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Lebens- und Themenwelten an der Polizeischule Fürstenfeldbruck in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 381 - 450

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-381

Tectum, Baden-Baden
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6. Lebens- und Themenwelten an der Polizeischule Fürstenfeldbruck 6.1 Das Schulgebäude und sonstige Liegenschaften Bisher konzentrierte sich die Studie darauf, wie die Lehrgänge an der Polizeischule Fürsten feldbruck organisiert und mit welchen Inhalten die Anwärter konfrontiert waren. Insofern fungierte diese Institution gewissermaßen als Tatort des ordnungspolizeilichen Ausbildungs systems. Es wäre aber verfehlt, die oberbayerische Bildungseinrichtung lediglich auf ihre Funktion und ihr Gebäude zu reduzieren, da sie für noch wesentlich mehr stand. Schon al lein ihr Standort nahe der „Hauptstadt der Bewegung“ verschaffie ihr politisch wie geogra phisch eine exponierte Lage innerhalb Himmlers Machtbereich. In der Lehranstalt existier te darüber hinaus eine eigene Kultur, die auch außerhalb ihrer Mauern zahlreiche Spuren hinterließ. Denn die Offiziersanwärter lernten nicht bloß in der Bildungsstätte. Einerseits agierten sie jenseits ihrer Hörsäle einzeln und in Gruppen als Privatpersonen. Diese waren sie andererseits aber nicht wirklich. Sogar in ihrer dienstfreien Zeit repräsentierten sie die Schule und vor allem den nationalsozialistischen Polizeistaat, den sie dabei jedoch von einer besonderen Seite kennenlernten, weil der Lehrgang für sie eine Ausnahmesituation darstell te. Obwohl ihr Aufenthalt durch strenge Regeln determiniert war, führten sie über mehrere Monate hinweg ihr eigenes Leben, das sich in mehrerlei Hinsicht auch auf die Lehrstätte aus wirkte. Lehrer und Schüler nahmen am lokalen Geschehen teil und interagierten mit Ein wohnern sowie mit den hiesigen Funktionären des NS-Staats. Dabei verhielten sie sich je doch nicht immer mustergültig. Deshalb war die polizeiliche Institution in Fürstenfeldbruck mal mehr, mal weniger angesehen und rief folglich durchaus ambivalente Reaktionen her vor. Letztlich kann sie ohne die Kommune aber nicht verstanden werden, weil sich beide wechselseitig beeinflussten. Architektonisch ist die Bildungsstätte jedoch nicht als monoli thischer Block zu verstehen, der sich nur auf ein einziges Gebäude beschränkte. Im folgen den Abschnitt soll daher zunächst gezeigt werden, dass sich hinter der Brucker Polizeischu le ein ganzes bauliches Ensemble verbarg, das sie so einzigartig machte. Fürstenfeldbruck liegt rund 25 km westlich von München und wird im Südosten vom Fluss Amper durchströmt. Vor der „Machtergreifung“ gelang es den Nationalsozialisten nur schwer, sich in der Marktgemeinde zu etablieren, weil die mehrheitlich konservativ-katholische Be völkerung überwiegend der Bayerischen Volkspartei (BVP) zugeneigt war.2088 Auch nach dem der neugebildete Gemeinderat am 27. April 1933 den NSDAP-Kandidaten Adolf Schorer zum ersten Bürgermeister gewählt hatte, der dieses Amt bis Kriegsende ausübte, sollte 2088 Vgl. Bernhard Gotto, Die NSDAP in Fürstenfeldbruck, in: Kramer, Fürstenfeldbruck, S. 117-173, hier: S. 117-123; Reinhard Jakob, Überlegungen zu den Reichstagswahlen im Bezirksamt Fürstenfeldbruck 1928 bis 1933, in: Ders., Menschen, S. 14-33, hier: S.15 und 23. 381 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k sich daran zunächst wenig ändern.2089 Das lag vor allem an der starken Position der Kirche, weshalb die neuen Machthaber umso schärfer gegen sie vorgingen.2090 Aber der Kreis der Unterstützer und Sympathisanten der „Herrenmenschen“ nahm in der aufstrebenden ober bayerischen Kommune ohnehin stetig zu, was nicht zuletzt an der Nähe zur „Hauptstadt der Bewegung“ lag. Diese Lage war auch dafür verantwortlich, dass Fürstenfeldbruck während des „Dritten Reichs“ einen rasanten Bevölkerungszuwachs erfuhr. Lebten 1933 dort noch rund 6.000 Einwohner, waren es 1939 bereits 8.800 und im Jahre 1946 über 11.200 Menschen. Die meisten Brucker arbeiteten als Gewerbe- und Han delstreibende, in den lokalen Behörden oder verein zelt im landwirtschaftlichen Sektor. Daneben zog es aber immer mehr Pendler in die Landeshauptstadt, die dort ihr Zubrot verdienten, es aber bevorzugten, im westlichen „Speckgürtel“ von München zu wohnen. Diese Strecke konnten sie bequem mit der Eisenbahn bewältigen, die bereits seit 1873 den Ort befuhr.2091 Nicht zuletzt diese Mobilität sorgte jedoch dafür, dass der Nationalsozialismus in Fürstenfeldbruck immer stär ker Fuß fassen konnte, wenngleich er es nicht gänz lich vermochte, die Bevölkerung vollständig zu durch dringen.2092 Seine wachsende Popularität gründete sich großteils darauf, dass es den lokalen Machthabern durch umfangreiche Bauprojekte gelungen war, bis 1938 die in der Kommune herrschende Arbeitslosigkeit deutlich zu senken.2093 Als ein wahrer Jobmotor entpuppte sich der Fliegerhorst, der Mitte der dreißiger Jahre im Norden von Fürstenfeldbruck entstand. Zu ihm gehörte eine Luftkriegsschule, die nach zwei jähriger Bauzeit am 1. Oktober 1937 ihren Betrieb aufnahm. Während des „Dritten Reichs“ existierten reichsweit insgesamt 13 solcher Einrichtungen, in denen die deutsche Luftwaffe ihren Offiziersnachwuchs ausbildete. Neben der Polizeischule verfügte der oberbayerische Standort also über eine weitere bedeutende „Kaderschmiede“ des NS-Staats, von der die Stadt wirtschaftlich und gesellschaftlich erheblich profitierte.2094 Der Militärflughafen brachte nicht nur einen ökonomischen Segen, sondern förderte auch, dass sich zahlreiche Menschen in Fürstenfeldbruck dauerhaft niederließen. Durch den Fliegerhorst siedelten sich dort insge samt 1.250 Einwohner an, während die Polizeischule noch einmal etwa 625 neue Bürger in die Stadt lockte.2095 Mit ihr existierte schon seit 1924 eine zweite Lehranstalt im Ort, die im „Dritten Reich“ ebenfalls emsig daran arbeitete, eine nationalsozialistische Führungselite he 2089 Vgl. Paul Hoser, Kommunalpolitik in Fürstenfeldbruck 1933-1945, in: Kramer, Fürstenfeldbruck, S. 24-116, hier: S. 30-32. Zur Person von Adolf Schorer ferner: Wollenberg, Reich, S. 241. 2090 Vgl. U om as Forstner, Römisch-katholische und evangelisch-lutherische Kirche in Fürstenfeldbruck 1933-1945, in: Kramer, Fürstenfeldbruck, S. 224-280, hier: S. 244; Michael Volpert, Kirchliches Le ben in bedrängten Zeiten. Zur Rolle der katholischen Kirche im Landkreis Fürstenfeldbruck während der NS-Zeit, in: Jakob, Menschen, S. 116-131, hier: S. 122-125. 2091 Vgl. Hoser, Kommunalpolitik, S. 80, 82 und 97-102. 2092 Vgl. Gotto, NSDAP, S. 123-161. 2093 Vgl. Ferdinand Kramer/Ellen Latzin, Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit - zur Einführung, in: Dies., Fürstenfeldbruck, S. 9-23, hier: S. 15. Ferner: Alfons Strähhuber, Volk ohne Heim. Bauen im Frieden und im Krieg am Beispiel Gernlindens, in: Jakob, Menschen, S. 326-347. 2094 Vgl. John Zimmermann, Der Fliegerhorst Fürstenfeldbruck im „Dritten Reich“, in: Kramer, Fürsten feldbruck, S. 385-435, hier: S. 429. 2095 Vgl. Hoser, Kommunalpolitik, S. 100. Abbildung 28: Luftaufnahme von Süden auf Fürstenfeldbruck (1931) (StadtA FFB, 21) - vgl. S. 380 3 82 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k ranzuzüchten. Auch sie war für die hiesige Einwohnerschaft mindestens ebenso wichtig wie für die Kommunalpolitik, noch bevor Himmlers Polizeiapparat damit begann, diese Institu tion für seine Zwecke zu nutzen. Die Polizeischule hatte einen großen Anteil am Aufstieg von Fürstenfeldbruck. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Reichsstatthalter von Bayern, Franz Ritter von Epp, die Marktgemeinde am 30. September 1935 zur Stadt erhob.2096 Damit einer Kommune dieser Status verliehen werden konnte, musste sie bestimmte Kriterien erfüllen, welche die Bayeri sche Gemeindeordnung vorschrieb. Sie verlangte unter anderem, dass die Ortschaft mindes tens 3.000 Einwohner und eine höhere Schule vorzuweisen hatte.2097 Nach einem Entschluss des Gemeinderats hatte der Bezirksamtmann Dr. Karl Sepp am 12. März 1935 bei der Regie rung von Oberbayern beantragt, die Marktgemeinde zur Stadt zu erheben, wofür er eine Rei he von Gründen anführte. In seinem Gesuch wies er besonders auf die polizeiliche Lehrstätte hin, „die an Bedeutung einer Mittelschule nicht nachsteht und damit auch den Charakter eines Garnisonortes [sic!] erhält“.2098 Zu einem großen Teil war es also ihrer Existenz zu ver danken, dass Fürstenfeldbruck zur Stadt aufsteigen konnte. Die meisten Gebäude der Polizeischule hatten bereits zu der Zeit bestanden, als noch die Unteroffiziersschule der königlich-bayerischen Armee auf dem Areal ansässig war.2099 Diese Liegenschaften überschrieb das Bayerische Finanzministerium offiziell erst am 1. April 1925 an die Gendarmerie- und Polizeischule, obwohl sie bereits im Vorjahr darin eingezogen war. Von da an war das Staatsministerium des Innern verantwortlich für den Haushalt des Kom plexes. Dabei gingen auch alle Gebäude des Klosters Fürstenfeld in den Besitz der Ordnungs macht über, wozu etwa die Abtei und ein Konventsgebäude gehörten.2100 Die polizeiliche Lehrstätte veränderte seit ihrem Einzug das bauliche Erscheinungsbild nur geringfügig und ließ Anfang der dreißiger Jahre lediglich das Gelände umzäunen.2101 Die Anlage befand sich südlich der damaligen Marktgemeinde Fürstenfeldbruck und deckte damit größtenteils je nes Gelände ab, auf dem sich die Polizeischule noch heute befindet. Südlich des Grundstücks verliefen schon seinerzeit fast parallel zum Gebäudekomplex die Gleise der Deutschen Reichs bahn. A uf der gegenüberliegenden Seite bildete ein Kanal der Amper eine natürliche Barri 2096 Vgl. StAM, LRA 10974, Abdruck: Hofmann (Reichsstatthalter in Bayern) an StMdI: Vollzug der DGO; hier Verleihung der Bezeichnung „Stadt“ an den M arkt Fürstenfeldbruck, 30.09.1935. Zum Schrift verkehr zur Stadterhebung ferner: BayHStA München, Reichsstatthalter Epp 300/11. 2097 Vgl. BayHStA München, Reichsstatthalter Epp 300/11, I. A. [unleserlich] (StMdI) an Reichsstatthal ter: Vollzug der DGO.; hier Verleihung der Bezeichnung „Stadt“ an den M arkt Fürstenfeldbruck, 11.09.1935, S. 1 f.; Hoser, Kommunalpolitik, S. 49 f. 2098 StAM, LRA 10974, Dr. Sepp (Bezirksamt FFB) an Regierung von Oberbayern, Kammer des Innern: Verleihung der Bezeichnung „Stadt“, 12.03.1935, S. 2. Vgl. ferner Hoser, Kommunalpolitik, S. 49 f. Zur Biographie von Karl Sepp ferner: Peter Bierl, Karl Sepp - loyaler Beamter, völkischer Umweltschützer, Mitläufer, Täter und Helfer, in: Jakob, Menschen, S. 218-229. 2099 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unterof fiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914. Ferner zeigen dies auch die Grundbesitz-Verzeichnisse, die in BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 109 gesammelt sind. 2100 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Ab schrift von Abschrift: I. A. Deybeck (Bayerisches Staatsministerium der Finanzen) an Landesfinanz amtszweigstelle München: Die ehem.Unteroffiziersschule in Fürstenfeldbruck, 25.02.1925; BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Abschrift: Laur (Polizeischule FFB): Überweisungsniederschrift, 24.04.1925. 2101 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Ab schrift: Spatz (Polizeischule FFB): Niederschrift, 02.03.1932. 383 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ere, die nur auf kleinen Brücken überquert werden konnte.2102 Im Südosten des Areals be fand sich auch noch ein kleiner Kriegerfriedhof samt Leichenhaus, das die Lehranstalt jedoch 1932 abreißen ließ.2103 Die Polizeischule bestand aus mehreren Bauten, zu denen im Jahre 1940 folgende Einheiten gehör ten: Das Hauptgebäude selbst war ein Anbau zum Kloster Fürstenfeld in Form einer rechteckigen Acht, in dem sich insgesamt 16 Hörsäle und zwei Innenhöfe befanden.2104 Es war umgeben von ei nem östlichen und einem westlichen Kasernenhof sowie einem Grasplatz, der im Norden der B il dungsstätte lag. Nordöstlich des Hauptgebäudes Abbildung 29: Gelände der Polizeischule befand sich das Polizeikrankenhaus, wobei die ehe Fürstenfeldbruck (Privatarchiv Sven malige Unteroffiziersschule über einen sogenann- Deppisch) ten Lazarettflügel verfügte, in dem zeitweise eine Fandwirtschaftsschule einquartiert war.2105 Zudem existierten auf dem Gelände eine Turnhalle mit Übungsplatz und Parkanlage, ein Kohlenschup pen, eine Kläranlage sowie ein einzelnes Wohnge bäude. Daneben verfügte die Lehranstalt über ei nen eigenen Gemüsegarten mit Gewächshaus, Geräteschuppen und Arbeitshäuschen, wobei sich auf dem Anwesen ferner noch ein Munitionshäus chen, eine Waffenmeisterei sowie Pferdeställe und Garagen befanden.2106 Darüber hinaus besaß die Schule eine Lehrmittelsammlung, eine Waffen- so- Abbildung 30: Lehrsaal der Polizeischule wie eine Bekleidungskammer, einen Fahrradspei- Fürstenfeldbruck (Privatarchiv Sven Deppisch) 2102 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unterof fiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914, Gebäude in Fürstenfeld. Lageplan, Bl. 1. 2103 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Ab schrift von Abdruck: I. A. Martius (StMdl) an Bezirksamt FFB: Kriegerfriedhof Fürstenfeldbruck, 11.05.1932. Ferner: StAM, Landbauamt München 3306, Neithardt (Landbauamt München) an Bezirk samt Fürstenfeldbruck: Gefangenenfriedhöfe Puchheim und Fürstenfeld, 23.02.1932. 2104 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unterof fiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914, Kaserne Nr. 1, Bl. 2-6; BayHStA München, MInn 71981, Dr. Scha de (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Antrag auf Zuweisung weiterer Haushaltsmittel für das Rechnungsjahr 1937, 18.02.1938, S. 2. 2105 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 104, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Regie rungspräsidenten in München: Reichsgrundbesitzverzeichnis im Bezirk des Regierungspräsidenten in München nach dem Stande vom 31.3.1939, 07.05.1940, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung II: Abschrift: Spatz (Polizeischule FFB) an StMdI: Pacht eines Gartens, 16.11.1932. Die Landwirtschaftsschule weilte im sogenannten Lazarettflügel von November 1922 bis zum 1. Juli 1932. Vgl. dazu Ellen Latzin, Das Schulwesen in Fürstenfeldbruck 1933-1945, in: Kramer, Fürstenfeldbruck, S. 174-223, hier: S. 182. 2106 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 104, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Regie rungspräsidenten in München: Reichsgrundbesitzverzeichnis im Bezirk des Regierungspräsidenten in München nach dem Stande vom 31.3.1939, 07.05.1940, S. 2. 384 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k cher und eine Fahrzeughalle.2107 Auch einen Fuhrpark durfte sie ihr Eigen nennen, der im Jahre 1937 aus zwei Kübelwagen, einem Opel- sowie einem Mercedes-Lastwagen und einem BMW-Motorrad mit Beiwagen bestand.2108 Die Bildungsstätte hatte ebenso eine Kantine mit Küche, Kühlraum und weiteren Aufenthaltsräumen. Sie war jedoch an einen privaten Betrei ber verpachtet, der seine monatlichen Einnahmen pro Gast erhielt, die ihm geradezu garan tiert waren, weil Teile des Stammpersonals und die Offiziersanwärter darin speisten.2109 Um den gastronomischen Betrieb gewährleisten zu können, musste der Kantinenwirt jedoch strenge Auflagen erfüllen, die sich an jenen Regeln orientierten, die auch für Kameradschafts heime der Reichswehr galten.2110 Im Schulgebäude war außerdem ein Friseur untergebracht, der einen eigenen Raum angemietet hatte, in dem er exklusiv der Schulgemeinschaft die Haa re schneiden konnte.2111 Allein dieser Überblick veranschaulicht, wie opulent die Lehranstalt ausgestattet war. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Himmler auch deshalb in Fürstenfeldbruck seine zweite „K a derschmiede“ der Ordnungspolizei einrichten ließ, da die Staatsgewalt dort alles fand, was sie für ihren Ausbildungsbetrieb benötigte. Die ge samten Liegenschaften besaßen beachtliche Di mensionen und wirkten auf den damaligen Be trachter sicherlich nicht minder eindrucksvoll wie auf den heutigen. Vermutlich kam dieser Ef fekt dem nationalsozialistischen Polizeiapparat sehr gelegen, wenn er seine angehenden Offi ziere in Fürstenfeldbruck ausbildete. Indem sie sich monatelang in so einer imposanten Im mobilie auffiielten, könnte es ihnen möglicherweise dabei geholfen haben, ein elitäres Stan desbewusstsein zu entwickeln, wie es die Ordnungsmacht anstrebte. Aber nicht nur ihre schiere Größe machte sie zu einer außergewöhnlichen Institution der Polizei, sondern auch ihre pompöse Innenarchitektur. In zahlreichen Räumen des barocken Hauptgebäudes be fanden sich filigrane Stuckarbeiten und Deckengemälde sowie Marmorsäulen und Statuen. Ob das exquisite Ambiente tatsächlich dazu beitrug, dass die Offiziersanwärter eine „stan desgemäße“ Mentalität herausbildeten, lässt sich nicht mehr klären. Dennoch kann davon Lt. «m EiigaL 'JLE . Abbildung 31: Flur und Treppenhaus der Polizeischule Fürstenfeldbruck (Sammlung Siegfried Späth, 55/2061) 2107 Das geht hervor aus: BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 47, Hagemann (Polizeischule FFB): Luft schutz-Ordnung, 15.08.1941. Ferner: StadtA FFB, S 34/176, Michael Straßer, Im Pflanzgarten unserer Grünen. Die Polizeihauptschule in Fürstenfeldbruck, in: Sonntag Morgenpost, 29.10.1933, Nr. 44, S. 21 f., hier: S. 22. 2108 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 101, Abschrift: Reisebericht über die örtliche Prüfung (§90 Abs. I, Satz 3 RHO.) und die örtlichen Erhebungen (§ 97 RHO.) bei der Polizeioffizier- u. Schutzpoli zeischule Fürstenfeldbruck nach der Verfügung vom 14.4.38 Mü Nr. JB 114i/4.38. durch Polizeiober rentmeister Deinlein in der Zeit vom 2. m it 7. Mai 1938, S. 7. 2109 Vgl. ebd., S. 9f. 2110 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 190, Abschrift: [unleserlich] (Polizeischule FFB): Aus zug. aus den Bestimmungen über den Wirtschaftsbetrieb in Kameradschaftsheimen (Kantinen) vom 20. April 1934, 07.05.1938. 2111 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 101, Abschrift: Reisebericht über die örtliche Prüfung (§90 Abs. I, Satz 3 RHO.) und die örtlichen Erhebungen (§ 97 RHO.) bei der Polizeioffizier- u. Schutzpoli zeischule Fürstenfeldbruck nach der Verfügung vom 14.4.38 Mü Nr. JB 114i/4.38. durch Polizeiober rentmeister Deinlein in der Zeit vom 2. m it 7. Mai 1938, S. 6. 385 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ausgegangen werden, dass Himmlers Polizeiappa rat zumindest versuchte, sich dieses edle Interieur derart zunutze zu machen. Aufgrund seines hohen Alters musste das Schul gebäude jedoch saniert und entfeuchtet werden, weshalb es mehrfach zu entsprechenden Umbau maßnahmen kam.2112 Eine große Sanierung fand 1936 in der bayerischen Bildungsanstalt statt, als der Himmlersche Machtapparat sie allmählich zur Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule umfunk- Abbildung 32: Speisesaal der Polizeischule tionierte.2113 Allerdings war das Gebäude auch in Fürstenfeldbruck (Bayerisches den folgenden Jahren eine permanente Baustelle. Polizeimuseum, Fotosammlung) Mehr oder weniger große Abschnitte des Innen bereichs und der Fassade mussten instandgesetzt werden, was den Schulbetrieb sicherlich nicht erleichterte. Eine Baufirma errichtete seinerzeit außerdem ein Nebengebäude, um mehr Platz für die Gerätschaften der Schule zu schaffen.2114 Auch das Offiziersheim wurde im Zuge dieser Bautätigkeit erweitert, damit die Polizeischule nicht nur ihren Führungskräften und Anwärtern, sondern auch Gästen einen größeren Aufenthaltsort bereitstellen konnte.2115 Im Mai 1940 konnten bis auf wenige Arbeiten die großangelegten Umbauten abgeschlossen wer den, die nicht nur den Altbau, sondern auch die Pferdeställe, die Waffenmeisterei und die Garagen betrafen. Das geschah also in einer Phase, in der das Polizeiausbildungsbataillon in Fürstenfeldbruck sein Quartier bezog. Von den verbesserten Verhältnissen dürfte es zusam men mit dem Lehrpersonal beträchtlich profitiert haben.2116 Bereits Ende des Jahres 1937 hatte die Brucker Polizeischule weitere Grundstücke aus dem Eigentum des Wittelsbacher Ausgleichsfonds erworben. Unweit des Hauptgebäudes existier 2112 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 111, Abschrift: Scheidel und Jahnke: Niederschrift über die Besichtigung der Polizeioffiziersschule Fürstenfeldbruck am 15.9.1937 und über die Bespre chung beim Landbauamt M ünchen am 17.9.1937, [1937]. Ferner weisen die Akten BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 101 und 109 auf verschiedene Sanierungs- und Umbaumaßnahmen hin. 2113 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 111, Abschrift: Scheidel und Jahnke: Niederschrift über die Besichtigung der Polizeioffiziersschule Fürstenfeldbruck am 15.9.1937 und über die Besprechung beim Landbauamt München am 17.9.1937, [1937]. 2114 Vgl. u. a. BayHStA München, M Inn 71981, I. A. Bracht (RFSSuChdDtPol) an StMdI: Instandsetzungs arbeiten bei der Pol.Off.- und Schp.Schule in Fürstenfeldbruck, 11.05.1938; BayHStA München, M Inn 71981, [unleserlich] (Polizeischule FFB) an StMdI: Ausbau der Polizeioffizier- und Schutzpolizeischu le Fürstenfeldbruck, 02.08.1938; BayHStA München, M Inn 71981, Abschrift: Dr. Schade (Polizeischu le FFB) an RFSSuChdDtPol: Nachweisung über den Stand der Bauvorhaben der staatlichen Polizei, 25.11.1938; BayHStA München, MInn 71981, I. V. Mühe (Landbauamt München) an Polizeischule FFB: Baumassnahmen bei der Polizei-Offiziers- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck, 08.01.1940; Die Bauarbeiten an der Polizeioffizier- und Schutzpolizeischule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 28.06.1938, Nr. 147, S. 3; Erweiterungsbau der Polizeioffizier- und Schutzpolizei-Schule Fürstenfeld bruck genehmigt, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 19./20.11.1938, Nr. 270, S. 3; StadtA FFB, S 34/180, Instandsetzung der Polizeischule Fürstenfeldbruck, in: M ünchner Neueste N achrichten (M NN), 10.04.1938. 2115 Vgl. BayHStA M ünchen, MInn 71981, Gareis (Regierung von Oberbayern) an StMdI: Polizeioffiziers und Schutzpolizeischule, Fürstenfeldbruck, hier: Vergrößerung des Offiziersheimes, 08.02.1939; BayHS tA München, M Inn 71981, Abdruck: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Ausbau des Offizierheimes, 27.01.1939. 2116 Vgl. u. a. BayHStA München, M Inn 71982, Gareis (Regierungspräsident von Oberbayern) an StMdI: Baumaßnahmen bei der Polizeioffiziers- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeld-Bruck, 24.05.1940. 3 8 6 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k te auf einem davon ein Sportplatz. Nachdem die Lehranstalt sie schon seit einigen Jahren ge pachtet hatte, befand sich nun offiziell auch eine eigene Schwimmanlage samt Sonnenbad in ihrem Besitz. Sie lag am Amperkanal und stand in den warmen Monaten dem Personal und dessen Familien zur Verfügung. Allerdings diente sie nicht ausschließlich dem Vergnügen der Beamten, sondern existierte vor allem zu dem Zweck, den Anwärtern eine Schwimm schule zu bieten. Jedes Jahr bestimmte der Kommandeur einen anderen Vertreter des Stamm personals zum Bademeister der Schule. Er hatte nicht nur dafür zu sorgen, dass sich die Gäs te des Schwimmbads vorschriftsmäßig verhielten, sondern musste auch im Laufe der Saison mindestens einmal im Monat im Unterricht auf die Badeordnung aufmerksam machen.2117 Die Luftkriegsschule durfte die Badeanstalt mitbenutzen, was darauf zurückzuführen ist, dass sich die polizeiliche Lehrstätte um ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn bemühte.2118 Neben der Schwimmanlage verfügte die Polizeischule noch über weitere Sportstätten, in denen die Schulgemeinschaft ihre Freizeit verbringen konnte. Die Teilnehmer der Lehrgän ge, aber auch das Stammpersonal hatten im Sommer die Möglichkeit, abends die hauseige ne Kegelbahn zu nutzen.2119 Auch mit Tennis und Tischtennis vertrieben sie sich gerne ihre dienstfreie Zeit, wobei sich die entsprechende Anlage nördlich des Hauptgebäudes befand.2120 Ihren Tennisplatz verpachtete die Schule von Mai 1932 bis Januar 1934 sogar an den örtlichen Tennisklub.2121 Während des Krieges genehmigte sie zudem der Freiwilligen Feuerwehr und dem Deutschen Roten Kreuz, die hauseigene Turnhalle mitzubenutzen.2122 A uf diesem Wege empfahl sich die Lehranstalt gegenüber den Brucker Bürgern und Organisationen nicht nur als guter Nachbar, sondern auch als freundlicher und bürgernaher Repräsentant des NS-Polizeistaats, was durchaus ihrem Selbstbild entsprach. Der Schießplatz der Schule befand sich in der Nachbargemeinde Schöngeising. Das Grund stück verblieb jedoch im Eigentum der Bayerischen Staatsforstverwaltung, die seit 1924 er laubte, dass die Polizisten das Gelände zu Übungszwecken nutzten.2123 A uf diesem länglichen Übungsgelände in Rothschwaig hatte bereits die königlich-bayerische Armee ihr Schießtrai 2117 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an Wittelsbacher Aus gleichsfonds: Grunderwerb, 16.12.1936; BayHStA München, MInn 71983, [unleserlich] (Polizeischu le FFB) an StMdI: Ankauf eines Sport- und Exerzierplatzes und einer Schwimmschule, 08.01.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 12 über die Eröffnung des Schwimmbades, 07.06.1938. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unteroffiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914, Militär- Schwimm-Schule, Bl. 8. 2118 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 23, 06.06.1939. 2119 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 13, 11.06.1938. 2120 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 14, 27.02.1940. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unter offiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914, Gebäude in Fürstenfeld. Lageplan, Bl. 1. 2121 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Ab schrift: Spatz (Polizeischule FFB) an StMdI: Tennisplatz, 06.08.1932; BayHStA München, Polizeischu le FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Abschrift: Dr. Sepp (Tennisklub FFB) an Polizeischule FFB, 01.10.1933. 2122 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 17, 17.04.1941. 2123 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung II: Ab schrift: I. V. Ritzinger (Forstamt FFB) und Laur (Polizeischule FFB): Entwurf einer Vereinbarung we gen Benützung eines forsteigenen Schießplatzes m it Gebäulichkeiten, 28.08.1924. 387 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ning absolviert.2124 Darauf standen mehrere Unterstandshütten und ein Stall für die Polizeipferde.2125 Im August 1942 baute sich die Lehranstalt in ihrer Nähe zudem eine eigene Nah kampfanlage, wozu der Himmlersche Polizeiapparat kurze Zeit zuvor allgemein aufgerufen hatte.2126 1944 errichtete sie auch noch „eine Bunker- und eine Panzernahbekämpfungsanla ge, ein[en] Spreng- und zugleich Schießplatz für Panzerfaust“, da sie ihre militärische Aus bildung noch intensiver betrieb.2127 Es war jedoch nicht selbstverständlich, dass die Brucker Polizeischule diese Areale nutzen konnte, wie eine Begebenheit vom Frühjahr 1940 veranschaulicht. Damals versuchte sie ihr Gelände zu vergrößern, weil es für das Ausbildungsbataillon und weitere Lehrgänge zu klein war. Daher hatte sie vor, ein Grundstück zu erwerben, das an den eigenen Sportplatz an grenzte. Sein Eigentümer, Direktor Anton Aumiller, plante ursprünglich aber, die Liegen schaft als lukrativeres Bauland zu verkaufen, damit dort Einfamilienhäuser entstehen könn ten. Als die Polizeischule nun begann, mit ihm über den Erwerb zu verhandeln, zog sich das beträchtlich in die Länge.2128 Weil sich die Parteien im Preis nicht einigen konnten, beabsich tigte der Regierungspräsident von Oberbayern, Heinrich Gareis, im Februar 1941, Aumiller sogar zwangsweise zu enteignen, um das Grundstück unbedingt der Schule zuzuschanzen. Dieses Vorhaben begründete er damit, dass der Platz äußerst wichtig für die Landesvertei digung sei, wobei er sich auf ein entsprechendes Gesetz aus dem Jahre 1837 berief. Auch wenn der Staat den Eigentümer dabei entschädigt hätte, wäre es dennoch ein radikaler Schritt gewesen.2129 Deshalb versuchte Aumiller, einen Vergleich zu erzielen, um die Zwangsenteig nung zu umgehen. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und wollte über seinen Anwalt das gesamte Grundstück mit samt der darauf befindlichen Villa an die Schule verkaufen. Ob wohl dies den Gesamtpreis deutlich in die Höhe trieb, hätte sich dem Kommandeur dadurch aber die Chance aufgetan, aus dem Gebäude für sich eine Dienstwohnung zu machen.2130 Da sich der Verkauf jedoch immer wieder verzögerte und Aumiller sein Angebot schließlich zu 2124 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 110, Grundrissübersichtspläne zur Königlichen Unterof fiziersschule Fürstenfeld, 1897-1914, Schießplatz zu Rothschwaig, Bl. 9. 2125 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 104, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Regie rungspräsidenten in München: Reichsgrundbesitzverzeichnis im Bezirk des Regierungspräsidenten in München nach dem Stande vom 31.3.1939, 07.05.1940, S. 2 f. 2126 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 21, 05.08.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 176, Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFS- SuChdDtPol) an u. a. die Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Nahkampfausbildung in der O rd nungspolizei, 17.06.1942. 2127 BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 2. 2128 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, Abschrift: Diez (PAB) an RFSSuChdDtPol: Grunderwerb für Ausbildungszwecke, 26.04.1940; BayHStA München, M Inn 71983, I. A. Olischläger (RFSSuChdDt Pol) an StMdI: Ankauf eines Grundstücks zur Vergrößerung des Ausbildungsgeländes in Fürstenfeld bruck, 08.05.1940. 2129 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, Gareis (Regierungspräsident von Oberbayern) an StMdI: An kauf eines Grundstückes zur Vergrößerung des Ausbildungsgeländes in Fürstenfeldbruck, 14.02.1941, S. 2 f. 2130 Vgl. BayHStA München, MInn 71983, Abschrift von Abdruck: Dr. Stiegler (Rechtsanwalt) an Polizei schule FFB: Grundstückserwerb Aumiller, 15.11.1941; BayHStA München, M Inn 71983, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI): Vergrösserung des Ausbildungsgeländes der Polizeioffizierschule Fürstenfeldbruck, 01.12.1941; BayHStA München, M Inn 71983, Abdruck: I. V. Lange (Polizeischule FFB) an Regierungs präsident von Oberbayern: Vergrößerung des Ausbildungsgeländes und Erwerb einer Dienstwohnung für den Kommandeur der Pol.-Offz.-Schule, 07.01.1942. 3 8 8 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k rückzog, drängte Kommandeur Arno Hagemann darauf, das Areal nun doch zu konfiszie ren, und begründete das mit den Worten: „A n der Offizierschule werden ständig Offizieranwärter als Führerersatz für den aus wärtigen Einsatz ausgebildet. Da die Anwärter mit den neuzeitlichen Kampfmetho den der Ostfront besonders vertraut gemacht werden müssen, soll auf dem genann ten Gelände eine Nahkampfanlage errichtet werden. Aus zwingenden dienstlichen Gründen muß diese in der Nähe der Pol.Unterkunft angelegt werden, um möglichst oft Gelegenheit zu haben, die Anwärter dort entsprechend zu schulen.“2131 Das Bayerische Innenministerium teilte Hagemann daraufain mit, dass der Gauleiter seinem Ansinnen zustimme und den Antrag befürworte, Aumiller zu enteignen, falls auch der letz te Versuch scheitern sollte, sich einvernehmlich zu einigen.2132 Unter diesen Umständen schlos sen die Parteien am 5. Januar 1943 doch noch einen Kaufvertrag ab.2133 Wesentlich früher gelangte die Brucker Schule an ihren Exerzierplatz. Er war von ihr knapp 4,5 km entfernt und befand sich südlich der Nachbargemeinde Maisach.2134 Das als Hasen heide bezeichnete Anwesen der ehemaligen Unteroffiziersschule pachtete seit Januar 1923 der Maisacher Brauereibesitzer Josef Sedlmayr, wobei der Pachtvertrag ausdrücklich regelte, dass die Lehranstalt dort mit ihren Anwärtern militärische Übungen durchführen durfte.2135 In der ersten Kriegshälfte entbrannte um das Gelände jedoch ein Wettbewerb zwischen der Polizeischule und dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, der das Gelände ab 1939 als zusätzli chen Start- und Landeplatz für seine Flugzeuge nutzen wollte. Daher war der Kommandeur des Polizeiausbildungsbataillons, Martin Diez, sehr überrascht, als ihm der Leiter des Mili tärflugplatzes, Major Edlich, in einem Brief am 28. Februar 1940 mitteilte, dass der Flieger horst das Grundstück mithilfe des Landrats beschlagnahmt habe. Die Polizeischule dürfe das Areal aber weiterhin gerne mitbenutzen.2136 Daraufain forschte Diez beim Brucker Land rats- und beim Finanzamt nach, was es damit auf sich habe. Doch beide Behörden wussten nichts von diesem Vorgang, was der Polizeimajor seinem Kollegen von der Luftkriegsschu le in einem Schreiben mitteilte. Dabei verbuchte er die Angelegenheit schlicht als „einen Irr 2131 BayHStA München, MInn 71983, Abdruck: Hagemann (Polizeischule FFB) an StMdI: Vergrößerung des Ausbildungsgeländes, 21.10.1942, S. 1 f. Vgl. ferner BayHStA München, M Inn 71983, Abschrift: Dr. Stiegler (Rechtsanwalt) an Regierung von Oberbayern: Vergrößerung des Ausbildungsgeländes der Polizei-Offizierschule Fürstenfeldbruck, Nr. 13652 a 4, 19.10.1942. 2132 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI) an Polizeischule FFB: Enteignung von Grundstücken zur Vergrößerung des Ausbildungsgeländes der Offizierschule, 19.12.1942. 