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Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei 1936 bis 1945: Fächer - Inhalte - Resultate in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 213 - 380

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-213

Tectum, Baden-Baden
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5. Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei 1936 bis 1945: Fächer - Inhalte - Resultate 5.1 Der Fächerkanon in den Offiziersanwärterlehrgängen und seine Themen 5.1.1 Die militärischen Fächer 5 . 1 . 1 . 1 D ie F o r m a le Z u g fü h r e r a u s b ild u n g Angesichts der militärischen Tradition der Polizei und ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg über rascht es nicht, dass die militärischen Fächer und Inhalte einen besonderen Stellenwert im Ausbildungssystem der uniformierten Ordnungsmacht des „Dritten Reichs“ besaßen.1050 Das galt jedoch erst recht für die Offiziersanwärterlehrgänge. Spätestens seit dem Überfall auf Po len waren die Beamten weniger dazu bestimmt, Paragraphen auswendig zu können oder den Verkehr zu regeln. Sie sollten stattdessen ihren Teil dazu beitragen, dass sich der braune „Arm des Gesetzes“ nach den besetzten Gebieten Europas ausstrecken konnte. Doch ohne eine fun dierte militärische Ausbildung konnten „Ganovenjäger“ und Verkehrspolizisten nicht in den „auswärtigen Einsatz“ geschickt werden. Das Ziel des polizeilichen Ausbildungsapparats war es daher, aus einfachen „Gesetzeshütern“ fähige Kämpfer zu formen, was dazu führte, dass die militärischen Inhalte den größten Teil der Unterrichtszeit beanspruchten. Während des Zweiten Weltkriegs bestand letztlich kein Zweifel mehr daran, dass eine solche Ausbildung in erster Linie darauf ausgerichtet war, die angehenden Polizeioffiziere auf ihren Einsatz im Truppenverband vorzubereiten.1051 Die militärischen Fächer setzten sich zusammen aus For maler Zugführerausbildung, Polizeitaktik, Nachrichtenwesen, Waffenwesen, Körperschu lung und Luftschutz. Dabei verdienen es gerade die ersten beiden Disziplinen, genauer be trachtet zu werden: Die Formale Zugführerausbildung war das praktische Herzstück dieser Fächergruppe, da sie bereits den ersten Ausbildungsabschnitt dominierte. Sie hämmerte den künftigen Füh rungskräften der Ordnungspolizei ein, wie sie sich im geschlossenen Einsatz zu verhalten hat ten. Das „Auftreten vor der Front“ war in der Offiziersausbildung sogar derart wichtig, dass es die Schulleiter in einigen Kommandobefehlen im Titel des Faches aufführten.1052 Weil die einzelnen Übungseinheiten so zeitintensiv waren, reservierten die zuständigen Ausbilder im 1050 Vgl. dazu Westermann, Police Battalions, S. 70 und 76-79. 1051 So schrieb der Brucker Kommandeur, Arno Hagemann, nach dem 32. OAL Folgendes: „Es steht zu erwarten, daß sie auch in einem künftigen Einsatz, worauf die Ausbildung in der Hauptsache abge stellt war, sich als Offiziere bewähren.“ BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Poli zeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 6. 1052 Im Kommandobefehl vom 10. April 1941 z. B. lautet der vollständige Titel des Faches „Formale Zug führerausbildung, Auftreten vor der Front“. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, I. V. Diez 213 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k zweiten Teil des Lehrgangs dafür wöchentlich einen ganzen Schultag. Damit hatten die An wärter ausreichend Gelegenheit, um von morgens bis abends trainieren zu können. Es kam jedoch in bestimmten Lehrgängen vor, dass diese Ausbildung nur am Vormittag stattfand, da für aber an mehreren Tagen in der Woche zu absolvieren war.1053 Die Formale Zugführeraus bildung setzte sich grundsätzlich zusammen aus der Exerzier- und der Geländeausbildung, wobei wöchentlich beide Teile auf dem Plan standen. Sie orientierten sich dabei an den In halten der übrigen militärischen Fächer.1054 Daher ist es kaum möglich, die einzelnen Inhal te ausschließlich einem Fach zuzuschreiben, weil sich die einzelnen Disziplinen ergänzten. Die Exerzierausbildung bestand aus rein militärischem Drill. Dazu gehörte zunächst ein mal, dass sich die Polizeischüler die verschiedenen Befehle einzuprägen und nach ihnen zu handeln hatten. Auch mussten die Anwärter lernen, wie sie richtig militärisch grüßten oder wie sie sich bei Vorbeimärschen und Paraden ordnungsgemäß verhielten.1055 Als Grundlage dafür dienten diverse Heeresdienstvorschriften und Merkblätter, welche die Schüler einge hend zu studieren hatten.1056 Grundsätzlich unterrichteten die Ausbilder ihre Schüler dabei einzeln und im Zugverband. Sie zielten darauf ab, dass die angehenden Offiziere die Kom mandosprache möglichst gut einübten, damit sie diese später bei ihren Untergebenen rich tig anwenden konnten. Darüber hinaus sollten sie sich im Dienst und vor allem bei öffentli chen Veranstaltungen von ihrer besten Seite präsentieren, um die Ordnungspolizei als Institution des NS-Staats in ein gutes Licht zu rücken. Ein noch wichtigerer Bestandteil dieser Ausbildung war es, dass die Polizisten lernten, mit den verschiedenen Waffen richtig umzugehen. So trainierten sie nicht nur, am Schießstand Pistole, Karabiner und Maschinengewehr fachgemäß zu handhaben, sondern übten ebenso, Handgranaten zu werfen. Es ging dabei aber nicht darum, dass die Schüler mit diesen Waf fen einfach nur zurechtkamen. Die Polizeischule veranstaltete mehrfach ein Schulschießen, bei dem die einzelnen Schützen ihr Können unter Beweis stellen mussten.1057 Da es sich da bei um kleine Wettbewerbe handelte, spornte es die Kontrahenten zusätzlich an. An ihnen nahmen sämtliche Schüler teil, was im Übrigen auch in der gesamten Zugführerausbildung der Fall war. Insofern trainierte der gesamte Kursus gemeinsam unter freiem Himmel, was keineswegs selbstverständlich war. Denn beim Unterricht in den theoretischen Fächern war ein Lehrgang in verschiedene Klassen aufgeteilt - schon allein deshalb, weil die Hörsäle nur begrenzt Platz boten. (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offizieranwärterlehrganges, 10.04.1941, S. 2. 1053 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Stundenplan 28. Offizier-Anwärterlehrgang I. und II. Teil, [1942]. Der 27. OAL dient ferner als Beispiel dafür, dass sich die Zugführerausbildung auch über mehrere Vormittage erstrecken konnte. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Stundenplan für 27. Offizieranwärterlehrgang, [1942]. 1054 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Stundenplan 28. Offizieranwärterlehrgang II. Teil, [1942] sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 23. 1055 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 139. 1056 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Lehrstoffverteilungsplan für den Offizieranwär ter-Lehrgang, [1941]. 1057 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 139; BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Ab druck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 23. 214 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Auch an der Geländeausbildung nahm der gesamte Kurs geschlossen teil. In diesem Fach ging es einerseits darum, den Stoff und die Erfahrungen aus der Exerzierausbildung zu ver festigen. Daneben unterwiesen die Ausbilder ihre Schüler darin, Meldungen zu erstatten, Landkarten richtig zu lesen, sich im Felde zu orientieren und Skizzen anzufertigen, in denen sie markante Punkte im Gelände oder feindliche Einheiten festhielten.1058 Noch wichtiger war es für die Polizisten, im Übungsgelände diese Fähigkeiten praktisch zu trainieren. In meh rere Züge aufgeteilt musste der Lehrgang als einheitlich geordnete Gruppe funktionieren, in der sich die einzelnen Mitglieder aufeinander verlassen konnten. Dafür war es jedoch nicht nur erforderlich, diejenigen Befehle zu beherrschen, welche die Schüler zuvor einstudiert hatten. Auch war es aus Sicht der Polizei notwendig, dass sie sich gegenseitig vertrauten und mehr noch einen Kameradschaftsgeist entwickelten und stärkten, weshalb die Ausbilder ihre Schützlinge in der Gemeinschaft trainierten und erst einmal marschieren ließen. Diese aus gedehnten Marschübungen erfüllten einen weiteren Zweck, da die Schüler dabei auch noch ihre Kondition verbesserten. Die Lehroffiziere unterwiesen sie bei dieser Gelegenheit auch darin, wie eine marschierende Gruppe zu sichern war. Zudem übten sie Auftlärungsaufgaben.1059 Es wäre niemals möglich gewesen, den Polizeischülern diese praktischen Facetten des Po lizeieinsatzes nur im Hörsaal zu vermitteln. Sie mussten vielmehr in der freien Natur durch exerziert werden, damit die Anwärter ein Gefühl dafür erhielten, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten hatten. Deshalb diente der Polizeischule Fürstenfeldbruck das umliegende Gelän de als Schauplatz für ihre Militärausbildung. Die Lehrgänge übten in nahegelegenen Ort schaften wie Mammendorf, Maisach, Olching, Es ting, Emmering, Aubing, Rothschwaig, Adelshofen, Odelzhausen, Hoflach und Neuried. Aber auch im benachbarten Wildmoos und auf dem Jexhof waren die Offiziersanwärter zugange.1060 Dabei ist es ziem lich unwahrscheinlich, dass diese kleinen Manöver von der Bevölkerung unbemerkt blieben. Doch auf Geheimniskrämerei scheint die Schule ohnehin nicht ausgewesen zu sein. Schließlich fügte sie sich, wie noch zu zeigen sein wird, in die Stadt Fürstenfeld bruck ein und trat gegenüber den „Volksgenossen“ durchaus selbstbewusst auf. Die Brucker Lehranstalt stellte dabei gerne zur Schau, dass die Ordnungspo lizei auch militärisch den NS-Staat repräsentierte.1061 Trainingsgelände für militärische Manöver lagen in Hohenfels bei Parsberg in der Oberpfalz oder in 1058 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 139. 1059 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 23 f. 1060 Vgl. dazu die verschiedenen Dienstpläne in BayHStA München, Polizeischule FFB 128. Für jede Wo che stellte die Schule einen Dienstplan auf, in dem die konkreten Inhalte der Geländeausbildung, aber auch die Örtlichkeiten aufzufinden waren, an denen sie durchgeführt wurde. Ferner: BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 12 für die Gelän deübung am 25. Mai 1944, 24.05.1944. 1061 Siehe dazu Kapitel 6.2 und 6.3. Abbildung 17: Polizeitaktische Übung (wahrscheinlich Münsingen, 1940) (Privatarchiv Sven Deppisch) 215 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Münsingen, wo etwa das Polizeiausbildungsbatail lon Fürstenfeldbruck zum Gefechtsschießen antrat.1062 Das beliebteste Ziel für solche Zwecke war jedoch der Truppenübungsplatz in Königsbrück bei Dresden. Der dorthin verlegte Lehrgang konnte au ßerhalb der gewohnten Umgebung auf einem Ter rain üben, das den Teilnehmern unbekannt war und sie daher vor eine neue Situation stellte. Außerdem trafen sie dort gelegentlich auf Offiziersanwärter aus Berlin-Köpenick, mit denen sie gemeinsam üben konnten. Um die Ausbildung in Königsbrück zeit lich effizient zu gestalten, orientierte sich die Bru cker Lehranstalt an Plänen, die vom Polizeilehrbataillon Dresden-Hellerau stammten, das sich gleich in der Nähe der Anlage befand. Minutiös durchge plante Bataillonsübungen standen dabei ebenso auf dem Programm wie etwa eine Lehrvorführung zum Kampf gegen Feldbefestigungen. Aber auch Nachrichten- und Meldeübungen sowie ein Ge fechtsschießen zählten zu den Bestandteilen der Belehrungsreise.1063 Darüber hinaus erfuh ren die Schüler, wie Infanteriewaffen praktisch einzusetzen waren und wie Pioniere genau arbeiteten.1064 Somit diente der Aufenthalt auf dem Truppenübungsplatz nicht nur der Zug führerausbildung. Vielmehr bot er den Ausbildern die Gelegenheit, ihre Schüler auch in wei teren militärischen Belangen zu unterrichten. In der zweiten Kriegshälfte mussten die Offiziersanwärter in größerem Umfang Gefechts übungen durchführen. Diese verfolgten das Ziel, die künftigen Polizeiführer auf den Kampf an den Fronten vorzubereiten, der sie häufig nach Ende des Lehrgangs in den Polizeieinhei ten erwartete. Die meisten Lehrgänge mussten mehrfach solche praktischen Übungen absol vieren. Bei einem solchen Manöver mimte der 33. OAL z. B. im Mai 1943 in der Gegend von Schöngeising und Holzhausen einen Teil des SS-Polizeiregiments 26 und hatte gegen seine Kollegen vom 32. OAL anzutreten, der zur gleichen Zeit an der Polizeischule gastierte. Die ser musste bei dem Probescharmützel den Feind darstellen, den der andere Kurs spielerisch Abbildung 18: Polizeitaktische Übung (wahrscheinlich Münsingen, 1940) (Privatarchiv Sven Deppisch) 1062 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 11, 22.05.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 18, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl für die Verlegung des A./Fü. auf den Truppenübungsplatz Münsingen, 02.09.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 11: Verlegung des 38. u. 30. OAL. nach dem Truppenübungsplatz Hohenfels bei Parsberg/Oberpfalz, 22.05.1944. 1063 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, W irth (Polizei-Lehr-Bataillon Dresden-Hellerau): Zeit plan für den Aufenthalt auf dem Truppenübungsplatz Königsbrück, 14.09.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, W irth (Polizei-Lehr-Bataillon Dresden-Hellerau) an u. a. Kommandeur: Ta gesbefehl Nr. 59, 07.09.1942. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 130, W irth (Polizei-Lehr- Bataillon Dresden-Hellerau) an u. a. Kommandeur: Zeitplan für Truppenübungsplatz Königsbrück vom 18.1.-24.1.1943, 14.01.1943; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 1. 1064 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3. 216 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate zu vernichten hatte.1065 Ein weiteres Übungsgefecht ließ die beiden Lehrgänge in die Rolle von Bataillonen des Polizei-Schützenregiments 36 schlüpfen.1066 Nur wenige Wochen später versetzten sie sich gedanklich in ganz andere Einheiten hinein und stellten sich vor, als SS- Polizeiregiment 22 im Kampfeinsatz zu agieren.1067 Zumindest eines der Teams trug dabei Stahlhelme, um sich nicht zu verletzen und das Szenario etwas authentischer zu gestalten. Damit das Manöver noch realistischer erschien, beschossen sich die Polizisten mit Platzpa tronen, die sie aus schweren Maschinengewehren abfeuerten. Außerdem warfen sie Übungs handgranaten. Die konkurrierenden Gruppen mussten den Ernstfall so wirklichkeitsgetreu wie möglich nachstellen und versuchen, den Gegner zu besiegen, indem sie geschickt tak tierten. Einige Lehroffiziere leiteten die einzelnen Kompanien an oder schlüpften in die Rol le von Schiedsrichtern, während das übrige Ausbildungspersonal dem Kriegsspiel lediglich als Zuschauer beiwohnte.1068 Dabei darf nicht unterschätzt werden, welchen Zweck diese Trai ningsgefechte verfolgten: Im Rahmen solcher fiktiven Szenarien simulierten die angehenden Offiziere, in Einheiten der Ordnungspolizei gegen feindliche Kräfte zu kämpfen. Was an der sicheren „Heimatfront“ spielerisch geprobt werden konnte, wurde für sie alsbald zur alltäg lichen Praxis in den besetzten Gebieten - sofern die Polizisten nicht schon längst ihre eige nen Erfahrungen im „auswärtigen Einsatz“ gesammelt hatten.1069 Die Zugführerausbildung erhielt in der zweiten Kriegshälfte noch größeres Gewicht, da sie nun zusätzliche Wochenstunden für sich in Beschlag nahm und dadurch andere Diszip linen innerhalb der Lehrgänge ins Hintertreffen gerieten. Noch stärker als zuvor war sie in dieser Phase darauf ausgerichtet, aus den „Gesetzeshütern“ militärisch versierte „Polizeisol daten“ zu formen, die auf alle taktischen Raffinessen im Kampf mit den Gegnern vorberei tet waren. Da der Himmlersche Machtapparat immer mehr Ordnungspolizisten zu den Kur sen abordnete, die bereits an den europäischen Fronten eingesetzt gewesen waren, dürfte ihnen diese Ausbildung entgegen gekommen sein. Denn diese „Praktiker“ wussten aus ers ter Hand, welche Aufgaben die uniformierte Staatsmacht vor Ort zu erledigen hatte, aber auch welche Gefahren auf sie dabei lauerten. Hinzu kam, dass sich das Fach nun noch inten siver mit dem „Gefechtsdienst“ befasste, zu dem etwa der „Graben- und Bunkerkampf“ so wie die „Fliegerabwehr“ zählten. Stärker ins Zentrum rückte auch die „Ausbildung an Son derwaffen“, zu denen z. B. Maschinengewehre und Granatwerfer, aber auch „Beutewaffen“ gehörten.1070 Solche und andere Aspekte, wie etwa eine eigene „Kampfschule“ oder eine „Nachtausbildung“, verdeutlichen, wie sehr der Ausbildungsapparat in dieser Phase darum bemüht war, dem ohnehin bereits vorhandenen militärischen Schwerpunkt zusätzliches Ge wicht zu verschaffen.1071 1065 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 11, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 14 für die Gefechtsübung am 31.5.1943, 27.05.1943. 1066 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 16 für die Gefechtsübung am 22.6.1943, 21.06.1943. 1067 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 20 für die Gefechtsübung am 27.7.1943, 23.07.1943. 1068 Vgl. ebd. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kom mandobefehl Nr. 7 für die Gefechtsübung am 14.4.1943, 08.04.1943. 1069 Siehe dazu Kapitel 4.3 und 7.1. 1070 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Ludewig (Polizeischule FFB): 3. Zugführerausbildung, [1943]. 1071 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die Ausbildung des 38. OAL. (Zugausbildung im Rahmen der Komp.u.Komp.-Ausbildung), [1944]. 217 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Diese Erkenntnis wird außerdem noch dadurch gestützt, dass die Brucker Polizeischule in der zweiten Kriegshälfte auch noch das Fach „Feldkunde“ unterrichtete. In ihm befassten sich die angehenden Polizeiführer vor allem damit, Landkarten richtig zu lesen und sich mit deren Hilfe zu orientieren.1072 Was zuvor noch Teil der Geländeausbildung gewesen war, wur de aus dieser herausgelöst und als eigenständiges Ausbildungsfach etabliert, um die Schüler gezielter darin zu unterweisen, mit Karten richtig umzugehen. Offenbar hatten viele Polizis ten damit noch einige Probleme, was die Feldkunde beheben sollte.1073 Hier lernten die An wärter jedoch nicht nur, Pläne richtig zu studieren und selbst zu zeichnen. Sie setzten sich auch mit den Karten des Gegners auseinander, indem sie z. B. erfuhren, wie sie russisches Kartenmaterial benutzen konnten.1074 Gegenstand des Unterrichts war es ferner, mit diver sen Hilfsmitteln wie Planzeiger und Marschkompass richtig umzugehen.1075 Auch in Prüfun gen mussten die Schüler dieses Können unter Beweis stellen, in dem sie beispielsweise ein Polizeibataillon sicher durch das Gelände um Fürstenfeldbruck lotsten.1076 All diese Fertig keiten waren für einen Polizeiführer im Kampfeinsatz überlebenswichtig. Damit allein konn te er allerdings nicht in den „auswärtigen Einsatz“ ziehen. Er musste auch noch wissen, wo für er dieses Können benötigte, welche Aufgaben ihn im Feindesland erwarteten und wie er sie mit seiner Einheit konkret zu erledigen hatte. Darum kümmerte sich ein weiteres Fach. 5 . 1 . 1 . 2 D ie P o liz e iv e r w e n d u n g / P o liz e it a k t ik Während die Zugführerausbildung nahezu rein praktisch ausgerichtet war, fungierte die Po lizeitaktik hingegen als theoretisches Kernstück der militärischen Ausbildung. Ein Blick in die Quellen verrät jedoch, dass nicht trennscharf zwischen diesen beiden Fachdisziplinen unterschieden werden kann, da sie sich inhaltlich stark überschnitten.1077 Dies ist damit zu erklären, dass sie beide den geschlossenen Einsatz behandelten und sich deshalb auch die 1072 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizeischule FFB): 4. Feldkunde, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungs plan für Feldkunde, [1944]; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Feldkunde, 18.05.1944. 1073 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 2. 1074 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizeischule FFB): 4. Feldkunde, [1943]. 1075 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffvertei lungsplan für Feldkunde, [1944], S. 2. Ferner: BAB, R 20/70, Gelände- und Kartenkunde, [1942]. 1076 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 4. Hörsaalarbeit (Feldkunde), 21.07.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. Feld kunde, 13.09.1944, S. 4. 1077 Bestimmte Lehrgänge differenzierten zwischen beiden Fächern. Vgl. z. B. BayHStA München, Poli zeischule FFB 124, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offizieranwärterlehrganges, 10.04.1941, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 6 und 23 f. Dagegen gab es jedoch Kurse, die nur eine dieser Disziplinen in den Lehr plänen aufführten, obwohl die entsprechenden Kommandobefehle wiederum beide Fächer aufliste ten. Vgl. u. a BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Lutz (Polizeischule FFB): Lehrstoffvertei lungsplan für Taktik, Kriegsgeschichte u. Lebenskunde im 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang, [1942]; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 1. Polizeitaktik. Großer Aufsichtsdienst, [1942]; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 139. 218 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate entsprechenden Lehrkräfte miteinander abstimmen mussten.1078 Ergänzt haben sie sich alle mal. Denn ohne das entsprechende Hintergrundwissen über ihre taktischen Möglichkeiten, wären die Polizeiverbände kaum handlungsfähig gewesen. Aus diesem Grund beschäftigte sich die Polizeitaktik noch einmal genauer mit den Grundlagen des Militärwesens, weshalb sie zunächst den Stoff der praktischen Zugführerausbildung wiederholte.1079 Es kam auch nicht von ungefähr, dass jeweils für beide Fächer mehr Unterrichtsstunden vorgesehen wa ren, als für alle übrigen Disziplinen der Offiziersanwärterlehrgänge. Während die Zugfüh rerausbildung im Jahre 1941 elf Stunden erhielt, verfügte ihr theoretisches Nachbarfach über sieben Stunden pro Woche.1080 Nach der Lehrplanreform des Jahres 1943 standen ihnen hin gegen jeweils 14 Wochenstunden zur Verfügung, was mehr als die Hälfte der gesamten Un terrichtszeit betrug.1081 Allein dieses Gewicht innerhalb der Kurse verdeutlicht, wie sehr die se beiden Fächer die Ausbildung dominierten. Da die Zugführerausbildung fast ausschließlich dahingehend konzipiert war, die militäri schen Verhaltensweisen in der Praxis einzustudieren, überrascht es nicht, dass sich die Quel len nur in vergleichsweise wenigen Worten über dieses Fach aussprechen. Wesentlich mehr verraten sie aber über die theoretisch angelegte Polizeitaktik. Das ist nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, welche Aufgaben den angehenden Offizieren aus ihr erwuch sen. Für sie war es nicht zuletzt deshalb immens wichtig, sich so gut wie möglich in diesem Fach auszukennen, weil sie es in der Regel waren, die später einmal ihren Untergebenen in den Polizeibataillonen dessen Grundlagen beizubringen hatten. Denn etwa der Gefechts dienst sowie diverse Schießübungen und Planspiele gehörten zu den wichtigsten Bestandtei len der Ausbildung, welche die Einheiten der Ordnungspolizei vor und während ihres „aus wärtigen Einsatzes“ absolvieren mussten.1082 Schon allein deshalb ist es lohnenswert, sich eingehender mit dieser Disziplin auseinanderzusetzen. Die künftigen Polizeiführer des „Dritten Reichs“ befassten sich in der Polizeitaktik zu nächst mit U em en, die schon in der Weimarer Republik einen bedeutenden Aspekt in der Offiziersausbildung dargestellt hatten.1083 An diese Tradition knüpften die Nationalsozialis ten etwa dadurch an, dass sie das Unterrichtsfach bis 1939 noch als „Polizeiverwendung“ bezeichneten, bevor es während des Krieges nur noch unter dem Namen „Polizeitaktik“ fir 1078 So mussten die Zugführer auch am Taktikunterricht ihrer Einheiten teilnehmen. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 124, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offizieranwärterlehrgan ges, 10.04.1941. 1079 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 1. Polizeitaktik. Großer Aufsichtsdienst, [1942]. 1080 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 3. 1081 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des 36. Offizieranwärterlehrganges, 20.12.1943. 1082 Vgl. u. a. BayHStA München, M Inn 73335, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Richtlinien für die Gefechtsausbildung der geschlossenen Einheiten der Ordnungspolizei für den Os ten, 16.01.1942 (Das gleiche Dokument ist ebenfalls enthalten in BAB, R 19/308); BayHStA München, M Inn 73336, I. A. Grünwald (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Durchführung von Schulgefechts- und Gefechtsschießen der geschlossenen Pol.-Einheiten sowie der für den Osteinsatz bereit gestellten Kräfte der Ordnungspolizei, 08.02.1943. Ferner: Kwiet, Auftakt, S. 192; Longerich, Politik, S. 307; Schäfer, NSG-Verfahren, S. 260; Tobias, Gewissen, S. 12; Michaelis, Einsatz, S. 19. 1083 Siehe dazu Kapitel 3.2 und 3.3. 219 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k mierte.1084 Die Schüler sollten z. B. einzeln und in der Einheit lernen, wie sie Straßen und öffentliche Plätze zu räumen und abzuriegeln hatten.1085 Solche Aspekte gehörten zum „Gro ßen Aufsichtsdienst“.1086 Dieser stellte eine Form des geschlossenen Polizeieinsatzes dar und war darauf ausgerichtet, einen Polizeiverband einzusetzen, um etwa Demonstrationen oder sonstige Veranstaltungen zu sichern. Damit grenzte er sich vom bewaffneten Polizeikampf ab, wobei dieser Unterschied bereits in den zwanziger Jahren bestanden hatte.1087 Nicht nur gedanklich, sondern auch praktisch übten die Anwärter beispielsweise, Straßen abzusperren oder zu räumen.1088 So bereiteten sich die Polizisten darauf vor, bei Massenveranstaltungen einzugreifen und Menschenmengen notfalls zurückzuhalten oder im Katastrophenfall zu helfen.1089 Nachdem sie diese ttemengebiete bearbeitet hatten, referierten die Lehroffiziere über die „Aufgaben der Polizei im Frieden und im Kriege unter besonderer Berücksichtigung der Trup penpolizei“, wobei sie speziell auf deren „Gegenüber und Gegner“ eingingen.1090 Danach lern ten die Schüler, wie ein Polizeibataillon und seine Glieder aufgebaut waren. Dabei schloss der Unterricht auch motorisierte Verbände mit ein.1091 Zur Polizeitaktik gehörte es aber auch, die Beamten über taktische Grundbegriffe der Polizei aufzuklären. Der Unterricht zielte da rauf ab, den Schülern das „taktische Handwerkszeug einschl. der taktischen Truppenzeichen“ zu vermitteln.1092 Sodann konzentrierte sich die Disziplin darauf, die uniformierten Staats diener theoretisch auf das Gefecht vorzubereiten. Dazu gehörte unter anderem, die Lage rich tig beurteilen zu können, in der sich ihre Einheit befand, und auf dieser Basis Entscheidun gen zu fällen. Die Ausbilder nahmen außerdem durch, wie ein Gefechtsplan erstellt und wie dementsprechend Befehle erteilt werden mussten. Ähnlich wie in der Geländeausbildung behandelte das Fach, wie sich die Männer bei Märschen zu verhalten hatten und wie sie ein Gebiet genau erkunden sollten. Hier tauchten einige ffiem en erneut auf, zu denen z. B. An griff und Abwehr, aber auch der Stadtkampf zählten, was abermals untermauert, wie sehr 1084 Im 8. OAL aus dem Jahre 1938 hieß das Fach noch „Polizeiverwendung“. Vgl. BayHStA München, Po lizeischule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 2. 1085 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan. Waffendienst und Unterführerausbildung, 17.11.1941, S. 3. 1086 Wie stark die Zugführerausbildung und die Polizeitaktik inhaltlich miteinander verwandt waren, zeigt sich auch daran, dass letzteres Fach in den Kommandobefehlen folgenden vollständigen Titel trug: „Polizeitaktik, Großer Aufsichtsdienst (einschl. Gel[ände-]Bespr[echungen] u. Planspielen)“. Damit überlappten sich ffiem en und Inhalte der beiden Fächer recht deutlich. BayHStA München, Polizei schule FFB 124, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung des II. Teils des m it RdErl. vom 6.2.1941 RMBLiV.S.248c angeordneten 21. Offizieranwärterlehrganges, 10.04.1941, S.2. 1087 Vgl. dazu etwa Danner, Ordnungspolizei, S. 145; Tetzlaff, Ausbildungswesen, S. 40 f. 1088 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 24. 1089 Vgl. u. a. ebd., S. 6. 1090 Ebd., S. 6. Vgl. ferner z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Koschmieder (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan. Taktik, 22.05.1944. 1091 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 1. Polizeitaktik. Großer Aufsichtsdienst, [1942]. 1092 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 6. 220 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate sich Polizeitaktik und Zugführerausbildung inhaltlich ähnelten.1093 Der Lehrplan des 38. OAL zeigt besonders deutlich, wie intensiv sich die Schüler mit den unterschiedlichen Formen des Angriffs auseinandersetzten, dabei aber auch defensive Verhaltensweisen wie Rückzug und Verteidigung nicht außer Acht ließen.1094 Auch weitere Kurse beschäftigten sich mit derlei U em en, die sie jedoch nicht nur theore tisch behandelten. Sie übten etwa, wie ein Vorposten aufzustellen war oder wie sich die ge samte Einheit zum Kampf bereitmachte.1095 Die „Polizeisoldaten“ trainierten ferner, Ortschaf ten zu erobern, aber auch wie sie diese gegenüber Feinden halten konnten. Die Anwärter simulierten auch noch den Stadtkampf, wobei all diese Übungsszenarien ebenso gut inner halb der Zugführerausbildung angesiedelt sein konnten. Dadurch wird erneut klar, dass sie von der Polizeitaktik nicht sauber zu trennen war.1096 Planspiele besaßen einen so großen Stellenwert, dass einige Lehrgänge dafür sogar mehrtägige Übungsreisen unternahmen. In den Friedensjahren bot sich den Teilnehmern dazu eine Gelegenheit bei Ausflugsfahrten, bei denen sie auch andere Ziele ansteuerten, wie etwa Schauplätze der NS-Bewegung oder Mu seen. Dabei konnten sie gleich noch diversen Vorträgen beiwohnen. Bei einer solchen Rei se nach Franken hielten der 2. und 3. Offiziersausbildungslehrgang im Juni 1939 kleinere Ma növer ab. In Kitzingen etwa fand eine Geländebesprechung statt, bei der sich die Anwärter über den „Einmarsch in eine nicht befriedete Stadt“ informierten und anschließend offen bar dieses Szenario aktiv durchspielten.1097 An polizeitaktischen Fachbüchern und Regelwerken mangelte es den polizeilichen Päda gogen und ihren Schützlingen gewiss nicht. Zu den zahlreichen Publikationen gehörten z. B. das „Merkblatt für die Ausbildung der geschlossenen Polizeieinheiten im Polizeikampf“ oder „Die kampffiereite Kompanie“.1098 Weitere Literaturtitel waren „Die Gruppe im Gefecht“ und die „Gefechtstaktik des verstärkten Bataillons“, die beide aus der Feder von Fritz Kühlwein stammten.1099 Ferner widmete sich die PDV Nr. 41 aus dem Jahre 1943 eingehend der Frage, wie der Einheitsführer seine Polizeitruppe in deutschen Innenstädten und auf dem Lande oder im „auswärtigen Einsatz“ zu führen hatte. Sie umriss, wodurch sich ein guter Leiter aus zeichne und welche Aufgaben der uniformierten Polizei beim Katastrophenschutz und beim 1093 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 6; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Koschmieder (Polizeischule FFB): Stoff verteilungsplan. Taktik, 22.05.1944. 1094 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ludewig (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungs plan für Taktik, 19.06.1944. 1095 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 23. 1096 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 1. Polizeitaktik. Großer Aufsichtsdienst, [1942] sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Lutz (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Tak tik, Kriegsgeschichte u. Lebenskunde im 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang, [1942]. 1097 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abschrift: Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Übungsreise des 2. und 3. Offizierausbildungslehrganges, 07.06.1939, S. 1. 1098 Vgl. Merkblatt für die Ausbildung der geschlossenen Polizeieinheiten im Polizeikampf, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei, Berlin 1941; Friedrich Altrichter/Friedrich Wilhelm Eichendorff, Die kampffiereite Kompanie. Praktische Anleitung für die Gefechtsausbildung, 4., neubearb. Aufl., Berlin 1940. 1099 Vgl. Fritz Kühlwein, Gefechtstaktik des verstärkten Bataillons, Berlin 1936; Ders., Die Gruppe im Ge fecht (Einheitsgruppe). Ein Handbuch für Lehrer und Schüler (Fortsetzung des „Felddienst-ABC für den Schützen“), 9., durchges. Aufl., Berlin 1937. 221 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Großen Aufsichtsdienst zukämen.1100 Zentral behandelte sie jedoch alle Formen des militä rischen Kampfes, die auch im polizeitaktischen Unterricht maßgeblich waren. Dazu führte sie auf, was der leitende Offizier eines Polizeiverbandes zu beachten hatte, wenn er seine Un tergebenen angreifen, abwehren, marschieren, auftlären oder in einer Stadt kämpfen ließ.1101 Grundsätzlich stellte sie klar, dass die zentrale Aufgabe der Ordnungspolizei außerhalb des eigenen Territoriums „die Befriedung und Sicherung der von der Wehrmacht errungenen und in die Reichshoheit übernommenen Gebiete“ sei.1102 Was darunter genau zu verstehen war, erklärte die Vorschrift ebenfalls: „Besondere Unruhegebiete, vor allem, wenn Kampfaandlungen stattgefunden haben, sind einer gründlichen Befriedung zu unterziehen. Aufgabe der Befriedung ist die Un schädlichmachung aller noch vorhandenen, den bisherigen Kampfaandlungen ent gangenen Gegner, die Sicherstellung gegnerischer Waffen und Kampfmittel, die Erfas sung der gegnerischen Führungsunterlagen, des Propaganda- und Beweismaterials sowie die Zerstörung der gegnerischen Versorgungsbasis.“1103 Letztlich ziele ein Militäreinsatz der Ordnungspolizei also auf „die Vernichtung des Feindes“ ab, wobei sie „den Polizeigegner unschädlich machen und die bedrohte Gemeinschaftsord nung schützen“ wolle.1104 Mit „Der Unterführer in der Polizeiverwendung“ schuf Alfons Illinger im Jahre 1938 viel leicht das wichtigste polizeitaktische Fachbuch des „Dritten Reichs“. Den damaligen Haupt mann der Schutzpolizei hatte nach eigenen Angaben sein ehemaliger Kommandeur, Dr. Os kar Lossen, dazu angeregt, dieses Werk zu veröffentlichen, das sich jedoch weniger an Offiziersanwärter als vielmehr an Unterführer richtete. Illinger zufolge beruhte es auf den Erfahrungen, die er als Lehrer für Polizeiverwendung an der Brucker Institution gesammelt hatte.1105 A uf einen theoretischen Teil folgten praktische Aufgaben samt Lösungen, die sich beispielsweise damit befassten, Menschenmengen zu geleiten und aufzulösen, Straßen abzu sperren oder Plätze und Säle zu räumen. Das Buch skizzierte außerdem einzelne Szenarien, in denen eine Polizeieinheit ein Gehöft, ein Waldstück oder einen Landstrich um Fürsten feldbruck durchsuchen musste, um gegen Verbrecher vorzugehen.1106 Dabei operierte sie ge gen einen „Schlupfwinkel früherer Angehöriger von Rotfrontkämpferverbänden“,1107 „licht scheues G esindel“ 1108 oder eine „Einbrecherbande“, wobei gerade letztere als schwerbewaffnete und plündernde Gruppe dargestellt wurde.1109 In diesem Fall besagte der Text im üblichen Vokabular, dass die Polizisten „die Bande unschädlich zu machen“ hätten, 1100 Vgl. PDV 41: Vorschrift für die Führung und Verwendung der Polizeitruppe. Entwurf, Lübeck 1943,S. 10 58. Ferner: Zaika, Einsatzlehre, S. 115-117. 1101 Vgl. PDV 41, S. 81-222. 1102 Ebd., S. 1. 1103 Ebd., S. 4. Hervorhebung im Original. 1104 Ebd., S. 71. Anhand der Quellen lässt sich nachweisen, dass die PDV 41 in der Polizeischule Fürsten feldbruck tatsächlich verwendet wurde. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 8, 12.04.1943. 1105 Vgl. Alfons Illinger, Der Unterführer in der Polizeiverwendung, Lübeck [1938], S. 3 f. 1106 Vgl. ebd., S. 55-111. 1107 Ebd., S. 89. 1108 Ebd., S. 98. 1109 Ebd., S. 102. 222 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate wobei sie unter anderem Handgranaten mitführen sollten, um einen möglichen „A ngriff auf Widerstandsnester“ durchführen zu können.1110 Bemerkenswert an Illingers Lehrbuch ist, dass es den Polizeischülern bereits 1938 die tak tischen Finessen vermittelte, mit denen sie in der Truppe Wälder zu durchkämmen hatten. Das sollte auf viele von ihnen während des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Gebieten tatsächlich zukommen.1111 Auffallend ist auch, dass es seine Leser schon in den Friedensjah ren explizit auf den „Einsatz im totalen Krieg“ gegen die Sowjetunion einschwor.1112 In den verschiedenen fiktiven Einsatzlagen baute es eine Drohkulisse auf, welche die „Polizeisolda ten“ offensichtlich dafür sensibilisieren sollte, im Ernstfall auf alles gefasst zu sein und rück sichtslos gegen ihre Gegner vorzugehen. In einem Fall sei es in Fürstenfeldbruck „als Folge erscheinung von vielen Terrorangriffen der feindlichen Luftwaffe, der zermürbenden Wirkung der feindlichen Ferngeschütze, und der Wühlarbeit ausländischer kommunistischer Agen ten in den letzten Tagen zu einer ernsten Beunruhigung der Bevölkerung gekommen“.1113 Daraufain habe es „Ausschreitungen gewisser Kreise“ gegeben, an denen sich ein Großteil der Belegschaft eines Eisenwerks maßgeblich beteiligt habe, in dessen Nähe sogar „eine Polizei streife aus dem Hinterhalte niedergeschossen“ worden sei.1114 Um der Lage in der Fabrik wie der Herr zu werden, müsse eine Polizeieinheit schnellstmöglich eine „Säuberungsaktion“ durchführen.1115 Damit war zwar lediglich gemeint, dass die Beamten schleunigst die bewaff neten Aufrührer aus dem Gebäude schaffen sollten. Doch solch vage Begrifflichkeiten soll ten bald im „auswärtigen Einsatz“ eine neue Semantik erhalten. Beinahe prophetisch wirkt es, wenn Illinger anschließend eine Kulisse entwarf, vor der er darstellen wollte, wie eine Polizeitruppe wichtige Betriebe zu sichern und zu verteidigen ha be.1116 In seinem Fachbuch beschwor er im Jahr vor Kriegsbeginn eine politische Krise her auf, die sich zwischen einem blauen Weststaat und einem roten Oststaat ereignete. Letzterer sei darauf aus, „durch Grenzverletzungen offensichtlich einen Krieg zu provozieren“, da „es schon zu verschiedenen Überfällen von roten Banden, die sich aus linksgerichteten Freiwil ligenwehrverbänden zusammensetzen, auf blaue Zollstationen an der Grenze gekommen“ sei.1117 Was rückblickend frappierend an den von Deutschland fingierten Angriff auf den Sen der Gleiwitz erinnert, mit dem die NS-Diktatur den Polenfeldzug rechtfertigen wollte, ende te auch im polizeitaktischen Lehrbuch in einem Krieg. In einem weiteren Szenario infor mierte es seine Leser, wie die „Bekämpfung von Spreng- bzw. Terrortrupps“ zu erfolgen hatte.1118 Diese würden per Fallschirm aus Flugzeugen abspringen, um Sabotageakte im Hin terland zu verüben. Im skizzierten Fall befänden sich derlei Kräfte des roten Oststaats hin ter den feindlichen Linien des blauen Weststaats, wo sie einige Eisenbahnanlagen zerstörten, um sowohl den Vormarsch als auch den Nachschub des westlichen Gegners zu behindern. Die Aufgabe der Polizeieinheit bestand nun darin, einen weiteren Anschlag zu vereiteln und die verantwortliche Gruppe zu vernichten.1119 Insgesamt zeichnete Illinger also ein zukünfti- 1110 Ebd. , S. 106 f. 1111 Das zeigt sich besonders deutlich im Abschnitt „Durchstreifen eines Waldstückes nach versteckten Verbrechern“. Vgl. ebd., S. 97-102. 1112 Ebd. , S. 111. 1113 Ebd. , S. 112 f. 1114 Ebd. , S. 113. 1115 Ebd. , S. 115. 1116 Vgl. ebd., S. 140-157. 1117 Ebd. , S. 142. 1118 Ebd. , S. 157. 1119 Vgl. ebd., S. 158-170. 223 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ges Aufgabenfeld der Polizei, das in der Form erst einige Monate später während des Zwei ten Weltkrieges existieren sollte. Dabei bediente er sich eines Jargons, der schon in der Wei marer Ordnungsmacht kursiert hatte. Daher mag es nicht wirklich verwundern, dass die Schrift des Brucker Lehrers in ihrem hinteren Teil für polizeitaktische Standardwerke der zwanziger Jahre warb, auf die sich noch die Staatsgewalt des „Dritten Reichs“ in ihrer Aus bildung stützte.1120 Im Jahr 1943 gesellte sich zur Polizeitaktik noch die „Führerschulung“ hinzu, die aus Vor trägen bestand.1121 Diese Referate knüpften inhaltlich an die Themen des Unterrichts an, so dass die Schüler Informationen über das „Waldgefecht“ oder das „Zusammenwirken mit an deren Waffen“ erhielten.1122 Andere Reden gingen über den blanken Taktikunterricht hinaus. So standen z. B. Themen auf dem Programm, wie der „Kampf gegen Minensperren“, der „Gas kam pf“ oder „Grundsätzliches über Befriedung, Objekt- und Katastrophenschutz“.1123 Neben diesen Aspekten rund um das Gefechtsgeschehen erhielten die Polizisten auch einen Ein blick in bestimmte Facetten des Dienstes innerhalb einer Polizeieinheit. Die Referenten klär ten ihr Publikum darüber auf, welche Strafgewalt ein Bataillonskommandeur oder ein Kom paniechef besaß. Es erfuhr auch, wie ein Kriegstagebuch zu führen war und welchen Sinn diese Chronik überhaupt hatte.1124 Bereits zu Friedenszeiten versuchte Himmler, einen möglichst umfassenden Überblick über seinen Einflussbereich zu erhalten. Der Herr über den gewaltigen SS- und Polizeiappa rat wollte gerade während des Krieges darüber Bescheid wissen, wie die Einsätze seiner Po lizeieinheiten in den eroberten Gebieten verliefen. Doch interessierte ihn auch, wie die Ar beit in den Befehlsstäben und Dienststellen der Ordnungspolizei vonstatten ging. In der Anfangsphase des Kriegs bestimmte er deshalb, dass die Polizeibataillone ausführliche Kriegs tagebücher und kleinere Tätigkeitsberichte anzufertigen hatten. Diese Dokumente waren auch ein Bestandteil der polizeilichen Ausbildung und darum „eine unentbehrliche Unter lage für die Geschichtsschreibung“, weshalb sie gewissenhaft gepflegt werden sollten.1125 Ausgewählten Offizieren kam die Aufgabe zu, diese Tagebücher zu führen, weshalb die Chronisten auch über den Inhalt von Besprechungen sowie die Lage in den Einheiten und Dienststellen unterrichtet werden mussten. Der Chef der Ordnungspolizei legte großen Wert darauf, dass die Einträge „täglich noch unmittelbar unter dem Eindruck des Geschehens nie dergeschrieben werden“.1126 Dabei galt es, die besonderen Vorkommnisse möglichst detail liert darzulegen und nicht nur Befehle zu dokumentieren, sondern auch die jeweiligen Rah menbedingungen zu schildern, damit der Leser nachvollziehen konnte, warum die Befehlshaber so handelten, wie sie es taten. So musste etwa in das Kriegstagebuch eingetra 1120 Zu den beworbenen Werken zählen etwa „Der mitteldeutsche Aufstand 1921“ von Walter Drobnig und „Polizeiverwendung in Verhältnissen des Geländekampfes dargestellt an Aufgaben“ von Karl von Oven. Vgl. ebd., S. 171. Siehe dazu auch Kapitel 3.3. 1121 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für Taktik und Führerschulung, [1943], S. 2. 1122 Ebd., S. 2. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ludewig (Polizeischule FFB): Lehr stoffverteilungsplan für Taktik, 19.06.1944. 1123 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für Taktik und Führerschulung, [1943], S. 2. 1124 Vgl. ebd., S. 2. 1125 BayHStA München, Polizeischule FFB 6, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Bestimmungen für die Führung von Kriegstagebüchern und Tätigkeitsberichten, 23.05.1940, S. 3. 1126 Ebd., S. 4. 224 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate gen werden, wie sich die militärische Lage gestaltete, aber auch wie die Truppe auf die erteil ten Instruktionen reagierte. Dieses Stimmungsbild innerhalb eines Polizeibataillons war zu ergänzen durch Ausführungen darüber, wie sich das Verhalten des Gegners und das der ein heimischen Bevölkerung entwickelten. Die Chronisten mussten den Ablauf von Einsätzen und besonderen Ereignissen unter Angabe von Uhrzeit, Datum und Ort möglichst detail liert beschreiben. Sie hatten z. B. aufzuführen, wie viel Munition die Einheit verbraucht hat te und wie das aktuelle Wetter war. Ebenso sollten sie Skizzen, Karten und Fotografien sam meln, aber auch die einheitsinterne Kommunikation und den Funkverkehr dokumentieren. Je eine Kriegsrangliste der Offiziere, eine Verlustliste sowie eine Tabelle über die Einsatz- und Verpflegungsstärke der Polizeitruppe gehörten ebenso zu einer solchen Chronik. Kurzum sollte das gesamte Geschehen innerhalb einer solchen Einheit dokumentiert werden. An den Vorgesetzten lag es dann, zu überprüfen, ob die zuständigen Offiziere diese Kriegstagebü cher und Tätigkeitsberichte auch wirklich zuverlässig führten. Dies war nicht nur für das je weilige Polizeibataillon wichtig. Denn nachdem es größere Einsätze beendet oder sein Ope rationsgebiet verlassen hatte, mussten diese Dokumente unmittelbar an Daluege geschickt werden.1127 Auch wenn nur wenige der Tagebücher erhalten geblieben sind, da die Funktionäre des Hauptamts Ordnungspolizei diese Unterlagen kurz vor Kriegsende vernichteten, steht außer Frage, dass die Berichterstatter die Vorgaben umsetzten, die sie in ihrer Ausbildung erhalten hatten. Dabei waren diese Aufzeichnungen und vor allem die darin enthaltenen Lichtbilder für das Hauptamt Ordnungspolizei zunächst jedoch noch zu nüchtern, da es die Kriegser lebnisse seiner Einheiten für die Propaganda missbrauchen wollte. Deshalb ordnete die Be hörde im Mai 1941 an, Fotografien zu erstellen, welche die Arbeit der Polizei einfingen. Auch informierte das Hauptamt darüber, welche Motive es als geeignet ansah. Dazu zählten etwa „der hilfsbereite Reviereinzelbeamte im Umgang mit der Bevölkerung des besetzten Gebiets, wie er Auskunft gibt, wie er in die Straßenbahn hilft, wie er Kinder schützt, [...] im Luft schutz bei der Schadensbekämpfung, bei der Betreuung Obdachloser“ und weitere Szenen inszenierter Freundlichkeit.1128 Ferner sollten die Aufnahmen zeigen, wie Polizisten Gebäu de durchsuchten, Festnahmen durchführten oder Gefangene bewachten. Aber auch Polizei einheiten während des Marsches oder in ihrer Unterkunft sowie „der Polizeibeamte im Diens te der Umsiedlung“ waren Szenen, die der Polizeiapparat begehrte, um damit den Einsatz des eigenen Berufsstandes in den eroberten Regionen zu glorifizieren.1129 Indem diese Vor gaben auch in den Polizeischulen kursierten und anscheinend Gegenstand der Ausbildung waren, erhielten die angehenden Offiziere einen Eindruck davon, wie wichtig es für die deut sche Polizei war, sich gegenüber den „Volksgenossen“ richtig in Szene zu setzen. Dadurch wurden sie nicht nur zu Chronisten der Kriegseinsätze, sondern auch zu Multiplikatoren ei nes geschönten Selbstbildes erzogen. 1127 Vgl. ebd., S. 4-8 sowie Muster II-V. Der Chef der Ordnungspolizei beanstandete jedoch Mitte 1942, dass die meisten Kriegstagebücher nicht ausführlich genug geführt würden und insbesondere Berich te über die Erfahrungen fehlten, welche die Einheiten im Einsatz gemacht hätten. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 6, I. V. von Bomhard (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Berichterstattung an den Chef der Ordnungspolizei, 31.07.1942, S. 2. 1128 BayHStA München, Polizeischule FFB 6, I. A. Schlake (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Bilder und Skizzen für kriegsgeschichtliche Zwecke der Ordnungspolizei, 27.05.1941, S. 3. 1129 Ebd., S. 3. 225 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Im Unterricht der Polizeitaktik kamen noch weitere ^ e m e n hinzu, die das bereits Gelern te nicht nur vertieften. Sie sorgten dafür, dass sich militärisches Know-how mit ideologischund kriegsbedingten Feindbildern mischte, wodurch das Fach den Schülern unmissverständ lich klarmachte, welchen Zweck ihre paramilitärische Ausbildung letztlich verfolgte. So stand etwa der „Schutz lebenswichtiger und kriegswichtiger Betriebe“1130 ebenso auf dem Lehrplan wie die „Durchsuchung von Wäldern und Ortschaften“.1131 Dieser Fokus kam nicht von un gefähr: Denn gerade während des Zweiten Weltkriegs hinterließ die „Partisanenbekämpfung“ im Unterricht zunehmend ihre Spuren und dominierte diesen regelrecht.1132 Vor allem in der zweiten Kriegshälfte befassten sich die Lehrgänge ausgiebig mit diesem Komplex, indem sie sich z. B. mit „Wesen und Kampfesweise der Banden“, der „Führung in der Bandenbekämp fung“ sowie der „Vernichtung der Banden durch Einkesselung“ und dem „Einsatz von Jagd kommandos“ auseinandersetzten.1133 Die Polizeitaktik besaß nicht zuletzt deshalb einen besonderen Stellenwert in der Offizier sausbildung, weil sich ihre Prüfungsaufgaben vorwiegend mit dem Kampf gegen „Partisa neneinheiten“ und „Banden“ befassten.1134 Solche Klausuren skizzierten meist konstruierte Fälle, in denen militärische Einsätze von Polizeieinheiten beschrieben wurden, welche die Schüler zu beurteilen hatten. Ein Szenario lautete beispielsweise, dass ein bestimmter Teil Deutschlands besetzt sei, wobei die Zivilverwaltung und der Stab des BdO diese Region ge meinsam kontrollierten. Des Weiteren seien Polizeibataillone „im gesamten Gebiet zur Auf rechterhaltung der Ordnung und Niederschlagung von Aufständen eingesetzt“. Auch wenn sich die Bevölkerung „anfangs in ihr Schicksal gefügt“ habe und den Anordnungen bereit willig nachgekommen sei, häuften sich nun kleinere Aufstände aufgrund einer Lebensmittelknappheit.1135 Daraufain folgten Streiks und Schießereien, die das Ausland unterstütze. Ein Polizeibataillon solle nun Schlimmeres verhindern, indem es dafür sorge, dass sich die auf ständischen Gruppen in München und Umgebung nicht vereinigen könnten. Deshalb habe die Einheit den Auftrag erhalten, eine feindliche Abteilung, die sich auf dem Weg vom Am 1130 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 6. 1131 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Lutz (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Tak tik, Kriegsgeschichte u. Lebenskunde im 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang, [1942]. Vgl. ferner BayHS tA M ünchen, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoff-Verteilungsplan für die Taktik, 13.11.1941; BAB, R 20/70, Taktik, [1942]. 1132 Ab dem Jahre 1942 fand sich dieses h e m a explizit in den Lehrstoffplänen. Vgl. z. B. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 126, Lutz (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Taktik, Kriegsge schichte u. Lebenskunde im 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang, [1942]. Der Stoffplan des 35. OAL aus dem Jahre 1943 sieht für die „Bandentätigkeit und ihre Bekämpfung“ sogar schon zwei Wochen vor. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für Taktik und Führerschulung, [1943], S. 1. 1133 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ludewig (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Taktik, 19.06.1944. 1134 Die beiden Formulierungen „Partisaneneinheiten“ und „Bandeneinheiten“ finden sich in einer Hörsaalarbeit des 36. OAL. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: Hörsaalarbeit (Taktik), Abt. A., 29.03.1944, S. 1. Allerdings wurden diese Termini nicht regelmäßig verwendet. Stattdessen tauchen in den meisten dieser Klausuren „Banden“ oder „Feinde“ auf, wie die weiteren Bei spiele zeigen. 1135 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Dennginghaus (Polizeischule FFB): Hörsaalarbeit (Pol. Taktik), 26.06.1941, S. 1. 226 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate mersee in die Landeshauptstadt befinde, „unschädlich zu machen“.1136 Nun beschrieb der Auf gabentext, wie sich das fiktive Polizeibataillon in dieser Situation verhielt und den Kampf ge gen den Gegner durchfocht. Auch in München selbst kam ein weiterer imaginärer Polizeitrupp zum Einsatz, um gegen „die gegnerischen Banden“ und die dort herrschenden Unruhen zu kämpfen.1137 Die Aufgabe der Prüflinge war es, die militärische Lage zu analysieren und zu beurteilen. Dabei legten die Lehrer großen Wert darauf, dass die Schüler es verstanden, sich in den Kommandeur der Polizeieinheit hineinzuversetzen sowie dessen Anordnungen und Befehle schriftlich festzuhalten.1138 Obwohl es sich dabei nur um eine Fiktion handelte, befremdet es dennoch, dass diese schriftliche Prüfung wie selbstverständlich das Bild eines besetzten Bayerns zeichnete, in dem sich Polizeibataillone in den paramilitärischen „Bandenkam pf“ stürzten. Solche G e dankenspiele resultierten jedoch nicht erst aus dem „auswärtigen Einsatz“ während des Zwei ten Weltkriegs. Zwar hatte eine Aufgabe aus dem Jahre 1936 nicht explizit von „Banden“ ge sprochen, sondern vielmehr „Aufrührer“ gegen die Polizei aufmarschieren lassen, dennoch war durch sie ein Lehrgang bereits seinerzeit mit einem ganz ähnlichen Szenario konfron tiert gewesen.1139 Die Ordnungsmacht des NS-Staats versetzte sich also schon recht früh in die Lage hinein, im eigenen Land gegen eine hungernde Bevölkerung und gegen Aufständi sche gewaltsam vorzugehen, als wären es feindliche Partisanen. Das tat sie offensichtlich, da mit sich die angehenden Offiziere besser auf solche Situationen vorbereiten konnten, die in den besetzten Gebieten tatsächlich auf sie warteten. Auch in anderen Fällen setzten sich die Anwärter mit ähnlichen Situationen auseinander. Meist konstruierten die Lehrer gedachte Kampfaandlungen, in denen Polizeibataillone ge gen feindliche „Banden“ im Großraum München und vor allem in Fürstenfeldbruck zu Fel de zogen.1140 Häufig zu finden war das Szenario eines „militärisch besiegten Staates, in dem noch Banden sich in den Wäldern aufaalten, die nachts die Dörfer überfallen und die Bevöl kerung ausplündern“.1141 Es veranschaulicht, wie sehr sich die Polizei vor Partisanen und an geblich unehrenhaft kämpfenden Feinden hinter der eigenen Front fürchtete, was sich auch in der Offiziersausbildung unübersehbar niederschlug. Noch deutlicher zeigt sich dies 1942 in einer Prüfungsaufgabe des 27. OAL, in der stärkere Partisaneneinheiten den Nachschub zur Front erheblich gestört hätten, weil sie Nachschubkolonnen angegriffen und Straßen ver mint hätten. Auch in diesem erdachten Fall kam einem Polizeibataillon die Aufgabe zu, die irregulären Kombattanten zu vernichten.1142 Der Partisanenkampf war zu Beginn des Jahres 1944 auch Thema einer Hörsaalarbeit, welche die erste Abteilung des 36. OAL zu bearbeiten hatte und folgende Lage skizzierte: „Die Banden treten in kleineren, mittleren und größeren 1136 Ebd., S. 2. 1137 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Dennginghaus (Polizeischule FFB): Lage München (Stadt kampf), 03.07.1941, S. 1. 1138 Vgl. ebd. 1139 BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Lossen (Polizeischule FFB) an u. a. Offz.Kurs: Geländebe sprechung, [1936]. 1140 So z. B. auch in BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: 3. Prüfungsaufgabe (Pol. Taktik), 25.07.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Polizeischule FFB: Hörsaalarbeit (Pol. Taktik), 07.05.1942. 1141 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Taktik Lehrabtlg. A, [1941]. Vgl. auch BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Taktik Lehrabt. B, [1941]; BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Polizei schule FFB: Geländebesprechung am 1.8.41 in Gegend Lenggries, 30.07.1941. 1142 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Polizeischule FFB: 3. Prüfungsaufgabe (Pol.Taktik), 13.06.1942. 227 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Einheiten unter guter Führung auf, sind ausreichend und gut bewaffnet, stehen unter ein heitlicher Leitung und stören seit Wochen den Frontnachschub auf Straßen und Eisenbah nen erheblich, besonders westlich Kaufteuren und ostwärts Weilheim.“1143 In dieser Gegend komme das SS-Polizeiregiment 5 gegen die Partisanen zum Einsatz, dessen erstem Bataillon die Aufmerksamkeit der schriftlichen Arbeit galt. Die Prüflinge hatten sich in den Leiter die ser Einheit hineinzudenken und zu überlegen, welche Befehle sie in seiner Position erteilen würden.1144 Die zweite Abteilung des 36. OAL sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, mit einem Poli zeibataillon den Durchbruch der „Heimatfront“ durch die „feindliche Winteroffensive“ zu rückzuschlagen und das Gebiet zu „befrieden“.1145 Infolge „der feindlichen Großoffensiven“ und durch den Rückzug der 18. Armee, so eine weitere Prüfung, habe sich die „Bandenbe wegung“ neu formiert, die nun „im rückwärtigen Armeegebiet“ zunehmend Überfälle be gehe. Da der „Chef der Bandenbekämpfung [...] eine größere Säuberungsaktion“ plane, müs se auch ein Bataillon des SS-Polizeiregiments 14 zu einer Zusammenkunft „sämtlicher verfügbaren Polizei- und Sicherungskräfte im Raume Polling - Odering - Peißenberg - Roß laich“ kommen. A uf dem Weg zum „Versammlungsraum für die Großaktion“ müsse die Ein heit gegen feindliche Fallschirmspringer, Spezialeinheiten und Politkommissare kämpfen, die dabei seien, die einheimischen Bauern für den Kampf im Untergrund gegen die deut schen Truppen zu werben.1146 Wieder galt es, zu begründen, welche Befehle der einzelne An wärter in dieser Lage erteilen würde.1147 Wenngleich diese Aufgaben konstruiert waren, orientierten sie sich mitunter sehr stark an den tatsächlichen Aktionen der Ordnungspolizei während des Zweiten Weltkriegs. Zu Be ginn des Jahres 1942 versetzte eine Hörsaalarbeit die Prüflinge in eine Großstadt im Gene ralgouvernement, in der eine „Bande“ mehrere Raubüberfälle und Attentate begangen habe. Diese setze sich aus Angehörigen der besiegten polnischen Armee zusammen und unterhal te Kontakte zum örtlichen Widerstand. Erneut mussten die zukünftigen Einheitsführer an geben, wie sie die Lage einschätzten und welche Befehle sie ihren Untergebenen erteilten, um diese Feindkräfte zu vernichten.1148 Eben solche Szenarien begegneten den Polizisten in den besetzten Gebieten zuhauf. Daraus ist ersichtlich, dass das Fach „Polizeitaktik“ keineswegs nur graue tteorie war oder unwahrscheinliche Sonderfälle thematisierte. Vielmehr zielte es darauf ab, die polizeilichen Kämpfer so gut wie nur möglich auf den Ernstfall vorzubereiten. Welche Art von Tätigkeiten auf sie zukamen, musste damit aber selbst jenen Beamten be wusst geworden sein, die noch nicht an der Front oder in den annektierten Territorien zum Einsatz gekommen waren. Selbst wenn der Judenmord dabei nicht explizit zur Sprache kam, skizzierten einzelne Auf gaben jedoch den Handlungsrahmen, in dem dieses Jahrhundertverbrechen stattfand. Aber mals verlangte eine Prüfung im Frühjahr 1942 von den Anwärtern, Partisanen gedanklich 1143 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 1. Hörsaalarbeit (Pol.Taktik). Abt. A, 31.01.1944, 1144 Vgl. ebd. 1145 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 1. Hörsaalarbeit (Pol.Taktik). Abt. B, 31.01.1944, S. 1. 1146 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 1. Prüfungsaufgabe (Taktik). Abt. B, 03.04.1944, S. 1. 1147 Vgl. ebd., S. 2. 1148 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: 3. Hörsaalarbeit (Unterf.Ausbildung), 12.01.1942, S. 1f. 228 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate und auf dem Papier zu bekämpfen, dabei die eigene Lage einzuschätzen und geeignete Kon sequenzen für die Truppe zu ziehen, die sie kommandierten. Doch nun beschrieb der Klau surentext, dass sich das Polizeibataillon 320 „im besetzten russischen Gebiet in einem Raum etwa 200 km hinter den deutschen Linien im Einsatz“ befinde und dabei auf verschiedene Orte aufgeteilt sei.1149 Während dieses „Einsatzes“ habe eine Gruppe von Partisanen mehre re Anschläge auf Fahrzeuge der Wehrmacht verübt und dabei drei Männer getötet. Den „Po lizeisoldaten“ kam die Aufgabe zu, in ein Sumpfgebiet vorzudringen, in das sich die schwer bewaffnete „Bande“ zurückgezogen habe, um diese zu vernichten.1150 Interessant an dieser Prüfung ist nicht nur der Umstand, dass der Lehrgang zuweilen ei nen sehr großen Bezug zur Einsatzpraxis herstellte und sich nicht auf rein theoretische Kopf geburten beschränkte. An diesem Beispiel zeigt sich auch recht deutlich, dass zumindest ein zelne Vertreter des Brucker Lehrkörpers von den Verhältnissen bestens Bescheid wussten, die in den Einsatzgebieten der Polizei herrschten. Zwar lässt sich anhand der Quellen nicht nachweisen, wie genau die Polizeilehrer über den tatsächlichen Partisanenkampf und die Ju denerschießungen informiert waren. Doch belegen derlei Inhalte, dass der Unterricht die Ordnungspolizisten ziemlich konkret auf die Gegebenheiten vorzubereiten versuchte, die im „auswärtigen Einsatz“ auf sie warteten. Die Lehroffiziere versuchten also gar nicht erst, ihren Schülern schonend beizubringen, welche möglichen Gefahren im Feindesland auf sie lauer ten. Im Gegenteil errichtete gerade die Polizeitaktik eine Drohkulisse, die den Anwärtern einschärfen wollte, dass sie in den annektierten Territorien von allen Seiten bedroht seien und daher ständig auf der Hut sein müssten. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Schulleiter und sein Lehrpersonal grund sätzlich freie Hand hatten, solche Prüfungsszenarien zu entwerfen und den theoretischen Unterricht in der Polizeitaktik auszugestalten. Dennoch lieferten Himmlers Bürokraten vor allem in den Jahren 1941 und 1942 umfangreiches Informationsmaterial, das den Hintergrund für die virtuellen Kämpfe bildete. Insbesondere Unterlagen zur Partisanenbekämpfung dien ten der Polizeischule Fürstenfeldbruck dazu, den Unterricht möglichst anschaulich und ak tuell zu gestalten. Gerade Erfahrungsberichte von Wehrmacht, Waffen-SS und Polizei vom Einsatz im „Osten“ zielten darauf ab, die recht trockene Ausbildung mithilfe von echten Bei spielen zu beleben. Dazu gesellten sich Regelwerke und Leitfäden, die sich ebenfalls inten siv mit dem „Bandenkampf“ befassten. In den überlieferten Dokumenten finden sich zwar verschiedene Inhalte und Szenarien. Aber die zentrale Botschaft war stets dieselbe: Partisa nen sind extrem gefährlich und müssen daher restlos vernichtet werden. Das Ausbildungsamt des Hauptamts Ordnungspolizei ließ der polizeilichen Lehrstätte z. B. Mitte 1942 eine schriftliche Aufgabe zukommen, die sich an einer Operation orientierte, die so tatsächlich stattgefunden haben soll. Im Befehlsbereich des HSSPF Russland-Mitte habe eine Polizeikompanie im Herbst 1941 erfolgreich ein größeres Unternehmen gegen „Banden“ durchgeführt. Der daraus entstandene Text führte aus, welche Befehle der Einheitsführer er teilt habe, um eine Gruppe von Partisanen in einem Waldgebiet zu besiegen. Offensichtlich sollte dieser Vorgang als Musterbeispiel fungieren. Das Schreiben ging nämlich auf die tak tischen Raffinessen ein, mit denen die Truppe ihren Gegner habe eliminieren können, wo bei sie sich vor allem das Überraschungsmoment zu Nutze gemacht habe.1151 Wenige Wochen 1149 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: 1. Prüfungsaufgabe (Pol.Taktik), 16.02.1942, S. 1. 1150 Vgl. ebd., S. 1f. 1151 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Po lizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Ausbildungsmaterial für die Gefechts-Ausbildung, 30.06.1942. 229 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k zuvor hatte die Brucker Schule bereits ein Lagebericht des Polizeiregiments Süd erreicht, der offenbarte, was diese Einheit Mitte bis Ende Januar 1942 im Rahmen der Partisanenbekämp fung gelernt hatte. Nach der Kesselschlacht um Kiew im Spätsommer 1941 hätten sich ver sprengte Rotarmisten zu größeren Partisanenabteilungen zusammengeschlossen, die bis 350 Mann umfassten und schwer bewaffnet seien. Wenn sie die hiesige Bevölkerung überfielen und terrorisierten, trügen sie Zivilkleidung und teilweise erbeutete deutsche Uniformen, um dadurch den Hass der Einheimischen auf die Besatzungsmacht zu schüren. Sie arbeiteten auch mit deutschfeindlichen Kräften zusammen, zu denen Milizionäre, Kolchosenleiter und Bürgermeister, aber gerade auch Frauen gehörten, die allesamt die „Banden“ mit Proviant und sonstigen Utensilien versorgten.1152 Die Anführer dieser Freischärlergruppen trieben ihre Untergebenen unerbittlich an, so dass diese bis zum Tod kämpften, was erkläre, warum der Partisanenkampf „mit aller Hartnäckigkeit, Zähigkeit, Heimtücke und Brutalität“ geführt werde.1153 Um die Untergrundkämpfer zu besiegen, empfahl der Autor rabiate Maßnahmen: „Nur mit aller Gründlichkeit und Rücksichtslosigkeit durchgeführte Säuberungsaktionen (öf fentliche Erschießungen, Herausziehen von Geisseln [sic!] u.dgl.) haben zur restlosen Be friedung solcher Gebiete geführt und schließen eine Wiederholung solcher Zustände für ab sehbare Zeit aus.“1154 Nicht zum letzten Mal sollten Schriftstücke mit derlei Botschaften aus der Reichshauptstadt nach Oberbayern gelangen. Im Januar 1943 erhielt die Brucker Schule die Abschrift eines Dokuments, in dem eine an dere Einheit den Kampf gegen knapp ein Dutzend „Banditen“ meldete. In einem Ort im Ge neralgouvernement hätten diese Partisanen ein Lager bezogen, das die Polizei auflösen wol le. Doch der A ngriff sei misslungen, weshalb sich die „Bande“ nahezu komplett habe zurückziehen können. Außerdem hätten drei Polizisten dabei ihr Leben verloren, wodurch diese fehlgeschlagene Aktion als Negativszenario in der Ausbildung zu behandeln sei.1155 Gleich drei „Musterbeispiele dafür, wie nicht gehandelt werden darf“, lieferte ein Schnellbrief aus Dalueges Behörde vom 15. April 1943.1156 Eines davon schilderte, wie die deutschen Truppen erfolglos und mit eigenen Verlusten versucht hätten, eine Partisanengruppe bei St. Margare then in Österreich zu besiegen.1157 Eine Einheit der Waffen-SS habe zwar deren Lager ausfin dig gemacht und gestürmt. Doch anstatt die „Banditen“ zu verfolgen, habe sie ihren Unter schlupf nach Waffen und Gerätschaften durchsucht. W ährenddessen hätten sich die Partisanen wieder sammeln und zum Gegenangriff übergehen können, wie der Lagebericht einer Gebirgsjägerkompanie der Polizei ausführt.1158 Bei einem weiteren Fall seien 45 Män 1152 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Schu len, Anstalten usw.: Erfahrungen aus der Partisanenbekämpfung des Pol.Regiments Süd, 21.04.1942, S. 1f. 1153 Ebd., S. 2. 1154 Ebd., S. 3. 1155 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 175, I. A. Dr. Kühhas (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Poli zeischule FFB, 28.01.1943. 1156 BayHStA München, Polizeischule FFB 175, Schnellbrief: I. A. Dr. Kühhas (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Auswertung von Erfahrungsberichten der im Einsatz befindlichen Einhei ten der Ordnungspolizei, 15.04.1943. Hervorhebung im Original. 1157 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 175, Schnellbrief: I. A. Dr. Kühhas (Chef der O rdnungs polizei) an u. a. Polizeischule FFB: Auswertung von Erfahrungsberichten der im Einsatz befindlichen Einheiten der Ordnungspolizei. Abschrift: Polizeidirektor in A. an BdO: Lagebericht für die Zeit vom 25.8. bis 28.8.1942, [August 1942]. 1158 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 175, Schnellbrief: I. A. Dr. Kühhas (Chef der O rdnungs polizei) an u. a. Polizeischule FFB: Auswertung von Erfahrungsberichten der im Einsatz befindlichen 230 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate ner eines Zuges bei einem Überfall durch Partisanen getötet worden, während die Polizei einheit ein D orf bei Rovte durchsuchen wollte. Schuld an diesem Fiasko habe der verant wortliche Führer, der taktisch falsch vorgegangen sei. Nachdem der eigentliche A ngriff vorbei gewesen sei, „stürmten die Banditen unter Feuerschutz der außen angesetzten MG und unter lauten Hurrarufen auf die Verwundeten. Diese wurden mit Bajonettstichen und Kolbenhieben niedergemacht.“1159 Solche Ausführungen verfolgten den Zweck, den angehen den Polizeiführern unmissverständlich klar zu machen, dass sie im „Bandenkrieg“ mit kei ner Gnade zu rechnen hätten. Gleichzeitig vermittelten sie das Bild eines brutalen Gegners, der feige aus dem Hinterhalt kämpfen würde. Derartige Glaubenssätze bestimmten auch das Denken vieler „Rassenkrieger“, als sie im „Osten“ gegen echte oder vermeintliche Partisanen vorgingen.1160 Daran knüpften Vorschriften und Erfahrungsberichte der Wehrmacht an, aus denen die Offiziersanwärter der Polizei ihre Lehren ziehen sollten. Von der deutschen Armee stamm te etwa eine Broschüre zum Waldkampf, die nun die Ordnungspolizei für sich nutzte, um sich über die Erfahrungen der deutschen Armee im Ostkrieg zu informieren und damit selbst effizienter gegen Partisanen vorgehen zu können.1161 Die Brucker Schule nahm aber auch die „Richtlinien für Partisanenbekämpfung“ durch, die vom OKH stammten. Sie führten aus, wie gegen die aus Sicht der deutschen Besatzer illegitimen Kombattanten vorzugehen sei. So emp fahlen sie, die Bevölkerung in den Besatzungsgebieten gerecht zu behandeln, um dadurch ihr Vertrauen zu gewinnen. Schließlich setzten die Partisanen darauf, diese selbst durch Falschmeldungen und Terrorakte moralisch zu beeinflussen.1162 Der Urheber dieses Doku ments ließ keinen Zweifel daran, wer seiner Ansicht nach für diese Art der Kriegsführung verantwortlich war: „Der heutige Partisanenkampf ist ein Kampf für den Bolschewismus, er ist keine Volksbewegung.“1163 Dass der Text die osteuropäischen Guerilleros als heimtücki sche, hinterhältige und verschlagene Feinde charakterisierte, die im Dienste des „Bolsche wismus“ stünden, war geradezu exemplarisch dafür, wie die deutschen Besatzer über ihren Gegner hinter den eignen Frontlinien dachten.1164 Weil er so gefährlich sei, machte die Schrift deutlich, dass der Feind „vollständig vernichtet werden“ müsse, auch wenn es durchaus schwie Einheiten der Ordnungspolizei. Abschrift: Polizeigebirgsjägerkompanie XYZ: Gefechts- und Erfah rungsbericht über das Feuergefecht bei St. Margarethen am 25.8.1942, 05.03.1943, S. 1 f. 1159 BayHStA München, Polizeischule FFB 175, Schnellbrief: I. A. Dr. Kühhas (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Auswertung von Erfahrungsberichten der im Einsatz befindlichen Einhei ten der Ordnungspolizei. Abschrift: Joh. Unbekannt (BdO XYZ): Bericht über den Überfall auf einen verstärkten Zug bei Rovte am 12. Dezember 1941, 12.03.1943, S. 3. Vgl. ferner ebd., S. 1-4. 1160 Vgl. Frank Werner, „Hart müssen wir hier draußen sein“. Soldatische Männlichkeit im Vernichtungs krieg 1941-1944, in: Geschichte und Gesellschaft 34 (2008), S. 5-40, hier: S. 16 f. und 31 f. [Künftig: Werner, Männlichkeit (2008)]. 1161 Vgl. BayHStA München, M Inn 71992, Schnellbrief I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Po lizeischule FFB: Ausbildung der Ordnungspolizei im Waldkampf, 15.06.1942. 1162 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Kommandeure der unm ittelbar unterstellten Schulen: Richtlinien für Partisanenbekämpfung, 17.11.1941, S. 2 und 5. Diese Richtlinien stammten ursprünglich von Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch, der sie bereits am 25. Oktober 1941 veröffentlicht hatte. Vgl. IfZ Archiv, 11/Da 034.087, von Brauchitsch (Oberbefehlshaber des Heeres): Richtlinien für Partisanenbekämpfung, 25.10.1941; Gerlach, Morde, S. 881 f. 1163 BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Kommandeure der unmittelbar unterstellten Schulen: Richtlinien für Partisanenbekämpfung, 17.11.1941, S. 5. 1164 Vgl. ebd., S. 2 und 5. 231 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k rig sei, zwischen echten Partisanen und Verdächtigen zu unterscheiden. Da aber etwas ge tan werden müsse, handle derjenige richtig, „wer unter vollkommener Hintansetzung etwa iger persönlicher Gefühlsanwandlungen rücksichtslos und unbarmherzig zupackt“.1165 Allerdings fand der Krieg gegen Partisanen nicht nur auf dem Reißbrett statt. Planspiele der Brucker Schule beschäftigten sich besonders ab Mitte 1942 mit den Themen „Kam pf ge gen Partisanen und Befriedungsaktion“, „Vernichtung von Partisanengruppen in Verbindung mit Fallschirmjägern“ oder „Verteidigung eines Geländeabschnittes“. Auch wenn ebenso an dere Situationen simuliert wurden, wie etwa der „Einsatz der Polizei während und nach ei nem Luftangriff“ oder „bei Katastrophen“, dominierten eindeutig die Übungsgefechte gegen fiktive Feindbanden. Begleitet wurden sie zudem von speziellen Vorträgen über „Kampfer lebnisse und -erfahrungen im Osten“.1166 Bei einer Geländeübung in Lenggries mussten sich die Teilnehmer des 21. OAL vorstellen, dass sie sich im Feindesland befänden, das die Wehrmacht gerade erobert habe. Im Windschatten der kämp fenden Truppe folgten Polizeibataillone, in denen auch die Schüler eingesetzt seien. Die Aufgabe dieser Einheiten und Ziel der Gefechtssimulation war es, „das Bergland von den Resten feindlicher Truppen, die im Verein mit gut bewaffneten, fa natischen Bergbewohnern die deutschen rück wärtigen Verbindungen durch Kleinkrieg zu stö ren suchen, zu säubern“.1167 Nach der Reform der Lehrpläne im Jahre 1943 konnte ein Lehrgang so gar im Fach „Kleine Taktik“ den Lehrstoff aus der großen Nachbardisziplin vertiefen und in Übungen realitätsnah einstudieren. Der Ausbilder stellte seinen Schülern sogenannte „Sandkastenaufgaben“, in denen sie etwa die „Bereitstel lung zum A ngriff“, die „Verteidigung ohne Vorbereitungszeit“ oder eben die „Bandenbe kämpfung“ durchspielten.1168 Die Manöver beschränkten sich jedoch nicht auf den Kampf gegen Partisanen. Sie befass ten sich auch mit anderen Gedankenspielen, in denen ein anderer Feind im Mittelpunkt stand. Eine Planübung der Brucker Polizeischule im Januar 1936 zeigt, auf welche Situatio nen sich die Polizei bereits vor Kriegsbeginn vorzubereiten versuchte. Die Kursteilnehmer sollten sich vorstellen, in einem Einsatz bewaffnete Kommunisten zu stellen, die bei einer Meuterei im Konzentrationslager Breitenau hätten fliehen können. Abseits der eigentlichen Aufgabe erfuhren sie, dass die Münchner Polizei an den Ort des Geschehens ausgerückt sei und „mit allen Mitteln jeden Widerstand“ gebrochen habe, um „die Ordnung im Lager“ wie derherzustellen.1169 Der 27. OAL sollte sich in einer Prüfung sogar in die Lage hineindenken, 1165 Ebd., S. 6. Hervorhebung im Original. 1166 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 185, Hagem ann (Polizeischule FFB): Offizierausbildung, 18.05.1942, S. 1f. 1167 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: Geländebesprechung am 1.8.41 in Ge gend Lenggries, 30.07.1941. 1168 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Rasch (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan (Klei ne Taktik), 20.06.1944. Die „Kleine Taktik“ taucht einmalig als eigenständiges Fach in einem Unter richtsbefehl des 36. OAL auf. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Hagemann (Polizeischu le FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 1, 05.01.1944. 1169 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 19, Lossen (Polizeischule FFB): Planübung am 13. Januar, 10.01.1936. Abbildung 19: Übung am Sandkasten (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 232 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate dass sich eine „Panzer-Division von Osten kommend auf dem Vormarsch über München- Pasing-Fürstenfeldbruck-Mammendorf-Merching“ befinde, was abermals ein militärischer Polizeitrupp verhindern müsse.1170 Als fiktive Bataillonskommandeure nahmen es die Schü ler des 38. OAL sogar mit der Roten Armee auf, die „unter rücksichtslosem Menschen- und Materialeinsatz die eigene Ostfront [...] durchbrochen“ und es so in das bayerische Voral penland geschaffi habe.1171 Solche Szenarien sollten den Offiziersanwärtern keinen Raum für Zweifel daran lassen, dass der Feind „links“ stehen und nicht nur im „Osten“ sein Unwesen treiben, sondern auch die Heimat bedrohen würde. Wenngleich der „Bandenkampf“ thematisch herausragte, wid mete sich das Informationsmaterial aus dem Hauptamt Ordnungspolizei allgemein dem Krieg gegen die Sowjetunion und vor allem gegen den „Bolschewismus“. Von dieser Behör de erhielt die Polizeischule Fürstenfeldbruck 1942 ein Dokument, das ursprünglich das Kom mandoamt der Waffen-SS erstellt hatte. Es behandelte die „Tarnung der Truppe im Winter“ und war dazu gedacht, die Schüler auf ihren Einsatz in kalten Regionen und Monaten vor zubereiten. Darin erfuhren sie, wie die Männer sich selbst, aber auch ihre Fahrzeuge und Ge bäude tarnen konnten. Dabei sollten sie etwa Kleidung und Gerätschaften in weißer Farbe halten und darauf achten, möglichst wenig Spu ren im Schnee zu hinterlassen.1172 Mit der idealen Montur im Winter befasste sich ein weiterer Be richt der Waffen-SS, der über ihre Erfahrungen informierte, die sie beim finnisch-russischen Win terkrieg von 1939/40 gesammelt hatte. Daneben gab er weitere Ratschläge für die richtige Hygie ne, die Unterkünfte sowie die Skiausrüstung und den Einsatz von Vierbeinern in eisigen Regionen.1173 Die Lehroffiziere der Brucker Bildungsan stalt verwendeten ebenso einen ähnlichen Report Abbildung 20: Training für den über den Russlandfeldzug im Sommer 1941, den Winterkrieg (Bayerisches Polizeimuseum, ein Major Vockensohn aus der SS-Polizei-Divisi- Fotosammlung) on erstellt hatte. Er gab neben weiteren Gesichts punkten nicht nur Tipps für eine effiziente Kampfesweise, sondern wies auch darauf hin, wie notwendig er es erachte, dass die Frontkämpfer körperlich adäquat ausgebildet würden.1174 Zwei andere Dokumente beschäftigten sich darüber hinaus mit der Frage, wie sich die Rot armisten im Sommer tarnten und wie sich die Einheiten der Polizei auf den Nahkampf ge gen Panzerkampfwagen vorbereiten sollten.1175 Bei diesen Druckschriften handelte es sich um Heeresdienstvorschriften oder Anlagen zu diesen. 