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Akteure des„Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 451 - 534

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-451

Tectum, Baden-Baden
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7. Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck 7.1 Nicht nur Statistik - Vier Offiziersanwärterlehrgänge in Zahlen Während die vorangegangenen Ausführungen bereits erahnen lassen, welche Menschen die Polizeischule Fürstenfeldbruck besuchten oder in ihr arbeiteten, soll diese Perspektive nun vertieft werden. Bevor einzelne Lehrer und Schüler biographisch näher betrachtet werden, lohnt es sich aber zunächst, ausgewählte Lehrgänge sozialstatistisch zu durchleuchten. Die ses Unterfangen gestaltet sich jedoch schwierig, weil die überlieferten Quellen nicht immer aussagekräftige Informationen liefern.2487 Darüber hinaus sollen die Ergebnisse der folgen den Analyse zumindest partiell mit denen weiterer Studien verglichen werden, die sich mit den Führungskräften anderer Waffenträger des NS-Staats befassen. Anders als die vorliegen de Arbeit konzentrieren sich die meisten dieser Werke aber nicht gesondert auf die Gruppe der auszubildenden Nachwuchsführer, weshalb ein unmittelbarer Vergleich nur bedingt mög lich ist. Des Weiteren darf auch nicht vergessen werden, dass die untersuchten Personen gruppen aus Fürstenfeldbruck nur einen kleinen Teil des gesamten Offizierskorps der Ord nungspolizei ausmachten und daher nur eingeschränkt repräsentativ sind. An anderer Stelle konnte die Studie bereits zeigen, dass alle Offiziersschulen der Ordnungs polizei zwischen 1936 und 1945 insgesamt 48 Offiziersanwärterlehrgänge durchführten.2488 22 davon fanden allein in Fürstenfeldbruck statt, von denen vier im Folgenden eingehender ana lysiert werden, um eine Antwort auf die Frage zu finden, aus was für Männern sich ein sol cher Kurs an der oberbayerischen Polizeischule zusammensetzte. Es handelt sich dabei zu nächst einmal um den 4. OAL, der vom 7. Januar bis 18. Dezember 1937 stattfand und mit 40 Teilnehmern begann, von denen 39 den Kurs erfolgreich absolvierten. Ihn genauer zu be trachten, lohnt sich deshalb, weil er der erste Lehrgang für angehende Polizeiführer des NS- Staats war, den die Brucker Bildungsanstalt abhielt. Als nächstes fiel die Wahl auf die beiden Kurse, die einerseits auf den 4. OAL folgten, sich andererseits jedoch phasenweise mit ihm sogar zeitlich überlappten: Der 6. OAL dauerte vom 1. April 1937 bis 23. März 1938 und um fasste insgesamt 73 Anwärter, wobei drei von ihnen den Lehrgang nicht bestehen konnten. Vom 3. August 1937 bis 28. Juli 1938 fand dann der 7. OAL statt, den immerhin 33 von 34 Teil nehmern meisterten. Diesen drei Lehrgängen ist gemein, dass die Brucker Schule sie nicht nur in den Friedens jahren, sondern dadurch auch in jener Phase abhielt, in der Himmlers Polizeiapparat rege damit experimentierte, wie er seinen Führungsnachwuchs bestmöglich ausbilden konnte. Darüber hinaus standen sie zwar einerseits für sich allein, waren andererseits aber zweige 2487 Zur recht schwierigen Quellenlage und zu Problemen der sozialstatistischen Verfahren siehe Kapitel 1.3. 2488 Siehe dazu Kapitel 4.4.2. 451 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k teilt, weil fast zeitgleich in Berlin-Köpenick ebenfalls Kurse durchgeführt wurden, die die selben Nummern aufwiesen wie ihre süddeutschen Pendants.2489 Grundsätzlich fanden ge rade sie Eingang in die Studie, da sie die drei ersten Offiziersanwärterlehrgänge in Fürstenfeldbruck waren. Das ist deshalb wichtig, weil sie damit Prototypen für die nachfol genden Lehrgänge waren. Zugleich hatten ihre Absolventen am längsten Zeit, um hernach im NS-Staat weiter beruflich aufzusteigen. Da die Polizisten bereits ab den Jahren 1937 und 1938 einen Offiziersrang bekleideten, konnten sie bis zum Ende des „Dritten Reichs“ unter Umständen eine beachtliche Machtfülle entfalten. Zudem wurde noch der 21. OAL eingehender ana lysiert, den 147 von 213 Anwärtern als Oberbeam te verlassen konnten, die dafür vom 3. März bis 16. August 1941 in Fürstenfeldbruck zugebracht hat ten. Dieser Kurs ist schon allein deshalb interessant, weil er der erste war, der an der oberbayerischen Bildungsstätte stattfand, nachdem das Brucker Po lizeiausbildungsbataillon aus ihr abgezogen war. Im Gegensatz zu den anderen drei Lehrgängen erfolg te er während des Krieges. Dabei begann er weni ge Monate vor dem deutschen Überfall auf die So wjetunion, überdauerte jedoch den Beginn des Russlandfeldzugs. Er endete also zu einer Zeit, als die paramilitärischen Einheiten der uni formierten Polizei bereits tief im „Osten“ eingesetzt waren und deshalb erst recht einen gro ßen Personalbedarf hatten. Deswegen ist anzunehmen, dass sich die neuen Offiziere ziem lich schnell in den Besatzungsapparat integrieren und dort bedeutende Führungspositionen besetzen konnten. Die Anzahl der Schüler des 21. OAL lag vermutlich schon allein deswe gen wesentlich höher als bei den übrigen untersuchten Kursen, weil er nicht zwischen Fürs tenfeldbruck und Berlin-Köpenick aufgeteilt war. Ferner weist sein Umfang darauf hin, wie sehr Dalueges Polizei in dieser Phase des Krieges versuchte, dem Mangel an dringend benö tigten Führungskräften entgegenzusteuern. Daher mag es zunächst überraschen, dass die sen Kurs nur knapp 70 % der Teilnehmer bestanden, während die Erfolgsquote in den frü heren Lehrgängen weitaus höher gelegen hatte. Allerdings darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass sich parallel zur wachsenden Nachfrage nach geeigneten Offizieren aber nicht die Qualität der Kandidaten erhöhte.2490 2489 Siehe dazu Kapitel 4.4.1 und 4.4.2. 2490 Siehe dazu Kapitel 4.3, 4.4 und 5.2. Abbildung 39: Lehrabteilung des 21. OAL (BayFHVR Pol) Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T abelle 9: V erh ältn is von T eiln eh m ern zu A bsolventen der O A L O A L T eilnehm er A bsolventen in % 4. OAL 40 39 97,50 6. OAL 73 70 95,89 7, OAL 34 33 97,06 21. OAL 213 147 69,01 Gesamt: 360 289 80,28 Insgesamt 360 Teilnehmer besuchten also die vier ausgewählten Offiziersanwärterlehrgänge, die 289 Männer erfolgreich bewältigen konnten, was eine Quote von rund 80 % ausmacht. Sie lag damit ein wenig höher als die der gesamten Lehrgänge, welche die Ordnungspolizei zwischen T936 und T945 veranstaltete. Dabei entsprach sie ziemlich genau dem Mittelwert der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Im Folgenden sollen aber tatsächlich nur die Absolven ten der vier ausgewählten Kurse interessieren, weil sie es waren, die ihre Ausbildung meis terten und anschließend zum Offizierskorps der uniformierten Polizei gehörten. Dadurch war es ihnen möglich, im „Dritten Reich“ und nach dessen Zusammenbruch wirklich Kar riere zu machen. Von den insgesamt 289 Offizieren konnten in den BDC-Beständen die Un terlagen und damit auch valide Daten von 2t6 Oberbeamten ermittelt werden, was eine Aus beute von rund 75 % bedeutet. Sozialstatistisch relevante Informationen über diese Männer beinhalten dabei vorwiegend die Personalakten der SS-Führer (SSO) sowie des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS (RS). Ergänzt werden konnten sie mit jenen aus der Reichsrang liste der Offiziere der Ordnungspolizei (RRL), die für verschiedene Jahre und Dienstgrade vorliegt.2491 Zwar sind aus den Lehrgangsakten der Polizeischule Fürstenfeldbruck auch noch die Geburtstage sowie die Geburts- und Dienstorte der gesamten Absolventengruppe des je weiligen Kurses bekannt. Dennoch wurden diese Informationen nicht berücksichtigt, weil das ansonsten die übrigen Ergebnisse nur verzerrt hätte. T a b elle 10: V erh ä ltn is von A b so lv en ten d er O A L zu T reffern in B D C -B estä n d en OAL Absolventen gesamt davon Treffer in % 4. OAL 39 26 66,67 6. OAL 70 44 62,86 7. OAL 33 20 60,61 21. OAL 147 126 85,71 Gesamt: 289 216 74,74 2491 Vgl. z. B. Reichsrangliste der Offiziere der Ordnungspolizei, 4. Teil: Hauptleute, Berlin 1944 [Künftig: RRL]. 453 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Ein erster wichtiger Aspekt ist der Zeitraum, in dem die einzelnen Vertreter der untersuch ten Kurse zur Welt kamen. Die meisten dieser Brucker Absolventen wurden in den Jahren zwischen 1900 und 1910 geboren, womit sie der sogenannten „Kriegsjugendgeneration“ an gehörten. Meist waren sie damit einerseits zu jung, um selbst auf die Schlachtfelder des Ers ten Weltkriegs zu ziehen, aber andererseits zu alt, um von den Erfolgen und schließlich vom Scheitern der deutschen Armee nichts mitzubekommen. Gerade der verlorene Krieg prägte sie maßgeblich, weil er in ihrer Jugend als zentrales Thema dominierte. Denn auf die infan tile Kriegseuphorie im Sommer 1914 folgten prekäre Zeiten, in denen die ihnen vertraute Le benswelt letztlich zusammenbrach. Sie brachten zunächst unfreiwillige Opfer dar, weil ihre Väter und älteren Brüder von zuhause fort waren, da sie an den Fronten kämpften und vie le von dort nie mehr zurückkehrten. Zum Ende des Krieges und in der Folgezeit mussten sie aber auch materiellen Wohlstand entbehren und in ihren Jugendjahren häufig einen sozia len Abstieg aus dem bürgerlichen Milieu erfahren. Deshalb brachen sie demonstrativ mit der Vätergeneration, indem sie sich betont rational, kühl, hart und dadurch wenig einfühlsam gegenüber ihren Mitmenschen gaben. Trotzdem oder gerade deswegen verfielen sie selbst einer realitätsfremden Kriegsromantik, in der sie den Frontkämpfer zu ihrem Männlichkeit sideal erhoben. Außerdem wurden sie schon sehr früh politisiert und dabei auch radikalisiert, weshalb sie oftmals völkischem Gedankengut zugeneigt waren.2492 Wenngleich sich für das untersuchte Sample quellenbedingt nur wenige dieser Eigenschaf ten nachweisen lassen, ist allerdings klar, dass über 62 % der analysierten Offiziersanwärter dieser „Kriegsjugendgeneration“ zugeordnet werden können. Mit 124 Mann stammten aller dings etwas mehr als 91 % von ihnen allein aus dem 21. OAL, in dem sich im Durchschnitt deutlich ältere Beamte befanden. Die ersten drei Kurse rekrutierten sich dagegen hauptsäch lich aus der „Nachkriegsgeneration“. Diese umfasste jene Männer, die ab 1911 geboren wur den und sich daher an den Krieg selbst nicht mehr erinnerten. Deshalb wussten sie schon gleich gar nicht, welche vergleichsweise stabilen Verhältnisse zuvor im Kaiserreich geherrscht hatten. Stattdessen verlebten sie ihre Kindheit zumeist in den mitunter recht turbulenten Jah ren der Weimarer Republik. Nur ein einziger Polizist gehörte stattdessen streng genommen der „jungen Frontgeneration“ an, die im Jahrzehnt vor 1900 das Licht der Welt erblickte, in vielen Fällen auch noch am Ersten Weltkrieg teilnahm und durch das dabei Erlebte tief ge prägt war.2493 Allerdings kam Georg Bauer vom 21. OAL erst am 2. Dezember 1899 zur Welt, weshalb es eigentlich auch denkbar wäre, ihn zu seinen übrigen Kollegen zu zählen. Da er aber selbst im Jahre 1918 aktiv kämpfender Soldat im Ersten Weltkrieg war, repräsentiert er zu Recht die ihnen vorausgehende „junge Frontkämpfergeneration“.2494 Während er der äl teste der untersuchten Absolventen war, wurde als jüngster Hans Ott vom 4. OAL erst am 8. November 1915 geboren.2495 2492 Vgl. dazu u. a. Herbert, Best, S. 43-45. 2493 Vgl. ebd., S. 44. Das Konzept der drei genannten Generationen stammte von Ernst Günther Gründel, der es in seinem im Jahre 1933 erschienenen Buch „Die Sendung der Jungen Generation“ darlegte. Vgl. Ernst Günther Gründel, Die Sendung der Jungen Generation. Versuch einer umfassenden revolutio nären Sinndeutung der Krise, München 1933, S. 22-63. Ferner: Schmidt, Polizisten, S. 131-136. 2494 Vgl. BAB, RS - Georg Bauer. 2495 Vgl. BAB, SSO und RS - Hans Ott. 4 54 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T ab elle 11: A b so lv en ten nach G en era tion OAL bis 1899 1900-1910 1911-1915 4. OAL ü 0 26 6. OAL 0 4 40 7. OAL 0 8 12 21. OAL 1 124 1 Gesamt: 1 136 79 in %: 0,46 62.96 36.57 Grundsätzlich zeigt sich, dass in den „frühen“ Lehrgängen meist auch die jüngste der drei Generationen überwog, während das Regime im Zweiten Weltkrieg offener eingestellt war gegenüber älteren Offiziersanwärtern.2496 Dessen ungeachtet kann trotzdem attestiert wer den, dass es bei den Nachwuchskräften der Ordnungspolizei einen generationellen Schwer punkt gab. Ähnlich wie das Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD waren sie vor wiegend nach T900 zur Welt gekommen.2497 Allerdings ist dieser Befund nicht wirklich überraschend, da der Führungsnachwuchs im NS-Staat organisationsübergreifend möglichst jung sein sollte. Während aber die Offiziersriege der Ordnungspolizei kriegsbedingt zuneh mend ältere Angehörige aufnehmen musste, war das bei der Waffen-SS genau andersherum, deren Führerkorps sich zunehmend „verjüngte“, obwohl die beiden Altersstrukturen doch recht ähnlich waren.2498 Als ihr Offiziersanwärterlehrgang begann, waren sämtliche aufgefundenen Ordnungspo lizisten des Samples im Schnitt 30 Jahre alt. Dieser Gesamtwert täuscht jedoch darüber hin weg, dass das Durchschnittsalter in den ersten drei analysierten Kursen deutlich niedriger war als im letzten. Der „jüngste“ Lehrgang war der 4. OAL, zu dem die späteren Absolven ten im Alter von durchschnittlich 22% Jahren reisten.2499 Bei den nachfolgenden Kursen nahm der Altersdurchschnitt zunächst langsam und dann abrupt zu. Den 21. OAL meisterten rei fere Männer, die mit durchschnittlich 35 Jahren wesentlich älter waren als ihre Vorgänger. Darin schlägt sich die Tatsache nieder, dass die Ordnungspolizei in der Anfangsphase noch unter jungen Kandidaten auswählen konnte. Kriegsbedingt musste Dalueges Machtapparat jedoch zunehmend auf ältere Beamte zurückgreifen, die zwar im Polizeiberuf bereits erfah ren, dafür aber nicht mehr ganz so jung waren. Das war ein unverkennbares Symptom des seinerzeit stark ausgeprägten Personalmangels, der sich während des Zweiten Weltkriegs zu nehmend verschlimmerte. Davon abgesehen verrät aber ein Blick auf den 6. und 7. OAL, dass das Altersniveau der Offiziersanwärter bereits in den Friedensjahren nicht konstant blieb. Insgesamt kann aber ausgesagt werden, dass die Beamten schon in recht jungen Jahren an die Polizeischule Fürstenfeldbruck und anschließend in verantwortungsvolle Positionen ge langten. Während die drei ersten Gruppen jeweils rund ein Jahr lang dort zubrachten, ende 2496 Siehe dazu auch Kapitel 4.3. 2497 Vgl. dazu Wildt, Generation, S. 24; Banach, Elite, S. 325. 2498 Vgl. Wegner, Soldaten, S. 214-216. 2499 Jens Westemeier zeigt am Beispiel eines Lehrgangs an der SS-Junkerschule Braunschweig, dass seine späteren Absolventen zu dessen Beginn einen ähnlichen Altersdurchschnitt besaßen. Vgl. Westemei er, Krieger, S. 63. 455 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te der 21. OAL für seine Teilnehmer deutlich früher, was offensichtlich auf das reformierte Ausbildungskonzept während des Krieges zurückzuführen war. Tabelle 12: Durchschnittsalter bei Beginn und Ende des OAL OAL Beginn Ende 4 . OAL 2 2 ,5 8 2 3 ,5 4 6. OAL 2 3 ,1 4 2 4 ,1 1 7 . OAL 2 5 ,6 5 2 6 ,6 5 2 1 . OAL 3 5 ,2 5 3 5 ,6 5 Gesamt: 3 0 ,3 7 3 1 ,0 1 Ein Blick auf die geographische Herkunft der untersuchten Offiziersanwärter offenbart, dass rund 30 % von ihnen in Bayern geboren wurden, was den größten Anteil ausmachte. Danach folgten Sachsen mit 16,67 % sowie Badener und Württemberger mit jeweils 6,48 %. Wenn gleich es geradezu belanglos erscheinen mag, woher die einzelnen Beamten gebürtig stamm ten, lässt eine solche Analyse erkennbar werden, welche regionalen Schwerpunkte sich in den Lehrgängen ergaben. Zwar kann meist nur darüber spekuliert werden, welche Folgen es für einen Kursus hatte, wenn Schüler aus einem bestimmten Herkunftsgebiet zahlenmäßig dominierten. Allerdings ist bereits an anderer Stelle deutlich geworden, dass die Teilnehmer kleine Grüppchen bildeten, je nachdem woher sie kamen. Das konnte zuweilen den Integ rationsprozess untereinander erschweren.2500 Eben das stand dem Bestreben von Himmlers Polizeiapparat entgegen, eine möglichst homogene Führungsriege zu schaffen, in der sich ein umfassender Korpsgeist entwickeln sollte. Allerdings ist nicht bekannt, ob es dahinge hend auch in den vier untersuchten Lehrgängen irgendetwas zu beanstanden gab. 2500 Vgl. dazu BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2. Siehe dazu auch Kapitel 5.2. Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T abelle 13: G ebu rtsorte nach Region Gebiet 4. OAL 6. OAL 7. OAL 21. OAL Gesamt in % Anhalt 0 0 0 1 1 0.46 Baden 4 5 2 3 14 6,48 Bayern 11 IS 6 30 65 30.09 Bc rl in/B randenbu rg/Wc stpre ußc n 0 0 0 8 8 3,70 Elsass-Lothnngcn 0 0 1 0 1 0.46 Hannover 0 1 0 6 7 3,24 Hessen 1 6 3 2 12 5.56 Hohcnzollcm 0 1 0 0 1 0,46 Mecklenburg 0 0 0 3 3 1.39 Ober- und Niederschlesien 0 0 0 6 6 2.78 Österreich 1 0 0 6 7 3.24 Ostpreußen Ü 0 Ü 5 5 2,31 Pommern 0 0 0 2 2 0.93 Posen 0 0 0 2 2 0,93 Rhcinprovinz 0 5 1 6 12 5.56 Saargebiet 1 1 0 0 2 0,93 Sachsen 5 1 6 24 36 16.67 S eitle sw i g-H 01 stein 0 0 0 3 3 1,39 Thüringen 2 0 0 1 3 1.39 Tschechos lo w akei/S udele nla nd 0 2 0 0 2 0.93 Westfalen 0 1 0 9 10 4.63 Württemberg 1 3 1 9 14 6.48 Gesamt: 26 44 20 126 216 100.00 Während die Absolventen der ersten drei Lehrgänge überwiegend aus Süddeutschland ka men, waren im 21. OAL deutlich mehr Schüler aus anderen Teilen des Deutschen Reichs ver treten. Einige von ihnen stammten sogar aus Regionen, die zumindest zur Zeit ihrer Geburt noch nicht zum deutschen Einflussbereich gehörten. Noch deutlicher zeigt sich dies, wenn man untersucht, von welchen Polizeiverwaltungen die einzelnen Beamten zur oberbayeri schen Lehranstalt abgeordnet waren, da bestimmte Quoten dann noch höher ausfallen. Dem nach arbeiteten sogar 35,65 % der angehenden Führungskräfte in bayerischen Dienststellen, während 17,59 % in Sachsen tätig waren. Nun hatten jedoch 9,72 % der Männer eine württembergische Arbeitsstätte, wobei weitere 6,94 % aller untersuchten Polizisten dienstlich aus dem Gebiet Berlin, Brandenburg und Westpreußen kamen. Daneben waren im 21. OAL aber auch deutsche Ordnungspolizisten zu finden, die zuvor noch an Dienststellen in Österreich, im Sudetenland und sogar im Generalgouvernement beheimatet waren. Insofern war dieser Lehrgang personell noch wesentlich stärker durchmischt, so dass sich die älteren Beamten im Jahre 1941 gegenseitig davon erzählen konnten, was sie bisher im Po lizeidienst und vor allem während des noch jungen Krieges erlebt hatten. Einige von ihnen kamen nach Fürstenfeldbruck bereits als erfahrene „Praktiker“, die sich zuvor schon auf ir gendeine Weise im „auswärtigen Einsatz“ befunden hatten. Der 34 Jahre alte Herbert Kannigowski etwa war in Königsberg geboren und vom polnischen Sosnowitz zur Brucker Lehr 457 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k anstalt abgeordnet. Kurz zuvor hatte er noch der Feldgendarmerieabteilung 685 angehört.2501 Bis wenige Tage vor Beginn des Lehrgangs dienten in der Militärpolizei auch einige seiner Kameraden, zu denen etwa Franz Bohnes, Adolf Froböse und Hans-Heinrich Kluge zählten.2502 Andere waren vor ihrem Lehrgang hingegen in der SS-Polizei-Division eingesetzt, in der sich beispielsweise Gerhard Franzke, Heinrich Lienhard oder Thomas Reith befunden hatten.2503 Auch wenn nicht immer ganz klar ist, was sie in diesen Einheiten taten, steht jedoch fest, dass sie darin bereits praktische Erfahrungen sammeln konnten, noch ehe sie wieder die Schulbank drückten. Im Gegensatz zu ihnen kann das von den anderen drei Kursen nicht behauptet werden. Deren Teilnehmer besuchten die polizeiliche Lehranstalt in den Vorkriegs jahren, in denen Himmlers Bürokraten noch damit experimentierten, wie sie ihr angehen des Führungspersonal überhaupt erst auf den Krieg vorbereiten konnten. Je weiter der Krieg jedoch voranschritt, umso häufiger fanden sich in Fürstenfeldbruck Männer, die zuvor schon mehr oder minder stark in die deutschen Eroberungsfeldzüge und möglicherweise auch in Verbrechen involviert waren. Spätestens in der zweiten Kriegshälfte sollten sie aber tunlichst aus der „Praxis“ kommen. Denn der Reichsführer-SS hatte in seinem Erlass vom 28. März 1943 bestimmt, dass die Offiziersanwärter bereits in Polizeieinheiten eingesetzt gewesen sein mussten, bevor sie überhaupt an die wichtigsten Bildungsstätten der Ordnungspolizei gehen konnten.2504 2501 Vgl. BAB, SSO - Herbert Kannigowski. 2502 Vgl. BAB, SSO - Franz Bohnes, Adolf Froböse und Hans-Heinrich Kluge. 2503 Vgl. BAB, SSO - Gerhard Franzke, Heinrich Lienhard und Thomas Reith. 2504 Vgl. BAB, R 19/10, I. V. [unleserlich] (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Schulen: Offiziernachwuchs, 28.03.1943, Bl. 111-113 und 116. Siehe dazu auch Kapitel 4.3. 4 58 Akteure des „Tä te ro r t s " - Da s Pe r so n a l de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k T abelle 14: H erkunft nach P olizei Verwaltungen in den R egionen Gebiet 4. OAL 6 . OAL 7. OAL 21. OAL Gesamt in % Anhalt 0 0 0 l 1 0 ,4 6 Baden 2 2 i 5 10 4 ,6 3 Bayern 12 31 7 2 7 7 7 3 5 ,6 5 Berlin/Brandenburg/W eslpreußen 0 0 0 15 15 6 ,9 4 Braunseil wc ig 0 0 0 l 1 0 ,4 6 Bremen 0 0 0 1 i 0 ,4 6 Genera Igo u vern eilten t 0 0 0 1 1 0 ,4 6 1 iamburg 0 0 0 1 i 0 ,4 6 Hannover 0 0 0 3 3 1 .3 9 Hessen i 2 3 0 6 2 ,7 8 Mecklenburg 0 0 0 2 2 0 ,9 3 Ober- und Nicdcrschlesicn 0 0 0 5 5 2 ,3 1 Österreich 0 0 0 7 7 3 ,2 4 Ostpreußen 0 0 0 l 1 0 ,4 6 Rheinprovin/ {) 0 0 11 11 5 ,0 9 Saargebiet I 0 0 0 1 0 ,4 6 Sachsen 4 1 9 2 4 38 1 7 ,5 9 Thüringen 3 0 0 3 6 2 ,7 8 Tschechoslowakei/Sudelenland 0 0 0 3 3 1 ,3 9 Westfalen 0 0 0 5 5 2 ,3 1 Württemberg 3 8 0 10 21 9 ,7 2 Gesamt: 2 6 4 4 20 126 2 1 6 100,00 Es kommt bestimmt nicht von ungefähr, dass die ersten drei Offiziersanwärterlehrgänge re gional in sich noch relativ homogen waren. Das lässt darauf schließen, dass der Polizeiappa rat anfänglich seinen Zuständigkeitsbereich geographisch zweigeteilt hatte, um seine Anwär ter aus dem Norden nach Berlin-Köpenick zu schicken, während die süddeutschen Schüler nach Fürstenfeldbruck gelangten. Darauf weist auch eine Liste von Absolventen des 5. OAL hin, der vom 4. Januar bis 30. Juni T937 in der Reichshauptstadt fast ausschließlich norddeut sche Beamte beherbergte.2505 Aber noch vor Beginn des Krieges mischten sich beide Sphären, so dass Polizisten seither aus dem gesamten Reichsgebiet in einem Lehrgang vereint waren, zu dem ab T938 auch österreichische Polizisten kamen.2506 Es muss jedoch dahingestellt blei ben, inwieweit sich das auf die Atmosphäre in den Kursen auswirkte. Ferner waren knapp 92 % der untersuchten Beamten verheiratet. Dieser hohe Anteil kommt nicht zuletzt dadurch zustande, dass sich bis auf zwei alle der insgesamt T26 ermittelten Ab solventen des 21. OAL nachweislich in einer Ehe befanden. Dabei muss jedoch berücksich tigt werden, dass diese Polizisten im Schnitt auch deutlich älter waren als ihre Kollegen in 2505 Vgl. BAB, R 19/19b, Schnellbrief: Frick (RuPrMdl) an u. a. Polizeischule Berlin-Köpenick, 01.07.1937, Bl. 2-4. Ferner: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdl. v. 11.12.1936, in: RMBliV, 16.12.1936, Nr. 53, Sp. 1640k f., hier: Sp. 1640k. 2506 Darauf deuten z. B. die Unterlagen des 8. und 12. OAL hin, die beide im November 1938 in Fürsten feldbruck anliefen. Vgl. dazu BayHStA München, Polizeischule FFB 122 und 123. 4 5 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k den drei anderen Lehrgängen. Doch auch diese jüngeren Ordnungshüter waren während des „Dritten Reichs“ großteils den Bund fürs Leben eingegangen. Sie taten dies in der Regel, nach dem sie den Kurs bewältigt hatten, während die gestandenen Männer des 21. OAL bereits in der Weimarer Republik oder zumindest noch vor ihrem Lehrgang geheiratet hatten. Das war ganz im Sinne ihres obersten Chefs, dessen Propagandaapparat auch in den Reihen der Ord nungspolizei dafür warb, dass seine Untergebenen möglichst früh vor den Traualtar treten sollten.2507 Dafür hatte Himmler bereits am 31. Dezember 1931 einen „Heiratsbefehl“ für die SS erlassen, der vorschrieb, dass seine noch ledigen Mannen ihre Partnerinnen behördlich überprüfen lassen mussten. Erst wenn das spätere RuSHA die angehenden Bräute für „ras sisch“ wertvoll befand und die Heirat genehmigte, konnten sich die Angehörigen des „Schwar zen Korps“ überhaupt erst mit ihnen verloben.2508 Auch die SS-Mitglieder unter den Offi ziersanwärtern der uniformierten Polizei mussten ihre Frauen dieser elitären Auslese unterziehen. T abelle 15: Fam ilienstand OAL verheiratet ledig k. A. Gesamt in % 4 , OAL 21 5 0 2 6 8 0 ,7 7 6, OAL 37 7 0 4 4 8 4 ,0 9 7 . OAL 16 3 1 20 8 0 ,0 0 2 1 . OAL 124 2 0 126 9 8 ,4 1 Gesamt: 198 17 1 2 1 6 9 1 ,6 7 in %: 9 1 ,6 7 7 ,8 7 0 ,4 6 100,00 9 1 ,6 7 Es war ganz im Sinne der NS-Familienpolitik, dass über 68 % der Polizeioffiziere im Laufe der Zeit mehr oder minder viele Kinder in die Welt setzten. Allerdings blieben dagegen 61 der ermittelten Oberbeamten während des „Dritten Reichs“ durchgehend kinderlos. Das lief Himmlers Plänen entgegen, dass seine Mannen möglichst viele neue Soldaten zeugen soll ten, noch ehe sie in den Krieg zogen. Deutlich mehr als ein Viertel der neuen Führungskräf te verfügte seinerzeit also nicht über einen entsprechenden Stammhalter. Von den Vätern hatten 79 allerdings für zwei oder mehrere Nachkommen gesorgt, wobei sechs von ihnen so gar auf jeweils vier Kinder kamen. Kurt Sennewald vom 21. OAL war jedoch der einzige un ter den untersuchten Offiziersanwärtern, von dem nachgewiesen werden kann, dass er so gar fünf Kinder gezeugt hatte.2509 2507 Vgl. USHMM, LM0223, NCY-1706.12, SS-Mann, S. 61. Ferner: Browning, Männer, S. 237. 2508 Vgl. Hein, Elite, S. 99 f.; Harten, Lehrer, S. 42. 2509 Vgl. RRL, 4. Teil: Hauptleute, 1944, S. 345. Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T a b e lle 16: V e r te ilu n g n a ch A n za h l d e r K in d e r OAL keine Kinder 1 Kind 2 Kinder 3 Kinder > 4 Kinder k-A. 0 K inder 4. OAL 9 8 5 0 0 4 0,85 6. OAI. 24 1 3 4 1 I 1 0,98 7, OAI, 8 6 3 I 1 1 0,95 21. OAI. 20 42 38 20 5 I 0,99 Oesamt: 61 69 50 22 7 7 0,94 in %: 28,24 31,94 23,15 10,19 3,24 3,24 Die meisten Offiziersanwärter waren mehr oder minder stark konfessionell geprägt. Von den insgesamt 216 Männern befanden sich 183 nachweislich in einer christlichen Kirche. 103 von ihnen waren protestantisch und 73 katholisch. Von sieben weiteren Polizisten ist lediglich bekannt, dass sie zwar einer der beiden Glaubensgemeinschaften angehörten, aber nicht er sichtlich, welche das jeweils war. 21 Schüler scheinen zudem seit jeher konfessionslos gewe sen zu sein, sofern diese Angaben aus den verwendeten Akten zutreffend sind. Denkbar ist jedoch auch, dass die SS-Bürokraten die entsprechenden Daten nicht immer so sauber auf nahmen, wie sie es eigentlich sollten. T a b e lle 17: K o n fe ss io n OAL konfessionell davonkatholisch davon protestantisch durchgehend knn Tessin tislos k.A. G esam t 4. OAL 17 8 7 7 2 26 6. OAL 32 17 14 6 6 44 7. OAL 15 5 10 4 t 20 21. OAL 119 43 72 4 3 126 Gesamt: 183 73 103 21 12 216 in %: 84,72 33,80 47,69 9,72 5,56 100,00 Von den 183 Gläubigen konnte hingegen ermittelt werden, dass mit 93 etwas mehr als die Hälfte aus der Kirche austrat. Noch deutlich höher lag diese Quote beim Führerkorps der Si cherheitspolizei, in dem sich 81 % von ihrer ursprünglichen Glaubensgemeinschaft abwen deten, wobei die meisten zuvor ebenfalls Protestanten gewesen waren.2510 Die Absolventen eines Lehrgangs der SS-Junkerschule Braunschweig konnten Mitte der dreißiger Jahre sogar diesen Wert übertrumpfen, da fast alle von ihnen den Kirchenaustritt vollzogen.2511 Auch die höhere Spitzenriege der Waffen-SS war mehrheitlich protestantisch gewesen, bevor ein Groß teil von ihr abtrünnig wurde.2512 Interessant an den Befunden über die Brucker Offiziersanwärter ist vor allem, dass nach weislich nur zwei der Männer noch vor der „Machtergreifung“ diesen Schritt vollzogen hat ten. Die allermeisten Beamten ließen sich jedoch entweder während ihres Offiziersanwär 2510 Vgl. Banach, Elite, S. 142 f. 2511 Vgl. Westemeier, Krieger, S. 64. 2512 Vgl. Wegner, Soldaten, S. 220-222 und 250-253. 461 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k terlehrgangs oder nach dessen Ende „gottgläubig“ erklären. Nur der 21. OAL weicht davon etwas ab, weil die meisten seiner Teilnehmer ihre Konfession änderten, noch bevor der Kurs überhaupt begonnen hatte. Während für den gesamten Lehrgang insgesamt 50 Personen er mittelt werden konnten, die ihre Kirche verließen, taten dies allein 30 Mann, noch bevor sie an die Polizeischule Fürstenfeldbruck gelangten. Dieser Umstand ist aber vor allem darauf zurückzuführen, dass der 21. OAL erst Anfang März 1941 begann, was vergleichsweise spät war. Darüber hinaus handelte es sich bei einem Großteil von seinen Teilnehmern um erfah rene Beamte, die bereits seit der Weimarer Republik in der Polizei arbeiteten. Bis sie im zwei ten Kriegsjahr zu ihrem Brucker Lehrgang gelangten, hatten sie bereits über mehrere Jahre hinweg erfahren, welche Vorteile sich für „Gesetzeshüter“ im NS-Staat ergeben konnten, wenn sie ihrer Kirche den Rücken kehrten. T ab elle 18: K on fession elle E n tw ick lu n g OAL In der Kirche verblieben Kirchcnaust ritte Gesamt 4 . OAL 5 12 17 6. OAL 14 18 3 2 7 . OAL 2 13 15 2 1 , OAL 6lJ 5 0 119 Gesamt: 9 0 93 183 in %: 4 9 ,1 8 5 0 ,8 2 100,00 Die jüngeren Anwärter der übrigen untersuchten Kurse wendeten sich wahrscheinlich auch nur aus opportunistischen Motiven heraus von ihrer ursprünglichen Konfession ab, in der sie von Kindesbeinen an sozialisiert waren. Dafür spricht vor allem die Tatsache, dass ein Großteil von ihnen noch während des Lehrgangs den Kirchenaustritt vollzog. Das konnte aber selbst in der zweiten Kriegshälfte noch geschehen. Wie Stadtpfarrer Dr. Martin Mayr zu berichten wusste, habe die Polizeischule Fürstenfeldbruck stets unter ihren Schülern für den Kirchenaustritt geworben. Nach einem entsprechenden Vortrag am 30. August 1944 sei en insgesamt 30 Teilnehmer des damaligen Kurses diesem Aufruf gefolgt, wobei neun von ihnen zuvor katholisch und 21 protestantisch gewesen seien.2513 Zwar kann nicht ausgeschlos sen werden, dass die untersuchten Schüler ganz generell damit auch demonstrativ unterstrei chen wollten, wie nahe sie der nationalsozialistischen Weltanschauung standen, die anti kirchlich ausgerichtet war.2514 Indem die jungen Beamten sich als „gottgläubig“ registrieren 2513 Vgl. AEM, Dekanat Fürstenfeldbruck, Fragebogen vom Sommer 1946, Fragebogen C. Nationalsozia listische Verfolgung. Antikirchliche M aßnahmen sachlicher Art, Seelsorgsbezirk Fürstenfeldbruck: M artin Mayr. Anlage II, 15.09.1946, S. 4; Forstner, Kirche, S. 244 f. 2514 Vgl. u. a. Christoph Strohm, Die Kirchen im Dritten Reich, München 2011, S. 62-85. Ferner: Wenzl, Reich, S. 410-412. Heinz Höhne weist darauf hin, dass Himmlers kirchenfeindliche Ideologeme nur einen geringen Teil der SS-Angehörigen erreichten und sich die Mitglieder der Allgemeinen SS m ehr heitlich konfessionell nicht veränderten. Umgekehrt stelle sich das zumindest bis zum Krieg bei der Waffen-SS und in den Totenkopfverbänden dar. Allerdings lassen sich diese Erkenntnisse nicht ein fach m it den Befunden vergleichen, die für die Offiziersanwärter aus Fürstenfeldbruck vorliegen, da Höhne dabei nicht nur das Führerkorps der SS betrachtet. Vgl. Höhne, Orden, S. 147 f. 462 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck ließen, konnte das aber vielmehr hilfreich dabei sein, die Karriereleiter emporzusteigen. Prag matische und ideologische Beweggründe schlossen sich jedoch ohnehin nicht aus. Dennoch zeigt die Analyse auch, dass es durchaus möglich war, einen prestigeträchtigen Offizierspos ten zu bekleiden, ohne dafür seine religiösen Wurzeln zu verleugnen. Nur von 50 Polizisten aus dem 21. OAL ist bekannt, dass sie irgendwann zu „gottgläubig“ wechselten, während eine Mehrheit von 69 der älteren Beamten weiterhin ihrer Konfession treu blieb. T a b e l le 19: K ir c h e n a u s tr it te n a c h Z e itr a u m O A L vor 30,01.1933 vor O A L w ährend O A L nach O A L k.A, G esam t 4, OAL 0 0 6 4 2 12 6. OAL 0 3 6 5 4 18 7, OAL 0 1 5 4 3 13 21. OAL 2 30 0 12 6 50 Gesami: 2 34 17 25 15 93 in %: 2,15 36 ,56 18,28 26,88 16,13 100,00 Weil es als unkameradschaftlich galt, durfte ein Polizist zwar offiziell in seinem Beruf nicht benachteiligt werden, nur weil er gläubig war und einer Kirche oder sonstigen Glaubensge meinschaft angehörte. Ebenfalls neutral sollte sich der Polizeiapparat verhalten, wenn ein Beamter aus einer solchen austrat und damit „gottgläubig“ wurde, was sich auch in seiner Personalakte wiederfand. Diese Regelung war aber nur scheinbar tolerant. Denn tatsächlich versuchte Himmler, den Einfluss der christlichen Kirchen innerhalb seines Machtbereichs so stark wie möglich zurückzudrängen. Er verbannte einerseits Seelsorger und religiöse Schriften aus den Einrichtungen der Polizei und untersagte den Staatsdienern andererseits, dienstlich und uniformiert an konfessionellen Zeremonien teilzunehmen. Auch verlangte er von seinen Männern, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zurückhaltend zu praktizieren so wie stets zwischen Beruf und Privatleben zu trennen. Die Brucker Schulgemeinschaft kann te diese Vorschriften bestens. Sie behandelte einen entsprechenden Erlass Himmlers vom 13. Juli 1938 vierteljährlich im Unterricht.2515 A uf diese Weise war sie mit einem weiteren Sach verhalt konfrontiert, der dem obersten Polizeichef sogar noch wichtiger erschien. Dieser wollte außerdem, dass ihm seine Dienststellen sämtliche Polizisten meldeten, die sich als „glaubenslos“ oder „gottlos“ einstuften.2516 Das war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Himmler dem Atheismus noch ablehnender gegenüberstand als dem Christentum, weshalb er auch in den Reihen der Schutzstaffel keine „Ungläubigen“ duldete.2517 Um sich ein noch genaueres Bild von den Brucker Offiziersanwärtern verschaffen zu kön nen, ist es hilfreich, danach zu fragen, aus welchem gesellschaftlichen Umfeld sie stammten. 2515 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 188, Himmler (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Bekenntnis der Angehörigen der uniformierten Ordnungspolizei zu Religions- und Weltanschau ungsgemeinschaften und Teilnahme an Veranstaltungen derselben, 13.06.1938. Ferner: Steiner, Glau bensbekenntnis, S. 220 f. 2516 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 188, Himmler (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Bekenntnis der Angehörigen der uniformierten Ordnungspolizei zu Religions- und Weltanschau ungsgemeinschaften und Teilnahme an Veranstaltungen derselben, 13.06.1938, S. 4. 2517 Vgl. Longerich, Himmler, S. 229; Steiner, Glaubensbekenntnis, S. 214. 4 63 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Selbstverständlich lassen sich so komplexe Verhältnisse nur ansatzweise anhand der verwen deten Quellen rekonstruieren, was zudem nicht frei von methodischen Schwierigkeiten ist.2518 Indem zunächst betrachtet wird, welchen Berufen die Väter der einzelnen Polizeischüler nachgingen, kann dennoch etwas über den sozialen Status des Elternhauses ausgesagt wer den. Diese Tätigkeitsfelder können zumindest ganz grob verschiedenen gesellschaftlichen Ständen zugeordnet werden. Angelehnt an Jens Banachs Studie zum Führerkorps der Sicher heitspolizei und des SD unterscheidet auch die vorliegende Studie zwischen den folgenden drei Schichten: Zur Unterschicht zählten ganz allgemein Arbeiter, angestellte Handwerker, niedere Beamte, Soldaten und sonstige Hilfskräfte. Die untere Mittelschicht setzte sich da gegen zusammen aus Handwerksmeistern, Landwirten, Kaufleuten, Angestellten und mitt leren Staatsbediensteten. Zu guter Letzt gehörten noch zur oberen Mittelschicht die leiten den Angestellten und Beamten, Offiziere, Hochschulabsolventen, Unternehmer und Fabrikanten sowie Gutsbesitzer und Selbstständige.2519 Allerdings muss zunächst einmal festgestellt werden, dass für nur 85 der 216 gefundenen Polizisten solche Angaben überhaupt vorliegen. Von diesen wenigen Offiziersanwärtern lässt sich aber eine deutliche Mehrheit von rund 62 % der unteren Mittelschicht zuordnen. Viele ihrer Väter arbeiteten z. B. als Kaufleute, Handwerksmeister oder Landwirte. Immerhin sie ben der späteren Polizisten entstammten einer Familie, deren Oberhaupt bereits selbst ein Gesetzeshüter war. Dagegen kam knapp ein Viertel der ermittelten Polizeischüler aus der Un terschicht, da ihre Väter etwa als Lageristen, Fabrik- und Vorarbeiter tätig waren. Immerhin rund 13 % können der oberen Mittelschicht zugerechnet werden, die unter anderem durch drei Ingenieure, einen Fabrikanten, einen Elektrizitätswerksbesitzer oder einen Industriedi rektor repräsentiert war. Beim Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD gestalteten sich die sozialen Verhältnisse ganz ähnlich. Diese Vertreter des NS-Polizeistaats stammten zu 59 % auch überwiegend aus der unteren Mittelschicht, zu 22 % aus der Unterschicht und zu 18 % aus der oberen Mittelschicht.2520 Wenngleich sich keine signifikanten Unterschiede fest stellen lassen, kann zumindest angenommen werden, dass die meisten Offiziersanwärter der Ordnungspolizei in geordneten Verhältnissen lebten. 