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Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 535 - 562

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-535

Tectum, Baden-Baden
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8. Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern 8.1 Die Reorganisation des polizeilichen Ausbildungswesens nach 1945 In die deutsche Nachkriegspolizei gelangte eine große Zahl von Männern, die bereits im NS- Staat in grüner Uniform gedient hatten. Obwohl viele von ihnen zum Teil erheblich belastet waren, konnten die meisten ihre Karrieren unbehelligt fortführen.2899 Es waren keineswegs nur ehemalige Offiziere aus Fürstenfeldbruck, die nach 1945 in der neuen demokratischen Ordnungsmacht tätig werden konnten. Insgesamt etwa drei Viertel aller bayerischen Polizis ten, die nach Kriegsende wegen ihrer Rolle im „Dritten Reich“ zunächst aus dem Amt ent fernt worden waren, gelangte später wieder in den Staatsdienst.29 00 Wie beeinflusste die Ver gangenheit speziell in Bayern das Ausbildungswesen der Nachkriegspolizei? Welche Relikte der Weimarer Demokratie und der NS-Diktatur konnten sich in diesen Bereich hineinret ten? Fanden sich in ihm nicht nur belastete Ausbilder und Lehrer wieder, sondern auch In halte von einst? Zwar können solche wichtigen Fragen an dieser Stelle nicht erschöpfend be antwortet werden. Doch der folgende knappe Überblick soll zumindest skizzieren, wie sich die Ausbildung gerade an der Polizeischule Fürstenfeldbruck in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende entwickelte und welche „Altlasten“ aus der Zeit vor 1945 dabei zum Vorschein kamen. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs suchten die Alliierten händeringend nach neuem Personal für die deutsche Ordnungsmacht, konnten den hohen Bedarf aber kaum decken. Für viele potentielle Kandidaten war die gefährliche Tätigkeit in Uniform nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ wenig attraktiv. Einerseits war die Polizei bei ihnen recht un beliebt und andererseits schien sie ihnen als Arbeitgeber wegen des geringen Gehalts zudem unrentabel zu sein. Im Jahre 1945 erhielten die wenigen Anwärter in den einzelnen Besat zungszonen zunächst nur eine recht notdürftige Ausbildung, die nur wenige Monate dauerte.2901 In dieser Umbruchphase entstanden dort auch die ersten Polizeischulen, deren Lehr gänge noch ziemlich improvisiert und behelfsmäßig organisiert waren.2902 In den frühen Kursen bildete die Staatsgewalt aber nicht nur neue Anwärter aus, sondern frischte auch die beruflichen Kenntnisse bei einigen Polizisten auf, die sich längst schon im Dienst befanden.2903 Dennoch war es beispielsweise den Briten sehr wichtig, das polizeiliche Ausbildungswesen in ihrem Einflussbereich grundlegend zu reformieren. Wenngleich sie besonders erpicht da 2899 Siehe dazu Kapitel 2.3 und 7. 2900 Vgl. Susanne Meinl/Joachim Schröder, „Einstellung zum demokratischen Staat: Bedenkenfrei“. Zur Frühgeschichte des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz (1949-1965), hrsg. v. Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, München 2013, S. 4. 2901 Vgl. Zimmermann, Sicherheit, S. 341 f. 2902 Vgl. Falter, Chronik, S. 103; Linck, Ordnung, S. 269 f.; Groh, Polizei, S. 80-84. 2903 Vgl. Linck, Ordnung, S. 270. 535 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank rauf waren, den neuen Gesetzeshütern durch ihre deutschen Lehrkräfte ein demokratisches und rechtsstaatliches Wertesystem zu vermitteln, verlief der entsprechende Unterricht nur unbefriedigend. Auch nachdem die Hoheit über die polizeilichen Lehranstalten im Januar 1947 auf die Länder der Zone übergegangen war, änderte sich daran kaum etwas. Weil die Allgemeinbildung bei vielen Anwärtern ebenfalls äußerst zu Wünschen übrig ließ, bemühte sich etwa die Polizei in NRW darum, diese Missstände zu beseitigen, indem sie das bisheri ge Lehrkonzept überarbeitete und neue Vorschriften erließ. Wirklich fruchten konnten die se Initiativen jedoch nicht. Weiterhin standen militärische Inhalte und Denkweisen im Vor dergrund, was sich noch deutlich verstärkte, nachdem das westdeutsche Bundesland ab 1951 seine eigene Bereitschaftspolizei aufgestellt hatte.2904 In den Folgejahren änderte sich in der Bundesrepublik an solchen Zuständen recht wenig. Die Ausbildung an den Lehranstalten und in der kasernierten Bereitschaftspolizei war in ei nigen Ländern nach wie vor stark militärisch geprägt und auf den geschlossenen Einsatz bei Unruhen im Innern ausgerichtet. Sogar der Polizeisport trug immer noch entsprechende Charakterzüge, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen waren, dass sich viele Ausbilder an den Einsätzen der Weimarer und der nationalsozialistischen Polizei orientierten. In den ers ten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs bemühten sie sich, ihre Untergebenen in ein Normensystem zu integrieren, in dem Ordnung, Disziplin, Härte, Männlichkeit und Ka meradschaft weiterhin zentrale Größen darstellten. Die alten antikommunistischen Feind bilder lebten ebenfalls fort. Sie zeigten sich besonders im allgemeinbildenden und im Fach unterricht, der den Anwärtern rechtliche Kenntnisse vermitteln und sie politisch schulen sollte. Obwohl sich schon Mitte der fünfziger Jahre dazu kritische Stimmen innerhalb der Staatsgewalt und seit den frühen sechziger Jahren auch in der Politik sowie unter den jun gen Polizeianwärtern fanden, kamen notwendige Reformen bis zu Beginn der siebziger Jah re nur schleppend voran.2905 Im Sommer 1945 veranlasste die amerikanische Militärregierung, in ganz Bayern eine neue Ordnungsmacht für den ländlichen Raum zu etablieren, nachdem sie zuvor die Gendarme rie abgeschaffi hatte. Zu Beginn setzte sich das Personal der so geschaffenen bayerischen Landpolizei zusammen aus ehemaligen Angehörigen der Weimarer Landespolizei, Gendar men des „Dritten Reichs“ und vor allem Soldaten der Wehrmacht, die allesamt weitgehend unbelastet schienen. Frisch eingestellte Berufsneulinge musste sie allerdings erst einmal po lizeilich schulen. In ihrer Frühphase entstanden deshalb zahlreiche Lehranstalten, die in den einzelnen Regierungsbezirken neue Polizisten provisorisch ausbildeten. Die meisten dieser Einrichtungen existierten nur kurze Zeit, da das seit April 1946 bestehende Präsidium der Landpolizei schnell daranging, das bayerische Ausbildungswesen umzustrukturieren. Auf diesem Wege entstanden einige neue Bildungsanstalten, zu denen z. B. die Höhere Landpo lizeischule Wallenburg gehörte, die zwischen Mai 1946 und April 1947 damit betraut war, die Beamten des gehobenen Dienstes auszubilden. Diese Aufgabe übernahm anschließend die Lehranstalt auf dem Sudelfeld. Dort hatte seit 1946 auch der Leiter der Landpolizeischulen seinen Sitz. Er war dafür zuständig, die Ausbildung an den einzelnen Standorten zu überwa chen und zu vereinheitlichen. Ein Jahr später verlagerte sich seine Dienststelle nach Fürsten feldbruck, wo die hiesige Schule bereits am 25. August 1946 wieder ihren Lehrbetrieb aufge nommen hatte, nachdem sie erst rund einen Monat zuvor in die Obhut der Landpolizei gelangt war. Zunächst hielt sie Kurse ab, die Bewerbern aus ganz Bayern eine mehrmonati 2904 Vgl. Noethen, Kameraden, S. 421-439. 2905 Vgl. Weinhauer, Schutzpolizei, S. 173-201. 536 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern ge Grundausbildung vermittelten. Später gesellten sich dazu Lehrgänge für den gehobenen Dienst, die sie aus Sudelfeld übernahm.2906 Die Lehrpläne lassen erkennen, dass die frühen Kurse der bayerischen Landpolizei inhaltlich stark von der amerikanischen Militärregierung beeinflusst waren und dadurch nach Ende des Krieges deutlich moderatere Töne anschlu gen als vorher.2907 Abseits der Landpolizei unterhielt aber auch die kommunalisierte Ord nungsmacht in Bayern eigene Bildungsstätten. So existierte etwa in München seit Septem ber 1947 eine Stadtpolizeischule, an der unter anderem Beamte für den mittleren und gehobenen Dienst in der Landeshauptstadt ausgebildet wurden.2908 Wie schon in der Wei marer Republik und im „Dritten Reich“ bildeten die einzelnen Dienststellen darüber hinaus ihre Staatsdiener vor Ort in den unterschiedlichsten Disziplinen weiter. Sie bauten damit auf dem Wissensschatz auf, den die Männer zuvor in der kasernierten Truppe und der Polizei schule erworben hatten.2909 Zu Beginn der fünfziger Jahre sollte sich dieses System jedoch erneut ändern. Der Arti kel 8 des am 28. Oktober 1952 beschlossenen Polizeiorganisationsgesetzes (POG) regelte das Polizeischulwesen im Freistaat neu. Durch einen Entschluss des bayerischen Innenministe riums waren die einzelnen Lehranstalten von Land-, Grenz- und Bereitschaftspolizei ab A n fang 1953 in der „Bayerischen Polizeischule“ vereinigt, die dem Ministerium unmittelbar un terstand. Nach dem darauffolgenden Reformprozess umfasste sie folgende Lehrabteilungen: Die Bayerische Polizeischule bestand nun aus den Standorten Ainring, Traunstein, Sudelfeld und Rothenburg sowie Fürstenfeldbruck, wo ab 1957 außerdem noch die Schulleitung ansäs sig war. Um ihre Kapazitäten von 160 auf 460 Ausbildungsplätze zu erhöhen, gab der Staat ab Mitte der fünfziger Jahre umfangreiche Erweiterungs- und Umbauarbeiten am Brucker Standort in Auftrag.2910 Der Bayerischen Polizeischule kam allgemein die Aufgabe zu, die Gesetzeshüter des süd deutschen Bundeslandes aus- und fortzubilden. Gemäß der nach dem Krieg eingeführten Einheitslauftahn musste jeder Beamte seine Karriere in der Bereitschaftspolizei beginnen, in der er rund zweieinhalb Jahre zubrachte. Anschließend konnte sich ein geeigneter Kan didat dafür entscheiden, ob er entweder in der kommunalen oder in der staatlichen Polizei dienen wollte. Fiel seine Wahl auf letztere Sparte, hatte er einen Anstellungslehrgang für den mittleren Polizeivollzugsdienst zu absolvieren, der elf Monate lang dauerte. Danach wurde er je nach Bedarf im Einzeldienst in der Land- oder in der Grenzpolizei oder auch im Stamm personal der Bereitschaftspolizei verwendet.2911 Wer sich in den nächsten sechs oder mehr 2906 Vgl. Fritz Stauß, Das Ausbildungswesen bei der Bayerischen Landpolizei, in: 12 Jahre Bayerische Land polizei, München 1957, S. 31-49, hier: S. 31-42. Zu den einzelnen Lehranstalten der Landpolizei vgl. auch Die Schulen der Landpolizei von Bayern, Bd. 1: Leistungsbericht des Leiters der Landpolizei schulen (L IV) beim Präsidium der Landpolizei von Bayern, o. O. 1949; Die Schulen der Landpolizei von Bayern, Bd. 2: Jahresbericht des Leiters der Landpolizeischulen beim Präsidium der Landpolizei von Bayern für die Zeit vom 1.7.1949-31.12.1950, o. O. 1950. Ferner: Canoy, Charm, S. 99 f. 2907 Solche Lehrpläne finden sich etwa in StAM, PP Oberbayern 252, 253, 261, 262 und 263. 2908 Vgl. Falter, Chronik, Bd. 1, S. 104, 113-115. 2909 Vgl. Groh, Polizei, S. 86-89. 2910 Vgl. Erwin Hacker, 10 Jahre Bayerische Polizeischule, in: Boxberger, 10 Jahre, S. 7-18, hier: S. 7-10. 2911 Vgl. ebd., S. 10-12. Die Angaben zur Dauer der einzelnen Ausbildungsabschnitte gelten für das Jahr 1963. Wenngleich sich während des Bestehens der Bayerischen Polizeischule keine fundamentalen Unterschiede ergaben, konnten die genannten Zeiträume durchaus variieren. So betrug z. B. zu Be ginn der fünfziger Jahre die Ausbildungsdauer in der Bereitschaftspolizei noch drei Jahre, schrumpf te 1962 auf zweieinviertel Jahre, um 1965 auf zweieinhalb Jahre zu steigen. Vgl. Albert Rieg, Die Aus bildung in der Bayerischen Bereitschaftspolizei, in: Direktion der Bayerischen Bereitschaftspolizei 537 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Jahren besonders bewährte und zum Polizeimeister befördert worden war, konnte an einem sechsmonatigen Aufstiegslehrgang zum gehobenen Dienst teilnehmen. Das war ihm aber nur möglich, sofern er im Lehrgang für den mittleren Dienst mindestens die Note „gut“ in der Anstellungsprüfung sowie einen Platz unter den besten 20 % der Teilnehmer erzielt hat te. Zudem mussten ihn seine Vorgesetzten in den letzten beiden Beurteilungen überdurch schnittlich gut bewertet haben. In diesen Kursen zum gehobenen Dienst bildete der Freistaat seine neuen Inspektoren und Kommissare aus.2912 Zwischen 1953 und 1962 fanden fünf sol cher Lehrgänge statt, die insgesamt 166 Schüler besuchten. Daneben veranstaltete die Baye rische Polizeischule noch eine Reihe weiterer Fortbildungs- und Spezialkurse, zu denen un ter anderem diverse Kriminal-, Verkehrs- und Skilehrgänge zählten. In den meisten Fächern unterrichteten erfahrene Polizeibeamte, wobei Volksschullehrer hingegen für die allgemein bildenden Disziplinen und die Staatsbürgerkunde zuständig waren.2913 An anderer Stelle konnte bereits gezeigt werden, dass sich in der Nachkriegszeit innerhalb des polizeilichen Ausbildungswesens einige Personen wiederfanden, die bereits während des „Dritten Reichs“ in ihm oder anderweitig in Himmlers Polizei tätig gewesen waren.2914 Auch im Freistaat war das nicht anders, wie Personalverzeichnisse und Geschäftsverteilungspläne der Bayerischen Polizeischule dokumentieren. Als diese Behörde zu Beginn des Jahres 1953 gegründet wurde, befand sich deren Zentrale noch in der Winzererstraße 9 in München. Sie leitete der Oberregierungsrat Dr. Erwin Hacker, der gemeinsam mit seinen Untergebenen mit Wirkung vom 1. April 1953 offiziell zur Bayerischen Polizeischule versetzt wurde. Zu ih nen gehörten z. B. die beiden Polizeiräte Josef Deuringer und Hans Hösl, die gemeinsam im SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 gedient hatten.2915 Letzterer war in seiner neuen Dienst stelle zunächst mit Fragen der Allgemeinbildung, wenig später aber mit der Fernausbildung betraut.2916 Deuringer hingegen fungierte wahrscheinlich so lange als Hackers Stellvertreter (Hrsg.), 20 Jahre Bayerische Bereitschaftspolizei, München 1971, S. 20-27, hier: S. 20. Für Details über diese Anstellungslehrgänge für den mittleren Dienst vgl. auch Georg Boxberger, Der Anstellungslehr gang für den mittleren Polizeivollzugsdienst, in: Ders., 10 Jahre, S. 39-42. Die Einheitslaufoahn exis tierte auch in anderen Ländern, wie das Beispiel Baden-Württembergs zeigt, wo Polizisten aber einen etwas anderen Werdegang als in Bayern besaßen. Vgl. Rüdiger Spiegelberg, Einige Daten zur Rekru tierung und Ausbildung der Polizei, in: Johannes Feest/Rüdiger Lautmann (Hrsg.), Die Polizei. Sozio logische Studien und Forschungsberichte, Opladen 1971, S. 107-121, hier: S. 107. Ferner: Raible, Ge schichte, S. 173-180. Z ur A usbildung fü r den m ittleren D ienst in NRW u nd H am burg vgl. Weinhauer, Schutzpolizei, S. 64-66. 