2133 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, I. V. [unleserlich] (Regierungspräsident von Oberbayern) an StMdI: Vergrößerung des Ausbildungsgeländes der Offizierschule d. O.P. in Fürstenfeldbruck, 08.01.1943. 2134 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 104, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Bür germeister von Fürstenfeldbruck: Übersicht über die Besitzungen der Pol.-Offiz.- und Schutzpolizei schule in Fürstenfeldbruck - Polizeiverwaltung - nach dem Stande vom 1.11.40, 13.11.1940, S. 2. 2135 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung II: Ab schrift: Spatz (Polizeischule FFB) an Finanzam t FFB: V erpachtung des Exerzierplatzes Maisach, 21.12.1933. 2136 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 105, Edlich (Fliegerhorstkommandantur FFB) an Diez: Benützung des Exerzierplatzes Maisach (Hasenheide) durch den Fliegerhorst, 28.02.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 105, Diez (PAB FFB) an Kommandanten des Fliegerhorstes: Benützung des Exerzierplatzes Maisach durch den Fliegerhorst, 23.02.1940. 3 8 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k tum des Fliegerhorstes“.2137 Denn der Exerzierplatz befand sich seit dem 19. Juli 1940 offiziell im Eigentum der Polizeischule.2138 Damit hatte sich der Fall jedoch noch lange nicht erledigt. Die Luftwaffe blieb hartnäckig und versuchte im Frühjahr 1941, der polizeilichen Lehrstätte das Gelände abzukaufen. Die Luftkriegsschule hatte bereits Baracken auf dem Platz errichtet und nutzte ihn für die eige ne Ausbildung, da er sich ganz in ihrer Nähe befand. Also dachte die Lehranstalt der Ord nungspolizei darüber nach, sich mit ihrem Nachbarn einvernehmlich zu einigen: Sie war be reit, den Exerzierplatz an die Wehrmacht zu verkaufen. Zum Ausgleich sollte das Militär dann aber ein Grundstück von gleicher Größe erwerben, das sich in unmittelbarer Nähe der Polizeischule befand, um es an die Ordnungsmacht zu veräußern. So sollte vorgegangen wer den, weil es der Wehrmacht leichter gelingen würde, derartige Liegenschaften zu beschaffen. Mit dieser Lösung war zumindest die polizeiliche Bildungsstätte einverstanden, die ihren al ten Platz nun loswerden wollte, vor allem weil er recht weit entfernt und nur bedingt für ihre Zwecke geeignet erschien.2139 Doch der Fliegerhorst wollte lediglich das Maisacher Gelände erwerben und dachte gar nicht daran, für einen adäquaten Ersatz zu sorgen. Deshalb musste sich die Polizei um die sen selbst kümmern. Der Ordnungsmacht schwebte vor, ein Grundstück zu erwerben, das sich in der Nähe des eigenen Kasernenkomplexes befand, wofür sie aber mit über 30 Eigen tümern verhandeln musste.2140 Dieses Unterfangen scheiterte jedoch daran, dass die Polizei schule Anfang 1943 das Grundstück von Anton Aumiller erwarb, womit sie über ein großes Ausbildungsgelände verfügte. Zusätzlich vereinbarte sie aber mit der Eigentümergemein schaft, dass ihre Lehrgänge auf dem Gelände üben dürften, sofern sie dabei keinen Schaden anrichten. Darüber hinaus verzichtete die Polizeischule allerdings darauf, der Luftwaffe ih ren alten Exerzierplatz zu verkaufen, räumte ihr jedoch das Recht ein, ihn weiterhin mitzubenutzen.2141 Dieses Hickhack lässt erkennen, dass sich die beiden Brucker Institutionen darum bemüh ten, miteinander zu koexistieren. Dass sich ihr Verhältnis aber nicht durchweg freundschaft lich gestaltete, trat auch in weiteren Fällen zutage. Am Vormittag des 7. Mai 1940 etwa erhielt Martin Diez einen A nruf von der Heeresstandortverwaltung München, wie ein hauseigener Bericht erklärt. Sie wollte wissen, wann sie denn die Lehranstalt besichtigen könne, weil das Schulgebäude wieder zu einer Unteroffiziersschule umfunktioniert werden solle. Da der Po lizeimajor davon überhaupt nichts wusste, habe er seinem Gegenüber erklärt, der gutachten den Kommission des Heeres nicht zu gestatten, das Gelände auch nur zu betreten. Doch sein Gesprächspartner sei hart geblieben und habe verdeutlicht, dass die Reichswehr der Polizei das Gebäude im Jahre 1924 angeblich nur vorbehaltlich überlassen habe, bis die Armee es wie der selbst benötige. Diez habe abgeblockt, den Beamten auf die neuen Rechtsverhältnisse auf merksam gemacht und ihn an den Reichsführer-SS verwiesen, weil nur er in der Angelegen 2137 BayHStA München, Polizeischule FFB 105, Diez (Polizeischule FFB) an Kommandanten des Flieger horstes: Benützung des Exerzierplatzes Maisach durch den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, 11.03.1940. 2138 Vgl. BayHStA München, M Inn 71983, Abschrift von Entwurf: I. V. Stüber (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Exerzierplatz Maisach, 26.04.1941, S. 1. 2139 Vgl. ebd., S. 1 f. Ferner: BayHStA München, M Inn 71983, Vormerkung: Nagel (StMdI): Ausbildungs gelände der Pol.-Offizier- u. Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck, sowie Exerzierplatz in Maisach, 18.04.1941. 2140 Vgl. BayHStA München, MInn 71983, Vormerkung: Nagel (StMdI): Exerzierplatz Maisach der Poli zeioffizier- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck, 11.07.1941. 2141 Vgl. BayHStA München, MInn 71983, Hagemann (Polizeischule FFB) an Regierungspräsidenten von Oberbayern: Pachtverträge für den neuen Ausbildungsplatz, 10.02.1943. 390 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k heit entscheiden könne. Dennoch wendete sich der Kom m andeur in einem B rief an Generalleutnant Adolf von Bomhard im Hauptamt Ordnungspolizei und wollte von Berlin wissen, ob tatsächlich mit der Wehrmacht über das Schicksal der Polizeischule neu verhan delt werde.2142 Zwar stellten der Reichsführer-SS und das Bayerische Innenministerium klar, dass sich Diez unnötig aufgeregt habe, weil die Lehrstätte weiterhin fest in Händen der Poli zei bleibe. Schließlich sei die Liegenschaft bereits im März 1937 in das Eigentum des Deut schen Reiches übergegangen.2143 Aber dieser Vorfall ereignete sich ausgerechnet in der A n fangsphase des Krieges, als am Standort Fürstenfeldbruck das Ausbildungsbataillon stationiert war und die Schulgemeinschaft solche Nachrichten überhaupt nicht gebrauchen konnte. Au ßerdem offenbart das Ereignis erneut, dass Polizei und Wehrmacht im NS-Staat unter der schönen Fassade loyaler Kooperation oftmals einen erbitterten Konkurrenzkampf ausfochten. Abseits dieses Machtpokers musste die Polizeischule auch weitere Kräfte und Ressourcen unnütz opfern, da nicht alle Bauvorhaben realisiert werden konnten, was sich bereits vor und erst recht während des Krieges zeigte. Unweit des Schulgeländes sollte eine größere Abrich teanstalt für Polizeihunde entstehen. Seit Mitte 1938 verhandelten die Behörden mit den Ei gentümern von attraktiven Grundstücken, die sich für diesen Zweck eigneten. Allerdings er schien es dem Polizeiapparat am praktischsten, die Hundeschule einfach in der Nähe des Kasernengebäudes zu bauen.2144 Dazu sollte der Zwinger der SS-Standarte „Deutschland“ von der Ordnungspolizei aufgekauft und von München-Freimann nach Fürstenfeldbruck verla gert werden. Doch dieser Plan scheiterte, weshalb die Abrichteanstalt „Süd“ nur auf dem Reißbrett existierte, obwohl die Polizeischule das passende Grundstück bereits erworben hat te.2145 Seit Herbst 1943 plante sie zudem, eine eigene Reithalle zu errichten, um die Ausbil dung zu Pferde effizienter zu gestalten, was in der zweiten Kriegshälfte immer wichtiger wur de. Es war jedoch nicht ganz so einfach, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die damaligen Verhältnisse erschwerten es, solche Bauprojekte zu verwirklichen, weil die not wendigen Materialien nicht unbegrenzt vorhanden waren und nur schwer beschaff: werden konnten.2146 Dennoch gelang es der Schule, im Frühjahr 1944 eine Baracke zu errichten, in der die Schüler in der Endphase des Krieges ihren Reitunterricht absolvierten.2147 2142 Vgl. BayHStA München, M Inn 71982, I. V. Diez (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Verwendung des Gebäudes der Polizeioffizier- und Schutzpolizeischule Fürstenfeldbruck für Heereszwecke, 07.05.1940. 2143 Vgl. BayHStA München, M Inn 71982, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI) an Polizeischule FFB: Verwen dung der Polizeioffizier- u. Schutzpolizeischule Fürstenfeldbruck, 18.06.1940; BayHStA M ünchen, M Inn 71982, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI) an Polizeischule FFB: Verwendung des Gebäudes der Po lizeioffizier- u. Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck für Heereszwecke, 17.05.1940. 2144 Vgl. BayHStA München, M Inn 71986, Scheidel und Belleville: Vermerk über die Besprechung in Fürs tenfeldbruck, betr. Errichtung der Abrichteanstalt Süd am 11.7.38, [1938]; BayHStA München, MInn 71986, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI) an RFSSuChdDtPol: Errichtung einer Hundeabrichteanstalt „Süd“ bei der Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule Fürstenfeldbruck, 28.09.1938. Ferner: BAB, Reichs finanzministerium (R 2)/28528. 2145 Vgl. BayHStA München, M Inn 71986, Neuwirth (Landbauamt München) an StMdI: Ankauf eines Hundezwingers der SS Standarte Deutschland, 24.01.1939; BayHStA München, M Inn 71986, Entwurf: I. A. Nagel (StMdI) an RFSSuChdDtPol: Errichtung einer Hundeabrichteanstalt „Süd“ in Fürstenfeld bruck, 18.04.1940. 2146 Vgl. u. a. BayHStA München, M Inn 71982, Schnellbrief: I. A. Frank (RFSSuChdDtPol) an u. a. Poli zeischule FFB: Aufstellung einer Reithallenbaracke für die Offizierschule der Ordnungspolizei in Fürs tenfeldbruck, 13.10.1943. 2147 Vgl. StAM, Landbauamt München 3309, I. V. [unleserlich] (Landbauamt München) an den Baube vollmächtigten im Bezirk der Rüstungsinspektion VII: Durchführung kriegswichtiger Bauvorhaben - Aufstellen einer Reithallenbaracke in Fürstenfeldbruck, 23.03.1944. 391 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Ein anderes Problem ergab sich aus der Tatsache, dass die Brucker Ordnungshüter auch für sich selbst viel Platz benötigten. Die Schüler waren in der Polizeischule kaserniert unter gebracht, womit die Institution gewissermaßen einem Internat glich. Selbst Teile des Stamm personals wohnten im Schulgebäude oder zumindest auf dem Gelände der Lehranstalt. An fang 1934 bilanzierte die Schule, dass Haupt- und Nebengebäude insgesamt 3.448 m 2 umfassten und darin 596 Mann beherbergt werden konnten.2148 Sie waren entweder in Vier-, Sechs- oder Achtbettzimmern einquartiert.2149 Dass die Schüler über mehrere Monate hinweg eine Stube teilten, gemeinsam aßen und ihre Lern- und Freizeit miteinander verbrachten, förderte bei ihnen wahrscheinlich immens das Gefühl von Zusammengehörigkeit.2150 Dennoch war der Platz recht beengt. Während die Offiziersanwärter in der Schule untergebracht waren und einzelne Vertreter des Stammpersonals auch dort logierten, lebten einige Lehrkräfte in der Stadt Fürstenfeld bruck. Seit dem 3. August 1939 wohnte z. B. Martin Diez in einer Polizeimietwohnung, die sich in einem Einfamilienhaus in der Maisacher Straße befand.2151 Major Robert Buchholz quartierte sich im Herbst desselben Jahres in einer Polizeiwohnung in der Aicher Straße ein.2152 Nachdem er in den „auswärtigen Einsatz“ gelangt war, löste ihn Major Karl Wilhelm Lange im September 1941 als Nachmieter ab.2153 Ebenfalls im Herbst 1939 zog Oberleutnant Ludwig Zeiler in das Erdgeschoss eines Anwesens in der Luitpoldstraße.2154 Anfang Dezem ber wurde dort Hauptmann Werner Mundhenke sein Nachbar.2155 Ferner logierte Major Ge org Weißig in der Schöngeisinger Straße, nachdem er zuvor im Hotel Post gewohnt hatte.2156 Ab 13. Oktober 1941 lebte Konrad Rheindorf in der Dachauer Straße.2157 Ebenso existierte in der Schöngeisinger Straße ein weiteres Wohnhaus, dessen Eigentümer ebenfalls die Polizei schule war.2158 In ihrer Nähe befand sich außerdem eine Kommandeurswohnung in der Em meringer Straße, in der Gerret Korsemann seit Herbst 1939 residierte.2159 Davor hatten die 2148 Vgl. BayHStA M ünchen - Kriegsarchiv, Landespolizei FFB Bund 1, Akt 2, I. A. und I. V. W immer (In spektion der uniformierten Staatspolizei im StMdI) an Kommandeure: Raumbedarf in der Unterkunft, 28.12.1933. 2149 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Bruder (Ansbach): 50-jähriges Polizei-Offiziers-Jubiläum des 7. Pol.OAL 1937/38, Juni 1988, S. 2. 2150 Vgl. Palm, Polizeischule, S. 19. 2151 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 32, 29.08.1939. 2152 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. A. Schwahn (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 34, 28.10.1939. 2153 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 32, 18.09.1941. 2154 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. A. Schwahn (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 34, 28.10.1939. 2155 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillons-Befehl Nr. 7, 05.01.1940. 2156 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 8, 28.01.1941. 2157 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 37, 16.10.1941. 2158 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 109, Belege zum Grundbesitzverzeichnis Abteilung I: Amts gericht FFB: Abschrift des Blattes Nr. 697 des Grundbuches für die Steuergemeinde Fürstenfeldbruck, 11.04.1940. 2159 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. A. Schwahn (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 34, 28.10.1939; StAM, Landbauamt München 3308, Abdruck: Landbauamt München an Regie rungspräsidenten: Pol.Offz.- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck (Anlage: Gutachten! über das Anwesen Emmeringerstrasse 51 in Fürstenfeldbruck), 27.04.1939. 392 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Schulleiter stets eine Dienstwohnung bezogen, die sich innerhalb der Lehranstalt befand, dann jedoch in Büroräume umfunktioniert werden musste, weil sich bereits vor Kriegsbe ginn der Arbeitsaufwand deutlich erhöht hatte.2160 Obwohl Korsemann schon längst nicht mehr der Bildungsstätte vorstand, war die Wohnung bis Kriegsende in seinem Besitz. Es ist aber unklar, bis wann der ehemalige Schulleiter dort residierte.2161 Insofern zeigt sich jedoch, dass sich wichtige Funktionäre der Bildungsanstalt in unmittelbarer Nähe zu ihrer Wirkungs stätte befanden und unter den Brucker „Volksgenossen“ lebten, womit sie keineswegs von ih nen isoliert waren. Abgesehen von diesen Liegenschaften bemühte sich die Polizeischule, noch zu expandie ren und weitere Immobilien zu erstehen, die sich in Fürstenfeldbruck befanden und als Un terkünfte für das Stammpersonal genutzt werden sollten. Allerdings liefen die Verhandlun gen mit der Stadt nicht immer erfolgreich, da sich die Parteien nicht über den Preis einigen konnten.2162 Aber die polizeiliche Institution brauchte dringend zusätzlichen Wohnraum, der nicht unbegrenzt in der Stadt vorhanden war.2163 Kommandeur Dr. Fritz Schade machte im März 1939 den Regierungspräsidenten von Oberbayern in einem Schreiben darauf aufmerk sam, dass die Polizeischule unbedingt 18 bis 20 Wohnungen für ihr Stammpersonal benötig te, es in Fürstenfeldbruck jedoch an geeigneten Objekten mangle. Der Polizeimajor führte die sich verschärfende Wohnungsnot darauf zurück, dass immer mehr Menschen nach Fürs tenfeldbruck zögen und gleichzeitig die Angehörigen der Luftkriegsschule einige Wohnun gen für sich beanspruchten. Insofern konkurrierten die Polizeischule und der Fliegerhorst wieder um die attraktiven Immobilien der Stadt, was die Rivalität der beiden Mustereinrich tungen sicherlich noch weiter anfachte. Nachdem die Polizeischulen in Karlsruhe und Stutt gart aufgelöst worden waren, verschärfte sich die Lage noch mehr, weil der Polizeiapparat ei nen Teil ihres Personals ab April 1939 auch zur Brucker Offiziersschule versetzte. Daher sah sich diese Lehranstalt dazu genötigt, neue Wohnungen zu errichten, da sie nicht darauf war ten konnte, bis zufällig Bestandswohnungen frei wurden.2164 Unter diesen Umständen plante die Polizeischule, ein Wohnhaus für 25 Familien zu bau en.2165 Im Jahre 1940 sollte für die Angehörigen der Lehranstalt sogar eine komplette Sied lung mit 44 neuen Wohnungen entstehen, die zwischen der Münchener Straße, der Oskarvon-Millerstraße und dem Bahnhofweg geplant war.2166 Dieses Projekt kam jedoch ebenso wenig zustande wie das unmittelbar benachbarte Parteigelände, auf dem der NSDAP-Kreisleiter 2160 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Entwurf: Polizeischule FFB an RFSSuChdDtPol: An kauf von Wohnhäusern in Fürstenfeldbruck aus Reichsmitteln, 07.06.1939. 2161 Vgl. NARA, Investigative Records Repository (IRR) - RG 319, A1 134-B, 426 - Gerret Korsemann, Korsemann Gerret, 8.6.1895 zu Nebel auf Amrum, 19.03.1954, S. 1. Ferner: BayHStA München, M Inn 71983, Gareis (Regierungspräsident von Oberbayern) an StMdI: Vergrößerung des Ausbildungsgelän des der Polizei-Offizier-Schule Fürstenfeldbruck und Erwerb einer Dienstwohnung für den Komman deur der Schule, 16.03.1942, S. 2. 2162 Solche Fälle sind zu finden in: BayHStA München, Polizeischule FFB 106. 2163 Vgl. StAM, LRA 189352, Abdruck: Dr. Sepp (Landrat FFB) an Regierungspräsidenten in München: Monatsbericht für Juni 1939, 03.07.1939, S. 2. Zum Siedlungsbau und der W ohnungsnot in Fürsten feldbruck ferner: Hoser, Kommunalpolitik, S. 82-85. 2164 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an den Regierungs präsidenten von Oberbayern: Wohnungsfürsorge des Reichs für Pol.Beamte, 24.03.1939. 2165 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Finanzierungsplan für ein 25 Familienwohnhaus der Pol.-Offiz.-u.Schutzpol.Schule Fürstenfeldbruck, o. D. 2166 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, [unleserlich] (Berlin-Steglitz): Fürstenfeldbruck - Bau von 44 Wohnungen, 14.10.1940, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Fürstenfeldbruck. 44 Polizei-Wohnungen, 4. Bebauungsvorschlag, o. D.; BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Ent 393 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Franz Emmer ein Haus für seine Behörde und einen großen Platz für Aufmärsche geplant hatte.2167 Insgesamt benötigte die Schule im Frühj ahr 1941 schon 78 Wohnungen für ihr Stamm personal, ohne dass dieser Bedarf jemals gedeckt werden konnte.2168 Der vorangegangene Überblick zählt nicht nur auf, welche Immobilien zur Polizeischule gehörten. Darüber hinaus lässt er bereits erahnen, welchen Machtfaktor sie in Fürstenfeld bruck und im unmittelbaren Umland darstellte. Außerdem verweist er darauf, dass sich aus ihrem großen Einfluss durchaus auch Konflikte ergaben, die sich noch in anderen Bereichen offenbarten. Dennoch versuchte sich die ordnungspolizeiliche „Kaderschmiede“ in der Stadt zu integrieren, indem sie sich hauptsächlich auf ihren Ausbildungsbetrieb konzentrierte. Gleichzeitig versteckte sie sich nicht, sondern suchte stattdessen gelegentlich die Nähe zu den Brucker Einwohnern sowie den hiesigen Behörden und Organisationen. 6.2 Jährliche Feierlichkeiten als Bühne der Lehranstalt Regelmäßig wiederkehrende Feste und Feiertage waren ein wichtiger Bestandteil der sozia len Kultur an der Polizeischule Fürstenfeldbruck und darüber hinaus in Himmlers gesam ten Einflussbereich.2169 Sie boten eine willkommene Abwechslung von der schulischen Rou tine und besaßen zudem eine integrative Funktion: Lehrer und Schüler konnten sich außerhalb des normalen Lehrbetriebs kennenlernen und untereinander die sozialen Bande stärken. Das gemeinsame Feiern trug aber auch dazu bei, dass sich die Beamten näher mit dem polizeilichen Wertesystem befassten und identifizierten, weil sie in ihrer Funktion als Ordnungshüter daran teilnahmen oder die Veranstaltungen sogar selbst organisierten. War der Anlass weniger formell, konnten sich die angehenden Offiziere etwas lockerer geben und bei gemeinsamem Gesang wie Umtrunk ihre Freundschaften vertiefen. Während die Schü ler in der Regel nur einmal in den Genuss kamen, einen bestimmten Feiertag an der Polizei schule zu begehen, konnten jene Angehörigen des Stammpersonals, die über längere Zeit an der Bildungsanstalt blieben, alljährlich den Spektakeln beiwohnen. Himmlers Polizeiapparat überließ bei solchen Gelegenheiten nichts dem Zufall. Es wurde bereits erwähnt, dass er penibel vorschrieb, wie die Staatsdiener ihre Freizeit zu gestalten hatten. Er regelte aber auch, wie besondere Feier- und Gedenkstunden ablaufen sollten. Sol che Anlässe dienten nicht einem Selbstzweck, sondern verfolgten vielmehr das Ziel, die Po lizisten emotional anzusprechen und sie so mental zu beeinflussen. In der Gemeinschaft sei ner Kameraden sollten derartige Veranstaltungen für den Einzelnen ein Erlebnis darstellen. Um das zu erreichen, mussten die politisch geprägten und pseudoreligiösen Feiern reibungs los und würdevoll ablaufen, daher aber auch minutiös vorbereitet werden.2170 wurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an den Regierungspräsidenten in München: Sicherstellung von Bauplätzen für den Bau von Pol.Siedlungen aus Wohnungsfürsorgemitteln nach dem Kriege, 15.01.1943. 2167 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, [unleserlich] (Berlin-Steglitz): Fürstenfeldbruck - Bau von 44 Wohnungen, 14.10.1940, S. 2 f. 2168 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 107, Diez (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Wohnungsbedarfsnachweisung für Angehörige der Ordnungspolizei, 04.03.1941. 2169 Zur Rolle von Feiern und Ritualen in Polizei und SS vgl. z. B. Schmidt, Prügelknaben, S. 240 f.; Ders., Polizisten, S. 341-347; Lonergich, Himmler, S. 298-304; Hein, Elite, S. 240-255; John M. Steiner, Über das Glaubensbekenntnis der SS, in: Bracher, Diktatur, S. 206-223, hier: S. 217-220. 2170 Vgl. u. a. BAB, R 19/308, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Polizeischu len Berlin-Köpenick und FFB: Richtlinien für die Freizeitgestaltung bei den Pol.-Batl., Pol.-Ausbildungs-Bataillonen und Schulen, 18.09.1940, Bl. 258 f. 394 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Naturgemäß begann das Jahr mit der Feier des Neujahrsfestes, zu dem Himmler sämtli chen SS- und Polizeidienststellen seine Grußworte zusandte. In diesen kamen stets zwei Bot schaften zum Ausdruck: Er lobte zunächst seinen Machtapparat dafür, was er im Vorjahr ge leistet hatte, um dann jedoch zur Disziplin aufzurufen und an das Ehrgefühl der Polizisten zu appellieren. So erinnerte der Reichsführer-SS an Neujahr 1938 daran, wie arbeitsintensiv das vergangene Jahr gewesen sei, verlieh dann aber seinem Wunsch Ausdruck, dass die Ver bindung von SS und Polizei „in niemals erlahmender nationalsozialistischer Pflichterfüllung für den Führer u. Deutschland“ vonstatten gehe.2171 Den gleichen Tenor besaßen die obliga torischen Neujahrswünsche von Wilhelm Frick, der sie an sämtliche Verwaltungsbeamte sei nes Ressorts richtete. Im gleichen Jahr bedankte sich der Reichsinnenminister bei ihnen für die geleistete Arbeit, kam dann aber auf den „Lebenskampf des Deutschen Volkes“ zu spre chen, für den sich die Staatsdiener auch künftig einsetzen müssten.2172 Während des Krieges hob er noch stärker ihre Aufgaben hervor. Er machte es der Verwaltung für das Jahr 1942 zur Pflicht, auch außerhalb des Reiches zu wirken: „Aller Einsatz, all die Opfer unserer Soldaten in restloser Hingabe an das Vaterland wären vergeblich, wenn die von ihnen eroberten Ge biete nicht schnellstens gesichert, von deutschem Geist und deutscher Ordnung durchdrun gen werden.“2173 Was das konkret bedeutete, wussten viele Absolventen der Brucker Lehran stalt zu diesem Zeitpunkt nur allzu gut. Das nationalsozialistische Feierjahr leitete jedoch erst die Gedenkfeier für den „Tag der Machtergreifung“ am 30. Januar ein. Zu diesem Anlass veranstaltete die Schulgemeinschaft eine kleine Feier, an der das Stammpersonal und alle laufenden Lehrgänge teilnehmen muss ten. A uf dem Platz vor der Sporthalle standen die Beamten im offenen Viereck, um dem Flag genappell beizuwohnen.2174 Nationalsozialistische Lieder, Texte und Gedichte umrahmten anschließend die Ansprache des Kommandeurs zum „Tag der Nationalen Erhebung“. Den Schlusspunkt der offiziellen Feierstunde bildeten die Nationalhymen, welche die Anwesen den gemeinschaftlich sangen.2175 Eine Pflichtveranstaltung war es für die Angehörigen der Schule darüber hinaus, die obligatorische Rede des „Führers“ zu hören, die der Rundfunk landesweit übertrug. Beim Gemeinschaftsempfang im Schulgebäude sollte dieses Spektakel in der polizeilichen Gemeinschaft als verbindendes Ereignis erlebt werden.2176 Bei einem weiteren Großereignis rückte dann die Staatsgewalt selbst ins Zentrum der Auf merksamkeit: Nachdem die Weimarer Polizei bereits versucht hatte, sich durch Ausstellun gen und Filme als bürgernaher Hüter des demokratischen Staates öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen, griffen die Nationalsozialisten diese Werbestrategie auf. Für ihre Propagan da veranstalteten sie Ende 1934 erstmals den „Tag der Deutschen Polizei“, bei dem Polizisten auf den Straßen unterwegs waren und Spenden für das Winterhilfswerk (WHW) sammel 2171 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 1, 07.01.1938. 2172 An die Beamten, Angestellten und Arbeiter der allgemeinen und inneren Verwaltung des Reichs und der Länder sowie der Kommunalverwaltungen, in: RMBliV, 05.01.1938, Nr. 1, Sp. 1 f. 2173 An die Beamten, Angestellten und Arbeiter der allgemeinen und inneren Verwaltung und der Kom munalverwaltungen, in: MBliV, 07.01.1942, Nr. 1, Sp. 1 f. 2174 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Martin (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 31.01.1938. 2175 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl für die Durchführung der Gedenkfeier am 30.1.1941, 28.01.1941. Bei den beiden Nationalhymnen des „Drit ten Reichs“ handelte es sich um das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied. 2176 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 4, 27.01.1939. 395 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ten.2177 Die Ordnungsmacht stellte sich dabei als Institution freundlicher und kinderlieber Beamten dar, vor der sich keine anständigen Bürger, sondern nur jene fürchten müssten, die dem Regime schaden wollten. „Die Polizei im nationalsozialistischen Deutschland hat es sich zum Ziel gesetzt, vom deutschen Volk als sein bester Freund und Helfer, von Verbrechern und Staatsfeinden als schlimmster Gegner angesehen zu werden“, wie Himmler erklärte. Die se Zeilen finden sich im offiziellen Begleitband zum „Tag der deutschen Polizei 1934“, der da mit ein weiteres Medium zur polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit darstellte.2178 Gleichzeitig verdeutlicht dieses Zitat, worum es dem Reichsführer-SS schon damals ging: Indem er die Polizei als „Freund und Helfer“ erscheinen ließ, wollte er einerseits das Ver trauen der „Volksgenossen“ gewinnen und sie dazu bewegen, der Staatsmacht aktiv zu hel fen, indem sie Informationen lieferten oder gar Verdächtige denunzierten. Während er sie mit der Propagandakampagne für die Polizeiarbeit zu interessieren versuchte, zielte er aber andererseits darauf ab, die Bevölkerung abzuschrecken. Unter den neuen Verhältnissen konn te niemand mehr vor dem „Auge des Gesetzes“ sicher sein, sofern er sich nicht konform ver hielt. Dabei missbrauchte Himmler das gleichlautende Wort von Albert Grzesinski, der als preußischer Innenminister bereits in den zwanziger Jahren das Motto vom „Freund und Hel fer“ geprägt hatte.2179 Aufgrund des großen Erfolgs veranstaltete der Polizeiapparat den „Tag der Deutschen Polizei“ auch in den Folgejahren und besonders während des Krieges.2180 Eine begleitende Publikation bemühte sich im Jahre 1937 sogar, die Polizeioffiziersschule Berlin Köpenick ins richtige Licht zu rücken, indem sie beschrieb, wie der Chef der Ordnungspo lizei die Lehranstalt besuchte. Dabei ließ die Schrift auch wissen: „Verantwortung, Charak terstärke und eine feste Weltanschauung, das sind die Eigenschaften, die Polizeigeneral Daluege in einer Ansprache von den Polizeifähnrichen in ihrer Eigenschaft als spätere Poli zeioffiziere verlangte.“2181 Ähnlich bot der „Tag der Deutschen Polizei“ auch der Polizeischule Fürstenfeldbruck ei nen willkommenen Anlass, um Geld für Bedürftige zu sammeln und dabei mit der Brucker Zivilbevölkerung in Kontakt zu kommen. Anstehende Termine sowie die Ergebnisse dieser und ähnlicher Sammelaktionen, wie beim „Tag der nationalen Solidarität“, konnten die Po lizeibeamten aus den hauseigenen Kommandobefehlen entnehmen.2182 Dieses Medium nutz te der Kommandeur auch, um die Polizisten auf die Spendenaktion für das WHW einzu stimmen und sie dafür einzuspannen. Im Jahre 1939 sollte das ein A ufruf Himmlers übernehmen, der in der Kollekte den „Geist der Volksverbundenheit unserer nationalsozia listischen Polizei“ zu erkennen glaubte.2183 Deshalb hatte jeder Beamte einen Betrag in Höhe 2177 Vgl. Carsten Dams, Vom „Dienst am Volk“ zum „Tag der deutschen Polizei“ - Öffentlichkeitsarbeit und Selbstinszenierung der Düsseldorfer Polizei in der Weimarer Republik und im Nationalsozialis mus, in: Ders., Dienst, S. 145-165, hier: S. 145-152. Zum polizeilichen Ausstellungswesen in Weimar ferner: 100 Jahre, S. 40. 2178 Kurt Daluege, Tag der deutschen Polizei 1934, München 1935, S. 20. Zur Inszenierung der national sozialistischen Polizei als „Freund und Helfer“ vgl. ferner Westermann, Police Battalions, S. 44-48. 2179 Vgl. Hausleitner, Polizei, S. 22. 2180 Allerdings fanden weitere „Tage der Deutschen Polizei“ nur unregelmäßig statt, was 1937 und von 1939 bis 1942 der Fall war. Vgl. Hansen, Selbstdarstellung, S. 248-262. Ferner: Dierl, Ordnungspoli zei, S. 37. 2181 Koschorke, Polizei (1937), S. 157. 2182 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 31, 05.12.1938. 2183 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 2, 07.01.1939. 396 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k von mindestens einer Reichsmark als „Dankopfer“ zu spenden. Er sollte das Geld sammeln, indem er auf Tabak oder Alkohol verzichtete, was die Gesetzeshüter mit Sicherheit nicht ge rade begeisterte.2184 Am eigentlichen Wochenende zum „Tag der Deutschen Polizei“ des Jahres 1939 führten nicht nur Teilnehmer der Offiziersanwärterlehrgänge, sondern auch Vertreter des Stamm personals die Sammelaktion persönlich durch. Dazu zählten auch Dr. Fritz Schade und sein Stellvertreter Martin Diez. Weitere Einnahmen brachte dem W HW an diesem Samstag ein Handballspiel der Lehranstalt gegen die Luftkriegsschule ein, das die Kontrahenten auf dem Sportplatz des FC Fürstenfeldbruck austrugen. Daneben lud die Polizeischule ebenfalls zu einem „Bunten Abend“ ein, den Anwärter des 8. und 12. OAL sowie die Kapelle der Toten kopfstandarte 1 SS Dachau in der Brucker Jahnturnhalle gemeinsam gestalteten. Als am nächs ten Tag die gleichen SS-Musiker ein Konzert auf dem Adolf-Hitler-Platz gaben, ließen vier Ordnungshüter erneut die Sammelbüchse herumgehen. Den Schlusspunkt bildete eine Kin derspeisung, welche die Polizeischule in ihrem Speisesaal abhielt.2185 Für die polizeiliche In stitution war das gesamte Wochenende somit eine ideale Gelegenheit, sich als volksnaher „Freund und Helfer“ für Jung und Alt in Szene zu setzen und dabei auch noch Geld für die NS-Wohlfahrtsorganisation zu sammeln. Auch deshalb wertete der Schulleiter den „Tag der Deutschen Polizei“ als „einen nicht zu unterschätzenden moralischen Gewinn“ und ließ es sich nicht nehmen, für den „freudigen, kameradschaftlichen Einsatz aller Mitwirkenden zu danken“.2186 Ebenso bedankte sich Himmler bei der gesamten deutschen Polizei, die insge samt etwa 9 F2 Millionen RM gesammelt hatte.2187 Zum „Tag der Deutschen Polizei“ im Februar 1940 veröffentlichte Major Diez einen Batail lonsbefehl. Er verkündete, dass jeder Angehörige der Polizei das Buch „Die Polizei - Dein Freund - Dein Helfer“ für seine Kinder zu erstehen oder an Bekannte mit Nachwuchs zu verschenken habe.2188 A uf diese Weise leisteten die Ordnungshüter erneut ihren Beitrag dazu, Geld für Bedürftige zu spenden und gleichzeitig jenes Bild von Polizei an die Kleinsten so wie deren Familien zu vermitteln, das dem NS-Staat vorschwebte. Beim eigentlichen Polizei fest sorgte die Schule für Aufsehen, als sie zusammen mit Vertretern der hiesigen Gemein depolizei und der Gendarmerie am alten Rathaus an der Gedenktafel für die Gefallenen einen Kranz niederlegte und dabei mit einem Ehrenzug eine Salve in den Himmel feuerte.2189 Au ßerdem gingen die Polizeibeamten durch die Straßen und in die Gaststätten der Stadt oder standen am Bahnhof und an Bushaltestellen. Dort schenkten sie jedem Spender kleine Figürchen oder Abzeichen, die sie ebenso wie die Sammelbüchsen von der Brucker Ortsgrup 2184 Vgl. ebd. Auch in den Kriegsjahren appellierte der Kommandeur an seine Untergebenen, für den „Tag der Deutschen Polizei“ Geld zu sparen. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Bergauer (PAB FFB): Bataillons-Befehl Nr. 4, 18.12.1939. 2185 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 4, 27.01.1939. Ein ähnliches Programm am „Tag der Deutschen Polizei“ gab es z. B. auch in Bonn, wo sich die hiesige Polizeischule maßgeblich daran beteiligte. Vgl. Thomas Roth, Bildteil II: Der „Tag der deutschen Polizei“ in Bonn, in: Schloßmacher, Farbe, S. 193-220, hier: S. 193 f. Ferner: Wilhelm, Po lizei, S. 71; Schmidt, Polizisten, S. 344-347. 2186 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 5, 01.02.1939. 2187 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 11, 13.03.1939. 2188 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 11, 07.02.1940. 