte Menschen exekutiert hatten.298 Um ihrem Terror gegen angebliche Aufständische einen legalen Anstrich zu verpassen, unterhielt die deutsche Staatsgewalt au ßerdem eigene Standgerichte, welche die Beschuldigten nur allzu häufig zum Tode verurteil ten.299 A uf dem Balkan gingen die deutschen Besatzer seit Frühjahr 1941 vehement gegen den hiesigen Widerstand vor, wobei sich vor allem die Wehrmacht hervortat, die von Polizeiein heiten unterstützt wurde.300 Wenngleich es also nicht gänzlich irrational und unbegründet war, dass sich die Deutschen vor „Freischärlern“ fürchteten, gab es in der Sowjetunion in der zweiten Jahreshälfte 1941 jedoch noch keine nennenswerten Untergrundaktivitäten.301 Denn Josef Stalin und seine Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) waren auf einen Weltanschauungskampf mit Deutschland nicht vorbereitet.302 Im Rundfunk rief der sowjeti 295 Vgl. Bogdan Musial, Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit, Paderborn 2009, S. 380-383 [Künftig: Musial, Partisanen (2009)]; Jürgen Matthäus, Die Beteiligung der Ordnungspo lizei am Holocaust, in: Kaiser (Hrsg.), Täter, S. 166-185, hier: S. 182. Ferner zur Kooperation der ein zelnen Besatzungsorgane: Jürgen Kilian, Das Zusammenwirken deutscher Polizeiformationen im „Osteinsatz“ am Beispiel des rückwärtigen Gebietes der Heeresgruppe Nord, in: Schulte, Polizei, S. 305 335. 296 Vgl. Wildt, Generation, S. 432-447. Ferner: Westermann, Police Battalions, S. 131 f. 297 Vgl. Martin Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik. 1939-1945, Schriftenreihe der Vierteljahrs hefte für Zeitgeschichte, Bd. 2, Stuttgart 1961, S. 58 f.; Tessin, Stäbe und Truppeneinheiten, S. 17. 298 Vgl. Edward B. Westermann, „Friend and Helper“: German Uniformed Police Operations in Poland and the General Government, 1939-1941, in: The Journal of Military History 58/4 (1994), S. 643-662, hier: S. 651 und 657. 299 Vgl. Borodziej, Terror, S. 85 f.; Kopitzsch, Bandenbekämpfung, S. 261. 300 Vgl. Walter Manoschek, Partisanenkrieg und Genozid. Die W ehrmacht in Serbien 1941, in: Ders., Wehrmacht, S. 142-167, hier: S. 147-152. 301 Vgl. Timm C. Richter, „Herrenmensch“ und „Bandit“. Deutsche Kriegsführung und Besatzungspoli tik als Kontext des sowjetischen Partisanenkrieges (1941-44), Zeitgeschichte - Zeitverständnis, Bd. 3, Münster 1998, S. 6-11. 302 Vgl. Leonid D. Grenkevich, The Soviet Partisan Movement 1941-1944. A Critical Historiographical Analysis, London/Portland 1999, S. 71. 79 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k sche Diktator daher erst am 3. Juli 1941 sein gesamtes Volk dazu auf, einen rigorosen Parti sanenkrieg gegen die Eindringlinge zu führen. In der Frühphase des Krieges gestaltete sich dies jedoch recht schwierig, da die Wehrmacht die westlichen Teile der Union der Sozialis tischen Sowjetrepubliken (UdSSR) und damit auch die Rote Armee überrannt hatte. Daher bildeten zunächst versprengte Soldaten sowie Anhänger und Funktionäre der KPdSU klei ne Gruppen, die jedoch in erste Linie versuchten, hinter den feindlichen Linien schlichtweg zu überleben.303 Ihre hilflosen Sabotageakte und wenigen Anschläge aus dem Hinterhalt konn ten die Besatzer nie ernsthaft gefährden und verliefen daher eher erfolglos.304 Doch aufjede ihrer anfangs noch kleinen Aktionen reagierten die deutschen Besatzer sehr empfindlich. Die NS-Führung erkannte in ihnen aber zunächst weniger eine Gefahr, als viel mehr eine willkommene Gelegenheit dafür, „auszurotten, was sich gegen uns stellt“.305 Der Kampf gegen Partisanen diente dem Deutschen Reich also als Vorwand, um gegen Juden und andere Minderheiten sowie die einheimische Zivilbevölkerung der Besatzungsgebiete drakonisch vorzugehen. Indem die „Herrenmenschen“ ihre unbewaffneten Opfer einfach zu „Banditen“ oder „Heckenschützen“ erklärten, versuchten sie nach außen und für sich selbst, ihre Verbrechen als rechtmäßige Kriegsakte gegen angeblich kriminelle und heimtückisch kämpfende Gegner zu legitimieren.306 Allerdings stellte es völkerrechtlich gesehen nicht per se ein Kriegsverbrechen dar, wenn die deutschen Besatzer gefangene Partisanen erschossen. Ähnliches galt seinerzeit sogar für Gewaltakte gegen Zivilisten in den eroberten Gebieten. Denn unter bestimmten Voraussetzungen war es durchaus rechtmäßig, Geiseln zu erschie ßen, um damit potentielle Widerstandskämpfer abzuschrecken, oder nachträgliche Kriegs repressalien durchzuführen. Diese rechtliche Grauzone missbrauchten die Nationalsozialis ten dazu, um ihr mörderisches Treiben in den besetzten Territorien als legitimes Vorgehen zu kaschieren. Unter dem Deckmantel von „Partisanenbekämpfung“ und „Geiselerschie ßung“ begingen sie zahllose Verbrechen an unschuldigen Menschen.307 Mit dem Völkerrecht ließ sich insbesondere nicht vereinbaren, dass die Besatzer befahlen, bei „Sühnemaßnahmen“ für jeden getöteten Deutschen jeweils 100 zivile Geiseln zu erschießen. Eine solch brutale 303 Vgl. Bernd Bonwetsch, Sowjetische Partisanen 1941-1944. Legende und Wirklichkeit des „allgemei nen Volkskrieges“, in: Gerhard Schulz (Hrsg.), Partisanen und Volkskrieg. Zur Revolutionierung des Krieges im 20. Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 92-124, hier: S. 92; Bogdan Musial (Hrsg.), Sowjeti sche Partisanen in Weißrußland. Innenansichten aus dem Gebiet Baranovici 1941-1944. Eine Doku mentation, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 88, München 2004, S. 16-18 und 33 [Künftig: Musial, Partisanen (2004)]; Hannes Heer, Die Logik des Vernichtungskrieges. Wehr m acht und Partisanenkampf, in: Ders., Vernichtungskrieg, S. 104-138, hier: S. 107 f. 304 Vgl. Jürgen Kilian, Wehrmacht und Besatzungsherrschaft im russischen Nordwesten 1941-1944. Pra xis und Alltag im Militärverwaltungsgebiet der Heeresgruppe Nord, KRiG, Bd. 75, Paderborn 2012, S. 508. 305 Dokument 221-L: Aktenvermerk vom 16. Juli 1941 über eine Besprechung Hitlers m it Rosenberg, Lammers, Keitel und Göring, in: IMT, Bd. 38, Nürnberg 1949, S. 86-94, hier: S. 88. 306 Vgl. Richter, Herrenmensch, S. 40-45; Heer, Logik, S. 111; Pohl, Herrschaft, S. 283-287; Moritz Felix Lück, Partisanenbekämpfung durch SS und Polizei in W eißruthenien 1943: Die Kampfgruppe von Gottberg, in: Kenkmann, Auftrag, S. 225-248, hier: S. 225 f.; Walter Manoschek, „Wo der Partisan ist, ist der Jude, und wo der Jude ist, ist der Partisan“. Die Wehrmacht und die Shoah, in: Paul, Täter, S. 167 185, hier: S. 170. 307 Vgl. Peter Lieb, Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisa nenbekämpfung in Frankreich 1943/44, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 69, M ün chen 2007, S. 253-256; Dieter Blumenwitz, Okkupation und Revolution in Slowenien (1941-1946). Eine völkerrechtliche Untersuchung, Studien zu Politik und Verwaltung, Bd. 81, Wien/Köln/Graz 2005, S. 49-53; Kopitzsch, Polizeibataillone (1998), S. 18. 80 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it und unverhältnismäßige Praxis gegen echte oder vermeintliche Partisanen beschränkte sich aber keineswegs auf die Sowjetunion, sondern bestand etwa auch auf dem Balkan sowie in Griechenland, Italien und Westeuropa.308 Gegen den Slowakischen Nationalaufstand des Jah res 1944 und die damit einhergehende Partisanenbewegung ging die Okkupationsmacht ebenfalls erbarmungslos vor.309 Abbildungen 2 und 3: Diskriminierung einer Frau durch Polizisten im „auswärtigen Einsatz“ (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) Bereits in der Frühphase des Ostkriegs begaben sich die deutschen Truppen auf die Jagd nach „Banden“, was jedoch bloß zu recht dürftigen Erfolgen führte. Weil sie nur wenigen Partisa nen habhaft wurden, reagierten sie ihren Frust stattdessen an der unbeteiligten Zivilbevöl kerung ab.310 Ab Frühjahr 1942 verschlechterte sich deren Situation noch mehr, da die Besat zer nun noch schärfer gegen „Freischärler“, aber vor allem unbewaffnete Einwohner vorgingen. Dabei ermordeten sie zahlreiche Menschen, vergewaltigten Frauen und plünder ten oder zerstörten sogar ganze Dörfer. Indirekt profitierten die Guerillagruppen von die sem Terror, da er ihnen neue Mitglieder in die Arme trieb. Auch Moskau unterstützte sie nun stärker in ihrem Kampf gegen die Deutschen, wofür sie mehr Personal sowie Material 308 Vgl. Carlo Gentile, Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943-1945, KRiG, Bd. 65, Paderborn 2012, S. 36. Zur „Partisanenbekämpfung“ in den Niederlanden ferner: Christoph Spieker, Enttäuschte Liebe: Funktionswandel der Ordnungspolizei in den Niederlanden, in: Houwink ten Cate, Polizei, S. 67-83, hier: S. 83. 309 Vgl. Oldrich Sladek, Standrecht und Standgericht. Die Gestapo in Böhmen und Mähren, in: Paul, Ge stapo (2000), S. 317-339, hier: S. 334-336. 310 Vgl. Kilian, Wehrmacht, S. 517-519. 