1170 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Polizeischule FFB: Hörsaalarbeit (Pol.Taktik), 21.05.1942. 1171 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 1. Hörsaalarbeit (Taktik), 27.06.1944, S. 1. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 5. Hörsaalaufgabe (Tak tik), 22.07.1944. 1172 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Schu len, Anstalten usw.: Tarnung der Truppe im Winter, 05.05.1942. 1173 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Poli zeischule FFB: Erfahrungen beim finnisch-russischen Winterkrieg 1939/1940, 07.03.1942. 1174 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. V. von Bomhard (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Erfahrungen des Sommerfeldzuges 1941 in Rußland, 16.09.1942. 1175 Vgl. BayHStA München, M Inn 71992, Schnellbrief: I. A. Schlake (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizei schule FFB: Tarnung der Russen im Sommer, 15.06.1942; BayHStA München, M Inn 71992, Schnell- 233 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Neben zahlreichen weiteren Dienststellen der uniformierten Polizei schickte ihre Zentral behörde am 6. August 1942 auch an die Brucker Schule einen „Erfahrungsbericht über Stoß truppunternehmungen gegen sowjetrussische Truppen“. Er stammte aus der Feder des Bri gadeführers und Generalmajors der Waffen-SS Lothar Debes und beschrieb, wie kleine Kampfverbände gegen feindliche Stellungen zu kämpfen hatten. Das Dokument erklärte, dass sich die Abteilungen ordentlich auf solche Unternehmungen vorbereiten und daher das Ge lände sowie den Gegner erkunden müssten, bevor sie mithilfe der Artillerie losschlügen, um Bunker, Hindernisse und letztlich den russischen Feind zu vernichten.1176 Jederzeit müssten sie jedoch, so eine zentrale Botschaft des Berichts, „mit der Sturheit und Hinterhältigkeit des bolschewistischen Gegners rechnen“.1177 Auch dieser Text bildete keine Ausnahme. Vielmehr war er charakteristisch dafür, wie die nationalsozialistische Sichtweise auf die Rote Armee in den Unterricht eindrang. Davon zeugt ein weiteres Pamphlet noch deutlicher. Deshalb ist es lohnenswert, sich mit ihm etwas nä her zu beschäftigen. Von der Schrift „A uf was kommt es in Rußland an?“, die ein gewisser Hauptmann Schott verfasst hatte und kurz zuvor im „Militär-Wochenblatt“ erschienen war, erhielt die Polizeischule Fürstenfeldbruck Mitte November 1942 insgesamt zehn Exemplare. Das Anschreiben des Hauptamts Ordnungspolizei wies explizit darauf hin, das Dokument beinhalte „alle wesentlichen Punkte, die bei der Ausbildung der für den Osten vorgesehenen Kräfte und im Osteinsatz selbst zu beachten sind“.1178 Der Autor stellte darin zehn wichtige Regeln auf, nach denen ein deutscher Kämpfer in Russland zu handeln habe. Diese offenba ren jedoch vielmehr, wie der Offizier vom Osteinsatz und von seinen Gegnern dachte. Dar in finden sich wesentliche Gedanken wieder, die nicht nur in der polizeilichen Ausbildung, sondern auch innerhalb des Polizeiapparats virulent waren: Der Landser müsse zunächst einmal gerade nachts aufmerksam Wache schieben, um nicht überrascht und Opfer eines russischen Angriffs zu werden, der typischerweise in der Dun kelheit erfolge. Zudem habe er den Feind und das Gelände gründlich zu erkunden, aber sich auch darum zu kümmern, dass der Nachschub unbedingt bei der Truppe eintreffe, um sie zuverlässig versorgen zu können. Darüber hinaus verlangte er, dass jeder seine eigenen Be dürfnisse zum Wohle aller zurückstelle, um anderen ein guter Kamerad zu sein und notfalls für ihren Schutz sogar das eigene Leben zu opfern. Ein Angehöriger der deutschen Truppen sollte ferner improvisieren und mit dem arbeiten können, was er in der Sowjetunion vorfin de, da auch sein Gegner diese Fähigkeit meisterlich beherrsche. Auch wenn es dazu des Drills der Politkommissare bedürfe, arbeite und kämpfe der ansonsten faule Russe unermüdlich für den Sieg, woran sich der Deutsche ein Beispiel nehmen solle.1179 Das gelte nicht zuletzt für die eigene Hygiene. Denn der deutsche Soldat müsse sich auch im Osteinsatz sauber hal brief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Ausbildung der geschlossenen Einheiten der Ordnungspol. in der Nahbekämpfung von Panzerkampfwagen, 15.06.1942. 1176 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Winkelmann (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Polizeioffiziersschulen: Erfahrungen bei Stoßtruppunternehmungen in Rußland, 06.08.1942. 1177 Ebd., S. 4. 1178 BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Grünwald (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Ausbildung der im Osten eingesetzten und für den Osten bereitgestellten Kräfte der O rdnungs polizei, 17.11.1942. 1179 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. A. Grünwald (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizei schule FFB: Ausbildung der im Osten eingesetzten und für den Osten bereitgestellten Kräfte der O rd nungspolizei. Abschrift aus dem Militär-Wochenblatt vom 28. August 1942, 127. Jahrgang Nummer 9. Auf was kommt es in Rußland an?, 17.11.1942, S. 1-3. 234 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate ten und regelmäßig waschen, was „ihm das Gefühl des Kulturmenschen, im Gegensatz zu der Bevölkerung des bolschewistischen Landes“ erhalte.1180 Es stehe ihm „kein kulturell ebenbürtiger Gegner gegenüber. Größter Vorteil des Bolsche wisten gegen uns sind seine hoch entwickelten tierischen Instinkte und seine Empfindungs losigkeit gegen Witterung und Gelände.“ Deshalb müssten die Führer mit ihren Untergebe nen regelmäßig in Wäldern und Sumpfgebieten trainieren, um sie abzuhärten und „zu Kämpfern gegen den Bolschewismus“ zu erziehen.1181 Wie es in derlei Schriften häufig zu fin den war, charakterisierte Hauptmann Schott die russische Kampfweise als heimtückisch und hinterlistig, wobei er ergänzte: „In tausend Möglichkeiten lauert das Verderben, angefangen bei der russischen Zivilbevölkerung, der auf keinen Fall, und erscheine sie noch so harmlos, zu trauen ist.“ Diese Drohkulisse erweiterte er, indem er für die sowjetischen Kriegsgefan genen klarstellte, dass besonders die jüngeren unter ihnen fanatische Kommunisten und zu „jeder Gemeinheit fähig“ seien, weshalb ihnen besonders misstraut werden müsse.1182 „Die Opfer der bolschewistischen Massenangriffe werden dem jungen Soldaten oft ein Bild bie ten, für die er sein Herz stark machen muß“, wie Schott zu wissen glaubte.1183 Er müsse psy chisch wie physisch hart und sich klar darüber sein, im Einsatz sterben zu können, um trotz dem selbstbewusst gegen seine Gegner zu kämpfen. Seine Offiziere könnten ihn sogar mit dem Tod bestrafen, sofern er sich feige zeige und seiner Pflicht nicht nachkomme. „Erst im Kampfe der beiden Weltanschauungen gegeneinander, im Ansturm der roten Massen, wird einem klar, daß das Leben des einzelnen in diesem Kampf überhaupt keine Rolle spielt“, re sümierte der Autor.1184 An all diesen Beispielen zeigt sich, dass der SS- und Polizeiapparat keineswegs streng zwischen den einzelnen Waffenträgern trennte, wenn es darum ging, für den Unterricht nützliche Informationsquellen zu verwenden. Vielmehr bediente sich Himm lers Imperium bei der „Konkurrenz“, um so Synergieeffekte zu erzielen. Zusätzlich setzte die Polizeischule gelegentlich Materialien im Unterricht ein, die von den deutschen Gegnern stammten. Entweder aus der ausländischen Presse oder aus Beutegut wurden solche Schriftstücke entnommen, die ins Deutsche übersetzt und im NS-Ausbildungssystem verwendet wurden. A uf diese Weise lernten die Anwärter ihre Feinde besser kennen und konnten so abseits der aggressiven Propaganda einen tieferen Blick in deren Denk- und Lebensweisen erhaschen. Anfang 1943 schickte das Hauptamt Ordnungspolizei z. B. einen Artikel aus der Londoner Times vom 12. November des Vorjahres an die Offiziers schulen. Er befasste sich mit der „Heeres-Infanterie-Schule“ und schilderte „Neue Metho den in der Kriegsführung“.1185 Aus dem Dokument geht hervor, dass britische Generäle nach der Niederlage in Dünkirchen neue Maßstäbe für die Kampfausbildung entwickelten. Ins besondere General Alexander sei es zu verdanken, dass die Armee auf seine Denkschrift re agiert und neue Divisions-Kampfschulen eingerichtet habe. Mitunter auf die so entstande ne Schulung sei es zurückzuführen, dass sich die Infanterieverbände des Vereinigten Königreichs im Afrikafeldzug sehr erfolgreich schlügen. A uf die neuen Methoden der Aus bildung ging der Artikel nur sehr vage ein. Doch weil die neuen Bildungsstätten ausschließ 1180 Ebd., S. 2. 1181 Ebd., S. 1. 1182 Ebd., S. 2. 1183 Ebd., S. 3. 1184 Ebd., S. 3. 1185 BayHStA München, Polizeischule FFB 175, I. A. Dr. Kühhas (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Po lizeischule FFB: Übersetzung aus The Times, London vom 12.11.1942 „Heeres-Infanterie-Schule. Neue Methoden in der Kriegsführung“, 19.01.1943. 235 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lich Lehrgänge für Offiziere abhielten, dürfte sich die Polizeischule Fürstenfeldbruck durch aus dafür interessiert haben, was die ausländische Konkurrenz auf diesem Gebiet leistete.1186 Eine der wichtigsten Quellen aus den Reihen der deutschen Feinde war ein Auszug aus der „Kampfvorschrift für die Infanterie der Roten Armee“, welche die Heeresdruckerei des Volks kommissars für Verteidigung 1941 in Moskau herausgegeben hatte. Ein gewisser M ajor H. Schneider hatte sie aus dem Russischen übersetzt und mit eigenen Vermerken ergänzt. Sie beschrieb vor allem, nach welcher Gefechtstaktik Offiziere, Einzelkämpfer und Gruppen von Soldaten zu agieren hätten.1187 Das Hauptamt Ordnungspolizei ließ dieses Dokument aber nicht nur seinen Lehranstalten, sondern auch höheren Dienststellen und Einheiten der uniformierten Polizei in Osteuropa zukommen. Es zeige, dass von den sowjetischen Solda ten „unbedingter Gehorsam, Verantwortungsfreudigkeit sowie Bereitschaft zur Selbstaufop ferung“ verlangt werde. Aus ihm seien aber auch „die Tendenz der Anerziehung des unbe dingten Vernichtungswillens sowie der wiederholte Hinweis auf die Notwendigkeit der Anwendung von Tarnung und Kriegslist“ ersichtlich.1188 Anscheinend zielten diese Hinwei se abermals darauf ab, die Abscheu des Lesers vor der Armee der „Untermenschen“ zu ver größern und ihre Richtlinien zum Kampf als Ausdruck ihres angeblich verkommenen Wer tesystems zu brandmarken. Doch es ist nicht auszuschließen, dass die Polizisten bei dieser Lektüre gleichzeitig in einen Spiegel blickten. Denn in der übersetzten Version fanden sich zahlreiche Kommentare, die Parallelen zu den Heeresdienstvorschriften der deutschen Wehr macht ausmachten, weshalb die Schrift in der Ausbildung äußerst wertvoll gewesen sein dürft e . 1189 Nicht nur der permanent bedrohliche Feind in den besetzten Gebieten und an der Front beschäftigte den Taktikunterricht. Vor allem kurz vor Kriegsende setzten sich Klausuren auch noch mit dem Feind im eigenen Land auseinander, von dem die Ordnungshüter gehoffi hat ten, ihn längst im Griff zu haben. Mit einer anderen Form von widerständigem und kämp ferischem Verhalten befasste sich z. B. eine Prüfungsaufgabe des 27. Reserve-OAL vom 27. März 1945. In dieser mussten sich die Schüler damit auseinandersetzen, dass die Front ge gen Kriegsende immer näher rückte, was sich auch auf die „Heimatfront“ auswirkte. Die Rote Armee versuche durch Radiosendungen „die in Deutschland beschäftigten fremdlän dischen Arbeitskräfte zum offenen Aufruhr“ anzustacheln, was in Teilen von Erfolg gekrönt sei.1190 Unterstützt durch die sowjetische Luftwaffe sei es ausländischen Landarbeitern und ehemaligen Kriegsgefangenen gelungen, sich mit Waffen auszustatten. Dabei habe es „zahl reiche Übergriffe gegen die bäuerliche Bevölkerung“ gegeben, was demonstriere, wie gefähr lich die Aufständischen seien.1191 Bevor sich noch etwas Schlimmeres ereigne, müsse das SS- Polizeiregiment 14 aus dem „Osten“ her ausrücken und die feindlichen Kräfte im Westen Münchens vernichten.1192 Um diese Aufgabe zu erfüllen, mussten die Schüler eine Schlacht mit den Rebellen per Federhalter austragen und dabei möglichst nahe an die Musterlösung des Prüfers herankommen. Neben allen militärtaktischen Feinheiten sah diese vor, mit den 1186 Vgl. ebd. 1187 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. V. von Bomhard (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Kampfvorschrift für die Infanterie der Roten Armee, 10.07.1942. 1188 Ebd., S. 1. 1189 Vgl. u. a. ebd., S. 4 und 6. 1190 BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsaufgabe (Taktik), 27.03.1945, S. 1. 1191 Ebd., S.1. 1192 Vgl. ebd., S. 1f. 236 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate bewaffneten Aufrührern einfach kurzen Prozess zu machen: „Als Bandenbekämpfungsver fahren kommt dasjenige der Einschließung und Vernichtung in Frage.“1193 Doch nicht erst in den letzten Kriegsmonaten schürte der Ausbildungsapparat die Angst vor dem „Feind im Innern“. Bereits in den Friedensjahren mussten Brucker Polizeischüler gedanklich gegen ihn zu Felde ziehen. Das demonstriert eine Aufgabe vom Januar 1939, die den 2. und 3. Offiziersausbildungslehrgang beschäftigte und in einem taktischen Gedanken spiel einen Krieg des blauen und augenscheinlich deutschen Staates mit einem roten „Ost staat“ herauffieschwor. Gleichzeitig versuche ein gelber Staat, seinen blauen Nachbarn zu schwächen, indem er dort mit eigenen Agenten und Offizieren auf eine „Bandenbildung“ hinwirke.1194 Außerdem werde München bombardiert, worauffiin „ehemalige Linkskräfte“ die „Panikstimmung der Bevölkerung“ ausnutzten, um einen Aufstand zu organisieren, wes halb erneut die Ordnungsmacht gefordert sei.1195 Diese müsse nun den „Kam pf mit Aufrüh rern“ aufnehmen, wobei ein Polizeibataillon in Pasing gegen „Banden“ vorzugehen und eine „Befriedung“ des Stadtteils durchzuführen habe.1196 Eine weitere Klausur konfrontierte einen Lehrgang für Revieroffiziere im Frühjahr 1940 mit einem ähnlich heiklen Szenario. Wegen zahlreicher Luftangriffe auf die Gegend Rotthausen sei die Lage so angespannt, dass die dort befindlichen Kriegsgefangenen aus Frankreich eine bewaffnete Revolte gestartet hätten, die niedergerungen werden müsse.1197 Während des Krieges mussten sich weitere Lehrgänge auf dem Papier mit ähnlich chaotischen Verhältnissen befassen, die nach Bombardements und feindlichen Attacken herrschten.1198 Auch solche Kämpfe fochten die Polizeischüler nicht nur auf dem Papier aus. Bei einer praktischen Übung mussten sich 1939 abermals die Schüler des 2. und 3. Offiziersausbildungs lehrgangs in die Lage versetzen, Deutschland befinde sich seit wenigen Monaten im Krieg. In München und Augsburg sei es deshalb nach „mehrfachen Terrorluftangriffen“ zu Aufstän den gekommen, gegen die es nun vorzugehen gelte.1199 Wenige Monate zuvor hatten die bei den Kurse ein Planspiel durchgeführt, das sich ebenfalls mit Unruhen beschäftigte. Laut Plan seien diese in der Landeshauptstadt und in anderen süddeutschen Städten entstanden. Be waffnete Revoluzzer hätten unter anderem den Münchner Hauptbahnhof, den Justizpalast sowie das Rathaus besetzt und den Verkehr lahmgelegt. Die Aufständischen hätten sich in der Innenstadt in Widerstandsnestern verschanzt und müssten von Polizeieinheiten bezwun gen werden.1200 Dem Urheber dieses Szenarios war es wichtig zu bemerken, dass es sich da 1193 BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsaufgabe (Taktik). Mögliche Lösung, 27.03.1945, S. 1. Hervorhebung im Original. 1194 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Polizeischule FFB: Aufgabe aus der Pol.Verwendung, Ja nuar 1939. 1195 Ebd. 1196 Ebd. 1197 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Polizeischule FFB: 4. Klassenaufgabe (Polizeitaktik), 28.02.1941. 1198 Vgl. z. B. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 142, Polizeischule FFB: 1. Prüfungsaufgabe (Pol.Taktik), 03.11.1941. 1199 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 120, Stüber (Polizeischule FFB): Geländebesprechung am 21.6.1939, [Juni 1939]. 1200 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Polizeischule FFB: Planspiel. Thema: Schulung im Straßenkampf, Februar 1939, S. 1 f. Ein ähnliches Szenario wartete auf die beiden Lehrgänge etwa zur gleichen Zeit in einer schriftlichen Aufgabe im Taktikunterricht. Vgl. BayHStA München, Polizeischu le FFB 120, Polizeischule FFB: Aufgabe aus Taktik, 22.02.1939. 237 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k bei um eine fiktive Situation handle, „welche in früheren Jahren möglich gewesen wäre, heu te nur als Schunlungsbeispiel [sic!] im Straßenkampf dienen soll“.1201 Diesen Seitenhieb richtete er gegen die Weimarer Sicherheitspolitik, welche die National sozialisten häufig für ihre Propaganda instrumentalisierten, um insbesondere Polizisten ge zielt anzusprechen und für sich zu gewinnen. Die Ordnungsmacht der zwanziger Jahre stell ten sie daher gerne als „System-Polizei“ dar, die in zweifacher Hinsicht ein bedauernswertes Opfer der linken Politik gewesen sei.1202 Zum einen missbrauchten sie Unruhen und Straßen kämpfe, die sich in der Weimarer Republik ereignet hatten, um den „Bolschewismus“ unter anderem für den Mitteldeutschen oder den Hamburger Aufstand verantwortlich zu machen. Dabei missbrauchten sie all jene Polizisten, die bei diesen und weiteren Einsätzen ums Le ben gekommen waren, und verklärten sie gewissermaßen zu „Gefallenen der Bewegung“.1203 „In diesem Sinne“, so Wilhelm Frick, seien „die im Kampfe gegen den Kommunismus und das übrige Verbrechertum gefallenen Polizeibeamten als Nationalsozialisten gestorben“.1204 Zum anderen sei die Weimarer Staatsgewalt laut Daluege von den politisch linksorientier ten Regierenden zu einer verhassten „Knüppelgarde“ degradiert und dazu ausgenutzt wor den, gegen ihren Willen gewaltsam gegen das eigene Volk vorzugehen.1205 Deshalb propagier ten die Nationalsozialisten sowohl gegenüber den Staatsdienern als auch den Bürgern, dass im „Dritten Reich“ nun eine volksnahe Ordnungsmacht existiere, die mit der Weimarer Po lizei nichts mehr gemein habe: „Wie könnte es auch im Reiche unseres Führers anders sein, als daß der Polizist wohl meinender Berater und Beschützer jedes einzelnen Volksgenossen ist, denn jene Zeit, in der man hinter jedem Polizeibeamten nur den ,bösen Mann’ erblickte, und daß un vernünftige Mütter den Schutzmann als ,Kinderschreck’ hinstellten, ist ja glücklicher weise vorbei.“1206 Die skizzierten polizeitaktischen Lehrmaßnahmen konfrontierten die Ordnungspolizisten mit einem Bedrohungsszenario, das den NS-Staat insbesondere in der Endphase des Krie ges tatsächlich intensiv beschäftigte. Die Furcht vor einem Aufstand der Fremd- und Zwangs arbeiter im „Altreich“ verlieh dem „Feind im Innern“ eine greiftare Gestalt. Ein Großteil der wehrfähigen Kräfte war an den Fronten eingesetzt, in Gefangenschaft geraten oder bereits gefallen und die gegnerischen Armeen rückten immer näher. Vor diesem Hintergrund ent 1201 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Polizeischule FFB: Planspiel. U em a: Schulung im Stra ßenkampf, Februar 1939, S. 1. 1202 Roland Schoenfelder/Karl Kasper/Erwin Bindewald, Vom Werden der deutschen Polizei. Ein Volks buch, Leipzig 1937, S. 283. Vgl. ferner ebd., S. 285-302. 1203 Vgl. dazu Hans Roden, Polizei greift ein. Bilddokumente der Schutzpolizei, Leipzig 1934, besonders S. 11-27. 1204 Geleitwort des Herrn Reichsministers Dr. Frick, in: ebd., S. 5. 1205 Kurt Daluege, Die Ordnungspolizei und ihre Entstehung im Dritten Reich, in: Hans Pfundtner (Hrsg.), Dr. Wilhelm Frick und sein Ministerium. Aus Anlaß des 60. Geburtstages des Reichs- und Preußi schen Ministers des Innern Dr. Wilhelm Frick am 12. März 1937, München 1937, S. 133-145, hier: S. 133. Als Symbol für die Weimarer Polizei galt den Nationalsozialisten vor allem der G um m iknüp pel, dessen Einsatz das Reichsinnenministerium bereits im Juli 1933 verbot. Vgl. Michael Sturm, „Un ter m ir wird alles weich“ - Eine Geschichte des Polizeischlagstocks, in: Lüdtke, Polizei, S. 325-347, hier: S. 330. 1206 18200 RM. Sammelergebnis am „Tag der D eutschen Polizei“, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 21./22.02.1942, Nr. 44, S. 3. 238 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate wickelte sich eine neue Dolchstoßlegende, die in den Lehrgängen auch an die angehenden Polizeioffiziere herangetragen wurde. Ob solch ein Unterricht mit dazu beitrug, die Beam ten zu fanatisieren, vermag nicht endgültig geklärt zu werden. In der Ausbildung schürte die Ordnungspolizei jedoch Ängste, die bereits den „auswärtigen Einsatz“ begleiteten und vor allem in der zweiten Kriegshälfte ein mörderisches Potential entfalteten. Einige Studien ver treten die tteorie, dass die deutsche Staatsmacht den „inneren Feind“ tatsächlich sehr fürch tete und ihn im „Altreich“ in ausländischen Arbeitskräften sowie abtrünnigen „Volksgenos sen“ zu erkennen glaubte. Gegen diese zu „Banden“ erklärten Opfer ging besonders die Gestapo in den letzten Kriegsjahren noch brutaler vor als bisher und verübte zahlreiche schwere „Endphaseverbrechen“. An ihnen hätten sich vor allem Beamte beteiligt, die zuvor im „Osteinsatz“ gewesen und dort äußerst brutal vorgegangen seien. Von diesem seien sie radikalisiert nach Hause zurückgekehrt, wobei sie nun Gewalt gegen heimische „Banden“ ausgeübt hätten, auf die sie die alten Feindbilder projizieren konnten.1207 Zur Polizeitaktik lässt sich resümieren, dass sie nicht nur auf der praktischen Zugführer ausbildung auftaute und sie ergänzte. Zusätzlich versuchte sie, den Offiziersanwärtern be wusst zu machen, warum es für sie so wichtig war, sich ordentlich auf dem militärischen Ge biet zu schulen. Außerdem vermittelte sie ihnen zentrale Feindbilder des Nationalsozialismus, die der Polizei jedoch schon lange vor der „Machtergreifung“ sehr vertraut waren. Schon in der Weimarer Republik sah die Ordnungsmacht Staat und Gesellschaft von kommunisti schen Unruhestiftern bedroht, die sich zu „Banden“ zusammenrotteten und gewaltsam den Status quo im Innern der Republik infrage stellten. Im „Dritten Reich“ griff Himmlers Macht apparat dieses traditionelle Schreckgespinst auf und lenkte es Richtung Russland. Die zent rale Botschaft lautete nun, dass Deutschland durch einen blutrünstigen „Bolschewismus“ mehr denn je gefährdet sei, der seine skrupellose Sowjetarmee, vor allem aber hinterhältig und feige kämpfende Freischärler auf die „Polizeisoldaten“ hetze. Nach Ansicht des „Staats schutzkorps“ drohte dieses System nun wieder, Konfliktherde an der „Heimatfront“ entste hen zu lassen, in denen sich vorwiegend linke Staatsfeinde bemühten, die „Volksgemein schaft“ zu Fall zu bringen. Die Polizeischule Fürstenfeldbruck bläute ihren Schülern daher vehement ein, wie sie all diese Gegner im Kampf um „Lebensraum“ niederringen und ver nichten könnten. Vor allem aber gegen „Banden“ sollten sie unbarmherzig wie radikal ein schreiten und sich dabei auf ihre angebliche militärtaktische Überlegenheit verlassen. 5 . 1 . 1 . 3 D as N a c h r ic h t e n w e s e n Um sich auf den Kampf gegen Partisanen, Aufrührer und „Bolschewisten“ vorzubereiten, ge nügte es aus Sicht der Ordnungsmacht nicht, sich ausschließlich auf die Polizeitaktik zu ver lassen. Auch erschien es ihr wichtig, dass sich ihre Schüler ein fundiertes Wissen über das Nachrichtenwesen aneigneten, das sich dem Funkverkehr der Ordnungspolizei widmete. Ob wohl nur eine Wochenstunde für dieses militärische Fach vorgesehen war, erhielt es ein gro 1207 Vgl. dazu ffialhofer, Entgrenzung, S. 89-93; Markus Günnewig, Rassenwahn und M assenmord - Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg am Beispiel der Staatspolizeistelle Dortmund, in: Schulte, Polizei, S. 105 137, hier: S. 124 f.; Gerhard Paul, „Diese Erschießungen haben mich innerlich gar nicht m ehr berührt.“ Die Kriegsendphasenverbrechen der Gestapo 1944/45, in: Ders., Gestapo (2000), S. 543-568, hier: S. 564 f.; Dams, Gestapo, S. 171; Schmid, Staatspolizei, S. 538 f. Ferner: Bernd-A. Rusinek, „Wat denks te, wat m ir objerüm t han.“ M assenmord und Spurenbeseitigung am Beispiel der Staatspolizeistelle Köln 1944/45, in: Paul, Gestapo (2003), S. 402-416, hier: S. 415. 239 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ßes Gewicht, das besonders während des Krieges noch weiter zunahm.1208 Da den Offiziers anwärtern bewusst sein sollte, wie enorm wichtig die polizeiliche Kommunikationstechnik im gewöhnlichen Dienst, aber vor allem im Gefecht war, behandelten die Fachlehrer diesen Punkt schon in der ersten Unterrichtsstunde. Beispiele aus dem Ersten und aus dem Zwei ten Weltkrieg dienten ihnen dazu, ihren Schülern anschaulich zu erläutern, welche Rolle di verse Fernsprechmittel einnahmen, wobei sie gerade jene Erfahrungen miteinbezogen, wel che die Polizei-Nachrichteneinheiten während des Einsatzes gemacht hatten.1209 Daneben ging es im Nachrichtenwesen für die Schüler vor allem darum, die technischen Feinheiten des Geräts kennenzulernen. Deswegen studierten sie, wie Fernsprechanlagen und Fernschrei ber der Polizei funktionierten und wie sie aufgebaut waren. Doch auch mit Alarmanlagen und Lautsprechern mussten die Polizisten zurechtkommen. Sie sollten nicht nur in der Lage sein, die entsprechenden Instrumente zu bedienen, sondern diese im Ernstfall auch selbst ständig zu reparieren.1210 Ferner stand auf dem Stoffplan, wie das deutsche Nachrichtenverbindungswesen organi siert war. In dieser Sektion wurde insbesondere durchgenommen, wie die Nachrichtenein heiten der uniformierten Polizei aufgebaut waren und welche Aufgaben sie erfüllten. Was die taktischen Zeichen dieser Spezialeinheiten überhaupt bedeuteten, war ebenfalls Gegen stand der Ausbildung.1211 All das mussten die Offiziersanwärter beherrschen, weil sie wahr scheinlich selbst in Polizeibataillonen oder SS-Polizeiregimentern zum Einsatz kamen. Für sie war es daher unerlässlich, mit kriegswichtigen Informationen inner- und außerhalb der Truppe richtig umgehen zu können. Nicht fehlen durfte im Unterricht, die Polizeiführer in spe ordnungsgemäß darüber aufzuklären, wie Nachrichten geheim gehalten oder verschlüs selt werden konnten, damit sie nicht dem Feind in die Hände fielen. Um dieses Wissen au ßerhalb des Standorts praktisch umzusetzen, veranstaltete die Schule für jeden Lehrgang zu dem ein Nachrichtenplanspiel.1212 An der grundsätzlichen Konzeption des Nachrichtenwesens änderte die Reform des Lehrplans im Jahre 1943 nichts, obwohl der Wert des Faches wahr scheinlich gewachsen sein dürfte. Denn die Kriegslage sorgte ohnehin dafür, dass die poli zeiliche Ausbildung immer deutlicher zu einer militärischen verkam.1213 Himmler war jedoch klar, dass ein Krieg allein mit Funkgeräten nicht gewonnen werden konnte. 1208 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 3. 1209 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 14. Nachrichtenwesen, [1942]. 1210 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S.21. 1211 Vgl. ebd., S. 21; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 169. Als Unterrichtsmaterial verwendeten die Lehrkräfte z. B. das „Merkblatt über den Polizei-Bataillons-Nachrichtenzug“ aus dem Hauptamt Ordnungspolizei. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, I. V. von Bomhard (Chef der O rd nungspolizei) an u. a. die Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Merkblatt über den Polizei-Bataillons-Nachrichtenzug, 20.05.1942. 1212 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 21. 1213 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 7. Nachrichtenwesen, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Scheu (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Nachrichtenwesen, [1944]. 2 40 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate 5 . 1 . 1 .4 D as W a f fe n w e s e n / P io n ie r w e s e n Das Fach Waffenwesen sollte den Schülern fundamentales Wissen über den Umgang mit Schuss- und Kriegswaffen aller Art vermitteln. Solche Ausrüstungsgegenstände ordnungs gemäß handhaben zu können, war innerhalb der Staatsgewalt elementar.1214 Für die Ord nungspolizisten war es zunächst einmal wichtig, zu wissen, in welchen Situationen sie über haupt befugt waren, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Nach Ansicht des Bayerischen Innenministeriums sollten die Beamten lieber einmal zu oft als einmal zu wenig schießen. So wurde den Offiziersanwärtern auch eingebläut, dass sie auf Personen zu feuern hatten, die bei der Festnahme flüchteten oder dies auch nur versuchten.1215 Ganz nach dem Geschmack des NS-Regimes waren Polizisten also dann, wenn sie „Männer der Tat“ waren.1216 Die Ge setzeslage füllte daher nur einen kleinen Teil des Waffenwesens aus, da rechtliche oder gar ethische Fragen hier ohnehin nicht allzu viel bedeuteten. Stattdessen arbeiteten die Fachleh rer darauf hin, dass die Schüler ihre Waffen fachgerecht einzusetzen vermochten. Aber der Unterricht erstreckte sich schon einige Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen nicht nur auf die üblichen Polizeiwaffen, sondern ging weit darüber hinaus. In den einzelnen Unterrichtseinheiten behandelten die Lehrkräfte zwar, wie die angehen den Polizeiführer mit Pistole und Gewehr umzugehen hatten. Aber auch weitere Feuer- und Kriegswaffen, wie etwa Maschinengewehre, Granatwerfer und Panzerabwehrkanonen (Pak), besaßen ihren Platz in diesem Stoffgebiet.1217 Nur wer sich mit seiner Ausrüstung gut aus kannte und deren Funktionsweise verstand, war auch in der Lage, ganze Einheiten in den Kampf zu führen. Die künftigen Polizeioffiziere hatten nicht bloß zu studieren, wie die ein zelnen Waffen en detail aufgebaut waren und gehandhabt werden sollten. Auch mussten sie darüber Bescheid wissen, was es tatsächlich bedeutete, in einem Gefecht die verschiedenen Schusswaffen und Kampfmittel taktisch einzusetzen. Die Lehrer sprachen daher über die „materielle und seelische Wirkung des Feuers am Ziel“.1218 Sie thematisierten auch, wie leich te und schwere Waffen kombiniert und dabei die unterschiedlichen Waffengattungen der Ordnungspolizei sowie der Wehrmacht eingesetzt werden konnten, um beispielsweise geg nerische Panzer auszuschalten.1219 Sofern sie in Polizeibataillonen oder anderen Einheiten zum Einsatz kamen, mussten die späteren Führungskräfte wissen, wie das umfangreiche Ar senal richtig zu benutzen war. Deshalb wurde ihnen beigebracht, mit Handgranaten richtig umzugehen, aber auch schwere Infanteriewaffen und Geschütze zu bedienen. Nicht zuletzt gehörte es aus Sicht der Schule auf den Lehrplan, dass sich die Polizisten mit der Munition 1214 Vgl. dazu Blood, Bandit Hunters, S. 166. 1215 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 9, [unleserlich] (Polizeischule FFB) an StMdI: Waffenge brauchsbestimmungen, 24.06.1937, S. 2 f. 1216 Westermann, Police Battalions, S. 77. Eigene Übersetzung des Originals. 1217 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 19; BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Lange (Polizeischule FFB): Lehrstoffver teilungsplan für die Gruppen- und Zugführerausbildung des 32. Offz.-Anw.-Lehrgangs, in der Zeit vom 12.1.43-28.2.43, [1943], S. 5. 1218 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 19. 1219 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 173. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Reichhart (Polizeischule FFB): 5. Waffenwesen, [1943]. 241 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k all dieser unterschiedlichen Waffenarten auskannten und diese richtig einzusetzen wussten.1220 Als eines der wichtigsten Fachbücher zum U em a half ihnen dabei der „Waffen- und Schieß technische Leitfaden für die Ordnungspolizei“.1221 Er behandelte nicht nur sehr detailliert, wie die einzelnen Waffen aufgebaut waren und wie sie funktionierten. Daneben lieferte er z. B. einen historischen Abriss darüber, wie sich Handfeuerwaffen im Laufe der Jahrhunderte ent wickelt hatten. Außerdem beschrieb er, wie eine Feldküche richtig eingesetzt werden sollte. Obwohl es nicht seinem eigentlichen Zweck entsprach, erinnerte er die Ordnungspolizisten am Ende sogar an ihre allgemeinen „Berufs- und Standespflichten“. Dabei sprach er von ih nen als den „grünen Soldaten Adolf Hitlers“.1222 Daran lässt sich ablesen, dass die national sozialistische Tugendlehre selbst vor diesem Fach nicht Halt machte, obwohl eigenständige Unterrichtsdisziplinen sie umfassend behandelten.1223 Der „Leitfaden“ befasste sich nicht zuletzt auch mit den Waffengesetzen und den bedeu tendsten Vorschriften. Eine der wichtigsten war die „Dienstanweisung über den Waffenge brauch der Polizeibeamten“, die Reichsinnenminister Frick am 2. August 1939 erlassen hat te.1224 Sie regelte unter anderem den „Waffengebrauch auf Befehl“. Ihr zufolge sei ein Polizist dazu „verpflichtet, die Waffe zu gebrauchen, wenn ein Vorgesetzter pflichtgemäß den Befehl hierzu erteilt hat“. „Die Verantwortung trägt dann allein der Vorgesetzte“, wie die Vorschrift gleich darauf klarstellte.1225 Während des Zweiten Weltkriegs sollte dieses Reglement dazu führen, dass sich die uniformierten Beamten nicht mehr für ihre Taten verantwortlich fühl ten. Aus ihrer Sicht haftete dafür stattdessen ihr Vorgesetzter, dessen Anweisungen sie ledig lich ausführten. Ihr verbrecherisches Handeln rechtfertigten sie also mit dem hierarchisch bestimmten Dualismus von Befehl und Gehorsam, worauf speziell Stanley Milgram hin wies.1226 Wer allerdings mit der Dienstanweisung besser vertraut war, musste jedoch wissen, dass er sich nicht in jeder Lage auf die Befehle seines Vorgesetzten berufen konnte. Das war gerade in jenen Situationen der Fall, in denen die Staatsdiener massenhaft unbewaffnete Z i vilisten erschossen. Denn Fricks Erlass stellte unmissverständlich klar: „Unzulässig ist der Schußwaffengebrauch in der Regel gegenüber Personen im Kindesalter sowie gegen Greise, Kranke oder sonst hilflose Personen.“1227 Wie das Treiben der „Polizeisoldaten“ vor allem in Osteuropa zeigt, hielten sich die Täter aber keineswegs an diesen Teil der Vorschrift. Das Waffenwesen erschöpfte sich nicht in einem rein theoretischen Unterricht. Auch prak tisch mussten die Teilnehmer lernen, mit den Handfeuerwaffen richtig umzugehen. Um dies eingehend zu trainieren, diente eine Schießausbildung, die kein eigenes Fach darstellte, son dern gewissermaßen Waffenkunde und Zugführerausbildung miteinander verband. Aller dings muss zwischen Schießlehre und Schießdienst unterschieden werden. Während jene vorwiegend theoretisch behandelte, wie die Beamten mit den polizeilichen Handfeuerwaf fen umzugehen hatten, setzte dieser das Gelernte in die Praxis um und war daher eher der 1220 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 21. 1221 Vgl. Karl Fischer, Waffen- und Schießtechnischer Leitfaden für die Ordnungspolizei, Graz 1975. Die ses Buch ist ein Nachdruck der 5. Auflage des Werks aus dem Jahre 1944. 1222 Ebd., S. 566. 1223 Siehe dazu Kapitel 5.1.2.5 und 5.1.4.2. 1224 Vgl. ebd., S. 480-482; RdErl. d. RMdI. v. 02.08.1939, in: RMBliV, 09.08.1939, Nr. 32, Sp. 1636-1638. 1225 Fischer, Leitfaden, S. 481. 1226 Vgl. Milgram, Milgram-Experiment, S. 11 und 214 f. 1227 Fischer, Leitfaden, S. 482. Hervorhebung im Original. 242 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Zugführerausbildung zuzurechnen.1228 Das Schieß training gewöhnte die Polizisten an ihre Waffen, so dass sie spätestens nach Lehrgangsende hinreichend erfahren sein sollten. Damit durften sie sich aber nicht begnügen. Stattdessen mussten sie regelmä ßig üben, aber auch fortwährend ihr Wissen und ihre Fertigkeiten verbessern. Damit sich die Anwär ter daran gewöhnen konnten, ihre Waffen praktisch zu handhaben, hatten sie nicht nur zu lernen, mit ihnen zu schießen. Nicht zuletzt waren die Lehrer darum bemüht, ihren Schützlingen beizubringen, wie das Gerät richtig zu lagern war und wie sie es verwalten sollten. Daneben mussten die Schusswaf fen ordentlich gepflegt werden, was die Schüler auch außerhalb des Unterrichts im Waffen wesen zu spüren bekamen. Denn das Lehrpersonal legte großen Wert darauf, dass die Offi ziersanwärter ihr Dienst- und Kampfwerkzeug regelmäßig reinigten und kontrollierten, weshalb ein wöchentlicher Waffenappell stattfand, den der Waffenwart der jeweiligen Ein heit durchführte.1229 Außerdem bildete das Aufgabenfeld eines Pioniers bereits in der ersten Kriegshälfte einen besonderen Komplex innerhalb des Waffenwesens, in dem die Lehroffiziere ihren Schülern beibrachten, diverse Sprengkörper, wie etwa Minen und Sprengfallen, zu entschärfen.1230 Ein solches Wissen über einen professionellen Umgang mit derlei Explosivstoffen wurde im Lau fe des Krieges immer wichtiger. Nachdem Himmler im Jahre 1943 die Lehrpläne reformiert hatte, bildete das Pionierwesen sogar ein eigenständiges Fach, das die Anwärter über diese Materie noch gründlicher auffilärte. Die späteren Polizeioffiziere mussten das gefährliche Ge rät unschädlich machen können und in der Lage sein, ihre Menge richtig zu berechnen und ihre Wirkung entsprechend einzuschätzen. Dazu war es für die Anwärter unerlässlich, sich mit den unterschiedlichen Typen von Zündern, Treibmitteln und Ladungen eingehend ver traut zu machen, damit die polizeilichen Pioniere wussten, wie etwa Brücken oder Straßen sperren gesprengt werden könnten.1231 Soweit es die Brucker Schule einrichten konnte, führ 1228 Im Lehrplan des 21. OAL werden Unterrichtseinheiten zum praktischen Umgang m it Waffen unter der Exerzierausbildung als Teil der Zugführerausbildung aufgeführt. Vgl. BayHStA München, Polizei schule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehr stoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 23. Allerdings weisen die Stundenpläne von anderen Lehrgängen darauf hin, dass die Schießlehre zwei W ochenstun den im ersten Teil der Ausbildung umfasste. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Stunden plan 28. Offizier-Anwärterlehrgang I. Teil, [1942]. Für den 27. OAL werden daneben jedoch noch zu sätzlich zwei weitere Schulstunden aufgeführt, die dem Schießdienst zur Verfügung standen. Da diese jedoch unmittelbar auf die Waffen- und Exerzierausbildung folgten, ist davon auszugehen, dass sie als praktisches Schießtraining dienten, während die eigentliche Schießlehre eher theoretisches Wis sen vermittelte. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Stundenplan für 27. Offizieranwär terlehrgang, [1942]. 1229 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Be fehl Nr. 1, 07.01.1938. 1230 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 19. 1231 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Augustin (Polizeischule FFB): 6. Pionierwesen, [1943], S. 1. Abbildung 21: Schießausbildung der Polizei (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 243 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te sie ihren Beamten am praktischen Beispiel vor, wie etwa Minen verlegt und gesichert werden sollten, was aufgrund der kritischen Versorgungslage während des Kriegs keines wegs gewährleistet war.1232 1944 legte die Schule sogar Anlagen auf ihrem Gelände und im Umland an, auf denen die Schüler üben konnten, mit Sprengmitteln und der Panzerfaust zu hantieren oder gegen Pan zer und Bunker vorzugehen.1233 Solche Manöver übten sie an einer Panzerattrappe, was zwar, laut Kommandeur Arno Hagemann, recht effektiv gewesen sei, jedoch erst in den letzten Monaten des Krieges erfolgte und somit viel zu spät kam.1234 Dagegen rückte für die Anwär ter in dieser Phase immer stärker in den Vordergrund, sich mit den Waffen der gegnerischen Verbände eingehend vertraut zu machen, welche die deutschen Verbände im Laufe des Krie ges ergattert hatten. Dieses Know-how war wichtig, weil die polizeilichen Kämpfer einerseits in der Lage sein sollten, mit allem zu kämpfen, was sie auf den Schlachtfeldern in die Hän de bekamen. Andererseits war dieser Ausbildungsinhalt auch der Tatsache geschuldet, dass die Polizeieinheiten an den Fronten großteils mit den erbeuteten Waffen ihrer Feinde ausge stattet waren.1235 Daneben brachten die Lehrkräfte ihren Schützlingen ein weiteres zentrales Tätigkeitsfeld des Pioniers näher, indem sie die Offiziersanwärter darin unterwiesen, Stege, Flöße und Brücken, aber auch Kampfanlagen und Unterstände wie etwa Lager und Biwaks zu bauen.1236 Ferner erfuhren die Polizisten, wie „Reizgase im Kampfeinsatz der Truppe“ an gewendet werden sollten und wie sie wirkten.1237 Die Prüfungen im Waffen- bzw. Pionierwesen fragten z. B. danach, welche Vorzüge und Nachteile eine Maschinenpistole gegenüber einem Maschinengewehr besitze oder was eine gute Schusswaffe eigentlich ausmache.1238 Andere Klausuren schlugen schon einmal Töne an, die den Schülern bereits aus anderen Fächern bestens bekannt waren. So erklärte eine Prü fung des 36. OAL, dass ein Zug von Pionieren gegen Partisanen vorgehen müsse, die in der Nähe der Polizeischule mehrere Sprengstoffanschläge auf Bahngleise verübt hätten. Die fik tive Polizeitruppe habe nun den Auftrag, „das Banditenlager am Fürstenstern anzugreifen und zu vernichten“ und „das Bandennest mit Flammenwerfern auszuräuchern“, weshalb die Pioniere zuvor einen Übergang über die Amper schaffen müssten.1239 Zwar diente der hier angesprochene Kampf gegen Partisanen lediglich als Kulisse. Doch konstruierten die Bru- 1232 Vgl. ebd., S. 1. 1233 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 2. 1234 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 2. 1235 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 2 und 4; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 3. 1236 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Augustin (Polizeischule FFB): 6. Pionierwesen, [1943], S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffvertei lungsplan für Pionierwesen, [1944]; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Koschmieder (Poli zeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Pionierwesen, 23.05.1944. 1237 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 19. 1238 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsaufgabe (Waffen wesen), 22.08.1944. 1239 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 3. Prüfungsaufgabe (Pionierwesen), 05.04.1944. 244 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate cker Prüfer auch in anderen Fällen derart kriegerische Szenen, in denen die Schüler in ih rem Geiste Eisenbahntrassen freikämpfen oder Brücken und Verkehrswege zur „Frontbe gradigung“ zerstören mussten.1240 Mit einer regulären Polizeiarbeit hatte das nichts mehr gemein. 5 . 1 . 1 .5 D ie K ö r p e r s c h u lu n g u n d d ie R e it a u s b ild u n g Auch wenn sie nicht unmittelbar zu den militärischen Fächern gehörte, lässt sich die Kör perschulung sehr wohl in diesem Bereich verorten. Schließlich bereitete der Sportunterricht die Anwärter nicht nur auf ihren alltäglichen Polizeidienst in der Heimat vor, sondern hatte auch deren körperliche Fitness für den „auswärtigen Einsatz“ im Sinn. Er ergänzte damit die übrigen militärischen Disziplinen, für die ein großes körperliches Leistungsvermögen un abdingbar war. Gleichwohl besaß der Polizeisport einen eigenständigen Charakter, der ihn durchaus von einer rein militärischen Ausbildung abzugrenzen vermochte. Denn diese Dis ziplin untermauerte gleichzeitig, wie viel dem Himmlerschen Polizeiapparat daran gelegen war, dass seine Angehörigen ihr physisches Potential gänzlich ausschöpften. Im NS-Staat galt der Sport generell und speziell in der Schutzstaffel als Instrument zur rassischen Auslese, die letztlich den Typus eines selbstdisziplinierten und linientreuen „Herrenmenschen“ zum Vor schein bringen sollte.1241 Vor allem im Wettkampf stellte sich heraus, ob die Arbeit des Ein zelnen am eigenen Körper ausreichte, um sich mit anderen messen zu können - egal, ob auf dem Sportplatz oder auf dem Schlachtfeld. A uf diesem Weg fand eine leistungsorientierte Selektion statt. Sie beabsichtigte, den gesunden und soldatischen Kämpfer vom Rest der deut schen Männer zu trennen, die körperlich einfach zu schwach waren oder nicht den rassi schen Kriterien entsprachen. Zugleich erfüllte der Sport eine integrative Funktion, die das Individuum in die Gemeinschaft seiner Kameraden oder auch seiner Mitstreiter und letzt lich in den gesamten „Volkskörper“ einfügen sollte. Über das kollektive Erlebnis sollte so das individuelle Selbstbewusstsein und die gesellschaftliche Verbundenheit gestärkt werden.1242 Daher bevorzugte das NS-Regime den gemeinschaftsbildenden Massensport gegenüber dem Leistungssport, der aus seiner Sicht für einen verdammenswerten Nonkonformismus stehe.1243 Der polizeieigene Sport ging jedoch nicht auf die Nationalsozialisten zurück, sondern be saß eine längere Tradition. Bereits in den ersten Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs er hielt er einen wachsenden Stellenwert. In dieser Phase erkannte die Staatsmacht, wie wich tig es war, dass sich ihre Vertreter körperlich ertüchtigten. Vielerorts gründeten sich einzelne Zirkel aus ehemaligen Angehörigen der kaiserlichen Armee oder der Freikorps, die nun als Gesetzeshüter gemeinsam turnten oder andere Sportarten ausübten. Darüber hin 1240 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. Waffenwe sen/Pionierwesen, 13.09.1944, S. 5. 1241 Vgl. Berno Bahro, Der SS-Sport. Organisation - Funktion - Bedeutung, Paderborn 2013, S. 297; Kai Reinhart/Michael Krüger, Funktionen des Sports im m odernen Staat und in der m odernen Diktatur, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 43-77, hier: S. 43. Ferner: Paula Diehl, Macht - Mythos - Utopie. Die Körperbilder der SS-Männer, Politische Ideen, Bd. 17, Berlin 2005, S. 160; Philipp Felsch, Volkssport. Zur Ökonomie der körperlichen Leistungsprüfung im Nationalsozialismus, in: SportZeit 1/3 (2001), S. 5-30, hier: S. 8. 1242 Vgl. Bahro, SS-Sport, S. 298-301. 1243 Vgl. Hans-Ulrich Ludewig, Sport und Nationalsozialismus, in: Neue politische Literatur 30 (1985), S. 401-420, hier: S. 402. 245 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k aus fungierten sie zugleich als „Pflegestätten eines bewußten nationalen Wehrwillens“, wie es später die NS-Propaganda deutete.1244 Dass es sich dabei nicht bloß um einen Trend han delte, zeigt sich etwa daran, dass Ordnungshüter bereits zu Beginn der Weimarer Republik eigene Sportvereine und Fußballmannschaften aus der Taufe hoben, die Sportfeste organi sierten und Wettkämpfe austrugen.1245 Am 29. September 1924 entstand sogar ein eigener Reichsausschuss für Polizeisport in Leipzig, der mit der Zeitschrift „Deutscher Polizeisport“ seit 1925 über ein eigenes Verbandsorgan verfügte. Beider bemächtigten sich schnell die Na tionalsozialisten und benutzten sie nach der Machtübernahme als Werkzeuge ihrer politi schen und ideologischen Interessen. Der Reichsausschuss wurde bereits Mitte 1934 aufgelöst. An seine Stelle trat ein eigener Sachbearbeiter für Polizeisport im Reichsministerium des In nern, der auch als Bundessportwart im „Kameradschaftsbund Deutscher Polizeibeamten“ tä tig war. Die nationalsozialistische Polizeigewerkschaft entsendete ihre Sportwarte, welche die einzelnen Vereine der Ordnungsmacht dezentral überwachen und zusammen mit deren Leitern auf Linie bringen sollten. Daneben hatten sie aber auch Polizisten anzuwerben, die bisher den Polizeisportvereinen fern geblieben waren. Diese Körperschaften waren gleich zeitig im Reichsbund für Leibesübungen organisiert.1246 Im Jahre 1935 bilanzierte der schei dende Sachbearbeiter für Polizeisport, Major Rosenfeld, dass sich in 106 Sportvereinen der Polizei rund 45.000 Mitglieder befunden hätten.1247 Die Sportschulen der Polizei konnten sich auch nicht dem Zugriff der Nationalsozialisten entziehen. Die Polizeischule für Leibesübungen in Berlin-Spandau etwa war bereits seit dem 16. Februar 1921 eine solche Bildungsstätte, die in ihren Lehrgängen ausgewählte Polizeibe amte sportlich aus- und weiterbildete.1248 Auch den Charakter und den Inhalt des Sports in strumentalisierten die neuen Herrscher für ihre Propaganda und richteten sie an den mili tärischen Zielen des Regimes aus. Seit 1935 trainierten die Polizeisportler intensiv für die Olympischen Sommerspiele des folgenden Jahres, an denen einige Ordnungshüter selbst teil nahmen. Mit dem Polizei-Fünftampf bemächtigte sich der NS-Staat zudem einer berufsei genen Kombinationssportart, die bereits seit Mitte der zwanziger Jahre aus den Disziplinen Laufen, Schwimmen, Weitsprung, aber auch Pistolenschießen und Handgranatenweitwurf bestand.1249 1244 Vor neuen Aufgaben, in: Roland Schoenfelder (Hrsg.), 15 Jahre deutsche Polizei-Sportbewegung, Ber lin 1936, S. 19-27, hier: S. 19. 1245 Vgl. Die Polizei-Fußballmannschaften im Deutschen Fußballbund, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 303 312, hier: S. 304. Ferner: Siggemann, Polizei, S. 125; Danner, Ordnungspolizei, S. 138 f. 1246 Vgl. Geschichte der deutschen Polizeisportbewegung, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 29-151, hier: S. 29, 33 und 41 f. sowie 137 und 143-147; Die Zeitschrift „Deutscher Polizeisport“, in: Schoenfelder, 15 Jah re, S. 359-363. Der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen entstand im Frühjahr 1934 und war der Dachverband des Sports im „Dritten Reich“, den der Reichssportführer Hans von Tschammer und Os ten leitete. Seit Ende 1938 hieß er Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen und war der NSDAP angegliedert. Vgl. dazu: Hajo Bernett, Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Dik tatur. Die Entstehung des Deutschen (Nationalsozialistischen) Reichsbundes für Leibesübungen, Bei träge zur Lehre und Forschung im Sport, Bd. 87, Schorndorf 1983, insbesondere S. 15 und 27. 1247 Vgl. Major Rosenfeld, Die deutsche Polizeisportbewegung und der Kameradschaftsbund. Vortrag bei der Reichstagung des Kameradschaftsbundes deutscher Polizeibeamten, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 273-285, hier: S. 277. Sein Nachfolger war Major E. Stöwe, der ab 1. August 1935 dieses Amt inne hatte. 1248 Vgl. Die Polizei-Sportschule, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 249-264. 1249 Vgl. Der „Polizei-Fünftampf“, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 235-248. Ferner: RdErl. d. RuPrMdI. v. 22.07.1935, in: MBliV, 31.07.1935, Nr. 31, Sp. 979-980b. 2 46 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Um restlos alle Beamten sportlich wie ideologisch zu erfassen und auf den nahenden Welt anschauungskampf vorzubereiten, wurde „jedem Angehörigen der Polizeiexekutive die ste te Schulung seines Körpers zur besonderen Pflicht gemacht“.1250 Die „Gesetzeshüter“ muss ten sich einer Reihe von Leistungstests unterziehen, die ihrer physischen Kondition in regelmäßigen Abständen einer Nagelprobe unterzogen. Daluege betonte, dass insbesondere die Offiziere mit gutem Beispiel vorangehen müssten, um auch ihre Untergebenen für die außerdienstliche Körperschulung zu begeistern.1251 Die Ordnungspolizisten sollten nach den gleichen Idealen sportlich ausgebildet werden wie die SS, weshalb die Sportlehrer ausführli che Leitfäden für die Körperschulung erhielten. „Opferbereitschaft und Entschlossenheit, Manneszucht und Pflichtgefühl, unbedingte Unterordnung, selbstloser Kameradschaftssinn und Festigung der nationalsozialistischen Weltanschauung“ propagierte der SS- und Polizei apparat dabei als oberste Werte und Tugenden, auf die der Sportunterricht abzielen sollte.1252 Insofern fügte sich die polizeiliche Körperschulung zumindest theoretisch in das pädagogi sche Gesamtkonzept des SS- und Polizeiapparates ein. Es überrascht deshalb nicht wirklich, dass der Polizeisport in den Offiziersanwärterlehr gängen nicht zu kurz kam. Kommandeur Dr. Oskar Lossen sah in ihm „ein nicht zu entbeh rendes Selbsterziehungsmittel“ für die Polizisten.1253 Während die Teilnehmer sich auch au ßerhalb des Unterrichts fit halten sollten, standen der Körperschulung offiziell zwei Wochenstunden zur Verfügung. In ihnen wechselten sich Einheiten in der Gymnastik, im Geräteturnen, im Schwimmen und in der Leichtathletik ab. In den letzten dieser drei Kate gorien hatten die Teilnehmer anfänglich über mehrere Wochen hinweg eine Leistungsprü fung abzulegen.1254 Bald ging der Ausbildungsapparat jedoch dazu über, diese Prozedur durch eine Abschlussbesichtigung zu ersetzen.1255 Diese fand zum Ende des Kurses statt und war Teil der gesamten Abschlussprüfung. Während des Lehrgangs mussten die Schüler in den regulären Sportstunden eine möglichst gute Figur abgeben, wenn sie etwa mit Medizinball und Kugel oder an Barren, Reck und der Gitterleiter turnten.1256 Aber auch im Wasser hatte ein Polizist zurechtzukommen, weshalb die Schwimmausbildung mehrere Stunden bean spruchte, die ein Wasserballspiel auflockerte.1257 Zudem wurde von den Anwärtern verlangt, in der Lage zu sein, bei Badeunfällen oder in ähnlichen Situationen einzugreifen und als Ret tungsschwimmer Erste Hilfe zu leisten.1258 Gerade der Ausdauersport kam an den polizeili chen Bildungsstätten nicht zu kurz. Die Schüler absolvierten öfters Langstrecken-, Hinder nis- und Waldläufe von mehreren Kilometern Länge.1259 Darüber hinaus waren diverse 1250 Aufgaben, S. 25. 1251 Vgl. ebd., S. 27. 1252 IfZ Archiv, 11/Dc 029.016, Hinweise für die dienstliche Körperschulung in der SS und Polizei, bearb. v. der SS-Reichsschule für Leibeserziehung, Berlin 1944, S. 7. 1253 Der 8. Einheitslehrgang an der Polizeihauptschule feiert Abschied, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 20.07.1935, Nr. 166, S. 4. 1254 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 141. 1255 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Kö penick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Ma riaschein, 28.02.1941, S. 22. 1256 Vgl. ebd., S. 22. 1257 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 141. 1258 Dass diese Ausbildung in Erster Hilfe ebenfalls ein ffiem a der Brucker Ausbildung war, zeigen einige Dokumente in BayHStA München, Polizeischule FFB 177. 1259 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 247 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Ballsportarten bei den Polizisten äußerst beliebt. Während Faust- und Handball regulär auf dem Lehrplan standen, spielten sie in ihrer Freizeit nur allzu gerne Fußball.1260 Das diente je doch nicht ausschließlich dem rein spielerischen Vergnügen. „Ballspiele, als Kampfspiele be trieben, fördern Wendigkeit und Geschicklichkeit und wecken den Ein- und Unterordnungs willen, den Mannschafts- und Kameradschaftsgeist, die selbstlose Aufopferung und gesteigerte Leistung zum Erfolge der Mannschaft, zum Wohle des Ganzen“, wie der Sachbe arbeiter für Polizeisport Major E. Stöwe in einem Aufsatz aus dem Jahre 1936 klarstellte.1261 Ebenfalls nicht nur zum Spaß machte die Polizeischule Fürstenfeldbruck bei den Deut schen Meisterschaften im Polizeifünftampf mit. An solchen Wettkämpfen nahmen die bes ten Sportler der Ordnungsmacht teil, welche die einzelnen Standorte in Ausscheidungskämp fen ermittelten. Für die einzelnen Dienststellen war es sehr prestigeträchtig, einen erfolgreichen Athleten in den eigenen Reihen zu haben, was in gewisser Hinsicht auch für die Brucker Institution galt. Wie die Lokalpresse verkündete, wurde einer ihrer ehemaligen Schüler am 7. August 1938 in Berlin sogar Deutscher Polizeimeister, während ein weiterer den dritten Platz belegte.1262 Die Schule beteiligte sich von Fürstenfeldbruck aus an dem Spek takel, indem sie vor Ort die sportlichen Leistungen ihrer Kandidaten überprüfte. Dabei hat te der hauseigene Sportoffizier großen Wert darauf zu legen, dass die Lehrgangsleiter sie nach einheitlichem Maßstab evaluierten.1263 Zum Fitnessprogramm an der Brucker Lehranstalt ge hörte es auch, dass ihr Personal und die Schüler jährlich eine Leistungsprüfung absolvierten, der eine ärztliche Untersuchung voranging. Allerdings gehörte sie ebenfalls nicht zum Un terricht, weil sie obligatorisch im gesamten Polizeiapparat abgelegt werden musste. Doch auch bei dieser Gelegenheit konnten die Staatsdiener gemeinsam trainieren und sich kör perlich ertüchtigen.1264 Dem Sportoffizier kam die Aufgabe zu, diese Prüfung zu organisie ren, die für Beamte bis zu einem Alter von 45 Jahren verpflichtend war. Zu ihrem Ablauf ge hörte z. B., dass die Kandidaten minutenlang im nahegelegenen Fluss, der Amper, schwammen.1265 Dabei waren die jeweiligen Lehrgangsleiter dafür verantwortlich, innerhalb eines Monats den gesamten Leistungstest durchzuführen, mit dem sie nachprüfen konnten, wie sehr ihre Anwärter körperlich belastbar waren. Ein ähnliches Reglement galt ebenso für das Stammpersonal.1266 1940 setzte Himmler diese sportlichen Kontrollen zwar aus, weil er hoffie, dass die Polizisten „sich auch während des Krieges ihre körperliche Leistungsfähig keit durch eigene Arbeit vor allem in der Freizeit voll erhalten“.1267 Lange schien diese Pause 28.02.1941, S. 22. 1260 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 22. 1261 Major Stöwe, Die Körperschulung in der Polizei, in: Kehrl, Jahrbuch, S. 74-81, hier: S. 76. 1262 Vgl. Ein ehem. Fürstenfeldbrucker Deutscher Polizeimeister 1938, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 11.08.1938, Nr. 185, S. 3. 1263 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 13, 11.06.1938. Ferner z. B.: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 12.05.1938, in: RMBliV, 18.05.1938, Nr. 21, Sp. 876d-876h. 1264 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 22, 03.06.1939. Zur Leistungsprüfung in der Ordnungspolizei ferner: Westermann, Police Battalions, S. 73. 1265 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 16, 09.07.1938. 1266 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, I. V. Diez (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 26, 16.06.1939, 1267 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, I. V Meier (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 34, 07.06.1940. 2 48 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate aber nicht bestanden zu haben. Im Sportunterricht trainierten die Schüler weiterhin für die se Prüfung, die sie teilweise auch dort ablegen konnten.1268 Da die Offiziersanwärter auch lernen mussten, sich gegenüber Angreifern und Menschen zu verteidigen, die sich nicht verhaften lassen woll ten, besaß der Kampfsport einen besonderen Wert in der Körperschulung. Für solche Situationen brach ten die Ausbilder ihren Schülern etwa bei, die gängi gen Polizeigriffe richtig anzuwenden. Sollte es jedoch zu einem Zweikampf mit Rauftolden, Betrunkenen oder Verbrechern kommen, reichten diese Kniffe nicht aus. Deshalb trainierten die Ordnungspolizis ten ihre Reflexe und Abwehrtechniken, indem sie sich dem Boxen zuwendeten. Dabei lernten sie die einzelnen Körperschläge, übten aber auch, sich vor den Hieben des Gegners zu decken. Zudem studier ten sie verschiedene Wurftechniken ein, wie sie im Jiu Jitsu angewendet werden. Auch Schnelligkeits und Aufmerksamkeitsübungen bestimmten den Un terricht in diesem körperbetonten Sport.1269 In der zweiten Kriegshälfte nahm der Nahkampf immer mehr Raum in der Körperschulung ein. Das Informationsmaterial zu diesem Trai ning stammte oftmals aus der Wehrmacht, was erneut verdeutlicht, wie ähnlich sich beide Waffenträger in ihrer Ausbildung waren.1270 Mit einem reinen Kampfsport hatte der Nah kampf allerdings wenig gemein. Die Polizeischüler übten, mit entsprechenden Waffen rich tig umzugehen, wozu vor allem das Bajonett zählte. Daneben trainierten sie, mit dem Ge wehrkolben Schläge auszuteilen und abzuwehren oder gar einen Spaten als Waffe einzusetzen.1271 Die angehenden Polizeioffiziere übten außerdem, mit dem traditionellen Säbel und dem Sei tengewehr zu fechten, studierten aber auch unterschiedliche Techniken ein, mit deren Hilfe sie einen Angreifer abwehren konnten, der ihnen mit der Pistole in die Brust oder in den Schritt schießen wollte.1272 Ähnlich wie die Kampfsportarten waren auch andere solcher Übun gen wettkampforientiert und zielten neben der körperlichen Fitness darauf ab, den Kampf geist und das Durchsetzungsvermögen der Polizisten zu stärken. Eine Disziplin, auf die das ebenso zutraf, war etwa das Tauziehen.1273 1268 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stoffvertei lungsplan für KS. (Körperschulung), 20.06.1944, S. 2. 1269 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 22. Ferner: BAB, R 20/70, Körperschulung, [1942]. Ferner: Die Entwicklung des deut schen Polizeiboxsports, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 287-301. 1270 Dazu zählen etwa die „Richtlinien für die Nahkampfausbildung im Ersatzheer“. Vgl. BayHStA M ün chen, M Inn 71992, Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Nah kampfausbildung in der Ordnungspolizei, 17.06.1942. Das gleiche Dokument findet sich auch in BAB, R 19/308. 1271 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Roller (Polizeischule FFB): 8. Körperschulung, [1943]. 1272 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stoffverteilungs plan in KS für den 39. OAL, ab 17.5.1944, S. 1 f. 1273 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Lange (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für die Gruppen- und Zugführerausbildung des 32. Offz.-Anw.-Lehrgangs, in der Zeit vom 12.1.43- Abbildung 22: Jiu Jitsu-Training von Polizeianwärtern (Privatarchiv Sven Deppisch) 2 49 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Ab Sommer 1942 trainierten die Lehrgänge in Fürstenfeldbruck auf der hauseigenen Nah kampfanlage. Diese ließ Kommandeur Hagemann anlegen, weil der Reichsführer-SS in ei nem Schnellbrief dazu aufgerufen hatte. Nicht nur die Brucker Institution, sondern sämtli che Angehörige von Einheiten und Schulen der Ordnungspolizei waren dazu angehalten, bestehende Anlagen der Wehrmacht zu nutzen oder eigene aufzubauen. A uf diesem Areal übten sich die Schüler hauptsächlich im Zweikampf, wozu etwa das Boxen, vor allem aber der Einsatz von Bajonetten gehörte. Die Brucker Lehrstätte musste sich dafür Holzattrappen basteln oder Metallstangen verwenden, weil sie über keine speziellen Bajonettgewehre ver fügte.1274 Da die Trainingsstätten für den Nahkampf im „Altreich“ und in den besetzten Ge bieten anscheinend nicht einheitlich gestaltet waren, entwickelte das Hauptamt Ordnungs polizei im Februar 1943 einen Leitfaden, welcher der Staatsmacht dabei helfen sollte, zu einer gemeinsamen Linie zu finden. Dieses Dokument zeigt, dass der Kampf Mann gegen Mann in dieser Phase des Krieges immer wichtiger wurde. Denn bei dieser Kampfweise sei der Rus se „ein verbissener, zäher und gefährlicher Gegner“. Daher müsse jeder einzelne deutsche Polizist unter anderem durch „Geländeläufe, Mutübungen und Kampfspiele aller Art“ zur Härte erzogen werden.1275 A uf einer Hindernisbahn sollten sich die Schüler darauf vorberei ten, wie sie auf überraschende Situationen reagieren müssten. Schnelle Schüsse aus der Hüf te, das Werfen von Handgranaten, die Kampfübung mit dem Seitengewehr an Puppen und das Feuer auf bewegliche Klappscheiben waren dabei die wichtigsten Trainingselemente. In Gruppen übten die Beamten diese Inhalte noch eingehender, indem sie z. B. simulierten, ein Gelände zu durchkämmen oder Bunkeranlagen zurückzuerobern.1276 Mit einem ganz normalen Sportunterricht hatten solche Manöver nichts mehr gemein. Es bedarf aber nicht erst eines Blicks auf den Nahkampf, um zu erkennen, wie stark militärisch die gesamte Körperschulung ausgerichtet war. Auch wenn die meisten Sportarten noch heu te geläufig sind, gab es trotzdem gewisse inhaltliche Unterschiede. Im Lehrplan fanden sich in der Leichtathletik beispielsweise „Lauf, Sprung, Handgranatenwerfen“ als bevorzugte Dis ziplinen, die ganz offensichtlich dem traditionsreichen Polizei-Fün&f entstammten und auf den sportlichen Wettkampf ausgerichtet waren.1277 Während des Krieges erfüllte der Um gang mit Handgranaten und anderen Sprengmitteln j edoch einen wesentlich ernsteren Zweck. Im Sportunterricht trainierten die Polizisten in einigen Stunden, eben solche Mittel im Kampf gegen Panzer zu verwenden.1278 Ähnlich wie die militärischen Planspiele entführte der Sportunterricht die Schüler aus den Klassenzimmern und zielte gemäß dem nationalsozialistischen Selbstverständnis darauf ab, neben dem Geist auch den Körper zu formen. Allein mit diesem Motiv konnten sich die Füh rungskräfte der Ordnungspolizei jedoch nicht von den gewöhnlichen Wachtmeistern oder von ihren zivilen „Volksgenossen“ abheben. Um sich standesgemäß zu präsentieren, stand 28.2.43, [1943], S.2. 1274 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 176, Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Nahkampfausbildung in der Ordnungspolizei, 17.06.1942. 1275 BayHStA München, Polizeischule FFB 175, I. A. Grünwald (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Anleitung für die Nahkampfausbildung und zur Anlage einer behelfsmässigen Nahkampftahn, 11.02.1943, S. 2. 1276 Vgl. ebd., S. 2 f. 1277 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 141. 1278 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Roller (Polizeischule FFB): 8. Körperschulung, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für KS. (Körperschulung), 20.06.1944, S. 1 250 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate für die Offiziersanwärter noch etwas anderes auf dem Lehrplan. Ähnlich wie das Fechten be saß auch das Reiten in Himmlers Kosmos eine herausragende Position, weil die SS mit die sen beiden aristokratischen Sportarten ihren elitären Charakter unterstreichen wollte.1279 Wenngleich nicht im selben Maße bestand dieser Anspruch zumindest auch für die füh renden Beamten der Ordnungspolizei. Einerseits betrachtete die uniformierte Staatsmacht das Pferd als lebendiges Arbeitsgerät, das sie z. B. im geschlossenen Einsatz verwendete. A n dererseits fungierte es für sie als Repräsentationsobjekt, um sich als hochwertiges Glied des Himmlerschen Systems zu inszenieren. Der Ordnungsmacht hatte das Reiten allerdings schon in den zwanziger Jahren dazu gedient, ihren gehobenen Status nach außen zu unterstrei chen.1280 Der Polizeiapparat unterhielt daher einige Reitschulen, die entweder bereits in der Weimarer Republik existiert hatten oder im „Drit ten Reich“ neu entstanden waren. Dazu zählten etwa die Polizeireitschulen in Potsdam, Bensburg und Magdeburg, wobei letztere während des Krieges nach Rathenow umzog.1281 Daneben erteilte auch die Polizeischule Fürsten feldbruck einen eigenen Reitunterricht. In einzel nen Lehrgängen stand dieser bereits in Friedenszei ten auf dem Programm, wobei sich die Anwärter zunächst mit den theoretischen Grundlagen der Rei terei befassten.1282 Die Polizisten sollten aber vor al lem im Sattel eine gute Figur abgeben, wenn sie bei Paraden oder anderen Menschenaufläufen zu Pfer de aufmarschierten. Deshalb übten sie zunächst einmal, wie sie mit ihren Tieren grundsätz lich umzugehen und diese zu pflegen hatten. Dazu gehörte auch ein kleiner Abstecher in die Veterinärkunde.1283 Dort lernten sie unter anderem, wie sie Fuhrwerke richtig bespannen und die Zügel handhaben mussten.1284 Die unterschiedlichen Gangarten, wie etwa Galopp, Trab und Schritt, trainierten sie mit ihren tierischen Kameraden ebenfalls.1285 Die Anwärter üb ten zudem, wie sie unwegsames Gelände zu Pferde durchqueren und dabei Hindernisse über 1279 Vgl. Bahro, SS-Sport, S. S. 222-256; Ders., Der Sport und seine Rolle in der nationalsozialistischen Elitetruppe SS, in: Historical Social Research 32/1 (2007), S. 78-91, hier: S. 87-89. 1280 Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 219. 1281 Vgl. Nix, Police Forces, S. 104; Die Polizei-Reitschule in Potsdam, in: Schoenfelder, 15 Jahre, S. 265 271. 1282 Erste Hinweise auf diese eher spontan eingerichteten, aber verpflichtenden Reitkurse finden sich für das Jahr 1938, wobei jedoch zu vermuten ist, dass ein ähnlicher Reitunterricht bereits zuvor in einzel nen Lehrgängen stattgefunden hatte. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Po lizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 32, 09.12.1938. 1283 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 4; BayHStA München, Poli zeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2. 1284 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 2; BayHS tA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Roller (Polizeischule FFB): Reitausbildungsplan für 19 Wochen, 14.04.1944, S. 1. 1285 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Schwahn (Polizeischule FFB): 9. Reitausbildungsplan für 12 Wochen, 17.12.1944, S. 1. Abbildung 23: Brucker Offiziere zu Pferde (1940) (Privatarchiv Uwe Hofmann) 251 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k winden konnten. Gräben, Steilhänge und Flussläufe, aber auch Wälder und sumpfige Gebie te hatten sie mit ihren vierbeinigen Helfern zu passieren.1286 Gerade diese Fertigkeiten erhielten während des Krieges noch mehr Gewicht, weil sich die Offiziere der Ordnungspolizei dahingehend qualifizieren mussten, mit ihren Vierbeinern im „Osten“ eingesetzt zu werden.1287 Dementsprechend etablierte sich die Reitausbildung beson ders in der zweiten Kriegshälfte als eine feste Größe in der polizeilichen Ausbildung. Das lässt sich schon allein daran ablesen, dass auch die Hauptleute und Oberleutnante des Stamm personals der Schule zu Pferde mehr Erfahrungen sammeln sollten.1288 In dieser Phase muss ten die Offiziersanwärter auch eine eigene Reitprüfung ablegen, die ein Teil der allgemeinen Abschlussprüfung war.1289 Dieser Prozess gipfelte darin, dass der Reitunterricht im Jahre 1943 sogar zu einem eigenständigen Fach avancierte.1290 Der Teil der Ausbildung litt jedoch häu fig unter schwierigen Witterungsverhältnissen, weshalb die Polizeischule Fürstenfeldbruck 1943 eine eigene Reithalle forderte, die Anfang März 1944 tatsächlich entstand.1291 Für den Reitunterricht standen ihr insgesamt 45 Pferde zur Verfügung, was der Institution jedoch nicht genügte, da ihr diese Anzahl für einen einzigen Lehrgang schon zu gering erschien.1292 Wenige Monate vor Kriegsende musste sie ihre Tiere aber abgeben und konnte daher nicht mehr auf diesem Gebiet ausbilden.1293 Zwar war das Reiten für die Offiziersausbildung nur von marginalem Wert und entfaltete sich erst zu einer ernstzunehmenden Größe, als es schon zu spät war. Trotzdem dürfte es für die Polizisten abwechslungsreich und angenehm gewe sen sein, mit den Pferden zu arbeiten und ihren Stuhl mit dem Sattel zu tauschen. Weil der Reitunterricht darüber hinaus in erster Linie auf den Kriegseinsatz ausgerichtet war, bildete er ein weiteres Mosaiksteinchen der militärischen Ausbildung. 1286 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3. 1287 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 31.03.1942, in: MBliV, 08.04.1942, Nr. 14, Sp. 680a f. 1288 Kommandeur Arno Hagemann ordnete dies etwa für seine Offizierskollegen in entsprechenden Kom mandobefehlen an. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 38, 25.10.1941; BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizei schule FFB): Kommandobefehl Nr. 11, 18.04.1942. 1289 Das geht hervor aus einem Bericht zur Abschlussprüfung des 32. OAL. Vgl. BayHStA München, Po lizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Niederschrift über die Ab schlußprüfung des 32. OAL, 11.08.1943, S. 1. 1290 So erscheint erstmals im Lehrplan des 36. OAL die Reitausbildung als eigenes Fach. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durch führung des 36. Offizieranwärterlehrganges, 20.12.1943. 1291 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 4. Ferner: BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offi zieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hage m ann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 2. 1292 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 2. 1293 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 4. Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate 5 . 1 . 1 .6 D er L u fts c h u tz Bereits in der Weimarer Republik war insbesondere die Polizei dafür verantwortlich gewe sen, einen effizienten Luftschutz zu bewerkstelligen, den die Nationalsozialisten nach der „Machtergreifung“ weitgehend übernahmen, um das deutsche Volk für den geplanten Krieg zu wappnen.1294 Nachdem Hermann Göring im Mai 1935 zum Oberbefehlshaber der deut schen Luftwaffe aufgestiegen war, versuchte er dieses Gebiet unter seine Kontrolle zu brin gen. Doch Himmler konnte sich gegenüber dem Reichsminister der Luftfahrt durchsetzen und den Luftschutz seinem Machtbereich einverleiben. Seit September 1939 befanden sich die Berufsfeuerwehren unter dem Dach der Ordnungspolizei. Seither traten sie als Feuer schutzpolizei auf und waren für den eigentlichen Brand- und Luftschutz zuständig.1295 Da neben existierten auch noch Feuerwehren, die eine Hilfspolizei darstellten und in Gemein den bestanden, in denen es keine Feuerschutzpolizei gab. Werksfeuerwehren waren hingegen in bestimmten kriegswichtigen Betrieben eingesetzt.1296 Auch die 1919 gegründete Techni sche Nothilfe (Teno) gehörte seit 1936 zur Ordnungspolizei und war am Luftschutz beteiligt, indem sie vor allem möglichst schnell jene Schäden beseitigen sollte, die an wichtigen Ob jekten durch Luftangriffe entstanden waren.1297 Dieser Kontext lässt erahnen, dass der Luftschutz auch als Ausbildungsfach für die Offi ziersanwärter ungeheuer bedeutsam war. Deshalb verwendeten die Lehranstalten viel Ener gie darauf, um ihre Schützlinge auf den Bombenkrieg vorzubereiten. Zwar besaß dieses Fach keinen direkten Bezug zum truppenmäßigen Agieren der „Polizeisoldaten“ im „auswärtigen Einsatz“. Zu den militärischen Fächern kann der Luftschutz aber trotzdem gezählt werden, weil Ordnungspolizisten in entsprechenden Katastrophenfällen an der „Heimatfront“ oft mals im geschlossenen Einsatz ausrücken mussten, wie es die Polizeiverwendung vorsah. Wie sehr sich die Polizeischule Fürstenfeldbruck selbst abseits des regulären Unterrichts mit diesem U em a beschäftigte, wird noch an anderer Stelle dargestellt.1298 Vor allem während des Krieges mussten sich die Schüler innerhalb des Luftschutzunterrichts zunächst einmal einen Überblick darüber verschaffen, wie sich die „[l]uftpolitische und luftgeographische Lage Deutschlands bis 1939“ gestaltete.1299 Generell folgte auf einen solchen historischen Ex kurs, dass der Fachlehrer genauer auf das Luftschutzgesetz vom 26. Juni 1935 und seine Durch führungsverordnungen einging. Damit war auch die rechtliche Basis geschaffen. Ferner be sprach er, wie der Luftschutz im Deutschen Reich organisiert war, welche Aufgaben den Polizeirevieren dabei zukamen und welche Maßnahmen der NS-Staat ergriff, um die Bevöl 1294 Vgl. Clemens Heitmann/Bernd Lemke, Die deutsche Polizei und der totale Krieg. Sicherheitsappara te sowie Staats- und Gesellschaftssysteme im Spiegel von Luft- und Zivilschutzorganisationen, in: Schulte, Polizei, S. 589-620, hier: S. 593 f. 1295 Vgl. Almut Hielscher, „Wir haben ja nichts m ehr“. Die machtlosen Helfer, in: Stephan Burgdorff/Chris tian Habbe (Hrsg.), Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 447, Bonn 2004, S. 189-195, hier: S. 190; Deuster, Polizei Uniformen, S. 24. 1296 Vgl. Kurt Bader, A uftau und Gliederung der Ordnungspolizei, Reichspolizeirecht (RPR), Sammlung reichsrechtlicher Polizeivorschriften, Berlin 1943, S. XXV. 1297 Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 113-115; Deuster, Polizei-Uniformen, S. 277. 1298 Siehe dazu Kapitel 6.5. 1299 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 7. Vgl. ferner ebd., S. 3. 