2912 Vgl. Georg Boxberger, Der Aufstiegslehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst, in: Ders., 10 Jahre, S. 43-47, hier: S. 43 f. Weitere, aber teilweise abweichende Angaben zu den einzelnen laufoahnrechtlichen Regelungen finden sich in BayHStA München, Polizeischule FFB 232. 2913 Vgl. Hacker, 10 Jahre, S. 12-15 und 17. 2914 Siehe dazu Kapitel 7.4. 2915 Vgl. BayHStA München, MInn 86242, Abdruck: I. A. Dr. Kääb (StMdI) an Bayerische Polizeischule: Versetzung von Beamten, Angestellten und Arbeitern zur Bayer. Polizeischule. 1. Rate der Erstbeset zung, 03.09.1953, S. 1. Zu den Biographien von Hans Hösl und Josef Deuringer auch im Folgenden siehe Kapitel 7.4. 2916 Vgl. BayHStA München, M Inn 86240, I. A. Platz (StMdI): Mit 2 weiteren Abdrucken an die Bayeri sche Polizeischule München 13 Winzererstr. 9 zur Kenntnis und weiteren Veranlassung, 31.01.1953; BayHStA München, M Inn 86241, Entwurf: I. A. Platz (StMdI) an Bayerische Polizeischule: Besetzung der Arbeitsgebiete der Bayer. Polizeischule, 16.03.1953. 538 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern und Sachgebietsleiter für „Ausbildung allgemein“, bis er am 1. Mai 1957 zur Bayerischen Grenz polizei abgeordnet wurde.2917 Denn am gleichen Tag zog die Leitung der Bayerischen Polizeischule von München nach Fürstenfeldbruck.2918 Stellvertretender Leiter der Institution wurde nun Hösl, der zugleich das „Ausbildungs- und Prüfungsreferat“ führte. In diesem Amt war er unter anderem verantwort lich für „Lehrgänge aller Art an den Lehrabteilungen“, die „Lehr- und Stoffverteilungspläne“, die „Auswahl von Lehr- und Unterrichtsmate rial für den Polizeifachunterricht“ und die „Fortbildung der Polizeifachlehrer“.2919 Inner halb des bayerischen Polizeischulwesens be kleidete er damit eine Schlüsselposition, die es ihm ermöglichte, auf die Ausbildungsinhalte Einfluss zu nehmen. Während er am 31. Juli 1959 in den Ruhestand ging, war bereits am 1. Februar 1958 Heinrich Emschermann nach Fürs tenfeldbruck gekommen, wo er zuvor während des Krieges den 21. OAL absolviert und da nach als Lehrer fungiert hatte, bevor er ebenfalls in den „auswärtigen Einsatz“ gelangt war. Bis er am 31. Januar 1970 pensioniert wurde, leitete er die Registratur und Kanzlei der Baye rischen Polizeischule.2920 Von den personellen Kontinuitäten darf zwar nicht ohne Weiteres darauf geschlossen werden, dass sie automatisch zu inhaltlichen und mentalen Konstanten innerhalb der polizeilichen Ausbildung führten. Ein solcher Zusammenhang wird sich auch kaum beweisen lassen. Allerdings ist es bemerkenswert, dass mit Deuringer und Hösl aus gerechnet zwei ehemalige belastete Polizisten des „Dritten Reichs“ für die Ausbildungsbe lange der demokratischen Ordnungshüter zuständig waren. Ein Blick in die Lehr- und Stoff verteilungspläne der bayerischen Nachkriegspolizei lässt jedenfalls erkennen, dass viele Relikte aus Himmlers Staatsgewalt in der bundesdeutschen Ordnungsmacht zu finden wa ren. 8.2 Die Kursinhalte an der Polizeischule Fürstenfeldbruck Genauso wenig wie zuvor die Nationalsozialisten vermochten es die Väter der jungen deut schen Demokratie, das polizeiliche Ausbildungswesen neu zu erfinden. In der Nachkriegs zeit bestanden deshalb zahlreiche Fächer und Inhalte fort, die bereits seit den zwanziger Jah 2917 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 199, Polizeischule FFB: Geschäftsverteilungsplan für die Leitung der Bayer.Polizeischule, 01.02.1954, S. 1 und 5. Ferner: BayHStA München, M Inn 86240, I. A. Platz (StMdI): M it 2 weiteren Abdrucken an die Bayerische Polizeischule München 13 Winzererstr. 9 zur Kenntnis und weiteren Veranlassung, 31.01.1953. 2918 Vgl. BayHStA München, M Inn 86240, Ausschnitt aus dem M inisterialamtsblatt der bayer. inneren Verwaltung Nr. 13 vom 29. April 1957. 2919 BayHStA München, Polizeischule FFB 199, Polizeischule FFB: Geschäftsverteilungsplan für die Bay erische Polizeischule in Fürstenfeldbruck, 01.12.1957, S. 2 und 5. 2920 Zu den Funktionsträgern der Bayerischen Polizeischule sowie ihren Aufgaben vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 199 und 200. Zur Biographie von Heinrich Emschermann siehe Kapitel 7.4. Abbildung 46: Kriminallehrgang (1959) (In der vordersten Reihe mit Fliege: Hans Hösl) (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 539 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank ren existierten. Wenngleich nicht zu erwarten war, dass die polizeiliche Ausbildung nach Kriegsende inhalt lich vollkommen neu ausgerichtet werden konnte, über lebten jedoch zahlreiche Versatzstücke des „Dritten Reichs“ dessen totalen Zusammenbruch. Besonders deutlich zeigte sich das in der bayerischen Bereitschafts polizei, die der Freistaat wie andere Länder als quasi militärischen Verband auftaute. Neben weiteren Stand orten beherbergte auch die Polizeischule Fürsten feldbruck eine Abteilung der Bereitschaftspolizei, die dort von Anfang November 1951 bis Juni 1956 weilte.2921 Wie schon in den Jahrzehnten vor Kriegsende wa ren die verantwortlichen Behörden über einen längeren Zeitraum damit beschäftigt, Lehrund Stoffpläne nicht nur einmalig aufzustellen, sondern diese immer wieder zu überarbei ten. So tüftelte das Landesamt für die Bayerische Bereitschaftpolizei seit Anfang der fünfziger Jahre daran, eine entsprechende Richtschnur für ihre kasernierten Verbände zu schaffen. Nach zahlreichen Entwürfen und provisorischen Versionen lag eine richtungge bende Fassung jedoch erst am 28. Juli 1960 vor. An ihr hatten sich die einzelnen Lehrabteilungen in ganz Bayern zu orientieren.2922 In ihrer Ausbildung innerhalb der Bereitschaftspo lizei waren die Anwärter mit zahlreichen Fächern konfrontiert, von denen einige zumindest in ähnlicher Form bereits vor 1945 existiert hatten. Zu ihnen gehörten Körperschule, Waffenund Schießausbildung, Praktischer Polizeidienst, Polizeitruppendienst, Dienstunterricht, Le benskunde, Staatsbürgerkunde, Rechtskunde, Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Rechnen, Kurzschrift und Maschinenschreiben. Außerdem gesellten sich zu diesen Disziplinen noch der Innere und auch der Technische Dienst sowie eine umfangreiche Sonderausbildung, die unter anderem aus der Kraftfahrausbildung, dem Verkehrs- und dem Notstandsdienst, der Skiausbildung und der Ersten Hilfe bestand.2923 Wenngleich hier nicht der Platz ist, um die Ausbildungsinhalte des mittleren Dienstes ge nau zu analysieren, verdient aber besonderes Augenmerk, welche Wege die Bayerische Be reitschaftspolizei fand, um ihre Anwärter an die jüngste Vergangenheit heranzuführen. Es bedürfte einer eigenen Studie, um dies adäquat zu erforschen. Im Folgenden soll ein Lehr plan aus dem Jahre 1967 zumindest erste exemplarische Befunde liefern. Nachdem sich die Schüler im Geschichtsunterricht mit der Besatzungszeit seit Kriegsende auseinandergesetzt hatten, standen stichpunktartig die Themen „Flüchtlingselend - Demontagen und Hungers not - Morgenthauplan - Marschallplan - Osteuropa wird kommunistisch“ auf dem Lehr- 2921 Vgl. Schwarz, Geschichte, S. 30. Ferner: Otto Ernst Breibeck, Bayerische Bereitschaftspolizei 1951 1971, in: Direktion, 20 Jahre, S. 8-19, hier: S. 10 und 14; BayHStA München, Präsidium der Bayeri schen Bereitschaftspolizei (Präsidium der Bepo) 150 und 151. 2922 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 312, Remold (Landesamt für die Bayerische Bereitschafts polizei) an Polizeischule FFB: Ausbildungsplan für die Bayer.Bereitschaftspolizei, 28.07.1960. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 312, Heß (Landesamt für die Bayerische Bereitschaftspolizei) an Polizeilehrer Schwarz, 03.05.1956; BayHStA München, Polizeischule FFB 312, I. V. H urt (Landes am t für die Bayerische Bereitschaftspolizei) an Bayerische Polizeischule München: Unterrichtspläne der Bayer.Bereitschaftspolizei, 24.04.1957. Weitere Entwürfe finden sich in BayHStA München, Prä sidium der Bepo 173. 2923 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 312, Ausbildungsplan für die Bayerische Bereitschaftpo lizei - Teil II: Ausbildung im 2. und 3. Ausbildungsjahr, 28.07.1960. Abbildung 47: Hundertschaft vor der Klosterkirche in Fürstenfeldbruck (t955) (Privatarchiv Sven Deppisch) 540 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern plan.2924 Aus heutiger Sicht erscheint es ziemlich merkwürdig, dass die Bereitschaftspolizei im Jahre 1967 solche Schwerpunkte setzte. Zweifelsohne war die Lage der Flüchtlinge und Vertriebenen ebenso tragisch wie die Tatsache, dass große Teile der deutschen Bevölkerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit Hunger litten. Wenn die Ordnungsmacht aber diese Sachverhalte und ausgerechnet den „Morgenthauplan“2925 im Unterricht in dieser Form be handelte, scheint sie den jungen Polizeianwärtern jedoch eher vermittelt zu haben, dass sich Deutschland nach dem Krieg in einer Opferrolle befunden habe. Das wirkt umso befremd licher, wenn man sich vor Augen hält, dass der Lehrplan zuvor die NS-Herrschaft dagegen eher nüchtern beschreibt. Ein Blick auf den „Weg zur Machtergreifung durch Hitler“ leitete diesen Themenkomplex ein. Die Lehrer behandelten anschließend „Innenpolitische Maß nahmen“ und die „Außenpolitik“ sowie die „Arbeits- und Sozialpolitik“ des „Dritten Reichs“. „Das ,Großdeutsche Reich’“ war danach ebenso Gegenstand des Fachs wie der Beginn und die wichtigsten Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sowie die deutsche „Kapitulation“.2926 Be merkenswert ist, dass dieses Geschichtskapitel offensichtlich schloss, indem der Unterricht noch auf den Holocaust einging. Der Lehrplan schweigt sich darüber aus, was die Lehrkräf te ihren Schülern dabei genau vermittelten. Allerdings drückten sich seine Schöpfer ziem lich unpassend aus, indem sie sich des NS-Vokabulars bedienten und diesen sensiblen Ab schnitt der Geschichte schlicht mit „Die Judenfrage“ betitelten.2927 Obwohl die Polizeischule Fürstenfeldbruck in den fünfziger Jahren auch Bereitschaftspo lizisten ausbildete, hielt sie aber ab Dezember 1949 vor allem Kurse für angehende Kommis sare ab und knüpfte dadurch an ihre eigene Tradition an. Bis 1972 dauerten diese Aufstiegs lehrgänge für den gehobenen Dienst meist etwa sechs Monate, in denen die Anwärter bis zu 36 Stunden pro Woche Unterricht hatten.2928 In der Anfangsphase untergliederten sie ihre Fächer in sechs Gruppen: Rechts- und Gesetzeskunde, Kriminalistik, Allgemeinbildung, Kör 2924 BayHStA München, Polizeischule FFB 324, 3. Berichtigungsnachtrag zum Lehr- und Stoffverteilungs plan für den Anstellungslehrgang für den mittleren Polizeivollzugsdienst vom 1.3.1966 - Geschichte, 01.03.1967, S. 6. 2925 Der Morgenthauplan war im August und September 1944 entstanden. In ihm skizzierte der US-ame rikanische Finanzminister Henry Morgenthau jr., wie seiner Ansicht nach die Alliierten später m it dem besetzten Deutschland umgehen sollten. Indem er unter anderem vorschlug, das verkleinerte Land dreizuteilen, hohe Reparationen einzuführen und die Industrie vollständig zu demontieren, woll te er dafür sorgen, dass von dem dadurch erheblich geschwächten Staat keine kriegerische Politik mehr ausgehen könnte. Amerikaner und Briten verwarfen das radikale Konzept jedoch schnell. In der End phase ihres Regimes instrumentalisierten die Nationalsozialisten es dennoch für ihre antiamerikani sche und antisemitische Propaganda. Das lag nicht nur am Plan selbst, sondern auch an dem Umstand, dass Morgenthau ein Jude war. Vgl. dazu z. B. H. G. Gelber, Der Morgenthau-Plan, in: VfZ 13/4 (1965), S. 372-402; Wolfgang Benz, Morgenthau-Plan, in: Ders. (Hrsg.), Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte, 12. Aufl., München 2002, S. 154 f. 2926 BayHStA München, Polizeischule FFB 324, 3. Berichtigungsnachtrag zum Lehr- und Stoffverteilungs plan für den Anstellungslehrgang für den mittleren Polizeivollzugsdienst vom 1.3.1966 - Geschichte, 01.03.1967, S. 6. 2927 Ebd., S. 6. 2928 Vgl. dazu die Lehr- und Stoffverteilungspläne in den Akten BayHStA München, Polizeischule FFB 305 und 327. 