81 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k erhielten und unter einem Dach organisiert waren.311 Darüber hinaus kämpften gegen die Be satzer ziemlich heterogene Akteursgruppen, die teilweise sogar zwischen den Kriegspartei en wechselten, indem sie etwa mit den Deutschen kollaborierten und gleichzeitig im Wider stand aktiv waren.312 Diese unklaren Verhältnisse erschwerten es, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden, was die Invasoren noch weiter verunsicherte. Im Sommer 1942 brachte Himmler die „Bandenbekämpfung“ unter seine Kontrolle, wes halb SS- und Polizeieinheiten nun in Großunternehmen noch schärfer gegen die „Freischär ler“ in Aktion traten.313 Eine besondere Position bekleidete dabei der HSSPF Russland-Mit te, Erich von dem Bach-Zelewski, den der oberste Polizeichef im Oktober 1942 damit betraute, die Partisanenbekämpfung zu koordinieren. Am 21. Juni 1943 ernannte ihn der Reichsführer-SS dann zum „Chef der Bandenkampfverbände“, die es in dieser Form aller dings nie gab.314 Stattdessen waren weiterhin Verbände aus SS und Polizei dafür zuständig, gegen die irregulären Kämpfer vorzugehen. Mit Erlass vom 9. Juli 1942 fasste Himmler je doch jeweils drei Polizeibataillone zu Regimentern zusammen, die er am 24. Februar 1943 in „SS-Polizeiregimenter“ umbenannte, weil er so ihren „auswärtigen Einsatz“ würdigen wollte. Trotz der Sigrunen blieben sie aber wie bisher dem Hauptamt Ordnungspolizei unterstellt.315 Obwohl sie gerade in der zweiten Kriegshälfte zuweilen auch direkt an der Front gegen re guläre Armeen kämpften, machten diese vergrößerten Polizeiformationen vorwiegend Jagd auf ihre vermeintlich unsichtbaren Kontrahenten.316 Die „Polizeisoldaten“ unternahmen ab Sommer 1942 und besonders im Jahre 1943 groß angelegte Operationen, um systematisch gegen Partisanen, aber auch nach wie vor gegen Ju den vorzugehen. Insbesondere 1943 bekämpfte Hitlers Besatzungsapparat echte und ver meintliche „Banden“ noch radikaler.317 An zahlreichen solcher Großeinsätze war gerade die Ordnungspolizei maßgeblich beteiligt.318 Mehrere Polizeieinheiten vernichteten z. B. beim „Unternehmen Hornung“ südlich der weißrussischen Stadt Sluzk in der Zeit vom 8. bis 26. Fe bruar 1943 insgesamt 12.897 Menschen, unter denen sich ungefähr 3.300 Juden befanden.319 Zwischen 20. Mai und 21. Juni 1943 töteten Verbände der uniformierten Staatsgewalt beim 311 Vgl. Alexander Brakel, „Das allergefährlichste ist die Wut der Bauern.“ Die Versorgung der Partisa nen und ihr Verhältnis zur Zivilbevölkerung. Eine Fallstudie zum Gebiet Baranowicze 1941-1944, in: VfZ 55/3 (2007), S. 393-424, hier: S. 403; Heer, Logik, S. 119-122; Musial, Partisanen (2009), S. 147 175. 312 Vgl. Bernhard Chiari, Deutsche Herrschaft in Weißrussland. Überlegungen zum lokalen und histori schen Umfeld, in: Kaiser, Täter, S. 137-159, hier: S. 151 f. 313 Vgl. Heer, Logik, S. 124 f.; Jörn Hasenclever, Wehrmacht und Besatzungspolitik in der Sowjetunion. Die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete 1941-1943, KRiG, Bd. 48, Paderborn 2010, S. 164. 314 Vgl. Richter, Herrenmensch, S. 58. Zur Biographie von Erich von dem Bach-Zelewski ferner: Ruth Bettina Birn, „Neue“ oder alte Täterforschung? Einige Überlegungen am Beispiel von Erich von dem Bach-Zelewski, in: Totalitarismus und Demokratie 7/2 (2010), S. 189-212; Matthias Barelkowski, Vom „Schlagetot“ zum „Kronzeugen“ nationalsozialistischer Verbrechen. Die Karriere des Erich von dem Bach-Zelewski, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Eugeniusz Cezary Krol/Michael tto m a e (Hrsg.), Der Warschauer Aufstand 1944. Ereignis und Wahrnehmung in Polen und Deutschland, Paderborn 2011, S. 129-170. 315 Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 161 und 163. 316 Vgl. Tessin, Stäbe und Truppeneinheiten, S. 16; Cadle, honor, S. 180. 317 Vgl. Hasenclever, Wehrmacht, S. 164; Gerlach, Morde, S. 884-918. 318 Vgl. Curilla, Ordnungspolizei, S. 705-744. 319 Vgl. ebd., S. 725 f.; Gerlach, Morde, S. 901; Lück, Partisanenbekämpfung, S. 240; Klemp, Polizeibatail lone, S. 46. 82 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it „Unternehmen Cottbus“ nahe Borissow mindestens 9.796 Menschen, wobei noch bis zu 3.000 weitere Opfer hinzukamen, welche die „Polizeisoldaten“ in Minenfelder getrieben hatten.320 Generell waren diese brutalen Aktionen militärisch nur bedingt von Erfolg gekrönt. Au ßerdem töteten die deutschen Truppen ab Anfang 1943 nicht mehr alle Untergrundkämpfer, sondern deportierten viele von ihnen zusammen mit noch mehr Zivilisten zur Zwangsar beit ins Deutsche Reich.321 Allein in Weißrussland erlitten etwa 380.000 Menschen dieses Schicksal.322 Durch diese abermals verschärfte Besatzungspolitik erhielt die Partisanenbewe gung noch mehr Zulauf aus der einheimischen Bevölkerung, weshalb sich die sowjetischen Guerillagruppen 1943 noch stärker gegen die deutsche Fremdherrschaft zur Wehr setzten.323 Mit den „Herrenmenschen“ lieferten sie sich in dieser Phase vor allem einen „Schienenkrieg“, bei dem sie besonders im August 1943 und Juni 1944 zahlreiche Anschläge auf Eisenbahnli nien und die Infrastruktur verübten, um den deutschen Nachschub zu behindern. Allerdings konnten auch solche größeren Sabotageakte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die A k tivitäten der Partisanen militärisch insgesamt nur geringfügig auswirkten.324 Indem sie vie le deutsche Kräfte im Hinterland banden und somit von den Fronten fernhielten, hatten sie dennoch einen nicht zu verachtenden Anteil daran, dass es der Roten Armee im Herbst 1944 gelang, die Heeresgruppe Mitte vernichtend zu schlagen.325 Die irregulären Kämpfer zahlten im „Vaterländischen Volkskrieg“ j edoch einen hohen Preis. Vor allem die Zivilbevölkerung in den Ostgebieten litt unter den Repressalien der Invasoren. Als „Hochburg“ des „Bandenkampfes“ war davon insbesondere Weißrussland betroffen, das während des Zweiten Weltkriegs um die 345.000 Opfer zu beklagen hatte. Allein im Zuge der „Bandenbekämpfung“ brachten die Besatzer in der Sowjetunion insgesamt etwa 500.000 Menschen um, wobei es sich bei den meisten Opfern um Unbeteiligte und nur bei einem Bruchteil um echte Partisanen handelte.326 Es lässt sich zwar kaum ermitteln, für wie viele Tote dabei allein die uniformierte Polizei verantwortlich war. Doch dürfte sie enorm an die sen Massenmorden beteiligt gewesen sein, da ihren Verbänden eine zentrale Rolle in der „Bandenbekämpfung“ zukam. Daneben verübte die Ordnungspolizei gerade in Osteuropa auch noch zahlreiche weitere Verbrechen an anderen Opfergruppen. Einige ihrer Einheiten und lokalen Dienststellen ver folgten zusammen mit den Einsatzgruppen beispielsweise „Zigeuner“, die sich während des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Gebieten aufaielten. Ähnlich wie viele ihrer jüdischen Opfer erklärten die Besatzer sie kurzerhand zu Partisanen, die sie ebenfalls entweder an Ort und Stelle erschossen oder in die Vernichtungslager deportierten. Damit waren sie in einen 320 Vgl. Gerlach, Morde, S. 902; Curilla, Ordnungspolizei, S. 733-735; Lück, Partisanenbekämpfung, S. 237 f. 321 Vgl. Pohl, Militärbesatzung, S. 88. 322 Vgl. Kaiser, Schranken, S. 176. 323 Vgl. Alexander Hill, ^ e War behind the Eastern Front. ^ e Soviet Partisan Movement in North-West Russia 1941-1944, London/New York 2005, S. 150-153. 324 Vgl. Sebastian Stopper, „Die Straße ist deutsch.“ Der sowjetische Partisanenkrieg und seine militäri sche Effizienz, in: VfZ 59/3 (2011), S. 385-411, hier: S. 397-409; Gerlach, Morde, S. 866 und 868; Bonwetsch, Partisanen, S. 112. 325 Vgl. Richter, Herrenmensch, S. 26 f. 326 Vgl. Christian Hartmann, Verbrecherischer Krieg - verbrecherische Wehrmacht? Überlegungen zur Struktur des deutschen Ostheeres, in: Ders., Krieg, S. 3-71, hier: S. 25. Dieser Beitrag findet sich eben so in: Ders., Verbrecherischer Krieg - verbrecherische Wehrmacht? Überlegungen zur Struktur des deutschen Ostheeres 1941-1944, in: VfZ 52/1 (2004), S. 1-75, hier: S. 24 f. 83 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Massenmord involviert, der insgesamt etwa 500.000 Sinti und Roma das Leben kostete.327 Bereits nach dem Polenfeldzug waren deutsche Gendarmeriebeamte im eroberten Nachbar land daran beteiligt, vom NS-Regime als „unwertes Leben“ eingestufte Menschen im Zuge der „Euthanasie“, aber auch „Asoziale“ zu töten.328 Außerdem ermordete die „grüne“ Polizei sowjetische Kriegsgefangene, wie ein exemplarischer Fall belegt, bei dem das Polizeibatail lon 306 im September 1941 nahe des polnischen Biala Podlaska ca. 5.000 gefangene Rotar misten erschoss.329 Etwa zur gleichen Zeit hatte die uniformierte Exekutive darüber hinaus die Wehrmacht darin unterstützt, das russische Leningrad einzukesseln, das die Armee von nun an bis zum Frühjahr 1944 belagerte und über eine Millionen Einwohner dabei gezielt verhungern, beschießen oder an den erbärmlichen Zuständen zugrunde gehen ließ.330 Der NS-Polizeistaat entfaltete seinen Terror aber auch gegenüber Opfern, die nicht aus militäri schen oder rassistischen Gründen ins Visier gerieten. Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich und dessen Tod waren es hauptsächlich Kräfte der Ordnungspolizei, die als „Vergel tung“ das tschechische D orf Lidice am 10. Juni 1942 völlig zerstörten. Während sie die männlichen Einwohner noch an Ort und Stelle erschossen, wirkten sie auch daran mit, die Frauen ins KZ Ravensbrück und die meisten Kinder ins Vernichtungslager Chelmno zu de portieren, wo sie ebenfalls großteils ermordet wurden.331 Nicht zuletzt bedingt durch das schwindende Kriegsglück richtete sich in der zweiten Kriegshälfte die Gewalt des NS-Staats immer stärker gegen das eigene Volk. Zu den „End phaseverbrechen“ kam es auch deshalb, weil sich das Regime davor fürchtete, in den chaoti schen Verhältnissen des „Totalen Krieges“ könnten sich die „Feinde im Innern“ gegen die politische Führung, den Staatsapparat und auch die „Volksgenossen“ richten. Dadurch schu fen sich die Nationalsozialisten eine neue Dolchstoßlegende. Um nun gegen diese angebli che Gefahr anzugehen, verschärfte die Polizei ihren Terror im „Altreich“. Das fiel ihr nicht besonders schwer, da in dieser Phase ehemalige Mitglieder von Einsatzgruppen oder Poli zeibataillonen ins deutsche Kernland zurückkehrten, die im „Osten“ Mordeinsätze absolviert und sich dadurch an extreme Formen von Gewalt gewöhnt hatten. Damit war die Büchse 327 Vgl. Erich Haberer, German police and genocide in Belorussia, 1941-1944. Part II: ^ e „second sweep“: Gendarmerie killings of Jews and Gypsies on January 29, 1942, in: Journal of Genocide Re search 3/2 (2001), S. 207-218, hier: S. 212-215; Martin Holler, Ausmaß und Verlauf der Roma-Ver folgung im Operationsgebiet der Heeresgruppe Nord 1941-1944, in: Schulte, Polizei, S. 239-261, hier: S. 249-255; Michail Krausnick, Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, in: Lichtenstein, Täter, S. 223-254, hier: S. 236-239 und 244-249; Pohl, Verfolgung, S. 112-115; Lewy, Rückkehr, S. 199-225; Klemp, Kommunisten, S. 209. 328 Vgl. Volker Rieß, Zentrale und dezentrale Radikalisierung. Die Tötungen „unwerten Lebens“ in den annektierten west- und nordpolnischen Gebieten 1939-1941, in: Mallmann, Genesis, S. 127-144, hier: S. 130-132 und 137. 329 Vgl. Dieter Pohl, Von der „Judenpolitik“ zum Judenmord. Der Distrikt Lublin des Generalgouverne ments 1939-1944, Münchner Studien zur neueren und neuesten Geschichte, Bd. 3, Frankfurt am Main 1993, S. 91. Torsten Schäfer schreibt, dass diesem Massenmord sogar mindestens 6.000 sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer gefallen seien. Vgl. Schäfer, NSG-Verfahren, S. 86. 330 Vgl. Lichtenstein, Helfer, S. 26. Ferner: Johannes Hürter, Die Wehrmacht vor Leningrad. Krieg und Besatzungspolitik der 18. Armee im Herbst und W inter 1941/42, in: Hartmann, Krieg, S. 95-153, hier: S. 109-112; Pohl, Verfolgung, S. 37. 331 Vgl. Stefan Klemp, Rücksichtslos ausgemerzt. Die Ordnungspolizei und das Massaker von Lidice, Vil la ten Hompel Aktuell, Bd. 17, Münster 2012, S. 20-23; Lichtenstein, Helfer, S. 194. 84 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it der Pandora bereits geöffnet, als diese Polizisten zurück in Deutschland auf ähnliche Weise besonders auf Ausländer, aber auch auf abtrünnige „Volksgenossen“ Jagd machten.332 Der Krieg erweiterte das polizeiliche Aufgabenfeld, indem er zu einem Anstieg der Krim i nalität führte. Darüber hinaus kam die Polizei verstärkt an der „Heimatfront“ zum Einsatz, weil sie nun gegen Delikte einschreiten musste, die es zuvor so nicht gegeben hatte. Da die politische Führung aufgrund der Mangelwirtschaft Lebensmittel rationieren musste, ent stand etwa ein florierender Schwarzmarkthandel, gegen den Kriminalpolizei und Gestapo vorzugehen versuchten.333 Die Staatsgewalt richtete ihren Fokus aber besonders auf Fremdund Zwangsarbeiter. Das tat sie vor allem dann, wenn diese aus Osteuropa stammten und damit permanent verdächtigt waren, vom kommunistischen Gedankengut beseelt zu sein. So willkommen sie den deutschen Rüstungs- und Landwirtschaftsbetrieben auch waren, überwachte die Ordnungsmacht ihren Alltag streng, weil sie sich vor Sabotageakten oder Aufständen fürchtete. Sexuelle Beziehungen zwischen männlichen Arbeitskräften und deut schen Frauen sanktionierte die Polizei besonders hart, was vor allem für Osteuropäer meist den Tod bedeutete.334 Darüber hinaus trug sie die „Bandenbekämpfung“ nun auch in die deutschen Städte hinein. Denn in der Schlussphase des Krieges kämpfte sie in mobilen Ein heiten gegen entflohene Sklavenarbeiter und einzelne revoltierende Gruppen mit den glei chen Brachialmethoden wie im „auswärtigen Einsatz“.335 Auch die uniformierte Staatsgewalt machte Jagd auf Ausländer, die angeblich geplündert hatten und deshalb standrechtlich er schossen wurden.336 Um die Bevölkerung und die Infrastruktur vor entflohenen Kriegsge fangenen, Fremd- und Zwangsarbeitern sowie mit dem Fallschirm abgesprungenen feindli chen Flugzeugbesatzungen, Spionen und Saboteuren zu schützen, wurde 1942 zudem die Stadt- und Landwacht aufgestellt. Sie gehörte ebenfalls zur Ordnungspolizei, bis sie Mitte Ja nuar 1945 aufgelöst und zumindest teilweise in den „Volkssturm“ übernommen wurde.337 Ebenso wenig schreckte die Polizei davor zurück, gewaltsam gegen junge „Volksgenossen“ vorzugehen. Bereits in den Friedensjahren hatte die Diktatur nonkonformistische Jugendli che verfolgt, weil sie sich außerhalb der NS-Organisationen formierten und angeblich poli tisch subversiv verhielten. In der Endphase des „Tausendjährigen Reiches“ intensivierten Himmlers Repressionsorgane ihr Engagement, solche Zusammenschlüsse dauerhaft zu unterbinden.338 Infolge des Krieges stieg zudem die Jugendkriminalität deutlich an. A uf sie re agierte der NS-Staat scharf, indem er neue Gesetze schuf oder bestehende verschärfte und straffällig gewordene Minderjährige schlimmstenfalls sogar mit dem Tod bestrafte. In weni ger schwerwiegenden Fällen sperrte er die heranwachsenden Delinquenten in herkömmli 332 Vgl. G erhard Paul/Alexander Primavesi, Die Verfolgung der „Fremdvölkischen“. Das Beispiel der Staatspolizeistelle Dortmund, in: Paul, Gestapo (2003), S. 388-401; Kaiser, Schranken, S. 220; Wagner, Kern, S. 36; Roth, Verbrechensbekämpfung, S. 133. 333 Vgl. Springfeld, Polizei, S. 144-147. 334 Vgl. Hans-Dieter Schmid, Die Geheime Staatspolizei in der Endphase des Krieges, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51/9 (2000), S. 528-539, hier: S. 530 f.; Horst-Pierre Bothien, Kreuzberg weg 5. Zur Bonner Gestapo (1938-1945), in: Schloßmacher, Farbe, S. 291-310, hier: S. 304-306. Fer ner: Birn, Höheren SS- und Polizeiführer, S. 162 f. 335 Vgl. Severin Roeseling, Konkurrenz, Arbeitsteilung, Kollegialität - Zum Verhältnis von Polizei und Gestapo in Köln, in: Buhlan, Freund, S. 198-229, hier: S. 220. 336 Vgl. Lotfi, Befehlshaber, S. 94 f. 337 Vgl. M anfred Teufel, Land- und Stadtwacht - eine kriegsbedingte Polizeiverstärkung, in: Archiv für Polizeigeschichte 28 (1999), S. 53-66, hier: S. 53 f. und 64 f. 338 Vgl. Alfons Kenkmann, Störfaktor an der „Heimatfront“. Jugendliche Nonkonformität und die Gesta po, in: Paul, Gestapo (2000), S. 179-200. 85 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k che Gefängnisse, um sie nach der Haft wieder in die „Volksgemeinschaft“ integrieren zu kön nen. Weil aber eine solche Strafe nicht bei jedem die erhoffie Wirkung zeigte, wurden auf Himmlers Anweisung darüber hinaus seit 1940 in Moringen und Uckermark polizeiliche Ju gendschutzlager eingerichtet. Diese besonderen Konzentrationslager unterstanden dem Reichskriminalpolizeiamt und zielten darauf ab, ihre jungen Insassen zu disziplinieren, in dem sie unter Drill und Terror stundenlang Zwangsarbeit leisten mussten, die Duzende nicht überlebten.339 Daneben betrieb die Gestapo seit 1940 sogenannte Arbeitserziehungslager (AEL), in de nen sie „Arbeitsscheue“ sperrte, die wegen einer angeblich mangelhaften Arbeitsmoral ver haftet und vorwiegend bei Großbauprojekten in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurden. Die Insassen sollten durch brutalen Terror und Schwerstarbeit diszipliniert werden, damit sie wieder in ihren Betrieben einsatzbereit waren. Vor allem ausländische Zwangsarbeiter starben zu Tausenden in diesen KZ-ähnlichen Haftstätten, von denen rund 200 existierten.340 Während in der Regel ein Vertreter der Sicherheitspolizei ein solches Lager leitete, setzten sich die Wachmannschaften aus aktiven Beamten, vor allem aber aus Reservisten der Ord nungspolizei zusammen, die ihre Opfer barbarisch drangsalierten. Bedingt durch einen all gemeinen Personalmangel innerhalb der deutschen Staatsmacht musste die Gestapo in der zweiten Kriegshälfte dann neues Personal aus „volksdeutschen“ Schutzmannschaften und Aushilfskräften rekrutieren.341 Ab 1943 unterhielt Himmlers Geheimpolizei mit den „Erwei terten Polizeigefängnissen“ einen weiteren Lagertyp, in dem sie temporär sämtliche dem Re gime unliebsamen Menschen zu stecken versuchte, die mangels Arrestmöglichkeiten andern orts nicht inhaftiert werden konnten.342 Ordnungspolizisten waren sogar in einigen regulären Konzentrationslagern als Wachen eingesetzt oder unterhielten in der Frühphase des NS-Regimes selbst solche Terrorstätten.343 In der ersten Kriegshälfte mussten etwa die Schüler der Polizeischule Heidenheim zahlreiche Sklavenarbeiter bewachen, die im Außenlager des KZ Dachau untergebracht waren, das sich auf dem Gelände der ostwürttembergischen Lehran stalt befand.344 All dies zeigt sehr deutlich, dass die uniformierte Polizei bis zum vollständi gen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ eine der einflussreichsten Täterorganisationen 339 Vgl. Ulrike Jureit, Erziehen, Strafen, Vernichten. Jugendkriminalität und Jugendstrafrecht im Natio nalsozialismus, Münster/New York 1995, S. 58-86; Wagner, Volksgemeinschaft, S. 376-378. 