2518 Zu den Problemen der Berufsklassifikation vgl. u. a. Jürgen Genuneit, Methodische Probleme der quan titativen Analyse früher NSDAP-Mitgliederlisten, in: Reinhard Mann (Hrsg.), Die Nationalsozialis ten. Analysen faschistischer Bewegungen, Historisch-Sozialwissenschaftliche Forschungen. Q uanti tative sozialwissenschaftliche Analysen von historischen und prozeß-produzierten Daten, Bd. 9, Stuttgart 1980, S. 34-66. 2519 Vgl. Banach, Elite, S. 41f. 2520 Vgl. ebd., S. 43. 464 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T ab elle 20: Sozia ler S ta tu s des E lternhau ses nach B erufen d er V äter OAL Angaben k.A. Angaben in Schichten Unterschicht UntereMittelschicht Obere Mittelschicht 4 . OAL 22 4 2 18 2 6. OAL 2 8 16 4 19 5 7 . OAL 12 8 2 8 2 2 1 . OAL 23 103 13 8 2 Gesamt: 8 5 131 21 5 3 11 in %: 3 9 .3 5 6 0 ,6 5 2 4 ,7 1 6 2 .3 5 1 2 .9 4 In diesen konnten sie sich jedoch nicht ausruhen, sondern mussten vielmehr an der eigenen Karriere arbeiten, die in der Volksschule begann. Daher ist es wahrscheinlich, dass alle un tersuchten Männer sie durchliefen, obwohl das nur bei 206 von ihnen eindeutig erwiesen ist. Daraufein besuchten die meisten von ihnen eine weiterführende Schule. Die späteren Ab solventen der ersten drei Lehrgänge zog es vor allem an eine höhere Lehranstalt, worunter die Oberrealschule und das Realgymnasium fielen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen machten sie alle ihr Abitur, was eine Voraussetzung dafür war, um sich überhaupt für die Offizierslaufeahn bei der Polizei bewerben zu können.2521 Lediglich 29 Mann aus dem 21. OAL waren an diesen Schulen vertreten, wobei es anscheinend nur zwei Schülern gelang, das Ab itur zu erlangen. Offensichtlich lag der Bildungsgrad der späteren Absolventen dieses Kur ses deutlich niedriger als bei ihren Kollegen aus den anderen Lehrgängen. Nachdem sie von der Volksschule abgegangen waren, zog es die älteren Jahrgänge des 21. OAL viel häufiger als diese an andere Lehranstalten. Hauptsächlich handelte es sich da bei um Berufsschulen für ganz unterschiedliche Branchen, in denen die jungen Männer zu meist einen handwerklichen Beruf erlernten. Dazu zählten vor allem Techniker-, Baufach-, Landwirtschafts-, Bergfach-, kaufmännische Handels-, Gewerbe-, Drogistenfach- sowie sons tige Fach- und Fortbildungsschulen. Dass sie eine solche Bildungseinrichtung besuchten, lässt sich für insgesamt 60 spätere Ordnungshüter belegen, wobei allein 50 davon einmal zum 21. OAL gelangten. Des Weiteren findet sich bei insgesamt 40 Kursteilnehmern der Hin weis, dass sie auf einer Polizeischule waren, noch bevor sie zu ihrem Offiziersanwärterlehr gang kamen. 30 von ihnen repräsentierten abermals den 21. OAL. Allerdings dürfte dieser Wert tatsächlich deutlich höher ausfallen, weil bezweifelt werden darf, dass nur so wenige vor ihrem Brucker Kurs bereits eine polizeiliche Lehranstalt aufgesucht hatten. Von allen Be amten des Samples ist bekannt, dass mindestens sechs ihrer bayerischen Vertreter schon ein mal in Fürstenfeldbruck ausgebildet wurden. Seinerzeit beherbergte sie noch die Gendarme rie- und Polizeischule, die sie für den Einzeldienst in der bayerischen Landespolizei vorbereitet hatte. Zu ihnen gehörten etwa der im fränkischen Volkersdorf geborene Micha el Wittmann vom 21. OAL oder dessen Kurskamerad, Rudolf Illig, der in Aidhausen zur Welt 2521 Vgl. RdErl. d. RuPrMdl. v. 16.03.1936, in: RMBliV, 25.03.1936, Nr. 15, Sp. 396g-396aa, hier: Sp. 396g. Siehe dazu auch Kapitel 4.3. 4 65 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k kam.2522 Ihnen war ihr Studienort daher bereits bestens bekannt, als sie Jahre später dort auch zu Offizieren der Ordnungspolizei geschult werden sollten. Nur T7 der späteren Offiziersanwärter besuchten eine Hochschule. Dabei ist jedoch nicht ganz klar, wie viele von ihnen ihr Studium erfolgreich absolvieren konnten. Das scheint nur bei insgesamt vier Polizisten der Fall gewesen zu sein. Nach seinem Abitur ließ sich etwa Werner Kiehne vom 4. OAL sieben Semester lang am Dolmetscherinstitut in Heidelberg aus bilden.2523 Der spätere Hauptmann Eduard Oedekoven studierte acht Semester lang Maschi nenbau, ehe er zum 7. OAL kam.25 24 Sein Lehrgangskamerad, Georg Kirsch, arbeitete nach seinem Jurastudium zunächst als Gerichtsreferendar am Amtsgericht Ober-Ingelheim, be vor er sich bei der Schutzpolizei bewarb.2525 Bei T3 Männern scheint es hingegen klar zu sein, dass sie ihr Studium abbrachen. Bevor Hans-Wilhelm Schweizer zum 6. OAL gelangte, stu dierte er vier Semester lang Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, was er allerdings nicht zu Ende führte.2526 Aus finanziellen Gründen konnte Johann Wendlinger sein Studium der Forstwissenschaften ebenso wenig abschließen.2527 A uf zehn Semester brachte es Robert Biner, der sich der Medizin widmete, womit er aber letztlich scheiterte.2528 Insofern verfüg ten gerade einmal t,85 % der Polizeioffiziere über einen Hochschulabschluss, was eine im mens niedrige Quote darstellt. Dagegen studierte etwa die Hälfte der Führer aus Sicherheits polizei und SD, die sich großteils den Rechtswissenschaften widmeten. 73 % von ihnen beendeten ihr Studium erfolgreich, wobei 30 % davon sogar promoviert waren.2529 Im Ver gleich dazu waren die Offiziersanwärter der Ordnungspolizei gewiss keine intellektuelle Eli te. Anders als Heydrichs Männer wurde aber auch kaum einer von ihnen in den radikal an tisemitischen und völkischen Zirkeln sozialisiert, die sich an den deutschen Universitäten der Weimarer Jahre tummelten.2530 Allein dieser Umstand verdeutlicht, dass sich allzu pau schale Aussagen über generationelle Eigenheiten der Brucker Absolventen verbieten. Tabelle 21: Verteilung nach Bildungsstationen (mit Mehrfachnenmingen)2™ OAL Volksschule H öhereLehranstalt Abitur Hochschule Examen Sonstige Schulen Polizeischule k.A. 4. OAL 25 25 25 7 1 1 3 1 6. OAL 41 40 39 5 0 1 2 3 7. OAL 18 16 12 4 3 8 5 2 21. OAL 122 29 2 1 0 50 30 4 Gesamt: 206 110 78 17 4 60 40 10 in % : 95,37 50,93 3 6 ,11 7,87 1,85 27,78 18,52 4,63 2522 Vgl. BAB, SSO und RS - Michael Wittmann; BAB, SSO und RS - Rudolf Illig. 2523 Vgl. BAB, RS - Werner Kiehne. 2524 Vgl. BAB, SSO - Eduard Oedekoven. 2525 Vgl. BAB, RS - Georg Kirsch. 2526 Vgl. BAB, SSO - Hans-Wilhelm Schweizer. 2527 Vgl. BAB, SSO - Johann Wendlinger. 2528 Vgl. BAB, SSO - Robert Biner. 2529 Vgl. Banach, Elite, S. 78-80. 2530 Vgl. Wildt, Generation, S. 81-89. 466 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Die beruflichen Biographien der untersuchten Führungskräfte offenbaren ferner, dass für überraschend viele von ihnen der Polizeidienst anscheinend nicht die erste Wahl war. Insge samt 141 Ordnungshüter hatten einen anderen Beruf erlernt, bevor sie sich dazu entschlos sen, für die uniformierte Ordnungsmacht tätig zu werden. Sie machen einen Anteil von rund 65 % aus. Mit 111 Mann stammten die meisten von ihnen jedoch aus dem 21. OAL, der sich aus älteren Jahrgängen zusammensetzte. Naturgemäß mussten sie sich schon einige Jahre früher als ihre Kollegen aus den übrigen Kursen fragen, was sie einmal arbeiten sollten. Den noch ist es erstaunlich, dass sich so viele dieser Männer zuvor in anderen Berufsfeldern ver sucht hatten, bevor sie in den Polizeidienst wechselten. Ein genauerer Blick auf die erlernten Berufe lässt erahnen, warum sie das taten. Verglichen mit dem sozialen Status ihres Elternhauses konnten sich nur die wenigsten Männer verbes sern oder das Niveau halten. Nur noch 3,55 % der Polizisten waren demnach in der oberen Mittelschicht vertreten, da sie z. B. als Offiziere in der Armee, Ingenieure oder Schriftleiter arbeiteten. Dabei fällt jedoch auf, dass niemand mehr aus dem 21. OAL in diesem gesell schaftlichen Stand vertreten war. Insgesamt 47 spätere Offiziersanwärter waren dagegen in der unteren Mittelschicht zu finden, in der auch die meisten Schüler aus dem 4., 6. und 7. OAL angesiedelt waren. Rund 33 % aller späteren Polizeiführer waren vorher etwa als Kaufleute, Bankbeamte, Angestellte oder Landwirte tätig. Mit 89 der untersuchten Lehrgangsteilneh mer gehörten aber rund 63 % nun der Unterschicht an, der besonders viele Schüler des 21. OAL zuzurechnen sind. Großteils arbeiteten sie als einfache Handwerker, Arbeiter und Gehilfen, wozu konkret vor allem Schlosser, Schreiner, Schmiede, Dreher, Elektriker und Bergleute zählten. Gemessen an den Lebensumständen in ihren Elternhäusern erfuhren viele von ih nen in der Weimarer Republik also einen rapiden sozialen Abstieg. Dagegen konnten sich die künftigen Führer der Sicherheitspolizei und des SD insgesamt in ihrer sozialen Schicht halten oder sogar noch verbessern.2532 Der Polizeidienst eröffnete den späteren Brucker Ab solventen eine Chance, um sich aus ihrer unvorteilhaften Lage zu befreien, als Beamte über ein sicheres Einkommen zu verfügen und damit erstmals oder wieder gesellschaftlich auf zusteigen. Denn ein Polizeioffizier war dem oberen Mittelstand zuzurechnen, womit die Oberbeamten meist sogar noch den sozialen Status ihrer Väter überragten. Viele Führer der Sicherheitspolizei und des SD sowie der Waffen-SS traten nicht zuletzt deshalb ihren Orga nisationen bei, weil auch sie in ihnen Karriere machen und zugleich ihren gesellschaftlichen Rang verbessern oder zumindest absichern wollten.2533 Daneben dürfte es für zahlreiche Männer reizvoll gewesen sein, nicht bloß im deutschen Staatsdienst unterzukommen, sondern gleichzeitig uniformiert zu sein und damit eine au toritäre Position zu bekleiden. Auch für die Anwärter der drei anderen Lehrgänge scheint es durchaus attraktiv gewesen zu sein, da sie meist unmittelbar nach ihrem Wehrdienst in die Polizei wechselten. Wenngleich die Ordnungsmacht in den zwanziger und auch noch in den frühen dreißiger Jahren immer noch als zweitklassige Armee galt, gefiel ihnen offenbar der Gedanke, künftig einen Offiziersrang und damit eine angesehene Führungsposition innezuhaben.2534 Damit gehörten sie zur oberen Mittelschicht, in die sie es dann aus eigener Kraft 2531 In dieser Tabelle sind sämtliche Stationen des schulischen Werdegangs von allen Absolventen des Samples zusammengefasst und nicht nur ihre höchsten Schulabschlüsse, weil zahlreiche Kandidaten m eh rere Lehranstalten besuchten, oftmals jedoch nicht erfolgreich von ihnen abgingen. 2532 Vgl. Banach, Elite, S. 84-86; Wildt, Generation, S. 75-78. 2533 Vgl. Schulte, SS-Mentalität, S. 103. 2534 Doch selbst die NS-Führung unterschied zwischen Offizieren der Polizei und der Wehrmacht, wobei sie letztere bedeutungsmäßig favorisierte. Das befeuerte die Minderwertigkeitskomplexe vieler Poli- 4 6 7 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k geschaffi hatten. Gleichzeitig konnten sich alle Anwärter von der „Macht“ der Uniform be rauschen lassen und ihre militärisch geprägten Kindheitsträume erfüllen. Sofern dieser Be fund zutriffi, unterschieden sich die Offiziersanwärter von zahlreichen einfachen Staatsdie nern, die weniger aus solchen Motiven in die Ordnungsmacht eintraten. Vielmehr meldeten sich viele von ihnen freiwillig zur Polizei, um so dem Wehrdienst zu entgehen.2535 Tabelle 22: Eigener sozialer Status nach ursprünglich erlerntem Beruf O A L ein en and eren B eru f e r lern t k. A. A n g a b en in Sch ich ten U n tersch ich t U n tereM itte lsch ich t O b ere M itte lsch ich t 4 . O A L 9 6 2 5 2 6. OAL 9 11 3 5 1 7. O A L 12 7 5 5 2 21. O A L 111 3 79 32 0 Gesamt: 141 27 89 47 5 in %: 65 ,28 12,50 63 ,12 33,33 3,55 Die meisten der jüngeren Anwärter traten binnen nur weniger Monate in den Dienst der Staatsgewalt, nachdem Reichsinnenminister Frick seinen Erlass vom r6. März T936 veröffent licht hatte. Als dieser dafür warb, das Offizierskorps der Schutzpolizei durch junges Perso nal zu ergänzen, fühlten sie sich offensichtlich angesprochen.2536 Da sie zuvor meist in der Wehrmacht gedient hatten, bot es sich für sie an, danach zügig den Waffenrock zu wechseln, wie es zunächst Frick und später Himmler vorgeschwebt hatte. Beide beabsichtigten, gezielt junge Männer anzusprechen, die zuvor ihre militärische Pflicht erfüllt hatten und gleich an schließend für den Polizeidienst bereitstanden.2537 Das erklärt auch, warum die meisten Teil nehmer des 4., 6. und 7. OAL nur wenige Monate, nachdem sie aus der Armee ausgeschie den waren, in die Ordnungsmacht gelangten. Beim 21. OAL war das jedoch ganz anders. Seine deutlich reiferen Schüler begannen über wiegend bereits in den zwanziger Jahren, in der Polizei zu arbeiten. Bemerkenswert ist es deshalb, weil damit rund 89 % von ihnen schon einige Jahre lang in dieser Institution tätig gewesen und beruflich sozialisiert worden waren, bevor sie an dem Brucker Kurs teilnah men. Insofern handelte es sich bei diesen Männern um erfahrene Polizisten, die aufgrund des kriegsbedingten Personalmangels zu Offizieren ausgebildet werden sollten. Wegen die ses Hintergrunds waren aber wahrscheinlich die Möglichkeiten des Regimes ziemlich be schränkt, die alten „Haudegen“ noch zu beeinflussen. zeiführer zusätzlich. Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 223-225. 2535 Vgl. Campbell, SS-Polizei, S. 14; Klemp, Freispruch, S. 111. 2536 Vgl. RdErl. d. RuPrMdl. v. 16.03.1936, in: RMBliV, 25.03.1936, Nr. 15, Sp. 396g-396aa. Siehe dazu Ka pitel 4.3. 2537 Vgl. ebd., Sp. 396g-396i; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdl. v. 13.04.1938, in: RMBliV, 20.04.1938, Nr. 17, Sp. 724a-724g, hier: Sp. 724b f. 468 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T a b e l le 2 3 : Z e itr a u m fü r d e n E in tr it t in d ie P o liz e i O A L W eim arer R epu blik 1 9 3 3 -1 9 3 5 v o r d e m O A L k.A . 4. OAL 0 0 22 4 6. OAL 3 0 35 6 7. OAL 5 2 10 3 21. OAL 112 9 4 1 Gesamt: 120 11 71 14 in %: 55 .56 5.09 32 .87 6.48 Sie waren bereits seit der Weimarer Republik dahingehend geprägt, was Polizeiarbeit theo retisch wie praktisch bedeutete. Mehr oder minder gewollt wertete sie Himmlers Polizeiap parat auf, da sie nun ihre Wachtmeisterlau&ahnen überwinden und zu Führungskräften auf steigen konnten, was ihnen zuvor nicht möglich war. So gesehen ist es denkbar, dass die „Gefälligkeitsdiktatur“ aus der personellen Not eine Tugend machte, indem sie sich die Loya lität ihrer uniformierten Staatsdiener auch auf diesem Wege sichern wollte.2538 Dadurch konn ten sie nicht nur gesellschaftlich aufsteigen, sondern waren zugleich stärker in den national sozialistischen Polizeiapparat integriert. Obwohl die verwendeten Quellen nur wenig darüber aussagen, wie genau sich der beruf liche Werdegang der einzelnen Polizisten vollzog, ist jedoch ersichtlich, dass über 83 % der Oberbeamten bis Kriegsende zum Hauptmann aufstiegen. Während knapp ro % aller unter suchten Absolventen nicht über den Dienstgrad des Oberleutnants hinauskam, erreichten r6 ihrer Kollegen sogar den Majorsrang, was einen Anteil von 7,4a % ausmacht. Damit erfüll te eben diese Minderheit ein zentrales Kriterium, um ein Polizeibataillon führen zu können. Daran zeigt sich, dass sogar recht junge Führungskräfte innerhalb Himmlers Polizeiapparat eine beträchtliche Machtfülle entfalten konnten. Als Bataillonskommandeure waren sie näm lich für etwa 500 Untergebene verantwortlich und konnten in den besetzten Gebieten oft mals über Leben und Tod entscheiden. Aber auch die Großzahl der Hauptleute konnte in den ordnungspolizeilichen Einheiten sehr einflussreich sein. Ihnen kam häufig die Aufgabe zu, einzelne Kompanien in einer Stärke von etwa r50 Mann zu befehligen, was in der Vor kriegszeit einer Hundertschaft entsprochen hatte.2539 2538 Den Begriff der „Gefälligkeitsdiktatur“ prägte der Historiker Götz Aly. Vgl. Götz Aly, Hitlers Volks staat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung. Schrif tenreihe, Bd. 487, Bonn 2005, S. 36. 2539 Vgl. Buhlan, Organisation, S. 175. 469 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Tabelle 24; Verteilung nach bis Kriegsende zuletzt erreichten Dienstgraden OAL Oberleutnant Hauptmann Major Gesamt 4 . OAL 3 21 2 26 6 . OAL 4 31 9 44 7 . OAL 3 13 4 20 21. OAL 10 115 1 126 Gesamt: 20 180 16 216 in %: 0,26 83,33 7,41 100,00 Eine zentrale Frage lautet außerdem, wann und in welchem Umfang sich die Brucker Poli zeioffiziere in Hitlers Partei und ihren Organisationen betätigten. Dabei ist zunächst festzu stellen, dass insgesamt 83,33 % der untersuchten Oberbeamten in der NSDAP waren. Von fünf Männern ist dabei vermerkt, dass sie lediglich Parteianwärter waren. Ob das zutreffend oder eher auf eine mangelhafte Pflege der Personalunterlagen zurückzuführen ist, muss da hingestellt bleiben. Unabhängig davon ist jedoch bemerkenswert, dass der Anteil an „Partei genossen“ innerhalb der untersuchten Lehrgänge so hoch war. Denn verglichen mit den Zah len aus Dalueges Polizeiapparat für das gesamte Offizierskorps der Ordnungspolizei lag er damit sogar deutlich höher. Demnach befanden sich im Januar T939 rund 70 % aller unifor mierten Führungsbeamten in der NSDAP.2540 Im Jahre T94T waren es etwa 66 %.2541 Dagegen wurden bis Kriegsende knapp 88 % aller Führer der Sicherheitspolizei und des SD in ihr Mit glied.2542 Das entsprach in etwa dem Wert, der für die untersuchten Absolventen ermittelt werden konnte, was zeigt, dass erstaunlich viele ehemalige Offiziersanwärter aus Fürstenfeld bruck ein Parteibuch besaßen. Die vorhandenen Zahlen sprechen dafür, dass die Staatsdie ner sehr darauf bedacht waren, sich entweder aus weltanschaulichen Motiven heraus auf die neuen Machthaber einzulassen oder sich zumindest mit ihnen aus karrieristischen Gründen zu arrangieren. Für letzteres spricht der Umstand, dass die allermeisten Beamten, wie bereits festgestellt, dank des NS-Regimes sozial aufsteigen konnten. Das große Bekenntnis zur Par tei muss daher nicht zwangsläufig darauf hindeuten, dass die Offiziere mit ihr ideologisch übereinstimmten. Allerdings stehen sich beide Positionen auch in diesem Fall keinesfalls im Wege. Aber es genügt selbstverständlich nicht, einzig auf die Mitgliedschaft in der NSDAP zu blicken, um daraus auf die Mentalität der Beamten schließen zu können. 2540 Vgl. Kopitzsch, Polizeibataillon 307, S. 13; Westermann, Police Battalions, S. 100. 2541 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 376. 2542 Vgl. Banach, Elite, S. 136. 4 70 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Tabelle 25: NSDAP-M itglieder O A L M itg lied er O A L in % d avon P arte ian w ärter n icht M itg lied /k .A . 4 . OAL 23 88,46 2 3 6. OAL 31 70,45 2 13 7. OAI. 18 90 ,00 0 2 21. OAL 108 85,71 i 18 Gesamt: 180 5 36 in %: 83 ,33 2,78 16,67 Daher scheint es durchaus lohnenswert, zu bestimmen, wann genau sie in die Partei eintra ten. Entsprechende Daten liegen von T73 der insgesamt erfassten r8o Mitglieder vor. Ein ziem lich beachtlicher Anteil von 16,18 % befand sich noch vor der „Machtergreifung“ in der NSDAP, womit von diesen 28 Ordnungspolizisten angenommen werden kann, dass sie deutlich mit der NS-Ideologie konform gingen. Dass allein 15 von ihnen im 21. OAL zu finden waren, ist nicht weiter erstaunlich. Schon aufgrund ihres geringeren Alters war es weniger wahrschein lich, dass sich die Teilnehmer der drei anderen Lehrgänge bereits während der Weimarer Zeit parteipolitisch betätigten. So verwundert es auch nicht, dass im Vergleich zu den unter suchten Brucker Kursen zu Beginn des Jahres 1939 sogar 26 % aller Vertreter des polizeili chen Offizierskorps den „alten Kämpfern“ zuzurechnen waren.2543 Nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg den „Gefreiten“ Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte, traten 44 weitere Beamte in die NSDAP ein, bis sie sich entschloss, ab 1. Mai 1933 vorerst keine weiteren Mitglieder mehr aufzunehmen. So versuch te sie sich vor den opportunistischen „Märzgefallenen“ zu schützen, die nach der Reichstags wahl vom 5. März 1933 massenhaft in die Partei eintreten wollten.25 44 Acht Männern des Samples gelang dies noch, selbst nachdem die Mitgliedersperre offiziell in Kraft getreten war. Anscheinend verdankten sie das dem Umstand, dass sie in dieser Phase noch anderen NS- Organisationen angehörten. Den Mitgliedern von Gliederungen der NSDAP sollte der Zu gang zur Partei auch weiterhin nicht verwehrt werden.2545 Von dieser Ausnahme profitierte etwa Werner Keller vom 6. OAL, der trotz offiziellem Aufnahmestopp wahrscheinlich des halb noch im Januar 1934 in die Partei gelangte, weil er seinerzeit gleichzeitig in der SA war.2546 Als sich die Sperre am 1. Mai 1937 wieder lockerte, fand sich mit 87 Mann ein Großteil des untersuchten Samples in der NSDAP ein. Dieses Datum bezog sich jedoch pauschal auf sämt liche „Parteianwärter“, die zunächst keine ordentliche Mitgliedschaft erhalten, sondern sich um eine solche lediglich beworben hatten. Bis die NSDAP am 1. Mai 1939 ihre Sperre wieder vollständig auffiob, blieb dieser Zustand bestehen. Daher lässt sich aus den verwendeten Quellen nicht ermitteln, wann genau jemand eine Mitgliedschaft beantragt und tatsächlich erhalten hatte.25 47 Ungeachtet dessen dürfte es recht unwahrscheinlich sein, dass die Gruppe 2543 Vgl. Westermann, Police Battalions, S. 100. 2544 Im Frühjahr 1933 strömten in ganz Deutschland erstaunlich viele Polizisten in die NSDAP, auch weil sie sich dadurch wahrscheinlich Karrierechancen ausrechneten. Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 338 f. 2545 Vgl. Kurt Pätzold/Manfred Weißbecker, Geschichte der NSDAP. 1920-1945, Köln 2002, S. 261 f. 2546 Vgl. BAB, RS - Werner Keller. 2547 Zur Mitgliedersperre und der Parteianwärterschaft vgl. Hans Buchheim, Mitgliedschaft bei der NSDAP, in: Gutachten, Bd. I, S. 313-322, hier: S. 316. 471 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k der genannten Männer aus purem Idealismus in die Partei eintrat. Es scheint eher so zu sein, dass sowohl die jüngeren Anwärter als auch ihre älteren Kollegen genau wussten, welche Möglichkeiten sich für sie daraus ergaben. Anscheinend gingen sie davon aus, dass es unvor teilhaft für die eigene Karriere sein würde, politisch neutral zu bleiben und sich nicht de monstrativ der Partei anzunähern. Insgesamt sechs Staatsdiener vollzogen diesen Schritt auch noch nach Kriegsbeginn erfolgreich. T a b e l le 2 6 : N S D A P -M itg l ie d e r n a c h Z e itr a u m d e s E in tr it t s O A L vor 30.01.1933 bis 01 .05 .1933 bis 30 .04 .1937 ab 01.05.1937 ah 01.09.1939 4. OAL 1 6 1 13 0 6 . OAL 3 7 2 14 1 7. OAL ‘J 4 2 3 0 21. OAL 15 27 3 57 5 Gesamt: 28 44 8 87 6 in %: 16.18 25,43 4,62 50,29 3,47 Bei der SA hielten sich die Beamten hingegen eher zurück. In ihr befand sich aber immer hin knapp ein Viertel der analysierten Brucker Absolventen. Interessanterweise waren den „braunen Bataillonen“ vor allem die Teilnehmer des 4. OAL zugeneigt, von denen sich fast 58 % in der parteieigenen Schlägertruppe befanden. Im Vergleich dazu engagierten sich nicht einmal 7 % der Offiziersanwärter aus dem 21. OAL in der Sturmabteilung, obwohl angenom men werden könnte, dass gerade sie aufgrund ihres höheren Alters in ihr häufiger anzutref fen sein sollten. Vermutlich war das darauf zurückzuführen, dass die erfahrenen Polizisten von der SA abgeschreckt oder gar angewidert waren. Viele von ihnen hatten in ihren ersten Dienstjahren miterleben können, wie brutal die Straßenschlachten zum Ende der Weimarer Republik verlaufen waren, die sich die von Ernst Röhm geleitete Truppe mit den Kommu nisten seinerzeit geliefert hatte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten schlos sen sich ihr dagegen vor allem die Anwärter des 4. und 6. OAL an. Allerdings dauerte diese Mitgliedschaft nicht allzu lange, weil die meisten aller untersuchten Männer wieder austra ten, noch bevor ihr Lehrgang überhaupt begonnen hatte. Dabei ist es naheliegend, dass der „Röhm-Putsch“ vom 30. Juni 1934 und der damit einhergehende Aufstieg der SS mit dafür verantwortlich waren. Nachdem sie entmachtet worden war, brachte es den Polizisten keine karrieristischen Vorteile mehr, der SA weiter anzugehören. Das könnte auch erklären, war um etwa Joachim Schäfer vom 7. OAL zwar bis zum 30. Juni 1939 in ihr Mitglied war, aber gleich tags darauf in die SS wechselte. Anders als der ehemalige Angehörige des sächsischen SA-Feldjägerkorps traten die meisten Beamten jedoch bis Mitte 1936 aus der SA aus.25 48 2548 Vgl. BAB, RS - Joachim Schäfer. 472 Akteure des „Tä te ro r t s " - Da s Pe r so n a l de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Tabelle 2 7 : SA-Mitglieder Anzahl nach Zeitraum des Eintritts OAL Mitglieder in % nicht Mitglicd/k.A, vor 3 0 ,0 1 .1 9 3 3 seit 3 0 .0 1 .1 9 3 3 4 . OAL 15 5 7 ,6 9 11 2 13 6. OAL 19 4 3 ,1 8 25 6 13 7 . OAL 11 5 5 ,0 0 9 7 3 2 1 . OAL 8 6 ,3 5 118 7 1 Gesamt: 53 163 22 3 0 in %: 2 4 ,5 4 7 5 ,4 6 42,31 5 7 ,6 9 Die meisten Ordnungspolizisten zog es ebenso wenig in die Hitler-Jugend hinein. Es lässt sich nur für 25 aller untersuchten Polizeiführer nachweisen, dass sie ihr irgendwann ange hört hatten, was einen Anteil von rund T2 % ausmacht. Ein etwas anderes Bild ergibt sich zwar, wenn die durchschnittlich älteren Beamten des 21. OAL ausgeklammert werden, von denen lediglich zwei eine Mitgliedschaft in der NS-Jugendorganisation besaßen. Die ver gleichsweise jüngeren Absolventen des 4. und 6. OAL waren in ihr mit jeweils rund 30 % zu einem doch recht hohen Prozentsatz vertreten. Grundsätzlich traten sie in die HJ sowohl während der Weimarer Republik als auch nach dem 30. Januar 1933 ein, ohne dass dies ei nen markanten Unterschied bedeutet hätte. Während die allermeisten Absolventen des 21. OAL ihr ganz offensichtlich schon allein aus Altersgründen fernblieben, ist es dagegen weniger augenscheinlich, warum ihr die jüngeren Jahrgänge nicht noch stärker zusprachen. Nicht auszuschließen ist, dass ihre Eltern ihnen zumindest in den Weimarer Jahren unter sagten, sich in der NS-Organisation zu betätigen. Möglicherweise hatten sie aber auch selbst schlicht kein Interesse daran. Da sie bei Hitlers Regierungsantritt größtenteils bereits das 18. Lebensjahr erreicht oder sogar überschritten hatten, dürften sich die meisten der späte ren Polizisten darüber hinaus eher nach anderen Gliederungen und Verbänden der NSDAP umgesehen haben. Schließlich mussten sie in diesem Alter allmählich aus der HJ ausscheiden.2549 Wer jedoch von den Offiziersanwärtern nach der „Machtergreifung“ in die NS-Jugendorganisation gelangte, konnte dort unter Umständen recht lange bleiben. Am 1. September 1933 trat ihr etwa der damals bereits 39-jährige Friedrich Kurz bei, der sie erst genau sieben Jah re später wieder verließ, als er am 1. September 1940 in die SS wechselte, noch bevor er zum 21. OAL kam.2550 Allerdings handelte es sich bei ihm um einen Sonderfall, der auch quellen bedingt sein könnte. Die meisten Männer verweilten in der HJ nur um die zwei Jahre lang und kehrten ihr in der Anfangsphase des Regimes wieder den Rücken. Dennoch lässt sich für einen kleinen Teil der Beamten konstatieren, dass sie auch noch in jungen Jahren der HJ angehörten und in ihr schon in den zwanziger Jahren mit der NS-Ideologie konfrontiert wa ren. Am 6. August 1927 trat ihr etwa Hans Knoll bei, der dort bis zum 3. November 1931 blieb. Am selben Tag noch wechselte er in die SA.2551 Inwieweit er und die wenigen übrigen HJ-Mitglieder dadurch weltanschaulich wirklich prädisponiert waren, bleibt jedoch rein spekulativ. 2549 Vgl. William L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Frechen 2000, S. 247. 2550 Vgl. BAB, SSO - Friedrich Kurz. 2551 Vgl. BAB, RS - Johann Knoll. 473 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Festzuhalten ist aber, dass die Mehrheit der Lehrgangsabsolventen nicht in dieser national sozialistischen Organisation tätig war. T a b e l le 2 8 : M itg l ie d e r in d e r H it le r -J u g e n d (H J ) A n zah l nach Z eitrau m d es E in tr itts O A L M itglied er in % nicht M itg lied /k .A , v o r 30 ,01 ,1933 nach 3 0 ,01 .1933 4. O A L 8 30,77 18 2 6 6, O A L 13 29,55 31 9 4 7. O A L 2 10,00 18 1 1 21. OAL 2 1,59 124 0 2 Gesamt: 25 191 12 13 in %: 11,57 88,43 48 ,00 52 ,00 Enorm hoch ist hingegen die Anzahl derjenigen Männer aus Fürstenfeldbruck, die in der Schutzstaffel waren. Das ist nicht weiter verwunderlich, stammten doch die erhobenen Da tensätze hauptsächlich aus den Personalakten der SS-Führer. Für 206 der 2t6 untersuchten Offiziere lässt sich daher definitiv eine Mitgliedschaft in Himmlers Eliteorden nachweisen, was einen Anteil von knapp über 95 % bedeutet. Bei insgesamt 289 Absolventen der einzel nen Lehrgänge entspricht das einer Quote von etwas mehr als 7T %. Es befanden sich also bemerkenswert viele Polizisten in der SS. Denn lediglich von zehn Führungskräften ist be kannt, dass sie ihr bestimmt nicht angehörten. Weil die absolute Mehrheit ihrer Kollegen im „Schwarzen Korps“ jedoch vertreten war, weist das einerseits darauf hin, wie sehr der Offi ziersnachwuchs der Ordnungspolizei mit ihm sympathisierte. Andererseits liegt die Vermu tung nahe, dass Himmler zumindest dahingehend seine Vision vom „Staatsschutzkorps“ ver wirklichen konnte, als es ihm tatsächlich gelang, besonders viele Polizeiführer mit der SS zu „verschmelzen“.2552 Allerdings scheint das in erster Linie auf jene zuzutreffen, die im „Dritten Reich“ ausgebildet wurden. Verglichen mit dem gesamten Offizierskorps der uniformierten Polizei waren die Brucker Absolventen außergewöhnlich häufig in Himmlers Elitegarde ver treten. Im Jahre T94T befanden sich in dieser lediglich rund 30 % aller aktiven polizeilichen Oberbeamten des gesamten NS-Staats.255 3 Mit insgesamt etwa 78 % waren verglichen damit bis T944 aber erheblich mehr Führungskräfte aus Sicherheitspolizei und SD in die Schutz staffel eingetreten.2554 Fraglich ist jedoch, welche Motive die Offiziere aus Fürstenfeldbruck überhaupt hatten, um der Parteitruppe beizutreten. Eine Antwort lässt sich nur ansatzweise finden, wenn genauer betrachtet wird, wann genau sie diesen Schritt unternahmen. 2552 Das hatte bereits Dieter Pohl angenommen. Vgl. Pohl, Holocaust, S. 118. 2553 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 376; Westermann, Police Battalions, S. 102; Carsten Dams/Klaus Dönecke, Eine erstklassige Truppe? Die Offiziere der Düsseldorfer Schutzpolizei im Nationalsozialismus, in: Dams, Dienst, S. 235-258, hier: S. 241. 2554 Vgl. Banach, Elite, S. 131. 4 74 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Tabelle 2 9 ; SS-M itglieder OAL Mitglieder in % nicht Mitglicd/k.A. 4 . OAL 23 88,46 3 6, OAL 40 90,91 4 7 , OAL 18 90,00 2 21. OAL 125 99,21 l Gesamt: 206 10 in %: 95,37 4,63 Nur zwei Offiziersanwärter hatten sich noch vor der „Machtergreifung“ der SS angeschlos sen. Beide besuchten den 6. OAL. Einer von ihnen war der am 7. August 1912 in Mannheim geborene Karl-Heinz Bühler, der seit dem 27. Dezember 1932 unter den Sigrunen diente, nach dem er zuvor rund ein Jahr lang der HJ angehört hatte.2555 Er war damit zuerst Mitglied der Schutzstaffel geworden, wobei auf ihn nur wenige Tage später ein weiterer Kollege aus sei nem Kurs folgen sollte. Nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, gelangten weitere 28 Männer in die SS, noch bevor ihr Offiziersanwärterlehrgang begann. Dass allein zehn von ihnen ebenfalls den 6. OAL besuchen sollten und die meisten von ihnen noch im Jahre 1933 in das „Schwarze Korps“ eintraten, deutet daraufain, wie sehr einige seiner Teil nehmer der NS-Ideologie zugeneigt waren. Wie auch beim 4. und 7. OAL befanden sich ins gesamt rund 90 % seiner Absolventen in der elitären Parteiformation, zu der sich die meis ten erst gesellten, nachdem sie ihren Kurs gemeistert hatten. Fast zu 100 % waren dagegen die Männer des 21. OAL in der SS vertreten. Ihr gehörten noch vor Beginn des Lehrgangs immerhin zwölf an. Bis auf einen ist von allen 125 Schülern dieses Kurses bekannt, wann genau sie der Parteigliederung beitraten. Allein 108 von ihnen erhielten genau am 15. August 1941 ihre Mitgliedschaft in Himmlers Garde. Es war jedoch kein Zufall, dass es sich dabei genau um den Tag handelte, bevor der Offiziersanwärterlehr gang offiziell endete. Denn ein Erlass Himmlers hatte im November 1940 geregelt, dass jeder Oberbeamte der Ordnungspolizei beantragen konnte, in die SS aufgenommen zu werden, sofern er nach dem 1. Juni 1940 in einen Offiziersdienstgrad befördert worden war.2556 Zwar kann es nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass der Polizeiapparat dabei etwas nach half und auf die designierten Polizeiführer nachdrücklich einwirkte.2557 Während des Krie ges war Himmler offensichtlich darauf aus, ganze Lehrgänge möglichst geschlossen in die SS einzugliedern. Deshalb drängte er etwa die Brucker Lehranstalt bereits einen Monat vor Ende des 22. OAL dazu, dessen Teilnehmern das Aufnahmeformular auszuhändigen, das sie mög- 2555 Vgl. BAB, SSO - Karl-Heinz Bühler. 2556 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdl. v. 12.11.1940, in: RMBliV, 04.12.1940, Nr. 49, Sp. 2167. 2557 Hans Buchheim vermutet zumindest, „daß im Bereich der Ordnungspolizei ganz allgemein ein gewis ser Druck zum Eintritt in die SS ausgeübt wurde“. Buchheim, Aufnahme, S. 181. Himmler setzte, Fried rich Wilhelm zufolge, gerade Offiziere der uniformierten Exekutive, die sich in exponierten Posten befanden, seit 1938 gehörig unter Druck, der Schutzstaffel beizutreten. Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 95. Ferner: Curilla, Ordnungspolizei, S. 55. 475 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k liehst bald auszufüllen hatten.2558 Nach ähnlichem Muster verlief die Massenaufnahme auch beim 25. OAL.2559 Ausgeschlossen ist hingegen, dass die Beamten automatisch oder gar ohne ihr Zutun in die Schutzstaffel gelangten, da sie dazu immer noch selbst einen Antrag stellen mussten. Erst danach erhielten sie über die sogenannte Dienstgradangleichung analog zu ih rem Polizeidienstgrad einen entsprechenden SS-Rang.256 0 T abelle 30; V erteilung der SS-M itglieder nach Z eitraum des Beitritts OAL vor 30.01.1933 vor OAL während OAL nach OAL 4. OAL 0 4 i 16 6. OAL 2 10 i 20 7. OAL 0 2 0 15 21. OAL 0 12 109 3 Gesamt: 2 28 111 54 in %: 1,03 14,36 56,92 27,69 Ähnlich wie bereits für die Parteimitgliedschaft festgestellt, dürften insgesamt gesehen also sowohl ideologische als auch karrieristische Motive dazu geführt haben, dass sich so viele der untersuchten Brucker Offiziersanwärter der SS anschlossen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass in den Friedensjahren nur diejenigen Männer für den Offiziersersatz in der Schutzpolizei infrage kamen, die der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört hat ten, noch bevor sie sich bei der Ordnungsmacht bewarben.2561 Obwohl sie es nicht mussten, trat aber die absolute Mehrheit der Polizeiführer in die SS ein. Erich Weidig vom 6. OAL z. B. tat dies am 15. Februar 1933 und damit genau an jenem Tag, an dem er sich auch der Partei anschloss.2562 Während die Absolventen der drei ersten Lehrgänge anscheinend freiwillig und eigeninitiativ in die Schutzstaffel gelangten, lief das beim 21. OAL weitgehend institutionali siert ab. Von einem Zwang kann jedoch keine Rede sein, weil drei der SS-Mitglieder aus die sem Kurs auch nach dessen Ende in ihr aktiv wurden. Darüber hinaus konnten von den ins gesamt 289 Absolventen des gesamten Samples „nur“ 206 als Angehörige von Himmlers Elitetruppe identifiziert werden. Es kann zwar nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass daneben auch noch weitere Beamte der SS angehörten. Doch von rund 29 % der Absolven ten des gesamten Samples ist dahingehend nichts bekannt. Sie zeigen, dass es durchaus mög lich war, als Polizeioffizier zu arbeiten, ohne zwangsläufig Mitglied der SS sein zu müssen. Hauptmann Friedrich Großer aus dem 7. OAL etwa trat zwar bereits am 15. März 1933 in die NSDAP ein und wirkt damit wie ein opportunistischer „Märzgefallener“. Doch in die Schutz staffel zog es ihn hingegen nicht.2563 2558 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Schnellbrief: I. A. Lenger (RFSSuChdDtPol) an Poli zeischule FFB, 15.11.1941. 