541 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank perausbildung, Einzelvorträge und Praktischer Polizeidienst, zu dem unter anderem die Po lizeiverwendung gehörte.2929 Der erste dieser Kurse umfasste konkret folgende Disziplinen:2930 Tabelle 35: Fächerplan eines L ehrgangs für den gehobenen Polizei Vollzugs dien st (Stand: 1949) F ach W o c h e n stu n d en G esa m t stu n d en Deutsche Rcclitsgcschichte - 10 Poli/.eirecht 3 69 Slrafreclu 4 92 Strafncbcngcsctzc 4 92 Bürgerliches Recht 2 46 Rechtspflege - 10 Vcrwaltungs lehre - 15 Kriminalistik 4 92 Der Dienst des Bezirksinspektors 1 23 P ol i zc i Verwendung 4 92 Deutsche Sprache - Literaturgeschichte 3 69 Untcrrichtslchrc 1 23 Wirtschaftsgeographie 1 23 Staatsbürgerkunde 1 23 Geschichte 1 23 Lebenskunde i 23 Zeitgeschehen 1 23 Körpcrausbildung 4 92 Gesamt: 35 840 Bei diesem Lehrgang scheint es beinahe so, als hätten sich einzelne Fächer der Weimarer O f fiziersanwärterlehrgänge mit j enen von Himmlers Ordnungspolizei vermischt, zu denen sich nur wenige neue gesellten.2931 Allerdings war er zu einem großen Teil von den militärischen Elementen befreit und besaß eindeutig polizeidienstliche sowie rechtliche Schwerpunkte. Zu dem warteten die einzelnen Disziplinen mit demokratisierten Inhalten auf. Das polizeiliche Ausbildungswesen blieb aber seiner Linie dahingehend treu, dass es wie bisher Lehrpläne und einzelne Fächer ständig veränderte. Schon in den fünfziger Jahren verschwand beispiels weise die Rechtsgeschichte als eigenständiges Fach, um von anderen Rechtsgebieten absor biert zu werden. Die Unterrichtslehre verband sich hingegen mit dem Deutschunterricht.2932 Darüber hinaus stellte die Lebenskunde für die Anwärter weiterhin einen Benimmunterricht dar, nachdem er in „Grundfragen des Lebens und Berufs“ umgetauft worden war.2933 2929 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst - Übersicht der Unterrichts- und Ausbildungsfächer, 01.12.1949. 2930 Die folgende Tabelle beruht auf BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst - Stoffverteilungsplan, 01.12.1949. 2931 Siehe dazu Kapitel 3.2 und 5. 2932 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst, 01.07.1956, S. 2. 2933 Ebd., S. 16. 542 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern Ab dem Jahre 1960 bündelte das Fach „Allgemeinbildung“ all jene U em en, die zuvor noch in Geschichte, Deutsch und Wirtschaftsgeographie jeweils eingehender behandelt worden waren, mit den Jahren aber an Bedeutung eingebüßt hatten.2934 Nur drei Jahre später zerfiel diese Liaison wieder und die Allgemeinbildung als solche verschwand. Stattdessen gab es nun erneut einen separaten Geschichtsunterricht und eine neu eingerichtete „Aufsatzlehre“, die sich dem schriftlichen Teilbereich des Deutschunterrichts widmete.2935 Seinerzeit gab es auch wieder eine „Allgemeine Unterrichtslehre“, die künftig jedoch nicht regelmäßig Gegen stand der Kurse sein sollte.2936 Zu ihr gesellte sich zeitgleich ein kleiner Einblick in die Psy chologie, der die Schüler mit den Grundzügen des menschlichen Seelenlebens vertraut ma chen sollte.2937 Da dieser Unterricht nach den „Schwabinger Krawallen“ vom Sommer 1962 immer wichtiger wurde, baute die Bayerische Polizeischule ihn ab 1964 deutlich aus. Dadurch wollte sie die Ordnungsmacht des Freistaats zu einer bürgernahen Institution reformieren, die ihre eigene Rolle und das Verhältnis zum Bürger kritisch reflektieren sollte.2938 In den Fol gejahren befassten sich die Beamten daher unter anderem mit den U em en „Wesen und Un wesen der Vorurteile“ sowie „Entstehung und Ablauf von Affekthandlungen“, aber auch mit der Frage „Welche Hypotheken der Vergangenheit lasten auf der deutschen Polizei?“.2939 Dass sich die Ordnungsmacht dabei objektiv mit ihrer Rolle im nationalsozialistischen Vernich tungskrieg auseinandersetzte, darf jedoch bezweifelt werden. Hatte es zuvor das Polizeirecht, die Strafrechtspflege und die Strafnebengesetze gegeben, rückte im Jahre 1962 an ihre Stelle das Allgemeine sowie das Besondere Sicherheitsrecht, ohne aber inhaltlich etwas grundlegend anderes zu bieten.2940 Von nun an waren jedoch die bei den Sphären wieder getrennt, so wie schon die nationalsozialistische Ordnungspolizei zwi schen Allgemeinem und Besonderem Polizeirecht unterschieden hatte.2941 Das Besondere Si cherheitsrecht behandelte erneut die zahlreichen speziellen Aufgabengebiete der uniformierten Polizei. Ferner schloss es noch die Verkehrskunde mit ein, die ab 1963 einen 2934 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst, 01.01.1960, S. 3 und 16. 2935 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehr gang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kri minaldienst), 01.04.1963, S. 5 und 19. 2936 Vgl. ebd., S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für ei nen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst), 01.10.1967, S. 5; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizei schule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst), 01.06.1970, S. 4. 2937 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehr gang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kri minaldienst), 01.04.1963, S. 21. 2938 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 317, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst; hier Überprüfung des Lehrstoffes, 06.06.1964, S. 1-3. 2939 BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobenen Po lizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst). Stoffverteilungs plan, 01.06.1970, S. 33. 2940 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobe nen Polizeivollzugsdienst (mit Schwergewicht für Beamte im Kriminaldienst). Stoffverteilungspläne, 01.01.1962, S. 2-4 und 7-10. 2941 Siehe dazu Kapitel 5.1.2.2 und 5.1.2.3. 543 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank separaten Platz im Lehrplan fand.2942 Seit Mai T965 wurden die Beamten dann im Fach „Staat liche Wirtschafts- und Haushaltsführung, Bestandsverwaltung, Kostenrecht“ unterrichtet.2943 Es entsprach dem „Haushalts- und Wirtschaftswesen“ der früheren Offiziersanwärterlehr gänge und befasste sich mit den administrativen Aufgaben des Polizeiapparats.2944 Im Jahre T97T wurde die „Führungsdienstkunde“ neu in den Lehrplan aufgenommen. Sie eröffnete den künftigen Angehörigen des gehobenen Dienstes, welche Aufgaben ihnen als Dienststel lenleiter und gegenüber ihren Untergebenen erwuchsen.29 45 Zu Beginn der siebziger Jahre bildete die Bayerische Polizeischule ihre Kommissaranwärter in folgenden Fächern aus:2946 Tabelle 36: Fächerplan eines Lehrgangs für den gehobenen Polizeivollzugsdienst Fach G esa m tstu n d enu n ifo rm ier ter D ien st K rim in a ld ien st Grundfragen des L ebens und des Berufs 5 5 Stra frech t 55 55 B ürgerliches Recht 25 25 A llg em ein es Sicherheitsrecht, O rdnungsw idrigkeilcnrecht, G erichts Verfassung»- und Stral Verfahrensrecht 55 55 B esond eres S icherheitsrcchl 20 20 Verkehrskunde 40 15 Führuiigsdicnslkunde 70 70 P olizei Verwendung 80 40 Krim inalistik 40 105 Beam lenrech l 10 10 V cr wal tung srcclit 15 15 Staatsbürgerkunde und Fragen der Zeit 40 40 A ngew andte P sych o log ie 15 15 K örpcrausbiidung 35 35 Gesamt: 505 505 Klausuren: 15 15 2942 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobe nen Polizeivollzugsdienst (m it Schwergewicht für Beamte im Kriminaldienst). Stoffverteilungspläne, 01.01.1962, S. 11 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Lauftahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst), 01.04.1963, S. 4 und 15. 2943 BayHStA München, Polizeischule FFB 381, I. A. Dr. Stoll (StMdl) an u. a. die Bayerische Polizeischu le: Ausbildung der Teilnehmer an Lehrgängen für den gehobenen Polizeivollzugsdienst im Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen, 10.05.1965. 2944 Vgl. ebd. Siehe dazu auch Kapitel 5.1.3.4. 2945 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehr gang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Lauftahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kri minaldienst), [1971], S. 13. 2946 Die folgende Tabelle beruht auf BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Lauftahnrichtungen: unifor m ierter Dienst und Kriminaldienst), [1971], S. 3 f. Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern 8.3 Die Staatsbürgerkunde und die Altlasten der Vergangenheit Wenngleich die Polizeiausbildung der ersten Nachkriegsjahrzehnte im Vergleich zu den vo rangegangenen Epochen wesentlich zivilisierter und demokratisierter war, blieb sie von po litisch-weltanschaulichen Einflüssen aber nicht verschont. Vor allem zeigt sich das an der Staatsbürgerkunde, die bereits in den Weimarer Lehranstalten zu finden war und schon da mals einen dezidiert politischen Kern besessen hatte. Deshalb stellte sie gewissermaßen die Vorläuferin der weltanschaulichen Schulung dar, mit der die Nationalsozialisten ihre Poli zisten zu ideologisch gefestigten Kämpfern für das „Dritte Reich“ erziehen wollten. Dessen totaler Zusammenbruch bereitete auch Himmlers Prestigedisziplin ein Ende, deren Nach folge nach 1945 die wieder eingeführte Staatsbürgerkunde antrat. Das war dem deutschen Polizeiapparat durchaus bewusst. Deshalb kam es mitunter sogar vor, dass innerhalb der bay erischen Landpolizei beide Begriffe synonym verwendet wurden. Noch im Jahre 1957 bezeichnete etwa Oberpolizeirat Fritz Stauß den polizeilichen Staatsbürgerkundeunterricht als „Weltanschauliche Schulung“.2947 Daraus sollte aber nicht leichtfertig geschlossen werden, dass im Unterricht auch die gleichen Inhalte fortlebten, wie sie noch in der NS-Diktatur existiert hatten. Im Nachkriegsdeutschland erlebte stattdessen die Staatsbürgerkunde ihre Wiedergeburt. Wie in der Weimarer Zeit zielte sie darauf ab, aus den neuen Gesetzeshütern überzeugte De mokraten zu formen. In den ersten bayerischen Lehrgängen für den gehobenen Dienst in formierte das Fach die Teilnehmer darüber, wie die Bundesrepublik systemisch-strukturell aufgebaut war und welche Aufgaben ihre einzelnen Organe besaßen. Zudem stellte die reak tivierte Disziplin dar, welche wesentlichen Inhalte sowohl die neue deutsche als auch die bay erische Verfassung kennzeichneten.2948 Ergänzt wurde sie durch das neue Fach „Zeitgesche hen“, das ganz so neu wiederum auch nicht war. Denn wie schon in der weltanschaulichen Schulung mussten die Lehrgangsteilnehmer selbst kurze Vorträge halten, in denen sie nach der Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften wöchentlich über aktuelle politische, wirtschaft liche und kulturelle Belange referierten.2949 Damit sollten sie „das Verständnis für die Lage unseres Volkes und Vaterlandes vertiefen“, wie es im Lehrplan aus dem Jahre 1949 heißt.2950 Inhaltlich waren beide Fächer eng miteinander verknüpft. Daher war es nur konsequent, dass sie in den Kursen für den gehobenen Dienst ab dem Jahre 1956 gemeinsam ein Themenge biet bildeten.2951 Insgesamt konzentrierte sich die Staatsbürgerkunde in den ersten Nach kriegslehrgängen also darauf, Faktenwissen zur neuen demokratischen Ordnung zu vermit teln. Ähnliche thematische Schwerpunkte fand bereits Wolfgang Schulte für dieses Fach in der ehemaligen britischen Besatzungszone. Mithilfe der politischen Bildung erhoffien sich zu 2947 Stauß, Ausbildungswesen, S. 41. 2948 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst - Stoffverteilungsplan, 01.12.1949, S. 36-39. 2949 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst, 01.12.1949, S. 7. 2950 BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst - Stoff verteilungsplan, 01.12.1949, S. 45. 2951 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst, 01.07.1956, S. 2. Seit 1963 findet sich in den Quellen auch der Titel „Staatsbürgerkunde und Fragen der Zeit“. Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Po lizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst), 01.04.1963, S. 5. 