340 Vgl. Gabriele Lotfi, Stätten des Terrors. Die „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo, in: Paul, Gestapo (2000), S. 255-269, hier: S. 255-258 und 263-267. Ferner: Dies., KZ der Gestapo. Arbeitserziehungs lager im Dritten Reich, Stuttgart/München 2000; Hellmuth Auerbach, Arbeitserziehungslager 1940 1944 m it besonderer Berücksichtigung der im Befehlsbereich des Inspekteurs der Sicherheitspolizei und des SD Düsseldorf liegenden, speziell des Lagers Hunswinkel bei Lüdenscheid, in: Gutachten, Bd. 2, S. 196-201; Detlef Korte, Das „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel (1944/45), in: Bajohr, Norddeutschland, S. 266-279; Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.), Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo, Brandenburgische Historische Hefte der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Bd. 17, Potsdam 2004. 341 Vgl. Lotfi, Stätten, S. 262 f.; Dies., Der Einsatz der Ordnungspolizei in Arbeitserziehungslagern der rheinisch-westfälischen Gestapo, in: Kenkmann, Villa, S. 11-27, hier: S. 18-26. 342 Vgl. Elisabeth ^a lh o fe r, Entgrenzung der Gewalt. Gestapo-Lager in der Endphase des Dritten Rei ches, Paderborn 2010, S. 346-348. 343 Vgl. Diercks, Dokumentation, S. 25 und 68; Springfeld, Polizei, S. 57-59. 344 Vgl. Alfred Hoffmann, Verschwunden, aber nicht vergessen. KZ-Nebenlager in der Polizeischule Hei denheim. Eine Dokumentation, Heidenheim 1996, S. 33; Ders., Heidenheim an der Brenz, in: Wolf gang Benz/Barbara Distel (Hrsg.), Der O rt des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Kon zentrationslager, Bd. 2: Frühe Lager, Dachau, Emslandlager, M ünchen 2005, S. 347-349; Ders., Heidenheim an der Brenz, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrsg.), Der O rt des Terrors. Geschich 8 6 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it war, der unzählige Menschen inner- und besonders außerhalb Deutschlands zum Opfer fie len. Noch in der Schlussphase der Diktatur vollstreckte sie unnachgiebig deren totalitäre Ver nichtungspolitik. Es war die deutsche Ordnungspolizei, welche die NS-Herrschaft überhaupt erst ermöglichte und diese als eine ihrer zentralen Säulen bis Kriegsende stabilisierte. Für ihre Angehörigen war der Untergang des braunen Polizeistaats zwar ebenso eine Zäsur wie für den Rest der deutschen Gesellschaft. Für viele „grüne“ Staatsdiener war damit aber die Karriere keineswegs beendet. 2.3 Das Erbe des „Dritten Reichs" - Die Polizei in der Nachkriegszeit Der Zusammenbruch des NS-Staats stellte für die deutsche Polizei keine „Stunde Null“ dar. Die Hypotheken der Vergangenheit lasteten auf ihr sehr schwer. Dennoch verliefen die wei teren Lebenswege von Himmlers „Polizeisoldaten“ recht unterschiedlich: Viele Polizeibeam te erlebten das Kriegsende nicht mehr, weil sie im „auswärtigen Einsatz“ gefallen waren. Wei tere gerieten in Kriegsgefangenschaft, von denen einige an das Ausland ausgeliefert, dort vor Gericht gestellt und in etlichen Fällen zum Tode verurteilt wurden.345 Während häufig gerade führende Vertreter von SS und Polizei stattdessen untertauchten oder Selbstmord begingen, biederten sich andere den Siegermächten an, um im Staatsdienst bleiben oder wiedereinge setzt werden zu können.346 Dieses Ziel war in vielen Fällen keineswegs unrealistisch. In den einzelnen Besatzungszonen versah zwar zunächst die Militärpolizei der jeweiligen Sieger macht ihren Dienst, um wieder geordnete Verhältnisse zu schaffen. Dazu bedienten sie sich aber bald auch deutscher Ordnungshüter.347 Das stellte aber nur eine Übergangslösung dar. In der unmittelbaren Nachkriegszeit versuchten die Alliierten sehr ambitioniert, ein neu es Deutschland aufzubauen, das nach ihren vier „Ds“ gestaltet sein sollte. So wollten sie auch die deutsche Staatsgewalt dezentralisieren, denazifizieren, demilitarisieren und demokrati sieren.348 Die Ordnungsmacht in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später in der DDR vollzog hingegen eine gesonderte Entwicklung, die an dieser Stelle aber nicht weiter vertieft werden soll.349 Weil sie sich am jeweiligen System ihrer Heimatländer orientierten, bildeten die drei westlichen Siegermächte in den von ihnen kontrollierten Besatzungszonen te der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 6: Natzweiler, Groß-Rosen, Stutthof, München 2007, S. 108-109. 345 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 860-865. 346 Vgl. Stephan Linck, Der Ordnung verpflichtet: Deutsche Polizei 1933-1949. Der Fall Flensburg, Pa derborn 2000, S. 167. 347 Vgl. Biernath, Polizei, S. 69. 348 Vgl. Dinah Kemmerich, Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der „Zentral-Polizeischule H iltrup/ Westf.“ im Kontext der Reorganisation der deutschen Polizei durch die britische Besatzungsmacht 1945-1949, Schriftenreihe der Deutschen Hochschule der Polizei III/2008, Dresden 2008, S. 22. 349 Zur Polizei in SBZ und DDR vgl. u. a. Thomas Lindenberger, Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öf fentliche Ordnung im SED-Staat 1952-1968, Zeithistorische Studien, Bd. 23, Köln 2003; Ders., Öf fentliche Polizei im Staatssozialismus: Die Deutsche Volkspolizei, in: Lange, Staat, S. 89-110; Ders., Vaters kleine Helfer. Die Volkspolizei und ihre enge Verbindung zur Bevölkerung 1952-1965, in: Ger hard Fürmetz/Herbert Reinke/Klaus Weinhauer (Hrsg.), Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945-1969, Forum Zeitgeschichte, Bd. 10, Hamburg 2001, S. 229-253; Richard Bessel, Volkspolizei zwischen Krieg und Sozialismus, in: Archiv für Polizeigeschichte 11 (1993), S. 86-92. 87 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k jedoch ebenfalls recht unterschiedliche Polizeiorganisationen heraus.350 Gemein war ihnen aber, dass sie der neuen Staatsmacht eine dezentrale und damit kommunalisierte Gestalt verpassten.351 Im von Briten kontrollierten Gebiet erhielt jeweils die Kommunalverwaltung die Kompe tenzen der ehemaligen Verwaltungspolizei, die sie beispielsweise an die neu eingerichteten Ordnungsämter übertrug. Die einzelnen Länder waren in Polizeibezirke unterteilt, die je weils von einem Polizeichef geleitet und einem bürgerschaftlichen Polizeiausschuss kontrol liert wurden. Während in Großstädten von nun an Stadtkreispolizeien für die Vollzugsauf gaben zuständig waren, übernahmen Regierungsbezirkspolizeien diese hingegen in kleineren Gemeinden und auf dem Land.352 Zudem entstand eine Einheitspolizei, in der die Kriminal in die Schutzpolizei integriert wurde, die zugleich mit der Gendarmerie fusionierte.353 In der französischen Zone wurde die Polizei zunächst kommunalisiert, wenig später aber verstaatlicht und zentralisiert, was im Saarland schon frühzeitig geschehen war, da es nicht unter der Obhut des alliierten Kontrollrats stand.354 Seit Anfang 1946 war sie also in den ein zelnen Ländern jeweils wieder dem Innenministerium unterstellt. Während sich Württemberg-Hohenzollern eher am angelsächsischen Modell orientierte, unterschieden die übrigen von Franzosen kontrollierten Länder nicht konsequent zwischen Polizei und Verwaltung, so dass auch die Verwaltungspolizei weiterbestehen blieb.355 In der amerikanischen Besatzungszone lag die Zuständigkeit für die neue deutsche Ord nungsmacht ebenfalls bei den Kommunen. Alle Gemeinden von mehr als 5.000 Einwohnern erhielten eine eigene Polizei, die ein Polizeichef unter der Obhut des jeweiligen Bürgermeis ters führte. Für alle kleineren Ortschaften sowie auf dem Land war aber die Landpolizei zu ständig, wie sie in Bayern hieß.356 Während der Name dieser staatlichen Polizei in Hessen da gegen Gendarmerie lautete, wurde sie in Württemberg-Baden indes Landespolizei genannt.357 Zunächst war sie in einzelne Regierungsbezirke aufgeteilt und unterstand den zuständigen Regierungspräsidenten, bevor die Amerikaner sie im Januar 1946 auf Landesebene organi 350 Zu den einzelnen westlichen Besatzungszonen vgl. u. a. Falco Werkentin, Die Restauration der deut schen Polizei. Innere Rüstung von 1945 bis zur Notstandsgesetzgebung, Frankfurt am Main/New York 1984, S. 25-43; Herbert Reinke/Gerhard Fürmetz, Polizei-Politik in Deutschland unter alliierter Be satzung, in: Lange, Staat, S. 67-86, hier: S. 73-82. 351 Vgl. Gerhard Fürmetz/Herbert Reinke/Klaus Weinhauer, Nachkriegspolizei in Deutschland. Doppel te Polizeigeschichte 1945-1969, in: Dies., Nachkriegspolizei, S. 7-33, hier: S. 9 [Künftig: Fürmetz: Nachkriegspolizei in Deutschland]. 352 Vgl. Stefan Noethen, Die Gelsenkirchener Polizei zwischen Kriegsende und Verstaatlichung 1945 1953, in: Goch, Gesellschaft, S. 286-313, hier: S. 291-295 [Künftig: Noethen, Gelsenkirchener Poli zei]; Jeffrey S. Richter, „Entpolizeilichung“ der öffentlichen Ordnung. Die Reform der Verwaltungs polizei in der britischen Besatzungszone 1945-1955, in: Fürmetz, Nachkriegspolizei, S. 35-50, hier: S. 35-37; Werkentin, Restauration, S. 40. 353 Vgl. Linck, Ordnung, S. 201-203. In Schleswig-Holstein war die Kriminalpolizei aber nur kurzfristig innerhalb der Einheitspolizei angesiedelt. Vgl. ebd., S. 209. 354 Vgl. Carsten Dams, Die Polizei in Deutschland 1945-1989, in: APuZ 48 (2008), S. 9-14, hier: S. 10. 355 Vgl. Reinke, Polizei-Politik, S. 73; Werkentin, Restauration, S. 42. 