2559 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Kleinhans (Chef der Ordnungspolizei): SS-Aufnahmeunterlagen für die Teilnehmer des 25. Offizieranwärterlehrganges, April 1942. 2560 Vgl. Buchheim, Aufnahme, S. 175. 2561 Vgl. RdErl. d. RuPrMdl. v. 16.03.1936, in: RMBliV, 25.03.1936, Nr. 15, Sp. 396g-396aa, hier: Sp. 396g. 2562 Vgl. BAB, SSO - Erich Weidig. 2563 Vgl. BAB, RS - Friedrich Großer; RRL, 4. Teil: Hauptleute, 1944, S. 186. 4 76 Akteure des „Tä te ro r t s " - Da s Pe r so n a l de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Verglichen mit den Mitgliedschaften in der SS gab es wiederum nur recht wenige Polizei führer, die sich in den übrigen nationalsozialistischen oder militärischen Organisationen be tätigten. Zumindest sind die verwendeten Quellen so zu deuten. Es ist aber ebenso möglich, dass die SS-Bürokratie derartige Angaben nicht immer konsequent in die Akten eintrug. Dass sie Mitglieder anderer Organisationen waren, lässt sich insgesamt nur für knapp ein Drittel der analysierten Offiziersanwärter nachweisen. Während rund 58 % der Absolventen des 4. OAL in einer oder mehreren Vereinigungen aktiv war, nahm in den nachfolgenden Lehr gängen die Bereitschaft stetig ab, sich anderweitig zu engagieren. Dazu waren nur 7T von ins gesamt 2t6 Beamten gewillt. Das galt jedoch nicht nur für das „Dritte Reich“, sondern lässt sich bereits in der frühen Weimarer Republik feststellen. Deshalb wurden in der Analyse auch Mitgliedschaften berücksichtigt, die außerhalb der NSDAP und ihrer Gliederungen an zusiedeln sind. Einzelne der späteren Offiziersanwärter waren etwa in militärischen Verbän den und Gruppierungen organisiert. Tabelle 31: Anzahl der M itglieder in sonstigen m ilitärischen und nationalsozialistischen O rganisationen OAL M itglieder in % 4 . OAL 15 5 7 ,6 9 6. OAL 22 5 0 ,0 0 7 . OAL 7 3 5 ,0 0 2 1 . OAL 27 2 1 ,4 3 Gcsami: 71 in %: 3 2 ,8 7 Zwar lässt sich mit den verwendeten Quellen nicht ermitteln, wie viele der untersuchten Be amten vor der „Machtergreifung“ in einer anderen als Hitlers Partei tätig waren. Zumindest für die Teilnehmer der drei ersten Kurse kann jedoch angenommen werden, dass sie sich schon aufgrund ihres geringen Alters parteipolitisch wenig engagiert hatten. Ob das auch beim 21. OAL der Fall war, kann nicht so einfach überprüft werden, da entsprechende Un terlagen nicht verfügbar sind. Auszuschließen ist es jedoch keineswegs. T a b e lle 32: V e r te i lu n g d e r so n s t ig e n M itg lie d s c h a f te n n a c h O r g a n is a t io n e n O rgan isation en O A L Freikorps Stahlhelm RAD SA -Feldjägcr N SS/N SD StB N SK K /N SFK Sonstiges 4 . OAL 1 2 11 0 3 2 3 6. OAL 0 3 18 0 2 1 4 7 . OAL 0 2 3 3 1 2 0 2 1 . OAL 4 1 1 2 0 4 29 Gesamt: 5 8 33 5 6 9 36 in %: 7 ,04 11,27 4 6 ,4 8 7 ,0 4 8 ,45 12,68 5 0 ,7 0 Von den 71 ermittelten Männern, die nachweislich in einer oder mehreren anderen Organi sationen tätig waren, befanden sich fünf zu Beginn der Weimarer Jahre in einem Freikorps. 477 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Unter ihnen befand sich beispielsweise Paul Sperling von Mai bis September 1919 im Frei korps Lettow-Vorbeck.2564 Zur gleichen Zeit gehörte sein Kollege vom 21. OAL, Georg Kai ser, dem Freikorps „Eiserne Schar Berthold“ an.2565 So konnten sie erste paramilitärische Er fahrungen sammeln, die ihnen wahrscheinlich auch in ihrem späteren Polizeidienst zugute kamen. Zumindest ist nur von zwei weiteren Männern bekannt, dass sie zuvor schon im Ers ten Weltkrieg gekämpft hatten. Alfred Braetsch etwa diente ab 16. Februar 1919 etwas mehr als ein Jahr lang im Freikorps Roßbach, nachdem er tags zuvor aus dem Infanterieregiment 21 ausgeschieden war.2566 Wesentlich häufiger als die Brucker Offiziersanwärter betätigten sich hingegen die späteren Vertreter des RSHA-Führungspersonals in Freikorps.2567 Acht Brucker Polizeiführer waren ferner im reaktionären Stahlhelm organisiert, obwohl keiner von ihnen im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Trotzdem traten alle bis auf einen dem „Bund der Frontsoldaten“ zum Ende der Weimarer Republik bei. Das deutet darauf hin, dass sie dem Frontkämpferideal nacheiferten, wie es für die „Kriegsjugendgeneration“ typisch war.25 68 Altersmäßig zählten die meisten von ihnen jedoch zur „Nachkriegsgeneration“. So wurde der spätere Hauptmann Gottfried Seif vom 4. OAL erst am 18. Juli 1915 geboren, en gagierte sich aber seit dem 5. Oktober 1931 mit gerade einmal 16 Jahren in dem Wehrver band.2569 Wenngleich er der jüngste aus dieser Gruppe war, ist es auffallend, wie lange diese bizarre Kriegsromantik noch nachwirkte. Dennoch befanden sich nur sehr wenige Vertreter des gesamten Samples im Stahlhelm, weshalb sein Einfluss auf die Beamten auch nicht über bewertet werden darf. An dieser Stelle sollte aber nicht vergessen werden, dass dieser para militärische Verband zusammen mit SA und SS die Hilfspolizei stellte, welche die neuen Machthaber im Jahre 1933 aufstellten, um die eigentliche Polizei bei der Gegnerverfolgung zu unterstützen.2570 Zwar konnte für keines der ermittelten Mitglieder nachgewiesen werden, dass sie bereits in dieser genuin nationalsozialistischen Ordnungsmacht tätig waren. Ähn lich wie die Angehörigen der Freikorps waren sie aber zumindest militärisch vorgeprägt, ob gleich auch sie eine kleine Minderheit verkörperten. Die meisten Mitgliedschaften gab es ohnehin in Organisationen des NS-Staats. Allen vo ran im RAD fanden sich insgesamt 33 Mann, die dort in der Anfangsphase der Diktatur meh rere Monate lang arbeiteten. Unmittelbar bevor sie ihrer Wehrpflicht nachkamen, mussten seit Juni 1935 jedoch alle Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren einen sechsmonatigen Pflichtdienst im RAD verrichten. Dabei sollten sie aber nicht nur körperlich arbeiten und dabei ihre Leistungsfähigkeit verbessern, sondern auch ideologisch auf Kurs gebracht wer den, wofür sie in entsprechenden Arbeitslagern untergebracht waren.2571 Dieser Prozedur un terzogen sich die meisten der gefundenen Beamten jedoch freiwillig, da sie ihren Arbeits dienst absolvierten, schon lange bevor er obligatorisch wurde. Zu ihnen zählte Johann Graml 2564 Vgl. BAB, SSO - Paul Sperling. 2565 Vgl. BAB, SSO - Georg Kaiser. 2566 Vgl. BAB, SSO - Alfred Braetsch. 2567 Vgl. Wildt, Generation, S. 54-57. 2568 Vgl. Herbert, Best, S. 44. 2569 Vgl. BAB, SSO - Gottfried Seif. 2570 Vgl. Ansgar Sebastian Klein, Bonner Polizeiführung und Polizeiorganisation 1933-1945, in: Schloß macher, Farbe, S. 41-73, hier: S. 53; Faatz, Staatsschutz, S. 417; Immo Opfermann/Joachim Schröder, Die M achtübernahme der Nationalsozialisten und die Installierung des Terrorapparates, in: Schröder, Polizei, S. 57-65, hier: S. 61. 2571 Vgl. Bauer, Nationalsozialismus, S. 280. 4 78 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck vom 4. OAL, der von Anfang Mai bis Mitte Oktober 1934 im RAD tätig war, bevor er am 30. Oktober seinen einjährigen Wehrdienst antrat.2572 Fünf Offiziersanwärter kamen aus dem SA-Feldjägerkorps, das Ende 1935 die Schutzpoli zei verstärkte.2573 Heinz Meyer vom 7. OAL war ab März 1934 in dieser Parteipolizei beschäf tigt, bevor er in die eigentliche Ordnungsmacht wechselte.2574 Das lässt vermuten, dass er und seine vier Kollegen dem NS-Regime ideologisch ziemlich nahe standen, obschon es wie bei den Angehörigen des RAD auch möglich ist, dass sie einfach nur der Arbeitslosigkeit zu Be ginn der dreißiger Jahre entfliehen wollten. Wie so oft schlossen sich weltanschauliche und pragmatische Motive keineswegs aus. Eine große Sympathie für das Gedankengut der „Her renmenschen“ kann jedoch noch mehr von jenen Männern angenommen werden, die im Nationalsozialistischen Schülerbund (NSS) oder im Nationalsozialistischen Deutschen Stu dentenbund (NSDStB) organisiert waren. Das triffi auf insgesamt sechs spätere Polizisten zu, die alle aus den ersten drei Lehrgängen stammten. Von 1931 bis 1933 war z. B. der spätere Ab solvent des 6. OAL, Erich Weidig, in der Schülerorganisation der Partei.2575 Dagegen gehör te Johann Krausmann aus dem 4. OAL von November 1935 bis Ende Juli 1936 zum NS-Studentenbund in Darmstadt, solange er dort Chemie studierte.2576 Insgesamt neun spätere Polizeioffiziere befanden sich in Parteiorganisationen, die thema tisch auf jene „Volksgenossen“ zugeschnitten waren, die sich für Fortbewegungsmittel zu Land und in der Luft interessierten. Hans-Heinrich Kluge war etwa vom 22. Juni 1931 an fünf Jahre lang im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), bevor er zum 21. OAL gelang te.2577 Zum Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) zählte sein Lehrgangskamerad Karl Herdtle. Bis zum 7. Mai 1938 gehörte er ihm ein Jahr lang an.2578 In diesen Organisationen sollten die Mitglieder paramilitärisch trainiert und wieder einmal weltanschaulich an der NS-Ideologie ausgerichtet werden. Letzteres galt auch für die meisten der übrigen Organi sationen, für die sich insgesamt 36 Mitgliedschaften ausmachen lassen, wobei auch hier ei nige Männer mehrfach involviert waren. Kurt Merk aus dem 4. OAL war beispielsweise ei ner von zwei Mitgliedern des Lebensborn.2579 Seit 1. Juni 1939 betätigte sich der am 26. April 1903 geborene Heinrich Müller vom 21. OAL als Zellenleiter in der NSDAP-Ortsgruppe Jena- Süd.2580 Sein Kollege Otto Trott fungierte einerseits als Blockhelfer der NSDAP in Braun schweig und andererseits als Sportwart in einem Polizeisportverein.2581 Auch Hans Oester reich aus dem 21. OAL war mehr als nur ein einfaches Parteimitglied. Der Major amtierte seit 1934 als politischer Leiter beim Kreisschulungsamt in der Ortsgruppe Coswig, bevor er dort am 31. Oktober 1938 parteilicher Filmstellenleiter wurde. Daneben war er als Mitglied im RLB, im Reichskolonialbund (RKB) und in der NSV noch intensiver mit dem Regime verbunden als die meisten seiner Kameraden.2582 All das zeigt, dass die einzelnen Offiziersanwärter sich mehr oder minder stark in der NSDAP oder ihren Unterorganisationen betätigten. Insbesondere in der Partei und der SS 2572 Vgl. BAB, SSO - Johann Graml. 2573 Siehe dazu auch Kapitel 3.4. 2574 Vgl. BAB, SSO - Heinz Meyer. 2575 Vgl. BAB, RS - Erich Weidig. 2576 Vgl. BAB, RS - Johann Krausmann. 2577 Vgl. BAB, SSO - Hans-Heinrich Kluge. 2578 Vgl. BAB, SSO - Karl Herdtle. 2579 Vgl. BAB, SSO - Kurt Merk. 2580 Vgl. BAB, SSO - Heinrich Müller. 2581 Vgl. BAB, SSO und RS - Otto Trott. 2582 Vgl. BAB, SSO und RS - Hans Oesterreich. 4 79 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k waren die meisten von ihnen vertreten, wobei 172 Männer beide Mitgliedschaften besaßen. Zog es nur wenige in die SA und die HJ, konnten auch die übrigen NS-Organisationen nur eine Minderheit der Beamten für sich gewinnen. Insofern ist gewiss anzunehmen, dass die untersuchten Absolventen dem Regime keineswegs ablehnend gegenüberstanden. Indes ist jedoch fraglich, ob deswegen auch für sie zutriffi, dass sie „hochgradig nazifiziert“ waren, wie es Dieter Pohl für diejenigen Offiziere der Ordnungspolizei konstatiert, die in der Sow jetunion eingesetzt waren.2583 Bis auf wenige Ausnahmen engagierten sich die Brucker Poli zeischüler zumeist erst nach der „Machtergreifung“ in den diversen Organisationen der neu en Herrscher. Das dürfte jedoch allzu häufig aus opportunistischen und pragmatischen Gründen erfolgt sein, weil die meisten gerade zu einer Zeit in die NSDAP oder die SS ein traten, in der ihr Lehrgang stattfand oder bereits beendet war. Darüber hinaus gab es aber nur wenige, die sich in mehreren NS-Organisationen gleichzeitig betätigten. Unter ihnen be fand sich Paul Eckert vom 6. OAL, der nicht nur in der NSDAP und der Schutzstaffel, son dern auch in der SA, der HJ und im RAD war, wobei er 1935 außerdem einen Kurs an einer Motorsportschule des NSKK absolvierte.2584 Insofern kann davon ausgegangen werden, dass er dem Nationalsozialismus ideologisch stärker verbunden war als viele seiner Kameraden. Dennoch können sie deswegen nicht exkulpiert werden, da sie in vielen Fällen zu eng mit dem Parteiapparat verflochten waren und persönlich die „Verschmelzung“ von SS und Poli zei vorantrieben. Wenngleich sie dabei in erster Linie an ihre eigene Karriere gedacht haben dürften, nutzten sie äußerst rege jene Möglichkeiten, die ihnen das NS-Regime bot. Das si cherte ihnen den sozialen Aufstieg. Daher kann zumindest ausgesagt werden, dass sie sich ohne Weiteres von den braunen Machthabern korrumpieren ließen. Wahrscheinlich sympa thisierten aber einige von ihnen auch weltanschaulich mit dem totalitären Staat. Wer im „Dritten Reich“ etwas werden wollte, musste zuvor jedoch seinen militärischen Pflichten nachkommen. Die jungen wehrpflichtigen Männer dienten daher größtenteils in der Wehrmacht. Von 17 der insgesamt 90 Mann in den ersten drei Lehrgängen ist allerdings nicht bekannt, ob sie wie ihre Kollegen ihren Pflichtdienst in Hitlers Armee absolvierten, be vor sie nach Fürstenfeldbruck gelangten. Diese leisteten ihn im Zeitraum zwischen 1934 und 1936 ab. Ohne die obligatorischen Reserveübungen beanspruchte er durchschnittlich etwas mehr als ein Jahr. Mehr als doppelt so lange verbrachten die Anwärter des 21. OAL in der Ar mee, wobei sie zu ganz unterschiedlichen Zeiten unter Waffen standen. Doch bei diesem Kurs konnten lediglich 60 von insgesamt 126 Anwärtern ermittelt werden, die nachweislich in den deutschen Streitkräften dienten. Zusammengenommen waren es also nur 133 Polizis ten, von denen bekannt ist, wann genau sie ihnen angehörten. Allerdings scheint diese ge ringe Zahl quellenbedingt zu sein und nicht den realen Verhältnissen zu entsprechen. Den noch lohnt es sich, den Militärdienst dieser Schüler etwas näher zu betrachten. 2583 Pohl, Herrschaft, S. 351. 2584 Vgl. BAB, SSO - Paul Eckert. 480 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck T ab elle 33: M ilitärd ien st (oh n e R eserveü bungen) OAL ab geleistet 0 Dauer in Monaten nicht a h ge leistet/k. A, 4 . OAL 25 1 3 ,4 4 l 6. OAL 3 9 1 4 ,3 3 5 7 . OAL 9 1 3 ,4 0 11 2 1 . OAL 6 0 2 5 ,3 2 66 Gesamt: 133 83 in %: 6 1 ,5 7 3 8 ,4 3 Von allen 133 militärisch versierten Männern waren nur fünf bereits im Ersten Weltkrieg ein gesetzt, wobei alle jedoch erst im Jahre 1918 in die alte Armee gelangten und später den 21. OAL besuchten. Einer von ihnen war der am 16. April 1900 geborene Alfons Saile, der von Mai bis November 1918 als Musketier an der Front eingesetzt und hernach bis September 1919 in der neuen Reichswehr aktiv war.2585 Nur noch ein weiterer „Polizeisoldat“ wählte diesen Weg, indem er nach Ende des Kaiserreichs auch noch in der Weimarer Frühphase beim Mi litär blieb. Insgesamt zwölf Männer aus dem 21. OAL dienten in den zwanziger Jahren in der stark reduzierten Nachkriegsarmee, wobei sich allein vier von ihnen im österreichischen Bundesheer befanden. Diesem gehörte der in Krems an der Donau geborene August Joksch sogar von Anfang 1921 bis Mitte 1927 an.2586 Der absolute Großteil seiner Kollegen sammelte jedoch erste militärische Erfahrungen, als sie in Hitlers Wehrmacht kamen. Das galt auch für sämtliche Absolventen der anderen drei Kurse, deren militärischen Dienstzeiten bekannt sind. Während sie ausschließlich erst im NS-Staat dienen mussten, stand erneut ein Teil je ner Männer unter Waffen, die das bereits zuvor getan hatten.2587 So befand sich Josef Falter aus dem 21. OAL vom 1. April 1926 bis zum 1. November 1938 in der Armee und wechselte erst am nächsten Tag in die Polizei.2588 T a b e l le 3 4 : E in s a tz z e it (m it M e h r f a c h n e n n u n g ) O A L 1. W eltk rieg 1 9 1 9 -1 9 3 2 nach 3 0 .01 .1933 4. OAL 0 0 25 6 OAL 0 0 39 7 OAL 0 0 9 21. OAL 5 12 48 Gesamt: 5 12 121 2585 Vgl. BAB, SSO - Alfons Saile. 2586 Vgl. BAB, SSO - August Joksch. 2587 Aus diesem G rund kommt die nachfolgende Tabelle nicht nur auf 131, sondern auf 138 Zähler. Die se Diskrepanz komm t dadurch zustande, dass der Militärdienst einer Person mehrfach gezählt wur de, sofern sie in m ehr als einer Epoche in der Armee eingesetzt war. 2588 Vgl. BAB, SSO - Josef Falter. 481 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Die verwendeten Akten der BDC-Bestände sind so beschaffen, dass es leider nur möglich ist, für einzelne Absolventen der Brucker Polizeischule zumindest partiell festzustellen, an wel chen militärischen Einsätzen sie vor und besonders nach Kriegsbeginn teilnahmen. Auch wenn in diesen Unterlagen für einige Polizeioffiziere festgehalten ist, wann sie wo eingesetzt waren, sind diese Angaben unvollständig und erlauben es daher nicht, den gesamten dienst lichen Werdegang bis Kriegsende zu rekonstruieren. In anderen Fällen liegen dazu überhaupt keine Informationen vor. Das bedeutet aber nicht, dass diese Männer nicht im „auswärtigen“ Einsatz waren. Ob sie jedoch in Polizeibataillonen oder sonstigen Formationen dienten oder ob sie vielmehr in Dienststellen an der „Heimatfront“ tätig waren, lässt sich auf diesem Wege also nicht immer klären. Über mögliche Verbrechen der „Polizeisoldaten“ schweigen sich die Personalakten der SS-Führer und erst recht die RuSHA-Unterlagen vollständig aus. Aus all diesen Gründen kann nur punktuell herausgearbeitet werden, was die Brucker Schüler vor und besonders nach ihrem Lehrgang taten. Daher muss auch darauf verzichtet werden, genau darzustellen, wie sich ihre Einsätze und Zugehörigkeiten zu bestimmten Einheiten prozentual verteilten. Es gibt mit Sicherheit einige blinde Flecke, die statistisch gar nicht er fasst werden können. Sie könnten allenfalls durch Personal- und sonstige personenbezoge ne Akten erhellt werden, die allerdings für nur wenige Teilnehmer der untersuchten Offi ziersanwärterlehrgänge vorliegen. Schon allein deshalb verbietet es sich, dahingehend allzu verallgemeinernde Aussagen über dieses Sample anzustellen. Weil aber dennoch von eini gen Polizeiführern bekannt ist, in welchen Gebieten und Einheiten sie eingesetzt waren, soll das für einzelne Beamte im Folgenden nicht vorenthalten werden. Mindestens 154 der insgesamt 216 Polizisten waren zwischen 1938 und 1945 bei wenigstens einem „auswärtigen Einsatz“. Von 32 Beamten konnte ermittelt werden, dass sie beim „A n schluss“ Österreichs mitmachten. Zu ihnen zählte etwa Rudolf Leipold vom 4. OAL, der vom 11. März bis 26. April 1938 im annektierten Nachbarland eingesetzt war.2589 Dort befand sich fast zur gleichen Zeit sein Schulkamerad, Max Weis, der anschließend vom 2. Oktober bis 8. Dezember 1938 im Sudetenland eingesetzt war.25 90 Damit gehörte er zu einem vom insge samt nur 20 „Polizeisoldaten“, die sich erwiesenermaßen daran beteiligten, das Grenzgebiet zur Tschechoslowakei im Herbst 1938 zu annektieren. Ein weiterer war Theo Sorg vom 6. OAL, der Anfang Oktober mit dem Polizeibataillon III/1 dort einrückte.2591 Sein Kollege Arno Lang arbeitete derzeit hingegen als Adjutant des Kommandeurs für den Einzeldienst im Gebiet Egerland.2592 Während des Zweiten Weltkriegs waren mindestens 141 Mann nachweislich außerhalb des deutschen „Altreichs“ eingesetzt, wobei sie zusammengenommen an allen Schauplätzen ver treten waren. Bei nur 61 Offiziersanwärtern wurde in den verwendeten Akten vermerkt, dass sie im Laufe des Krieges in einem Polizeibataillon oder später einem Regiment dienten. Die se Angaben können jedoch nicht den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, weil der A n teil - wie sich noch zeigen wird - weitaus höher liegen müsste. Dabei muss jedoch berück sichtigt werden, dass Himmlers Bürokraten solche Informationen in den Personalakten der SS-Führer aber ohnehin nur spärlich aufnahmen, weil das vielmehr Angelegenheit der Ord nungspolizei war. Sie vermerkten aber für Josef Schöpperle vom 4. OAL, dass er sich mit der 3. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 41 im polnischen Posen befand.2593 Hermann Uh- 2589 Vgl. BAB, SSO und RS - Rudolf Leipold. 2590 Vgl. BAB, RS - Max Weis. 2591 Vgl. BAB, RS - Theo Sorg. 2592 Vgl. BAB, SSO - Arno Lang. 2593 Vgl. BAB, RS - Josef Schöpperle. 482 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck lemann aus dem 21. OAL gehörte dem II. Bataillon des SS-Polizeiregiments 4 an.25 9 4 Der ehe malige Teilnehmer des 7. OAL, Heinz Görner, landete hingegen in der 7. Kompanie des SS- Polizei-Infanterie-Regiments 3.2595 Den BDC-Unterlagen zufolge befanden sich zumindest 32 der untersuchten Männer in der SS-Polizei-Division, die eine besondere Formation der Ordnungspolizei darstellte. Das Haupt amt Ordnungspolizei hatte sie noch als Polizei-Division auf Hitlers Befehl am 1. Oktober 1939 aufgestellt. Nach Ende des Westfeldzugs gelangte sie nach Russland in das Gebiet der Hee resgruppe Nord, wo sie ab August 1941 südlich von Leningrad zum Einsatz kam.2596 Bereits zum Ende ihres Wirkens in Frankreich hatte die Einheit den Zusatz „SS“ erhalten, wobei er nichts daran änderte, dass die SS-Polizei-Division weiterhin eine Einheit der Ordnungspo lizei blieb.2597 Obwohl sie bereits seit 17. Januar 1941 der Waffen-SS unterstand, gliederte Himm ler die Division erst am 24. Februar 1942 offiziell in seine weltanschauliche Elitetruppe ein. Sie musste sich reorganisieren, erhielt im Jahre 1943 einen neuen Namen und trat fortan als 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division in Erscheinung.2598 Teile dieses Verbandes blieben weiterhin in Nordrussland stationiert, während einzelne Regimenter nach Südosten entsen det wurden. Die Division vereinigte sich im April 1944 in Griechenland, zog jedoch wieder Richtung Norden und geriet 1945 auf der polnischen Halbinsel Hela in sowjetische Kriegsgefangenschaft.2599 Unter den Angehörigen der SS-Polizei-Division war Kurt Rühl vom 6. OAL, der ihr seit 6. Mai 1940 als Batterieoffizier angehörte.2600 Vom 7. OAL stammte hingegen Karl Liecke, der in ihr vom 1. Oktober 1939 bis 4. September 1943 diente und danach in den Stab der Kroati schen 13. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division kam.2601 Damit wirkte er wie mindestens 20 sei ner analysierten Kollegen in einer Einheit der Waffen-SS.2602 In der SS-Gebirgsdivision Nord land diente etwa der am 25. Dezember 1913 in Augsburg geborene Rudolf Gräul vom 6. OAL.2603 Ebenfalls von diesem Lehrgang fand auch der im oberfränkischen Selb geborene Hermann Kaschner seinen Weg in die Waffen-SS. Er war seit 7. April 1943 als Kompaniechef in der SS- Panzer-Jäger-Ausbildungs- und Ersatz-Abteilung 1 tätig, bevor er in die 14. Kompanie des SS-Polizei-Schützenregiments 1 kam.2604 Ein solcher Branchenwechsel war nicht ungewöhn 2594 Vgl. BAB, SSO - Hermann Uhlemann. 2595 Vgl. BAB, SSO - Heinz Görner. 2596 Vgl. Tessin, Stäbe und Truppeneinheiten, S. 24; Ders., Die Stäbe und Truppenteile der Ordnungspo lizei 1936-1945, in: Ders./Norbert Kannapin, Waffen-SS und Ordnungspolizei im Kriegseinsatz 1939 1945. Ein Überblick anhand der Feldpostübersicht, Osnabrück 2000, S. 527-665, hier: S. 547 [Künf tig: Tessin, Stäbe und Truppenteile]; Ders., Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939-1945, Bd. 14: Die Landstreitkräfte: Namensverbände/Die Luft streitkräfte (Fliegende Verbände)/Flakeinsatz im Reich 1943-1945, Osnabrück 1980, S. 287 f. [Künf tig: Tessin, Verbände und Truppen]. 2597 Vgl. Michaelis, Einsatz, S. 107 f. 2598 Vgl. Tessin, Verbände und Truppen, Bd. 14, S. 287 f. Ferner: Ders., Die Waffen-SS. Entwicklung, Glie derung und Feldpostnummern, in: Ders., Waffen-SS, S. 3-524, hier: S. 42-47. 2599 Vgl. Ders., Verbände und Truppen, Bd. 2: Die Landstreitkräfte 1-5, Frankfurt am Main 1966, S. 275. 2600 Vgl. BAB, RS - Kurt Rühl. 2601 Vgl. BAB, SSO - Karl Liecke. 2602 Zur Kroatischen 13. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division vgl. Kurt Mehner (Hrsg.), Die Waffen-SS und Polizei 1939-1945. Führung und Truppe, Schriftenreihe Führung und Truppe, Bd. 3, Norderstedt 1995, S. 141. 2603 Vgl. BAB, SSO - Rudolf Gräul. 2604 Vgl. BAB, SSO und RS - Hermann Kaschner. 4 83 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lich, da einige Führer der Waffen-SS ihre Karriere in der Ordnungspolizei begonnen hat ten.2605 Überdurchschnittlich viele Informationen liegen über den beruflichen Werdegang von Hauptmann Kurt Merk vor. Als Absolvent des 4. OAL gelangte er nicht nur an verschiede ne Schauplätze des Krieges, sondern auch in ganz unterschiedliche Einheiten. Nachdem er in Österreich eingesetzt und ab 7. Juli 1939 als Bataillonsadjutant im Protektorat Böhmen und Mähren beschäftigt gewesen war, nahm er mit dem Polizeibataillon 63 am Polenfeldzug teil und kehrte am 25. Februar 1940 zurück nach Deutschland. Der gebürtige Traunsteiner dien te vom 28. Mai bis 15. Juli 1940 in einem Sonderkommando in Belgien und arbeitete anschlie ßend als Luftschutzoffizier im elsässischen Kolmar. Seit dem 24. Mai 1943 befand er sich im Stab des Polizei-Schützenregiments 32, mit dem er nach Radzyn Podlaski in den Distrikt Lublin gelangte. Wenig später wechselte er in das Galizische SS-Freiwilligen-Regiment 5, wo er seit 21. Juli 1943 als Adjutant der Einheit fungierte. Fast genau ein Jahr später komman dierte er ab 10. Juli 1944 persönlich das Schuma-Ersatz-Bataillon 212 in Krakau.2606 Nicht alle der untersuchten Polizeioffiziere überlebten ihren „auswärtigen Einsatz“. Der am 7. Januar 1914 im sächsischen Leisnig geborene Hauptmann Walter Haferkorn fiel am 18. August 1941 im „Osten“.2607 Sein ranggleicher Kollege vom 4. OAL, Hans Ott, starb am 14. Februar 1943 ebenfalls im Einsatz, während er die 3. Kompanie des SS-Polizei-Pionier- Bataillons führte, das zur SS-Polizei-Division gehörte.2608 Der ehemalige Teilnehmer des 6. OAL, Peter Gobmeier, erhielt am 12. September 1941 einen tödlichen Kopfschuss.2609 Der Absolvent des 21. OAL, Paul Lang, fand den Tod am 23. November 1944 im kroatischen Nasice, als er als Stabsoffizier in einem Bataillon diente, das dem SS-Polizeiregiment „Todt“ angehörte.2610 Weil die BDC-Unterlagen bestenfalls nur bis Kriegsende geführt wurden, schweigen sie sich darüber aus, wie es den Überlebenden in der Nachkriegszeit erging. Das kann aber we nigstens für einzelne Brucker Absolventen rekonstruiert werden, deren Personalakten vor liegen. Sie ermöglichen einen genaueren Einblick in den beruflichen Werdegang der polizei lichen Führungskräfte. Das ist etwa bei Helmut Teske der Fall, der den 4. OAL absolviert hatte.2611 Der am 20. Januar 1913 im westpreußischen Glauchau geborene Sohn eines Gärt ners und späteren Revierförsters wurde nach seinem Abitur am 10. Juli 1936 als Wachtmeis ter und Offiziersanwärter in die Schutzpolizei eingestellt. Zwar wollte er ebenfalls Förster im höheren Dienst werden, konnte aber das dafür erforderliche Studium nicht beginnen, weil er dazu nicht zugelassen wurde. Dafür betätigte er sich jedoch schon recht früh politisch. Zwischen September 1927 und Oktober 1929 war er Mitglied im Jungstahlhelm und trat dann am 1. Oktober 1933 sowohl der SA als auch dem NSKK bei, denen er bis zu seinem Dienst antritt bei der Ordnungsmacht angehörte. Zwischenzeitlich absolvierte er von April 1934 bis Oktober 1935 freiwillig seinen Wehrdienst. Nach seinem Kurs in Fürstenfeldbruck wurde er Anfang 1938 nach Frankfurt am Main versetzt, wo er bis auf eine knapp dreimonatige Dienst 2605 Vgl. dazu Wegner, Soldaten, S. 225. 2606 Vgl. BAB, SSO und RS - Kurt Merk. 2607 Vgl. BAB, SSO - Walter Haferkorn. 2608 Vgl. BAB, SSO und RS - Hans Ott. 2609 Vgl. BAB, SSO - Peter Gobmeier. 2610 Vgl. BAB, SSO - Lang Paul. 2611 Zu den folgenden Ausführungen über Helmut Teske sofern nicht anders angegeben vgl. ISG Frank furt, 22/75, 123.208-210 - Helmut Teske; BAB, SSO und RS - Helmut Teske. 484 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck zeit in Wiesbaden durchgehend bis 1945 verblieb und in der Vorkriegszeit hauptsächlich als Luftschutzoffizier und Zugführer arbeitete. Ab Mitte 1939 diente Teske dann in diversen Einheiten der uniformierten Staatsgewalt. Mit dem Polizeibataillon V/1 befand er sich vom 21. Juli bis 4. September 1939 im Protektorat Böhmen und Mähren, um sich danach bis 30. September 1939 im Polizeiregiment 3 am Po lenfeldzug zu beteiligen. Bis zum 11. November 1940 war er Kompanieführer in den Poli zeibataillonen 72 und 92, leitete danach in Frankfurt einen Lehrgang für das schwere Ma schinengewehr und führte von Frühjahr 1941 bis zum 10. September 1943 erneut verschiedene Kompanien. Tags darauf kam er in das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, in dem er bis zum 25. November 1944 im „auswärtigen Einsatz“ blieb. Zurück in Frankfurt arbeitete er bis Kriegsende beim Kommando der Feuerschutzpolizei als Ausbildungsoffizier. Die hiesige Spruchkammer stufte ihn 1948 als Mitläufer ein, woraufain sich der ehemali ge Hauptmann noch im gleichen Jahr bei seinem alten Arbeitgeber darum bewarb, wieder in den Staatsdienst eingestellt zu werden. Das scheiterte aber, weil er Parteiorganisationen angehört hatte, zu denen am 30. Januar 1942 auch noch die SS hinzugekommen war.2612 Des halb musste er sich eine andere Tätigkeit suchen und fand sie zunächst als Hilfsarbeiter in einer Ziegelei und später als selbstständiger Leiter einer Abrichteanstalt für Hunde. Anschlie ßend arbeitete er in einem Reparaturwerk und in einem Nachschubdepot der US-Armee in Frankfurt, wo er vom 26. April 1949 bis 31. Dezember 1953 beschäftigt war, obwohl er ab Ap ril 1945 ein Jahr lang in amerikanischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte. Erst am 1. Ap ril 1957 erhob ihn die Polizeiverwaltung in der Mainmetropole wieder in den Beamtenstand, bis sie den Bezirkskommissar Ende März 1973 regulär pensionierte. Teske starb am 8. De zember 1987. Er war nur einer von vielen Brucker Schülern, die während des Zweiten Weltkriegs in den „auswärtigen Einsatz“ gelangten. In den Polizeieinheiten übten sie dabei recht unterschiedli che Funktionen aus. Ab 4. April 1940 befand sich etwa Heinrich Meiswinkel vom 6. OAL im Polizeiregiment Krakau, um darin als dessen Nachrichtenoffizier eingearbeitet zu werden.2613 Der am 1. Juli 1911 in Straßburg geborene Alfred Leidenroth aus dem 7. OAL war im Stab des Polizeibataillons 310 tätig und stieg Mitte September 1944 sogar zum Major auf.2614 Haupt mann Gustav Hösterey vom 21. OAL diente ab dem 7. Dezember 1944 als Kompanieführer im SS-Polizeiregiment 2.2615 Für einige Männer lässt sich also durchaus nachweisen, dass sie während des Zweiten Welt kriegs in diversen Polizeieinheiten eingesetzt waren. Es ist jedoch unmöglich, sämtliche Schü ler der untersuchten Lehrgänge dahingehend zu überprüfen, ob sie in Verbrechen verstrickt waren. Derartige Analysen gestalteten sich schon für die Strafverfolger in und außerhalb von Deutschland sehr problematisch.2616 Ein pauschales Urteil verbietet sich aber nicht nur des halb, sondern auch weil kaum davon gesprochen werden kann, dass sämtliche in den besetz 2612 Diese Angabe aus seiner Personalakte widerspricht jedoch dem Eintrag in seinem SSO-Personalbogen, der Teskes SS-Eintritt bereits auf den 1.Mai 1939 datiert. Vgl. dazu ISG Frankfurt, 22/75, 123.208 210 - Helmut Teske, Personalbogen; BAB, SSO - Helmut Teske, Personalbogen. 2613 Vgl. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 409, Fond 1323-2-363, I. V. Spaethen (BdO beim Generalgou verneur): Tagesbefehl Nr. 21, 05.04.1940, Bl. 83. 2614 Vgl. BAB, SSO und RS - Alfred Leidenroth. Zu seiner Tätigkeit im Polizeibataillon 310 vgl. Klemp, Oranienburger Polizeieinheiten, S. 87. 2615 Vgl. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 407, Fond 1323-2-33, Kommando-Befehl Nr. 1, [Dezember 1944], Bl. 7. 2616 Siehe dazu auch Kapitel 2.3. 4 85 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ten Gebieten eingesetzten Ordnungspolizisten zu Tätern wurden. Es gibt jedoch einzelne Po lizeioffiziere, die durchaus an Massenverbrechen beteiligt oder sogar für diese verantwortlich waren, wofür sie nach Kriegsende schließlich vor Gericht standen. Der wohl bekannteste Absolvent der Brucker Polizeischule war dahingehend der am 3. Juni 1913 in Dresden geborene und spätere Hauptmann Julius Wohlauf, der den 4. OAL be sucht hatte.2617 Zweifelhafte Berühmtheit erlangte er durch die Arbeiten von Christopher R. Browning und Daniel Jonah Goldhagen.2618 Nachdem er bereits beim „Anschluss“ Öster reichs zum Einsatz gekommen war und von Mai 1940 bis Februar 1941 als Kraftfahroffizier im Bremer Polizeibataillon 105 in Norwegen gedient hatte, leitete Wohlauf ab 1. Februar 1942 die 1. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 101 aus Hamburg, als dessen stellvertretender Kommandeur er auch tätig war.2619 Diese Einheit hatte schon zuvor einige Verbrechen began gen, als sie sich z. B. ab Mai 1940 im Raum Posen und später in Lodz daran beteiligte, die polnische Bevölkerung zwangsweise umzusiedeln und die Juden dabei in Ghettos zu pfer chen. Von Ende November 1940 bis Ende März 1941 bewachte sie das Ghetto von Lodz und kehrte danach zu ihrem Heimatstandort zurück. Dort half sie im Herbst 1941 dabei mit, Ham burger Juden in verschiedene osteuropäische Ghettos zu deportieren.2620 Nachdem Wohlauf seine Teileinheit übernommen hatte, mordete das Reserve-Polizeiba taillon 101 ab Mitte 1942 in Polen massenhaft. Am 13. Juli 1942 etwa erschoss vor allem seine 1. Kompanie bis zu 1.500 Juden aus Jozefow in einem nahegelegenen Wald und deportierte den arbeitsfähigen Rest in ein Lager nach Lublin. Die 2. Kompanie exekutierte dann zusam men mit hilfswilligen „Trawniki“ am 17. August 1942 in Lomazy bis zu 1.700 Juden. Beson ders tat sich wieder die 1. Kompanie unter Wohlauf hervor, als das Bataillon am 25. und 26. August 1942 das Ghetto von Miedzyrzec Podlaski auflöste und dabei etwa 10.000 Men schen ins Vernichtungslager Treblinka deportierte. Während dieser Aktion brachten die Hamburger Polizisten 960 Opfer aber noch an Ort und Stelle um.2621 Letztlich war das Re serve-Polizeibataillon 101 auch an der „Aktion Erntefest“ maßgeblich beteiligt, bei der es zu sammen mit anderen SS- und Polizeieinheiten am 3. November 1943 im Vernichtungslager Majdanek rund 18.000 Juden ermordete. Tags darauf beteiligte es sich daran, etwa 14.000 jü dische Opfer im Lager von Poniatowa zu töten. Hernach führte die Einheit vor allem Unter nehmen gegen „Banden“ durch. Insgesamt wirkte das Reserve-Polizeibataillon 101 an der Er schießung von über 38.000 Juden mit und deportierte noch einmal über 45.000 jüdische Opfer nach Treblinka.2622 Bereits ab Mai 1943 fungierte Wohlauf jedoch als Kompanieführer und schließlich als Kommandeur des Wiesbadener Polizeibataillons 123, das innerhalb des SS-Polizeiregiments 7 in Norwegen eingesetzt war. Weil er aber im nordeuropäischen Besat zungsland mit dem SD in Konflikt geraten war, wurde er nach einem Gerichtsprozess seines Amtes enthoben und an die Polizei-Waffenschule Dresden-Hellerau zu einem Bataillonsfüh rerlehrgang abkommandiert. So weilte er auch noch bei Kriegsende in der Elbstadt.2623 2617 Zu den folgenden Ausführungen über Julius Wohlauf sofern nicht anders angegeben vgl. BAB, SSO und RS - Julius Wohlauf; Kiepe, Reservepolizeibattaillon, S. 143-145. 2618 Vgl. Browning, Männer, besonders: S. 67 f. und 130-132; Goldhagen, Vollstrecker, besonders: S. 287 f. 2619 Vgl. Kaiser, Schranken, S. 235; Martin Hölzl, Julius Wohlauf - die Nachkriegskarriere eines Hambur ger Polizisten und NS-Täters, in: Diercks, Polizei, S. 173-182, hier: S. 174; Kiepe, Reservepolizeibattaillon, S. 135 und 143 f. 2620 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 706 f. 2621 Vgl. ebd., S. 708-714. 2622 Vgl. ebd., S. 725-729. 2623 Vgl. Kiepe, Reservepolizeibattaillon, S. 144. 