545 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank nächst die Briten und dann die einzelnen Länder, ihre Anwärter zu zivilisierten und bürger nahen Hütern des demokratischen Rechtsstaats zu erziehen. In der Praxis war der Unterricht jedoch eher oberflächlich und holzschnittartig. Die Konzentration auf institutionelle und historische ^ e m e n war ebenso abträglich wie die mangelnde fachliche Qualifikation vieler teilweise politisch belasteter Lehrer und der Fortbestand der althergebrachten Ausbildungs konzepte. Diese Faktoren beeinträchtigten die neuen Polizisten dahingehend, wirklich ein demokratisches Bewusstsein zu entwickeln, anstatt sich nur formal zur neuen Staatsform zu bekennen.2952 Bis Mitte der sechziger Jahre änderte sich daran kaum etwas. Die Staatsbürger kunde zielte nach wie vor darauf ab, aus den Anwärtern überzeugte Verfechter der Demo kratie zu machen. Viele von ihnen nahmen diese Rolle aber nur pro forma ein. Das Weltbild zahlreicher Staatsdiener war weiterhin von althergebrachten Denkweisen bestimmt. Aus ih rer Sicht sollte die Polizei unangepasste Bürger zur Konformität gegenüber Staat und Gesell schaft erziehen, bei Bedarf aber auch mit militärischer Gewalt gegen protestierende Men schenmassen vorgehen. Außerdem verharmlosten oder glorifizierten einige Gesetzeshüter sogar die Rolle der Polizei im NS-Staat, die ihnen zufolge von den Nationalsozialisten inst rumentalisiert worden sei, zugleich aber Menschen geholfen habe, die vom Regime verfolgt wurden. Mit der demokratischen Bundesrepublik konnten sich viele Polizisten allenfalls da durch identifizieren, dass sie diese demonstrativ von der DDR abgrenzten und so ein Freund Feind-Denken kultivierten. Diese Mentalität fußte darauf, dass die Ordnungsmacht wie bis her einen teilweise recht dogmatischen Antikommunismus pflegte.2953 Der westdeutschen Polizei galt insbesondere in den fünfziger und sechziger Jahren der „linke Feind“ also noch immer als oberste Bedrohung. Das erleichterte es ihr, sich in das neue demokratische System zu integrieren. Zwar hatte die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass es vielmehr der Rechtsextremismus gewesen war, der sich in Deutschland als eigentliche Ge fahr für den demokratischen Staat und den Weltfrieden entpuppt hatte. Doch bereits die Weimarer Polizei war auf dem „rechten Auge“ größtenteils blind gewesen und deshalb nur äußerst unzureichend gegen die braunen Antidemokraten vorgegangen.2954 Als es diesen dann nicht zuletzt auch deswegen gelungen war, ihr „Drittes Reich“ zu errichten, hatten sie letztlich auch die Deutungshoheit über die polizeilichen Gegner an sich gerissen. Naturge mäß waren die politischen Rechten damit aus dem Fadenkreuz von Hitlers „grünen Solda ten“ verschwunden. Wahrscheinlich trug gerade das dazu bei, dass sich die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eher selten mit rechtsextremen Umtrieben befassten. So informierte zwar das Bayerische Staatsministerium des Innern im November 1956 unter anderem die Bayerische Polizeischule darüber, dass sich jüngst wieder Hetzschriften im Umlauf befänden, die das NS-Regime verherrlichten und antisemitische Botschaften verbreiteten. Sofern die Beamten auf derlei Fälle stießen, sollten sie das Materi al beschlagnahmen und dafür sorgen, dass deren Urheber strafrechtlich verfolgt würden.2955 Denn oftmals versuchten derartige Postillen, „die nationalsozialistischen Verfolgungsmaß nahmen gegen die Juden für gerechtfertigt zu erklären“.2956 Allerdings wendete sich das Mi 2952 Vgl. Wolfgang Schulte, Politische Bildung in der Polizei. Funktionsbestimmung von 1945 bis zum Jahr 2000, Frankfurt am Main 2003, S. 69-99. 2953 Vgl. ebd., S. 131-135 und 138-149. 2954 Siehe dazu Kapitel 2.1. 2955 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 319, I. A. Platz (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischule: W iederauftommen von rechtsradikalem und rassehetzerischem Schrifttum, 19.11.1956, S. 1-3. 2956 Ebd., S. 1. 546 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern nisterium nur selten an seine untergeordneten Behörden, um sie über Vorfälle mit rechtem Hintergrund aufzuklären.2957 Ganz anders war das hingegen, wenn es um die angebliche Gefahr von links ging. Ihr wid mete sich das Bayerische Innenministerium wesentlich intensiver und versendete dazu zahl reiche Rundschreiben, die gerade an die Lehranstalten des Freistaats adressiert waren. Die se befassten sich überwiegend mit kommunistischen Aktivitäten und Organisationen.2958 Dazu gehörte ein Bericht des „Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen“, der im Juli 1956 auch die Bayerische Polizeischule erreichte. Er warnte davor, dass Kommunisten ver suchten, die Bundesrepublik zu unterwandern und ideologisch zu beeinflussen, weshalb er auch Ratschläge unterbreitete, wie das zu verhindern sei.2959 Die allgemeine Furcht vor der kommunistischen Infiltration machte also auch vor dem bayerischen Ausbildungsapparat nicht Halt. Besonders sensibel reagierten die Behörden daher auf linksradikale Propaganda. Es kam durchaus vor, dass kommunistische Pamphlete gezielt an bayerische Polizeischüler und Gesetzeshüter geschickt wurden. Mehrere Beamte berichteten etwa an ihre Rothenbur ger Lehrabteilung, wiederholt entsprechende Materialien aus der DDR postalisch erhalten zu haben, wobei sie angaben, den Absender nicht zu kennen.2960 Die Lehrabteilung in A in ring informierte ferner im Mai 1957 ihre Brucker Zentrale darüber, dass einer ihrer Lehr gangsteilnehmer kürzlich ein „Verhetzungsschreiben“ erhalten habe. Die Beamten hielten es für notwendig, den in Hannover abgestempelten Brief nach Fürstenfeldbruck zu schicken, weil er ihrer Ansicht nach „deutlich den von Osten her gesteuerten Versuch verrät, die kom munistische Wühlarbeit in die Reihen unserer jungen Polizeibeamten zu tragen“.2961 Solche Episoden, der darin zutage tretende Jargon und die eindeutige Konzentration auf linksradi kale Kampagnen lassen darauf schließen, dass das alte Feindbild vom kommunistischen Geg ner in der bundesdeutschen Polizei nahezu ungebrochen fortlebte.2962 Die Lehrpläne der ersten Nachkriegsjahrzehnte dokumentieren ebenfalls, dass es dem Po lizeiapparat nicht ausschließlich um eine wertneutrale politische Bildung ging. Antikommu 2957 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 319, I. A. Platz (StMdI) an u. a. Präsidium der Land polizei: Urteil des Landgerichts Braunschweig gegen Remer wegen übler Nachrede, 20.08.1952; BayHS tA München, Polizeischule FFB 319, I. A. Vetter (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischule: Antidemo kratische Ausschreitungen, 12.10.1953; BayHStA München, Polizeischule FFB 321, Dr. Geislhöringer (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischule: Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Europäischen Sol daten der ehem.Waffen-SS (HIAG), 07.01.1955; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 320, I. A. Dr. Ziegler (StMdI) an Bayerische Polizeischule: Rechtsradikalismus; hier Erfahrungsbericht des Bun desministeriums des Innern für das Jahr 1965, 30.03.1966. 2958 Vgl. dazu insgesamt die zahlreichen Dokumente in BayHStA München, Polizeischule FFB 319, 320 und 321. 2959 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 319, I. A. Dr. Stoll (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischu le: Kommunistische Infiltration, 05.07.1956. 2960 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 319, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Sowjetzonale Propaganda, 16.06.1958; BayHStA München, Polizeischule FFB 319, Beck (6. Anstellungslehrgang - Lehrabteilung Rothenburg) an Bayerische Polizeischule - Lehrabteilung Ro thenburg: Wiederholte Zusendung von Propagandamaterial aus der Ostzone, 24.10.1958; BayHStA München, Polizeischule FFB 319, Dürrschmidt (6 . Anstellungslehrgang - Lehrabteilung Rothenburg) an Bayerische Polizeischule - Lehrabteilung Rothenburg: Wiederholte Zusendung von Propaganda material aus der Ostzone, 24.10.1958. 2961 BayHStA München, Polizeischule FFB 319, Haunschild (Bayerische Polizeischule - Lehrabteilung Ain ring) an Bayerische Polizeischule FFB: Kommunistische Zersetzungsversuche bei den Polizeiorgani sationen in der Bundesrepublik Deutschland, 21.05.1957. 2962 Siehe dazu auch Kapitel 2.3. 547 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank nistische Botschaften fanden sich gerade in den Lehrgängen für den gehobenen Dienst. So befasste sich die Staatsbürgerkunde etwa im Jahre 1956 mit dem „Menschenbild des Ostens“ und der „Lage in der Sowjetzone“, um die Bundesrepublik speziell von der DDR, aber auch allgemein vom „Ostblock“ abzugrenzen.2963 1962 thematisierte der Unterricht das Verhältnis von „SBZ und Sowjet-Union“, die negativ apostrophierten „Errungenschaften“ des Sozialis mus oder die „Erscheinungsformen der militanten Ideologie“.2964 Die Ordnungsmacht des Freistaats begnügte sich aber nicht damit, ihre Angehörigen nur in Lau&ahnkursen der Bayerischen Polizeischule staatsbürgerkundlich zu belehren. Daher richtete sie bereits zu Beginn der fünfziger Jahre spezielle Kurse ein, in denen vor allem Be amte des gehobenen Dienstes ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet vertiefen sollten.2965 Seit 1955 veranstaltete die Bayerische Polizeischule staatsbürgerkundliche Kurzlehrgänge, in denen sich den Teilnehmern thematisch ein weites Feld bot.2966 Solche dreitägigen Seminare stan den unter einem übergeordneten Motto, wozu z. B. „Öffentliche Meinung und Meinungsbil dung“, „Der Kampf um Recht und Gerechtigkeit“, „Geld - Fluch, Segen oder Notwendigkeit“, „Blick über den Zaun der Landesgrenzen“ oder „Notstände des Einzelmenschen“ zählten.2967 Die Kurse versuchten aber auch, einen Weg zu finden, mit der jüngsten Vergangenheit um zugehen. „Über das deutsche Ansehen im Ausland nach zwei Weltkriegen“ und der „Versor gung und Selbsthilfe der Kriegsopfer“ machte sich ein Lehrgang zum U em a „Der heutige Staat als Erbe eines totalen Krieges“ ebenso Gedanken wie über die Fragen, ob „es ein Pro blem der Besatzungskinder“ gebe oder „[w]arum noch Wiedergutmachung“ geleistet wer den solle.2968 Anlässlich eines weiteren Seminars im April 1959 hielt der Historiker Hans Buch heim einen Vortrag, in dem er „Die Wirklichkeit des III. Reiches“ behandelte.2969 Diese thematische Vielfalt darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zahlreiche weitere Re ferate abermals den Gegner im „Osten“ beschworen. Bereits im Frühjahr 1955 fanden bei spielsweise zwei Kurzlehrgänge in Tutzing und Nürnberg statt, die sich unter anderem den „Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland 1917-1945“ oder der „Dynamik des Bol schewismus“ widmeten.2970 Zehn Jahre nach Kriegsende kursierten innerhalb der bayerischen Ordnungsmacht noch immer Feindbilder und Vokabeln, die bereits in der Weimarer Repu blik und erst recht im „Dritten Reich“ geläufig waren. Auch in den folgenden Jahren sollte sich daran kaum etwas ändern. Bei einem ähnlichen Kurs sprach Dr. Stefan Marinoff vom 2963 BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst, 01.07.1956, S. 14. 2964 BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobenen Po lizeivollzugsdienst (mit Schwergewicht für Beamte im Kriminaldienst). Stoffverteilungsplane, 01.01.1962, S. 34. 2965 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Entwurf: I. A. Platz (StMdI) an Bayerische Poli zeischule: Staatsbürgerliche Lehrgänge für die Polizei, 18.11.1953. 2966 Zu den staatsbürgerkundlichen Kurzlehrgängen vgl. Klaus Schwarz, Die politische Bildung in der staat lichen Polizei Bayerns, in: Boxberger, 10 Jahre, S. 53-59, hier: S. 57 f. 2967 BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Bayerische Polizeischule: Lehrgangsprogramm der staats bürgerlichen Kurzlehrgänge auf dem Sudelfeld von Juni 1956-November 1957, [1956], S. 1 f. 2968 Ebd., S. 2. 2969 BayHStA München, Polizeischule FFB 418, Abdruck: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an u. a. Präsidium der Bayerischen Landpolizei: Kurzlehrgänge für Staatsbürgerkunde, 07.03.1959, S. 2. 2970 BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an Lan desverband für freie Volksbildung: Staatsbürgerkundliche Kurzlehrgänge für die Polizei; hier: Refe renteneinsatz, 25.01.1955, S. 1. 548 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern „Volksbund für Frieden und Freiheit“ im Oktober 1963 über „Sendungsglaube, Heilslehre und Terror des Kommunismus“.2971 Abseits der speziellen Lehrgänge für einen begrenzten Teilnehmerkreis sollten sämtliche Polizisten des Freistaats politisch weitergebildet werden. Seit Frühjahr 1958 war die Bayeri sche Polizeischule dafür zuständig, sämtliche Fortbildungsmaßnahmen auf diesem Feld zu vereinheitlichen und fachlich zu beaufsichtigen.2972 Bereits im Vorjahr hatte sie eine Anlei tung für die einzelnen Inspektionen des Freistaats herausgearbeitet, mit deren Hilfe sie staatsbürgerkundliche Dienstversammlungen durchführen sollten. Die einzelnen Dienststellen waren dazu gehalten, zweimal jährlich einen Tag lang solche Zusammenkünfte abzuhalten und ihre Beamten über ein Leitthema zu unterrichten. Danach mussten sie an die Bayeri sche Polizeischule berichten, wann und wo wer über welche Gegenstände referiert hatte, wie viele Teilnehmer zugegen und wie erfolgreich die einzelnen Veranstaltungen verlaufen waren.2973 Die Brucker Zentralinstanz wertete die Ergebnisse aller Berichte statistisch aus und erstellte regelmäßig Erfahrungsberichte für das Innenministerium.2974 Es verbietet sich zwar, leichtfertig Parallelen zwischen diesem Konzept und der weltanschaulichen Schulung des „Dritten Reichs“ auszumachen. Dennoch offenbaren sich gewisse Gemeinsamkeiten. Denn in beiden Fällen vermittelten Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen dezentral in den einzelnen Inspektionen die politischen ^ e m e n und Inhalte. In einem Aufsatz schilderte Polizeischulrat Klaus Schwarz anhand von Beispielen, mit wel chen Sachverhalten sich einzelne Dienstversammlungen auseinandersetzen konnten. Die ttemenpalette reichte von „Inflation oder Deflation - Was ist schlimmer?“ über „Die unan genehme Grundpflicht des Steuernzahlens“ bis hin zur Frage „Wie kann die Bevölkerung zur Zusammenarbeit mit der Polizei gewonnen werden?“.2975 Ein thematischer Streifzug allein durchs Jahr 1961 zeigt jedoch, dass der Kalte Krieg auch in die Dienststellen der bayerischen Ordnungsmacht eindrang. In ihnen referierten die Gastredner etwa über „Der Wirtschafts wettkampf zwischen West und Ost“, „Politik, Wirtschaft und Erziehung in der Sowjetzone“, „Anmaßung, Leistung und Schwächen des Kommunismus“ sowie „Die kommunistische Pro paganda als Drohmittel, Täuschungsversuch und Symptom der Schwäche“.2976 Der Präsident der Bayerischen Landpolizei, Kraus, plädierte Mitte 1963 sogar dafür, die Staatsbürgerkunde hauptsächlich auf den Ost-West-Konflikt auszurichten. Die Beamten des Freistaats müssten 2971 BayHStA München, Polizeischule FFB 418, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Staatsbürgerkundliche Fortbildung der Polizeibeamten; hier Kurzlehrgänge der Bayerischen Polizei schule - Program m für den 4. Staatsbürgerkundlichen Kurzlehrgang 1963 vom 8.10.