356 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 27 f. Zur Bayerischen Landpolizei ferner: Jose Raymund Canoy, f f e Discreet Charm of the Police State. f f e Landpolizei and the Transformation of Bavaria 1945-1965, Studies in Central European Histories, Vol. 41, Leiden/Boston 2007. 357 Vgl. Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 121. Zur Landespolizei in W ürttem berg-Baden ferner: Friedrich Wilhelm, Der Neuauffau der Polizei in der amerikanischen Besatzungszone Baden-W ürt tembergs, in: Archiv für Polizeigeschichte 14 (1994), S. 83-88, hier: S. 84 und 87. Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it sierten und den jeweiligen Innenministern unterordneten.358 Daneben sorgten die Amerika ner auch dafür, dass sich die Staatsgewalt in ihrem Einflussbereich ebenfalls von den verwal tungspolizeilichen Aufgaben trennte und sie auf kommunale Behörden übertrug.359 Sowohl in Hessen als auch in Bayern existierte zudem jeweils noch eine eigene Grenzpolizei, die vor allem die deutsch-deutsche Grenze zu schützen hatte.360 Zwischen Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre übergaben alle westlichen Be satzungsmächte die Polizeihoheit wieder an die einzelnen Länder.361 Das führte dazu, dass die Ordnungsmacht auf Länderebene bald zentralisiert und ab 1951 wieder verstaatlicht wur de. Im Gegensatz zur Reichspolizei des NS-Staats war die Polizei in den einzelnen Bundes ländern dezentral organisiert, aber bald nicht mehr kommunalisiert, wie es Amerikaner und Briten zuvor in ihren Besatzungszonen eingerichtet hatten.362 Nachdem die BRD am 23. Mai 1949 gegründet worden war, blieb die Polizei weiterhin Ländersache. Konnte bereits für die jeweiligen Besatzungszonen konstatiert werden, dass sich in ihnen unterschiedliche Polizei organisationen herausgebildet hatten, lässt sich ein solcher Prozess erst recht in den elf west deutschen Bundesländern feststellen. Sogar ehemals in einer Zone zusammengefasste Län der entwickelten jeweils ihr eigenes System, das sich mehr oder m inder stark an den Polizeikonzepten der Siegermächte orientierte und auch von jenen der innerdeutschen Nach barn abwich. Ähnlich wie in der Weimarer Republik gaben sie einigen Zweigen ihrer Staats gewalt zudem ganz andere Namen als die übrigen Länder. Weil die Bundesländer nun jeweils für ihre Ordnungsmacht zuständig waren, schufen sie ab Ende der vierziger Jahre darüber hinaus auch ihre eigenen Polizeigesetze, welche die alliierten Vorschriften ablösten. Die Po lizeisysteme der einzelnen Länder waren also sehr vielfältig und sie sind es nach wie vor. Des halb kann es an dieser Stelle nicht geleistet werden, deren Besonderheiten aufzuzeigen und sie eingehend miteinander zu vergleichen. So groß ihre Unterschiede en detail auch sein mö gen, verbinden sie jedoch gemeinsame Aufgaben und Ziele.363 Zudem ist auch die Grund struktur der jeweiligen Organisation grenzübergreifend gleich. Jedes Bundesland verfügt über eine Schutz-, Kriminal-, Wasserschutz- und Bereitschaftspolizei sowie ein Landeskriminalamt.364 358 Vgl. Reinke, Polizei-Politik, S. 79. 359 Vgl. Christian Groh, Kommunale Polizei im W iederauftau. Sozialgeschichte der Pforzheimer und Heilbronner Polizei von 1945 bis 1959, Quellen und Studien zur Geschichte der Stadt Pforzheim, Bd. 4, Ubstadt-Weiher 2003, S. 34-40. 360 Vgl. Biernath, Polizei, S. 72; Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 122 und 170. 361 Vgl. Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 116. 362 Vgl. 100 Jahre, S. 77. Ferner: Stefan Noethen, Alte Kameraden und neue Kollegen. Polizei in Nord rhein-Westfalen 1945-1953, Villa ten Hompel. Schriften, Bd. 3, Essen 2003, S. 116 f.; Linck, Ordnung, S. 216. 363 Zur Entwicklung der Polizeien in den einzelnen Bundesländern vgl. u. a. Harnischmacher, Polizeige schichte, S. 135-192. Einen wichtigen Überblick zur Polizeiorganisation in den einzelnen Bundeslän dern liefern zudem die Einzelbeiträge des „Handbuchs der Polizeien Deutschlands“. Vgl. Hermann Groß/Bernhard Frevel/Carsten Dams (Hrsg.), Handbuch der Polizeien Deutschlands, Wiesbaden 2008. 364 Vgl. Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 120. Zur Einrichtung und Geschichte des Landeskriminal amts Nordrhein-Westfalen ferner: Maria Wego, Die Geschichte des Landeskriminalamtes N ordrhein Westfalen, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V., Bd. 1, Hilden 1994; Dies., Entstehung und Entwicklung des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen, in: Nitschke, Po lizei, S. 174-189. 8 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Obwohl es den dezentralen Konzepten der Alliierten widersprach, erhielt auch der Bund seit Beginn der fünfziger Jahre seine eigenen Polizeiorgane.365 Dazu gehört das am 8. März 1951 eingerichtete Bundeskriminalamt (BKA), das unter anderem dafür verantwortlich ist, den Informationsaustausch zwischen den Landeskriminalämtern und bei Bedarf einen landesübergreifenden Einsatz zu koordinieren.366 Der am 16. März 1951 gegründete Bundes grenzschutz (BGS) stellte eine kasernierte Polizeitruppe dar, deren Hauptaufgabe es war, die Grenze zur DDR zu sichern. Nach der deutschen Wiedervereinigung sollte er sich den ehe maligen Grenzschutz der DDR, aber auch die Bahnpolizei einverleiben und im Jahre 2005 schließlich in Bundespolizei umbenannt werden.367 Die Bahnpolizei war bereits von den Al liierten für die einzelnen Besatzungszonen zur polizeilichen Kontrolle des Eisenbahnbetriebs sowie dessen Anlagen eingerichtet und Anfang der fünfziger Jahre von der Deutschen Bun desbahn übernommen worden. Außerdem untersteht dem Bundestagspräsidenten noch eine eigene „Polizei beim Deutschen Bundestag“, die bis 1989 Hausinspektion des Deutschen Bun destages hieß und die Aufgabe hat, das Parlament und dessen Immobilien zu schützen.368 Neben der rein dezentralen Organisation scheiterte insgesamt auch das Vorhaben der Sie germächte, die deutsche Polizei grundlegend zu denazifizieren. Dafür gab es eine Reihe von Gründen: In der unmittelbaren Nachkriegszeit existierten in Deutschland kaum noch ein heimische Polizeikräfte, da viele von ihnen beim Einmarsch der Alliierten geflohen oder an derweitig untergetaucht waren. Für den Vollzugsdienst verblieben nur noch wenige aktive Beamte und Reservisten sowie jene ehemaligen Staatsdiener, welche die Nationalsozialisten bei ihrer Machtübernahme 1933 entlassen hatten und nun häufig in leitende Positionen ge langten. Vielmehr versuchten aber freiwillige Hilfspolizisten das Chaos zu ordnen, die dafür jedoch nicht ausgebildet und nur unzureichend bewaffnet waren. In der gefährlichen Um bruchphase nach der deutschen Kapitulation mussten einige sogar dafür mit ihrem Leben bezahlen. Wenngleich mit den Hilfspolizisten und den vom NS-Regime verdrängten Beam ten neue Kräfte in die Ordnungsmacht gelangten, war dieser personelle Neuanfang nur von kurzer Dauer. Denn der große Personalmangel führte dazu, dass in die Staatsgewalt wieder Männer zurückkehren konnten, die zuvor noch als Himmlers „Polizeisoldaten“ gedient hat ten. Unter ihnen befanden sich sogar Polizisten, die teilweise schwer belastet waren, weil sie sich an Kriegsverbrechen und am Judenmord beteiligt hatten. Die Alliierten wollten zwar verhindern, dass solche Bewerber wieder in den Dienst gelangten. Auch Angehörige der Ge stapo und der NSDAP sowie SS-Führer sollten dazu keine Chance mehr haben, sondern stattdessen verhaftet und in ein Internierungslager verbracht werden. tteoretisch war es ehe maligen Polizeioffizieren nicht mehr möglich, wieder ihr Amt zu bekleiden. Denn unter ei nen automatischen Arrest fiel jeder Offizier von Ordnungs- und Kriminalpolizei, der den Rang eines Oberleutnants oder einen höheren Dienstgrad besessen hatte. Betroffen waren außerdem jene polizeilichen Oberbeamten, die gleichzeitig der Schutzstaffel angehört und einen entsprechenden Dienstgrad innegehabt hatten. Praktisch gelangten aber auch solche 365 Vgl. dazu Hans Lisken/Hans-Jürgen Lange, Die Polizeien des Bundes, in: Lange, Staat, S. 151-166, hier: S. 152-156. 366 Vgl. Manfred Klink, Bundeskriminalamt, in: Groß, Handbuch, S. 516-554, hier: S. 516 f. und 521 f.; Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 193-196. 367 Vgl. Andreas Peilert/Willy Kösling, Bundespolizei - vormals Bundesgrenzschutz, in: Groß, Handbuch, S. 555-590, hier: S. 555-557. Ferner zur Entstehung des BGS: Arved F. Semerak, Entstehung und Ent wicklung des Bundesgrenzschutzes bis zum Einsatz in Mogadischu, in: Nitschke, Polizei, S. 258-274, hier: S. 259-267; Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 200-208. 368 Vgl. Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 210-215. 