2189 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 18, Diez (PAB FFB): Befehl für die Kranzniederlegung, [Februar 1940]. 397 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k pe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) in der Augsburger Straße erhalten hat- ' ten.219° Auf diese Weise konnte die Schulgemein- j schaft zusammen mit der Ortspolizei in Fürs- 1 tenfeldbruck insgesamt 1.828 RM sammeln.2191 I Im gesamten Reichsgebiet kam eine Summe von I 15 Millionen RM zusammen.2192 Im Jahre 1941 I steigerte die Polizeischule ihren eigenen Erlös I auf 2.765 RM .2193 Der gesamte Polizeiapparat I konnte sogar 31,5 Millionen RM sammeln, was * die Schulgemeinschaft abermals über einen Abbildung 33: Sammelaktion von Komman- Kommandobefehl erfuhr. Darin waren auch die deur Arno Hagemann und weiteren Offiobligatorischen Dankesworte Himmlers zu le- zieren für den „Tag der Deutschen Polizei“ sen, der seine Ordnungshüter zu noch größeren (Sammlung Siegfried Späth, 55/2060) Leistungen anspornen wollte, indem er von ih nen verlangte: „A uf dem Wege zum Endsieg unseres Volkes erwarte ich von der Polizei und ihren Hilfsorganisationen den gleichen vorbildlichen Einsatz für alle weiteren Aufgaben.“2194 Etwas Besonderes ließen sich die Brucker Staats diener für den „Tag der Deutschen Polizei“ im Jah re 1942 einfallen. Auf dem Adolf-Hitler-Platz stell ten sie z. B. eine „Werbesäule“ auf, welche „die Polizei in ihrer Ausbildung wie im auswärtigen Einsatz und auch im Kampf gegen den Weltfeind im Osten“ darstellte.2195 In der Jahnhalle veranstal tete die Polizeischule darüber hinaus sowohl ei nen „Bunten Abend“ als auch ein Handballtur nier.2196 Neben den üblichen Sammlungen führten Abbildung 34: Kinderreiten beim „Tag der sie außerdem ein Schildernageln, eine Auktion Deutschen Polizei“ am Viehmarktplatz von Bildern und einen Schießwettbewerb im Bich- (1943) (StadtA FFB, 647) lerbräu durch. Weitere Aktionen richteten sich ge zielt an Kinder. Die Lehranstalt veranstaltete etwa Schattenspiele, ein Kasperltheater sowie ein Sackhüpfen in der Jahnhalle und neben ihr auch noch ein Kinderreiten, bei dem die kleinen „Volksgenossen“ im Sattel der Polizeipferde sit zen durften. A uf diese Weise half die Schulgemeinschaft dabei mit, dass der Polizeiapparat 2190 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Sonderbefehl: Anordnungen zum Tag der Deutschen Polizei, 13.02.1940. 2191 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 15, 04.03.1940. 2192 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 16, 07.03.1940. 2193 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 11, 22.02.1941. 2194 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 13, 05.03.1941. Vgl. Tag der Deutschen Polizei brachte 31,5 Millionen, in: Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 22./23.02.1941, Nr. 45, S. 5. 2195 Rekordergebnis des Tages der Deutschen Polizei, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 18.02.1942, Nr. 41, S. 3. 2196 Vgl. Großer bunter Abend in der Jahnhalle, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 09.02.1942, Nr. 33, S. 3. 398 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k insgesamt 57,3 Millionen RM einsammeln konnte.2197 Allein in Fürstenfeldbruck kamen bei dieser Gelegenheit genau 7.756,57 RM zusammen, womit die grün uniformierten Sammler sogar einen Spendenrekord erzielten.2198 Abseits des „Tages der Deutschen Polizei“ waren die Beamten durch ihren Kommandeur angewiesen, sich auch an weiteren Sammlungen zu beteiligen und dementsprechend in die eigene Geldbörse zu greifen. Das war z. B. der Fall bei den Spendenaktionen, welche die NSV ab dem Jahre 1940 abhielt. Sie dauerten mehrere Monate und fanden zugunsten des Kriegs hilfswerks des Roten Kreuzes statt. Die ledigen Schulbediensteten und die Lehrgangsteilneh mer erhielten mehrere Büchsen, die sie in den eigenen Reihen füllen sollten, während die Sammler auch noch ihre verheirateten Kollegen aufsuchten.2199 Der Betrag dieser karitativen Aktion kam den deutschen Truppen zugute, die in den Kriegsgebieten eingesetzt waren oder sich in Lazaretten befanden. „In Anbetracht dessen und im Interesse des Ansehens der Schu le“ pochte Kommandeur Hagemann darauf, dass jeder Angehöriger der Schulgemeinschaft ein adäquates finanzielles Opfer bringe.2200 A uf ein gutes Image zielte auch die Teilnahme der Polizeischule bei der Reichsstraßensammlung des WHW ab, die mit der Luftkriegsschule, dem Turn- und Sportverein Fürstenfeldbruck sowie anderen Organisationen durchgeführt wurde.2201 Nicht zuletzt wollte sich Himmlers Lehranstalt dadurch als „Freund und Helfer“ inszenieren, indem sie kleine Kinder der Kommune mit Essen und Kleidung versorgte. Kurz vor Weihnachten 1936 etwa berichtete die Lokalpresse darüber, dass die Polizeischule über mehrere Wochen hinweg mittags zehn bedürftige Schuljungen verköstigte und einen „Pimp fen“ des Deutschen Jungvolks (DJ) neu ausstaffierte.2202 Derart hilfsbereit gab sich die Insti tution gegenüber Kindern noch öfter.2203 Ein wichtiges Ereignis war für die Polizeischule die jährlich stattfindende Feier zum Hel dengedenktag, bei der sie nicht nur Präsenz zeigte, sondern einen festen Bestandteil des Pro gramms darstellte. Zuweilen koordinierte sie sogar den Aufmarsch der parteilichen und staat lichen Vertretergruppen.2204 Am 8. März 1936 z. B. stellte es einen Höhepunkt der Zeremonie 2197 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 15, I. V. Rheindorf (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 13.02.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kom mandobefehl Nr. 10, 10.04.1942; Was bringt uns in Fürstenfeldbruck der Tag der Deutschen Polizei?, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 13.02.1942, Nr. 37, S. 3; Der „Tag der Deutschen Polizei“ - ein voller Erfolg, in: Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 16.02.1942, Nr. 39, S. 3. 2198 Vgl. D er „Tag der Deutschen Polizei“ erbrachte Rekordergebnis, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 19.02.1942, Nr. 42, S. 3. Ein ständig steigendes Spendenauftommen am „Tag der Deutschen Polizei“ lässt sich auch andernorts feststellen. Vgl. Roth, Bildteil II, S. 194 f. 2199 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 26, 30.04.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 29, 18.05.1940; BayHS tA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 19, 24.04.1941. 2200 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 19, 22.04.1941. 2201 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 34, 29.09.1941. 2202 Vgl. Zehn bedürftige Schuljungen beim Mittagtisch in der Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 23.12.1936, Nr. 297, S. 3; Polizeihauptschule kleidet einen Pimpfen neu ein, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 23.12.1936, Nr. 297, S. 3. 2203 Vgl. u. a. StadtA FFB, Kraus, Chronik, S. 375 und 410; Die Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 31.12.1935, Nr. 302, S. 3; Sechzehn Kinder werden täglich von der Polizeihauptschule gespeist, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 19.11.1937, Nr. 269, S. 3. 2204 Vgl. z. B. Der Heldengedenktag in Fürstenfeldbruck, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 06.03.1936, Nr. 55, S. 3; Der Heldengedenktag in Fürstenfeldbruck, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 16.03.1935, Nr. 64, 399 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k dar, dass Kommandeur Dr. Oskar Lossen bei dieser Gelegenheit die zentrale Ansprache hielt. In äußerst pathetischen und linientreuen Worten würdigte er die Gefallenen des Ersten Welt kriegs und das Wirken von Adolf Hitler. Danach sprach er darüber, was nun die gegenwär tigen Generationen zu leisten hätten, womit er sicherlich auch an seine Polizeischüler ge dacht haben dürfte: „Unsere Aufgabe ist es, mitzuarbeiten an der Vollendung des Werkes, dessen Grund stock auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges gelegt wurde. Wir müssen dafür sorgen, daß in unserer Jugend ein tüchtiges, hartes Geschlecht heranwächst, um das Erbe der gefallenen Helden anzutreten. Ein Geschlecht, das nach den Worten des Führers ,flink sein soll wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl.’ Eine Jugend muß es sein, die sich der Verantwortung ihrer Aufgabe bewußt ist und die dennoch die frohe Kraft in sich fühlt, die deutsche Zukunft zu tragen und zu gestalten.“2205 Als größter Repräsentant der Wehrmacht in Fürs tenfeldbruck organisierte jedoch die Luftkriegs schule des Fliegerhorsts meist diese Gedenkveran staltung, die auf dem Adolf-Hitler-Platz vor dem Ehrenmal stattfand. Doch auch die Polizeischule nahm daran teil und ließ beispielsweise 1939 eine Hundertschaft zusammenstellen, die uniformiert und ausgestattet mit Gewehren in der Parade mit marschierte. Während die restlichen Anwärter so gar in Zivil dem Spektakel beiwohnen konnten, mussten sich die Vertreter des Schulpersonals in dem Bereich vor dem Rathaus einfinden, der für die geladenen Gäste reserviert war.2206 Zu diesem Anlass gab es eine Flaggenparade, an der die Polizeischule ebenfalls mitwirkte. Nachdem der führende Vertreter des Fliegerhorsts eine Ansprache gehalten hatte, legten die Brucker Lo kalgrößen je einen Kranz nieder: die Luftkriegsschule, die NSDAP, die Polizeischule und die Stadt. Daneben sangen die Teilnehmer die Lieder „Ich hatt’ einen Kameraden“, „Volk ans Ge wehr“ und die Nationalhymnen, um danach wieder abzumarschieren.2207 Eine besondere Heldengedenkfeier der Kommune fand am 12. November 1944 in der Jahn halle statt, bei der nicht nur das Offizierskorps der Schule, das übrige Stammpersonal und der 41. OAL, sondern auch die Frauen der Polizisten teilnahmen. Im letzten Kriegswinter fanden sich die Brucker Einwohner also an einem der zentralen Plätze der Stadt zusammen, S. 3. Zur Rolle der Polizei beim Volkstrauertag und späteren Heldengedenktag ferner: Schmidt, Poli zisten, S. 342. 2205 Fürstenfeldbruck ehrt seine toten Heldensöhne, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 10.03.1936, Nr. 58, S. 3. Schon im Vorjahr hielt Lossen die zentrale Rede, bevor es zur Kranzniederlegung kam. Vgl. dazu Ein Volk gedenkt seiner toten Helden, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 19./20.03.1935, Nr. 66/67, S. 3. 2206 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 10.03.1939. 2207 BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl (Nr. 5) für den Heldengedenktag am 21.3.1943, 19.03.1943. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 4 für den Heldengedenktag am 12.3.1944, 09.03.1944. Abbildung 35: Marsch einer Hundertschaft der Polizeischule durch Fürstenfeldbruck (1940) (Privatarchiv Sven Deppisch) 4 0 0 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k um den Gefallenen aus ihren eigenen Reihen zu gedenken.2208 Zum letzten Mal hatten sie dazu die Ge legenheit, als der offizielle Heldengedenktag am I u - März 1945 seiner gewohnten Dramaturgie folg- * J j fl iSWrÄ te. Neben Einheiten von Wehrmacht und Polizei sowie den Unterorganisationen der NSDAP, wie der SA, dem Bund Deutscher Mädel (BDM) und der HJ, war nun auch der Volkssturm vertreten.2209 Auch der Geburtstag von Adolf Hitler am 20. Ap ril war ein besonderes Datum im Kalender der Po lizeischule, die zu diesem Anlass jährlich eine eige ne Feier organisierte.2210 Im Jahre 1938 z. B. lud sie zu einer solchen auch Vertreter der Brucker NSDAP und anderen Behörden. Wie für derlei Feste üblich, hatten sich Stamm- und Lehrpersonal sowie die Of fiziersanwärter in offener viereckiger Formation auf dem Schulplatz aufzustellen, um der Zeremonie des Flaggenappells andächtig beizuwohnen. Der eigentliche Ablauf der Feier war folgender: Zu nächst schritten die Polizisten die Front ab, woraufain eine „Ansprache mit Sieg Heil auf den Führer“ folgte.2211 Zum Abschluss marschierte eine Hundertschaft der Lehrgangsteilnehmer vorbei, die gerade am Brucker Standort ausgebildet wurde. Die Gastgeber ließen dieses Schau spiel ausklingen, indem sie sich mit ihren Gästen in gemütlicher Runde im Kasino einfan den und sich beim Mittagessen austauschten.2212 In den darauffolgenden Jahren verliefen die se verordneten Geburtstagsfeiern nach ähnlichem Muster: Die Schulverwaltung hatte dafür zu sorgen, dass die „Führerbüste“ aufgestellt und geschmückt wurde. Die Flaggenparade vor versammelter Mannschaft gehörte ebenfalls zur üblichen Choreografie dieses nationalsozi alistischen Fests wie eine Ansprache des Kommandeurs oder seines Stellvertreters. Auch durfte es nicht fehlen, dass die gesamte Polizeischule die „beiden Nationalhymnen“ sangen.2213 Im Jahre 1939 fand hernach eine Parade der Wehrmacht statt, zu der auch die Polizeioffizie re und die Beamten der Lehranstalt geladen waren, während die Anwärter des 12. OAL stattdessen in München einen Absperrdienst zu leisten hatten.2214 A b bildung 36 : P o lize ifo rm atio n am M ark tp la tz w äh ren d des „Tages d e r D eu t schen Polizei“ (19 3 7 ) (S tadtA FFB, 12 13 ) 2208 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, I. V. Willing (Polizeischule FFB): Kommando-Sonder befehl, 10.11.1944. 2209 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Sonder befehl für den Heldengedenktag am 11.3.1945, 10.03.1945; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Polizeischule FFB: Aufstellungsplan für den Heldengedenktag am 11.3.45, [März 1945]. 2210 Vgl. Speißung der alten Mütter - Treueversprechen der Gefolgsmänner, in: Fürstenfeldbrucker Zei tung, 19./20.04.1936, Nr. 91, S. 4; Die Polizeihauptschule ehrt den Führer, in: Fürstenfeldbrucker Zei tung, 21.04.1936, Nr. 92, S. 3. 2211 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 14.04.1938. 2212 Vgl. ebd. 2213 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 16, 18.04.1939. Vgl. ferner u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 18, 18.04.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizei schule FFB): Kommando-Befehl Nr. 12, 18.04.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 8, 19.04.1943. 2214 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 16, 18.04.1939. 401 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Um sich gegenüber der gesamten Stadt Fürstenfeldbruck und deren Bürgern von ihrer bes ten Seite zu zeigen, gab es noch ganz andere Anlässe. Dafür eignete sich etwa der „Tag der Nationalen Arbeit“ am 1. Mai, an dem jährlich eine Kundgebung der NSDAP auf dem Adolf Hitler-Platz stattfand, an deren Organisation sich auch die Luftkriegsschule und die Polizei schule beteiligten.2215 Die polizeiliche Schulgemeinschaft nahm z. B. 1938 in Ausgehuniform geschlossen an der Brucker Kundgebung teil. Sie bildete sogar eine Ehrenformation, die zu sammen mit einer Kompanie der Luftwaffe aus dem benachbarten Fliegerhorst an den Ort des Geschehens zog. Dort übertrug der Rundfunk die Reden von Hitler und Robert Ley, dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF), die sie beim offiziellen Staatsakt in der Reichs hauptstadt hielten. Nach Ende des Spektakels verlagerte sich die Feier auf das Stadtgebiet, in dem einige Veranstaltungen stattfanden, die auch die Polizisten besuchen sollten.2216 Es gab nur wenige andere Gelegenheiten, bei denen sich die Polizeiführer von morgen und ihre Lehrer so eng mit der Brucker Bevölkerung austauschen konnten. Der dahinterstehen de Gedanke war ähnlich wie der zum „Tag der Deutschen Polizei“ : Indem sich die Vertreter der örtlichen Polizeischule als volksnahe Nachbarn in Uniform zeigten, übten die Offiziers anwärter, mit ihren „Volksgenossen“ richtig umzugehen. Gleichzeitig sorgten sie dafür, dass etwa vorhandenes Misstrauen der Menschen schwand und sie Vertrauen fassten in ihre „Volkspolizei“. Aus diesem Grund mahnte der Kommandeur die Beamten, sich an diesem Tag in den Brucker Wirtshäusern so zu benehmen, „wie es sich für einen Polizeibeamten geziemt“.2217 Im Kalender der Nationalsozialisten hatte ferner der 21. Juni einen besonderen Platz. Denn an diesem Tag fand alljährlich die Sommersonnenwende statt.2218 Wie wichtig dieses Ereig nis für die Polizeischule war, lässt sich daran ablesen, dass sie samt ihrer Musikkapelle be reits 1933 Seite an Seite mit SA, SS und HJ an diesem Spektakel teilnahm, das seinerzeit noch die NSDAP-Ortsgruppe organisierte.2219 Das war schon allein deshalb bemerkenswert, weil die Ordnungspolizei offiziell erst im Jahre 1938 dieses heidnische Fest feierte, das für Himm ler eine geradezu okkulte Bedeutung hatte. Seither veranstaltete die Lehrstätte eine eigene Feier, zu der nicht nur sämtliche Angehörige des Stammpersonals und der Lehrgänge er scheinen mussten, sondern auch möglichst viele Familien teilnehmen sollten.2220 Zuweilen wohnten die Brucker SS und die hiesige Hitler-Jugend sowie Zuschauer aus der lokalen Be völkerung dieser Zeremonie ebenfalls bei.2221 A uf dem Sportplatz der Schule standen alle Teil nehmer im offenen Viereck um einen Holzstoß herum, der gleich zu Beginn der Feier von Fackelträgern entzündet wurde, die sich zuvor an einer der vier Gewehrpyramiden positio niert hatten. Sodann rezitierte ein Sprecher den Vers: 2215 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl: Veranstaltung zum Tag der nationalen Arbeit des Deutschen Volkes, 29.04.1939; Der 1. Mai in Fürs tenfeldbruck, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 28./29.04.1935, Nr. 99, S. 3. 2216 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Martin (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 28.04.1938. 2217 Ebd. 2218 Vgl. dazu u. a. Steiner, Glaubensbekenntnis, S. 219 f.; Longerich, Himmler, S. 300 f. 2219 Vgl. Sonnwendfeier am Samstag am Weiherhaus, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 24.06.1933, Nr. 145, S. 3; Sonnwendfeier am Weiherhaus, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 27.06.1933, Nr. 147, S. 4. Ferner: Bach, Ordnungspolizei, S. 122. 2220 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Sonderbefehl über die Veranstaltung einer Sonnenwendfeier am 21.6.1938, 14.06.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Ablauf der Sonnenwendfeier am 21.6.1938 (Anlage zum Sonderbefehl vom 14.6.1938). 2221 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 25, 15.06.1939; Sonnwendfeier bei der Polizeioffizier- und Schutzpolizeischule, in: Fürstenfeldbru cker Zeitung, 22.06.1938, Nr. 142, S. 3. 4 0 2 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k „Volk will zu Volk und Blut will zu Blut und Flamme will zu Flamme! Steig auf zum Himmel, Heilige Glut, rausch fort von Stamm zu Stamme.“2222 Nachdem der Kommandeur seine sogenannte Feuerrede gehalten hatte, folgte der Hauptteil des Spektakels: Mit vier Kränzen gedachten die Teilnehmer der Gefallenen des Ersten Welt kriegs, den Männern, „die mit ihrem Blut den Kampf um das Deutschland des Führers be siegelten“, dem „Kampf[e] der Deutschen in aller Welt“ sowie dem Großdeutschen Reich.2223 Nach ihren Andachtsworten warfen die einzelnen Träger ihre Kränze unter Trommelwirbel ins Feuer. Nun gab ein Anwärter erneut ein äußerst pathetisches Gedicht zum Besten, der damit im Namen der Feiergemeinschaft hervorhob, sogar bereit dafür zu sein, für Deutsch land zu fallen, damit das „Vaterland“ fortbestehen bleibe.2224 Im Laufe der Zeremonie sangen die Polizisten „Nur der Freiheit gehört unser Leben“, „Flamme empor“ und das SS-Treuelied, die sie zuvor mithilfe des SS-Liederbuchs einstudiert und an der Schule gemeinsam geprobt hatten. Aber auch Sieg-Heil-Rufe sowie das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied durf ten bei diesem Anlass nicht fehlen und bildeten den Schlusspunkt der Feier. Anschließend versammelten sich die Anwesenden im Offizierskasino und im Speisesaal, um die nächtli che Sonnenwendfeier gemütlich ausklingen zu lassen.2225 An dieser Zeremonie wird deutlich, wie sehr sich Himmler bemühte, den Geist der SS über gemeinsame Feierrituale in die Rei hen der Ordnungspolizei einzuschleusen. Obwohl der 9. November für das „Dritte Reich“ eine herausragende Bedeutung besaß, spiel te der Tag des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 in der Polizeischule keine besonders große Rolle. Die Schüler hatten bei den Feierlichkeiten nicht geschlossen zu erscheinen. Mehr noch verlangte die Schulleitung von ihnen nicht, bei den Zeremonien mitzumachen. Ledig lich einige Vertreter des Stammpersonals nahmen 1940 zusammen mit dem Kommandeur und seinem Adjutanten an einer Gedenkfeier teil, die in Fürstenfeldbruck erneut auf dem Adolf-Hitler-Platz stattfand.2226 Offiziell beachtete die Ausbildungsstätte diesen zentralen Ge denktag der Nationalsozialisten ansonsten kaum, weshalb er auch in den Dokumenten der Schule fast nicht auftaucht. Auch das Weihnachtsfest der Lehrgangsteilnehmer fiel recht unspektakulär aus. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die meisten Beamten kurz danach in den Urlaub fuh ren.2227 Inwiefern es zudem eine Rolle spielte, dass der Reichsführer-SS dem christlichen Fest argwöhnisch gegenüberstand und es lieber sah, wenn die Angehörigen des SS- und Polizei apparats stattdessen das Julfest begingen, lässt sich anhand der Quellen nicht mehr rekonstruieren.2228 Da die Polizisten ihre Weihnachtsfeier an der Schule eher ruhig und besinnlich 2222 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Ablauf der Sonnenwendfeier am 21.6.1938 (Anlage zum Sonderbefehl vom 14.6.1938). 2223 Ebd. 2224 Vgl. ebd. 2225 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Sonderbefehl über die Veranstaltung einer Sonnenwendfeier am 21.6.1938, 14.06.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Ablauf der Sonnenwendfeier am 21.6.1938 (Anlage zum Sonderbefehl vom 14.6.1938). 2226 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 67, 09.11.1940. 2227 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 33, 14.12.1938. 2228 Vgl. Steiner, Glaubensbekenntnis, S. 218 f.; Höhne, Orden, S. 147. 403 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k begingen, überrascht es auch nicht, dass sich die Quellen über den genauen Verlauf aus schweigen. Es zeigt sich jedoch, dass während des Krieges die Feiern zur Wintersonnenwen de am 21. Dezember an Bedeutung gewannen, schon allein deshalb, weil sie von Himmler per Erlass nachdrücklich angeordnet wurden. Vor dem Überfall auf Polen richtete die Poli zei solche Zeremonien unter freiem Himmel aus, in deren Mittelpunkt abermals das Ent zünden eines Holzstoßes stand, ähnlich wie es bei der Sommersonnenwende geschah. Eine eigene Julfeier fand darüber hinaus in geschlossenen Räumen statt, bei denen alle Ordnungs hüter eines Standorts mit ihren Familien zusammen einen geselligen Abend verbringen sollten.2229 Nach Kriegsbeginn hatten die einzelnen Polizeieinheiten die beiden Feste aber in ih ren Quartieren abzuhalten.223° Kommandeur Hagemann sah es als selbstverständlich an, auch die Familien derjenigen Angehörigen des Stammpersonals mit einzuladen, die sich derzeit im Kriegseinsatz befan den. Was die Weihnachtsstimmung in der zweiten Kriegshälfte trübte, war aber nicht nur der Umstand, dass mancher Vertreter der Schule abwesend war, sondern auch die ständige Furcht, Opfer eines Luftangriffs zu werden. Daher durften die Teilnehmer des 36. OAL Ende 1943 nur in fünf verschiedenen Gruppen in den Urlaub fahren. Ein Teil der Polizeischule musste permanent einsatzbereit sein für den Fall, dass das Schulgebäude oder die Stadt Mün chen bombardiert würde. Wer während der Feiertage zwangsweise an der Bildungseinrich tung blieb, hatte außerdem dabei zu helfen, einen Splittergraben zu bauen.2231 Insofern kann getrost davon ausgegangen werden, dass die Beamten keineswegs davon begeistert waren, ihre Feiertage auf diese Weise zu verbringen. Wenngleich die Polizeischule Fürstenfeldbruck das letzte Fest des Jahres auf eine Art und Weise beging, die einen gegenteiligen Eindruck vermittelt, waren die zahlreichen Gedenkta ge und Feiern für die oberbayerische Institution enorm wichtig. Sie wiederholten sich nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern wiesen in vielen Fällen auch untereinander die gleichen Ab läufe auf. Das galt für die pathetischen Zeremonien des NS-Staates, das ritualisierte Geden ken an die Toten und die karitativen Sammlungen sowie die damit einhergehenden Werbe aktionen. Diese Ereignisse verfügten für die polizeiliche Sozialkultur inner- und außerhalb der Schulgemeinschaft über ein großes Potential, das nicht nur aus deren Liturgie resultier te, die umfassend mit nationalsozialistischen Werten beladen war. Weil sie insgesamt eine ähnliche Choreographie aufwiesen, lag ihnen eine gewisse Regelmäßigkeit zugrunde, die sich zu einer eigenen Routine innerhalb des gewohnten Dienstalltags entwickelte. Einige Ver treter des Stammpersonals nahmen ständig an den Veranstaltungen teil, weshalb sie das Pro zedere längst gewohnt waren. Aber auch jene Beamten waren regelmäßig mit diesen Feier riten konfrontiert, welche die Polizeischule rasch wieder verließen. Das galt natürlich vor allem für die Schüler, denen auch an ihren Heimatstandorten oder den Polizeieinheiten die nationalsozialistisch gefärbten Geselligkeiten fortwährend begegneten. Für sie bildeten die Feste insofern eine kleine Konstante, an der sie sich orientieren und Halt finden konnten - 2229 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 32, 20.12.1943. Zu den W intersonnenwend- und Julfeiern ferner: Longerich, Himmler, S. 301 f. 2230 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 09.12.1939, in: RMBliV, 13.12.1939, Nr. 50, Sp. 2476c f. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Bergauer (PAB FFB): Bataillons-Befehl Nr. 4, 18.12.1939; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando Befehl Nr. 44, 16.12.1941. 2231 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 32, 20.12.1943. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 30, 18.12.1944. 404 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k gerade in Zeiten, in denen das Geschehen an den Fronten die Lebens- und Gedankenwelt der Polizisten dominierte. 6.3 Die Polizeischule als Machtfaktor in Fürstenfeldbruck Abseits solcher Feierlichkeiten taten sich in Fürstenfeldbruck noch weitere Gelegenheiten für die Polizisten auf, um den Schulalltag zu durchbrechen. Die Polizeischule wusste genau, dass ihre Schüler etwas Neues erleben konnten, wenn sie an diversen gesellschaftlichen Ereignis sen teilnahmen. Derartige Anlässe dienten ihr aber gleichzeitig als Chance, um an der eige nen Außenwirkung zu arbeiten und sich als wertvolles Glied der städtischen Kultur darzu stellen. So kam sie mit der Zivilbevölkerung, aber auch mit anderen Behörden und Organisationen in Kontakt. Das zeigt erneut, dass sich die polizeiliche Lehranstalt keines wegs vor der Außenwelt versteckte. Sie war zwar nicht besonders erpicht darauf, allzu viel davon preiszugeben, was sich hinter ihren Mauern genau zutrug. Um dieses Geheimnis zu hüten, igelte sie sich jedoch nicht ein. Stattdessen offenbarte sie gerade so viel von ihrem In nenleben, dass sie sich als aufgeschlossene Institution und bürgernaher „Freund und Helfer“ aus der unmittelbaren Nachbarschaft inszenieren konnte. Bei dieser Imagepflege halfen ihr auch die Brucker Lokalzeitungen, die häufig über die für die Kommune so wichtige Bildungs einrichtung berichteten und sie während der NS-Zeit propagandistisch verklärten. Ihre Le ser konnten mitunter sogar erfahren, dass die Schüler polizeitaktische Übungen im Gelän de durchführten.2232 Darüber hinaus bemühte sich vor allem Arno Hagemann, seine Lehranstalt durch die überregionale Presse bekanntzumachen, indem er mehrfach selbstver fasste Artikel an verschiedene Redaktionen sendete.2233 Der gewünschte Erfolg scheint die ser Öffentlichkeitsarbeit jedoch nicht beschieden gewesen zu sein, da die Pressemitteilun gen in den Medien keinen Widerhall fanden.2234 Die erstaunlich offensive Werbestrategie schlug sich nicht zuletzt darin nieder, dass die Polizeischule besonders im „Dritten Reich“ ein beliebtes Postkartenmotiv darstellte. Auf diesem Weg warb Fürstenfeldbruck jedoch schon seit der Weimarer Republik sehr gerne mit seinem bedeutenden Prestigeobjekt, was sicher lich nicht nur am Klostergebäude lag. Damit auch ihre Angehörigen gegenüber den Bruckern das idealistische Image pflegten, versuchte die Polizeischule, ihr Interesse für Land und Leute in Fürstenfeldbruck und Um gebung zu wecken. Dazu wies sie auf heimatkundliche Veranstaltungen hin. So war es bei spielsweise, als ein Sachbearbeiter der Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen im Bichlerbräu einen Schulungskurs zum Them a „Vogelschutz“ abhielt.2235 Ein solches Rahmenprogramm diente ebenso dem gemeinschaftlichen Erlebnis außerhalb der Hörsäle, das den Kameradschaftsgeist stärken sollte. Daher kündigte der Schulleiter in seinen Kom mandobefehlen verschiedene Veranstaltungen an, die an der Bildungsstätte oder in der Stadt stattfanden: Bei solchen Gelegenheiten waren die Angehörigen der Polizeischule verpflichtet, sich von ihrer besten Seite zu zeigen und die Lehrstätte würdig nach außen zu vertreten. Das war etwa 2232 Vgl. u. a. Übung der Schutzpolizei, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 23.02.1933, Nr. 45, S. 3. 2233 Diese finden sich in BayHStA München, Polizeischule FFB 51. 2234 Zumindest konnten entsprechende Artikel nicht ermittelt werden, die auf Hagemanns Entwürfen fuß ten. 2235 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 2, 21.01.1938. 405 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k der Fall, als das Musikkorps der Luftwaffe zu Konzert und Tanz in die Jahnhalle lud, um mit den Einnahmen das W HW zu unterstützen. Dabei durfte auch die Ordnungsmacht nicht fehlen. „Im Interesse des guten Einvernehmens mit der Luftwaffe und insbesondere im Hin blick auf den sozialen Zweck“ wünschte sich der Kommandeur, dass möglichst viele Vertre ter der Polizeischule diesem Konzert beiwohnten.2236 Es ergaben sich für den Schulleiter zahl reiche Anlässe, das Verhältnis zum Fliegerhorst zu pflegen, indem er etwa dessen Sportwettkämpfe und Flugschauen besuchte.2237 Einzelne Lehrgänge konnten sich darüber hinaus einen Eindruck vom benachbarten Militärflugplatz machen, weil sie durch die Luft kriegsschule geführt wurden, was die Beziehungen zwischen beiden Institutionen noch mehr festigen sollte.2238 Umgekehrt fand sich die Wehrmacht auch in der Polizeischule ein, wovon etwa eine Wehrversammlung zeugt, die am 4. Mai 1939 in der polizeilichen Bildungsstätte stattfand. Sie kam auf Initiative des Wehrmeldeamts München IV zustande und richtete sich an jeden Lehrgangsteilnehmer, der über einen Wehrpass verfügte. Damit war der Besuch of fenbar weniger darauf aus, die Polizisten bloß zu informieren. Vielmehr versuchte er, sie für den Armeedienst zu werben.2239 Indirekt engagierte sich die Polizeischule auch für die deutschen Streitkräfte, als einzelne ihrer Angehörigen im ersten Kriegsjahr am Eintopfessen teilnahmen, das am „Tag der Wehr macht“ in der Jahnhalle stattfand. Die Einnahmen kamen dabei dem WHW zugute, wodurch diese Veranstaltung einen karitativen, aber zugleich propagandistischen Hintergrund hatte. Um die NS-Wohlfahrtsorganisation zu unterstützen und die polizeiliche Lehranstalt dabei zu repräsentieren, hatte der Kommandeur seine Untergebenen dazu aufgerufen, mit ihren Familien an der Speisung teilzunehmen.2240 Obwohl es zu Kriegsbeginn zunächst noch sehr improvisiert erschien, diente das gemeinschaftliche Ereignis dazu, diese kriegsbedingte Maß nahme der nationalsozialistischen Ernährungspolitik populär zu machen und der Bevölke rung die von der NS-Führung geforderte Solidarität vorzuleben. Am gleichen Tag spielte das Musikkorps der Münchner Schutzpolizei ein Konzert im Hof des Schulgeländes, zu dem die „Volksgenossen“ ebenso geladen waren.2241 Für die Brucker Einwohner war das ein günstiger Augenblick, um einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Liegenschaft nä her zu betrachten. Auch in den folgenden Kriegsjahren gehörte es zur schulischen Image pflege, wenn sich ihre Repräsentanten an den militärischen Feierlichkeiten beteiligten.2242 Um gegenüber der Brucker Bevölkerung zu demonstrieren, dass die Staatsgewalt auch ein mal ein gewitzter „Freund und Helfer“ sein konnte, nahm sie an kommunalen Festen teil, die ihnen dafür eine Bühne boten. Als eine solche diente etwa der hiesige Faschingsumzug, bei dem auch Schüler der polizeilichen Lehranstalt mitmarschierten. Im Frühjahr 1936 ver kleideten sie sich z. B. als „Abessinertruppe“, wozu sie sich die Gesichter schwarz geschminkt hatten und weiße Kutten sowie Turbane trugen. Dabei gingen sie mit einem Transparent vo 2236 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 28, 18.11.1938. 2237 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 45, 19.07.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 62, 04.10.1940. 2238 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Martin (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 21.06.1938. 2239 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 11, 13.03.1939. 2240 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 18, 16.03.1940. 2241 Vgl. ebd. 2242 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Be fehl Nr. 15, 22.03.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 9, 20.04.1943. 4 0 6 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k ran, auf dem sie geschrieben hatten: „A uf Ihr Schwarzen von F-Bruck nach Abessinien!