-10.10.1963, 12.07.1963. 2972 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 417, I. V. Junker (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischu le: Staatsbürgerliche Fortbildung der Beamten der staatlichen Polizei, 28.01.1958. Ferner: Schwarz, Bil dung, S. 53. 2973 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule): Anleitung für die D urchführung staatsbürgerlicher Dienstversammlungen im Inspektionsbereich, Oktober 1957. Zu den staatsbürgerkundlichen Dienstversammlungen ferner: Schwarz, Bildung, S. 58 f. 2974 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Staatsbürgerkundliche Dienstversammlungen; hier: Erfahrungsbericht, 12.11.1958; BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Staatsbürgerkundliche Dienstversammlungen; hier Erfahrungsbericht über die 5. und 6. Versammlung des Jahres 1960, Dezember 1960. 2975 Schwarz, Bildung, S. 59. 2976 Ebd., S. 59. 5 49 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank ihm zufolge stets über die „Ziele und die zu ihrer Erreichung eingeschlagenen Wege unse res potentiellen Gegners im Osten“ informiert werden.2977 Damit war das bayerische „Auge des Gesetzes“ aber keineswegs allein. Zum Leitthema „Der Absolutheitsanspruch des Bolschewismus in der Auseinandersetzung mit den Prinzipi en der westlichen Welt“ fand vom 25. Juni bis 5. Juli 1957 sogar eine Tagung des Polizeiinsti tuts Hiltrup statt, der auch Klaus Schwarz beiwohnte. Die Teilnehmer sprachen unter ande rem über „D ie Entwicklung in der Sowjetzone“, „D ie Erziehung zum sozialistischen Bewußtsein in der Sowjetzone“ und „Die sowjetische Deutschlandpolitik“. Aber auch die „Kommunistische ,Taktik des Volkskampfes’ in der Bundesrepublik“ und „Die kriminalpoli zeiliche Abwehr der kommunistischen Unterminierungsversuche“ standen auf dem Pro gramm.2978 In ihrer Ausbildung wie im Dienstbetrieb begegneten deutschen Polizisten also Feindbilder, die in der Ordnungsmacht eine lange und verhängnisvolle Tradition besaßen. 8.4 Das militärische Erbe der Nachkriegspolizei und sein Wandel Der Fortbestand der alten Feindbilder innerhalb der bundesrepublikanischen Staatsgewalt war mit dafür verantwortlich, dass auch die traditionellen Einsatzmuster das Kriegsende überdauerten. Das kam nicht von ungefähr. Nach 1945 gelangten zahlreiche Beamte wieder in den Polizeidienst, die zuvor noch in der „Bandenbekämpfung“ tätig gewesen waren und die dabei gewonnenen Erfahrungen in die Ausbildung der demokratischen Ordnungshüter einbrachten. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten galt daher wie bisher dem geschlossenen Einsatz eine besondere Aufmerksamkeit. Dabei besann sich die Staatsmacht wieder auf die Weimarer Polizei zurück und wollte ihrem Modell folgen. Insbesondere deren militärisches Vorgehen gegen den kommunistischen Gegner diente ihr als Muster für die Polizeiausbil dung in der noch jungen Bundesrepublik. Bis in die späten sechziger Jahre hinein stellten sich die Anwärter weiterhin darauf ein, gegen linke Kräfte und bewaffnete „Banden“ zu kämpfen.2979 Selbst exponierte Vertreter der Weimarer Polizei versuchten, die Ausbildung der neuen deutschen Ordnungsmacht an jenen Mustern auszurichten, die in den zwanziger Jahren exis tiert hatten. Das „Weimarer Modell“ verherrlichten beispielsweise der ehemalige preußische Innenminister Carl Severing und Ernst van den Bergh, der einst das Polizeiinstitut in Ber lin-Charlottenburg geleitet hatte. An ihm sollte sich ihnen zufolge die Staatsgewalt nach 1945 orientieren, um dessen Tradition fortzuführen.2980 Im jungen Nachkriegsdeutschland fielen solche Positionen auf fruchtbaren Boden. Als Ikone der preußischen Schutzpolizei wurde Severing insbesondere von Innenpolitikern und Ordnungshütern in NRW verehrt. Während die Beteiligten ausblendeten, dass sein damaliges Polizeikonzept weitgehend gescheitert war, idealisierten sie dessen angeblichen Vorbildcharakter für den Neubeginn der deutschen 2977 BayHStA München, Polizeischule FFB 418, Abdruck: Kraus (Präsidium der Bayerischen Landpolizei) an StMdI: Staatsbürgerkundliche Schulung in der Bayer. Landpolizei, 26.07.1963, S. 2. 2978 BayHStA München, Polizeischule FFB 417, Schwarz (Bayerische Polizeischule) an Leitung der Baye rischen Polizeischule: 8. Arbeitstagung für staatspolitische Bildung des Polizeiinstituts Hiltrup; hier: Erfahrungsbericht über Teilnahme - Arbeitstagung „Der Absolutheitsanspruch des Bolschewismus in der Auseinandersetzung m it den Prinzipien der westlichen Welt“, 23.07.1957, S. 1-3. Zu den Ar beitstagungen des Polizeiinstituts Hiltrup ferner: Schulte, Bildung, S. 83-85. 2979 Vgl. Weinhauer, Schutzpolizei, S. 165 f., 168 f. und 173. 2980 Vgl. Knatz, Heer, S. 378. 550 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern Staatsgewalt nach 1945. A uf diese Weise wollten sie es den Polizisten ermöglichen, sich nach der unrühmlichen Epoche des „Dritten Reichs“ und dessen totalem Zusammenbruch den noch mit ihrer demokratischen Institution zu identifizieren. Der Personenkult reichte soweit, dass das Land am 26. April 1949 sogar seine bedeutende Lehranstalt in Münster nach dem SPD-Politiker benannte, der nach dem Krieg als Landtagsabgeordneter von NRW tätig war. Doch weder der „Landespolizeischule Carl Severing“ noch einer anderen Bildungsstätte ge lang es nachhaltig, dass sich diese größtenteils fiktive Tradition innerhalb der Beamtenschaft etablierte.2981 Dennoch orientierten sich die bundesrepublikanischen Polizeischulen gerade in den ehe mals preußischen Ländern am „Weimarer Modell“. So bedienten sie sich in den fünfziger Jahren der Methoden, die Severings Lehranstalten bereits drei Jahrzehnte zuvor angewendet hatten. Wie damals kam die eigentliche Fachausbildung zu kurz, während vor allem Waffen ausbildung und Körperschulung in den Lehrgängen dominierten. Die Ausbildung der neu en westdeutschen Polizeianwärter litt in ihrer Frühphase ebenfalls unter den eindeutig m i litärischen Schwerpunkten, einem überzogenen Drill und entwürdigenden Schikanen ihrer Vorgesetzten. Selbst in der bayerischen Bereitschaftspolizei existierten derlei fragwürdige Praktiken, die der Freistaat erst im Jahre 1965 zumindest offiziell untersagte.2982 Während die Polizeien der ehemals preußischen Länder ihr Weimarer Erbe feierten, grenz te sich die Ordnungsmacht in Bayern davon demonstrativ ab, wie Michael Sturm betont. Ihm zufolge habe sie sich stattdessen am bayerischen Militär des 19. Jahrhunderts orientiert. Dass sich die Exekutive des Freistaats dieses Vorbild nahm, habe sich z. B. bemerkbar gemacht, wenn sie in den fünfziger Jahren ihre neuen Bereitschaftspolizisten vereidigte. Zu einer sol chen Zeremonie hätten dann schon einmal das „Bayerische Militärgebet“ oder alte bayeri sche Armeemärsche gehört.2983 Der für ihre Ausbildung zuständige Albert Rieg bekräftigte 1971 allerdings, dass sich die Bereitschaftspolizei des Freistaats in ihrer Anfangsphase maß geblich an der Bayerischen Landespolizei der Weimarer Zeit ein Beispiel genommen habe.2984 Insofern kann nicht klar zwischen einer preußischen und einer bayerischen Traditionslinie unterschieden werden. Dessen ungeachtet zeigte sich insbesondere an der Polizeiverwendung, wie sehr die baye rische Polizeiausbildung der Nachkriegsjahre immer noch von der Vergangenheit geprägt war. Der Polizeitruppendienst der Bereitschaftspolizei in den frühen sechziger Jahren ent sprach der früheren Polizeitaktik und sollte wie bisher den Anwärtern beibringen, wie sie im geschlossenen Verband zu agieren hatten. Dazu zählte weiterhin der „Große Aufsichts dienst“, innerhalb dessen sie etwa lernten, Versammlungen und Demonstrationen zu sichern sowie Räume und Gebäude, aber auch Wälder zu durchsuchen. Daneben bereiteten sie sich darauf vor, Großfahndungen durchzuführen, wichtige Personen und Objekte zu schützen oder bei Streiks, Transporten sowie „Meutereien und Ausbrüchen in Strafanstalten und Ar beitshäusern“ eingesetzt zu werden.2985 Doch auch der „Kampfeinsatz“ war weiterhin Teil der 2981 Vgl. Noethen, Kameraden, S. 440-444. 2982 Vgl. Franz-Josef Menker, Berufsausbildung der Polizeianfänger im Land Nordrhein-Westfalen in den Jahren 1947-1968. Drill - Profession - Bildung, in: Nitschke, Polizei, S. 190-206, hier: S. 196-205. 2983 Vgl. Michael Sturm, Zwischen Apologetik, Traditionsbildung und kritischer Reflexion. Der Gebrauch von „Geschichte“ in der Polizei der Bundesrepublik, in: Oranienburger Schriften 1 (2015), S. 23-37, hier: S. 28. 2984 Vgl. Rieg, Ausbildung, S. 20. 2985 BayHStA München, Polizeischule FFB 312, Ausbildungsplan für die Bayerische Bereitschaftspolizei - Teil II: Ausbildung im 2. und 3. Ausbildungsjahr - Anlage 3: Polizeitruppendienst, 28.07.1960, S. 2. 551 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Ausbildung. Als wäre die Zeit stehen geblieben, brachten die Lehrer ihren Schützlingen im mer noch bei, ihre Einheit zu sichern, egal ob diese rastete oder marschierte. Sie hatten auch die Lage und das Gelände zu erkunden, falls es zu einem Einsatz im geschlossenen Verband kommen sollte. Laut Lehrplan gehörte zu diesem Fach nach wie vor der „Ansatz von Stoß trupps“, der „Bandenkampf (Jagdkommando, Kampf um Verbrechernester und Barrikaden in und außerhalb von Ortschaften)“ sowie die „Befriedung nach [einem] Kampfeinsatz“.2986 Angesichts solcher Lehrinhalte ist es kaum überraschend, dass auch die bayerischen Poli zeianwärter einem starken militärischen Drill ausgesetzt waren. Das dokumentiert beispiels weise Lutz Ellermeyer, der in seinem autobiographisch angelegten Werk schildert, wie er und seine Kollegen seit Februar 1962 in der Münchner Bereitschaftspolizei ausgebildet wurden.2987 Er führt darin aus, dass sie unter anderem exerzieren und Märsche absolvieren mussten, aber auch im Gelände ausgebildet wurden, wobei sie etwa lernten, ihre Umgebung zu erkunden und genau zu beschreiben.2988 Außerdem berichtet er, dass die künftigen Staatsdiener auch in den sechziger Jahren noch ein Gefechtsschießen veranstalteten und sogar übten, Hand granaten zu werfen und mit dem Maschinengewehr sowie dem Granatwerfer zu schießen.2989 Wie hartnäckig sich die alten Denk- und Verhaltensweisen in den ersten Nachkriegsjah ren hielten, zeigt ein besonderes Dokument, das die Bayerische Bereitschaftspolizei hervor brachte. Im Februar 1954 erarbeitete sie „Ausbildungshinweise für das Verhalten im Wald“, welche die Beamten für einen solchen Einsatz polizeitaktisch schulen sollten.2990 Dabei wirkt diese 17-seitige Schrift beinahe so, als wäre sie bereits mindestens zehn Jahre früher entstan den. Das drückt sich bereits darin aus, wenn sie eingangs neben dem deutschen Volkslied „ ... denn im Wald, da sind die Räuber . . . “ auch daran erinnert, dass diese Landschaft außer dem „das Element der Partisanen“ sei.2991 Ebenfalls nicht neu waren die taktischen Grund sätze, die der Text darstellt. Die Ordnungsmacht des Freistaats bezeichnete ihren polizeili chen Gegner darin zwar als „Störer“, doch habe dieser „möglicherweise Qualitäten, wie sie der Bandenkampf zeitigte“.2992 Während eine Einzelperson dabei recht hinterlistig sein kön ne, agiere eine Gruppe eventuell ziemlich brutal, weshalb die Polizeieinheit sehr vorsichtig sein müsse.2993 Wenn etwa ein einzelner Zug einen Wald durchkämmt, solle er dabei die For mation eines „Breitkeils“ einnehmen.2994 Gegebenenfalls könnten die Gesetzeshüter auch ei nen Polizeihund einsetzen, der vor der Einheit mitläuft. Bei einem solchen Einsatz im Wald sollten die Polizisten aber vor allem mit Pistolen und Maschinenpistolen oder auch Karabi nern und Maschinengewehren sowie Handgranaten operieren.2995 Obwohl die Parallelen zur polizeilichen Praxis im „auswärtigen Einsatz“ während des Zwei ten Weltkriegs ohnehin schon evident genug waren, wird die Schrift noch deutlicher. In be stimmten Situationen könne sogar „der Einsatz der Polizeitruppe, ähnlich dem der Jagdkom mandos in der Bandenbekämpfung, nur auf eingehendes Kartenstudium und die Aussagen 2986 Ebd., S. 3. 2987 Vgl. Lutz Ellermeyer, Und sie gingen in seltsamen Gewändern ... Ausbildung bei der Bayerischen Po lizei in den Sechzigern, Norderstedt 2009, S. 13. 2988 Vgl. ebd., S. 24-26. 2989 Vgl. ebd., S. 111-114. 2990 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Landesamt für die Bayerische Bereitschaftspolizei: Ausbildungshinweise für das Verhalten im Wald, Februar 1954. 2991 Ebd., S. 1. 2992 Ebd., S. 3. Hervorhebung im Original. 2993 Vgl. ebd., S. 3. 2994 Ebd., S. 4. 2995 Vgl. ebd., S. 5 und 16. 