253 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k kerung im Falle eines Bombenangriffs versorgen zu können.1300 Das Verhalten der Polizeibe amten „vor, während und nach einem Luftangriff“ war das zentrale Thema, das einen Groß teil der Zeit für sich beanspruchte, die dem Fach zur Verfügung stand.1301 Wie die Helfer vor Ort mit Verletzten und Toten umgehen sollten oder mit Menschen, die durch einen Luftangriff obdachlos geworden waren, war eine der wichtigsten Fragen, auf die der Luftschutzunterricht eine Antwort gab. Im Ernstfall hatte die Polizei ferner darauf zu achten, die Versorgungswege passierbar zu machen, damit die Retter möglichst ungehindert in das Katastrophengebiet und zu den Opfern gelangten. Die Einsatzkräfte mussten darüber Bericht erstatten, wie viele verwundete und getötete Personen es infolge eines Bombenan griffs gab und wie viele Gebäude zerstört wurden, nachdem sie dies protokolliert hatten. Dementsprechend bereiteten die Fachlehrer ihre Schüler auch darauf vor, diesen kriegsbe dingten Aufgaben nachzukommen.1302 Im Katastrophenfall mussten die Beamten Hilfe leis ten können und genau wissen, was sie zu tun hatten. Zudem lernten die Offiziersanwärter, welche Aufgaben dem Flugmelde- und Luftschutz warndienst zukamen. Sie erfuhren außerdem, dass ein Turmbeobachter verantwortlich war, nach feindlichen Bombern auszuschauen und bei einem Angriff Fliegeralarm zu geben.1303 Dieses Warnsystem konnte zwar einen Luftschlag nicht verhindern. Es sollte aber seine Fol gen eindämmen und darüber hinaus den Hilfskräften gerade in den großen Städten etwas Zeit verschaffen, um sich auf ihren Einsatz vorzubereiten. Daher war es notwendig, dass sich die Polizeischüler auch damit auskannten, wie die Ordnungspolizei im Ernstfall mit ande ren Organisationen zusammenarbeiten konnte. Zu denen gehörten etwa der Selbstschutz, der Werkluftschutz und vor allem der Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), der seit Juni 1942 als Luftschutzpolizei bekannt war.1304 All diese Rettungskräfte waren daran beteiligt, Verschüt tete zu bergen und Verletzte zu versorgen, weshalb auch der gemeinsame Einsatz hinreichend koordiniert sein musste. Sofern es überhaupt möglich war, mussten sie daneben Trümmer und Schutt wegräumen, um die Infrastruktur zumindest notdürftig wieder aufzubauen. Da her war es für die Ersthelfer ebenso unabdingbar, zu wissen, wie die Befehlsstrukturen in solchen Katastrophenfällen aussahen und wie sie ihre Ausrüstung zu handhaben hatten, wozu etwa Atemschutzgeräte zählten.1305 Gleichzeitig mussten sich die Offiziersanwärter damit aus kennen, welche verschiedenen Kampfstoffe es gab und welche Wirkung diese entfalteten. Da bei ging der Unterricht insbesondere auf Spreng-, Brand- und Gasbomben ein.1306 Einen weiteren Schwerpunkt im Luftschutz bildeten jene präventiven Maßnahmen, die vor allem Gebäude vor den schlimmen Folgen eines Bombenangriffs so gut wie möglich bewah ren sollten. Die Polizisten lernten, dass Privathäuser und behördliche Einrichtungen umge baut werden mussten, um sie zumindest ein wenig zu schützen und sicherer zu machen. Dazu 1300 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, 25. Offz.-Anw.-Lehrgang. Luftschutz, [1942]; BayHS tA München, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Lange (Polizeischule FFB): 11. Luftschutz, [1943]. Zum Luftschutzgesetz ferner: Köhler, Mama, S. 53. 1301 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoff Verteilungsplan für Luftschutz, 13.11.1941. 1302 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]. 1303 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]; BayHStA München, Polizei schule FFB 133, Luftschutz, [1943]. 1304 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 145. Ferner: Springfeld, Polizei, S. 138. 1305 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]. 1306 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 7. 254 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate gehörte es aber auch, Geräteschuppen, Lagerhäuser oder ähnliche Zweckbauten regelmäßig zu entrümpeln. Im Ernstfall konnten sie den Flammen zusätzliche Nahrung bieten oder so gar zu regelrechten Feuerfallen werden. Nicht zuletzt lernten die Schüler, wie ein Gebäude für die feindlichen Flieger möglichst unsichtbar gemacht werden konnte, indem es verdun kelt oder anderweitig getarnt wurde, was ebenfalls die Ordnungspolizei zu überwachen hat te.1307 Damit nachts kein Licht gegnerischen Bombern den Weg weisen konnte, war auch die Polizeischule Fürstenfeldbruck sehr darum bemüht, ihre Fenster möglichst komplett abzudecken.1308 Vor diesem Hintergrund befassten sich die Schüler damit, welche Aufgaben auf den Luft- und Gasschutzoffizier entfielen. Ein solcher existierte auch an der Polizeischule und war dafür verantwortlich, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die bei einem Luftangriff das Schlimmste verhindern sollten.1309 Nachdem dieser theoretische und organisatorische Rahmen abgesteckt war, wechselten die polizeilichen Dozenten zum praktischen Teil. Denn die Ausbildung im Luftschutz be stand hauptsächlich aus Planspielen und Übungen, in denen die Schüler für den Notfall prob ten. Das geschah z. B. dadurch, dass das Lehrpersonal mit den angehenden Offizieren zu nächst praktische Beispiele durchsprach. Daraufain spielten die Klassen einzelne Situationen durch und sammelten in solchen Luftschutzübungen wichtige Erfahrungen. Diese bereite ten die künftigen Führungskräfte der Ordnungspolizei darauf vor, größere Lehrplanspiele zu veranstalten, in denen sie Luftangriffe und Hilfsmaßnahmen simulierten. Regelmäßig fan den sie gegen Ende des Lehrgangs statt und verfolgten ein ähnliches Ziel wie die Übungsge fechte in der Zugführerausbildung: Sie sollten dazu dienen, dass die Polizisten ein Gespür für den Einsatz entwickelten und dadurch im Ernstfall routinierter sowie abgeklärter reagierten.1310 Bereits in den Friedensjahren gaben die Kriegsereignisse den Rahmen vor. „Deutsch land befindet sich seit 14 Tagen im Krieg mit einem Oststaat; auf mehrere Städte haben in den letzten Tagen feindliche Fliegerangriffe stattgefunden“, war etwa die Ausgangslage einer Übung aus dem Jahre 1936.1311 Als Feind war der „Oststaat“ keineswegs rein zufällig gewählt. Damit ist auch klar, dass selbst innerhalb des Luftschutzes ideologische Momente ausgemacht werden können, die das Schreckensszenario des Bombenkrieges begleiteten. Außerdem knüpfte er so inhaltlich an die Polizeitaktik an, die mit ähnlichen Motiven arbeitete. Solche Drohkulissen bauten sich auch in den Prüfungen zum Luftschutz auf, die thema tisch sehr breit angelegt waren. Die Teilnehmer des 10. OAL mussten beispielsweise einen Aufsatz zum Thema „Tarnung und Verdunklung im zivilen Luftschutz“ schreiben, indem sie sich also mit Maßnahmen befassten, die präventiv zu ergreifen waren, um sich gegen feind liche Flieger zu schützen.1312 Grundsätzlich befassten sich die Klausuren aber mit Bomben angriffen und deren Folgen, wobei der Krieg bereits in den Friedensjahren seine Schatten 1307 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, 25. Offz.-Anw.-Lehrgang. Luftschutz, [1942]; BayHS tA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]. 1308 Siehe dazu Kapitel 6.5. 1309 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 7. 1310 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpe nick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang M ari aschein, 28.02.1941, S. 7; BayHStA München, Polizeischule FFB 126, 25. Offz.-Anw.-Lehrgang. Luft schutz, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 2. Luftschutz, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Heizmann (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für Luftschutz, [1944]. 1311 BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Polizeischule FFB: Luftschutzplanübung, [1936]. 1312 BAB, R 20/69, Polizeischule FFB: 6. Klassenarbeit (Luftschutz), 03.03.1939. 255 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k vorauswarf. Im März 1939 mussten sich die Polizeischüler abermals in die Lage hineinver setzen, dass sich Deutschland „mit einem roten Oststaat im Kriegszustand“ befinde, der eine deutsche Stadt bombardiert und dabei etwa ein Wohngebäude, einen Pferdestall und ein Kaufaaus getroffen habe. Nun mussten sie schriftlich darlegen, was sie als Leiter eines Luft schutzreviers unter diesen Umständen anordnen würden.1313 Während des Krieges hatten sich die Offiziersanwärter in ähnliche Situationen hineinzudenken und in den Prüfungen darzu legen, welche Befehle sie aus welchen Gründen erteilten.1314 In einem mündlichen Examen sollten die Anwärter erklären, wie sie sich verhielten, wenn ein Luftangriff auf München er folge und sie in diesem Fall zum Einsatz ins Katastrophengebiet kämen.1315 In einem anderen Lehrgang stellten die Lehrer jedoch folgende Aufgabe: „Nach der Entwarnung kommt zu Ih nen als Revierführer ein Herr B und fragt: ,Meine Frau ist beim Luftangriff getötet worden. Sagen Sie mir bitte, wo sich meine Frau jetzt befindet und wann, wo und wie die Beerdigung stattfindet.’“1316 Die Schüler hatten nun darzulegen, was sie darauf antworten würden und auf welchem Wege die Tote versorgt worden sei.1317 Nur selten kam es vor, dass sie Vorträge hören konnten, die sich mit dem Luftschutz be fassten. Der 35. OAL erhielt jedoch die Gelegenheit, seine Kenntnisse auf diesem Gebiet zu erweitern, indem er einem solchen Referat beiwohnte. Denn der Münchner Major der Feu erschutzpolizei Mehltretter hielt am 24. November 1943 eine Rede „über Brandbekämpfung unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes im Luftschutz“, zu dem das Schulpersonal ebenfalls erschien.1318 Diese Veranstaltung ist allerdings noch aus einem weiteren Grund in teressant. Als Hagemann die Schulgemeinschaft auf sie aufmerksam machen wollte, kündig te er den Vortrag unter einem etwas anderen Titel an. Seinem Kommandobefehl zufolge hät te der Referent über die „Bandenbekämpfungstaktik unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes im Luftschutz“ gesprochen.1319 Dieses Missverständnis bestätigt abermals, dass der Kampf gegen Partisanen ein zentrales ttem a an der Brucker Bildungsstätte war. 5.1.2 Die rechtlichen Fächer 5 . 1 .2 . 1 D as S t r a fr e c h t u n d d a s S t r a fp r o z e s s r e c h t Für die Offiziersanwärter der Ordnungspolizei war es unabdingbar, zu wissen, auf welchen rechtlichen Grundlagen ihr Handeln fußte. Daher überrascht es nicht, dass die Rechtskun de auch in der polizeilichen Ausbildung immens wichtig war und dass das Lehrpersonal auf 1313 Vgl. BAB, R 20/69: Polizeischule FFB: 4. Prüfungsarbeit (Teil II: Luftschutz), 25.03.1939. 1314 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsaufgabe (Luft schutz), 04.04.1944; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 4. Prüfungsaufga be (Luftschutz), 24.08.1944. 1315 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. Luftschutz, 28.10.1943, S. 3 f. 1316 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Luftschutz, Lehrabt. A., [1941]. 1317 Vgl. ebd. 1318 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2. Auch der 36. OAL hörte die Ausführungen Mehltretters. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 3. 1319 BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 29, 18.11.1943, S. 2. 256 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate sie im Unterricht sehr ausführlich einging. Zu diesen rechtlichen Fächern zählten das Strafrecht, das Allgemeine Polizeirecht, das Besondere Polizeirecht, das Bürgerliche, Verwaltungs und Beamtenrecht sowie das Verkehrsrecht. Nachdem Himmler die SS- und Polizeigerichts barkeit geschaffen hatte, war sie zunächst im Bürgerlichen, Verwaltungs- und Beamtenrecht integriert, bevor sie in der zweiten Kriegshälfte zu einem eigenständigen Fach aufstieg. Das Strafrecht zählte bis in die zweite Kriegshälfte zu den wichtigsten Rechtsfächern in der Polizeiausbildung. Die Schüler sollten unterschiedliche Tatbestände kennen und darüber Be scheid wissen, welche juristischen Konsequenzen diese nach sich zogen. Dafür war es zu nächst einmal notwendig, sich die „Bedeutung des Strafrechts für die Polizei“ zu vergegenw ärtigen .1320 Um diese erfassen zu können, mussten sich die Beam ten damit auseinandersetzen, welche zentralen Begriffe und Theorien in dieser Disziplin existierten, aber auch wo ihre Grenzen lagen.1321 Deshalb behandelten die Lehrer in den ersten Stunden genau diese Aspekte. Darauffiin befasste sich der Unterricht recht allgemein damit, das We sen des Verbrechens zu erklären. Der Lehroffizier führte dabei aus, in welche einzelnen Pha sen ein Tathergang unterteilt werden kann. Er behandelte auch, auf welch unterschiedliche Arten eine Person an einer Tat beteiligt sein konnte, weshalb er etwa zwischen Täterschaft, Anstiftung und Beihilfe unterschied.1322 In weiteren Stunden klärte er seine Anwärter darü ber auf, welche Maßnahmen die Polizei und die Justiz ergreifen konnten, um gesetzwidriges Verhalten zu sanktionieren. Dazu zählte beispielsweise, genau zu wissen, wann und wie Ver dächtige zu verhaften waren. Ganz praktisch lernten dies die Schüler, indem sie aktiv übten, Gebäude oder Personen zu durchsuchen und Beweismittel zu beschlagnahmen. Die Lehroffiziere informierten sie auch darüber, wie ein Strafverfahren theoretisch organisiert war und wie es im Normalfall ablief.1323 Darüber hinaus eröffneten sie den angehenden Offizieren, gegen welche Delikte die Poli zei vorzugehen hatte und welche Strafen ihr wie auch den Gerichten dabei zur Verfügung standen. So befasste sich der Unterricht unter anderem mit den Tatbeständen Verleumdung, Meineid, Betrug, Untreue und Urkundenfälschung sowie Diebstahl, Unterschlagung, Heh lerei, Raub und Erpressung. Ferner war Himmlers Polizeiapparat sehr daran gelegen, seinen Führungsnachwuchs ausgiebig über „Vergehen und Verbrechen wider das Leben“ und „wi der die Sittlichkeit“ aufzuklären.1324 Dass dabei ein Augenmerk auf „[s]traffiare Handlungen gegen die Ehre“ gelegt wurde, überrascht nicht weiter, wenn man bedenkt, welchen Stellen wert der Ehrbegriff in der NS-Ideologie besaß.1325 Des Weiteren sollte den künftigen Polizeioffizieren klar gemacht werden, dass sie nicht nur Staatsdiener, sondern auch Staatsschützer waren, die Verbrechen zu vereiteln hatten, welche sich gegen das Deutsche Reich richteten. Daher konzentrierte sich der Strafrechtsunterricht 1320 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 10. 1321 Vgl. ebd., S. 10. 1322 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für Strafrecht u. Strafprozeß, 15.01.1942. 1323 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 10. 1324 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 149. 1325 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 10. Zum Ehrbegriff siehe ferner Kapitel 5.1.2.5 und 5.1.4.2. 257 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ebenso auf „Angriffe auf die öffentliche Ordnung und die Staatsgewalt“,1326 Hoch- und Lan desverrat, Verbrechen gegen die Partei oder auch Spionage.1327 Dass diese Rechtskunde kei neswegs frei von ideologischen Einflüssen war, zeigt ein weiterer Umstand: Schon in den ers ten Unterrichtsstunden sollten die Schüler jene Entwicklung nachvollziehen, die „[v]om liberalistischen zum nationalsozialistischen Strafrecht“ geführt habe.1328 Die völkische Inter pretation des Rechts fand sich also auch im Unterricht der Ordnungshüter wieder. Es sollte unter den Schülern kein Zweifel bestehen, dass sie als Repräsentanten des NS-Staats auch dessen Rechtsphilosophie ohne wenn und aber zu teilen hatten. Ganz in diesem Sinne prie sen die Lehrer die beiden Verordnungen „gegen Gewaltverbrecher und Volksschädlinge als Beispiele der nationalsoz[ialistischen] Gesetzgebung“.1329 Mit diesen hatte das Regime Ende 1939 das Strafrecht deutlich verschärft, um Täter härter zu bestrafen, welche die Kriegsver hältnisse ausnutzten, um Verbrechen zu begehen. Inhaltlich sahen sie unter anderem vor, künftig jemanden sogar mit dem Tode zu bestrafen, wenn er in den besetzten Gebieten plün derte, bei einer Gewalttat eine gefährliche Waffe benutzte oder dann ein Verbrechen verüb te, während Maßnahmen durchgeführt wurden, um einen drohenden Luftangriff abzuwehren.1330 Während des Krieges drang diese Mentalität noch stärker ins Strafrecht ein. Das ist unter anderem damit zu erklären, dass sich der Kampf gegen innere wie äußere Feinde zunehmend verschärfte, weil sich auch die Ängste des Regimes vergrößerten. In diesem Ringen mit tat sächlichen oder imaginären Gegnern des NS-Staats spielte die Polizei eine herausragende Rolle. Deshalb wollten die Fachlehrer den Offiziersanwärtern verdeutlichen, wie ernst die Lage angeblich sei und was sie tun müssten, um das „Dritte Reich“ vor recht diffusen Gefah ren zu schützen. So hielten sie z. B. im 27. OAL einige Stunden ab, die über „Volksverrat und Angriffe auf die Volksehre“, den „Schutz des Volkes und Schutz der Volkskraft“, den „Schutz der Volksordnung“ oder den „Schutz der Volksgenossen“ auftlärten.1331 In diesen Komplex fielen auch die „Verbrechen gegen Volk und Staat“, zu denen der Unterricht etwa den Hochund Landesverrat sowie den „Verrat staatswichtiger Geheimnisse“ subsumierte.1332 Allein mit diesen U em en versuchte das polizeiliche Ausbildungswesen den Eindruck zu erwecken, dass Deutschland von allen Seiten bedroht sei. Die Polizeischüler sollten dadurch den Schutz von Staat und „Volksgemeinschaft“ als ihre wichtigste Aufgabe und zugleich ihren Dienst als pa triotischen Akt begreifen. Das Fundament für eine solche Denkweise hatte die Ordnungs 1326 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 5. Strafrecht, [1942]. 1327 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 10. 1328 Ebd., S. 10. 1329 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für Strafrecht u. Strafprozeß, 15.01.1942. 1330 Vgl. Verordnung gegen Volksschädlinge vom 05.09.1939, in: RGBl, 06.09.1939, Nr. 168, S. 1679; Ver ordnung gegen Gewaltverbrecher vom 05.12.1939, in: RGBl, 08.12.1939, Nr. 244, S. 2378. Ferner: Jörn Eckert, Vom Rechtsstaat zum Polizeistaat - Die NS-Justiz und ihre Opfer, in: Förderverein, Täter, S. 51 98, hier: S. 82. 1331 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 5. Strafrecht, [1942]. Eine fast gleiche ^em en w ah l findet sich im 8. Revier-OAL. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoff verteilungsplan für den Unterricht im Strafrecht, 13.11.1941. 1332 BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärterlehr gang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 4. 258 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate macht schon in der Vorkriegszeit gelegt. Bereits Mitte der dreißiger Jahre befassten sich die Führungskräfte der Polizei beispielsweise mit dem „Heimtückegesetz“ vom 20. Dezember 1934, aufgrund dessen jedwede Kritik an der NS-Regierung strafrechtlich verfolgt und da durch die Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt werden konnte.1333 Wesentlich nüchterner waren hingegen die Prüfungen im Strafrecht gehalten, die entwe der konkrete Einzelfragen stellten oder aus ganzen Textaufgaben bestanden. Dabei fragten die Lehrer z. B.: „Warum wird die Festungshaftstrafe im nationalsozialistischen Strafrecht keine Bedeutung mehr haben?“ oder „Ist die Verhängung einer Geldstrafe von 250 000 RM möglich?“1334 Darüber hinaus überprüften sie, was ihre Schützlinge über das Wesen des Ju gendarrests und über die Volksschädlingsverordnung wussten, wobei sich diese erneut mit einzelnen Facetten der nationalsozialistischen Strafpolitik auseinandersetzten.1335 Um derlei Fragen in einen Kontext einzubetten, mussten die Schüler fiktive Fallbeispiele analysieren und niederschreiben, wie sie diese rechtlich bewerteten. Solche Textaufgaben konnten ganz unterschiedliche Probleme thematisieren. Die Offiziersanwärter mussten in solchen Situati onen darlegen, gegen welche Gesetze die Handelnden verstoßen hatten. Das galt etwa für ei nen Fall, bei dem eine dreiköpfige Diebesbande sich dazu verabredet hatte, bei einem Bau ern einzubrechen. Um von ihm ein Schwein stehlen zu können, hatten die Gauner zuvor jedoch dessen Hund vergiftet.1336 Eine andere Klausur schilderte den Fall eines kommunisti schen Funktionärs, der im litauischen Kowno Falschgeld hergestellt hatte, um es im Deut schen Reich zusammen mit kommunistischem Propagandamaterial in Umlauf zu bringen.1337 In einer weiteren Textaufgabe hatten es die Schüler des 10. OAL mit einem Einbrecher zu tun, der einen Teil seiner Beute an einen Tschechen veräußerte, der „mit Vorliebe Diebesgut kaufte, weil er am meisten daran verdiente“.1338 All diese und noch weitere Fälle mussten die Offiziersanwärter rechtlich aufschlüsseln. In einer mündlichen Prüfung sollten die Schüler des 27. OAL Stellung zu einem Fall neh men, bei dem ein Apotheker seiner Wirtschafterin ein Abtreibungsmittel in den Tee gemischt hatte, damit sie das gemeinsame Kind verliert, was jedoch nicht wirkte.1339 Schwangerschaftsabbrüche waren im NS-Staat und besonders in Himmlers Wertesystem keine Bagatellen, son dern galten als schwere Delikte wider die deutsche „Volksgemeinschaft“, die mitunter sogar mit dem Tod geahndet wurden.1340 Deshalb widmete sich der strafrechtliche Unterricht ver stärkt dem „Schutz der Volkskraft“. „Angriffe auf Rasse und Erbgut“ sowie der Abbruch von 1333 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Abdruck: Lossen (Landeskommandeur der Schutzpo lizei) an u. a. Kommandeur der Schutzpolizei München: Weiterbildung der Offiziere der Schutzpoli zei - Beilage 2, Dezember 1935, S. 1. 1334 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Strafrecht, Lehrabt. A, [1941]. sowie Strafrecht, Lehrabt. B., [1941]. 1335 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Strafrecht, Lehrabt. B., [1941]. 1336 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: 1. Hörsaalarbeit (Strafrecht), 15.12.1941. 1337 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: 1. Prüfungsaufgabe (Strafrecht), 23.07.1941. 1338 BAB, R 20/69, Polizeischule FFB: 7. Klassenarbeit (Strafrecht), 09.03.1939, S. 2. 1339 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. Strafrecht, 30.07.1942. S. 2 f. 1340 Vgl. Robert G. Waite, „Eine Sonderstellung unter den Straftaten“: Die Verfolgung der Abtreibung im Dritten Reich, in: Gottwaldt, NS-Gewaltherrschaft, S. 104-117, hier: S. 113. 259 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Schwangerschaften liefen diesem zuwider und waren als schwere Straftaten gebrandmarkt.1341 Ferner behandelte der Strafrechtsunterricht auch Sexualstraftaten, die für die NS-Propaganda ein wichtiges Motiv darstellten. So hatten die Prüflinge des 21. OAL einen Fall zu beurtei len, in dem es um einen Verlagsvertreter ging, der Unzucht trieb mit zwölfjährigen Buben, aber auch mit einem homosexuellen Mann, „der nichts arbeitete und seinen Lebensunter halt im wesentlichen aus der Päderastie bestritt. Einigen Verdienst erzielte er auch aus dem Verkauf photographischer Perversitäten über das Thema Knabenliebe, die er in geschlosse nen Serien aus Paris bezog.“1342 Der Autor dieser Zeilen hielt es für erwähnenswert, dass der Vertreter verheiratet sei und zwei Kinder habe, um diesen Fall noch weiter zu skandalisieren.1343 Insofern zeigt sich am Beispiel des Strafrechts ziemlich deutlich, dass der Polizeiapparat an sich eher nüchterne Themengebiete instrumentalisierte, weil sie unverdächtig schienen, mit NS-Ideologemen angereichert zu sein. Dass diese den zukünftigen Führungskräften in den Offiziersanwärterlehrgängen begegneten, war zwar nicht anders zu erwarten. Im Unter richt spiegelte sich lediglich wieder, wie sehr die Nationalsozialisten das Rechtswesen in ih rem Sinne umgestaltet hatten. Allerdings führte das zu dem Effekt, dass scheinbar unschein bare Fächer die Polizisten über die Hintertüre mit den Werten des NS-Staats konfrontierten und möglicherweise auch beeinflussten. Doch selbst unter den Rechtsdisziplinen handelte es sich dabei keineswegs um eine Ausnahme. 5 .1 .2 .2 D as A llg e m e in e P o liz e ire c h t Gewissermaßen entpuppte sich auch das Allgemeine Polizeirecht als „Wolf im Schafspelz“, da sich dieses Fach scheinbar nur mit Paragraphen befasste. Zentral war darin die Frage, wozu die „Gesetzeshüter“ überhaupt befugt waren. In dieser Disziplin lernten die Offiziersanwär ter also die gängigsten Aufgaben und Dienstvorschriften der Polizei kennen. Darüber hin aus befasste sich dieses Rechtsfach damit, wie die Polizei als staatliche Institution organisiert, hierarchisch gegliedert und aufgebaut war und welche Zuständigkeiten sie besaß.1344 Der Fachlehrer nahm durch, wie sich Ordnungs- und Sicherheitspolizei voneinander abgrenz ten, ging aber zugleich darauf ein, wie beide Zweige miteinander zusammenarbeiteten. Von besonderem Interesse waren auch die Arbeitsfelder und das rechtliche Fundament der Ge heimen Staatspolizei, wozu etwa die sogenannten Gestapo-Gesetze und die Schutzhaftver ordnungen zählten.1345 1341 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Un terricht im Strafrecht, 13.11.1941. 1342 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: 1. Prüfungsaufgabe (Strafrecht), 23.07.1941, S. 2. Vgl. ferner ebd., S. 1 f. 1343 Vgl. ebd., S. 2. 1344 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 151; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Gaibler (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für den Unterricht im „Allgemeinen Polizei Recht“, [1941], S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Unterricht im „Allgemeinen Polizeirecht“, 13.11.1941, S. 1. 1345 Im 4. OAL war dieser Gegenstand ein Thema des Besonderen Polizeirechts, was anscheinend damit zu erklären ist, dass sich in den früheren Lehrgängen für Offiziersanwärter das Ausbildungssystem immer noch in der Experimentierphase befand. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärterlehrgang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 1 f. Ferner: BayHStA M ün 2 60 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Daneben besprach der Lehroffizier mit seinen Schützlingen, wie die Ordnungsmacht mit der Justiz interagierte. Himmlers Mannen hatten sich ebenfalls einzuprägen, wie die Polizei zur Wehrmacht und zum Reichsarbeitsdienst (RAD) stehen sollte.1346 Sie erfuhren ferner, wel che polizeilichen Maßnahmen ihnen zur Verfügung standen, die sich vom Ausstellen von Strafzetteln bis zum Waffengebrauch erstreckten.1347 Allerdings dürften diese Aspekte den an gehenden Offizieren vor allem als Gelegenheit gedient haben, um bereits Gelerntes noch ein mal aufzufrischen. Diese Informationen über die Arbeit der Polizei und deren rechtliche Di mension stellten zumindest für erfahrene Wachtmeister wahrscheinlich nichts bahnbrechend Neues dar. Nichtsdestotrotz legte die Ordnungspolizei großen Wert darauf, dass ihre künf tigen Leutnante die gesetzlichen Grundlagen ihres Berufsfeldes möglichst umfassend kann ten. Wenngleich es zunächst so scheint, als habe sich dieser Unterricht geradezu wertneutral auf den rechtlichen Rahmen des polizeilichen Handelns konzentriert, so fördert ein genau er Blick auf das Allgemeine Polizeirecht jedoch etwas anderes zu Tage. Zwar standen die wichtigsten Polizeigesetze und Handlungsmöglichkeiten im Zentrum. Doch machte die NS- Ideologie auch vor diesem Fach nicht halt. Die Schüler sollten die Ordnungsmacht „als so ziale Funktion der menschlichen, besonders der völkischen Gemeinschaft und als rechtliche Funktion des Staates“ verstehen, wie sie zuweilen bereits in der ersten Fachstunde zu hören bekamen.1348 Ein historischer Überblick lieferte ihnen außerdem ein elementares Wissen da rüber, wie sich der Polizeibegriff entwickelt hatte. Ferner vermittelte der Unterricht ihnen, was führende Nationalsozialisten unter „Polizei“ verstanden.1349 Dahingehend mangelte es den Lehrkräften gewiss nicht an prägnanten Phrasen und pathetischen Schriften aus Himm lers Dunstkreis: Nach der „Machtergreifung“ war das Polizeirecht der Weimarer Republik zunächst noch weitgehend intakt geblieben. Doch die Nationalsozialisten machten sich rasch daran, es aus zuhöhlen und für ihre „totalen“ Zwecke umzuarbeiten. Das zeigt sich besonders am Beispiel des Preußischen Polizeiverwaltungsgesetzes (PVG) von 1931, das mit seiner Generalklausel in § 14 für die Polizei erstmals festgeschrieben hatte, dass sie zur Gefahrenabwehr verpflich tet sei. Dabei habe sie alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, „um von der Allgemein heit oder dem einzelnen Gefahren abzuwehren, durch die die öffentliche Sicherheit oder Ordnung bedroht wird“, solange sie „im Rahmen der geltenden Gesetze“ agiere.1350 Zu Be ginn von Hitlers Herrschaft rückten führende Juristen des NS-Staats jedoch zunehmend von chen, Polizeischule FFB 127, 6. Allgemeines Polizeirecht, [1942]; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 151. 1346 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 6. Allgemeines Polizeirecht, [1942]; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 151; BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehr stoffverteilungsplan für den Unterricht im „Allgemeinen Polizeirecht“, 13.11.1941, S. 2. 1347 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 6. Allgemeines Polizeirecht, [1942]. 1348 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 11. 1349 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für das Allge meine Pol.-Recht, 15.01.1942. 1350 Karl Schäfer/Ernst Wichards/Kurt Wille, Das Polizeiverwaltungsgesetz vom 1. Juni 1931 (GS. S. 77) nebst Ausführungsbestimmungen v. 1.10.1931 (MBliV. S. 923), Berlin 1931, S. 33. Vgl. ferner Stefan Naas, Die Entstehung des Preußischen Polizeiverwaltungsgesetzes von 1931. Ein Beitrag zur Geschich te des Polizeirechts in der Weimarer Republik, Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 41, Tübingen 2003. 261 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k dieser rechtsstaatlichen Prämisse ab und befreiten gerade die Gestapo, aber auch die übrige Polizei immer stärker von den bestehenden gesetzlichen Schranken. Sie etablierten einen ra dikal-völkischen Polizeibegriff, der bewusst individuelle Rechte des Einzelnen zugunsten des angeblichen „Volkswillens“ opferte und der Exekutive ausgedehnte Handlungsoptionen ein räumte, um diesen bis zum Äußersten zu vollstrecken.1351 Nicht mehr Paragraphen, sondern einzig die NS-Ideologie definierte nun, welche Funktion die Staatsgewalt auszuüben hatte.1352 Zum zentralen Exponenten dieser Lesart avancierte der Gestapojustitiar Dr. Werner Best, der, laut Sebastian Werner, „den modernen Typus des nationalsozialistischen Intellektuellen“ verkörperte.1353 Unter „Volk“ verstand Heydrichs rechte Hand „eine überpersönliche über zeitliche Gesamtwesenheit einheitlicher Bluts- und Geistesprägung, die sich in den jeweils lebenden Gegenwartschichten ihrer Einzelmenschen [...] verwirklicht und sich aus ihnen heraus durch die Zeugung der folgenden Schichten fortsetzt“.1354 Es war für ihn eine Tatsa che, „daß die Volksordnung als das lebensgesetzlich geordnete und zielhaft gelenkte Zusam menwirken aller Volksgenossen und ihrer Einrichtungen von Störung und Zerstörung be droht ist“.1355 Während die Wehrmacht damit beauftragt sei, Attacken äußerer Feinde auf das deutsche Volk abzuwehren und dessen eigene Interessen nach außen zu wahren, habe die Polizei eine ähnliche Aufgabe innerhalb des Deutschen Reichs zu meistern. Sie müsse mit all ihren Zweigen unnachlässig gegen jene Kräfte vorgehen, die eben diese „Volksordnung“ im Reichsinnern durcheinanderbringen und vernichten wollten.1356 Deswegen war die deut sche Polizei für Best sogar die „innere Wehrmacht“.1357 Der Verwaltungsrechtler tteod or Maunz bekräftigte ferner, es sei erforderlich, „einen weit ausgedehnten Staat durch ein mächtiges inneres Schutzkorps in zentral gelenktem Einsatz zu sichern. Rechtsschutzmäßige Wünsche des einzelnen spielen hierbei keine Rolle.“1358 In die sem Sinne stellte er klar, dass es im „Dritten Reich“ zwar weiterhin ein gesetzlich bestimm tes Polizeirecht gebe. Doch parallel dazu regle vor allem Hitlers Wille, in welchen Situatio nen die Ordnungsmacht wie zu handeln habe. „Was mit anderen Worten der Führer und die von ihm besonders bezeichneten Personen in Form von Rechtsgeboten der Polizei an Auf trägen zuweisen, bildet die Rechtsgrundlage für das Wirken der Polizei.“1359 In vielen zeitge 1351 Vgl. Andreas Schwegel, Der Polizeibegriff im NS-Staat. Polizeirecht, juristische Publizistik und Judi kative 1931-1944, Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 48, Tübingen 2005, S. 371 381. Ferner: Volkmar Götz, Polizei und Polizeirecht, in: Jeserich, Verwaltungsgeschichte, Bd. 4, S. 1017 1031, hier: S. 1029-1031 [Künftig: Götz, Polizei (Nationalsozialismus)]. 1352 Vgl. Helmut Fangmann, Faschistische Polizeirechtslehren, in: Reifner, Strafjustiz, S. 173-207, hier: S. 201. 1353 Werner, Best, S. 13. 1354 Best, Polizei, S. 17 f. Dieses Werk ist eine ausführlichere Version von Bests Schrift, die bereits im Vor jahr erschienen war. Vgl. Ders., Die deutsche Polizei, Forschungen zum Staats- und Verwaltungsrecht, Bd. 5, Darmstadt 1940 [Künftig: Best, Polizei (1940)]. 1355 Ders., Polizei, S. 20. 1356 Vgl. ebd., S. 20. 1357 Ders., „Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“, in: Deutsches Recht, 15.07.1936, Nr. 13/14, S. 257 f., hier: S. 257. 1358 Maunz, Gestalt, S. 9. Hervorhebung im Original. ^ e o d o r Maunz schuf in der Bundesrepublik den wichtigsten Kommentar zum Grundgesetz. Als bayerischer Kultusminister trat er im Jahre 1964 zu rück, nachdem er wegen seiner Vergangenheit im „Dritten Reich“ unter Druck geraten war. Nach sei nem Tod am 10. September 1993 wurde bekannt, dass er jahrelang anonym in der rechtsradikalen „Deutschen National-Zeitung“ publiziert hatte. Vgl. Michael Stolleis, ^ e o d o r Maunz - Ein Staats rechtslehrerleben, in: Kritische Justiz 26/4 (1993), S. 393-396. 1359 Maunz, Gestalt, S. 26 f. 262 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate nössischen Schriften fand sich diese Perspektive, die davon ausging, die nationalsozialisti sche Polizei werde jenseits des Gesetzes von dem geleitet, was die Spitze des Regimes ihr diktierte. Diese Schizophrenie deckte bereits Ernst Fraenkel in seinem 1940 in den USA er schienenen Buch „Der Doppelstaat“ auf, in dem er den Dualismus des Normen- und des Maßnahmenstaats in der deutschen Diktatur beschrieb.1360 Die wesentliche Aufgabe der Polizei verortete Dr. Adolf Liepelt zwar nach wie vor in der Gefahrenabwehr. Diese sei im NS-Staat jedoch nicht mehr eng begrenzt, „denn nicht die Freiheit des Einzelnen, sondern der Schutz des Volkes steht im Vordergrund“. Ihre „völki sche Funktion“ erkannte der Jurist in der „Gemeinschaftsgewalt, die auf den Schutz der in neren Ordnung und des inneren Friedens gerichtet ist“.1361 Mit Klaus Lauer sprach sich ein weiterer Kollege dafür aus, die Handlungsoptionen der Ordnungsmacht möglichst weit zu fassen. „Recht ist nicht das, was die Staatsgewalt anordnet, sondern das, was dem - rassisch bedingten - Rechtsgefühl des Volkes, dem ,Volksgeist’ entspricht“, wie der Hamburger Rechts anwalt meinte.1362 Selbst Himmler war davon überzeugt, dass die Polizei des „Dritten Reichs“ nicht durch aus seiner Sicht störende Gesetze eingeschränkt werden dürfe. Sie habe die Aufgabe, einer seits den totalen „Willen der Staatsführung zu vollziehen und die von ihr gewollte Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten“ und anderseits das organisch definierte Gebilde der deutschen „Volksgemeinschaft“ zu schützen.1363 Ganz im Sinne des kämpferischen „Staats schutzkorps“ schwebte dem Reichsführer-SS dabei „ein soldatisches Beamtentum“ vor, das sich zunehmend mit der SS verbinden werde.1364 „Das gesamte Polizeikorps“ habe Dr. Kurt Bader zufolge „im nationalsozialistischen Staat in seiner Grundrichtung soldatisches Geprä ge“ erhalten.1365 A uf eine Rede Hitlers vom Reichsparteitag des Jahres 1937 berief sich der Mi nisterialdirigent im Hauptamt Ordnungspolizei, wenn er jedem Polizisten ferner auftrug, „als der Repräsentant dieses Staates der unerbittlichste Vertreter der Volksgemeinschaft ge genüber jenen asozialen verbrecherischen Elementen zu sein, die sich an ihr versündigen“.1366 Kurt Daluege hielt dagegen lediglich nüchtern und vage fest, seine uniformierten Ordnungs hüter seien damit befasst, „alle der Bevölkerung drohenden Gefahren und Schäden abzuwenden“.1367 Weniger zurückhaltend erklärte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, seine eigene Truppe müsse dafür sorgen, „die Angriffe aller Kräfte abzuwehren, die in irgendeiner Weise die Gesundheit, Lebenskraft und Handlungsfähigkeit des Volkes und des vom Volk organisierten Staates schwächen und zerstören können“. Gleichzeitig habe sie „vorausschauend alles Gegnerische zu erforschen und so zu bekämpfen, daß es gar nicht erst zerstörend und zersetzend wirken kann“.1368 1360 Vgl. Ernst Fraenkel, Der Doppelstaat, 2., durchges. Aufl., Hamburg 2001, S. 41. 1361 Adolf Liepelt, Über den Umfang und die Bedeutung der Polizeigewalt im nationalsozialistischen Staat, Würzburg 1938, S. 69. 1362 Klaus Lauer, Die Polizei im nationalsozialistischen Staat, Hamburg 1935, S. 5. 1363 Heinrich Himmler, Aufgaben und A uftau der Polizei des Dritten Reiches, in: Pfundtner, Dr. Wilhelm Frick, S. 125-130, hier: S. 128. 1364 Ders., Rede, in: Hans Frank/Ders./Werner Best u. a., Grundfragen der deutschen Polizei. Bericht über die konstituierende Sitzung des Ausschusses für Polizeirecht der Akademie für Deutsches Recht am 11. Oktober 1936, Hamburg 1937, S. 11-16, hier: S. 12. 1365 Bader, Auftau, S. XVII. 1366 Ebd., S. XXVI. 1367 Daluege, Ordnungspolizei, S. 141. 1368 Reinhard Heydrich, Aufgaben und Auftau der Sicherheitspolizei im Dritten Reich, in: Pfundtner, Dr. Wil helm Frick, S. 149-153, hier: S. 149. Ferner zu Heydrichs Polizeibegriff: Deschner, Heydrich, S. 175. 263 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Dahingehend machte der Unterricht noch einmal ausdrücklich deutlich, dass die deutsche Polizei sowohl repressiv als auch präventiv agieren sollte.1369 Vom biologistisch angelegten und völkisch geprägten Polizeibegriff waren auch jene Unterrichtsstunden beseelt, die sich mit den Zwangsmitteln der Gesetzeshüter beschäftigten. Hier wiederholten und vertieften die Lehrer das, was ihre Schüler bereits im Strafrecht gelernt hatten. Hinzu kam aber noch, dass dabei der prophylaktische Kampf gegen das Verbrecherwesen näher betrachtet wurde, wie ihn Himmler und seine ideologische Entourage skizziert hatten. Indem sich die Schüler gründlich über die „vorbeugende Tätigkeit der Polizei“ informierten, fanden die nationalso zialistischen Konzepte zur Kriminalprävention ihren Weg in die ordnungspolizeiliche Ausbildung.1370 5 .1 .2 .3 D as B e s o n d e r e P o liz e ire c h t Während das Allgemeine Polizeirecht das gesetzliche und organisatorische Fundament leg te, auf dem die Arbeit der Staatsdiener fußte, warf das Besondere Polizeirecht einen genau eren Blick auf die einzelnen Aufgabengebiete der Ordnungsmacht. Von diesen besaß sie ei nige, aus denen verschiedene Polizeizweige hervorgingen. Neben den genuin ordnungspolizeilichen Belangen beleuchtete der Unterricht zumindest kursorisch auch die verwaltungspolizeilichen sowie die kommunalpolizeilichen Zuständigkeiten. Zu diesen zähl te unter anderem die Bau- und Feuerpolizei, die Sitten- und Gewerbepolizei, aber auch die Lebensmittel-, Tierseuchen-, Jagd- und Fischereipolizei. In erster Linie galt es, die Schüler mit den vielfältigen Bereichen vertraut zu machen, in denen die Staatsgewalt ebenfalls für Ruhe und Ordnung zu sorgen hatte.1371 Ein solches Feld war z. B. der Natur- und Tierschutz, um den sich die Polizei zu kümmern hatte. Diese Schutzfunktion gründete sich jedoch weniger auf ökologischen oder gar ethi schen, sondern vielmehr hygienischen und gesundheitlichen Motiven. Die Aufgabe der Staats gewalt bestand darin, genau zu überwachen, wer unter welchen Bedingungen Lebensmittel herstellte oder landwirtschaftlich tätig war. Dadurch trug sie ihren Teil dazu bei, zu verhin dern, dass sich Tierseuchen, wie etwa die Maul- und Klauenseuche, und damit auch weite re Krankheiten ausbreiteten.1372 Wie stark das U em a „Gesundheit“ insgesamt den Unterricht prägte, zeigt sich daran, dass die Schüler zahlreiche Rechtsvorschriften studierten. Zu denen gehörten etwa die Reichsärzte-, die Tierärzte- sowie die Apothekenordnung, aber auch das Heilpraktiker- und das Hebammengesetz.1373 Gegen Schädlinge, wie die Reblaus, den Kartof felkäfer, die Wollhandkrabbe oder die Bisamratte, musste die Ordnungsmacht ebenfalls vor 1369 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Unterricht im „Allgemeinen Polizeirecht“, 13.11.1941, S. 1. 1370 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 6. Allgemeines Polizeirecht, [1942]. 1371 Zu den Aufgaben der Verwaltungspolizei vgl. Sparing, Verwaltungspolizei, S. 176; Wilhelm, Polizei, S. 24; Bader, Auftau, S. XV-XVII. Ferner: Buhlan, Organisation, S. 189 f. 1372 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 12; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 153; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 1373 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 2 64 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate gehen.1374 Doch nicht nur tierischen, sondern auch menschlichen „Plagegeistern“ hatte sie das Handwerk zu legen, wenn sie etwa Schwarzfischer und Wilderer verfolgte.1375 Wirtschaftsrechtliche ^ e m e n waren im Besonderen Polizeirecht jedoch noch wichtiger. Denn wie sich das Gewerbe allgemein entwickelt hatte, welche Handelsformen existierten und welche verboten waren, lernten die Offiziersanwärter ebenfalls im Unterricht. Das t te menspektrum reichte von der Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein mussten, damit es jemandem überhaupt erlaubt war, ein Gewerbe zu führen, über das Maß- und Gewichtswe sen bis hin zum Gaststättengesetz.1376 Dabei ging es etwa um die „Beaufsichtigung weiblichen Schankpersonals und andere Massnahmen gegen Völlerei und Unsittlichkeit“.1377 Ferner war die Ordnungsmacht dafür verantwortlich, genau zu überwachen, ob sich auch jeder an die Ladenschlusszeiten oder die Sonntagsruhe hielt.1378 Daneben fiel es in den Zuständigkeitsbe reich der sogenannten Vergnügungspolizei, öffentliche Lustbarkeiten, B ea ter und Kinos zu kontrollieren, worüber das Fach ebenfalls auffilärte.1379 Solche und weitere Bereiche berühr ten auch so manche Textaufgabe, aus denen die Prüfungen im Besonderen Polizeirecht meist bestanden. In einer solchen schritt ein Polizist gegen eine Reihe von fiktiven Gesetzesverstö ßen ein, weil ein Brucker Gastwirt in seinem Lokal Musikanten und Artisten habe auftreten lassen, ohne dafür eine Erlaubnis zu besitzen. Die Offiziersanwärter mussten nun schriftlich darlegen, welche Tatbestände in diesem Fall vorlägen.1380 In einer anderen Klausur mussten sie erläutern, welche gewerblichen und steuerlichen Dokumente jemand benötigte, der Zei tungen und Unterhaltungsbücher mit seinem Bauchladen verkaufen möchte.1381 Denn ein großes U em a war im Unterricht außerdem, zwischen welchen Formen des Wandergewer bes unterschieden werden müsse. Dabei besprachen die Lehrer, wann gewerbliche Leistun gen angeboten werden durften und welche Waren davon ausgeschlossen waren, um die Schü ler schließlich mit dem Hausiersteuergesetz vertraut zu machen.1382 So harmlos dieses ttem a zunächst klingen mag, schlug sich darin aber nieder, wie sehr sich die Nationalsozialisten gerade während des Krieges davor fürchteten, dass der „Feind im Innern“ der deutschen Gesellschaft schaden könnte. Da es deren Zusammenhalt von „Ge meinschaftsfremden“ permanent bedroht sah, beäugte das Regime insbesondere Landstrei cher und Umherziehende sehr kritisch, die keinen festen Wohnsitz besaßen oder bei denen es zumindest so schien. Also regelte der Staat, wie Hausierer und Straßenverkäufer ihrer Ar 1374 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärter lehrgang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 2. 1375 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 12; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 153; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 1376 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 1377 BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärterlehr gang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 3. 1378 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 153. 1379 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärterlehrgang an der Poli zeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 3. 1380 Vgl. BAB, R 20/69, Polizeischule FFB: 5. Klassenarbeit (bes. Polizeirecht), 27.02.1939. 1381 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Bes.Pol.Recht, Lehrabt. B, [1941]. 1382 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 265 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k beit nachgehen durften, ohne jedoch eine Gefahr für Land und Leute darzustellen. Ähnlich aufmerksam betrachtete die Polizei jene Menschen, die Druckschriften verteilten oder ver trieben. Dabei ging es nicht bloß darum, den Verkauf als solchen zu regeln.1383 Vielmehr muss ten die Ordnungshüter damit rechnen, dass nicht nur erlaubte Zeitungen, sondern auch ver botene Propagandaschriften auf diese Weise in U m lauf gebracht werden konnten. Das stufte die NS-Justiz als „Wehrkraftzersetzung“ ein und ahndete es für gewöhnlich mit der To desstrafe. Die Folgen der NS-Herrschaft für die Polizeiarbeit manifestierten sich im Besonderen Po lizeirecht aber auch anderweitig. Dieses Fach behandelte spezielle verwaltungspolizeiliche Aspekte und ging so beispielsweise auf die Tätigkeit der Fremdenpolizei ein, die bereits vor 1933 für das Pass- und Meldewesen zuständig gewesen war. Die Diktatur verschärfte ihren Kurs gegenüber unbekannten und unliebsamen Personen gerade während des Zweiten Welt kriegs zunehmend, was sich auch im Bereich der Ausländerpolizei bemerkbar machte.1384 Nachdem sie schon vor der „Machtergreifung“ dafür verantwortlich gewesen war, Auslän der innerhalb des Reiches zu kontrollieren, wuchsen ihre Kompetenzen nach Erlass der „Aus länderpolizeiverordnung“ vom 22. August 1938 weiter an. Nun konnte sie nicht nur dem Re gime unliebsame Gäste schneller als bisher ausweisen, sondern überwachte auch ausländische Juden und Zwangsarbeiter.1385 Die Offiziersanwärter mussten beurteilen können, wer als An gehöriger des Deutschen Reichs galt, weshalb sie den Inhalt des Reichsangehörigkeitsgeset zes des Jahres 1913 oder des Reichsbürgergesetzes zu kennen hatten, das zu den Nürnberger Gesetzen von 1935 zählte.1386 Daneben thematisierte der Unterricht auch die Freizügigkeit, in dem die Polizeischüler die gesetzlichen Grundlagen des Meldewesens studierten, wie etwa das „Gesetz über Reichsverweisungen“ vom 23. März 1934 oder die „Ministerialerlasse zum Zigeunerunwesen“.1387 Das berührte auch die Aufgaben der Waffen- und Sprengstoffpolizei. Deshalb standen die einzelnen Waffengesetze auf dem Lehrplan, der sogar auf die Spionage abwehr zu sprechen kam, für welche die Ordnungspolizei aber nur bedingt zuständig war.1388 Dennoch forderte der Polizeiapparat offenbar von seinen führenden Vertretern, dass sie zumindest ansatzweise das gesamte Aufgabenspektrum der Staatsgewalt und dessen Rechts grundlagen überblicken sollten. Nicht nur über den Kampf gegen Fremde, Spione und „Z i geuner“ drang die NS-Ideologie in den Lehrplan des Besonderen Polizeirechts ein. Während 1383 Vgl. ebd. 1384 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 12. Ferner: Wilhelm, Polizei, S. 24; Curilla, Ordnungspolizei, S. 49. 1385 Vgl. Sparing, Verwaltungspolizei, S. 183-185; Diemut Majer, Das Verhältnis von Staatsanwaltschaft und Polizei im Nationalsozialismus, in: Reifner, Strafjustiz, S. 121-160, hier: S. 134. 1386 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärter lehrgang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 1. 1387 Ebd., S. 1. Das „Gesetz über Reichsverweisungen“ vom 23. März 1934 regelte, unter welchen Umstän den Ausländer das Reichsgebiet verlassen mussten und nicht m ehr betreten durften. Das war vor al lem dann der Fall, wenn ein Ausländer in Deutschland oder im Ausland verurteilt geworden war und nach deutschem Recht ein Verbrechen oder Vergehen begangen hatte. Aber auch ausländische Bett ler und Landstreicher waren davon betroffen. Für den Vollzug dieser Regelungen war die jeweilige Landespolizeibehörde zuständig. Vgl. Gesetz über Reichsverweisungen vom 23.03.1934, in: RGBl, 24.03.1934, Nr. 32, S. 213 f., hier: S. 213. 1388 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärter lehrgang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 2. 2 66 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate die Lehrkräfte ihre Schützlinge über das Arbeitsrecht und den Arbeitsschutz informierten, skizzierten sie außerdem die Grundzüge des Vierjahresplans, wodurch sie die Schüler in die NS-Wirtschaftspolitik einführten.1389 Dabei warfen sie zugleich einen Blick auf den „Auftau der nationalen Arbeit“, mit dem sich etwa der 4. OAL eingehend befasste.1390 A uf diesem Weg platzierte das Regime seine Prinzipien also erneut in den Rechtsunterricht. 5 . 1 .2 .4 D as B ü r g e r lic h e R e c h t , V e r w a lt u n g s r e c h t , B e a m t e n r e c h t Noch deutlicher schlugen sich die Folgen der NS-Herrschaft in einem Sammelfach nieder, das sich aus dem Bürgerlichen Recht, dem Verwaltungsrecht und dem Beamtenrecht zusam mensetzte. Diese drei Unterdisziplinen formten ein Stoffgebiet, das einerseits darauf ausge richtet war, diverse verwaltungsrechtliche Inhalte zu vermitteln, andererseits aber auch un terstreichen sollte, wie sehr die Nationalsozialisten das deutsche Staatswesen mittlerweile geprägt hatten. In den Lehrgängen erhielten die Schüler daher gleich zu Beginn einen „Über blick über die Rechtstheorien bis zur nationalsozialistischen Rechtsauffassung“, der damit den Unterricht im Verwaltungsrecht einläutete, gleichzeitig aber auch die übrigen Rechtsfä cher ergänzte.1391 Abseits dieser theoretischen und historischen Ausführungen lernten die Of fiziersanwärter, wie die Bürokratie des „Dritten Reichs“ aufgebaut war. Dabei erfuhren sie, was die Einheit von Partei und Staat bedeutete, wie die NSDAP auf die staatliche Verwaltung einwirkte oder wie der deutsche Behördenapparat organisiert war. Weiter betrachteten sie, wie die Reichszentralverwaltung und die Zentralbehörden des Reiches arbeiteten, zu denen der Unterricht explizit Reichsstatthalter, Minister und Oberpräsidenten zählte. Erwartungs gemäß widmete er sich auch der Frage, welche Rolle der „Führer“ innerhalb der deutschen Verwaltung einnehme. Die föderalistische Trias von Reich, Ländern und Gemeinden schlug sich ebenso im Lehrplan nieder, wobei auch deren Verwaltungsinstanzen durchleuchtet wurden.1392 Der Unterricht in all diesen ftem en zielte nicht vordringlich darauf ab, die Offiziers anwärter unterschwellig mit Normen des NS-Staats zu konfrontieren. Denn für seine Poli zeioffiziere war es vielmehr unabdingbar, sich bestens mit dessen Auftau, Dienstwegen und Verwaltungsinstanzen auszukennen. Ebenso wichtig war es für die Schüler, grundlegende Kenntnisse im Bürgerlichen Recht zu erwerben. Das begann damit, dass sie sich einen allgemeinen Überblick über das Bürgerli che Gesetzbuch (BGB) verschaffien und anschließend weitere Rechtsgegenstände betrach teten. Ab wann ist jemand rechts- oder geschäftsfähig? Welche unterschiedlichen Verträge gibt es im rechtlichen Sinn? Wann darf jemand zur Selbsthilfe greifen und was ist eine Not wehrsituation? All diese und noch viele weitere Fragen beschäftigten die Offiziersanwärter in diesem Abschnitt des Fachs. Ebenso galt es, festzustellen, worin sich eine natürliche von einer juristischen Person unterscheidet und welche Kriterien existieren, um festzustellen, welche Eigentumsverhältnisse bestehen und wann von Besitz oder Eigentum gesprochen 1389 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 7. Besonderes Polizeirecht, [1942]. 1390 BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Schieritz (Jena): Lehrplan für den Offizieranwärterlehr gang an der Polizeihauptschule Fürstenfeldbruck - Fächer: Besonderes Polizeirecht, Strafrecht und Revierkunde, 04.01.1937, S. 3. 1391 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 14. 1392 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 159. 267 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k werden kann. Ferner differenzierte das Bürgerliche Recht zwischen den verschiedenen Schuld verhältnissen, zu denen der Unterricht besonders den Kauf, den Tausch, die Miete und die Leihe zählte.1393 Darüber hinaus lieferte das Fach einen Aufriss der wichtigsten Inhalte des Familien-, Ehe- und Erbrechts.1394 Damit waren die angehenden Polizeioffiziere mit einem juristischen Grundwissen ausgerüstet, das ihnen im Dienst und somit im Umgang mit der Bevölkerung nicht bloß nützlich war, sondern ihre Arbeit erst ermöglichte. Nicht zuletzt war es für die Polizisten daher wichtig, sich im Beamtenrecht auszukennen, das sie schließlich selbst betraf. Dabei informierten die Lehrkräfte über die rechtlichen Eck pfeiler und die historischen Wurzeln des Berufsbeamtentums, um ihre Schüler über den Rechtsstatus aufzuklären, den Staatsdiener im Nationalsozialismus besaßen. Konkret befass ten sie sich mit dem allgemeinen deutschen Beamtengesetz, dem Reichspolizeibeamtenge setz und dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.1395 Für die angehenden Offiziere war es durchaus wichtig zu wissen, welche Altersgrenzen galten, um in Pension zu gehen, oder wann ein Beamter auf Lebenszeit angestellt werden konnte. Ebenso klärte der Unterricht darüber auf, wie sich ein Beamter verhalten sollte, um drohende Gefahren von der NSDAP abzuwenden. Auch in diesen scheinbar ideologiefreien ttemengebieten fanden sich also nationalsozialistische Dogmen wieder. In einer Klausur aus dem Jahre 1938 etwa sollten die Prüflinge darlegen, wer nach dem Beamtengesetz überhaupt Staatsdiener werden könne und ob diese Regeln auch für jüdische „Mischlinge“ zweiten Grades gelten würden.1396 Doch nicht nur über ihre Rechte klärte der beamtenrechtliche Unterricht die Polizisten auf, sondern auch über ihre Pflichten, zu deren obersten die mit dem Eid geschworene Treue gegenüber dem „Führer“ zählte. Aber auch die strenge Schweigepflicht des Staatsdienstes stand ganz oben auf der Agenda.1397 Wer von den Ordnungshütern selbst den Pfad der „sol datischen Tugenden“ verließ, den Gehorsam verweigerte oder sogar mit dem Gesetz in Kon flikt geriet, musste mitunter mit scharfen Sanktionen rechnen. Dafür besaß der Polizeiappa rat eigene Regelungen. Vor diesem Kontext machte die Polizeischule ihren Zöglingen klar, dass ein Gesetzeshüter, der nicht seine Pflicht erfüllt, durchaus damit zu rechnen habe, nicht mehr befördert zu werden und damit auch Nachteile für seine Gehaltsklasse in Kauf neh men zu müssen.1398 Daher spielte das „Strafrecht und Disziplinarrecht für Angehörige der uniformierten Ordnungspolizei“ eine besondere Rolle innerhalb des Fachs.1399 Es unterschied 1393 Vgl. ebd., Bl. 159; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Schwahn (Polizeischule FFB): Stoffver teilungsplan des bürgerl.Rechts für den 1. Revieroffizieranwärter-Lehrgang, [1941]; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Unterricht im bürgerl.Recht, 13.11.1941. 1394 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 14 und BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 9 a. Bürgerliches Recht, [1942]. 1395 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 159; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, [unle serlich] (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan in Beamtenrecht, [1941]; BayHStA München, Poli zeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Unterricht im Beamtenrecht bei den Rev.Offiz. Anwärtern, 13.11.1941, S. 1. 1396 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 13, 4. Prüfungsaufgabe. Teil I: Beamtenrecht, 23.04.1938. 1397 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffverteilungsplan für den Unterricht im Beamtenrecht bei den Rev.Offiz. Anwärtern, 13.11.1941, S. 1. 1398 Vgl. ebd., S.1. 1399 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 14. 2 68 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate jedoch zwischen „Dienststrafrecht und gerichtlicher Bestrafung“.1400 Ungeachtet dieser be grifflichen Feinheiten zeigte das Ausbildungssystem den Ordnungshütern ihre Grenzen auf, nachdem es sie eingehend darüber aufgeklärt hatte, welche Freiräume sie besaßen. Abtrün niges und rechtswidriges Verhalten seiner Repräsentanten bestrafte das Regime mitunter sehr hart, um dadurch abzuschrecken und Nonkonformismus im Keim zu ersticken.1401 5 .1 .2 .5 D ie S S - u n d P o liz e ig e r ic h ts b a r k e it Ganz in diesem Sinne gesellte sich während des Krieges zu diesem Fächerkreis ein weiteres Rechtsgebiet, das schlagartig an Bedeutung gewann und 1943 sogar zu einer eigenständigen Disziplin aufstieg. Denn für ihren künftigen Einsatz in den besetzten Gebieten mussten die Schüler jene Vorschriften kennen, die für sie aus der SS- und Polizeigerichtsbarkeit erwuchsen.1402 Durch eine Verordnung vom 17. Oktober 1939 hatte der Ministerrat für die Reichsver teidigung eine Sonderjurisdiktion geschaffen, die den Rechtsstatus von Angehörigen der Schutzstaffel und der Polizei für den Kriegsdienst regelte. Diese erstreckte sich auf sämtliche Tatbestände, die auch die Militärjustiz der Wehrmacht abdeckte, war aber von dieser losge löst und unterstellte alle SS-Angehörigen und Polizisten unter eine eigene Gerichtsbarkeit. Letztere unterstanden ihr aber zunächst nur, sofern sie sich als Angehörige eines Verbandes im „auswärtigen Einsatz“ befanden. Bei kriminellen Aktionen außerhalb eines solchen Diens tes galt also nach wie vor das allgemeine Strafrecht. Verstießen die „Polizeisoldaten“ aber ge gen das Gesetz, während sie in den besetzten Gebieten eingesetzt waren, befassten sich ei gens von Himmler installierte SS- und Polizeigerichte mit diesen Fällen.1403 Während innerhalb der Ordnungspolizei zunächst hauptsächlich Beamte des Vollzugsdienstes betrof fen waren, erweiterte sich der Adressatenkreis mehrfach. Letztendlich sollte sich die SS- und Polizeigerichtsbarkeit ab 1. September 1942 auf sämtliche Angehörige der uniformierten Po lizei und ihrer Hilfsverbände erstrecken.1404 In erster Linie betraf dieses besondere Recht al 1400 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 9 b. Verwaltungs- und Beamtenrecht, [1942]. 1401 Siehe dazu auch Kapitel 6.6. 1402 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan für das Bürgerl. Recht, Beamtenrecht, Dienststrafrecht, SS- und Pol.Gerichtsbarkeit, 15.01.1942. 1403 Vgl. Verordnung über eine Sondergerichtsbarkeit in Strafsachen für Angehörige der SS und für die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz vom 17.10.1939, in: RGBl, 30.10.1939, Nr. 214, S. 2107 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 196, Abschrift: Scharfe (RFSSuChdDtPol): Beleh rung der der Sondergerichtsbarkeit der SS und Polizei unterworfenen SS- und Polizei-Angehörigen über gerichtliche Bestrafungen usw., 15.07.1940, S. 1; Bernd Wegner, Die Sondergerichtsbarkeit von SS und Polizei. Militärjustiz oder Grundlegung einer SS-gemäßen Rechtsordnung?, in: Ursula Bütt ner (Hrsg.), Das Unrechtsregime. Internationale Forschung über den Nationalsozialismus, Bd. 1: Ideo logie - Herrschaftssystem - Wirkung in Europa, Festschrift für Werner Jochmann zum 65. Geburts tag, Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 21, Hamburg 1986, S. 243-259, hier: S. 244; Hans Buchheim, Die Organisation der Sondergerichtsbarkeit der SS und Polizei, in: Gutach ten, Bd. I, S. 343-348, hier: S. 343-346. Ferner: Erste Verordnung zur Durchführung der Verordnung über eine Sondergerichtsbarkeit in Strafsachen für Angehörige der SS und für die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz vom 01.11.1939, in: RGBl, 25.11.1939, Nr. 233, S. 2293-2296; Zweite Verordnung zur D urchführung der Verordnung über eine Sondergerichtsbarkeit in Strafsa chen für Angehörige der SS und für die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz vom 17.04.1940, in: RGBl, 22.04.1940, Nr. 71, S. 659 f. 1404 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 196, Abschrift: Himmler (RFSSuChdDtPol): Sonderge richtsbarkeit der Ordnungspolizei und ihrer Hilfsverbände, 08.08.1942. Ferner: Buchheim, SS, S. 157; 2 6 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lerdings die Polizei- und Ausbildungsbataillone, daneben aber auch die Polizeischulen. Ju ristisch waren für sie vorwiegend die HSSPF zuständig, in deren Befehlsbereich sich eine solche Einheit oder Lehrstätte befand.1405 Ihnen übergeordnet war jedoch wieder der Reichsführer-SS, der sich als oberster Gerichtsherr selbst vorbehielt, über einen Fall zu entschei den.1406 Bei geringen Vergehen musste der Disziplinarvorgesetzte den Täter schnellstmöglich be strafen, was an einer Polizeischule deren Kommandeur übernahm. Dieser war grundsätzlich befugt, Dienststrafen zu verhängen und zu vollstrecken, wozu etwa Verweise oder Arreste zählten.1407 Bei schwereren Straftaten bestellten die Gerichtsherren für die jeweiligen Verwal tungseinheiten einen eigenen Gerichtsoffizier, der Zeugen oder Sachverständige vernehmen und vereidigen sowie Beweismaterial beschlagnahmen konnte.1408 Neben weiteren Dienst stellen mussten auch die Schulen der Ordnungspolizei über einen solchen Amtsträger ver fügen. Ihm kam vor Gericht die Aufgabe zu, „bei Wahrung der Manneszucht das militäri sche Gerechtigkeitsempfinden in Verfahren und Urteilsspruch“ zu wahren.1409 Zum Gerichtsoffizier der Polizeischule Fürstenfeldbruck bestellte das zuständige SS- und Polizei gericht München z. B. im Februar 1943 den Hauptmann Dr. Helmut Herzog.1410 Der Unterricht in der SS- und Polizeigerichtsbarkeit war darauf ausgerichtet, die wichtigs ten Inhalte des Truppendienst- und des Kriegsstrafrechts zu behandeln.1411 Dabei lernten die Offiziersanwärter zunächst allgemein das „Sonderrecht für die Wehrmacht, SS und Polizei“ kennen und grenzten es vom zivilen Recht ab. Die gesetzlichen Grundlagen entnahmen sie vor allem dem Reichs- sowie dem Militärstrafgesetzbuch, wobei sie auch die „Vorläufige Dienststrafordnung für Polizeitruppen“ behandelten.1412 Darauffiin befassten sich die Beam ten mit der Frage, wie ein entsprechendes Verfahren organisiert war, und machten sich da Wolfgang Scheffler, Zur Praxis der SS- und Polizeigerichtsbarkeit im Dritten Reich, in: Günther Doeker/Winfried Steffani (Hrsg.), Klassenjustiz und Pluralismus. Festschrift für Ernst Fraenkel zum 75. Ge burtstag am 26. Dezember 1973, Hamburg 1973, S. 224-236, hier: S. 226. 1405 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 196, Abschrift: Himmler (RFSSuChdDtPol): Erlaß des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei zur Verordnung über eine Sondergerichtsbarkeit in Strafsachen für Angehörige der SS und für die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz, 20.11.1939, S. 1 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 196, Abschrift: Daluege (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Sondergerichtsbarkeit der Polizeiverbände bei besonde rem Einsatz, 19.05.1940, S. 1. Ferner: Birn, Höheren SS- und Polizeiführer, S. 131-157. 1406 Vgl. Christopher ffieel, „Parzifal unter den Gangstern“? Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit in Polen 1939-1945, in: Schulte, Waffen-SS, S. 61-79, hier: S. 63; Wegner, Sondergerichtsbarkeit, S. 248 f. 1407 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 197, I. A. von Grolman (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizei schule FFB: SS- und Polizeisondergerichtsbarkeit; disziplinare Ahndung von leichteren gerichtlich ver folgbaren Straftaten vor Meldung an den Gerichtsherrn, 23.08.1940, S. 2; BayHStA München, Polizei schule FFB 196, Abschrift: RFSSuChdDtPol: Vorläufige Dienststrafverordnung für Polizeitruppen, 19.04.1940, S. 2-4. 1408 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 196, PAB FFB: Sondergerichtsbarkeit für die Angehörigen der Polizeiverbände bei besonderem Einsatz, [1940], S. 2. Dieses Dokument schildert auch detailliert den Ablauf eines Verfahrens. 1409 BayHStA München, Polizeischule FFB 35, I. A. Grünwald (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. alle Kommandeure der Schulen, Anstalten usw.: Gerichtsoffiziere der Ordnungspolizei, 15.02.1943, S. 2. Vgl. ferner Buchheim, Organisation, S. 348. 1410 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 35, Abschrift: Knote (SS- und Polizeigericht I München): Bestellung als Gerichtsoffizier, 27.02.1943. 1411 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 9 b. Verwaltungs- und Beamtenrecht, [1942]. 1412 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Ruffing (Polizeischule FFB): 12. SS- und Pol.Gerichtsbarkeit, [1943]. 270 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate ran, dessen Ablauf anhand von ausgewählten Beispielen nachzuvollziehen. Ferner standen die Aufgaben des Gerichtsoffiziers auf dem Lehrplan.1413 Gerade aber die „Sondertatbestände für SS und Polizei“ behandelten die Fachlehrer in ih rem Unterricht recht ausführlich.1414 Regelmäßig mussten sie ihre Schüler darüber belehren, welche Konsequenzen es nach sich ziehen konnte, wenn sie gegen die Kriegsgesetze und die moralischen Prinzipien des „Staatsschutzkorps“ verstießen. Je nach Schwere der Schuld konn ten die speziellen SS- und Polizeigerichte einen Delinquenten zu mitunter langjährigen Haft strafen oder sogar zum Tode verurteilen. Als Angehöriger von Himmlers Elitegarde musste er außerdem fürchten, aus der SS entlassen oder ausgestoßen zu werden, was als sogenann te SS-Ehrenstrafe bekannt war. Daneben drohte polizeilichen Gesetzesbrechern, aus dem Be amtenverhältnis auszuscheiden und alle Dienstbezüge zu verlieren.1415 Zu den Straftatbestän den zählten z. B. „unerlaubte Entfernung, Feigheit, Gehorsamsverweigerung, Widersetzung, tätliche[r] Angriff auf Vorgesetzte, Meuterei und Aufruhr, Plünderung, Wachvergehen“, aber auch „Fahnenflucht“ und „Zersetzung der Wehrkraft“.1416 Darüber hinaus sanktionierte die Sondergerichtsbarkeit gerade jene Taten, die dem Tu gendkatalog der SS zuwiderliefen. Das machten auch entsprechende Lehrschriften zum The ma deutlich, zu denen etwa die „grauen Mitteilungen“ des Hauptamts SS-Gericht gehörten. „Treu und tapfer bis in den Tod kämpft der SS- und Polizeiangehörige unter rücksichtslosem Einsatz seiner Person für Führer, Volk und Reich“, weshalb illoyales und feiges Verhalten als äußerst schändlich galt, wie ein gesonderter Leitfaden für die ideologische Jurisdiktion aus dem Jahre 1944 angab.1417 Auch sollte er die Ehre als „das höchste Gut des deutschen Man nes“ ansehen, wobei er sowohl seine eigene als auch die seiner Vorgesetzten und Kollegen zu achten habe.1418 Nach Ansicht des NS-Regimes gefährdete jemand die Kameradschaft und die „Manneszucht“, wenn er etwa einen anderen bestahl, einen Vorgesetzten beleidigte oder bedrohte, vorsätzlich einen Befehl missachtete oder gar betrunken eine Straftat beging.1419 Darüber hinaus hatte jeder von Himmlers Untergebenen „rassestolz und sippenbewußt“ und damit „ein Freund alles Gesunden und ein Feind jeder Entartung“ zu sein.1420 Weil auch die Ordnungspolizisten als „Vorkämpfer im Kampfe um die Ausrottung der Homosexualität im deutschen Volke“ fungieren sollten, war „Unzucht zwischen Männern “ besonders in den ei genen Reihen strengstens verboten.1421 Als ähnlich schwerwiegend wurde es angesehen, wenn sich jemand aus dem SS- und Polizeiapparat mit Juden sexuell einlassen sollte, da er sich da durch der „Rassenschande“ schuldig machen und gegen die Nürnberger Gesetze von 1935 1413 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): SS- und Polizeigerichts barkeit, [1944]. 1414 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Ruffing (Polizeischule FFB): 12. SS- und Pol.Gerichtsbarkeit, [1943]. 1415 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 196, Abschrift: Scharfe (RFSSuChdDtPol): Belehrung der der Sondergerichtsbarkeit der SS und Polizei unterworfenen SS- und Polizei-Angehörigen über ge richtliche Bestrafungen usw., 15.07.1940, S. 1 f. und 6. 1416 Ebd., S. 2. Hervorhebung im Original. 1417 IfZ Archiv, 11/Dc 013.001, Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei/Hauptamt SS-Gericht (Hrsg.), Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Ein Leitfaden, Leipzig 1944, S. 41. Vgl. dazu ebd., S. 41-44. 1418 Ebd., S. 45. 1419 Vgl. ebd., S. 50-55. 1420 Ebd., S. 46. 1421 Ebd., S. 47 f. Hervorhebung im Original. 271 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k verstoßen würde.1422 Während ihres „auswärtiges Einsatzes“ befolgten allerdings nicht alle deutschen „Herrenmenschen“ diese Vorschriften immer so genau, wie es dem Reichsführer- SS vorschwebte.1423 Weil sich Himmler dazu berufen fühlte, gerade die Bereiche „Ehe“ und „Sexualität“ für seine Mannen zu reglementieren, spiegelte sich dies in zahlreichen Erlassen wider, die auch die SS- und Polizeigerichtsbarkeit tangierten. Die Brucker Schule war ebenso davon betrof fen, weil sie dazu angehalten war, diese ^ e m e n im Unterricht zu behandeln. Doch ereigne ten sich an der Lehranstalt selbst einige Vorfälle, die in diesen Kontext passen. Daher lohnt es sich, diese Sujets näher zu betrachten: In einem SS-Befehl erklärte Himmler z. B. im Ok tober 1939, kriegsbedingt bestehe die Gefahr, dass viele kämpfende Männer kinderlos an der Front fallen könnten. Um dem eigenen Volk in dieser Situation eine ausreichende Zahl an Nachkommen zu liefern, sollte es „für deutsche Frauen und Mädel guten Blutes eine hohe Aufgabe sein“, sogar „außerhalb der Ehe“ schwanger und schließlich Mütter zu werden.1424 Die Pflicht, sich zu vermehren und dadurch für den „Sieg des Kindes“ zu sorgen, hätten aber auch jene Männer und Frauen, die im „Altreich“ geblieben waren. Die Schutzstaffel würde allen Müttern zur Seite stehen, indem sie sich um die Kinder kümmere, deren Väter an der Front kämpften oder von den Schlachtfeldern nicht mehr zurückkehrten.1425 Ähnliche Motive hatten den Reichsführer-SS dazu veranlasst, bereits im Dezember 1935 den „Lebensborn e. V.“ einzurichten, dessen Zentrale sich in der Herzog-Max-Straße 3-7 in München befand. Diese NS-Fürsorgeinstitution hatte schwangere Frauen oder Geliebten von SS-Angehörigen in speziellen Mütterheimen unterzubringen und später deren Stammhalter zu versorgen. Der „Lebensborn“ war eine Manifestation der nationalsozialistischen Bevöl kerungspolitik und beabsichtigte, für einen Geburtenanstieg zu sorgen, um so neue „gutras sige“ Kämpfer für Deutschland zu erhalten. Er sollte insbesondere unverheirateten Frauen zeitweise eine Bleibe bieten, die ihre Kinder im Geheimen austragen wollten und dadurch von einer Abtreibung absahen, die Himmler außerordentlich verhasst war.1426 Indem die Brucker Lehranstalt ihre Schüler darüber informierte, sendete ihr oberster Chef auch ein Signal an die uniformierte Polizei. Denn das Fürsorgesystem der SS sollte auch für Ordnungshüter attraktiv werden und einen zusätzlichen Anreiz schaffen, um der Eliteorganisation der NSDAP 1422 Vgl. ebd., S. 46. 1423 Vgl. Regina Mühlhäuser, „Mannestrieb“ und „Manneszucht“. NS-Politiken im Umgang m it Vergewal tigung, Prostitution, hetero- und homosexuellen Verhältnissen deutscher Soldaten während des Kriegs in der Sowjetunion (1941-1945), in: Anette Dietrich/Ljiljana Heise (Hrsg.), M ännlichkeitskonstruk tionen im Nationalsozialismus. Formen, Funktionen und Wirkungsmacht von Geschlechterkonstruk tionen im Nationalsozialismus und ihre Reflexion in der pädagogischen Praxis, Zivilisationen & Ge schichte, Bd. 18, Frankfurt am Main 2013, S. 99-119, hier: S. 100-105 und 112-114. Zu Himmlers homophoben Ansichten ferner: Longerich, Himmler, S. 242-247. 1424 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Himmler (RFSSuChdDtPol): SS-Befehl für die gesamte SS und Polizei, 28.10.1939. 1425 Vgl. ebd. 1426 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Himmler (RFSSuChdDtPol): An alle SS-Männer und ihre Angehörigen. Ausführungsbestimmungen zum Befehl des Reichsführer SS vom 28.10.1939, 19.06.1940. Ferner: Georg Lilienthal, Der „Lebensborn e.V.“. Ein Instrum ent nationalsozialistischer Rassenpolitik, erw. Neuausg., Frankfurt am Main 2003, S. 40-58; Volker Koop, „Dem Führer ein Kind schenken“. Die SS-Organisation Lebensborn e.V.“, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 6-12 und 23-25; H im m ler, Rede, S. 15; Longerich, Himmler, S. 241 f. und 384. 272 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate beizutreten. Jeder einzelne Angehörige des Stammpersonals und jeder Schüler erhielt ein Exemplar des SS-Befehls.1427 Wenige Monate später sah sich Himmler jedoch genötigt, auf etwaige Zweifel, Missver ständnisse und Beschwerden zu reagieren, die sein SS-Befehl hervorgerufen hatte. Ganz so selbstverständlich nahmen ihn die Rezipienten doch nicht auf. Vielen Lesern missfiel beson ders der Umstand, dass sich das Dokument auch auf Kinder bezog, die unehelich gezeugt worden waren. Das war mit den Moralvorstellungen einiger SS-Mitglieder offenbar nicht vereinbar. Doch gegen solche Bedenken wendete der Reichsführer-SS ein, dass es schon zu allen Zeiten Frauen gegeben habe, die außerhalb der Ehe Mütter geworden seien.1428 Um Kri tiker zum Schweigen zu bringen, fügte er einen Brief von Rudolf Hess an eine werdende Mut ter bei, deren Verlobter im Krieg gefallen war. In ihm glorifizierte Hitlers Stellvertreter die Rolle von unehelichen Kindern für die deutsche „Volksgemeinschaft“, wobei er Leonardo da Vinci und die Väter von Wilhelm Busch und Karl dem Großen als prominente Beispiele auf zählte, die ebenfalls außerehelich zur Welt gekommen seien. Außerdem versprach er der Frau, dass in solchen Fällen auf den Standesämtern ein Eintrag vorgenommen werde, damit Mut ter und Kind erhobenen Hauptes die Frage nach dem Vater damit beantworten könnten, er sei ein „Kriegsvater“ gewesen.1429 Noch mehr ärgerte sich Himmler über eine weitere Fehlinterpretation seines SS-Befehls. Einige seiner Leser deuteten ihn dahingehend, dass sie dazu aufgefordert seien, sich „inten siver“ um die Frauen kämpfender Soldaten zu kümmern. Dabei betonte der Reichsführer- SS, die Beziehungen zwischen im Krieg eingesetzten Männern und ihren Partnerinnen dürf ten keinesfalls von anderen angetastet werden - schon gleich gar nicht von Mitgliedern der Schutzstaffel. Das sei „einfachstes und selbstverständlichstes Anstands- und Kameradengesetz“.1430 Dementsprechend sollten die Angehörigen von SS und Polizei allen Gerüchten entschlossen entgegentreten. Denn wer etwas anderes behauptete, würde damit die Ehre der Schutzstaf fel, aber auch der deutschen Frau besudeln.1431 Mit diesem Appell waren auch die künftigen Offiziere der Ordnungspolizei sowie das Stammpersonal der Brucker Schule in der Pflicht. Der Polizeiapparat legte daher großen Wert darauf, dass der Inhalt dieser Erlasse den Poli zeibeamten ständig in Erinnerung gerufen wurde. Denn nicht jeder Angehörige von SS und Polizei beachtete die Maßgaben des Reichsführers-SS derart genau. So wies selbst der Chef der Ordnungspolizei seine Staatsdiener noch im Herbst 1943 darauf hin, dass sich niemand damit herausreden könne, Himmlers Direktiven nicht zu kennen. Diese Ausrede sei von ei nigen SS-Männern und Polizisten vorgebracht worden, die mit den Frauen von Soldaten ge schlafen hätten, die zu dieser Zeit an der Front eingesetzt seien. Doch solch ein Verhalten könne sogar als militärischer Ungehorsam strafrechtlich geahndet werden. Dem gleichen 1427 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, I. V. Diez (PAB FFB): Begleitverfügung zum SS-Befehl vom 28.10.1939, 29.10.1939. Ferner: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 14.06.1938, in: RMBliV, 22.06.1938, Nr. 26, Sp. 1005-1007. 1428 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Himmler (RFSSuChdDtPol): An alle M änner der SS und Polizei, 30.01.1940, S. 1. 1429 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Rudolf Hess an eine unverheiratete Mutter, o. D. Zu Him m lers Ansichten über uneheliche Kinder vgl. ferner Longerich, Himmler, S. 382-384. 1430 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Himmler (RFSSuChdDtPol): An alle M änner der SS und Polizei, 30.01.1940, S. 1. 