“2243 Damit spielten sie wahrscheinlich nicht nur an den seinerzeit tobenden Abessinienkrieg an, sondern verpassten wohl auch der Kirche in Fürstenfeldbruck einen Seitenhieb. Bei anderen Feierlichkeiten spielte die Kapelle der Polizeischule auf. Anfang Mai 1933 gab sie etwa eine kleine Standmusik zum Besten, als das Bayerische Kultusministerium seine „Landessamm lung für die bayerische Jugend“ durchführte.2244 Die Musiker hielten zuweilen öffentliche Konzerte ab, zu denen die Brucker Einwohner und alle Uniformträger eingeladen waren. Ein besonderer Anlass bot sich ihnen etwa, bevor sich die Beamten von der Schule und damit aus Fürstenfeldbruck verabschiedeten.2245 Auch wenn ein kompletter Lehrgang beendet war und von der Lehranstalt abging, feierte dies nicht nur die Schulgemeinschaft unter sich, son dern zusammen mit kommunalen und überregionalen Größen aus Politik, Partei und Ordnungsmacht.2246 Als agil, sympathisch und volksnah konnte sich die Schulgemeinschaft vor allem über den Sport inszenieren. Ihr boten sich zahlreiche Gelegenheiten, an lokalen Veranstaltungen als Zuschauer und sogar als Athleten teilzunehmen. Die Turn- und Sportgemeinschaft Fürsten feldbruck lud sie beispielsweise mehrfach zu Eissportfesten ein, bei denen der Sportverein unter anderem Eiskunstlauf und Eishockeyspiele auf dem Marthabräuweiher veranstaltete.2247 Mitte März 1940 bat er auch in die vereinseigene Jahnhalle zu einem „Schwerathletik-Abend“, bei dem der Olympiasieger im Gewichtheben, Rudolf Ismayr, und der Deutsche Meister im Ringen, Heinz Schattner, ihr Können demonstrierten.2248 Auch an weiteren Sportveranstal tungen von örtlichen Vereinen oder Organisationen nahmen Vertreter der Polizeischule teil.2249 A uf dem Sportgelände des FC Fürstenfeldbruck spielte eine Schulmannschaft etwa Handball gegen eine Auswahl des hiesigen Luftwaffensportvereins.2250 Gar ein Turnier im Basketball richteten Offiziersanwärter gegen verschiedene Mannschaften aus München aus, bei dem der Sieger einen Ehrenpreis erhielt, den die Lehranstalt gestiftet hatte.2251 Die Teil nahme ihrer Vertreter an den verschiedenen Sportereignissen zeigt, wie sehr die Institution in Fürstenfeldbruck verankert war und das gesellschaftliche Leben prägte. 2243 Bilder vom Faschingszug in Fürstenfeldbruck, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 25.02.1936, Nr. 46, S. 3. Vgl. außerdem Hanns Groß, Ein Faschingszug, würdig der jungen Stadt, in: Fürstenfeldbrucker Zei tung, 25.02.1936, Nr. 46, S. 4. 2244 Standmusik, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 07./08.05.1933, Nr. 107, S. 3. Vgl. ferner Aufruf zur Lan dessammlung für die bayerische Jugend, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 07./08.05.1933, Nr. 107, S. 5. 2245 Vgl. u. a. Die Kapelle der Polizeihauptschule verabschiedet sich, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 02./03.07.1933, Nr. 152, S. 3. 2246 Vgl. Abschied von der Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 16./17.07.1933, Nr. 164, S. 4; Der 8. Einheitslehrgang an der Polizeihauptschule feiert Abschied, in: Fürstenfeldbrucker Zei tung, 20.07.1935, Nr. 166, S. 4. 2247 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 10, 01.02.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 7, 18.01.1941. 2248 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, I. A. Bergauer (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 17, 12.03.1940. 2249 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 21, 19.05.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 26, 19.07.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizei schule FFB): Kommando-Befehl Nr. 23, 27.08.1942. 2250 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 10, 21.05.1938. 2251 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 26, 16.06.1939. 407 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Damit die Schulgemeinschaft bei all dem nicht ihr eigenes Training vernachlässigte, ver anstaltete sie gelegentlich ihre eigenen Wettkämpfe oder nahm an entsprechenden Veran staltungen der örtlichen Vereine teil. Um zu demonstrieren, wie gut sie mit Waffen umge hen konnten, richteten die aktiven Polizeioffiziere am 12. Oktober 1940 ein Preisschießen aus, das im benachbarten Rothschwaig stattfand. Ähnliche Schießwettbewerbe gab es ebenso für die Unterführer der Schule, die genauso in einem Kameradschaftsabend mündeten wie die ihrer Vorgesetzten.2252 Es ist zwar nicht bekannt, ob die Öffentlichkeit davon Notiz nahm. Aber wahrscheinlich blieb dieses Wettschießen schon allein durch den dabei entstandenen Lärm nicht unbemerkt. Darüber hinaus beteiligten sich einige Beamte am „Opferschießen“ für das WHW, das der Brucker Turn- und Sportverein vor aller Augen durchführte und bei dem sie ihre Schießkünste zeigen konnten.2253 Als Aushängeschild für die Polizeischule galten ganz besondere Leistungen ihrer Gesetzes hüter. Diese würdigte der Kommandeur in seinen Kommandobefehlen und machte sie da mit in der gesamten Schulgemeinschaft publik. Das war z. B. der Fall, als Hauptwachtmeis ter Friedrich Worbs vom 33. OAL am 20. Juni 1943 an den Gaumeisterschaften der Leichtathleten in Bad Tölz teilgenommen und im Hammerwerfen den 1. Platz belegt hatte. So trivial diese Meldung erscheinen mag, brachte sie dem Sportler jedoch ein öffentliches Lob des Schulleiters ein und unterstrich gleichzeitig, dass dem Leistungsprinzip an der Schu le wie im gesamten Polizeiapparat ein enormer Stellenwert zukam.2254 In seinen hausinter nen Bekanntmachungen verkündete der Kommandeur voller Stolz, wenn seine Untergebe nen für ihre sportlichen Erfolge von höherer Stelle ausgezeichnet wurden. Einzelne Offiziersanwärter kamen in den Genuss, dass sie der Sachbearbeiter für Polizeisport ehrte, der im Machtapparat des Reichsführers-SS tätig war.2255 Solche Aktionen schmeichelten also nicht nur den Geehrten, sondern auch ihrer Wirkungsstätte. Das NS-Regime betrieb aber noch deutlich mehr Aufwand, um gegenüber den Beamten seine angebliche Solidarität zu demonstrieren. Das zeigt sich in einer ganzen Reihe von par teilichen Veranstaltungen. Die NSDAP richtete solche Zusammenkünfte aus, die entweder an die gesamte örtliche Einwohnerschaft oder exklusiv an die Polizeischule adressiert waren. Die Angehörigen der Bildungseinrichtung waren beispielsweise eingeladen, wenn der Fürstenfeldbrucker Chor und das städtische Orchester volkstümliche Stücke zum Besten gaben. Die Künstler musizierten manchmal in der Schule oder auf dem Klostergelände, wozu auch die Bevölkerung eingeladen war. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass diese Musi kabende meist auf Initiative der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ zustande ka men. Schon allein dadurch fungierte die Lehranstalt als Multiplikator für deren „volksge meinschaftliche“ Geselligkeitspropaganda, die aber auch auf die Beamten selbst ausgerichtet 2252 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Sonderbefehl für das Offizierpreis schießen 1940, 10.10.1940; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Sonderbefehl für das Unterführerpreisschießen 1940, 16.10.1940. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 35, 02.10.1941. Darüber hinaus gab es noch weitere solcher Offiziersschießen, die einen ähnlichen Ablauf aufwiesen. Vgl. BayHStA München, Po lizeischule FFB 12, Hagemann (Polizeischule FFB): Offiziers-Schießen, 02.06.1942. 2253 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 9, 12.02.1941. 2254 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 18, 02.07.1943. 2255 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Be fehl Nr. 16, 09.07.1938. 4 0 8 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k war.2256 Die Brucker KdF-Dienststelle veranstaltete für sie auch zahlreiche Theateraufführun gen. Dazu zählte etwa das Lustspiel „Die Braut aus Hamburg“, das im Januar 1940 die Berch tesgadener Bauerngruppe im Jungbräusaal zum Besten gab.2257 Lehrgänge und Lehrpersonal besuchten auch weitere Stücke, welche die NS-Organisation arrangierte.2258 Aus Anlass ihres 7. Jahrestages lud sie in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1940 zu einem Konzert in die Bru cker Jahnhalle ein, zu dem auch möglichst viele Polizisten kommen sollten. Das Publikum unterhielten eine Kindertrachtengruppe aus Puchheim, eine Gruppe junger Zitherspieler aus Germering und eine Kreissportgruppe aus Fürstenfeldbruck, die allesamt der KdF angehörten.2259 Nicht zuletzt warb sie unter den Beamten auch noch dafür, dass Gefolgschaftsmitglie der ihren Urlaub z. B. in Italien verbringen konnten, indem sie an den Fahrten der Freizeit organisation teilnahmen.2260 Die parteilich durchgeplante Freizeit war aber nicht das einzige Einfallstor für die NSDAP. Die Schule pflegte daneben intensive Kontakte zur lokalen Hitler-Jugend und unterstützte sie in mehrerlei Hinsicht. Die Bildungsanstalt beherbergte die Jugendlichen gelegentlich in ihrem Speisesaal, um sie dort zu verköstigen. Auch ihre Räumlichkeiten durfte die Jugend organisation hin und wieder benutzen, um dort ihre Schulungen abzuhalten.2261 Die Polizei schule stellte ihr und der NSDAP zeitweise sogar die hauseigene Turnhalle zur Verfügung.2262 Als die Brucker HJ Mitte Juni 1939 das Bann- und Untergausportfest ausrichtete, ordnete der Kommandeur gegenüber seinen Untergebenen an, die Veranstaltungen möglichst gut zu be suchen. Bei dieser Gelegenheit dienten einige Offiziersanwärter auch als Kampfrichter. Der schuleigene Verbindungsmann zur HJ, Johann Galland, hatte dafür zu sorgen, dass alles rei bungslos ablief.2263 Solche Kooperationen kamen jedoch nicht ausschließlich in Eigeninitia tive der Polizeischule und reiner Solidarität zustande. Wenige Monate nach Kriegsbeginn warb Himmler unter seinen Polizisten dafür, an der Schießausbildung der Hitler-Jugend tat kräftig mitzuwirken, worum ihn der Stabsführer des Reichsjugendführers gebeten hatte.2264 Auch die Ortsgruppe des Kameradschaftsbundes Deutscher Polizeibeamten hielt im schu lischen Speisesaal diverse Gemeinschafts- und Schulungsabende ab, die für seine Mitglieder verpflichtend waren und auch die Familien miteinbeziehen wollten. In die Bildungsstätte konnte so nicht nur die nationalsozialistische Polizeigewerkschaft eindringen, sondern mit ihr auch eine weitere NS-Organisation, die versuchte, den Geist von Himmlers Machtappa 2256 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 1, 07.01.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Sonder befehl, 02.08.1938. 2257 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillons-Befehl Nr. 8, 17.01.1940. 2258 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 13, 05.03.1941. 2259 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 18, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 72, 05.12.1940. 2260 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 2, 21.01.1938. 2261 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 17, 14.07.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando Befehl Nr. 10, 17.02.1941. 2262 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 31, 05.12.1938. 2263 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 26, 16.06.1939. 2264 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 191, Himmler (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Mitwirkung der Angehörigen der Ordnungs- und Sicherheitspolizei und des S.D. bei der Schieß ausbildung der Hitlerjugend, 13.04.1940, S. 4 f. 409 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k rat in die Schule zu tragen.2265 Das ging soweit, dass der Brucker Ortsgruppenleiter der NSDAP Veranstaltungen eigens dafür organisierte, um Parteimitglieder und Offiziersanwärter zu sammenzubringen.2266 Die Polizeischule verfügte sogar über einen eigenen Blockwart. Die sen Posten übernahm ab 1. März 1939 Polizeimeister Robert Schmalfuß.2267 Erstaunlich ist aber, dass es hingegen nur relativ wenige Kontakte zur Brucker Schutzstaf fel gegeben zu haben scheint. Zumindest nennen die Quellen kaum Fälle, in denen die Poli zeischule ihr besonders nahe gekommen wäre. Im Umkehrschluss könnte das aber auch be deuten, dass solche Zusammenkünfte den Chronisten der Bildungsstätte vielleicht nicht erwähnenswert erschienen, weil sie als selbstverständlich galten. Darauf deuten zumindest einzelne Episoden hin, die offenbaren, dass sich beide Institutionen doch gelegentlich begegneten. Kommandeur Schade sah etwa eine günstige Gelegenheit darin, die Beziehungen zwi schen Himmlers Elitegarde und seiner Schule zu intensivieren, wenn die Fürstenfeldbrucker SS einen ihrer Abende organisierte. „Im Interesse des Zusammengehörigkeitsgefühles“ soll ten deshalb möglichst viele Vertreter aus Stammpersonal und Lehrgängen dabei erscheinen.2268 Die Polizeischule präsentierte sich auch außerhalb ihres Standorts auf Veranstaltungen der Partei und damit abermals der Öffentlichkeit. So beteiligte sie sich z. B. an den regelmäßig stattfindenden Kreistagen der NSDAP, welche die parteilichen Kreise Fürstenfeldbruck, Da chau, Landsberg am Lech und Starnberg abwechselnd ausrichteten.2269 Als dieses Spektakel etwa im Sommer 1939 in Landsberg stattfand, entsandte sie nicht nur einige Polizeiathleten für die sportlichen Wettkämpfe, sondern auch eine Ehrenhundertschaft. Kommandeur Kor semann ließ es sich selbst nicht entgehen, als oberster Repräsentant der Schule aufzutreten und diesem Ereignis gleichzeitig als Zuschauer beizuwohnen. Dabei beäugte er kritisch, wie sich seine Schützlinge präsentierten.2270 Als im April 1940 ein weiterer Kreistag der Partei in Fürstenfeldbruck stattfand, war es für die Polizeischule ganz selbstverständlich, sich an der Organisation der Kundgebung auf dem zentralen Adolf-Hitler-Platz tatkräftig zu beteili gen.2271 Auch am 27. und 28. Juni 1942 wurde der Kreistag der NSDAP dort abgehalten. Er neut beteiligte sich die Polizeischule an dessen Veranstaltungen, wie etwa dem „Appell der Führerschaft“ oder dem „Bekenntnis der Heimat“, in dem sie diese besuchte und den Absperrdienst leistete.2272 Ferner griff der nationalsozialistische Bürgermeister, Adolf Schorer, gerne auf Männer aus dem Stammpersonal zurück, um an Wochenenden die lokale Schutz 2265 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 28, 01.07.1939. 2266 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 15, 24.06.1938. 2267 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 13, 30.03.1939. 2268 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 12, 22.03.1939. 2269 Zu den Kreistagen der NSDAP in Fürstenfeldbruck vgl. Wollenberg, Reich, S. 249 f. 2270 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 27, 29.06.1939. 2271 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl für die Teilnahme am Kreistag, 19.04.1940. 2272 BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 18, 25.06.1942. Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k polizei zu verstärken.2273 Das beweist erneut, wie integriert die polizeiliche Institution in der Stadt tatsächlich war. Denn selbst wenn er nur auf die Beamten zurückgriff, weil ansonsten zu wenig Personal verfügbar war, zeugt dieser Schritt von einem vertrauensvollen Verhält nis. Die Polizeischule war aber nicht nur im kulturellen und sozialen Bereich präsent, sondern fungierte in Fürstenfeldbruck auch als wirtschaftlicher Faktor. Ihretwegen erzielten die Kom mune und dort ansässige Gewerbebetriebe höhere Einnahmen. An den Offiziersanwärtern dürften insbesondere Wirtshäuser, Metzgereien, Bäckereien, Wochenmärkte und Kramerlä den verdient haben, wobei auch die schulische Kantine ihre Lebensmittel höchstwahrschein lich aus der Region bezog. Des Weiteren kam den örtlichen Geschäften zugute, dass das Stammpersonal mit seinen Familien vor Ort wohnte, die ebenfalls eine Geldquelle darstell ten. Die Lehranstalt beauftragte darüber hinaus Brucker Handwerksbetriebe und Baufirmen, um neue Gebäude errichten, die Schule sanieren oder zumindest kleinere Arbeiten ausfüh ren zu lassen. Es ist zwar kaum genau zu beziffern, wie sehr die Stadt insgesamt von der Po lizeischule finanziell profitierte. Den hiesigen Unternehmen soll sie aber allein im Zeitraum von April 1932 bis April 1933 etwa 500.000 RM an Umsatz eingebracht haben.2274 Da sie da mals weitaus weniger Polizeischüler beherbergte als nach ihrem Aufstieg zu einer der bedeu tendsten Bildungsanstalten in Himmlers Machtbereich, ist davon auszugehen, dass der jähr liche Ertrag ab 1936 noch wesentlich höher lag. Der Lehrbetrieb beschäftigte darüber hinaus einige Arbeiter und Angestellte, die aus der Stadt Fürstenfeldbruck und der näheren Umge bung stammten. Die Anzahl der Beschäftigten in Verwaltung und Küchenbetrieb war zwar überschaubar. Dennoch fungierte die Schule als wichtiger lokaler Arbeitgeber, was die Bru cker Bevölkerung noch stärker an diese Institution band.2275 Auch die kommunalen Behör den schätzten sie, weil sie ihnen hohe Steuereinnahmen bescherten, was etwa beim Erwerb von neuen Immobilien der Fall war. Die Brucker Gemeindeverwaltung erhielt zudem von jedem einzelnen Polizeibeamten weitere Gelder. Wer etwa an der Polizeischule einen Lehr gang besuchte oder den Ausbildungsbetrieb organisierte, musste eine Bürgersteuer entrich ten, die der Kommune eine stattliche Summe einbrachte. Allein die rund 500 Polizisten des hiesigen Polizeiausbildungsbataillons füllten binnen vier Monaten die Staatskasse mit einem Betrag in Höhe von 4.000 bis 5.000 RM.2276 Wie wichtig die Lehranstalt für die Stadt Fürstenfeldbruck war, zeigt sich auch daran, dass sich hiesige Interessensgruppen an sie wendeten, wenn sie Hilfe benötigten. So ersuchte die Brucker Kreisbauernschaft Mitte 1943 ihren Kommandeur darum, bei der „Erntebergung“ behilflich zu sein und dafür einige Kräfte zur Verfügung zu stellen, da die von der Wehr macht abgestellten Landser dafür nicht ausreichten.2277 Der örtliche Reichsnährstand bang 2273 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 18, 22.07.1938. 2274 Vgl. Sprechabend des Kampftundes, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 10.06.1933, Nr. 134, S. 4; Hoser, Kommunalpolitik, S. 95. 2275 Vgl. z. B. BayHStA München, M Inn 71982, Abschrift: Diez (Polizeischule FFB) an StMdI: Fahrgelder stattung für Gefolgschaftsmitglieder, 13.02.1941. Auch von anderen Bildungsanstalten der deutschen Polizei ist bekannt, dass sie als lokale Arbeitgeber fungierten. Vgl. z. B. Annette Leo, Dienst, Verwal tung, Unterricht. Alltag in der Sicherheitspolizeischule Drögen, in: von Buttlar, Fürstenberg-Drögen, S. 97-119, hier: S. 97. 2276 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 106, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Bür germeister von FFB: Wohnungsbeschaffung für Pol.Beamte, 20.03.1940. 2277 BayHStA München, Polizeischule FFB 25, I. A. [unleserlich] (Reichsnährstand - Kreisbauernschaft FFB) an Kommandeur der Polizeischule FFB: Erntehilfe - Wehrmacht, 20.07.1943. 411 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te nämlich um die Ernte, weil es wegen des schlechten Wetters im fünften Kriegsjahr ohne die polizeilichen Helfer nur schwer möglich sei, die Feldfrüchte einzufahren.2278 Den Einsatz von Ordnungshütern in der Landwirtschaft begrüßte auch Himmler, der seine Untergebe nen nachdrücklich dazu aufforderte, sich mit allen verfügbaren Kräften an der Ernte zu be teiligen. Er argumentierte, dass die Staatsmacht gerade während des Krieges einen Vorbild charakter besitze, da „es von der Bevölkerung nicht verstanden wird, wenn Angehörige der Polizei und SS untätig in Erscheinung treten“.2279 Es waren auch die Folgen des Krieges, die dazu führten, dass sich die hiesige Kreishand werkerschaft an die Schule wendete. Denn weil „gegenwärtig die Einwohnerzahl in Fürsten feldbruck sowohl, als auch in den Ortschaften des Kreisgebietes durch Zuwanderung von Verwandten u. Bekannten dauernd zunimmt“, konnten die örtlichen Bäcker die Brucker Be völkerung nur noch schwer mit ausreichend Brot versorgen.2280 Diese Migration war sicher lich auf den Bombenkrieg zurückzuführen, der die Städter aufs Land flüchten ließ. Doch die Brucker Polizeischule konnte nicht mit gelernten Bäckern dienen, weshalb sie den Bittstel ler einfach an das Kommando des Dachauer KZ verwies.2281 Den Beistand der Polizeischule versuchte sich auch die Deutsche Reichsbahn im Jahre 1944 zu sichern, die dringend Arbeits kräfte suchte, um sie bei besonderen Gelegenheiten einsetzen zu können. Ein solcher Anlass konnte beispielsweise ein besonders starker Schneefall sein. Die Polizisten sollten dabei be hilflich sein, die Schienen freizuschaufeln, damit die Eisenbahn auch in einem strengen Win ter gewährleisten konnte, die deutschen Truppen mit den benötigten Gütern zu versorgen. Da die Brucker Schule in der zweiten Kriegshälfte ohnehin stark gefordert war, wollte sie sich jedoch erst im Ernstfall entscheiden, inwieweit sie sich an derartigen Hilfsprojekten betei ligt.2282 Wenngleich sich der Kommandeur in solchen Fällen etwas zurückhaltend gab, zei gen die aufgeführten Beispiele, dass seine Schulgemeinschaft häufig weitaus mehr leistete, als sich ausschließlich auf die Ausbildung zu konzentrieren. Allerdings konnte ein solches Engagement nicht verhindern, dass die Polizeischule gera de in den letzten Kriegsmonaten einzelnen lokalen Machthabern ein Dorn im Auge war. Das zeigt insbesondere eine Begebenheit, die sich in dieser Phase in der benachbarten Kloster wirtschaft zutrug. Von ihr berichtete Oberwachtmeister Johannes Fiedler an das Komman do der Polizeischule: Der Polizist besuchte am 20. Dezember 1944 zusammen mit weiteren Teilnehmern des 27. Reserve-OAL die benachbarte Gaststätte und hörte bei dieser Gelegen heit, wie die Wirtin, Betty Achatz, von einem Gespräch mit NSDAP-Kreisleiter Franz Em mer erzählte. Sie sei bei dem Parteifunktionär vorstellig geworden, um zu verhindern, dass er ein paar Räume schließe, die sie für den Betrieb ihres Wirtshauses dringend benötige. Als die Gastronomin ihm gegenüber argumentierte, zu ihren Gästen gehörten vor allem die An gehörigen der Polizeischule, habe ihr Emmer entgegnet: „Die grünen aufgeblähten Kerle 2278 Vgl. ebd. 2279 BayHStA München, Polizeischule FFB 62, Abschrift von Schnellbrief: I. V. [Unterschrift] (RFSSuChdDt Pol) an u. a. die Schulen, Anstalten usw.: Einsatz und Beurlaubung der Polizei und SS - m it Ausnah me der Waffen-SS - zur Durchführung der Herbstbestellung, Hackfruchternte und Zuckerkampagne 1942/43; Erfassung von Grünflächen für den Anbau von Ernährungsfrüchten, 13.09.1942, S. 2. 2280 BayHStA München, Polizeischule FFB 25, [unleserlich] (Kreishandwerkerschaft FFB) an Polizeischu le FFB: Gelernte Bäcker im Notfall, 15.08.1943. 2281 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 25, Abschrift: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an Kreishandwerkerschaft FFB: Gelernte Bäcker im Notfalle, 19.08.1943. 2282 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 25, [unleserlich] (Deutsche Reichsbahn) an Polizeischule FFB: Verhütung von Betriebsstörungen durch Frost und Schnee, 31.10.1944. 412 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k brauchen nichts zu fressen, die werden sowieso reichlich verpflegt.“2283 Sie solle dies auch der Schule berichten, wobei er seine Aussage dahingehend relativiert habe, dass er jene Polizis ten ausnehme, die an der Front seien. Daraufain habe Achatz geantwortet, dass die Angehö rigen der Schule in die umliegenden Gaststätten von Fürstenfeldbruck gingen, was diese deutlich belaste, sofern ihre Wirtschaft dennoch geschlossen werde. Der Kreisleiter habe ihr augenblicklich entgegengehalten: „Das werden wir schon sehen, die werden wir auch dort rausschmeissen.“2284 Fiedler informierte die Schulleitung erst Tage später, weil sich dieser Vorfall mittlerweile zum Gesprächsthema innerhalb der Lehranstalt und in der Stadt entwickelt hatte. Außer dem betrachtete er die Aussagen Emmers als „eine schwere Beleidigung der gesamten Polizei“.2285 Im Nu wurde dieser Eklat zur Chefsache und zu einem Politikum an der Polizeischule. Bei ihrer Vernehmung bestätigte Achatz, mit Kreisleiter Emmer ein solches Gespräch geführt zu haben und dass er sich dabei über die Schule derart abfällig geäußert habe.2286 Daraufain vernahm Major Dr. Helmut Herzog diejenigen Polizisten, denen die Betreiberin der Klos terwirtschaft von ihrem Treffen mit dem Parteifunktionär berichtet hatte, wobei alle fünf Be amten ihre Angaben bestätigten.2287 Nachdem Kommandeur Hagemann sämtliche Informationen zusammengetragen hatte, wendete er sich am 30. Dezember 1944 in einem Brief an den Kreisleiter der Brucker NSDAP. Weil er es nicht glauben konnte, dass Emmer sich trotz des bisher guten Verhältnisses zur Schule derart geringschätzig über die Offiziersanwärter ausgelassen habe, bat er ihn darum, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Dabei betonte er, dass die Ordnungspolizei und „deren Leistungen im Kriegseinsatz in Front und Heimat allerseits, selbst auch von höchster Stelle [...] anerkannt worden sind“ und verwies auf eine Rede Hitlers vor dem Reichstag vom 26. Ja nuar 1942.2288 Nachdem der Parteifunktionär darauf geantwortet hatte, schrieb Hagemann auch Achatz einen Brief, in dem er die einzelnen Positionen gegenüberstellte. Mit den Vor würfen konfrontiert habe Emmer zwar entgegnet, dass die Wirtin den genauen Wortlaut sei ner Äußerungen nicht richtig wiederholt habe, jedoch auch bestätigt, „einige sehr deutliche und drastische Worte gebraucht zu haben“.2289 Anstatt aber nun zu ergründen, was der Kreis leiter genau meinte und aus welchem Grund er sich überhaupt abschätzig über die Polizei schüler geäußert hatte, versuchte Hagemann lediglich die Botin zum Schweigen zu bringen. Er verlangte von Achatz nachdrücklich, „in Zukunft nicht nachweisbare Tatsachen nicht wei ter zu verbreiten“, um nicht dem Ruf der Schule zu schaden.2290 Der Kommandeur drohte der Wirtin sogar damit, rechtliche Schritte einzuleiten, sofern sie derlei Gerüchte noch einmal in Umlauf bringe.2291 Wenige Tage später suchte Achatz das persönliche Gespräch mit Hage 2283 BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Fiedler (Polizeischule FFB) an den 27. ROAL: Meldung über eine angebliche Äusserung des Kreisleiters der NSDAP des Kreises Fürstenfeldbruck, 26.12.1944. Vgl. Hoser, Kommunalpolitik, S. 62. 2284 BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Fiedler (Polizeischule FFB) an den 27. ROAL: Meldung über eine angebliche Äusserung des Kreisleiters der NSDAP des Kreises Fürstenfeldbruck, 26.12.1944. 2285 Ebd. 2286 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 94, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Aktenvermerk, 28.12.1944. 2287 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Vernehmungs-Niederschrift, 29.12.1944. 2288 BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Emmer, 30.12.1944, S. 1. Vgl. zudem ebd., S. 2. 2289 BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Achatz, 06.02.1945. 2290 Ebd. 2291 Vgl. ebd. 413 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k mann und bekräftigte erneut, die Wahrheit gesagt zu haben und nur das getan zu haben, wozu sie der Kreisleiter aufgefordert habe. Doch Hagemann blieb seiner Position treu und erklärte ihr, dass er insbesondere während des Krieges das Image seiner Schule schützen wol le. Notgedrungen zeigte sich Achatz verständnisvoll und versprach, zukünftig solche Bemer kungen zu unterlassen.2292 Damit war der Fall für Hagemann erledigt. Dem Konflikt mit dem NS-Politiker war der Kommandeur zwar aus dem Weg gegangen, was ihm aber auch nur deshalb gelungen war, weil er sich stattdessen ein Bauernopfer vorknöpfte. Das änderte jedoch nichts an der Tatsa che, dass sein Verhältnis zur NS-Kreisleitung zumindest in der Endphase des Krieges sehr angespannt war. Darüber hinaus ist der Vorfall ein Indiz dafür, dass es möglicherweise noch weitere Konflikte zwischen der Polizeischule und den anderen lokalen Machthabern gab. Denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass der „Goldfasan“ mit seiner wenig schmeichel haften Meinung allein dastand. Wenngleich es keine weiteren Reibereien ähnlicher Qualität gegeben zu haben scheint, dürften einige verdeckte Animositäten unentdeckt geblieben sein. So wichtig die polizeiliche Lehrstätte für Fürstenfeldbruck auch war, schützte sie das nicht davor, dass zumindest Einzelne sie hinter der Fassade der „volksgemeinschaftlichen“ Ein tracht durchaus argwöhnisch beäugten. 6.4 Der Umgang mit dem Tod In der Ordnungspolizei im Allgemeinen und speziell an der Polizeischule Fürstenfeldbruck war der Tod bereits vor, aber vor allem während des Zweiten Weltkriegs ein ständiger Be gleiter. Mehr noch als die einfachen „Volksgenossen“ waren Polizisten mit diesem Thema konfrontiert, da sie ihr Beruf häufig in Lebensgefahr brachte. Das war jedoch nicht nur der Fall, wenn sie es mit Verbrechern aufnehmen mussten. Ihr Einsatz in den Kriegsgebieten und an der „Heimatfront“ führte dazu, dass die Beamten ständig damit rechnen mussten, ver wundet oder gar getötet zu werden. Daher überrascht es nicht weiter, dass die Ordnungs macht des NS-Regimes ihre eigene Kultur pflegte, wenn es darum ging, das Ableben ihrer Berufsgenossen und Kollegen zu würdigen. Auch für die Brucker Polizeischule war es wich tig, sich mit dem Tod ihrer Angehörigen auseinanderzusetzen. Gerade während des Krieges wurde dies immer bedeutender und führte so den Offiziersanwärtern vor Augen, welchen Preis sie unter Umständen dafür zahlen mussten, zu Hitlers „grünen Soldaten“ zu gehören. Wer in den Kriegsjahren das Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung (RMBliV) stu dierte, dem konnte nicht verborgen bleiben, dass viele zum Teil hochrangige Staatsdiener kriegsbedingt ihr Leben ließen. Seit Juli 1940 listete das Amtsblatt in unregelmäßigen Ab ständen jene Hüter der öffentlichen Ordnung auf, die während des Kriegseinsatzes verstor ben oder gefallen waren.2293 Obwohl diese Meldungen kaum Polizisten ausdrücklich erwähn ten, fiel es dem Leser nicht schwer, sich vorzustellen, dass es auch große Verluste in den Reihen der uniformierten Polizei gab. Das war umso mehr der Fall, als in den Ausgaben des RM BliV des Jahres 1942 immer häufiger von Beamten zu lesen war, die „Für Führer, Volk und Vaterland starben“, wobei auch die Todeslisten deutlich länger wurden.2294 Als dann ab 2292 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Entwurf: Polizeischule FFB: Niederschrift. Rückspra che Frau Achatz, 09.02.1945. 2293 Vgl. Für Volk und Vaterland starben, in: RMBliV, 17.07.1940, Nr. 29, Sp. 1445-1448. 2294 W ährend im Jahre 1940 lediglich fünf Ausgaben des RMBliV über Todesfälle informierten, stieg im folgenden Jahrgang die Anzahl auf elf und 1942 auf den Höchststand von 20. Zwar führten 1943 nur 414 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Anfang 1944 das Befehlsblatt des Chefs der Ordnungspolizei (BefBlO) erschien, würdigten seine Ausgaben höhere Offiziere, die den „Heldentod“ gefunden hätten.2295 Sicherlich darf nicht überschätzt werden, wie stark solche Nachrichten den Leser tangierten. Doch konfron tierten die beiden Verwaltungsorgane ihre Klientel immer wieder mit diesen Folgen des na tionalsozialistischen Weltanschauungskrieges für den deutschen Polizeiapparat. Bereits zu Beginn des „Dritten Reichs“ instrumentalisierten die neuen Machthaber all jene Polizeibeamten, die im Dienst ihr Leben gelassen hatten, indem sie ihnen auf ihre Weise ge dachten. Dadurch versuchten sie, zu demonstrieren, welchen Stellenwert sie den deutschen Ordnungshütern beimaßen. Mehr noch pflegten sie einen Totenkult, den auch andere NS- Organisationen in ähnlicher Form zelebrierten. Allerdings gab es auch einige Besonderhei ten. Mitte des Jahres 1933 begannen die Nationalsozialisten, ein „Goldenes Buch“ einzurich ten, das alle Beamten aufführen sollte, die seit dem 6. Oktober 1920 im Dienst gestorben waren. Das Gedenkbuch sollte im Polizeiinstitut Berlin-Charlottenburg ausgestellt werden und nannte neben dem Namen, dem Rang und der Dienststelle auch die Todesursache und das Sterbedatum. Außerdem schmückte möglichst ein Passbild den Eintrag, der den Einsatz des Verblichenen für sein Land knapp würdigte.2296 Als Ende 1934 die Vorarbeiten am „Gol denen Buch“ beendet waren, verkündete Reichsinnenminister Frick, dass dieses „Gedenkund Ruhmesblatt der Polizei“ innerhalb seines Ministeriums einen besonderen Platz finden werde.2297 Als es zu Beginn des Jahres 1936 fertiggestellt war, listete es die Einträge zu insgesamt 691 Beamten auf, die zwischen 1918 und 1935 meist von Kommunisten getötet oder bei Unfällen umgekommen waren. Damit besaß die heroisierende Schrift eine dezidiert antikommunis tische Stoßrichtung und suggerierte damit, dass Nationalsozialisten und Polizisten traditio nell gegen einen gemeinsamen Feind kämpften, was sie angeblich zusammenschweiße.2298 Davon zeugt auch ein Aufsatz des Jahres 1936 von Helmuth Koschorke, der das „Goldene Buch“ und besonders jene darin verzeichneten Beamten würdigte, die etwa bei den Unru hen im Ruhrgebiet, dem Mitteldeutschen oder dem Hamburger Aufstand zu Tode gekom men waren. „Überall werfen sich die Polizeibeamten opferbereit und todesmutig dem Bol schewismus entgegen, kämpfen gegen Aufruhr und Anarchie, erleiden tausendfachen Martertod unter den Mordhänden entmenschter Moskowiter“, wie er schrieb.2299 Dabei bezeichnete er die polizeilichen Gegner unter anderem als „Insurgentenbanden“2300 und „Mordbanditen“,2301 womit er sich Mitte der dreißiger Jahre speziellen Varianten des traditio nellen Vokabulars bediente. Das ab August 1938 „Ehrenbuch der Deutschen Polizei“ genann neun Nummern derartige Todesregister. Doch erhöhte sich im Folgejahr ihre Zahl auf 17. Die Länge dieser Verzeichnisse umfasste dabei zunächst ein bis zwei Seiten, die jedoch dann m itunter auf fünf Seiten anwuchs. Vgl. z. B. Für Führer, Volk und Vaterland starben, in: MBliV, 22.12.1944, Nr. 51/52, Sp. 1195-1204. 