486 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Nachdem er in seinem Spruchkammerverfahren letztlich als „unbelastet“ eingestuft wor den war, gelangte Julius Wohlauf am 1. Juli 1955 als „131er“ wieder in den Dienst der hansea tischen Polizei und stieg dort auf bis zum Referatsleiter für Verkehrserziehung und Verkehrs sicherheit. Allerdings beurlaubte ihn seine Dienststelle am 30. Januar 1963, nachdem die Hamburger Staatsanwaltschaft im Oktober des Vorjahres gegen ihn und weitere ehemalige Angehörige des Reserve-Polizeibataillons 101 ein Verfahren eröffnet hatte.2624 Daraufain tag te das Hamburger Schwurgericht vom 30. Oktober 1967 bis zum 8. April 1968 und verurteil te Wohlauf zu acht Jahren Haft. Ende Oktober 1974 wurde er vorzeitig entlassen. Am 17. März 2002 verstarb er in Hamburg.2625 Er war einer der wenigen Brucker Polizeibeamten, die sich für ihre Taten verantworten mussten, obschon seine Strafe geradezu lächerlich gering ausfiel. Ebenfalls sehr glimpflich sollte Hauptmann Rolf-Joachim Buchs davonkommen, der am 12. September 1914 in Kaiserswerth geboren wurde.2626 Nachdem er den 6. OAL absolviert hatte, gelangte er im Juli 1939 zum Polizeibataillon 63 ins tschechische Brünn, um mit dieser aus Wuppertal stammenden Einheit zunächst im Polen- und danach im Frankreichfeldzug eingesetzt zu werden.2627 Im August 1940 wurde er zum Polizeiausbildungsbataillon Köln ver setzt, aus dem das Polizeibataillon 309 hervorging, in dem er bis Anfang 1942 als Kompanie führer fungierte.2628 Kurz nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ rückte dieser Poli zeiverband am 27. Juni 1941 ins ostpolnische Bialystok ein und richtete dort ein Massaker hauptsächlich an der männlichen jüdischen Bevölkerung an. Die „Ordnungshüter“ trieben die Opfer zunächst aus ihren Häusern, um sie auf dem Marktplatz zusammenzuscharen, was von selbstinitiierten Gewaltakten und sogar Morden begleitet war. Während die meisten Tä ter zahlreiche Menschen einfach erschossen, verübten Teile des Bataillons ein besonders bes tialisches Verbrechen. Sie pferchten mindestens 800 jüdische Männer, aber vermutlich auch Frauen und Kinder in die städtische Hauptsynagoge und brachten sie um, indem sie das voll besetzte Bauwerk anschließend in Brand steckten. Weil die Flammen auf die umliegenden Gebäude des jüdischen Viertels übergriffen und von den Polizisten nicht mehr gelöscht wer den konnten, starben zahlreiche weitere Opfer in diesem Großfeuer. Insgesamt tötete das Po lizeibataillon 309 an diesem Tag in Bialystok deutlich mehr als 1.000 Juden.2629 Seit Beginn des Jahres 1942 diente Buchs als Kompanieführer in verschiedenen anderen Einheiten, wozu etwa das Polizei-Lehrbataillon III in Gotenhafen zählte, mit dem er ein Jahr später nach Den Haag kam. Nach Kriegsende schlug er sich zunächst in der Privatwirtschaft durch, bis er nach einem zuvor gescheiterten Versuch dann im August 1953 von der Polizei in Solingen wieder in den Dienst gestellt wurde. Zunächst zum Hauptwachtmeister degra diert, erlangte er schnell seinen alten Rang zurück, der in der Bundesrepublik nun Polizei hauptkommissar lautete. Noch befremdlicher mutet es an, dass er ab 1957 sogar als Lehrer an der Landespolizeischule „Erich Klausener“ in Düsseldorf fungierte und seit 1962 die Wup pertaler Bereitschaftspolizei im Fach Staatsbürgerkunde unterrichten durfte. Es erscheint ge 2624 Vgl. Hölzl, Julius Wohlauf, S. 175-177. 2625 Vgl. ebd., S. 179-181. 2626 Zur Person von Rolf-Joachim Buchs ganz allgemein vgl. BAB, SSO - Joachim Buchs. 2627 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 285, 12 Ks 1/67 7/67 S: Landgericht Wuppertal: Urteil, S. 6 f.; Stefan Klemp, „Daluege geht sehr energisch vor“. Das Massaker von Lidice, der Einsatz der O rd nungspolizei im „Protektorat Böhmen und Mähren“ und die Ermittlungen gegen die Täter, Münster 2011, S. 46. 2628 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 285, 12 Ks 1/67 7/67 S: Landgericht Wuppertal: Urteil, S. 7. 2629 Vgl. Lichtenstein, Helfer, S. 74-78; Okroy, Wuppertaler Bialystok-Prozeß, S. 301 f.; Noethen, Kame raden, S. 400 f. 487 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k radezu zynisch, dass ein führender „Polizeisoldat“ des NS-Regimes nun einer neuen Gene ration von Staatsdienern demokratische und rechtsstaatliche Werte vermitteln sollte.2630 Bald holte ihn jedoch seine Vergangenheit ein. Wegen des Massenmords in Bialystok er mittelten die zuständigen Strafverfolger unter anderem gegen Buchs, weshalb er seit März 1966 vorläufig vom Dienst suspendiert war. Gemeinsam mit letztlich elf weiteren Angehörigen des Polizeibataillons 309 saß er ab Oktober 1967 auf der Anklagebank, weil sie sich vor dem Landgericht Wuppertal wegen Mordes und Beihilfe zum Mord sowie schwerer Brandstiftung verantworten mussten.2631 Wie das Gericht feststellte, war Buchs dafür verantwortlich, dass seine 3. Kompanie die männlichen Juden aus ihren Häusern gejagt hatte, um sie zusammen zutreiben und systematisch zu ermorden, was er dann auch persönlich überwacht hatte. Da nach habe er zwar nicht selbst veranlasst, die jüdischen Opfer zu verbrennen. Doch als die se barbarische Maßnahme bereits angelaufen gewesen war, habe er seine Männer nicht nur gewähren, sondern auch die Synagoge umstellen lassen. Sie hätten dann jeden erschossen, der aus dem brennenden Gebäude zu fliehen versucht hatte. Dabei habe eine karrieristische Attitüde, so das Gericht, sein Handeln wesentlich stärker bestimmt als etwa Antisemitismus und Rassenhass, wobei er dazu bereit gewesen sei, auf seinem Weg nach oben buchstäblich über Leichen zu gehen.2632 „Er wog indes die Vernichtung der Juden gegen die Möglichkeit einer Gefährdung seines Ansehens und seiner Karriere ab und entschloss sich für die Karri ere und gegen die Juden“, wie es im Urteil heißt.2633 Da Buchs maßgeblich am Massenmord in Bialystok beteiligt gewesen war, verurteilte ihn das Gericht am 12. März 1968 zu einer lebenslangen Haftstrafe.2634 Während noch zwei wei tere Angeklagte das gleiche Strafmaß erhielten, gingen sechs der ehemaligen Kameraden straffrei aus, obwohl das Gericht sie der Beihilfe zum Mord schuldig befand. Drei der Mit beschuldigten wurden indes freigesprochen. Weil sich aber nachträglich herausstellte, dass ein Geschworener geistig unzurechnungsfähig war, kassierte der Bundesgerichtshof 1971 das Urteil gegen die zu lebenslanger Haft verurteilten Männer, ohne die übrigen Rechtssprüche anzutasten. Wegen des Verfahrensfehlers musste ein neuer Prozess stattfinden, der jedoch unter keinem guten Vorzeichen stand. Denn eine mittlerweile in Kraft getretene Strafrechtsnovelle sorgte dafür, dass viele NS-Täter von ihr profitierten und auch die polizeilichen Mör der von Bialystok jetzt nur noch als Gehilfen eingestuft wurden. Deshalb verurteilte das Ge richt Buchs und seinen mitangeklagten Weggefährten nun zu Bewährungsstrafen, die jedoch als schon verbüßt galten. Danach konnten also auch sie wieder ihre Freiheit genießen.2635 Andere ehemalige Schüler aus Fürstenfeldbruck mussten sich überhaupt nicht darum sor gen, ins Fadenkreuz von Justitia zu geraten. Stattdessen machten sie nahezu unbehelligt Kar riere in den Sicherheitsorganen der noch jungen Bundesrepublik, die sie als erfahrene Offi ziere gerne in die Gesellschaft wieder integrierte. Der am 29. Juli 1913 im saarländischen Holz geborene Paul Boullay aus dem 4. OAL etwa war während des Krieges als Nachrichtenfüh 2630 Vgl. Noethen, Kameraden, S. 401 f.; Lichtenstein, Helfer, S. 71. 2631 Vgl. Okroy, Wuppertaler Bialystok-Prozeß, S. 315-317. 2632 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 285, 12 Ks 1/67 7/67 S: Landgericht Wuppertal: Urteil, S. 62-65. 2633 Ebd., S. 63. 2634 Vgl. ebd., S. 4. 2635 Vgl. Okroy, Wuppertaler Bialystok-Prozeß, S. 302 und 317; Lichtenstein, Helfer, S. 88 f. und 93 f. Zum Prozess ferner: Michael Okroy, „Nach 26 Jahren nun Mammutprozess gegen Polizisten“. Die justitiel le Aufarbeitung von NS-Verbrechen der Ordnungspolizei am Beispiel der Wuppertaler Bialystok-Verfahren, in: Jan Erik Schulte (Hrsg.), Die SS, Himmler und die Wewelsburg, Schriftenreihe des Kreis museums Wewelsburg, Bd. 7, Paderborn 2009, S. 449-469. 488 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck rer tätig, wobei er im Kommandostab des Reichsführers-SS und beim Chef der Banden kampfverbände, Erich von dem Bach-Zelewski, diente.2636 Da er in dessen Stab arbeitete, be fand er sich in einer exponierten Position innerhalb eines Apparats, dessen Aufgabe es war, die SS- und Polizeieinheiten in ihrem Vernichtungsfeldzug gegen osteuropäische Partisanen zu koordinieren.2637 Obwohl der ehemalige Hauptmann der Schutzpolizei zugleich SS-Hauptsturmführer war, konnte er seine Karriere in der Bundesrepublik fortführen und stieg sogar zum General des BGS auf. Darüber empörte sich besonders der Bund der Antifaschisten, der innerhalb der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) angesiedelt war. „Wir hal ten das Verbleiben dieses ehemaligen SS-Würdenträgers an solch entscheidender Stelle für einen Skandal und fordern erneut seine Entfernung“, wie der Interessensverband in der Pres semeldung 1972 erklärte.2638 Über Boullays Vergangenheit klärte die Öffentlichkeit bereits das in der DDR im Jahre 1965 erschienene „Braunbuch“ auf, das generell über „Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundes republik und in Berlin (West)“ informieren wollte.2639 Nach Kriegsende habe er zunächst als „Referent im Bundesinnenministerium Abteilung V II“ gearbeitet, bevor er „verantwortlich für die Bewaffnung des Grenzschutzes und der Bereitschaftspolizei“ wurde.2640 Er war jedoch keineswegs der einzige unter den Brucker Alumni, welche die sozialistischen Auftlärer in ihrem propagandistischen Werk aufführten. Neben Boullay stellten sie über 30 weitere ehe malige und wieder aktive Polizisten bloß, ohne dabei freilich auf ihren Besuch in Fürsten feldbruck einzugehen. So erfuhr der Leser unter anderem, dass sein früherer Schulkamerad, Karl Starrock, mittlerweile in der baden-württembergischen Polizei untergekommen war.2641 Bevor er in der Bundesrepublik den Kommissariatsleiter der bayerischen Grenzpolizei ver trat, hatte Epimach Lachauer vom 21. OAL im III. Bataillon des Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 als stellvertretender Kompanieführer agiert.2642 Sein Lehrgangskollege, Hauptmann Anton Hertel, hatte während des Zweiten Weltkriegs im Galizischen SS-Freiwilligenregiment 7 gedient, bevor er als bundesdeutscher Hauptkommissar den Polizeiabschnitt in Wolfs burg führte.2643 Ebenfalls in Niedersachsen konnte der ehemalige Polizeimajor Friedrich Wit tenmayer vom 6. OAL eine leitende Position ausüben und war nun für den Polizeiabschnitt im Landkreis Burgdorf verantwortlich, obwohl er sich ab April 1942 in der Waffen-SS befun den hatte.2644 Ihre Karrieren scheinen unter der NS-Vergangenheit keineswegs gelitten zu ha ben. Damit befanden sie sich in guter Gesellschaft. Der am 25. März 1912 in Kaiserslautern geborene Julius Wannemacher absolvierte den 7. OAL erfolgreich. Ab September 1939 leitete der damalige Leutnant den 1. Zug innerhalb 2636 Zu den folgenden Ausführungen über Paul Boullay sofern nicht anders angegeben vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 141 - Paul Boullay; BAB, SSO - Paul Boullay; NARA, IRR - RG 319, A1 134- B, 97 - Paul Boullay. 2637 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 141 - Paul Boullay, RFSSuChdDtPol - Chef des Stabes an Schlake, 07.12.1944. Ferner zum „Chef der Bandenkampfverbände“ u. a.: Wette, Krieg, S. 33; Rich ter, Herrenmensch, S. 58. 2638 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 141 - Paul Boullay, Pressedienst VVN - Bund der An tifaschisten: NS-Prozesse Januar 1972, Bl. 22. 2639 Podewin, Braunbuch, S. III. Das war auch der Untertitel des „Braunbuchs“. Vgl. Klemp, Polizeibatail lone, S. 457-460. 2640 Podewin, Braunbuch, S. 370. 2641 Vgl. ebd., S. 376. 2642 Vgl. ebd., S. 373. 2643 Vgl. ebd., S. 372. 2644 Vgl. ebd., S. 377. 489 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k der 1. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 61 aus Dortmund und führte später als Haupt mann dessen 2. Kompanie.2645 In den Jahren 1939 und 1940 beteiligte sich das Bataillon be reits an der deutschen Terrorherrschaft in Polen, indem es aus dem Warthegau etwa 77.500 Polen und Juden ins Generalgouvernement deportierte, wobei es auch zu Exekutionen kam. Nachdem sie sich ab Juni 1940 wieder in Deutschland aufgehalten hatte, bewachte die Ein heit von Januar bis Oktober 1942 das Warschauer Ghetto. Dabei führten Angehörige seiner Kompanien zahlreiche Massenerschießungen durch. Die 1. Kompanie unterhielt dort sogar eine eigene Bar, in der ihre Polizisten mit reichlich Alkohol feierten und eine eigene Strich liste führten, wie viele Juden sie erschossen hatten. Obwohl es verboten war, gingen einige von ihnen nach solchen Saufgelagen manchmal ins Ghetto, wo sie ein Wettschießen auf des sen Bewohner veranstalteten. Ab Oktober 1942 war das Polizeibataillon 61 in den nördlichen russischen Gebieten zur „Partisanenbekämpfung“ eingesetzt. Nach dem Krieg gab es zwar insgesamt vier Verfahren gegen Angehörige dieser Einheit. Trotz der ungeheuren Verbre chen wurde jedoch nicht einer von ihnen verurteilt.2646 Wannemacher machte da keine Aus nahme, wenngleich er dafür verantwortlich war, dass seine 2. Kompanie sowohl in Posen als auch in Warschau Exekutionen durchgeführt hatte. Im Nachkriegsdeutschland setzte er sei ne Karriere einfach fort und arbeitete als Polizeiinspektor in München.2647 Zuvor hatte ihn die Münchner Spruchkammer im September 1947 lediglich als Mitläufer eingestuft, weil er zwar weder in der Partei noch in der SS, aber zwischen 1933 und 1937 ein Mitglied im NSKK gewesen war.2648 Wie so vielen gelang es auch ihm, daher wieder rasch in den Staatsdienst zurückzukehren, als sei nichts geschehen. Ebenfalls zu den Absolventen des 7. OAL zählte der spätere Hauptmann Hans Gaier, der am 10. Februar 1902 in Mannheim geboren wurde. Seit dem 4. Juli 1940 leitete er die Schutz polizei in Kielce im Distrikt Radom, die unter anderem die jüdische Bevölkerung zu über wachen hatte. Dieser Aufgabe widmete sie sich noch intensiver, nachdem am 5. April 1941 in der polnischen Stadt ein Ghetto eingerichtet worden war. In seiner exponierten Position war Gaier nicht nur dafür verantwortlich, dass die ihm untergebenen Polizisten Juden malträ tierten. Er selbst misshandelte Menschen, indem er beispielsweise häufiger älteren Männern brutal ihre Bärte bis aufs Fleisch herausriss. Der Polizeioffizier amüsierte sich zusammen mit anderen Staatsdienern darüber, dass zwei jüdische Mädchen im Alter von zehn und 14 Jah ren zunächst auf dem Revier zum Sex mit den Polizeihunden genötigt und danach erschos sen wurden. Ab dem 9. Juni 1941 leitete er die Polizeidirektion in Kielce kommissarisch. Sei ne M änner hielt er dazu an, Juden zu erschießen, die aus dem ihnen aufgezwungenen Wohnviertel zu fliehen versuchten. Er selbst ermordete auch im Beisein seiner Freundin ei nige dessen Bewohner, worunter sogar Kinder waren. Als die Besatzer das Ghetto im August 1942 im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ auflösten und den deportierten Juden dabei ihr Ei gentum raubten, verprügelte Gaier einen Sonderdienstmann. Dieser hatte sich geweigert, ihm dabei behilflich zu sein, polnische Jugendliche zu verjagen, die sich am deutschen Die besgut zu schaffen machen wollten. Der anschließende Prozess vor dem SS- und Polizeige richt in Krakau wurde eingestellt, weil sich Himmler persönlich für den Hauptmann einge setzt hatte. Ab Herbst 1944 kommandierte Gaier ein Polizeibataillon und galt seit 2645 Vgl. Klemp, Freispruch, S. 25. 2646 Vgl. Ders., Polizeibataillone, S. 137-142. Zum Polizeibataillon 61 und seinen Verbrechen ferner: Ders., Freispruch, S. 31-70; Curilla, Judenmord, S. 566-585. 2647 Vgl. Klemp, Freispruch, S. 25. 2648 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 1906 - Julius Wannemacher, Abschrift: Grassl (Spruchkammer München IV): Sühnebescheid, 11.09.1947. 4 9 0 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Kriegsende als vermisst, weshalb ihn das Mannheimer Amtsgericht am 16. Dezember 1954 für tot erklärte.2649 Inwieweit sich Netzwerke bereits in den Offiziersanwärterlehrgängen bildeten, lässt sich nur im Einzelfall rekonstruieren. Dass es sie gab, steht jedoch außer Zweifel. Das belegt bei spielsweise der 7. OAL, dessen Teilnehmer auch noch lange nach Kriegsende in Kontakt blie ben und sogar zu regelmäßigen Treffen zusammenkamen. Erstmals trafen sich die Ehema ligen im Jahre 1956 in Frankfurt am Main. Danach kam es zu 27 weiteren dieser Zusammenkünfte, die in ganz Westdeutschland stattfanden. In den Jahren 1968 und 1977 be herbergte sogar die Polizeischule Fürstenfeldbruck ihre einstigen Schüler für solche Wieder sehensfeiern. Bei diesen Gelegenheiten brachten die früheren Polizeioffiziere ihre Familien mit. Aber auch einige Lehrkräfte von damals gesellten sich mehrfach zu ihnen.2650 Anfang Juli 1988 feierte der Lehrgang im Hotel-Restaurant Kloster Arnsburg „Alte Klos termühle“ dann sogar sein 50. Jubiläum, bei dem Hans Karl Bruder als Lehrgangssprecher auftrat. Anlässlich dieses Ereignisses ließ er in einer Rede den gemeinsamen Kurs Revue pas sieren. Zunächst gedachte er der Toten, insbesondere Fritz Fischer, der am 1. Mai 1988 ver storben sei.2651 Sodann wies Bruder darauf hin, dass von den 34 Anwärtern rund vier Fünf tel bereits aktive Polizisten oder SA-Feldjäger gewesen seien, während sich der Rest aus Studenten und Abiturienten zusammengesetzt habe.2652 Er schwelgte in Erinnerungen, in dem er etwa erzählte, wie die Truppe jenen Kameraden Streiche gespielt habe, die erst etwas später zum Lehrgang gekommen seien.2653 Die Reitausbildung ließ, seiner Ansicht nach, sehr zu wünschen übrig, da das Münchner Polizeipräsidium seine Pferde nicht an die Brucker Schüler ausleihen wollte. Besonders im Gedächtnis blieb dem Lehrgangssprecher auch ein Skikurs in Oberjoch, dem der Chef der Ordnungspolizei, Kurt Daluege, einen Besuch abge stattet habe.2654 Ebenso erinnerte Bruder daran, dass sich während des Lehrgangs einige weitere Begeben heiten ereignet hätten, die für das gesamte Deutsche Reich immens wichtig waren. Dazu zählte er etwa den Einmarsch in Österreich, einen Staatsbesuch von Benito Mussolini oder die Einweihung des Hauses der Deutschen Kunst in München. Zumindest bei den letzten beiden Anlässen war auch der Kurs zugegen. Nach dessen Ende hätten die Polizeioffiziere, laut Bruder, in ihren jeweiligen Dienststellen eine schöne Zeit verlebt, bis der Zweite Welt krieg ausbrach.2655 Auch über diese Phase des „Dritten Reichs“ schwieg er sich nicht aus, wenngleich er nichts über das konkrete Kriegsgeschehen aussagte. „Fast ausnahmslos fanden wir im Kriegseinsatz Verwendung“, wie Bruder erklärte.2656 Da bei verheimlichte er auch nicht, dass einige Lehrgangsteilnehmer ausgezeichnet worden sei en. So habe etwa Karl Liecke das Ritterkreuz und Thilo Beck das Deutsche Kreuz in Gold er halten. A ber auch zahlreiche Träger des Eisernen Kreuzes (EK) I. Klasse, des Verwundetenabzeichens und des KV K mit Schwertern zählten zu den Ehemaligen des 7. OAL. 2649 Vgl. Jacek Andrzej Mlynarczyk, Hans Gaier - ein Polizeihauptmann im Generalgouvernement, in: Mallmann, Karrieren, S. 86-94, hier: S. 86-91. 2650 Vgl. im Folgenden BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Bruder (Ansbach): 50-jähriges Polizei- Offiziers-Jubiläum des 7. Pol.OAL 1937/38, Juni 1988, hier: S. 1 und 6 f. 2651 Vgl. ebd., S. 1. 2652 Vgl. ebd., S. 2. 2653 Vgl. ebd., S. 2 f. 2654 Vgl. ebd., S. 3. 2655 Vgl. ebd., S. 4. 2656 Ebd., S. 5. 491 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Der Kontakt unter den Polizeioffizieren sei während des Krieges jedoch auseinandergebro chen. Nur zufällig hätten sich einige wenige in dieser Zeit getroffen. Bloß zwei seiner Kolle gen habe Bruder an der Ostfront oder in den Westgebieten angetroffen. Seinem Kameraden Fritz Rehder etwa sei er „im Partisaneneinsatz“ begegnet.2657 Gerade vor diesem Hintergrund gibt eine weitere Passage in der Rede des Brucker Absolventen zu denken: „Ein sehr bitterer Wermutstropfen war für uns junge Polizeioffiziere der Beginn der massiven Judenverfolgung; über Beschränkungen und Sondergesetze führte der Weg zum ersten Pogrom (9./10.11.38, Kristallnacht). Ab 1941 mußten die Juden den Juden stern öffentlich tragen und ab 1942 begannen die Deportationen. Für das deutsche Volk eine große seelische Belastung und glücklich die, die mit der Lösung der Judenfrage damals nicht unmittelbar konfrontiert wurden. Aber auch die se Zeit fällt in ,unsere 50 Jahre Polizeioffiziere’.“2658 Es überrascht schon sehr, dass er anlässlich des Ehemaligentreffens überhaupt an die Verfol gung der Juden erinnerte, wenngleich er die Massenmorde nicht explizit erwähnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und „einem mörderischen Kampf, den unsere Frauen in der Heimat erdulden mußten“, seien viele der ehemaligen Polizeischüler, laut Bruder, in Kriegs gefangenschaft geraten, aus der sie teilweise erst 1950 wieder entlassen worden seien.2659 Ein Fünftel der Lehrgangsteilnehmer sei jedoch schon im Krieg gefallen. Genau die Hälfte der Offiziere des 7. OAL sei wieder in der Polizei oder im Öffentlichen Dienst untergekommen. Andere hätten sich in der freien Wirtschaft erst wieder eine Existenz auffiauen müssen und dann durchaus Karriere machen können, wie das Beispiel von Erwin Winnes zeige. Der ehe malige Ordnungshüter habe in der Bundesrepublik sein Jurastudium beendet, das er bereits vor dem gemeinsamen Kurs begonnen hatte, und sich „eine blühende Anwaltskanzlei“ in Baden-Württemberg aufgebaut.2660 So erfolgreich es den einstigen Oberbeamten des NS-Polizeistaats auch gelang, sich wieder in das öffentliche Leben zu integrieren, habe sich nicht jeder Absolvent des 7. OAL dafür interessiert, seine alten Kameraden wiederzusehen. Denn ein paar von ihnen hätten die Veranstaltungen nur einmal oder gleich gar nicht besucht, da sie, so Bruder, ihre „Jugenderlebnisse nicht mehr wahr haben“ wollten.2661 Am Ende seiner Rede gab Bruder seinen Rücktritt vom Amt des Sprechers bekannt und betonte zudem vol ler Stolz, er „trete in Reih’ und Glied als überzeugter 7. PolOALer zurück“.2662 Diese Episode veranschaulicht nicht nur, dass zahlreiche Lehrgangsteilnehmer nach 1945 wieder in den Staatsdienst gelangten und ihre Karriere offenbar ungehindert fortführen konn ten. Vielmehr zeigt sie auch, dass die ehemaligen Schüler aus Fürstenfeldbruck selbst nach ihrem Kurs über viele Jahre hinweg in Kontakt blieben. Zwar scheint es, als wollten Einzel ne mit ihrer Vergangenheit abschließen, weshalb sie sich von ihren Weggefährten von einst abwendeten. Ob das an der kryptisch umschriebenen „seelischen Belastung“ lag, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die Mehrheit hingegen pflegte weiterhin ihre Kameradschaft und ro mantisierte dabei ihren Kurs. Der Krieg wirkte dabei geradezu so, als handle es sich bei ihm lediglich um eine bedauerliche Etappe ihrer Lebenswege, die der in Fürstenfeldbruck gebil- 2657 Ebd., S. 5. 2658 Ebd., S. 5. 2659 Ebd., S. 5. Vgl. ferner ebd., S. 5 f. 2660 Ebd., S. 6. 2661 Ebd., S. 7. 2662 Ebd., S. 7. 492 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck deten Gemeinschaft kaum etwas anhaben konnte. Als so stark sollte sich also offenbar das „Brucker Netzwerk“ erweisen. Wie lassen sich diese Befunde zusammenfassen? Die meisten Schüler der untersuchten Of fiziersanwärterlehrgänge gehörten der „Kriegsjugendgeneration“ an und waren insgesamt durchschnittlich 30 Jahre alt, als sie zu ihrem Kurs kamen. Sowohl nach ihrem Geburts- als auch ihrem Dienstort stammten sie mehrheitlich aus Süddeutschland, waren meist verhei ratet und hatten großteils mindestens ein Kind. Obwohl die meisten von Kindesbeinen an konfessionell geprägt waren, trat etwa die Hälfte von ihnen während des „Dritten Reichs“ wohl aus opportunistischen Gründen aus der Kirche aus. Nachdem ein Großteil der späte ren Offiziersanwärter in einem Elternhaus aus der unteren Mittelschicht aufgewachsen war, erlebten sie vor allem in der Weimarer Republik einen sozialen Abstieg, den sie wahrschein lich im Polizeidienst kompensieren wollten. Besonders die jüngeren Jahrgänge verfügten über ein Abitur, wobei die älteren Kollegen oftmals schon von der Volksschule abgegangen waren. Darum gehörten die späteren Polizeiführer nicht gerade zu einer intellektuellen Eli te. Dennoch gelang es den meisten aller Absolventen, zu Hauptleuten oder sogar zu Majo ren aufzusteigen, was ein erhebliches Prestige und einen großen Einfluss im Polizeiapparat mit sich brachte. Viele scheinen dies jedoch Himmlers Personalpolitik zu verdanken zu ha ben, da sie überwiegend während der NS-Herrschaft in die Partei oder in sonstige NS-Organisationen eingetreten waren. Offensichtlich war ihnen bewusst, dass mehr oder minder enge Kontakte zur NSDAP und ihren Gliederungen auf dem Weg nach oben keineswegs schaden konnten. Außerdem scheinen einige dem Regime auch aus ideologischen Gründen ziemlich nahegestanden zu haben. Weltanschauliche und karrieristische Motive bedingten sich dabei wahrscheinlich wechselseitig. Daher war es nur konsequent, dass viele von ihnen bereits vor und gerade nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in den „auswärtigen Einsatz“ ge langten und zumindest Einzelne dort auch an den Verbrechen des NS-Staats maßgeblich be teiligt waren. Dabei lässt sich jedoch nicht genau ermitteln, auf wie viele ehemalige Brucker Schüler das insgesamt zutriffi. 7.2 Die Mörder von der ersten Bank - Polizeischüler aus anderen Lehrgängen Es ist unmöglich, genau zu sagen, wie viele der insgesamt 1.693 Absolventen aller Brucker Offiziersanwärterlehrgänge in den besetzten Gebieten eingesetzt waren, bevor oder nach dem sie ihren Kurs absolvierten. Erst recht gilt das, wenn in die Analyse auch noch die 768 Männer einbezogen werden, von denen bekannt ist, dass sie einen Kurs für Reserve- oder Revieroffiziere oder aber einen Offiziersausbildungslehrgang an der oberbayerischen Poli zeischule meisterten. Zu viele Unterlagen vernichtete der Polizeiapparat noch vor Kriegsen de.2663 Die Anzahl dürfte jedoch immens hoch gewesen sein. Das lässt zumindest ein Erlass des Chefs der Ordnungspolizei, Alfred Wünnenberg, aus dem Frühjahr 1944 vermuten, der darin an einen Befehl Himmlers vom 20. Oktober 1943 erinnerte. In diesem hatte der Reichsführer-SS angeordnet, dass im Jahre 1944 sämtliche aktiven Polizeiführer und Reserveoffi ziere, die jünger als 44 Jahre waren, ein halbes Jahr im Kriegseinsatz oder ein ganzes Jahr in einem gefährdeten Luftschutzort zubringen mussten, sofern sie das noch nicht getan hatten. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine Mehrheit der Polizeioffiziere entweder an der Front oder im „Bandenkampf“ eingesetzt war oder aber in Städten an der „Heimatfront“ diente, 2663 Vgl. z. B. Huck, Ausweichstellen, S. 142 und 144. 4 93 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k die ständig damit zu rechnen hatten, von den Alliierten bombardiert zu werden. Außerdem war es ihrem obersten Chef noch wichtig, dass sie dabei eine Tapferkeits-, Kampf- oder Ver wundetenauszeichnung verliehen bekamen. Indirekt verlangte er damit also, dass sich die Oberbeamten zu bemühen hatten, in diesen Einsatzbereichen durch ein besonders großes Engagement hervorzustechen.2664 Insgesamt scheint die Anzahl aller Polizeiführer der Ord nungspolizei, die sich im Laufe der Zeit im „auswärtigen Einsatz“ befanden, riesig gewesen zu sein. So zeigt z. B. ein Blick auf die Düsseldorfer Schutzpolizei, dass über 90 % ihrer Of fiziere in den letzten Monaten des Krieges von ihrem Heimatstandort abgeordnet waren.2665 Wenngleich es sich relativ schwierig gestaltet, für die Brucker Schüler konkret nachzuzeich nen, wer von ihnen während des Zweiten Weltkriegs in einer Polizeieinheit oder einer ande ren Formation diente, geben die Quellen darüber dennoch einige Hinweise. Zu solchen zäh len beispielsweise Beurteilungsnotizen, in denen die Einheitsführer regelmäßig festhalten mussten, wie sich die Untergebenen unter ihrer Obhut betrugen. Dabei konnten sie auch ge eignete Kandidaten für eine Beförderung vorschlagen. Am 3. Mai 1944 wurde so Herbert Karwetzki von seinem Vorgesetzten empfohlen, zum Oberleutnant der Reserve ernannt zu werden. Nachdem er am 17. Reserve-OAL teilgenommen hatte, war er seit dem 12. Februar 1943 als Ordonanz- und Gerichtsoffizier im II. Bataillon des SS-Polizeiregiments 23 einge setzt, mit dem er sich seinerzeit in Krakau befand.2666 Auch Leutnant der Reserve Wilhelm Isensee sollte in den nächsthöheren Rang befördert werden, während er als Adjutant des KdO in Litauen tätig war. In diese Position war er am 5. Juni 1943 knapp ein Jahr nach Ende des 15. Reserve-OAL gelangt, der vom 14. April bis 18. Juli 1942 stattgefunden hatte.2667 Im Frühjahr desselben Jahres hatte Ferdinand Koller zuvor den 12. Reserve-OAL besucht, um daraufain in der Feldgendarmerie zunächst als Zug- und später als Kompanieführer einge setzt zu werden. Ab 28. September 1943 führte er sogar den Feldgendarmerie-Trupp 252, wie aus einer turnusmäßig angelegten Beurteilung hervorgeht.2668 Schon der 21. OAL zeigte überdies, dass sich zahlreiche seiner Teilnehmer im Kriegseins atz befunden hatten, noch ehe ihr Kurs überhaupt begann.2669 Himmler war während des Krieges daran gelegen, möglichst erfahrene „Praktiker“ zu Oberbeamten ausbilden zu las sen. Sie wussten also bereits oder ahnten zumindest, welche Aufgaben auf sie zukämen, so bald sie ins Offizierskorps aufgenommen waren. Daran änderte sich im Laufe des Zweiten Weltkriegs wenig. Das führte dazu, dass die Heimatstandorte nun seltener geeignet erschei nende Beamte nach Berlin meldeten, um sie als potentielle Offiziersanwärter vorzuschlagen, wie das in der Vorkriegszeit eben die jeweiligen Kommandos der Schutzpolizei getan hat ten.2670 Da während des Kriegs immer mehr Wachtmeister in die besetzten Gebiete gelang ten, überrascht es nicht, dass mittlerweile vielmehr die mobilen Einheiten oder lokalen Dienst stellen der Polizei aussichtsreiche Kandidaten vorschlugen, damit sie bald den so dringend benötigten Offiziersersatz bilden konnten. Zum 39. OAL kam der Hauptwachtmeister Emil Menzel, nachdem ihn sein Führer von der 3. Kompanie des Polizei-Wachbataillons Dresden 2664 Vgl. BAB, R 19/69, m. d. F. b. Wünnenberg (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die HSSPF: Kampfein satz der Offiziere der Ordnungspolizei, 11.03.1944, Bl. 32. 2665 Vgl. Dams, Truppe, S. 247. 2666 Vgl. BAB, R 19/19, von Rosenberg (II./SS-Polizeiregiment 23): Beurteilungsnotiz, 03.05.1944, Bl. 25. 2667 Vgl. BAB, R 19/18, [unleserlich] (KdO Litauen): Beurteilungsnotiz, Februar 1944, Bl. 87. 2668 Vgl. BAB, R 19/19, [unleserlich] (252. Infanterie-Division): Beurteilung zum 1. April 1944, 20.03.1944, Bl. 135. 2669 Siehe dazu Kapitel 7.1. 2670 Siehe dazu Kapitel 4.3. 4 9 4 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck gemeldet hatte, während es sich in Reichenberg im Sudetengau befand.2671 A uf Vorschlag sei nes Vorgesetzten besuchte den gleichen Kurs auch Walter Simmank, der zuvor als Gruppenund Zugführer eines Schützenzuges eingesetzt war, der zur 7. Kompanie des SS-Polizeiregiments 26 gehörte.2672 Zu ihnen sollte auch Herbert Köpping stoßen, der seit 1. Mai 1943 in der 1. Kompanie des SS-Polizeiregiments 20 als Zugführer agierte, nachdem er jahrelang zunächst als Zugführer und während des Krieges in verschiedenen anderen Einheiten eingesetzt ge wesen war.2673 An bestimmten Gedenk- und Festtagen des NS-Regimes erhoben Himmler oder der Chef der Ordnungspolizei recht gerne ihre Polizeioffiziere in einen höheren Dienstgrad.2674 Ein solches Datum war etwa der 9. November, an dem sie jährlich die Toten des Hitler-Putsches würdigen wollten, der 1923 stattgefunden hatte. Aus diesem Anlass beförderte Wünnenberg auch 1944 zahlreiche Oberbeamte, wie ein entsprechender Schnellbrief zeigt.2675 Allein zehn von ihnen hatten in Fürstenfeldbruck vom 16. April 1939 bis 30. März 1940 den 12. OAL be sucht. Sie wurden am 9. November 1944 zu Hauptleuten der Schutzpolizei und SS-Hauptsturmführern ernannt. Zu den Beförderten zählte etwa Hans-Günther Primke, der seiner zeit im SS-Polizeiregiment 2 eingesetzt war, während Heinrich Seimann beim BdO in Krakau und Willi Greggers beim BdO in Kroatien diente. In dem Balkanland befand sich auch Erich Wendt, der aber im I. Bataillon des Polizei-Freiwilligen-Regiments 2 weilte, während Paul Mankowski in der Slowenischen Landeswehr eine führende Position innehatte. Dagegen war Hubert Hartmaier von der Polizeiverwaltung Berlin zum 19. Kompanieführerlehrgang abge ordnet, der an der Polizei-Waffenschule I in Dresden-Hellerau stattfand. Sein Kollege, Paul Lehmann, lehrte indes an der Polizeischule Fürstenfeldbruck.2676 Den gleichen Rang erhielt eine Reihe von Männern am 21. Dezember 1944, um ihnen da mit das Julfest zu verschönern. Sie hatten vom 1. September bis 20. Dezember 1941 am 22. OAL teilgenommen und dienten derzeit in sehr unterschiedlichen Einheiten. Kurt Fritzsche etwa befand sich im SS-Polizeibataillon „Niederlande“, Kurt Abraham hingegen im III. Bataillon des SS-Polizeiregiments 20, Otto Nachtigal im SS-Polizeiregiment 4, Rudolf Hilke im III. Ba taillon des SS-Polizeiregiments 17 und Friedrich van de Berg in der Polizei-Geschützbatte rie des SS-Polizeiregiments 6. Aber die Liste war noch deutlich länger und führte z. B. Fried rich Weickgenannt auf, der im III. Bataillon des SS-Polizeiregiments 10 tätig war, während Herbert Blum im I. Bataillon des Polizei-Freiwilligen-Regiments 1 in Serbien eine leitende Funktion ausübte. Seinen ehemaligen Schulkameraden, Johannes Quehl, verschlug es ins SS- Polizeiregiment „Brixen“, wobei Georg Huber in der Polizeireiter-Ersatzabteilung Posen von nun an als Hauptmann wirkte.2677 2671 Vgl. BAB, R 19/31, [Unterschrift] (Kommando der Schutzpolizei in Reichenberg): Vorschlag zur Teil nahme des Hauptwachtmeisters d.Sch. Emil Menzel an einem Offizier-Lehrgang, 24.05.1943, Bl. 17. 2672 Vgl. BAB, R 19/31, [Unterschrift] (Polizeipräsident in Dresden): Vorschlag zur Offizier-Laufoahn für Zugw.d.SchP. Walter Simmank, 13.08.1943, Bl. 56 f. 2673 Vgl. BAB, R 19/31, Heimatstandort Chemnitz: Vorschlag des Hauptwachtmeisters d.Sch. Herbert Köp ping, zur Teilnahme an einem Vorbereitungslehrgang für Offizier-Anwärter, [Mai 1943], Bl. 73. 2674 Zu solchen Anlässen zählte etwa Hitlers Geburtstag, an dem schon 1933 die ersten Polizisten beför dert wurden. Vgl. Schmidt, Prügelknaben, S. 253; Ders., Polizisten, S. 385. 2675 Vgl. BAB, R 19/8, Beglaubigte Abschrift von Schnellbrief: m. d. F. b. Winnenburg (Chef der O rdnungs polizei) an u. a. alle HSSPF, 09.11.1944, Bl. 73-79. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei „Winnen burg“ um einen Tippfehler im Dokument, da es Wünnenberg sein müsste. 2676 Vgl. ebd., Bl. 74 f. 2677 Vgl. BAB, R 19/8, Beglaubigte Abschrift von Schnellbrief: m. d. F. b. Wünnenberg (Chef der O rdnungs polizei) an u. a. alle HSSPF, 21.12.1944, Bl. 98 f. 4 95 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Aus diesen und noch zahlreichen weiteren Dokumenten ließen sich noch viele andere Füh rungsbeamte der Ordnungspolizei auflisten, die dank der Polizeischule Fürstenfeldbruck überhaupt erst in den Offiziersstand erhoben werden konnten. Allerdings sollen die aufge zählten Männer genügen, um zu verdeutlichen, dass der „auswärtige Einsatz“ für sie weni ger ein Ausnahmezustand als vielmehr der Normalfall war. So konnte es auch nicht anders erwartet werden. Himmler und seine Paladine stellten mit ihren Erlassen sicher, dass sich ihre führenden „Polizeisoldaten“ garantiert im Einsatz „bewährten“.2678 Allerdings sei auch noch erwähnt, dass keineswegs alle Offiziere in paramilitärischen Einheiten dienten. Nach dem der 12. Reserve-OAL nach dreimonatiger Dauer am 1. April 1942 zu Ende gegangen war, arbeitete Josef Hinterneder seither an diversen innerdeutschen Standorten als Luftschutzof fizier.2679 Wenngleich er nur ein Reserve- und nicht ein aktiver Berufsoffizier war, beweist sein Fall erneut, dass es nicht den Polizeiführer gab und zu pauschale Aussagen den durch aus unterschiedlichen Werdegängen dieser Männer nicht gerecht würden. In diesem Sinne konnte das vorangegangene Kapitel bereits zeigen, dass nicht alle Absol venten der Polizeischule Fürstenfeldbruck längerfristig in der Ordnungspolizei wirkten. Noch bevor er den 31. OAL besuchte, war der in Godesberg geborene Valentin Göbel bereits am 15. Dezember 1939 in die Feldgendarmerie gelangt. Auch nach seinem Kurs blieb er in dieser Militärpolizei, bis der Oberleutnant in russische Kriegsgefangenschaft geriet, in der er am 18. Mai 1950 starb. Der gelernte Möbelschreiner war schon im Juli 1930 in die SA und im De zember 1931 in die NSDAP eingetreten, was es ihm erleichtert hatte, überhaupt in den regu lären Gendarmeriedienst einzutreten. Denn in diesen war er erst gelangt, nachdem er vom 1. Februar 1934 bis 31. März 1936 im SA-Feldjägerkorps gedient hatte.2680 Auch der spätere Hauptmann Edmund Berke begann seine Karriere in der Ordnungspo lizei, nachdem er jahrelang in NS-Parteiorganisationen tätig gewesen war.2681 Nachdem er im April 1932 im oberschlesischen Leobschütz sein Abitur gemacht und von Mai 1933 bis August 1934 dem RAD von Oppeln angehört hatte, diente er anschließend bis Ende März 1938 in der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Am 20. April 1938 stellte ihn die Polizei Bochum als Leutnant ein, um den Beamten nur wenige Tage später zu einem Kurs nach Fürstenfeldbruck zu schi cken, den er jedoch abbrach. Weniger als ein Jahr später nahm Berke jedoch am 3. Offizier sausbildungslehrgang teil, den er an der Brucker „Kaderschmiede“ im Sommer 1939 erfolg reich meisterte. Dass gerade in der zweiten Kriegshälfte immer häufiger erfahrene „Praktiker“ nach Fürs tenfeldbruck gelangten, schlug sich auch in ihren Personalakten nieder. Martin Schönrath etwa war seit dem 12. April 1942 „zur Bandenbekämpfung eingesetzt“, noch ehe der damali ge Zugführer des Schutzmannschaftsbataillons 202 zum 38. OAL kam.2682 Bevor er ab dem 18. November 1941 am 8. Revier-OAL teilnahm, hatte Joseph Klüber vom 19. September 1940 bis 3. April 1941 als Fach- und Schießlehrer in der 2. Kompanie des Polizeibataillons 301 ge 2678 Siehe dazu auch Kapitel 4.3. 