552 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern vertrauenswürdiger Personen gestützt sein“.2996 Der Text erinnert aber nicht nur an die Me thoden von einst, sondern weist auch auf einen besonders wichtigen Gesichtspunkt hin: „Wenn auch die Kriegserfahrungen der Polizeitruppe für den Kampfeinsatz im Walde, besonders bei der Bandenbekämpfung, wertvolle Ausbildungs- und Führungshinwei se liefern können, so darf dabei doch nicht übersehen werden, daß das polizeiliche Ver halten im eigenen Land hinsichtlich des Waffengebrauchs auch beim Waldkampf an die allgemein gültigen gesetzlichen Bestimmungen gebunden ist. Der erhöhten Gefahr steht zwar die Überlegung gegenüber, daß ein Störer mit Schußwaffe im Wald als ein dau ernd gegenwärtiger Angriff angesehen werden muß, der es der Polizei ermöglicht, sich weitgehend auf das Notwehrrecht zu berufen. Es verträgt sich dagegen nicht mit den polizeilichen Grundsätzen, im Waldkampf einfach die Regeln des Feuereinsatzes an zuwenden, die in der Bandenbekämpfung im Krieg notwendig waren. Die polizeili che Taktik wird das gebührend berücksichtigen müssen.“2997 Insgesamt erweckt die Schrift damit den Anschein, als bemühte sich die Bayerische Bereit schaftspolizei darum, ehemalige „Bandenkämpfer“ zu zivilisierten Hütern des deutschen Rechtsstaats zu erziehen. Die Polizei der Bundesrepublik begnügte sich keineswegs damit, solche Themen nur theoretisch zu behandeln. Wie schon in der Weimarer Repu blik und im NS-Staat übte sie polizeitaktische Manöver praktisch ein und hielt dazu diverse Planspiele ab. Im Gebiet zwischen den oberbay erischen Orten Burghausen, Töging und Trost berg trainierte beispielsweise die 14. Hundert schaft der bayerischen Bereitschaftspolizei am 18. Februar 1964 den geschlossenen Einsatz. Das im Lageplan skizzierte Szenario hätte auch wäh rend des Krieges so geübt werden können: Nach dem die Staatsgewalt einige Aufstände in Südbay ern niedergerungen habe, bestehe die Gefahr, dass mehrere „Bandentrupps“ die beiden Wasserkraftwerke in Jettenbach und Töging in die Luft sprengen könnten.2998 Bei ihnen hand le es sich um „fanatische Anhänger einer Untergrundpartei“, die an ihren Tatorten politische Pamphlete ausländischer Herkunft hinterlassen hätten.2999 Auch weil diese extremistischen Gruppierungen, die sich in den umliegenden Wäldern versteckten, zudem die Zivilbevölke rung überfallen und bei ihr geplündert hätten, müssten die beteiligten Polizeieinheiten sie nun unschädlich machen.3000 Die bayerische Polizei hielt aber auch weniger martialische Planspiele ab. Am 5. Juni 1963 übte etwa die schwäbische Landpolizei in Günzburg, eine 2996 Ebd., S. 14. Hervorhebung im Original. 2997 Ebd., S. 10 f. Hervorhebung im Original. 2998 BayHStA München, Polizeischule FFB 474, Bayerische Bereitschaftspolizei - 14. Polizeihundertschaft: I. Lage für die Sandkastenübung der 14. Polizeihundertschaft am 18.2.1964, 16.02.1964, S. 1. 2999 BayHStA München, Polizeischule FFB 474, Bemerkungen zur Lage, [16.02.1964], S. 1. 3000 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 474, Bayerische Bereitschaftspolizei - 14. Polizeihundert schaft: I. Lage für die Sandkastenübung der 14. Polizeihundertschaft am 18.2.1964, 16.02.1964, S. 1 f. Abbildung 48: Polizeitaktische Übung in den sechziger Jahren (Privatarchiv Anton Pröbstl) 553 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Kundgebung abzusichern und diese aufzulösen, woran auch Vertreter aus Fürstenfeldbruck teilnahmen.3001 Es war nicht nur für die Bereitschaftspolizei wichtig, sich auf den geschlossenen Einsatz vorzubereiten, zu dem sie letztlich der bayerische Innenminister entsendete. Tat er dies nicht, mussten zu einem solchen vielmehr Landpolizisten des Einzeldienstes ausrücken, weshalb sie sich ebenfalls intensiv mit der Polizeiverwendung zu befassen hatten.3002 Offenbar wuss ten die Anwärter der Nachkriegspolizei aber um die Vergangenheit dieses polizeilichen Tä tigkeitsfeldes. „Die Bayerische Polizeischule ist in ihren Lehrgängen bemüht, jene Ressenti ments zu zerstreuen, die gegen das Fach Polizeiverwendung seit dem Zusammenbruch aus hinlänglich bekannten Gründen gehegt werden“, wie es 1963 vonseiten der Brucker Institu tion dazu hieß. Auch seien „die Erfahrungen der Bayerischen Polizei nach dem Kriege bei geschlossenen Einsätzen nicht immer sehr glücklich“ gewesen.3003 Die Altlasten der Vergangenheit kamen auch in der Aus- und Weiterbildung der bayeri schen Kommissare zum Vorschein. Das bekam die Polizeischule Fürstenfeldbruck gleich in mehrerlei Hinsicht zu spüren. Denn abseits des regulären Lehrbetriebs veranstaltete sie seit Oktober 1954 spezielle Kurse, die sich exklusiv der Polizeiverwendung widmeten und an die Leiter von Land- und Grenzpolizeiinspektionen sowie kommunalen Polizeien adressiert waren.3004 Im ersten Lehrgang waren diese Führungskräfte mit mehreren Aufgaben konfron tiert. Sein Lehrplan behandelte unter anderem den rechtlichen Rahmen, „Übungen am Sand kasten, am Plan und im Gelände“ sowie „Geländekunde und Meldedienst“.3005 Die „Polizeitaktik“ vermittelte den Teilnehmern z. B. neben dem „Räumungsdienst“ und „Durch suchungen im Rahmen von Großfahndungen“ auch das „Ausheben eines Verbrechernestes“. „Der Kampfeinsatz der Polizei wird bei diesem Lehrgang nicht behandelt“, wie der Leitfaden abschließend explizit klarstellte.3006 Während des Kurses mussten sich die leitenden Polizis ten einigen fiktiven Situationen stellen. In einer Aufgabe sollten sie etwa eine Kundgebung der KPD in der Brucker Jahnhalle schützen, damit diese nicht eskaliere, weil ein radikaler Parteimann als Redner erwartet werde.3007 In einem anderen Fall hatten sie ein konspiratives Treffen von kommunistischen Organisationen zu unterbinden, die von der DDR aus gelenkt waren und umfangreiche Propagandamaßnahmen in Westdeutschland starten wollten.3008 Durch einen schnellen Angriff sollten die Beamten in einem weiteren Szenario eine mindes 3001 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 474, Dr. Keller (Bayerische Landpolizei - Landpolizeidi rektion Schwaben) an Boxberger (Bayerische Polizeischule): Planübung, 27.05.1963. 3002 Vgl. Boxberger, Aufstiegslehrgang, S. 45. 3003 Ebd., S. 45. 3004 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für Lehrgän ge in der Polizeiverwendung für Inspektionsleiter der Land- und Grenzpolizei sowie Leiter kleinerer Stadtpolizeien, 01.09.1954; BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Dr. Hacker (Bayerische Poli zeischule) an u. a. Präsidium der Bayerischen Landpolizei: Polizeiverwendungslehrgang Nr. 21/61, 24.03.1961. 3005 BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für Lehrgänge in der Polizeiverwendung für Inspektionsleiter der Land- und Grenzpolizei sowie Leiter kleinerer Stadtpo lizeien, 01.09.1954, S. 1. 3006 Ebd., S. 3. Hervorhebung im Original. 3007 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Bayerische Polizeischule: Lage für polizeitaktische Aufgabe. h e m a : Schutz und Auflösung einer politischen Versammlung, Oktober 1954. 3008 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Bayerische Polizeischule: Lage für polizeitaktische Aufgabe. h e m a : Durchsuchung eines Gehöfts, Oktober 1954. 554 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern tens dreiköpfige „Bande“ überrumpeln, die im Raum zwischen der bayerischen Landeshaupt stadt, Augsburg und dem Ammersee mehrere Einbrüche sowie Raubüberfalle verübt habe.3009 Auch in den Lehrgängen für den gehobenen Polizeidienst spielte die Polizeiverwendung eine zentrale Rolle. Der Stoffplan unterschied sich inhaltlich kaum von jenen, die schon in der Weimarer Republik existiert hatten und seither nahezu unverändert die unterschiedli chen Einsatzgebiete der geschlossenen Polizeiformationen aufführten.3010 In den ersten Nach kriegsjahren listete er wie selbstverständlich den „Einsatz gegen bewaffnete Banden“ auf, den die Kommissaranwärter in einer Planübung praktisch zu erproben hatten.3011 An dieser Tra dition änderte sich in den folgenden Jahren herzlich wenig.3012 Im Jahre 1960 distanzierte sich die Bayerische Polizeischule jedoch allmählich von ihr und trainierte die Schüler nun stattdessen im „Einsatz gegen bewaffnete Verbrecher“.3013 Ab 1963 übten sie in diesem Sinne nur noch die „Festnahme gefährlicher Verbrecher nach Durchsuchung von W äldern und Gebäudekomplexen“.3014 Zu Beginn der siebziger Jahre verschwanden selbst diese nicht nä her gekennzeichneten Kriminellen aus den Stoffplänen. Stattdessen widmeten sie sich nun mehr nur noch dem geschlossenen Einsatz bei Demonstrationen, Streiks und Razzien, beim Objektschutz oder im Katastrophenfall.3015 Zu letzterem zählte die Bayerische Polizeischule seinerzeit unter anderem den „Einsatz in verstrahlten Gebieten“, was eindeutig dem Kalten Krieg geschuldet war.3016 Dass sich dieser allmähliche Wandel vollzog, hing auch mit der jugendlichen Protestkul tur zusammen. Denn innerhalb der Ordnungsmacht führten gerade die „Schwabinger Kra walle“ ganz langsam zu einem Umdenken. Ihr wurde klar, dass die traditionellen Einsatz konzepte gegenüber dem zivilen Demonstrationsgeschehen nicht mehr zeitgemäß waren. Daher trafen sich führende Vertreter des bayerischen Polizeiapparats am 20. Dezember 1962 im Innenministerium des Freistaats, um darüber zu beraten, wie die Staatsgewalt künftig besser auf solche Unruhen reagieren könnte. Wie das Protokoll zur Konferenz verrät, einig 3009 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 414, Bayerische Polizeischule: Lage für polizeitaktische Aufgabe. h e m a : Ausheben eines Verbrechernestes, Oktober 1954. 3010 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Lehrplan des Lehrgangs für den gehobenen Dienst - Stoffverteilungsplan, 01.12.1949, S. 22-25. 3011 Ebd., S. 24. 3012 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst - Polizeiverwendung, 01.02.1955, S. 9. 3013 BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen 5-monatigen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst - Polizeiverwendung, 01.01.1960, S. 11. Vgl. auch BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Entwurf: Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (mit Schwergewicht für Beamte im Kriminaldienst) - Polizeiverwendung, 01.01.1962, S. 8. 3014 BayHStA München, Polizeischule FFB 305, Bayerische Polizeischule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst) - Polizeiverwendung, 01.04.1963, S. 12; BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizei schule: Lehrplan für einen Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst) - V. Polizeiverwendung, 01.10.1967, S. 12. 3015 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobe nen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst). Stoffver teilungsplan, 01.06.1970, S. 17 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischu le: Lehrgang für den gehobenen Polizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst). Stoffverteilungsplan, [1971], S. 16. 3016 BayHStA München, Polizeischule FFB 327, Bayerische Polizeischule: Lehrgang für den gehobenen Po lizeivollzugsdienst (Laufoahnrichtungen: uniformierter Dienst und Kriminaldienst). Stoffverteilungs plan, 01.06.1970, S. 18. 555 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank ten sich die Teilnehmer auf einzelne Reformen.3017 Der Leiter der Bayerischen Polizeischule, Dr. Erwin Hacker, merkte beispielsweise an, es sei wichtig, sich „auch einmal ernsthaft mit den psychologischen Problemen“ auseinanderzusetzen, die solche Polizeiaktionen für die Gesetzeshüter mit sich brächten. Schließlich müsse berücksichtigt werden, „daß junge Poli zeibeamte offensichtlich oft Ressentiments gegen Studenten haben“.3018 Daraufein erklärte der Münchner Polizeidirektor, Dr. Heinrich Martin, er wolle ohnehin einen Polizeipsycho logen in der Landeshauptstadt beschäftigen, was er bereits dem Oberbürgermeister vorge schlagen habe.3019 Noch wichtiger war, dass das Plenum beschloss, besondere Lehrgänge ein zurichten, die Hundertschafts- und Zugführer in der Polizeiverwendung ausbilden sollten. Die Anwesenden waren sich darüber einig, für diesen Zweck neue Richtlinien zu benötigen, welche die Polizeitaktik auf eine neue Grundlage stellen sollten. Obwohl sie dabei polizeili che Operationen der jüngsten Vergangenheit, wie etwa anlässlich der Münchner Krawalle oder der Hamburger Sturmflut von 1962, einbezogen wissen wollten, lieferte das „Weimarer Modell“ eine weitere wichtige Vorlage.3020 „Auch die Erfahrungen der preußischen Schutz polizei bei ihren Einsätzen in den unruhigen zwanziger Jahren und bis 1933 sollten berück sichtigt werden“, wie Dr. Martin extra betonte.3021 Nachdem eine Arbeitsgemeinschaft der Länderinnenministerien einige Jahre lang daran gearbeitet hatte, konnte die „Vorschrift für den Großen und den Außergewöhnlichen Sicherheits- und Ordnungsdienst“ (VfdP 1) im Jahre 1965 in Kraft treten.3022 So neu waren ihre ein zelnen Inhalte aber nicht. Im allgemeinen Teil drehte sich zunächst alles um „Führungs grundsätze“, aber auch feem en wie „Beurteilung der Lage, Entschluß und Befehlsgebung“. Solche und weitere Begrifflichkeiten wie „Aufelärung und Erkundung, Sicherung“ und „Marsch“ erinnern schon sehr an jene Sprache, die schon vor 1945 die Polizeitaktik dominiert hatte. Diesen Eindruck erhärtet ein Blick in das nächste Kapitel. Es beschrieb nicht nur, wie sich die Polizeieinheiten bei „Ansammlungen“, „Veranstaltungen“, „Fahndungen und Durch suchungen“ sowie Streiks und in besonderen Notfällen zu verhalten hatten. Auch auf „Trup penbewegungen“ wollte der Leitfaden seine Leser vorbereiten. Neu war hingegen, dass sich die Polizei nicht mehr mit „Banden“ herumschlagen musste, sondern stattdessen der „Ein satz gegen gewalttätige Verbrecher“ im Vordergrund stand. Dennoch fanden sich im letzten Abschnitt erneut altbekannte feem en wieder, die etwa die Felder „Aufelärung und Erkun dung“, „Sicherung“, „A ngriff“, „Abwehr“ und „Befriedung“ behandelten.3023 Hinsichtlich des Einsatzes gegen studentische Protestler war diese Vorschrift also keineswegs innovativ. Wenn gleich sie verglichen mit anderen Richtlinien etwas entschärft war, hantierte die Polizei dar in zwei Jahrzehnte nach Kriegsende noch immer mit einem sehr militärischen und belaste ten Vokabular. In den folgenden Jahren sollten weitere Reformen dazu führen, dass die polizeitaktischen Bestandteile ihr streng paramilitärisches Gepräge noch weiter verlieren und gleichzeitig an 3017 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 473, I. A. Dr. Stoll (StMdI): Niederschrift über die Bespre chung am 20.12.1962 im Bayer.Staatsministerium des Innern: Einsatz der Polizei zur Bekämpfung von Krawallen und Unruhen, 09.01.1963. 