1431 Vgl. ebd., S. 1f. 273 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Schreiben lag eine Abschrift von Himmlers Befehlen bei, was erneut verdeutlicht, wie ernst der Polizeiapparat diese Angelegenheit nahm.1432 Der Reichsführer-SS kannte kein Erbarmen, wenn jemand auf diese Weise fremdging. So landete ein Wachtmeister der Ordnungspolizei im Konzentrationslager, weil er „mit der Ehe frau eines im Felde stehenden Kameraden [...] wiederholt Ehebruch getrieben“ habe. Weil der Beamte an einer Geschlechtskrankheit litt und mit seinem Verhältnis zu der Frau eines Polizeikollegen deren Ehe zerstört hatte, habe er, Daluege zufolge, ein „hemmungsloses und unkameradschaftliches Verhalten“ an den Tag gelegt, was bestraft werden müsse.1433 Über ei nen ähnlichen Fall berichtete ein weiterer Erlass vom 21. Juni 1941. Diesem zufolge habe ein Angehöriger der SS während des Jahres 1940 mit mehreren polnischen Frauen geschlafen, obwohl der Reichsführer-SS den Geschlechtsverkehr mit Polinnen durch einen Befehl aus drücklich verboten hatte. Dem Staffel-Scharführer sei dies bekannt gewesen, da er diese An weisungen auch an seine Untergebenen weitergegeben habe. Nun habe sich der SS-Mann bei einer Polin mit Syphilis infiziert. Entgegen der Anordnung seines Arztes habe ihn das jedoch nicht davon abgehalten, mit seiner eigenen Frau und seiner volksdeutschen Geliebten intim zu werden. Himmler habe sich persönlich darum gekümmert, dass der Schwerenöter mit Schimpf und Schande aus der SS verbannt und in ein K Z verbracht worden sei.1434 Dem schriftlichen Hinweis auf diesen Vorfall wohnte nicht nur eine rassistische Botschaft inne, weil der Leser ausdrücklich erfuhr, dass der deutsche Elitekämpfer sich ausgerechnet bei ei ner polnischen Frau eine schwere Geschlechtskrankheit zugezogen habe. Der Erlass beweist darüber hinaus, wie viel Wert Himmler auf die sexuelle Treue seiner Männer legte. Dennoch kannte die Prinzipientreue des Reichsführers-SS ihre Grenzen. „Im Interesse der Aufrecht erhaltung der Ehe“ sollten Dienststellen von SS und Polizei auf seinen Wunsch nämlich nicht die Gemahlin eines ihrer Angehörigen informieren, sofern ihr Gatte fremdging.1435 Das Thema Ehebruch beschäftigte die Brucker Polizeischule nicht nur in der Theorie, wie der Fall des Hauptwachtmeisters Wilhelm Truelsen zeigt. Dieser war nach Ende eines Aus wahllehrgangs beurlaubt und sollte danach am 33. OAL teilnehmen, wie Arno Hagemann in seinem Bericht schilderte. Während dieser freien Zeit habe Truelsen eine Affäre mit der Ehe frau eines Oberfeldwebels der Wehrmacht unterhalten, der seinerzeit im Reichsgebiet ein gesetzt gewesen sei. Der Offiziersanwärter habe nicht nur in der eigenen Familienwohnung Sex mit seiner Geliebten gehabt, sondern sich auch in der Öffentlichkeit mit ihr gezeigt, ob wohl er selbst verheiratet gewesen sei und zwei Kinder gehabt habe. Aufgrund dieses Ver haltens schickte der Schulkommandeur den Beamten wieder zu seiner eigentlichen Dienst stelle zurück. Sein Rücktrittsgesuch konnte der Ehebrecher mit seinem Gesundheitszustand begründen, wodurch ihn Hagemann zumindest nach außen hin das Gesicht wahren ließ.1436 In einem weiteren Fall schickte der Schulleiter den Anwärter Max Schwengberg ebenfalls zu seinem Heimatstandort zurück. Der Teilnehmer des 36. OAL hatte die Lehrerschaft über 1432 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Abschrift: I. V. Reinefarth (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. Polizeischule FFB: Militärischer Ungehorsam durch geschlechtlichen Umgang m it Soldaten frauen, 19.10.1943. 1433 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an den Befehlshaber der Ordnungspolizei im Protektorat Böhmen und Mähren in Prag: Vertraulich!, 02.03.1940, S. 1. 1434 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Abschrift: Himmler (RFSSuChdDtPol): Geschlechts verkehr m it Polinnen, 21.06.1941. 1435 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, I. A. von Grolman (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Schulen, Anstalten usw.: Vertraulich!, 11.03.1942, S. 1. 1436 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 20.05.1943. 274 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate seinen Werdegang belogen, indem er seine erfolglose Teilnahme am 21. OAL verschwieg. Au ßerdem habe er darüber hinaus schon 1941 wegen Ehebruchs vor einem SS- und Polizeige richt gestanden.1437 Laut Aussage des Polizisten, sei das Verfahren eingestellt und der untreue Familienvater stattdessen „zur Frontbewährung im Osten eingesetzt worden“.1438 Hagemann begründete die Entlassung Schwengbergs damit, dass dieser sich durch seinen eigenwilligen Umgang mit der Wahrheit und das Fremdgehen eines Offiziers nicht würdig erweise.1439 An diesen Beispielen zeigt sich abermals, dass die Polizeischule Fürstenfeldbruck als Dienststel le des Himmlerschen Machtbereichs fungierte und damit beschäftigt war, dessen Politik und Werte zu exekutieren, worum sich auch die Sondergerichtsbarkeit bemühte. Allerdings war es keineswegs so, dass der SS- und Polizeiapparat nicht über die körperli chen Bedürfnisse seiner Vertreter Bescheid wusste oder diesen völlig weltfremd gegenüber stand. Die Lehroffiziere an der Brucker Schule nahmen ein Schreiben des HSSPF in Mün chen durch, das sich auf einen Erlass Himmlers vom 8. Juni 1940 bezog. Dem zufolge könne den Ordnungspolizisten nicht untersagt werden, eines „der besonders eingerichteten Bor delle“ zu besuchen.1440 Dafür könnten die Angehörigen der Polizeibataillone Kondome über ihre Sanitätsstellen beziehen, da es wichtig sei, dass sich die Beamten gegen sexuell übertrag bare Krankheiten schützten.1441 Bemerkenswert an diesem Text ist nicht nur, dass er auch der Polizeischule Fürstenfeldbruck vorlag, die ihre Schüler darüber unterrichten musste. Auch geht daraus hervor, dass die Besatzungsbehörden Bordelle eingerichtet hatten, in denen die Polizisten in den annektierten Gebieten ihren Sexualtrieb befriedigen konnten. Dabei han delte es sich anscheinend um Etablissements, in denen osteuropäische Frauen zur Prostitu tion gezwungen wurden. Es erscheint daher zynisch, wenn der ansonsten so verpönte Ge schlechtsverkehr mit „Frem drassigen“ für die Beamten erlaubt war, solange er mit Zwangsprostituierten erfolgte und die Männer sich dabei schützten.1442 Gerade im Unterricht in den rechtlichen Fächern mussten die Lehrkräfte oftmals aktuelle Fälle und Gerichtsurteile behandeln, um die angehenden Polizeiführer auf den neuesten Stand der Rechtslage zu bringen. Dabei verschwammen häufig die Grenzen zwischen den einzelnen Disziplinen, wie folgender Fall zeigt: Ein SS-Gericht hatte 1942 einen SS-Angehörigen verurteilt, weil dieser mehrfach eine junge Frau dazu überreden wollte, ihr werdendes Kind abzutreiben. Da ihn herkömmliche Strafgerichte dafür nicht belangen konnten, bestä tigte das Hauptamt SS-Gericht das erstinstanzliche Urteil. Denn eine solche Tat sei mit den Normen der Schutzstaffel überhaupt nicht vereinbar. Kurt Daluege machte daher in seinem Schreiben deutlich, dass sich auch die Ordnungspolizei an die Wertmaßstäbe der SS halten müsse und folglich „der Angriff auf das keimende Leben eine der schwersten Straftaten ist, auch für die Angehörigen der Ordnungspolizei“.1443 Wie wichtig die Brucker Schule diesen 1437 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Hauptwachtm.d.Gend. Max Schwengberg, 02.12.1943, S. 1. 1438 Ebd., S. 2. 1439 Vgl. ebd., S. 2. 1440 BayHStA München, Polizeischule FFB 53, Abschrift: I. V. Hoffmann (IdO im Wehrkreis VII): Polizei liche Behandlung der Prostitution, 17.06.1940. 1441 Vgl. ebd. 1442 Vgl. dazu IfZ Archiv, 11/Dc 013.001, Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei/Hauptamt SS-Gericht (Hrsg.), Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Ein Leitfaden, Leipzig 1944, S. 49. Ferner: Mühl häuser, Mannestrieb, S. 106-109; Wegner, Sondergerichtsbarkeit, S. 253; Schäfer, NSG-Verfahren, S. 281. 1443 BayHStA München, Polizeischule FFB 33, [unleserlich] (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Kom mandeure der Schulen: Rechtserziehung (Erfolglose Anstiftung zur Abtreibung), 01.11.1942. 275 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Fall nahm, ist daraus ersichtlich, dass sie ihn nicht nur im Unterricht zur SS- und Polizeige richtsbarkeit, sondern außerdem in der weltanschaulichen Wochenschulung behandelte.1444 Wie sehr sich die Polizei zuweilen in das Privatleben ihrer Angehörigen einmischte, ver anschaulicht ein Vorfall, der sich in der zweiten Kriegshälfte an einer der beiden Polizeioffi ziersschulen zutrug und sogar das Hauptamt Ordnungspolizei beschäftigte: Ein Offiziersan wärter schwängerte ungewollt ein Mädchen, wobei sich beide darüber einig waren, nicht heiraten zu wollen. Als der Vater der jungen Frau davon erfuhr, schrieb er dem Polizisten ei nen Brief, in dem er ihn dazu aufforderte, seine Tochter sofort zu ehelichen. Auch gegen eine Scheidung habe er nichts einzuwenden. Da der angehende Polizeiführer darauf aber nicht reagierte, informierte der werdende Großvater dessen Disziplinarvorgesetzten, der auf sei nen Untergebenen einwirkte und ihn dazu bewegte, das schwangere Mädchen heiraten zu wollen. Der Polizist änderte jedoch seine Meinung erneut, nachdem er sich mit seiner Part nerin ausgesprochen hatte, weil er ohnehin nur widerwillig einer Ehe zugestimmt hätte.1445 Über diesen Fall informierte ein vertrauliches Schreiben aus Dalueges Hause die Polizeischu le. Es verrät aber nicht, um welche Beteiligten es sich dabei gehandelt oder an welcher Dienst stelle sich der Vorfall genau zugetragen hatte. Viel wichtiger war dem Hauptamt Ordnungs polizei, das Verhalten des vorgesetzten Beamten zu verurteilen, der den Offiziersanwärter überhaupt erst dazu gebracht habe, in die Ehe einzuwilligen. „Ehen, die nur zum Zwecke der Legitimation eines Kindes geschlossen und in Kürze wieder geschieden werden“, so das Do kument, „liegen nicht im Interesse des deutschen Volkes“.1446 Es kann dabei nicht ausgeschlos sen werden, dass sich diese Begebenheit an der Brucker Schule ereignete. Die Bildungsan stalt widmete sich diesem U em a zumindest in einer ihrer Offiziersbesprechungen.1447 Dabei muss beachtet werden, dass die Ordnungspolizei diesen konkreten Einzelfall beanstandete. Sie wollte damit aber keineswegs bewirken, dass sich die Vorgesetzten künftig aus den Pri vatangelegenheiten ihrer Untergebenen heraushielten. Denn nicht der Umstand, dass sich der Vorgesetzte überhaupt eingemischt hatte, sondern vielmehr dessen Entscheidung sei falsch gewesen.1448 Ein Polizeioffizier musste sich schon allein aus Gründen der „Manneszucht“ um seine Männer kümmern, weil diese im SS-Wertesystem sowie in der SS- und Polizeigerichtsbar keit ganz allgemein ein zentrales Gut war.1449 Dafür hatte er nicht nur gewisse Kompetenzen zu besitzen, sondern auch speziellen „Führerpflichten“ nachzukommen. Weil er seine Un tergebenen dazu erziehen sollte, stets ihre Pflicht zu erfüllen, musste er ihnen dafür als Vor bild dienen und sich ihnen gegenüber mustergültig wie pflichtbewusst verhalten. Er hatte sie gründlich zu beaufsichtigen und ihnen bei ihren beruflichen, aber auch privaten Problemen beizustehen. Zu dieser Fürsorge gesellte sich, dass der Vorgesetzte seine Untergebenen an ständig, gerecht und respektvoll behandeln sollte. Mit strafrechtlichen Konsequenzen muss te ein Polizeiführer hingegen rechnen, wenn er beispielsweise seine Männer unnötigen Ge 1444 Das geht aus der Bemerkung hervor, die sich auf der Rückseite des Schreibens befindet. Vgl. ebd. 1445 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 53, I. V. Diermann (Chef der Ordnungspolizei) an u. a. die Kommandeure der unmittelbar unterstellten Schulen: Behandlung persönlicher Angelegenheiten Un tergebener durch Disziplinar-Vorgesetzte, 24.03.1944. 1446 Ebd., S. 1. 1447 Vgl. ebd., S. 2. 1448 Vgl. ebd., S. 1. 1449 Vgl. Christopher ^ e e l , Der moralische Rigorismus der Unmoral. Die SS-Sonderstrafgerichtsbarkeit, in: Wolfgang Bialas/Lothar Fritze (Hrsg.), Ideologie und Moral im Nationalsozialismus, Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 50, Göttingen 2014, S. 329-346, hier: S. 332 f. 276 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate fahren aussetzte, ihnen gegenüber gewalttätig wurde oder sie anderweitig entwürdigend behandelte.1450 Der Ordnungspolizei waren diese Führerpflichten derart wichtig, dass ihre Offiziersschulen diese nicht nur im Unterricht in der SS- und Polizeigerichtsbarkeit durch nahmen. Sie widmeten ihnen mit der Lebenskunde und später der Pflichtenlehre sogar ei gene Fächer. „Was Recht und Unrecht ist, ergibt sich aus deutschem Rechtsgefühl und nationalsozialis tischer Weltanschauung, nicht aus Paragraphen“, lautete die Devise der ideologisch motivier ten Jurisdiktion.1451 Sowohl vor den künftigen als auch den bereits aktiven Offizieren der Lehr anstalt referierten über diese spezielle Rechtsdefinition außerdem SS-Richter, die aus dem Hauptamt SS-Gericht in München kamen und daher bestens mit der Materie vertraut wa ren.1452 Als sich der Krieg immer mehr zuspitzte, genügte es jedoch nicht mehr, die Kursteil nehmer bloß mit den Inhalten der SS- und Polizeigerichtsbarkeit bekannt zu machen. Am Ende des Unterrichts in dieser Disziplin mussten sie ein Dokument unterzeichnen, in dem sie versicherten, darüber informiert worden zu sein, dass „die gesamte Ordnungspolizei ein schließlich ihrer Hilfsverbände sich mit Wirkung vom 1. September 1942 im besonderen Ein satz befindet“ und deswegen der besonderen Jurisdiktion unterstand. Außerdem bestätigten sie auf diesem Wege, darüber Bescheid zu wissen, dass sie damit der Sondergerichtsbarkeit ähnlich „wie Soldaten den Militärstrafgesetzen unterliegen“.1453 Diese weltanschauliche Rechtsordnung war ein wichtiges Instrument, das bei der „Ver schmelzung“ von SS und Polizei behilflich sein sollte.1454 Sie fußte auf den rassenideologi schen Fundamenten des NS-Staats und sanktionierte besonders hart, wenn deren Verfech ter gegen diese verstießen. Da die SS- und Polizeigerichtsbarkeit vollständig auf den Nutzen der „Volksgemeinschaft“ ausgerichtet war, bestrafte sie einerseits jene Verbrechen, die die sem gesellschaftlichen Profit zuwiderliefen, während sie andererseits Taten wesentlich mil der ahndete, die ihn mehrten. Richteten sich solche Schandtaten also gegen Menschen, die außerhalb der deutschen Gesellschaft standen oder das Deutsche Reich zu bedrohen schie nen, ließ diese Sonderjustiz durchaus Gnade walten. Das tat sie sogar, wenn sie in einer Art und Weise verübt wurden, die den Prinzipien der SS widersprachen. Dies lässt erkennen, dass Himmler sie nicht nur deswegen eingeführt hatte, um SS-Angehörige und Polizisten aus dem juristischen Einflussbereich der Wehrmacht herauszulösen. Mehr noch strebte der oberste Polizeichef danach, ein genuin nationalsozialistisches Rechtswesen zu etablieren, das sich maßgeblich am Wertekodex der SS sowie ihrer elitären Ordensideologie orientierte und auch für das übrige zivile und militärische Strafrecht richtungsweisend werden sollte.1455 Dass Himmler die Polizisten von der herkömmlichen Justiz abkapselte und einer eigenen Gerichtsbarkeit unterstellte, die noch dazu in der zweiten Kriegshälfte ihre rechtliche Aus bildung dominierte, dürfte nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sein. Dieses weltanschau liche Rechtswesen untermauerte schließlich, dass sich auch die Ordnungspolizei als elitäre 1450 Vgl. IfZ Archiv, 11/Dc 013.001, Der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei/Hauptamt SS- Gericht (Hrsg.), Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Ein Leitfaden, Leipzig 1944, S. 69-75. 1451 Ebd., S. 1. 1452 Vgl. BAB, R 19/308, I. V. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Vorträge über die SS- und Pol.-Gerichtsbarkeit, 12.08.1942, Bl. 207. 1453 BayHStA München, Polizeischule FFB 16, Polizeischule FFB: Sondergerichtsbarkeit der Ordnungspo lizei und ihrer Hilfsverbände, 1942. Hervorhebung im Original. 1454 Vgl. Wegner, Sondergerichtsbarkeit, S. 245. 1455 Vgl. Bianca Vieregge, Die Gerichtsbarkeit einer „Elite“. Nationalsozialistische Rechtssprechung am Beispiel der SS- und Polizei-Gerichtsbarkeit, Juristische Zeitgeschichte, Bd. 10, Baden-Baden 2002, S. 62, 141 f. und 222-228. 277 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Organisation des NS-Staats begriff und auch so gebärdete. Solange sie sich um das „völki sche“ Gemeinwohl verdient machten und die Wertegemeinschaft der SS achteten, interes sierte sich Himmlers Machtapparat nur bedingt dafür, wenn seine „Polizeisoldaten“ während des „auswärtigen Einsatzes“ Verbrechen verübten, die das NS-Regime nicht explizit ange ordnet hatte. Die staatlich forcierten Massenmorde an den europäischen Juden und anderen Opfergruppen wurden von der SS- und Polizeigerichtsbarkeit aber ohnehin nicht tangiert. 5 . 1 .2 .6 D as V e rk e h r s r e c h t Gegen die SS- und Polizeigerichtsbarkeit war der Unterricht im Verkehrsrecht geradezu harmlos. Dennoch besaß dieses Fach einen sehr ernsten Hintergrund. Gerade seit der Wei marer Republik beschäftigte sich der deutsche Staat intensiv mit den Folgen der frühen Mas senmotorisierung. Einerseits profitierte die Gesellschaft davon, schneller von A nach B zu gelangen. Das beschleunigte insbesondere das urbane Leben rasant. Die Infrastrukturen der deutschen Großstädte waren aber andererseits rasch damit überfordert, der wachsenden An zahl an Verkehrsteilnehmern Herr zu werden. In den engen Straßen ereigneten sich zahlrei che Unfälle, die oftmals tödlich endeten, weil die mobilen Akteure unerfahren und überfor dert waren. Zw ar implementierte der Staat ein neues Verkehrsrecht, nach dem der Straßenverkehr verbindlich geregelt wurde, um das riskante Treiben auf städtischen Ver kehrsadern zu ordnen. Doch vor allem der Polizei kam nun die Aufgabe zu, gegen die ver antwortungslose Fahrweise vorzugehen und ungehobelte Verkehrsteilnehmer zu disziplinieren.1456 Um die Sicherheit auf den deutschen Straßen verbessern zu können, mussten die Offiziers anwärter wissen, was das Gesetz vorschrieb. Deshalb behandelte das Verkehrsrecht vor al lem die wichtigsten Inhalte der Straßenverkehrsordnung (StVO), die am 1. Januar 1938 in Kraft getreten war.1457 Mit diesem Gesetzeswerk nahmen sie vor allem durch, wie man sich als Verkehrsteilnehmer richtig verhalten sollte, was die einzelnen Verkehrszeichen zu bedeu ten hatten und wie die Vorfahrt geregelt war. Daneben galt es, die Schüler darüber aufzuklä ren, unter welchen Umständen Personen und Fahrzeuge am Straßenverkehr teilnehmen durf ten.1458 Ihre Lehrkräfte unterrichteten sie auch darüber, wie Fahrzeuge gekennzeichnet werden mussten, welche Fahrtgeschwindigkeit angemessen war oder welche Führerscheine es gab. Zudem widmeten sie sich den Fragen, wie ein Fahrzeug beschaffen sein musste oder welche Folgen es hatte, wenn jemand Unfallflucht beging. Nicht zuletzt befasste sich der Unterricht mit dem Zusammenwirken der einzelnen Verkehrsteilnehmer. Neben Fußgängern, Fahrrad- 1456 Vgl. dazu Gerhard Fürmetz, „Kampf um den Straßenfrieden“. Polizei und Verkehrsdisziplin in Bay ern zwischen Kriegsende und beginnender Massenmotorisierung, in: Ders., Nachkriegspolizei, S. 199 228, hier: S. 201 f.; Willy Hansen, Zwischen Selbstdarstellung und Propaganda-Aktion: „Verkehrser ziehungswochen“ und „Tage der Deutschen Polizei“ als Beispiele der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit im NS-Staat, in: Buhlan, Freund, S. 230-262, hier: S. 231. 1457 Vgl. Verordnung über das Verhalten im Straßenverkehr (Straßenverkehrs-Ordnung - StVO) vom 13.11.1937, in: RGBl, 16.11.1937, Nr. 123, S. 1179-1214. Ferner: Hansen, Selbstdarstellung, S. 241. 1458 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Kö penick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang M a riaschein, 28.02.1941, S. 13. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 145, Verkehrsrecht, [1942]. 278 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate und Autofahrern gehörten in der damaligen Zeit dazu auch noch Fuhrleute. Um diese arg theoretischen Sachverhalte zu veranschaulichen, setzten die Lehroffiziere Verkehrsfilme ein.1459 Weiterhin klärte der Lehrer für das Verkehrsrecht darüber auf, welche Aufgabe der Ord nungspolizei bei Verkehrskontrollen zukam. Außerdem führte die uniformierte Polizei Kur se zur Verkehrserziehung durch, die gerade Kindern und Jugendlichen das richtige Verhal ten auf den Straßen beibrachten.146° Nicht zuletzt mit solchen Maßnahmen versuchte die Staatsmacht, öffentlichkeitswirksam ihr Image als „Freund und Helfer“ zu pflegen, das Himm ler von der Weimarer Politik übernommen und pervertiert hatte.1461 Diese Freundschaft galt jedoch nicht jenen Verkehrsteilnehmern, die betrunken ein Fahrzeug steuerten oder dabei sogar Unfälle verursachten. Blutproben zu entnehmen und verschärft gegen Trunkenheit am Steuer vorzugehen, gehörte zu den Aufgaben, mit denen der sogenannte Verkehrsoffizier be traut war.1462 Dieser führende Beamte diente in der motorisierten Gendarmerie, die 1936 aus einem Teil des SA-Feldjägerkorps hervorgegangen und auf den Landstraßen und Autobah nen zuständig war. In den Städten existierte hingegen eine eigene „Verkehrspolizei“.1463 „Kriegswirtschaftliche Maßnahmen auf verkehrsrechtlichem Gebiet“ standen für die Poli zeischüler in den frühen vierziger Jahren ferner auf dem Lehrplan.1464 Das verdeutlicht erneut, wie sehr der Krieg in Bereiche der Offiziersausbildung eindrang, die eher unverdächtig und gegenüber diesem Prozess eher resistent erschienen. Wie die rechtlichen Fächer insgesamt zeigen, passte der Polizeiapparat seine Ausbildungsinhalte ständig an aktuelle Entwicklungen an, ohne dabei jedoch seine grundsätzliche Konzeption zu verlieren. Die Anwärter sollten al lerdings nicht nur im Rechtskundeunterricht mit dieser Praxis konfrontiert werden. In den Prüfungen zum Verkehrsrecht mussten sie abermals ihr Wissen abrufen und sich mit einer Reihe von Verstößen auseinandersetzen. Die konstruierten Fälle mussten die Schü ler entwirren und ihre Rechtsgrundlagen offenlegen. Ein solcher Musterfall befasste sich mit einem Verkehrssünder, der zu schnell und mit defektem Blinker unterwegs war, wobei er durch Pfützen fuhr und dadurch einzelne Fußgänger vollspritzte.1465 Der Protagonist einer weiteren Aufgabe war ein minderjähriger Autodieb, der bei einer Spritztour mit einem ge stohlenen Wagen noch mehrere andere Rechtsbrüche beging.1466 Die Prüflinge sollten auch darlegen können, welche Verkehrsregeln besonders von Radfahrern zu beachten seien, mit welchen Handzeichen der Verkehr geregelt werden könne oder wie Unfälle mit Kindern ver mieden werden könnten.1467 Sogar in solche Klausuren schlich sich allerdings wieder die NS- 1459 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 8. Verkehrsrecht, [1942]; BAB, R 19/273, Lehrord nung, [1939], Bl. 155; BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Lehrstoffvertei lungsplan für den Unterricht im Verkehrsrecht bei den Rev.Offz.Anwärtern, 13.11.1941, S. 1 f. Ferner: Filmvorführung für die Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 29.06.1933, Nr. 149, S. 3. 1460 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 155. 1461 W ährend des „Dritten Reichs“ veranstaltete die Ordnungspolizei auch eigene „Verkehrserziehungswo chen“, um die Bevölkerung zu einer rücksichtsvolleren Fahrweise anzuhalten. Vgl. dazu Hansen, Selbst darstellung, S. 233-244. 1462 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 13. 1463 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 155. Ferner: Wilhelm, Polizei, S. 88-90; Deuster, Poli zei-Uniformen, S. 24 f. 1464 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 8. Verkehrsrecht, [1942]. 1465 Vgl. BAB, R 20/69, Polizeischule FFB: 4. Klassenarbeit (Verkehrsrecht), 13.12.1938. 1466 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: 2. Prüfungsaufgabe (Verkehrs recht), 24.07.1941. 1467 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Verkehrsrecht, Lehrabt. B., [1941]. 279 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Herrschaft hinein, indem eine Arbeit etwa danach fragte, „[w]elche Gründe [...] der Führer für die planmäßige Förderung der Motorisierung seit 1933“ gehabt habe und welche Folgen dies mit sich bringe.1468 Das Verkehrsrecht dominierten solche ideologisch gefärbten Inhal te aber keinesfalls. 5.1.3. Die polizeidienstlichen Fächer 5 . 1 .3 . 1 D ie R e v ie r k u n d e Im Gegensatz zu den übrigen Bereichen bildeten die polizeidienstlichen Fächer keinen the matisch in sich geschlossenen Komplex. Dennoch wäre es verfehlt, anzunehmen, sie hätten bloß ein zusammenhangsloses Gebilde dargestellt. Vielmehr deckten die einzelnen Diszip linen spezielle Aufgabengebiete ab, mit denen die Polizisten in ihrem Beruf konfrontiert wa ren. Sie umfassten vorwiegend Aspekte des dienstlichen Alltags, aber auch Ausnahmesitua tionen, welche die Nationalsozialisten erst durch ihren „Totalen Krieg“ hervorriefen. Die polizeidienstlichen Disziplinen waren Revierkunde, Kriminalistik und Kraftfahrwesen so wie das Haushalts- und Wirtschaftswesen. Die Revierkunde war wohl dasjenige Fach, das den Schülern am stärksten die Routine der gewöhnlichen Polizeiarbeit näherbrachte. In ihr lernten die angehenden Offiziere, wie der alltägliche Dienst in den Polizeirevieren organisiert war. Dieser war den Schülern zwar be reits bekannt, sofern sie als Wachtmeister auf den Wachen eingesetzt gewesen waren. Trotz dem war dem Ausbildungsapparat auch zu Kriegszeiten sehr daran gelegen, dass die Offi ziersanwärter wussten, welche Aufgaben für sie aus dem künftigen Tagesgeschäft erwuchsen. Denn der Reichsführer-SS plante schon für die Zeit nach dem „Endsieg“, in der an den po lizeilichen Dienststellen wieder Normalität einkehren sollte. Obwohl oder gerade weil Himm lers Machtapparat permanent unter dem akuten Personalbedarf litt, konnte er nicht jeden Offizier zum „auswärtigen Einsatz“ in die besetzten Gebiete schicken. Stattdessen musste er dafür Sorge tragen, dass eine ausreichende Anzahl von Polizeiführern an der „Heimatfront“ blieb, damit sie den Einzeldienst in den Polizeiwachen verrichten und leiten konnten. Deshalb mussten sich sämtliche Offiziersanwärter damit auseinandersetzen, wie ein Schutz polizeikommando aufgebaut und untergliedert war.1469 Daraufein befasste sich der Unter richt mit denjenigen Behörden, die ihm untergeordnet waren. Der Lehrer skizzierte daher, aus welchen Teilen sich ein Polizeirevier zusammensetzte. Auch führte er aus, welche Auf gaben sein Leiter besaß. Dabei glorifizierte er den „Revierführer und seine Stellung als Vor gesetzter u. Erzieher seiner Beamten und Betreuer der Bevölkerung“.1470 In Prüfungsaufga ben ließ er seine Schüler darum gedanklich in die Rolle schlüpfen, als Leiter eines Polizeireviers entscheiden zu müssen, welche Maßnahmen sie im allgemeinen Dienstbetrieb anordnen würden.1471 Grundsätzlich galt es, den Anwärtern jene Mentalitäten und Verhal tensweisen zu vermitteln, die sie gegenüber ihren Untergebenen zu mustergültigen Vorge setzten und in den Augen ihrer „Volksgenossen“ zu einem „Freund und Helfer“ machen soll 1468 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Verkehrsrecht, Lehrabt. A., [1941]. 1469 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 163. 1470 Das war sogar der Titel einer Unterrichtsstunde in der Revierkunde des 27. OAL. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 127, 11. Revierkunde, [1942]. 1471 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Polizeischule FFB: 4. Prüfungsaufgabe. (Revier kunde), 19.03.1941. 2 80 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate ten. In derlei Ausdrucksformen und Zielen schlug sich also jenes Bild des Polizeioffiziers nieder, wie es den obersten Funktionären des NS-Regimes vorschwebte. Gerade dieses pa thetische Ideal sollte sich in anderen Fächern noch stärker manifestieren. Ganz allgemein war es Himmlers Machtapparat sehr wichtig, dass sich seine Staatsgewalt fürsorglich um den Bürger kümmerte, um ihn so für sich und den Nationalsozialismus zu gewinnen. Deshalb nutzte sie Medienberichte, Publikationen und vor allem Veranstaltungen, um sich als freund liche Institution des NS-Staats zu inszenieren.1472 A uf diese Weise fungierte sie für ihn damit zugleich „als wichtigstes Instrum ent zur Erziehung des Volkes zur sogenannten Volksgemeinschaft“.1473 Abseits dieser eher normativen Inhalte standen in der Revierkunde vielmehr diejenigen Aspekte im Vordergrund, welche die herkömmliche Polizeiarbeit in der Praxis ausmachten. Dazu zählten der Bürodienst und seine einzelnen Sachgebiete ebenso wie der Umgang mit dem üblichen Publikumsverkehr.1474 Daneben erläuterte der Lehroffizier, welche unterschied lichen Beamtentypen und Tätigkeitsfelder auf einer Wache vorhanden waren und wie sich Streifen-, Posten- und Bezirksdienst voneinander unterschieden.1475 Weitere Fragen galten etwa den bürokratischen Aufgaben der Revierbeamten: Welche Funktion erfüllte der Wach habende und wie muss er seine Bücher ordnungsgemäß führen? Wie sollen Melde- und Straf register gepflegt werden? Wie genau sind Kennkarten und Pässe zu kontrollieren? Was ist die „Volkskartei“ und welche Aufgaben erwachsen der Polizei aus ihr?1476 Das klingt zunächst recht harmlos, hatte aber einen ernsten Hintergrund. Denn neben den herkömmlichen Mel deregistern hatte das Regime im Jahre 1939 reichsweit eine „Volkskartei“ eingerichtet, um mit ihr die deutsche Bevölkerung besser überwachen, aber auch gegen Juden und „Zigeuner“ vorgehen zu können. Ähnliche soziale Kontrollmedien besaß die Staatsgewalt in Form von Reisepässen und Kennkarten.1477 Ein erheblicher Teil der Revierkunde konzentrierte sich also auf die administrativen Auf gaben einer Polizeiwache. Dabei lernten die Offiziersanwärter, wie sie Meldungen zu erstat ten, Berichte anzufertigen, Anzeigen aufzunehmen und Vernehmungen sowie Beurteilun gen vorzunehmen hatten. Die Polizeischüler sollten aber auch darüber Bescheid wissen, wie sie mit vorgesetzten Dienststellen richtig zu korrespondieren hatten.1478 Zum Dienst an den Revieren gehörte es ferner, Betrunkene auszunüchtern, Verdächtige und überführte Täter zu verhaften, aber auch die richtige „Behandlung von Fundsachen und Kadavern“.1479 Manche Lehrgänge befassten sich außerdem mit dem Polizeihundewesen.1480 „Praktische Fälle aus 1472 Siehe dazu Kapitel 6.2. 1473 Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 98. 1474 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 16. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 139, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan in Einführung in den Dienstbetrieb des Revierführers, [1941]. 1475 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 163; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 11. Re vierkunde, [1942]. 1476 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 11. Revierkunde, [1942]. 1477 Vgl. Sparing, Verwaltungspolizei, S. 181-183. 1478 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 163. 1479 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 11. Revierkunde, [1942]. 1480 Als Beispiele dienen u. a. der 25., 27. und 35. OAL. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, 25. Offizieranwärterlehrgang. Revierkunde, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 11. Re vierkunde, [1942] sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Revierkunde, [1943]. 281 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k dem Straßendienst“ verdeutlichten den Polizisten ferner, auf welche Situationen sie sich ein stellen mussten, wenn sie auf Streife gingen.1481 Obwohl die nüchternen Sachthemen in der Revierkunde überwogen, befanden sich zu weilen in diesem Fach auch Fragmente der NS-Ideologie. Das zeigt sich nicht nur darin, dass der Unterricht den Revierführer äußerst pathetisch als Erzieher und Betreuer innerhalb der deutschen „Volksgemeinschaft“ überhöhte. Darüber hinaus widmete sich z. B. der 27. OAL der Frage, wie die Polizei mit der Wehrmacht, dem RAD, der HJ und der Partei idealtypisch umgehen sollte.1482 Ähnliches tauchte bereits im Allgemeinen Polizeirecht auf. Es ist recht unwahrscheinlich, dass diese Gesichtspunkte auf das rein dienstliche Verhältnis zwischen der Staatsmacht und den übrigen Organisationen beschränkt blieben. Vielmehr sollte den künftigen Polizeiführern immer wieder vor Augen geführt werden, welche Rolle ihnen im NS-Staat zugedacht war. Ein Blick auf die Themen der Revierkunde zeigt ferner, dass die Schüler hier theoretisch diejenigen Aufgaben kennenlernten, die für sie später einmal im Dienstalltag zur Gewohnheit werden sollten. Das Wissen über die rechtlichen Hintergrün de und Handlungsmöglichkeiten erwarben sie sich im Fach Bürgerliches, Verwaltungs- und Beamtenrecht, wodurch sich die einzelnen Disziplinen ergänzten. Trotz gewisser ideologi scher Sprenkel präsentierte sich die Revierkunde vorwiegend als nüchterne Disziplin, wel che die Schüler an die praktische Verwaltungsarbeit des Vollzugsdienstes heranführte. Nicht ganz so alltäglichen Aufgaben der uniformierten Polizei widmete sich ein weiteres Fach. 5 . 1 .3 .2 D ie K r im in a lis t ik Auch wenn es primär die Kriminalpolizei war, die Verbrecher aufzuspüren und Straftaten aufzuklären hatte, gehörten diese Aufgaben ebenfalls zu den Themen, mit denen sich die Of fiziersausbildung der Ordnungspolizei beschäftigte. So strikt ließen sich die beiden polizei lichen Tätigkeitsfelder ohnehin nicht voneinander abgrenzen. Schließlich waren die unifor mierten Gesetzeshüter ebenfalls daran beteiligt, Straftäter zu ermitteln und dingfest zu machen.1483 Daher war es nur konsequent, die Kriminalistik auch an den obersten Bildungs stätten der Ordnungspolizei zu unterrichten und dem Offiziersnachwuchs einen Eindruck davon zu vermitteln, wie seine Kollegen arbeiteten. Dabei erhielten die Schüler zunächst ei nen knappen Überblick darüber, aus welchen Zweigen sich Heydrichs Sicherheitspolizei zu sammensetzte, zu der die Kriminalpolizei seit 1936 gehörte. Deren Aufgaben lernten sie eben so kennen wie die wichtigsten Grundbegriffe des Fachs.1484 Daneben erfuhren sie, was die zeitgenössische Forschung darüber zu wissen glaubte, welche Ursachen es für Verbrechen allgemein gab und welche Formen dabei zu unterscheiden waren.1485 Obgleich für diesen Ab stecher in die Verbrechenslehre nur eine Lehrstunde vorgesehen war, vermittelte er den Ord 1481 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 163. 1482 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 11. Revierkunde, [1942]. 1483 Vgl. Best, Polizei, S. 33 f. 1484 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 15. 1485 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 161. 282 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate nungspolizisten die grundlegenden Prinzipien der nationalsozialistischen Kriminalprävention.1486 An dieser Stelle zeigen sich inhaltliche Parallelen zu dem, was die Offiziersanwärter im Strafrecht lernten. Klausuren in der Kriminalistik konnten schon einmal mit diesem Fach verbunden sein. Sie fragten dann danach, wie korrekt gegen aufgegriffene Landstreicher oder in jenen Fällen vorzugehen sei, in denen Beamte einen Leichnam vorfanden.1487 Ferner refe rierten die Lehroffiziere über die „Bekämpfung gewerbsmäßiger Straftaten“, wozu insbeson dere das gesetzeswidrige Treiben von Falschmünzern, Hochstaplern und Taschendieben zähl te.1488 Daran lässt sich ablesen, wie entschieden die nationalsozialistische Polizei gegen solche, wie es der Lehrplan ausdrückte, „Verbrecherspezialisten“ vorgehen wollte.1489 Die Lehroffiziere brachten ihren Schützlingen außerdem bei, dass die Kriminalpolizei im Kampf gegen solche Gesetzesbrecher über eine Reihe verschiedener Methoden verfügte, um einen Übeltäter zu überführen. Diese bildeten das Herzstück des Unterrichts in der Krim i nalistik. Die angehenden Offiziere mussten darin geübt sein, Personalien festzustellen sowie nach verschwundenen Objekten und Personen zu fahnden. Letzteres bezog sich jedoch nicht nur auf Verdächtige, sondern auch auf Vermisste oder gar Tote. Dementsprechend besaß auch die sogenannte Leichentoilette ihren Platz im Unterricht. Weitere zahlreiche Tricks der Ermittler sparte die Kriminalistik ebenso wenig aus.1490 Insbesondere lernten die Schüler, wie sie Beschuldigte vernehmen und Zeugen befragen sollten. Für die berufliche Praxis der Po lizisten war es äußerst wichtig, über diese Verfahrensweisen umfassend informiert zu sein. Deshalb vertiefte der Unterricht diese U em en und ging beispielsweise darauf ein, wie die Beamten mit einem Kind umzugehen hatten, wenn es Zeuge einer Straftat geworden war.1491 Was muss ein Polizist beachten, wenn er einen Raum oder ein Gebäude durchsucht? Wie beschlagnahmt er Beweismittel und weitere Gegenstände? Wie nimmt er am besten eine Ver haftung vor? Für die Anwärter war es lebenswichtig, die Antworten auf all diese Fragen zu kennen, weshalb sie der Unterricht ausführlich behandelte.1492 Einen gewaltbereiten Straftä ter dürfte es wenig interessiert haben, inwieweit ein Ordnungspolizist für ihn zuständig war. Auch wenn ein Vertreter der uniformierten Staatsmacht zuerst an einen Tatort gelangte, muss te er genau wissen, wie er sich dort zu verhalten hatte, um möglichst keine Spuren zu zerstö ren. Wie wichtig dieser Verhaltenskodex war, lässt sich daran ablesen, dass die Schüler schon einmal darüber in der mündlichen Prüfung abgefragt wurden.1493 In der Kriminalistik klärte der verantwortliche Lehroffizier ferner darüber auf, wie erken nungsdienstliche Karteien geführt werden sollten und welche Möglichkeiten und Techniken 1486 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 3. 1487 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Polizeischule FFB: 13. Klassenarbeit (aus Kriminalis tik u. Strafrecht), Juni 1938. 1488 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 161. 1489 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 15. 1490 Vgl. ebd., S. 15. 1491 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 161. 1492 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 15 1493 Vgl. ebd., S. 15 283 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k existierten, um Spuren an einem Tatort zu sichern. Daneben erfuhren die Offiziersanwärter, wie sehr die Wissenschaft dabei behilflich sein konnte, nach Kriminellen zu fahnden. Das bezog sich etwa auf die Daktyloskopie, mit deren Hilfe ein Täter anhand seiner Fingerab drücke identifiziert werden konnte. Ferner veranschaulichte der Unterricht, wie nützlich es unter Umständen war, Handschriften miteinander zu vergleichen und Fotos zu verwenden, um nach einer Person zu fahnden oder Spuren zu sichern. Die Teilnehmer eines Lehrgangs lernten zudem, in welchen Fällen es sich anbot, die Hilfe von Sachverständigen zu beanspruchen.1494 Beispiele aus der Praxis stellten die Schüler selbst mithilfe von Referaten vor, was sie noch tiefer in die Materie einsteigen ließ und den Unterricht dynamischer gestaltete.1495 Auch wenn die Arbeitswelt der Kriminalpolizei nicht zentral für die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei war, ging es in der Kriminalistik darum, den Anwärtern einen Eindruck davon zu vermitteln, was Heydrichs Polizei leistete. Der Unterricht diente allerdings nicht nur dazu, die Schüler bloß darüber zu informieren, welche Aufgaben ihre Berufsgenossen wahrnahmen. Vielmehr gab es pragmatische Motive dafür, diese Disziplin eingehend im Lehrgang zu behandeln. Offenbar zielte das Regime darauf ab, Synergien zwischen beiden Teilen des NS-Polizeistaats zu schaffen. Indem sich Dalueges Polizisten mit der Verbrechens bekämpfung auseinandersetzten, sollten sie die eigentlichen Kriminalisten besser unterstüt zen können und gleichzeitig die staatliche Philosophie der aggressiven Kriminalprävention verinnerlichen, auf der ihr Handeln fußte. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass der Un terricht politische Delikte kaum behandelte. 5 . 1 .3 .3 D as K r a f t fa h r w e s e n Innerhalb der Offiziersanwärterlehrgänge diente, wie bereits dargestellt, der Unterricht im Verkehrsrecht dazu, den Teilnehmern einzutrichtern, nach welchen Paragraphen der Ver kehr auf deutschen Straßen geregelt war. Mit weniger abstrakten Facetten der Automobili tät beschäftigte sich ein weiterer ttem enkomplex: das Kraftfahrwesen. In diesem Fach ging es weniger darum, Straßenschilder und Verkehrsregeln zu kennen. Eine Fahrpraxis oder -er laubnis konnten die Schüler in diesem Rahmen ebenfalls nicht erwerben, wofür es ohnehin eigene Kurse gab.1496 So absolvierte z. B. der 7. OAL einen solchen Kfz-Lehrgang an der Tech nischen Polizeischule in Berlin, in dem die Teilnehmer auch gleich ihren Führerschein mach ten.1497 Das Kraftfahrwesen befasste sich dagegen mit ganz anderen U em en, die aber für den Polizeiapparat gewiss nicht weniger wichtig waren. Dieses Fach beleuchtete, wie Kraftfahr zeuge innerhalb der Ordnungspolizei taktisch zum Einsatz kamen. Wie so oft begann der Unterricht auch in diesem Gebiet mit einem allgemeinen histori schen Überblick. Er informierte die Polizeischüler darüber, wie sich motorisierte Verkehrs- 1494 Vgl. ebd., S. 15; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 161. 1495 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 15. 1496 Solch eine Ausbildung im Kraftfahrdienst stand weder in der Lehrordnung noch auf dem Lehrplan der Offiziersanwärterlehrgänge in Fürstenfeldbruck und fand daher neben dem eigentlichen Unter richt statt. Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kom mando-Befehl Nr. 16, 09.07.1938. 1497 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Bruder (Ansbach): 50-jähriges Polizei-Offiziers-Jubiläum des 7. Pol.OAL 1937/38, Juni 1988, S. 4. 2 84 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate mittel seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hatten. Daneben schnitten die Lehroffiziere weitere Sachverhalte an, die rund um das Thema „Mobilität“ angesiedelt waren: Die Anwär ter sollten sich ein fundiertes Wissen darüber aneignen, das vom Straßenbau bis hin zu den unterschiedlichen Treibstoffen reichte und sich über eher randständige Aspekte des Verkehrs wesens erstreckte. Doch weiter dozierten die Fachlehrer über die „Stellung des Kraftfahrzeu ges in der Landesverteidigung und in der Wirtschaft und ihre Zusammenhänge“, womit die „Heeresmotorisierung“ sowie die „Volksmotorisierung“ gemeint waren.1498 Diese Themenwahl verrät abermals, wie sehr der Krieg den Polizeiunterricht in Beschlag nahm, noch bevor die ser überhaupt ausgebrochen war.1499 Deswegen ließe sich das Kraftfahrwesen sogar in die Ka tegorie der militärischen Disziplinen einreihen. Das eher technisch orientierte Fach besaß aber vielmehr eine Mittlerfunktion. Denn die Beamten belehrte es sowohl über den alltägli chen Gebrauch als auch den militärischen Einsatz der unterschiedlichen Gefährte, die für sie bereits zu Friedenszeiten und im herkömmlichen Dienstbetrieb unentbehrlich waren. Dementsprechend konzentrierte sich das Kraftfahrwesen darauf, den Polizisten einen Ein druck davon zu vermitteln, auf welche unterschiedlichen Arten die verschiedenen Truppen fahrzeuge verwendet werden konnten und wie diese Einsätze organisiert waren. Dabei kam zur Sprache, welche verschiedenen Fahrzeugtypen existierten, welches Leistungsvermögen sie besaßen und wie sie auf die einzelnen Standorte verteilt waren. Über die Aufgaben des sogenannten Kraftfahroffiziers und seine Funktion innerhalb des Polizeiapparats informier ten die Fachdozenten ebenfalls. Außerdem ließen sie sich detailliert darüber aus, wie Fahr zeugkolonnen zu organisieren waren. Sie überließen nichts dem Zufall, wenn sie ihre Schü ler darüber aufclärten, wie lang eine solche Kolonne normalerweise war, in welchem Aktionsradius sie für gewöhnlich operierte und wie die Fahrzeuggruppe zu sichern war.1500 Über jeden Teilaspekt dieses kriegswichtigen Themas mussten die Polizeiführer bestens in struiert sein. Für die Ordnungspolizei und alle übrigen Waffenträger war es unabdingbar, dass sich ihre Krafträder, Autos und Lastwägen reibungslos im Operationsgebiet bewegen konnten, um einzelne Personen und ganze Truppen an der Front schnellstmöglich zu ver sorgen oder zu transportieren. Dieser Themenschwerpunkt verdeutlicht, dass die Polizei mit Überfällen durch gegneri sche Verbände oder Partisanen rechnete und tatsächlich konfrontiert war. Während dieser Komplex eher bedingte, den Polizisten defensive Strategien zu vermitteln, mit deren Hilfe sie sich und ihre Männer vor Angriffen schützen sollten, gingen die Lehrkräfte des Kraft fahrwesens auch zur Offensive über. Anschließend lehrten sie nämlich, aus welchen Fahr zeugen und welchem Personal ein motorisiertes Polizeibataillon bestand und wie der Kampf einsatz einer solchen Einheit konzipiert war.1501 Dabei studierten die Schüler, welche Vorteile der Einsatz von Truppenfahrzeugen im Gefecht mit sich brachte und wie sie diese 1498 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 20. 1499 Dieser Prozess lässt sich tatsächlich schon vor Beginn des Krieges beobachten. Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 171. 1500 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 20; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Mühl (Polizeischule FFB): Lehrstoffver teilungsplan für Kraftfahrwesen, 05.08.1944. 1501 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 20. 285 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Gerätschaften möglichst geschickt einsetzen konnten. Wenn es sich einrichten ließ, besich tigte der Lehrgang abschließend eine Kraftfahrstaffel. Dadurch erhielt der zumeist recht tro ckene und theoretische Unterricht eine praktische Dimension und bot den Schülern eine weitere Gelegenheit, den gewohnten Hörsaal zu verlassen.1502 Zwar beabsichtigte das Kraft fahrwesen keineswegs, eine praktische Fahrausbildung zu ersetzen. Doch bereitete diese Dis ziplin die angehenden Polizeioffiziere darauf vor, sich in die Realität des Krieges hineinzu denken. Wer darüber hinaus als Kraftfahroffizier infrage kam, erhielt in dem Fach einen soliden theoretischen Unterbau, auf dem seine künftige Tätigkeit fußte. Aber auch die übri gen Anwärter profitierten von diesem Wissen für ihren Einsatz im „Altreich“ und an der Front. 5 . 1 . 3 .4 D as H a u s h a lt s - u n d W ir t s c h a f t s w e s e n Das Haushalts- und Wirtschaftswesen war nicht gleichwertig wie die übrigen Unterrichtsfä cher. Denn es handelte sich bei dieser Disziplin lediglich um drei einzelne Vorträge, die ins gesamt vier Stunden umfassten und während des Lehrgangs eingeschoben waren.1503 Inso fern spielten diese Abstecher in die bürokratischen Tätigkeitsfelder der Polizei eine eher untergeordnete Rolle. Für den sogenannten Wirtschaftsverwaltungsdienst der Ordnungspo lizei existierte in der Endphase des Krieges ohnehin eine eigene Offiziersschule, die sich in Weimar etabliert hatte.1504 Dennoch mussten sich die Offiziersanwärter der Schutzpolizei auch mit diesem Bereich beschäftigen, da sie zumindest ansatzweise darüber Bescheid wis sen sollten, welche administrativen Aufgaben innerhalb einer Polizeidienststelle oder -ein heit anfielen. Eignete sich ein Beamter sogar dazu, im Verwaltungsdienst tätig zu werden, waren diese Referate durchaus wichtig. Sonderlich innovativ gaben sich die Redner jedoch nicht, da sie stets die gleichen Sachverhalte behandelten. Zunächst hörten die Schüler einen Vortrag, der sich mit dem „Wirtschaftsverwaltungs dienst bei Verwendung der Polizei außerhalb des Standortes“ befasste.1505 Daraufain referier te der zuständige Lehroffizier über verwaltungsrechtliche Belange, indem er sich über die Reichshaushaltsordnung und die Reichswirtschaftsbestimmungen ausließ. Letztlich beschäf tigten sich die Zuhörer mit dem sogenannten Kassenanschlag, wobei sie erfuhren, wie staat liche Geldmittel verteilt und innerhalb der Ordnungsmacht zweckmäßig verwendet wur den.1506 Auch für diesen Teil der polizeilichen Selbstorganisation suchte Himmlers Machtbereich geeignete Nachwuchskräfte. Außerdem war der Polizeiapparat darauf bedacht, dass insbesondere die künftigen Führungskräfte auch diese Facetten der Polizeiarbeit zumin dest punktuell kennengelernt haben sollten. Dennoch dürfte das Haushalts- und Wirtschafts wesen auf die Schüler nicht allzu stark gewirkt haben. Die Lehrgänge besaßen ganz andere Schwerpunkte. Gerade während des Krieges dominierten die militärischen Felder den Un 1502 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 13. Kraftfahrwesen, [1942]. 1503 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 3. 1504 Siehe dazu Kapitel 1.2. 1505 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 25. 1506 Vgl. ebd., S. 25. 2 86 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate terricht dermaßen, dass die wenigen Vorträge zum administrativen Alltag der Staatsmacht tatsächlich nur eingeschoben waren. Hitlers „grüne Soldaten“ führten ihren Weltanschau ungskampf nicht mit Rechenschiebern und Kassenbüchern. 5.1.4 Die politisch-weltanschaulichen Fächer 5 . 1 .4 . 1 D ie K r ie g s g e s c h ic h t e Auch wenn die bisherigen Studien zum ttem a etwas anderes vermuten lassen, beschränkte sich der politisch-ideologische Unterricht in der Polizeiausbildung keineswegs nur auf die weltanschauliche Schulung. Vielmehr bildete dieses Fach lediglich den Kern, um den sich weitere Disziplinen scharten, die ebenfalls auf die ideologische Indoktrination der Staatsdie ner abzielten. Zu den politisch-weltanschaulichen Fächern gehörten auch die Kriegsgeschich te, die Lebenskunde und die Unterrichtslehre. Innerhalb dieser Disziplinen ging es weniger darum, militärische oder polizeidienstliche Inhalte zu vermitteln. Vielmehr sollte der poli tisch-weltanschauliche Horizont der angehenden Polizeioffiziere geprägt oder gar beeinflusst werden. Darum verdient es diese Fächerkategorie, noch eingehender unter die Lupe genom men zu werden. In dieser thematischen Gruppe war zunächst einmal die Kriegsgeschichte sehr bedeutend, die sich jedoch nicht in erster Linie mit militärhistorischem Fachwissen befasste. Wirklich neu war diese Disziplin auch nicht, da sie zumindest in ähnlicher Form bereits in der Wei marer Republik auf dem polizeischulischen Lehrplan gestanden hatte.1507 Die Chronik der Polizeischule Berlin-Köpenick besagt, Himmler habe am 15. Mai 1939 befohlen, die Kriegs geschichte erneut in den Unterricht aufzunehmen, wobei die Initiative dazu von Oberst Konrad Ritzer, dem zweiten Kommandeur dieser Institution, ausgegangen sei.1508 Die Kriegsge schichte könnte auch zu den militärischen Fächern gezählt werden. Schließlich wies sie einige Parallelen zur Polizeitaktik auf, da sie sich damit befasste, wie sich militärische Stra tegien und Kampfweisen über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hatten.1509 Den Beginn machten daher das antike Heerwesen und die Schlachtentaktiken von Grie chen, Römern und Germanen. Gerade letztere besaßen im Unterricht einen besonderen Stel lenwert. Denn auf Grundlage des germanischen Volksheeres sollte nachvollzogen werden, wie sich das deutsche Rittertum und die Söldnerheere in Mittelalter und Früher Neuzeit ent wickelt hatten.1510 Daran schloss ein Überblick darauf an, wie stehende Heere in Preußen und Österreich entstanden waren. Die Schlachten Friedrichs des Großen, die Rolle von Prinz Eu gen in den Türkenkriegen und die Befreiungskriege gegen Napoleon beschäftigten anschlie ßend die Beamten. Diese U em en nahmen in den Lehrplänen mehrere Unterrichtsstunden ein und bildeten sogar einen ersten Schwerpunkt.1511 In den nachfolgenden Wochen waren 1507 Siehe dazu Kapitel 3.2. 1508 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 27. 1509 Vgl. u. a. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizeischule FFB): 14. Kriegsgeschich te, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Kriegsgeschichte, [1944]. 1510 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 147; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Sten gel (Polizeischule FFB): 14. Kriegsgeschichte, [1943]. 1511 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 147. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Lutz (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Taktik, Kriegsgeschichte u. Lebenskunde im 287 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k die Klassen sodann damit befasst, nachzuvollziehen, wie sich das preußische Militär nach dem Wiener Kongress von 1815 entwickelt hatte. In einzelnen Lehrgängen konnten die „Ko lonial- und Überseekriege von 1871-1914“ schon einmal Gegenstand des Unterrichts sein.1512 Außerdem skizzierte der Unterricht den „Weg zu totalem Kriege“ und erläuterte den Schü lern, welche Inhalte der Schlieffenplan besaß.1513 Die Situation vor Ausbruch des Ersten Welt kriegs behandelten die Lehrkräfte besonders ausführlich. Das war auch der Grund dafür, dass diesem U em a im Stoffplan recht viel Raum zugestanden wurde. Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs schloss dieser Block die Kriegsgeschichte ab. In den Lehrgängen seit September 1939 kam allerdings noch eine weitere Stunde hinzu, welche die Polizisten über den „Gegenwärte[n] Krieg“ informieren und auf diesen gezielt vorbereiten sollte.1514 Dazu analy sierten die Lehroffiziere etwa den „Blitzkrieg“ gegen das benachbarte Frankreich. Ferner ver glichen sie die deutsche Militärtaktik des aktuellen Krieges mit jenen Kampfesarten, mit de nen die deutschen Heerführer über die Jahrhunderte hinweg in die Schlacht gezogen waren.1515 Inwieweit der Unterricht in der Kriegsgeschichte auf die Zwischenkriegszeit und die deut sche Wiederaufrüstung während der NS-Herrschaft einging, verraten die Lehrpläne nicht. Es wäre jedoch sehr überraschend, sollte dieses wichtige U em a nicht behandelt worden sein. Denn gerade die jüngste Vergangenheit der deutschen Armee war auch für die angehenden Polizeioffiziere sehr bedeutend. Vor ihrer Karriere in der uniformierten Ordnungsmacht hat ten sie in der Regel ihren Wehrdienst abgeleistet. Außerdem musste das Lehrpersonal seine Schützlinge ausreichend auf das aktuelle Kriegsgeschehen vorbereiten. Dafür war es sicher lich nicht abträglich, darüber Bescheid zu wissen, welche Entwicklungen es auf dem Feld des Militärischen seit der Machtübernahme gab. Es darf aber nicht übersehen werden, dass an dere Fächer die Zwischenkriegszeit wesentlich intensiver thematisierten, wobei sie sich nicht auf militärische Aspekte konzentrierten. Außerdem verfügte ein Fachlehrer für Kriegsge schichte über nur eine Wochenstunde, um in wenigen Monaten eine über 2.000 Jahre um fassende Militärgeschichte durchzunehmen. Da dieses Fach auf die Gesamtnote keinen Ein 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizei schule FFB): 14. Kriegsgeschichte, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Poli zeischule FFB): Kriegsgeschichte, [1944]. 1512 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Kriegsgeschichte, [1943]. 1513 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 147. Der 1905 entwickelte Schlieffenplan sah vor, Frankreich im Falle eines Zweifrontenkriegs m it Russland schnell zu besiegen, nachdem das Deutsche Reich zu vor durch Belgien m arschiert war, dessen Neutralität damit aber ganz bewusst verletzt hatte. Danach sollten die deutschen Truppen an die Ostfront gelangen, wodurch sich nacheinander zwei einzelne Kriege ergeben hätten. Während des Ersten Weltkriegs scheiterte die kaiserliche Armee darin, diese ffieorie praktisch umzusetzen, da die Militärs die Lage völlig falsch einschätzten. Vgl. dazu u. a. Hein rich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 385, Bonn 2002, S. 331; Peter März, Der Erste Weltkrieg. Deutschland zwischen dem langen 19. Jahrhundert und dem kurzen 20. Jahrhundert, Berlin & M ün chen. Studien zu Politik und Geschichte, Bd. 1, München 2004, S. 65 f. 1514 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Kö penick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang M a riaschein, 28.02.1941, S. 8; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 3. Kriegsgeschichte, [1942]. 1515 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizeischule FFB): 14. Kriegsgeschichte, [1943]; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Kriegsgeschichte, [1944]. 2 88 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate fluss hatte, dürften die Schüler nur bedingt motiviert gewesen sein, sich intensiv mit der Kriegsgeschichte auseinanderzusetzen.1516 Trotz seines militärischen Hintergrunds erscheint es durchaus sinnvoll, diesen speziellen Geschichtsunterricht zu den politisch-weltanschaulichen Fächern zu zählen. Denn die Kriegs geschichte zielte gegenüber den Polizeischülern nicht nur darauf ab, ihnen fundierte Kennt nisse über die nüchterne Militärhistorie zu vermitteln. Hauptsächlich verfolgte sie das Ziel, die Mentalität der künftigen Offiziere mitzuprägen. Gleich zu Beginn des Unterrichts erklär te der Fachlehrer, dass die „Kriegsgeschichte als Bildungsmittel der Persönlichkeit des sol datischen Führers“ fungiere.1517 Sie sollte sie dazu anregen, „sich in späterer Zeit mit dem Leben und den Taten der großen Gestalten unserer Kriegs geschichte ernsthaft zu beschäftigen. Der junge Offizier-Anwärter soll erkennen, daß ein junger Mensch, der nicht imstande ist, sich an den Gestalten unserer Geschichte zu begeistern, [...] von vornherein zum Offizier nicht geeignet ist.“1518 Die angehenden Polizeiführer sollten also nicht nur militärstrategisches Know-how erlan gen, sondern sich auch möglichst in der Tradition historischer Kriegsherren sehen, die durch ihre Taten in die Geschichte eingegangen waren. Zu solchen Gestalten zählte der Lehrplan etwa den Cheruskerfürsten Arminius, der die Römer in der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. vernichtend geschlagen hatte, den Ostfrankenkönig Heinrich I., der im Jahr 933 das zahlen mäßig überlegene Heer der Ungarn besiegt hatte, oder Helmuth von Moltke, der als Gene ralstabschef der preußischen Armee eine führende Rolle in den deutschen Einigungskrie gen des 19. Jahrhunderts gespielt hatte.1519 Ein solcher Heldenkult um derlei historische Persönlichkeiten war schon allein deshalb bemerkenswert, weil ihn die SS in ähnlicher Form auch in ihrer ideologischen Ausbildung betrieb.1520 Dabei heroisierte sie besonders jene Män ner, die sich ihrer Ansicht nach in den vergangenen Jahrhunderten darum bemüht hatten, das „Reich“ zu schaffen, was letztlich Adolf Hitler gelungen sei.1521 Daher darf nicht unterschätzt werden, welchen Stellenwert diese politisch-weltanschauli che Disziplin für das NS-Regime besaß. Das zeigt sich schon allein daran, dass dieser Unter richt nicht ausschließlich im Klassenzimmer stattfand. Die Berliner Polizeischule veranstal tete z. B. Ausflugsfahrten nach Halle zu den Leuna-Werken und zu den Schlachtfeldern von 1516 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 3. 1517 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 147. 1518 BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 27. 1519 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Stengel (Polizeischule FFB): 14. Kriegsgeschichte, [1943]; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Kriegsgeschichte, [1944]. 1520 Vgl. Wolfgang Reinicke, Instrumentalisierung von Geschichte durch Heinrich Himmler und die SS, Deutsche Universitätsedition, Bd. 20, Neuried 2003, S. 56 f. 1521 Vgl. Gerhard Wenzl, „Das Reich und Europa“. Der Reichsgedanke der Schutzstaffel, in: Markus Raasch/ Tobias Hirschmüller (Hrsg.), Von Freiheit, Solidarität und Subsidiarität - Staat und Gesellschaft der Moderne in Theorie und Praxis. Festschrift für Karsten Ruppert zum 65. Geburtstag, Beiträge zur Po litischen Wissenschaft, Bd. 175, Berlin 2013, S. 403-425, hier: S. 420-424. 2 89 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Lützen,1522 Großgörschen1523 und Roßbach.1524 Bei diesen Gelegenheiten referierten hohe Funk tionäre der Polizei darüber, was sich an diesen Stätten ereignet hatte, um die Offiziersanwär ter vor historischer Kulisse zu schulen.1525 In den Kontext der Kriegsgeschichte lässt sich auch eine Bildungsfahrt des 2. und 3. Offiziersausbildungslehrganges einordnen, welche die Brucker Schüler im Juni 1939 ins fränkische Kitzingen führte. Am ehemaligen Schauplatz hör ten die Anwärter einen Vortrag, der sich mit der Schlacht um Würzburg befasste, in der fran zösische Truppen gegen die kaiserlich-österreichische Allianz im September 1796 eine herbe Niederlage erlitten hatten.1526 Hätte dieser Ausflug in vollem Umfang stattgefunden, wären sie danach noch weitergereist, um am Ort des Geschehens weitere Referate über die Schlacht bei Nördlingen des Jahres 1634 sowie die „Schlacht bei Höchstädt und Blindheim im Sep tember 1704“ zu hören.1527 Bei den übrigen Vorträgen nutzten sie die Gelegenheit, um kleine Manöver abzuhalten und beseelt von ihrem historischen Erbe dabei auch gleich ihr militä risches Können zu schulen.1528 Damit waren diese Ausflüge außergewöhnliche Ereignisse, wel che die Schüler jenseits der gewohnten Hörsäle noch stärker in die Ideenwelt des National sozialismus einführten. Sie sollten vollständig von dem Gedanken durchdrungen werden, dass sie die Tradition der großen Feldherren fortzuführen und sich dementsprechend vor bildlich zu verhalten hatten. 5 .1 .4 .2 D ie L e b e n s k u n d e / P f lic h t e n le h r e Um Verhaltensnormen des NS-Staats ging es auch in der Lebenskunde, für die ebenfalls nur eine Stunde pro Woche vorgesehen war. Mit der Kriegsgeschichte verband sie zudem, dass sie kein Prüfungsfach war und daher die Gesamtnote der Schüler nicht beeinflusste.1529 Al 1522 Die Schlacht bei Lützen war eine der bedeutendsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges, die vom 6. bis 16. November 1632 zwischen den kaiserlichen Truppen Albrecht von Wallensteins und der Ar mee des schwedischen Königs Gustav Adolf tobte. Obwohl Gustav Adolf darin starb, endete sie m it einem Sieg für Schweden. 1523 In der Schlacht bei Großgörschen am 2. Mai 1813 musste sich die preußische Armee vor den napoleonischen Truppen zurückziehen, wobei der französische Feldherr große Verluste zu verzeichnen hat te. Der preußische General G erhard von Scharnhorst, nach dem die Nationalsozialisten sogar ein Schlachtschiff benannten, erlitt bei diesen ersten Kämpfen der Befreiungskriege eine Verwundung, an dessen Folgen er wenige Wochen später starb. 1524 Eines der Schlaglichter des Siebenjährigen Krieges war die Schlacht bei Rossbach am 5. November 1757. In ihr besiegte der preußische König Friedrich der Große das französische Heer unter Charles de Rohan, dem Prinzen von Soubise. 1525 So hielt z. B. der Kommandeur der Schutzpolizei Halle, Oberstleutnant Schleich, vor O rt eine Rede. Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 28. 1526 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abschrift: Korsemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Übungsreise des 2. und 3. Offizierausbildungslehrganges, 07.06.1939, S. 1. 1527 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abschrift: Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Übungsreise des 2. und 3. Offizierausbildungslehrganges, 07.06.1939, S. 2. Kommandeur Korse m ann bedauerte es, dass die Reise nicht in voller Länge stattfinden konnte und der Lehrgang daher die letzten beiden Ziele nicht m ehr angesteuert hatte. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Entwurf: [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Übungs reise des 2. u. 3. Offz.-Ausbildungslehrganges vom 19.6.39 m it 21.6.39, 07.07.1939, S. 2. 1528 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abschrift: Korsemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Übungsreise des 2. und 3. Offizierausbildungslehrganges, 07.06.1939, S. 1 f. 1529 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 2 90 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate lerdings wäre es verkehrt, deswegen zu unterschätzen, was die Lebenskunde innerhalb der Offiziersanwärterlehrgänge zu leisten versuchte. Dieses Fach war dem nationalsozialistischen Polizeiapparat überaus wichtig, zielte es doch darauf ab, den angehenden Führungskräften jene Prinzipien zu vermitteln und jene Charaktermerkmale anzuerziehen, die nach Ansicht des NS-Regimes den idealen Polizeioffizier ausmachten.1530 Schon im März 1936 hatte Wil helm Frick mögliche Bewerber für die Offizierslauffiahn wissen lassen, welche Eigenschaf ten er seinen angehenden Führungskräften speziell abverlangte: „Der Wiederaufoau unseres Vaterlandes erfordert ganze Männer. Von hohem Idealismus getragene, begeisterte Hingabe an den Dienst fü r Führer, Volk und Staat, Ehrenhaftigkeit, Sinn fü r Kameradschaft, freiwillige Unterordnung und das Bestreben, unter bewußter Zurückstellung der eigenen Person der Sache zu dienen, müssen jeden beseelen, der Of fizier in der Schutzpolizei des nationalsozialistischen Staates werden will.“1531 Kein anderes Lehrfach versuchte derart intensiv, den Schülern einzutrichtern, welche ideel len Ansprüche Himmler an sein polizeiliches Führungspersonal stellte. Die Lebenskunde umfasste in erster Linie einen Kanon aus Tugenden, die alle grün uniformierten Hüter des NS-Staats verkörpern sollten und viel mit jenen der SS gemeinsam hatten.1532 Dennoch wäre es verfehlt, sie als genuin nationalsozialistische Schöpfung zu interpretieren. Die meisten der hier vermittelten Eigenschaften und Verhaltensweisen hatte bereits die Weimarer Polizei zum Ideal für ihre Beamten und Führungskräfte erhoben.1533 Die Lebenskunde beantwortete vor allem die Frage, wie sich der Offizier gegenüber seinen Kollegen in der Polizei sowie gegenüber den nationalen Verbänden und der Bevölkerung zu verhalten hatte. Inhaltlich knüpfte sie dadurch an die zehn „Grundsätze für die Polizei“ an, die das Reichsinnenministerium bereits im Januar 1935 veröffentlicht hatte und für jeden ih rer Angehörigen „ständig Richtschnur und Leitgedanke im und außer Dienst sein“ sollten.1534 Daher überrascht es nicht, dass sie auch an der Brucker Lehranstalt zu finden waren, um je den Lehrer und Schüler zu tugendhaftem Verhalten zu mahnen.1535 Die polizeilichen Gebo te erinnerten den „sichtbarsten Träger der Staatsgewalt“ beispielsweise daran, dass er nicht nur durch seinen Eid, sondern auch durch seine umfangreichen Befugnisse verpflichtet sei, dem Volk vorbildlich zu dienen. Ferner erwarteten sie von ihm Ehrlichkeit und Genügsam keit sowie Hilfs- und Leistungsbereitschaft. Die einzelnen Leitsätze stellten kompakt dar, was die neuen Machthaber vom einzelnen „Ordnungshüter“ forderten: „Sei aufmerksam und verschwiegen in dienstlichen Dingen, mutig und selbstbewusst, aber gerecht, rücksichtslos im Kampf gegen alle Feinde des Volkes und Staates.“ Weil er als Polizist bewaffnet war, soll te er sich auch stets ins Bewusstsein rufen, dass er dadurch „der größten Ehre des deutschen 28.02.1941, S. 3. 1530 Das Fach Lebenskunde erwähnt bereits ffiorsten Bastian Bach, ohne jedoch genauer auf dessen In halte einzugehen. Vgl. Bach, Ordnungspolizei, S. 91. 1531 RdErl. d. RuPrMdI. v. 16.03.1936, in: RMBliV, 25.03.1936, Nr. 15, Sp. 396g-396aa, hier: Sp. 396x f. Her vorhebung im Original. 1532 Zu den in der SS beschworenen Tugenden vgl. u. a. Longerich, Himmler, S. 314-322; Schulte, SS-Mentalität, S. 101-103; Banach, Elite, S. 93 f.; Wegner, Soldaten, S. 41-44. 1533 Vgl. dazu Schmidt, Polizisten, S. 171-178 und 211-222. 1534 RdErl. d. RuPrMdI. v. 18.01.1935, in: MBliV, 23.01.1935, Nr. 4, Sp. 77 f. Vgl. Wilhelm, Polizei, S. 62. 1535 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 55, Grundsätze für die Polizei, [1935]. 291 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Mannes teilhaftig“ sei.1536 Die Lebenskunde wiederholte und vertiefte solche „Grundsätze“, erweiterte sie aber auch durch andere Ideale und Benimmregeln. Im Unterricht ging es zunächst darum, den Beamten ein bestimmtes Berufsethos zu ver mitteln, um ihnen klar zu machen, welche Aufgaben und Pflichten ihnen der Dienst in Himm lers Machtapparat zuteil werden ließ. „Von der Berufung zum Offizier und dem Beruf des Offiziers“ lautete der Titel der ersten Unterrichtseinheit, der keinen Zweifel daran lässt, dass die Nachwuchsoffiziere der Ordnungspolizei ihre Position als Privileg anzusehen hatten.1537 Auch die „soldatischen Tugenden“ fanden erneut ihren Platz im Unterricht: Dazu zählten Treue, Kameradschaft und „Manneszucht“ sowie Gehorsam, Mut, Tapferkeit und Pflichtbe wusstsein.1538 Des Weiteren verlangte die Staatsmacht von ihren führenden Vertretern „Höf lichkeit, Taktgefühl“ und „Selbstbewußtsein“,1539 aber auch „Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Verantwortungsbewußtsein“.1540 Allen voran aber fungierte die Ehre als eine Primärtu gend, die ausführlich behandelt wurde, weil sie der Offizier besonders gewissenhaft kultivie ren sollte.1541 Zwar hatten die Nationalsozialisten diese Eigenschaften nicht erfunden, die stattdessen eine lange Tradition in der deutschen Geschichte besaßen. Doch waren sie es, die sie besonders energisch zu Idealen einer martialischen Männlichkeit erhoben, weshalb sie auch in der Ordnungspolizei einen zentralen Stellenwert erhielten. Gerade die Kameradschaft war immens wichtig für die Kohäsion innerhalb der männlichen Organisation, in der sich der Einzelne an die Gruppenkultur anpassen musste, um dazuzugehören, was im „auswärtigen Einsatz“ häufig eine mörderische Dynamik entfaltete.1542 Die Lehroffiziere begnügten sich nicht damit, ihren Schülern diese normative Wunschlis te bloß zu diktieren. Den eigentlichen Schwerpunkt der Lebenskunde bildete derjenige Teil des Unterrichts, der den angehenden Polizeiführern beizubringen versuchte, wie sich ein Of fizier inner- und außerhalb des Dienstes zu verhalten hatte. Er sollte sich als Repräsentant des NS-Staates bei gesellschaftlichen Anlässen und besonderen Veranstaltungen gegenüber 1536 Ebd. 1537 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 18. Vgl. ferner BAB, R 20/70, Lebenskunde, [1942]. 1538 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpe nick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mari aschein, 28.02.1941, S. 18; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 145, Lebenskunde, [1942]. 1539 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungs plan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1. 1540 Ebd., S.2. 1541 In der Lehrordnung finden sich allein zwei Wochenstunden, in denen die Themen „Ehre, persönliche Ehre, Berufs- und Standesehre. Das Ehrenwort, Eid.“ und schließlich „Vergehen gegen die Ehre. Wah rung der Ehre“ behandelt werden. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 167. Vgl. ferner BayHS tA München, Polizeischule FFB 134, Koschmieder (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für den Unterricht in Pflichtenlehre, 14.01.1944. 1542 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 386-389. Zur Rolle der soldatischen Männlichkeit im Nationalsozialis mus ferner: Thomas Kühne, Kameradschaft - „das Beste im Leben des Mannes“. Die deutschen Sol daten des Zweiten Weltkriegs in erfahrungs- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive, in: Geschich te und Gesellschaft 22 (1996), S. 504-529; Frank Werner, „Noch härter, noch kälter, noch mitleidloser“. Soldatische Männlichkeit im deutschen Vernichtungskrieg 1941-1944, in: Dietrich, Männlichkeits konstruktionen, S. 45-63 [Künftig: Werner, Männlichkeit (2013)]; Ders., Männlichkeit, S. 5-40. Spe ziell zum Männlichkeitsbild in der SS ferner: Sebastian Winter, Sippengemeinschaft statt Männerbund. Über die historische Genese der Männlichkeitsentwürfe in der SS und die ihnen unterliegende Psychodynamik, in: Dietrich, Männlichkeitskonstruktionen, S. 65-81. 292 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Partei, Staat und Volk vorbildlich benehmen.1543 Jedem Polizeiführer hatte klar zu sein, wel che Position er im hierarchischen System des nationalsozialistischen Polizeistaats einneh men musste. So unterschied der Lehrplan genau, wie sich der Beamte gegenüber Vorgesetz ten, Gleichrangigen und Untergebenen zu benehmen hatte, egal ob im mündlichen oder schriftlichen Dienstverkehr oder im Privatleben.1544 In diesem Sinne ließ der „Arm des Ge setzes“ gerade seinen Führungskräften nur wenige Ermessensspielräume. Vielmehr legte er durch ein mehr oder minder klares Reglement fest, welche Rolle die jeweiligen Akteure be saßen und welche Konsequenzen daraus resultierten. Um diese repräsentative Funktion ausüben zu können, mussten die Schüler zahlreiche Ver haltensregeln erlernen, die zu ihrem Berufsalltag gehörten. Es fing mit der Pflicht an, sich eine fundierte Allgemeinbildung anzueignen und sich darüber hinaus ständig weiterzubil den. Aus diesem Grund führte die Schule fachübergreifende Tests durch, um das Allgemein wissen der Schüler abzufragen. In solchen schriftlichen Arbeiten mussten sie z. B. erläutern, wofür ein Barometer dient, wer den Blitzableiter erfand, worin sich Romanik und Gotik un terscheiden, wer das Drama „Faust“ verfasste oder wer das Automobil entwickelte, aber auch wie die damals amtierenden deutschen Reichsminister hießen.1545 Außerdem prüften die Lehr gänge nach, ob ihre Teilnehmer zumindest die eigene Sprache in mündlicher und schriftli cher Form einigermaßen beherrschten.1546 Darüber hinaus sollten die Offiziere die grundlegenden Benimmregeln bei Tisch und be sonders im Kasino beherrschen. Ähnliches galt für Situationen, in denen ein Polizeiführer als Gast oder Gastgeber auftrat.1547 So behandelte die Lebenskunde etwa, wie er sich bei Dienstund Privatbesuchen zu verhalten hatte. Zudem erfuhr er, wie er eine Einladung formulieren, annehmen oder absagen sollte, über welche lokalen Gepflogenheiten er sich vor seinem Be such informieren musste oder wie er seine Dienststelle bei offiziellen Anlässen würdig zu re präsentieren hatte. Auch befasste sich die Disziplin damit, wie er sich gegenüber dem Herrn und der Dame des Hauses zu gebärden hatte oder wie er sich selbst und seine Begleitung an deren Gästen vorstellen musste. Im Kontext dieser „Gesellschaftslehre“ klärte das Fach eben so darüber auf, wie ein Ordnungshüter seinen Vorgesetzten und dessen Ehefrau bei außer dienstlichen Anlässen anzureden hatte. Wie er bei größeren Festen auftreten und wie viel Trinkgeld er dem Servierpersonal geben sollte, brachte der Unterricht ebenso zur Sprache.1548 Um derlei Regeln gleich vor Ort einzustudieren, schärften die Lehrkräfte ihren Schülern ein, 1543 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 167. Der Polizeiapparat regelte genau, wie sich seine uni formierten Vertreter betragen sollten, wenn sie z.B. einer öffentlichen Veranstaltung beiwohnten oder bei einem solchen Anlass selbst musizierten. Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 189, StM dI: Bestimmungen über die Teilnahme der uniformierten Staatspolizei an Veranstaltungen außerhalb der Staatspolizei, 24.08.1933. 1544 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 18; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Lebenskunde, [1943]. 1545 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Polizeischule FFB: Fragen aus der Allgemeinbildung, 25.05.1938. 1546 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Prüfungsbefehl für die Deutschprüfung des 8. Offz.-Anwärterlehrg., 22.07.1938. 1547 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 15. Lebenskunde, [1942]; BayHStA München, Poli zeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1 f. 1548 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffvertei lungsplan für Pflichtenlehre, [1944], S. 3. 293 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k wie sie sich an der Offiziersschule zu benehmen hatten, an der sie nun einmal zu Gast waren.1549 Auch legten nicht nur die obersten Lehranstalten großen Wert darauf, dass die ange henden Offiziere auf ihr äußeres Erscheinungsbild besonders bedacht waren. Deshalb hat ten sie peinlich genau auf eine gepflegte Garderobe und tadellose Uniform zu achten.1550 Damit sich die Staatsdiener in der Öffentlichkeit ordentlich präsentieren konnten, muss ten sie auch lernen, richtig zu grüßen. Im Gesamtkontext der Offiziersausbildung erscheint es fast selbstverständlich, eine solche Gebärde der Höflichkeit zu beherrschen. Doch der Po lizeiapparat kannte kein Pardon, wenn es darum ging, penibel darauf zu achten, dass sich seine Angehörigen einheitlich und ordnungsgemäß begrüßten. Diese Ehrerbietung erfüllte nicht nur den Zweck, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen. Sie diente darü ber hinaus auch als Mittel der sozialen Disziplinierung. Denn die Polizeibeamten hatten un tereinander und gegenüber den Organisationen der NSDAP den „Hitlergruß“ zu leisten, wo mit sie die zentrale Geste der NS-Bewegung übernahmen. Zu Beginn des „Dritten Reichs“ schwebte es dem Reichsinnenminister Frick zunächst noch vor, „diese kameradschaftliche Grußerweisung [...] dem Taktgefühl des einzelnen zu überlassen“.1551 Recht schnell sah die Ministerialbürokratie jedoch ein, dass sie es bei dieser laxen Regelung nicht belassen konnte. Darum verschärfte sie die Vorschriften zur Grußdis ziplin deutlich.1552 Das war auch für die Polizeischule Fürstenfeldbruck von Belang, weil sie ihren Schülern bereits ab 1933 die zahlreichen Regeln zum Thema zu vermitteln hatte, aber auch selbst beherzigen musste.1553 Nachdem Himmler zum obersten Polizeichef aufgestiegen war, wuchs das Gewicht der rituellen Gestik noch weiter an. Der Reichsführer-SS führte ge wissermaßen einen Kreuzzug gegen das schlechte Grüßen, wobei er per Erlass sogar darauf drängte, „SS- und Pol[izei]-Angehörige, die lässig grüßen, [ . ] zu bestrafen“.1554 Gerade wäh rend des Krieges legte er besonders großen Wert darauf, dass die Begrüßungsrituale vorbild lich vollzogen wurden.1555 So glaubte Himmler, an der Art und Weise, wie ein Beamter grüßt, ablesen zu können, wie es um dessen Mentalität und Ausbildung bestellt war, womit die po 1549 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Stoffgliederungsplan des 32.Off.-Anw.-Lehrggs. Le benskunde, [1943]. 1550 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 15. Lebenskunde, [1942]. 