2679 Vgl. BAB, R 19/18, [unleserlich] (Regierung Koblenz): Beurteilungsnotiz, 03.11.1943, Bl. 7 f. 2680 Zu den folgenden Ausführungen über Valentin Göbel sofern nicht anders angegeben vgl. ISG Frank furt, 22/75, 111.609-611 - Valentin Göbel. 2681 Zu den folgenden Ausführungen über Edmund Berke sofern nicht anders angegeben vgl. LAW - STAM, PA, 22/6 - Edmund Berke. 2682 LAW - STAM, PP, 300, Polizeipräsident in Bochum an Regierungspräsident in Arnsberg: Offiziernach wuchs, 25.06.1943. Dass es sich um das Schutzmannschaftsbataillon 202 handelte, konnte über die Feldpostnummer ermittelt werden. Vgl. N orbert Kannapin, Die deutsche Feldpostübersicht 1939 1945. Vollständiges Verzeichnis der Feldpostnummern in numerischer Folge und deren Aufschlüsse lung, Bd. 3: Nrn. 41992 bis 87919, Osnabrück 1982, S. 99. 4 9 6 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck dient, das seinerzeit in Ostrow Mazowiecka im Generalgouvernement stationiert war.2683 Als Zugführer in der 3. Kompanie wirkte hingegen Walter Herrmann. Er war mit seinem Kame raden zwar zeitgleich zum „auswärtigen Einsatz“ ausgezogen, kehrte jedoch erst am 1. Juli 1941 wieder nach Hause zurück, um mit ihm dann gemeinsam den Kursus in Fürstenfeld bruck zu besuchen.2684 Mit Edmund Berke leitete sogar ein ehemaliger Brucker Schüler die 4. Kompanie des Bataillons, bis er wie Klüber schon im April 1941 zu seinem Heimatstandort zurückkam. Die drei Beamten gehörten somit einer Einheit an, die im November 1940 in Warschau einrückte und dort ihr Quartier bezog. In der Folgezeit beteiligte sich das Poli zeibataillon 301 unter anderem daran, das hiesige Ghetto zu bewachen und polnische Zivi listen in Massenerschießungen umzubringen.2685 Unklar ist indes, ob die genannten Polizis ten in diese Verbrechen involviert waren. Nüchtern betrachtet stellte der Einsatz in diesem paramilitärischen Verband allerdings nur eine Station ihres beruflichen Werdegangs dar, da ihre Karrieren nahtlos weitergingen. Klüber arbeitete nach seiner Rückkehr in der Dortmunder Polizei, in der er auch nach Kriegsende tätig war.2686 Ähnlich war es auch bei Herrmann, der nach dem 8. Revier-OAL jedoch nicht nur an der „Heimatfront“, sondern vom 16. Februar 1943 bis zum 1. Mai 1945 beim KdO in Minsk diente. In dieser Zeit fungierte er als Kompanieführer und befand sich zumindest zeit weise im Schutzmannschaftsbataillon 118. Während er nach Weißrussland abgeordnet war, tat er sich dadurch hervor, dass er an verschiedenen osteuropäischen Schauplätzen gegen Partisanen kämpfte, wofür er sogar das Bandenkampfabzeichen in Silber erhielt. Anfang De zember 1951 stellte die Polizei in Dortmund auch ihn wieder ein, wobei er dort jedoch als Po lizeiwachtmeister neu anfangen musste.2687 Genauso erging es auch Berke, als er Anfang März 1952 ebenfalls in die gleiche Behörde gelangte. Zuvor war er bis Kriegsende in Bochum tätig gewesen, bis ihn der Oberbürgermeister der Ruhrstadt am 11. Juli 1945 entließ, während er sich vom 18. Mai 1945 bis 21. Februar 1948 in einem britischen Internierungslager befand. A n schließend schlug er sich zunächst in der Privatwirtschaft durch, bis ihn schließlich Anfang März 1952 die Polizei in Dortmund erneut einstellte, die ihn aber zum Polizeiwachtmeister zurückstufte. Der ehemalige Hauptmann arbeitete sich in seinem deutlich niedrigeren Dienst grad rasch wieder nach oben und bekleidete bald darauf im Oktober 1962 den Rang eines Kommissars.2688 Nicht jedem gelang es jedoch, nach Kriegsende wieder in den Polizeidienst eingestellt zu werden. Der am 18. Juni 1909 in Berlin geborene Walter Birkhan etwa bewarb sich nach 1945 erfolglos bei seinem alten Dienstherrn.2689 Die Frankfurter Polizei nahm den ehemaligen 2683 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 173 - Joseph Klüber, Personalbogen, S. 3 sowie LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 173 - Joseph Klüber, Polizeibataillon 301-2. Kompanie: Beurteilung, 30.11.1940 2684 Vgl. dazu die Unterlagen zu Walter Herrmann in LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 280, Poli zeibataillon 301 - Walter Herrmann. 2685 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 242 und 508; Curilla, Judenmord, S. 673. 2686 Vgl. LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 173 - Joseph Klüber, Personalbogen, S. 3; LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 173 - Joseph Klüber, Abschrift: Hall (Public Safety (SB), SK Dortm und) an Chef der Polizei: Einstufung, 12.01.1948. 2687 Vgl. dazu die Unterlagen zu Walter Herrmann in LAW - STAM, PP, Sammlung Primavesi 280, Poli zeibataillon 301 - Walter Herrmann. 2688 Zu den folgenden Ausführungen über Edmund Berke sofern nicht anders angegeben vgl. LAW - STAM, PA, 22/6 - Edmund Berke. 2689 Zu den folgenden Ausführungen über Walter Birkhan sofern nicht anders angegeben vgl. ISG Frank furt, 22/75, 108.443-108.446 - Walter Birkhan. 4 9 7 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Leutnant nicht mehr in ihre Reihen auf, weshalb die Stadt ihn am 30. September 1961 in den Ruhestand versetzte.2690 Warum er nicht mehr zu seiner einstigen Wirkungsstätte zurück kehren konnte, ist nicht klar. Denn zuvor hatte er jahrelang in der Ordnungsmacht in Frank furt gedient, für die er seit dem 1. Oktober 1942 tätig war, nachdem er den 28. OAL absol viert hatte. Vom 25. Oktober 1943 bis Kriegsende hatte sich Birkhan im „auswärtigen Einsatz“ befunden, den er im II. Bataillon des SS-Polizeiregiments 14 als dessen Adjutant mitgemacht hatte.2691 Ohne in der Bundesrepublik je wieder in den Staatsdienst aufgenommen worden zu sein, verstarb er am 27. Februar 1975.2692 In der Nachkriegszeit kam es sogar zu Fällen, in denen westdeutsche Strafverfolgungsbe hörden ehemalige Brucker Schüler ins Visier nahmen, die bereits erfahrene „Praktiker“ wa ren, noch bevor sie während des Krieges an die Lehranstalt gelangten. Während Gustav Abeska vom 1. November 1943 bis 28. April 1944 den 36. OAL besuchte, nahmen Max Galle und Franz Unseld am 38. OAL teil, der vom 3. April bis 15. September 1944 dauerte. Sie verband, dass sie zuvor gemeinsam in einer Einheit gedient hatten, die an einem der schlimmsten Mas saker des Zweiten Weltkriegs beteiligt gewesen war. Die späteren Offiziersanwärter waren alle im Polizeibataillon 45 eingesetzt. Dieses hatte zusammen mit anderen Einheiten daran mitgewirkt, am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht von Babij Jar insgesamt 33.771 Kiewer Juden umzubringen.2693 An diesem und weiteren Verbrechen hatten sich die drei Poli zisten in unterschiedlichem Um fang beteiligt, wie ein Erm ittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Regensburg Ende der sechziger Jahre hervorbrachte.2694 Der am 2. September 1913 im tschechischen Giebau geborene Gustav Abeska war als Zug wachtmeister in der 3. Kompanie tätig gewesen. An den beiden Tagen hatte er mit seiner Gruppe jüdische Männer, Frauen und Kinder aus ihren Häusern zusammengetrieben und zur Erschießungsstätte gebracht.2695 Als Reserveoberwachtmeister und stellvertretender Zug führer der 2. Kompanie hatte der am 19. August 1913 in Heida im Kreis Böhmisch-Leipa ge borene Max Galle bei dieser Mordaktion mindestens 200 Menschen mit einer Maschinen pistole erschossen. Bei einem weiteren M assaker der Einheit an etwa 1.303 Juden im ukrainischen Berditschew hatte er bereits am 12. September 1941 gleiches mit zirka 50 Män nern und Frauen getan, „wobei die zur Erschießung heranstehenden Opfer sich teilweise in der Grube auf die vor ihnen liegenden Toten legen mußten, bevor sie getötet wurden“.2696 Zeitweise als Zugführer in der gleichen Kompanie hatte mit ihm Franz Unseld gedient, der am 12. September 1914 in Laupheim zur Welt gekommen war.2697 In Babij Jar hatte er „zum Exekutionskommando gehört und mindestens 20 Minuten lang als Schütze an den Erschie 2690 Vgl. ISG Frankfurt, 22/75, 108.446 - Walter Birkhan, Stadt Frankfurt am Main: Urkunde, 30.11.1961. 2691 Vgl. ISG Frankfurt, 22/75, 108.444 - Walter Birkhan, Polizeipräsident an Personalamt Frankfurt: Re gelung der Rechtsverhältnisse des ehemaligen Leutnants der Schutzpolizei Walter Birkhan nach dem Gesetz zu Art. 131 GG., 14.04.1954 2692 Vgl. ISG Frankfurt, 22/75, 108.446 - Walter Birkhan, Personalamt Frankfurt an Stadtarchiv, 05.09.1975. 2693 Vgl. u. a. Benz, Holocaust, S. 62-66; Welzer, Täter, S. 165-173; Rhodes, Mörder, S. 262-275; Pohl, Ver folgung, S. 77. 2694 Vgl. dazu im Folgenden Bundesarchiv Ludwigsburg (BAL), B 162/6669 (II 204 AR-Z 1251/65), Schmu cker (Staatsanwaltschaft beim Landgericht Regensburg): Das Ermittlungsverfahren gegen Rene Ro senbauer, Regenburg und andere (58) wegen Mordes (NSG) I 4 Js 1495/65; hier: Antrag auf Zustim m ung zur Einstellung des Verfahrens gegen 16 Beschuldigte gemäß § 153a StPO in Verbindung m it § 47 Abs. 2 MStGB., 04.11.1969. 2695 Vgl. ebd., S. 60 f. 2696 Ebd., S. 30. 2697 Vgl. ebd., S. 36. 4 9 8 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck ßungen teilgenommen“.2698 Diese Funktion hatte der gelernte Bierbrauer auch unter ande rem in Berditschew ausgeübt.2699 Wie viele Menschen sie tatsächlich auf dem Gewissen hat ten, konnten auch die deutschen Nachkriegsermittler nicht mehr klären. Galle und Unseld gelangten Ende 1943 zunächst zu einem Vorbereitungslehrgang nach Ma riaschein, bevor sie gemeinsam am Brucker Lehrgang teilnahmen.2700 Letzterer wurde in Ju goslawien von den Amerikanern gefangengenommen, die ihn 1946 entließen. 1951 gelangte er wieder in den Staatsdienst und diente seither in der Dortmunder Polizei, in der er an schließend Karriere machte.2701 Auch Abeska war nach dem Krieg wieder in der Exekutivge walt tätig und diente als Oberkommissar in Berlin.2702 Anders war das bei Galle. In Öster reich gelangte er bei Kriegsende in britische Gefangenschaft, aus der er 1948 wieder freikam. Seither arbeitete er als Werkschutzleiter bei einer Firma nahe Limburg und wurde beim hie sigen Schwurgericht 1968 sogar zum Geschworenen berufen. In die Ordnungsmacht kehrte er nicht mehr zurück, da ihm „die Lust hierzu vergangen war und er nicht vergessen konn te, wie man die Polizei während des Krieges mißbraucht hatte“.2703 Wenn auch nicht im gleichen Maße waren alle drei Beschuldigten bei ihren Vernehmun gen geständig, bekräftigten aber, keine andere Wahl gehabt zu haben, als die verbrecheri schen Befehle zu befolgen. Ansonsten wären sie angeblich vor ein SS- und Polizeigericht ge stellt worden, dessen strenge Urteile sie gefürchtet hätten. Sie beriefen sich also auf einen Befehlsnotstand, der jedoch faktisch nicht vorgelegen hatte, wie die Strafverfolger selbst be tonten, die auch den Putativnotstand ausschlossen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wa ren vor allem Hitler, Himmler und Heydrich sowie der HSSPF Russland-Süd Friedrich Jeckeln die Haupttäter, während sie die insgesamt 16 beschuldigten ehemaligen Angehörigen des Polizeibataillons 45 nur als Gehilfen einstufte. Sie beantragte beim Gericht, das Verfah ren einzustellen, was im Frühjahr 1970 auch geschah.2704 Den Ermittlern zufolge hätten sich die Polizisten durch den großen Befehlsdruck innerhalb ihrer Einheit zumindest „in einer notstandsähnlichen Konfliktsituation befunden“, weshalb sie von einer Strafe absahen, da eine solche „für jeden der Beschuldigten nicht gerecht und unerträglich hart wäre“.2705 Ähnliche Lebenswege könnten noch von zahlreichen anderen Brucker Absolventen skiz ziert werden. Die exemplarischen Biographien sollen aber an dieser Stelle genügen, um ei nes klar zu machen: Die Karrieren der „Polizeisoldaten“ konnten sehr unterschiedlich ver laufen. Doch obwohl es den archetypischen Oberbeamten der Ordnungspolizei nicht gab, vereinte viele von ihnen, dass sie insbesondere während des Zweiten Weltkriegs häufig be deutende Positionen innerhalb des Polizeiapparats bekleideten. In den Dienststellen an der „Heimatfront“ und in den besetzten Gebieten sowie in den dort stationierten Polizeieinhei ten entfalteten viele eine beträchtliche Machtfülle. Gerade in den mobilen Verbänden waren einige als Kompanieführer tätig, denen somit eine Einheit von mehreren duzend Mann un terstand. Während des Krieges gelangten die Schüler erst an die Polizeischule Fürstenfeld bruck, nachdem sie in subalternen Positionen den „auswärtigen Einsatz“ hautnah mitge macht hatten. Sie mussten also genau wissen, auf welche Aufgaben sie der Lehrgang 2698 Ebd., S. 37. Hervorhebung im Original. 2699 Vgl. ebd., S. 36 f. 2700 Vgl. ebd., S. 31 und 37 f. 2701 Vgl. ebd., S. 38. 2702 Vgl. ebd., S. 60. 2703 Ebd., S. 32. 2704 Vgl. ebd., S. 69-80. 2705 Ebd., S. 88. 4 9 9 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank vorbereiten sollte. Dabei war für mehrere die Ordnungspolizei keineswegs die erste und auch nicht die letzte Station ihres Werdegangs, weil sie sich zuvor in anderen Organisationen be funden hatten. Wer jedoch auch später seine Uniform tauschte, konnte an Hitlers Rassenund Vernichtungskrieg in ganz unterschiedlichen Positionen und Regionen teilnehmen. So mancher ehemaliger Schüler beteiligte sich dabei auch am „Bandenkampf“, auf den ihn die Polizeischule Fürstenfeldbruck gezielt ausgebildet hatte. Während nach Kriegsende Einzel nen der Weg zurück in den Staatsdienst zeitlebens versperrt blieb, meisterten ihn andere nach einer mehr oder minder kurzen Pause. Aber selbst dann mussten viele von ihnen in niedrigeren Dienstgraden anfangen und ihre Karriere quasi von „Neuem“ beginnen. Zwei felsohne scheinen alle von Himmlers Polizeipolitik deutlich mehr profitiert zu haben. Ins gesamt trugen sie aber nicht nur dazu bei, dass die Nationalsozialisten überhaupt erst eine solche Terrorherrschaft entfalten konnten. Sie wirkten in erschreckend vielen Fällen auch am „auswärtigen Einsatz“ mit, von dem wahrscheinlich eine enorm große Zahl als Täter zu rückkehrte. 7.3 Leiter der „Kaderschmiede" - Die Kommandeure Auch innerhalb des Personals der Polizeischule Fürstenfeldbruck befanden sich einige Be amte, die in Himmlers Polizeiapparat ganz außerordentliche Karrieren hinlegten. Erst recht gilt dies für ihre Kommandeure, die nun eingehender betrachtet werden sollen: Der spätere Generalmajor der Polizei Dr. Oskar Lossen wurde am 17. Juni 1887 in München als Sohn des Historikers Professor Dr. Maximilian Lossen geboren.2706 Nach dem Abitur trat er in das 5. bayerische Feld-Artillerie-Regiment ein und nahm darin am Ersten Weltkrieg teil. Danach befand er sich im Jahre 1919 im Freikorps „Bamberg“ und im Freikorps „Wehrregiment Mün chen“, trat dann aber in die Polizeiwehr Bayern ein, mit der er Ende November 1920 in die Bayerische Landespolizei übernommen wurde. Während er in der Ordnungsmacht der Lan deshauptstadt tätig war, unterrichtete er zwischen 1920 und 1933 nebenamtlich Polizeiver wendung und Rechtsfächer an der hiesigen Offiziersschule der Bayerischen Landespolizei. Außerdem studierte er in München ab 1919 parallel dazu Rechtswissenschaften, worin er Mit te Februar 1925 auch promovierte. Nach der „Machtergreifung“ übernahm er dann am 1. Au gust 1933 das Kommando über die Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck, die er offiziell bis zum 31. Januar 1937 leitete. Als Oberstleutnant der bayerischen Gendarmerie musste er sich jedoch schon vom 14. bis 23. Dezember 1936 beim Stab des Chefs der Ordnungspolizei einarbeiten, zu dem er am 10. Ja nuar 1937 endgültig abgeordnet wurde. Vom 1. Februar 1937 bis Anfang Mai 1938 war er in Dalueges Hauptamt tätig und leitete darin das Ausbildungsamt, kommandierte aber ab Ende März 1938 eine Polizeieinheit, mit der er ins annektierte Österreich marschierte. Während er in dieser Phase mit Wirkung vom 1. Mai 1937 als Mitglied in die NSDAP aufgenommen wur de, trat er am 1. Juli 1938 auch der SS und 1939 sogar dem „Lebensborn“ bei. Nach seinem Dienst in Berlins oberster Polizeibehörde und seinem „auswärtigen Einsatz“ fungierte er als IdO zunächst in Münster bis zum 1. April 1939, in Magdeburg bis zum 1. Juni 1939 und in Hannover bis zum 21. Februar 1941. Danach diente er als Oberst in der Feldgendarmerie, die ihn im März 1941 in ihre Reihen als Stabsoffizier übernahm und zum Militärbefehlshaber 2706 Zu den folgenden Ausführungen über Oskar Lossen sofern nicht anders angegeben vgl. Schulz/Zin ke, Generale, Bd. 3, Bissendorf 2008, S. 80-90; BAB, SSO - Oskar Lossen. 500 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Belgien-Nordfrankreich versetzte, bei dem er bis September 1944 blieb. Weil er sich jedoch mit Himmler und Daluege überwarf, versetzte ihn der Reichsführer-SS am 14. Juli 1944 in den Ruhestand, den er im Dezember als Generalmajor der Polizei und SS-Standartenführer antrat, wozu ihn Himmler zuvor noch ernannt hatte. Nach Kriegsende lebte Dr. Oskar Los sen in den oberbayerischen Orten Burghausen und Tutzing. In der jungen Bundesrepublik diente er in der neu aufgestellten Bereitschaftspolizei des Freistaats und leitete deren Schule in Rothenburg, die am 9. Mai 1951 ihren Betrieb aufnahm.2707 Lossen starb am 8. November 1963 im nordrhein-westfälischen Königswinter.2708 Als Leiter der Brucker Polizeischule folgte auf ihn Dr. Fritz Schade, dem sie vom 6. Dezem ber 1936 bis 31. März 1939 unterstand.2709 Der spätere Polizeioberst kam am 22. März 1894 im sächsischen Neustadt als Sohn eines Kaufmanns zur Welt. Er begann nach seinem Abitur da mit, Medizin zu studieren, bevor er seit August 1914 mit dem 19. Bayerischen Infanterie-Re giment freiwillig am gesamten Ersten Weltkrieg teilnahm. Nach der deutschen Niederlage führte er an der Universität Erlangen sein Studium zu Ende, wobei er nun im März 1922 in den Rechtswissenschaften promovierte. Bereits im September 1920 war er aus der Armee ausgeschieden und in die Bayerische Landespolizei übergetreten, in der er zunächst in Re gensburg und dann in Bamberg tätig war. Von September 1924 bis Juni 1933 leitete er die Po lizei im fränkischen Hof und kam danach als Hundertschaftsführer nach Nürnberg. Dort wechselte er dann auch in die Schutzpolizei über, als die kasernierten Verbände der Landes polizei in die Wehrmacht eingegliedert wurden. Nachdem er am 1. April 1936 zum Major er nannt worden war, gelangte er Ende des Jahres an die Polizeischule in Fürstenfeldbruck. In ihr habe er, nach eigenen Angaben, aber keinen leichten Stand gehabt, weil ihm die Offiziers anwärter Probleme bereitet hätten und er sogar aufgrund seiner politischen Einstellung von seinem eigenen Adjutanten überwacht worden sei.2710 Nach seiner Amtszeit in Fürstenfeld bruck kam er nach München, um dort die Ausbildungsabteilung zu kommandieren. Vom 29. September bis 14. November 1939 leitete er dann das Polizeibataillon 203 in Mährisch Ostrau und arbeitete anschließend im bayerischen Innenministerium, in dem er bis zum 8. März 1943 als Referent für die Schutz- und Luftschutzpolizei tätig war.2711 2707 Vgl. Helmut Reis, Chronik der Jägerkaserne Eichstätt, Bd. 3: II. Polizeiabteilung 1951-1988, Eichstätt 1989, S. 21 [Künftig: Reis, Chronik, Bd. 3]. 2708 Sein genaues Sterbedatum ist jedoch umstritten. Christoph Spieker nennt hierfür dagegen den 15. Juni 1964. Vgl. Christoph Spieker, Die Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI - biographi sche Skizzen, in: Kenkmann, Auftrag, S. 192-199, hier: S. 192. Bei Phil Nix und Georges Jerome ist in des zu lesen, er sei erst am 15. August 1964 verstorben. Vgl. Nix, Police Forces, S. 318. 2709 Zu den folgenden Ausführungen über Fritz Schade sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15d - Fritz Schade; StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade. 2710 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Lugmair (Spruchkammer FFB): Protokoll der öffentlichen Sitzung am 27.Jan. 1948, 07.03.1948, S. 3. 2711 Abweichende Angaben zu Schades Einheit finden sich in Kommandobefehlen der Polizeidirektion München. So besagt ein Dokument, dass Schade seit Ende September 1939 das Polizeibataillon II/2 in M ährisch-Ostrau leitete. Vgl. StAM, Polizeidirektion M ünchen 8218, Hille (Kom mandeur der Schutzpolizei München): Kommando-Tagesbefehl Nr. 94, 27.09.1939, S. 2. Ein weiteres Schriftstück führt hingegen aus, dass Schade das Polizeibataillon III/2 kommandierte, das nun in Polizeibataillon 209 um benannt wurde. Vgl. StAM, Polizeidirektion München 8218, Hille (Kommandeur der Schutz polizei München): Kommando-Tagesbefehl Nr. 100, 18.10.1939, S. 1. Wenige Tage später änderte sich erneut der Name der Einheit, die seitdem Polizeibataillon 208 hieß. Vgl. StAM, Polizeidirektion M ün chen 8218, Hille (K om m andeur der Schutzpolizei M ünchen): Kommando-Tagesbefehl Nr. 103, 28.10.1939, S. 1. Ferner: Klemp, Daluege, S. 46; Ders., Ordnungspolizei, S. 42. 501 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Warum er sich in Fürstenfeldbruck letztlich nicht behaupten konnte, offenbart sein Ent nazifizierungsverfahren. In der Weimarer Republik war er, nach eigener Aussage, in Bayern zunächst in die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) eingetreten und gehörte später der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an, welche die Demokra tie entschieden ablehnte.2712 Nachdem ihn die Brucker Ortsgruppen- und Kreisleitung, aber auch Polizeidienststellen mehrfach dazu gedrängt hätten, befand er sich seit 1. Mai 1937 in der NSDAP, obwohl er ihr ablehnend gegenübergestanden habe. Bereits seit der „Machter greifung“ habe er sich in einem Zirkel von Gegnern des Nationalsozialismus befunden. Wäh rend seiner Zeit in Fürstenfeldbruck habe er auch die Kirche in ihrem Kampf gegen das Re gime unterstützt, indem er etwa einem Pater des Benediktinerordens vertrauliche Informationen zukommen ließ. Darüber hinaus habe er seit 1941 der Münchner Widerstands bewegung von Minister Franz Sperr angehört, den die Gestapo am 23. Januar 1945 wegen Hochverrats gehängt hatte. Dieser war im Kontakt mit Claus Schenk G raf von Stauffenberg und habe Schade am 6. Juni 1944 sogar in dessen Attentatspläne gegen Hitler eingeweiht. Seit 9. März 1943 fungierte Schade als Kommandeur der Schutzpolizei Nürnberg-Fürth und knüpfte auch dort konspirative Beziehungen. Sobald die Nationalsozialisten zu Fall kä men, sollte er zunächst das Polizeipräsidium und schließlich das Regierungspräsidium von Ober- und Mittelfranken übernehmen, wie es Sperr geplant habe. In den letzten Kriegsmo naten half er auch mehrfach Menschen, welche die „Herrenmenschen“ aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgten, und rettete sogar einige davor, ins Konzentrationslager ge bracht zu werden. Er wollte sogar Nürnberger Juden vor dem Tod bewahren, indem er mit ihnen plante, sie mit seinem Auto vor einer anstehenden Verhaftungsaktion in Sicherheit zu bringen. Obwohl es zu dieser Reise anscheinend nicht mehr kam, hatte er sich dadurch trotz dem auf außergewöhnliche Weise für sie eingesetzt.2713 Als der Gauleiter Karl Holz im April 1945 befahl, die Schutzpolizei einzusetzen, um das Polizeipräsidium Nürnberg vor den her annahenden Amerikanern zu schützen, sei es Schade gelungen, dagegen erfolgreich zu in tervenieren.2714 „Er hat unter Einsatz seines Lebens aktiv gegen die Diktatur Hitlers gekämpft und stand dauernd unter der Gefahr, daß er seine Gegnerschaft zum Nts. mit seinem Leben bezahlen müsse“, wie die Spruchkammer hervorhob und ihn deshalb am 26. Januar 1948 ent lastete.2715 Am 20. April 1945 hatten ihn in Nürnberg die amerikanischen Truppen verhaftet, 2712 Zu den Parteien vgl. z. B. Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, W irtschaft und Kultur, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 729, Bonn 2010, S. 87-103. 2713 In seinem Spruchkammerverfahren schilderte Schade die Begebenheit so, als ob er insgesamt drei Ju den in seinem Auto weggebracht habe. Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Lugmair (Spruchkammer FFB): Protokoll der öffentlichen Sitzung am 27.Jan. 1948 - Anlage zum Sitzungs protokoll im Falle Dr. Fritz Schade, 07.03.1948, S. 1. In ihren eidesstattlichen Erklärungen für Schade gaben zwei der M änner allerdings an, dass er diese Aktion zwar geplant habe, es aber nicht m ehr dazu gekommen sei. Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Abschrift: Schmidt, 20.10.1945; StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Abschrift: Sachs: Erklärung, 20.11.1945. 2714 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Abschrift: Lugmair (Spruchkammer FFB): Spruch, 26.01.1948, S. 1; StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Lugmair (Spruchkam m er FFB): Protokoll der öffentlichen Sitzung am 27.Jan. 1948 - Anlage zum Sitzungsprotokoll im Fal le Dr. Fritz Schade, 07.03.1948; StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Schade an Vor sitzenden der Spruchkammer FFB: Verteidigungsschrift, Herbst 1946, S. 3 f. 2715 StAM, Spruchkammern Karton 2781 - Fritz Schade, Abschrift: Lugmair (Spruchkammer FFB): Spruch, 26.01.1948, S. 2. 502 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck woraufain er sich bis zum 30. Juni 1945 im Internierungslager in Heilbronn befand. Danach kehrte er nach Fürstenfeldbruck zurück, wo er seither lebte. Einen ganz anderen Charakter besaß hingegen sein Nachfolger. Vom 1. April bis Anfang Oktober 1939 herrschte Gerret Korsemann über die Polizeischule Fürstenfeldbruck.2716 An ihr konnte er zwar nur ein halbes Jahr lang wirken und dabei versuchen, ihr seinen Stempel aufzudrücken. Der spätere Generalleutnant der Polizei und SS-Gruppenführer war dennoch der bedeutendste Funktionär des NS-Polizeistaats, der jemals an der Brucker Lehranstalt tä tig war. Korsemann wurde am 8. Juni 1895 in Nebel auf der Nordseeinsel Amrum geboren. Er meldete sich nach der Volksschule freiwillig für den Fronteinsatz, den er von November 1914 bis November 1918 mit dem Reserve-Infanterie-Regiment 215 und dem Füsilier-Regi ment 35 absolvierte. Vom 17. Dezember 1918 bis Oktober 1919 gehörte er dem Freikorps „Bri gade Südlitauen“ an. Im Mai 1920 schied er aus der Armee aus, um danach ein Volontariat in der Speditionsbranche zu machen. Zwischen Ende 1921 und August 1923 war er darauf hin im lettischen Riga für ein schwedisches Unternehmen tätig, für das er als Filialleiter und als Prokurist arbeitete. Anscheinend stand er seinerzeit auch anderweitig Skandinavien recht nahe, was sich darin manifestiert, dass er am 20. Dezember 1922 eine Dänin heiratete. Korsemann trat am 26. November 1926 in die NSDAP ein und schloss sich am selben Tag auch der SA an, in der er bis Anfang 1938 aktiv diente und am 29. Januar 1939 ganz ausschied, um am nächsten Tag in die SS überzuwechseln. Im Übergang von der Weimarer Republik zum NS-Staat verschlug es ihn kurzzeitig in die Politik, als er vom 24. April 1932 bis 14. Ok tober 1933 für Hitlers Partei im preußischen Landtag saß. Im Jahre 1932 fungierte er zudem als stellvertretender Gauleiter von Südhannover-Braunschweig. Zwischen 1934 und 1935 be fand er sich in verschiedenen oberschlesischen Grenzschutzbataillonen. Als er dann am 30. Januar 1937 in die Berliner Schutzpolizei eintrat, wurde er sogleich zum Hauptamt Ord nungspolizei abgeordnet, in dem er bis zum 1. April 1939 für verschiedene Ämter und Gene ralinspekteure tätig war. Nachdem er dann die Polizeischule Fürstenfeldbruck geleitet hatte, kam er nur kurzzeitig zur Zentralbehörde zurück. Denn Korsemann amtierte bereits vom 25. Oktober 1939 bis 1. Februar 1941 als KdO im polnischen Lublin, womit er wie auch all sei ne Nachfolger in Personalunion das Polizeiregiment Lublin führte, aus dem im Juli 1942 das Polizeiregiment 25 hervorging.2717 Während dieser Zeit war die Brucker Lehranstalt jedoch noch immer seine Heimatdienststelle.2718 Unter ihm führte das Polizeiregiment Lublin mehr fach Razzien durch und konfiszierte dabei massenhaft Lebensmittel, die jüdische und polni sche Bürger aus dem Distrikt bringen wollten. Seine Angehörigen beschlagnahmten wäh renddessen zahlreiche Rinder und Schweine sowie eine hohe Geldsumme. Ferner stellten sie einige Juden für einen Tag lang unter Arrest, wenn die Polizisten sie ohne Armbinde antra fen, die sie als solche kennzeichnete. Darüber hinaus kooperierte das Polizeiregiment Lublin mit dem SD, indem sie am 7. Januar 1940 gemeinsam „eine größere Aktion gegen Berufsver brecher“ vornahmen.2719 Dabei kam es zu einer Schießerei, bei der die polizeilichen Besatzer fünf der bewaffneten Gegner unmittelbar erschossen. Zwei weitere verbrannten in einem 2716 Zu den folgenden Ausführungen über Gerret Korsemann sofern nicht anders angegeben vgl. Schulz/ Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf2005, S. 569-576; BayFHVR Pol FFB, O rdner 15d - Ger ret Korsemann; BAB, SSO und SA - Gerret Korsemann; BAB, R 19/2536 - Gerret Korsemann; NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann; Birn, Höheren SS- und Polizeiführer, S. 339. 2717 Vgl. dazu Curilla, Judenmord, S. 687 sowie 698. 2718 Vgl. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 409, Fond 1323-2-363, I. V. von Peschke (BdO beim General gouverneur): Tagesbefehl Nr. 3, 22.01.1941, Bl. 44. 2719 BAB, R 19/334, I. V. von Bomhard (Chef der Ordnungspolizei): Lagebericht, 28.01.1940, Bl. 18. 503 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Haus, das angeblich infolge des Feuergefechts in Flammen aufgegangen war.2720 Daneben soll Korsemann in seiner exponierten Funktion dafür verantwortlich gewesen sein, die Juden in Lemberg, Krakau und Lublin zu eliminieren.2721 Während er als KdO im Generalgouvernement tätig war, kommandierte er aber nicht nur das Polizeiregiment Lublin. Als die Wehrmacht im April 1940 in Dänemark einmarschierte und das Land besetzte, gerieten kurzzeitig auch sechs dänische Polizeibataillone in seine Ob hut. Am 1. Februar 1941 trat er jedoch von der Ordnungspolizei zur Waffen-SS über, in der er zunächst in Kopenhagen die 14. SS-Totenkopfstandarte führte und danach bis zum 29. Ok tober 1942 im Kommandoamt der „politischen Soldaten“ agierte. In dieser Zeit konnte er im Machtapparat des Reichsführers-SS steil aufsteigen. So war er vom 1. August 1941 bis 1. Janu ar 1942 als SSPF im ukrainischen Rowno tätig und wurde währenddessen am 5. November 1941 zum HSSPF z. B. V. beim Reichskommissar für die Ukraine ernannt. Den einflussrei chen Posten als Himmlers direkten Vertreter in diesem Teil der Sowjetunion bekleidete er bis zum 6. August 1942.2722 Indes war er für zahlreiche Massaker an der jüdischen Bevölke rung verantwortlich, bei denen die ihm unterstellten Einheiten etwa in Rowno und Char kow einige tausend Juden ermordeten.2723 Während Korsemann den HSSPF Russland-Süd, Hans Adolf Prützmann, vertrat, erschossen das Sonderkommando 4a und das Polizeibatail lon 314 von Ende Dezember 1941 bis Anfang Januar 1942 unter seiner Obhut rund 15.000 Ju den aus Charkow in einer nahegelegenen Schlucht. Darüber hinaus steht er auch in dem Ver dacht, daran beteiligt gewesen zu sein, das Massaker von Babij Jar vorzubereiten, bei dem bereits am 29. und 30. September 1941 insgesamt 33.771 Juden aus Kiew ermordet worden waren.2724 Während seines „auswärtigen Einsatzes“ geriet Korsemann an der „Heimatfront“ in Ver ruf. Der ehemalige Kommandeur der Brucker Polizeischule ließ sich mit der Reichsbahn ganze Kisten mit Spirituosen aus Frankreich nach Hause zu seiner Frau transportieren. Der Spediteur meldete dies beim Landrat von Fürstenfeldbruck, Dr. Karl Sepp, der sich gleich an das Landesernährungsamt Bayern wendete, weil „die Versorgung eines einzelnen mit dieser grossen Menge bei der bestehenden Knappheit in der allgemeinen Versorgung mit alkoho lischen Getränken begreiflicherweise eine grosse Misstimmung hervorgerufen hat“.2725 Die se Angelegenheit sollte alsbald die Berliner Behörden beschäftigen. Korsemann musste sich sogar vom Kommandeur der Polizei-Nachschubdienste bescheinigen lassen, dass dabei al les mit rechten Dingen zugegangen war.2726 Den Beauftragten des Reichsnährstandes für die Trinkbranntweinwirtschaft ließ er wissen, dass er sich lediglich 99 Flaschen a 750 ml und nicht wie behauptet insgesamt 160 l nachhause in seine Dienstwohnung habe kommen las sen, wo er den Branntwein nur zwischenlagern wolle. Schließlich sei der Alkohol nur für den Stab des HSSPF z. B. V bestimmt und könne erst nachgeschickt werden, sobald seine Män 2720 Vgl. ebd., Bl. 18. 2721 Das meinten zumindest amerikanische Geheimdienste gerüchteweise erfahren zu haben. Vgl. NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann, Bush (Region XII, 66th CIC Detachment): Summ ary of Information - Korsemann, Geret, 18.01.1952. 2722 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 572. 2723 Vgl. Mallmann, Mißgeburten, S. 80. 2724 Vgl. Dieter Pohl, Schauplatz Ukraine. Der Massenmord an den Juden im Militärverwaltungsgebiet und im Reichskommissariat 1941-1943, in: Hartmann, Krieg, S. 155-196, hier: S. 169 f. 2725 BayFHVR Pol FFB, Ordner 15d - Gerret Korsemann, Abdruck: Dr. Sepp (Landrat FFB) an Landeser nährungsam t Bayern: Verkehr m it Branntwein, 28.05.1942. 2726 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15d - Gerret Korsemann, Abschrift: Kommandeur der Polizei-Nach schubdienste an Korsemann, 09.07.1942. 504 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck ner den Standort erreicht hätten.2727 Wenngleich Korsemann diesen Vorfall auftlären konn te, verfolgte er ihn auch in der Folgezeit. Denn auch in der SS ging nun das Gerede um, der Generalleutnant der Polizei neige dazu, „grössere Feste mit reichelichem [sic!] Alkohol und grösserem Aufwand zu veranstalten“.2728 Korsemann sollte ab 6. August 1942 als HSSPF Kaukasien mit Sitz in Woroschilowsk fun gieren. Zwar bemühte sich Himmlers Apparat, diesen neuen Amtsbereich schnellstmöglich aufzubauen. Doch das Projekt blieb in Ansätzen stecken und scheiterte letztendlich. Offizi ell löste der Reichsführer-SS diese Dienststelle jedoch erst am 31. März 1943 auf.2729 Es ist nicht ganz klar, wie lange Korsemann vorher vor Ort weilte. Solange er jedoch zugegen war, konn te er auf alte Weggefährten zählen, die mit ihm zusammen bereits in Fürstenfeldbruck ge dient hatten. Zu diesem Brucker Netzwerk gehörten vor allem die beiden Hauptleute Wer ner Mundhenke und Johannes Deutschbein, die in seinem neuen Stab agierten.2730 Im Reststab hielten sie auch noch in Lemberg die Stellung, als Korsemann längst abgereist war.2731 Ab 1. Oktober 1942 war er zeitgleich tätig im Stab des HSSPF Russland-Mitte, Erich von dem Bach-Zelewski, bis er am 24. März 1943 zu dessen Stellvertreter berufen wurde und seit her auch dessen Amtsgeschäfte übernahm.2732 In dieser Funktion war Korsemann für einige Operationen verantwortlich, die sich gegen „Banden“ richteten. Zu diesen zählte unter an derem das „Unternehmen Zauberflöte“, bei dem seine Einheiten in Minsk in der Zeit vom 17. bis 22. April 1943 gegen angebliche Partisanen und Kommunisten vorgingen, aber auch hunderte Menschen für die Zwangsarbeit in Deutschland zusammentrieben.2733 Nach dem Rückzug aus dem Kaukasus kursierten unter anderen SS-Funktionären nun Gerüchte, Kor semann sei vollkommen überstürzt und feige abgezogen.2734 Der Betroffene wendete sich daraufain am 30. Juni 1943 in einem anbiedernden Brief an den Oberbefehlshaber der Heeres gruppe A, Generalfeldmarschall Ewald von Kleist. Der sollte ihm schriftlich bestätigen, beim Rückzug alles richtig gemacht zu haben, um damit seinen Ruf rehabilitieren zu können. Da bei klagte Korsemann gleichzeitig, das gesteigerte „Bandenunwesen“ in seinem Machtbe reich berechtige dazu, „ernstlich besorgt zu sein“.2735 Diese verzweifelte Aktion spielte jedoch seinen Widersachern in die Karten, weil Himmler von ihr erfuhr, der den stellvertretenden HSSPF Russland-Mitte daraufain am 5. Juli 1943 entließ und zur Waffen-SS versetzte. In ihr sollte sich Korsemann an der Front bewähren, um „nunmehr durch persönlichsten Einsatz von dem ihm anhaftenden Vorwurf der mangelnden Tapferkeit sich rein zu waschen“.2736 Zum 2727 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15d - Gerret Korsemann, Abschrift: Olftermann (HSSPF z. B. V.) an den Beauftragten des Reichsnährstandes für die Trinkbranntweinwirtschaft, 11.07.1942. 