3018 Ebd., S. 5. 3019 Vgl. ebd., S. 6. 3020 Vgl. ebd., S. 2-5. 3021 Ebd., S. 2 f. 3022 BayHStA München, Polizeischule FFB 473, I. A. Schmidtkonz (StMdI) an u. a. Bayerische Polizeischu le: Richtlinien für die Polizeiverwendung, 08.09.1964, S. 1 . 3023 BayHStA München, Polizeischule FFB 473, VfdP 1: Vorschrift für den Großen und den Außergewöhn lichen Sicherheits- und Ordnungsdienst, [1965]. 556 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern Gewicht in der gesamten Ausbildung einbüßen sollten. Das begrüßten aber nicht alle Beam ten. Anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens plädierte etwa der damalige Oberpolizeirat A l bert Rieg im Jahre 1971 dafür, die Bereitschaftspolizei des Freistaats wieder intensiver in der Polizeiverwendung auszubilden.3024 Innerhalb dieser zwei Jahrzehnte habe sich ihre gesam te Ausbildungszeit von 48 auf 42 Wochenstunden verringert. Diese zeitlichen Einschnitte seien hauptsächlich zulasten der truppenpolizeilichen Ausbildung gegangen. Der Leiter des Sachgebiets „Ausbildung“ im Landesamt der Bereitschaftspolizei bewertete das kritisch und sprach sich dagegen aus, diesen Bereich noch weiter einzuschränken.3025 Stattdessen sprach er sich für eine Kehrtwende aus: „Was die geschlossene Ausbildung angeht, sollte man auch nicht übersehen, daß poli zeiliche Einsätze sowohl im taktischen Entscheid wie in der Durchführung immer schwieriger geworden sind. Diese Entwicklung erfordert ebenfalls häufigeres Üben. Man hat jedoch manchmal das Gefühl, daß die geschlossene Ausbildung nur so weit durchgeführt werden soll, wie sie allgemein gefällt.“3026 Trotzdem konnte auch er nicht verhindern, dass die Reformen der späten sechziger und vor allem der siebziger Jahre vor der Polizeiverwendung nicht Halt machten und den geschlos senen Einsatz der Bereitschaftspolizei liberalisierten. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Das lag nicht zuletzt daran, dass sich ihre Lehrkräfte an Schriften orientierten, nach denen bereits in der Vergangenheit ausgebildet worden war. Mangels neuer Lehrbücher arbeitete die westdeutsche Staatsgewalt mit Werken zur Poli zeiverwendung, deren Autoren bereits in der Weimarer Demokratie zum Thema publiziert hatten.3027 So hatten sich etwa die unterfränkischen Bezirksinspektoren der Landpolizei im Herbst 1951 selbstständig über dieses Sachgebiet zu informieren, indem sie den Text „Der Einsatz stärkerer Polizeikräfte“ von Max Kreutzer studieren sollten.3028 Die bundesdeutsche Ordnungsmacht nutzte sogar die zentrale Fachliteratur des „Dritten Reichs“, um sich auf den geschlossenen Einsatz vorzubereiten. Eine der populärsten Schriften war weiterhin „Der Un terführer in der Polizeiverwendung“ von Alfons Illinger, die selbst noch im Jahre 1962 über arbeitet in der mittlerweile 11. Auflage erschien.3029 Obwohl diese im Vergleich zur Original fassung des Jahres 1938 entschärft war, fanden sich in ihr viele der ursprünglichen Aufgaben lediglich in etwas abgeänderter und angepasster Form wieder. Sie unterrichtete den Leser über die ideale Vorgehensweise zum „Einsatz gegen eine Verbrecherbande auf dem Lande“3030 3024 Zur Biographie von Albert Rieg siehe Kapitel 7.4. 3025 Vgl. Rieg, Ausbildung, S. 21f. 3026 Ebd., S. 22. 3027 Nicht nur in der Polizeiverwendung, sondern auch in anderen Disziplinen griff die bundesdeutsche Polizei für ihre Ausbildung zunächst auf Literatur aus der Weimarer Republik zurück. Vgl. Schulte, Bildung, S. 94. 3028 BayHStA München, Polizeischule FFB 414, I. V. Kundinger (Landpolizei Bayern - Chefdienststelle Unterfranken) an Präsidium der Landpolizei: Lehrgänge für Polizeiverwendung, 07.09.1951. Vgl. fer ner Max Kreutzer, Der Einsatz stärkerer Polizeikräfte, 5. Aufl., München 1950. Siehe dazu auch Kapi tel 3.3. 3029 Vgl. Alfons Illinger, Der Unterführer in der Polizeiverwendung. Ein polizeitaktisches Lehr- und Übungs buch für Einzel- und Truppenpolizei. Neubearbeitet von Wilhelm Schell, 11., erw. Aufl., Lübeck 1962. 3030 Ebd., S. 131. 557 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank o d er zu r „B ekäm pfung eine r T error- u n d P lü n d e re rb a n d e “ 3031 sow ie „S äu b eru n g sm aß n ah m en “.3032 F ü r d e n U n te r r ic h t im g e sc h lo sse n e n E in sa tz e n ts ta n d e n in d e r N a c h k r ie g sz e it a lle rd in g s au c h n e u e P u b lik a tio n e n , d ie a u f e in e n so lc h m a r tia l is c h e n W o rtsc h a tz v e rz ic h te te n . In d e r f rü h e n B u n d e s re p u b lik e rs c h ie n e n d a rü b e r h in a u s au c h a n d e re S c h rif te n , d ie aus d e r F e d e r v o n P o liz is ten s ta m m te n u n d d ie a l te n F e in d b ild e r p fleg ten . In s e in e m 19 58 e r s c h ie n e n e n B u ch „M ö rd e r, R ä u b e r u n d B a n d iten “ s c h w a d ro n ie r te e tw a H e rb e r t K o sy ra ü b e r d as „ p o ln is c h -o b e rsc h le s isc h e B a n d e n w e se n w ä h re n d des zw e iten W eltk rieg es 19 3 9 / 4 5 “. G e ra d e d e m p o liz e ilic h e n N a c h w u c h s p rä s e n tie r te d e r K r im in a lin s p e k to r s e in e rz e it e in e M i s c h u n g aus re iß e r is c h e n G a u n e rg e sc h ic h te n u n d h e ro is ie re n d e r S e lb s tb e w e ih rä u c h e ru n g d er K rim in a lp o liz e i. In d ie se m S in n e ü b e rh ö h te u n d k rim in a lis ie r te er je n e G eg n er, m it d e n e n es d ie d e u tsc h e S taa tsg ew alt im b e se tz te n P o len u n d im „A ltre ic h “ a u fg e n o m m e n h a tte . D a b e i b e to n te er, dass es zw ar sc h o n im m e r V erb rec h e r g eg e b en h ab e . Im G re n z g e b ie t se ie n sie a b e r b e so n d e rs z a h lre ic h u n d g e fä h r lic h g ew ese n .3033 D ie L e h re n au s d e n d a m a lig e n E re ig n is se n k ö n n te n fü r d ie Po lizei, la u t K osy ra , n u n au c h in d e r N a c h k rie g sz e it v o n g ro ß e m N u t z e n se in : „D ie im Z u g e d e r B a n d e n b e k ä m p fu n g in O b e rs c h le s ie n u n d P o len g e m a c h te n E rfa h ru n g e n , d ie K e n n tn is d e r E ig e n a r te n d es o b e rs c h le s is c h e n u n d p o ln is c h e n V e rb re ch e rs , d ie B e h e rrs c h u n g d e r S p rach e u n d ih re a k z en tfre ie W ie d e rg a b e fü h r te n n a c h d e m Z u s a m m e n b ru c h im Jah re 194 5 z u b e so n d e rs g u te n E rfo lg en , als d ie P o len u n d A n g e h ö rig e n a n d e re r O s tv ö lk e r im W e sten D e u tsc h la n d s ih r U n w e se n tr ie b e n , M o r d e , R a u b ü b e rfä lle u n d a n d e re S tra fta te n b e g in g e n .“ 3034 D ass d as ap o lo g e tisch e M a c h w e rk n ic h t d a fü r g e d a c h t w ar, s ic h m it d e r p o liz e ilic h e n P rax is in d e r R e g io n o b jek tiv a u se in a n d e rz u se tz e n , lä ss t b e re its d e r R e g ie ru n g s- u n d K r im in a ld i r e k to r a. D. W illy G ay in s e in e m G e le itw o rt d u rc h b lic k e n . Ih m zu fo lg e ziele d as B u ch d a r a u f ab, „ d e n K a m p f d e r O rd n u n g s e le m e n te , d e r P o lize i, g eg e n e in en tfesse lte s U n te r m e n s c h e n tu m , g eg en V erb rech er, d e n e n f re m d e s L eb en eb e n so w en ig g a lt w ie ih r e igen es, n o c h e in m a l z u v e rg eg en w ärtig e n “.3035 A u ch im m ili tä rh is to r is c h e n S c h rif ttu m d e r e rs te n N a c h k r ie g s ja h rz e h n te fa n d s ic h d as M o tiv d es „ B a n d e n k a m p fe s“, m it d e m d e r „a u sw ä rtig e E in sa tz “ d e r O rd n u n g sp o liz e i v e r h a r m lo s t w u rd e . In d e r Z e its c h rif t „ F e ld g rau “ g lo rifiz ie rte b e isp ie lsw e ise H a u p tm a n n H o rs t-A d a l b e r t K o ch in e in e m A u fsa tz aus d e m Jah re 19 5 7 d ie P o liz e ire g im e n te r u n d -b a ta i llo n e des Z w e iten W eltk rieg s. So s c h r ie b e r in p a th e tis c h e n W o rte n , dass sie „S ch u lte r a n S c h u lte r m it d e n V e rb ä n d e n d e r W e h rm a c h t a n d e r F ro n t u n d in P a r t is a n e n g e b ie te n ih re s o ld a t is c h e P flich t e r fü llten “.3036 Ä h n lic h k la n g es au c h b e i H e rb e r t G o lz , als er se in e G e d a n k e n z u m „B an d e n k r ie g “ in d e r Z e its c h rif t „ W eh rk u n d e“ im Jah re 1955 z u P a p ie r b ra c h te . In F o rm e in es r e s ü m ie re n d e n E rfa h ru n g sb e r ic h ts s in n ie r te er ü b e r d ie o s te u ro p ä is c h e n P a r t is a n e n u n d d e r e n K am p fesw eise , a b e r a u c h ü b e r d a s ta k t is c h e V o rg e h e n in s b e s o n d e re v o n K rä fte n d e r 3031 Ebd., S. 181. 3032 Ebd., S. 221. 3033 Vgl. Herbert Kosyra, Mörder, Räuber und Banditen. Das polnisch-oberschlesische Bandenwesen wäh rend des zweiten Weltkrieges 1939/45, Hamburg 1958, S. 10-61. 3034 Ebd., S. 61. 3035 Ebd., S. 9. 3036 Koch, Organisationsgeschichte, S. 141. 558 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern Ordnungspolizei und strategischen Fehlern der deutschen Besatzer.3037 Ihm zufolge handel te es sich bei den „Banden“ um „alle irregulären Zusammenschlüsse von politisch oder ideo logisch fanatisierten Menschen, die, ohne sich als Kämpfer kenntlich zu machen, Kleinkrieg führten“.3038 Deswegen seien sie als Kombattanten nicht anerkannt gewesen und hätten sich bei ihren Aktionen auch sonst nicht an das Kriegsvölkerrecht gehalten. Dementsprechend unterstrich Golz, wie gefährlich diese Gegner gewesen seien: „Die Bandenangehörigen kannten aus Selbsterhaltung nur einen Richtsatz, nämlich den Gegner auf jeden Fall wirklich auszulöschen. Kein lebender Zeuge sollte von den Banden und ihren Taten später berichten können. Daraus ergab sich dann zwangsläu fig eine allgemeine Verrohung und Grausamkeit im Verhalten der Banden. Es wurden unglaubliche Akte der Massenvernichtung und triebbedingte Unmenschlichkeiten an den Opfern begangen. Derartiger Handlungen ist ein anständiger Mensch normaler weise nicht fähig.“3039 Seiner Ansicht nach seien die deutschen Truppen auf das „Bandenunwesen“ überhaupt nicht vorbereitet gewesen, weshalb es sich bei ihren ersten Reaktionen bloß um „Notwehrmaßnah men“ gehandelt habe.3040 Zwar räumte Golz ein, dass auch vonseiten der Besatzer „die Vor schriften des Völkerrechtes nicht befolgt wurden“.3041 Aber weder er noch Koch erwähnten, dass diese die „Bandenbekämpfung“ auch dazu genutzt hatten, um massenweise Zivilisten und vor allem Juden umzubringen. Die westdeutsche Gesellschaft hinterfragte die Narrative der „Bandenkämpfer“ nicht wei ter. Das dürfte nicht zuletzt daran gelegen haben, dass Autoren aus der DDR den sowjeti schen Partisanenkrieg in den sechziger Jahren regelrecht romantisch überhöhten. Peter Kolm see etwa gab ganz offen zu, seine Schrift „Der Partisanenkampf in der Sowjetunion“ aus dem Jahre 1963 beabsichtige nicht bloß, den Leser für das Thema zu interessieren. „Sie soll seine Hochachtung gegenüber dem heldenhaften Kampf des Sowjetvolkes, aber zugleich auch sei nen Haß gegen die in Westdeutschland wiedererstandenen Kräfte des Imperialismus erwe cken und verstärken“, wie der Militärhistoriker erklärte.3042 Ähnliche Töne schlug zwei Jahre später Heinz Kühnrich an, der in seinem Buch „Der Partisanenkrieg in Europa 1939-1945“ diesen zu einer Erfolgsgeschichte des Kommunismus verklärte: „Der aktive Kampf der Volksmassen und die Befreiungsbewegung in den von den Na ziokkupanten besetzten Ländern Europas verwandelten den Krieg allmählich in ei nen gerechten Befreiungskrieg gegen den faschistischen Staatenblock. [...] Unter der Führung der Kommunisten kämpften Millionen Menschen in allen vom Faschismus unterjochten europäischen Ländern gegen die faschistischen Räuber und leisteten da mit einen wichtigen Beitrag zur Niederlage des deutschen Imperialismus.“3043 3037 Vgl. Herbert Golz, Erfahrungen aus dem Kampf gegen Banden, in: Wehrkunde 4/4 (1955), S. 134-140. 3038 Ebd., S. 134. 3039 Ebd., 137. 3040 Ebd., S. 137. Hervorhebung im Original. 3041 Ebd., S. 140 3042 Peter Kolmsee, Der Partisanenkampf in der Sowjetunion. Über Charakter, Inhalt und Formen des Par tisanenkampfes in der UdSSR 1941-1944, Militärhistorische Studien, Bd. 6, Berlin 1963, S. 5 f. 3043 Heinz Kühnrich, Der Partisanenkrieg in Europa 1939-1945, Berlin 1965, S. 5. 