1551 RdErl. d. MdI. v. 24.06.1933, in: MBliV, 28.06.1933, Nr. 35, Sp. 752. Ähnlich äußerte sich auch der Bay erische Innenminister Adolf Wagner in einem Rundschreiben vom 30. Juni 1933. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 189, Wagner (StMdI) an u. a. die Landespolizeien: Grußpflicht zwischen den Angehörigen der uniformierten Staatspolizei und der nationalen Verbände, 30.06.1933. Ferner: RdErl. d. MdI. v. 08.08.1933, in: MBliV, 16.08.1933, Nr. 43, Sp. 947; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 20.05.1937, in: RMBliV, 26.05.1937, Nr. 21, Sp. 789 f. 1552 Vgl. RdErl. d. MdI. v. 14.09.1933, in: MBliV, 20.09.1933, Nr. 48, Sp. 1057. Interessant ist in diesem Zu sammenhang, dass in der Anfangsphase die Grußbestimmungen für die Polizei zu Missverständnis sen führten. So wurde den Verkehrspolizisten der „deutsche G ruß“ untersagt, da sie ansonsten den Autofahrern missverständliche Zeichen geben würden, was die Regelung des Verkehrs gefährden könn te. Vgl. RdErl. d. MdI. v. 28.09.1933, in: MBliV, 04.10.1933, Nr. 50, Sp. 1120. 1553 Davon zeugt u. a. eine Sammlung von verschiedenen Vorschriften zum richtigen Grüßen, die in BayHS tA München, Polizeischule FFB 189 enthalten sind. 1554 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 03.07.1937, in: RMBliV, 12.07.1939, Nr. 28, Sp. 1420. Offen sichtlich handelt es sich bei dem Datum des Runderlasses um einen Schreibfehler, so dass es eigent lich heißen müsste 03.07.1939. 1555 Vgl. z. B. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.08.1943, in: RMBliV, 08.09.1943, Nr. 36, Sp. 1411; RdErl. d. ChefsOP. v. 27.04.1944, in: BefBlO, 06.05.1944, Nr. 18, S. 150; RdErl. d. ChefsOP. v. 19.08.1944, in: BefBlO, 02.09.1944, Nr. 35, S. 299. 294 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate lizeilichen Lehrstätten besonders in der Verantwortung standen.1556 Damit also die künftigen Polizeiführer sich und somit auch die Offiziersschule würdig vertreten konnten, schärfte de ren Leiter seinen Schützlingen über seine Kommandobefehle mehrfach ein, wie ein richti ger Gruß zu erfolgen hatte.1557 „Ein schlechter Gruß läßt auf schlechten Geist und lockere Disziplin in der betreffenden Formation schließen“, wie es der Kommandeur des Brucker Po lizeibataillons 253, Herbert Scholz, gegenüber seiner Truppe formulierte.1558 An diesem Bei spiel lässt sich nachvollziehen, warum dem polizeilichen Ausbildungsapparat dieser Aspekt so wichtig war und warum er auch in der Lebenskunde so ausgiebig behandelt wurde. In diesem Fach kam daneben ein weiteres U e m a nicht zu kurz: das Verhalten des Offi ziers gegenüber Frauen. Es ging dabei nicht nur darum, dass die Polizeiführer ihren Berufs stand grundsätzlich gegenüber den weiblichen „Volksgenossen“ oder speziell gegenüber der Gemahlin eines Vorgesetzten ordnungsgemäß repräsentieren sollten. Vielmehr sah sich die Ordnungspolizei in der Pflicht, den zumeist recht jungen Männern im Umgang mit dem an deren Geschlecht behilflich zu sein. So beklagte etwa der Chronist der Berliner Polizeischu le, „daß die Offizier-Anwärter nur geringe Tanzkenntnisse hatten und auch sonst im Um gang mit jungen Damen noch ungewandt waren“.1559 Aus diesem Grund veranstaltete die Schule sodann Kurse, in denen die jungen Rekruten tanzen lernten.1560 Ihr Rhythmusgefühl mussten unter anderem auch die Schüler des 7. OAL an der Polizeischule in Fürstenfeldbruck schulen, die außerdem an ihren Umgangsformen feilten, indem sie „bis zur Perfektion“ üb ten, wie sie einer Dame einen Handkuss richtig verabreichten.1561 In München fanden derlei Kurse auch für weitere Lehrgänge zweimal in der Woche statt.1562 Allerdings war diese Hilfe keineswegs so uneigennützig, wie es zunächst erscheinen mag. Denn in diesen Maßnahmen drückte sich aus, wie sehr das NS-Regime darum bemüht war, in die Partnerschaften und das Familienleben der „grünen Soldaten“ einzugreifen. Die Offiziere der Ordnungspolizei hatten ihre Lebens- und Familienplanung an den Grund sätzen der SS-Tugendlehre auszurichten und für ein „standesgemäßes Verhalten der Fami lienangehörigen“ zu sorgen.1563 Diesem Verständnis zufolge übte ein solcher Staatsdiener nicht nur gegenüber den Bürgern eine Vorbildfunktion aus, sondern erst recht innerhalb seiner eigenen Familie. Dieser Aufgabe konnte er nach Ansicht des Regimes nur dann problemlos nachkommen, wenn er sich klar darüber war, dass gleichzeitig seine Frau und seine Kinder eine besondere Position in der „Volksgemeinschaft“ innehatten. Daher sollte der Polizeifüh 1556 Diese Einstellung zum G rüßen lässt sich ersehen aus einer Anordnung Himmlers aus dem Jahre 1936. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 54, Abschrift: I. A. von Kamptz (RFSSuChdDtPol) an u. a. den Oberpräsidenten in Preußen: Anordnung für die Gendarmerie, 31.10.1936. 1557 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Korsemann (Polizeischule FFB): Kommandobe fehl Nr. 29, 06.07.1939; BayHStA München, Polizeischule FFB 16, I. V. Koschmieder (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 22, 28.09.1944. Wie wichtig das ffiem a für die Polizeischule Fürsten feldbruck war, lässt sich daran ablesen, dass die Behörde zahlreiche Grußvorschriften sammelte, die in BayHStA München, Polizeischule FFB 41 zusammengefasst sind. 1558 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Scholz (Polizeibataillon 253): Bataillons-Befehl Nr. 4, 18.12.1940. 1559 BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 18. 1560 Vgl. ebd., S. 18. 1561 BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Bruder (Ansbach): 50-jähriges Polizei-Offiziers-Jubiläum des 7. Pol.OAL 1937/38, Juni 1988, S. 4. 1562 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 11, 13.03.1939. 1563 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 15. Lebenskunde, [1942]. 295 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k rer sein Privatleben gänzlich auf Himmlers Polizeikultur abstimmen. Deshalb war er ver pflichtet, seine eigene Familie zu disziplinieren und sie mental wie habituell an den Grund sätzen des Nationalsozialismus auszurichten. Eine nahezu familiäre Atmosphäre wünschte sich die Polizei auch in den eigenen Reihen. Die Lebenskunde versuchte diesen Wunsch zu erfüllen, indem sie die Offiziersanwärter nicht nur zu charmanten Ehemännern und verständnisvollen Vätern, sondern auch zu Führern, Lehrern und Erziehern gegenüber ihren untergebenen Polizisten ausbilden wollte. Denn die Inhalte dieses Fachs bezogen sich nicht allein auf die Beamten und ihr privates Umfeld. Eher sollten sie später einmal als Vorbilder fungieren, indem sie weiteren Staatsbeamten beibrach ten und vorlebten, die Tugenden und Verhaltensnormen der NS-Diktatur zu beherrschen. Daher widmete sich die Lebenskunde intensiv der Aufgabe, die jungen Polizisten über „Her zensbildung und die sittliche Kraft der Führerpersönlichkeit“ zu informieren.1564 Eine solche Persönlichkeit sollte den Untergebenen durch „Charaktererziehung, Autorität [und] Vertrau en“ als gutes Beispiel dienen. Aber auch „Idealismus, Geduld [und] Verständnis“ würden ei nen charismatischen Offizier ebenso ausmachen wie „Takt, Vorbild, Humor und Ironie“.1565 Vereinfacht ausgedrückt sollte der Offizier seinen Untergebenen gleichzeitig „als Führer und Kamerad“ begegnen, weshalb auch die Schüler in Fürstenfeldbruck danach zu streben hat ten, diese Tugenden zu verinnerlichen.1566 Die berufsspezifische Sittlichkeitslehre rückte gerade in der zweiten Kriegshälfte noch stär ker ins Zentrum der Lebenskunde, die in dieser Phase unter dem Namen „Pflichtenlehre“ firmierte. Der neue Titel unterstrich noch deutlicher als bisher, dass den Offizieren ganz be sondere Pflichten erwuchsen, wenn sie führende Positionen in Himmlers Machtbereich be kleideten. Die Pflichtenlehre zielte laut Kommandeur Arno Hagemann darauf ab, „den Jun kern den Aufgaben- und Pflichtenkreis des Offiziers im Krieg und Frieden zu vermitteln“.1567 Daneben beabsichtigte die Schule, ihrem Führungsnachwuchs eine „Erziehung zu offizier mäßigem Denken und Handeln in allen Lagen“ angedeihen zu lassen und dessen „Auftre ten in der Öffentlichkeit sowie die Beherrschung der gesellschaftlichen Formen“ zu verbes sern.1568 Wie dies bereits in der Lebenskunde geschehen war, machte die Pflichtenlehre die Beamten mit all den Verhaltensregeln vertraut, die Himmlers Polizeistaat für seine Vertre ter aufgestellt hatte. Neben den bereits angesprochenen Aspekten hob der Unterricht noch stärker als bisher hervor, wie sich ein Offizier gegenüber seinen Untergebenen zu verhalten hatte, welche Ver antwortung ihm aus seiner Führungsposition erwuchs und welche Aufgaben ihm dabei zu fielen. Der Vorgesetzte war in erster Linie dazu angehalten, seine Männer zu führen. Deswe gen musste er dafür sorgen, dass er sie ordentlich erzog. Er sollte den ihm unterstellten Beamten also „als Ausbilder und Erzieher“ begegnen und ihnen angedeihen lassen, was er selbst an der Polizeischule gelernt hatte.1569 A uf diese Weise sollten die Polizeioffiziere mit 1564 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 167. 1565 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 18. 1566 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 167. 1567 BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 5 f. 1568 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 4. 1569 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungs plan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1. 2 96 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate dazu beitragen, dass sich das Himmlersche Polizeisystem selbst reproduzierte, in dem sie ei genständig als dezentrale Multiplikatoren seines Normengefüges auftraten. Um diese Her ausforderung zu meistern, lernten sie in der Pflichtenlehre, das Personal für den Polizeidienst richtig auszuwählen und ihre Männer „zu Trägern soldatischer Tugenden“ auszubilden. Da her sollten sie nicht mit „Härte“ und „Drill“ geizen und ihren Schützlingen den nötigen „Schliff“ verpassen.1570 Gleichzeitig sollte der Polizeiführer seine Untergebenen fürsorglich behandeln, damit sie mit ihren Problemen jederzeit zu ihm kommen konnten und es ihnen an nichts mangelte. Das setzte jedoch voraus, dass die Vorgesetzten imstande waren, zu den Beamten ein enge res Verhältnis aufzubauen, das auf Vertrauen und Loyalität basierte. Indem er sie angemes sen lobte oder tadelte und ihnen einen Urlaub oder Anträge für Beihilfen genehmigte, konn te er, laut Lehrplan, die Beziehung zu seinen M ännern und damit die „Pflege des Korpsgeistes“ günstig beeinflussen.1571 Der führende Beamte sollte seine Leute näher kennen lernen, gleichzeitig aber ein Auge auf deren persönliche Verhältnisse werfen. Er war sogar verpflichtet, sich in die privaten Angelegenheiten seiner Mannen einzumischen, wenn sie durch Alkoholmissbrauch, Glücksspiel oder Schulden in eine Notsituation geraten waren und sogar an Selbstmord dachten.1572 Außerdem hatte er den Dienstbetrieb zu organisieren und dabei seine Untergebenen zu beaufsichtigen. Wie sollte der Polizeiführer etwa damit umgehen, wenn seine Beamten ihm etwas meldeten, sich bei ihm beschwerten oder ein Gesuch an ihn richteten? Welche Aufga ben kamen ihm selbst als Kompanieführer, Adjutant oder Ordonanzoffizier zu? Wie sollte er die Leistungen seiner Männer angemessen bewerten?1573 Der Unterricht in der Pflichten lehre ging all diesen Fragen nach, wobei er sich gerade mit der letzten sehr intensiv beschäf tigte. Dabei galt es, den Offiziersanwärtern fundierte Kenntnisse und ein Gespür dafür zu vermitteln, wie sie ihre Männer richtig einzuschätzen lernten. Als Vorgesetzte mussten die Offiziere über sie regelmäßig Beurteilungen schreiben, die ihren Weg in die Personalakten der Polizisten fanden und auf deren „Charakter, Wesen, körperliche und geistige Veranla gung“ sowie auf „Stärke[n] und Schwächen“ eingingen.1574 Dadurch besaßen sie einen enor men Einfluss auf die weitere Karriere ihrer Männer.1575 Damit sie rechtzeitig lernten, ihren Untergebenen als Vorbild zu dienen, pochte die Pflich tenlehre darauf, dass sich die Offiziersanwärter gerade während des Krieges zurückhalten und ein eher genügsames Leben führen sollten.1576 Wie ernst es den zentralen Lehranstalten damit war, veranschaulicht ein Diktat, das die Schüler zu Beginn des 41. OAL schrieben. Des sen Text wies explizit darauf hin, dass ein Polizeiführer keine Privilegien gegenüber seinen Männern genießen dürfe, was seinen Lebensstil anbelangt.1577 Stattdessen führte er aus, dass 1570 Ebd., S.1. 1571 Ebd., S.1. 1572 Vgl. ebd., S. 1f. 1573 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Koschmieder (Polizeischule FFB): Stoffverteilungs plan für den Unterricht in Pflichtenlehre, 14.01.1944. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1 f. 1574 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungs plan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1. 1575 Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 181. 1576 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Lehrstoffvertei lungsplan für Pflichtenlehre, [1944], S. 1. 1577 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Polizeischule FFB: Diktat: Auf eigenen Befehl! Von der höchsten Form des Offiziers, 03.10.1944, S. 2. 297 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k vielmehr die „Unermüdlichkeit“ zu den Idealen eines Offiziers zähle, was nichts anderes be deute, als dass er sich für seine Untergebenen vollkommen hingeben solle. So gebe es „für den echten Offizier überhaupt keine Stunde, in der er sich selber gehört“.1578 Allerdings ließ das Papier auch erkennen, dass sich die Brucker Polizeischule nicht damit begnügte, ihre Schüler zu kameradschaftlicher und väterlicher Fürsorge zu mahnen. Vielmehr stellte es auch Tugenden vor, welche die „Polizeisoldaten“ gerade während des „Totalen Krieges“ kultivie ren sollten. Dazu zählte etwa die „Waffensorgfalt“, die jeder Offizier besitzen müsse, wenn es um den Umgang mit den eigenen, aber auch den Waffen des Feindes gehe. So stellte der Text die rhetorische Frage, wie viel Material die Deutschen während des Krieges von ihren Wi dersachern hätten erbeuten können, das „sinnlos verkommen oder den Partisanen in die Hand gefallen“ sei.1579 5.1.4.3 Die Unterrichtslehre In der polizeilichen Ausbildung war es ein zentrales Anliegen, den Offiziersanwärtern klar zu machen, dass sie später einmal nicht nur als Vorgesetzte, sondern auch als Lehrer und Vorbilder fungieren sollten. Mit der Unterrichtslehre bedienten sich die Schulen daher eines eigenen Fachs, mit dem sie dieses Ziel systematisch verfolgten. Dabei ging es weniger dar um, die Schüler weltanschaulich zu konditionieren, wenngleich dieser Gesichtspunkt eben falls eine wichtige Rolle spielte. Vielmehr war an dieser Disziplin so besonders, dass sie zu jenen Fächern gehörte, die aus einem gewöhnlichen Polizeibeamten einen Offizier machen sollten. In der Unterrichtslehre erlernten die angehenden Polizeiführer deshalb die grund legenden Fertigkeiten, mit deren Hilfe sie selbst als Lehrer tätig werden konnten.1580 Nach dem sie ihren Lehrgang absolviert hatten, sollten sie dazu in der Lage sein, ihre Schützlinge zur gleichen Sittlichkeit zu erziehen, die ihnen ihre Lehrer selbst erst vor kurzem eingetrich tert hatten. Darum war die nationalsozialistische Tugendlehre so stark in der Unterrichts lehre präsent. Denn hier wurden sie auf ihre spätere Aufgabe vorbereitet, ihre Wachtmeister „zur Ehr- und Mutauffassung, Wahrheitsliebe, [...] Entschlossenheit und Verantwortung“, aber auch „zur Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit“ sowie „zur Kameradschaft“ zu erziehen.1581 Die Schulen beließen es aber nicht dabei, theoretisch zu erläutern, welche bevorzugten charakterlichen Eigenschaften sie ihren Untergebenen beizubringen hatten. Der Kern der Unterrichtslehre bestand darin, den Offiziersanwärtern zu verdeutlichen, welche praktischen Aufgaben ihnen als Lehrkräfte zukamen. Ob sie später einmal in den heimischen Dienststel len, den paramilitärischen Polizeieinheiten oder gar als Lehrer an den Polizeischulen agie ren sollten, war dafür unerheblich. Sämtliche Offiziere mussten jedoch fähig sein, selbst ei nen Unterricht abzuhalten und ihre Vorbildfunktion gegenüber den untergebenen Wachtmeistern wahrzunehmen. Deshalb war die Unterrichtslehre darauf ausgerichtet, den Offiziersanwärtern einen tieferen Einblick in die vielfältigen Lehrmethoden zu gewähren. Über verschiedene Lehrverfahren und -formen sowie den formalen Aufoau einer Lehrstun 1578 Ebd., S. 1. 1579 Ebd., S. 1. 1580 Zur Unterrichtslehre allgemein vgl. Bach, Ordnungspolizei, S. 141-144. 1581 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 165. 2 98 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate de informierte sie der Unterricht ebenso wie über pädagogisch-didaktische Grundfragen.1582 Dabei unterließen es die Lehrkräfte der Offiziersschulen nicht, den „Erziehungs- und Bil dungsweg im nationalsozialistischen Staate“ zu behandeln.1583 Es liegt nahe, dass dabei die nationalsozialistische Pädagogik den Unterricht stets begleitete. Im Vordergrund stand die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein mussten, damit der Lern stoff bei den Polizeischülern wirklich hängen blieb. Dementsprechend waren einige Unter richtsstunden überschrieben mit Titeln wie etwa „Der natürliche Denk- und Lernvorgang als Wechselwirkung zwischen Körper und Seele und seine Bedeutung für den Unterricht“ oder auch „Unter welchen Voraussetzungen lernt der Schüler am leichtesten?“. „Welche Fol gerungen ergeben sich aus der Gesetz- und Planmäßigkeit des menschlichen Lernvorganges für das Unterrichtsverfahren“, fragte eine weitere Lehrstunde.1584 Ferner erfuhren die ange henden Polizeilehrer, wie sie eigene Lehr- und Stoffpläne ausarbeiten und welche Ausbildungs- und Lehrmittel sie in ihren Schulstunden einsetzen konnten.1585 Dieses Wissen übten sie praktisch ein, indem sie Lehrproben abhielten, die anschließend die gesamte Klasse be urteilen sollte. Damit ergänzte sich die „graue tteo rie“ durch eine selbsterlebte Erfahrung.1586 Ein solches Vorgehen erleichterte es gleichzeitig dem Fachlehrer, sich ein genaueres Bild von den pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten seiner Schützlinge zu machen. Indem die Polizeischüler das „Wesen des polizeilichen Unterrichts“ kennenlernten, klärte sie die Unterrichtslehre darüber auf, welches Ziel diese Lehrarbeit verfolgte.1587 Das Fach dien te den Polizeioffiziersschulen weniger dazu, geeignete Nachwuchslehrer auszubilden. Sicher lich war es ein willkommener Nebeneffekt, wenn sich einzelne Beamte in den Kursen profi lieren konnten, weil sie ein besonderes Talent für den Lehrberuf offenbarten. Auch der polizeiliche Ausbildungsapparat musste zusehen, wie er seine Bildungseinrichtungen mit fri schem Personal versorgen konnte. Darüber hinaus stand jedoch eher der Gedanke im Mit telpunkt, aus sämtlichen Anwärtern kleine Dozenten des nationalsozialistischen Polizeistaats und seiner Ideologie zu formen. Sie sollten nach ihrer Ausbildung selbst zu Ausbildern wer den und ständig auf ihre Untergebenen erzieherisch einwirken. Der Polizeiapparat zielte also darauf ab, ein regelrechtes Schneeballsystem der polizeilichen Pädagogik zu errichten, das Polizeioffiziere hervorbrachte, die gewissermaßen als Laienprediger auftreten konnten. Je nachdem was sie in den verschiedenen Disziplinen geleistet hatten, offenbarten die Polizei schüler mitunter große erzieherische Stärken. Spätestens am Ende des Kurses war den Lehroffizieren klar, ob einzelne Teilnehmer dazu geeignet erschienen, den Lehrkörper zu ergän zen. Und so konnte es sogar vorkommen, dass selbst die Offiziersschulen so ihre neuen Lehrer rekrutierten, die dann die nächste Generation von angehenden Führungskräften aus bildeten. Daran zeigt sich erneut recht deutlich, welch hohen Anteil die Offiziersanwärterlehrgän ge besaßen, Himmlers Ausbildungs- und Wertesystem dabei behilflich zu sein, sich selbst zu 1582 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 17. 1583 Ebd., S. 17. 1584 Ebd., S. 17. 1585 Vgl. BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 165. 1586 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 17. 1587 Ebd., S. 17. 299 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k reproduzieren. Allerdings darf nicht überbewertet werden, welcher Einfluss der Unterrichts lehre dabei tatsächlich zukam. Zwar war die Ordnungspolizei sehr daran interessiert, über pädagogisch versierte Führungskräfte zu verfügen, die ihre Untergebenen in sämtlichen Ge bieten ihres Berufs zumindest grundlegend auszubilden vermochten. Obwohl der Polizeiap parat eigens zu diesem Zweck die Unterrichtslehre eingeführt hatte, darf aber nicht überse hen werden, dass die gesamte Offiziersausbildung ohnehin ganzheitlich ausgerichtet war. Vor allem zeigte sich dies bereits in den militärischen Fächern. In ihnen mussten die angehen den Führungskräfte jedoch weniger ein pädagogisches Fingerspitzengefühl besitzen. Stattdessen hatten sie ihre Untergebenen zu drillen. Außerdem konfrontierten die Lehrer sie auch in der Lebenskunde damit, später einmal ihre Männer zu disziplinieren und sie gleichzeitig zu einem aus Sicht des Regimes tugendhaften Leben zu erziehen. Auch auf diese Weise för derten die Offiziersanwärterlehrgänge ihre Teilnehmer darin, Führungs- und Lehrkompetenzen zu entwickeln. Dass die Unterrichtslehre mehr zu leisten vermochte, als diesen Pro zess zu unterstützen, darf indes bezweifelt werden. Einerseits verfügte sie über nur wenige Wochenstunden, um die mitunter recht komplexen theoretischen Lehrinhalte zu vermit teln.1588 Andererseits zeigen die Stundenpläne aus Fürstenfeldbruck, dass dieses Fach im Lau fe des Krieges allmählich, aber sicher als eigenständige Disziplin verschwand und ab 1943 faktisch nicht mehr existierte.1589 Obwohl es keine direkten Belege dafür gibt, könnte die Un terrichtslehre in der zweiten Kriegshälfte auch von anderen Fächern absorbiert worden sein, so dass sie vermutlich in der Pflichtenlehre aufging. 5 .1 .4 .4 D ie w e lt a n s c h a u l ic h e S c h u lu n g / N a t io n a ls o z ia lis t is c h e L eh re Noch wesentlich wichtiger als Kriegsgeschichte, Lebenskunde und Unterrichtslehre war die weltanschauliche Schulung. Ein Blick auf die Organisationsstruktur des ordnungspolizeili chen Ausbildungssystems zeigte bereits, welch hohen Stellenwert ihr Himmler beimaß.1590 Der Reichsführer-SS betrachtete es als unentbehrlich, die Staatsdiener zu ideologisch unbe irrbaren Repräsentanten des Nationalsozialismus zu erziehen, die nicht nur bestens über sei ne Prinzipien informiert waren, sondern diese auch normativ teilten. Schon allein deshalb war für ihn die weltanschauliche Schulung keineswegs nur ein Fach wie jedes andere, son dern vielmehr ein zentrales Instrument, mit dem er sein ersehntes „Staatsschutzkorps“ er richten wollte. Dabei sollten die Polizeioffiziere eine tragende Rolle spielen. Polizeioberschul rat Dr. Werner Zwingelberg zufolge sei ihre Ausbildung so besonders wichtig, „damit sie die Erziehung der gesamten Polizei im nationalsozialistischen Volks- und Staatsgedanken über nehmen können“.1591 Obwohl die weltanschauliche Schulung vielfältige Sujets beinhaltete, konzentrierten sich einige der bisher erschienenen Studien zum U e m a lediglich darauf, judenfeindliche und 1588 Vgl. ebd., S. 3. 1589 So fanden im 25. OAL noch zwei Stunden pro Woche Unterricht in der Unterrichtslehre statt, wäh rend sich der 28. OAL m it nur einer Stunde begnügen musste. Vgl. BayHStA München, Polizeischu le FFB 126, Stundenplan des 25. Offizieranwärter-Lehrganges, [1942]; BayHStA München, Polizei schule FFB 128, Stundenplan des 28. Offizieranwärterlehrgang II. Teil, [1942]. 1590 Siehe dazu Kapitel 4.1 und 4.2. 1591 Werner Zwingelberg, Die Erziehung des Polizeibeamten zum Nationalsozialisten, in: Kehrl, Jahrbuch, S. 15-24, hier: S. 20. 3 0 0 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate rassistische Elemente herauszustellen.1592 Es wäre jedoch grundverkehrt zu glauben, sie be schränkte sich inhaltlich nur auf Antisemitismus und Rassenhass. Zwar fand sich in den Pro pagandamaterialien ein oftmals aggressiver und menschenverachtender Jargon, der auf den heutigen Betrachter sehr verstörend wirkt.1593 Ein erweiterter Blick auf die institutionalisier te politische Indoktrination offenbart jedoch, dass dort noch ganz andere ttemengebiete von Belang waren. Aber womit genau beschäftigte sich das Fach, das auch als Nationalsozi alistische Lehre (NSL) bezeichnet wurde? Um diese Frage zu klären, lohnt es sich, die welt anschauliche Schulung innerhalb der Offiziersausbildung der Ordnungspolizei ausführlich zu analysieren. Wenngleich sich die Nationalsozialisten sogar noch vor der Machtübernahme bemühten, die Gesetzeshüter mental zu beeinflussen, war das eher uneinheitlich organisiert und lief vielmehr unkoordiniert ab. Nach seinem Dienstantritt als Chef der Deutschen Polizei syste matisierte Heinrich Himmler zwar diesen Prozess. Doch dauerte es bis zum Frühjahr 1937, bis er die weltanschauliche Schulung offiziell in der Ordnungspolizei einführte.1594 Dennoch besaß sie zu dieser Zeit kein Konzept, das in Stein gemeißelt war und eine endgültige t te menauswahl beinhaltete. Einerseits lag das daran, dass Himmlers Propagandisten flexibel bleiben wollten, um je nach Anlass recht unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen, auf die sich die Beamten zu konzentrieren hatten. Andererseits waren die Ideologen gleichzeitig he rausgefordert, zu zeigen, dass der Nationalsozialismus unverrückbaren Prinzipien folgte, an denen sich jeder Vertreter des Maßnahmenstaats orientieren sollte. Um beide Ziele mitein ander zu verknüpfen und dabei trotzdem glaubwürdig zu bleiben, mussten sie zunächst noch ein stimmiges Programm herausarbeiten. Deshalb experimentierten sie offensichtlich in der Vorkriegsphase noch mit den einzelnen U em en. Obwohl die weltanschauliche Schulung anfänglich noch flexibel gestaltet war, konnte die Polizeischule Fürstenfeldbruck nicht frei darüber entscheiden, wie sie diese durchzuführen hatte. Die Lehrstätte war auch später noch dazu gehalten, sich an den Vorgaben aus Berlin zu orientieren, gerade wenn es um den politisch-ideologischen Unterricht ging. Doch be sonders in der Frühphase gab es Außenstehende, die ihr noch hineinredeten, als Bayern im Juni 1937 offiziell die weltanschauliche Schulung einführte. Der IdO Bayern-Süd, Karl Hoffmann, begrüßte wenig später diesen Schritt, wenngleich er ihm noch etwas improvisiert er schien. Zum Schulungsleiter in seinem Stab bestellte er den SS-Hauptsturmführer Dr. Gutensohn.1595 Mit seiner Hilfe organisierte er jenes System, welches in seinem Machtbereich darauf ausgerichtet war, dass die Beamten die fundamentalen Prinzipien der NS-Ideologie nicht nur kennenlernten, sondern vielmehr dauerhaft verinnerlichten. Dafür hatten ausge wählte Schulungsredner aus SS und Polizei zu sorgen. In den einzelnen Dienststellen waren sie dafür verantwortlich, „den vorgeschriebenen Stoffplan lebenswarm und lebensnah den Männern zu vermitteln“.1596 1592 Für diese selektive Perspektive stehen insbesondere folgende Arbeiten: Matthäus, Judenfrage; Ders., Erziehung; Ders., Judentum; Breitman, Gegner. 1593 Mit dem weltanschaulichen Schrifttum der SS setzt sich Harten eingehend auseinander, der in seiner monumentalen Studie einen ausgiebigen Überblick liefert. Vgl. Harten, Lehrer, S. 421-497. 1594 Siehe dazu Kapitel 4.2. 1595 Vgl. BayHStA München, M Inn 73331, I. A. Hoffmann (StMdI) an RFSSuChdDtPol: Weltanschauli che Schulung der Ordnungspolizei, 05.10.1937, S. 1. 1596 Ebd., S. 1. 301 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Bei seinen Seminaren in der Landeshauptstadt wurde Gutensohn von Hauptmann Karl Bourier unterstützt, der zuvor an der Polizeischule Fürstenfeldbruck unterrichtet hatte.1597 An der Lehranstalt selbst gestalteten seinerzeit aber die Hauptleute Hans-Joachim Schieritz und Carl Rehdantz die weltanschauliche Schulung, die ab August 1937 im Fächerkanon der Lehr gänge fest verankert war. In diesen Kursen übernahm zunächst aber Gutensohn persönlich den Unterricht, an dem sich die Anwärter rege beteiligt hätten, obwohl der Stoff für sie be reits vertraut gewesen sei, wie Hoffmann protokollierte.1598 Der Schulungsleiter scheint den eigentlichen Lehroffizieren für die weltanschauliche Schulung jedoch schon bald freien Lauf gelassen zu haben, da sie fortan selbst dafür verantwortlich waren, ihre Schüler auf diesem Gebiet zu unterrichten. In den ersten Offiziersanwärterlehrgängen in Fürstenfeldbruck scheinen ideologische In halte trotzdem nur eine eher untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Das lässt sich schon al lein daran ablesen, dass die Teilnehmer dieser Kurse kaum Prüfungen zu weltanschaulichen U em en absolvieren mussten. Stattdessen testeten die Lehrer ihr Wissen vorwiegend in den rechtlichen, aber auch in den militärischen Disziplinen.1599 Dies mag auch darauf zurückzu führen sein, dass ein Fach namens „Nationalpolitik, weltanschauliche Schulung“ zunächst noch keine eigenständige Disziplin darstellte, sondern vielmehr in der „Gesetzeskunde“ ein gegliedert war, wie z. B. der Lehrplan des 8. OAL aus dem Jahre 1938 offenbart.1600 Auch in den Folgejahren blieben diese beiden Elemente sehr eng miteinander verknüpft.1601 In der Frühphase bestimmten aber nicht nur „nationalpolitische“, sondern vor allem geschichtli che Inhalte den Unterricht. Die Lehrordnung listete U em en auf wie etwa „Der böhmisch mährische Raum in der Geschichte“, „Das Land an der Memel“ und „Die Auseinanderset zung der Germanen mit dem römischen Reich“.1602 Während die ersten beiden Sachgebiete offenbar von der Absicht der NS-Führung zeugen, die Tschechoslowakei zu erobern, dürfte das letztgenannte ttem a auf etwas anderes abgezielt haben. Denn ähnlich wie in der Kriegs geschichte bezweckte der Verweis auf die germanische Historie, das Traditionsbewusstsein und den Stolz der Männer anzusprechen. Anschließend befassten sich die Kurse mit anderen martialischen U em en, welche die an gehenden Polizeiführer anscheinend schon in den Friedensjahren auf den nahenden Krieg einstimmen sollten. Einzelne Unterrichtseinheiten waren dementsprechend mit Titeln um schrieben wie „Der weltanschauliche Kam pf“, „Indogermanische und vorderasiatisch-semi tische Weltschau“ oder „Der Endkampf um die deutsche Weltanschauung“.1603 Diese recht vagen Überschriften lassen zwar nur erahnen, was genau die Dozenten ihren Schützlingen vermittelten, und laden eher dazu ein, über die konkreten Inhalte zu spekulieren. Dass im Lehrplan aber mehrfach der Kam p&egriff auftaucht, unterstreicht den kriegerischen Kern der polizeilichen Ausbildung und war für die NS-Ideologie ein nur allzu typisches Motiv. Da rüber hinaus kam es nicht von ungefähr, dass Indogermanen und Semiten gegenübergestellt 1597 Vgl. ebd., S. 2. 1598 Vgl. ebd., S. 3. 1599 Das offenbart etwa eine Liste von Prüfungen des 8. OAL. Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Polizeischule FFB: Zwischenprüfung u. Klassenarbeiten im 8. Offz.-Anwärterlehrg., 19.11.1938. 1600 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Lehrplan für den mit RdErl. v. 19.10.38 (RMBliV.S.1772 c) angeordneten 8. Offz.-Anwärterlehrg., 04.11.1938, S. 2. 1601 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9; BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 157. 1602 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 157. 1603 Ebd., Bl. 157. 3 02 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate wurden. Das deutet darauf hin, dass rassistische und pseudohistorische Inhalte die weltan schauliche Schulung schon seinerzeit prägten. Führt die Lehrordnung des Jahres 1939 einzelne Aspekte auf, die auch später noch in an deren Stoffplänen zur weltanschaulichen Schulung zu finden sind, so treten darin insbeson dere zahlreiche geschichtliche Themen zum Vorschein. Ein wichtiger Grund dafür dürfte ge wesen sein, dass auch die SS der Historie eine große Aufmerksamkeit schenkte. Himmlers Eliteorden instrumentalisierte die deutsche Geschichte als ein zentrales Medium, um seinen Angehörigen ideologische Botschaften zu vermitteln.1604 Ihr Einsatz in der weltanschaulichen Schulung diente der SS somit nicht vorrangig für ein historisches Allgemeinwissen, sondern vielmehr für die „Erziehung zu einer ,heroischen Lebenseinstellung’“.1605 In der Offiziersaus bildung der Ordnungspolizei erstreckte sich die Themenpalette von König Heinrich I. und dessen Ostpolitik über die „Irrwege und Leistungen der deutschen Kaiserpolitik“ bis hin zum Deutschorden in Preußen und Livland, um schließlich noch die „Ostsee im Kampf der Völ ker und Staaten“ zu betrachten.1606 Dabei fällt auf, dass unmittelbar vor Kriegsbeginn das Ost Motiv vorherrschend war. Das lässt darauf schließen, dass sich in diesem Geschichtsunter richt die Vision Hitlers vom „Lebensraum im Osten“ niederschlug. Dieser Verdacht erhärtet sich, weil auch „Der Kampf um den Ostraum“ und „Die Neuordnung Europas als Aufgabe“ eigene Unterrichtsstunden erhielten.1607 Während die meisten der historischen Inhalte spä ter aus den Lehrplänen offiziell verschwanden, finden sich diese beiden Kernthemen in den Stoffplänen nachfolgender Kurse wieder. So befasste sich etwa der 38. OAL im Jahre 1944 mit dem „Ostraum in der deutschen Geschichte“, um im Unterricht den Hansebund und die Deutschordensritter wieder aufleben zu lassen, aber auch den osteuropäischen „Siedlungs und Kulturraum“ zu preisen.1608 Während die historischen Inhalte allgemein in den Lehrplä nen nach und nach an Gewicht verloren, schlugen sie sich dafür zunehmend in den Propa gandaschriften der Ordnungspolizei nieder.1609 Allerdings offenbart bereits die ursprüngliche Themenwahl, dass die weltanschauliche Schulung darauf ausgerichtet war, die Staatsmacht mental für den kommenden Krieg zu mobilisieren. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verfestigte sich jedoch das thematische Konzept all mählich. Das lässt sich auch an den Stoffplänen derjenigen Lehrgänge ablesen, die seither in Fürstenfeldbruck gastierten. Die weltanschauliche Schulung zielte zunächst einmal darauf ab, den Offiziersanwärtern die „Grundlagen einer völkischen Weltanschauung“ zu vermitteln.1610 Dazu mussten sie erfahren, welche Wesenszüge der Nationalsozialismus besaß und wie seine führenden Repräsentanten auf die Welt blickten. Aber auch den Weg in die Dikta tur versuchte der Unterricht nachzuzeichnen, indem er sich der Geschichte der NS-Bewegung, deren Zielen und Aufgaben sowie dem 25-Punkte-Programm der NSDAP widmete.1611 Darüber hinaus standen die „Erkenntnisquellen des Nationalsozialismus“ auf dem Lehr 1604 Vgl. Reinicke, Instrumentalisierung, S. 110 und 134. 1605 Ebd., S. 141. 1606 BAB, R 19/273, Lehrordnung, [1939], Bl. 157. 1607 Ebd., Bl. 157. Vgl. ferner BAB, R 20/70, Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1608 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1609 Das zeigt auch der Überblick zum ideologischen Schrifttum der Ordnungspolizei in diesem Kapitel. 1610 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. 1611 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9. 303 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k plan.1612 Dazu zählten nicht nur das Parteiprogramm, sondern auch Hitlers Buch „Mein Kam pf“, das für die Ausbildung vor allem während des Krieges immer bedeutender wurde.1613 Ende März 1942 schrieb ein Erlass der Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“ sogar vor, die Ordnungspolizisten müssten sich ausführlich mit diesem Machwerk befassen, noch bevor sie überhaupt an einem Offiziersanwärterlehrgang oder einer Reihe anderer Kurse teilneh men konnten.1614 Weitere Unterrichtsstunden beschäftigten sich mit der Struktur und den fundamentalen Prinzipien des NS-Staats. Die Schüler lernten etwas darüber, wie das „Groß deutsche Reich“ aufgebaut war und welches Verhältnis zwischen Partei und Staat existierte. Die Lehrer beleuchteten daneben die Staatsführung Hitlers und das Führerprinzip, gingen aber auch der Frage nach, welchen Stellenwert die „Fahne der Bewegung“ und die Flaggen des Reiches besaßen.1615 A uf diesen inhaltlichen Block baute der nächste auf, der sich die verschiedenen Institutio nen des NS-Staats vornahm und sie eingehender betrachtete. Nicht nur die NSDAP selbst, sondern auch die Wehrmacht und der RAD standen erneut auf dem Programm. Vor allem aber der Schutzstaffel und ihrem Verhältnis zur Polizei widmete sich die weltanschauliche Schulung recht ausführlich.1616 Sie ging jedoch darüber hinaus und vermittelte den Schülern nun offiziell die „Grundgesetze der SS“.1617 Zwar besaß dieser Schritt einen gewissen Symbol charakter, rückte er damit ins Zentrum, dass Himmler seine Elitegarde mit der regulären Staatsmacht „verschmelzen“ wollte. Dennoch darf es nicht überbewertet werden, wenn sich dieses Bestreben buchstäblich auf dem Lehrplan niederschlug. Denn die Polizisten waren auch in zahlreichen anderen Fächern mehr oder minder offensichtlich mit dem Wertesys tem der SS konfrontiert. Nachdem diese institutionellen und strukturellen Fragen geklärt waren, konzentrierten sich die Lehrkräfte auf die ideologischen Fundamente der NS-Weltanschauung. Im Mittel punkt stand dabei zunächst die „innere Ordnung des Reiches“ - also das nationalsozialisti sche Verständnis von einer völkischen Gesellschaft. Laut Unterricht basierte diese soziale Ordnung auf dem „Bauerntum als Lebensquell des deutschen Volkes“, der deutschen „Volks gemeinschaft“ und einer „völkische[n] Wirtschafts- und Kulturordnung“.1618 An dieser Stel le bemühte sich das Fach intensiv darum, die deutschen Landwirte und ihre Kultur „als Bluts- 1612 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Leh re für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. 1613 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 133, Nationalsozialistische Lehre, [1943]. 1614 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 23.03.1942, in: MBliV, 01.04.1942, Nr. 13, Sp. 640. 1615 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9 und BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffver teilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. 1616 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9. 1617 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1618 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 304 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate quell der Nation“ erscheinen zu lassen.1619 Dieser Um stand verrät, dass auch die Blut-und-Boden-Ideologie vor den Klassenzimmern der Polizeischulen nicht Halt machte, sondern vielmehr einen zentralen Gesichtspunkt der weltanschaulichen Schulung darstell te. Zu diesen wirtschafts- und kulturpolitischen Positionen gesellte sich ein Einblick darin, nach welchen Prinzipien „Arbeit und Erziehung“ im NS-Staat organisiert waren.1620 Dahin gehend lernten die Schüler etwas über die nationalsozialistische „Führerauslese“. Dabei spra chen die Lehrer auch über das „Landjahr“, den „Landdienst“, den „Berufswettkampf“, das „Langemarkstudium [sic!]“ sowie die „Fürsorge für Kriegsversehrte“.1621 Ferner sollten die Po lizeibeamten darüber Bescheid wissen, wie die „weltanschauliche Erziehung der Polizei“ all gemein organisiert war und welchen Zweck sie überhaupt verfolgte.1622 Dazu gehörte es, den Schülern einzutrichtern, wie entsprechende Veranstaltungen und Feiern durchzuführen wa ren, aber auch welches Verhältnis sich die politische Führung zwischen Polizei, SS und NSDAP wünschte.1623 „Der deutsche Sozialismus“ begegnete ihnen ebenfalls im Unterricht, wobei die Lehrer da mit die Sozial- und Wirtschaftspolitik Hitlers und die ihr zugrundeliegenden Werte verherr lichten. Sie glorifizierten die NSDAP, die den „Kam pf um das Lebensrecht des deutschen Volkes“ aufgenommen habe.1624 Ein Diktat, das die Polizeischüler zu Beginn des 38. OAL schreiben mussten, gibt Aufschluss darüber, was darunter zu verstehen ist. So stellte der Text verschiedene Berufe heraus und versuchte, diesen bestimmte Aufgaben für die deutsche „Volksgemeinschaft“ zuzuschreiben. Demnach habe der Lehrer seine Schüler charakterlich zu erziehen. Der Richter müsse das Rechtsbewusstsein der Bevölkerung stärken. Der Arzt sei schließlich zuständig für deren physische und psychische Gesundheit.1625 Der wichtigste Funktionsträger sei allerdings die Partei, die in ihren Bildungsstätten die Menschen „zum soldatischen Denken und Handeln“ und dadurch auch „zum Sozialismus“ erziehen würde.1626 Denn Soldaten und Arbeiter verträten die gleichen Ideale, die im Krieg genauso wie im Frie den zum Maß aller Dinge in der „Volksgemeinschaft“ werden sollten.1627 Zu Beginn weiterer Lehrgänge mussten ähnliche Diktate geschrieben werden, die inhaltlich Liberalismus und Marxismus als marode Systeme entlarven und skizzieren wollten, wie sich Deutschland von diesen unterscheide und distanziere.1628 Solche Rechtschreibübungen nutzte die Brucker Po lizeischule, um ihre Schüler auf diesem Wege zu indoktrinieren. 1619 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9. 1620 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1621 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. Das Langemarck-Studium war ein Programm, m it dem die Nationalsozialisten politisch bewährte, mittellose, aber begabte junge M änner förderten, damit diese ein Studium aufneh m en konnten. 1622 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Heizmann (Polizeischule FFB): 10. Nat.soz. Lehre, [1943]. 1623 Vgl. ebd. 1624 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1625 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: Diktat, 05.04.1944. 1626 Ebd. 1627 Vgl. ebd. 1628 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 147, Polizeischule FFB: Diktat. Deutscher Sozialis mus, 06.06.1944. 305 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Die weltanschauliche Schulung wäre aber unvollständig ohne die nationalsozialistische Rassenlehre. Dieses U em a trat in vielfältiger Form auf und nahm einen breiten Raum in dem politisch-ideologischen Unterrichtsfach ein. Dabei erschien es im Gewand der Wissen schaft, indem die Lehrkräfte etwa erklärten, welche grundsätzlichen Inhalte die Vererbungs lehre nach Gregor Mendel besaß. Danach leiteten sie zur sogenannten Eugenik über, hinter der sich die Rassenhygiene des „Dritten Reichs“ verbarg. Denn nun befassten sich die Klas sen mit „M aßnahm en zur Erbgesundheit“ und der nationalsozialistischen „Bevölkerungspolitik“.1629 Zu diesem ttem enkomplex zählte außerdem die „Volksgesundheits pflege“, die der Lehrplan ebenfalls aufführte.1630 Für die Nationalsozialisten fußten solche bio logistischen Positionen aber nicht nur auf den Mendelschen Erbregeln. Sie beriefen sich auch auf die sozialdarwinistischen „Kampfgesetze der Natur“.1631 Sodann studierten die Polizei schüler, welche Rassen die NS-Ideologie unterschied und welche Wesensmerkmale sie ih nen zuschrieb, wobei im Unterricht „die deutschen Rassen“ besonders hervorstachen.1632 Als mustergültig priesen die Lehrkräfte dabei die „Erbeigenschaften der weißen Großrasse“, um dann aber auch durchzunehmen, wie die NS-Bewegung gedachte, das deutsche Volk „rein“ zu halten. Deshalb widmeten sie sich eingehend der „Auslese“ und „Ausmerze“.1633 Der Un terricht befasste sich ganz konkret mit der „Verhinderung der Fortpflanzung erblich Min derwertiger“, was für Hitler und seine Gefolgschaft ein besonderes Politikum darstellte.1634 Verwandte U em en wie etwa die „Lebensgesetze der Natur“, „Kampf und Fruchtbarkeit“ oder der sogenannte „Schädelindex“, der in einem anthropometrischen Maß angab, in welchem Verhältnis Länge und Breite eines menschlichen Schädels standen, tauchten ebenfalls auf dem Lehrplan auf.1635 In weiteren Stunden analysierten die Lehrgänge das angebliche „Rasseproblem“1636 und besprachen, wie es die „Rassengesetzgebung des Reiches“ zu lösen versuchte.1637 Mit diesen rassistischen Inhalten war ein weiteres ttem a eng verknüpft, das ei nes der zentralen Elemente der NS-Ideologie darstellte. Auch die „Judenfrage“ spielte eine wichtige Rolle in der weltanschaulichen Schulung. Als Vertreter des NS-Staats sollten die Offiziersanwärter über dieses Kernstück der nationalso zialistischen Dogmatik informiert sein, weil sie selbst als Multiplikatoren dieses antisemiti schen Gedankenguts in der Öffentlichkeit aufzutreten hatten. Leider lässt sich für die welt anschauliche Schulung genauso wenig wie für die übrigen Fächer rekonstruieren, wie genau der Unterricht en detail ablief und auf welche Weise diese Inhalte konkret vermittelt wurden. Wie der Lehrplan des 25. OAL jedoch zeigt, handelte der Lehroffizier folgende Punkte ab, wenn er über die „Judenfrage“ sprach: „Ausschaltung des jüdischen Elements aus dem deut 1629 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1630 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1631 Ebd. 1632 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. 1633 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Nationalsozialistische Lehre, [1943]. 1634 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre, [1941], S. 2. 1635 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Heizmann (Polizeischule FFB): 10. Nat.soz. Lehre, [1943]. 1636 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1637 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpenick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mariaschein, 28.02.1941, S. 9. 3 0 6 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate schen Volk. Blutschutzgesetz, Reichsbürgergesetz, Massnahmen zur Entjudung der deut schen Wirtschaft“.1638 Die weltanschauliche Schulung informierte die Offiziersanwärter also über die Nürnberger Rassegesetze von 1935 und führte daneben aus, welche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Maßnahmen das „Dritte Reich“ gegen die jüdische Bevölkerung er griff.1639 Diese oder ähnliche Aspekte fanden sich so auch in den Stoffplänen anderer Kurse.1640 Dabei muss aber bedacht werden, dass der Dozent all diese ffiem en für gewöhnlich in nur einer Woche durchzunehmen hatte, wofür ihm also nur wenige Unterrichtsstunden einge räumt waren. In einzelnen Lehrgängen standen ihm ausnahmsweise zwei Wochen zur Ver fügung, um die nationalsozialistischen Positionen zum Judentum zu vermitteln.1641 Trotzdem ist es verblüffend, dass die Polizeischule Fürstenfeldbruck nur so wenig Zeit auf diese bedeu tende Komponente der NS-Ideologie aufwendete.1642 Zudem fällt auf, dass sich die antisemi tischen Ansichten der „Herrenmenschen“ holzschnittartig in den Stoffplänen niederschlu gen. Möglicherweise ist das damit zu erklären, dass Himmlers Polizeiapparat von seinem Offiziersnachwuchs bereits ein fundiertes Wissen über die antijüdische Politik des Regimes voraussetzte. Aber selbst dann ist es erstaunlich, dass das U em a auf diese Weise behandelt wurde. Darüber hinaus fanden sich in anderen Lehrplänen diverse Codewörter, mit denen die NS- Ideologen ihre antijüdischen Standpunkte chiffrierten. Das war etwa der Fall, wenn der Lehroffizier gegenüber dem 38. OAL über die „Weltanschauliche Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus und der Plutokratie“ sprach, die er als „die überstaatlichen Mächte“ kenn zeichnete, und sich auch über ihre „Feindpropaganda im totalen Kriege“ ausließ.1643 Ob sich die Kurse jenseits der regulären Lehrpläne konkret mit der „Endlösung der Judenfrage“ be schäftigten, kann daher nicht gänzlich ausgeschlossen werden. In den Quellen lassen sich dazu keinerlei Hinweise finden. Dennoch wäre es abwegig, zu glauben, dass sich Brucker Po lizeischüler deswegen überhaupt nicht über den Völkermord an den europäischen Juden aus tauschten. An die oberbayerische Lehranstalt gelangten während des Krieges zahlreiche Be amte, die zuvor in Polizeieinheiten gedient hatten, wie es die Vorschriften vorsahen.1644 Schon allein dadurch dürfte den Männern sehr wohl bewusst gewesen sein, worauf dieser Teil der weltanschaulichen Schulung abzielte. Methodisch vermittelte der Dozent seinen Schülern all diese Inhalte vorwiegend in Form des Lehrgesprächs, bei dem er mit dem Plenum wahrscheinlich nach dem Frage-Antwort Schema diskutierte. Überdies mussten die Teilnehmer aber auch selbst aktiv werden, da sie einzelne Etappen der weltanschaulichen Schulung selbst zu gestalten hatten.1645 Über be 1638 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. 1639 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Nationalsozialistische Lehre, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 145, Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1640 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Nationalsozialistische Lehre, [1943]. 1641 So war es z. B. im 27. OAL. Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, 4. Nationalsozialistische Lehre, [1942]. 1642 Auch Matthäus stellt fest, dass das ffiem a im polizeischulischen Lehrplan nicht dominiert habe. Vgl. Matthäus, Judentum, S. 114. 1643 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1644 Siehe dazu Kapitel 4.3 und 7. 1645 Vgl. z. B. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 148, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Hauptamt Ordnungspolizei: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 4. 307 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k stimmte ^ e m e n hielten sie teilweise kleine Referate oder arbeiteten sie gruppenweise her aus. So hieß es etwa im Lehrplan des 25. OAL: „Die ^ e m e n der Stoffgebiete der 7. bis 9. Wo che müssen bestimmungsgemäss von den Anwärtern in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Lehroffizier erarbeitet werden. Zur eingehenden Vorbereitung werden die einzelnen U em en bereits zu Beginn des Lehrganges bekanntgegeben.“1646 Sie stammten aus den Gebieten „Neu ordnung Europas“, „Großraumordnung - Großraumwirtschaft“ sowie „Deutschland und die Kolonialfrage“.1647 Anscheinend versprach sich der Polizeiapparat von dieser Methode, dass sich die Schüler eingehender mit den Inhalten der NS-Ideologie vertraut machten, wenn sie diese in Gruppenarbeit und durch Vorträge selbstständig erarbeiteten. In anderen Lehrgän gen hatten die Teilnehmer mitunter Kurzvorträge „über weltanschauliche, politische, kultu relle und wirtschaftliche Fragen aus dem Zeitgeschehen“ zu halten.1648 Ziel dieser Lehrmethode war es offenbar, die Offiziersanwärter nicht nur für die ideologi schen Grundlagen des Nationalsozialismus, sondern auch für die Schulungstätigkeit zu be geistern. Nach Ende des Lehrgangs wartete diese vielfach in den Einheiten und Dienststel len der uniformierten Polizei auf sie. Einzelne Stoffpläne betonten dementsprechend, dass die Arbeitsgruppen dabei helfen sollten, bei den Polizisten „das Interesse für diese Aufgaben zu wecken und sie in die neue Arbeit einzuführen“.1649 Ihre rhetorischen Fähigkeiten hatten sie also zu schulen, weil sie es als Botschafter des nationalsozialistischen Wertesystems ver stehen sollten, ihre Untergebenen in seinem Geiste zu unterrichten. Deshalb unterstrich der Lehroffizier extra, dass sich der Polizeiführer auch „als weltanschaulicher Erzieher“ begrei fen müsse.1650 Bereits 1936 hatte Zwingelberg aus dem Reichsinnenministerium auf die be sondere Funktion der führenden Beamten hingewiesen: „Wenn das Führerkorps der Polizei im nationalsozialistischen Staate seiner hohen und schweren Aufgabe gerecht werden will, muß jeder einzelne nicht nur die Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung kennen und danach handeln, sondern er muß auch in der Lage sein, den ihm vom Staate anvertrauten Menschen das Gedan kengut des Nationalsozialismus zu vermitteln und in ihnen eine heilige Begeisterung für diese Idee zu erwecken“.1651 Der weltanschaulichen Schulung attestierte Hagemann dementsprechend insgesamt eine du ale Aufgabe. Sie habe zum einen, „dem zukünftigen Offizier als weltanschaulich-politischem 1646 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Piper (Polizeischule FFB): Stoffverteilungsplan für die nationalsoz. Lehre für den 25. Offizier-Anwärter-Lehrgang vom 6.1.42-2.4.42, [1942]. Dieser Plan führt für die NSL nur neun Wochen auf, was bedeutet, dass diese Arbeitsgemeinschaften ein Drittel des Un terrichts gestalteten. 1647 Ebd.; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, [unleserlich] (Polizeischule FFB): ffiem en für nationalsoz.Lehre, 12.02.1941, S. 1. 1648 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1649 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.-Offz.- Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 3. Vgl. ferner BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischu le FFB: Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre, [1941], S. 2. 1650 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Heizmann (Polizeischule FFB): 10. Nat.soz. Lehre, [1943]; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Ruffing (Polizeischule FFB): Lehrstoffverteilungsplan für nat.soz. Lehre, [1944]. 1651 Zwingelberg, Erziehung, S. 20. Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Führer das notwendige Grundwissen zu vermitteln, zum anderen, ihn methodisch-pädagogiscg [sic!] für seine Führungsaufgaben zu schulen“.1652 Zwar ragte die Nationalsozialistische Lehre dadurch heraus, dass sich die Schüler in die sem Fach derart durch Vorträge profilieren und in Arbeitsgruppen engagieren mussten. Vor allem in der Frühphase der Himmlerschen Ordnungspolizei war es jedoch nicht außerge wöhnlich, wenn die Offiziersanwärter in den Kursen über ffiem en referierten, die sich in haltlich keineswegs auf die Ideologie beschränkten. So hatte 1936 jeder Teilnehmer des 4. OAL eine Rede zu halten, die ein polizeiliches, militärisches, politisches oder geschichtliches t te ma erörterte. Dabei sprachen sie etwa darüber, welche Kriterien ein Polizeioffizier erfüllen sollte, welche Aufgaben der Exekutive im Krieg zukamen oder wie die Gesetzeshüter richtig erzogen und gedrillt werden konnten. Andere Referate befassten sich mit dem Mitteldeut schen Aufstand oder skizzierten, wie sich das Strafrecht historisch entwickelt hatte. Dem Einsatz von Kriegsgerät widmeten sich die Schüler dabei ebenso wie der Frage, wie bedeut sam die geographische Lage des Deutschen Reichs im Falle eines Krieges sei. Dass Terror gruppen Sprengstoff verwenden könnten und wie die Polizei dagegen einschreiten müsse, trugen die Polizisten außerdem noch ihren Kameraden vor.1653 Allerdings zeigt die übrige ttemenpalette, dass die NS-Ideologie auch auf diesem Wege in die Lehrgänge eindrang. So sprachen die Schüler z. B. darüber, wie sich „Liberalismus und Marxismus“ zueinander ver hielten oder was die „Grundgedanken des Nationalsozialismus“ waren. Sie verglichen „Fa schismus und Nationalsozialismus“ miteinander oder machten sich ihre „Gedanken über den 4Jahresplan“.1654 Andere Teilnehmer sinnierten über Hitlers „Mein Kam pf“, die „deut sche Flottenfrage“, die Position des Arbeiters im NS-Staat, den deutschen Kolonialismus oder das „Wesen des totalen Krieges“.1655 Dass diese Stoffauswahl nicht nur sehr breit angelegt war, sondern auch etwas chaotisch wirkt, war einerseits symptomatisch für den Ausbildungsap parat, der in der Frühphase der Himmlerschen Reformen erst noch eine einheitliche Form finden musste. Aber andererseits manifestierte sich darin auch, dass die ersten Offiziersan wärter nicht ausschließlich über ideologische ffiem en referieren mussten, wie es in späteren Jahren der Fall war. Grundsätzlich veränderte sich das Konzept der weltanschaulichen Schulung, nachdem Himmler dazu übergegangen war, seine Polizei systematisch im Geiste der NS-Ideologie aus zurichten. Für die beiden obersten Lehrstätten in Fürstenfeldbruck und Berlin-Köpenick blieb dies bereits vor und erst recht nach Beginn des Krieges nicht folgenlos. Die Schulen der Ordnungspolizei waren generell dazu verpflichtet, ihr Stammpersonal und ihre Schüler re gelmäßig weltanschaulich zu schulen, um den regulären Unterricht zu ergänzen.1656 Dazu veröffentlichte Hagemann einen Unterrichtsbefehl, der einer allgemeinen Order Himmlers folgte und klarstellte, wie das an seiner Schule praktisch ablaufen sollte: Im Zentrum stand die Wochenschulung, die durch eine „unterrichtsmäßige Unterweisung der Lehrgangsteil nehmer“ erfolgte und diejenigen ffiem en behandelte, die in den Lehrplänen aufgeführt wa 1652 BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 4. 1653 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 121, Lossen (Polizeischule FFB) an OAL: Vorträge. Beila ge zu Kdo. Ib/Nr. 3164, 27.10.1936, S. 1 f. 1654 Ebd., S. 2. 1655 Ebd., S. 1 f. 1656 Vgl. BAB, R 19/308, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Richtlinien für die Durchführung der weltanschaulichen Schulung der Ordnungspolizei während der Kriegszeit, 02.06.1940, Bl. 253. 309 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k ren.1657 Für die Schüler kam jedoch noch eine Tagesschulung hinzu. Sie fand drei Mal in der Woche statt, behandelte aktuelle politische Ereignisse sowie Probleme und musste von den Anwärtern selbst durchgeführt werden, was der Fachlehrer überwachte. Aber auch die übri gen Angehörigen der Schule hatten einmal pro Woche einer solchen Veranstaltung beizu wohnen, die der zuständige Lehroffizier eigens für das Stammpersonal organisierte. Außer dem gab es noch eine Monatsschulung. Diese fand einmal monatlich im großen Speisesaal statt, war an alle Vertreter der Bildungsstätte adressiert und beschäftigte sich mit einem grö ßeren Thema, das die Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“ des Hauptamts Ordnungspoli zei bekanntgab.1658 Der Lehroffizier für weltanschauliche Schulung, Major Karl Heizmann, organisierte während des Krieges diese Zusammenkünfte, bei denen stets ein Offizier der Schule einen Vortrag hielt. Über dessen Inhalt konnte der Kommandeur mitbestimmen. Da neben bemühte sich Hagemann, auch dafür externe Referenten aus Partei und Wissenschaft zu gewinnen.1659 Solche Gastredner sprachen an der Polizeischule Fürstenfeldbruck nicht nur über rein ideologische U em en, sondern äußerten sich zu unterschiedlichen Sachverhalten, die für die Ausbildung der Offiziersanwärter ganz allgemein relevant waren. Tatsächlich behandelten sie jedoch überwiegend weltanschauliche Motive. An der Brucker Institution referierte z. B. der Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium, Max Köglmaier, häufiger darüber, wel che Rolle die Ordnungsmacht im NS-Staat besitze und welche Aufgaben ihr daraus erwüch sen.1660 Bei anderen Gelegenheiten schwadronierte der SA-Obergruppenführer „über den Sinn des Zeitgeschehens und die kommenden Aufgaben im größeren deutschen Reiche“1661 oder über das Thema „Rasse, Kultur und erhöhter Arbeitseinsatz im Kriege“.1662 Über aktu elle Fragen sprachen andere Referenten, zu denen etwa der Hauptschriftleiter des Völkischen Beobachters, Dr. Ernst Meunier, zählte, der ebenfalls öfters vor die Polizeischüler trat.1663 Der 1657 BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 14, 18.05.1942, 1658 Vgl. ebd. 1659 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 185, Hagemann (Polizeischule FFB): Offizierausbildung, 18.05.1942, S. 1. 1660 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehr ganges, 03.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischu le FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3. Zu den Besuchen Kögl maiers in der Polizeischule Fürstenfeldbruck ferner: Stabsleiter Köglmaier in der Polizeihauptschule, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 27.11.1936, Nr. 275, S. 3; Die deutsche Polizei Repräsentantin deut scher Ordnung in ganz Europa, in: Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 04.12.1942, Nr. 285, S. 3. 1661 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 6. 1662 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 3. 1663 Vgl. ebd., S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehr ganges, 03.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischu le FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3; BayHStA München, Poli 310 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Gründer der österreichischen NSDAP, Dr. Richard Suchenwirth, kam gelegentlich von der Münchner Universität an die Schule, um dort vor mehreren Lehrgängen eine „Geschichtli che Betrachtung über den Werdegang der Völker“ vorzunehmen.1664 Der Geschichtsprofes sor sprach bei anderen Gelegenheiten über „Die Reichsidee“1665 oder „Das Reich, seine Stel lung und Aufgabe in Europa“.1666 Wenngleich nicht überliefert ist, was Suchenwirth seinen Zuhörern dabei konkret mitteilte, ist es wahrscheinlich, dass er sie darüber informierte, wie sich das NS-Regime das zukünftige Europa vorstellte. Gerade die SS war davon überzeugt, dass in ihm das „Großgermanische Reich“ eine hegemoniale Position innehaben müsse, um den unter seiner Suprematie neu geordneten Kontinent vor seinen Feinden aus dem „Osten“ zu schützen.1667 Selbst Gauleiter Paul Giesler bedachte die Lehranstalt mit einem Vortrag zum Thema „Kameradschaft“.1668 Dass gerade dieser prominente NS-Funktionär die Polizeischule besucht und mit den Teilnehmern gemeinsam zu Mittag gegessen hatte, bedeutete Hagemann sehr viel. Deshalb notierte er voller Stolz in einem Bericht, Giesler habe erklärt, „daß die Räume, der darin herrschende Geist und die Ordnung, die Haltung und das Aussehen der Lehrgangs teilnehmer ihm einen vorzüglichen Eindruck hinterlassen haben“.1669 Insofern lud der Kom mandeur auch deshalb renommierte Gastredner ein, um seine Bildungsstätte von ihrer bes ten Seite präsentieren zu können und gleichzeitig ihr Prestige zu steigern. In erster Linie zielten diese Besuche aber darauf ab, den Schülern ein abwechslungsreiches Programm zu bieten, damit der politisch-ideologische Unterricht und seine Botschaften nicht vollständig zur bloßen Routine verkamen. Innerhalb der Offiziersanwärterlehrgänge waren die Teilnehmer schon allein deswegen an gehalten, sich intensiv mit den Inhalten der weltanschaulichen Schulung zu befassen, weil sie diese in schriftlichen und mündlichen Prüfungen wieder abrufen mussten. In den obli zeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2; BayHStA München, Po lizeischule FFB 145, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 2.3.1942 (MBliV.S.532) angeordneten 15. Res.Offizieranwärterlehrganges, 06.08.1942, S. 3. 1664 BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3. 1665 BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 5. 1666 BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 6; BayHStA München, Polizei schule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 6. 1667 Vgl. Wenzl, Reich, S. 416-420. 1668 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehr ganges, 03.04.1943, S. 3. 1669 BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 4. 311 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k gatorischen Tests hatten sie sich einer ganzen Reihe unterschiedlicher Themen zu stellen, die in der Regel schlicht umschrieben waren. „Nationalsozialismus und Rassegedanke“, „Der Zweck des völkischen Staates im allgemeinen“, „Demokratie und Führergedanke“ oder „Der Wehrgedanke im nationalsozialistischen Staat“ waren z. B. Wissensgebiete, die eine solche schriftliche Arbeit im Frühjahr 1941 abfragte.1670 Wie vielfältig die Themen waren, in denen sich die Offiziersanwärter auskennen sollten, zeigen auch weitere Klausuren. In einem Fall mussten die Prüflinge etwa in einem Aufsatz darlegen, welche deutsche historische Persön lichkeit sie besonders verehrten, wobei sie ihre Wahl ausgiebig begründen sollten.1671 Teil nehmer des 33. OAL erhielten die Aufgabe, dem Prüfungsgremium zu erklären, was sich hin ter den Begriffen „Autarkie, Reaktion, Separatismus, Pazifismus, Parlamentarismus“ verberge oder welche Eckpunkte das Parteiprogramm aufweise.1672 In einer mündlichen Prü fung bestand eine Aufgabe für den Kandidaten darin, einen sechs- bis achtminütigen Vor trag zum Thema „Der Osten ist altes deutsches Kulturland“ zu halten.1673 Aus Anlass seines 120. Geburtstags hatte ein Prüfling über den Erbforscher Gregor Mendel und seine Gesetze einen Kurzvortrag zu halten, wie eine andere Aufgabe verlangte.1674 Die Teilnehmer des 35. OAL mussten Anfang Oktober 1943 ferner beschreiben, wie sie die „Lage Deutschlands zu Beginn des 5. Kriegsjahres“ einschätzten.1675 An anderer Stelle mussten sich ausgewählte Kandidaten über die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ auslassen.1676 Wenngleich sich in den Prüfungsaufgaben wenig überraschend jene Inhalte wiederfanden, mit denen sich die Lehrgänge zuvor beschäftigt hatten, komprimierten sie diese entschieden. Das galt auch für die rassistischen und antisemitischen Standpunkte, die sich dabei noch stärker herauskristallisierten. Weitere Klausuren in der weltanschaulichen Schulung fragten etwa danach, was der Unterschied sei zwischen „deutschblütig, artverwandt und artfremd“. Die Schüler sollten außerdem darlegen, wie sie einen Mann nach den Nürnberger „Rassege setzen“ einordneten, wenn dieser „Sohn eines deutschblütigen Vaters und einer volljüdischen Mutter“ sei.1677 In einem anderen Lehrgang mussten einzelne Prüflinge sogar ein knappes Re ferat über den „Kam pf gegen das Judentum“ halten, den die Nationalsozialisten führten.1678 Die Teilnehmer des 21. OAL hatten darzulegen, wie sich ein Jude von einem „Mischling“ un terscheide oder weshalb der NS-Staat sich genötigt gesehen habe, die Sterilisation von erb kranken Menschen per Gesetz zu regeln. Außerdem wollten die Lehrer von ihnen wissen, wie das Christentum zum Rassengedanken stehe.1679 In diesem Punkt zeigt sich ferner, dass auch die Kirche am ideologischen Pranger stand. Denn die Prüflinge sollten ferner erklären, 1670 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Polizeischule FFB: 3. H örsaalarbeit (Nat.Soz.Lehre), 19.05.1941. 1671 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: 4. Prüfungsaufgabe (NSL.), 27.11.1943. 1672 BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 28.10.1943, S. 1. 1673 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 30.07.1942, S. 1. 1674 Vgl. ebd., S. 1. 1675 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: 1. Hörsaalarbeit (NSL.), 02.10.1943. 1676 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 15.12.1943, S. 1. 1677 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Polizeischule FFB: 4. Prüfungsaufgabe (Nat.soz.Lehre), 06.04.1944. 1678 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 15.12.1943, S. 1. 1679 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Nat.soz.Lehre, Lehrabt. A, [1941]. 312 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate weshalb „Liberalismus, Humanitätsgedanke und Marxismus (Bolschewismus) den gleichen Ursprung wie das Christentum“ besäßen.1680 Während sich solche Aufgaben mit denjenigen Kräften befassten, welche die Nationalsozialisten zu Gegnern erklärten, grenzten sich ande re gezielt von diesen ab, indem sie inhaltlich auf die eigene Gemeinschaft abzielten. Dahin gehend lautete eine andere Aufgabe: „Im Rahmen der weltanschaulichen Schulung sollen Sie jungen volksdeutschen Hilfspolizisten, die noch nie etwas von Rassenkunde gehört haben, die verschiedenen körperlichen und seelischen Erbeigenschaften der sechs europäischen Ras sen erklären.“1681 Ähnlichen Situationen mussten sich die Polizisten auch mit Papier und Bleistift stellen. Die Teilnehmer des 38. OAL sollten beispielsweise in ihrer Abschlussprüfung einen Aufsatz schrei ben, dem folgende Aufgabe zugrunde lag: „Sie übernehmen eine ostvölkische Einheit (Uk rainer) und sprechen erstmals zu den Männern über Deutschlands Kampf um die Neuord nung Europas mit dem Ziel, sie von der Notwendigkeit dieses Kampfes auch für sie zu überzeugen.“1682 In ihrem Text sollten sie auf „Deutschlands geographische Lage und seine Geschichte“, Hitlers Werdegang und seine Ziele, die deutsche Wirtschaftspolitik sowie das militärische Potential des NS-Staates hinweisen. Ferner hatten die Prüflinge auf die „untrenn bare Schicksalsgemeinschaft“ der europäischen Völker, die unterschiedlichen Rassen des Kontinents, den „Kam pf der Europäer in den Reihen der Waffen-SS“ und die deutschen Fein de einzugehen. Diese seien der „Bolschewismus“ sowie die alliierten Kriegspartner England und die USA, die alle zusammen von Juden kontrolliert würden. Der Aufsatz sollte sodann mit einer „Abschluß-Begeisterung“ schließen.1683 Gerade in mündlichen Prüfungen sahen sich die Offiziersanwärter häufig mit der Aufga be konfrontiert, pathetische Reden zu halten, um ihre untergebenen Männer aufzupeitschen. So mussten die Teilnehmer des 38. OAL etwa vor ihre imaginäre Einheit treten und „über den Friedensvertrag von Versailles und seine Auswirkung für Deutschland“ sprechen, um „die Männer für den Kampf bis zum Endsieg zu begeistern“.1684 Das gleiche Ziel verfolgte auch ein anderer Kandidat, der gedanklich mit seiner Einheit in Osteuropa stationiert war und seine Untergebenen „über das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in Rußland“ zu in formieren hatte.1685 Besonders solche Szenarien machen deutlich, dass es für die angehenden Offiziere im weltanschaulichen Unterricht nicht bloß darauf ankam, die zentralen Ideologeme des Nationalsozialismus zu verinnerlichen. Das NS-Regime wollte vielmehr erreichen, dass die Polizeiführer es verstünden, diese Inhalte gegenüber ihren Untergebenen gekonnt wiederzugeben. Es sollte ihnen gelingen, sie emotional so stark anzusprechen, damit sie im „auswärtigen Einsatz“ mental standhielten und fanatisch bis zum Äußersten kämpften. Damit sie dieses Ziel ansteuern konnten, waren die Lehrkräfte auf Unterlagen angewiesen, mit denen sich die Schüler auch abseits des regulären Unterrichts beschäftigen sollten. Sie stammten vorwiegend aus den Redaktionen des SS- und Polizeiapparats, welche die gesam te Ordnungspolizei mit zahlreichen Druckschriften belieferten, auf denen die weltanschau liche Schulung fußen sollte. Um zu ergründen, welche ffiem en sie behandelten und welche 1680 BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Nat.soz.Lehre, Lehrabt. B, [1941]. 1681 BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 28.10.1943, S. 1. 1682 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: 3. Prüfungsaufgabe (Nat.soz.Lehre), 23.08.1944, S. 1. 1683 Ebd., S. 2. 1684 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Polizeischule FFB: Mündliche Prüfung. NSL, 12.09.1944. 1685 Ebd. 313 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Schwerpunkte sie abseits der Stoffpläne setzten, ist es im Folgenden notwendig, sich inten siv mit diesem Material zu befassen.1686 Die Schulgemeinschaft war in erster Linie dazu ge halten, regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften zu lesen und geeignete Artikel in eine haus eigene Pressesammlung aufzunehmen, damit sie die Schüler für ihre schriftlichen und mündlichen Arbeiten nutzen konnten.1687 So erhielten die Lehrgänge morgens ein paar Ex emplare des „Völkischen Beobachters“, die sie mittags an ihre Kameraden oder an das Stamm personal abgeben mussten.1688 Neben dem Zentralorgan der NSDAP abonnierte die Brucker Schule auch die wichtigsten Presseerzeugnisse der Schutzstaffel, weshalb sie die „SS-Leithefte“ sowie „Das Schwarze Korps“ in ihrer Bibliothek beherbergte.1689 Wie der Name schon andeutet, kreisten die „SS-Leithefte“ aus dem Schulungsamt inhalt lich um die Gedankenwelt der Schutzstaffel. In der ab 1935 erschienenen Zeitschrift fanden sich pathetische Aufsätze und Geschichten über aktuelle wie historische ffem en , Erlebnisund Bildberichte einzelner SS-Einheiten, Zitate von Adolf Hitler und Gedichtverse deutscher Poeten, die der Schulungsleiter bei seinen wöchentlichen Kursen vortragen sollte.1690 Aber eben nicht nur die SS wollte mit diesem Medium seine Leser indoktrinieren. Am 19. Juli 1937 führte ein Runderlass aus Dalueges Hauptamt die SS-Leithefte auch in der Ordnungspolizei ein, um sie offiziell in der weltanschaulichen Schulung einzusetzen.1691 Insbesondere aber ihre Führungskräfte animierte die Behörde dazu, die Zeitschrift zu erwerben, sofern sie im Aus bildungsbetrieb tätig waren.1692 Die Staatsmacht legte jedem Offizier ebenfalls nahe, „von der ihm mit dem SS-Leitheft gebotenen Gelegenheit zur klaren Ausrichtung seiner ununterbro chenen Arbeit an sich selbst weitgehendst Gebrauch zu machen“.1693 Ende September 1942 ging das Hauptamt Ordnungspolizei sogar dazu über, sämtliche seiner Dienststellen und Ein heiten regelmäßig mit Exemplaren dieser Propagandaschrift zu versorgen, die sie in ihrem ideologischen Unterricht verwenden mussten.1694 Diese Maßnahme lässt darauf schließen, dass sich die Polizeibeamten nicht dermaßen für die SS-Leithefte interessierten, wie es sich Himmler gewünscht hatte. Für die weltanschauliche Schulung der Ordnungsmacht bildeten sie aber stets eine wichtige Informationsquelle. Obwohl oder gerade weil es sich ebenfalls primär an Himmlers Elitegarde richtete, sollten die Ordnungspolizisten auch regelmäßig „Das Schwarze Korps“ lesen. Die seit 1935 erschie nene SS-Zeitung entwickelte sich unter ihrem Chefredakteur Gunter d’Alquen zu einem der auflagenstärksten Presseerzeugnisse des „Dritten Reichs“. Es glorifizierte einerseits die Schutz staffel, übermittelte den Lesern andererseits aber insbesondere auch kirchen- und juden- 1686 Auch Westermann liefert einen Überblick über das primär polizeiliche Schrifttum. Vgl. Westermann, Police Battalions, S. 107-117. Dagegen befasst sich Harten eingehend m it dem Schrifttum der SS. Vgl. Harten, Lehrer, S. 421-497. 1687 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.- Offz.-Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 3. 1688 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 36, 11.10.1941. 1689 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 174, Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Druckschriftenplan für die Ausb.-Batl., 20.11.1939, besonders: S. 17. 1690 Vgl. Harten, Lehrer, S. 421-433; Heinemann, Rasse, S. 94 f. 1691 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 19.07.1937, in: RMBliV, 28.07.1937, Nr. 30, Sp. 1257. 1692 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 06.12.1937, in: RMBliV, 15.12.1937, Nr. 50, Sp. 1945. 1693 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 31.08.1942, in: MBliV, 09.09.1942, Nr. 36, Sp. 1777. 1694 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 28.09.1942, in: MBliV, 14.10.1942, Nr. 41, Sp. 1969. 314 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate feindliche sowie antikommunistische Botschaften.1695 Daluege warb bereits im März 1937 in seiner Behörde für „das Organ für die Schulung in der SS“, das es „auf Grund ihres hervor ragenden Inhalts auch für die gesamte deutsche Polizei werden“ müsse.1696 Insofern war es nur folgerichtig, dass es auch die Polizeischule Fürstenfeldbruck abonniert hatte. Die Lehr anstalt bekam außerdem regelmäßig die „Nationalsozialistischen Monatshefte“ geliefert, die unter dem Herausgeber Alfred Rosenberg darum bemüht waren, die braune Ideologie wis senschaftlich zu begründen.1697 Ferner sammelte sie auch noch Schulungsbriefe, die sie vom Gauschulungsamt der NSDAP bezog. Sie tangierten die wesentlichen Elemente des Natio nalsozialismus und befassten sich daher mit Themen wie etwa „Die Gliederung der Partei“, „Um Blut und Boden“, „Gesundheitspflege“, „Volk und Rasse“ oder „Gegen die Freimaurerei“ sowie „Unsere Kolonien“.1698 Zu den verwendeten Postillen zählte auch die Schriftenreihe „Neugestaltung von Recht und Wirtschaft“, deren Hefte sich mit Themen wie „Das Reich im nationalsozialistischen Weltbild“, „Rassen- und Erbpflege in der Gesetzgebung des Dritten Reiches“ oder „Neues Staatsrecht“ befassten.1699 Wesentlich wichtiger für die uniformierte Ordnungsmacht und damit auch ihre Offiziers schulen waren jedoch Presseerzeugnisse, die eigens an die Polizisten adressiert waren. Per Erlass kündigte Himmler am 28. September 1940 an, den „Politischen Informationsdienst“ (PID) an sämtliche Dienststellen der Ordnungspolizei herausgeben zu wollen.1700 Diese Pro pagandabroschüre erschien ab Oktober bei einem Umfang von zwei bis vier Seiten alle zehn bis 14 Tage, wobei es zwei verschiedene Versionen gab: Die Gruppe „Weltanschauliche Er ziehung“ gab eine allgemeine und überregionale Ausgabe A heraus, die „in laufender Folge eine gedrängte Darstellung grundsätzlicher Fragen weltanschaulichen, politischen, kulturel len und wirtschaftspolitischen Inhalts“ liefern und damit als Informationsquelle sowie Un terrichtsmaterial dienen sollte.1701 Diese Version ergänzten die IdO und BdO mit ihrer Aus gabe B, die vorwiegend aus lokalen und regionalen Informationen bestand. Im Einzeldienst und in den geschlossenen Polizeieinheiten kam dem Vorgesetzten die Aufgabe zu, die Zeit schrift im Dienstunterricht zu behandeln, indem er selbst oder einer seiner Untergebenen die darin enthaltenen Texte vorlas. Nachdem eine Ausgabe erschienen war, mussten die Po lizisten binnen einer Woche über alle Themen informiert werden und konnten bei Bedarf auch gemeinsam darüber sprechen. Selbst in Krankenhäusern der Polizei, aber auch in den 1695 Vgl. dazu Mario Zeck, Das Schwarze Korps. Geschichte und Gestalt des Organs der Reichsführung SS, Medien in Forschung und Unterricht, Bd. 51, Tübingen 2002, S. 439-444. 