2728 BAB, SSO - Gerret Korsemann, Ch - vH/No an von Kleist, 05.07.1943. 2729 Vgl. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 81, Fond 1323-2-260, I. V. Dreier (HSSPF Kaukasien): Tagesbe fehl Nr. 8, 31.03.1943, Bl. 3. 2730 Vgl. u. a. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 81, Fond 1323-2-260, Korsemann (HSSPF Kaukasien): Ta gesbefehl Nr. 15, 11.12.1942, Bl. 18. Ferner zu Werner Mundhenke: BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke. Zu Johannes Deutschbein: BayFHVR Pol FFB, O rdner 15c - Johannes Deutsch bein. 2731 Vgl. u. a. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 81, Fond 1323-2-260, I. A. Mundhenke (HSSPF Kaukasi en): Tagesbefehl Nr. 9, 08.04.1943, Bl. 2. 2732 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 573. 2733 Vgl. Blood, Bandit Hunters, S. 184-186. 2734 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 573 f. 2735 BAB, SSO - Gerret Korsemann, Abschrift: Korsemann (HSSPF Russland-Mitte und Weißruthenien) an von Kleist, 30.06.1943, S. 3. 2736 BAB, SSO - G erret Korsemann, H immler (RFSSuChdDtPol) an Chef des SS-Personalhauptamtes, 06.07.1943. 505 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank S S -H a u p ts tu rm fü h re r d e g ra d ie r t k a m e r a n sc h lie ß e n d z u r S S -P an z e r-D iv is io n „ L e ib s ta n d a r te SS A d o lf H it le r “.2737 N a c h d e m er A n fa n g A p ril 19 4 4 z u r F ü h re r re s e rv e d e r W affen-SS v e r se tz t w o rd e n w ar u n d s ic h d a m it im S S -F ü h ru n g sh a u p ta m t b e fu n d e n h a tte , ü b e rn a h m er am 7. J an u a r 194 5 e in e K o m p a n ie in d e r 3 . S S -P an z e rd iv is io n „ T o te n k o p f “.2738 A m 8 . M ai 194 5 v e rh a f te te n ih n d ie A m e r ik a n e r in E n n s b e i L inz u n d b ra c h te n ih n n a c h w e ite re n S ta tio n e n le tz tlich in das In te rn ie ru n g s la g e r n a c h D a c h a u , v o n w o au s sie ih n am 2 . S e p te m b e r 19 4 6 als K rie g sv e rb rec h e r a n P o len a u s lie fe r te n .2739 B e m e rk e n sw e rt ist, d ass das p o ln isc h e G e r ic h t K o rse m a n n z u n ä c h s t z u m T o d e v e ru r te i l t h a tte , ih n d a n n a b e r M itte N o v e m b e r 19 4 9 f re iließ . S p ä te r gab er an , d ass es d a z u g e k o m m e n sei, w eil er w ä h re n d d e r H aft e in ig e B ild er fü r d ie G e fä n g n isw a c h e n g e m a lt h ab e . D a ru n te r h a b e s ic h d as P o r tra i t e ines p o ln is c h e n K in d es b e fu n d e n , das g e s to rb e n sei. A us D a n k b a rk e it h a b e d esse n M u tte r ih m e in e n A n w a lt b e so rg t, d e m es g e lu n g e n sei, d a s V e r fa h re n w ie d e r a u fz u ro lle n u n d K o rse m a n n s F re ila ssu n g z u e rw irk e n . A m e r ik a n isc h e G e h e im d ie n s te g la u b te n se in e r G esch ich te a b e r n ic h t. Sie v e rm u te te n , dass er n u r d esw eg en au s d e r H aft en tla s se n w o rd e n w ar, w eil er s ic h v o n d e n S ow je ts als A g en t h a b e a n w e rb e n la s se n .2740 N a c h se in e r R ü c k k e h r n a c h D e u ts c h la n d b ew eg te s ic h K o rse m a n n je d o c h in g a n z a n d e re n K re isen . In d e n f rü h e n fü n fz ig e r Ja h re n e rm itte l te n d esh a lb das In n e n m in is te r iu m v o n N o rd rh e in -W e s tf a le n (N R W ), d a s B a y e risch e L a n d e s a m t f ü r V e rfa s su n g ssc h u tz u n d d ie M ü n c h n e r K rim in a lp o liz e i g eg en ih n . E r w a r M itb e g rü n d e r des „ S c h u tz b u n d e s eh e m a lig e r d e u ts c h e r S o ld a ten “ (B D S), d e r in B ay ern e n ts ta n d e n w ar u n d m it K o rse m a n n s H ilfe au ch in a n d e re n B u n d e s lä n d e rn e igen e L a n d e sv e rb ä n d e e in r ic h te te , in d ie e r re c h ts ra d ik a le E x S o ld a te n in te g r ie re n w ollte . F ü r d a s im M ü n c h n e r S c h ild -V erlag e rs c h ie n e n e V e rb a n d s o r g a n d es B D S, d ie „ D e u ts c h e S o ld a te n -Z e itu n g “, w a r e r ze itw e ise so g a r als P ro k u r is t tä tig . N a c h d e m s ic h d e r BD S im Jah re 19 5 1 m it a n d e re n V e te ra n e n v e re in e n z u m „V erb an d d e u t s c h e r S o ld a ten e. V.“ (VdS) z u sa m m e n g e sc h lo sse n h a tte , le ite te e r d e sse n b ay e risc h e S ek tio n u n d en g a g ie r te s ich in d e r n e u e n O rg a n is a tio n w e ite rh in fü r f rü h e re A n g e h ö rig e v o n W e h r m a c h t u n d W affen-SS. D a rü b e r h in a u s w ar er M itg lied d e r r e c h ts ra d ik a le n D e u tsc h e n R e ich s p a r te i (D R P ). D ie B e h ö rd e n n a h m e n ih n g e ra d e d esh a lb in s V isier, w eil e r m it z a h lre ic h e n G rö ß e n d er re c h ts e x tre m e n Szene en g b e f re u n d e t g ew ese n se in soll. Z u ih n e n z ä h lte n u n te r a n d e re m d e r eh e m a lig e V o rs itz e n d e d e r se it 19 5 2 v e rb o te n e n S o z ia lis tisc h e n R e ic h sp a r te i (SRP) D a u m e n la n g u n d v o r a llem D r. W e rn e r N a u m a n n .2741 L e tz te re r w a r e in s t S taa tssek re tä r im P ro p a g a n d a m in is te r iu m v o n Jo sep h G o eb b e ls u n d le ite te A n fa n g d e r fü n fz ig e r Jahre e in e n k o n sp ira tiv e n Z irk e l. D ie se r s o g e n a n n te „ N a u m a n n -K re is “ h a tte e rfo lg re ich v e rsu c h t, au s se in e n e ig e n e n R e ih en h e ra u s eh e m a ls ra n g h o h e N S -F u n k tio n ä re u n te r a n d e re m in d e n N R W -L a n d e sv e rb a n d d e r F re ien D e m o k ra tis c h e n P a rte i (F D P ) e in z u sc h le u se n . W eil d ie b r i tis c h e B e sa tz u n g s m a c h t fü rc h te te , N a tio n a lso z ia lis te n k ö n n te n a u f d ie s e m W ege le tz tlic h w ied e r a n d ie M ac h t in D e u tsc h la n d g e lan g en , v e rh a f te te sie N a u m a n n u n d fü h re n d e M it 2737 Vgl. Longerich, Himmler, S. 352. 2738 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 575. 2739 Vgl. NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann. Dagegen schreiben Schulz, Wegmann und Zinke, Korsemann sei 1945 von den Sowjets gefangengenommen und an Polen ausgeliefert wor den. Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 575. 2740 Vgl. NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann. 2741 Vgl. ebd. Zum VdS ferner: Karsten Wilke, Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950 1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik, Paderborn 2011, S. 41-46. Zur DRP: Oliver Sowinski, Die Deutsche Reichspartei 1950-1965. Organisation und Ideologie einer rechtsradikalen Par tei, Europäische Hochschulschriften, Reihe XXXI: Politikwissenschaft, Bd. 337, Frankfurt am Main 1998. 506 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck glieder seiner Gruppe Anfang 1953. Selbst nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) das Ver fahren im Sommer eingestellt hatte, gelang es dem Netzwerk nicht mehr, einen besonderen Einfluss auf die deutsche Politik zu erlangen.2742 Dass Korsemann selbst den Denkweisen der jüngsten Vergangenheit nicht abgeschworen hatte, legt ein Interview nahe, das die Amerikaner Ende Januar 1951 mit ihm führten. Dar in befragten sie ihn als Interessensvertreter der ehemaligen deutschen Militärs unter ande rem zur möglichen deutschen Wiederbewaffnung und zum Koreakrieg.2743 Letzteren lehn te er zwar ab, befürwortete aber ein Vorgehen gegen den Kommunismus, „denn wo der Bolschewismus gefasst werden kann, muss er gefasst werden. Das ist eine Prestigefrage.“2744 Korsemann sah darüber hinaus die Angehörigen der deutschen Wehrmacht in einer Opfer rolle. Ihm zufolge „muesste ein Schlusstrich gezogen werden, weil wir letzten Endes alle im gleichen Topf sind. Der amerikanische Besatzungssoldat und amerikanische Politiker in Deutschland konnten sich ueberzeugen, das [sic!] alles gar nicht so schlimm war [sic!] wie es gleich nach Kriegsende propagiert wurde.“2745 Außerdem sprach er sich dafür aus, ehe malige Offiziere der Waffen-SS dabei einzusetzen, eine neue deutsche Armee aufzubauen. Denn das seien „die schneidigsten Leute der deutschen Wehrmacht“.2746 Die tatsächliche Gründung der Bundeswehr überlebte er nur um wenige Jahre. Er starb in München am 16. Juli 1958.2747 A uf Korsemann folgte Martin Diez, der zunächst das Polizeiausbildungsbataillon und an schließend die Polizeischule in Fürstenfeldbruck leitete.2748 Er wurde am 20. Oktober 1896 in Erlangen als Sohn eines Arztes geboren, machte sein Kriegsabitur, trat darauffiin am 1. Sep tember 1915 in die Armee ein und zog mit dem 7. bayerischen Infanterie-Regiment an die Front. Aus diesem schied er am 31. März 1920 als Leutnant aus und wurde am 15. Dezember in die Bamberger Polizei eingestellt.2749 Seitdem war er an weiteren Dienststellen in ganz Bay ern tätig und befand sich zuletzt in Kaiserslautern, von wo aus Daluege ihn am 24. Novem ber 1938 zur Polizeischule Fürstenfeldbruck versetzte.2750 Seit dem 1. Mai 1933 befand er sich in der NSDAP. Dabei liegt der Gedanke nahe, dass er damit lediglich ein opportunistischer „Märzgefallener“ war. Allerdings trat er bis Kriegsende auch noch weiteren parteilichen Or ganisationen bei, zu denen z. B. der RLB, der RKB, der Volksbund für das Deutschtum im Ausland und die NS-Kriegsopferversorgung zählten. 2742 Zur SRP und der „Naumann-Affäre“ vgl. Frei, Vergangenheitspolitik, S. 326-396. Zur SRP ferner: Hen ning Hansen, Die Sozialistische Reichspartei (SRP). Aufstieg und Scheitern einer rechtsextremen Par tei, Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 148, Düsseldorf 2007. Bei der Recherche konnte ein SRP-Vorsitzender namens Daumenlang nicht gefunden werden. 2743 Vgl. NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann, Schroder (Headquarters Munich Mi litary Post) an Headquarters 66th CIC Det: Interview of General Korsemann, 01.02.1951. 2744 Ebd., S. 2. 2745 Ebd., S. 3. 2746 Ebd., S. 6 . 2747 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 569. 2748 Zu den folgenden Ausführungen über M artin Diez sofern nicht anders angegeben vgl. BayHStA M ün chen, MInn 98773 - M artin Diez; BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - M artin Diez. 2749 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 15c - M artin Diez, Personalbogen. 2750 Vgl. BayHStA München, M Inn 98773 - M artin Diez, Handschriftliche Notizen der Ehefrau, o. D.; BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Martin Diez, Auszug von Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDt Pol) an u. a. Polizeischule FFB, 24.11.1938. 507 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Nach Kriegsbeginn diente er im Stab des BdO von Lodz, kam aber im November 1939 wieder zur oberbayerischen Bildungsstätte zurück.2751 Nun übernahm er dort zunächst die Aufgabe, das neue Polizeiausbildungsbataillon zu kom mandieren, bis ihn Major Herbert Scholz am 6. Dezember 1940 darin ablöste.2752 Danach blieb er noch kurz an der Bru cker Lehranstalt, die er ab 9. Januar 1941 als Interimskom mandeur leitete.2753 Seit 21. April war Major Diez zur Poli zeischule Berlin-K öpenick abgeordnet.2754 Seit dem 20. Januar 1942 fungierte er jedoch als Kommandeur des Polizeibataillons 325, wobei er im Februar 1942 zur Polizei verwaltung Stettin versetzt wurde.2755 Dieses Bataillon war Abbildung 40: Oberst Martin zuvor schon im Winter 1941/42 mit anderen Einheiten da Diez (Privatarchiv Daniel ran beteiligt, größere Schläge gegen Partisanen in Sloweni- Popielas, Welzow/Großräschen) en zu unternehmen. Dort führte es auch unter dem Kom mando von Martin Diez derartige Aktionen durch, bevor es dann nach Garmisch verlegt und im Juli 1942 in Polizei-Gebirgsjäger-Bataillon 325 umbe nannt wurde.2756 Das Polizeibataillon 325 erlangte Bekanntheit, weil in ihm seit April 1941 Er win Strittmatter diente, der später als gefeierter Schriftsteller in der DDR Karriere machte.2757 Seit April 1943 fungierte Diez als Kommandeur des Polizei-Schützenregiments 34, das in Nürnberg aufgestellt wurde.2758 Als Oberstleutnant befehligte er damit eine Einheit, die sich aus deutschen Offizieren und Unterführern zusammensetzte, während seine Mannschaften sowohl aus deutschen als auch aus ukrainischen Angehörigen bestanden. Am 16. August 1943 vernichtete das Polizei-Schützenregiment 34 gemeinsam mit dem Polizeiregiment 26 das jü dische Ghetto in Bialystok. Bei dieser Aktion wurden etwa 2.000 seiner Bewohner direkt er schossen, während 10.000 Menschen in Arbeitslager und die übrigen 13.000 nach Treblinka und Auschwitz kamen, wo sie ermordet wurden. Kein Angehöriger der beiden Verbände wurde nach Kriegsende für diese Verbrechen strafrechtlich belangt.2759 Bereits Anfang Mai 1943 hatte das I. Bataillon des Polizei-Schützenregiments 34 ein ukrainisches D orf zerstört und 2751 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 15c - M artin Diez, Abschrift von Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 01.11.1939. 2752 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 73, 05.12.1940. 2753 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 15c - M artin Diez, Abschrift: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 09.01.1941. 2754 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Martin Diez, Abschrift: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 15.04.1941. 2755 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - M artin Diez, Auszug von Abschrift: I. A. von Grolman (RFS SuChdDtPol) an u. a. Polizeischule Berlin-Köpenick: Fernschreiben, 20.01.1942. 2756 Vgl. Arico, Ordnungspolizei, S. 497 f.; Tessin, Stäbe, S. 100; Michaelis, Einsatz, S. 51 und 53. 2757 Vgl. Werner Liersch, Die Geschichte der Ordnungspolizei, keine Geschichte der DDR - eine Skizze am Beispiel der verschwiegenen Zugehörigkeit des namhaften DDR-Autors Erwin Strittmatter zur Orpo, in: Schulte, Polizei, S. 159-177, hier: S. 163. 2758 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 29, Schnellbrief: I. A. Grünwald (Chef der O rdnungspo lizei) an u. a. Polizeischule FFB: Aufstellung von Regimentsstäben für die Polizei-Schützen-Regimenter 31, 33, 34 und 35, 21.04.1943, S. 3. 2759 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 361 f. und 532; Curilla, Ordnungspolizei, S. 702; Ders., Judenmord, S. 327-329. Zur Auflösung des Bialystoker Ghettos und zu den Nachkriegsverfahren ferner: Katrin Stoll, Die „Räumung“ des Bialystoker Ghettos in den Aussagen von „Täter-Zeugen“, in: Schulte, Poli zei, S. 263-304. 508 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck dabei seine mindestens 180 Bewohner ermordet.2760 Am 15. November 1943 wurde Oberst leutnant Diez als Regimentskommandeur abgelöst.2761 Anschließend befehligte er das SS-Polizeiregiment 1, als ihn Wünnenberg am 22. Januar 1945 zum Oberst der Schutzpolizei beför derte.2762 Daran konnte er sich jedoch nicht mehr lange erfreuen, da er noch im Januar 1945 bei Budapest fiel.2763 Während sich Diez im Krieg lange im „auswärtigen Einsatz“ befand, ist von seinem Nach folger an der Polizeischule Fürstenfeldbruck dahingehend nichts bekannt. Arno Hagemann wurde am 18. August 1892 im schlesischen Oberleisersdorf geboren.2764 Nachdem er in Lieg nitz bis 1905 das städtische Gymnasium besucht hatte, diente er im Kadettenkorps in Köslin und in Groß-Lichterfelde südwestlich von Berlin. Ab Anfang April 1911 befand er sich als Fähnrich im Hamburger Infanterie-Regiment 76, in dem er schon im Jahr darauf zum Leut nant aufstieg. Von 1914 bis 1918 nahm er an dessen Einsatz im Ersten Weltkrieg teil, bei dem er zweimal verwundet wurde. Die Armee verließ er offiziell Ende des Jahres 1920 als hoch dekorierter Oberleutnant, der sowohl das EK I. als auch II. Klasse sowie das Hamburger Han seatenkreuz und das Verwundetenabzeichen in schwarz erhalten hatte. Schon zuvor war er jedoch am 19. Oktober 1920 im gleichen Rang in die Berliner Schutzpolizei eingetreten, in der er bis 1928 als Hundertschaftsführer und Reviervorsteher tätig war. Danach wechselte er bis 1929 nach Schleswig, um dort ebenfalls eine Polizeieinheit zu führen. Das tat er anschlie ßend auch in Halle an der Saale, wobei er dort und in Magdeburg bis 1935 auch andere Auf gaben wahrnahm und z. B. im Stab einer Landespolizeiinspektion eine Abteilung leitete. Der bereits am 20. April 1934 zum Major ernannte Polizeioffizier kam zwischen 1935 und 1939 als Abschnitts- und Abteilungskommandeur nach Köln, um hernach bis 1941 die Chemnitzer Schutzpolizei zu kommandieren. Das tat er als Oberstleutnant, zu dem er am 30. Januar 1939 befördert worden war.2765 Im gleichen Jahr kam er vier Wochen lang ins Sudetenland, um dort Grenzschutz zu leisten.2766 Während er in Chemnitz seinen eigentlichen Standort hatte, war er zunächst zur Polizei schule Berlin-Köpenick und ab 4. März 1941 zur Brucker „Kaderschmiede“ erst nur abgeord net.2767 Letztlich versetzte Daluege den neuen Kommandeur am 1. Juli 1941 auch dorthin, wo mit die oberbayerische Lehranstalt seitdem als Hagemanns neue Heimatdienststelle fungierte.2768 Dort wurde er am 21. Juni 1942 zum Oberst der Schutzpolizei ernannt und lei tete die Polizeischule in diesem Rang, bis sie das Hauptamt Ordnungspolizei kurz vor Kriegs 2760 Vgl. Curilla, Ordnungspolizei, S. 732. 2761 Vgl. Der., Judenmord, S. 328. 2762 Vgl. BAB, R 19/8, Schnellbrief: m. d. F. b. Wünnenberg (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. BdO Stet tin, 22.01.1945, Bl. 109. 2763 Vgl. BayHStA München, M Inn 98773 - Martin Diez, Entwurf: I. A. Brandl (StMdI) an Landrat FFB: Hinterbliebenenbezüge für die Angehörigen des Obersten der Schupo M artin Diez, 06.04.1948; BAL, B 162/26624 (1 AR 2476/64), Bezirksfinanzdirektion München an Zentrale Stelle der Landesjustizver waltungen: Vollzug des §3, 3 a G 131, 23.11.1964, Bl. 75. 2764 Zu den folgenden Ausführungen über Arno Hagemann sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann; StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann. 2765 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann, Abschrift: Hagemann: Lebenslauf, 18.03.1948. 2766 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann, Matzinger (Spruchkammer FFB): Pro tokoll der öffentlichen Sitzung am 15. März 1948 - Anlage zum Sitzungsprotokoll im Falle Hagemann, Arno, Emmering, 22.03.1948, S. 1. 2767 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann, Abschrift: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 19.02.1941. 2768 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann, Abschrift: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Sofort!, 15.06.1941. 5 0 9 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank ende außer Betrieb stellte. Am 21. Mai 1945 nahmen ihn dann die Amerikaner gefangen.2769 Die Besatzer hielten ihn daraufein 15 Monate lang in Haft, worüber er sich später arg be schwerte: „Ich habe genug am eigenen Leibe die Rechtshandhabung der Amerikaner erfah ren müssen, um zu wissen, daß selbst ihr so gepriesenes angeblich höchstes Gut der persön lichen Freiheit keinen Schuß Pulver wert ist, wenn es ihnen in den Kram paßt“, wie Hagemann schrieb. Obwohl er über ein ärztliches Attest verfügt habe, das ihm bescheinigt habe, dass er haftunfähig sei, hätten ihn die Amerikaner zuhause an Pfingsten „im Jahre des Heils 1945“ verhaftet. Deswegen habe er auch seine Wohnung verloren und „hause noch heute - nach 5 Jahren! - mit 3 Personen in meiner Stellung nach, nicht nur unzulänglichen, sondern - un würdigen Verhältnissen (1 Zimmer u. 1 Speicherdurchgang, letzterer mit schrägen Wänden u. 2 kleinen, schmalen Oberlichtfenstern, wie in einem Gefängnis)“.2770 Im Jahre 1946 hatte er sich jedoch noch im Brucker Kriegsgefangenenlazarett befunden, das damals in seiner al ten Wirkungsstätte untergebracht war.2771 Am 15. März 1948 musste Hagemann vor der Spruchkammer Fürstenfeldbruck erklären, welche Rolle er in der ordnungspolizeilichen Lehranstalt während des „Dritten Reichs“ ge spielt hatte. Wie das Sitzungsprotokoll offenbart, verklärte er diese gehörig. So habe er sich als Kommandeur zunächst einmal darum gekümmert, dass seine Schule auf Vordermann gebracht und dabei sauber und ordentlich wurde. Soweit es ihm möglich war, habe er außer dem „politisches gänzlich ausgeschieden [...] und mehr Wert auf die Fachausbildung gelegt“.2772 Weil er nicht mit den Nationalsozialisten konform gegangen sei, hätten sie ihn deshalb be nachteiligt. Nach Köln sei er seinerzeit etwa strafversetzt worden, weil er zuvor Beamte noch einmal besonders exerzieren ließ und sie dadurch bestraft habe, nachdem sie auf dem Hof der Kaserne nationalsozialistische Lieder gesungen hatten. Darüber hinaus deutete er die Dienstgradangleichung allgemein um und behauptete einfach, die Polizisten seien befördert und „ohne besonderen Antrag“ in die Schutzstaffel aufgenommen worden.2773 Ferner sei er irgendwann mit Gerret Korsemann aneinandergeraten. Da sich dieser angeblich „ganze Ei senbahnwaggone mit Sachen aus Russland“ und aus Frankreich nach Fürstenfeldbruck kom men ließ, habe Hagemann interveniert, weshalb sein Vorgänger versetzt worden sei.2774 Was ihr ehemaliger Chef dem Brucker Laiengericht berichtet hatte, bestätigten Robert Schwahn und Dr. Helmut Herzog, die bei dem Verfahren als Zeugen geladen waren.2775 Die Spruchkammer stufte Hagemann daraufein noch am gleichen Tag als vom Befreiungs gesetz nicht betroffen ein, weil er nur in der NSV, nicht aber in der NSDAP oder einer Par teigliederung gewesen sei. Er habe sich auch nicht für den Nationalsozialismus eingesetzt, sondern lediglich seinen polizeifachlichen Dienst verrichtet. Außerdem habe er als Kom mandeur „nazistische Gedankengänge nicht vertreten“. Stattdessen habe er es vielmehr ab gelehnt, „Schüler und Anwärter zu parteipolitischen Zwecken zu missbrauchen“. Dabei habe 2769 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann, Abschrift: Hagemann: Lebenslauf, 18.03.1948. 2770 BayHStA München, MInn, 99635 - Arno Hagemann, Hagemann an StMdI: Nachzahlung v. Dienst bezügen, 16.04.1950. 2771 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann, Hagemann: Meldebogen auf G rund des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946, 08.05.1946. 2772 StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann, Matzinger (Spruchkammer FFB): Protokoll der öffentlichen Sitzung am 15. März 1948, 22.03.1948, S. 2. 2773 StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann, Matzinger (Spruchkammer FFB): Protokoll der öffentlichen Sitzung am 15. März 1948 - Anlage zum Sitzungsprotokoll im Falle Hagemann, Arno, Emmering, 22.03.1948, S. 1. 2774 Ebd., S. 2. 2775 Vgl. ebd., S. 2. 510 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck er „oftmals unter schwierigsten Umständen seinen Standpunkt gegenüber der Partei in hef tigster Weise und unter Einsatz seiner Person durchgesetzt“. Mehr noch habe er sich sogar dagegen verwehrt, „dass die sogenannte politische Schulung, die vom Staat vorgeschrieben war [sic!] sich nur auf parteiliche Propaganda und Ausnutzung für nazistische Ideologien auswirkte, sondern er hat jedesmal sofort [sic!] wenn er derartige Bestrebungen einzelner Fachlehrkräfte bemerkte [sic!] dagegen Stellung genommen und sich bis zu seiner Dienst stelle hinauf für die Absetzung derartiger Kräfte eingesetzt“.2776 Hagemann gelang es also nicht nur, sich selbst, sondern auch gleich die weltanschauliche Schulung zu entnazifizieren, die in seiner Dienststelle stattgefunden hatte. Daraufain versetzte ihn das bayerische Innen ministerium am 15. Mai 1948 auf seinen eigenen Antrag hin in den Ruhestand, weil er dienst unfähig sei.2777 In den fünfziger Jahren zog er nach Niederpöcking bei Starnberg, wo er als „131er“ finanziell versorgt war.2778 Wie die allermeisten Polizeibeamten des NS-Regimes konn te auch er sein Leben unbehelligt weiterführen. Insgesamt ergeben sich einige Gemeinsamkeiten unter den Kommandeuren der Polizei schule Fürstenfeldbruck: Allesamt waren sie höhere Polizeioffiziere, die zumindest teilweise schon im Ersten Weltkrieg und hernach in Freikorps gedient hatten, bevor sie in der Wei marer Republik in die Ordnungsmacht gelangten. Vom Volksschulabgänger über Abiturien ten bis hin zu promovierten Akademikern waren alle Bildungsniveaus vertreten. Unabhän gig von ihren Abschlüssen konnten sie alle rasch die Karriereleiter nach oben steigen, was ihnen Himmlers Personalpolitik zusätzlich erleichterte. Alles andere als hinderlich war es dabei für die Oberbeamten, dass sie der Partei und ihren Unterorganisationen mehr oder minder nahestanden. Jedoch diente ihnen gerade auch die Brucker „Kaderschmiede“ als Sprungbrett. Denn nachdem sie diese geleitet hatten, erlangten sie alle - abgesehen von Ha gemann - vor allem während des Krieges recht hohe Posten, die meist mit einem „auswär tigen Einsatz“ verbunden waren. Einige von ihnen entwickelten dabei eine enorme Macht fülle und waren sogar für Massenverbrechen in ihrem Einflussbereich verantwortlich. Das kennzeichnet sie als skrupellose Karrieristen, die für ihren Aufstieg durchaus bereit waren, über Leichen zu gehen. Einzig Dr. Fritz Schade fügte sich nicht in diese Reihe ein, stand er dem NS-Regime doch so ablehnend gegenüber, dass er sich sogar im Widerstand betätigte und Juden sowie anderen Verfolgten half. Sein heldenhaftes Engagement war unter sämtli chen untersuchten Polizisten von Fürstenfeldbruck einzigartig und beweist ferner, dass nie mand zwangsläufig zu einem Täter werden musste. Er steht für die nur allzu wenigen Beam ten, die sich gegen eine mit allen Mitteln vorangetriebene Karriere und für die Menschlichkeit entschieden. 2776 StAM, Spruchkammern Karton 2747 - Arno Hagemann, Abschrift: Hantke (Spruchkammer FFB): Spruch, 15.03.1948, S. 1f. 2777 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Arno Hagemann, Abschrift von Abdruck: I. A. von Lex (StMdI) an Regierung von Oberbayern: Ruhestandsversetzung des Oberst d. Schutzpolizei Arno Hagemann, 15.05.1948. 2778 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 8b - Arno Hagemann, Abdruck: Bischoff (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Vollzug des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter das Bayer.Gesetz zu Art. 131 GG vom 31.7.1952 (GVBl.S.285) fallenden Personen, 15.06.1954. 511 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank 7.4 Von der Tafel an den Tatort - Die Lehrer Nicht nur die Kommandeure der Polizeischule Fürstenfeldbruck durchliefen verschiedene Positionen im nationalsozialistischen Polizeistaat und halfen maßgeblich dabei mit, ihn über haupt erst Realität werden zu lassen. Auch zahlreiche Lehrkräfte prägten die oberbayerische „Kaderschmiede“, da sie es waren, die insgesamt Tausende von Offiziersanwärtern auf ihren Dienst in Himmlers Reich und auf den „auswärtigen Einsatz“ vorbereiteten. Während sich die Angehörigen der kasernierten Einheiten im Truppendienst befanden, war das Lehr- und Stammpersonal an den polizeilichen Bildungsstätten hingegen grundsätzlich dem Einzel dienst zugeordnet.2779 Allerdings war das Stammpersonal in Fürstenfeldbruck kein in sich geschlossener Kreis, der über Jahre hinweg unverändert blieb. Verantwortlich dafür war der Umstand, dass ein Großteil der Lehrerschaft ständig wechselte, weil das Hauptamt Ordnungs polizei sie einerseits mit neuen Männern verstärkte und andererseits erfahrene Brucker Be amte zu anderen Standorten und Einheiten inner- wie außerhalb des Deutschen Reichs ab berief. Daher kann nicht von dem Personal gesprochen werden, das an der Lehranstalt in Fürstenfeldbruck wirkte. Denn es lässt sich nicht vollständig ermitteln, wie viele Fachkräfte sie im Laufe der Zeit überhaupt beherbergte. Mitte Juni 1941 gab das Hauptamt Ordnungs polizei an, dass an dieser Institution insgesamt 59 Beamte tätig waren, von denen 17 auf das Kommando, 33 auf das Lehrpersonal, fünf auf den Kraftfahr- und vier auf den Sanitätsdienst entfielen.2780 Allerdings war das nur eine Momentaufnahme. Zu Beginn des Jahres 1942 erstellte Kom mandeur Hagemann eine Liste über seine Schulgemeinschaft, aus der entnommen werden kann, dass sich das Stammpersonal aus 68 Offizieren und sonstigen Polizeibeamten, acht An gestellten und 33 Lohnempfängern zusammensetzte.2781 Ein Stellenplan für das Rechnungs jahr 1942 hingegen liefert wieder andere Angaben, die noch für den 8. Mai 1945 galten und daher für die Polizeischule offenbaren, wie viele Polizisten an ihr noch bei Kriegsende besol det waren. Von nun insgesamt 70 Staatsdienern waren 60 in der Schutzpolizei und sieben im Verwaltungsdienst, zu denen noch zwei technische Beamte und ein Mediziner hinzuka men.2782 All diese Zahlen können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass nur die we nigsten von diesen Männern dauerhaft an der Schule blieben.2783 Dieses Phänomen beschränk te sich jedoch nicht auf die Brucker Bildungsstätte oder die Ordnungspolizei. Denn auch die Angehörigen anderer Institutionen mussten häufig ihre Dienststellen wechseln, damit sie sich einerseits in ihren jeweils neuen Standorten einbrachten und weiterqualifizierten. An dererseits sollten sie vor Ort nicht allzu enge persönliche Beziehungen zu anderen unterhal ten, sondern sich vielmehr auf ihre beruflichen Aufgaben konzentrieren. Eine solche Perso nalpolitik zielte darauf ab, dass sie Geborgenheit stattdessen in den kameradschaftlichen 2779 Vgl. Deuster, Polizei-Uniformen, S. 26. 2780 Vgl. DHPol, PG 5.2.2-5/1941, Stellenpläne der Inspekteure der Ordnungspolizei und Sachbearbeiter bei den Regierungen pp und Gliederungen der Schutzpolizei für das Rechnungsjahr 1941, S. 144. 2781 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 62, Hagemann (Polizeischule FFB): Gliederung der Ver waltungspolizei und den Personaleinsatz bei der Polizei-Offizier-Schule in Fürstenfeldbruck, 17.01.1942. 2782 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 64, I. V. Deuringer (Bayerische Polizeischule - IVc) an L III: Ehemalige bayer. Polizeibeamte, die am 8.5.45 planmäßig im Stellenplan der bayer. Polizei (rechts des Rheins) geführt wurden und für die die Landpolizei die Abwicklungsaufgaben zu übernehmen hat, 07.02.1951, S. 1. 2783 Wie stark die Personalfluktuation innerhalb der Brucker Lehranstalt war, verraten die zahlreichen Kommandobefehle, die recht häufig von Zu- und Abgängen berichteten. Vgl. dazu BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 11-19. 512 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck Organisationen und Zusammenschlüssen des lokalen SS- und Polizeiapparats suchen und in ihnen aufgehen sollten. Im Durchschnitt verweilten z. B. die allermeisten Leiter der Staats polizeistellen deshalb nur knapp eineinhalb bis zwei Jahre in einer Behörde, um dann in die nächste zu gelangen.2784 Insofern ist es kaum möglich, sämtliche Beamten zu ermitteln oder gar deren Werdegänge eingehend zu untersuchen, die an der Polizeischule Fürstenfeldbruck daran mitwirkten, die neuen Offiziere des NS-Staats heranzubilden. Dennoch sollen einzel ne Vertreter ein wenig näher betrachtet werden, die sich durch ihre beruflichen Lebenswe ge besonders hervortaten. Zu ihnen gehörte ein Mann, der Korsemanns steile Karriere phasenweise begleitete und mit ihm gemeinsam an der Brucker Lehranstalt tätig war. Werner Mundhenke wurde am 13. März 1907 in Berlin als Sohn eines Vollstreckungssekretärs geboren und studierte von Ap ril 1925 dort auch Rechtswissenschaften, was er jedoch im März 1926 abbrach.2785 Am 3. Ap ril 1929 trat er in die Schutzpolizei Brandenburg an der Havel ein und war nach seiner Aus bildung bis Ende März 1934 zunächst in Berlin beschäftigt. Anschließend ging er bis 31. März 1936 zur Landespolizeiinspektion Brandenburg in den Innendienst, um hernach erneut in die Reichshauptstadt zu gelangen, wo er bis Ende Juni 1939 beispielsweise an der Polizeischu le Berlin-Köpenick tätig war. Während dieser Zeit konnte er am 1. April 1934 zum Leutnant, am 1. Juli 1936 zum Oberleutnant und am 10. September 1937 zum Hauptmann aufsteigen. Nachdem er im Jahre 1923 noch als Schüler in die Bismarckjugend der DNVP eingetreten war, wechselte er 1927 in die NSDAP und zugleich in die SA. Beide Mitgliedschaften been dete er im Jahre 1929, trat jedoch am 1. April 1933 wieder Hitlers Partei bei. Parteipolitisch war der „Alte Kämpfer“ also etwas wankelmütig und opportunistisch veranlagt.2786 Am 1. Juli 1939 wurde Mundhenke zur Polizeischule Fürstenfeldbruck versetzt, die bis Kriegsende sei ne Heimatdienststelle blieb, wobei er dann am 1. November 1942 auch noch zum Major auf steigen konnte.2787 An der oberbayerischen Lehranstalt unterrichtete er diverse rechtliche Fä cher, wozu vor allem das Polizeirecht und das Beamtenrecht zählten.2788 Während des Zweiten Weltkriegs stand er aber weniger an der Tafel, sondern gelangte viel mehr an zahlreiche Schauplätze des deutschen Besatzungsterrors. Seit 8. November 1939 fun gierte er als Adjutant im Polizeiregiment Lublin, dessen Kommandeur zunächst sein Chef, Gerret Korsemann, war.2789 In dieser Funktion trat Mundhenke mit Wirkung vom 1. Juni 1940 auch der SS bei, nachdem sich mindestens einer seiner Kameraden für ihn beim SS-Personalhauptamt stark gemacht hatte. Denn der Regimentsadjutant habe eines Abends gegen über SS-Obergruppenführer August Heißmeyer, SS-Brigadeführer Odilo Globocnik und an deren darüber geklagt, dass er sich als „alter Nationalsozialist“ schon mehrfach erfolglos für 2784 Vgl. Gerhard Paul, Ganz normale Akademiker. Eine Fallstudie zur regionalen staatspolizeilichen Funk tionselite, in: Ders., Gestapo (2003), S. 236-254, hier: S. 245 f. 2785 Zu den folgenden Ausführungen über Werner Mundhenke sofern nicht anders angegeben vgl. BAB, SSO und RS - Werner Mundhenke; BayHStA München, M Inn 101546 - Werner Mundhenke; BayF- HVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke. 2786 Vgl. dazu BAB, SSO und RS - Werner Mundhenke. 2787 Vgl. BayHStA München, M Inn 101546 - Werner Mundhenke, Kalmer (StMdI): Berechnung des Be soldungsdienstalters für Major der Schutzpolizei z.Wv. Werner Mundhenke bei der Offz.-Schule der Ordnungspolizei in Fürstenfeldbruck, 05.03.1956. 2788 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offi zieranwärter-lehrganges, 10.04.1941. 2789 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke, Abschrift von Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an Polizeischule FFB, 04.11.1939. 513 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank die SS beworben habe.2790 Am 15. April 1941 kam er wieder nach Fürstenfeldbruck zurück, um dort nun als „Praktiker“ wieder zu unterrichten.2791 Doch bereits am 28. Oktober 1941 wurde er wieder in den „Osten“ abgeordnet, wo er zunächst bis 31. August 1942 in der Ukra ine eingesetzt war und anschließend bis zum 27. März 1943 nach Kaukasien kam.2792 Unmit telbar danach befand er sich vom 1. April bis zum 16. Mai 1943 im Generalgouvernement und daraufain in Minsk, wo er für den HSSPF Russland-Mitte und Weißruthenien bis Ende Sep tember 1943 tätig war.2793 In dessen Stab fungierte Mundhenke als Major z. B. V., konnte aber nicht als Bataillonskommandeur arbeiten, weil er dafür noch keinen entsprechenden Kurs besucht hatte.2794 Daher sollte er vom 20. September bis 30. Oktober 1943 den 15. Taktiklehr gang für Offiziere der Ordnungspolizei absolvieren, den die Polizei-Waffenschule I in Dres den-Hellerau veranstaltete.2795 Doch es kam anders: Seit dem 19. September 1943 fungierte Mundhenkes alter Kollege, SS- Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Odilo Globocnik, als HSSPF für die Ope rationszone „Adriatisches Küstenland“ mit Sitz in Triest.2796 Himmler befahl daraufain am 22. September, einen BdO in diesem Gebiet einzurichten und mit Oberstleutnant Hermann Kintrup zu besetzen, der zuvor noch das SS-Polizeiregiment 25 geleitet hatte. Kintrups Stabs chef wurde nun Major Mundhenke, der seinen militärtaktischen Lehrgang deshalb nicht mehr abschließen konnte.2797 Er leitete den Führungsstab für die „Bandenbekämpfung“, wo bei er sich anscheinend so hervortat, dass er sogar gleich zweimal das Bandenkampfabzei chen erhielt, das seinen Einsatz gegen Partisanen würdigen sollte.2798 Denn gerade in der Ope rationszone „Adriatisches Küstenland“ gab es eine recht starke Partisanentätigkeit. Deshalb verübten die deutschen Besatzer dort einen brutalen Terror gegen echte Partisanen und die unschuldige Zivilbevölkerung.2799 Mundhenke bekam außerdem noch das EK I. sowie II. Klasse und hatte während des Zweiten Weltkriegs auch am 20. April 1941 in Krakau das KVK 2. Klasse mit Schwertern, am 19. August 1942 die Ostmedaille und am 1. September 1942 das 2790 BAB, SSO - Werner Mundhenke, Tondock an Chef des SS-Personalhauptamtes: Wiederholte Gesu che des Hauptmanns der Schutzpolizei Mundhenke um Aufnahme in die SS, 28.06.1940. 