2295 Meist fanden sich Todesmeldungen von Polizeioffizieren der Dienstgrade Major und Hauptmann. Vgl. dazu BefBlO, 1944 und 1945. 2296 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 29.06.1933, in: MBliV, 05.07.1933, Nr. 36, Sp. 782. Zum „Goldenen Buch“ sowie zum Toten- und Heldenkult in der Polizei ferner: Schmidt, Polizisten, S. 387-396; Ders., Prügelkna ben, S. 255. 2297 RdErl. d. RuPrMdI. v. 13.12.1934, in: MBliV, 19.12.1934, Nr. 51, Sp. 1526-1528, hier: Sp. 1526. 2298 Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 387-390. 2299 Hellmuth Koschorke, Das „Goldene Buch“ der deutschen Polizei. Ein Dokument von stillem Helden tum deutscher Polizeibeamten, in: Kehrl, Jahrbuch, S. 154-162, hier: S. 156. 2300 Ebd., S. 158. 2301 Ebd., S. 161. 415 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te Werk übernahm Himmler nach seinem Aufstieg zum Chef der Deutschen Polizei.2302 Nach der Niederlage von Stalingrad ordnete der Reichsführer-SS jedoch an, dass die Dienststellen keine Unterlagen mehr einsenden sollten, die Informationen für das Totenbuch enthielten. Offensichtlich waren die polizeilichen Chronisten damit überfordert, der wachsenden An zahl an Todesmeldungen Herr zu werden.2303 Der Polizeiapparat gedachte seiner Gefallenen nicht nur durch einen Eintrag in das „Eh renbuch“, sondern zeigte seine Trauer auch öffentlich. Die jeweilige Dienststelle der Ord nungsmacht war dazu angehalten, für jeden ihrer Toten in einer örtlichen Tageszeitung des Regimes einen Nachruf zu inserieren, dessen Text „entsprechend soldatischen Grundsätzen schlicht und wahr sein“ sollte.2304 Während des Krieges untersagte der Reichsinnenminister jedoch diese Praxis und wollte stattdessen, dass lediglich die Angehörigen des Verstorbenen eine solche Todesanzeige in die Zeitung setzen.2305 Ferner musste der jeweilige Behördenlei ter ihnen in Himmlers und Dalueges Namen kondolieren und dabei behilflich sein, die Trau erfeier sowie die Beerdigung vorzubereiten.2306 Zudem machte es der Reichsführer-SS seinen Untergebenen zur Pflicht, die Erinnerung an die im Dienste verstorbenen Kollegen vor Ort wach zu halten. Sie konnten z. B. ihren Kameraden bei feierlichen Anlässen gedenken, ein eigenes Ehrenbuch führen oder Gedenktafeln in der Behörde anbringen. Allerdings muss ten sich die Dienststellen darum bemühen, „daß die Mittel hierfür durch den Opfersinn und die Opferbereitschaft der Angehörigen der Pol. aufgebracht werden“.2307 Für seine Kollegen besaß somit selbst der Tod eines Polizisten eine integrative Funktion, was während des Krie ges bizarre Auswüchse annahm. Zuweilen waren die Verluste innerhalb der Staatsmacht und der übrigen „Volksgemeinschaft“ derart groß, dass sich das Reichsinnenministerium bei Staatsbegräbnissen dazu genötigt sah, die Kranzspenden einzuschränken, da diese „einen während des Krieges nicht vertretbaren Umfang angenommen“ hätten. Schließlich müsse auch noch die Zivilbevölkerung ausreichend mit solchem Grabschmuck versorgt werden können.2308 Die uniformierte Polizei regelte mit besonderen Vorschriften, wie Begräbnisse von Geset zeshütern verlaufen sollten. Die verstorbenen Offiziere und Wachtmeister wurden mit mili tärischen Ehren beigesetzt, indem der jeweilige Heimatstandort eine Ehrenwache, eine Trau erparade und ein Trauergefolge stellte. Dessen Vertreter schmückten den Sarg des Toten mit der Reichsdienstflagge sowie dessen Tschako und seiner Seitenwaffe. Wenn die Trauerge meinde den Leichnam dann zum Friedhof beförderte, hatten die Polizeieinheiten das Ge wehr zu präsentieren. Zum festen Bestandteil einer solchen Zeremonie gehörte es ferner, dass das Musikkorps und besonders die Trommler Toten- und Trauermärsche spielten, die dem 2302 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.08.1938, in: RMBliV, 07.09.1938, Nr. 37, Sp. 1452-1456, hier: Sp. 1453 und 1455. 2303 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 04.02.1943, in: MBliV, 10.02.1943, Nr. 6, Sp. 207. 2304 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.08.1938, in: RMBliV, 07.09.1938, Nr. 37, Sp. 1454. 2305 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 38, Abschrift: Reichsminister des Innern an u. a. die Re gierungspräsidenten: Zur Veröffentlichung nicht geeignet, 07.03.1942. 2306 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.08.1938, in: RMBliV, 07.09.1938, Nr. 37, Sp. 1453. 2307 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.08.1938, in: RMBliV, 07.09.1938, Nr. 37, Sp. 1455. Vgl. fer ner Schmidt, Polizisten, S. 388 f. 2308 BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Abdruck von Abschrift: Meissner (Reichsminister des In nern) an die Obersten Reichsbehörden: Einschränkung von Kranzspenden bei Staatsbegräbnissen, 10.11.1942. 416 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Anlass angemessen waren. Letztlich feuerte die Trauerparade noch drei Salutschüsse in den Himmel.2309 Da der Ablauf einer solchen Bestattung minutiös durchgeplant und geregelt war, legte die NS-Führung besonderen Wert darauf, dass die Dienststellen diese Richtlinien auch wirklich einhielten. Für Himmler war das umso wichtiger, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ei nen SS-Angehörigen handelte, weshalb er besonders darauf pochte, dass dessen Trauerfeier diszipliniert ablief. Vor allem appellierte er an das Ehrgefühl seiner Untergebenen. „Größte Genauigkeit und eine geradezu peinliche Überwachung der würdevollen Durchführung ei nes jeden einzelnen Vorganges bei einem Begräbnis ist oberste Kameradenpflicht“, wie der Reichsführer-SS hervorhob.2310 Der Chef des SS-Hauptamts, Gottlob Berger, betonte, den A n gehörigen müsse klar gemacht werden, dass neben einer kirchlichen Beerdigung auch eine SS-Totenfeier stattzufinden habe, die sich inhaltlich und am besten auch zeitlich von der kon fessionellen Zeremonie abgrenzen müsse.2311 Denn die Beisetzung eines Mitglieds der Elite truppe dürfe „nie den Charakter einer solchen der SS verlieren“.2312 Dazu gehörten ebenfalls die obligatorischen Ehrensalven, die auch von der Polizei abgegeben werden konnten, falls keine Einheit der Waffen-SS zugegen war.2313 Obwohl sich nicht mehr ermitteln lässt, wie die Zeremonien konkret aussahen, welche die Polizeischule Fürstenfeldbruck organisierte, ist trotzdem anzunehmen, dass sie sich an den genannten Vorgaben orientierte. Begräbnisse und Gedenkfeiern für ihre verstorbenen oder gefallenen Angehörigen gehörten gerade in den Kriegsjahren zur schulischen Pflicht. Solche Zusammenkünfte fielen unterschiedlich groß aus, was nicht zuletzt davon abhängig war, wel che Position der Tote innerhalb der Schulgemeinschaft innehatte. Aber auch der allgemeine Rahmen war entscheidend dafür, wie ein Verstorbener gewürdigt wurde. Um allen „im Kampfe für Führer, Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre Gefallenen“ aus Fürstenfeld bruck zu gedenken, veranstaltete die Stadt zusammen mit der hiesigen NSDAP-Ortsgruppe am 23. Juni 1940 eine Gedenkfeier im Sitzungssaal des Verwaltungsgebäudes.2314 Die Polizei schule nahm daran nicht nur deswegen teil, weil sie sich mit den Bürgern solidarisch zeigen wollte. Auch zählte Oberleutnant Heinz Jaquet zu den Toten, der jahrelang dem Stammper sonal angehört hatte.2315 Allerdings waren solche groß angelegten Trauerfeiern eher selten. Das führte dazu, dass die Totenmessen der ordnungspolizeilichen Lehranstalt bald weniger feierlich abliefen und 2309 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Abschrift: Achtungsbezeugungen, Trauerfeiern, Teil nahme an Feiern, Vorbeimärsche. Anlage 4 zum RdErl. vom 31.8.1936, 10.04.1942, S. 1 f. Die gleichen Bestimmungen sind ebenfalls enthalten in: BayHStA München, Polizeischule FFB 38, Anlage 4 zum Runderlass vom 31. August 1936, [31.08.1936]. Nach Kriegsbeginn wurden die Trauerfeiern etwas schlichter gestaltet, wobei die Parade wie auch die Ehrenwache entfielen. Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDt Pol. im RMdI. v. 01.01.1940, in: RMBliV, 10.01.1940, Nr. 2, Sp. 43. 2310 BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Abschrift: Himmler (Reichsführer-SS) an Verteiler III: Fei erliche, SS-mäßige Gestaltung der Beerdigung von gefallenen und verstorbenen SS-Angehörigen, 31.08.1942, S. 1. 2311 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Dr. Berger (Chef des SS-Hauptamtes) an Verteiler III: Feierliche, SS-mäßige Gestaltung der Beerdigung von gefallenen und verstorbenen SS-Angehörigen, 31.08.1942, S. 1. Ferner: Longerich, Himmler, S. 302; Steiner, Glaubensbekenntnis, S. 218. 2312 BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Abschrift: Dr. Berger (Chef des SS-Hauptamtes) an Vertei ler III: Feierliche, SS-mässige Gestaltung der Beerdigung von gefallenen und verstorbenen SS-Angehörigen, 10.10.1942. Hervorhebung im Original. 2313 Vgl. ebd. 2314 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (BAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 38, 21.06.1940. 2315 Vgl. ebd. 417 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k beinahe schon einem simplen Verwaltungsakt glichen. In der Münchner Nervenklinik ver starb z. B. am 2. Juli 1940 der Polizeianwärter Kurt Lang an einer Hirnhautentzündung. Er hatte der 4. Kompanie des Polizeiausbildungsbataillons angehört. Die Schule hielt aus die sem Anlass eine kleine Gedenkfeier ab und schickte Vertreter aus ihren Reihen zur offiziel len Beisetzung nach Grötzingen bei Karlsruhe. Von bürokratischer Kleinkariertheit zeugt al lerdings der Umstand, dass sich die Polizeischule anschließend mit den mittellosen Eltern erst über die entstandenen Kosten einigen musste.2316 Eine weitere recht schlichte Trauerfei er würdigte Oberinspektor Baumann, der Ende Dezember 1941 im Knappschaftskranken haus in Kattowitz verstorben war. Sein Leichnam wurde nach München transportiert und sofort auf dem Perlacher Friedhof beigesetzt. Zu diesem Anlass entsandte seine ehemalige Wirkungsstätte eine Abordnung des Stammpersonals und einzelne freiwillige Teilnehmer.2317 Nicht ganz so viel Aufmerksamkeit erhielten andere Verstorbene, die in der Hierarchie weiter unten standen, wie etwa der Bezirksoberwachtmeister Wießner. Von dessen Ableben nahm die Schule nur kurz Notiz, indem der Kommandeur der Witwe des Gendarmen kon dolierte und einen Vertreter entsandte, der im Namen der Lehranstalt an der Bestattung teil nahm und dabei einen Kranz niederlegte.2318 Eine kurze Mitteilung informierte die Schulgemeinschaft auch über den Tod des Polizeimeisters Gustav Hahn, der am 28. September 1941 im Brucker Krankenhaus starb. Als der Teilnehmer des 6. Reserve-OAL in Duisburg-Ham born beigesetzt wurde, scheint kein Vertreter der Bildungsstätte erschienen zu sein. Der Stell vertreter des Kommandeurs, Hans Hösl, verlautbarte lediglich, dass Schule und Lehrgang „dem toten Kameraden ein ehrendes Gedenken bewahren“ werden.2319 Auch der Luftkrieg führte unter dem Personal der Brucker Polizeischule zu Verlusten. Das war beispielsweise der Fall, als am 4. Oktober 1944 bei einem Luftangriff auf München der Offiziersanwärter Josef Iberler ums Leben kam, der derzeit am 39. OAL teilnahm.2320 Um sei nen Schüler zu ehren, konnte Hagemann erwirken, dass das Hauptamt Ordnungspolizei ihn posthum zum Leutnant ernannte.2321 Einen Monat später gedachte die gesamte Schulgemeinschaft in einer kleinen Gedenkfeier allen Gefallenen, die sie in ihren eigenen Reihen zu be trauern hatte.2322 Diese Begebenheit zeigt, dass der Junker keineswegs der einzige Angehöri ge der Offiziersschule war, der an der Front oder im „Altreich“ sein Leben ließ. Damit wird auch klar, dass der Tod an der Brucker Institution nicht tabuisiert wurde, sondern gerade in der Endphase des Krieges häufig präsent war. Das Geschehen auf den Schlachtfeldern mach 2316 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 41, 04.07.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkomm andeur der PAB G rup pe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 30.07.1940, S. 2. Vgl. ferner zur Einigung über die Bestattungskosten die entsprechenden Dokumente im Akt BayHStA München, Polizeischule FFB 83. 2317 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, I. V. Lange (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 27.12.1941. 2318 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 9, 23.02.1939. 2319 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 34, 29.09.1941. 2320 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, I. V. Willing (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 23, 11.10.1944. 2321 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 39. Offiz.-Anw.-Lehrgang; Tod eines Lehrgangsteilnehmers, 06.10.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, I. V. Wünnenberg (Reichsminister des Innern) an u. a. Polizeischu le FFB, 15.11.1944. 2322 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, I. V. Willing (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 26, 08.11.1944. 418 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k te es sogar erforderlich, dass das Lehrpersonal seine Schüler im Spätherbst 1943 darüber auf klären musste, welche unterschiedlichen Möglichkeiten existierten, ein Testament zu erstel len, und wie sie dabei vorzugehen hatten.2323 Während die nationalsozialistischen Staatsdiener ihren Totenkult in der Öffentlichkeit re gelrecht zelebrierten, wurde diese Ehre jenen nicht zuteil, die einen „Freitod“ gewählt hat ten. Im „Dritten Reich“ kursierten unterschiedliche Ansichten über den Selbstmord, die teil weise eine lange Tradition besaßen. Oftmals wurde er als Ausdruck von Schwäche eines angeblich minderwertigen und psychisch labilen Menschen interpretiert, der sich nicht tat kräftig für die „Volksgemeinschaft“ aufopfern wolle, sondern sich stattdessen pflichtverges sen aus ihr selbst entferne. Weil es seit Beginn des Zweiten Weltkriegs zunehmend vorkam, dass sich Angehörige der Wehrmacht das Leben nahmen, war es für Anhänger dieser These daher nur konsequent, diese Männer herabzuwürdigen. Denn aus deren Sicht wollten sie nicht heroisch mit dem militärischen Gegner ringen.2324 Deshalb war der Suizid auch in SS und Polizei ein großes Tabu. Es galt als ehrlos, egois tisch und feige, selbstständig die eigene Existenz zu beenden, anstatt im Kampf gegen den Feind zu fallen. Das Regime versagte dem Toten insbesondere dann „ein SS-mässiges Be gräbnis“, wenn der Selbstmörder Himmlers Elitegrade angehört hatte.2325 Dieses Thema be schäftigte den Reichsführer-SS tatsächlich sehr. Denn die große Zahl von Selbstmorden un ter SS- und Polizeiangehörigen veranlasste ihn sogar dazu, mehrfach in Erlassen dieses Problem anzusprechen. Besonders häufig setzten Ordnungspolizisten im Alter zwischen 40 und 50 Jahren ihrem Leben ein Ende, was Himmler auf Depressionen zurückführte, an de nen sie in ihrer Lebensmitte erkrankt seien.2326 Er machte es daher allen Polizeibeamten zur Aufgabe, denjenigen Kollegen zu helfen, die sich in einer unglücklichen Lage befanden. Schließlich habe, so Himmler, die Hilfe von Kameraden bereits im Ersten Weltkrieg so man che Verzweiflungstat verhindert. Daher appellierte er an alle Vorgesetzten und vor allem an die Offiziere, sich so fürsorglich um ihre Untergebenen zu kümmern, „dass ihnen das eige ne Wohl nichts, das Wohl der ihnen anvertrauten Männer aber alles ist“. Denn es sei für die Polizeiführer eine „heilige Verpflichtung, ihnen der gute Kamerad zu jeder Zeit und in allen Lebenslagen zu sein“.2327 Himmler ging es jedoch nicht bloß darum, auf „seine“ Männer acht zu geben und die Mo ral innerhalb der Polizei aufrechtzuerhalten. Selbstmorde galten gerade in der SS als Aus druck von Feigheit und Schwäche, da die Elitegarde kein Verständnis für Menschen habe, 2323 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 3, I. V. Reinefarth (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die HSSPF: Testamentserrichtung durch Angehörige der Ordnungspolizei, 19.11.1943. 2324 Vgl. Ursula Baumann, Suizid im „Dritten Reich“ - Facetten eines Themas, in: Grüttner, Geschichte, S. 482-516, hier: S. 485-490. 2325 BayHStA München, Polizeischule FFB 2, Abschrift: Dr. Berger (Chef des SS-Hauptamtes) an Vertei ler III: Feierliche, SS-mässige Gestaltung der Beerdigung von gefallenen und verstorbenen SS-Angehörigen, 10.10.1942. 2326 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 7, Abschrift: Leppert (Polizeischule FFB): Ergänzung: RdErl.v. 20.12.38, 26.05.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 79, Chef der Ordnungspolizei - Fürsorgeoffizier: Zusammenstellung der bisher erschienenen wichtigsten Gesetzesvorschriften, Ver waltungsanordnungen und Erlasse, die als Grundlage für die Durchführung der Fürsorgearbeit inner halb der Ordnungspol. von Bedeutung sind. Häufung der Selbstmordfälle in der uniform ierten Ordnungspolizei und Fürsorge der Dienstvorgesetzten (20.12.1938), September 1943, S. 6 f. 2327 BayHStA München, Polizeischule FFB 7, Abschrift: Leppert (Polizeischule FFB): Häufung der Selbst m orde in der uniformierten Ordnungspolizei und Fürsorge der Dienstvorgesetzten, 26.05.1941. Her vorhebung im Original. 419 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k die sich vor dem Kampf drücken. Daher hatten solche Maßnahmen für die Schutzstaffel auch „nichts mit Heroismus oder heldischer Gesinnung zu tun“.2328 Nahm sich eines ihrer Mitglie der trotzdem das Leben, sollten die übrigen Angehörigen der NS-Organisation einen sol chen Vorfall ignorieren und auch nicht am Begräbnis teilnehmen. Den Freitod eines SS- Manns akzeptierte Himmler allenfalls dann, wenn der Selbstmörder zuvor ein Verbrechen begangen hatte, das die eigene Ehre verletzt oder die Gemeinschaft geschädigt hatte. Dieses Thema mussten auch die Lehroffiziere im Unterricht behandeln, die an der Polizeischule Fürstenfeldbruck für die weltanschauliche Schulung zuständig waren. Wie wichtig das war, zeigt die Tatsache, dass die Angehörigen des Stammpersonals sogar per Unterschrift zu be stätigen hatten, darüber aufgeklärt worden zu sein.2329 Darüber hinaus begegneten den Schü lern des 10. OAL in ihrer Abschlussprüfung fiktive Beispiele, in denen Polizisten ihrem Le ben ein Ende setzen wollten, dabei jedoch scheiterten. In der Klausur sollten sich die Offiziersanwärter nun in den Adjutanten einer Polizeiabteilung hineinversetzen und aus die ser Position heraus schriftlich darlegen, wie sie diese Fälle disziplinarisch ahnden und wei tere Suizidversuche künftig verhindern würden.2330 Ein besonderer Todesfall an der Brucker Lehranstalt zeigt jedoch, dass selbst ihre Lehr kräfte nicht immer konsequent in der Weise handelten, wie es dem Reichsführer-SS vor schwebte. Am 17. Februar 1939 berichtete ein Kommandobefehl, dass Hauptmann Alfons Illinger im Berliner Staatskrankenhaus der Polizei vor drei Tagen „[n]ach kurzer schwerer Krankheit“ verstorben sei. Kommandeur Dr. Fritz Schade ehrte den Toten mit den Worten: „Die Schule verliert in ihm einen guten Kameraden und hervorragenden Offizier. Sein Wir ken ist mit der Geschichte der Schule aufs engste verbunden.“ Die Bildungseinrichtung wer de ihm daher „ein ehrendes Gedenken bewahren“.2331 Zur Beerdigung in Würzburg erschie nen einige Vertreter der Polizeischule, um Illinger tatsächlich die letzte Ehre zu erweisen.2332 Das war allerdings keineswegs selbstverständlich, da der Hauptmann nicht so aus dem Le ben geschieden war, wie es der Reichsführer-SS als angemessen erachtete. Denn die Krank heit des Polizisten war nicht körperlicher Art. Den am 14. Juni 1904 in Würzburg geborenen Alfons Illinger brachte sein Arzt am 9. Feb ruar 1939 in das Berliner Staatskrankenhaus der Polizei, das sich in der Scharnhorststraße 12 befand.2333 Wie einer seiner neuen Ärzte erklärte, war sein Aufenthalt aber nur von kurzer Dauer: Weil den Medizinern klar gewesen sei, in welch schlechtem Zustand sich der Geset zeshüter befand, sei er in den ersten Tagen seines stationären Aufenthalts auf die Toilette be gleitet worden, um jedwedes Risiko zu vermeiden. Doch da sich der Hauptmann dadurch in 2328 BayHStA München, Polizeischule FFB 7, Abschrift: Himmler (Reichsführer-SS): SS-Befehl: Selbstmor de von SS-Angehörigen, 01.04.1939. 2329 Vgl. ebd. Der gleiche SS-Befehl findet sich auch in BayHStA München, Polizeischule FFB 94. Auf der darin enthaltenen Abschrift des SS-Befehls befindet sich auch die Liste der Unterschriften des Stamm personals. Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 94, Abschrift: H imm ler (Reichsführer-SS): Selbstmorde von SS-Angehörigen, 01.04.1939, S. 2. 2330 Vgl. BAB, R 20/69, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsarbeit (weltanschaul. Schulung), 23.03.1939. 2331 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 8, 17.02.1939. 2332 Vgl. ebd. 2333 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 83, I. A. Mühe (StMdI) an Polizeischule FFB, 09.02.1939; BayHStA München, Polizeischule FFB 83, Abschrift: Kirchmaier (StMdI) an Polizeischule FFB: Fest setzung der Versorgungsbezüge m it Auszahlungsanordnung für die Hinterbliebenen des Hauptmanns der Schutzpolizei Alfons Illinger, [1939]. Zu weiteren Stationen von Illingers beruflichem Werdegang ferner: BayHStA München, M Inn 100100 - Alfons Illinger. 4 2 0 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k seiner Ehre als Offizier gekränkt sah, habe er diesen Weg auf eigenen Wunsch bald selbstständig antreten können. Bei ei nem solchen Gang auf das stille Örtchen sei Illinger in das benachbarte Dienstzimmer des Sanitätsbeamten gelangt und habe bei dieser Gelegenheit eine Pistole entwendet. Diese Waffe habe er mit auf sein eigenes Zimmer genommen und sich dann am 14. Februar 1939 durch einen Kopfschuss das Leben genommen.2334 Nach dem Krieg versuchte ein Angehöriger zu ermitteln, unter welchen Umständen der Polizeioffizier genau aus dem Leben geschieden war. Da er anscheinend der offiziellen Ver sion misstraute, richtete er einen B rief an das Polizeikrankenhaus.2335 Um jegliche Zweifel an der Todesursache zu be seitigen, betonte der damals behandelnde Oberarzt, dass Illinger sich tatsächlich selbst getötet habe. „Eine Euthana sie hat nicht stattgefunden“, wie er versicherte.2336 Stattdessen habe sein Patient unter Wahn ideen gelitten, was sich auch mit dem Befund des Mediziners vom Februar 1939 deckte. Sei nerzeit hatte der Arzt bereits ausgeführt, dass Alfons Illinger davon überzeugt gewesen sei, ein Verbrechen verübt zu haben, weswegen nun die Gestapo hinter ihm her sei.2337 Aus sei ner Krankenakte geht hervor, dass der Polizist große Angst gehabt haben muss, dem staats polizeilichen Behördenapparat zum Opfer zu fallen. „Ich werde hingerichtet. Kommen sie mich schon holen?“, waren etwa Gedanken, die den Polizeioffizier kurz vor seinem Tode ver folgten.2338 Darüber hinaus litt er unter einem enormen Verfolgungswahn, wobei er davon überzeugt war, dass seine Ehefrau bereits tot sei, was jedoch nicht stimmte. Als die Ärzte ihm Briefe seiner Gemahlin vorlegten, habe er geglaubt, diese seien gefälscht, und sah sich viel mehr als Opfer einer groß angelegten Verschwörung.2339 Illingers Wahnvorstellungen sind nicht nur bezeichnend dafür, wie sehr sich selbst Poli zeibeamte vor dem Terror ihrer „Kameraden“ fürchten konnten. Vielmehr zeigt die Reakti on der Polizeischule auf diesen Fall erneut, wie sehr die Brucker Institution versuchte, unbe dingt den schönen Schein zu wahren. Einerseits wollte sie sich wahrscheinlich an ihren ehemaligen Angehörigen im Guten erinnern und somit auch seine jahrelange Arbeit im Po lizeidienst gebührend ehren. Andererseits musste die Lehrstätte fürchten, dass es auf ihren verstorbenen Lehrer und damit auf sie selbst ein unvorteilhaftes Licht werfen würde, wenn die Offiziersanwärter über die genauen Umstände seines Todes mehr erfahren hätten. Schließ lich war Illinger als erfahrener Pädagoge und Autor bekannt, der sogar mehrere Fachbücher publiziert hatte, die zu Standardwerken der polizeilichen Ausbildung und insbesondere der 2334 Vgl. BAB R 19/2430, Schoenbal (Polizei-Obermedizinalrat i.R.) an den Direktor des Staatskranken hauses der Polizei, 14.02.1939. 2335 Vgl. BAB R 19/2430, I. an das Staatliche Polizeikrankenhaus: Tod des Alfons Illinger aus Fürstenfeld bruck (Bayern) am 12.2.1939 (geb. 14.5.1904), 26.03.1947. 2336 BAB R 19/2430, T. (Chefarzt des Städtischen Krankenhauses Westend) an W. (Direktor des Kranken hauses der Polizei): Pol.Hauptmann Alfons Illinger, 30.04.1947. 2337 Vgl. BAB R 19/2430, T. (Staatskrankenhaus der Polizei) an die Polizeischule FFB, 16.02.1939. 2338 BAB R 19/2430, Krankenblatt Nr. 74. 2339 Vgl. BAB R 19/2430, Schoenbal (Polizei-Obermedizinalrat i.R.) an den Direktor des Staatskranken hauses der Polizei, 14.02.1939. Abbildung 37: Hauptmann Alfons Illinger (BayFHVR Pol) 421 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Polizeiverwendung avanciert waren.2340 In einer Welt, die nach Himmlers Prinzipien geord net sein sollte, war dieses vorbildliche Renommee nicht vereinbar mit den Hirngespinsten eines kranken Selbstmörders. Letztlich kann nur darüber spekuliert werden, wie sehr es die Polizisten beeinflusste, dass sie mit dem Tod in ihrem beruflichen Umfeld konfrontiert waren. Unklar ist indes auch, ob sie solche Vorfälle sogar radikalisierten. An den Fronten und im Bombenhagel starben Vor gesetzte, Lehrer, Kollegen und sogar Freunde, mit denen sie gemeinsam gelernt, gelebt und gedient hatten. Angesichts dieser Folgen des „Totalen Krieges“ konnten die angehenden Po lizeiführer und ihre Lehrmeister existenzielle Fragen nicht vollständig ausblenden. Zumin dest insgeheim müssten sich wenigstens einzelne Beamte mit der Sinnhaftigkeit ihres Staats dienstes und des „auswärtigen Einsatzes“ beschäftigt haben. Selbst in der von den Kriegsschauplätzen weit entfernten Polizeischule blickten sie in eine ungewisse Zukunft, in der sie vielleicht selbst bald im Mittelpunkt einer Trauerfeier stehen konnten. Zurückbleiben würde dann eine Familie, für die es noch schwerer wäre, zu überleben. Diese Realitäten konn te auch Himmlers pathetischer Totenkult nicht verschleiern, der allenfalls nur für die Leben den dahingehend einen ideellen Wert besaß, indem er ihre Toten als Helden inszenierte. Das Massensterben dürfte daher am Personal der Polizeischule und den Schülern nicht spurlos vorbeigegangen sein. 6.5 Die Polizeischule Fürstenfeldbruck im „Totalen Krieg" Der Zweite Weltkrieg beeindruckte die Polizeischule Fürstenfeldbruck nachhaltig. Das zeig te sich bereits darin, wie sehr die Lehrinhalte von diesem Ringen um die Zukunft Europas dominiert waren. Doch das Geschehen an den Fronten erfasste auch den Lehrbetrieb, ob wohl es so scheint, dass alles zunächst seinen gewohnten Gang nahm. Der Alltag in der po lizeilichen Bildungseinrichtung war weiterhin davon bestimmt, möglichst schnell und effi zient den Führungsnachwuchs der Ordnungspolizei auszubilden, damit dieser bereit war für den „auswärtigen Einsatz“. Schließlich befand sich die Brucker Polizeischule im sicheren Oberbayern und damit fernab der eigentlichen Brennpunkte. Doch schon recht bald sollte sich zeigen, dass selbst der Dienst an der „Heimatfront“ nicht folgenlos blieb und von der Schulgemeinschaft einiges abverlangte. Insbesondere der Luftkrieg, aber auch die allgemei ne Mangelwirtschaft und die sich verschlechternde Lage an den Fronten wirkten sich auf die Ausbildung aus und zerrten an den Nerven der Polizisten. Lange vor Beginn des Polenfeldzugs bereitete sich die Polizeischule auf den späteren Luft krieg vor. Schon in der Übergangsphase von der Weimarer Republik zum NS-Staat war der Luftschutz in der Ausbildung der Ordnungshüter ziemlich bedeutend gewesen. Dieses Fach wurde aber, wie bereits geschildert, vor allem während des Krieges immer wichtiger.2341 Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer mussten sich auf dem Gebiet des Luftschutzes fort bilden. Bereits Mitte 1935 absolvierten daher der damalige Kommandeur der Brucker Schu le, Dr. Oskar Lossen, und einige Vertreter des Stammpersonals einen Kurs im Flugmelde 2340 Zu seinen Schriften zählen etwa folgende Werke: Alfons Illinger, Die Polizeifibel. Leitfaden des Poli zeiunterrichtes für den Polizeianwärter, Eichstätt 1932; Ders., Der Unterführer in der Polizeiverwen dung, 2., unveränd. Aufl., Lübeck 1938. 2341 Siehe dazu Kapitel 3.2 und 5.1.1.6. 4 22 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k dienst.2342 Auch Luftschutzübungen in nahegelegenen Standorten, wie etwa in Augsburg, sollten das polizeiliche Schulwesen auf den bevorstehenden Bombenkrieg vorbereiten. Die se Maßnahmen waren noch recht behelfsmäßig und liefen nicht systematisch ab. Spätestens ab 1937 sollte sich das jedoch grundlegend ändern. Denn nun veranstaltete der Luftschutz- Lehrstab des Chefs der Ordnungspolizei entsprechende Lehrgänge, an denen auch einzelne Lehroffiziere aus Fürstenfeldbruck teilnahmen.2343 Solche Kurse und der hauseigene Unterricht im Luftschutz reichten jedoch nicht aus, um die Polizeischule für den Ernstfall zu wappnen. Darüber hinaus legte der jeweilige Komman deur großen Wert darauf, dass sich Lehrkräfte und Schüler dafür stark machten, das Schul gebäude zu schützen. Insbesondere bezog sich das auf den Brandschutz. Waren etwa Gegen stände nicht ordnungsgemäß abgestellt oder standen einfach in Fluren, Dachböden und Hauseingängen, konnten sie dadurch potentielle Fluchtwege versperren und solche Räum lichkeiten schnell in eine tödliche Feuerfalle verwandeln. Daher ordnete das Regime soge nannte Entrümpelungsaktionen an, die der Reichsluftschutzbund (RLB) organisierte, damit sich die Privat- und Geschäftshäuser sowie Behörden ihres überflüssigen Hausrats entledig ten. Gleichzeitig konnte die NS-Volkswohlfahrt auf diesem Wege allerlei Gegenstände sam meln und an bedürftige Menschen verteilen, während aus dem Sperrmüll Rohstoffe für die Wirtschaft gewonnen wurden.2344 Auch die Polizeischule Fürstenfeldbruck behandelte die ses ttem a in ihrem Unterricht und entrümpelte das eigene Gebäude.2345 Um darüber hinaus für den Feind unsichtbar zu sein, musste sich die polizeiliche Lehrstätte genauso wie andere Behörden Materialien beschaffen, mit denen sie ihre Fenster abde cken konnte. Kein Lichtstrahl sollte feindlichen Flugzeugen im dunklen Nachthimmel den Weg zu ihr oder umliegenden Bauwerken weisen. Bereits vor dem Krieg hatte der NS-Staat damit begonnen, seine wichtigen Einrichtungen zu tarnen. Das dokumentiert etwa ein Rundschreiben des Reichsministers der Luftfahrt, Hermann Göring, das Himmler am 11. Juni 1937 per Runderlass innerhalb seines Polizeiapparats verbreitete. Es führt detailliert aus, wie die Dienststellen vor allem Papptafeln, Papierbahnen oder Kunststoffplatten verwenden soll ten, um ein Gebäude so zu präparieren, dass es gegnerische Flieger in der Dunkelheit nicht mehr orten konnten.2346 Auch wenn die Sicherheit der Polizeibeamten hohe Priorität genoss, 2342 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Entwurf: Polizeischule FFB an StMdI: Zusammenstel lung über die anfallenden Kosten für Ausbildung im Flugmeldedienst, [Juni 1935]. 2343 Hauptmann Buchmann nahm z. B. am 4. Luftschutzlehrgang teil, der vom 17. bis 25. August 1937 in der Polizeikaserne Berlin-Schöneberg stattfand. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Ab schrift von Schnellbrief: I. A. und I. V. W inkler (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Lehr gänge für Luftschutz, 06.08.1937. 2344 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 10, von Rogner (Präsident des RLB): Richtlinien für die Entrümpelung, 20.07.1937. Neben der NSDAP war der RLB dafür zuständig, die deutsche Zivilbevöl kerung auf den bevorstehenden Luftkrieg vorzubereiten. Als beide Organisationen um diese Aufga be miteinander konkurrierten, konnte sich letztlich die Partei durchsetzen, weil der wenig einflussrei che RLB stets an die Luftwaffe gebunden war. Vgl. Jörn Brinkhus, Ziviler Luftschutz im „Dritten Reich“ - Wandel seiner Spitzenorganisation, in: Dietmar Süß (Hrsg.), Deutschland im Luftkrieg. Ge schichte und Erinnerung, Zeitgeschichte im Gespräch, Bd. 1, München 2007, S. 27-40, hier: S. 30. 2345 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 10, Abdruck: I. A. [unleserlich] (StMdI) an u. a. sämtliche Polizeipräsidien: Entrümpelung 1937, 11.08.1937. 2346 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 11.06.1937, in: RMBliV, 16.06.1937, Nr. 24, Sp. 967-970. Mit weiteren Erlassen versuchte Himmler in der Folgezeit zu erreichen, dass sich die einzelnen Dienst stellen schneller jene Materialien beschaffen, die sie dazu benötigten, ihre Lichtquellen sowie auch Fenster und Türen abzudunkeln. Vgl. z. B. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 09.07.1937, in: RM BliV, 14.07.1937, Nr. 28, Sp. 1144d-1144f; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 28.10.1937, in: RM- 423 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k mussten nach Ansicht des Regimes die Prinzipien der NS-Weltanschauung dennoch einge halten werden. Deshalb war darauf zu achten, „nur arische Firmen“ zu berücksichtigen, wenn sich die Behörden etwa Rollos beschaffien, um ihre Gebäude zu verdunkeln.2347 Auch die Po lizeischule Fürstenfeldbruck kam nicht umhin, sich ebenfalls auf diese Weise zu schützen. Deshalb holte sie seit Herbst 1937 verschiedene Angebote von Firmen ein, die sie mit ent sprechenden Matten beliefern konnten. So verhandelte die Brucker Institution mit den Münch ner Papiergroßhandlungen Hartmann & Mittler sowie Friedrich Römer, wobei letzteres Un ternehmen den Zuschlag für den Großauftrag bekam.2348 Die Schule musste großflächige Pappmatten für insgesamt 413 Fenster erwerben, die im Ernstfall im gesamten Bau anzubrin gen waren.2349 Die „Verdunkelung“ war nicht nur deshalb ein so bedeutendes Thema an der Bildungsstät te, weil sie grundsätzlich fürchten musste, bombardiert zu werden. So unbegründet war die se Furcht nicht, weil sie in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Hauptstadt der Bewegung“ und zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ein potentielles Ziel für die alliierten Gegner darstellte.2350 Schließlich war sie während des Krieges zur wichtigsten Lehranstalt der Ordnungspolizei aufgestiegen. Aus ihr gingen schon seit Mitte der dreißiger Jahre Führungskräfte hervor, die während des deutschen Rassen- und Vernichtungskriegs in den Einheiten und Dienststel len der uniformierten Staatsgewalt inner- und vor allem außerhalb des Deutschen Reiches tätig waren. Daneben war es aber vor allem die Ordnungspolizei, die überwachen musste, ob in den Kommunen auch wirklich alle Gebäude bei Nacht ordentlich abgedunkelt waren und ob damit die entsprechenden Vorschriften beachtet wurden. Weil Privatpersonen, Unterneh men und auch Behörden dies oftmals nicht gründlich genug taten, sah sich der Reichsführer-SS dazu genötigt, seine Staatsgewalt dazu anzutreiben, besser auf etwaige Verstöße zu achten und diese scharf zu sanktionieren.2351 Insofern musste dann aber auch die uniformierte Polizei mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen Häuser vorbildlich verfinstern. Umso schwerer wog es daher für die Brucker Institution, dass sich einige ihrer Bewohner keineswegs so akribisch darum bemühten, das Schulgebäude zu verdunkeln, wie es die Theorie vorsah. Oftmals kritisierte daher Mar tin Diez in seiner Funktion als Kommandeur des Polizeiausbildungsbataillons, wie schlam pig seine Anwärter diese Maßnahme durchführten. Vor allem die Zimmerältesten in den BliV, 03.11.1937, Nr. 44, Sp. 1720-1720b. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Muster zeichnung für Verdunkelungsrollos für Dienstgebäude der staatl. Polizei. Anlage A, [1937]; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Beschreibung des Verdunkelungsrollos für Dienstgebäude der staatl. Polizei. Anlage B, [1937]. 2347 BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Richtlinien für die Beschaffung von Verdunkelungsrollos und Verdunklungspappen. Anlage C, [1937], S. 2. 2348 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, [unleserlich] (Hartm ann & Mittler) an Polizeischule FFB: Verdunkelungspappe und Verdunkelungspapier, 25.02.1938; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Friedrich Römer an Polizeischule FFB: Verdunkelungspappen, 16.10.1937. Die Polizeischule teilte in einem internen Schreiben vom 2. Februar 1938 mit, dass die Firma Friedrich Römer den Zu schlag erhalten habe. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Baumann (Polizeischule FFB): An das Kommando, 02.02.1938. 2349 Vgl. BayHStA München, MInn 71981, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an Regierung von Oberbayern: Nachweisung über die erstmalige Beschaffung von Verdunkelungseinrichtungen für Polizeidienstge bäude weiter benötigten Mittel, 08.12.1937. 2350 Grundsätzlich bestand diese Angst in ganz Fürstenfeldbruck. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Luftschutzmaßnahmen, 05.10.1943. Ferner: Hoser, Kommunalpolitik, S. 63. 2351 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 23.12.1939, in: RMBliV, 27.12.1939, Nr. 52, Sp. 2590. 4 2 4 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Stuben machte er dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass tatsächlich kein Licht mehr nach außen dringt.2352 Auch dessen Nachfolger, Arno Hagemann, beanstandete häufig, dass die Verdunkelung nicht zufriedenstellend vonstatten ging, und mahnte daher seine Unter gebenen zu größerer Sorgfalt.2353 Der Kommandeur der Offiziersschule war vor allem dann erbost, wenn sich die Schulgemeinschaft sehr leichtfertig und unachtsam verhielt, was etwa beim Luftangriff auf München am 7. Januar 1945 dazu führte, dass mehrere Fenster über haupt nicht abgedeckt waren. Für ihn war diese Nachlässigkeit „ein bodenloser Leichtsinn, durch den die Schule und deren Umgebung ernstlich gefährdet wurde“.2354 Der Leiter der Polizeischule war aber auch deshalb bestrebt, das Dienstgebäude von der Schulgemeinschaft möglichst sorgfältig abdunkeln zu lassen, um als staatliche Institution der Zivilbevölkerung mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn im Laufe des Krieges verstärkte sich die Angst vor Luftangriffen durch alliierte Bomber. Das führte dazu, dass gerade in Mün chen zahlreiche Gerüchte kursierten. So machte sich in der Öffentlichkeit aufgrund von „Mißverständnissen oder leichtfertiger Klatschsucht“ der Glaube breit, dass die Tage für sol che Attacken bereits feststünden und sogar in Deutschland bekannt seien, woraufain Rüs tungsbetriebe sowie Krankenhäuser vorgewarnt würden.2355 Nach Ansicht des Münchner Po lizeipräsidenten waren für dieses Gerede nicht nur Geltungssucht und Unvernunft der Bevölkerung verantwortlich. Auch Gegner der Nationalsozialisten setzten derartige Legen den in die Welt, um die Deutschen zu verunsichern und zu demoralisieren. Weil „das Volk gerade in den militärisch ruhigen Wintermonatenfür [sic!] die zersetzenden Einflüsse einer feindlichen Mundpropaganda besonders empfänglich ist“, hatte die Polizei diese zu unter binden und mit aller Schärfe gegen jene vorzugehen, die sie verbreiteten.2356 Wie wichtig es aus Sicht des Regimes während des Krieges war, dass sich die gesamte Be völkerung weiterhin stoisch und widerspruchslos dem Regime unterwarf, wusste auch die NS-Führungsriege nur zu gut. Daher wollte sie alles vermeiden, was die „Volksgenossen“ un nötig beunruhigt hätte und griff daher zu unkonventionellen Methoden. Nachdem ihn Reichs marschall Hermann Göring dazu angeregt hatte, verbannte Himmler Anfang des Jahres 1944 das Wort „Katastrophe“ aus dem Vokabular des gesamten Verwaltungsapparats, „da es sich psychologisch und politisch unerfreulich auswirkt“. Von nun an sollten sich auch die Poli zisten der Brucker Lehrstätte angewöhnen, nicht mehr von einem „Katastropheneinsatz“, sondern stattdessen von einer „Soforthilfe“ zu sprechen, wie ein Kommandobefehl Hage 2352 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 15, 04.03.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Meier (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 33, 05.06.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 54, 27.08.1940; BayHS tA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 67, 09.11.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillons-Befehl Nr. 68, 14.11.1940; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 6, 14.01.1941. 2353 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 16, 08.04.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 17, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Beleuch tung des Schulgebäudes, 27.08.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Hagemann (Polizei schule FFB): Kommandobefehl Nr. 39, 01.11.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hage mann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 3, 23.01.1945. 2354 BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 1, 09.01.1945. 2355 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 5, 10.01.1941, S. 2. 2356 Ebd., S. 3. Vgl. ferner ebd., S. 2 f. 425 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k manns mitteilte.2357 Doch dieser euphemistische Begriff setzte sich nicht durch. A uf Initiati ve des Propagandaministeriums verwendete die Ordnungsmacht deshalb alsbald den Aus druck „Luftkriegseinsatz“, der den ernsten Hintergrund ihrer Tätigkeit nicht mehr so stark verschleierte.2358 Um bei einem Bombenangriff die Schäden möglichst gering zu halten, musste die Polizei schule ferner Verhaltensweisen für den Notfall einstudieren. Dazu erließ Hagemann Vor schriften, nach denen sich der Offizier vom Dienst und der entsprechende Unterführer zu richten hatten. Diese Richtlinien behandelten z. B., wie die Brandwachen oder die Feuer löschbereitschaften der Schule einzuteilen waren und vor allem welche Zuständigkeiten die se Diensthabenden wahrzunehmen hatten.2359 Eine weitere wichtige Vorschrift war die Flie geralarm-Ordnung der Schule, die genau festhielt, wie das Personal bei diesem Warnsignal zu reagieren hatte.2360 Doch vor allem die hauseigene Luftschutzordnung vom 15. August 1941 stellte einen Ver haltenskodex für den Ernstfall dar.2361 Wie bedeutend sie war, zeigt sich darin, dass sie mo natlich im Unterricht behandelt werden sollte. Zudem hatten Lehrer und Schüler die darin beschriebenen Verhaltensweisen und Vorgänge so einzuüben, dass jeder im Ernstfall wuss te, was zu tun ist. Die Ordnung regelte deshalb noch deutlicher, wie sich das Personal bei ei nem Fliegeralarm oder einem Luftangriff zu verhalten hatte. So sollte etwa die Wache der Polizeischule mit einer Glocke Alarmsignale geben, um die Schulgemeinschaft zu warnen und ihre Einsatzkräfte zu mobilisieren. Ferner führte die Vorschrift aus, wer in welchem Luft schutzraum Zuflucht finden konnte und wie sich die Insassen darin zu benehmen hatten. Auch widmete sie sich präventiven Maßnahmen, die dem Schutz der Lehranstalt und ihrer Angehörigen dienten. Diese sprachen allgemeine Regeln des Brandschutzes an und bezogen sich darauf, das Schulgebäude regelmäßig zu entrümpeln. Die Ordnung regelte aber auch, wie die Gasmasken zu verteilen waren und wie die Schule ihre Löscheinheiten oder Sanitä ter einzuteilen hatte. Außerdem war vorgesehen, dass sämtliche Zimmer des Lehrgebäudes verdunkelt werden mussten, damit die feindlichen Flieger ihr Ziel nicht aus der Luft erspä 2357 BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 2, 04.02.1944. Vgl. ferner I. V. Diermann: RdErl. d. ChefsO. v. 22.07.1944, in: BefBlO, 29.07.1944, Nr. 30, S. 251. 2358 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 5, 22.03.1944. 2359 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Hagemann (Polizeischule FFB): Luftschutzdienstan weisung für den Offizier vom Dienst, o. D. sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Hagemann (Polizeischule FFB): Luftschutzdienstanweisung für den Unterführer vom Dienst des Nebengebäudes, o. D. Das Amt des „Offiziers vom Dienst“ richtete die Schule im Jahre 1941 ein. Diesen stellte ein Ver treter des Stammpersonals, der täglich wechselte und u. a. die Aufgabe hatte, als Wachvorgesetzter zu fungieren und bei besonderen Vorkommnissen zu handeln, sofern der Kommandeur und sein Adju tant abwesend waren. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Diez (Polizeischule FFB): Kom mando-Befehl Nr. 4, 08.01.1940. Mit dem Jahr 1940 gab der Autor des Kommandobefehls eine falsche Jahreszahl an, da dieser auf den 8. Januar 1941 datiert werden muss, wie die entsprechende Dienstan weisung belegt. Vgl. dazu BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Diez (Polizeischule FFB): Dienst anweisung für den Offizier vom Dienst, 08.01.1941. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 12, Hagemann (Polizeischule FFB) an Verteiler A: Dienstanweisung für den O.v.D., 30.06.1941. 2360 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 18, Diez (PAB FFB): Fliegeralarm-Ordnung, 02.07.1940. 2361 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Hagemann (Polizeischule FFB): Luftschutz-Ordnung, 15.08.1941. Diese Novelle erfuhr in der darauf folgenden Zeit noch kleinere Änderungen: Vgl. BayHS tA München, Polizeischule FFB 11, Hagemann (Polizeischule FFB), 18.11.1943. 4 2 6 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k hen konnten.2362 Anfang des Jahres 1943 modifizierte die Schule sogar noch einmal ihre Luft schutzordnung, um noch effizienter auf einen Angriff durch alliierte Bomber vorbereitet zu sein.2363 Zusätzlich beschloss Hagemann im September, dass sich die Schulgemeinschaft in der Nahkampfanlage sammeln sollte, sofern die Lehranstalt von einer Fliegerbombe getrof fen werde.2364 Im Notfall hätte eine solche Maßnahme den Polizisten allerdings kaum Schutz geboten, sofern die Schule tatsächlich bombardiert worden wäre. Das war auch deren Leitung durch aus bewusst. Deshalb waren Himmler und seine Ministerialbeamten darum bemüht, die Brucker Einrichtung zu unterstützen, indem sie Gelder für den Luftschutz zur Verfügung stell ten. Der Polizeiapparat genehmigte ihr beispielsweise, das Dachgeschoß imprägnieren zu lassen oder eine Kraftspritze zu kaufen, um damit Brände auf dem Gelände zu löschen.2365 Noch wichtiger war es aber, Luftschutzräume im gesamten Gebäudetrakt auszubauen. Da das Regime zu Beginn des Krieges darauf drängte, Privathäuser und behördliche Bauwerke möglichst bombensicher umzubauen, mussten auch die polizeilichen Immobilien in diesem Sinne saniert und erweitert werden. Deshalb trieb der Reichsführer-SS die ihm unterstellten Dienststellen an, schnellstmöglich Schutzräume zu errichten, in denen die Ordnungshüter im Falle eines Luftangriffs in Deckung gehen konnten.2366 Über einen eigenen Luftschutzkeller verfügte die Polizeischule Fürstenfeldbruck bereits seit September 1938.2367 Er sollte jedoch dem Stammpersonal und den Schülern bei Weitem nicht ausreichen, um sich wirklich vor dem „Tod von oben“ in Sicherheit zu bringen. Zu die sem Zweck errichtete die Lehranstalt im November 1939 drei weitere Luftschutzräume, wo bei sich zwei davon im hauseigenen Polizeikrankenhaus und im anliegenden Wohngebäude befanden. Der dritte Schutzraum lag im Nebengebäude des ehemaligen Klosters und war der wohl wichtigste Zufluchtsort der Schule, da er direkt vom Hauptgebäude aus erreicht wer den konnte.2368 Allerdings fanden nur 315 der rund 500 Mann in den Sicherheitsunterkünf ten Platz. Deshalb setzte sich die Schulleitung dafür ein, den Malzkeller im angrenzenden Brauereigebäude zu einem weiteren Schutzraum umzurüsten, den der Wittelsbacher Aus gleichsfonds an die Lehranstalt vermietete. Daran war praktisch, dass sich dieser direkt ne ben einem bereits bestehenden Schutzraum befand.2369 2362 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Hagemann (Polizeischule FFB): Luftschutz-Ordnung, 15.08.1941, S. 1-6. 2363 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 11, Hagemann (Polizeischule FFB): Luftschutz-Ordnung, 18.01.1943. 2364 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 24, 09.09.1943. 2365 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Abdruck: I. A. Dr. Brömse (RFSSuChdDtPol) an HSS- PF beim StMdI in München: Luftschutzmaßnahmen in der Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck, 24.01.1941; StAM, Landbauamt München 3309, I. A. [unleserlich] (Polizeischu le FFB) an Landbauamt München: Feuerschutzimprägnierung, 13.01.1943. 2366 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Schnellbrief: I. A. Bracht (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Die Durchführung des Luftschutzraumbaues, 21.10.1939. 2367 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 25, 23.09.1938. 2368 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, I. V. Diez (Polizeischule FFB) an den Regierungsprä sidenten in München: Durchführung des Luftschutzraumbaues, 11.11.1939. Siehe die Lagepläne der Luftschutzräume im Schulgebäude, die sich ebenfalls in diesem Akt befinden. 2369 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 47, Entwurf: I. V. Diez (Polizeischule FFB) an u. a. den Re gierungspräsidenten in München: Die Durchführung des Luftschutzraumbaues, 27.11.1939. 427 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Als die alliierten Luftangriffe auf das Reichsgebiet und besonders auf München die Poli zeischule von der Theorie in die Praxis holten, sah die Bildungsstätte die Sicherheit von Per sonal und Offiziersanwärtern gefährdet. Nach Ansicht der Schulleitung war es deshalb er forderlich, weitere Maßnahmen zum Luftschutz durchzuführen, weil sich die Schule in unmittelbarer Nähe zur Landeshauptstadt und damit in der Einflugschneise der alliierten Bomber befand. Aber auch der Nachtjagdflughafen der Brucker Luftkriegsschule würde das Risiko deutlich erhöhen, selbst Opfer eines Luftangriffs zu werden - noch dazu, weil die vor handenen Luftschutzräume der Schule nicht mehr genügend Schutz böten. Im Oktober 1943 bemühte sich die Offiziersschule deshalb darum, Heinrich Himmler vom Bau eines neuen Luftschutzstollens zu überzeugen. Dieser 35 Meter lange Stollen sollte für ca. 100.000 RM unter dem Engelsberg unweit des Schulgebäudes auf einem Gelände der Reichsbahn errich tet werden, um bei einem Bombenangriff etwa 300 Polizisten genügend Schutz zu bieten.2370 Der Reichsführer-SS war mit dem Vorhaben einverstanden. Er stellte die benötigten Gel der für den Bergstollen aus dem Haushalt der Ordnungspolizei zur Verfügung, weil das zu ständige Luftgaukommando für den Bau nicht auftommen wollte.2371 Die Münchner Baufir ma Alfred Kunz & Co. hatte schon Blaupausen für den Stollen erstellt und sollte die Arbeiten durchführen.2372 Als es jedoch darum ging, das Projekt zu verwirklichen, kam es fortan zu Verzögerungen, da es sowohl an Arbeitskräften als auch an Baumaterial mangelte. Auch der Baubevollmächtigte des Reichsministeriums von Albert Speer lehnte das Bauvorhaben ab, weil es zu aufwendig sei. Er bemerkte, „dass im Hinblick auf die derzeitige, äusserst ange spannte Bauwirtschaftslage derartige umfangreiche Baumassnahmen als nicht vertretbar erscheinen“.2373 Anstelle des geplanten Luftschutzstollens sollten Deckungsgräben errichtet werden, die wesentlich kostengünstiger und schneller gebaut werden könnten.2374 Obwohl die Polizeischule zunächst noch einwendete, dass der Grundwasserspiegel dafür zu hoch sei, realisierte sie dennoch den Bau der Splittergräben zur Jahreswende 1943/44.2375 Doch allein mit dieser Behelfslösung wollte sie sich nicht zufrieden geben. 2370 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 46, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Luftschutzmaßnahmen, 05.10.1943. Mitte September 1943 hatte die Deutsche Reichs bahn der Schule genehmigt, das Gelände für den Bau des Stollens nutzen zu dürfen. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, [unleserlich] (Deutsche Reichsbahn) an Polizeischule FFB: Bau von Luftschutzstollen, 18.09.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Hagemann (Polizeischule FFB) an den Vorstand des Reichsbahn-Betriebsamts München 3: Bau von Luftschutzstollen, 04.11.1943. 2371 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Schnellbrief: I. A. Frank (RFSSuChdDtPol) an u. a. Po lizeischule FFB: Bau eines Luftschutzstollens für die Polizei-Offizierschule in Fürstenfeldbruck, 28.10.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. Nagel (StMdI) an Polizeischule FFB: Bau eines Luftschutzstollens für die Polizeioffizierschule in Fürstenfeldbruck, 02.11.1943; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 46, Lange (Polizeischule FFB): Besprechung m it dem LGK. M ünchen und dem Baubevollmächtigten betr. Stollenbau am 1. Nov. 1943, [November 1943]. 2372 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Bauunternehmung Alfred Kunz & Co.: Luftschutzstol len im Engelsberg. Lageplan und Schnitte, 28.09.1943. 2373 BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. [unleserlich] (Bebevollmächtiger des Reichsministe riums Speer) an Polizeischule FFB: Anlage eines Luftschutzstollens für die Offiziersschule der O rd nungspolizei, 08.11.1943. 2374 Vgl. ebd. 2375 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 46, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Luftschutzmaßnahmen, 05.10.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. Leppert (Polizeischule FFB) an den Baubevollmächtigten des Reichsministeriums Speer: Anlage eines Luftschutzstollens, 04.01.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. [unleserlich] (Baube vollmächtigter des Reichsministeriums Speer) an Polizeischule FFB: Anlage eines Luftschutzstollens 4 2 8 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Damit der Luftschutzstollen dennoch wie geplant gebaut werden sollte, blieb die Bildungs anstalt hartnäckig. Nach weiterem Hin und Her wendete sie sich im April 1944 an die Zen tralbauleitung der Waffen-SS und Polizei in Dachau, die das Gelände besichtigte. Danach ka men die Gutachter zu dem Schluss, dass die Baumaßnahme beschleunigt durchgeführt werden sollte. Da es jedoch nicht gewährleistet war, dass die Baufirma eine ausreichende A n zahl an Arbeitskräften zur Verfügung stellen konnte, sollten auf Wunsch der Polizeischule 40 Häftlinge des KZ Dachau die Bauarbeiten durchführen.2376 Geplant war, dass Polizeireser visten aus Fürstenfeldbruck diese Arbeitssklaven dann auf der Baustelle bewachen sollten. Auch vereinbarte die Schule mit dem Konzentrationslager, wie die Zwangsarbeiter transpor tiert und verköstigt werden sollten. Während das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt be reits ein Häftlingskommando in einer Stärke von 40 Mann genehmigt hatte, wartete die Zen tralbauleitung jedoch immer noch auf die Baufreigabe.2377 Allerdings war das nicht das einzige Hindernis: Denn weder die Firma Alfred Kunz & Co. noch ein anderes Bauunternehmen, wie etwa Hochtief, wollten das Projekt realisieren.2378 Fer ner erteilte die Organisation Todt, die seit dem 1. August 1944 für das Genehmigungsverfah ren zuständig war, dem Bau des Bergstollens eine Absage, da hierfür keine Kontingente oder eine Baufirma verfügbar seien.2379 Ein erneuter Anlauf brachte Anfang 1945 das gleiche Er gebnis und führte somit zum endgültigen Scheitern des Projekts. Doch Kommandeur Ha gemann gab immer noch nicht auf und versuchte in die Wagschale zu werfen, dass sich ein neuer Luftschutzstollen nicht nur für die Schulgemeinschaft lohne. Auch der HSSPF und der für die Offiziersschule der Ordnungspolizei, 08.11.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Abdruck: I. A. Nibler (Baubevollmächtigter des Reichsministeriums Speer) an Lenz & Co.: LS-Führerprogramm (Ausweitung); hier: Anlage von 2 Deckungsgräben für die Polizeioffiziersschule in Fürs tenfeldbruck in Stahlbetonfertigteilen, 23.11.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Entwurf: Polizeischule FFB an RFSSuChdDtPol: Bau eines LS-Stollens, 15.11.1943. Die Splittergräben wurden von den Teilnehmern gebaut, die Ende 1943/Anfang 1944 an der Schule ihre Offiziersausbildung er hielten. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando Befehl Nr. 1, 10.01.1944. 2376 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Entwurf: I. V. Saß (Polizeischule FFB) an u. a. RFS SuChdDtPol: LS-Stollen, 19.05.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Entwurf: I. A. Saß (Po lizeischule FFB) an Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei München-Dachau: Bau eines Luft schutzstollens, 19.04.1944. Auch der Chef der Ordnungspolizei hatte gegen diese M aßnahme keine Einwände. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. Kochskämper (Chef der Ordnungspo lizei) an Kommandeur der Polizeischule FFB: LS-Stollen, 27.05.1944. 2377 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Gauster (Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei München-Dachau) an Kommandeur der Polizeischule FFB: Fürstenfeldbruck - LS-Stollen für Offi ziersschule - Dringlichkeitseinstufung - Häftlingseinsatz, 13.07.1944. 2378 Vgl. ebd. Auf der Suche nach einem geeigneten Bauunternehmen fanden auch Verhandlungen m it der Firma Hochtief in M ünchen statt. Doch nach einer Ortsbesichtigung Anfang August 1944 lehnte auch diese Baufirma den Auftrag ab, weil dringend benötigte Gerätschaften nicht zur Verfügung standen. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Abschrift: [unleserlich] (Hochtief) an die Verwaltung des KZ Dachau: LS-Stollen Fürstenfeldbruck, 08.08.1944. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 46, I. A. Saß (Polizeischule FFB) an Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei München-Da chau: Bau eines LS-Stollens, 28.07.1944. Dass noch eine ganze Reihe weiterer Baufirmen das Vorha ben ablehnten, geht hervor aus: BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Gauster (Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei M ünchen-Dachau) an Polizeischule FFB: Fürstenfeldbruck - LS-Stollen, 18.08.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 46, Liste der Baufirmen, [1944]. 2379 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, [unleserlich] (Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei München-Dachau) an Kommandeur der Polizeischule FFB: Fürstenfeldbruck - LS.-Stollen En gelsberg (Polizei), 26.08.1944. 4 2 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k BdO im Wehrkreis V II würden davon profitieren, weil die Polizeischule als deren Ausweich stelle ausgewählt sei.2380 Aber auch dieses Argument vermochte nicht, den Bau der Zufluchts stätte doch noch zu erwirken. Wenngleich der Luftschutzstollen nie gebaut wurde und die Polizeischule dies als Rückschlag für die Sicherheit des Personals wertete, steht in der Retro spektive fest: Alliierte Flieger bombardierten während des Zweiten Weltkriegs nie die Stadt Fürstenfeldbruck.2381 Dass jedoch Häftlinge des KZ Dachau für den Bau herangezogen wer den sollten, zeigt nur allzu deutlich, wie die Brucker Polizeischule von der Sklavenarbeit im NS-Staat profitieren wollte. Sie war sich also nicht nur der Möglichkeiten bewusst, die ihr Himmlers Imperium eröffnete, sondern auch durchaus bereit, diese in Anspruch zu nehmen. Obwohl sich die Brucker Bildungsanstalt nicht im Fadenkreuz der alliierten Luftstreitkräf te befand, zeigte sich in der zweiten Kriegshälfte, dass der Bombenkrieg für sie keine graue Theorie blieb. Vielmehr holte er die Schüler aus den Hörsälen an die „Heimatfront“ und kon frontierte sie dort mit dem wahren Gesicht des „Totalen Krieges“. Die Lehrstätte war seit Herbst 1943 dem IdO in München unterstellt. Das ging auf einen Befehl des Chefs der Ord nungspolizei zurück, der mit dieser Maßnahme sicherstellen wollte, dass im Krisenfall eini ge Einsatzkräfte aus der Brucker Institution der „Hauptstadt der Bewegung“ zur Hilfe eilten. Darum stellte die Bildungsanstalt zwei Kompanien auf, die sich aus Angehörigen des Stamm personals und aus den gesamten Teilnehmern der jeweiligen Lehrgänge zusammensetzten.2382 A uf das Stichwort „Fliegerangriff-Einsatz“ hin mussten die alarmierten Helfer schnellstmög lich nach München fahren, wofür der übliche Dienstbetrieb zum Erliegen kam.2383 Was in der tteorie einfach erschien, gestaltete sich in der Praxis jedoch recht schwierig. Bei einem Luftangriff auf München im Herbst 1943 gelang es der 1. Kompanie zwar, problemlos an den Einsatzort zu eilen. Doch die zweite Einheit konnte erst Stunden später in die Landeshaupt stadt fahren, weil die Polizeischule nicht über die nötigen Fahrzeuge verfügte und die Beam ten daher mit der Eisenbahn befördert werden mussten.2384 Erst ein paar Wochen später er hielt die Schule zusätzlich zwei Lastwagen, um diesen Missstand zu beseitigen.2385 Wie nötig das war, zeigte sich mehrfach im Laufe des Jahres 1944, als mehrere Lehrgänge in München zum Einsatz kamen, nachdem die Stadt von amerikanischen Fliegern erneut 2380 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 46, [unleserlich] (Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei München-Dachau) an Kommandeur der Polizeischule FFB: Fürstenfeldbruck - LS-Stollen für Offiziersschule - Baugenehmigung, 03.01.1945 sowie die Rückseite dieses Schreibens BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 46, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Zentralbauleitung der Waf fen-SS und Polizei München-Dachau: LS-Stollen, 26.01.1945. 2381 Lediglich ein Teil des Fliegerhorsts wurde bei amerikanischen Luftschlägen am 9. April 1945 zerstört. Vgl. Hoser, Kommunalpolitik, S. 63; Wollenberg, Reich, S. 248. 2382 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 23, 01.09.1943. 2383 Ebd., S. 3. 2384 Vgl. BayHStA München, M Inn 71982, I. V. [unleserlich] (IdO im Wehrkreis VII) an StMdI: Einsatz der Offizierschule der Ordnungspolizei Fürstenfeldbruck bei Fliegerangriffen, 20.10.1943. Wahrschein lich handelte es sich um den schweren Luftangriff, den britische Bomber in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1943 flogen, wobei insgesamt 229 Menschen starben. Vgl. dazu Hans-Günter Richardi, Bomber über München. Der Luftkrieg von 1939 bis 1945, dargestellt am Beispiel der „Hauptstadt der Bewegung“, M ünchen 1992, S. 178-180; Irm traud Permooser, Der Luftkrieg über M ünchen 1942 1945. Bomben auf die Hauptstadt der Bewegung, 2., durchges. Aufl., Oberhaching 1997, S. 175-178; Richard Bauer, Fliegeralarm. Luftangriffe auf München 1940-1945, München 1987, S. 65-67. 2385 Vgl. BayHStA München, M Inn 71982, I. A. Gareis (StMdI - Abteilung I) an StMdI - Abteilung VI: Bereitstellung von Kraftfahrzeugen durch den Fahrbereitschaftsleiter für den Einsatz der Offiziers schule Fürstenfeldbruck bei Fliegerangriffen, 30.11.1943. 430 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k bombardiert worden war. Die Polizisten beteiligten sich daran, Verschüttete zu bergen, Stra ßen abzusperren, den Verkehr zu regeln und Blindgänger zu entschärfen.2386 Als etwa am 11. Juli 1944 ein Blindgänger in die Büroräume des Richard Boorberg Verlages in der Münch ner Cuvilliestraße eingeschlagen war, entfernten die zwei Offiziersanwärter Erich Stabenow und tteod or Kuklinski das gefährliche Gut aus dem Gebäude. Mithilfe einer Leiter trans portierten sie die 150 kg schwere Fracht zu einem etwa 100 m entfernten Bombenkrater, wo sie den Sprengkörper sicher deponierten. Zum Dank erhielten die beiden Polizisten nicht nur je 50 RM von Verlagschef Boorberg, sondern vom Polizeiapparat auch noch das Kriegs verdienstkreuz (KVK) 2. Klasse mit Schwertern.2387 Die Einsätze der Polizeischüler gestalte ten sich in der Regel aber nicht so heroisch. Vielmehr waren die Beamten in der so wichti gen Phase ihrer Offiziersausbildung mit dem Leid ihrer „Volksgenossen“ konfrontiert, die im Bombenhagel ihr Obdach oder gar ihr Leben verloren hatten. Wenngleich die Lehrgänge des letzten Kriegsjahres nicht mehr lange oder überhaupt nicht mehr an der Front eingesetzt werden sollten, ist davon auszugehen, dass ihre Teilnehmer von den Bildern geprägt waren, die sie zuvor in der zerstörten „Hauptstadt der Bewegung“ zu Gesicht bekommen hatten. Auch der Landrat von Fürstenfeldbruck wollte sich die Hilfe der Polizeischule für den Fall sichern, dass die Kreisstadt einem Luftangriff zum Opfer fallen sollte. Die Lehranstalt der Ordnungspolizei teilte dem Politiker mit, dass sie maximal etwa 180 Mann zur Verfügung stellen könne, die allerdings nur für Absperr- oder Hilfsmaßnahmen eingesetzt werden könn ten. Der IdO des Wehrkreises V II könne die Beamten der Schule jedoch generell dazu ein setzen, in einem Katastrophenfall oder nach einem Luftschlag zu helfen und „zur Bekämp fung feindlicher Fallschirmabspringer und Luftlandetruppen“ beizutragen.2388 Für die Polizeischüler war das keineswegs ein völlig fremdes Szenario. Ganz stolz beschrieb schon Kommandeur Hagemann in seinem Erfahrungsbericht über den 25. OAL, dass die Abschluss besichtigung die „Vernichtung einer notgelandeten Flugzeugbesatzung“ zum Inhalt gehabt habe.2389 Damit simulierten die Offiziersschüler in ihrer praktischen Prüfung also schon recht früh, die Mannschaft eines abgestürzten alliierten Flugzeugs zu ermorden. Grundsätzlich ge schah das in der Endphase des Krieges an der „Heimatfront“ zahlreiche Male und war als „Flieger-Lynch-Justiz“ bekannt. Und an dieser beteiligte sich neben lokalen NS-Funktionären 2386 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt-Pol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 4 f.; BayHStA München, Polizeischu le FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 6; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, [unleserlich] (26. Reserve-OAL) an Kommando der Polizeischule FFB: Einsatz des 26. Res.-Offz.-Anwärter-Lehrganges in München, 18.07.1944. 2387 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeipräsident München) an Polizei schule FFB: Verleihung von Kriegsauszeichnungen, 18.07.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Abschrift: Rasch (Polizeischule FFB), 22.07.1944; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Einschreiben: [unleserlich] (Richard Boorberg Verlag) an Polizeischule FFB, 26.07.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, I. V. Friedrichs (Polizeipräsident München) an Polizeischule FFB: Verleihung von Kriegsauszeichnungen im Schnellverfahren, 14.08.1944. 2388 BayHStA München, Polizeischule FFB 25, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Landrat in FFB: Wehrmachtshilfskommandos, 08.07.1941, S. 2. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 25, I. A. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an Landrat in FFB: Einsatz der Wehrmacht bei feindlichen Luft angriffen, 21.01.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 25, [unleserlich] (Landrat in FFB) an u. a. Polizeischule FFB: Einsatz der Wehrmacht bei feindlichen Luftangriffen, 18.01.1943. 2389 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) ange ordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 4. 