1696 BAB, R 19/461, Daluege (Chef der Ordnungspolizei) an sämtliche im Bürodienst (SB) und Registra turdienst - außer Kanzlei - beschäftigten Angehörigen des Hauptamtes Ordnungspolizei, 04.03.1937, S. 3. Vgl. ferner Schäfer, NSG-Verfahren, S. 265. 1697 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Nachweisung über die an die Polizeihauptschule gelie ferten Gesetzblätter, Zeitungen etc. und ihre Verteilung, o. D.; Bernward Dörner, Nationalsozialisti sche Monatshefte (1930-1944), in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Juden feindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6: Publikationen, Berlin/Boston 2013, S. 481-483, hier: S. 481 f. 1698 BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 14, 01.07.1941, S. 2. 1699 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.-Offz.- Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 1 und BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.-Offz.-Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 1. Dieselben U em en finden sich auch beim 8. Revier-OAL, wenngleich die exakte Schreibweise etwas abweicht. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre, [1941], S. 1. 1700 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 28.09.1940, in: RMBliV, 02.10.1940, Nr. 40, Sp. 1875-1878. 1701 Ebd., Sp. 1875. 315 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Einheiten im „auswärtigen Einsatz“ kursierte dieses periodisch erschienene Machwerk aus Himmlers Dunstkreis. Auch die Polizeischule Fürstenfeldbruck war dazu gehalten, ihre Schü ler mit den Inhalten des PID vertraut zu machen. Das Stammpersonal sollte die Heftchen ebenfalls nutzen, um sich politisch-weltanschaulich fortzubilden. Dazu erhielt der Komman deur anfangs stets zwei Exemplare, wobei er eines in einem Ordner archivieren sollte. Zehn Exemplare standen dem Lehrpersonal und den Kursen für den Unterricht zur Verfügung. Zwei weitere waren für die Aufenthaltsräume vorgesehen.1702 Wenige Monate später bezog die Lehranstalt jeweils 100 Exemplare des PID der Gruppen A und B, die sie so verteilte, dass in jedem Zimmer eines zu finden war.1703 Nicht nur an der „Heimatfront“, sondern auch in den europäischen Gebieten unter deut scher Herrschaft sollte der PID möglichst rege gelesen und in Schulungskursen verwendet werden. So verfügte z. B. das Generalgouvernement seit Januar 1941 über eine eigene Versi on, die auf besondere regionale Sachverhalte einging. In seiner ersten Ausgabe berichtete der PID über die „Tätigkeit der Industrie- und Handelskammer in Krakau“, „die ernährungs wirtschaftliche Lage“ sowie die „Preispolitik im Generalgouvernement“. Ferner meldete sie allgemeine Ereignisse aus dem Dienstgeschehen und dem Sport der Polizei.1704 In ähnlicher Manier berichteten die folgenden Hefte vorwiegend über die wirtschaftliche Situation im polnischen Territorium unter der deutschen Herrschaft.1705 Ein zentraler Schwerpunkt des PID lag also auf ökonomischen U em en. Diesen Fokus wählten seine Macher deshalb, weil die Polizisten inner- und außerhalb des „Altreichs“ über die deutsche Versorgungslage in formiert sein mussten. Kam es etwa zu Engpässen, sollten sie in der Lage sein, den Ängsten der Bürger wie auch Gerüchten entgegenzutreten. Insofern hatten sie die Aufgabe, die Be völkerung zu beruhigen.1706 Möglicherweise war diese ttem enw ahl aber auch schuld daran, dass die Zeitschrift bei einigen Polizeibehörden anscheinend zunächst auf nur wenig Inter esse stieß. Denn die Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“ monierte Mitte November 1940, die Hefte erreichten ihre Adressaten recht spät, weil sie auf den Dienststellen tagelang liegen geblieben seien, ohne dass sich jemand ihrer angenommen habe.1707 Schwierigkeiten berei tete es dem Hauptamt Ordnungspolizei ebenso, einige Reviere, Einheiten und Lehranstalten mit einer ausreichenden Stückzahl der einzelnen Ausgaben zu versorgen.1708 All diese Probleme erwecken den Eindruck, dass der Polizeiapparat bei seiner Propagan daschrift anfänglich improvisieren musste. Der oberste Polizeichef bestätigte diese ttese in 1702 Vgl. ebd., Sp. 1876-1878. Ferner zum PID und seiner Nachfolgezeitschrift: Heller, Reshaping, S. 162 225. 1703 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 179, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Unterrichtsweisung Nr. 7, 24.04.1941, S. 2. 1704 USHMM, LM0443, Politischer Informationsdienst. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der O rdnungspo lizei beim Generalgouverneur, 20.01.1941, Nr. 1 und 2. 1705 Vgl. dazu USHMM, LM0443, Politischer Informationsdienst. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der O rd nungspolizei beim Generalgouverneur, Februar 1941, Nr. 3; USHMM, LM0443, Politischer Inform a tionsdienst. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei beim Generalgouverneur, 20.03.1941, Nr. 4; USHMM, LM0443, Politischer Informationsdienst. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der O rd nungspolizei beim Generalgouverneur, 20.04.1941, Nr. 5. 1706 Vgl. BAB, R 19/308, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Polizeischulen Berlin-Köpenick und FFB: Richtlinien für die Durchführung der weltanschaulichen Schulung der Ordnungspolizei während der Kriegszeit, 02.06.1940, Bl. 252 f. 1707 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 14.11.1940, in: RMBliV, 20.11.1940, Nr. 47, Sp. 2110. 1708 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 03.01.1941, in: RMBliV, 08.01.1941, Nr. 2, Sp. 48-50, hier: Sp. 48. 316 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate direkt, da er zunächst einen geheimen Informationsdienst erscheinen lassen wollte, der sich mit aktuellen Themen rund um den Polizeidienst während des Krieges beschäftigen sollte. Doch dieser war so konzipiert, in ihm knappe Erfahrungsberichte abzudrucken, die über die praktische Polizeiarbeit und das allgemeine Dienstgeschehen informieren und weniger welt anschauliche Inhalte behandeln sollten.1709 Allerdings verabschiedete sich der Reichsführer- SS schnell von diesem Vorhaben, als er im „Politischen Informationsdienst“ ein wirkungs mächtigeres Instrument zu erkennen glaubte, um die Mentalität seiner Ordnungshüter zu beeinflussen.1710 Ein Erlass vom 25. April 1941 sorgte dann dafür, dass diese Propagandazeitschrift einen neuen Namen erhielt und ab dem nächsten Monat als „Mitteilungsblätter für die weltan schauliche Schulung der Ordnungspolizei“ erschien.1711 Inhaltlich enthielt sie jedoch nur we nig Neues: Weiterhin gab es eine Fülle von politischen, militärischen und vor allem wirt schaftlichen Themen, die sich hauptsächlich um das Geschehen an den Fronten oder in den besetzten Gebieten drehten. Aber auch triviale Sujets fanden darin ihren Platz, wie etwa Hin weise zur „Sprachregelung über Begriffe des Ostens“1712 oder „Über Sinn und Wesen der Impfungen“.1713 Allerdings blieben die Inhalte nicht immer so profan. Rassistische, juden feindliche und antikommunistische Artikel nahmen quantitativ keine herausragende Posi tion ein. Aber nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ gerieten die angeblichen Fein de der deutschen „Volksgemeinschaft“ zunehmend ins Visier der Mitteilungsblätter. „Zigeuner“ beispielsweise kennzeichnete die Zeitschrift als „aus Zutraulichkeit und Verschla genheit, aus schlauer Berechnung und hemmungslosem Willen zum Verbrecherischen nei genden M enschenschlag“.1714 Artikel wie „So sind die Juden“,1715 „Jüdisches, allzu Jüdi sches . . . “,1716„Juden über sich selbst“1717 oder „Judentum und Kriminalität“1718 trieften nur so vor antisemitischen Hassparolen. Welchen Jargon die Hefte dabei mitunter anschlugen, zeigt 1709 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 31, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Bekanntgabe von Erfahrungsberichten, 03.04.1940, S. 3. 1710 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 31, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Bekanntgabe von Erfahrungsberichten, 18.12.1940, S. 3. 1711 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 25.04.1941, in: RMBliV, 30.04.1941, Nr. 18, Sp. 762 f. 1712 Vgl. z. B. Sprachregelung über Begriffe des Ostens, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspoli zei im Generalgouvernement, 20.08.1942, Nr. 21, S. 3 f. 1713 Vgl. Über Sinn und Wesen der Impfungen, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltan schauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgouvernement, 20.04.1943, Nr. 29, S. 3 f. 1714 Vgl. Zigeuner - waschecht und stammecht, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltan schauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgouvernement, 20.07.1942, Nr. 20, S. 3 f., hier: S. 3. 1715 Vgl. So sind die Juden, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgouvernement, 20.10.1941, Nr. 11, S. 3f. 1716 Vgl. Jüdisches, allzu Jüdisches ..., in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgou vernement, 20.11.1941, Nr. 12, S. 1-4. 1717 Vgl. Juden über sich selbst, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schu lung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgouver nement, 20.12.1941, Nr. 13, S. 3-8. 1718 Vgl. Judentum und Kriminalität, in: IfZ Archiv, 11/Dc 011.007, Mitteilungsblätter für die weltanschau liche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe A, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei - Gruppe „Welt anschauliche Erziehung“, 10.06.1941, Nr. 16, S. 1-4. 317 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k z. B. der Artikel „Der deutsche Weg in den Osten“, der in den Mitteilungsblättern am 20. Au gust 1941 erschien. Er kommentierte den deutschen Überfall auf die Sowjetunion folgender maßen: „Unsere Männer im grünen Rock und braunen Kragen hatten Gelegenheit, die Segnun gen des jüdisch-bolschewistischen Regimes aus nächster Nähe zu betrachten. Die hel le Julisonne, die ihnen jeden Kampfmorgen neu von Osten her über die weite russi sche Steppe entgegenschimmerte, hat ihnen mit nackter Deutlichkeit die wahren Umrisse bolschewistischer Kultur, wie im grell auftlendenden Scheinwerferlicht einer Großaufnahme, enthüllt. Sie spiegelte sich in dem Strom von Blut, das von bolsche wistisch-jüdischen Schergen vergossen wurde, im Blut der Morde von Lemberg und Sambor, von Brest und Minsk, Bialystok und all den vielen Städten und namenlosen Dörfern, durch deren wehrlose Bevölkerung sich die rote Mordspur der Sowjets gen Osten zieht.“1719 Dass es sich bei solchen Zeilen nicht bloß um propagandistische Kraftmeierei handelte, be legte der Artikel „Ein Ziel dieses Krieges: Das judenfreie Europa“ vom 1. Dezember 1941. Er sprach ungewöhnlich deutlich über „die endgültige Lösung des jüdischen Problems“ und meinte damit „die tatsächliche Ausscheidung der parasitären Rasse aus der europäischen Völkerfamilie“. Vor diesem Hintergrund verwies er auf Hitlers „Prophezeiung“ vom 30. Ja nuar 1939: „Das Wort des Führers, daß ein vom Judentum angezettelter neuer Krieg nicht die Zerschlagung des antisemitischen Deutschlands, sondern vielmehr das Ende des Juden tums bringen werde, wird in diesen Tagen vollstreckt.“1720 So klar setzte sich sonst kaum ein anderer Beitrag mit dem Völkermord an den europäischen Juden auseinander. Ähnlich wie andere Medien des nationalsozialistischen Pressewalds veröffentlichten die Mitteilungsblät ter meist eher unscheinbare Artikel. Wie die genannten Beispiele aber zeigen, konnte diese Zeitschrift sehr wohl auch ungeschminkt aggressiven Antisemitismus und Rassenhass pre digen. Die Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“ benannte die Mitteilungsblätter in den letzten Monaten des Krieges noch einmal um, weshalb die Zeitschrift ab Anfang November 1944 unter dem Titel „Die Zeit und Wir“ erschien.1721 Allerdings wuchs ihr Umfang nun von vier auf zwölf bis 16 Seiten an. Darum konnten einige U em en noch eingehender behandelt wer den. Jetzt veröffentlichte die Postille auch exemplarische Vorträge, welche die Referenten in ihren Schulungskursen präsentieren sollten. Wie bisher nahmen offen rassistische oder an- 1719 1720 1721 Der deutsche Weg in den Osten, in: USHMM, LM0443, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe B, hrsg. v. Befehlshaber der Ordnungspolizei im Generalgou vernement, 20.08.1941, Nr. 9, S. 1-3, hier: S. 1. Ein Ziel dieses Krieges: Das judenfreie Europa, in: IfZ Archiv, 11/Dc 011.007, Mitteilungsblätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei. Gruppe A, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei - Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“, 01.12.1941, Nr. 27, S. 2. Am 30. Januar 1939 hatte Hitler im Reichstag verkündet: „Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanz judentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und dam it der Sieg des Ju dentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“ Verhandlungen des Reichs tags, Bd. 460, Stenographische Berichte 1939-1942, 1. Sitzung: 30.01.1939, S. 16. Vgl. I. A. Rogalski: RdErl. d. ChefsO. v. 20.10.1944, in: BefBlO, 28.10.1944, Nr. 43, S. 370. 318 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate tisemitische Beiträge nur wenig Raum ein, wenngleich solche pejorativen Botschaften auch in anderen Artikeln auftlitzten.1722 Ähnlich war es auch bei der „Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ord nungspolizei“. Während des Krieges waren ihre Hefte eine so bedeutende Quelle für die po litische Indoktrination, dass sie zuweilen an jeden einzelnen Brucker Offiziersanwärter ver teilt wurden.1723 Im Vergleich zu den Mitteilungsblättern behandelte die Schriftenreihe ihre Themen schon allein deshalb wesentlich ausführlicher, weil sich die deutlich umfangreiche ren Ausgaben meist nur einem Kernmotiv widmeten. Dennoch waren in ihnen die zentra len Elemente der NS-Ideologie ganz häufig miteinander verzahnt, so dass sie sich fortwäh rend wiederholten. Das kam nicht zuletzt daher, dass die Propagandisten des Hauptamts Ordnungspolizei gelegentlich Schriftstücke verwendeten und einfach umetikettierten, die ursprünglich aus dem SS-Hauptamt oder von anderen Institutionen und Autoren des NS- Staats stammten. Gemein war jedoch allen Ausgaben der Schriftenreihe, dass sie unverhoh len zum Ausdruck brachten, welche Mentalität sich die Ordnungshüter aneignen sollten. Ein zelne glorifizierten z. B. A d o lf Hitler, der sich mit seiner N S-Bewegung gegen alle Widerstände durchgesetzt und das deutsche Volk zu neuer Stärke geführt habe, das unter dem Versailler Vertrag und der Weimarer Demokratie gelitten habe.1724 Eine Ausgabe feier te ferner „das Bauerntum als Lebensgrundlage unseres Volkes“ und versuchte den Lesern klarzumachen, „daß unsere Lebensgesetzlichkeit eine tiefe Verwurzelung unseres Blutes im deutschen Boden verlangt“.1725 Zu dieser Blut-und-Boden-Ideologie gesellte sich ein pathetischer Kult um die Schutzstaf fel. Das Heft „SS-Mann und Blutsfrage“ erläuterte etwa die Prinzipien der nationalsozialis tischen Vererbungslehre, um danach zu propagieren, dass Himmlers Eliteorden eine „Aus lese vorwiegend nordischer Menschen“ sei.1726 Die deutschen Truppen hätten ihre „Blitzkriege“ gegen Polen und die Länder Nord-, West- und Südosteuropas nur deswegen so erfolgreich geführt, weil sie Träger eines besonders wertvollen Erbguts seien.1727 Mit dieser ideologisch gefärbten Genetik befassten sich auch weitere Werke. Sie hoben nicht nur die nordische „Rasse“ hervor, sondern plädierten auch für eine strenge „Rassenhygiene“, die den Naturgesetzen des Kampfes folge und somit minderwertige Erbanlagen ausmerze.1728 A uf die ser Grundlage begründete eine Reihe von Ausgaben, dass Deutschland eine Führungsrolle 1722 Vgl. Zilkenat, Ende, S. 156. 1723 Davon zeugt z. B. das folgende Dokument: BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Hagemann (Po lizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 5, 26.02.1943. 1724 Vgl. USHMM, LM0223 (Nazi Propaganda Literature from the YIVO Institute for Jewish Research), NCY-1661.6, Der Weg der NSDAP. Entstehung, Kampf und Sieg, Schriftenreihe für die weltanschau liche Schulung der Ordnungspolizei 1943/7, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschau liche Erziehung“), Berlin 1943. 1725 IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1943.2, Bauerntum, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1943/2, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1943, S. 2. 1726 USHMM, LM0223, NCY-1706.12, SS-Mann und Blutsfrage. Die biologischen Grundlagen und ihre sinngemäße Anwendung für die Erhaltung und Mehrung des nordischen Blutes, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942: Sonderheft, hrsg. v. Chef der Ordnungspo lizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1942, S. 54. 1727 Vgl. ebd., S. 4. 1728 Vgl. USHMM, LM0223, NCY-1664.2, Die lebensgesetzlichen Grundlagen der nationalsozialistischen Weltanschauung und Der Kampf um das Reich, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942: Doppelheft 8 und 9, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschau liche Erziehung“), Berlin 1942, S. 11 f. Ferner: IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1943.4/6, Rassenpolitik, 319 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k in Europa beanspruche, um dadurch die germanischen Völker zu vereinigen. Diese angeb lich rassisch hochentwickelten Bewohner strebten nach einem „großgermanischen Reich“, das nach „Osten“ expandieren müsse, damit sie dort einen neuen „Lebensraum“ erschließen könnten.1729 Die Schriftenreihe setzte sich ebenfalls intensiv mit den Feinden auseinander, die gegen Deutschland nun in einer finalen Schlacht opponieren würden. Die Hefte „Kam pf ums Mit telmeer“, „Die Schlacht im Atlantik“ und „Weltkrieg im Pazifik“ verklärten den Zweiten Welt krieg daher zu einem Kampf der Weltanschauungen, den die Achsenmächte gemeinsam ge gen ihre angloam erikanischen Gegner zu Land und zu W asser führten.1730 Die Polizeiideologen hetzten auch in weiteren Ausgaben gegen England und die USA. Angeb lich stünden beide unter der Kontrolle von Freimaurern und vor allem Juden, die gemein sam nach der Weltherrschaft strebten.1731 Während in zahlreichen Heften eher beiläufig an tisemitische Parolen auftauchten, traten judenfeindliche Aussagen stärker in denjenigen Schriften hervor, die zu Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ im Jahre 1941 erschienen. Deutschland stilisierten sie zum Bollwerk gegen den jüdisch gelenkten „Bolschewismus“, der Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1943/4-6, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1943. 1729 Vgl. IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941.5, Die Blutsgemeinschaft der germanischen Völker und Das groß germanische Reich, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941/5, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Amt „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941; IfZ Archiv, 11/ Dc 011.005-1942.4, Deutschland ordnet Europa neu!, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schu lung der Ordnungspolizei 1942/4, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Er ziehung“), Berlin 1942; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1943.1/3, Sicherung Europas, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1943: Doppelheft 1 und 3, hrsg. v. Chef der O rd nungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1943; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941. Sh, Grenzkampf Ost. Der Kampf um die deutsche Ostgrenze. Ein Längsschnitt von der frühgerm ani schen Zeit bis zur Jetztzeit, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941: Sonderheft, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941; USHMM, LM0223, NCY-1775.2, Das Reich und Europa, Schriftenreihe für die weltanschauli che Schulung der Ordnungspolizei 1943/8, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschau liche Erziehung“), Berlin 1943. 1730 Vgl. DHPol, PG 5.9.7-6.1940.3, Kampf ums Mittelmeer, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schu lung der Ordnungspolizei 1940/3, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Amt „Weltanschauliche Erzie hung“), Berlin 1940; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1942.3, Hans Heinrich Ambrosius, Die Schlacht im Atlantik, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942/3, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), H am burg 1942; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1942.2, Peter A rtur Riebe, Weltkrieg im Pazifik. Gründe und Hintergründe der japanisch amerikanischen Spannung und ihre Wechselbeziehungen zum englischen Kriege, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942/2, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Grup pe „Weltanschauliche Erziehung“), Oldenburg 1942. 1731 Vgl. IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941.7, Die anglo-amerikanische Welt, Schriftenreihe für die weltan schauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941/7, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Welt anschauliche Erziehung“), Berlin 1941; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941.So, ^ e o d o r Seibert, Das ame rikanische Rätsel, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der O rdnungspolizei, 1941: Sonderheft, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Amt „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1942.1, Dieser Krieg ist ein weltanschaulicher Krieg, Schriftenreihe für die welt anschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942/1, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Welt anschauliche Erziehung“), Berlin 1942; IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1942.6, Der Dollar rollt, Schriften reihe fü r die w eltanschauliche Schulung der O rdnungspolizei 1942/6, hrsg. v. C hef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1942. 320 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate „das organisierte Verbrechertum“ verkörpere.1732 Diese Botschaft wollte insbesondere das Heft „Bolschewismus - jüdisches Untermenschentum“ noch eindringlicher vermitteln, indem es die Sowjetunion als gänzlich verkommenes System darstellte, das von Juden erst erschaffen worden sei. Diese charakterisierte es als zerstörerisches „Schmarotzervolk“, das seit jeher „Diebstahl, Betrug, Raub und Mord an Nichtjuden und Verseuchung des Blutes der anderen Völker“ begehe.1733 In Russland würden sie durch Terror sämtliche Werte vergewaltigen, die den „Ariern“ am Herzen lägen, wozu etwa das Bauerntum, die Rolle von Frau und Familie oder die Sexualmoral zählten. Die Schrift sah ihre Aufgabe nicht zuletzt darin, ihre Leser da rüber aufzuklären, worauf der Hauptfeind des Deutschen Reiches angeblich abziele: „Vom Alten Testament über den Talmud, über die ,Finanzgenies’ der Könige und Herr scher, über die großen Revolutionen der Welt und über das kommunistische Manifest von Mardochai-Marx bis hin zu den neuesten ,Schöpfungen’ jüdischer Rasse führt eine Linie zu dem einzigen Ziel des Juden: der Aufrichtung der jüdischen Weltherrschaft.“ 1734 Letztlich sprach das Heft unmissverständlich von „der Vernichtung des ewigen jüdischen Fein des“, mit der Hitler sein Werk vollenden werde.1735 Wenngleich dieser Text keine Zweifel da ran ließ, was damit faktisch gemeint war, fanden sich in der gesamten Schriftenreihe grund sätzlich nur wenige direkte Hinweise auf den Holocaust. A uf den Judenmord spielten nur wenige Ausgaben an, zu denen etwa das Heft „Europas Schicksalskampf gegen den Bolsche wismus“ gehörte. „Diese Welt der Versklavung und des Chaos muß endgültig ausgerottet werden“, wie die Schrift über das kommunistische Russland explizit urteilte.1736 Ebenfalls sehr selten kam es vor, dass die Schriftenreihe die Ordnungspolizisten direkt an sprach. Allenfalls appellierte sie vereinzelt an SS und Polizei recht allgemein, diejenigen Auf gaben zu bewältigen, die aus den Plänen der NS-Führung erwuchsen, Europa nach ihrer Vor stellung völlig neu zu gestalten. So mahnte sie etwa, dass beide Institutionen „als Verkörperung des politischen Soldatentums Schildträger der nationalsozialistischen Weltanschauung sein und immer bleiben“ müssten.1737 Es ist einerseits schon merkwürdig, dass sich die Texte in dieser Hetzzeitschrift nicht konkreter an die Staatsdiener wendeten, da sie schließlich an die uni formierten Beamten adressiert waren. Andererseits darf aber nicht vergessen werden, dass ihre Inhalte häufig aus dem Schulungsamt der Schutzstaffel kamen, das sich daher eher auf seine eigentliche Zielgruppe konzentrierte. Ein ähnliches Bild liefert der besondere „Lehr plan für die weltanschauliche Erziehung in der SS und Polizei“, den ebenfalls das SS-Haupt- 1732 IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941.9, Rote Weltrevolution. Pläne und Organisationen der III. Internati onale - „Komintern“ - Zur Diktatur der M inderwertigen, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941/9, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941, S. 3. Hervorhebung im Original. 1733 USHMM, LM0223, NCY-1642.8, Bolschewismus - jüdisches Untermenschentum, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941/8, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Grup pe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941, S. 7 f. Hervorhebung im Original. 1734 Ebd., S. 7. Hervorhebung im Original. 1735 Ebd., S. 35. Hervorhebung im Original. 1736 IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1941.6, Europas Schicksalskampf gegen den Bolschewismus, Schriftenrei he für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1941/6, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1941, S. 10. 1737 IfZ Archiv, 11/Dc 011.005-1942.1, Dieser Krieg ist ein weltanschaulicher Krieg, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1942/1, hrsg. v. Chef der Ordnungspolizei (Gruppe „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1942, S. 46. Hervorhebung im Original. 321 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k amt veröffentlichte. Auch er ging auf die Ordnungsmacht nur kursorisch ein und ließ sie im Gegensatz zu Himmlers Elitetruppe eher im Schatten stehen.1738 Das spricht allerdings nicht dafür, dass die propagandistischen Schriften einfach nur in der Bibliothek der Polizeischule verstaubten. Dies belegt auch ein exemplarischer Fall aus dem Frühjahr 1941, bei dem Kursteilnehmer einen Aufsatz anfertigen sollten. Der Lehroffizier stellte ihnen dafür mehrere Themen, von denen sich einige mit dem Balkan befassten. Die Schüler mussten sich etwa mit dessen Rolle „im 19. Jahrhundert, im Weltkrieg und beim Friedensschluss“, mit den „natürlichen Wirtschaftsbeziehungen zu den Balkanländern“ oder mit der Frage auseinandersetzen, ob die „Neugestaltung und Neuorientierung des Balkans durch Druck oder Einsicht“ erfolgen solle.1739 Es war jedoch nicht der Lehrer, der sich diese U em en ausgedacht hatte. Vielmehr stammten sie fast wortwörtlich aus einer Ausgabe der „Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei“, die Ende 1940 er schienen war und „Die Neuordnung des Balkans und seine Bedeutung für Deutschland“ be handelte. Das Heft versuchte anhand der Historie zu begründen, warum das Deutsche Reich angeblich berechtigt sei, die südosteuropäische Region zu erobern und nach seinen Visio nen umzugestalten.1740 Offensichtlich sollte das Pamphlet dazu dienen, die Ordnungspolizis ten auf den kommenden Balkanfeldzug einzuschwören, der wenig später am 6. April 1941 begann.1741 Mitte Dezember 1942 kündigte ein Erlass an, dass jeder Polizist das Geschichtsbuch „Der Weg zum Reich“ erhalten sollte, wenn er z. B. zum Offizier befördert wurde. Es sei „das wich tigste Grundelement“ in der polizeilichen Ausbildung, die Ordnungshüter ideologisch aus zurichten und ihnen ein starkes Bewusstsein für die eigene Historie zu vermitteln. In diesem Sinne sollte die Publikation dazu dienen, „sie daran zu erinnern, daß der Sinn ihrer Berufs pflichten in letzter Konsequenz in der Verantwortung liegt, das von den vorangegangenen Generationen übernommene Erbe zu wahren und zu pflegen“.1742 In der Machart der „Schrif tenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei“ umriss sie auf 124 Seiten die nationalsozialistische Interpretation der deutschen Geschichte. Inhaltlich brachte das Büchlein aus dem SS-Hauptamt nichts Neues. Der Text sowie zahlreiche Karten, Bilder und Skizzen zeugen lediglich davon, wie sehr sich die Nationalsozialisten nach einem „großdeut schen“ Reich und der Vorherrschaft in Europa sehnten - eine Botschaft, die den Adressaten längst bekannt gewesen sein dürfte.1743 A uf die Polizisten gingen jene Publikationen wesentlich intensiver ein, die von Beamten der Ordnungspolizei selbst verfasst worden waren und sich daher ausdrücklich an die uni formierten Kollegen wendeten. Dabei handelte es sich meist um Erfahrungsberichte, in de nen die Autoren erzählten, was sie angeblich persönlich oder ihre Kameraden im „auswär tigen Einsatz“ erlebt hatten, den sie stets als spannendes Abenteuer und ehrenvollen Dienst darstellten. Ideologische Botschaften traten darin für gewöhnlich eher beiläufig auf. Doch 1738 Vgl. USHMM, LM0223, NCY-1772.8, Lehrplan für die weltanschauliche Erziehung in der SS und Po lizei, hrsg. v. SS-Hauptamt, Berlin o. J. 1739 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, [unleserlich] (Polizeischule FFB): ffiem en für nationalsoz.Lehre, 12.02.1941, S. 1. 1740 Vgl. DHPol, PG 5.9.7-6.1940.5, Die Neuordnung des Balkans und seine Bedeutung für Deutschland, Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei 1940/5, hrsg. v. Chef der O rd nungspolizei (Amt „Weltanschauliche Erziehung“), Berlin 1940. 1741 Vgl. Schreiber, Weltkrieg, S. 52. 1742 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 15.12.1942, in: MBliV, 23.12.1942, Nr. 51, Sp. 2337. 1743 Vgl. IfZ Archiv, 11/Dc 029.006, Der Weg zum Reich, hrsg. v. Reichsführer-SS - SS-Hauptamt, Berlin 1942. 322 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate die Texte übermittelten sie dennoch recht deutlich. Gemein war ihnen allen, dass sie die Po lizei stets zu einer heldenhaften Kampftruppe verklärten, die der Wehrmacht sowie der Waf fen-SS ebenbürtig sei und mit ihnen gemeinsam einem expansiven „Großdeutschland“ dien ten. Das war etwa der Fall bei dem 1942 erschienenen Buch „Freigemachtes Grenzland“, das die beiden Schutzpolizisten Günther Rumler und Otto Holzmann verfassten. Es widmete sich der Frage, was die Ordnungspolizei erlebt hatte, als sie bei Kriegsbeginn die deutsche Bevölkerung aus den westlichen Grenzregionen evakuiert hatte, um sie ins Reichsinnere um zusiedeln und damit vor den Feindmächten in Sicherheit zu bringen. In pathetischen Anek doten berichtete es davon, wie die uniformierte Staatsgewalt diese Aufgabe im Saarland be wältigt hatte, um danach in Lothringen, Luxemburg und Frankreich mit einzumarschieren. Vorwiegend schilderte die Schrift, wie sich die Ordnungshüter dabei stets als „Freund und Helfer“ erwiesen hätten. Dadurch wünschten sich die Autoren, „so mancher junge Mann wird jetzt vielleicht den Entschluß fassen, auch seine ganze Kraft und sein ganzes Ich dem deutschen Volk zur Verfügung zu stellen und sich deshalb als Freiwilliger für die Waffen-SS und für die deutsche Polizei melden“.1744 Das Machwerk hob jedoch auch hervor, welche Aufgaben auf die „Gesetzeshüter“ in den eroberten Gebieten gewartet hätten. Die Staatsgewalt habe sich etwa in Lothringen dadurch hervorgetan, unliebsame Menschen auszusiedeln, unter denen „selbstverständlich in großer Zahl die sauberen Vertreter des ,auserwählten Volkes’“ gewesen seien.1745 Während die Schrift an manchen Stellen gegen das „Weltjudentum“ hetzte, das sie als „Erzfeind“ des deutschen Volkes brandmarkte,1746 begegneten dem Leser weitere rassistische Passagen. Über die „Schwar zen und Mischlinge der französischen Kolonialtruppen“ meinte sie, es seien „Kerle darun ter mit einem Gesichtsausdruck, der sie nicht mehr als Menschen erscheinen läßt, sondern vielmehr ihre tierische Natur offenbart“.1747 Wem Deutschland solche Einsätze angeblich zu verdanken habe, verschwieg die Publikation ebenso wenig. Bereits eingangs konstruierte sie gar eine Verschwörungstheorie, in der Deutschland als Opfer „jüdisch beeinflußter Kriegs hetzer“ erschien.1748 England habe demnach eine europäische Allianz geschmiedet, um das Deutsche Reich zu vernichten, das für London solange „ein willkommenes Ausbeutungsob jekt“ gewesen sei, bis Adolf Hitler es zu neuer Stärke geführt habe.1749 Am 1. September 1939 hätten dann „polnische Banden“ den Sender in Gleiwitz überfallen, „um den gegen Deutsch land schon so lange geplanten und vorbereiteten Krieg zu entfesseln“.1750 Die propagandisti sche Schrift stilisierte das „Dritte Reich“ und vor allem seine Polizei zum Retter Europas, um den angeblich unterjochten Kontinent von diesen Feindmächten zu befreien. Ähnlich heroische Töne fanden sich in den Werken von Helmuth Koschorke, in denen er schon in den Friedensjahren die uniformierte Staatsmacht verherrlicht hatte.1751 Insbesonde re aber deren Kriegseinsatz glorifizierte der Pressereferent im Hauptamt Ordnungspolizei, von dem er zunächst in seinem Büchlein „Polizeireiter in Polen“ berichtete, das im Jahre 1940 erschien. In ihm hetzte er massiv gegen den polnischen Kriegsgegner, der abseits des „Brom 1744 Günther Rumler/Otto Holzmann, Freigemachtes Grenzland. Erlebnisberichte, Berlin 1942, S. 205. 1745 Ebd., S. 173. 1746 Ebd., S. 99. 1747 Ebd., S. 126. 1748 Ebd., S. 42. 1749 Ebd., S. 15. 1750 Ebd., S. 19. 1751 Zu seinen Publikationen zählen etwa: Helmuth Koschorke, Die Polizei - einmal anders!, München 1937; Ders., Jederzeit einsatzbereit. Ein Bildbericht von der neuen deutschen Polizei, Berlin 1939. 323 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k berger Blutsonntags“ noch zahlreiche weitere Verbrechen an der deutschen Bevölkerung ver übt habe. Deshalb widmete sich die Schrift ihrem zentralen ttem a: der „Säuberung von pol nischen Banden“ im eroberten Gebiet.1752 Diesen Vorgang stellte sie als mutigen Kampf gegen hinterhältige und verschlagene Akteure dar, der brutal und skrupellos geführt werden müs se. Exemplarisch schilderte der Autor, wie seine Polizeireiter mit einem „Banditen“ kurzen Prozess gemacht und ihn einfach erschossen hätten.1753 Anlässlich eines größeren Unterneh mens gegen polnische Partisanen seien sie auf zahlreiche verstümmelte Leichen von deut schen Zivilisten gestoßen, weshalb einer der Beamten über die Täter erzürnt ausgerufen habe: „Das sind keine Menschen mehr! Das sind Tiere! Aber nein. Man soll den Tieren nicht unrecht tun, denn Tiere sind lange nicht so bestialisch verworfen wie dieses Mörder pack. Das sind nicht Menschen, das sind auch nicht Tiere, nein, das sind irgendwel che Mißgeburten, die nicht auf diese Welt gehören .. ,“1754 Daraufain habe er unverblümt erklärt, was nun zu tun sei: „Und jeder, der dies hier sieht, hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit vor Gott und seinem Gewissen, nicht eher zu ruhen, bis die letzten dieser Bestien unschädlich gemacht sind . . , “1755 Kaum zurückhaltender äußerte sich Koschorke in dem Werk „Polizei greift ein!“ aus dem Jahre 1941, in dem er erneut vom Polenfeldzug, aber auch vom „auswärtigen Einsatz“ in Westund Nordeuropa berichtete. Gerade das norwegische Volk stellte er dabei als rassisch hoch wertig dar. Dagegen ließ die Schrift keinen Zweifel daran, was er von den polnischen „Ban den“ hielt. In ihr charakterisierte er die polizeilichen Feinde als „vertierte Bestien, die mit dem Rasiermesser deutschen Soldaten die Kehle durchschneiden“ oder als „Flintenweiber, die wie Hyänen über die Schwerverwundeten herfallen, sie mit Petroleum übergießen und dann anzünden“.1756 Um „dem Bandenterror ein radikales Ende“ zu bereiten, seien „ganze Kerle“ gefordert, die bei den Großunternehmen der Polizeieinheiten kompromisslos gegen „heimtückische und mit allen Hunden gehetzte Gegner“ vorgehen müssten.1757 Diese Zeilen offenbaren, dass die „Bandenbekämpfung“ das traditionelle Schema des Krieges außer Kraft setzte. Die deutschen Besatzer mussten besonders im „Osten“ nicht nur gegen männliche Feinde, sondern auch gegen weibliche Partisanen vorgehen.1758 Aus ihrer Sicht gefährdeten diese „Flintenweiber“ das maskuline Monopol des Kampfes und tangierten zugleich ihre Vorstellung von Weiblichkeit, weshalb die Invasoren in den eroberten Gebieten eine gestei gerte Gewaltbereitschaft gegen Frauen entfalteten.1759 Wesentlich aggressiver platzierte Koschorke nun aber auch antisemitische Botschaften in seinem Buch, wenn er an anderer Stelle erklärte, dass „alle Intrigen und Sabotageakte [...] 1752 Ders., Polizeireiter in Polen, Berlin/Leipzig 1940, S. 10. 1753 Vgl. ebd., S. 20f. 1754 Ebd., S. 58. 1755 Ebd., S. 58. 1756 Ders., Polizei greift ein! Kriegsberichte aus Ost, West und Nord, Berlin 1941, S. 24 [Künftig: Koschorke, Polizei (1941). 1757 Ebd., S. 20. 1758 Vgl. Daniel Brewing, „Wir müssen um uns schlagen“. Die Alltagspraxis der Partisanenbekämpfung im Generalgouvernement 1942, in: Jochen Böhler/Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), Gewalt und Alltag im be setzten Polen 1939-1945, Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, Bd. 26, Osnabrück 2012, S. 497-520, hier: S. 514. 1759 Vgl. Werner, Männlichkeit (2013), S. 54. 324 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate fast ausnahmslos im Judenghetto ausgebrütet“ würden.1760 Insgesamt suggerierte er, dass pol nische Zivilisten, „Banden“ und Juden gemeinsam gegen die deutschen Truppen agierten und dabei untereinander kaum zu unterscheiden seien. Bereits zuvor sei seiner Polizeiein heit in dem „Judennest“ Radom „ein ganzes Rudel dieser verlausten Kaftanträger“ begegnet, welche die Invasoren mit dem „Hitlergruß“ empfingen.1761 Die Polizisten hätten ihnen un missverständlich klargemacht, „daß dieser Gruß von einer Judenhand in unseren Augen ei ner Beleidigung des Deutschen Reiches gleichkommt, und dabei in einer Sprache gespro chen, die schnell verstanden wird“.1762 Judenhass und Gewaltfantasien begegneten dem Leser auch im Schrifttum von Hans Rich ter. Nur wenig gemäßigter äußerte sich der Reserve-Hauptmann der Schutzpolizei in dem 1941 erschienenen Buch „Einsatz der Polizei“, in dem er ebenfalls vom deutschen „Blitzkrieg“ in Ost-, Nord- und Westeuropa berichtete. Antisemitische Inhalte dominierten in seiner Schrift zwar nicht. Sie tauchten aber dennoch auf, als er seinen Dienst in Polen beschrieb. So schilderte er etwa, dass die deutsche Polizei in Lodz eingesetzt gewesen sei, um die jüdische Bevölkerung in ein Ghetto zusammenzutreiben. Dabei habe die Staatsgewalt unerbittlich eingegriffen, „denn die Juden wollten nicht verstehen, daß ihre Vorherrschaft auch hier im Osten für alle Zeiten beendet sei“.1763 Als er dann das Warschauer Ghetto besuchte, sinnier te er angewidert über die dort lebenden Juden. Nach deren Anblick erinnerte Richter daran, dass das „Dritte Reich“ darauf hinarbeite, „dem deutschen Volke einen genügenden und keimfreien Lebensraum und darüber hinaus eine Neuordnung Europas zu schaffen“, wobei es „an dieser Keimzelle der Zerstörung“ nicht „vorbeigegangen“ sei.1764 Dem Leser dürfte es nicht schwer gefallen sein, sich auszumalen, was der Autor damit meinte. Als wesentlich an genehmer schilderte er hingegen seinen anschließenden Einsatz in Norwegen. Die Nordeu ropäer beschrieb er insgesamt als deutlich zivilisierter.1765 Dennoch ließ er wissen, dass „Frei schärler“ immer wieder die deutschen Truppen überfallen hätten.1766 Die aus dem Hinterhalt operierenden Gegner begegneten dem Leser erneut in einem wei teren Werk von Richter. Nachdem er am 27. Juli 1941 im „Osteinsatz“ ums Leben gekommen war, veröffentlichte der „Zentralverlag der NSDAP“ im Jahre 1943 seinen Bildbericht „Ord nungspolizei auf den Rollbahnen des Ostens“. Das Buch glorifizierte in pathetischen Wor ten, wie die Polizeibataillone in der Sowjetunion operierten. Ihre Verbrechen erwähnte es mit keiner Silbe, sondern deutete sie allenfalls zwischen den Zeilen an. Stattdessen heroisier te es den militärischen Einsatz der angeblich unbesiegbaren deutschen „Polizeisoldaten“. Ihre Feinde seien hauptsächlich „bolschewistische“ Partisanen, wobei die Schrift ihren „Banden kam pf“ als „neue Kampfart“ charakterisierte, „die für den Osten eigentümlich geworden ist“.1767 Allerdings verschwieg sie auch nicht, dass die Ordnungspolizei darauf mit der „Säu berung der Wald- und Sumpfgegend von bolschewistischen Versprengten und Banden“ reagierte.1768 Außerdem kennzeichnete das Werk die russische Zivilbevölkerung als unbere 1760 Koschorke, Polizei (1941), S. 21. 1761 Ebd., S. 16. 1762 Ebd., S. 17. 1763 Hans Richter, Einsatz der Polizei. Bei den Polizeibataillonen in Ost, Nord und West, Berlin 1941, S. 29 f. 1764 Ebd., S. 31. 1765 Vgl. ebd., S. 44-47. 1766 Vgl. ebd., S. 63. 1767 USHMM, LM0223, NCY-1798.4, Hans Richter, Ordnungspolizei auf den Rollbahnen des Ostens. Bild bericht von den Einsätzen der Ordnungspolizei im Sommer 1941 im Osten, ergänzt durch kurze Er lebnisberichte, Berlin 1943, S. 7. 1768 Ebd., S. 14. 325 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k chenbare Gefahr, die zusammen mit den Sowjets gegen die deutschen Truppen kämpfe.1769 Offen antisemitische Aussagen fanden sich darin zwar nicht explizit. Aber mehrere Fotogra fien zeigten die polizeiliche „Razzia im Judenviertel“ von Riga, womit der Leserschaft dieses Ereignis visuell näher gebracht wurde.1770 Welche zentralen Aussagen enthielten nun solche Propagandawerke? Zunächst einmal stellten sie die Polizei stets als „Freund und Helfer“ dar, der zusammen mit den übrigen Waf fenträgern des „Dritten Reichs“ darum kämpfen würde, Europa vor seinen Feinden zu erret ten und den deutschen Kampf um „Lebensraum“ zu unterstützen. Dabei sei Deutschland nicht nur von einigen Nachbarstaaten und „bolschewistischen Banden“, sondern vor allem von einer jüdischen Verschwörung bedroht. Gegen all diese Gegner ziehe die Ordnungs macht resolut und unnachgiebig zu Felde. Was hatte das nun aber mit der Offiziersausbildung zu tun? Am Beispiel der Schrift „Ein satz der Polizei“ von Hans Richter lässt sich zumindest nachweisen, dass solche Werke in der Bücherei der Brucker Polizeischule zu finden waren, wie die Schulgemeinschaft von Inte rimskommandeur Martin Diez erfuhr.1771 Daneben empfahl die Schulleitung ihren Beamten, dieses Buch persönlich zu erwerben.1772 Um die Lehrgangsteilnehmer zu motivieren, vergab der Schulleiter darüber hinaus für die beiden besten Absolventen Buchpreise. Aber auch für besondere Leistungen im Schießen oder beim Sport konnten die Polizisten solche Präsente erhalten.1773 Buchgeschenke erhielten ebenso jene Polizeibeamten, die sich freiwillig an den schriftlichen Wettbewerben beteiligten, die der Polizeiapparat gelegentlich veranstaltete. Weil sie sich z. B. für ein solches Ereignis im Jahr 1937 engagiert hatten, bekamen einige Vertreter des Stammpersonals und ein Offiziersanwärter das Buch „Nationalsozialistischer Kampf ge gen das Verbrechertum“ von Kurt Daluege.1774 In diesem Machwerk lobte der Chef der Ord nungspolizei überschwänglich, wie effizient doch der NS-Staat gegen das „Berufsverbrecher tum“ und Ganoven „ausländischen jüdischen Typs“ vorgegangen sei, was seine kriminalpräventiven Positionen offenbart.1775 Obwohl die Beamten also mit dieser Literatur konfrontiert waren, lässt sich nicht ermit teln, wie sie zu ihr standen - geschweige denn, ob sie sich von ihr beeinflussen ließen. t to mas Köhler glaubt zwar, dass sie solche Werke ideologisch durchaus tangiert haben dürften, 1769 Vgl. ebd., S. 12. 1770 Ebd., S. 17f. 1771 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Diez (Polizeischule FFB): Unterrichtsweisung Nr. 4, 05.03.1941, S. 2. 1772 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 179, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Unterrichtsweisung Nr. 7, 24.04.1941, S. 2. Ferner: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 27.03.1941, in: RMBliV, 02.04.1941, Nr. 14, Sp. 578 f. 1773 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Diez (Polizeischule FFB): Unterrichtsweisung Nr. 2, 20.01.1941, S. 1. Ferner: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 01.02.1938, in: RMBliV, 09.02.1938, Nr. 6, Sp. 221 f. Listen von Buchtiteln, die als Preise durch Himmlers Polizeiapparat empfohlen w ur den, finden sich z. B. in: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 07.05.1937, in: RMBliV, 12.05.1937, Nr. 19, Sp. 722-726; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 30.11.1937, in: RMBliV, 18.12.1937, Nr. 49, Sp. 1888a-1888c. 1774 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 187, I. A. [unleserlich] (StMdI) an u. a. Polizeischule FFB: Schriftlicher Wettbewerb der deutschen Polizeibeamten, 16.09.1937. Diese Wettbewerbe waren im RMBliV ausgeschrieben, so dass jeder Polizist informiert werden und freiwillig teilnehmen konnte. Vgl. ferner z. B. RdErl. d. RuPrMdI. v. 03.06.1935, in: RMBliV, 12.06.1935, Nr. 24, Sp. 771-772c; RdErl. d. RuPrMdI. v. 24.07.1935, in: RMBliV, 31.07.1935, Nr. 31, Sp. 980b f.; RdErl. d. RuPrMdI. v. 02.04.1936, in: RMBliV, 08.04.1936, Nr. 17, Sp. 492h. 1775 Kurt Daluege, Nationalsozialistischer Kampf gegen das Verbrechertum, München 1936, S. 18. 326 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate weil ihre Autoren selbst Polizisten waren, die aus ihrer eigenen Erfahrung heraus den „aus wärtigen Einsatz“ besonders spektakulär und authentisch schilderten. Deshalb könnten sich die Leser mit den polizeilichen Protagonisten verbunden gefühlt haben. Dass die Rezipien ten dabei aber gleich die Absichten der Autoren und die zentralen Motive ihrer Schriften verinnerlicht hätten, kann der Historiker zwar einfach in den Raum stellen, aber - wie er selbst vorausschicken muss - nicht beweisen.1776 Im Schrifttum der Ordnungspolizei war es durchaus normal, wenn Polizisten selbst für ihre Kollegen schrieben.1777 Dabei tat sich besonders der Kameradschaftsbund Deutscher Po lizeibeamten hervor, der seit Beginn der NS-Herrschaft mit „Der Deutsche Polizeibeamte“ ein eigenes Organ unterhielt, das er 1938 in „Die Deutsche Polizei“ umbenannte. In ihm pu blizierten auch Vertreter anderer NS-Organisationen. Aber gerade Polizisten fanden hier ein Medium, in dem sie ihre Texte veröffentlichen konnten. Weil sich sämtliche Ordnungshüter ständig weiterbilden sollten, legte Daluege ihnen sogar nahe, diese Zeitschrift regelmäßig zu lesen.1778 Sie sollte sich neben der „Erziehung in kameradschaftlichem Geiste“ auch dafür ein setzen, „dem Polizeibeamten in nationalsozialistisch-staatspolitischer Hinsicht Erkenntnis se zu vermitteln“.1779 Mit diesem Auftrag erschien „Der Deutsche Polizeibeamte“ seit dem 1. September 1933, der bis Kriegsende das zentrale Organ der deutschen Staatsgewalt war und polizeifachliche, allgemeinbildende, triviale und typisch nationalsozialistische Inhalte mit einander verknüpfte. Insofern gab sich die weltanschauliche Schulung eher selten direkt in dieser Zeitschrift zu erkennen. Selbstherrliche Berichte über die Polizeiarbeit, Informationen zu neuen Gesetzen, amtliche Mitteilungen und Personalnachrichten, Neuigkeiten aus dem Polizeisport, Prü fungsaufgaben samt Lösungen sowie Literaturtipps, Rätsel und Witze nahmen wesentlich mehr Raum ein. Die zahlreichen Artikel widmeten sich also ganz unterschiedlichen U em en, wobei sie jedoch oft ideologisch gefärbt waren. In der Vorkriegszeit warb die polizeiliche Pos tille aber auch ganz offen für die Werte und Ziele des Regimes, indem sie sich beispielswei se der „Rassengeschichte der Völker Europas“ widmete,1780 den „Totalitätsanspruch der nati onalsozialistischen Idee“ offenlegte1781 oder den „Polizeioffizier im Dritten Reich“ einordnete.1782 Dennoch fanden sich in der polizeilichen Zeitschrift bereits in den Friedensjahren dezidiert antisemitische und rassistische Botschaften. Davon zeugen Texte wie etwa „Die jüdisch-mar 1776 Vgl. Köhler, Anstiftung, S. 154 f. 1777 Ein Beispiel dafür ist das „Mitteilungsblatt der Schutzpolizei Flensburg“, in dem seit Ende 1943 Poli zisten im „auswärtigen Einsatz“ über ihre Erfahrungen und Erlebnisse an ihre Kameraden an der „Hei m atfront“ schrieben. Vgl. Stephan Linck, „Ordnung und Sauberkeit . . .“ Briefe Flensburger O rdnungs polizisten 1944, in: Sozialwissenschaftliche Inform ationen 26/1 (1997), S. 42-44; Ders., „ ... schon allein wegen des Schmutzes . “ Wie Polizisten über ihren Einsatz schrieben: Das Mitteilungsblatt der Schutzpolizei Flensburg 1944/45, in: Archiv für Polizeigeschichte 25 (1998), S. 51-55. 1778 Vgl. BAB, R 19/308, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule FFB: Ausbildung der Wacht meister (SB) und Meister (SB) der Ordnungspolizei, 10.10.1937, Bl. 10. 1779 Kriminalkommissar Bartsch, Fortbildungsarbeit im Kameradschaftsbund Deutscher Polizeibeamten, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 01.09.1933, Nr. 1, S. 22 f., hier: S. 23. 1780 H auptm ann Ringelmann, Rassengeschichte der Völker Europas, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 01.03.1935, Nr. 5, S. 167-171. 1781 Ders., Der Totalitätsanspruch der nationalsozialistischen Idee, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 01.01.1935, Nr. 1, S. 4-6. 1782 X. D., Der Polizeioffizier im Dritten Reich, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 15.12.1933, Nr. 8, S. 283 285. 327 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k xistische Geistesrichtung“,1783 „Unser Kampf gegen das Judentum“,1784 „Die Juden sind unser Unglück“1785 oder „Die Zigeunerbekämpfung einst und jetzt“.1786 „Die Deutsche Polizei“ behielt diesen Tenor auch während des Krieges bei und berichtete etwa von einem „Blick in ein Judengetto“,1787 einem „Treck der Juden“1788 und einem „Zigeunertransport“1789 sowie über „Geknechtetes Polakentum“.1790 Die Bildkollage „Juden ar beiten!“ war z. B. mit einem kurzen Text versehen, dessen Urheber sich darüber freute, dass die Deutschen den Juden in den eroberten Ostgebieten beibrächten, wie es ist, zu arbeiten, nachdem sie „sonst nur Schmarotzer und Parasiten am Körper der Völker“ gewesen seien.1791 Dass die als faul und nutznießerisch dargestellten Menschen nicht freiwillig ans Werk gin gen, ließen bereits die verwendeten Fotos erahnen. Ebenfalls zur Arbeit gezwungen wurden die Juden von Lublin, wie Franz-Otto Wrede über seinen Besuch „Im Getto aller Gettos“ be richtete, bei dem er sich „im Herzen des tausendarmigen Polypen Juda’“ befunden habe.1792 Um etwaigen Gerüchten an der „Heimatfront“ entgegenzuwirken und den Einsatz der Poli zei zu verharmlosen, die gegenüber den Juden „hart, aber gerecht“ durchgegriffen habe, ließ er den Leser auch gleich Folgendes wissen: „Im Gegensatz zur Ausrottungspolitik gewisser anderer Kolonisatoren’ führen wir Deutsche hier nämlich keine direkten oder indirekten Vernichtungsaktionen durch.“1793 Als der Artikel im Mai 1940 erschien, konnte zwar tatsäch lich noch nicht von einer systematischen Vernichtungspolitik gesprochen werden. Wie die deutsche Herrschaft in Polen aber schon damals offenbarte, war es absolut zynisch und ver logen, das Treiben der Ordnungspolizei derart zu beschönigen.1794 Trotz solch diskriminierender Zeilen fällt aber auf, dass sich die Zeitschrift nach Beginn des Russlandfeldzugs auf einen ganz anderen Feind versteifte. Während radikal antisemiti sche Texte eher in den Hintergrund rückten, konzentrierte sie sich besonders ab 1942 über wiegend auf den polizeilichen Kampf gegen Partisanen. Darüber erschienen nun etliche Ar tikel wie etwa „Gegner im Busch“,1795 „Unser Bataillon im Kampf mit Heckenschützen“,1796 1783 E. Menneking, Die jüdisch-marxistische Geistesrichtung, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 15.11.1933, Nr. 6, S. 211 f. 1784 Wilhelm Kube, Unser Kampf gegen das Judentum, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 01.07.1935, Nr. 13, S. 486 f. 1785 Die Juden sind unser Unglück, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 15.10.1935, Nr. 20, S. 767-770. 1786 Schaper, Die Zigeunerbekämpfung einst und jetzt, in: Der Deutsche Polizeibeamte, 15.06.1934, Nr. 12, S. 468. 1787 H. Walter Döring, Blick in ein Judengetto, in: Die Deutsche Polizei, 15.08.1941, Nr. 16, S. 294 f. 1788 Alfred Knauf, Treck der Juden ... Erlebnisbericht aus Warschau, in: Die Deutsche Polizei, 01.10.1941, Nr. 19, S. 344 f. 1789 Zigeunertransport, in: Die Deutsche Polizei, 01.10.1941, Nr. 19, S. 346. 1790 Geknechtetes Polakentum, in: Die Deutsche Polizei, 15.01.1940, Nr. 2, S. 31. 1791 Juden arbeiten!, in: Die Deutsche Polizei, 01.02.1941, Nr. 3, S. 63. 1792 Franz-Otto Wrede, Im Getto aller Gettos, in: Die Deutsche Polizei, 01.05.1940, Nr. 9, S. 141 f., hier: S. 141. 1793 Ebd., S. 142. 1794 Vgl. z. B. Mallmann, Missgeburten, S. 78-80. 1795 Günter Doebel, Gegner im Busch, in: Die Deutsche Polizei, 01.09.1941, Nr. 17, S. 306. 1796 Matthias Schottler, Unser Bataillon im Kampf m it Heckenschützen. Ein Erlebnisbericht aus dem W in terfeldzug, in: Die Deutsche Polizei, 15.05.1942, Nr. 10, S. 145-147. 328 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate „Banditen in der Felsenhöhle“,1797 „Banditenkampf in Sumpf und Schlamm“,1798 „Ein Bandi tenlager wird vernichtet“1799 oder „Im Bandenkampf auf dem Balkan“.1800 Auch das RSHA steuerte etwas zu diesem Komplex bei, wie ein Text von Dr. Wilhelm Spengler zeigte. Der SS-Obersturmbannführer berichtete darin, wie Sicherheitspolizei und SD einen „Banden krieg im Niemandsland“ führten, wobei er klarmachte, dass „diese Unterwelt“ über „keiner lei anständige Kriegsregeln“ verfüge. Stattdessen operierten die „Banditen“ in Zivilkleidung, vollzögen häufig einen Ortswechsel und mischten sich unter das Volk, was ihrer „hinterlis tigen Kampfform“ entspreche. Die Polizisten dürften daher niemandem trauen. Vermeint lich harmlose Passanten könnten sich nämlich als todbringende „Terroristen“ entpuppen: „Harmlos aussehende Mädchen oder in Lumpen gehüllte, Brot bettelnde Frauen haben wir festgenommen. Sie waren in Wirklichkeit geschulte, von den Sowjets ausgeschick te Agentinnen, die sich nachts durch die Linien schlichen und in ihrem Rupfensack auf dem Handschlitten hinter sich unter schmutziger Leibwäsche ihr Funkgerät und allerlei Nahrungsmittel verborgen hielten. Selbst Kinder und halbwüchsige Burschen, die auf den Rollbahnen und in truppenbelegten Orten harmlos des Weges kamen, ha ben sich nach genauer Beobachtung als von den Banden ausgeschickte Spione ent puppt. Erst neulich haben wir aus einem hartgesottenen Kommunisten, der durch die raffinierten Ausbildungslehrgänge der Bandenschulung gegangen war, die Weisungen des jüdischen ,Schulungsleiters’ herausgeholt.“1801 Die angeblich hinterlistige Taktik der „Banden“ spiegelte sich auch in einem Artikel über den „Kam pf gegen unsichtbare Gegner“ wider, den der Kriegsberichterstatter W. Curt Otto ver fasste. Die „Banditen“ charakterisierte er als gefährliche und primitive, aber auch feige kämp fende Kontrahenten, gegen die seine Einheit vorgehen müsse, um ihre Kameraden im er oberten Gebiet zu schützen. Daher verfüge sie über „das Recht und die Unerbittlichkeit, einen Gegner zu vernichten, der den offenen Kampf scheute, dem es nicht auf die mannhaf te Gegnerschaft ankam“.1802 Um dem „Bandenunwesen“ beizukommen, hätten die Polizisten eine Operation durchgeführt, bei der sie einige „Bolschewisten“ habe verhaften und verneh men können, was jedoch erfolglos geblieben sei. „So gingen sie den Weg, den alle anderen vor ihnen gingen und den alle anderen nach ihnen gehen werden, den Weg zum Standrecht“, ließ Otto seinen Bericht enden.1803 All diese Berichte versuchten den Spagat zwischen zwei sich scheinbar entgegengesetzten Positionen zu bewerkstelligen: Einerseits warnten sie vor den irregulären Kombattanten, die extrem gefährlich seien, weil sie skrupellos aus dem Hin terhalt angriffen. Andererseits stellten sie den Einsatz der Polizeikräfte als überaus heroisch und tapfer dar. Durchaus miteinander vereinbar waren diese Aspekte deshalb, weil sie die „Polizeisoldaten“ noch heldenhafter erscheinen ließen, indem sie eben derartig böse Antago 1797 Doebel, Banditen in der Felsenhöhle. Polizei-Schistreifenabteilung im Gebirgskampf, in: Die Deut sche Polizei, 01.10.1942, Nr. 19, S. 284 f. 1798 Polizei-Kriegsberichter Finke, Banditenkam pf in Sum pf und Schlamm, in: Die Deutsche Polizei, 15.05.1943, Nr. 10, S. 191 f. 1799 Ein Banditenlager wird vernichtet!, in: Die Deutsche Polizei, 01.10.1943, Nr. 19, S. 391. 1800 Im Bandenkampf auf dem Balkan!, in: Die Deutsche Polizei, 15.11.1943, Nr. 22, S. 462 f. 1801 Wilhelm Spengler, Bandenkrieg im Niemandsland. Vom Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD, in: Die Deutsche Polizei, 01.02.1943, Nr. 3, S. 49-52, hier: S. 50. 1802 W. Curt Otto, Kampf gegen unsichtbare Gegner, in: Die Deutsche Polizei, 01.03.1943, Nr. 5, S. 84. 1803 Ebd., S. 84. 329 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k nisten erfolgreich niederkämpften. Diese Botschaft mischte sich unter die übrige Kriegsro mantik der Zeitschrift, die den „auswärtigen Einsatz“ der Polizeieinheiten fortwährend ide alisierte. Dieser umfangreiche, aber immer noch unvollständige Überblick über die weltanschauli che Literatur macht eines deutlich: An Material mangelte es den Lehrern und Schülern in Fürstenfeldbruck ganz bestimmt nicht. Deswegen rühmte sich die Bildungsanstalt, dass die Beamten auf die „in der Bücherei vorhandene reichhaltige Literatur über weltanschauliche Schulung und die Artikelsammlung“ zurückgreifen könnten, die sie zum „Völkischen Beob achter“ angelegt hatte.1804 In der hauseigenen Bibliothek fanden sich daneben zahlreiche Bü cher, die bei den Nationalsozialisten sehr beliebt waren und ihrem Schriftgut zuzurechnen sind. Dazu gehörten z. B. die antikommunistische und antisemitische Schrift „Der verrate ne Sozialismus“ des ehemaligen Kommunisten Karl Albrecht1805 oder der Roman „Wahr’ dich Garde, der Bauer kommt!“, für das der SS-Offizier Henrik Herse verantwortlich zeichnete. Daneben fand sich in der Brucker Einrichtung auch „Das Buch Treue“, welches das Nibelun genlied in Romanform einfing.1806 Geschrieben hatte es Himmlers Lieblingsschriftsteller, Wer ner Jansen, der „eine Art Karl May für germanophile, vor allem jugendliche Leser“ war und als Obersturmbannführer auch in den „SS-Leitheften“ veröffentlichte.1807 Darüber hinaus ver langte Hagemann von jedem Polizeiführer und Verwaltungsbeamten des Stammpersonals, sich weiterzubilden. Deshalb sah er es als „besondere Pflicht jedes einzelnen“ an, Hitlers „Mein Kam pf“ zu studieren.1808 Während des Krieges sah sich die Schulgemeinschaft samstags in einem Hörsaal gemein sam die Wochenschauen an und nutzte Filme, um sich allgemein zu informieren und als Me dium für den regulären Unterricht.1809 So führte die Schule weitere Spiel- und Lehrfilme vor wie etwa „Stoßtrupp 1917“ oder „Infanterieausbildung“.1810 Zu Unterrichtszwecken zeigten die Lehroffiziere ferner Filme zur Nahkampfschulung und einen Verkehrsfilm.1811 Indem sie sich darüber hinaus auch andernorts gemeinsam Filme ansahen, nutzten Lehrer und Schü ler eine weitere Gelegenheit, außerhalb der Hörsäle Zeit miteinander zu verbringen und so in der Öffentlichkeit gewissermaßen im „geschlossenen Verband“ zu agieren. Die bewegten Bilder lenkten sie zudem vom dienstlichen Alltag ab, ohne dass sie sich dabei im toten Win kel der NS-Propaganda befunden hätten. Gleich in der Frühphase des Krieges setzte die Po lizeischule Fürstenfeldbruck auf dieses manipulative Medium, um auf ihre Angehörigen ein 1804 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, [unleserlich] (Polizeischule FFB): U em en für nationalsoz.Lehre, 12.02.1941, S. 1. 1805 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 12, 19.05.1943. Ferner: Karl I. Albrecht, Der verratene Sozialismus. Zehn Jahre als hoher Staats beamter in der Sowjetunion, 11. Aufl., Berlin/Leipzig 1941. 1806 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 5, 27.01.1944. Ferner: Henrik Herse, Wahr’ dich Garde, der Bauer kommt!, Berlin 1939; Werner Jansen, Das Buch Treue. Nibelungenroman, Hamburg 1916. 1807 Longerich, Himmler, S. 87. Vgl. ebd., S. 324. 1808 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 185, Hagem ann (Polizeischule FFB): Offizierausbildung, 18.05.1942, S. 1. 1809 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbe fehl Nr. 3, 05.02.1943. 1810 BayHStA München, Polizeischule FFB 179, I. V. Stüber (Polizeischule FFB): Unterrichtsweisung Nr. 9, 06.05.1941, S. 1. Wie später noch ausgeführt wird, gab es Schüler, die schon allein an mangelhaften Kenntnissen der deutschen Sprache in einem Lehrgang scheiterten. 1811 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 20, 28.03.1940. 330 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate zuwirken. Kommandeur Diez verpflichtete z. B. die Angehörigen des Polizeiausbildungs bataillons dazu, sich am 28. Mai 1940 den Film „Feuertaufe“ anzusehen, der in der Komman dantur des Brucker Fliegerhorsts zu sehen war.1812 Im Oktober des gleichen Jahres fanden sich die Polizisten dann in der hiesigen Jahnhalle ein, um dort einige Streifen zu schauen, wozu sie die Gruppe Marine der Wehrersatzinspektion München eingeladen hatte. Sie zeigte aus schließlich Filme, die sich mit den deutschen Seestreitkräften befassten und sie entsprechend glorifizierten. So sahen die Männer etwa Streifen wie „Deutsche Seegeltung und Kriegsma rine“, „Gorch Fock“, „U-Boot am Feind“, „Danzig wird deutsch“ oder „Stapellauf des Schlacht schiffes Tirpitz“.1813 In besonderen Situationen wünschte Himmler sogar persönlich, dass die Polizeibeamten ins Kino gingen, um dort möglichst gemeinsam mit ihren Familien die Machwerke der Pro pagandamaschinerie zu betrachten. So trug der Reichsführer-SS allen Vertretern der unifor mierten Polizei auf, sich im Verlauf des Winters 1940 in ihren Standorten den antisemiti schen Film „Jud Süß“ anzusehen.1814 Diesem Aufruf folgte auch die Brucker Polizeischule und beorderte das Stammpersonal sowie die Anwärter in das örtliche Lichtspieltheater, das an zwei Tagen die Beamten beherbergte.1815 Ähnlich verlief der obligatorische Besuch des Schmähfilms „Der ewige Jude“, den die Schulgemeinschaft Mitte Februar 1941 gemeinsam vornahm.1816 Wenngleich nicht überliefert ist, wie die polizeilichen Zuschauer reagierten, ist es durchaus vorstellbar, dass diese judenfeindlichen Streifen nicht spurlos an ihnen vorüber gingen, wie dies auch bei anderem Publikum aus Himmlers Machtgefilde beobachtet wer den konnte.1817 In diesen ideologischen Kontext lassen sich auch andere Kinobesuche einord nen, welche die Polizeischule in Sondervorstellungen durchführte. Schon Ende Mai 1933 sahen die Lehrer und rund 300 Schüler gemeinsam den Streifen „Blutendes Deutschland“, der einen nationalsozialistisch verklärten Geschichtsüberblick lieferte, der von der Ära Bis marcks bis ins „Dritte Reich“ hineinführte.1818 In der weltanschaulichen Schulung sollten die Lehroffiziere aber auch andere visuelle Hilfsmittel wie Karten, Zeichnungen und Bilder „in stärkstem Maße“ einsetzen.1819 Dazu zählten aber nicht bloß Schautafeln, die rein polizeilich relevante Sachverhalte aufzeigten. Es handelte sich auch um solche, in denen sich Prinzipi en der NS-Ideologie manifestierten. So verfügte die Schule in ihrer hauseigenen Lehrmittel sammlung etwa über eine Karte, welche die „Wanderung und Verbreitung der Juden in der Welt“ illustrierte.1820 Wer sich mit solchen Materialien und den darin kommunizierten Botschaften konfron tiert sieht, dem fällt es leicht, zu glauben, dass sie die Polizisten beeinflussten. Auch heute noch wühlen sie auf und lassen nicht kalt. Im Wissen um die nationalsozialistischen Mas 1812 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 30, 27.05.1940. 1813 BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 62, 04.10.1940. 1814 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 15.11.1940, in: RMBliV, 20.11.1940, Nr. 47, Sp. 2116b. Fer ner: Westermann, Police Battalions, S. 118. 1815 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 72, 05.12.1940. 1816 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 9, 12.02.1941. 1817 Vgl. u. a. Cüppers, Art, S. 95; Ders., Wegbereiter, S. 104. 1818 Vgl. Sondervorstellung des Filmes „Blutendes Deutschland“ für die Polizeihauptschule, in: Fürsten feldbrucker Zeitung, 02.06.1933, Nr. 128, S. 3. 1819 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.-Offz.- Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 1. 1820 BayHStA München, Polizeischule FFB 179, Hagemann (Polizeischule FFB): Unterrichtsbefehl Nr. 14, 01.07.1941, S. 1. 331 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k senverbrechen erscheint es durchaus plausibel, dass der Weg zum Holocaust in den antise mitischen und rassistischen Propagandaschriften seinen Anfang nahm. Der heutige Betrach ter darf sich allerdings nicht von der Wucht solcher Hetzwerke erschlagen lassen. Es darf zunächst einmal bezweifelt werden, dass die Beamten mit ihnen allen vertraut waren und sie sogar noch in ihrer Freizeit lasen. Während ihrer anspruchsvollen Lehrgänge waren sie auch noch mit anderen Dingen beschäftigt, was es ihnen nahezu unmöglich machte, die gesamte Literatur aufmerksam zu studieren. Darüber hinaus waren selbst die Lehroffiziere keineswegs in der Lage, die einzelnen Sach gebiete ausgiebig zu behandeln - geschweige denn, sämtliche Publikationen in den Unter richt miteinzubeziehen. Wie wenig Zeit ein Lehroffizier dafür hatte, zeigt sich etwa daran, dass sogar ein Stoffplan extra darauf hinwies, unter den Texten seien „lediglich die Gebiete zu behandeln, deren Darbietung für das Verständnis der angesetzten Themen unbedingt not wendig ist“.1821 Außerdem müsse dem Lehrer eine gewisse Flexibilität eingeräumt werden, da er sich auf seine Schüler, deren Vorwissen und intellektuellen Fähigkeiten einzustellen habe, ohne vorher zu starr auf exakte Themen festgelegt zu sein.1822 Das ließ ihm einen bestimm ten Spielraum, in dem er seine Lehrstunden gestalten konnte. Dennoch dürften seine Frei heiten überschaubar gewesen sein, weil sich der Lehroffizier thematisch an dem orientieren musste, was ihm Berlin vorsetzte. Außerdem hatte er gegen einen großen Zeitmangel zu kämpfen. Auch andere Indizien sprechen dagegen, dass die Ordnungspolizisten die Schule als über zeugte Vermittler der NS-Weltanschauung verließen. Der polizeiliche Ausbildungsapparat räumte der weltanschaulichen Schulung zeitweise zwar insgesamt vier Wochenstunden ein, was durchaus beachtlich war. Über ebenso viel Zeit verfügten phasenweise schließlich auch andere Fächer, wie der Luftschutz oder das Besondere Polizeirecht. Allerdings gab es Diszi plinen, die wesentlich mehr Zeit beanspruchten. Die weltanschauliche Schulung konnte ge rade den militärischen Fächern im Stundenplan nicht den Rang streitig machen.1823 Noch knapper fiel der ideologische Unterricht gerade in denjenigen Lehrgängen aus, die in der zweiten Kriegshälfte stattfanden und nur wenige Monate dauerten. Im Laufe des Krieges büßte die weltanschauliche Schulung also eine oder mehrere Stunden ein. Die fehlende Zeit summierte sich sodann während des Lehrgangs und führte dazu, dass der umfangreiche Stoff vielmehr im Schnelldurchlauf durchgenommen werden musste. Für das Verständnis war das sicherlich nicht zuträglich. Noch vier Wochenstunden besaß die weltanschauliche Schulung etwa im 21., 22. und 25. OAL, die in den Jahren 1941 und 1942 stattfanden, während sich die Anzahl bereits wenig später im 28. und 30. OAL auf nur noch zwei Stunden pro Woche re duzierte.1824 Doch bereits in seiner Frühphase stand dem Fach nur wenig Zeit zur Verfügung, 1821 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Stoffverteilungsplan in nat.soz.Lehre für den Rev.-Offz.- Anwärter-Lehrgang, [1941], S. 1. 1822 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan in nat.soz.Leh re, [1941], S. 1. 1823 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: Grünwald (Polizeischule Berlin-Köpe nick) an u. a. Kommandeur: Lehrstoffverteilungsplan für den 20. Offizier-Anwärter-Lehrgang Mari aschein, 28.02.1941, S. 3. 1824 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Stundenplan des 21. Offiziersanwärterlehrganges, Lehrabteilung A und B, [1941]; BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Polizeischule FFB: Stun denplan für den 22. Offizieranwärterlehrgang Abtlg. A, [1941]; BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Stundenplan des 25. Offizieranwärter-Lehrganges, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Stundenplan des 28. Offizieranwärterlehrgang II. Teil, [1942]; BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Stundenplan für den 30. Offizieranwärterlehrgang vom 25.9. bis 28.11.1942, [1942]. 332 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate so dass beispielsweise der 6. OAL von 1937 und 1938 mit insgesamt nur drei Stunden auskom men musste.1825 Freilich können Stundenpläne nicht als einziger Indikator herangezogen wer den, wenn es darum geht, für die weltanschauliche Schulung auszuloten, welche Dimensio nen sie in der Ausbildung der polizeilichen Führungskräfte einnahm. Dass die Polizeischulen während des Krieges die Stunden für dieses Fach zugunsten der militärischen Disziplinen deutlich kürzten, lässt jedoch darauf schließen, welche Prioritäten der Polizeiapparat setzte. In der Offiziersausbildung dominierte die weltanschauliche Schulung aber zu keiner Zeit. 5.1.5 Sonstige Unterrichtsinhalte Abseits der regulären Fächer existierten an der Polizeischule Fürstenfeldbruck noch weitere Erziehungsfelder, die aber nicht auf den Lehrplänen erschienen oder sich einer bestimmten Disziplin zuordnen lassen. Für die Kurse waren sie deswegen nicht minder bedeutend. Viel mehr ergänzten sie diese zu einem umfassenden Gesamtkonzept. Am ehesten ist es der mi litärischen Ausbildung zuzurechnen, dass die Schüler während des Lehrgangs mehrere Übun gen mit der Gasmaske zu absolvieren hatten.1826 Dieses Training stand nicht nur unter dem Eindruck des Gaskriegs, wie er im Ersten Weltkrieg geführt wurde, sondern war für die Be amten auch im Luftschutz wichtig. Darüber hinaus mussten die angehenden Offiziere ler nen, notfalls mit ihrem Atemgerät zu kämpfen. Obwohl es zu solch einer Kampfesform an der Front nicht kam, bereitete sie der Unterricht dennoch darauf vor.1827 In manchen Kursen überprüften die Lehroffiziere darüber hinaus die Deutschkenntnisse ihrer Schüler und lie ßen sie darum ein Diktat und einen Aufsatz schreiben, in dem sie ihre Ausdrucksfähigkeit unter Beweis stellen mussten. Daneben übten die künftigen Polizeiführer, einen Lebenslauf zu erstellen.1828 Wer seine eigene Sprache zumindest ausreichend beherrschte, erfüllte ledig lich „die primitivsten Voraussetzungen jedes Polizisten“.1829 Wie sich jedoch zeigen sollte, war das nur scheinbar selbstverständlich.1830 In einigen Lehrgängen der Vorkriegsjahre mussten die Anwärter daneben eine Ausbildung im Straßen- und Revierdienst absolvieren, der einen Teil ihrer gesamten Offiziersausbildung darstellte. Verteilt auf verschiedene Polizeireviere sollten die Schüler dort nicht nur prakti sche Erfahrungen sammeln, sondern auch „mit schwierigen Verhältnissen“ zurechtkom men.1831 Ob sich das darauf bezog, dass die Polizisten in Dienststellen eingesetzt waren, die nur mangelhaft besetzt waren und in denen viel Betrieb herrschte oder ob sich diese in so zialen Brennpunkten befanden, bleibt offen. Jedoch darf letzteres stark bezweifelt werden. 1825 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Polizeischule FFB: Stundenplan für Gruppe A, [1937]. 1826 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommando-Befehl Nr. 1, 07.01.1938. 1827 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Polizeischule FFB: Stoffverteilungsplan. Waffen dienst und Unterführerausbildung, 17.11.1941, S. 3. 1828 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl für die Durchführung der Gruppen- und Zugführerausbildung des m it Erl.v.16.12.42 O-Kdo.I Ausb. (1) 3a Nr.32/42 angeordneten 32. Offizieranwärterlehrganges, 12.01.1943. Zum Deutschunterricht in der uniformierten Polizei ferner: Bach, Ordnungspolizei, S. 91. 1829 BayHStA München, Polizeischule FFB 195, [unleserlich] (Polizeischule FFB): Stellungnahme zum Ge such des Rottwm.d.Res. Georg Durner, 24.07.1942. 1830 Siehe dazu Kapitel 5.2. 1831 BayHStA München, Polizeischule FFB 123, [unleserlich]: Plan für die Ausbildung im Straßen- und Revierdienst, [1939]. 333 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Denn die Anwärter dienten im Polizeipräsidium München oder in anderen Revieren in der Landeshauptstadt, während sie in der Ausbildungsabteilung in der Dietlindenstraße 32-34 ihre Unterkunft bezogen.1832 A uf die angehenden Offiziere wartete jedoch ein sehr vielseiti ges Programm, bei dem sie die Organisation und den Dienstbetrieb des Reviers kennenlern ten: So wurden sie am Standort in den Wach- und Meldedienst eingewiesen und lernten bei Streifgängen durch den Bezirk dessen Eigentümlichkeiten kennen. Während des praktischen Unterrichts im Straßendienst nahm das Verkehrswesen generell einen breiten Raum ein, wo bei sie etwa Verkehrskontrollen durchführten und eine Signalanlage besichtigten. Vorträge und Übungen sollten den Anwärtern außerdem den Luftschutz näherbringen. Überdies hat ten sie am reviereigenen Dienstunterricht teilzunehmen. Zum Abschluss ihres Aufenthalts mussten sie unter Aufsicht bewährter Polizeioffiziere zeigen, was sie gelernt hatten, indem sie etwa als stellvertretende Revierführer oder Wachleute agierten.1833 Allerdings hatte der praktische Straßen- und Revierdienst in den Kursen keine große Zukunft. Das lässt sich schon allein daran ablesen, dass das Ausbildungsamt seine Dauer bereits für den 12. OAL Mitte 1939 deutlich verkürzte.1834 Gleich zu Beginn des Krieges ersetzte es ihn dann durch ei nen mehrmonatigen Frontdienst in einer deutschen Polizeieinheit.1835 Obwohl sie nicht auf dem Lehrplan zu finden war, besaß die Skiausbildung hingegen eine nicht zu unterschätzende Rolle an der Polizeischule Fürstenfeldbruck und jenseits ihrer Mauern. Die Ordnungspolizei unterhielt seit Oktober 1941 so gar eine eigene Hochgebirgsschule in Innsbruck, die darauf spezialisiert war, alle im hochalpinen Bereich eingesetzten Kräfte der uniformierten Po lizei und deren Bergführer auszubilden.1836 Unge übten Wintersportlern, aber auch bereits versier ten Skilehrern sollte es jedoch vorher schon möglich sein, in speziellen Kursen ihr Können auf den Brettern zu verbessern.1837 Diese besonderen Lehrgänge erfolgten zwischen Januar und März 1941 an den drei Skischulen der Polizei „Am Oberjoch“, „Am Sudelfeld“ und in 1832 So kamen die Teilnehmer des 4. OAL geschlossen zum Polizeipräsidium München. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB): Offizieranwärter, 15.12.1936; BayHStA München, Polizeischule FFB 121, I. A. [unleserlich] (StMdI) an u. a. Polizeischule FFB: Aus bildung der Offizieranwärter der Schutzpolizei, 21.10.1936. Die Anwärter des 12. OAL waren hinge gen verteilt auf weiteren M ünchner Revieren abgestellt. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Hille (Kommando der Schutzpolizei München) an u. a. Polizeischule FFB: Ausbildung der Wachtm. und Offizieranwärter des 12. Offizieranwärterlehrganges im Revier- u. Straßendienst, 26.07.1939, S. 1. 1833 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, [unleserlich]: Plan für die Ausbildung im Straßenund Revierdienst, [1939]; BAB, R 20/69, Entwurf: I. V. Stüber (Polizeischule FFB) an Polizeipräsident in Frankfurt am Main: 10. Offz.-Anwärterlehrgang, 14.11.1938. 1834 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Funkspruch: Held (RFSSuChdDtPol) an Polizeischu le FFB: Verkürzung der Ausbildung des 12. Offizieranwärterlehrganges, 08.06.1939. 1835 Siehe dazu Kapitel 4.3. 1836 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 27.11.1941, in: RMBliV, 03.12.1941, Nr. 49, Sp. 2113 f.; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 02.02.1942, in: MBliV, 11.02.1942, Nr. 6, Sp. 311 f. Zur Hochgebirgsschule der Ordnungspolizei in Innsbruck ferner der Akt BAB, R 20/175. 