2791 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 16, 08.04.1941; Deutsche Dienststelle (WASt), Karteikarte - Werner Mundhenke. 2792 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 100, I. A. [unleserlich] (HSSPF Kaukasien - Reststab): Be scheinigung, 17.05.1943. 2793 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 100, I. A. [unleserlich] (HSSPF Russland-Mitte und Weiß ruthenien): Bescheinigung, 12.09.1943. 2794 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 12g - Werner Mundhenke, Abschrift von Fernschrift: Schindlmeier (Polizeischule FFB), [09.06.1943]. 2795 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke, Abschrift von Schnellbrief: I. A. Pretzell (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: 15. Taktik-Lehrgang für Offiziere der Ordnungspolizei, 30.08.1943. 2796 Vgl. Birn, Höheren SS- und Polizeiführer, S. 334. 2797 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 29, Schnellbrief: I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Aufstellung eines Stabes für den Befehlshaber der Ordnungspolizei für das ad riatische Küstenland m it Dienstsitz in Triest, 22.09.1943, S. 2. 2798 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 29, 30.11.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kom mando-Befehl Nr. 5, 02.03.1945. 2799 Vgl. Karl Stuhlpfarrer, Die Operationszonen „Alpenvorland“ und „Adriatisches Küstenland“ 1943 1945, Publikationen des österreichischen Instituts für Zeitgeschichte und des Instituts für Zeitgeschich te der Universität Wien, Bd. 7, Wien 1969, S. 92-96. 514 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck K V K 1. Klasse mit Schwertern erhalten.2800 Als Deutschland am 8. Mai 1945 bedingungslos kapitulierte, war er immer noch bei der Polizeischule beschäftigt, was sich bis zum 7. Juli 1945 nicht änderte. Denn offiziell sollte er erst an diesem Tag außer Dienst gestellt werden.2801 In Cham geriet er jedoch schon am 13. Juni 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft, die er bis zum 10. Oktober 1946 im Internierungslager Moosburg verbrachte, bis er den deutschen Behörden übergeben wurde.2802 Nachdem er entlassen worden war, wohnte er im Forsthaus Schöngeising.2803 Aus seinem Spruchkammerverfahren ging er Mitte Januar 1949 als „M it läufer“ hervor.2804 In den fünfziger Jahren zog er ins fränkische Hof und konnte als „131er“ durch ein Übergangsgehalt vom bayerischen Staat versorgt werden.2805 Dort arbeitete Mund henke als Geschäftsführer der Scala und des Regina-Filmtheaters, bis er am 23. Februar 1958 an den Folgen eines Schlaganfalls starb. Sein Sterbekärtchen trägt die Widmung: „Sein Le ben war aufopfernde Güte und Pflichterfüllung“.2806 Der am 10. April 1911 in Speyer geborene Hauptmann Theodor Brecht befand sich offiziell seit 1935 bis Kriegsende fast durchgehend im Dienste der Brucker Polizeischule, leitete zwi schenzeitlich jedoch eine Kompanie des Polizeibataillons 253.2807 Diese in Fürstenfeldbruck aufgestellte Einheit sollte jedoch nicht seine einzige Station im „auswärtigen Einsatz“ blei ben. Am 1. Oktober 1943 befahl Himmler dem BdO in Italien, aus Freiwilligen das Polizei regiment Südtirol aufzustellen, das Ende des Monats in Polizeiregiment Bozen umbenannt wurde und seinen Heimatstandort in Innsbruck hatte.2808 Dem Regimentskommandeur, Oberst Alois Menschik, diente Brecht als Adjutant, der zuvor noch zum Polizeiausbildungs regiment Oranienburg nach Bergzabern abgeordnet war. Vom Stammpersonal der Schule kam auch Hans Zentgraf, der nun die 9. Kompanie leitete. Ehemalige Schüler aus Fürsten feldbruck verrichteten ebenfalls ihren Dienst im Polizeiregiment Bozen. Dazu gehörten etwa der Teilnehmer des 28. OAL, Hans Mülich, von der Gendarmerieschule Fraustadt, der als Adjutant des 1. Bataillons zum Einsatz kam, und Anton Zachbauer vom 22. OAL, der von der gleichen Schule der Gendarmerie nun als Adjutant des II. Bataillons wirkte.2809 Auch in sol 2800 Vgl. WASt, Karteikarte - Werner Mundhenke; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 24, 17.06.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 2, 04.02.1944; BayHStA München, Polizei schule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 7, 17.03.1945. 2801 Vgl. BayHStA München, MInn 101546 - Werner Mundhenke, Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Vollzug des Bayer.Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter § 63 des Geset zes zu Art. 131 GG fallenden Personen vom 31.7.1952 (GVBl. S. 235), 16.02.1956. 2802 Vgl. WASt, Kriegsgefangenenakte - Werner Mundhenke. 2803 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 87, Entwurf: W irth (Leiter der Landpolizeischulen) an u. a. Mundhenke: Versorgung nach Gesetz 131, 15.06.1951. 2804 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke, Abschrift von Abschrift: Dr. Lochner (Be rufungskammer für Oberbayern - Senat Freising): Spruch, 19.01.1949. 2805 Vgl. BayHStA München, MInn 101546 - Werner Mundhenke, Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Vollzug des Bayer.Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter § 63 des Geset zes zu Art. 131 GG fallenden Personen vom 31.7.1952 (GVBl. S. 235), 16.02.1956. 2806 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke, Sterbekarte, [Februar 1958]; BayFHVR Pol FFB, Ordner 12g - Werner Mundhenke, Schreiben der Witwe an Bayerische Polizeischule, 28.02.1958. 2807 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2733 - Theodor Brecht. 2808 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 29, Schnellbrief: I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Aufstellung des Polizei-Regiments Bozen, 01.10.1943. Ferner: Klemp, Poli zeibataillone, S. 53 und 531. 2809 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 29, Schnellbrief: I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Aufstellung des Polizei-Regiments Bozen, 01.10.1943, S. 3-5. 515 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank chen Episoden offenbart sich, wie der „auswärtige Einsatz“ ehemalige Schüler und Lehrer wiedervereinen konnte. Der am 1. August 1893 in Weißhof im Kreis Koschmin geborene Bruno Koschmieder war ab Juni 1941 an der Polizeischule Fürstenfeldbruck tätig. Er war Weltkriegsveteran und ein erfahrener Offizier der Weimarer Staatsgewalt, der bereits im Frühjahr 1922 seinen Lehrgang an der Höheren Polizeischule in Eiche erfolgreich absolviert hatte. Danach arbeitete er an verschiedenen Standorten in Norddeutschland unter anderem als Fachlehrer und Revierfüh rer. Am 1. Mai 1937 trat er in die NSDAP ein, nachdem er in den Anfangsjahren des „Drit ten Reichs“ anderen NS-Organisationen wie der N SV oder dem RLB sowie dem RKB beige treten war. Am 2. März 1938 erhielt er seine Beförderung zum Major und leitete ab Mitte November 1939 zunächst das Polizeiausbildungsbataillon Spandau und ab 26. Mai 1940 das Polizeiausbildungsbataillon Oranienburg. Nachdem es im August 1940 in das Polizeibatail lon 310 umfunktioniert worden war, fungierte Koschmieder offiziell vom 1. Oktober 1940 bis 3. Juni 1941 als dessen Kommandeur.2810 Ab 15. Oktober 1940 war seine Einheit in Tschenstochau und Umgebung innerhalb des Generalgouvernements eingesetzt, wo seine Angehöri gen nicht nur polizeiliche Sicherungs- und Bewachungsaufgaben ausführten, sondern auch zahlreiche Verbrechen verübten. Sie trieben beispielsweise Polen und Juden zusammen, um sie Zwangsarbeit für verschiedene deutsche Behörden verrichten zu lassen. In Tomaszow wa ren sie daran beteiligt, ein Ghetto einzurichten und anschließend zu bewachen, wobei letz teres auch in Petrikau geschah. Währenddessen raubten sie Waren, die den Juden gehörten. Außerdem wirkten sie daran mit, über 100 Menschen ins KZ Auschwitz zu deportieren. Da rüber hinaus verhafteten sie Mitglieder des polnischen Widerstands und erschossen zahlrei che polnische „Geiseln“ zwecks „Sühnemaßnahmen“ sowie angebliche Verbrecher, die das Sondergericht Tschenstochau oder der BdS zum Tode verurteilt hatte. Koschmieder war als Chef seiner Einheit für deren Gräueltaten verantwortlich. Nachdem er seinen Posten in Fürs tenfeldbruck übernommen hatte, wütete das Polizeibataillon 310 unter seinem neuen Kom mandeur Bruno Holling vor allem in Weißrussland und in der Ukraine aber noch schlim mer gegen Juden und angebliche Partisanen.2811 Vom 4. Juni 1941 bis Kriegsende war Koschmieder an der Brucker Lehranstalt als Taktiklehrer und Lehrgangsleiter tätig. Hitler ernannte ihn am 18. November 1943 zum Oberstleutnant. Nach Kriegsende entlastete ihn die Spruchkammer in Fürstenfeldbruck durch die Weihnachtsamnestie von 1946. Dort lebte er weiterhin unbehelligt, wobei er am 15. Mai 1948 wieder in die Polizei eingestellt und aus ge sundheitlichen Gründen gleichzeitig in den Ruhestand versetzt wurde.2812 Koschmieder war jedoch keineswegs der einzige Vertreter des Brucker Personals, der dem Polizeibataillon 310 angehörte. Ein weiterer Exponent der Polizeischule Fürstenfeldbruck war der am 3. März 1913 in Leip zig geborene Kurt Brändel, der ihr als Ausbilder und Sportlehrer erhalten blieb, nachdem er den 4. OAL bestanden hatte.2813 Vom 13. Oktober bis 5. November 1938 war er mit dem III. Ba 2810 Vgl. dazu BayFHVR Pol FFB, Ordner 10k - Bruno Koschmieder. 2811 Zum Polizeibataillon 310 und seinen Verbrechen vgl. Curilla, Ordnungspolizei, S. 655-675; Ders., Ju denmord, S. 428-434; Klemp, Polizeibataillone, S. 279-281; Ders., Oranienburger Polizeieinheiten, S. 88 f. 2812 Vgl. dazu BayFHVR Pol FFB, Ordner 10k - Bruno Koschmieder. Zum Spruchkammerverfahren vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2759 - Bruno Koschmieder. 2813 Zur Biographie von Kurt Brändel vgl. im Folgenden BayFHVR Pol FFB, O rdner 15c - Kurt Brändel, Abschrift von Abschrift: I. A. Lenger (RFSSuChdDtPol): Auszug, 16.12.1937. 516 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck taillon des Polizeiregiments 1 im jüngst besetzten Sudetenland eingesetzt.2814 Nach seiner Rückkehr zur Lehranstalt war er dort bis zum 3. September 1939 tätig, um danach bis zum 15. November dienstlich in Augsburg zu wirken. Anschließend fungierte er als Kompanie führer und Ausbilder im Polizeiausbildungsbataillon Fürstenfeldbruck. Nachdem es zum Po lizeibataillon 253 umfunktioniert worden war, marschierte er mit ihm nach Norwegen und führte darin bis zum 1. April 1941 eine Kompanie. Brändel kam sodann nach Oranienburg, wo er letztlich als Lehroffizier an der Kolonialpolizeischule tätig war. Vom 30. Juni 1942 bis 1. Februar 1943 war er dann zum Polizeibataillon „Oranienburg“ abgeordnet.2815 Dabei han delte es sich um das Polizeibataillon 310, das in diesem Zeitraum zahlreiche Verbrechen be ging und seit 9. Juli 1942 mit zwei anderen Bataillonen zum Polizeiregiment 15 zusammen gefasst war. Im September 1942 ermordeten Angehörige der Einheit in Weißrussland zahlreiche Zivilisten, was unter dem Deckmantel der „Partisanenbekämpfung“ geschah. Da neben tötete das Polizeibataillon 310 allein 1.163 Menschen, als es die Dörfer Borki, Borysowka und Zablocie zerstörte. Außerdem war es Mitte Oktober gegen das Judenghetto von Brest eingesetzt. Die 1. Kompanie des Polizeiregiments 15 war dann Ende Oktober 1942 darin in volviert, das Ghetto von Pinsk völlig zu vernichten.2816 Nachdem er als Weltkriegsveteran bereits Mitte 1920 zum Polizeioffizier avanciert war und dann von September 1922 bis Januar 1923 einen Lehrgang in Eiche absolviert hatte, war der am 11. Juni 1896 in Birmingham geborene Konrad Rheindorf an den Standorten Kassel und Bochum tätig.2817 Mitte der dreißiger Jahre ermittelte der SD gegen ihn, weil er vor der „Macht ergreifung“ angeblich zu wohlwollend mit Juden umgegangen, dafür aber gegen die NSDAP eingeschritten sein soll. Die Vorwürfe scheinen für ihn jedoch folgenlos geblieben zu sein.2818 Mit Wirkung vom 1. Januar 1942 wurde er zur Polizeischule Fürstenfeldbruck versetzt, die bis Kriegsende seine Heimatdienststelle blieb.2819 Dort unterrichtete er unter anderem Poli zeitaktik und Lebenskunde.2820 Obwohl er im Sommer 1942 zum Oberstleutnant aufgestie gen war, versuchte Hagemann, ihn wenig später loszuwerden, indem er ihm eine schlechte Beurteilung ausstellte und damit Himmler ersuchte, ihn andernorts einzusetzen. Im Früh jahr 1943 wurde Rheindorf daraufain nach Lublin abgeordnet, wo er zunächst als stellvertre tender Kommandeur und Ia-Offizier im Polizeiregiment 25 tätig war.2821 Von September 1943 bis Juli 1944 fungierte Rheindorf dann als KdO in Lublin, dem eine Reihe von Einheiten unterstand, die daran beteiligt waren, Juden innerhalb seines Zustän 2814 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Kurt Brändel, Auszugsweise Abschrift: I. A. Hitzegrad (RFS SuChdDtPol), 13.10.1938 sowie I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 05.11.1938. 2815 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Kurt Brändel, Personalkarte zu Beförderungen und Versetzun gen sowie Diez (Polizeischule FFB): Beurteilung über den Oberleutnant der Schutzpolizei Kurt Brän del in Fürstenfeldbruck, 30.08.1941. Siehe zu Kurt Brändel auch Kapitel 5.3. 2816 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 279-281. 2817 Vgl. LAW - STAM, PP, 153, Personalbogen Conrad Rheindorf. In den Quellen findet sich die Schreib weise „Conrad“ oder „Konrad“, wobei letztere häufiger vorkommt, weshalb sie auch im Folgenden ge wählt wurde. 2818 Vgl. Stefan Klemp, „Aktion Erntefest“: Mit Musik in den Tod. Rekonstruktion eines Massenmords, Villa ten Hompel Aktuell 19, Münster 2013, S. 20. 2819 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 8, 18.03.1942. 2820 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 12, I. V. Lange (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des m it RdErl.vom 10.12.41 (RMBliV. S.2232 i) angeordneten 12. Reserve-Offizieranwärter-Lehrganges für Wachtm. (SB) der Schutzpolizei und Gendarmerie, 06.01.1942, S. 2. 2821 Vgl. Klemp, Aktion, S. 21. 517 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank digkeitsbereichs in Vernichtungslager zu deportieren oder direkt zu ermorden. In dieser Po sition war er gleichzeitig Kommandeur des SS-Polizeiregiments 25, das im Juli 1942 aus dem Stab des Polizeiregiments Lublin sowie den Reserve-Polizeibataillonen 65, 67 und 101 her vorgegangen und seither für zahlreiche Massenverbrechen verantwortlich war. Nachdem Rheindorf sein neues Amt übernommen hatte, führte diese Truppe ihr mörderisches Trei ben fort, indem sie eine große Anzahl von Juden und angeblichen Partisanen umbrachte.2822 Am 26. Juli 1944 geriet er bei Lublin in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst am 16. Oktober 1955 freikam.2823 Anschließend kehrte er zu seiner Frau nach Fürstenfeldbruck zurück.2824 Wenig später wollte er wieder an seiner alten Arbeitsstätte tätig werden. Aber die Bayerische Polizeischule teilte ihm mit, dass sie über keine freie Planstelle verfüge. Damit war Rheindorfs Karriere bei der deutschen Ordnungsmacht offenbar beendet.2825 In den sechziger und siebziger Jahren interessierte sich für den ehemaligen Oberstleutnant allerdings die Justiz, die gegen ihn wegen seiner möglichen Rolle unter anderem bei der „A k tion Erntefest“ vom 3. und 4. November 1943 ermittelte. An diesen beiden Tagen erschossen vor allem SS- und Polizeieinheiten im KZ Majdanek sowie in den beiden Zwangsarbeitsla gern Trawniki und Poniatowa mehr als 42.000 Menschen, womit der als „Aktion Reinhardt“ bezeichnete Massenmord an den Juden im Generalgouvernement beendet war.2826 Als Rhein dorf dazu vernommen wurde, stritt er jede Verantwortung ab und behauptete, von den Ta ten seiner Polizeiverbände nichts gewusst zu haben. „Von der Teilnahme an Exekutionen ist mir nichts bekannt“, wie er aussagte und zugleich bekräftigte, dass er sie „in Krakau schon abgelehnt“ habe.2827 Als KdO von Lublin habe seine „Hauptaufgabe in der Durchführung von Partisanen- und Bandeneinsätzen“ gelegen, wobei unter solchen „damals nicht etwa die Durchführung von Judenerschießungen zu verstehen“ gewesen sei. „Daß jemals Juden von Angehörigen der mir unterstellten Einheiten getötet worden seien, ist mir nicht bekannt geworden“.2828 Seiner Aussage nach habe er sich während der „Aktion Erntefest“ auf einer Dienstreise befunden und erst nach deren Ende davon erfahren. Weil die Staatsanwaltschaft Frankfurt ihm das Gegenteil nicht nachweisen konnte, stellte sie im April 1970 das Ermitt lungsverfahren gegen ihn ein.2829 Noch höher in der Hierarchie stand Emil Höring. Er wurde am 1. Dezember 1890 in West heim in der Pfalz geboren und besuchte seit 1897 die Volksschule und dann das Gymnasium 2822 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 687-690 und 698-704. 2823 Vgl. WASt, Karteikarte - Conrad Rheindorf. Ferner: Joseph Poprzeczny, Odilo Globocnik. Hitler’s Man in the East, Jefferson/London 2004, S. 139. 2824 Vgl. dazu BayFHVR Pol FFB, Ordner 12w - Konrad Rheindorf, Besoldungsbogen. 2825 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 245, Entwurf: Dr. Hacker (Bayerische Polizeischule) an StMdI: Wiederverwendung des Oberstleutnants der Schutzpolizei Konrad Rheindorf, geb. am 11.6.1896 von der ehemaligen Offizierschule der Ordnungspolizei in Fürstenfeldbruck, 06.12.1955, S. 3. Im „Braunbuch“ findet sich der Hinweis, Rheindorf habe nach Kriegsende als „Stellvertretender Leiter der Landespolizeidirektion Schwaben“ fungiert. Podewin, Braunbuch, S. 98. Es ist jedoch äußerst fraglich, ob er nach seiner Rückkehr aufgrund seines Alters überhaupt wieder in den Polizeidienst gelangte. 2826 Vgl. Jochen Böhler, Totentanz. Die Ermittlungen zur „Aktion Erntefest“, in: Klaus-Michael Mallmann/ Andrej Angrick (Hrsg.), Die Gestapo nach 1945. Karrieren, Konflikte, Konstruktionen, Veröffentli chungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 14, Darmstadt 2009, S. 235 254, hier: S. 235-238. 2827 BAL, B 162/6242 (II 208 AR-Z 33/63), Boixen (Hessisches LKA): Vernehmung, 29.03.1962, Bl. 321. 2828 BAL, B 162/6246 (II 208 AR-Z 33/63), Dr. Schoreit (Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main): Verneh m ung von Konrad Rheindorf, 23.02.1970, Bl. 1152. 2829 Vgl. BAL, B 162/6246 (II 208 AR-Z 33/63), Dr. Rahn (Leiter der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main): Einstellungsverfügung, 19.04.1970, Bl. 1141-1150. Ferner: Böhler, Totentanz, S. 240. 518 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck in Eichstätt.2830 Nach seinem Abitur trat er 1909 in die königlich-bayerische Armee ein und nahm von Anfang August 1914 bis Mitte November 1918 als Frontkämpfer am Ersten Weltkrieg teil, verließ aber erst am 30. Sep tember 1920 das Militär, um daraufain in die Bayerische Landespolizei in Würzburg einzutreten. Der Sohn eines Studienprofessors studierte zwischen 1921 und 1924 sechs Semester Rechtswissenschaften, ohne jedoch seinen Ab schluss zu machen. Allerdings erwiesen sich seine juris tischen Kenntnisse im Polizeidienst durchaus nützlich. Denn der Ordnungshüter wurde im September 1932 zur Polizeischule Fürstenfeldbruck versetzt. Dort war er bis Oktober 1935 als Lehrabteilungsführer tätig und trat in dieser Zeit zur Gendarmerie über. Danach war er bis Dezember 1938 Kommandeur der Gendarmerie des Re gierungsbezirkes Mainfranken in Würzburg und nahm während dieser Zeit vom 11. März bis 25. April 1938 als Führer der Polizeigruppe Salzburg am Einsatz in Öster reich teil. Nicht ganz ein Jahr lang führte Höring sodann die Dienstgeschäfte zunächst des BdO und dann des IdO im Reichsgau Sudetenland in Reichenberg. Während er Anfang Mai 1937 der NSDAP beigetreten war, nahm ihn die SS auf eigenen Antrag am 20. April 1939 auf. Noch vor Kriegsbeginn hatte ihn Himmlers System damit nicht nur mit einflussreichen Äm tern betraut, sondern auch komplett in den NS-Polizeiapparat integriert. Das wirkte sich auf seine Karriere äußerst vorteilhaft aus. Denn ab 1. Oktober 1939 bekleidete er den Posten des BdO im Generalgouvernement mit Sitz in Krakau, den er jedoch nach knapp einem Monat wieder aufgeben musste.2831 Stattdessen fungierte Höring am gleichen Ort für kurze Zeit als KdO und leitete außerdem vom 25. Oktober bis 15. Dezember 1939 das Polizeiregiment Krakau. Anschließend versah er rund zwei Jahre lang Dienst als IdO im sächsischen Innenministerium in Dresden, wurde aber auch ab 16. August 1941 für knapp einen Monat in der SS-Polizei-Division zum Divisi onskommandeur geschult. Ab 16. Januar 1942 trat er seinen Dienst als BdO beim HSSPF Nord in Oslo an. Anfang Juni 1943 avancierte er zum Generalinspekteur der Gendarmerie und Schutzpolizei der Gemeinden, womit ihm auch die Aufsicht über sämtliche Gendarme rieschulen oblag. Höring kehrte am 23. März 1944 zurück nach Krakau, um dort bis zum 19. Januar 1945 erneut als BdO für das Generalgouvernement tätig zu sein.2832 Während sei ner Amtszeit kam es zum Warschauer Aufstand, bei dem sich der polnische Widerstand zwi schen August und Anfang Oktober 1944 gegen die deutschen Besatzer zur Wehr setzte. Be sonders SS- und Polizeieinheiten schlugen ihn äußerst brutal nieder, was etwa 170.000 2830 Zu den folgenden Ausführungen über Emil Höring sofern nicht anders angegeben vgl. BayHStA M ün chen, MInn 99950 - Emil Höring; BAB, SSO - Emil Höring; RRL, 1. Teil: Generale und Oberste, 1944, S. 8; Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 304-307. Geringfügig abweichen de Angaben zum 2. Band finden sich im 3. Band von Schulz und Zinke: Schulz/Zinke, Generale, Bd. 3, Bissendorf 2008, S. 639-644. 2831 Zu Hörings Amtszeiten als BdO im Generalgouvernement vgl. BAL, B 162/5820 (206 AR-Z 6/62), Zeug (Staatsanwalt): Vermerk, 07.03.1962, Bl. 13 f.; Curilla, Judenmord, S. 53. 2832 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 306. Abbildung 41: Generalleutnant der Polizei und SS-Gruppenführer Emil Höring (BayFHVR Pol) 519 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Einwohnern der Stadt das Leben kostete.2833 In einer Vernehmung vom 7. Juli 1972 gab Hö ring zu, dass er sich in der Zeit des Aufstands in Warschau befunden hatte. Er wies aber jeg liche Verantwortung von sich und betonte, dass er von Vernichtungsbefehlen keine Kennt nis erlangt habe. Stattdessen gab er zu Protokoll, dass HSSPF Erich von dem Bach-Zelewski die alleinige Befehlsgewalt über die eingesetzten Einheiten innegehabt habe. Die Ermittler konnten Höring auch nichts Gegenteiliges nachweisen.2834 Seine Karriere in Himmlers Machtappart beendete er als Generalinspekteur der Schulen. Zugleich leitete er noch den Arbeits stab Nord des Hauptamts Ordnungspolizei, der sich kurz vor Kriegsende nach Flensburg be geben hatte. Nach der deutschen Kapitulation lebte der ehemalige Generalleutnant der Polizei und SS-Gruppenführer in Würzburg, wo er am 2. Juni 1973 verstarb.2835 Ein weiterer bedeutender Vertreter des Brucker Lehrkörpers war der am 31. Januar 1896 in München geborene Hans Hösl.2836 Nach seinem Schulbesuch wurde er seit 2. Januar 1914 in der Polizeidirektion der bayerischen Landeshauptstadt eingearbeitet, bevor er ab 20. Okto ber 1915 am Ersten Weltkrieg teilnahm. Anschließend übernahm er ab 1. März 1919 in der Münchner Ordnungsmacht zahlreiche Aufgaben und war dort zunächst als Hilfsarbeiter tä tig, um dann im Kriminal- und schließlich im Polizeidienst aufzusteigen. Am 1. August 1937 wurde er zum Major befördert und Anfang 1938 zur Brucker Polizeischule versetzt. Seither unterrichtete er dort z. B. Strafrecht und Unterrichtslehre oder leitete vom 4. November 1938 bis 30. März 1939 den 10. OAL.2837 Daneben fungierte er als Stellvertreter von Kommandeur Hagemann.2838 Während er in Fürstenfeldbruck seine Heimatdienststelle besaß, kommandierte Hösl zu nächst das Polizeiausbildungsbataillon München. Nachdem es in Polizeibataillon 302 umbe nannt worden war, führte er es vom 7. Oktober 1940 bis zum 18. Januar 1941 in Norwegen. Danach kam er nach Deutschland zurück und unterrichtete an den Polizeischulen Berlin Köpenick und Fürstenfeldbruck, bis er Anfang 1942 zur Polizeiverwaltung München versetzt wurde. Vom 10. April bis 2. Juli 1942 kommandierte er zunächst das Polizeibataillon 317 und anschließend sein altes Polizeibataillon 302, das er bis zum 28. Juli 1943 leitete.2839 Zusammen mit den Bataillonen 312 und 325 formierte sich dieses am 23. Mai 1942 jedoch zum Polizei Gebirgsjäger-Regiment 18, als dessen Kommandeur Oberst Hermann Franz fungierte. Von seinem Heimatstandort Innsbruck rückte es nach Slowenien aus, um im Sommer 1942 ver schiedene Einsätze gegen „Banden“ durchzuführen, bei denen Angehörige der Einheit in der Oberkrain mehrere Dörfer niederbrannten und hunderte Zivilisten erschossen. Von Dezem ber 1942 bis Mitte 1943 befand sich das Regiment dann in Finnland, wo es zu Frontkämpfen eingesetzt war. Dabei ermordete es aber auch etwa 110 Menschen, um den Tod von fünf ei 2833 Vgl. dazu Pohl, Verfolgung, S. 121. 2834 Vgl. BAL, B 162/19311 (II 201 AR 178/71), Landgericht Hamburg: In der Voruntersuchungssache ge gen Dr. Hahn, 07.07.1972, Bl. 978 f. 2835 Vgl. Schulz/Wegmann/Zinke, Generale, Bd. 2, Bissendorf 2005, S. 304 und 306. 2836 Zu den folgenden Ausführungen über Hans Hösl sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl; WASt, Akte - Hans Hösl; WASt, Karteikarte - Hans Hösl. 2837 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl, Unterordner A, Melde- und Personalbogen, 02.02.1959. Ferner zu seiner Lehrtätigkeit in Fürstenfeldbruck: BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offizieranwärter-lehrganges, 10.04.1941; BAB, R 20/69, Schade (Po lizeischule FFB): Lehrplan, 05.11.1938, S. 1. 2838 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 23, 30.05.1941. 2839 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl, Unterordner A, Melde- und Personalbogen, 02.02.1959. 520 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck genen Männern zu rächen. Anschließend zog die Einheit weiter nach Griechenland, wo sie sich vom 2. August 1943 bis Ende Oktober 1944 aufaielt, bis sie sich zurückziehen und dabei erhebliche Verluste erleiden musste. Während sie in Griechenland stationiert war, beteilig ten sich viele ihrer Angehörigen an zahlreichen Massenverbrechen. Das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 führte einen brutalen Feldzug gegen echte und vermeintliche Partisanen. Es exekutierte dabei zahlreiche Zivilisten und „Geiseln“, nahm mehrfach Razzien sowie Plün derungen vor und vernichtete einige Dörfer, indem es sie in Brand setzte. Einzelne Einhei ten beteiligten sich auch am Holocaust, indem sie zu Ostern 1944 dabei mithalfen, insgesamt 1.700 Athener Juden zu verhaften und ins Polizei-Durchgangslager Chaidari zu pferchen, von wo aus sie Anfang April nach Auschwitz kamen. Einige Polizei-Gebirgsjäger eskortierten auch den Deportationszug ins polnische Vernichtungslager.2840 Weil Hermann Franz aber bereits im August 1943 aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Kommandeur nicht mehr wahrnehmen konnte, löste ihn Hans Hösl darin ab.2841 Seit dem 20. September 1943 leitete er also das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, bis er am 7. Ok tober 1944 schwer verwundet wurde und sich dann bis zum 10. April 1945 im Lazarett be fand.2842 Alle in Griechenland begangenen Verbrechen seiner Einheit ereigneten sich daher, während er die Kommandogewalt innehatte. Nach dem Krieg meinte Hösl, dass sie eine „bestdisziplinierte Truppe war und sich im Gegensatz zu ihrem Gegner, dem bolschewisti schen Bandentum, an das Kriegsrecht gehalten hat“.2843 Am 26. September 1947 stufte ihn die Brucker Spruchkammer lediglich als Mitläufer ein.2844 Anschließend kam er wieder in den Polizeidienst und war zunächst vom 1. Juli 1948 bis zum 1. April 1953 Chef im Ausbildungs wesen der Bayerischen Grenzpolizei. Danach leitete er den Ausbildungsbetrieb an der Bay erischen Polizeischule, bis er am 31. Juli 1959 in den Ruhestand ging.2845 Erst jetzt geriet er ins Visier der Staatsanwaltschaft München, die aufgrund der in Grie chenland begangenen Verbrechen des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 gegen ihn er mittelte. Griechische Strafverfolger hatten Hösl bereits am 30. August 1952 bezichtigt, dafür verantwortlich zu sein, dass zwischen Februar und Mai 1944 insgesamt 129 „Geiseln“ aus dem Gefängnis von Lewadia exekutiert worden waren. Außerdem beschuldigten sie ihn, seine Einheit veranlasst zu haben, das Dorf Vrastamites am 10. August 1944 zu plündern und zu 2840 Vgl. Ralph Klein, Das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, in: Schulte, Polizei, S. 201-218, hier: S. 202-217; Ders., Das Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18. Massaker, Deportation, Traditionspflege, in: ZfG 55/1 (2007), S. 41-64, hier: S. 43-61. Ferner: Klemp, Polizeibataillone, S. 368-372. Mit Vorsicht ist dagegen das verklärende Werk des ehemaligen Regimentskommandeurs zu genießen, wobei es ein zelne Daten und Hintergründe zum „auswärtigen Einsatz“ dieser Einheit liefert: Hermann Franz, Ge birgsjäger der Polizei. Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 und Polizei-Gebirgs-Artillerieabteilung 1942 bis 1945, Bad Nauheim 1963. 2841 Vgl. Klein, SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, S. 212. 2842 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl, Unterordner A, Melde- und Personalbogen, 02.02.1959. 2843 BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl, Unterordner B, Hösl an die Direktion der Bayerischen Landesgrenzpolizei: Auswärtiger Kriegseinsatz, 27.08.1948. 2844 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 8d - Hans Hösl, Unterordner B, Abschrift: Baumgärtner (Spruchkam m er FFB): Spruch, 26.09.1947. Zum Spruchkammerverfahren vgl. auch StAM, Spruchkammern Kar ton 2752 - Hans Hösl. 2845 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 8d - Hans Hösl, Beihilfen und Sonstiges, Abschrift: I. A. Brunner (StMdI) an Polizeischule FFB: Polizeirat Hans Hösl, 11.05.1959; Marcus Schreiner-Bozic, Dienst zwi schen Bewachungsaufgaben, Partisanenbekämpfung und Massenmord: M ünchner Ordnungspolizei im auswärtigen Einsatz, in: Schröder, Polizei, S. 129-137, hier: S. 136; Joachim Schröder, Prozesse, per sonelle Kontinuitäten und der Umgang m it der NS-Vergangenheit, in: Ders., Polizei, S. 187-195, hier: S. 190. 521 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank zerstören, wobei mindestens zwei Griechen ums Leben gekommen seien.2846 Als er im Früh jahr 1960 zweimal dazu vernommen wurde, stritt Hösl vehement ab, etwas mit der Geisel erschießung zu tun zu haben und machte stattdessen die Geheime Feldpolizei dafür verant wortlich, der die Haftanstalt angeblich unterstanden habe.2847 Ferner gab er zwar zu, für die Zerstörung von Vrastamites verantwortlich zu sein und sie auch selbst befohlen zu haben, wobei er von getöteten Griechen nichts wissen wollte. Er begründete die Aktion damit, dass Partisanen zuvor angeblich eine Kompanie des Regiments angegriffen hätten. Um den mili tärstrategisch wichtigen Ort beim Abzug der Truppe nicht den „Freischärlern“ in die Hän de fallen zu lassen, habe Hösl angeordnet, ihn durch seine Einheit niederbrennen zu lassen, wobei die Bevölkerung und das Vieh zuvor evakuiert worden seien.2848 Er ließ es sich aber auch nicht nehmen, extra darauf hinzuweisen, „dass die als Widerstandsgruppen bezeichneten Organisationen nach unseren Informationen wohl organisierte und wohl bewaffnete kommunistische Banden“ gewesen seien.2849 Die Vernichtung des Ortes stellte er also als „eine reine taktische Maßnahme zur Partisanenbekämpfung und zur Sicherung der eigenen Trup pe“ dar.2850 Weil die Münchner Strafermittler ihm nicht das Gegenteil beweisen konnten, folg ten sie seiner Version der Geschehnisse und stellten das Verfahren bereits am 4. Juli 1960 wieder ein.2851 Im Ruhestand verfasste der Oberpolizeirat a. D. verschiedene Werke in baye rischer Mundart, zu denen etwa „Die Kindstauf“ oder „D ’Stangerltrambahn“ gehören. Da bei habe er dem Apostroph als einer „unausrottbaren Plage“ den Kampf angesagt, wie ihn ein Zeitungsartikel würdigt.2852 Die Literatengruppe der Münchner „Turmschreiber“ nahm ihn im Jahre 1975 in ihre Reihen auf und verlieh ihm 1981 ihren „Poetentaler“. Hans Hösl starb am 18. Oktober 1987 in Fürstenfeldbruck im Alter von 91 Jahren. Derlei Biographien finden sich zur Brucker Polizeischule zuhauf, waren doch einige von ihren Angehörigen im „auswärtigen Einsatz“, wo sie oftmals große Polizeiverbände befeh ligten. Als Himmler am 9. Juli 1942 aus jeweils drei Polizeibataillonen große Polizeiregimen ter schuf, unterstellte er gleich zwei davon ehemaligen Lehrern aus Fürstenfeldbruck. Oberst leutnant Albert Buchmann kommandierte das Polizeiregiment 14, das sich ursprünglich aus den Polizeibataillonen 51, 63 und 122 zusammensetzte und in Mannheim seinen Heimat standort besaß.2853 In der zweiten Jahreshälfte 1942 befand sich diese Einheit im Einflussbe reich des HSSPF Russland-Mitte, Erich von dem Bach-Zelewski. Unter Buchmanns Kom mando führte sie in der Region um Mogilew einige Operationen zur „Bandenbekämpfung“ 2846 Vgl. StAM, Staatsanwaltschaften 21450, [unleserlich] (Leiter des königlich-griechischen Kriegsverbre chensbüros) an Oberstaatsanwalt beim Landgericht Bonn: Antrag, 30.08.1952; StAM, Staatsanwalt schaften 21450, Dr. Stanglmair (Staatsanwaltschaft beim Landgericht München): Aktenzeichen: 3a Js 8/60, 04.07.1960, S. 1. Ferner zu den Verbrechen des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 in Lewadia und Vrastamites: Klemp, Polizeibataillone, S. 372. 2847 Vgl. StAM, Staatsanwaltschaften 21450, Beckerbauer (Staatsanwaltschaft beim Landgericht München): Niederschrift: Über die Vernehmung des Beschuldigten Hans Hösl, Polizeirat a. D., 18.03.1960, S. 1. 2848 Vgl. StAM, Staatsanwaltschaften 21450, [unleserlich] (Amtsgericht FFB): Beschuldigten-Vernehmung in der Untersuchung gegen Hösl Hans wegen Kriegsverbrechen, 08.02.1960, S. 1 f. 2849 Ebd., S. 2. 2850 StAM, Staatsanwaltschaften 21450, Beckerbauer (Staatsanwaltschaft beim Landgericht München): Nie derschrift: Über die Vernehmung des Beschuldigten Hans Hösl, Polizeirat a. D., 18.03.1960, S. 1. 2851 Vgl. StAM, Staatsanwaltschaften 21450, Dr. Stanglmair (Staatsanwaltschaft beim Landgericht M ün chen): Aktenzeichen: 3a Js 8/60, 04.07.1960. 2852 BayFHVR Pol FFB, Ordner 8d - Hans Hösl, Fürstenfeldbrucker Neueste Nachrichten, 22.10.1987, S. 1. 2853 Vgl. BAB, R 19/103, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. alle HSSPF: Zusammenfas sung der Pol.bzw.Res.Pol.Batl. zu Pol.-Regimentern und Bestimmung neuer Heimatstandorte - An lage, 09.07.1942, S. 7. 522 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck durch.2854 Bereits im Juni 1942 waren zu diesem Zweck beispielsweise die Bataillone 51 und 122 zusammen mit der Sicherungsdivision 203 nördlich von Bobruisk eingesetzt, wobei sie etwa 300 unbewaffnete Zivilisten massakrierten, die kurzerhand zu „Partisanen“ erklärt wurden.2855 Am 17. Dezember 1942 überrannte die Rote Armee östlich von Iwanowka den Ge fechtsstand des Regiments, wobei Buchmann gefangengenommen oder gar getötet wurde.2856 Posthum ernannte ihn Hitler zum SS-Standartenführer und Oberst der Schutzpolizei.2857 Doch nicht nur er hatte einst zur Brucker Schulgemeinschaft gehört, sondern auch einige ehemalige Schüler, die irgendwann ebenfalls im Polizeiregiment 14 dienten, das sich bis Ap ril 1943 wieder formieren konnte.2858 Zu ihnen zählten etwa der Hauptmann Johannes Schö ne vom 7. OAL,2859 der damalige Oberleutnant Heinrich Müller aus dem 21. OAL,286° der am 27. Juni 1915 in Wien geborene Oberleutnant Vinzenz Sedlak vom 12. OAL2861 sowie die zwei Leutnante Hans Lenke2862 und Bernhard Rehorst, die zusammen vom 6. Januar bis 1. August 1942 den 27. OAL besucht hatten.2863 Zum Regiment war auch der Zahnarzt Dr. Friedrich Mucha abkommandiert, der ebenso zu den Brucker Alumni gehörte. Er hatte vom 14. Ap ril bis 18. Juli 1942 den 15. Reserve-OAL besucht, der auch gezielt Zahnärzte ausgebildet hatte.2864 Oberstleutnant Georg Attenberger befehligte dagegen das Polizeiregiment 21, das in Brünn seinen Heimatstandort hatte.2865 Über diese Einheit ist allerdings nur sehr wenig bekannt. Beispielsweise soll das III. Bataillon mehrfach Deportationszüge von Theresienstadt nach Auschwitz eskortiert haben, ohne dass jedoch klar ist, ob der Regimentskommandeur darin involviert war.2866 Mehr Informationen liegen indes über Attenberger selbst vor, der am 23. Ok tober 1897 in Regensburg zur Welt kam.2867 Nachdem er im Ersten Weltkrieg gedient hatte, 2854 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 322. 