431 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k und der Sicherheitspolizei sowie seltener die gewöhnlichen „Volksgenossen“ auch gerade die uniformierte Staatsgewalt.2390 Indem die Ordnungspolizei ihren Führungsbeamten in spe der lei beibrachte, institutionalisierte der NS-Staat diese völkerrechtswidrige Praxis und bereite te die angehenden Offiziere darauf vor, Kriegsverbrechen im eigenen Land zu begehen. Nicht nur auf diese Weise offenbarte sich, dass die Folgen des nationalsozialistischen Ver nichtungskrieges vor der Brucker Polizeischule nicht Halt machten. Vielmehr tangierte sie die deutsche Mangelwirtschaft im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie mit wichtigen Uten silien einfach nicht mehr versorgt werden konnte. Seit Beginn des Krieges beklagten sich ihre Leiter darüber, dass zum Teil grundlegende Ausrüstungsgegenstände schlichtweg fehl ten, obwohl sie für den Lehrbetrieb unabdingbar waren. Deshalb versuchte der Polizeiappa rat aus der Not eine Tugend zu machen und nutzte jenes Material, das er in den besetzten Gebieten er beutet hatte, was wiederum andere Probleme mit sich brachte. So monierte der Kommandeur des Po lizeiausbildungsbataillons Fürstenfeldbruck, Martin Diez, die „zum Gefechtsdienst zu tragenden tsche chischen Stahlhelme geben ein unschönes Bild“ ab, und wünschte sich für seine Rekruten einen einhei mischen Kopfschutz, was j edoch ohne Erfolg blieb.2391 Erneut forderte er, dass seine Anwärter mit deut schen Helmen ausgestattet werden sollten, nachdem sie bei ihrer Ankunft am Truppenübungsplatz in Münsingen aufgrund ihrer ausländischen Kopfbe deckung ausgelacht worden waren.2392 Ähnliche ma- Abbildung 38: Schießausbildung. Die terielle Engpässe traten im Laufe des Krieges immer Anwärter tragen tschechische Stahl häufiger auf. So litt z. B. im Jahre 1943 die Nahkampf- helme (Privatarchiv Sven Deppisch) ausbildung an einem großen Mangel an geeigneten Waffen, wobei insbesondere Säbel oder spezielle Fechtgewehre sowie die erforderliche Schut zausrüstung nicht vorhanden waren. Stattdessen musste sich die Schule mit Holzgewehren und Stangen begnügen, um den Kampf mit dem Bajonett zu simulieren, weil der Polizeiap parat nicht in der Lage war, das benötigte Gerät zu liefern.2393 Zwar erhielt die Brucker Bil dungsstätte einige wenige Ausrüstungen vom Inspekteur des SD in München. Doch das war nur der Tropfen auf den heißen Stein und konnte den akuten Mangel nur bedingt lindern.2394 2390 Vgl. Heitmann, Polizei, S. 600; Barbara Grimm, Lynchmorde an alliierten Fliegern im Zweiten Welt krieg, in: Süß, Deutschland, S. 71-84, hier: S. 81-84; Klaus-Michael Mallmann, „Volksjustiz gegen anglo-amerikanische M örder“. Die Massaker an westalliierten Fliegern und Fallschirmspringern 1944/45, in: Gottwaldt, NS-Gewaltherrschaft, S. 202-213, hier: S. 208. 2391 BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB G rup pe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 25.04.1940, S. 4. 2392 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkomm andeur der PAB Gruppe Süd: Monatsbericht, 25.09.1940, S. 2. 2393 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 177, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Zuweisung von Bajonett-Gewehren und leichten Säbeln m it der entsprechenden Schut zausrüstung, 08.02.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 177, I. A. [unleserlich] (RFSSuChdDt Pol) an Polizeischule FFB: Nahkampfausbildung, 16.02.1943. 2394 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 177, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an den Ins pekteur des SD Schmitz-Voigt, 29.06.1943. 432 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Auch in der Polizeischule an der „Heimatfront“ machten sich die Folgen des Krieges be merkbar. Mit Ausnahme des Fliegerhorsts litt ganz Fürstenfeldbruck seit Ende 1939 darun ter, dass die Zivilbevölkerung im Winter nicht mehr eine ausreichende Menge an Kohlen erhielt.2395 Der Kommandeur der polizeilichen Lehranstalt musste sehr häufig darauf hinweisen, dass die Schüler und das Stammpersonal möglichst sparsam und effizient heizen sollten, da es bereits in den ersten Kriegsmonaten zu „großen Schwierigkeiten in der Kohlenversorgung“ gekommen sei.2396 Daher musste die Schulgemeinschaft den Stromverbrauch wesentlich re duzieren, um nicht unnötig viel Brennstoff zu verbrauchen und „dadurch die für die Kriegs produktion so notwendigen Kohlen zu sparen“, was ein Vertreter des Stammpersonals in der Schule streng zu kontrollieren hatte.2397 Brennstoffe waren mitunter so knapp, dass die Schu le schon einmal dazu gezwungen war, ganze Lehrgänge zu verkürzten. Der 8. Revier-OAL etwa musste eine Woche früher beendet werden, weil es der Schule schlicht an Kohlen mangelte.2398 Darüber hinaus versorgte das Wirtschaftsamt die Polizeischule nur bis Anfang 1945 mit Kohlen, weil in diesem Jahr die Bestände so stark geschrumpft waren, dass die Lehran stalt nur noch äußerst sparsam heizen durfte. Manche Räume mussten von nun an kalt blei ben, damit die Schule mit den restlichen Vorräten so lange wie möglich auskam.2399 Am Ende reichten diese jedoch nur noch ein paar Wochen aus, um warme Mahlzeiten zu kochen, wäh rend die übrigen Zimmer des Lehrgebäudes überhaupt nicht mehr beheizt werden konnten.2400 Mit ähnlichen Engpässen musste sich die Schulgemeinschaft auch arrangieren, wenn es darum ging, Waschmittel zu beziehen.2401 Wesentlich schlimmer für den allgemeinen Dienst betrieb war der Umstand, dass es infolge des Krieges an einfachem Büromaterial mangelte und dieses nicht problemlos geliefert werden konnte. Daher appellierte Hagemann beson ders in der zweiten Kriegshälfte an seine Untergebenen, mit den Gerätschaften, wie etwa den Schreibmaschinen, behutsam umzugehen.2402 Insbesondere der Papiermangel machte sich in der normalen Verwaltung deutlich bemerkbar, so dass das Personal seine Schreiben so 2395 Vgl. Helga Rueskäfer, Die Monatsberichte des Bezirksamtsleiters bzw. des Landrats von Fürstenfeld bruck 1933-1945, in: Jakob, Menschen, S. 204-217, hier: S. 212 und 216 f.; Hoser, Kommunalpolitik, S. 64. 2396 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 12, 15.02.1940. Der artige Klagen des Kommandeurs kamen häufig vor. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 38, 25.10.1941; BayHStA München, Polizei schule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 5, 06.02.1942; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 26, 07.10.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 3, 16.02.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 17, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando Befehl Nr. 29, 30.11.1944. 2397 BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 17, 23.06.1943. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 3, 23.01.1945. 2398 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 1. 2399 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 4, 15.02.1945. 2400 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 7, 17.03.1945. 2401 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 20, 28.03.1940. 2402 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 17, 23.06.1943. 433 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k kurz wie möglich abzufassen hatte. Weil das noch verfügbare Papier nicht ausreichte, muss ten auch alte Dokumente oder Vordrucke verwendet werden, die nur einseitig beschrieben waren.2403 Die gleiche Methode konnten die Lehrgangsteilnehmer allerdings nicht anwenden, als die Schule in der gleichen Zeit nur noch die halbe Menge an Toilettenpapier geliefert bekam.2404 Infolge des Krieges mussten die Polizeischüler auch bei der Verpflegung Abstriche machen und ihre Ansprüche herunterschrauben. Bereits in den ersten Kriegsjahren sah sich das haus eigene Kasino außerstande, eine so reichhaltige Auswahl an Gerichten anzubieten, wie es noch in Friedenszeiten möglich gewesen war. Denn nun hatte Kommandeur Hagemann kei nen Einfluss mehr darauf, welche Kost seine Untergebenen erhalten sollten. Dieser Umstand trug keineswegs dazu bei, die Laune innerhalb der Schulgemeinschaft zu verbessern. Viel mehr führte das offenbar dazu, dass es zu Diskussionen unter den Offiziersanwärtern kam, denen die karge Kost missfiel. Da der Schulleiter am neuen Speiseplan jedoch nichts ändern konnte und sich mit derlei Nebensächlichkeiten abseits der Ausbildung nicht aufaalten woll te, appellierte er an die Disziplin seiner Männer und machte ihnen seine Position unmiss verständlich klar: „Es wird das gegessen, was auf den Tisch kommt, dann werden die Leute auch satt. Gemüse ist besonders gesund.“2405 Im Herbst 1944 kürzte die Ordnungspolizei ih rer Offiziersschule zudem die wöchentlichen Portionen an Fleisch, Brot und Kartoffeln, wo bei diese Produkte nicht durch andere Lebensmittel kompensiert werden durften. Zwar ver suchte der Kommandeur Abhilfe zu schaffen, indem er seinen Untergebenen gestattete, an der Truppenverpflegung teilzunehmen, wenn sie dafür einen kleinen Betrag entrichteten. Doch scheint diese Maßnahme nur eine Notlösung gewesen zu sein, da auch sie nicht zu lin dern vermochte, wie knapp viele Nahrungsmittel an der Schule mittlerweile geworden waren.2406 Fast zur gleichen Zeit mussten sich die Polizeischüler auch noch von den weiblichen Be dienungen verabschieden, die ihnen im Speisesaal bis dahin das Essen gebracht hatten. Stattdessen hatten die Ordnungshüter selbst den Tischdienst zu übernehmen. Grund dafür war, dass die Verwaltung der Polizeischule dazu angehalten war, Personal einzusparen, das in der Endphase des Krieges nicht unbedingt benötigt wurde. Diese Vorgabe traf auch die meisten Reinigungskräfte, was dazu führte, dass die Stuben und die Küche von den Teilnehmern der Offiziersanwärterlehrgänge selbst gesäubert werden mussten.2407 So trivial diese Maßnahmen auch erscheinen mögen, verdeutlichen sie jedoch, wie sehr sich der Alltag an der Polizei schule durch die Kriegsfolgen veränderte. Und das ging an den Ordnungshütern sicherlich nicht spurlos vorbei, sondern wirkte sich wahrscheinlich auf ihre Moral aus. Wenige Monate vor der deutschen Kapitulation verschlechterte sich diese besonders deut lich. Denn das Geschehen auf den Schlachtfeldern Europas beeinflusste nun besonders nach 2403 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 26, 07.10.1943. Das ist auch der G rund dafür, warum besonders während des Krieges die Unter lagen der einzelnen Lehrgänge, aber auch der Schulverwaltung von ihrem Umfang her immer m ehr abnahmen. Es zeigt sich auch heute an den Akten der Polizeischule Fürstenfeldbruck, dass ältere Do kumente oftmals einfach umgedreht und deren Rückseiten beschrieben wurden. 2404 Vgl. ebd. 2405 BayHStA München, Polizeischule FFB 12, Hagemann (Polizeischule FFB): Offizier-Besprechung vom 9.7.1942, 23.07.1942, S. 8. 2406 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommando Befehl Nr. 22, 28.09.1944. 2407 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 20, 06.09.1944. 4 34 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k teilig den Lehrbetrieb in Fürstenfeldbruck. Die Teilnehmer des 41. OAL etwa konnten sich nach Ansicht von Kommandeur Hagemann auf den Lehrgang nicht wirklich konzentrieren, weil etliche von ihnen im Laufe des Kurses erfahren hätten, dass ihre Angehörigen ausge bombt oder gar getötet worden seien. Außerdem müssten die Familien der Anwärter sowohl im Osten als auch im Westen des deutschen Einflussbereichs vor der herannahenden Front ins Innere des Reichs flüchten. Die Kommunikation sei aber so stark eingeschränkt, dass vie le der Polizisten nicht wüssten, wie es ihren Verwandten geht, weshalb sie sich große Sorgen machten. Trotz dieser Widrigkeiten hätten die Junker dem Unterricht so gut wie möglich folgen können und den Lehrgang großteils doch noch gemeistert.2408 6.6 Zwischen Lebensretter und Totschläger - Mustergültiges und undiszipliniertes Verhalten Im Unterricht an der Polizeischule Fürstenfeldbruck versuchten die Lehrkräfte, ihren Schü lern beizubringen, wie sie sich zu benehmen hatten, um die Polizei des NS-Staats bilderbuch mäßig zu repräsentieren.2409 Dass tteorie und Praxis jedoch nicht immer deckungsgleich waren, belegte die Studie bereits mehrfach. Die Offiziersanwärter zeigten oftmals nicht die Leistungen, welche die Lehranstalt und auch Himmler von ihnen sehen wollten.2410 Aber nicht nur vom fachlichen Know-how hing es ab, wie die Polizisten in der Öffentlichkeit wahr genommen wurden. Vielmehr war entscheidend, ob sich die Schüler an der nationalsozia listischen Tugendlehre orientierten und daher mustergültig gegenüber ihren Kameraden und den „Volksgenossen“ verhielten. Es sind allerdings nur wenige Berichte überliefert, die dar über Auskunft geben, ob sich die Offiziersanwärter vorbildlich benahmen oder stattdessen unangenehm auffielen, weil sie falsch oder gar gesetzwidrig handelten. Deshalb ist davon auszugehen, dass die absolute Mehrheit der Polizisten während ihrer Ausbildungszeit nicht außergewöhnlich hervorstach. Demnach scheinen sie einfach ihren Lehrgang durchlaufen zu haben, ohne dass sie dabei Anlass zu großem Tadel boten. Offenbar verliefen die Kurse also meist problemlos, was aber auch jene Fälle einschließt, in denen Schüler außerordent lich engagiert waren. Besonders stolz war der Kommandeur, wenn er in seinem Erfahrungs bericht erklären konnte, dass „nicht eine Disziplinarstrafe ausgesprochen“ werden musste und sich die Lehrgangsteilnehmer vorbildlich verhalten hätten.2411 Solche Hinweise auf ein tadelloses Benehmen finden sich häufiger.2412 Sie zeugen davon, wie wichtig es dem Schullei ter war, dass sich seine Anwärter innerhalb der Lehranstalt beispielhaft betrugen, damit sie gegenüber der Öffentlichkeit als harmonischer Gesamtkomplex auftreten konnte. Daneben ereigneten sich aber einzelne Vorfälle, die ein anderes Licht darauf werfen, was sich inner und außerhalb der Mauern von Fürstenfeldbrucks Polizeischule zutrug. Wenngleich es sich dabei nur um einzelne außergewöhnliche Ereignisse handelte, erleichtern sie es dem Betrach 2408 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 6 f. 2409 Siehe dazu Kapitel 5.1.2.5 und 5.1.4.2. 2410 Siehe dazu Kapitel 5.2. 2411 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) ange ordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 4. Hervorhebung im Original. 2412 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 3. 435 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ter, den sozialen und moralischen Kosmos innerhalb der Schulgemeinschaft besser verste hen zu können. Zur Freude des Kommandeurs kam es gelegentlich vor, dass Vertreter des Stammperso nals oder Offiziersanwärter mehr taten, als sie eigentlich mussten. Aus Sicht der Schule ver hielten sie sich dadurch vorbildlich. Zwar darf nicht vergessen werden, dass es sich bei eini gen von ihnen um erfahrene Polizeibeamte handelte, die lediglich ihren Dienst versahen, wenn sie etwa Straftaten vereitelten oder auffilärten. Dennoch ragten sie damit aus der Mas se heraus, die sich nur um die eigene Ausbildung zu kümmern hatte, nicht aber um den po lizeilichen Einzeldienst in Fürstenfeldbruck, für den naturgemäß das hiesige Revier zustän dig war. A uf diese Weise konnten die Ordnungspolizisten aber zeigen, dass sie zu Recht die „Kaderschmiede“ besuchten oder in ihr arbeiteten. Gleichzeitig war es ihnen möglich, sich gegenüber der Stadt Fürstenfeldbruck und ihren Bürgern als idealtypische Vertreter des na tionalsozialistischen Polizeistaats zu präsentieren, die ihren „Volksgenossen“ zur Seite ste hen würden, wann immer sie Hilfe benötigten. Solche Beamte waren ein willkommenes Aus hängeschild für die Brucker Polizeischule, die sich nach außen stets von ihrer besten Seite zeigen wollte. Daher honorierte es der j eweils amtierende Kommandeur, wenn seine Untergebenen nicht nur ihren gewöhnlichen Dienst verrichteten, sondern herausragende Taten vollbrachten. Dr. Fritz Schade lobte etwa Otto Graswald ganz besonders, weil der Revieroberwachtmeis ter während seines Urlaubs am 9. August 1938 einen Einbrecher verhaftet hatte, der kurz zu vor den Opferstock der Brucker Pfarrkirche ausgeraubt hatte.2413 Schulleiter Arno Hagemann freute sich über ein anderes Ereignis, bei dem ein weiterer Vertreter der Schule glänzen konn te. In der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1941 rettete der Zugwachtmeister Xaver Steiner einem Landwirt aus Holzhausen das Leben. Dieser hatte mit Freunden die Klosterwirtschaft besucht und war auf dem Nachhauseweg betrunken in den naheliegenden Werkkanal der Amper gefallen, wo er zu ertrinken drohte. Der Neffe des Bauern holte Steiner zu Hilfe, der sich ebenfalls im Wirtshaus befunden hatte und den Pechvogel aus dem kalten Wasser zog.2414 Über derlei Erfolge berichteten die hauseigenen Kommandobefehle, durch welche die Schulgemeinschaft von den kleinen Heldentaten erfuhr und gleichzeitig zu ähnlich mutigem Ver halten motiviert werden sollte.2415 Das war auch der Fall, als Johann Matschek in Himmlers Namen öffentlich belobigt wurde, weil der Gendarm mehrfach Touristen aus der Bergnot gerettet hatte. Deshalb verlieh der Reichsführer-SS ihm außerdem noch das Abzeichen für Bergführer. Die schriftlichen Berichte des Kommandeurs würdigten die Rettungsaktionen des Polizeimeisters und verschwiegen nicht, welche Ehre dem Teilnehmer des 22. OAL da für zuteil geworden war.2416 Als Retter erwies sich auch der Polizeimeister Karl Delago, weil er eine mögliche Gewalt tat vereitelt hatte, worüber er anschließend einen Bericht für die Polizeischule verfassen muss 2413 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 21, 13.08.1938. Ferner: Opferstockeinbrecher festgenommen, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 09.08.1938, Nr. 183, S. 4; Opferstockmarder in Fürstenfeldbruck gefaßt, in: Fürstenfeldbrucker Zei tung, 05./06.11.1938, Nr. 259, S. 4. 2414 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Steiner: Bericht, 22.02.1941. 2415 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 23, 30.05.1941. 2416 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V. Hösl (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 32, 18.09.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando befehl Nr. 43, 05.12.1941. 4 36 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k te. Am Abend des 8. Juli 1941 habe er auf dem Nachhauseweg zur Lehranstalt die Hilfeschreie einer Frau vernommen, die aus einem Waldstück nahe der Bahngleise stammten, wie der Anwärter des 4. Revier-OAL berichtete. Zusammen mit drei jungen Passanten sei er zum Tatort geeilt, wo er auf den Luftwaffenunteroffizier Müller und eine junge Kellnerin aus ei nem örtlichen Gasthaus gestoßen sei. Offensichtlich habe zwischen den beiden ein Kampf stattgefunden, da die 25-jährige Frau völlig erschöpft und stark mit Schlamm beschmutzt ge wesen sei und der Soldat hingegen sein Seitengewehr sowie eine Schuhsohle verloren habe. Während die dazu geeilten Männer die junge Dame zur polizeilichen Bildungsstätte geleite ten, habe Delago den Soldaten verhaftet, den die Polizeischule letztlich an den Fliegerhorst übergeben habe. Als Müller vernommen worden sei, habe sich herausgestellt, dass es sich bei dem Vorfall um eine Beziehungstat gehandelt habe. Er sei mit der Bedienung in Streit geraten, weil sie ihm eröffnet habe, von ihm ein Kind zu erwarten. Der angebliche Vater habe dies jedoch in Abrede gestellt, da er zu wissen glaubte, dass er keineswegs ihr einziger Sexu alpartner gewesen sei.2417 Die Quellen geben keine Auskunft darüber, welche Konsequenzen dieser Vorfall nach sich zog. Doch zeigt er, dass einzelne Polizeischüler sogar während ihrer Ausbildung praktische Polizeiarbeit verrichteten. Abseits solcher Fälle gab es aber auch Angehörige der Schulgemeinschaft, die sich berufen fühlten, darauf zu achten, dass sich die Brucker Bevölkerung an die nationalsozialistischen Verhaltensrituale hielt. Zwei ihrer Polizisten holten sogar Johann Edin von seinem Fahrrad und maßregelten den Leiter der Brucker Polizeiwache, weil er nicht den „Hitlergruß“ gezeigt hatte.2418 Allerdings entfalteten manche Polizisten auch ein großes Engagement, wenn es da rum ging, in Fürstenfeldbruck und Umgebung Menschen zu drangsalieren oder gar zu ver folgen, die das NS-Regime zu Feinden erklärt hatte. Kommandeur Hagemann lobte aus drücklich seinen Schüler, Anton Schluppeck, weil er am 18. Mai 1942 „abends drei aus dem Lager Olching entwichene kriegsgefangene Franzosen bei Gelbenholzen festgenommen“ habe. Dem Revieroberwachtmeister vom 27. OAL sprach er „für sein tatkräftiges, umsichtiges Ein schreiten [seine] volle Anerkennung aus“.2419 Als Anfang Juni 1943 im Landkreis eine Groß fahndung nach entflohenen Kriegsgefangenen stattfand, beteiligten sich daran sogar 115 Män ner der Brucker Lehranstalt, ohne jedoch der Gesuchten habhaft zu werden. Bei der Gelegenheit wurden stattdessen einzelne ausländische Arbeitskräfte verhaftet.2420 Dass das Brucker Lehrpersonal jenen Kriegsgefangenen ablehnend gegenüberstand, die während des Krieges zahlreich in Fürstenfeldbruck zum Einsatz kamen, zeigt sich auch in weiteren Fällen.2421 So erinnerte Diez seine Untergebenen daran, „daß der Verkehr mit Kriegsgefangenen verboten ist“. Konkret untersagte er ihnen, mit jenen Häftlingen, die beispielsweise auf den Schießständen der Schule im Lager eingesetzt waren, „Gespräche anzuknüpfen, oder ihnen Waren zuzustecken“.2422 2417 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Delago (Polizeischule FFB): Bericht, 09.07.1941, S. 1 f. 2418 Vgl. StAM, Spruchkammern Karton 2738 - Johann Edin, Edin: Beilage zum Fragebogen des Polizei oberkommissärs Johann Edin, 19.08.1945, S. 2. Ferner: Hoser, Kommunalpolitik, S. 61. 2419 BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 14, 20.05.1942, S. 1. 2420 Vgl. StAM, LRA 189352, Bezirksoberleutnant der Gendarmerie (Gendarmerie FFB) an Gendarm e riekreis: Erfahrungsbericht zur „Großfahndung“ anläßlich der Flucht von 67 engl. krigsgefangenen Offizieren aus dem Oflag Eichstätt u. 16 russ. kriegsgefangenen Offizieren aus dem Oflag Bamberg in der Nacht vom 4.6.43, 10.06.1943. Ferner: Bierl, Sepp, S. 223. 2421 Zum Einsatz von Kriegsgefangenen im Landkreis Fürstenfeldbruck vgl. Wollenberg, Reich, S. 260 262. 2422 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 60, 16.09.1940, S. 3 f. 437 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Ein Vorfall aus dem Jahre 1941 zeigt, wie sehr Angehörige des Stammpersonals von dieser diskriminierenden Facette der NS-Ideologie beseelt waren: Neben deutschen Arbeitern be schäftigte das Heeresbekleidungsamt in Fürstenfeldbruck in der ersten Kriegshälfte auch Kriegsgefangene, die dem Kriegsgefangenen-Sammellager in Moosburg unterstanden. Ein LKW brachte diese Arbeitskräfte täglich zu den Nebengebäuden der Polizeischule heran, wo sie ausgeladen wurden, was ein Soldat überwachen musste. An einem Tag im Februar 1941 beobachtete Polizeimajor Georg Hahn zusammen mit seiner Frau dieses Schauspiel. Dabei waren sie Zeugen, wie die kriegsgefangenen Ausländer mit vier oder fünf deutschen Frauen herumscherzten, die sich ebenfalls im Fahrzeug befanden. Die Kriegsgefangenen „griffen ih nen an die Beine usw.“, was bei dem Ehepaar „einen übelen [sic!] Eindruck“ hinterließ. Da die Wache nichts unternahm, „um die intimen Gespräche“ zu unterbinden, versuchte Hahn nach eigenen Angaben selbst einzugreifen, wobei er jedoch dafür zu spät kam, da der Trans porter bereits weitergefahren war.2423 Weil er sich über diesen Vorfall so empörte und auch darüber, dass sich weder der Soldat noch die Kriegsgefangenen darum geschert hätten, dass ein uniformierter Polizeioffizier zugegen war, erstattete Hahn an seinen Chef darüber Be richt.2424 Der damalige Kommandeur der Schule, Martin Diez, drohte daraufain in einem Brief an das Sammellager für Kriegsgefangene in Moosburg, die Gestapo zu verständigen, sofern sich derartige Begebenheiten erneut zutragen sollten.2425 Durch diese Intervention sorgte die Polizeischule nicht nur dafür, dass der Leiter der Gruppe Arbeitseinsatz des Stamm lagers VII A in Moosburg die soldatische Wache des Transports scharf ermahnte und über ihre Aufgaben belehrte. Darüber hinaus wurden die Kriegsgefangenen und die deutschen Arbeitskräfte von nun an getrennt zu ihrem Arbeitsplatz gefahren.2426 Die Beschwerde des Offiziers und seines Vorgesetzten führte also dazu, dass die Kriegsgefangenen von der deut schen Gesellschaft noch mehr isoliert wurden und sich ihre Lebensumstände weiter ver schlechterten. Zwei Jahre später ereignete sich ein weiterer Vorfall, der erkennen lässt, dass zumindest einzelne Polizisten in Fürstenfeldbruck recht offen diskriminierende Denk- und Verhaltens weisen an den Tag legten und damit ganz im Sinne des NS-Staats agierten. Am 21. Februar 1943 berichtete Erhard Zimmermann schriftlich an den 31. OAL, den er seinerzeit besuchte. Der Bezirksoberleutnant der Gendarmerie wollte sich tags zuvor im Laden von Josef Singer die Haare schneiden lassen. Neben dem Friseur und dessen Frau befanden sich dort noch zwei weitere Kunden. Nachdem der erste fertig bedient worden war, habe sich der zweite Kunde angeblich auf Wink der Frau auf den freien Stuhl gesetzt. Dabei habe Zimmermann diesen durch den Aufnäher an seiner Kleidung als Polen identifiziert. Obwohl der Gendarm mehrfach darauf bestanden habe, vor dem „Fremdarbeiter“ bedient zu werden, seien Singer und seine Gemahlin nicht darauf eingegangen. Weil es sich seiner Ansicht nach „um ein das deutsche Volk schädigendes Verhalten Singers“ handle, wendete sich der Kursteilnehmer an 2423 BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Hahn (Polizeischule FFB) an Kommando: Kriegsgefange ne, 11.02.1941. 2424 Vgl. ebd. 2425 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 94, Diez (Polizeischule FFB) an das Kriegsgefangenen Sammellager Moosburg, 15.02.1941. 2426 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 94, [unleserlich] (Stalag VII A) an Diez: Schreiben vom 15.2.41., Kriegsgefangene, 19.02.1941. 4 38 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k seine Lehrstätte, die den Vorfall an die Geheime Staatspolizei weiterleiten sollte.2427 In seiner Anzeige legte er ausführlich dar, warum er sich über diese Begebenheit so aufregte: „Das Verhalten Singers muß ich als eine Herausforderung betrachten, da ich Uniform trug. Singer ist, wie ich in Erfahrung bringen konnte, kürzere Zeit als Hilfspolizist ein gezogen gewesen und hat in der Heimat Dienst verrichtet. Er hat somit auch zweifels frei meine Uniform als Polizeioffizieruniform erkannt. Ich bin durch diese Haltung ei nes Deutschen nicht nur beleidigt, sondern verwundert und empört, daß so etwas im 4. Kriegsjahre noch möglich ist. Ich komme aus jahrelangem Einsatz im Osten und habe für ein solches Verhalten kein Verständnis und muß annehmen, daß Singer Land und Leute im Osten nicht kennt und daß ihm die von Polen an Deutschen verübten Greueltaten [sic!] einschließlich der Bromberger Blutnacht unbekannt geblieben sind. Im Osteinsatz kann man einem Übelstand der geschilderte [sic!] Art durch rasche Selbsthilfe abstellen; im Reich steht man ihm befangen und sprachlos gegenüber. Man ist geneigt, anzunehmen, daß ein solcher Mensch die Zeitung nicht liest und vor al len Dingen die aufrüttelnde Rede des Reichsministers Dr. Goebbels nicht gehört hat, abgesehen davon, daß so ein Deutscher nur ein bedingtes Ehrgefühl haben kann. Je denfalls berührt es mich, der ich die polnischen Verhältnisse genau kennen lernte, ei genartig, j a es verletzt mich, wenn eine deutsche Frau einem Polacken die Haare kämmt. Zu einer Zeit, wo der volle Einsatz jedes Deutschen verlangt wird, müssen Deutsche warten, bis Polen bedient sind. Ich kann nicht annehmen, daß andere deutsche Volks genossen in diesem Geschäft den Vorrang haben, wenn sich dieser Zeitgenosse nicht einmal durch die Anwesenheit der Polizeiuniform in seinem Tun und Lassen beein flussen läßt. Nach dem Aufruf der Reichsregierung dürfte ein solches Geschäft über zählig sein und könnte geschlossen werden, damit der Mann für den Osteinsatz frei würde. Bestim m t wäre der Osteinsatz für diesen M ann ein nachhaltiger Anschauungsunterricht.“2428 Auch Hagemann wollte die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen und informierte da rüber die Brucker Ortsgruppe der NSDAP.2429 Nach einigem Hin und Her befasste sich schließ lich die Münchner Gestapo mit dem Fall. Sie verhängte gegen Singer eine Geldbuße in Höhe von 300 RM und drohte ihm zugleich mit Haft, sofern er den Betrag an das Rote Kreuz nicht überweisen wolle.2430 Das schüchterte den Friseur offenbar ein, weshalb er seine Strafe zahlte.2431 Mit seiner Anzeige konnte sich Zimmermann also auch deshalb durchsetzen, weil die Brucker Bildungsanstalt dabei voll und ganz hinter ihm stand. Die Polizeischule mag sich sehr über solche Fälle von „mustergültigem“ Betragen ihrer A n gehörigen gefreut haben. Vielmehr ärgerte sie sich jedoch darüber, wenn Schüler unange nehm auffielen. Obwohl sich die meisten Offiziersanwärter grundsätzlich an die schulischen 2427 StAM, LRA 11208, Zimmermann (31. OAL) an 31. OAL: Anzeige gegen den Friseur Singer, Fürsten feldbruck, 21.02.1943, S. 2. Vgl. ebd., S. 1. 2428 Ebd., S. 1 f. 2429 Vgl. ebd., S. 2. 2430 Vgl. StAM, LRA 11208, I. V. Trenker (Gestapo München) an Landrat FFB: Singer, Josef, 15.04.1943. 2431 Vgl. StAM, LRA 11208, Abdruck: Dr. Sepp (Landrat FFB) an Polizeischule FFB: Verhalten des Friseurs Singer in Fürstenfeldbruck, 27.07.1943. Zum Vorfall ferner: Elsbeth Bösl/Sabine Schalm, Der „ande re“ Teil der Bevölkerung? Verfolgte, Ausgegrenzte und Unangepasste in Fürstenfeldbruck, in: Kramer, Fürstenfeldbruck, S. 281-343, hier: S. 325 f. 4 3 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Benimmregeln hielten, ereigneten sich immer wieder kleine Episoden von undisziplinier tem Verhalten, mit denen sich die Brucker Institution auseinandersetzen musste. Wer sich etwa nach dem Zapfenstreich noch in der Innenstadt herumtrieb, musste mit gewissen Sank tionen rechnen.2432 Ebenso erging es jenen Beamten, die ihren Urlaub eigenmächtig verlän gerten und deshalb zu spät wieder zur Schule zurückkehrten.2433 Die meisten Vergehen wa ren also relativ harmlos und führten allenfalls zu geringen Strafen. Doch zeigen sie, dass sich einige Beamte keineswegs so genau am Wertesystem des Himmlerschen Polizeiapparats ori entierten. Diebstähle tolerierten die Kommandeure aber grundsätzlich nicht, die sich stattdessen stets bemühten, Verdachtsfälle aufzuklären und die Schuldigen zur Verantwortung zu zie hen. Das war beispielsweise der Fall beim 8. OAL im Jahre 1938, über den Schulleiter Scha de vermerkte, dass 30 RM aus dem verschlossenen Schrank eines Teilnehmers gestohlen wor den seien, wobei selbst die Münchner Kriminalpolizei nicht in der Lage war, den Täter ausfindig zu machen.2434 Einem Rekruten des Brucker Polizeiausbildungsbataillons konnte hingegen nachgewiesen werden, dass er Essen aus dem Schrank eines Kameraden gestohlen hatte, was er dennoch abstritt. Der Anwärter reagierte auf die Vorwürfe, indem er in den Amperkanal sprang, der sich neben der Bildungsstätte befand, aber nur etwa 1,50 m tief war. Angeblich handelte es sich bei der Tat um einen Suizidversuch. Doch Kommandeur Diez be merkte in seinem Bericht ganz nüchtern, „daß der Wasserstand in diesem Kanal zu diesem Zweck viel zu niedrig ist“, weshalb er diese Aktion „nicht als Selbstmordversuch, sondern als hysterische Demonstration“ einschätzte.2435 Diez bestrafte den Polizeischüler erst, nachdem dieser wieder genesen war. Denn der mutmaßliche Dieb hatte sich eine Erkältung zugezo gen, nachdem er wieder aus dem Fluss gestiegen war.2436 In Ungnade fiel auch Josef Braun, von dem sich die Polizeischule kurz vor Kriegsende sogar trennen musste. Der Junker des 41. OAL war in die Wohnung des Taktiklehrers eingebrochen, aus der er die Prüfungen samt Lösungen gestohlen hatte.2437 Nach einem weiteren Vorfall aus dem Jahre 1944 hatte ein Anwärter ebenfalls seine Sachen zu packen. Adolf Windfuhr musste den 39. OAL verlassen, weil der Gendarm zugegeben hat te, die Zigaretten eines Stubenkameraden gestohlen zu haben. Der damalige Schulleiter Ha gemann informierte darüber hinaus das SS- und Polizeigericht in München, das sich des Sachverhalts annehmen sollte, da sich der Anwärter des „Kameradendiebstahls“ schuldig ge macht habe.2438 Die Angelegenheit beschäftigte die Polizeischule sogar noch im Jahre 1954. 2432 Ein solches Beispiel findet sich in: BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischu le FFB): Kommando-Befehl Nr. 9, 14.05.1938. 2433 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 11, 30.05.1938. 2434 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Entwurf: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der Ausbildung von Wachtm. (SB.) der O rd nungspolizei für die Offizierlaufoahn (8. Offz.-Anwärterlehrg.), 12.08.1938, S. 2. 2435 BayHStA München, Polizeischule FFB 173, [Diez] (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB G rup pe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 25.05.1940, S. 3 f. 2436 Vgl. ebd., S. 4. 2437 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 6; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 137, I. A. Abeßer (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: 41. Of fizier-Anwärter-Lehrgang, 22.02.1945. 2438 BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Rückbeorderung eines Teilnehmers des 39. Offiz.Anw.Lehrganges, 29.08.1944. 