559 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank O ffen s ic h tlich w u sste d ie b u n d e s d e u ts c h e Ö ffe n tlic h k e it m it so lc h e n I n te rp re ta t io n e n d e r m a rx is t is c h e n G e sc h ic h ts sc h re ib u n g h e rz lic h w e n ig a n z u fa n g e n , so fe rn d iese ü b e rh a u p t d e n „ E ise rn e n V o rh a n g “ ü b e rw in d e n k o n n te n . G ro ß te ils p fleg te sie w e ite rh in e in e n t r a d i t io n s re i c h e n A n tik o m m u n is m u s , d e r im K alten K rieg e ine n e u e S to ß r ic h tu n g e rh ie lt. S e in F o r tb e s ta n d k a m d e n „P o lize iso ld a ten “ v o n e in s t ä u ß e rs t g e legen . D e n n a u c h ih m w a r es z u v e r d a n k e n , d ass ih re R e in te g ra tio n in d as d e m o k ra tis c h e D e u tsc h la n d so re ib u n g s lo s v o n s ta t te n g in g . N o c h in d e n s ieb z ig er Ja h re n ex is tie r te e in v e r tra u te s V o k a b u la r in p o liz e ilic h e n P u b lik a tio n e n d e r B u n d e s re p u b lik , d a s s ic h b eg riff lic h a u f d e n „ B a n d e n k a m p f“ b e z o g .3044 Bis in d ie s ieb z ig e r u n d f rü h e n ac h tz ig e r Jah re h in e in b e fass te s ic h d ie d e u tsc h e S taa tsg e w a lt m it G e d a n k e n s p ie le n u n d S z en a rie n , w ie sie s c h o n v o r K rie g sen d e in d e r P o lize itak tik b e s ta n d e n h a t te n .3045 In d e n e rs te n N a c h k r ie g s ja h rz e h n te n v e ra n s ta lte te z. B. d e r BG S a lle in o d e r o ft au ch g e m e in sa m m it E in h e ite n d e r B e re itsch a ftsp o lize i v e rsc h ie d e n e P lan sp ie le . W ie F alco W e rk e n t in zu b e r ic h te n w eiß , w a re n d iese se h r h äu fig v o m „ B a n d e n -M o tiv “ u n d ä h n lic h e n K o n s tru k te n g e le ite t .3046 A n d e r M o sel t r a in ie r te n b e id e I n s ti tu t io n e n M itte O k to b e r 1958 e tw a d e n „ K a m p f g eg en e in g e sch le u s te u n d ,la n d e se ig e n e ’ p o litis c h e B a n d e n “. E in Jah r sp ä te r p ro b te n sie z u s a m m e n in S c h le sw ig -H o ls te in au c h „K äm p fe im W a ld g eb ie t“.3047 E in en „E in sa tz g eg en ro te A g e n te n u n d A k tio n s g ru p p e n “ s tu d ie r te d ie s p ä te re B u n d e sp o liz e i im H e rb s t 196 5 b e i K iel e in .3048 A ls G re n z sch u tz o ffiz ie re im A p ril 19 7 0 e in e n L eh rg a n g im u n te r f rä n k is c h e n F la d u n g e n b e su c h te n , h a t te n sie in e in e r p o liz e ita k tis c h e n A u fg ab e g eg e n b e w affn e te R e v o lu tio n ä re e in z u s c h re ite n , in d e m sie e in e „ S ä u b e ru n g d es O r te s im H ä u s e r k a m p f “ d u rc h fü h re n so llte n .3049 O b w o h l d e r BG S u n d d ie L ä n d e rp o liz e ie n m it so lc h e n Sze n a r ie n se itd e m d e u tl ic h s e lte n e r k o n f ro n t ie r t w a ren , fa n d e n d e ra r tig e K o o p e ra tio n e n n o c h z e h n Jah re sp ä te r s ta tt. In d e r g e m e in sa m e n „ S ta b s ra h m e n ü b u n g ,R o te r H a h n ’“ ü b te n sie in B a d e n -W ü rtte m b e rg so g a r n o c h E n d e O k to b e r 19 8 0 d e n „ K a m p f g eg en te rro r is t is c h e A k ti v itä te n “, w o zu e tw a „ B a n d e n ü b e rfä lle , illeg a le R e iseb e w e g u n g e n “ u n d „ S c h ie ß ü b u n g e n in W ä ld e rn “ z ä h l te n .3050 D ie s ieb z ig er Jah re b ra c h te n fü r d ie d e u tsc h e P o lizei z a h lre ic h e R e fo rm en , d ie m it d az u b e i t ru g e n , d ass sie s ic h v o n d e n m a r tia l is c h e n R e lik ten d e r W e im a re r u n d d e r N S -Z e it a ll m ä h lic h lö ste , a n d e n e n im N a c h k r ie g sd e u ts c h la n d im m e r w ied e r K ritik aufflam . M itv e ra n t w o rtlic h d a fü r w a re n n ic h t z u le tz t d e r d a m a ls s ta ttf in d e n d e in n e n p o lit is c h e W a n d e l in d e r B o n n e r R e p u b lik so w ie d ie n e u e O s tp o li t ik d e r so z ia llib e ra le n K o a litio n , d ie d e m w e s td e u t s c h e n A n tik o m m u n is m u s g ro ß e n te ils d e n B o d e n en tzo g . D ie S taa tsg ew alt lö ste s ich a l lm ä h lic h v o n d e m S ta n d p u n k t, s ic h a u f e in e n B ü rg e rk r ie g v o rb e re ite n z u m ü sse n . Sie k o n z e n t r ie r te s ic h s ta ttd e sse n w esen tlich s tä rk e r d a ra u f , d e n a lltäg lich e ren F o rm e n v o n K rim in a litä t e n tg e g e n z u tre te n . N a c h d e m d ie O rd n u n g s m a c h t z u v o r d a m it g e sc h e ite r t w ar, g eg en d ie S tu d e n te n b e w e g u n g an e in e r a n a c h ro n is t is c h e n P o liz e ita k tik fe s tz u h a lte n , sa h sie s ic h in d iese r U m b ru c h p h a se g en ö tig t , ih re E in sa tz k o n z e p te zu ü b e rd e n k e n u n d z u e rn e u e rn . O b w o h l d e r lin k se x tre m is tisc h e T e rro r ism u s u n d n e u e P ro te s tk u ltu re n in d e n s ieb z ig e r Ja h re n d ie G e se tz e sh ü te r a u f e in e h a r te P ro b e s te llte n u n d d a d u rc h d iese R e fo rm w elle zu b e d ro h e n sc h ie n e n , lie ß sie s ich le tz tlich n ic h t au ffla lten . So b a u te d ie P o lizei b e isp ie lsw eise ih re n P e rso n a l 3044 Vgl. Weinhauer, Partisanenkampf, S. 250 f. 3045 Vgl. Knatz, Heer, S. 378. 3046 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 211-219. 3047 Ebd., S. 216. 3048 Ebd., S. 217. 3049 Ebd., S. 218. 3050 Ebd., S. 219. 560 Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit - Der Schwerpunkt Bayern stand deutlich aus, etablierte in ihren Reihen m oderne Technologien wie etwa c o m p u te rg e s tü tz te D a te n b a n k e n u n d v e rz ic h te te a u f K rie g sg e rä t w ie M a sc h in e n g e w e h re , G ra n a tw e rfe r u n d P a n z e rfä u s te .3051 In d ie se r P h a se d es W an d e ls e rh ie l t d ie d e u tsc h e O rd n u n g s m a c h t au c h e ine z e n tra le L eh r a n s ta lt fü r ih re F ü h ru n g sk rä f te . U m m ö g lic h s t ra sc h g ee ig n e te L e h re r fü r d ie p o liz e ilic h e n B ild u n g ss tä tte n ih re r g e sa m te n B e sa tz u n g sz o n e z u e rz ie h e n , h a tte n d ie B rite n b e re its M itte 194 5 d ie Z e n tra l-P o liz e is c h u le im w es tfä lisch en H iltru p g e g rü n d e t. A ls sie d ie b e n ö tig te A n z a h l a n d e u ts c h e n L e h re rn e r re ic h t h a tte n , h ie l te n sie se it F e b ru a r 19 4 6 sp ez ie lle K urse ab, in d e n e n sie O b e rb e a m te d e r O rd n u n g s m a c h t w e ite rb ild e te n . A n d ie se r A u fg ab e ä n d e r te s ich au c h n ic h ts , n a c h d e m d ie K o n tro lle ü b e r d ie b e d e u te n d e L e h ra n s ta l t im S o m m e r 19 4 7 a u f d as L an d N R W ü b e rg e g a n g e n w ar u n d s ic h d a m it au c h d e r b r i tis c h e E in fluss d e u tl ic h r e d u z ie r t h a tte . S e ith e r u n te r s ta n d sie e in e m d e u ts c h e n S ch u lle ite r, d e m v o rsc h w e b te , a m S ta n d o r t z u sä tz lich e in F o rsc h u n g s in s ti tu t zu e r r ic h te n , w ie es im P re u ß e n d e r W e im a re r R e p u b lik e x is tie r t h a tte . In F o rm e in es n e u e n S ta tu ts k o n n te d ieses a m b itio n ie r te V o rh a b e n a m 5 . A u g u s t 19 4 8 re a lis ie r t w e rd e n . S e itd em v e ra n s ta lte te d ie Z e n tra l-P o liz e is c h u le n ic h t n u r u n te rs c h ie d lic h e L eh rg än g e , in d e n e n sie F ü h ru n g sk rä f te d e r S taa tsg ew alt au s- u n d fo r tb il d e te . Sie m a c h te s ic h a u c h d a ra n , d ie v e rs c h ie d e n e n U e m e n - u n d E in sa tz fe ld e r d e r d e u t s c h e n O rd n u n g s m a c h t w issen sc h a ftlich z u e rfo rsc h e n - ä h n lic h w ie es e in s t in B e rlin -C h a r lo t te n b u rg g e sc h e h e n w ar. A u ß e rd e m ö ffn e te sie s ic h z u n e h m e n d fü r T e iln e h m e r au s d e r a m e rik a n is c h e n u n d d e r f ra n z ö s isc h e n Z o n e .3052 Seit 15 . D e z e m b e r 19 4 9 h ie ß sie „ P o liz e i- In s ti tu t H il tru p “, w o b e i s ic h a n ih re n K o m p e te n z e n n ic h ts ä n d e rte . In d e r F o lgeze it so llte sie s ic h z u r w ic h tig s te n p o liz e ilic h e n L e h ra n s ta l t in g a n z D e u tsc h la n d en tw ic k e ln . N a c h d e m sie im Jah re 19 6 9 a n d e n B u n d u n d d ie e in z e ln e n L ä n d e r d ie A u fg ab e ab g e g eb en h a tte , d ie B e a m te n d es g e h o b e n e n D ie n s te s au sz u b ild e n , e n ts ta n d aus ih r A n fa n g d es Jah res 19 7 3 d ie „ P o liz e i-F ü h ru n g sa k a d e m ie “ (PFA ). D a d u rc h s tieg sie z u r o b e rs te n P o lize isch u le d e r B u n d e s re p u b lik auf, d a le tz tlic h n u r sie d ie A n w ä rte r d es h ö h e re n D ien s te s h e ra n b ild e te .3053 W ä h re n d sie s ich n a c h E rlass e in es e n ts p re c h e n d e n G ese tzes im Jah re 20 0 5 so g a r z u r D e u tsc h e n H o c h sch u le d e r P o lizei (D H P o l) w an d e lte , e r le d ig t sie d iese A u fg ab e b is h e u te .3054 D ie P o lizei p ro fe ss io n a lis ie r te se it d e n s ieb z ig er Ja h re n in sg e sa m t d ie A u sb ild u n g ih re r A n w ärte r . Z u d e m ö ffn e te sie s ic h in n e r - w ie a u ß e rh a lb d e r e ig e n e n In s ti tu t io n a m b i tio n ie r te n In itia t iv e n , d ie z u m Z ie l h a b e n , d ie S taa tsg ew alt w isse n sc h a f tlic h zu e r fo rs c h e n .3055 S e in e r ze it d ra n g e n in d e n U n te r r ic h t z u n e h m e n d so z ia lw issen sc h aftlic h e K o n zep te e in , d ie a u f e ine K o m m u n ik a tio n m it d e m B ü rg er u n d a u f D e e sk a la tio n au sg e ric h te t s in d .3056 A ls b e so n d e rs in n o v a tiv e rw ies es s ich , dass d ie e in z e ln e n B u n d e s lä n d e r b e re its M itte d e r s ieb z ig er Jah re sp ez ie lle F a c h h o c h sc h u le n e in r ic h te te n , w elche d ie A n w ä rte r s e i th e r in e in e m S tu d iu m fü r d e n g e h o b e n e n P o lize id ien s t a u sb ild e n .3057 Z u ih n e n g e h ö r t au c h d ie P o lize isch u le F ü rs te n fe ld b ru c k , d ie b is d a h in e in e n t ie fg re ife n d e n W a n d e l e rfu h r. W ar sie w ä h re n d des „ D r it te n 3051 Vgl. ebd., S. 187-201. 3052 Vgl. Kemmerich, Entstehung, S. 79 f., 94-105 und 110-117. 3053 Vgl. Wolfgang Birkenstock, Die Polizei-Führungsakademie, in: 100 Jahre, S. 98-117, hier: S. 99. 3054 Vgl. Frevel, Polizei, S. 7. 3055 Vgl. Werkentin, Restauration, S. 197-200. 3056 Vgl. 100 Jahre, S. 69 f. Ferner: Schulte, Bildung, S. 203-215. 3057 Vgl. Josef Falter/Rainer Stolle, Chronik des Polizeipräsidiums München, Bd. 2, Hildburghausen 1998, S. 22; 100 Jahre, S. 92. Ferner: Kaiser, Schranken, S. 38. Zu Aspekten des heutigen Fachhochschulstu diums der Polizei in NRW: Ulrike Neuhoff, Akademische Freiheiten im Korsett eines verschulten Stu dienbetriebs - Das Studium für Polizeivollzugsbeamte an der Fachhochschule für öffentliche Verwal tung Nordrhein-Westfalen, in: Leßmann-Faust, Polizei, S. 179-205. 561 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Reichs“ eine der wichtigsten Pflegestätten des nationalsozialistischen Geistes, entwickelte sie sich in der Nachkriegszeit zu einer demokratischen Vorzeigelehranstalt und zur bedeutends ten Bildungseinrichtung der bayerischen Ordnungsmacht. Nachdem sie von 1946 bis 1952 als Landpolizeischule gedient hatte, fungierte sie von 1953 bis 1975 als Bayerische Polizeischu le. Seit 1975 existiert sie als Fachhochschule der bayerischen Polizei, wobei sie in der allge meinen Bayerischen Beamtenfachhochschule angesiedelt war. Im Jahre 2003 wurde sie schließ lich in „Bayerische Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege - Fachbereich Polizei“ umbenannt, wie sie seither offiziell heißt.3058 Fanden vor einigen Jahrzehnten noch Offiziersanwärterlehrgänge innerhalb ihrer Mauern statt, ist sie heute die zentrale Lehran stalt für alle bayerischen Gesetzeshüter, die zu Polizei- und Kriminalkommissaren aufstei gen wollen. Die Aspiranten des gehobenen Dienstes absolvieren in ihr ein anspruchsvolles Studium, das insgesamt inklusive eines praktischen Semesters zwei bis drei Jahre lang dau ert und 25 Fächer umfasst. Phasenweise übernimmt sie auch die Aufgabe, die Anwärter des höheren Dienstes auszubilden, die dann an der Deutschen Hochschule der Polizei in Müns ter-Hiltrup ihr Masterstudium fortführen.3059 Nichts deutet mehr darauf hin, dass die Bru cker Institution einst für zahlreiche Polizeioffiziere ein Drehkreuz zum Vernichtungskrieg war. In ihr regiert nicht mehr der totalitäre Maßnahmenstaat, sondern nur noch der demo kratische Rechtsstaat. Die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck verdeutlicht, dass sich historisch kontaminierte Orte wandeln können, sofern ein politischer und gesellschaft licher Wille dazu vorhanden ist. 3058 Vgl. Homepage der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern - Fachbe reich Polizei. Chronik: Vom Kloster zur Polizeischule. URL: http://www.ffivr-polizei.bayern.de/de/wirueber-uns/chronik.html (zuletzt eingesehen am: 15.07.2017). 3059 Vgl. Hermann Vogelgsang, 40 Jahre Fachbereich Polizei. Polizei(ausbildung) im Wandel, in: Berichte, Fakten, Hintergründe aus dem Fachbereich Polizei 1 (2015), S. 3-8, hier: S. 3 f. 562

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Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.