2855 Vgl. Musial, Partisanen, S. 98. 2856 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 322. 2857 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 45; RRL, 1. Teil: Generale und Oberste, 1944, S. 65. 2858 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 322-324. 2859 Vgl. BAB, R 20/30, Namentliches Verzeichnis der Angehörigen des ehem. III./Pol. Regiment 14 (frü here Res.Pol.Batln. 313), o. D. 2860 Vgl. BAB, R 20/30, Namentliches Verzeichnis der Angehörigen der ehem. 15./ Nachrichten Komp. Pol.-Regt. 14 (früher Pol. Nachr. Komp. 72), o. D. 2861 Vgl. BAB, R 20/30, Namentliches Verzeichnis der Angehörigen des ehem. I./Pol. Regiment 14 (frühe re Res.-Pol.-Batln. 51), o. D. 2862 Vgl. BAB, R 20/30, Namentliches Verzeichnis der Angehörigen der ehem. Panzerjägerkompanie Po lizei-Regiment 14, o. D. 2863 Vgl. BAB, R 20/30, Namentliches Verzeichnis der Angehörigen der ehem. schweren Granatwerfer kompanie Polizei-Regiment 14, o. D. 2864 Vgl. BAB, R 20/178, I. A. [unleserlich] (Polizeiregiment 14) an RFSSuChdDtPol: Obltn.d.Sch.d.Res. Dr. Friedrich Mucha, 29.03.1943. Zum 15. Reserve-OAL ferner u. a.: BayHStA München, Polizeischu le FFB 145, Schnellbrief: I. A. Lenger (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Abordnung von Zahnärzten, 04.06.1942, S. 1. 2865 Vgl. BAB, R 19/103, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. alle HSSPF: Zusammenfas sung der Pol.bzw.Res.Pol.Batl. zu Pol.-Regimentern und Bestimmung neuer Heimatstandorte - An lage, 09.07.1942, S. 8. 2866 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 210. Ferner: Klemp, Polizeibataillone, S. 528. 2867 Zu den folgenden Ausführungen über Georg Attenberger sofern nicht anders angegeben vgl. BayHStA München, M Inn 98163 - Georg Attenberger; BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Georg Attenber ger; BAB, SSO und RS - Georg Attenberger; NARA, IRR - RG 319, A1 134-B, 28 - Georg Attenberger. Ferner: Klemp, Ordnungspolizei, S. 49; Ders., Daluege, S. 69. 523 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank gelangte er im September 1920 als Leutnant in den bay erischen Polizeidienst und wechselte im Jahre 1925 zur Gendarmerie. Vom 1. September 1933 bis 25. August 1936 war er an der Polizeischule Fürstenfeldbruck als Adjutant und Fachlehrer tätig, bis er zum Chef der Ordnungspo lizei abgeordnet wurde.2868 Dort sollte er sich jedoch nicht lange halten können. Daluege entließ ihn im Frühjahr 1937 sogar aus dem Dienst, weil Attenberger nicht in die Partei eintreten wollte und auch schon im Jahre 1932 ge gen die Nationalsozialisten bei ihrem Parteitag in Cham vorgegangen war. Nicht einmal ein Jahr später wurde er aber wieder in die Gendarmerie eingestellt und gleich zeitig zum Major ernannt, um daraufain zunächst in Ös terreich und schließlich in Tschechien eingesetzt zu wer den. Ende 1938 trat er der SS und während des Krieges dann doch der NSDAP bei, denen er bis 1945 angehörte. Nachdem er in den Jahren 1941 und 1942 als Stabschef beim BdO in Oslo gedient hatte, führte er das Polizeire giment 21 bis Kriegsende und war gleichzeitig KdO und Inspekteur der uniformierten Pro tektoratspolizei in Mähren. In der unmittelbaren Nachkriegszeit befand sich Attenberger von Mai 1945 bis April 1947 in amerikanischer Internierungshaft und arbeitete hernach zunächst als Versicherungsvertreter. Im Mai 1948 entlastete ihn die Regensburger Spruchkammer. Nachdem das bayerische Innenministerium ihm gegenüber trotzdem anfänglich erst Vorbe halte hatte, weil er Mitglied in der Partei, der SS und im Lebensborn gewesen war, gelangte er in den frühen fünfziger Jahren jedoch recht schnell wieder in den Polizeidienst. Seine Rückkehr in die Ordnungsmacht verdankte er nicht zuletzt dem Bundestagsabgeordneten der Christlich-Sozialen Union (CSU), Dr. Max Solleder, der sich dafür mehrfach beim bay erischen Ministerpräsidenten, Dr. Hans Ehard, stark gemacht hatte. Schließlich kenne er den Oberst a. D. schon seit Jahrzehnten als verlässlichen Polizeibeamten, wie der Wahlkreisver treter aus Regensburg an seinen Parteikollegen schrieb.2869 Der Politiker war jedoch nicht sein einziger Fürsprecher. Auch ehemalige Angehörige der Polizeischule Fürstenfeldbruck verbürgten sich in eidesstattlichen Erklärungen für ihn. Dazu gehörte etwa der am 3. Juni 1908 in München geborene Fritz Bach, der seit Novem ber 1941 an der Lehranstalt Straf- und Polizeirecht unterrichtet hatte. Der studierte Jurist hat te sich zuvor ab Oktober 1939 in der Feldgendarmerie im „auswärtigen Einsatz“ befunden, zu dem er im Juni 1943 erneut kam. Ab August 1943 befand sich der Major in einer Offiziers schule dieser Militärpolizei in Lodz, wo er als Inspektionschef arbeitete. Ein Jahr später kom mandierte er eine ihrer Abteilungen, in der er bis Kriegsende diente. Danach versuchte er 2868 Vgl. BayHStA München, M Inn 73280, I. A. Martius (StMdI) an Kommando der Gendarmerie: Ver setzung von Gendarmerieoffizieren, 28.08.1933; BayHStA München, M Inn 73280, I. A. Martius (StM dI) an RFSSuChdDtPol: Personalien der Gendarmerie-Offiziere, 22.12.1936. 2869 Vgl. BayHStA München, MInn 98163 - Georg Attenberger, Dr. Solleder (Deutscher Bundestag) an Dr. Ehard: W iederverwendung des Oberst der Gendarmerie a.D. Georg Attenberger, Regensburg, 12.04.1950. Abbildung 42: Oberstleutnant Georg Attenberger (BayFHVR Pol) 524 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck als Hilfsarbeiter erfolglos, sich und seine Familie durchzubringen, bevor er wieder in die Polizei kam.2870 Für Attenberger setzte sich auch der ehemalige Oberstleutnant der Gendarmerie Max Lagerbauer ein, der am 13. April 1904 in Vilshofen geboren wurde und während des „Dritten Reichs“ hauptsächlich Polizei schüler ausgebildet hatte.2871 Dafür befand er sich bei spielsweise seit dem 16. April 1935 an der Polizeischu le Fürstenfeldbruck. Bereits zuvor war der Weimarer Offizier schon an der Polizeivorschule Eichstätt und an der Münchner Offiziersschule der Landespolizei tätig gewesen. Anfang November verließ er die Brucker Lehranstalt jedoch wieder und kam zur Gendar merieabteilung der Regierung Oberfranken und Mit telfranken. In den Jahren 1937 und 1938 wurde er jedoch mehrfach wieder zur Brucker Institution ab- Abbildung 43: Major Fritz Bach geordnet und war darüber hinaus an diversen ande- (Bayerisches Polizeimuseum, ren Polizeischulen tätig, an denen er Lehrgänge führ- Fotosammlung) te. Lagerbauer kommandierte während des Krieges auch die Gendarmerieschule Deggingen, von der er jedoch am 1. November 1942 zum KdO für Georgien nach Tiflis gelangte, um dort als Kommandeur der Gendarmerie zu fungieren. Ab 21. März 1943 führte er dann ein Polizeiausbildungs bataillon in Deggingen. Hauptsächlich leitete er dort in der zweiten Kriegshälfte jedoch weiterhin die Lehran stalt. Nach dem Krieg stufte ihn die Münchner Spruch kammer im März 1948 als Mitläufer ein, weil er seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied gewesen war. Wenige Mo nate später profitierte er jedoch von der Weihnachtsam nestie und galt nun als unbelastet. Sein Ehrenwort für Attenberger gab sogar ein frühe rer Kollege ab, der innerhalb der uniformierten Staats gewalt eine noch wesentlich höhere Position bekleidet hatte und nach Kriegsende zu einem der renommier testen Experten für die Ordnungspolizei avancierte. Es handelte sich um den ehemaligen Generalleutnant der Polizei, A dolf von Bomhard.2872 Der ehemalige Kom mandoamtschef in Dalueges Zentralbehörde fungierte seit Herbst 1942 als BdO in Kiew und vertrat zeitweilig auch noch den HSSPF Russland-Süd, Hans-Adolf Prützmann, womit er auch über dessen Polizeiverbände ver fügte. Diese schickte er in den „Bandenkampf“, bevor 2870 Vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 2i - Fritz Bach, Bach an Präsidium der Landpolizei: Versorgung, 17.01.1949. 2871 Zu den folgenden Ausführungen über Max Lagerbauer sofern nicht anders angegeben vgl. BayHStA München, M Inn 101106 - Max Lagerbauer; WASt, Karteikarte - Max Lagerbauer. 2872 Vgl. BayHStA M ünchen, M Inn 98163 - Georg Attenberger, Bomhard: Eidesstattliche Erklärung, 12.09.1948. 525 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank ihn Himmler Ende des Jahres 1943 zum Generalinspekteur der Schulen quasi degradierte, weil sich einige hohe Polizeifunktionäre über ihn beschwert hatten. Nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ prägte er dann wie kaum ein anderer die Legende von der „sauberen“ Polizei und machte es sich zur Aufgabe, sich für ehemalige Polizisten des NS-Staats einzu setzen, die sich vor Gericht verantworten mussten. Dazu unterstützte er auch einen kleinen und regelrecht konspirativen Kreis von ehemaligen Polizeioffizieren, der Mitte der sechziger Jahre eine sogenannte „Kameradenhilfe“ gegründet hatte. Dieser Zirkel setzte sich für zahl reiche „Polizeisoldaten“ ein, damit sie die Prozesse möglichst straffrei überstanden, welche die bundesdeutsche Justiz gegen ihre Einheiten führte. Als gegen von Bomhard deswegen ermittelt wurde, scheiterten alle Versuche, ihn für sein zweifelhaftes Engagement zu belan gen. Stattdessen war schon zuvor sein Renommee gewachsen, weil er von 1960 bis 1966 Bür germeister in Prien am Chiemsee war, wo er sich nach Kriegsende niedergelassen hatte und im Jahre 1976 verstarb.2873 Außer zu Attenberger hatte er vor seinem Tode auch Kontakte zu weiteren Offizieren gepflegt, die einst an der Brucker Polizeischule gewirkt hatten. Zu ihnen gehörte der am 26. Juni 1899 in Mittenwalde geborene Kurt Jampert.2874 Der ehe malige Oberstleutnant war bereits am 20. Oktober 1920 in die Polizei eingetreten und hatte von 1925 bis 1926 seinen Offiziersanwärterlehrgang absolviert. Vom 12. November 1940 bis 7. Juni 1943 kommandierte er als Major das Reserve-Polizeibataillon 74, das seinen Heimat standort in Augsburg hatte und ab Juli 1942 als II. Bataillon im Polizeiregiment 17 eingeglie dert war. Diese Einheit befand sich seit März 1941 in Krakau, wo sie bis August 1942 blieb, um anschließend an der nordrussischen Front zu kämpfen. Während ihres Aufenthalts in der polnischen Stadt waren Angehörige des Reserve-Polizeibataillons 74 daran beteiligt, in der Zeit vom 1. bis 8. Juni 1942 zusammen mit anderen Kräften von Schutzpolizei und SS ins gesamt etwa 7.000 Juden aus dem hiesigen Ghetto ins Vernichtungslager Belzec zu deportie ren. Es handelte sich dabei vor allem um Menschen, welche die deutschen Besatzer als un tauglich befanden, in kriegswichtigen Firmen zu arbeiten. Jamperts Männern kamen dabei unter anderem die Aufgaben zu, das Einsatzgebiet inner- und außerhalb des Ghettos abzu sperren, die Opfer zum Bahnhof und letztlich auch in die Mordstätte zu bringen. Einzelne von ihnen sollen Juden gleich an Ort und Stelle erschossen haben.2875 Noch vor dieser Tat trug Jampert gewissermaßen dazu bei, dass die Ordnungspolizei neue Offiziere erhielt, indem er einzelne seiner Männer zu Kursen an die Brucker Schule schick te, an der er zuvor selbst etwa das Fach Luftschutz unterrichtet hatte. Den 12. Reserve-OAL besuchten so z. B. Heinrich Buggele, Hermann Caesperlein, Wilhelm Göppner und Franz Schilberth, die zuvor als Oberwachtmeister der Reserve im Polizeibataillon 74 eingesetzt wa ren.2876 Seit Frühjahr 1944 arbeitete ihr ehemaliger Kommandeur zunächst im Hauptamt Ord nungspolizei. Mitte des Jahres landete er in einem Lazarett, in dem er mehrere Monate lang 2873 Vgl. Hölzl, Rock, S. 22-43. Zur „Kameradenhilfe“ ferner: Klemp, Polizeibataillone, S. 461-469; Ders., Freispruch, S. 117; Hölzl, Legenden, S. 100; Weinhauer, Schutzpolizei, S. 127; Ders., NS-Vergangenheit und struktureller Wandel der Schutzpolizei der 1950/60er Jahre, in: Schulte, Polizei, S. 139-158, hier: S. 143. 2874 Zu den folgenden Ausführungen über Kurt Jampert sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15c - Kurt Jampert; IfZ Archiv, Einzeldokumente (ED) 488/1 und 488/2 - Kurt Jampert; BayHStA München, M Inn 101572 - Kurt Jampert; BAB, SSO und RS - Kurt Jampert; WASt, Kartei karte - Kurt Jampert; StAM, Spruchkammern Karton 2754 - Kurt Jampert. 2875 Vgl. Curilla, Judenmord, S. 342-345; Schreiner-Bozic, Dienst, S. 131-133. 2876 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 144, [unleserlich] (Kommando der Schutzpolizei Augsburg) an u. a. Polizeischule FFB: Abordnung zum 12. Res.-Offizieranwärter-Lehrgang für Wachtm. (SB.) der Schutzpolizei, 02.01.1942. Zu Jamperts Lehrtätigkeit vgl. u. a. BayHStA München, Polizei 526 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck eine Verletzung auskurieren musste, die er zuvor schon im Einsatz seines Bataillons erlitten hatte. Darauffiin war Jampert seit Januar 1945 als Stabschef beim BdO in München tätig und lebte nach dem Krieg in Fürstenfeldbruck. Dort stufte ihn die Spruchkammer im Februar 1948 wegen seiner seit April 1940 bestehenden Parteimitgliedschaft als Mitläufer ein, wobei das Verfahren gleichzeitig durch die Weihnachtsamnestie eingestellt wurde. Zu diesem mil den Urteil dürfte es auch gekommen sein, weil einige seiner einstigen Kollegen und Unter gebenen für ihn eidesstattliche Erklärungen abgegeben hatten, die Jampert als unpolitischen und anständigen Beamten darstellten. Das beweist erneut, dass das „Brucker Netzwerk“ auch nach dem Krieg intakt blieb. Jamperts Kontakte reichten aber weiter nach oben. Denn zu sei nem „Kameradenkreis“ gehörte eben auch Adolf von Bomhard, mit dem er besonders in den fünfziger Jahren einen regen Schriftverkehr unterhielt und dabei diverse Informationen über die Ordnungspolizei austauschte.2877 Der alte Klüngel überstand den Systemwechsel anschei nend problemlos. Ehemaligen Lehrern der oberbayerischen „Kaderschmiede“ gelang es auch deshalb, ein starkes soziales Geflecht zu unterhalten, weil einige von ihnen nach Kriegsende weiterhin in Fürstenfeldbruck lebten. Zu ihnen gehörten unter anderem die Majore Fritz Bach und Karl Lange, die Hauptleute Theodor Brecht und Heinrich Emschermann sowie der ehemalige Po lizeiinspektor Johannes Schmitz.2878 Ebenfalls in der Nähe seiner alten Wirkungsstätte blieb Hauptmann Paul Lehmann wohnen. Anfang der fünfziger Jahre zog es Fritz Bach jedoch nach Rothenburg ob der Tauber, wo sich auch Hauptmann Siegfried Ludewig niederließ. Der ehemalige Oberstabsarzt der Polizei, Dr. Florian Schenk, hielt sich dagegen in Burghausen auf, wo auch Dr. Oskar Lossen lebte.2879 In der Nachkriegszeit konnte der ehemalige Brucker Kommandeur sogar darauf Einfluss nehmen, wie die demokratische Ordnungsmacht und ihre Ausbildung organisiert werden sollten. Das Bundesministerium des Innern betraute Lossen damit, ab dem 18. September 1950 die Auswahllehrgänge für die neu entstehende Bereitschaftspolizei an der Landpolizei schule Traunstein zu leiten.2880 An der oberbayerischen Lehranstalt tagte er außerdem vom 8. bis 30. Januar 1951 mit anderen altgedienten Beamten, um Dienstvorschriften auszuarbei ten, in denen bestimmt war, welche Inhalte in der künftigen Bereitschaftspolizei unterrich tet werden sollten. Bei diesem verantwortungsvollen Projekt konnte er auf alte Bekannte aus der Polizeischule Fürstenfeldbruck zurückgreifen. Unter den Teilnehmern befanden sich etwa der ehemalige Kommandeur des Polizeiregiments 21, Georg Attenberger, der frühere Offizier der Feldgendarmerie, Fritz Bach, Siegfried Ludewig, Ludwig Zeiler von der Bayeri schen Grenzpolizei und der einstige Leiter der Gendarmerieschule Deggingen, Max Lagerbauer.2881 schule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 2. 2877 Vgl. dazu IfZ Archiv, ED 488/2 - Kurt Jampert. Zum Spruchkammerverfahren ferner: StAM, Spruch kammern Karton 2754 - Kurt Jampert; BayHStA München, M Inn 101572 - Kurt Jampert. 2878 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 244, Entwurf: I. A. Deuringer (Leiter der Landpolizeischu len): Betrueung von ehem. Angehörigen der Offiziersschule der Ordnungspolizei Fürstenfeldbruck, 14.11.1950. 2879 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 87, Entwurf: W irth (Leiter der Landpolizeischulen) an u. a. Bach: Versorgung nach Gesetz 131, 15.06.1951. 2880 Vgl. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStA Stuttgart), Innenministerium: Personalakten (EA 2/150), Bü 1071 - Oskar Lossen, Lossen an StMdI Württemberg-Baden, 04.12.1950. 2881 Vgl. BayHStA München, M Inn 101106 - Max Lagerbauer, Abdruck: I. A. Brandl (StMdI) an Lossen: Ausarbeitung von Vorschriften für die Bereitschaftspolizei, 02.01.1951. Ferner: Reis, Chronik, Bd. 3, 527 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Während Lossen ab dem 9. Mai 1951 die Bereitschaftspolizeischule in Rothenburg leitete, gehörten unter anderem Bach, Zeiler und Ludewig zu deren Lehrpersonal. Letzterer wurde am 15. September 1915 im schlesischen Brockendorf geboren. Während des Zweiten Welt kriegs hatte er als Oberleutnant seit Anfang Oktober 1940 eine Kompanie eines Polizeiba taillons geführt und sich ab dem 4. Juli 1941 mit dem Polizeiregiment Nord in Nordrussland befunden. Von Mai 1942 bis Kriegsende hatte er als Lehroffizier in Fürstenfeldbruck fungiert, bis er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er erst im März 1947 entlassen wurde. Nachdem er anschließend unter anderem als Hilfsarbeiter tätig gewesen war, unter richtete er ab Frühjahr 1951 in Rothenburg Polizeiverwendung. Ein Jahr später übernahm er die 7. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei, die er seither leitete. Anfang Oktober 1956 wech selte Ludewig mit dem Dienstgrad eines Hauptmanns in die Bundeswehr, aus der er am 30. September 1972 als Oberstleutnant in den Ruhestand trat.2882 Zwar ist es schwer zu sagen, wie sehr ehemalige Brucker Oberbeamte tatsächlich die Ausbildungs konzepte der neuen Bereitschaftspolizei beeinflus sen oder ihnen zumindest den Weg bereiten konn ten. Unzweifelhaft ist jedoch, dass sie durch ihr Wirken in der Staatsgewalt der Nachkriegszeit die ser ihren Stempel aufdrückten. Zu ihnen gehörte ein Mann, der mit der polizeilichen Ausbildung in verschiedenen staatlichen Systemen bestens ver traut war. Albert Rieg wurde am 7. Februar 1917 in Schöngeising nahe Fürstenfeldbruck geboren und am 1. April 1935 in die Landespolizei in München eingestellt, nachdem er zunächst eine Kaufmanns lehre absolviert hatte.2883 Nur wenige Monate später trat er jedoch seinen verpflichtenden Wehrdienst an und gelangte dann Anfang 1937 an die Brucker Polizeischule, in der er einen Lehrgang für Anwär ter der Schutzpolizei besuchte.2884 Nachdem er an- Abbildung 45: Oberleutnant Albert Rieg schließend ab 1. Juni 1937 im Einzeldienst in der (Privatarchiv Sven Deppisch) Würzburger Polizei tätig gewesen war, kam er be reits Anfang 1938 zur Lehranstalt zurück und gehörte seitdem ihrem Stammpersonal an, wo bei er als Ausbilder arbeitete. In dieser Funktion wirkte er im Jahre 1940 auch im Polizeiaus bildungsbataillon Fürstenfeldbruck, bis er Anfang August ebenfalls als Ausbilder zum Polizei-Lehrbataillon Dresden-Hellerau abgeordnet wurde. Vom 15. Oktober 1940 bis 20. Mai 1941 nahm er erfolgreich am 18. OAL in Berlin-Köpenick teil. Damit gehörte er zu den we nigen Offizieren, die beide „Kaderschmieden“ der uniformierten Ordnungsmacht besucht hatten. Danach kam er nach Wien-Kagran und lehrte an der hiesigen Polizeischule, bis er ab 15. November 1941 als Adjutant des KdO im ukrainischen Dnjepropetrowsk tätig war und S. 18. 2882 Vgl. Reis, Chronik, Bd. 3, S. 21 und 443 f. 2883 Zu den folgenden Ausführungen über Albert Rieg sofern nicht anders angegeben vgl. Privatarchiv Sven Deppisch (PSD), Persönliche Unterlagen - Albert Rieg; BAB, SSO - Albert Rieg. 2884 Es kam durchaus häufiger vor, dass Landespolizisten nach ihrem Wehrdienst wieder in die Schutzpo lizei zurückkehrten. Vgl. Buhlan, Organisation, S. 176. 528 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck dort eine Lehranstalt für einheimische Polizisten leitete. Im Oktober 1943 musste er seinen bisherigen Standort verlassen und war seit 12. März 1944 zum KdO Krim abgeordnet. Seit dem führte er die Kompanie eines nicht genauer definierten Polizeibataillons, mit dem er zum Fronteinsatz kam und bei Sewastopol verwundet wurde. Nach seinem Lazarettaufent halt diente er vom 10. Mai 1944 bis April 1945 erneut als Kompaniechef in verschiedenen Einheiten, zu denen vor allem das SS-Polizei-Schützenregiment 38 zählte, aus dem das SS- Polizeiregiment 8 hervorging, mit dem er in Rumänien eingesetzt war.2885 Kurz vor Kriegs ende kam er erneut in Militärkrankenhäuser nach Neubrandenburg und Ratzeburg. Danach floh er in den Westen Deutschlands, wo der Oberleutnant dann am 10. Mai 1945 im nieder sächsischen Uelzen in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Anschließend arbeitete Rieg ab 15. Januar 1946 nur wenige Wochen in der Kriminalaußen stelle in München-Pasing, bis er auf Geheiß der Militärregierung am 22. Februar wieder ent lassen wurde. Am 27. Februar 1947 erfolgte sein Entnazifizierungsverfahren vor der Brucker Spruchkammer, die in ihm einen Aktivisten sah.2886 Damit zählte sie ihn zu den Belasteten, weil er sich seit Ende seines Offiziersanwärterlehrgangs in der SS befunden und damit auch einen entsprechend hohen Rang in Himmlers Elitetruppe erhalten hatte. Das Laiengericht verurteilte ihn daher zu eineinhalb Jahren Arbeitslager, die er in Augsburg-Göggingen ver büßen sollte. Während seiner Haft ging Rieg jedoch in Berufung und erreichte schließlich, dass die Spruchkammer Starnberg am 8. September 1947 das erstinstanzliche Urteil aufaob und ihn als vom Befreiungsgesetz nicht betroffen einstufte. In den Staatsdienst konnte er aber noch lange nicht zurückkehren. Er arbeitete stattdessen zunächst als Schnitzer und später als Buchhalter. Erst Anfang des Jahres 1950 stellte ihn die bayerische Polizei wieder als Kommissär ein und versetzte ihn im September zur Kriminalaußenstelle Fürstenfeldbruck. Von da an folgten zahlreiche weitere Stationen, in denen Rieg die Karriereleiter weit nach oben steigen konn te. So fungierte er beispielsweise seit dem 1. November 1951 als Zug- und stellvertretender Hundertschaftsführer bei der Bereitschaftspolizei in Rebdorf, in der er auch Staatsbürger kunde unterrichtete. Die gleichen Ämter übte er auch aus, als er genau ein Jahr später nach Fürstenfeldbruck versetzt wurde, wo sich seinerzeit ebenfalls eine Hundertschaft befand. Ab 1. Oktober 1962 führte er dann in Würzburg die 13. Hundertschaft und vom 1. April 1963 bis Mitte 1964 die 6. Hundertschaft in Eichstätt. Während er danach bereits einen neuen Posten bekleidete, erreichte die Zentrale Stelle in Ludwigsburg ein anonym verfasstes Schreiben, das auf den 22. Mai 1965 datiert ist. Der un bekannte Autor behauptet darin, Rieg sei zu Beginn des Krieges damit beauftragt gewesen, nahe Lublin untergetauchte Juden und Polen aufzuspüren und diese an die Gestapo oder den SD zu übergeben. Auch in Wien sei er in den Jahren 1944 und 1945 auf ähnliche Weise gegen Juden vorgegangen.2887 Die Münchner Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen je doch am 21. November 1967 wieder ein, weil sich diese Vorwürfe als haltlos erwiesen hätten. Der Beschuldigte habe glaubhaft machen können, dass er sich weder am Polenfeldzug be 2885 Vgl. dazu u. a. PSD, Persönliche Unterlagen - Albert Rieg, Rieg: Polizeilicher Werdegang des ehem. LtPD. Albert Rieg, o. D., S. 1 f. Zu dieser Einheit liegen leider kaum Informationen vor. Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 533. 2886 Zum Spruchkammerverfahren vgl. auch StAM, Spruchkammern Karton 1429 - Albert Rieg. 2887 Vgl. BAL, B 162/27295 (VI AR 414/65), Beglaubigte Abschrift: Anonym an Zentrale Stelle der Lan desjustizverwaltungen, 22.05.1965, Bl. 4 f. 529 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank teiligt habe, noch in den letzten beiden Kriegsjahren in Wien eingesetzt gewesen sei.2888 Da Rieg zusammen mit anderen Angehörigen der Eichstätter Hundertschaft denunziert wor den war, vermutete er, dass der unbekannte Briefschreiber selbst aus diesem Umfeld kom me und sich für irgendetwas rächen wolle.2889 Wenn das zutreffen sollte, ist es bemerkens wert, dass jemand versuchte, Polizisten oder sogar ehemaligen Kollegen zu schaden, indem er dazu gezielt die verbrecherische Rolle der Staatsgewalt im Zweiten Weltkrieg instrumen talisierte. Im Münchner Landesamt der Bereitschaftspolizei leitete Rieg derweil von Anfang Juni 1964 bis Ende Juni 1972 das Sachgebiet „Ausbildung“. Während dieser Zeit war er phasen weise aber auch zum Polizeiinstitut Münster-Hiltrup abgeordnet, wo er an der obersten Lehranstalt der deutschen Ordnungsmacht das Fach Polizeiverwendung unterrichtete. A n schließend gelangte er abermals an die Brucker Bildungsstätte und führte dort sogar rund ein halbes Jahr lang die Lehrabteilung, um danach der Bereitschaftspolizei dabei zu helfen, eine neue Abteilung aufzubauen, der er dann auch vorstand. Am 1. Oktober 1974 wurde er zur Direktion der Bereitschaftspolizei beordert, in der er erneut die Abteilung „Aus- und Fortbildung“ leitete und ab 19. August 1975 sogar als Stellvertreter des Präsidenten tätig war. Den Leitenden Polizeidirektor versetzte das Innenministerium dann am 28. Februar 1977 in den Ruhestand. Bis dahin war Rieg also in den unterschiedlichsten Positionen und Epo chen maßgeblich daran beteiligt, Polizeibeamte auszubilden oder dafür vom behördlichen Schreibtisch aus den Weg zu ebnen.2890 Albert Rieg starb in Fürstenfeldbruck am 14. Dezem ber 2014. Er war jedoch nicht der einzige ehemalige Brucker Lehrer, der nach dem Krieg wieder im polizeilichen Ausbildungsapparat tätig war. Auch der am 23. Februar 1898 in Freiburg gebo rene Oberstleutnant Karl Heizmann machte in der Bundesrepublik auf diesem Gebiet erst richtig Karriere, nachdem er im „Dritten Reich“ bereits verantwortungsvolle Posten beklei det hatte. Von der Schutzpolizeischule Jena war er am 3. Juni 1941 zur Brucker Lehranstalt gelangt und am 1. September 1941 auch dorthin versetzt worden.2891 An der oberbayerischen „Kaderschmiede“ hatte er seither die Aufgabe, das Fach Weltanschauliche Schulung zu unter richten, bis er Ende November 1944 als Kommandeur der Schutzpolizei nach Potsdam kam.2892 Dort habe er sich im Frühjahr 1945 heimlich für politische Gefangene eingesetzt, weshalb die Gestapo gegen ihn ermittelte, wie er in seinem Entnazifizierungsverfahren angab. Die ses stellte die Brucker Spruchkammer nicht nur deshalb gegen ihn ein, sondern auch weil er 2888 Vgl. BAL, B 162/27295 (VI AR 414/65), Weiß (Staatsanwaltschaft München): Verfügung, 21.11.1967, Bl. 103. 2889 Vgl. BAL, B 162/27295 (VI AR 414/65), Stiegler (Bayerisches LKA): Beschuldigten-Vernehmung, 01.03.1967, Bl. 39 f. 2890 Vgl. u. a. PSD, Persönliche Unterlagen - Albert Rieg, Rieg: Polizeilicher Werdegang des ehem. LtPD. Albert Rieg, o. D., S. 2-4. 2891 Vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Karl Heizmann, I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Sofort!, 03.06.1941; BayFHVR Pol FFB, Ordner 8b - Karl Heizmann, Abschrift von Abschrift: I. A. von Grolman (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 20.08.1941. Zu weiteren Stationen des beruflichen Werdegangs von Heizmann ferner: BayHStA München, M Inn 99808 - Karl Heizmann. 2892 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl für die Durchführung des m it RdErl.v.27.3.44 O-Kdo. I Ausb. (1) 3a Nr. 141-2/44 angeordneten 26. Res.Offizieranwärterlehrgang, 25.05.1944; BayFHVR Pol FFB, O rdner 8b - Karl Heizmann, Fernschreiben: m. d. F. b. Wünnenberg (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Beset zung der Stelle des Kdo.d.Schutzpol. Potsdam, 23.11.1944. 530 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck „auf seine Untergebenen in der Polizeischule politisch keinen Druck ausgeübt, nicht für die Partei geworben und Andersgesinnten kein Leid zugefügt“ habe. Zwar sei er am 1. Mai 1933 sowohl der NSDAP als auch der SS beigetreten, zugleich sei er „innerlich aber der Naziideo logie ablehnend gegenüber gestanden“.2893 Von 1957 bis 1960 leitete er als Polizeioberrat dann die Landes-Polizeischule Baden-Württemberg in Freiburg, welche die hiesigen Beamten des mittleren und gehobenen Dienstes ausbildete.2894 In diesem exponierten Amt war also je mand dafür verantwortlich, die Polizisten der neuen Generation dazu zu erziehen, die De mokratie, das Grundgesetz und die Menschenrechte zu schützen, der zuvor noch Führer prinzip, Rassenhass und Antisemitismus gelehrt hatte. Sofern er sich zum nahenden Ende des Krieges tatsächlich für politische Häftlinge eingesetzt haben sollte, was zumindest seine Spruchkammerakte nahelegt, scheint er dies möglicherweise nicht aus uneigennützigen Mo tiven getan zu haben. Ohne seinen möglichen Einsatz schmälern zu wollen, wirkt sein Han deln so, als wollte er kurz vor der deutschen Niederlage etwas leisten, mit dem er sich gegen über den Siegermächten als Gegner der NS-Terrorpolitik inszenieren konnte. Das gelang ihm ofienbar, weil auch die Spruchkammer nichts davon wusste, dass er zuvor noch an der obersten Lehranstalt der Ordnungspolizei dafür zuständig war, deren Offiziersnachwuchs ideologisch auf den Nationalsozialismus einzuschwören. Sein Verhalten war also über die Epochen hinweg von einer erstaunlichen moralischen Flexibilität gekennzeichnet. Auch der ehemalige Oberstleutnant Josef Deuringer konnte nach Kriegsende seine Karri ere problemlos fortführen.2895 Er war am 6. Dezember 1893 in München zur Welt gekommen. Seit Mitte 1913 arbeitete er für die Polizei der bayerischen Landeshauptstadt, in der er bis auf ein paar Unterbrechungen fast durchgehend bis Kriegsende verblieb. Nach der „Machter greifung“ stieg der Verwaltungsbeamte im Juni 1933 zum Hauptmann auf, ohne dass der Welt kriegsveteran einen Offiziersanwärterlehrgang besucht hatte. Ab 11. Juni 1942 befand er sich als Ia-Offizier im Stab des Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18, bevor er Ende August 1943 zum BdO in München und bei Kriegsende zum BdO in Hannover gelangte. Weil es ihm gelang, sich trotz seiner auf den 1. Mai 1937 datierten Parteimitgliedschaft als regelrechter Nazigeg ner zu inszenieren, stufte ihn die Münchner Spruchkammer im November 1946 als Mitläu fer ein, was das Berufungsverfahren Mitte Februar 1948 bestätigte. Damit er schnellstmög lich entnazifiziert werden konnte, hatte sich sogar die Arbeitsgemeinschaft der KPD, SPD und CSU München-Ramersdorf wegen seines angeblich widerständigen Verhaltens für ihn eingesetzt. So habe er z. B. 1932 eine Razzia im „Braunen Haus“ durchgeführt und Krawalle von nationalsozialistischen Studenten in der Münchner Universität aufgelöst. Außerdem habe er sich in der zweiten Kriegshälfte sogar dafür eingesetzt, dass seine Untergebenen per Fallschirm abgesprungene alliierte Flieger nicht an die NSDAP, sondern an die Wehrmacht auslieferten. Im Spruchkammerverfahren kam allerdings nicht zur Sprache, dass er auch maßgeblich an der Deportation von Münchner Juden beteiligt gewesen war.2896 Deuringer hatte aus den 2893 StAM, Spruchkammern Karton 2750 - Karl Heizmann, Pollak (Spruchkammer FFB): Spruch, 08.04.1948, S. 2. Vgl. ebd., S. 1 f. Zu seinem Einsatz für politische Häftlinge vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2750 - Karl Heizmann, Entlastungsmaterial. 2894 Vgl. 50 Jahre Akademie, S. 15f. und 25. 2895 Zu den folgenden Ausführungen über Josef Deuringer sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, Ordner 4b - Josef Deuringer; StAM, Spruchkammern Karton 275 - Josef Deuringer. Ferner: Heike Mattern/Joachim Schröder, Handlungsspielräume, in: Schröder, Polizei, S. 159-165, hier: S. 159 161. 2896 Vgl. Mattern, Handlungsspielräume, S. 160 f. 531 Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank Reihen seiner Beamten Begleitkommandos organisiert, welche die Züge auf ihrem Weg zu den osteuropäischen Todesstätten bewachten. Auch war er dabei, als seine Männer beim ers ten dieser Transporte am 20. November 1941 rund 1.000 jüdische Münchner vom Güterbahn hof Milbertshofen ins litauische Kaunas verschleppten, wo sie alle umgebracht wurden. Ob wohl es in den ersten Nachkriegsjahren deswegen Ermittlungen gab, scheint das seiner Karriere nicht geschadet zu haben.2897 Denn seit 1. Juni 1948 befand er sich wieder im Poli zeidienst, wobei er zunächst in der Landpolizeigrundschule Fürstenfeldbruck und ab April 1949 als Mitarbeiter für Ausbildungsfragen im Präsidium der Bayerischen Landpolizei tätig war. Vier Jahre später kam er zur gerade erst gegründeten Bayerischen Polizeischule. Mit Wirkung vom 1. Mai 1957 wurde er zur Bayerischen Grenzpolizei abgeordnet. Deuringer trat am 1. Oktober 1958 als Polizeirat in den Ruhestand und starb am 10. Dezember 1959 in Mün chen. Der am 7. Januar 1905 in Münster geborene Hauptmann Heinrich Emschermann konnte nach dem Krieg auch in der Bayerischen Polizeischule tätig werden.2898 Nachdem der gelern te Kaufmann Mitte November 1923 in die Polizei eingetreten war, absolvierte er im August 1941 erfolgreich den 21. OAL. Bereits zum 1. Mai 1937 wurde er in die NSDAP aufgenommen und befand sich während des „Dritten Reichs“ noch in einer Reihe weiterer NS-Organisationen wie etwa dem Kameradschaftsbund Deutscher Polizeibeamten, dem RKB oder der NSV. Wie die allermeisten Absolventen seines Lehrgangs war er seit 15. August 1941 auch Mitglied der SS. Am 1. April 1942 kam er von der Polizeiverwaltung Bochum zur Brucker Lehranstalt, die bis Kriegsende sein Heimatstandort blieb. Dort arbeitete er unter anderem als Sportleh rer, gelangte jedoch recht bald in den „auswärtigen Einsatz“. Von März bis Juli 1943 war er als Kompanieführer zum III. Bataillon des SS-Polizeiregiments 2 abgeordnet. Seit Oktober 1943 leitete er ein Jahr lang erneut eine Kompanie, die sich nun im I. Bataillon des SS-Polizeiregiments 7 befand, das in Norwegen eingesetzt war. Nach dem Krieg kam der Polizeiof fizier in automatischen Arrest, in dem er vom 17. Juli 1945 bis 3. Dezember 1947 in verschie denen Internierungslagern blieb. Aus diesem Grund sah die Brucker Spruchkammer im Mai 1948 davon ab, über ihn eine Sühnemaßnahme zu verhängen, obwohl sie ihn als Mitläufer einstufte. Seit 1. August 1951 war er in der Registratur des Landesamts für die Bayerische Be reitschaftspolizei angestellt, nachdem er zuvor als Hilfsarbeiter tätig gewesen und anschlie ßend arbeitslos geworden war. Am 1. Februar 1958 kehrte er nach Fürstenfeldbruck zurück, wo er die Registratur und Kanzlei der Bayerischen Polizeischule leitete, bei der er blieb, bis er am 31. Januar 1970 in den Ruhestand ging. Solche Biographien ließen sich noch sehr viele aufzählen. Es sollte jedoch bereits deutlich geworden sein, dass die Lebenswege der Schüler, Lehrer und Kommandeure der Polizeischu le Fürstenfeldbruck zwar unterschiedlich verliefen. Insgesamt waren sie aber dadurch ge kennzeichnet, dass sich erschreckend viele dieser Männer im „auswärtigen Einsatz“ befun den und dort entsetzliche Massenverbrechen zu verantworten hatten. Sowohl im „Dritten Reich“ als auch in der Nachkriegszeit legten sie innerhalb der deutschen Polizei beachtliche Karrieren hin. Für ihre Taten wurden nur wenige von der bundesrepublikanischen Justiz strafrechtlich verfolgt, wobei die allermeisten Verfahren in Freisprüchen oder allenfalls in 2897 Vgl. Joachim Schröder, M ünchner Polizei und Judenverfolgung, in: Ders., Polizei, S. 121-127, hier: S. 126 f. 2898 Zu den folgenden Ausführungen über Heinrich Emschermann sofern nicht anders angegeben vgl. BayFHVR Pol FFB, O rdner 15v - Heinrich Emschermann; StAM, Spruchkam mern Karton 2739 - Heinrich Emschermann. 532 Akteure des „Täterorts" - Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck lächerlich geringen Strafen endeten. Ihr Beitrag am nationalsozialistischen Rassen- und Ver nichtungskrieg blieb für sie in der Regel folgenlos. 533

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.