4 4 0 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k Wendelin Ostermeier, der zehn Jahre zuvor zum Stammpersonal der Lehranstalt gehört hat te, gab zu Protokoll, was danach geschah. Damals sei das Verfahren gegen Windfuhr vor dem Münchner Gericht ebenso im Sande verlaufen wie eine weitere Meldung an das Stuttgarter SS- und Polizeigericht. Der Polizist habe anscheinend keine weiteren Konsequenzen erfah ren müssen und sei daraufein nach Holland zum Fronteinsatz geschickt worden, weil die Gendarmerieschule Freiburg, an der Windfuhr tätig gewesen sei, im Sommer 1944 ihren Ausbildungsbetrieb eingestellt habe.2439 Ein ähnliches Vergehen erregte die Gemüter, als ein Lehrgangsteilnehmer seine Zigaret tenschachtel vermisste, die angeblich ein Stubenkamerad gestohlen hatte. Ob der Beschul digte sie tatsächlich entwendet hatte, konnte das Schulpersonal nicht restlos klären, auch wenn sich der betroffene Anwärter auffällig verhielt, weil er eigenmächtig die Spinde seiner Zimmergenossen durchsucht hatte. An diesem Fall ist allerdings viel interessanter, wie sei ne Kameraden mit der Situation umgingen und auf welche Weise sie den Konflikt lösen woll ten. Denn als Lehrer sie zu dem Vorfall vernahmen, legten sie dem angeblichen Übeltäter nicht nur den mutmaßlichen Diebstahl der Glimmstängel zur Last. Vielmehr warfen sie ihm vor, erhebliche charakterliche Mängel zu besitzen. So soll er den Kollegen seine eigenen Ta bakwaren zu einem Mehrpreis verkauft und sich obendrein abfällig über einen Kameraden geäußert haben, mit dem er sich die Stube teilte. Diese Lappalien reichten aus, die Zimmer genossen von seiner Schuld zu überzeugen und den angeblichen Diebstahl beim Stammper sonal anzuzeigen. Da es dafür aber keinerlei Beweise oder Zeugen gab, folgten keine diszip linarischen Maßnahmen. Das Ziel der Kameraden dürfte in erster Linie jedoch eher gewesen sein, den als Langfinger gebrandmarkten Polizisten aus dem gemeinsamen Schlafquartier herauszubekommen und ihn so loszuwerden.2440 Auch bei weiteren Vorgängen argumentierte die Schulgemeinschaft damit, dass bei einzel nen Polizeischülern bestimmte mangelhafte Charakterzüge vorlägen. So fiel ein Teilnehmer des 12. OAL unangenehm auf, weil er während der Zugfahrt von München nach Fürstenfeld bruck ganz stolz ein Bierglas umhergezeigt habe, das er aus einem Wirtshaus in der Landes hauptstadt entwendet hatte. Die Lehranstalt fürchtete um ihren Ruf, weil weitere Fahrgäste mitbekommen hätten, dass es sich bei dem Mann um einen ihrer Schüler handelte. Da er die Tat zunächst abgestritten und damit weitere „Charaktermängel“ offenbart hatte, musste er die Rückreise zu seiner Heimatdienststelle antreten.2441 Ein weiterer Offiziersanwärter aus demselben Lehrgang musste ebenfalls seine Ausbildung abbrechen, weil er seiner schwange ren Frau ein Abtreibungsmittel empfohlen hatte, was eines Polizeibeamten unwürdig gewe sen sei, wie die Polizeischule erklärte.2442 Damit hatte sich der Kursteilnehmer gegen Himm lers Wunsch versündigt, dass seine Mannen möglichst viele „arische“ Kinder zeugen sollten.2443 2439 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Ostermeier (Bayerische Polizeischule): Zum Ermitt lungsverfahren gegen den Polizeimeister Adolf Windfuhr, 19.07.1954. 2440 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Möller und Jaspers an Polizeischule FFB: Meldung, 10.03.1942. Da es keinerlei Beweise oder Zeugen für den Diebstahl gab, folgten auch keine disziplina rischen M aßnahmen für den Beschuldigten. 2441 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Schnellbrief: I. A. Hitzegrad (RFSSuChdDtPol) an den Regierungspräsidenten in Düsseldorf, 13.02.1939. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Abschrift: Brändel (Polizeischule FFB) an III. Ausbildungsabteilung: Meldung, 25.01.1939. 2442 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Entwurf: I. A. Hahn (Polizeischule FFB) an Polizei präsidium Bochum: Ausschluß des Offz.-Anwärters u. Junkers der Schutzpol. Herbert Wulff von der Teilnahme am 12. Offz.-Anwärterlehrg., 21.06.1939. 2443 Siehe dazu Kapitel 5.1.2.5. 441 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Den Reichsführer-SS und die Polizeischule Fürstenfeldbruck beschäftigte im Sommer 1937 ein weiterer Fall von inakzeptablem Verhalten, bei dem Arthur Schmitz gänzlich in Ungna de fiel. Ein abschließender Bericht vermerkte, er besitze „keine charakterliche und morali sche Eignung für den Beruf eines Polizeioffiziers“.2444 Schmitz verbreite Unwahrheiten und sei außerdem unkameradschaftlich, wie seine Kameraden übereinstimmend aussagten. So habe er mehrfach etwas versprochen, seine Zusagen jedoch nie gehalten. Besonders schwer wiegend sei der Umstand, „dass er nicht reuig für seine Fehltritte einsteht, sondern vielmehr noch weitere wahrheitswidrige Angaben macht“.2445 Aber was war genau geschehen? Schmitz verabredete sich öfters mit seinen Stubenkameraden, nach Dienstschluss gemein sam auszugehen. Da der Teilnehmer des 6. OAL während seiner Ausbildung in Fürstenfeld bruck eine Frau kennengelernt hatte, versetzte er jedoch seine Kollegen, um sich stattdessen mit ihr zu treffen. Eines Tages gab er gegenüber seinen Zimmergenossen vor, sich mit seiner Angebeteten verlobt zu haben, wobei er voller Stolz einen Ring umherzeigte. Als sich jedoch herausstellte, dass die junge Dame bereits verheiratet war und ihr Mann die beiden Lieben den in flagranti erwischt hatte, wollten ihn seine Vorgesetzten und seine Kameraden dazu drängen, sich von seiner Geliebten zu trennen. Obwohl Schmitz versprach, die Beziehung zu beenden, und nun bestritt, überhaupt verlobt gewesen zu sein, traf er sich weiterhin mit der Frau. Zwei andere Offiziersanwärter, die sich mit Schmitz das Zimmer teilten und von der Affäre wussten, wollten es nicht darauf beruhen lassen. Eines Tages gingen sie ihm hin terher, um ihn und seine weibliche Begleitung zur Rede zu stellen. Daraufain brach ein Streit zwischen den Polizisten aus, der rasch eskalierte, als Schmitz seinen Polizeisäbel zog und auf einen der beiden Verfolger, Alois Etthöfer, losging. Nachdem er diesen in die Flucht schla gen konnte, lieferte er sich mit dem zweiten Stubenkameraden, Walter Wolfrum, eine Schlä gerei, bei der Schmitz unterlag und sich anschließend mit seiner Angebeteten zurückzog. Erst einige Monate nachdem sich dieser Vorfall ereignet hatte, beschäftigte er die Polizei schule, die alle Beteiligten vernahm.2446 Letztlich kamen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass sich Schmitz als unwürdig er wiesen habe, den Rang eines Polizeiführers zu bekleiden. Dieses Urteil begründeten die Gut achter auch damit, dass er es „an dem erforderlichen soldatischen Benehmen vollkommen fehlen“ ließ, weil er etwa „den Gruss zivilmässig schlapp“ vollzogen habe.2447 Das gab wenigs tens Revieroberwachtmeister Karl Heber zu Protokoll, der beim Lehrgang die Geschäfte des Hauptwachtmeisters führte. Ferner erklärte er, dass sich ein Kollege bei ihm über Schmitz mit den Worten beschwert habe: „Der hat direkte Zivilmanieren, es hat aber keinen Zweck, da noch etwas zu sagen.“2448 Der Ausdruck „Zivilmanieren“ kann gewissermaßen als Belei digung verstanden werden, da er zusätzlich diskreditieren sollte, wie sich der Beschuldigte grundsätzlich verhielt. Offensichtlich war sich zumindest das Stammpersonal der Brucker Polizeischule einig, dass sich ein „Gesetzeshüter“ des NS-Staats nicht wie ein gewöhnlicher Zivilist benehmen dürfe, weil dies als ungehobelt und lasch galt. Hebers Aussage zeigt, dass der Ausbildungsbetrieb eher danach strebte, den Rekruten ein solch „unsoldatisches“ Geba- 2444 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 121, [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol, 19.04.1938, S. 4. 2445 Ebd., S. 3. 2446 Vgl. ebd., S. 1-5. Aufschluss über den Sachverhalt geben ferner die Vernehmungsprotokolle, die sich im gleichen Akt befinden. 2447 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 121, [unleserlich] Polizeischule FFB: Aussage Karl Heber, 19.03.1938, S. 13. 2448 Ebd., S. 14. 4 42 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k ren auszutreiben. Augenscheinlich wollte sich der „Freund und Helfer“ von den einfachen „Volksgenossen“ schon allein dadurch abheben, dass er ein mustergültiges „soldatisches“ Be nehmen an den Tag legte. Aus dieser elitären Sichtweise heraus erschien das Verhalten der Zivilisten nicht standesgemäß und geradezu minderwertig. Über ihren Status sollten sich die Ordnungspolizisten immer gewiss sein und sich dementsprechend auch betragen. Als verwerflich sahen es die Zuständigen ferner an, dass sich Schmitz mit einer bereits ver mählten „Volksgenossin“ eingelassen hatte. Nach eigener Aussage hatte Etthöfer als Klassen ältester seinem Kollegen sogar verboten, „sich auch nur noch einmal mit dieser Frau zu treffen“.2449 Dass die junge Dame aus Jugoslawien stammte, tangierte ebenfalls das Selbstver ständnis der Polizei. Ein weiterer Anwärter des 6. OAL, Hans-Wilhelm Schweizer, erklärte dazu, er „habe ihm sofort und auch später wiederholt geraten, jeglichen Verkehr abzubre chen, da es sich um eine Ausländerin handelte und sich für ihn möglicherweise daraus Ver wicklungen ergeben könnten“.2450 Zudem hielt er es in der Vernehmung für erforderlich, zu erwähnen, dass sie „Sekretärin bei einem Juden“ gewesen sei.2451 Obgleich weitere Berichte auf diesen Punkt nicht eingehen, zeigt er jedoch recht deutlich, dass das Denken bestimm ter Polizeischüler durchaus von der NS-Ideologie mitgeprägt war. Es ist unmöglich festzu stellen, ob sich Schweizer und seine Kollegen derlei Ansichten während ihrer Ausbildung oder schon vorher angeeignet hatten. In erster Linie echauffierten sich die Ordnungshüter jedoch darüber, dass einer ihrer Kollegen einen Ehebruch begangen hatte und partout nicht daran dachte, sein Liebesverhältnis zu beenden. A uf ähnliche Verhaltensweisen wurde die Brucker Schule auch im Sommer 1942 aufmerk sam, als zwei Teilnehmer des 28. OAL mit einem Unteroffizier der benachbarten Luftkriegs schule in Streit gerieten.2452 Dieser fühlte sich von den beiden Polizisten und ihren Begleite rinnen belästigt, da sie sich alle an die Amper nahe der Stelle setzten, an welcher der Soldat und seine Gemahlin nackt ein Sonnenbad nahmen. Es kam zu einem heftigen Wortgefecht, wobei hernach beide Seiten behaupteten, beleidigt worden zu sein. Weil nun Aussage gegen Aussage stand, wollten weder der ermittelnde Gerichtsoffizier noch Kommandeur Hagemann diesen Fall weiter verfolgen. Wie aus seinem abschließenden Vermerk ersichtlich wird, stör ten den Schulleiter weniger die angeblichen Drohungen, welche die Offiziersanwärter aus gesprochen haben sollen. Vielmehr nahm er Anstoß daran, dass die beiden Wachtmeister, „obwohl sie verheiratet sind, in ihrer dienstfreien Zeit mit fremden weiblichen Personen Spa ziergänge gemacht haben“ und dabei das erforderliche Taktgefühl vermissen ließen, das von einem angehenden Offizier verlangt werde.2453 Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Polizei schule nicht nur im Lebenskundeunterricht sehr darauf achtete, wie sich ihre Schüler gegen über Frauen verhielten - noch dazu wenn dabei Ehen auf dem Spiel standen. 2449 BayHStA München, Polizeischule FFB 121, [unleserlich] Polizeischule FFB: Aussage Alois Etthöfer, 18.03.1938, S. 4. 2450 BayHStA München, Polizeischule FFB 121, [unleserlich] Polizeischule FFB: Aussage Hans Wilhelm Schweizer, 19.03.1938, S. 11. 2451 Ebd., S. 12. 2452 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Krumme (Polizeischule FFB) an Stabs- und W irt schaftskompanie: Meldung, 07.06.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Herzog (Polizei schule FFB): Vernehmung der Wachtmeister Karl Lohmeier und Otto Köhler, 15.06.1942 sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Herzog (Polizeischule FFB): Stellungnahme des Gerichtsoffiziers, 16.06.1942. 2453 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Hagemann (Polizeischule FFB): Abschließender Vermerk, 20.06.1942. 4 43 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Wie ernst der Kommandeur die Vorbildfunktion seiner Polizei nahm, machte er auch in einem Kommandobefehl deutlich, der Ende August 1939 erschien. In ihm wies er eigens da rauf hin, dass die polizeilichen Vorschriften von den Gesetzeshütern peinlich genau befolgt werden sollten. Das galt insbesondere für den Straßenverkehr, der ohnehin ein Sorgenkind der Polizei war, weil es durch das steigende Verkehrsauftommen immer häufiger zu schwe ren Unfällen kam. Um die Bevölkerung für eine sichere Fahrweise zu sensibilisieren, muss ten die Staatsdiener mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen Regeln tadellos befol gen. Damit seine Untergebenen das nicht vergaßen, erinnerte er sie daran, dass polizeiliche Verkehrssünder schwer bestraft würden, indem der Staat ihnen beispielsweise das Fahrzeug entzog oder sie mindestens ein Jahr lang in ein Konzentrationslager sperrte, sobald sie ge gen die StVO verstießen.2454 Da dieses Thema dem Polizeiapparat, aber auch der Schulleitung besonders am Herzen lag, wiesen beide wiederholt darauf hin.2455 Verstöße gegen die „Manneszucht“ gab es jedoch in vielfältiger Form. Polizeimeister Ge org Schorrer musste z. B. vorzeitig zu seinem Bonner Standort zurückgeschickt werden, weil er betrunken in der Bildungsanstalt randaliert hatte. Dabei habe der Teilnehmer des 6. Revier-OAL, laut Hagemann, seine Zimmergenossen beschimpft, weil sie die Kirche verraten hätten. Schorrer habe darauf beharrt, ins Gotteshaus zu gehen, wann es ihm passe, wobei er sich in dieser Angelegenheit nicht hineinreden lasse. Wer sich jedoch von der Kirche abwen de, sei nach Ansicht des Krawallmachers ein Lump.2456 Dieser Vorfall lässt erahnen, dass zu mindest manche Brucker Polizeischüler antikirchlich eingestellt waren. Bei kirchenfeindlichen und blasphemischen Aktionen taten sich besonders Offiziersan wärter hervor, die zuvor eine SS-Junkerschule besucht hatten und künftig in der Ordnungs polizei ihren Dienst verrichten sollten. Diese Männer nahmen in Fürstenfeldbruck nun an einem der wenigen Offiziersausbildungslehrgänge teil, die es vor Kriegsbeginn gab.2457 Wäh rend eines solchen Kurses kam es zwischen Mai und August 1938 zu mehreren Ereignissen, mit denen sich auch der Berliner Polizeiapparat eingehender beschäftigte.2458 Weil Oberkom missär Johann Edin beispielsweise am 16. Juni der Fronleichnamsprozession beiwohnte, fo tografierten ihn Polizeischüler, als er die Gebetshaltung eingenommen hatte. Anschließend hetzten sie gegen den Leiter der Brucker Polizei und titulierten ihn als „Judenknecht“, wo bei sie drohten, das Bild an Himmler zu senden, damit ihn dieser aus dem Dienst entfernen sollte. Edin verblieb zwar in seinem Amt. Er war aber davon überzeugt, das Foto sei tatsäch lich an den Reichsführer-SS gelangt, weil er in einer Vorschrift wenige Wochen später ange ordnet habe, „daß die Polizei bei solchen Anlässen aus dem Wege zugehen [sic!] und wenn 2454 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 32, 29.08.1939. 2455 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. A. Schwahn (Polizeischule FFB): Kommando befehl Nr. 34, 28.10.1939; BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kom mando-Befehl Nr. 8, 28.01.1941. 2456 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 4 f. 2457 Siehe dazu Kapitel 4.3. 2458 Vgl. u. a. BAB, R 19/1308 - Hans-Joachim Thomsen, Vermerk: Daume (RFSSuChdDtPol): Vorkomm nisse im Hotel Post und in der Klosterwirtschaft in Fürstenfeldbruck, 13.01.1939, Bl. 30. Zu antikirch lichen Aktionen der NSDAP in Fürstenfeldbruck allgemein und speziell seitens der Polizeischule: Forstner, Kirche, S. 244-247. 4 4 4 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k dies nicht möglich, mit dem Hitlergruß zu grüßen habe“.2459 Einige Schüler verspotteten au ßerdem das hohe Kirchenfest, indem sie im Schulhof eine eigene Feier veranstalteten, mit der sie die Prozession parodierten.2460 Darüber hinaus besuchten eines Abends etwa zehn Offiziersanwärter das Hotel Post, wo bei einer von ihnen das dort hängende Kruzifix von der Wand nahm, damit in die Küche ging und es in die Bratröhre warf, wo es die Wirtsleute am nächsten Morgen verkohlt vorfanden.2461 Auch in der Klosterwirtschaft tobten sich drei Kursteilnehmer an zwei Kreuzen aus, indem sie diese Glaubenssymbole verspotteten und vom Wirt verlangten, sie abzuhän gen. Dieser erstattete Anzeige, weil sie sich im Beisein anderer Gäste über den gekreuzigten Jesus lustig gemacht hätten, indem sie ihn etwa als „der arbeitslose Baumgucker“ beschimpften.2462 Die angehenden Polizeiführer losten dann untereinander aus, „wer den ,Hungerkünstler’ und Judenbuben’ herunterreißt“, „werdas [sic!] Kreuz zusammenschlägt“, „wer es in die Abortgrube wirft“ und schließlich „wer darüber als erster die Nodurft [sic!] verrichtet“, worauffiin dann die übrigen folgten.2463 Brucker Offiziersanwärter standen des Weiteren im Ver dacht, eines Nachts im Jahre 1938 vor die Eingangstüre der Klosterkirche „28 Haufen mensch lichen Unrats hingesetzt“ zu haben.2464 Im Jahre 1939 verunstaltete jemand zudem die Inneneinrichtung des Gotteshauses mit roter Ölfarbe, indem er etwa den Heiligenfiguren und Engeln Bärte aufmalte und auf den Altar ein Hakenkreuz pinselte. Als der Mesner ihn in flagranti erwischte, türmte er über den Sakristeieingang. Der Kommandeur zitierte darauffiin den Stadtpfarrer Dr. Martin Mayr zu sich, der per Unterschrift bekunden musste, dass es sich bei dem Übeltäter ausdrücklich nicht um einen Angehörigen der Polizeischule ge handelt habe.2465 Ein Polizeioffizier soll ferner seine Untergebenen davon abgehalten haben, in die Kirche zu gehen, wobei er sie stattdessen dazu genötigt habe, „Gottlosenversammlun gen“ abzuhalten.2466 An der Brucker Polizeischule kam es sogar mehrfach zu Fällen von Gewalt, die sich jedoch meistens gegen Sachen richtete. Kommandeur Schade leitete etwa eine Untersuchung ein, die sich im Juli 1938 gegen acht Teilnehmer des 8. OAL richtete, nachdem sie eines Nachts im Rausch einige „elektrische Lampen an der Klosterwirtschaft durch Werfen von Steinen“ 2459 Archiv des Erzbistums München und Freising (AEM), Dekanat Fürstenfeldbruck, Fragebogen vom Sommer 1946, Fragebogen B. Nationalsozialistische Verfolgung katholischer Laien, Seelsorgsbezirk Fürstenfeldbruck. Anlage I: Aus der amtlich beglaubigten Abschrift: Johann Edin, 19.08.1946, S. 2. 2460 Vgl. ebd., S. 3. 2461 Vgl. BAB, R 19/1308 - Hans-Joachim Thomsen, Vermerk: Daume (RFSSuChdDtPol): Vorkommnis se im Hotel Post und in der Klosterwirtschaft in Fürstenfeldbruck, 13.01.1939, Bl. 30; AEM, Dekanat Fürstenfeldbruck, Fragebogen vom Sommer 1946, Fragebogen C. Nationalsozialistische Verfolgung. Antikirchliche M aßnahmen sachlicher Art, Seelsorgsbezirk Fürstenfeldbruck: Martin Mayr. Anlage II, 15.09.1946, S. 1. 2462 BAB, R 19/1308 - Hans-Joachim Thomsen, Vermerk: Daume (RFSSuChdDtPol): Vorkommnisse im Hotel Post und in der Klosterwirtschaft in Fürstenfeldbruck, 13.01.1939, Bl. 30. 2463 AEM, Dekanat Fürstenfeldbruck, Fragebogen vom Sommer 1946, Fragebogen C. Nationalsozialisti sche Verfolgung. Antikirchliche M aßnahmen sachlicher Art, Seelsorgsbezirk Fürstenfeldbruck: Mar tin Mayr. Anlage II, 15.09.1946, S. 1. 2464 Ebd., S. 1. 2465 Vgl. ebd., S. 2; AEM, Dekanat Fürstenfeldbruck, Fragebogen vom Sommer 1946, Fragebogen B. Nati onalsozialistische Verfolgung katholischer Laien, Seelsorgsbezirk Fürstenfeldbruck. Anlage I: Aus der amtlich beglaubigten Abschrift: Johann Edin, 19.08.1946, S. 3. 2466 BAB, R 19/1308 - Hans-Joachim Thomsen, Vermerk: Daume (RFSSuChdDtPol): Vorkommnisse im Hotel Post und in der Klosterwirtschaft in Fürstenfeldbruck, 13.01.1939, Bl. 30. 4 45 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k zerstört hatten.2467 Da der Schaden der nächtlichen Randale jedoch gering war und die Schul digen die Summe rasch beglichen hatten, verwarnte sie der Schulleiter zwar, sah aber zusam men mit der Staatsanwaltschaft davon ab, die Polizisten noch härter zu bestrafen.2468 Trotz dem betonte Kommandeur Schade, es müsse „von Polizeiwachtmeistern, die Offiziere werden wollen [...] verlangt werden, daß sie sich in der Öffentlichkeit auch in der sogenannten Bier laune anständig aufführen“.2469 Der 1. Offiziersausbildungslehrgang aus demselben Jahr gab ihm noch mehr Anlass zur Kritik, da sich einige seiner Teilnehmer ebenfalls deutlich danebenbenahmen. Besonders auffällig ist dabei, dass sich dieser Kursus auch aus Männern zusammensetzte, die ursprüng lich aus der SS stammten und nicht ganz freiwillig in die Ordnungspolizei gelangt waren. Sie hatten sich stattdessen eine Karriere in Himmlers Elitegarde vorgestellt und brachten nun ganz frustriert zum Ausdruck, dass sie den Dienst in der uniformierten Staatsmacht äußerst geringschätzten. Obwohl es dem Selbstbild der Männer eindeutig widersprach, hätten sie recht häufig die Krankenstation aufgesucht, was Schade auf eine „übermäßige Weichheit“ der unfreiwilligen Polizisten zurückführte.2470 Nach dem „Anschluss“ Österreichs, bei dem ein Teil des Lehrgangs zum Einsatz gekommen war, habe sich das ohnehin üble Benehmen der Schüler noch weiter verschlechtert. Während manche Schulden angehäuft und nicht daran gedacht hätten, diese zurückzuzahlen, hätten andere den Unterricht geschwänzt oder sich Schlägereien geliefert. Vier der Beamten hätten sogar mit Pistolen auf Schränke in ihrer ei genen Stube geschossen und anschließend versucht, die Löcher mit einem Brotgemisch zu kaschieren. Aber nicht nur in der Schule selbst, sondern auch in der Stadt Fürstenfeldbruck hätten einige Lehrgangsteilnehmer ziemlich gewütet.2471 Weil es an seiner Schule seinerzeit mehrere solcher Vorfälle gab, sah sich Schade sogar dazu genötigt, am 14. Juli 1938 einen Sonderbefehl zu veröffentlichen. Diesem Schreiben zufolge habe sich der Bürgermeister zusammen mit einzelnen Einwohnern bei ihm beschwert, dass Angehörige der Schule mehrfach straffällig geworden seien. Schüler hätten offensichtlich die Gäste der lokalen Wirtshäuser und einige Anwohner durch Lärm belästigt, daneben aber auch in den Gaststätten einzelne Möbelstücke zerstört. Darüber hinaus habe es mehrere an dere Fälle von Sachbeschädigungen und sogar von Körperverletzungen gegeben. Anschei nend konnte der Kommandeur die Täter jedoch nicht ausfindig machen, weshalb er es da bei beließ, die Schüler nur in dringenden Sonderfällen vom Zapfenstreich zu befreien. Zudem ordnete er an, peinlich genau darauf zu achten, dass die Ausgangszeiten befolgt werden. Da neben befahl Schade, eine Streife in die beliebten Gaststätten der Stadt zu schicken, die nach dem Rechten sehen und ihre eigenen Leute kontrollieren sollte.2472 Erstaunlich ist an diesen Ereignissen, dass der Kommandeur trotz der groben Verstöße gegen das Gesetz und die Ver 2467 BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [unleserlich] Polizeischule FFB: Vorgang, 21.07.1938, S. 1. 2468 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [unleserlich] Polizeischule FFB: Vorgang. Verneh m ung von Wilhelm Niemann, 21.07.1938, S. 1 f. Die übrigen Vernehmungs- und Untersuchungsun terlagen weisen die gleiche Struktur auf wie bei Wilhelm Niemann und sind ebenfalls in BayHStA München, Polizeischule FFB 122 enthalten. 2469 BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der Ausbildung von Wachtm. (SB.) der O rdnungspo lizei für die Offizierlauftahn (8. Offz.-Anwärterlehrg.), 12.08.1938, S. 2. 2470 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abdruck: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 1. Offz.-Ausbildungslehrg. für Ltn.d.Schutzpolizei, 01.07.1938, S. 5. Vgl. ferner ebd., S. 3-5. 2471 Vgl. ebd., S .3 f. 2472 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Sonderbefehl, 14.07.1938. 4 4 6 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k haltensregeln der Schule zu keinen schärferen Sanktionen griff. Schließlich besaß er die Straf befugnis über seine Untergebenen, wozu auch die Teilnehmer der Lehrgänge zählten.2473 Umso bemerkenswerter ist es, dass er nicht entschlossener auf diese Vorfälle reagierte. Im merhin waren ihre Alkoholexzesse in Gewalt ausgeartet, womit sie die gesamte Polizei und ihre Vorzeigeschule in Verruf brachten. Obwohl der Kommandeur auf das Image seiner ober bayerischen Institution so sehr bedacht war, ließ er aber Gnade vor Recht ergehen. Schades nachsichtiger Führungsstil sollte aber bald weitaus schlimmere Folgen haben, wie der Brucker Landrat, Dr. Sepp, in einem Bericht für den April 1939 festhielt. Im Vollrausch habe Erhard Kröner Anfang des Monats ohne ersichtlichen Grund einen älteren Mann so schwer misshandelt, dass dieser wenig später seinen Verletzungen erlegen sei. Dass der ge walttätige und straffällige Teilnehmer des 10. OAL verhaftet und vor Gericht gestellt worden sei, habe den enormen Imageschaden der Polizeischule nicht verhindern können, wie Dr. Sepp meinte: „Die Erregung bei der gesamten Bevölkerung über diesen Vorfall war umso grösser, als ihm eine Reihe ähnlicher Ausschreitungen durch Junge [sic!] aus Norddeutschland zum Kurs an der Schule abkommandierte Polizeioffiziere in den letzten Monaten vo rangegangen sind, welche das Ansehen der Polizeischule überhaupt schwer geschädigt und nicht gerade zur Ueberbrückung des im Volk noch nicht durchwegs überwunde nen Gegensatzes Bayern - Preussen beigetragen haben.“2474 Seiner Ansicht nach waren diese Zustände sogar mit dafür verantwortlich, dass die Lehran stalt mit Gerret Korsemann seinerzeit einen neuen Kommandeur erhielt.2475 Wenngleich diese extreme Form von Gewalt einzigartig bleiben sollte, musste auch der frisch gebackene Schulleiter bald erkennen, dass es einigen Schülern an Disziplin mangelte. Bereits Ende Mai 1939 erbosten ihn nämlich mehrere Fälle von mutwilliger Sachbeschädi gung. Im hauseigenen Schwimmbad hatten Unbekannte mehrere Duscharmaturen zerstört und einige Wandplatten gelöst. Korsemann wollte die Schuldigen ausfindig machen, indem er die Suche nach ihnen an alle Anwärter delegierte, die sie binnen 24 Stunden zu präsentie ren hatten.2476 Da sich diese Methode als nicht besonders erfolgreich erwies, bestrafte er sämt liche Lehrgangsteilnehmer „aus erzieherischen Gründen“ und ließ jeden eine Geldbuße von einer Reichsmark entrichten.2477 In einzelnen Fällen mussten Polizisten sogar eine Freiheitsstrafe absitzen, mit der die Po lizeischule gröberes Fehlverhalten sanktionierte. Zu dieser Maßnahme griff etwa Martin Diez, 2473 Über die Strafoefugnis informiert ausführlich: BayHStA München, Polizeischule FFB 34, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Dienststrafverfahren, 25.02.1938. 2474 StAM, LRA 189352, Abdruck: Dr. Sepp (Landrat FFB) an Regierungspräsidenten in München: Mo natsbericht für April 1939, 02.05.1939, S. 2. Vgl. dazu auch ebd., S. 1 f. Ferner: Rueskäfer, Monatsbe richte, S. 209 f. 2475 Vgl. StAM, LRA 189352, Abdruck: Dr. Sepp (Landrat FFB) an Regierungspräsidenten in München: Monatsbericht für April 1939, 02.05.1939, S. 2. Weil Daluege ihn aber bereits am 29. März 1939 in sei ne neue Stelle versetzte, ist es wenig wahrscheinlich, dass Korsemann aus diesem G rund an die Poli zeischule gelangte. Vgl. dazu u. a. BayFHVR Pol FFB, Ordner 15d - Gerret Korsemann, Abschrift von Abschrift des Schnellbriefs: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB, 29.03.1939. 2476 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 21, 31.05.1939. 2477 BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 22, 03.06.1939. 4 4 7 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k als der Polizeianwärter Heinrich Berndl einen Sonderurlaub mit der Lüge erschwindelt hat te, dass sein Vater und sein Bruder in Norwegen gefallen seien.2478 In einem weiteren Fall sa ßen zwei Rekruten eine geringe Strafe in der Arrestzelle ab, „weil sie gemeinsam einem schla fenden Kameraden Papier zwischen die Zehen steckten und anzündeten, so dass bei diesem Verbrennungen auftraten“.2479 Ihren Arrest hatten die Täter jedoch im benachbarten Flieger horst zu verbüßen, da die polizeiliche Lehranstalt über solche Zellen nicht selbst verfügte.2480 Die ordnungspolizeilichen Bildungsanstalten berichteten spätestens ab Frühjahr 1943 m o natlich dem Reichsführer-SS, welche Dienststrafen sie gegen Polizeioffiziere ausgesprochen hatten. Kurz, aber anschaulich musste auch die Brucker Institution an ihren obersten Chef melden, was genau vorgefallen war und weshalb zu einer solchen Maßnahme überhaupt erst gegriffen werden musste.2481 Dadurch informierte sich Himmler darüber, wie sich seine Po lizeiführer benahmen und wie sehr sie sich in sein gedachtes „Staatsschutzkorps“ einfügten. Auch wenn sie noch so klein und harmlos erschienen, besaßen die Vorfälle an der Polizei schule daher eine nicht zu unterschätzende Tragweite, weil sie die gesamte Karriere der spä teren Offiziere beeinflussen konnten. Besonders pikant war es dann, wenn die Gesetzeshüter eben mit diesem Gesetz in Kon flikt gerieten, so dass sie sogar vor einem Gericht erscheinen mussten. Von einem solchen Fall berichtete Diez, bei dem der Anwärter Herbert Knopik sogar aus der Ordnungsmacht ausschied. Das SS- und Polizeigericht in München habe ihn am 14. November 1940 zu zwei einhalb Jahren Haft verurteilt, weil er vorsätzlich eine Meldung falsch erstattet, sich eine Wo che lang unerlaubt vom Dienst entfernt und sich mehrfach des Betrugs schuldig gemacht habe.2482 Aber auch Ausbilder des Bataillons verhielten sich nicht im m er so, wie es der Polizeiapparat von ihnen erwartete. Wie ein weiterer Bericht besagt, sei der Hauptwacht meister Ernst Wolf aus Erding „wegen eines Vergehens nach § 183 RStGB. am Hindenburgplatz in Fürstenfeldbruck festgenommen“ und an das Münchner SS- und Polizeigericht ge meldet worden.2483 Dieses verurteilte den Polizisten also wegen einer „unzüchtigen Handlung“ zu einem zweimonatigen Gefängnisaufenthalt, weshalb seine Abordnung aufgehoben und er durch den Kommandeur entlassen wurde.2484 Um sittliche Vergehen ging es ebenfalls bei einer anderen Begebenheit. Ein Anwärter musste sich wegen Hausfriedensbruch und Ver führung Minderjähriger verantworten, wovon ihn das SS- und Polizeigericht in der Landes hauptstadt allerdings freisprach.2485 In einem weiteren Fall beging ein Rekrut des Ausbil dungsbataillons Fahnenflucht, indem er von seinem Urlaub einfach nicht mehr zurückkehrte. Außerdem erschlich er sich von einer jungen Frau einen hohen Geldbetrag, weshalb er insgesamt zweieinhalb Jahre hinter Gittern verbüßen musste. Und schließlich 2478 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 45, 19.07.1940. 2479 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 64, 23.10.1940. 2480 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 25, 25.04.1940. 2481 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 34, Schnellbrief: I. A. Geibel (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. alle Kommandeure der Schulen: Meldung von Disziplinarstrafen gegen Polizeioffiziere an den Reichsführer SS, 26.02.1943. 2482 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 71, 03.12.1940. 2483 BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB G rup pe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 24.06.1940, S. 2. 2484 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB Gruppe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 30.07.1940, S. 4. 2485 Vgl. ebd., S. 4. 4 4 8 Lebens- u n d Them enwelten an de r Po lize isch u le Fü rs te n fe ld b ru c k musste ein Polizeireservist für neun Monate ins Gefängnis gehen, weil er gegen das Heim tückegesetz verstoßen hatte.2486 A ll diese Begebenheiten veranschaulichen, dass es durchaus Einzelfälle gab, welche die Routine des Ausbildungsalltags durchbrachen, weil sich Vertreter der Brucker Lehranstalt besonders rühmlich oder unrühmlich verhielten. Dabei schien es zwar geradezu selbstver ständlich zu sein, wenn Polizisten einen Verbrecher verhafteten oder Hilfsbedürftige aus ei ner Notsituation retteten. Trotzdem lobte der Kommandeur, dass sich seine Männer so en gagiert hatten, weil sie damit der Schulgemeinschaft zum Vorbild dienten und die Polizeischule öffentlich in ein günstiges Licht rückten. Hinzu kamen Situationen, in denen einzelne ihrer Vertreter ganz im Sinne der NS-Ideologie handelten und somit dazu beitru gen, dass das Regime vor Ort noch stärker seine Macht entfalten konnte. Wesentlich häufi ger kam es aber vor, dass einzelne Beamte am guten Image der Institution kratzten, indem sie gegen ihren Verhaltenskodex und das Gesetz verstießen. Die aufgeführten Vorfälle mö gen meist recht harmlos wirken. Da tausende Männer die Brucker Bildungsanstalt besuch ten oder in ihr arbeiteten, war es unwahrscheinlich, dass sie sich alle immer genau so ver hielten, wie es dem NS-Staat vorschwebte. Es darf aber nicht vergessen werden, dass hier Männer am Werk waren, welche die Ordnungspolizei des „Dritten Reichs“ repräsentieren sollten. Obwohl der Reichsführer-SS deren Wertesystem okkupiert hatte, konnte das aber nichts daran ändern, dass er letztlich auf Menschen angewiesen war, die den nationalsozia listischen Polizeistaat verkörperten. 2486 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB Gruppe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 25.10.1940, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 173, Diez (PAB FFB) an Gruppenkommandeur der PAB G rup pe Süd: Tätigkeitsbericht gemäß Gruppenbefehl Nr. 13 Ziffer 9 vom 23.2.1940, 25.11.1940, S. 13. 4 4 9

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.