90 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it Kandidaten bereits 1945 wieder in den Staatsdienst, weil sie ihre Vergangenheit verheimlich ten oder darüber logen. Wenn ihre Personalunterlagen während des Krieges abhanden ge kommen waren, hatten sie ein umso leichteres Spiel, sich als unschuldige Beamte in den po litischen Prüfverfahren zu inszenieren, in denen die Siegermächte Nationalsozialisten aufzuspüren versuchten.369 Die westalliierte wie auch die deutsche Entnazifizierungspolitik scheiterte auch deshalb, weil sich die Spruchkammerverfahren als ungeeignet erwiesen, die Täter aus den Reihen der Polizei auszusondern. Stattdessen konnten viele von ihnen weiterhin ihren Beruf ausüben, wozu später auch die junge Bundesrepublik selbst beitrug. Dafür verantwortlich war insbe sondere der Umstand, dass der Bundestag am 11. Mai 1951 das Gesetz zum Artikel 131 des Grundgesetzes (GG) verabschiedete. Es verschaffie ehemaligen Beamten des „Dritten Reichs“ einen Anspruch darauf, wiedereingestellt zu werden, sofern sie nach Kriegsende ihr Amt ver loren hatten und seitdem nicht wieder oder nicht gemäß ihrer früheren Position beschäftigt worden waren. Auf diese Weise gelangten auch schwer belastete Akteure wieder in den Staats dienst, die ihre Karrieren einfach fortführen konnten.370 Der Anteil der einstigen Staatsdiener des „Dritten Reichs“ in der bundesdeutschen Ord nungsmacht konnte dabei teilweise ziemlich hoch ausfallen. In der Polizei von Bonn etwa lag dieser Anfang der fünfziger Jahre bei über 60 %, wobei fast alle Oberbeamten bereits im NS-Staat gedient hatten.371 Obwohl die ehemaligen Angehörigen der Gestapo ausdrücklich von den gesetzlichen Regelungen ausgeschlossen waren, konnte schätzungsweise knapp die Hälfte von ihnen als „131er“ wieder für die Staatsgewalt tätig werden.372 Etlichen von ihnen war es sogar möglich, sensible Posten im 1950 in Köln errichteten Bundesamt für Verfas sungsschutz zu bekleiden, wodurch sie in diesem Inlandsgeheimdienst erneut die eigene Be völkerung überwachen konnten.373 Auch war es für die meisten Kriminalisten des NS-Staats problemlos möglich, nach Kriegsende rasch wieder ihren Weg zurück in den Polizeidienst zu finden.374 Zahlreiche hochrangige Vertreter von Heydrichs Sicherheitspolizei gelangten 369 Vgl. Noethen, Gelsenkirchener Polizei, S. 289 und 303 f.; Ders., Die Bonner Polizei 1945-1953, in: Schloßmacher, Farbe, S. 371-410, hier: S. 374-376 [Künftig: Noethen, Bonner Polizei I]. Ferner: Ders., Die Bonner Polizei und das Kriegsende 1945, in: Schloßmacher, Farbe, S. 359-369, hier: S. 368 [Künf tig: Noethen, Bonner Polizei II]. 370 Vgl. M artin Hölzl, Legenden m it Langzeitwirkung. Die deutsche Polizei und ihre NS-Vergangenheit, in: Dierl, Ordnung, S. 90-101, hier: S. 94; Klaus Weinhauer, Schutzpolizei in der Bundesrepublik. Zwi schen Bürgerkrieg und Innerer Sicherheit: Die turbulenten sechziger Jahre, Paderborn 2003, S. 121 125. Stefan Noethen zeigt am Beispiel von Nordrhein-Westfalen detailliert auf, welche konkreten In halte und Konsequenzen das Gesetz zum Artikel 131 des GG für die hiesige Polizei besaß. Vgl. Noethen, Kameraden, S. 365-414. Zu den allgemeinen Regelungen zum Artikel 131 des GG ausführlicher: Frei, Vergangenheitspolitik, S. 69-100. Zur Wiedereinstellung von belasteten Polizisten ferner: Gregor Wensing, Belastete Polizeibeamte im Nachkriegsdeutschland, in: Egon ^ ie l/D e rs . (Hrsg.), Im Dienste der Sicherheit. Die Polizei in Deutschland nach 1945. Begleitschrift zur 15. Ausstellung des Rheinischen Sammlerkreises in Zusammenarbeit m it der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte im Kulturund Medienzentrum der Stadt Pulheim vom 4.-5. Mai 2013, Pulheim 2013, S. 41-44, hier: S. 42. 371 Vgl. Stefan Noethen, Die Reorganisation der Polizei im Nachkriegsdeutschland am Beispiel der Stadt Bonn, in: ^hiel, Dienste, S. 45-46, hier: S. 45; Ders., Bonner Polizei I, S. 400. 372 Vgl. Dams, Gestapo, S. 191 f. 373 Vgl. Patrick Wagner, Ehemalige SS-Männer am „Schilderhäuschen der Demokratie“? Die Affäre um das Bundesamt für Verfassungsschutz 1963/64, in: Fürmetz, Nachkriegspolizei, S. 169-198, hier: S. 170 175. 374 Vgl. Ders., Die Resozialisierung der NS-Kriminalisten, in: Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozes se in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945-1980, Moderne Zeit. Neue For- 91 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k sogar in exponierte Stellen des BKA, obwohl sich unter ihnen einige Täter befanden, die im „auswärtigen Einsatz“ Einheiten geleitet oder teilweise selbst gemordet hatten.375 Einige die ser Männer bemühten sich seit Anfang der fünfziger Jahre auch darum, die kriminalpräven tiven Konzepte des NS-Staats in der Bundesrepublik zu reaktivieren, indem sie erneut Jagd auf „Berufsverbrecher“ machen und diese in Vorbeugehaft nehmen wollten. In den sechzi ger Jahren scheiterten solche Initiativen jedoch letztlich am Widerstand der Justiz.376 Den noch war es den Tätern von einst sogar Jahrzehnte nach Kriegsende noch möglich, ihre Op fer weiter zu schikanieren und zu verfolgen. Homosexuelle, aber auch Sinti und Roma sahen sich auch nach 1945 vonseiten der Staatsmacht kriminalisiert.377 Aus naheliegenden Gründen schwiegen sich die Täter beharrlich über ihre kompromittier te Vergangenheit aus und deckten auch andere Kollegen. Als Einzelne ins Visier der deut schen Strafverfolger gerieten, bildeten sich sogar konspirative Zirkel aus ehemaligen Polizis ten des NS-Regimes, die es sich zur Aufgabe machten, ihre alten „Kameraden“ vor den Ermittlungen zu warnen, was diese sehr erschwerte. In den entsprechenden Dienststellen waren jene Staatsanwälte und Polizeibeamten überaus unbeliebt, die gegen mutmaßliche NS- Verbrecher in deren Reihen ermittelten. Es kam durchaus vor, dass diese Polizeibehörden die Recherchen erheblich behinderten, indem sie etwa Personalunterlagen zurückhielten oder in Teilen zerstörten. Außerdem sprachen sich Verdächtige dahingehend ab, was sie bei der Vernehmung oder vor Gericht zu sagen hatten, um möglichst straffrei aus den Verfahren her vorzugehen. Bei solchen Gelegenheiten bekannte sich kaum ein Angeklagter zu seiner Schuld.378 „Die Solidargemeinschaft der Täter“ bestand also auch nach Kriegsende lange fort.379 Während die DDR gerichtlich gegen belastete Polizisten wesentlich entschlossener vorging und schärfer urteilte, litt die strafrechtliche Verfolgung in Westdeutschland an zahlreichen weiteren Schwierigkeiten, die meist selbstgemacht waren: Obwohl bereits durch alliierte Kriegsverbrecherprozesse bekannt geworden war, dass die Ordnungspolizei für zahlreiche Verbrechen verantwortlich zeichnete, wurden die allermeisten bundesdeutschen Verfahren erst in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren begonnen. Die Untaten der NS- Schergen drohten dadurch bald zu verjähren, was beim Tatbestand des Totschlags im Mai 1960 auch tatsächlich geschah. Die Verjährungsfrist für Mord hingegen verschob der Bun destag zunächst und verlängerte sie dann, bis sie 1979 vollständig wegfiel. Hinzu kam, dass sich in der Gesellschaft bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit sowohl ein „Gnadenfie ber“ als auch eine Schlussstrichmentalität breitgemacht hatten, was sich in den fünfziger Jah ren noch verstärkte. Gegen die ehemaligen „Polizeisoldaten“ verhandelten zudem häufig Richter und Staatsanwälte, die selbst aufgrund ihrer NS-Vergangenheit belastet und daher wenig ambitioniert waren, wirklich für Gerechtigkeit zu sorgen. Weil sich die oftmals äu ßerst umfangreichen und langwierigen Ermittlungen schwierig gestalteten und häufig schlam pig geführt wurden, waren viele Fälle von vornherein zum Scheitern verurteilt und wurden schungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 1, Göttingen 2002, S. 179-213, hier: S. 184. 375 Vgl. dazu Dieter Schenk, Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, Köln 2001. 376 Vgl. Wagner, Kriminalisten, S. 171-183; Ders., Ein ziemlich langer Abschied. Das Bundeskriminal am t und die konzeptionellen Traditionen der NS-Kripo, in: Bundeskriminalamt, Bundeskriminalamt, S. 95-110, hier: S. 101-104. 377 Vgl. Joachim Schröder, Neue Polizei - neues Denken? Kontinuitäten und Wendepunkte, in: Ders., Po lizei, S. 179-185, hier: S. 179-183; Sparing, Dienststelle, S. 560 f. Ferner: Lewy, Verfolgung, S. 331-336. 378 Vgl. Willi Dreßen, Probleme und Erfahrungen der Ermittler bei der A uftlärung von NS-Gewaltverbrechen, in: Archiv für Polizeigeschichte 14 (1994), S. 75-83, hier: S. 78-82. 379 Lichtenstein, Helfer, S. 207. Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it daher in ihrer Mehrzahl eingestellt.380 Das lag nicht zuletzt daran, dass sich viele Beschuldig te erfolgreich auf einen angeblichen Befehlsnotstand beriefen. Dementsprechend behaupte ten sie, die verbrecherischen Befehle deshalb nicht verweigert, sondern ausgeführt zu haben, weil sie sonst selbst getötet worden wären. Allerdings konnte bislang kein einziges Ereignis ermittelt werden, bei dem das tatsächlich der Fall war. Doch die Strafverfolger gestanden den Staatsdienern zu, zur Zeit der Taten fälschlicherweise davon überzeugt gewesen zu sein, sich im Befehlsnotstand zu befinden, was als sogenannter Putativnotstand bezeichnet wird.381 Wenngleich sich die deutsche Gesellschaft in den sechziger und siebziger Jahren zunehmend für die NS-Vergangenheit interessierte, führten diese Impulse nicht dazu, dass die deutsche Justiz polizeiliche Verbrechen adäquat aufarbeitete. Stattdessen sorgte eine Strafrechtsreform im Jahre 1968 dafür, dass Haupttäter zu einfachen Gehilfen degradiert wurden. Die ohnehin zahlenmäßig überschaubaren Prozesse gegen die Angehörigen von Polizeieinheiten endeten meist in Freisprüchen. Nur sehr wenige Täter wurden überhaupt verurteilt.382 Die Alliierten mussten sich aber nicht nur von ihrem Wunschbild einer entnazifizierten Polizei, sondern auch recht bald vom Ideal einer entmilitarisierten deutschen Staatsgewalt verabschieden. Dabei hatten die Anfänge in der frühen Besatzungszeit ziemlich vielverspre chend ausgesehen. In dieser Phase schaffien sie z. B. die militärischen Ränge für Polizeioffi ziere ab und ersetzten sie durch weniger martialisch klingende Dienstgrade. So wurde etwa aus einem Leutnant zunächst ein Inspektor und zu Beginn der fünfziger Jahre schließlich ein Kommissar, wie er auch heute noch existiert.383 Solche Titel können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ordnungsmacht rasch wieder Züge einer Ersatzarmee im Landesinnern erhielt. Ursächlich dafür waren zunächst einmal die chaotischen Verhältnisse, die in Deutschland nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ herrschten. In den Nachkriegs wirren stieg die Kriminalität stark an, mit der es naturgemäß die Polizei aufnehmen musste. Daran hatte nicht zuletzt der Schwarzmarkt einen großen Anteil. Er florierte seinerzeit, weil die Bevölkerung vor allem unter der prekären wirtschaftlichen Situation litt, in der Lebens mittel und andere dringend benötigte Waren besonders im Winter knapp waren, weil die A l liierten sie streng rationierten. Da die Menschen sich mit zusätzlichen Gütern versorgen woll ten, entstand recht schnell der illegale Handel, in dessen Peripherie es zu weiteren Verbrechen wie Diebstählen und Einbrüchen kam.384 Solche und weitere Straftaten gingen nicht nur von Deutschen, sondern oftmals auch von Displaced Persons (DPs) aus, die als ausländische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Juden, Fremd- oder Zwangsarbeiter unter dem NS-Terror gelitten hatten und nach Kriegsende in Deutschland verblieben waren. Aber auch Soldaten und andere Vertreter der Besatzungsmächte wurden häufig gegenüber der einheimischen Bevölkerung straffällig.385 380 Zu den Ursachen für das Scheitern der meisten Verfahren vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 421-447. 381 Vgl. ebd., S. 18, 60 f. und 446 f. 382 Vgl. Andreas Mix, Erfolgsstory oder Skandalgeschichte? Die strafrechtliche Aufarbeitung der Polizei verbrechen, in: Dierl, Ordnung, S. 78-89, hier: S. 86-88. 383 Vgl. Noethen, Gelsenkirchener Polizei, S. 308. 384 Vgl. Volker Zimmermann, Sicherheit und Ordnung in der Übergangsgesellschaft - Die Schutzpolizei in Düsseldorf nach dem Zweiten Weltkrieg (1945/46), in: Dams, Dienst, S. 335-356, hier: S. 336 f. 385 Vgl. Gerhard Fürmetz, „Besondere Gefährdung der Polizeibeamten“ - Alltägliche Gewalt gegen Poli zisten im frühen Nachkriegsdeutschland, in: Alf Lüdtke/Herbert Reinke/Michael Sturm (Hrsg.), Po lizei, Gewalt und Staat im 20. Jahrhundert, Studien zur Inneren Sicherheit, Bd. 14, Wiesbaden 2011, S. 131-144, hier: S. 134; Werkentin, Restauration, S. 30-34. Zur damaligen Sicherheitslage und Kri 93 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Um diesen Missständen entgegenzutreten, mussten die Siegermächte eine neue Polizei konzeption implementieren, die jedoch von ihrem ursprünglichen Ideal einer unmilitäri schen Ordnungsmacht nach und nach immer deutlicher abweichen sollte. Trotz des großen Personalmangels innerhalb der deutschen Staatsgewalt wollten etwa die Briten in ihr keine früheren Offiziere und Berufssoldaten der Wehrmacht sowie Angehörige der Landespolizei beschäftigen. Für sie waren diese zu eng mit der deutschen Armee verbunden gewesen. Bis 1950 ließ die Militärregierung diese Restriktionen jedoch wieder fallen.386 Obwohl sie zu nächst beschlossen hatte, die deutschen Gesetzeshüter insgesamt in ihrer Zone nicht mit Schusswaffen auszustatten, musste sie diese Position angesichts der zunehmenden Schwer kriminalität bereits im Herbst 1945 revidieren. Nur wenige Monate nach dem Zusammen bruch des „Dritten Reichs“ erhielten zumindest einige Polizisten von ihren ehemaligen Geg nern unter bestimmten Auflagen wieder Pistolen und Gewehre. Erst als sich der Kalte Krieg verschärfte, ließen die Westmächte ihre letzten Bedenken fallen und erlaubten es der gesam ten Ordnungsmacht, Schusswaffen zu tragen. Für diesen Sinneswandel war maßgeblich der Umstand verantwortlich, dass die deutsche und westalliierte Schicksalsgemeinschaft ein ge meinsames Feindbild hatte.387 Denn im Nachkriegsdeutschland konnte der Antikommunismus nahtlos fortbestehen, der bereits in der Weimarer Republik existiert hatte und im „Dritten Reich“ sogar zur Staatsdok trin erhoben worden war. Auch nach dessen Zusammenbruch fürchteten sich große Teile der deutschen Politik und der Gesellschaft davor, dass es zu einem kommunistischen Um sturz kommen könnte. Der sich allmählich verschärfende Ost-West-Konflikt tat ein Übriges, um diese Angst noch weiter zu schüren. Der Beginn des Koreakriegs im Juni 1950 führte der jungen Bundesrepublik vor Augen, dass sich ein solcher Stellvertreterkrieg auch an der deutsch-deutschen Grenze ereignen könnte.388 Damals verfügte sie aber noch nicht über eine eigene Armee. Dennoch musste sie auf den Umstand reagieren, dass die DDR mit der Ka sernierten Volkspolizei (KVP) zuvor schon quasimilitärische Verbände eingerichtet hatte, aus denen am 18. Januar 1956 die Nationale Volksarmee (NVA) hervorgehen sollte. Von den Westalliierten ermächtigt bauten die einzelnen Länder der BRD deshalb zu Beginn der fünf ziger Jahre mit der Bereitschaftspolizei wieder kasernierte Polizeieinheiten auf, aus denen sich außerdem auch der Nachwuchs für den Einzeldienst rekrutierte. In Form des BGS be kam auch der Bund seine eigene Grenz- und Truppenpolizei, die teilweise in die am 12. No vember 1955 gegründete Bundeswehr überführt wurde.389 A uf diesem Wege erhielt die deut sche Ordnungsmacht erneut einen militärischen Zuschnitt. Weil die alten antikommunistischen Feindbilder fortlebten und die Polizei remilitarisiert wurde, brachte dies aber schon bald im Landesinnern einige Probleme mit sich, die darauf hindeuten, dass zahlreiche Gesetzeshüter wenig demokratisch eingestellt waren. Die deut m inalität speziell in Flensburg ferner: Linck, Ordnung, S. 286-317. Zur Kriminalität im Pforzheim und Heilbronn der Nachkriegsjahre ferner: Groh, Polizei, S. 138-179. 386 Vgl. Stefan Kaufmann, Stunde Null? Abgelehnte Wiedereinstellungsgesuche Düsseldorfer Polizisten 1945-1951, in: Dams, Dienst, S. 357-379, hier: S. 361 f. 387 Vgl. Noethen, Gelsenkirchener Polizei, S. 296-298. 388 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 104-107 und 112. 389 Vgl. Fritz Kopp, Chronik der Wiederbewaffnung in Deutschland. Daten über Polizei und Bewaffnung 1945-1958. Rüstung der Sowjetzone - Abwehr des Westens, Sonderausgabe für das Bundesministeri um für gesamtdeutsche Fragen, Köln 1958, S. 5-8; Raible, Geschichte, S. 128-138; Kraus, Geschichte, S. 146. Zur W iederaufrüstung in der DDR über die Polizei ferner: Kurt Arlt, Zur Aufstellung m ilitä risch ausgebildeter Polizeiformationen in der SBZ/DDR 1948 bis 1952, in: Nitschke, Polizei, S. 207 230. 9 4 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it sche Staatsgewalt sah sich in der jungen Bundesrepublik nämlich mit neuen gesellschaftli chen Phänomenen konfrontiert, die aus ihrer Sicht die innere Sicherheit und Ordnung be drohten. Insbesondere die junge Generation schickte sich an, gegen das traditionelle Gesellschafts- und Wertesystem in Deutschland aufzubegehren und für einen Wandel ein zutreten. Zu Beginn der fünfziger Jahre ging die Polizei gegen Kundgebungen von politisch linksgerichteten Organisationen vor, zu denen vor allem die KPD und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) zählten. Bei solchen Einsätzen orientierte sich die neu aufgestellte Bereitschafts polizei an Verhaltensweisen, die noch aus der Weimarer Ordnungsmacht stammten. Ihr kom promissloses Einschreiten führte sogar zu einem Fall außergewöhnlicher Härte, der in der Geschichte der Bundesrepublik einmalig ist: Bei einer Demonstration in Essen tötete die Po lizei am 11. Mai 1952 einen Teilnehmer und verletzte weitere, nachdem der Einsatzleiter sei nen Untergebenen befohlen hatte, gezielt mit der Schusswaffe gegen die Menge vorzugehen.390 In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre führten die „Halbstarken-Krawalle“ zum Aufruhr einer jugendlichen Subkultur. A uf sie reagierte die Polizei ziemlich ratlos und mit übertrie bener Härte, indem sie gegen Aufläufe der mehr oder minder stark aufsässigen Jugendlichen gewaltsam vorging.391 Ähnlich verhielt sich die Münchner Stadtpolizei anlässlich der „Schwabinger Krawalle“ im Juni 1962, als sie rabiat gegen mehrere tausend meist junge Menschen einschritt. Nachdem diese ursprünglich gegen die aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Festnah me von Straßenmusikern protestiert hatten, provozierten sie fünf Tage lang gezielt die Staats macht, indem sie etwa den Verkehr blockierten. Orientiert an überkommenen Einsatzkon zepten, Leit- und Feindbildern trat die Polizei der Menge entschieden entgegen und löste die Versammlungen brachial auf.392 Eine derartige Eskalation wollte die bayerische Landeshaupt stadt künftig vermeiden. Daher entwickelte deren Polizeipräsident Manfred Schreiber mit der „Münchner Linie“ ein liberaleres Konzept, nach dem die Ordnungsmacht mäßigend auf Protestler einzuwirken und dadurch den Einsatz von Gewalt möglichst zu verhindern hatte. Wenngleich sich diese Vorgehensweise in der Folgezeit in München durchaus bewährte, spitz te sich andernorts das politische Protestgeschehen weiter zu.393 Die Staatsgewalt stieß vor al lem ab Mitte der sechziger Jahre mit jungen Bundesbürgern zusammen, weil obsolete Denkund Verhaltensweisen das polizeiliche Vorgehen in Westdeutschland auch weiterhin bestimmten. Diese prägten z. B. die Einsätze der Ordnungsmacht anlässlich der „Beatkra walle“ in den Jahren 1965 bis 1967. Als ihre Gegner betrachtete die Polizei in dieser Phase ins 390 Vgl. Udo Behrendes/Manfred Stenner, Bürger kontrollieren die Polizei?, in: Leßmann-Faust, Polizei, S. 45-88, hier: S. 60. Ferner: Belinda Davis, Polizei und Gewalt auf der Straße. Konfliktmuster und ihre Folgen im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Lüdtke, Polizei, S. 81-103, hier: S. 97 f. 391 Vgl. ffo m as Grotum, Autoritätsverlust? Die westdeutsche Polizei und jugendliches Protestverhalten in den 1950er Jahren, in: Ute Schneider/Lutz Raphael (Hrsg.), Dimensionen der Moderne. Festschrift für Christof Dipper, Frankfurt am Main 2008, S. 529-546, hier: S. 529-541; Ders., Jugendliche O rd nungsstörer. Polizei und „Halbstarken“-Krawalle in Niedersachsen 1956-1959, in: Fürmetz, Nach kriegspolizei, S. 277-302, hier: S. 287-294. 392 Vgl. Michael Sturm, „Wildgewordene Obrigkeit“? Die Rolle der Münchner Polizei während der „Schwabinger Krawalle“, in: Gerhard Fürmetz (Hrsg.), „Schwabinger Krawalle“. Protest, Polizei und Öffent lichkeit zu Beginn der 60er Jahre, Villa ten Hompel. Schriften, Bd. 6, Essen 2006, S. 59-105, hier: S. 59 71; Stefan Hemler, Auftegehren einer Jugendszene. Protestbeteiligte, Verlauf und Aktionsmuster bei den „Schwabinger Krawallen“, in: Fürmetz, Krawalle, S. 25-57, hier: S. 31-43. 393 Vgl. Michael Sturm, Tupamaros München: „Bewaffneter Kampf“, Subkultur und Polizei 1969-1971, in: Klaus Weinhauer/Jörg Requate/Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Terrorismus in der Bundesrepub lik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Campus Historische Studien, Bd. 42, Frank furt am Main 2006, S. 99-133, hier: S. 113 f. Zu den konkreten M ünchner Reformen ferner: Ders., Ob rigkeit, S. 100-104. 95 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k besondere nonkonformistische Jugendgruppen, zu denen etwa die „Gammler“ und die „Ro cker“ zählten. Mit geschlossenen Verbänden schritt sie aber vor allem gegen protestierende Studenten recht gewaltsam ein, da sie fürchtete, dass die politisch ausgerichteten Demonst rationen von Kommunisten gelenkt sein könnten. Zu einem Umdenken konnte sie sich nur sehr zögerlich durchringen.394 Dass die Polizei der ersten Nachkriegsdekaden an den traditionellen Mentalitäten und Ver fahrensweisen festhielt, muss in einem größeren Kontext gesehen werden. Denn sie vermied es lange, sich seriös und ohne verklärendes Pathos ihrer Rolle im „Dritten Reich“ zu stellen. Stattdessen verherrlichte sie die Weimarer Ordnungsmacht als Idealtyp der deutschen Poli zei, an deren Vorbild sie sich orientieren wollte, um sich dadurch möglichst stark vom nati onalsozialistischen Terrororgan abzugrenzen. Zum Weimarer Beispiel bekannten sich be sonders jene vor 1912 geborenen Führungsbeamten, die bereits in den zwanziger Jahren in den Polizeidienst getreten und darin sozialisiert worden waren. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren versuchten diese „Patriarchen“, wie Klaus Weinhauer sie nennt, am Berufs und Männlichkeitsbild sowie am Führungsstil der ersten deutschen Demokratie festzuhal ten und diese in die zweite hineinzuretten. Für sie waren traditionelle Tugenden wie etwa Disziplin, Tatkraft, Sauberkeit, Ordnung sowie ein kameradschaftlicher Gemeinsinn und Zu sammenhalt essentiell. Der Oberbeamte sollte sich demgemäß besonders als fachkundiger, verantwortungsbewusster, gerechter und vorbildlicher Führer hervortun. An politischen und allzu stark militärischen Attributen waren sie bei den bundesdeutschen Gesetzeshütern aber nicht mehr interessiert, um sich dadurch von den ideologisch geleiteten „Polizeisoldaten“ des NS-Staats abgrenzen zu können.395 Anfang der siebziger Jahre bemühten sich dagegen die meist erst nach Kriegsende in die Polizei gelangten „Modernisierer“ darum, das „Weimarer Modell“ zu überwinden und die Ordnungsmacht zu reformieren. Diese hauptsächlich im höheren Dienst beschäftigten Be amten waren vorwiegend in den zwanziger Jahren geboren und setzten mehr auf das Ideal eines teamorientierten, leistungsbereiten, flexiblen und eigenständigen Polizisten. Ihm soll te seine Behörde ganz offen alle wichtigen Informationen für seinen Einsatz kommunizie ren und ihn nicht mehr nur als gehorsamspflichtigen Befehlsempfänger wahrnehmen. Da mit knüpften sie an einen Prozess an, der sich bereits Mitte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels vollzogen und tech nisch-organisatorische Fortschritte innerhalb der Polizei erzielt hatte. Zumindest im urba nen Raum orientierte sie sich seinerzeit weg vom unzeitgemäßen Fuß- hin zum motorisier ten Funkstreifendienst und zugleich von kleineren hin zu personalstärkeren und effizienteren Großrevieren. Auch solche Maßnahmen halfen dabei, den Einfluss der „Patriarchen“ zu re duzieren und die Polizei insgesamt zu modernisieren. Denn gerade ältere Polizisten waren es, die den studentischen Protestlern sehr ablehnend gegenüberstanden und sich einen star ken Staat wünschten, der entschieden gegen diese vermeintliche Bedrohung vorgehen soll te. Im Gegensatz dazu kritisierten die „Modernisierer“ eine solch autoritäre Interpretation von Staat und Gesellschaft. Stattdessen plädierten sie dafür, gelassener auf die neue Demons trationskultur zu reagieren.396 Die konservativen Ansichten sollten sich innerhalb der Ordnungsmacht jedoch auch noch in den siebziger Jahren als sehr hartnäckig erweisen. Als die „Patriarchen“ in dieser Dekade 394 Vgl. Weinhauer, Schutzpolizei, S. 283-315. 395 Vgl. ebd., S. 102-116 und 127-145. 396 Vgl. ebd., S. 116-120, 223-237 und 321 f. 9 6 Die Gesch ichte de r d eu tschen Polize i v o n d e r W eim arer Republik bis in die Nachk rie g sze it in Pension gingen, verlor die Staatsgewalt zwar an militärischen Charakterzügen. Doch erst als die „Modernisierer“ ihnen im nächsten Jahrzehnt nachfolgten, wandelten sich auch zen trale Elemente der polizeilichen Denkweisen und Selbstdefinitionen.397 Im Zuge des allge meinen politischen und bürokratischen Strukturwandels in der Bundesrepublik seit Ende der sechziger Jahre vollzogen sich dennoch essentielle Reformen innerhalb der deutschen Polizei. Sie zielten darauf ab, diese zu einer zivileren und bürgernahen Institution zu formen. In den siebziger Jahren wurde sie personell deutlich verstärkt, professioneller organisiert und mit erweiterten rechtlichen Kompetenzen sowie neuen computerbasierten Technologien aus gestattet, die sich auch auf die Fahndungs- und Einsatzkonzepte auswirkten. Der linksextre mistische Terrorismus bremste diesen Wandel zwar deutlich, konnte ihn aber letztlich nicht aufaalten.398 Vielmehr sollten außergewöhnliche Kriminalfälle und Anschläge wie das Atten tat auf die Olympischen Spiele 1972 dazu führen, dass sich die Polizei ausdifferenzierte. So erhielt der BGS mit der Grenzschutzsondergruppe (GSG) 9 eine eigene Spezialeinheit, wäh rend jede Länderpolizei ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) und ein Sondereinsatzkom mando (SEK) bekam. Zugleich erlangte die Staatsgewalt auf Landesebene noch einmal ei nen zentralistischeren Zuschnitt, indem etwa die einzelnen Gem einden der ehemals amerikanisch besetzten Länder ihre Kommunalpolizeien bis Mitte des Jahrzehnts auflösten und verstaatlichten.399 Als letzte Kommune verabschiedete sich München im Jahre 1975 von ihrer Stadtpolizei.400 Die deutsche Ordnungsmacht löste sich in dieser Phase darüber hinaus zunehmend von der Ansicht, für einen möglichen Bürgerkrieg in Deutschland gewappnet sein zu müssen.401 Einen wichtigen Grundstein dafür hatten die Notstandsgesetze des Jahres 1968 gelegt. Diese Grundgesetzänderung regelte unter anderem, dass neben der Polizei bei inneren Unruhen auch die Bundeswehr eingesetzt werden konnte. In der Folge entledigte sich die Polizei ihres paramilitärischen Charakters und fokussierte sich verstärkt auf den Ein zeldienst in den Revieren.402 Bis zu dieser liberalen Exekutivgewalt war es ein langer Weg, der erst um die Wendezeit dazu führte, dass sich die deutsche Polizei allmählich ihrer Vergan genheit stellte.403 397 Vgl. Ders., Zwischen „Partisanenkampf“ und „Kommissar Com puter“: Polizei und Linksterrorismus in der Bundesrepublik bis Anfang der 1980er Jahre, in: Ders., Terrorismus, S. 244-270, hier: S. 264. 398 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 194-201. 399 Vgl. Weinhauer, Partisanenkampf, S. 247. 400 Vgl. Fürmetz, Nachkriegspolizei in Deutschland, S. 8. 401 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 188. 402 Vgl. Udo Behrendes, Orientierungspunkte auf dem Weg von der Staats- zur Bürgerpolizei, in: Schloß macher, Farbe, S. 411-462, hier: S. 435 f. Ferner: Werkentin, Restauration, S. 141-184. 403 Siehe dazu Kapitel 1.1. 97

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.