1837 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 186, [unleserlich] (IdO im Wehrkreis VII) an u. a. Polizei schule FFB. Abschrift: RFSSuChdDtPol an u. a. IdO in München: Skiausbildung im Winter 1940/41, 31.10.1940. Abbildung 24: Polizeiskischule „Am Oberjoch“ (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 334 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate „Kitzbühel“.1838 Daneben veranstaltete die Ordnungsmacht Wettbewerbe, in denen sich die er fahrenen Skiläufer unter den Augen von Kurt Daluege miteinander messen konnten, was zeigt, wie bedeutend diese Sportereignisse für die Polizei waren.1839 Die Brucker Bildungsan stalt wollte diese Chance nutzen, um geeignete Kandidaten aus dem Stammpersonal zu ge übten Pistenläufern weiterzubilden. Darunter befanden sich auch Polizeioffiziere, die bereits andere Skikurse absolviert oder erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen hatten. So schlug der Kommandeur etwa Oberleutnant Ludwig Zeiler vor, als Skilehrer ausgebildet zu werden, weil er schon einige Kurse besucht und an Sportveranstaltungen mitgewirkt hatte. Ihm soll te auch die Aufgabe zuteilwerden, die Anfänger direkt am Standort Fürstenfeldbruck zu trai nieren. Dem Stammpersonal wäre diese Abwechslung sogar ganz gelegen gekommen, da das Brucker Ausbildungsbataillon seinerzeit bald abreisen und dann als Polizeibataillon 253 nach Norwegen ziehen sollte.1840 Doch eben dieser Umstand verhinderte, dass Zeiler und einige seiner Kollegen an diesen Lehrgängen teilnehmen konnten, weil sie in dieser Einheit verblie ben und mit zum „auswärtigen Einsatz“ kamen.1841 Es sollte jedoch nicht die letzte Gelegen heit sein, bei der die nahegelegene Bergwelt in der Offiziersausbildung eine Rolle spielte. Die Lehrgänge unternahmen gelegentlich Ausflüge und steuerten Ziele außerhalb von Fürs tenfeldbruck an. Zwar gehörten diese Kurzreisen zur Ausbildung dazu. Sie waren aber au ßergewöhnlich, weil sie die Teilnehmer als geschlossene Gruppe ins Grüne oder zu diversen Sehenswürdigkeiten führten. Die Lehroffiziere dürften dabei jedoch weniger im Sinn gehabt haben, einfach mal die Mauern der Bildungsanstalt hinter sich zu lassen, sondern zielten vielmehr auf das gemeinschaftliche Erlebnis ab. So veranstalteten manche Kurse z. B. eine Fahrradtour zum Ammersee.1842 Solche Ereignisse dienten dazu, dass sich die Anwärter au ßerhalb des gewohnten Alltags besser kennenlernten, indem sie in die „echte“ Welt jenseits der Hörsäle zogen, in denen sie sonst nur theoretisierten. Kleine Klassenfahrten sollten also ihren Kameradschaftssinn stärken. In erster Linie waren sie dazu gedacht, die Kurse auch außerhalb des Brucker Standorts abzuhalten und dadurch noch lebendiger zu gestalten. Da solche Unterrichtseinheiten aber weiterhin Teil der Ausbildung waren, frequentierten die Lehrer mit ihren Zöglingen recht häufig die gleichen Örtlichkeiten. Eine Belehrungsreise führte den 25. OAL beispielsweise nach Innsbruck, nicht zuletzt weil „ein ganz erheblicher Teil der Anwärter aus Norddeutschland stammte und noch nie Gele 1838 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 186, Schnellbrief: I. A. Winkelmann (RFSSuChdDtPol) an u. a. IdO in München: Skiausbildung für Anfänger und Fortgeschrittene an den Polizeiskischulen „Kitzbühel“, „Am Oberjoch“ und „Sudelfeld“, 24.12.1940. 1839 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 186, Schnellbrief: I. A. Aurich (RFSSuChdDtPol) an u. a. alle Polizeischulen: Zulassung zu den Polizei-Skiwettbewerben 1941 in Kitzbühel, 13.02.1941. 1840 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 186, Abdruck: I. V. Diez (PAB FFB) an IdO im Wehrkreis VII: Skiausbildung im W inter 1940/41, 08.11.1940. 1841 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 186, I. A. Gebauer (IdO im Wehrkreis VII) an u. a. Poli zeischule FFB: Skiausbildung für Anfänger und Fortgeschrittene an den Polizeiskischulen „Kitzbühel“, „Am Oberjoch“ und „Sudelfeld“, 30.12.1940; BayHStA München, Polizeischule FFB 186, I. V. Schwahn (Polizeischule FFB) an IdO im Wehrkreis VII: Skiausbildungf.Anfänger und Fortgeschrittene an den Polizeiskischulen „Kitzbühel“, Am Oberjoch“ und „Sudelfeld“, 03.12.1940. Das letzte Dokument nennt ein falsches Datum, da aus ihm hervorgeht, dass jene Offiziere der Brucker Schule, die an den Skikur sen teilnehmen sollten, am 2. Januar 1941 m it dem Polizeibataillon 253 nach Norwegen abrückten. 1842 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: E rfahrungsbericht über die D urchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 3. 335 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k genheit hatte, ein Hochgebirge mit all seiner Pracht und Schönheit [...] kennen zu lernen“.1843 Dabei nutzte der Lehrgangsleiter die Gunst der Stunde und referierte am Berg Isel über die Kämpfe der Tiroler unter der Führung von Andreas Hofer, was durchaus zum Unterricht in der Kriegsgeschich te gezählt werden kann. Allerdings diente das Berg land bei diesem Ausflug vor allem als Kulisse ei nes fiktiven Partisanenkampfes, den der Lehrgang durchzuführen hatte.1844 Kommandeur Hagemann Abbildung 25: Marsch mit Gasmasken meinte resümierend zu dieser Kurzreise, dass da- durchs Gebirge in Sudelfeld (1939) (Bayeribei Kameradschaft und Zugehörigkeitsgefühl in- sches Polizeimuseum, Fotosammlung) nerhalb des Kurses gefördert worden seien. Aber auch für die Lehrer sei die Reise vorteilhaft gewesen, da sie die Möglichkeit erhielten, die Teilnehmer außerhalb des Schulgebäudes kennenzulernen, „wo sie sich selten zwanglos und natürlich geben“.1845 Es war nicht das letzte Mal, dass der Weg der polizeilichen Schulgemeinschaft nach Innsbruck führte, um dort den „Bandenkampf im Gebirge“ zu trainieren.1846 Der Offiziersnachwuchs sollte gerade während des Zweiten Weltkriegs lernen, im späteren Einsatz mit den „Schwierigkeiten ei nes Gebirgskampfes“ zurechtzukommen.1847 Aber auch andere Örtlichkeiten in alpiner Landschaft steuerten die Kurse an. Eine Lehrabteilung des 21. OAL unternahm etwa eine kurze Übungsrei se zum Polizeiheim in Spitzingsee, während die andere zeitgleich die SS-Junkerschule in Bad Tölz Abbildung 26: Polizeiheim Spitzingsee (Bayerisches Polizeimuseum, Fotosammlung) 1843 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die m it Fernschreiben vom 19.3.1942 genehmigte Belehrungsreise des 25. Offi zieranwärterlehrganges nach Innsbruck, 02.04.1942, S. 1. 1844 Vgl. ebd., S. 1f. 1845 Ebd., S. 2. 1846 BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 01.10.1943, S. 1. Auch weitere Lehrgänge reisten nach Innsbruck, um dort vor allem eine Geländeübung bzw. einen Kampf gegen Partisanen durchzuführen. So z. B. der 27., 28. und 33. OAL: Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Entwurf: Hagemann (Polizei schule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der m it FS. vom 17.6.1942 O-Kdo. I a (1) 3a Nr. 27/10 genehm igten Belehrungsübung des 27. Offizieranwärterlehrganges, 09.07.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4 sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Koschmieder (Polizeischule FFB): Programm für die Fahrt des Lehrganges nach Innsbruck, 28.09.1942; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Ent wurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3. 1847 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4. 336 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate aufsuchte.1848 Zu dieser Bildungsstätte pilgerte auch der 22. OAL, der außerdem zur Polizeis kischule Sudelfeld reiste.1849 Der 32. OAL fuhr zum Feuerkogl bei Bad Ischl ins Salzkammer gut, wo die Teilnehmer „eine allgemeine Unterweisung im Gebirgskampf“ erhielten. A uf der Hinreise hatte der Lehrgang bereits „das Geburtshaus des Führers“ in Braunau aufgesucht.1850 Bei einer Reise zum Königssee sowie nach Berchtesgaden und Salzburg ergriff der 8. OAL die Gelegenheit, zum Obersalzberg zu pilgern und „einmal selbst das Haus unseres Führers zu sehen“, worüber Kommandeur Gerret Korsemann stolz an das Ausbildungsamt berichtete.1851 Wie sehr die Lehrerschaft solche Belehrungsreisen dazu nutzte, um die Polizisten in ungewohnter Umgebung für den Krieg bereitzumachen, zeigt ein Ausflug des 15. Reserve- OAL, der bei Spitzingsee spielerisch eine Alm befreite, die „von Partisanen besetzt war“.1852 In die Alpen zog es auch andere Lehrgänge, die dann etwa nach Garmisch-Partenkirchen, Ehrwald oder Kitzbühel kamen.1853 Neben einem Abstecher in die bayerische und österreichische Bergwelt besuchte der 25. OAL zentrale Weihestätten der NS-Bewegung in München und die Festung Landsberg samt „Führerzelle“.1854 Gerade diese Ausflugsziele waren in der Polizeischule Fürstenfeldbruck sehr beliebt. Zumindest pilgerten einige Lehrgänge zu diesen nationalsozialistischen Sehenswür digkeiten, was sicherlich auch an der günstigen Lage der Bildungsanstalt zur „Hauptstadt der Bewegung“ lag.1855 Aus diesem Grund besichtigte der 21. OAL auch das 6. Luftschutzrevier der Polizeiverwaltung München und das Haus der Deutschen Kunst.1856 Die Anlagen des Po 1848 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Übungsreise, 14.07.1941. 1849 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 5. 1850 BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die m it Erlaß des RFSS v.15.6.43 O.-Kdo.I Ausb. (1) 3a Nr.32- 8/43 genehmigte Belehrungsreise des 32.0.A.L. nach dem Feuerkogl nach Bad Ischl, 16.08.1943, S. 1 f. 1851 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Übungsreise des 8. Offz.-Anwärter-Lehrggangs, 08.05.1939, S. 1. 1852 BayHStA München, Polizeischule FFB 145, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Be lehrungsreise des 15. Res.Offizieranwärterlehrganges, 06.08.1942, S. 1. 1853 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Belehrungsreise des 36. Offizieranwärterlehrganges, 05.05.1944; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Beleh rungsreisen, 09.10.1944. 1854 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) ange ordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 5. 1855 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2. 1856 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Hagemann (Polizeischule FFB) an PP München: Be sichtigung, 29.07.1941 sowie BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Hagemann (Polizeischule FFB) an die Lehrabteilung A & B, 02.08.1941. Ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Ent wurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 6; BayHStA München, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) 337 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k lizeisenders Emmering, die Nachrichtenmittel und das Kriminalmuseum des Münchner Po lizeipräsidiums, das Deutsche Museum, den Botanischen Garten der bayerischen Landes hauptstadt oder Schloss Nymphenburg frequentierte die Brucker Polizeischule auch recht häufig.1857 Ebenfalls nach München zog es einzelne Lehrgänge, um dort eine der besonderen Schauen zu besuchen. So besichtigte der 7. OAL beispielsweise die „antibolschewistische Aus stellung“, die in der bayerischen Metropole gastierte.1858 Außerdem zog es den 2. Revier-OAL im Januar 1941 in die Ausstellung „Deutschlands Grösse“.1859 Daneben konnte es aber auch schon einmal vorkommen, dass das Stammpersonal der Polizeischule ohne seine Schüler loszog und bei solch einem „Betriebsausflug“ etwa gemeinsam auf das Münchner Oktober fest ging.1860 Nicht nur die bayerische Landeshauptstadt lockte die Brucker Lehranstalt zu Ausflügen. Ein Kursus besichtigte das Parteitagsgelände sowie das Germanische Museum in Nürnberg und informierte sich auch darüber, wie der Luftschutz in der fränkischen Stadt organisiert war.1861 Wie sich an diesem Beispiel bereits zeigte, sollten die politisch-ideologischen Fach gebiete bei solchen Gelegenheiten nicht zu kurz kommen. Deshalb kam es bei den kleinen Lehrreisen durchaus vor, dass auch Vorträge in Kriegsgeschichte und weltanschaulicher Schu lung auf die Schüler warteten. Daneben gab es weitere Momente während solcher Exkursi onen, in denen sich die NS-Ideologie anderweitig Bahn brach, wie ein Bericht zur Übungs reise des 2. und 3. Offiziersausbildungslehrgangs demonstriert. In ihm lobte Korsemann zwar die Referate, die an den historischen Örtlichkeiten stattgefunden und sich durchaus als nütz lich erwiesen hätten. Allerdings beklagte sich der Kommandeur darüber, dass die Unterkünf te nur teilweise seinen Ansprüchen genügt hätten.1862 Während einige Räumlichkeiten in Ord nung gewesen seien, könne es nicht angehen, „wenn SS Führer, die seit längerer Zeit aus der an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des mit RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 4; BayHStA München, Polizeischu le FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 6. 1857 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2; BayHS tA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht, 10.05.1944, S. 3; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 6. 1858 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 7. Offz.-Anwärterlehrg., 02.08.1938, S. 3. 1859 BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 3. 1860 Vgl. Ausflug der Polizeibeamten und Angestellten der Polizeioffizier- u. Schutzpolizeischule Fürsten feldbruck, in: Fürstenfeldbrucker Zeitung, 14.10.1938, Nr. 240, S. 3. 1861 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 7. Offz.-Anwärterlehrg., 02.08.1938, S. 3. Den gleichen Ausflug nach Nürnberg machten der 2. und 3. Offiziersausbildungslehrgang. Vgl. BayHS tA München, Polizeischule FFB 120, Abschrift: Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Übungsreise des 2. und 3. Offizierausbildungslehrganges, 07.06.1939. 1862 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Entwurf: [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Übungsreise des 2. u. 3. Offz.-Ausbildungslehrganges vom 19.6.39 m it 21.6.39, 07.07.1939, S. 2 f. 338 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Kirche ausgetreten sind, bei Pfarrern untergebracht werden, wie es in Nürnberg in 5 Fällen vorkam. Ich selbst war in Nürnberg bei einem Pfarrer einquartiert und habe dieses Quartier selbstverständlich abgelehnt.“1863 Ab und an verschlug es die Polizeischule auch in die unmittelbare Nachbarschaft. Der Flie gerhorst in Fürstenfeldbruck etwa war das Ziel einer kurzen Reise einiger Lehrgänge, die es aber auch schon mal zum städtischen Elektrizitätswerk oder den Schlachthof zog.1864 Verein zelt nutzte die Schule darüber hinaus die Gelegenheit, das nahegelegene Konzentrationsla ger in Dachau zu besichtigen. Zwar offenbaren die Quellen nicht, was sich bei einem solchen Ausflug zutrug. Allerdings dürfte den Anwärtern vor Augen geführt worden sein, welche Verhältnisse in dem „M odell-KZ“ herrschten und wie die SS in diesem rechtsfreien Raum agierte. Dadurch könnten die angehenden Polizeiführer einen Eindruck davon bekommen haben, zu welchen Ergebnissen auch ihre Arbeit mitunter führte und wie es jenen Delin quenten erging, die sich angeblich nicht in die „Volksgemeinschaft“ einfügten. Dennoch kam es insgesamt nur ziemlich selten vor, dass die Brucker Lehrgänge diese Terrorstätte aufsuch ten. Zumindest zeugen nur sehr wenige Quellen davon, dass die Polizeischule überhaupt sol che Abstecher unternahm.1865 Dieser Befund ist überraschend, weil das KZ Dachau nur knapp 20 km von ihr entfernt lag und es daher durchaus möglich gewesen wäre, das Lager regelmä ßig anzusteuern. Anders als in der Sicherheitspolizei waren solche Besuche für die Ausbil dung der uniformierten Ordnungsmacht aber auch nicht vorgeschrieben.1866 5.1.6 Schwerpunkte in der Offiziersausbildung der Ordnungspolizei Welche Inhalte bestimmten nun insgesamt die Offiziersanwärterlehrgänge? In den Kursen dominierten ganz eindeutig die militärischen Fächer, was nicht nur daran lag, dass die meis ten Stunden pro Woche für sie reserviert waren. Darüber hinaus waren die Lehrgänge sogar zweigeteilt, wobei der erste Abschnitt fast ausschließlich dafür vorgesehen war, die Anwär ter zu drillen und körperlich wie geistig auf den nächsten vorzubereiten. Der zweite Teil der Kurse verband dann deutlich intensiver Theorie und Praxis miteinander, um die Schüler noch stärker auf den Ernstfall einzustellen. Nun lernten die Polizisten nicht nur, ihre Aus rüstung zu handhaben und zu exerzieren, sondern stimmten sich mithilfe von schriftlichen Arbeiten und praktischen Planspielen auch darauf ein, ihre Gegner taktisch und physisch zu eliminieren. Dabei versuchte sich der Himmlersche Polizeiapparat am Spagat, den Offiziers nachwuchs zum militärisch versierten Ersatzheer und gleichzeitig zum volksnahen „Freund und Helfer“ auszubilden. Das gelang jedoch nur bedingt. Denn polizeispezifische Belange standen bereits in der Zwischenkriegszeit im Schatten der militärischen Inhalte. Obwohl die 1863 Ebd., S. 3. 1864 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 7. Offz.-Anwärterlehrg., 02.08.1938, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Ent wurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an H auptam t Ordnungspolizei: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 4. 1865 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 6. 1866 Vgl. Linck, Ordnung, S. 34; 100 Jahre, S. 59. 339 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k se stets einen Schwerpunkt in der Ausbildung gebildet hatten, verschob er sich während des Krieges noch deutlicher zu ihren Gunsten. Andere Fächergruppen drängte die polizeiliche Truppenausbildung noch mehr in den Hintergrund. Das dokumentierte sogar Kommandeur Hagemann, wenn er von einer „durch die Kriegszeit bedingten Bevorzugung der militäri schen gegenüber der rechtlichen Fächer“ sprach.1867 Während rechtliche und polizeidienstliche Disziplinen gerade in der zweiten Kriegshälfte nahezu verschwanden, waren sie schon in den Friedensjahren eher unterrepräsentiert. Zwar hatten sie bereits in der Weimarer Republik mit den militärischen Fächern koexistiert, was nicht zuletzt auf die Entstehungsgeschichte der deutschen Polizei zurückgeführt werden kann. Im „Dritten Reich“ schrumpfte ihr Wert jedoch stetig. Das Regime war nicht so sehr daran interessiert, dass seine führenden „Gesetzeshüter“ in der Lage waren, paragraphengetreu zu arbeiten. Vielmehr schulte es sie, in entscheidenden Situationen „aktiv“ zu werden. Das da für notwendige Selbstbewusstsein vermittelten ihnen etwa die Lebenskunde, die Kriegsge schichte oder auch die SS- und Polizeigerichtsbarkeit und sogar der martialisch wie elitär ausgerichtete Polizeisport. Hitlers „grüne Soldaten“ sollten sich als privilegierte und zugleich verantwortungsvolle Kämpfer für den Nationalsozialismus begreifen, die verpflichtet waren, ihren „Volksgenossen“ dessen Prinzipien mustergültig vorzuleben, sie bei abtrünnigem Ver halten aber auch schnell zu bestrafen. Dabei war es aus Sicht des Regimes nur abträglich, sich allzu stark an Recht und Gesetz zu orientieren. Selbst genuin polizeiliche Aspekte standen Himmlers Vision nur im Weg, ein weltanschaulich gefestigtes „Staatsschutzkorps“ aufzubau en. In der zweiten Kriegshälfte führte das sogar dazu, dass die Kriminalistik, die Revierkun de, das Kraftfahr- sowie das Haushalts- und Wirtschaftswesen komplett von den Lehrplänen verschwanden. Darin manifestierte sich erneut die Tatsache, dass sich die Arbeit der Beam ten schon längst von den Revierstuben und Streifengängen hin an die Front verlagert hatte. Dieser Prozess schlug sich auch darin nieder, dass die SS- und Polizeigerichtsbarkeit in die ser Phase sogar den übrigen Rechtsunterricht absorbierte. Die anderen rechtlichen und po lizeidienstlichen Fächer waren also zu Attrappen einer Normalität verkommen, die der Ord nungsmacht schon vor Kriegsbeginn verlorengegangen war. Stattdessen trainierten die „Polizeisoldaten“ sowohl auf dem Papier als auch im Übungs gelände, bei Straßenschlachten und vor allem im „auswärtigen Einsatz“ nicht zimperlich mit den Gegnern umzugehen. Dabei waren sie jedoch nicht nur mit taktischen tteorien beschäf tigt, sondern simulierten auch sehr realitätsnah den Ernstfall. Der geschlossene Einsatz ge gen Unruhestifter, Aufständische und Partisanen konfrontierte sie dabei mit dem „Feind im Innern“, den die Ordnungsmacht bereits seit der Weimarer Republik bekämpfte. Grundsätz lich zeichnete der Unterricht von diesem Kontrahenten ein recht diffuses Bild. In Form der „Bande“ erschien er meist nur als anonyme Masse, die einen feigen, aber heimtückischen und deshalb gefährlichen Kampf führe. Deswegen drillten die Lehrer ihre Schüler, entschlossen und unerbittlich gegen Partisanen und alle vorzugehen, die auch nur verdächtig waren, ei nen Guerillakampf gegen die deutsche Besatzungsmacht zu führen. Äußerst bemerkenswert ist aber, dass der „Bandenkampf“ in der Offiziersausbildung der Ordnungspolizei eine derart zentrale Rolle spielte. Dieses U e m a war sogar so ungeheuer wichtig, dass es in vielen Fächern auftauchte, die davon unbelastet schienen, wozu der Luft schutz, die Pflichtenlehre und das Kraftfahr- sowie das Pionierwesen zählten. Dass die Par- 1867 BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 2 f. 340 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate tisanenbekämpfung ein interdisziplinäres Sujet darstellte, lag nicht nur am „Freischärler wahn“, der die Mentalität der deutschen „Ostkrieger“ stark prägte. Vielmehr drückt sich darin aus, dass die Ausbildung der Polizeiführer einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte, um nicht holzschnittartig zu wirken. Da der Polizeiapparat bereits seit den zwanziger Jahren da von überzeugt war, dass ein solch schwer greiftarer Feind grundsätzlich „links“ stehe, fiel es den Nationalsozialisten leicht, diese Stereotype auf die „bolschewistischen Banden“ zu über tragen. Wenngleich es der Unterricht meist nicht offen zur Sprache brachte, versuchte gera de die weltanschauliche Schulung mehr oder minder unterschwellig zu suggerieren, dass die sowjetischen Partisanen mit den Juden unter einer Decke steckten. Antisemitische und an dere ideologische Botschaften bildeten einen Kitt, der den Kampf gegen „Banden“ nicht mehr nur als trockene Dienstpflicht erscheinen ließ, welcher die innerdeutsche Exekutive auch über die ursprünglichen Reichsgrenzen hinaus nachkam. Die politisch-weltanschaulichen Ausbildungsinhalte stilisierten ihn vielmehr zum unausweichlichen Rassenkrieg, den die „Vorzeigebeamten“ des NS-Staats zu führen hätten, um ihre Kameraden an der Front zu schüt zen. Während antisemitische und rassistische Aspekte ungemein deutlich in der nationalsozi alistischen Literatur hervortraten, skizzierten sie der Lehrplan und andere polizeischulische Unterlagen hingegen äußerst schemenhaft und eher nüchtern. Das muss natürlich nicht be deuten, dass der ideologische Unterricht deshalb harmlos ausfiel. Allerdings zeigt sich, dass das antijüdische Minimalziel lediglich darin bestand, die Beamten über die Nürnberger Ge setze und die judenfeindlichen Maßnahmen des Deutschen Reichs zu informieren. Die „End lösung“ stand jedoch nie auf dem Lehrplan, wenngleich zumindest die propagandistischen Hetzschriften sporadisch auf den Judenmord anspielten. Die Stoffpläne verweisen hingegen darauf, dass der Lehroffizier für die weltanschauliche Schulung vielmehr eine Fülle weiterer Themen behandelte. Angefangen von den historischen und normativen Eckpfeilern des NS- Staats und dessen Sozial- und Wirtschaftspolitik über die Blut-und-Boden-Ideologie bis hin zur Rolle der Polizei im „Dritten Reich“ reichte das inhaltliche Spektrum dieses Unterrichts. Darüber hinaus begegneten den Schülern verschiedene NS-Ideologeme auch in vielen an deren Fächern. Das entgeht dem Betrachter freilich, wenn er nur auf die weltanschauliche Schulung fixiert ist, die außerdem nicht die einzige politisch-weltanschauliche Disziplin war.1868 Grundsätzlich konzentrierte sich die Polizei jedoch wesentlich stärker darauf, sich selbst über die eigenen Werte und nicht über ihre Gegner zu definieren. Insbesondere die weltanschauliche Schulung, die SS- und Polizeigerichtsbarkeit, die Lebenskunde, die Kriegs geschichte und die Unterrichtslehre verwendeten daher sehr viel Zeit darauf, den Polizisten einzutrichtern, welche Ideale sie zu verkörpern hatten. Für die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei lässt sich also stark vereinfacht festhal ten, dass sie vorwiegend durch militärische, aber auch durch ideologische Schwerpunkte ge kennzeichnet war. Diesen Dualismus lokalisierte bereits Edward B. Westermann ganz grob in der gesamten Organisationskultur der Ordnungspolizei, ohne jedoch die einzelnen Kom ponenten allgemein und speziell in der Ausbildung der Führungskräfte zu gewichten.1869 Dass 1868 Thorsten Bastian Bach weist für die Ausbildung der Ordnungspolizei insgesamt darauf hin, dass eta blierte Unterrichtsfächer im „Dritten Reich“ m it nationalsozialistischen Ideologemen imprägniert wurden. Vgl. Bach, Ordnungspolizei, S. 88-91. 1869 Vgl. Westermann, Police Battalions, S. 58-123. Auch Bach betont, dass in der Ausbildung der O rd nungspolizei allgemein die militärischen Fächer und die weltanschauliche Schulung dom iniert und im Laufe des Krieges andere Disziplinen bedeutungsmäßig überragt hätten, wobei er aber den M acht zuwachs der weltanschaulichen Schulung überschätzt. Vgl. Bach, Ordnungspolizei, S. 90. 341 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k diese beiden Kerngebiete nicht exklusiv in Dalueges Institution anzutreffen waren, offenba ren ferner Studien, die zumindest ansatzweise nachzeichnen, wie andere Waffenträger des NS-Staats ausgebildet wurden. Solchen Werken zufolge habe es ihn zumindest in ähnlicher Form auch in jenen Bildungseinrichtungen gegeben, die z. B. den Führungsnachwuchs der Sicherheitspolizei, der Waffen-SS oder der Wehrmacht beschulten. Wie bereits erwähnt, wäre es durchaus wünschenswert, deren Ausbildungssysteme mit jenem der uniformierten Poli zei direkt zu vergleichen, da zwischen ihnen durchaus Parallelen, aber auch Unterschiede bestanden. Diese Schriften wählen jedoch andere Perspektiven und Prioritäten, weil sie im Gegensatz zur vorliegenden Studie leider nicht das gesamte Spektrum abdecken, das die je weiligen Unterrichtsfächer beinhalteten. Außerdem widmen sie sich nicht immer ausschließ lich der Ausbildung von Offiziersanwärtern oder äquivalenten Ranginhabern.1870 Das macht es daher unmöglich, die gesamten Befunde unmittelbar gegenüberzustellen. Eine seriöse Ver gleichsanalyse bedarf also weiterhin empirischer Untersuchungen, wenn sie nicht zu bana len oder verzerrten Ergebnissen gelangen will. Deshalb darf nicht vergessen werden, dass die vorangegangene Untersuchung nur wider spiegelt, was die Lehrgangsunterlagen der Polizeischule Fürstenfeldbruck und Ausbildungs materialien aus Berlin preisgeben. Sie offenbaren lediglich, was die angehenden Polizeioffi ziere wissen, können und glauben sollten, wenn es nach dem Willen von Himmler und seinen Paladinen ging. Darum bilden sie zwar große Teile der Polizeikultur des NS-Staats ab. Über die tatsächliche Polizistenkultur verraten sie hingegen kaum etwas. Fraglich ist also, in wieweit sich beide Ebenen miteinander in Einklang bringen ließen und bis zu welchem Grad sich Himmlers Wunschbild mit der Wirklichkeit vertrug. Endgültig lässt sich die Frage nicht klären, wie erfolgreich die Ausbildung verlief und welche Inhalte bei den Offiziersanwärtern besonders hängenblieben. Das folgende Kapitel zeigt jedoch, dass sich die Quellen auch da rüber nicht ausschweigen. 5.2 Wunsch und Wirklichkeit? - Die Lehrgänge im Spiegel der Erfahrungsberichte Bisher zeigte der Blick auf die Ausbildungsinhalte, was die Offiziersanwärter theoretisch ler nen und später praktisch beherrschen sollten. Aus den vorliegenden Quellen kann aber lei der nicht en detail rekonstruiert werden, wie die einzelnen Unterrichtsstunden konkret ab liefen und welche Leistungen die Schüler dabei zeigten. Somit skizzierten Lehr- und Stoffpläne nur den Idealzustand, den sich das NS-Regime für den Offiziersnachwuchs der Ordnungspolizei wünschte. Allerdings waren Wunsch und Wirklichkeit keineswegs so ein fach miteinander vereinbar. Ablesen lässt sich das schon allein daran, dass sich die einzelnen Kommandeure der Polizeischule Fürstenfeldbruck in ihren Erfahrungsberichten darüber be klagten, dass viele Schüler nur bedingt qualifiziert waren, später einmal als Führungskräfte aufzutreten. Zwar vermögen es diese Quellen nicht, ein vollständig objektives Bild von den realen Verhältnissen in der Brucker Institution zu liefern. Dennoch dokumentieren sie, was die Schulleitung über die einzelnen Kurse dachte und wie sie deren Teilnehmer bewertete. Am ehesten waren sie dazu fähig, ein solches Urteil zu fällen. 1870 Vgl. dazu u. a. Banach, Elite, S. 102-121 und 264-276; Wagner, Kriminalisten, S. 77; Wegner, Solda ten, S. 135-203, besonders: S. 161-171; Orth, Konzentrationslager-SS, S. 118-124; Westemeier, Krie ger, S. 46-75; Ders., Junkerschulgeneration, S. 269-285; Hansgeorg Model, Der deutsche Generalstabs offizier. Seine Auswahl und Ausbildung in Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr, Frankfurt am Main 1968, S. 68-142. 342 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Wie bereits angesprochen, musste der Kommandeur für jeden Lehrgang mehrere Status berichte verfassen.1871 War ein Kursus endgültig abgeschlossen, hatte er abermals einen sol chen zu erstellen und an das Hauptamt Ordnungspolizei zu schicken. In diesem Erfahrungs bericht resümierte er darüber, wie der Lehrgang verlaufen war und wie sich die Gemeinschaft der Teilnehmer dabei angestellt hatte, wobei er auch auf besondere Vorkommnisse einging. Der Kommandeur musste außerdem darlegen, wie viele Schüler den Kurs besucht und wie viele ihn bestanden, aber auch wie sie insgesamt in den einzelnen Prüfungen abgeschnitten hatten. Neben diesen statistischen Angaben stand im Zentrum eines solchen Rechenschafts berichts, welchen Eindruck er vom Offiziersnachwuchs gewonnen hatte, wo dieser noch Schwächen aufwies und wie dessen Ausbildung verbessert werden könnte. Obwohl die Mehr zahl der Schüler die Lehrgänge erfolgreich absolvierte, fiel die Bilanz in der Regel ziemlich schlecht aus. Es gab keinerlei Erfahrungsberichte, in denen sich der Schulleiter vollends zu frieden zeigte.1872 Es darf nicht vergessen werden, dass diese Berichte nur eingeschränkt wiedergeben kön nen, was sich tatsächlich innerhalb der Mauern der Polizeischule Fürstenfeldbruck abspiel te. Schließlich handelt es sich bei diesen Quellen um subjektive Zeugnisse, in denen der Kom mandeur ausdrückte, wie er und sein Lehrpersonal die Schüler einschätzten. Ihm ging es nur bedingt darum, ein wertneutrales Gutachten zu erstellen, in dem eigene Ansichten in den Hintergrund traten. Er sollte vielmehr aus seiner Perspektive darstellen, wie es um den Of fiziersnachwuchs bestellt war. So subjektiv diese Berichte auch waren, mussten der Komman deur und die Lehrerschaft realistisch und schonungslos beurteilen, was die Polizeiführer von morgen zu leisten vermochten. Zwar darf bezweifelt werden, dass sie dabei stets richtig la gen und den Lehrgangsteilnehmern immer gerecht wurden. Allerdings waren der Schullei ter und sein Lehrpersonal diejenigen, die über mehrere Monate hinweg ihre Schüler ausbil deten und ihnen in dieser Situation am nächsten standen. Sie konnten beobachten, wie sich die Anwärter im Unterricht und abseits der Schulstunden verhielten. Insofern waren sie die jenigen, denen es mit ihrem Erfahrungsschatz am ehesten möglich war, die einzelnen Kur se und deren Teilnehmer zu bewerten. Nachdem er sich mit seinen Lehrern intensiv ausge tauscht hatte, fällte der Kommandeur sein Urteil und brachte es sodann zu Papier. Die so entstandenen Erfahrungsberichte wiesen eine eigene Form auf und waren regelrecht stan dardisiert, was mitunter so weit ging, dass der Autor oft die gleichen oder zumindest ähnli che Phrasen verwendete. Dabei ist zu vermuten, dass er sich in seinem Wortlaut einfach auf seine früheren Berichte stützte, um den Duktus einheitlich zu gestalten.1873 Unabhängig da von versuchte er jedoch stets, die einzelnen Lehrgänge individuell zu bewerten. 1871 Siehe dazu Kapitel 4.5. 1872 Recht wohlwollend beurteilte Dr. Fritz Schade das Abschneiden des 4. OAL im Jahre 1937 und des 6. OAL im Frühjahr 1938, wobei ihm damals kleinere Mängel aufgefallen waren und er nur wenig über den Zustand der Absolventen aussagte. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 121, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 30.12.1937; BayHStA München, Polizei schule FFB 121, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 6. Offz.-Anw.-Lehrg., 28.03.1938. In den folgenden Lehrgängen verschlech terten sich die Urteile jedoch mitunter drastisch, wie schon allein der 7. und 8. OAL verdeutlichen. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 7. Offz.-Anwärterlehrg., 02.08.1938, S. 4; BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 3. 1873 Beispielsweise schrieb Arno Hagemann über den 28. OAL: „Die Masse der Lehrgangsteilnehmer war bei milder, der Kriegszeit entsprechender Beurteilung geistig ausreichend veranlagt; nur wenige über- 343 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Die Berichte sollten aber nicht nur die vergangenen Kurse beurteilen. Gleichzeitig dien ten sie dazu, hervorzuheben, was die Schule und ihr Kommandeur geleistet hatten, um sich auf diese Weise zu legitimieren. Denn die Brucker Lehrstätte musste adäquate Resultate vor weisen können, die es rechtfertigten, auch weiterhin unterstützt zu werden. Indem der Schul leiter etwa herausstellte, wie gut das Schulpersonal es verstand, aus mehr oder minder unbe holfenen Kerlen passable Offiziere zu form en, versuchte er die Position seiner Bildungsstätte im Polizeiapparat zu festigen und damit auch sein Amt abzusichern. So ließ es sich der Berichterstatter nicht nehmen, gelegentlich darauf hinzuweisen, es sei dem Ein satz seines Lehrpersonals zu verdanken, dass die Lehrgänge doch noch erfolgreich durchge führt werden konnten, obwohl die Teilnehmer bei Kursbeginn oftmals erhebliche Defizite aufgewiesen hätten.1874 Dieses Selbstlob stellte also eine Werbung in eigener Sache dar, die an den SS- und Polizeiapparat adressiert war und unterstreichen sollte, wie effizient doch die Schule angeblich arbeitete. Das lässt zwar das Bild ein wenig verzerrt erscheinen, das der Kommandeur von der Offi ziersausbildung in Fürstenfeldbruck vermitteln wollte. Denn die Polizeischule legte großen Wert darauf, sich innerhalb Himmlers Machtbereich und in der Öffentlichkeit als vorbildli che Institution des NS-Staats zu inszenieren. Aber gerade daher überrascht es doch sehr, dass der Schulleiter seine Berichte nur selten nutzte, um die Verdienste und Stärken seiner Ein richtung herauszustellen. Vielmehr offenbaren sie, welche Ansprüche die Bildungsstätte an die künftigen Offiziere der Ordnungspolizei stellte. Der Betrachter muss allerdings konsta tieren, dass nur eine Minderheit diesem Profil tatsächlich entsprach, was sich sehr deutlich in den Erfahrungsberichten widerspiegelt. Das ist jedoch bemerkenswert. Denn die ernüch ternden Berichte verdeutlichen, dass die oberbayerische Lehranstalt nicht allmächtig und keineswegs dazu in der Lage war, aus wirklich jedem Kandidaten einen aus Sicht des Regi mes mustergültigen Vertreter des Offizierskorps zu formen. Dies kollidierte mit der Eigen werbung der Polizeischule. Damit dokumentieren sie aber, wie schwer es für die Ordnungs polizei generell war, geeignete Männer für ihre Führungspositionen zu finden. In seinen Erfahrungsberichten versuchte der Leiter der Polizeischule sogar, zu ergründen, warum einige Teilnehmer derart schlecht abschnitten und die Kurse deshalb oftmals dürfti ge Ergebnisse erzielten. Eine Ursache glaubte bereits Dr. Fritz Schade darin zu erkennen, dass die Anwärter oftmals unzureichend oder sehr unterschiedlich vorgebildet waren. So schrieb er 1939 über den 8. OAL, dass ihm die mangelhafte Ausbildung vieler Männer aufgefallen sei. Diese seien zuvor nur im Büro tätig gewesen und besäßen weder Fronterfahrung noch sons ragten, dafür lagen aber auch einige unter dem Durchschnitt.“ BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durch führung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 3. Sein Urteil über den 27. OAL klingt sehr ähnlich: „Die Masse der Lehrgangsteilnehmer war geistig ausreichend veranlagt; nur wenige ragten heraus, da für lagen aber auch einige unter dem Durchschnitt.“ BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Ha gemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27. Of fiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. Über den 30. und 31. OAL schrieb er wieder: „Die geistige Veranlagung der meisten Teilnehmer beider Lehrgänge kann bei Anlegung eines milden Maßstabes und unter Be rücksichtigung der Kriegsverhältnisse als noch ausreichend bezeichnet werden.“ BayHStA München, Polizeischule FFB 129, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbe richt über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 06.04.1943, S. 2. 1874 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. 344 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate tige Führereigenschaften.1875 Einer seiner Nachfolger, Arno Hagemann, kam zu der Ansicht, einige Schüler des 28. OAL hätten kaum über polizeiliche Fachkenntnisse verfügt. Dazu zähl te er gerade Abiturienten und Wehrmachtssoldaten. Aber auch ältere Beamte besäßen nur ein geringes Vorwissen, weil sie bisher nur in ihren Dienststellen eingesetzt gewesen seien.1876 So meinte der Schulleiter recht verstimmt: „Es läßt dies auf eine vollkommen einseitige Tätigkeit dieser Männer und auf eine un genügende Schulung im Standort schließen. Nach 3 Jahren Krieg muß doch verlangt werden, daß wenigstens auf dem Gebiete des Luftschutzes Grundlagen vorhanden sind und daß ein schon jahrelang in der Polizei diensttuender Mann die Revierkunde beherrscht.“1877 Der Kommandeur bilanzierte weiter, dass viele Anwärter nicht unbedingt als Polizeioffizie re geeignet seien. Nach Ende des Lehrgangs kam er zu dem Ergebnis, dass sich das Leistungs vermögen der Offiziersanwärter sogar zu verschlechtern scheine, da sie zwar motiviert und fleißig seien, das geistige Niveau aber unzureichend sei. Die Allgemeinbildung sei derart mangelhaft, „so daß an die Leistungen ein immer geringer werdender Maßstab angelegt wer den muß, wenn nicht mehr als 50 % der Lehrgangsteilnehmer durchfallen sollen“.1878 Grund sätzlich hinterließ der 28. OAL „einen dünnen Eindruck“ bei Hagemann. „Das Material ist recht mäßig und ich befürchte, dass, wenn nicht eine erhebliche Besserung bei den Männern eintritt, eine erklägliche [sic!] Anzahl zurückgesandt werden muss“, urteilte er über die Anwärter.1879 Das Hauptamt Ordnungspolizei teilte diese Ansicht und fügte hinzu, dass das Bil dungsniveau der angehenden Offiziere „erschreckend gering“ sei.1880 Deshalb dachte der Aus bildungsapparat intern darüber nach, Oberstufenlehrgänge einzurichten, um die Wachtmeister besser auf die Kurse in Berlin-Köpenick oder Fürstenfeldbruck vorzubereiten. Allerdings verabschiedete sich das Hauptamt Ordnungspolizei recht schnell von der Idee, die Polizisten in zehnmonatigen Auswahllehrgängen vorzuschulen: „So geht das jetzt während des Krieges nicht. Bei dem grossen Offz.-Bedarf können wir die Männer nicht vorher noch in einen 10 (!) monatigen O-Lehrgang schicken. in [sic!] Friedenszeiten ja.“1881 Der Ausbildungsapparat musste also einsehen, dass während des Krieges keine Zeit vor handen war, um die Ordnungspolizisten angemessen vorzuschulen. Das hielt die Komman deure jedoch nicht davon ab, zu empfehlen, welche Inhalte zusätzlich in die Stoffpläne mit 1875 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Entwurf: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der Ausbildung von Wachtm. (SB.) der O rd nungspolizei für die Offizierlaufoahn (8. Offz.-Anwärterlehrg.), 12.08.1938, S. 1 f. Ein ähnliches Bild ergab sich auch beim 6. Revier-OAL. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Po lizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des mit RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 2. 1876 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 3. 1877 Ebd., S. 3. 1878 Ebd., S. 5. 1879 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Abschrift: A 1 an P 2: Auszug aus einem Schreiben des Kommandeurs der Pol.-Offz.-Schule Fürstenfeldbruck an Herrn Oberst Hitschler, 21.05.1942, S. 1. 1880 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Abschrift: Lenger (P (2)) an Kleinhans, 03.06.1942, S.2. 1881 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Abschrift: Hitschler (P (2)): Handschriftliche Verfügung des Obersten Hitschler, 25.06.1942. Hervorhebung im Original. 345 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k aufgenommen werden sollten. Die Einzelausbildung etwa müsste, laut Hagemann, Teil der Offiziersausbildung werden oder in einem eigenen Kurs erfolgen, da die einzelnen Standor te damit überfordert seien.1882 In seinem Bericht zum 22. OAL hatte er bereits vorgeschlagen, die Anwärter militärisch vorzuschulen, bevor sie zum eigentlichen Lehrgang geschickt wer den, weil ansonsten die Gruppen- und Zugführerausbildung noch mehr Zeit beanspruchen würde.1883 Der Polizeiapparat reagierte auf diesen Vorschlag, indem er Ende 1941 Vorberei tungslehrgänge einrichtete und die möglichen Kandidaten für den 25. OAL im Polizeilehrbataillon Dresden-Hellerau vorbilden ließ. Wie bereits erwähnt, sollten diese Kurse dafür sorgen, dass die Ordnungspolizei nur geeignete Offiziersanwärter nach Fürstenfeldbruck und Berlin-Köpenick entsendete. Sie hatten so gut wie möglich Wissenslücken zu schließen und auf Defizite einzugehen, welche die Polizisten in militärischer und körperlicher Hinsicht be saßen.1884 Diese Maßnahmen konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Qualität der Offiziersanwärter deswegen keineswegs verbesserte. Nach einem Vorbereitungs lehrgang resümierte der Kommandeur des Dresdner Lehrbataillons dementsprechend, dass „sich bei den Männern sehr große Lücken“ zeigen würden und „die Vorkenntnisse der Lehr gangsteilnehmer sehr schwach waren“.1885 Daher kam auch er zu dem Schluss, dass die Zeit für solche Lehrgänge viel zu knapp bemessen sei. Denn schließlich „blieb ein Teil der Teil nehmer noch erheblich hinter dem von einem Offizier geforderten Auftreten und Können zurück“, was er auf „eine zu große Schwerfälligkeit in geistiger und körperlicher Hinsicht“ zurückführte.1886 Der heterogene Wissensstand vieler Offiziersanwärter resultierte auch daraus, dass sie in verschiedenen Tätigkeitsfeldern oftmals recht einseitig eingesetzt waren, bevor sie an die Brucker Polizeischule kamen. So bestand ein Lehrgang mitunter aus Männern, die zuvor im Einzel- oder Fachdienst, in den heimatlichen Dienststellen oder an der Front zum Einsatz gekommen waren.1887 Während z. B. ein Großteil des 21. OAL im Jahre 1941 aus dem Einzel dienst stamme, habe laut Hagemann nur ein geringer Teil der Schüler zuvor in Polizeiein heiten seinen Dienst versehen. Diesem mangele es nun an polizeifachlichen Kenntnissen, je ner hingegen habe nur wenig Erfahrung im Truppendienst. Wer noch dazu aus dem polizeilichen Sonderdienst an die Lehrstätte nach Fürstenfeldbruck abgeordnet worden sei, habe wiederum einen ganz anderen Wissensstand. Der Erfahrungsbericht kam zu dem Schluss, es lasse sich auch künftig nicht verhindern, dass die Lehrgänge unterschiedlich zu sammengesetzt seien, wobei dieser Umstand deutlich erschwere, die Offiziersanwärter an gemessen auszubilden.1888 Dieses Problem spreche jedoch „sehr eindringlich gegen die aus 1882 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 3. 1883 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 3. 1884 Siehe dazu Kapitel 4.3. 1885 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Auszugsweise Abschrift: [Unterschrift des Kommandeurs] (Polizei-Lehr-Bataillon Dresden-Hellerau) an RFSSuChdDtPol, 20.12.1941, S. 1. 1886 Ebd., S. 1. 1887 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 2 1888 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, 346 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate den Bedürfnissen der Kriegszeit an sich erklärliche Tendenz der Verkürzung der Offizieranwärterlehrgänge“.1889 Bereits vor dem Krieg reagierte sein Vorgänger, Gerret Kor semann, verstimmt darauf, dass einige Schüler ursprünglich aus der Wasserschutzpolizei ge kommen seien und gegenüber den übrigen Schutzpolizisten und Gendarmen in militäri schen Feldern keine Ahnung gehabt hätten.1890 Über das mangelnde Fachwissen angehender Polizeiführer beklagte sich auch Major Max Lagerbauer, der Kommandeur der Gendarmerieschule Deggingen und spätere Leiter der Po lizeiunterkunft in Mariaschein. Vor allem monierte er anlässlich eines Vorbereitungslehr gangs, dass gerade die Verwaltungsbeamten der Polizei längere Zeit bräuchten, „bis sie sich innerlich wieder auf den rein militärischen Dienst eingestellt hatten“.1891 Nur durch entspre chend angepasste Ausbildungseinheiten, aber auch durch Nachsicht mit den Teilnehmern habe sich die Lage zumindest etwas verbessern können.1892 Ein solches Urteil deutet auf ein zentrales Problem von Himmlers Polizeiapparat hin: Dieser suchte derart verzweifelt nach brauchbarem Personal, dass er sogar alte Revierpolizisten und im praktischen Dienst uner fahrene Schreibtischbeamte fronttauglich machen wollte. Um eben solche Männer dennoch einsatzfähig zu bekommen, schlug Lagerbauer vor, die militärisch unerfahrenen Kandida ten längere Zeit zu einem Polizeibataillon abzustellen.1893 Auch in den nachfolgenden Lehr gängen verbesserte sich die Qualität der Schüler nicht. Zu wünschen übrig lasse sowohl die körperliche Verfassung eines Großteils der Männer als auch deren Allgemeinwissen.1894 „Das Format eines Offz.-Anwärters haben nur wenige Männer erreicht“, wie Lagerbauer eingeste hen musste.1895 Sicherlich kann darüber spekuliert werden, ob die Schulleiter und ihre Lehr kräfte nur besonders kritisch waren oder solche Befunde der Wirklichkeit entsprachen. Fakt ist jedoch, dass die Zuständigen des polizeilichen Ausbildungssystems eine Vielzahl von Schülern für unwürdig befanden, tatsächlich Offiziere zu werden. Nur allzu wenige Kurse an der Brucker Polizeischule erzielten Ergebnisse, die den Kommandeur versöhnlich stimmten.1896 Einen solchen Lehrgang besuchten außerdem viele Männer, die geistig minderbemittelt waren und daher nicht den Ansprüchen genügten, welche die Ordnungspolizei an ihre Füh rungskräfte stellte. Etliche Berichte beklagten sich über die überschaubaren intellektuellen Fähigkeiten der Kandidaten.1897 Nur in wenigen Ausnahmen lobte der Kommandeur den Bil S. 3. 1889 Ebd., S. 3. Hervorhebung im Original. 1890 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 3. 1891 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Lagerbauer (Polizeiunterkunft Mariaschein) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit vom 4.3.42-18.04.42 an der Pol. Unterkunft in Mariaschein b.Aussig stattgefundenen 3. Vorb.Lhrg.f.Offz.Anwärter, 18.04.1942, S. 3. 1892 Vgl. ebd., S. 3f. 1893 Vgl. ebd., S. 5. 1894 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Lagerbauer (Gendarmerieschule Deggingen) an RFS SuChdDtPol: 1. Auswahllehrgang für Offizieranwärter an der Polizeischule (Gend,) Deggingen/Württbg., 17.10.1942, S. 2 f. 1895 Ebd., S. 3. 1896 Obwohl Hagemann auch bei den Teilnehmern des 32. OAL nicht m it Kritik geizte, glaubte er zu wis sen, „daß sie auch in einem künftigen Einsatz, worauf die Ausbildung in der Hauptsache abgestellt war, sich als Offiziere bewähren.“ BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 6. 1897 Vgl. u. a. BAB, R 20/69, Hösl (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol - Ausbildungsamt: Erfahrungs bericht über die Durchführung des 10. Offz.-Anwärter-Lehrg., 15.04.1939, S. 3; BayHStA München, 347 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k dungsstand und das geistige Niveau der Polizeischüler, wie es etwa beim 26. Reserve-OAL im Jahre 1944 der Fall war.1898 Bereits in der Vorkriegszeit drückten die Schulleiter ihren Un mut über diesen Missstand aus. Kommandeur Schade urteilte über den 7. OAL, „daß das geistige Niveau des Lehrganges das Minimum an Anforderungen an den Pol.-Offiziernachwuchs darstellt, unter das nicht mehr heruntergegangen werden kann, wenn nicht die gan ze Schutzpolizei Schaden erleiden soll“.1899 Wie die weitere Entwicklung offenbart, sollte es für den Brucker Bildungsbetrieb aber noch schlimmer kommen. Denn gerade die älteren Teilnehmer hätten, laut Arno Hagemann, einen Lehrgang für Revieroffiziere im Jahre 1941 nur bestehen können, weil sie den Stoff auswendig gelernt hätten. Dadurch seien sie zwar für einfache Arbeiten geeignet, nicht jedoch dazu fähig, eigenständig zu denken, wozu sich au ßerdem „eine erschreckende Unwissenheit in allgemeiner Beziehung“ geselle.1900 Es fällt da her nicht schwer, sich klarzumachen, dass der Kommandeur der oberbayerischen Schule von solchen nützlichen Idioten nicht besonders angetan war. „Geistig gut war keiner der Teilnehmer veranlagt. Schul- und Allgemeinbildung waren auf fallend mäßig“, urteilte Hagemann ferner über den 27. OAL.1901 Nach Ende des 32. OAL be kümmerte es ihn, dass die Schüler den Stoff zwar erlernt hätten, aber nicht in der Lage ge Polizeischule FFB 120, Abdruck: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbe richt über die Durchführung des 1. Offz.-Ausbildungslehrg. für Ltn.d.Schutzpolizei, 01.07.1938, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 122, [Korsemann] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 8. Offz.-Anwärter-Lehrg., 08.05.1939, S. 3; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 2 f.; BayHStA München, Po lizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [un leserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 1 f.; BayHStA München, Polizei schule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 142, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 6a Rev.Offizieranwärter-Lehrganges, 23.12.1941, S. 2; BAB R 20/70, Lagerbauer (Kommandeur der Polizeischule (Gend.) Deggingen) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit v. 21.7.42-19.9.42 an der Polizeischule (Gend.) Deggingen stattgefundenen Vorb.Lhg.f.Res. Offiziers Anwärter, 19.09.1942, S. 4 f. 1898 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 2. 1899 BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Entwurf: [Dr. Schade] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 7. Offz.-Anwärterlehrg., 02.08.1938, S. 4. 1900 BayHStA München, Polizeischule FFB 142, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 6a Rev.Offizieranwärter-Lehrganges, 23.12.1941, S. 2. 1901 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. 348 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Abbildung 27: Der 27. OAL (1942) (BayFHVR Pol) wesen seien, darüber selbstständig nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.1902 Das Niveau nahm im Laufe des Krieges anscheinend immer weiter ab. Nach Abschluss des 35. OAL musste Hagemann enttäuscht festhalten, dass die intel lektuellen Fähigkeiten von etwa einem Viertel der Anwärter kaum noch genügen würden.1903 Das war eine katastrophale Quote für einen Po lizeiapparat, der verzweifelt nach neuem Perso nal verlangte. Aber es sollte sogar noch schlim mer werden. Mitte 1944 kam Hagemann zu dem vernichtenden Ergebnis, „daß der 36. Offizieranwärterlehrgang bisher der schwächste aller Lehrgänge gewesen ist“.1904 Abermals beklagte er sich über den beschränkten Horizont sei ner Schützlinge, die es mit ihrer Dienstpflicht zudem nicht ganz so genau nähmen. Er habe sogar den Eindruck, „daß die besten Männer aus der Polizei bereits ausgesiebt sind und daß fast nur noch zweitrangiges Material zur Verfügung steht“.1905 Über die „mangelhafte Eig nung von jungen Offizieren im Einsatz“ hätten sich sogar schon die Kommandeure von Po lizeibataillonen beklagt.1906 Letztlich vermochten auch die letzten Lehrgänge während des Krieges den Kommandeur nicht mehr zu überzeugen. In diesem Sinne war für ihn das Ergebnis des 27. Reserve-OAL auch nach „Ausmerzen der groben Versager in der Zwischenprüfung“ enttäuschend.1907 Des halb musste er im April 1945 resigniert feststellen, „daß eine Beschulung von nicht geeigne ten und den Offizierberuf nicht erstrebenden Anwärtern keine befriedigenden Ergebnisse erzielen kann“.1908 Ein solches Urteil war verheerend für das Hauptamt Ordnungspolizei, das dem permanenten Personalmangel gerade während des Kriegs dadurch begegnen wollte, in dem es viele Männer in die Offiziersschulen schickte, die als Führungskräfte völlig untaug lich waren. Zur geistigen Trägheit gesellte sich in vielen Fällen eine ausgeprägte Rechtschreibschwä che, über die sich die Berichte ebenfalls ausließen.1909 Zwar hatte es schon in den Friedens 1902 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 5. 1903 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 3. 1904 BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 3. 1905 Ebd., S.3. 1906 Ebd., S.2. 1907 BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Hauptamt Ordnungspolizei: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 2. 1908 Ebd., S. 5. 1909 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 5; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Hahn (Polizeischule FFB) an das Kommando: Erfahrungs zwischenbericht. über die D urchführung des 2. Rev.Offizieranwärterlehrganges, 15.02.1941, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 2. 349 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k jahren Kurse gegeben, die geschlossen zu Deutschprüfungen antreten mussten und dabei Nachschriften sowie Aufsätze zu Papier brachten.1910 Gerade in der zweiten Kriegshälfte of fenbarte der Offiziersnachwuchs jedoch enorme Mängel, wenn es darum ging, sich münd lich und schriftlich angemessen auszudrücken. Für einige Anwärter war es also recht schwie rig, die eigene Sprache in Wort und Schrift richtig zu beherrschen, was die Schulleitung darauf zurückführte, dass die Auswahl der Offizierskandidaten nicht kritisch genug vonstat ten gehe.1911 Darüber machte Major Hans Hösl, der Kommandeur Hagemann gelegentlich vertrat, seinem Unmut Luft und monierte, „daß sich die Standorte über die eindeutigen Be stimmungen des RFSS, die die sichere Beherrschung der deutschen Sprache vorschreiben, hinwegsetzen“.1912 Er schlussfolgerte, dass einige Kommandeure dazu neigten, ungeeignete Kandidaten zu den Lehrgängen zu entsenden, damit nicht sie, sondern vielmehr die Schule die Spreu vom Weizen trennen müsse, um nicht selbst in der Verantwortung zu stehen.1913 Auch wenn das Hauptamt Ordnungspolizei in seinem Antwortschreiben erklärte, sich um diese Angelegenheit zu kümmern, besserte sich die Lage jedoch kaum.1914 Ein Bericht über einen vorbereitenden Lehrgang ließ auch nicht unerwähnt, dass sich ge rade für Polizisten, „die vom auswärtigen Einsatz kamen“, der Umgang mit der deutschen Sprache mitunter ziemlich problematisch gestalte.1915 Die sprachlichen Mängel seien laut Ha gemann manchmal derart hoch gewesen, dass das Lehrpersonal die eigenen Ansprüche an seine Schüler herunterschrauben musste, „da sonst eine beträchtliche Zahl charakterlich wertvoller und einsatzfreudiger Männer hätte zurückgeschickt werden müssen“.1916 Seit dem 32. OAL sah sich der Brucker Kommandeur sogar dazu gezwungen, für besonders schlim me Fälle eigens einen Deutschunterricht einzurichten. In wenigen Stunden pro Woche ver suchte er den polizeilichen Analphabeten unter die Arme zu greifen, was aber nur bedingt von Erfolg gekrönt war. Dem Ausbildungsbetrieb war es aber ein Dorn im Auge, dass dieser Deutschunterricht während des Krieges die ohnehin sehr knapp bemessene Unterrichtszeit noch zusätzlich beeinträchtigte.1917 Allerdings brannte Hagemann dieses U em a sehr auf den Ferner beinhaltet der Akt Polizeischule FFB 143 einzelne Aufsätze und Diktate, welche die Defizite in der Rechtschreibung einzelner Anwärter dokumentieren. 1910 Ein Beispiel dafür ist der 8. OAL, der Ende Juli 1938 diese Prüfungen im Schriftdeutschen abhielt. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 122, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Prüfungsbefehl für die Deutschprüfung des 8. Offz.-Anwärterlehrg., 22.07.1938. 1911 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 5. 1912 BayHStA München, Polizeischule FFB 141, I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 6. Rev. Offizieranwärterlehrgang, 23.08.1941, S. 1. 1913 Vgl. ebd., S. 1. 1914 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 141, I. A. Hitschler (RFSSuChdDtPol) an Polizeischule FFB: 6. Rev.Offizieranwärter-Lehrgang, 30.09.1941. 1915 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 130, Lagerbauer (Gendarmerieschule Deggingen) an RFS SuChdDtPol: 1. Auswahllehrgang für Offizieranwärter an der Polizeischule (Gend,) Deggingen/Württbg., 17.10.1942, S. 1. 1916 BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 5. 1917 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 5 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieran wärterlehrgang, 16.11.1943, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Po lizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieran 350 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Nägeln, weshalb er in seinem Bericht insistierte, „daß in dieser Hinsicht etwas geschehen muß, denn nichts schädigt das Ansehen mehr, als Meldungen und Berichte, die Mängel in der deutschen Sprache aufweisen“.1918 Viel vermochte er mit diesem Argument im Hauptamt Ordnungspolizei nicht zu erreichen. Denn in der letzten Phase des Krieges war das geistige Niveau der Anwärter immer noch so schlecht, dass bereits der Bericht zu einem Vorberei tungskurs „Allgemeinbildung, Ausdrucksvermögen, die Fähigkeit, eigene Gedanken in gu tes Deutsch zu kleiden, Aufnahmefähigkeit und Wendigkeit“ der Teilnehmer beanstandet e . 1919 Ferner neigten Offiziersanwärter häufig zu Minderwertigkeitskomplexen, wenn ihnen be wusst wurde, dass ihr intellektuelles Vermögen äußerst begrenzt war. Zu diesem Befund kam zumindest Oberstleutnant Hagemann, der gleich in mehreren Abschlussberichten ausführ te, wie die Schüler darauf reagierten, wenn das Lehrpersonal ihnen dies klarmachte. Wäh rend einige Teilnehmer völlig verunsichert gewesen seien, hätten andere hingegen versucht, ihre Defizite dadurch zu kompensieren, dass sie noch intensiver und härter gelernt und an sich gearbeitet hätten. Jedoch lasse der Erfolg solcher Bemühungen sehr zu wünschen übrig, weil solche Schüler meist mit der Fülle des neuen Stoffes überfordert gewesen seien.1920 „Bei diesen blieb die Gewißheit des Nichtkönnens eine dauernde Belastung“, wie Hagemann in seinem Bericht zum 25. OAL schrieb.1921 Nur ein geringer Bruchteil der Schüler ragte aus der Masse heraus. Im 21. OAL habe, laut Hagemann, lediglich ein Zehntel der Teilnehmer geis tig überdurchschnittliche Leistungen erbracht.1922 Allerdings drückte der Schulleiter durch aus mal ein Auge zu und versuchte zumindest dann, die schlechten Ergebnisse seiner Schütz linge willentlich zu übersehen, wenn sie bereits während des Ersten Weltkriegs gedient hatten und deshalb mit hohen Orden ausgezeichnet waren.1923 Hinzu kam, dass einige Polizeibeamte nicht zum ersten Mal an einem Lehrgang für Offi ziersanwärter teilnahmen. In einigen Kursen fanden sich Männer, die zuvor schon einmal in Berlin-Köpenick oder Fürstenfeldbruck einen Kurs besucht hatten, aber mit ihren Leis tungen und Fähigkeiten nicht überzeugen konnten. Im 27. OAL hatte „fast die Hälfte [...] wärterlehrganges, 04.01.1944, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 2; BayHStA München, Po lizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungs bericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 2; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 2. 1918 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 5. 1919 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, I. V. [unleserlich] (Polizeischule Heidenheim) an RFS SuChdDtPol: 14. Vorbereitungslehrgang für Offizieranwärter, 13.09.1944, S. 4. 1920 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) angeordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 2 f. 1921 Ebd., S. 3. 1922 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 5. 1923 Dies zeigt sich etwa beim 6. Revier-OAL. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des mit RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 1 und 3. 351 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k bereits einen Offizieranwärterlehrgang erfolglos besucht“.1924 In anderen Lehrgängen herrsch ten ähnliche Verhältnisse vor.1925 So erklärte Max Lagerbauer, dass 25 von insgesamt 41 Teil nehmern des 3. Vorbereitungslehrganges bereits erfolglos einen Kursus für Offiziersanwär ter besucht hätten.1926 Das zeigt einerseits, dass ein Beamter durchaus zum Offizier aufsteigen konnte, selbst wenn er zuvor schon im ersten Anlauf gescheitert war. Andererseits offenbart sich abermals, welche Probleme es dem NS-Regime bereitete, geeignetes Personal für seine Polizei zu finden. Besonders schlecht war es angeblich um Offiziersanwärter aus Österreich bestellt. Dass diese in jenen Lehrgängen besonders schlecht abschnitten, die nach dem „Anschluss“ statt fanden, hielten die Schulleiter zumindest in einigen Gutachten fest.1927 Nach Ende des 27. OAL sah sich Kommandeur Hagemann etwa dazu genötigt, einen gesonderten Bericht anzuferti gen, in dem er sich über das Versagen einiger Rekruten aus der „Ostmark“ ausließ: „Es fehlte ihnen nicht am Wollen, sondern am Können. Obwohl für die Männer aus den Reichsgauen Donau und Alpen mit Rücksicht auf die andersgelagerte militärische Ausbildung und das polizeiliche Fachwissen ein besonders milder Maßstab angelegt wird, war es doch nicht vertretbar, sie im Lehrgang als Ballast mitzuschleppen, da sie das Ziel nicht erreicht hätten.“1928 Seiner Meinung nach mangele es diesen gescheiterten Teilnehmern weniger an einer adäqua ten Vorbildung, denn vielmehr an den psychischen wie physischen Möglichkeiten und an einer fundierten Allgemeinbildung.1929 Bereits Max Lagerbauer, der den Vorbereitungslehr gang für diesen Kurs durchgeführt hatte, kam zu einem ähnlichen Ergebnis. So schrieb der ehemalige Brucker Polizeilehrer, er sei der Ansicht, dass die Gendarmen aus der „Ostmark“ nicht so tiefgreifend umgeschult worden seien wie erwartet.1930 Außerdem wirke es sich auf 1924 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. 1925 Der Kommandeur der Polizeischule Deggingen berichtete etwa, dass im Vorbereitungslehrgang für den 27. OAL von 40 Teilnehmern 27 bereits bei einem Offiziersanwärterlehrgang durchgefallen seien. Zwei Schüler hätten schon ein weiteres Mal erfolglos versucht, einen solchen Kurs zu meistern. Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 127, Lagerbauer (Gendarmerieschule Deggingen) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit v. 4.11.41 bis 17.12.41 an der Gend.-Schule in Deggingen/Württ. stattgefundenen 2. Vorb.Lehrgangf. Offiziersanwärter, 20.12.1941, S. 2. 1926 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Lagerbauer (Polizeiunterkunft Mariaschein) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit vom 4.3.42-18.04.42 an der Pol. Unterkunft in Mariaschein b.Aussig stattgefundenen 3. Vorb.Lhrg.f.Offz.Anwärter, 18.04.1942, S. 2. 1927 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) angeordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 4. 1928 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den 27. Offizieranwärterlehrgang, 10.09.1942, S. 1. 1929 Vgl. ebd., S. 1. 1930 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Lagerbauer (Gendarmerieschule Deggingen) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit v. 4.11.41 bis 17.12.41 an der Gend.-Schule in Deggingen/Württ. stattgefundenen 2. Vorb.Lehrgangf. Offiziersanwärter, 20.12.1941, S. 4. 352 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate den Lehrgang nachteilig aus, „daß Männer zum Lehrgang kamen, die noch nie vor der Front standen“.1931 Nur mit besonderer Sorgfalt und viel Mühe gerade gegenüber den Österreichern habe das Lehrpersonal versucht, diesen Missstand zu beheben.1932 Dass die österreichischen Beamten der deutschen Ausbildung „mit großer Angst und erheblichen Minderwertigkeits gefühlen entgegensehen“, bemerkte Lagerbauer auch in früheren Kursen, die solche Polizis ten auf die Offizierslauftahn vorbereiten sollten.1933 Allerdings würdigte er gleichzeitig ihren Leistungswillen und Verstand. Deshalb müssten die Ausbilder ihnen wohlwollender begeg nen und Verständnis dafür auftringen, dass die Österreicher den Drill noch nicht so gewohnt seien wie ihre deutschen Kollegen. Schließlich wäre es bedauerlich, „wenn die deutsche Po lizei dieses gute Menschenmaterial bei der Führerauslese zurückstehen ließe“.1934 Nicht ganz so verständnisvoll begegnete der Kommandeur der Brucker Schule den „Ost märkern“. Die Polizisten des Alpenlandes waren es nämlich, die auch Hagemann bereits ne gativ aufgefallen waren, weil gerade sie es gewesen seien, die nur mangelnde Deutschkennt nisse vorweisen konnten und auch militärisch wenig erfahren seien.1935 Selbst das Hauptamt Ordnungspolizei musste bereits während des 12. OAL erkennen, dass einige der österreichi schen Teilnehmer nicht in der Lage sein würden, das Ziel des Lehrgangs zu erreichen, „da sie nach den Beurteilungen nicht entwicklungsfähig sind und eine Wiederholung der Aus bildung aussichtslos ist“.1936 Zwar besserten sich ihre Leistungen in einzelnen Lehrgängen während des Krieges geringfügig, wie etwa der 6. Revier-OAL belegt.1937 Doch konnten die Polizisten aus Österreich nie so recht das abrufen, was der deutsche Ausbildungsapparat von ihnen verlangte. Das lag unter Umständen aber auch daran, dass die Standorte ihre Beam ten mit den falschen Grundlagen an die Lehrgänge schickten. So seien die österreichischen Teilnehmer des 8. Revier-OAL im Jahre 1942 sehr erstaunt gewesen, als die Brucker Lehrer sie mit dem deutschen Strafrecht konfrontierten. Im Vorbereitungskurs hätten sie noch das 1931 Ebd., S. 6. Hervorhebung im Original. 1932 Vgl. ebd., S. 6. Allerdings fielen nicht alle österreichischen Beamten bei Lagerbauer in Ungnade. So lobte er als Leiter eines Unterführer-Lehrgangs für Gendarmerie-Abteilungsführeranwärter einige Teilnehmer aus der „Ostmark“, die in diesem Kurs zwar große Mängel beim Exerzieren und der Be fehlssprache gehabt hätten. Dennoch seien sie in diesem Fall durch Kameradschaftlichkeit, Fleiß und großes Engagement positiv aufgefallen, weshalb die Ausbilder in einem Offiziersanwärterlehrgang die sen Kandidaten wohlwollend gegenüberstehen sollten. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 118, Abdruck: Lagerbauer (Unterführerlehrgang Haar) an StMdI: Erfahrungsbericht über den Unterfüh rerlehrgang für Gend.-Abteilungsführeranwärter vom 26.02.41 bis 9.4.41 in der Gendarmerie-Kaser ne in Haar bei München, 24.04.1941, S. 2 f. Ein weiteres mildes Urteil von Lagerbauer liefert ferner: BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Abschrift: Lagerbauer (Gendarmerieschule Deggingen): Erfahrungsbericht über den Vorbereitungslehrgang für Offizieranwärter an der Gendarmerieschule Deggingen, 27.08.1941, S. 3 f. 1933 Ebd., S. 3. 1934 Ebd., S. 4. 1935 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) angeordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 4. 1936 BayHStA München, Polizeischule FFB 123, RFSSuChdDtPol: Vermerk, 21.02.1939. 1937 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des mit RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 2. 353 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k alte Gesetz aus der Heimat gelernt, das jedoch bereits mit dem „Anschluss“ obsolet gewor den war.1938 Was so manchem Beamten der Ordnungspolizei angeblich an Intelligenz und Wissen fehl te, konnte er durch Einsatzbereitschaft und Fleiß zumindest ansatzweise wieder ausgleichen. Deshalb ließ es sich Arno Hagemann nicht nehmen, in mehreren Erfahrungsberichten dar auf hinzuweisen und anzuerkennen, wie sehr sich die Teilnehmer doch zumindest ange strengt hätten.1939 So könne für den 32. OAL gesagt werden, „daß die Männer mit Lust und Liebe bei der Sache waren und das Bestreben hatten, allen an sie gestellten Anforderungen sowohl in geistiger als auch in körperlicher Hinsicht gerecht zu werden“.1940 Anders verhielt es sich gerade bei jenen Anwärtern, die gegen ihren Willen zum Lehrgang abgeordnet wur den und eigentlich überhaupt nicht die Offizierslauffiahn einschlagen wollten. Für den Kom mandeur war damit klar, dass von solchen Kandidaten kein Engagement zu erwarten sei. Zu dem würde ihre Teilnahme nur unnötig die Reichskasse belasten, was bei der zukünftigen Rekrutierung der Männer beachtet werden müsse.1941 Solche Verhaltensweisen waren jedoch kein isoliertes Phänomen, das sich nur auf einen Lehrgang beschränkte. Bereits zu Friedenszeiten litten einzelne Kurse unter dem Desinter esse und dem fehlenden Fleiß ihrer Teilnehmer.1942 Sicherlich waren Faulheit und mangeln des Engagement nichts, was sich exklusiv in der Polizeiausbildung beobachten ließ. Aller dings kann ein solches Verhalten auch als eine Form von stillem Protest interpretiert werden, den jene Schüler an den Tag legten, die keineswegs davon begeistert waren, Polizeioffizier zu werden. So erging es nicht ausschließlich, aber insbesondere denjenigen Anwärtern, denen eigentlich eine Karriere in der Schutzstaffel vorschwebte.1943 Das war etwa bei den Teilneh mern des 1. Offiziersausbildungslehrgangs der Fall, die aus der SS in den Polizeidienst über nommen wurden. Über sie urteilte Dr. Fritz Schade, dass sie für polizeiliche Belange nicht allzu viel übrig hätten. Ein Teil der Schüler würde gar nicht erst verbergen wollen, „daß sie nicht freiwillig zur Polizei gekommen waren und keinerlei Interesse an ihr hatten“. Sie hät ten den Lehrgang als reine Zeitverschwendung betrachtet und ihr Verhalten „zeigte eine gro 1938 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 3. 1939 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 5; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev. Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 4. 1940 BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 6. 1941 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 5. 1942 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des Lehrg. zur Fortsetzung des 2. u. 3. Offz.-Ausbildungslehrg. für Oberlt. u. Lt. der Schutzpol., 22.03.1939, S. 3. 1943 Auch viele ältere Anwärter scheinen kein Interesse an der Offiziersausbildung gehabt zu haben, wie der Erfahrungsbericht zum 6a. Revier-OAL nahelegt. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 142, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 6a Rev.Offizieranwärter-Lehrganges, 23.12.1941, S. 2. 354 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate ße Hochachtung vor der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Wissen, ohne daß sich ein stichhaltiger Grund hierfür entdecken ließ“.1944 Diese Offiziersanwärter hätten sich sehr arrogant benommen, weil ihnen der Kursus un ter ihrer Würde erschienen sei, weshalb sie die Schulordnung oftmals einfach ignoriert hät ten. Ihre Arbeitsmoral verschlechterte sich sogar noch mehr, nachdem der Lehrgang für den „Anschluss“ Österreichs kurzzeitig unterbrochen werden musste.1945 Dementsprechend fiel auch Schades Urteil aus, der davon sprach, dass solche Teilnehmer „nicht den Typ des fri schen, geistig wendigen Leutnants dar[stellen würden], den die Schutzpolizei braucht, wenn sie den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden soll“.1946 Daher müsse eine bessere Auslese vorgenommen werden, um solche Kandidaten von vornherein auszusondern. Au ßerdem komme der Polizeiapparat nicht umhin, den Sold für die Beamten der Schutzpoli zei anzuheben, damit geeignetes Personal für den Dienst in der Staatsmacht motiviert wer de. Von den geistigen Fähigkeiten und dem Betragen dieser Schüler war der Kommandeur jedoch sehr enttäuscht.1947 Eine ähnliche Situation herrschte beim 2. und 3. Offiziersausbildungslehrgang, der sich ebenfalls aus SS-Angehörigen zusammensetzte. So musste Schades Nachfolger, Gerret Kor semann, ebenso ernüchtert feststellen, dass diese SS-Führer in die Ordnungspolizei „und da mit in einen Lebensberuf überführt worden [seien], den sie sich selbst nicht gewünscht ha ben. Die Folge davon ist, daß sie für die polizeilichen Dinge wenig Interesse zeigen.“1948 Die Vertreter von Himmlers Weltanschauungselite waren wohl nicht nur enttäuscht, weil ihre ursprünglichen Karrierewege versperrt blieben. Ihnen missfiel offensichtlich auch, dass ihr Arbeitsleben in der uniformierten Polizei stattfinden sollte, was diese Männer anscheinend als berufliche und persönliche Niederlage ansahen. In ihren Köpfen verschmolz die SS also keineswegs so einfach mit der Polizei, wie ihr oberster Dienstherr es gerne gesehen hätte. Ein recht großer Altersunterschied in einzelnen Lehrgängen wirkte sich ebenfalls nachtei lig auf den Unterricht aus, was auch die Schulleitung nicht verschwieg. Als das Hauptamt Ordnungspolizei die ersten Offiziersanwärterlehrgänge einberief, legte es zunächst fest, dass die Bewerber ein Alter von 26 Jahren nur in absoluten Ausnahmefällen übersteigen dürften, wenn sie etwa herausragende Leistungen und Führungskompetenzen besäßen.1949 Zunächst versuchte der Ausbildungsapparat, sich an diesen Vorgaben zu orientieren, wobei einige Teil nehmer diese Altersgrenze schon in den Kursen der Vorkriegszeit überschritten. Ein Beispiel dafür ist der 8. OAL, von dessen 76 Anwärtern 53 zwischen 23 und 26 Jahre alt, hingegen 23 Teilnehmer mitunter deutlich älter waren.1950 Aufgrund des enormen Personalbedarfs muss 1944 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Abdruck: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 1. Offz.-Ausbildungslehrg. für Ltn.d.Schutzpolizei, 01.07.1938, S. 3. 1945 Vgl. ebd., S. 3. 1946 Ebd., S. 5. 1947 Vgl. ebd., S. 5 f. 1948 BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 2. u. 3. Offz.-Ausbildungslehrg. für Oberlt.u.Lt.d.Schutzpol., 13.07.1939, S. 2. 1949 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Entwurf: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der Ausbildung von Wachtm. (SB.) der O rd nungspolizei für die Offizierlaufoahn (8. Offz.-Anwärterlehrg.), 12.08.1938, S. 2 f. Ferner: RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 03.02.1938, in: RMBliV, 09.02.1938, Nr. 6, Sp. 227 f. 1950 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 122, Entwurf: Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung der Ausbildung von Wachtm. (SB.) der Ord- 355 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k te sich der Polizeiapparat jedoch rasch von seinen Idealen verabschieden und die Altershür de fallen lassen. Im 28. OAL etwa war der jüngste Teilnehmer 20 Jahre alt, während der äl teste Anwärter 43 Lebensjahre zählte.1951 In den Lehrgängen für Polizeireservisten war die Altersspanne sogar noch größer, so dass sie etwa im 26. Reserve-OAL von 21 bis 51 Jahren bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren reichte.1952 Gerade das erscheint regelrecht gro tesk, weil in diesen Kursen Männer gemeinsam ein berufliches Niveau erreichen wollten, die hinsichtlich ihres Alters auch Vater und Sohn hätten sein können. Ähnliche Verhältnisse las sen sich auch den Berichten zu anderen Lehrgängen entnehmen.1953 Weil sich insbesondere in den Revier-Offiziersanwärterlehrgängen viele Teilnehmer be fanden, die über 40 oder sogar über 50 Jahre alt waren, zeigte sich der Schulleiter sehr ent täuscht darüber, dass sie nur bedingt aufnahme- und leistungsfähig waren wie auch körper lich schnell an ihre Grenzen stießen.1954 Zwar bemühte sich Hagemann, „die Verdienste um die nationalsozialistische Bewegung und die langjährige Parteizugehörigkeit“ der älteren Herren zu berücksichtigen, doch konnten diese Faktoren nicht alle Mängel vergessen ma chen.1955 Das Problem lag auch darin, dass in diesen Fällen junge Polizisten und „alte Hasen“ gemeinsam ihre Ausbildung zum Polizeioffizier durchliefen. Dadurch standen sich nahezu unerfahrene Männer und Routiniers gegenüber, da letztere schon allein eine größere Anzahl an Dienstjahren vorweisen konnten. Aber nicht in jedem Lehrgang gab es dieses Problem, wie der 12. OAL zeigt, bei dem ein geringer Unterschied zwischen den Schülern bestand, zu mindest was ihr Alter betraf.1956 Doch auch eine homogene Altersstruktur verhinderte nicht, dass die Polizeischule mit ihren Anwärtern meist unzufrieden war. Ebenso prekär war es, wenn die angehenden Offiziere insgesamt recht alt und damit die Lehrgänge überaltert wa ren. Obwohl die Polizei auf junge und frische Nachwuchskräfte aus war, musste sie sich da mit begnügen, dass in den meisten Offiziersanwärterlehrgängen ein Durchschnittsalter von deutlich über 30 Jahren herrschte.1957 nungspolizei für die Offizierlaufoahn (8. Offz.-Anwärterlehrg.), 12.08.1938, S. 1. 1951 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 3. 1952 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 1. 1953 Im 27. OAL lag das Alter der Schüler zwischen 22 und 42 Jahren. Vgl. BayHStA München, Polizei schule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durch führung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. Das Durchschnittsalter im 32. OAL betrug 34 Jah re. Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 131, H agem ann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 1 f.; BayHS tA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 1 f. 1954 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 1 und 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 142, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 6a Rev.Offizieranwärter-Lehrganges, 23.12.1941, S. 2. 1955 BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 1. 1956 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2 f. 1957 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 3. 356 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Die dürftigen Ergebnisse vieler Kurse führte Hagemann auch darauf zurück, dass das Per sonal an der Polizeischule häufig wechselte, weil einige Fachlehrer krank, versetzt oder ab geordnet wurden.1958 Denn gerade in den theoretischen Unterrichtsfächern mangelte es an Lehroffizieren, was die Ausbildung sehr behinderte.1959 Dass an der Brucker Lehranstalt etwa im Fach Polizeitaktik zeitweise kein vollwertiger Lehrer vorhanden war, „wirkt sich“, laut Ha gemann, „auf die Durchbildung des Offiziernachwuchses in diesem zur Zeit besonders wich tigen Wissensgebiet sehr nachteilig, ja verhängnisvoll aus“. Deswegen bestand der Komman deur darauf, „den erhöhten Ansprüchen genügende Lehrkräfte mit Fronterfahrung“ zu erhalten.1960 Zudem hoffie er, dass „die Kräfte des Lehrkörpers an einer Offizierschule mög lichst lange Zeit tätig sein würden“, was belegt, wie stark der Wechsel innerhalb des Brucker Stammpersonals den Schulbetrieb beeinträchtigte.1961 Gerade die älteren Schüler hatten selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und suchten daher oft die Krankenstation auf, was dem Kommandeur ebenfalls deutlich missfiel.1962 Gegen Ende des Krieges machte sich außerdem der Fronteinsatz bei den Polizisten gesundheitlich deutlich bemerkbar.1963 Wegen all dieser Probleme waren aber nicht nur viele Schüler überfordert. Auch die Leh rer stießen regelmäßig an ihre Grenzen. Weil es ihren Schützlingen schon an grundlegen dem Vorwissen fehlte und sie zunächst einmal diese Lücken schließen mussten, reichte den Lehroffizieren oftmals die Zeit nicht aus, um den gesamten Stoff durchzunehmen. Als die Dauer der Lehrgänge in den Kriegsjahren noch weiter verkürzt wurde, erschwerte das die Lage noch zusätzlich, die ohnehin schon angespannt war. Zu dem großen Mangel an wirk lich geeignetem Personal gesellte sich also ein enormer Zeitmangel, den der Kriegsverlauf und die politische Führung zunehmend vergrößerten. Selbst Schüler des 21. OAL hätten sich laut Hagemann sogar schon darüber beklagt, dass der Lehrgang zu kurz gewesen sei.1964 Es finden sich daher zahlreiche Berichte, in denen sich der Kommandeur darüber ausließ, wie wenig Zeit dafür vorhanden sei, den Offiziersnachwuchs adäquat auszubilden.1965 Deshalb 1958 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 3. 1959 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 4. 1960 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 5. 1961 BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 4. 1962 Vgl. u. a. ebd., S. 4; BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 2. 1963 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Haupt am t Ordnungspolizei: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 2. 1964 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 3. 1965 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 3; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 3 f. 357 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k sprach er sich vehement dagegen aus, die Kursdauer noch weiter zu reduzieren, was beim Hauptamt Ordnungspolizei jedoch auf taube Ohren stieß.1966 Wenngleich diese unnachgie bige Position auf den chronischen Personalmangel zurückzuführen war, wirkte sie sich un günstig darauf aus, dass wirklich brauchbare Polizeiführer die Offiziersschulen verließen. Weitere Folgen des Krieges erschwerten den Unterricht noch zusätzlich. Benzinmangel und Brennstoffinappheit führten zuweilen dazu, dass manche Lehrgänge ihr Gefechtstrai ning nur auf dem hauseigenen Exerzierplatz und nicht im fremden Gelände absolvieren konnten. Der Schule mangelte es zudem an Waffen, Munition und anderen Gerätschaften, aber auch an Anschauungsmaterial, wie Bildtafeln von Waffen und deren Einzelteilen. Fer ner vermisste sie aktuelle Vorschriften, die auf den Truppeneinsatz der Polizeikräfte ausge richtet waren.1967 Während des Zweiten Weltkriegs konnte die Brucker Bildungsanstalt von solchen Dingen oftmals nur träumen. Bittgesuche und Appelle an das Hauptamt Ordnungs polizei blieben meist ungehört. Das Geschehen auf den Schlachtfeldern beeinträchtigte die Offiziersausbildung der Ord nungspolizei auch in anderer Hinsicht. Denn in den Lehrgängen waren einige Polizisten, die bereits in den eroberten Gebieten oder gar an der Front eingesetzt waren. Das brachte zwei erlei Konsequenzen mit sich. Zum einen war dieser Kriegseinsatz eine Ursache dafür, war um etliche Anwärter unzureichend vorgebildet waren und sie sich in den theoretischen Dis ziplinen kaum auskannten. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil diese „Praktiker“ in den besetzten Gebieten anderen Aufgaben nachgingen, als sich eingehend mit rechtlichen Be langen auseinanderzusetzen. Was sie dort erlebt hatten, ging an den Ordnungspolizisten zum anderen nicht spurlos vorbei. Das fiel auch Kommandeur Hagemann auf, wenn er bemerk te, dass die Teilnehmer des 25. OAL „zum Teil noch sehr an den Strapazen, die sie beim Osteinsatz zu ertragen hatten, litten“.1968 Es bleibt zwar der Fantasie überlassen, was er kon kret damit meinte. Doch kann durchaus davon ausgegangen werden, dass viele Polizisten von dem geprägt wurden, was der „auswärtige Einsatz“ mit sich brachte. Gerade in der zwei ten Kriegshälfte gelangten „Ordnungshüter“ in die Polizeischulen, die bereits am eigenen Leibe erfahren hatten, welche Tätigkeiten sie nach Ende des Lehrgangs wieder aufnehmen sollten. Für den Polizeiapparat war es sehr wichtig, dass seine Angehörigen einen entsprechenden Korpsgeist herausbildeten, der es ihnen ermöglichte, sich mit der Schicksalsgemeinschaft der Ordnungspolizei zu identifizieren. Mehr noch sollten die Polizisten untereinander innige Kameradschaften pflegen, die das Individuum in die Dienststellen oder Einheiten integrier ten und damit den polizeilichen Einsatz erleichterten. Weil das nicht nur für das NS-Regime, sondern auch innerhalb der Polizeischule so bedeutsam war, äußerten sich die Kommandeu re in ihren Berichten über das kameradschaftliche Verhalten der Teilnehmer untereinander. Was den gemeinschaftlichen Umgang der Schüler anbelangt, fielen die Ergebnisse allerdings 1966 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 124, Abdruck: I. V. Hösl (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 21. Offizieranwärterlehrganges, 26.08.1941, S. 3. 1967 Vgl. ebd., S. 4; BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 3; BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 144, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungs bericht über die Durchführung des m it RdErl.v.10.12.1941 (MBliV.S.2232 i) angeordneten 12.Res.Offizieranwärterlehrganges, 16.04.1942, S. 2. 1968 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) ange ordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 2. 358 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate eher durchwachsen aus. So sei dieser, laut Schade, während des 12. OAL zunächst schlecht gewesen, was sich aber im Laufe des Kurses deutlich gebessert habe, weil es das Lehrpersonal verstanden habe, die Teilnehmer „zur Pflege der Kameradschaft zu erziehen“.1969 Doch der Schulleiter begnügte sich nicht damit, auf solche Umgangsformen bloß hinzu weisen, weshalb er auch nach deren Ursachen suchte und dies ebenfalls zu Papier brachte. Dass das kameradschaftliche Benehmen des 12. OAL anfänglich nicht zufriedenstellend war, führte er auf mehrere Aspekte zurück. Zunächst habe es sich bei den Teilnehmern durch schnittlich um Reservisten der Wehrmacht gehandelt, die mitunter lange an der Front gewe sen und durch ihre Erfahrungen im Krieg nachhaltig geprägt worden seien. Deswegen sei es ihnen recht schwer gefallen, einen Zugang zu den anderen Schülern zu finden. Da die Teil nehmer ferner aus ganz „Großdeutschland“ stammten, hätten sich einzelne Grüppchen he rausgebildet, die sich nach ihrer regionalen Herkunft zusammensetzten.1970 Ob Schades Ana lyse der W irklichkeit entsprach, ist nicht mehr zu ermitteln. Es bedeutete allen Kommandeuren jedoch viel, wie sich ihre Schüler betrugen und welches Verhalten sie dabei an den Tag legten. Deshalb dürfte es sie mit Freude erfüllt haben, wenn sie nichts daran zu beanstanden hatten. „Die gute Haltung, einwandfreie Führung und der kameradschaftliche Geist sind besonders hervorzuheben“, urteilte Hagemann etwa über den 27. OAL.1971 Ähnlich zufrieden bewertete er auch einige andere Lehrgänge, die ebenfalls wenig Anlass zu Tadel gaben.1972 In den Erfahrungsberichten äußerte sich der Kommandeur nicht nur darüber, wie er die Stimmung in den Kursen oder die Qualität ihrer Teilnehmer einschätzte. Er nahm darin auch einzelne Fächer oder ganze Fächergruppen unter die Lupe. Für bestimmte Disziplinen konn te der Schulleiter eine positive Bilanz ziehen. Allerdings überwogen in diesen Berichten wie der Klagen darüber, welch schlechte Leistungen die einzelnen Lehrgänge abgeliefert hätten. Besonders prekär war dies, wenn sich solche Defizite auf militärischem Gebiet offenbarten. In der Vorkriegszeit waren hierbei erneut die österreichischen Offiziersanwärter besonders unangenehm aufgefallen, wie der Erfahrungsbericht zum 10. OAL zeigt, den der Kursleiter Hans Hösl verfasst hatte. Ihm zufolge hätten sie nicht einmal die entsprechenden Grundbe griffe gekannt, weshalb die Teilnehmer auch nach Abschluss des Lehrgangs nicht vollstän dig militärisch ausgebildet gewesen seien und auf diesem Feld noch erhebliche Mängel be sessen hätten. Diese Schwächen seien mit dafür verantwortlich gewesen, dass über 40 % der 1969 BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2. 1970 Vgl. ebd., S. 2. 1971 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 3. 1972 Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 3. Weitere Erfahrungsberichte lobten auch das kameradschaftliche Verhalten der Teil nehmer. Vgl. z. B. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Korsemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des 2. u. 3. Offz.-Ausbildungslehrg. für Oberlt.u.Lt.d.Schutzpol., 13.07.1939, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 144, Entwurf: Hage m ann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die D urchführung des m it RdErl.v.10.12.1941 (MBliV.S.2232 i) angeordneten 12.Res.Offizieranwärterlehrganges, 16.04.1942, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 6; BAB R 20/70, Abschrift: Po lizeischule FFB an RFSSuChdDtPol: Res.Offizieranwärterlehrgang für SA-Führer, 16.12.1942, S. 2. 359 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Teilnehmer gescheitert seien, obwohl das Lehrpersonal mit einem milden Maßstab geurteilt habe.1973 Daher schlug Korsemann ergänzend vor, den gesamten Kurs in Fürstenfeldbruck noch einmal gesondert zu einem dringend nötigen Gruppen- und Zugführerlehrgang antre ten zu lassen. Schließlich handle es sich bei den meisten Kandidaten um „wirklich idealisti sche Kämpfer der Bewegung und hochwertige Charaktere, die auf Grund dieser Qualitäten auch dann einen wertvollen Zuwachs für das Polizeioffizierskorps bedeuten, wenn sie auf diesem oder jenem Fachgebiet auch nicht sofort ganz mitkommen“.1974 Ganz so kulant zeigte sich die Staatsmacht während des Krieges jedoch nicht mehr, da ihr durchaus bewusst war, wie gefährlich es für die Polizeieinheiten werden konnte, wenn deren Führer in ihrem militärischen Wissen Lücken besaßen. Himmlers gesamter Polizeiapparat wollte sich darauf verlassen können, dass seine Offiziere in der Lage waren, besonders im Ernstfall die richtigen Befehle zu erteilen. Umso beklemmender muss es für den Reichsführer-SS gewesen sein, wenn einige Erfahrungsberichte aus den Kriegsjahren darauf hinwie sen, dass für viele Männer ausgerechnet derjenige Unterricht vollkommen neu war, der sie auf den Frontdienst vorbereiten sollte. Gerade in dieser Phase erscheint ein solcher Befund paradox. Es kamen doch besonders in der zweiten Kriegshälfte viele Teilnehmer zu den Lehr gängen, die sich bereits im „auswärtigen Einsatz“ befunden hatten.1975 Über den Taktikunterricht des 27. OAL schrieb Hagemann etwa, er sei den Schülern „in den ersten Wochen besonders schwer gefallen, da sie keinerlei Kenntnisse auf diesem Gebiet mitbrachten“.1976 Besondere Probleme traten anscheinend in der Befehlsgebung auf, wie aus weiteren Berichten ersichtlich ist.1977 Deshalb reagierte die Brucker Lehranstalt und speckte diesen ttem enkom plex inhaltlich einfach ab, wie das Beispiel des 33. OAL belegt: „Durch Weglassen alles Unwesentlichen und Abstellen des Unterrichts und der durchzuspielenden Lagen auf die künftige Verwendung war es [ . ] möglich, sie so weit zu bringen, daß sie rest 1973 Vgl. BAB, R 20/69, Hösl (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol - Ausbildungsamt: Erfahrungsbe richt über die Durchführung des 10. Offz.-Anwärter-Lehrg., 15.04.1939, S. 2 f. 1974 BAB, R 20/69, Korsemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol - Ausbildungsamt: Zusatz zum Er fahrungsbericht über die D urchführung des 10. Offz.-Anwärter-Lehrg., 15.04.1939, S. 6. Vgl. auch Matthäus, Judenfrage, S. 55. Ferner: Westermann, Police Battalions, S. 105. 1975 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 139, Entwurf: I. A. Diez (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 2.Rev.Offz.Anw.-Lehrganges, 10.04.1941, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 140, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 4.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 29.07.1941, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 1; BayHStA München, Polizeischule FFB 145, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungs bericht über die Durchführung des mit RdErl. vom 2.3.1942 (MBliV.S.532) angeordneten 15. Res. Offizieranwärterlehrganges, 06.08.1942, S. 2 f.; BayHStA München, Polizeischule FFB 148, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Hauptamt Ordnungspolizei: Erfahrungsbericht über die D urch führung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 2 f. 1976 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. 1977 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 120, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Belehrungsübungen der Offz.-Ausb.-Lehrgänge für Leutnante der Schutzpolizei, 18.07.1938, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 2. 3 6 0 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate los als Truppenoffiziere eingesetzt werden können.“1978 Nur solche Abstriche halfen dabei, die Polizisten zumindest einigermaßen auf den Kampfeinsatz vorzubereiten. Diese Metho de änderte jedoch herzlich wenig daran, dass viele Männer große Wissenslücken aufwiesen. Auch in der Feldkunde beklagte Hagemann „eine begrenzte Aufnahmefähigkeit“ und „ein recht bescheidenes Vorstellungsvermögen“ der Teilnehmer des 38. OAL.1979 Viele Schüler könnten sich nicht adäquat mithilfe von Landkarten im Gelände orientieren und ihre Lage richtig beurteilen, wobei diese Defizite auch noch durch sprachliche verstärkt worden seien. Das habe sich erst gegen Ende des Lehrgangs gebessert, so dass alle Absolventen nun über die Grundlagen verfügt hätten, um selbstständig weiter zu üben.1980 Allerdings taten sich hin und wieder Lichtblicke auf, wie der Abschlussbericht zum 39. OAL zeigt. Ausbildungsziel sei bei diesem Kursus gewesen, die angehenden Polizeiführer zu Schieß lehrern zu erziehen, was auch gelungen sei.1981 Derlei Erfolge waren jedoch darauf zurückzu führen, dass die Lehrgänge ab 1943 ohnehin auf fast rein militärische Aspekte ausgerichtet waren. Daher war Hagemann etwa mit dem 41. OAL zumindest dahingehend zufrieden, dass die Teilnehmer in der Lage gewesen seien, mit Panzerfaust und anderen Kriegswaffen um zugehen und ihre Untergebenen darin zu unterweisen.1982 Polizeiliches Fachwissen konnte von solchen Beamten allerdings kaum erwartet werden, was den Wert einer solchen Ausbil dung wieder deutlich minderte. Die wenigen Fälle, in denen der Kommandeur mit dem mi litärischen Wissen der Polizeischüler zufrieden war, können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass es in einigen Kursen auf diesem Sektor zahlreiche Mängel gab. Dass diese Wahrnehmung nicht auf Fürstenfeldbruck beschränkt war, zeigt ein Bericht von Max Lagerbauer, der unter anderem für den 3. Vorbereitungslehrgang in Mariaschein verantwortlich zeichnete. „Die Lehrgangsteilnehmer“, so der Kommandeur, „kamen bis auf ganz wenige mit sehr mangelhaften, militärischen Kenntnissen zum Lehrgang“.1983 Diese woll ten eigentlich Verwaltungsbeamte werden und hätten fast keine Ahnung von der militäri schen Ausbildung, wobei sie in allen Teilgebieten Schwächen aufwiesen. Zwar hätten sich ihre Leistungen im Laufe des Lehrgangs verbessert. Aber die Zeit sei erneut viel zu kurz ge wesen, um den Lehrstoff vollständig durchzunehmen.1984 Über die Teilnehmer des 4. Aus wahllehrganges stellte ein Bericht im Juni 1943 fest, dass diese oftmals nicht einmal eine Grundausbildung absolviert hätten und deswegen erhebliche Defizite im militärischen Be reich aufwiesen.1985 Etwa die Hälfte der Kandidaten befanden die Lehroffiziere deshalb für 1978 BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 2. 1979 BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 2. 1980 Vgl. ebd., S. 2. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Hagemann auch beim 41. OAL. Vgl. BayHStA M ün chen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungs bericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 3. 1981 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 2. 1982 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 2. 1983 BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 128, Lagerbauer (Polizeiunterkunft Mariaschein) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den in der Zeit vom 4.3.42-18.04.42 an der Pol. Unterkunft in Mariaschein b.Aussig stattgefundenen 3. Vorb.Lhrg.f.Offz.Anwärter, 18.04.1942, S. 3. 1984 Vgl. ebd., S. 3 f. 1985 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 133, [unleserlich] (Polizeischule Mariaschein) an RFS SuChdDtPol: 4. Auswahllehrgang für Offizieranwärter, 18.06.1943, S. 10. 361 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k untauglich, das Lehrgangsziel zu erreichen, „wenn ohne Überspitzung in den Forderungen eine Verflachung des Offizierkorps durch Massenherstellung von Offizieren vermieden wer den soll“.1986 Polizeitaktik und Zugführerausbildung wurden durch die Kriegslage schon allein deshalb immer bedeutender, weil einige Kursteilnehmer unerfahren und bisher einseitig in den Dienststellen eingesetzt worden waren. Während des 33. OAL weitete Hagemann etwa den ersten, rein militärischen Ausbildungsabschnitt von 12 auf 16 Wochenstunden aus, weshalb der Fachunterricht jedoch um vier Stunden gekürzt werden musste.1987 In den nachfolgen den Lehrgängen hielt der Trend an, die militärischen im Vergleich zu den rechtlichen, poli zeidienstlichen und politischen Disziplinen noch stärker in den Vordergrund zu stellen. Da bei kürzte Hagemann die Stunden in den - wie er sich ausdrückte - „weniger wichtigen Fächern“ auch im zweiten Abschnitt der Lehrgänge, die dann nur die allerwichtigsten The men behandeln konnten.1988 Damit degradierte er die rechtlichen und polizeidienstlichen Disziplinen, deren wenige Unterrichtsstunden nicht darüber hinwegtäuschen konnten, dass die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei zu fast rein militärischem Drill verkommen war. Stattdessen richtete der Polizeiapparat den Lehrplan nahezu vollständig auf den Kriegsein satz aus und führte die Fächer Feldkunde sowie das Waffen- und Pionierwesen ein, mit dem die künftigen Polizeiführer ihre Schwierigkeiten hatten.1989 Wie aus einem Bericht zum 11. Vor bereitungslehrgang aus dem Jahre 1944 hervorgeht, habe dieser noch stärker militärisch ge prägte Unterricht selbst denjenigen Kandidaten Probleme bereitet, die bereits einige Erfah rungen an der Front gesammelt hätten.1990 Solche Schritte dokumentieren erneut, dass die militärischen Inhalte während des Zwei ten Weltkriegs noch weiter an Bedeutung gewannen, obwohl sie die Offiziersausbildung oh nehin schon seit der Weimarer Republik dominierten. Nun nahm der Militärdrill also noch mehr Raum in den Lehrgängen ein. Das lag aber nicht nur darin begründet, dass ein Groß teil der Schüler auf diesem Gebiet völlig unbedarft war. Auch wirkte es sich ungünstig auf den übrigen Fachunterricht aus, dass das Lehrpersonal über nur wenig Zeit verfügte, den Stoff zu behandeln. Schon allein deshalb mussten sie sich auf die militärischen Disziplinen konzentrieren, um die Anwärter auf die Verhältnisse im Frontgebiet vorzubereiten. Kom mandeur Hagemann stimmte es daher zumindest zufrieden, dass sich das Gelände im Um kreis der Polizeischule für diese Zwecke hervorragend eigne.1991 Auch wenn sie in den militärischen Fächern noch einiges zu lernen hatten, zeigten die Po lizisten aber, was sie sportlich zu leisten imstande waren. Anscheinend hatte die Mehrheit der Offiziersanwärter daher die wenigsten Probleme in der Körperschulung. Deshalb war der Kommandeur meist recht zufrieden, wenn er das physische Leistungsvermögen oder den 1986 Ebd., S. 11. 1987 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 2. 1988 BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2. 1989 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 134, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS- SuChdDtPol: Erfahrungsbericht, 10.05.1944, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [un leserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 3. 1990 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, [unleserlich] (Polizeischule Heidenheim) an RFS SuChdDtPol: 11. Vorbereitungslehrgang für Offizieranwärter, 05.04.1944, S. 1. 1991 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 3. 3 62 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Gesundheitszustand seiner Schüler beurteilte.1992 Über die Teilnehmer des 27. OAL schrieb Hagemann etwa Folgendes: „Die Männer waren durchweg widerstandsfähig, gut gewachsen und hatten ein ansprechendes Aussehen.“1993 Daran lässt sich ablesen, wie sehr speziell der Schulleiter, aber auch generell der Ausbildungsapparat darauf achteten, dass sein Offiziers nachwuchs körperlich belastbar und stattlich gebaut war, wie es den NS-Ideologen vorschweb te. Wenn eine Großzahl der Schüler geistig nicht zu Höchstleistungen aufdrehte, hatten sie zumindest physische Stärken vorzuweisen, auf welche die Ordnungsmacht großen Wert leg te. Allerdings galt diese positive Bilanz abermals nicht für die österreichischen Anwärter des 12. OAL, die Schade zufolge „nicht hart genug gegen sich selbst“ gewesen seien.1994 Ebenfalls durchwachsen fiel das Urteil aus, wenn es um die rechtlichen Fächer in der Of fiziersausbildung ging. Passable Kenntnisse glaubte Hagemann bei den Schülern des 22. OAL vorfinden zu können. Zumindest könne der Unterricht auf ihrem Vorwissen aufgebaut wer den, so dass die Anwärter nicht komplett neu in die Materie eingeführt werden müssten.1995 Auch ein Großteil der Teilnehmer des 25. OAL habe über ein solides Wissen in den Rechts disziplinen verfügt, wobei sie jedoch mit dem Bürgerlichen Recht kaum vertraut gewesen seien.1996 Andere Lehrgänge wiesen aber auch in diesem Bereich mitunter erhebliche Wis senslücken auf. Selbst ältere und im Polizeidienst erfahrene Beamte hätten Hagemann zufol ge kaum Ahnung von den Vorschriften gehabt, obwohl sie diese schon seit vielen Jahren voll strecken müssten.1997 Die Ereignisse an den Fronten wirkten sich jedoch auch auf die Rechtskunde aus, so dass die Brucker Institution während des Zweiten Weltkriegs diesen ttem enkom plex nur kurso risch überflog. Stattdessen rückten vor allem die SS- und Polizeigerichtsbarkeit, aber auch Dienststrafordnungen sowie andere Gesetze und Vorschriften in den Vordergrund, die im Laufe des Krieges in der Polizei an Bedeutung gewannen.1998 Insgesamt jedoch kam es zu ei ner „Minderbewertung der rechtlichen Fächer gegenüber der militärischen“, was auch Ha 1992 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die G ruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 2. 1993 BayHStA München, Polizeischule FFB 127, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 27. Offiz.Anw.Lehrg., 07.08.1942, S. 2. 1994 BayHStA München, Polizeischule FFB 123, Dr. Schade (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Gruppen- und Zugführerausbildung des 12. Offz.-Anwärterlehrg., 22.02.1939, S. 2. 1995 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 4. 1996 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) angeordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 3 f. 1997 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 3-5. 1998 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 4; BayHStA München, Poli zeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: 33. Offizieranwär terlehrgang, 16.11.1943, S. 3; BayHStA München, Polizeischule FFB 133, Entwurf: Hagemann (Poli zeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: E rfah ru ng sb erich t ü b er die D u rch fü h ru n g des 35. Offizieranwärterlehrganges, 04.01.1944, S. 2. 363 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k gemann nicht leugnen konnte.1999 Wie sehr die militärischen Aspekte die gesamte Offizier sausbildung immer stärker beherrschten, brachte der Kommandeur anschließend auf den Punkt, wenn er schrieb: „Die vorgesehene Verwendung nach dem Lehrgang weist auch deut lich darauf hin, daß fast nur militärische Verwendung vorgesehen ist.“2000 Allerdings wür den die Absolventen des 39. OAL auf dem rechtlichen Gebiet und vor allem in der SS- und Polizeigerichtsbarkeit ein akzeptables Wissen vorweisen, weshalb sie in diesem Bereich auch als leitende Offiziere eingesetzt werden könnten.2001 Da sich die Lehroffiziere ebenfalls in an deren Lehrgängen nur noch auf die nötigsten rechtlichen Themen beschränkten, überrascht diese positive Bilanz nicht wirklich.2002 Große Unwissenheit fanden die Lehrer gerade in Fächern vor, über welche die Offiziers anwärter bereits recht gut Bescheid wissen sollten. Dazu zählte für Hagemann etwa der Luft schutz, in dem sich ein Großteil der Männer überhaupt nicht auskannte, wie das Beispiel des 22. OAL zeigt. Nur wer schon als Sachbearbeiter in diesem Bereich tätig gewesen sei, bräch te ausreichende Kenntnisse und Erfahrungen für den Unterricht mit. Für die restlichen Lehr gangsteilnehmer sei der Stoff zu umfangreich gewesen, so dass der gesamte Kurs auch am Ende nicht über ein einheitliches Niveau und Wissen verfügte.2003 Die alliierten Luftangriffe veränderten den Unterricht im Luftschutz, der nun die theoretischen und rechtlichen Ge sichtspunkte in den Hintergrund treten ließ und sich stattdessen auf den praktischen Ein satz konzentrierte. Als sich der Bombenkrieg zunehmend vor der eigenen Haustüre ereig nete, versuchten die Lehrgänge in Fürstenfeldbruck zumindest von den Erfahrungen zu profitieren, welche die Staatsmacht bisher gesammelt hatte.2004 Außerdem schlug Hagemann vor, die Fachlehrer kurzzeitig in gefährdete Luftschutzorte zu schicken, damit sie in diesen neuralgischen Gebieten ihr Wissen erweitern könnten, um anschließend den Unterricht pra xisnaher zu gestalten.2005 Selbst wenn das Hauptamt Ordnungspolizei solche Vorschläge tat sächlich aufgriff, scheinen solche Maßnahmen keinen durchschlagenden Erfolg beschert zu haben. Denn weitere Erfahrungsberichte reklamierten in der Folgezeit, dass den Polizisten im Luftschutz das nötige Grundwissen fehlen würde.2006 1999 BayHStA München, Polizeischule FFB 130, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 30. und 31. Offizieranwärterlehrganges, 03.04.1943, S. 2. 2000 Ebd., S. 2 f. 2001 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 5. Zu einem ähnlichen Urteil kam der Kommandeur beim 41. OAL. Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 5. 2002 Vgl. z. B. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 4. 2003 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, 5. 4. 2004 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 3. 2005 Vgl. BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 141, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl.v.14.5.41 (RMBliV.S.932 b) angeordneten 6.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 20.11.1941, S. 4. 2006 Vgl. u. a. BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFS SuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) angeordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 2; BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Ent 364 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Es sollte nicht das einzige Fach sein, bei dem das der Fall war. Auch die Kriminalistik be reitete einigen Schülern gehörige Probleme, wie etwa Hans Hösl beanstandete. Der Brucker Lehrer sah zwar ein, dass Schutzpolizisten keine Experten sein könnten, was die Arbeit der Kriminalpolizei anbelangt. Allerdings sei es auch nicht zuträglich, da die Schutzpolizei auch künftig „die Wiege für den Personalersatz der Sicherheitspolizei“ sei.2007 Bedenklich sei es aber, so Hösl, „wenn schon Gendarmen keine Ahnung von kriminaltechnischen und erken nungsdienstlichen Dingen haben, die für sie zum täglichen Brot gehören müßten“.2008 Sein Fazit fiel dementsprechend nüchtern aus und sollte ein Menetekel für das Himmlersche Sys tem sein: „Es muß mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, daß diese engere poli zeifachliche Ausbildung gerade seit der Verreichlichung der Polizei sich sehr verschlechtert hat.“2009 Überraschend ist, in welch deutlichen Worten Hösl es wagte, Kritik an den Zustän den zu üben, die durch Himmlers Reformprogramm innerhalb der Polizei herrschten.2010 Er musste fürchten, dass der Reichsführer-SS einen solchen Ton nicht dulden würde und auch das Hauptamt Ordnungspolizei allergisch auf derlei Stimmen reagieren könnte. Hösls Urteil deutete schließlich darauf hin, dass der Fehler im System lag. Und es zeigte sich bereits deut lich, dass sich die Offiziersausbildung tatsächlich zunehmend auf die militärischen Felder konzentrierte, was die polizeifachlichen Inhalte ins Abseits drängte. Blieben denn nun aber die politisch-weltanschaulichen Fächer von dieser Entwicklung verschont, da sie für den SS- und Polizeiapparat einen so hohen Stellenwert hatten? Profi tierten sie ähnlich vom Verlauf des Krieges wie die militärischen Disziplinen? War es insbe sondere der weltanschaulichen Schulung möglich, ihren Einfluss in der Offiziersausbildung zu vergrößern? Gelang es ihr letztlich, die Polizeischüler zu erreichen und sie mental zu be einflussen? Wer sich mit den Inhalten und Parolen dieses Fachs auseinandersetzt, mag ge neigt sein, diese Fragen leichtfertig zu bejahen. Allerdings gestaltet es sich sehr schwierig, adäquate Antworten darauf zu finden, zumal sich stichhaltige Beweise kaum erbringen las sen. Auch an dieser Stelle kann nicht genau ermittelt werden, wie wirkungsmächtig die po litische Indoktrination tatsächlich war. Obwohl es ihnen nur bedingt gelang, die Zustände in den Lehrgängen realistisch einzufangen, können die Erfahrungsberichte dennoch wich tige Indizien liefern. Schließlich ist zu erwarten, dass sich der Kommandeur darin besonders intensiv der weltanschaulichen Schulung widmete. Denn auch er war dafür verantwortlich, Himmlers Konzept umzusetzen, das weniger polizeiliche Fachleute als vielmehr ideologisch gefestigte „Polizeisoldaten“ hervorbringen sollte. wurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 5; BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 3; BayHStA M ünchen, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 5; BayHS tA München, Polizeischule FFB 148, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an Hauptamt Ordnungs polizei: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 27.ROAL., 24.04.1945, S. 4. 2007 BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 4. 2008 Ebd., S. 4. 2009 Ebd., S. 4. 2010 Hösl begründete seine Sichtweise m it dem Argument, dass das Reichskriminalpolizeiamt das Recht besitze, die Ausbildung der Gendarmerie zu überprüfen, sofern sie kriminalpolizeilichen Aufgaben nachgehe. Mit anderen Worten: Falls sich das Niveau in der kriminalpolizeilichen Ausbildung der Gendarmen nicht bessere, könnte diese Behörde Druck auf die Beamten und die Ordnungspolizei all gemein ausüben. Vgl. ebd., S. 4. 365 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Umso überraschender ist es, dass der Polizeischule Fürstenfeldbruck gerade die weltan schauliche Schulung große Sorgen bereitete. Besonders in diesem Fach erzielten die Lehrer offensichtlich nicht die Resultate, die das NS-Regime sich wünschte, weshalb der Komman deur auch in diesem Punkt zu einem eher ernüchternden Ergebnis kam. In seinem Bericht zum 25. OAL resümierte Arno Hagemann über den Erfolg dieses Unterrichts: „Zum 25. Offizieranwärterlehrgang waren in erster Linie solche Meister und Wacht meister (SB) abgeordnet, die bei der Feldgendarmerie eingesetzt waren. Der größte Teil von ihnen war über 2 Jahre an der Front oder im Einsatz. Es ist ihnen schwer ge fallen, sich auf die geistige Tätigkeit umzustellen, zumal sie sich in der Zeit des Ein satzes mit der Schulung anscheinend wenig befaßten und auf den Lehrgang nicht vor bereitet hatten. Für das Fach Nationalsozialistische Lehre konnten sonach keinerlei geistige und wis sensmäßige Voraussetzungen festgestellt werden. Der Lehrgang dauerte außerdem nicht ganz 3 Monate. Es war deshalb nicht möglich, den gesamten Stoff zu vermitteln. Trotz der Schwierigkeiten, die die Männer in diesem Fach hatten, waren sie mit Eifer und Interesse bei der Sache. Bei der Prüfungsarbeit konnte festgestellt werden, daß der behandelte Stoff erfaßt worden war. Bezüglich der Gestaltung des Lehrplanes ist es zweckmäßig, daß mehr als bisher her ausgestellt werden muß, welche Aufgaben den Anwärtern als zukünftigen Polizeioffi zieren und SS-Führern erwachsen und sich aus ihrer Eigenschaft als politische Füh rer ergeben. Dadurch wird erreicht, daß die am Schluß des Lehrganges erfolgende Ernennung zum SS-Führer nicht nur eine äußere Angelegenheit bleibt.“2011 Diese Zeilen sind in mehrerlei Hinsicht hoch interessant: Zunächst sagte Hagemann aus, dass die meisten Teilnehmer des 25. OAL aus der Feldgendarmerie stammten und größtenteils mehr als zwei Jahre an der Front gedient hatten. Dass aber „keinerlei geistige und wissens mäßige Voraussetzungen“ über die weltanschaulichen Inhalte festgestellt werden konnten, ist ziemlich überraschend, da die Männer im Kriegsgebiet vor Ort ideologisch geschult wur den oder dies zumindest in der Theorie vorgesehen war. Ferner beklagte sich der Schulleiter über den kurzen Zeitraum, den er und sein Personal nutzen mussten. Darunter habe kon kret die weltanschauliche Schulung gelitten, auch wenn die Schüler „mit Eifer und Interes se bei der Sache“ gewesen seien. Dass sie aber den Stoff bis zum Examen lediglich „erfasst“ hätten, entsprach sicherlich nicht dem Idealzustand. Die Offiziere der Ordnungspolizei soll ten eher zu weltanschaulich gefestigten Vertretern des „Staatsschutzkorps“ erzogen werden, die das Gedankengut des Nationalsozialismus fest verinnerlichten. Um diesem Anspruch ge recht zu werden, dürfte es der Schule einfach nicht genügt haben, dass ihre Polizeischüler den Unterricht bloß „mit Eifer und Interesse“ verfolgten. Das wird auch deutlich, wenn Ha gemann forderte, im Lehrplan müssten die Aufgaben der angehenden Polizeioffiziere und SS-Führer stärker akzentuiert werden, damit es nicht nur eine reine Formsache bleibe, wenn die Ordnungspolizisten zu SS-Führern ernannt würden. Dieser Hinweis verrät, dass der Brucker Kommandeur nicht damit zufrieden war, wie der Lehrgang den Teilnehmern die „SSmäßigen“ und „soldatischen Tugenden“ vermittelte. Diese Passage lässt folglich den Schluss 2011 BayHStA München, Polizeischule FFB 126, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt- Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des m it RdErl. vom 10.12.41 (MBliV. S. 2232 b) ange ordnete 25. Offiz.Anw.Lehrg., 02.04.1942, S. 2. 3 6 6 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate zu, dass es sich eher um generelle Mängel in dieser Angelegenheit handelte und nicht nur eine Ausnahme darstellte. Ein solcher Verdacht erhärtet sich dadurch, dass auch in vielen anderen Kursen ähnliche Schwächen zutage traten, die sich darauf bezogen, was die Polizisten über die NS-Weltanschauung wussten. Laut Hagemann war etwa beim 28. OAL ein Teil der Männer ideologisch „sehr dürftig bzw. ungenügend geschult“.2012 Zwar brächten die Teilnehmer, die einen weiter führenden und vorbereitenden Lehrgang besucht hätten, gute Kenntnisse mit. Allerdings schloss Hagemann daraus, „daß der weltanschaulichen Schulung in den Standorten nicht die erforderliche Beachtung geschenkt wird“.2013 Zu ganz genau dem gleichen Ergebnis war der Brucker Kommandeur bereits gekommen, als er den 22. OAL abschließend beurteilen musste. „Auffallend gering“ sei das Vorwissen seiner Anwärter im Fach NSL gewesen, wo bei es ihnen nicht an Interesse und Fleiß mangle.2014 „Das Ausbildungsziel, als künftige Offi ziere das nationalsozialistische Gedankengut ihren Untergebenen weiter zu vermitteln und sie weltanschaulich zu festigen und zu erziehen, konnte aber nur bei einem geringen Pro zentsatz erreicht werden“, wie Hagemann bilanzierte.2015 Außerdem habe der zuständige Lehroffizier nicht die gesamte Stoffmenge durchnehmen können, weil die intellektuellen Fähig keiten seiner Schüler abermals überschaubar gewesen seien.2016 Doch selbst im 26. Reserve-OAL, in dem das geistige Potential größer gewesen sei, hätten die Schüler den Eindruck vermittelt, „daß sie mit dem nationalsozialistischen Gedankengut noch nicht so vertraut waren, wie man es von künftigen Offizieren der Ordnungspolizei unbedingt erwar ten mußte“.2017 In weiteren Kursen an der Polizeischule Fürstenfeldbruck kam der Kommandeur ebenfalls zu einem vernichtenden Urteil, was das Wissen der Teilnehmer in der weltanschaulichen Schulung anbelangt. In diesem Sinne beschrieb Hagemann für den 32. OAL die Lage wie folgt: „Der NSL. brachten die Schüler ein reges Interesse entgegen, es wurde aber auch hier wie schon immer - festgestellt, daß der Unterricht neu aufgebaut werden mußte, weil die Männer - von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - im allgemeinen die Grund lagen auf diesem Wissensgebiet fehlten. Dieser Mangel ist darauf zurückzuführen, daß aus den verschiedensten Ursachen die weltanschauliche Erziehung außerhalb der Schu le nur recht stiefmütterlich betrieben wird. Die in den Standorten oder bei den einzel nen Formationen der Polizei hin und wieder stattfindenden Feierstunden im Rahmen der Wochenschulung reichen nicht aus, um die elementarsten Grundlagen des nat.soz. 2012 BayHStA München, Polizeischule FFB 128, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 28. Offiz.Anw.Lehrg., 22.10.1942, S. 4. Im maschi nengeschriebenen Text heißt es noch „sehr dürftig und zum Teil ungenügend geschult“, wobei der Au tor dies m it Bleistift änderte. 2013 Ebd., S. 4. 2014 BayHStA München, Polizeischule FFB 125, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 22. Offizieranwärter-Lehrganges, 30.12.1941, S. 3. 2015 Ebd., S. 4. 2016 Vgl. ebd., S. 4. 2017 BayHStA München, Polizeischule FFB 147, I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 26.Res.OAL, 01.11.1944, S. 5. 367 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Gedankengutes zu vermitteln, die von einem Offizieranwärter einmal zu fordern sind und die die Basis für den an der Offz.-Schule zu vermittelnden Stoff darstellen müssen.“2018 Erneut glaubte Hagemann also, dass die Polizisten vor allem deshalb herzlich wenig über die Inhalte der weltanschaulichen Schulung wüssten, weil sich die Dienststellen und Einheiten der Ordnungspolizei nur bedingt darum kümmern würden, diese zu vermitteln. Die Beam ten sollten aber zumindest in der Theorie gerade dort und nicht erst an der Brucker Polizei schule mit den Prinzipien der NS-Ideologie konfrontiert werden. Daher wäre es eine Bank rotterklärung für das polizeiliche Indoktrinationssystem, wenn Hagemann mit seiner Annahme richtig läge. Tatsache ist jedoch, dass der Kommandeur darüber enttäuscht war, wie wenig die Polizeischüler über dieses Themengebiet Bescheid wussten. In diesem Sinne urteilte Hagemann auch über die Teilnehmer des 8. Revier-OAL und mein te, „daß die Männer über geringes weltanschaulich-politisches Wissen verfügen. Die Lehr gangsteilnehmer haben wohl eine allgemeine tagespolitische Schulung durchgemacht, aber keineswegs eine systematische Schulung der geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus erhalten“. Sie seien allenfalls vertraut mit den „äußeren Erscheinungsformen, die inneren Triebkräfte sind ihnen jedoch nicht bewußt“. Gerade das aber müsse von einem angehenden Oberbeamten „als Träger der Weltanschauung des Nationalsozialismus“ verlangt werden.2019 Die Schüler hätten in der weltanschaulichen Schulung zwar ausreichende Ergebnisse gelie fert, seien aber nur unzureichend dazu in der Lage, ihre Untergebenen in diesem Fach zu schulen, schon allein weil sie mit der eigenen Sprache zu kämpfen hätten.2020 Ganz ähnlich resümierte Hagemann für den 33. OAL, dass dessen Anwärter weitgehend ohne Vorwissen zum Lehrgang gekommen seien. Dabei fiel ihm besonders auf, „daß bei der Bearbeitung schriftlicher Aufgaben die Junker häufig in eine allzu propa gandistische Darstellung verfallen und zu Übertreibungen neigen. Es ist das Bestre ben zu erkennen, alles zu beschönigen und in Superlative zu steigern. Sie tun das oft gegen ihre eigene Überzeugung, statt einer gegebenen Lage objektiv gegenüber zu stehen.“2021 Der Kommandeur kam also abermals zu dem Ergebnis, dass die meisten Polizisten bei welt anschaulichen Themen ziemlich unbedarft waren. Mehr noch beklagte er sich darüber, dass die Schüler in Klausuren pathetische Texte zu Papier brächten, ohne tatsächlich von deren Inhalt überzeugt zu sein. Hier schrieben also keine weltanschaulichen Überzeugungstäter, sondern vielmehr Polizeibeamte, die ihre Vorstellung davon besaßen, was der Lehrbetrieb und damit auch das NS-Regime hören wollten. Wer eine Prüfung und letztlich auch den Lehrgang zu bestehen hatte, musste nicht ernsthaft glauben, was er da zu Papier brachte. Von einem unerschütterlichen Glauben an den Nationalsozialismus und seine Prinzipien konn te dabei also keine Rede sein. Dies ändert aber nichts daran, dass zahlreiche der Brucker 2018 BayHStA München, Polizeischule FFB 131, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 32. O.A.L., 18.08.1943, S. 3 f. 2019 BayHStA München, Polizeischule FFB 143, Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Er fahrungsbericht über die Durchführung des 8.Rev.Offizieranwärterlehrganges, 09.03.1942, S. 2. 2020 Vgl. ebd., S. 2 f. 2021 BayHStA München, Polizeischule FFB 132, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: 33. Offizieranwärterlehrgang, 16.11.1943, S. 2 f. 3 6 8 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Schüler trotzdem zu Führungsfiguren innerhalb des Polizeiapparats aufstiegen und sich auch an den Verbrechen der NS-Diktatur beteiligten.2022 Hagemann zufolge hätten auch viele Teilnehmer des 38. OAL nicht einmal über das nöti ge Grundwissen in der weltanschaulichen Schulung verfügt, das sie jedoch besitzen müss ten.2023 Dieser Lehrgang fand von Anfang April bis Mitte September 1944 statt. In diese Zeit fielen einige Großereignisse, die es notwendig erscheinen ließen, diese ^ e m e n als „Tages politik“ im Unterricht zu behandeln. Dazu zählten etwa „die Invasion, die Vergeltungswaf fe ,V 1, das Attentat vom 20.7.44“ und „das Abfallen der Bundesgenossen“.2024 Dagegen hät ten Fliegeralarme und der Einsatz der Schulgemeinschaft nach einem Bombenangriff auf München den Unterricht behindert, weshalb der Lehroffizier für weltanschauliche Schulung die Anzahl der Referate seiner Schüler in diesem Fach gekürzt habe. Trotz aller Widrigkei ten sei es aber dennoch gelungen, „die Festigung in der weltanschaulichen Einstellung, die Bestärkung im Glauben an den Endsieg und die Befähigung der Anwärter zur Weitergabe der für den Kampf unbedingt notwendigen weltanschaulichen Grundgedanken an ihre Män ner“ zu erreichen.2025 Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 habe verdeutlicht, wie nötig es sei, „dem künfti gen Offizier klar werden zu lassen, worum es in diesem Krieg geht“. Ferner sei im Laufe des Jahres klar geworden, „daß unsere Rückschläge nicht die Folge eines Versagens der Männer, sondern des Versagens eines Teils des Offizierkorps sind“.2026 Daher sei ein Offiziersanwär terlehrgang die beste Chance, einen Teil der angehenden Polizeiführer ideologisch zu schu len. Weil die Zeit dafür jedoch kaum genüge, seien zusätzliche Unterrichtsstunden einge führt worden, die sogar am Wochenende stattgefunden hätten.2027 Nun kann darüber spekuliert werden, ob diese Maßnahme eine Reaktion auf die kurze Lehrgangsdauer oder vielmehr auf den 20. Juli 1944 und die zunehmend schlechter werdende Kriegslage war. Be merkenswert an dieser Aussage ist jedoch vor allem, dass der Kommandeur einen Zusam menhang zwischen der weltanschaulichen Schulung und dem Kriegseinsatz der Polizeioffi ziere zu erkennen glaubte, obwohl oder gerade weil seine Schüler bisher nur äußerst dürftig in diesem Fach abgeschnitten hatten. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, wenn Hagemann feststellen musste, dass sich dies ausgerechnet bei dem letzten Offiziersanwärterlehrgang geändert habe, der an sei ner Schule vor Kriegsende am 16. März 1945 abgeschlossen werden konnte. Der Schulleiter kam erst hier zu einem besseren Ergebnis: „Die jahrelange Schulung der Ordnungspolizei machte sich erfreulich bemerkbar“, wie er nach Ende des 41. OAL festhielt, weil die Schüler über ein ausreichendes Wissen schon bei Beginn des Lehrgangs verfügt hätten. Allerdings sei die Schulung erschwert worden „durch die bei der Mehrzahl der Junker kaum ausgebil dete Fähigkeit zu klarem logischem Denken und zum Ü berblick über größere Zusammenhänge“.2028 Die Tages- und Wochenschulung hätten die Offiziersanwärter von we 2022 Siehe dazu Kapitel 7. 2023 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 135, Entwurf: I. V. [unleserlich] (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDtPol: Erfahrungsbericht (38. OAL.), 20.09.1944, S. 3. 2024 Ebd., S. 4. 2025 Ebd., S. 4. 2026 BayHStA München, Polizeischule FFB 136, Entwurf: I. V. Willing (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über den Ablauf des 39. OAL, 31.10.1944, S. 5. 2027 Vgl. ebd., S. 5. 2028 BayHStA München, Polizeischule FFB 137, Entwurf: Hagemann (Polizeischule FFB) an RFSSuChdDt Pol: Erfahrungsbericht über die Durchführung des 41. OAL, 22.03.1945, S. 4. 3 6 9 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k nigen Ausnahmen abgesehen selbst gestaltet und „besonders dankbar aufgenommen, da sie damit unmittelbar Rüstzeug für ihre Führungsarbeit erhielten“. Die Anwärter seien sogar be strebt gewesen, „auch in weltanschaulich-politischer Hinsicht Führer zu werden“.2029 Selbst wenn die Schulungsarbeit in dieser Phase tatsächlich noch ihre Wirkung entfaltet haben soll te, brachte der Ausbildungsapparat aus seiner Sicht viel zu spät Männer hervor, die Himm lers Vision von den weltanschaulich gefestigten „Polizeisoldaten“ entsprachen. Bislang hat te Hagemann allerdings feststellen müssen, dass die Offiziersanwärter keineswegs zu einer ideologischen Avantgarde gehörten und weltanschaulich nur schlecht geschult waren. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Erfahrungsberichte einige wichtige Er kenntnisse liefern: Der chronische Personalmangel führte dazu, dass die Ordnungspolizei ihre Ansprüche an den Offiziersnachwuchs immer weiter herunterschrauben musste. Aller dings waren selbst die übrigen Polizeischüler meist schlecht vorgebildet. Oftmals nahmen Männer an einem Lehrgang teil, die sich kaum dazu eigneten, künftig als Offiziere zu fun gieren, weil sie unerfahren und ihre geistigen Möglichkeiten schnell erschöpft waren. Ande re hatten einfach keine Lust auf diesen Werdegang, weil sie stattdessen einer Karriere in der Schutzstaffel hinterherweinten. Auch das Kriegsgeschehen erschwerte es der Brucker Poli zeischule, solche Kandidaten adäquat auszubilden und aus ihnen vom Regime als würdig be fundene Angehörige des Offizierskorps zu formen. Dies schlug sich in nahezu allen Fächern nieder. Noch am ehesten gelang es dem Lehrpersonal in den militärischen Fächern sowie im Sport, den Schülern die wichtigsten Inhalte und Botschaften zu vermitteln. Besonders in der zweiten Kriegshälfte ging das jedoch zulasten der polizeifachlichen und rechtlichen Diszip linen, die in der Offiziersausbildung in dieser Phase kaum noch eine Rolle spielten. Selbst die weltanschauliche Schulung wirkte überhaupt nicht so, wie sich Himmlers Polizeiapparat das erhoffi hatte. All diese Probleme deuten darauf hin, dass es keineswegs Kinderkrankheiten waren, unter denen einzelne Lehrgänge litten. Vielmehr drängt sich der Gedanke auf, dass es sich um sys temische Ursachen handelte, die in den Kursen zu derart schlechten Ergebnissen führten. Schließlich waren der Reichsführer-SS und sein Machtbereich dafür verantwortlich, geeig netes Personal auszuwählen. Entweder waren die Ansprüche viel zu hoch, welche die uni formierte Polizei an dieses stellte, oder entsprechende Kandidaten existierten schlichtweg nicht. Vielleicht mögen sich beide Aspekte vermischt haben. Die Berichte offenbaren jedoch, dass sogar erfahrene Beamte nicht über das theoretische Wissen verfügten, das für ihren Dienst immens wichtig war. Auch seien zahlreiche Polizisten nicht in der Lage gewesen, die eigene Sprache zu beherrschen. Insofern forderte die Ordnungspolizei nichts Unmögliches von ihren Führungskräften. Allerdings erschwerte sie es, ihrem Offiziersnachwuchs eine fun dierte Ausbildung zu ermöglichen, indem sie die ohnehin recht knapp bemessene Zeit für die einzelnen Lehrgänge noch weiter verkürzte. Während des Krieges sollten die Schüler in nur wenigen Monaten all das lernen, wofür ihre Kollegen vor dem Polenfeldzug noch we sentlich mehr Zeit zur Verfügung gehabt hatten. Zwar versuchte der Ausbildungsapparat die ses Problem zu lösen, indem er die Lehrpläne abspeckte und sich nur auf die wichtigsten U em en konzentrierte. Aber auch das konnte nicht verhindern, dass das Niveau der so aus gebildeten Offiziersanwärter immer weiter abnahm. Die Lehrgänge behandelten vor allem in der zweiten Kriegshälfte kaum polizeispezifische ffiemen, sondern konzentrierten sich nur noch auf nahezu rein militärischen Drill, um die Staatsdiener schnellstmöglich an die 2029 E b d ., S. 5 . 3 70 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Front schicken zu können. Und für diesen Zweck mussten sie keine überzeugten National sozialisten sein. 5.3 Das Weiterbildungsprogramm für Offiziere der Ordnungspolizei War ein Polizeibeamter erst einmal zum Offizier aufgestiegen, erlosch für ihn dadurch kei neswegs seine Pflicht, sich ständig weiterzubilden. Damit dieser sein Wissen permanent auf frischte und sein Können verbesserte, regelte Daluege in einem Erlass vom 17. Juni 1937, wie das genau zu erfolgen hatte. Jeder Polizeiführer sollte sich stets auf dem neuesten Stand be finden, indem er eigens dafür organisierte Lehrgänge besuchte, die Ausbildungsmaßnahmen seines Dienstorts absolvierte sowie die polizeiliche, militärische und nationalsozialistische Fachpresse las. Wie schon in der Weimarer Republik hatten die Polizeioffiziere über das ge samte Jahr hinweg eine Reihe von taktischen Übungen im Gelände und Planspielen aus der Polizeiverwendung zu absolvieren.2030 Darin übten sie etwa, mit ihrer Einheit in der Stadt und im freien Gelände zu kämpfen. Recht intensiv trainierten sie auch den Luftschutz, wozu die Ordnungspolizei beispielsweise besondere Kurse einrichtete, Anlagen des Flugmeldeund Luftschutzwarndienstes besuchte oder ausgewählte Kandidaten kurzzeitig zur Luftwaf fe kommandierte. Ferner mussten alle Hauptleute, Oberleutnante und Leutnante in ihren Dienststellen über ein Thema frei referieren, das sie von ihrem Kommandeur erhalten hat ten. Diese stellten ihren Untergebenen auch Aufgaben aus der National- und Weltpolitik, die sie einmal im Jahr schriftlich ausarbeiten mussten. Außerdem hatten die Offiziere regelmä ßig Sport zu treiben sowie ihre Fähigkeiten im Schießen und Reiten zu schulen. Daneben mussten sie in der Lage sein, ein Kraftfahrzeug zu führen. A uf dem militärischen Gebiet konnten sich die polizeilichen Führungskräfte ebenso fortbilden, indem sie Manövern der Wehrmacht als Zuschauer beiwohnten. Beherrschten Offiziere zudem eine Fremdsprache, konnten sie sich sogar zu Dolmetschern ausbilden lassen, die während des Krieges immer wichtiger wurden. All diese vielschichtigen und umfangreichen Maßnahmen verdeutlichen, wie wichtig es für Daluege war, dass seine Offiziere ständig etwas Neues lernten. Trotzdem erstreckte sich sein Erlass nicht auf die Offiziersschulen, deren Kommandeure stattdessen selbst dafür verantwortlich waren, ihre hauseigenen Polizeiführer fortzubilden.2031 Das änderte sich jedoch wahrscheinlich bereits Ende 1937, wovon auch andere Vertreter des deutschen Polizeiapparats profitierten. Denn im Wintersemester 1938/39 veranstalteten die Offiziere der Polizeischule Berlin-Köpenick ihr eigenes Programm, um sich weiterzubil den, weshalb sie und geladene Gastredner zahlreiche Vorträge hielten. Das Hauptamt Ord nungspolizei verordnete seinen eigenen Führungskräften, diesen Reden beizuwohnen.2032 Auf diese Weise schulten die Lehroffiziere ihre rhetorischen und didaktischen Fähigkeiten, wäh 2030 Siehe dazu Kapitel 3.2. 2031 Vgl. BAB, R 19/461, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule Berlin-Köpenick: Offizier ausbildung, 17.06.1937, S. 7-16 sowie Anlage: Verzeichnis der wichtigsten in Betracht kommenden Zeitschriften usw., [1937], S. 17. Westerkamp geht fälschlicherweise davon aus, dass dieser Erlass erst die Ausbildung der Offiziere regelte. Vgl. Westerkamp, Schulung, S. 21. Zu lokalen Weiterbildungs m aßnahmen der Polizei bei der Wehrmacht ferner: Bach, Ordnungspolizei, S. 86. 2032 Aus einem Schreiben von Bomhards vom Januar 1939 geht hervor, dass das Hauptamt Ordnungspo lizei schon im Vorjahr diese Gelegenheit wahrgenommen hatte. Vgl. BAB, R 19/461, von Bomhard (Der Chef des Kommandoamtes) an alle Offiziere des Hauptamtes Ordnungspolizei: Offizierausbil dung, 23.01.1939, S. 19. 371 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k rend die polizeilichen Bürokraten mehr oder minder neue Facetten ihres Tätigkeitsfelds ken nenlernten. Die Referenten befassten sich mit militärgeschichtlichen, insbesondere aber mit ideologischen U em en. Sie sprachen z. B. über den „Charakter der Schlachten Cannae, Leuthen und Austerlitz“ oder über „Wesentliches aus der Verbrechensbekämpfung im Dritten Reich“. Mehrfach referierten sie über Kolonien, die „eine Lebensfrage für die deutsche Wirt schaft“ seien. Außerdem bekamen die Anwesenden einige Reden zur weltanschaulichen Schulung zu hören.2033 Diese Gelegenheit bot sich auch im folgenden Winterhalbjahr, in dem die Berliner Bildungsanstalt im Zeichen des jungen Krieges eine weitere Vortragsreihe veranstaltete.2034 Etwas Vergleichbares lässt sich für Fürstenfeldbruck zwar nicht nachweisen. Doch auch dort fanden vereinzelt Seminare statt, mit deren Hilfe sich die Unterrichtenden weiterentwi ckeln sollten. So beherbergte die Schule beispielsweise von Juni bis September 1941 einen Fortbildungslehrgang für Oberleutnante der Schutzpolizei.2035 Bereits vor dem Krieg hatte sich die Ordnungspolizei angeschickt, besondere Kurse einzurichten, um darin das Lehrpersonal für ihre Bildungsstätten heranzubilden. Allerdings kam Mitte des Jahres 1939 nur ein Pädagogischer Lehrgang für Offiziere der Schutzpolizei zustande, der an der Berliner Lehr anstalt beheimatet war.2036 Erst im Jahre 1942 gab es zwei weitere Kurse in der Reichshaupt stadt, die sich erneut dem Ziel verschrieben, neue Lehroffiziere hervorzubringen.2037 Ansons ten rekrutierte der Polizeiapparat seine Lehrkräfte aus dem aktiven Offizierskorps, ohne sie jedoch speziell zu schulen. Die Führungskräfte sollten durch ihre Ausbildung ohnehin dar auf trainiert sein, auf ihre Untergebenen erzieherisch einzuwirken. Allerdings waren die Lehroffiziere der Polizeischulen dennoch angehalten, ihr pädagogisches Können zu verbes sern, weshalb sie etwa im Winter 1941/42 Vorträgen beiwohnen mussten, die verschiedene Aspekte der Erziehungs- und Unterrichtslehre behandelten.2038 Das waren jedoch nicht die einzigen Maßnahmen, die der nationalsozialistische Polizei apparat ergriff, um seine Offiziere weiterzubilden. Damit seine Führungskräfte ihr Potenti al besser ausschöpften und zudem demonstrierten, was in ihnen steckte, experimentierten seine Leiter auch auf diesem Gebiet. Sie entwickelten neue Methoden, um das betroffene Per sonal andauernd zu fordern. So ordnete Daluege im Juni 1937 an, dass jeder Offizier der uni formierten Polizei fortan eine „höhere Offiziersprüfung“ abzulegen hatte, ehe er den Rang eines Hauptmanns bekleidete. Das Ergebnis besaß allerdings keinen Einfluss darauf, ob er in diesen Dienstgrad befördert wurde. Vielmehr wollte der Chef der Ordnungspolizei auf diesem Wege einzelne Kandidaten auswählen, um sie zu einem sogenannten Polizeiakade mielehrgang zu schicken.2039 Der dazu nötige schriftliche Test fand im März 1938 an zwei auf einanderfolgenden Tagen statt und erstreckte sich auf die Fachbereiche Taktik, Luftschutz, 2033 BAB, R 19/461, Abschrift: Polizeischule Berlin-Köpenick: Wintervorträge an der Polizei-Offizierschu le 1938/1939, 19.12.1938, S. 21. Vgl. ferner Bach, Ordnungspolizei, S. 140. 2034 Vgl. BAB, R 19/461, von Bomhard (Der Chef des Kommandoamtes) an alle Offiziere des Hauptamtes Ordnungspolizei: Wintervorträge an der Polizei-Offizier-Schule, 24.11.1939, S. 27. 2035 Vgl. BAB, R 19/308, Abschrift: Schnellbrief: I. A. von Bomhard (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischu le FFB: Fortbildungslehrgang für Oberleutnante der Schutzpolizei, 23.05.1941, Bl. 116-118. 2036 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 04.05.1939, in: RMBliV, 10.05.1939, Nr. 19, Sp. 1056b- 1056d. 2037 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 128 und 133. 2038 Vgl. BayHStA München, MInn 73330, I. A. Hitschler (RFSSuChdDtPol) an u. a. die HSSPF: Vorträge über Erziehungs- und Unterrichtslehre, 27.10.1941. 2039 Vgl. BAB, R 19/461, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule Berlin-Köpenick: Offizier ausbildung, 17.06.1937, S. 8 f.; Bach, Ordnungspolizei, S. 141. 372 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Strafrecht, Weltanschauliche Schulung und auf rechtliche Disziplinen. An ihm nahmen je doch nicht nur Oberleutnante teil, die bald zu Hauptleuten aufsteigen sollten, sondern auch Offiziere, die diesen Rang bereits innehatten.2040 Einige der erfolgreichen Prüflinge sollten darauffiin den Spezialkurs besuchen, damit sie „künftig in besonderen Stellen verwendet werden“ könnten.2041 Der Beginn des Krieges im September 1939 untergrub dieses Vorhaben jedoch, so dass Daluege den Lehrgang absagen musste und auch nachher nicht mehr durchführte.2042 Ebenso wenig konnten sich jene Kurse der Vorkriegszeit durchsetzen, aus denen die Ab solventen tatsächlich als Hauptleute hervorgingen.2043 Wer also künftig diesen Dienstgrad er langen wollte, musste dafür nicht eigens an die Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick gehen, sondern erhielt ihn über den üblichen Dienstweg. Dennoch versuchte die Institution, diese Offiziere in speziellen Kursen fortzubilden, was sich jedoch langfristig auch nicht durchzu setzen vermochte.2044 Phasenweise konnte ein Polizist jedoch nur dann zum Major ernannt werden, nachdem er die Schule in der Reichshauptstadt besucht hatte. Wesentlich erfolgrei cher verliefen deshalb die sogenannten Überprüfungslehrgänge für Majorsanwärter, die an fänglich an der Schutzpolizeischule Berlin-Schöneberg stattgefunden hatten.2045 Die Köpenicker Lehranstalt übernahm jedoch ab 1936 diese Kurse, die durchschnittlich 22 Hauptleute beherbergten.2046 Die Auserkorenen mussten zuvor in ihren Dienstorten eine Vor prüfung bestehen, die aus drei schriftlichen Klausuren im Polizei- oder Strafrecht, in der Po lizeiverwendung und im Staats- oder Beamtenrecht bestand.2047 Allerdings verfolgten diese Lehrgänge nicht das Ziel, das Wissen der Majorsanwärter zu mehren. Sie dienten vielmehr dazu, „die Kenntnisse, Führereigenschaften, Persönlichkeitswerte und die geistige und kör perliche Wendigkeit der Teilnehmer festzustellen“.2048 Zwischen Februar 1936 und Oktober 1937 nahmen an den in der Berliner Chronik insge samt zwölf genannten Lehrgängen 262 Hauptleute der Schutzpolizei teil, von denen 191 Mann bestanden.2049 Sie dauerten zehn bis zwölf Tage und behandelten neben den bereits erwähn ten Disziplinen auch weltanschauliche Gesichtspunkte, die fachkundige Experten den Teil nehmern vermittelten. Nach einer mündlichen Abschlussprüfung entschied ein Ausschuss, 2040 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 11.11.1937, in: RMBliV, 17.11.1937, Nr. 46, Sp. 1772c- 1772f; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 24.02.1938, in: RMBliV, 02.03.1938, Nr. 9, Sp. 360n- 360q. 2041 RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 11.07.1939, in: RMBliV, 19.07.1939, Nr. 29, Sp. 1516a-1516c, hier: Sp. 1516c. 2042 Vgl. RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 12.09.1939, in: RMBliV, 20.09.1939, Nr. 38, Sp. 1980c f. 2043 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 99. Der ers te Lehrgang für Hauptleute der Ordnungspolizei in Berlin-Köpenick scheint zugleich der letzte gewe sen zu sein, obwohl ein Erlass Himmlers weitere Kurse vorsah. Vgl. dazu RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 21.02.1938, in: RMBliV, 02.03.1938, Nr. 9, Sp. 360k f.; RdErl. d. RFSSuChdDtPol. im RMdI. v. 27.06.1938, in: RMBliV, 06.07.1938, Nr. 28, Sp. 1116d f. 2044 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 126, 129 und 131. 2045 Vgl. u. a. RdErl. d. RuPrMdI. v. 05.06.1935, in: MBliV, 12.06.1935, Nr. 24, Sp. 772d-772f. 2046 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 86, 92 und 97. 2047 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 02.01.1936, in: RMBliV, 08.01.1936, Nr. 2, Sp. 28h-28k. 2048 BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Vorläufige Richtlinien für die Überprüfungslehrgänge für Majoranwärter der Schutzpolizei an der Polizei-Offizierschule in Berlin-Köpenick, [1936], S. 1. 2049 Vgl. BAB, R 19/284, Chronik der Polizeioffiziersschule Berlin-Köpenick, [1936-1943], Bl. 86, 92 und 97. 373 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k der sich aus Vertretern des Reichsinnenministeriums, dem Kommandeur und den Lehroffizieren der Schule zusammensetzte, über die weitere Karriere der Polizisten.2050 Der 9. Über prüfungslehrgang für Majorsanwärter im Juni 1936 ebnete z. B. den beruflichen Weg für den damaligen Hauptmann Martin Diez, der später in Fürstenfeldbruck unter anderem das Po lizeiausbildungsbataillon leiten sollte.2051 Warum Daluege jedoch auch diese Kurse im Jahre 1937 wieder einstellte, ist aus den Quellen nicht ersichtlich.2052 Anscheinend fungierten sie nur als eine provisorische Maßnahme und waren aus dem Wunsch heraus geboren, schnellst möglich geeigneten Nachwuchs für die höheren Offiziersränge zu finden. Das rasche Kom men und Gehen dieser Lehrgänge untermauert jedoch abermals den Umstand, dass Himm ler und seine Gehilfen vor allem in den Jahren 1936 bis 1939 auf dem Feld der Polizeiausbildung gehörig laborierten. Es gelang ihnen auch während des Krieges nur schwer, diese einheitlich zu strukturieren. Aus den spärlichen Unterlagen der Polizeischule Berlin-Köpenick geht je doch hervor, dass die uniformierte Ordnungsmacht dieses Projekt noch nicht ganz aufgeben wollte, weil offenbar auch danach noch vier weitere solcher Lehrgänge stattfanden.2053 In wel chem Zeitraum sie genau erfolgten, ist aus dem Material nicht ersichtlich. Zweifelsohne wur den diese neuen Kurse aber in der unmittelbaren Vorkriegszeit veranstaltet, weil sie thema tisch nicht zuletzt so ausgerichtet waren, dass sie ihre Teilnehmer ausdrücklich auf die „Aufgaben der Schutzpolizei im künftigen Kriege“ vorbereiteten.2054 Die umfangreiche Musterlösung zu einer Klausur in der Polizeiverwendung vom Mai 1936 bestätigte, dass diese Überprüfungslehrgänge keineswegs harmlos waren, sondern die Haupt leute gezielt für den längst erwarteten Krieg rüsten sollten. In dieser schriftlichen Prüfung hatten sich die reiferen Schüler in einem fiktiven „Luftschutz-Polizeikampf“ um möglichst alle Schäden zu kümmern, nachdem es auf Potsdam einen feindlichen Bombenangriff gege ben habe.2055 Infolgedessen müssten sie im Umland auch gegen Plünderer einschreiten und eine große paramilitärische „Bande“ vernichten, die sich alle zusammen mit den Luftstreit kräften gegen das deutsche Volk verschworen hätten, was eine „Erscheinungsform des Tota len Krieges“ darstelle.2056 Sehr detailliert beschrieb der Text, in welcher Lage sich die verant wortlichen Polizeiführer mit ihren Einsatzkräften befänden und was sie idealerweise nun tun müssten. Damit kein dauerhafter Unruheherd entstehen könne, sollte gegen die feindli chen Akteure etwa „sofort ohne jede Rücksicht mit der Schusswaffe vorgegangen“ werden.2057 Beachtenswert an dieser Aufgabe ist allerdings, wie genau sie das Treiben der 150 Mann star ken „Bande“ charakterisierte. Im Chaos des Luftangriffs habe sie Lebensmittel, aber auch an dere Materialien geplündert und systematisch Bahnlinien, Straßen sowie Fernsprechleitun gen zerstört, wobei noch weitere Sabotageakte drohten. Solche Aktionen sollten letztlich 2050 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 19, Vorläufige Richtlinien für die Überprüfungslehrgän ge für Majoranwärter der Schutzpolizei an der Polizei-Offizierschule in Berlin-Köpenick, [1936], S. 3-7. 2051 Vgl. RdErl. d. RuPrMdI. v. 15.05.1936, in: RMBliV, 20.05.1936, Nr. 23, Sp. 704c f. 2052 In seinem Erlass vom 17. Juni 1937 erklärte Daluege lediglich das Ende dieser Lehrgänge und stellte alternative Kurse in Aussicht, die sich jedoch hauptsächlich an Hauptleute richteten. Doch auch die se Lehrgänge fanden, wie oben beschrieben, ebenfalls ein jähes Ende. Vgl. BAB, R 19/461, I. V. Dalue ge (RFSSuChdDtPol) an u. a. Polizeischule Berlin-Köpenick: Offizierausbildung, 17.06.1937, S. 9. 2053 Vgl. dazu BAB, R 20/67, Themen, die im 13.-16. Überprüfungslehrgang für Majoranwärter behandelt worden sind, o. D. 2054 Ebd., S. 1. 2055 BAB, R 20/67, Zu Anl. 6. Besprechung der Prüfungsarbeit für Major-Anwärter, [1936], S. 1. Vgl. fer ner Blood, Bandit Hunters, S. 165 f. 2056 BAB, R 20/67, Zu Anl. 6. Besprechung der Prüfungsarbeit für Major-Anwärter, [1936], S. 2. 2057 Ebd., S. 5. Hervorhebung im Original. 374 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate verhindern, dass die deutschen Kräfte aufmarschieren und danach mit Nachschub vorsorgt werden könnten. Außerdem plane die „Bande“, bis an die Stadt vorzurücken.2058 Noch ehe Himmler überhaupt zum obersten Polizeichef avancierte, schulte dieser Lehrgang die ange henden Majore bereits im Frühjahr 1936 im Kampf gegen bewaffnete „Banden“, die hinter rücks die deutsche Infrastruktur zerstörten, während sich die Truppe im Einsatz befand. Eben mit genau solchen Szenarien sollte die Polizei während des Zweiten Weltkriegs besonders in Osteuropa konfrontiert sein. Ebenso rücksichtslos wie beschrieben hatte sie auch gegen die dort agierenden Partisanen vorzugehen. Abseits des obligatorischen Weiterbildungsprogramms war der Polizeiapparat außerdem darum bemüht, ausgewählte Offiziere noch stärker weiterzuqualifizieren, wofür er spezielle Seminare anbot. Gerade für diejenigen Beamten war das immens wichtig, die selbst im Aus bildungsbetrieb tätig waren. Sie waren besonders dazu angehalten, stets auf dem neuesten Stand zu sein. Das galt natürlich auch für die Lehrkräfte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Damit sie für die weltanschauliche Schulung eingesetzt werden konnten, besuchten z. B. Emil Höring und Dr. Hans Hachtel vom 3. bis 8. Mai 1937 in Berlin einen entsprechenden Schu lungskurs.2059 Einen der bereits genannten Lehrgänge im „Polizeihaus Kurmark“ absolvierte Hauptmann Hans-Joachim Schieritz im November 1938, während fast zeitgleich Leutnant Kurt Brändel an einem Fachkurs zum Gasschutz in der Reichshauptstadt teilnahm.2060 Die beiden Leutnante tteod or Brecht und Wilhelm Drescher waren im Frühjahr 1940 bei einem Kurs für Schießoffiziere der Polizeiausbildungsbataillone, den die Technische Polizeischule in Berlin abhielt.2061 Den 1. Kriminalistischen Lehrgang beim Augsburger Polizeipräsidium besuchten im Oktober 1940 weitere Angehörige der Brucker Lehranstalt.2062 Major Karl Wil helm Lange wurde Mitte 1943 zu einem Lehrgang für Luftschutzlehrer nach Berlin abgeordnet.2063 In der zweiten Kriegshälfte nahm Oberleutnant Philipp noch am 3. Lehrgang für Schießlehrer an der Polizei-Waffenschule II teil.2064 Eine besondere Zusatzqualifikation wollte die Brucker Polizeischule ihren beiden Offizie ren Kurt Brändel und Hans Leppert angedeihen lassen, die ebenfalls zum Stammpersonal gehörten. Ihr Arbeitgeber meldete sie zu einem Lehrgang an der Kolonialpolizeischule in Oranienburg an, den das Hauptamt Ordnungspolizei für den Herbst 1940 organisiert hat te.2065 Er zielte darauf ab, deutsche Gesetzeshüter auf ihren Dienst in jenen Kolonien vorzu bereiten, die das nationalsozialistische Deutschland seinerzeit noch zu erobern beabsichtig te. Die NS-Führung war so berauscht davon, wie erfolgreich ihre „Blitzkriege“ gegen Polen, Nord- und Westeuropa verlaufen waren, dass sie nun wie einst Kaiser Wilhelm II. davon 2058 Vgl. ebd., S. 6 f. 2059 Vgl. BayHStA M ünchen, M Inn 73331, Schnellbrief: I. A. W inkler (RFSSuChdDtPol) an Verteiler, 23.04.1937; BayHStA München, M Inn 73331, Entwurf: I. A. [unleserlich] (StMdI - Abteilung Gen darmerie) an u. a. Kommandeure der Abteilung Gendarmerie der Regierung von Oberbayern, 29.04.1937. 2060 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 13, Dr. Schade (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 28, 18.11.1938. 2061 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 19, 20.03.1940. 2062 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 14, Diez (PAB FFB): Bataillonsbefehl Nr. 66, 03.11.1940. 2063 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 15, Hagemann (Polizeischule FFB): Kommandobefehl Nr. 15, 09.06.1943. 2064 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 75, Entwurf: I. A. Saß (Polizeischule FFB): Abfindungsbe scheinigung für Oberltn.d.Sch. Philipp, 23.02.1944. 2065 Die Meldung geht hervor aus: BayHStA München, Polizeischule FFB 27, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeur der Polizeischule FFB: Kolonialpolizei. Anlage A: Vorläufi ge Anweisung für die Beurteilung der Kolonialtauglichkeit, 31.10.1940, S. 8. 375 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k träumte, einen „Platz an der Sonne“ zu ergattern. Da den Kolonialherren in spe klar war, dass sich die einheimische Bevölkerung ihnen nicht freiwillig unterwerfen würde, schmiedeten sie bereits Pläne für den Aufoau eines Besatzungsapparates, in dem die Polizei eine zentrale Rolle spielen sollte. Um diesem gewaltigen Projekt Gestalt zu verleihen, sollten geeignete Be werber ausgesucht und in speziellen Kursen beschult werden. Doch nicht nur die Polizisten selbst, sondern auch ihre Familien sollten deshalb auf eine „Kolonial- und Tropentauglich keit“ ärztlich untersucht werden.2066 Dabei war nicht nur ausschlaggebend, wie die Kandidaten mit den klimatischen Verhält nissen und den Tropenkrankheiten in den vorgesehenen Gebieten zurechtkommen würden. Noch wichtiger war es für sie, die nötige mentale Stärke und Persönlichkeit mitzubringen, die ein solcher Einsatz erfordern würde. A uf diesen Punkt legte Daluege sehr großen Wert. Seiner Ansicht nach genössen deutsche Polizisten in ihrem Heimatland die Sicherheit, die ihnen die „Volksgemeinschaft“ gebe. Bei einem Einsatz in den Kolonien müssten sie aber „innerhalb einer rassefremden Lebensgemeinschaft die Aufgabe erfüllen, als Vertreter der ko lonisierenden Macht die Eingeborenen richtig zu leiten und ein vorbildliches Leben zu führen“.2067 Gegenüber den Einheimischen müsse der Beamte wie ein väterlicher Freund auf treten, der aber auch ein anderes Gesicht zeigen könne. Eben für diese Mission suchte der Chef der Ordnungspolizei charakterlich einwandfreie Männer, die sich einer solchen Aufga be auch gewachsen fühlten. Daluege drückte es mit folgenden Worten aus: „Wer draußen versagt, versagt nicht nur fü r sich allein, sondern für sein Volk.“2068 Als selbstverständlich sah er es ferner an, dass die einzusetzenden Beamten ihre deutschen Frauen in die Kolonien mit brächten, da die deutschen Rassengesetze keine Alternativen böten.2069 Während Leppert nicht einmal den körperlichen und psychischen Gesundheitscheck be stand, gelangte Brändel nach Oranienburg.2070 Knapp ein Jahr später war das Ergebnis aber ernüchternd, weil zahlreiche Kursteilnehmer durchfielen, die aus Sicht des Polizeiapparats als nicht geeignet und viel zu „weich“ erschienen. Das führte er darauf zurück, dass die zu ständigen Behörden nicht sorgfältig genug das Personal ausgewählt hätten.2071 Himmlers Mannen brauchten sich über diese Probleme allerdings nicht allzu lange ihre Köpfe zu zer brechen. Denn nachdem Deutschlands Kriegsglück geschwunden war, mussten sie ihre Träu mereien von deutschen Kolonien schnell wieder begraben, weshalb auch die Tage der Kolo nialpolizei gezählt waren, ehe sie überhaupt eingesetzt werden konnte.2072 Es war zwar der wechselhaften Kriegslage geschuldet, dass solche Kurse so schnell verschwanden, wie sie ge kommen waren. Doch wirkten sie analog zu vielen anderen Weiterbildungsmaßnahmen wie ein verunglückter Versuch, neue Wege zu gehen. 2066 BayHStA München, Polizeischule FFB 27, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kom m andeur der Polizeischule FFB: Kolonialpolizei, 31.10.1940, S. 4. 2067 BayHStA München, Polizeischule FFB 27, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kom m andeur der Polizeischule FFB: Kolonialpolizei. Anlage A: Vorläufige Anweisung für die Beurteilung der Kolonialtauglichkeit, 31.10.1940, S. 1. 2068 Ebd., S. 1. Hervorhebung im Original. 2069 Vgl. ebd., S. 1 f. 2070 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 27, Dr. Schenk (Polizeischule FFB): Untersuchungsbogen Hans Leppert, 19.12.1940. Auf der Rückseite des folgenden Schreibens vermerkte die Polizeischule, dass Brändel am Lehrgang teilnahm: BayHStA München, Polizeischule FFB 27, I. A. Pfeffer-Wilden bruch (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Schule: Kolonialpolizei, 20.10.1941. 2071 Vgl. BayHStA München, Polizeischule FFB 27, I. A. Pfeffer-Wildenbruch (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Schule: Kolonialpolizei, 20.10.1941. 2072 Siehe dazu die Ausführungen im Kapitel 4.4.1 und 5.3. 376 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate Während des Zweiten Weltkriegs zeigte sich der Polizeiapparat insgesamt jedoch nicht mehr ganz so experimentierfreudig. Vielmehr beschränkte er sich darauf, die Offiziere nach jenem Programm weiterzubilden, das Daluege bereits in seinem Erlass vom 17. Juni 1937 skiz ziert hatte. Der Chef der Ordnungspolizei räumte allerdings schon zu Beginn des Krieges ein, dass diese Maßgaben augenblicklich nicht immer minutiös befolgt werden könnten. So könne davon abgesehen werden, von den Offizieren zu verlangen, Vorträge zu halten und schriftliche Arbeiten anzufertigen, da gegenwärtig andere Aspekte im Vordergrund stün den.2073 Daluege war stattdessen darum besorgt, dass es sein Offizierskorps nicht versäumte, sich auch in den Polizeibataillonen ordentlich militärisch weiterzubilden. Dafür waren in erster Linie die Kommandeure dieser Einheiten verantwortlich. Weil sie die taktische Denk weise ihrer Polizeiführer beeinflussen sollten, hatten sie einen entsprechenden Unterricht höchst persönlich abzuhalten oder ihn in Ausnahmefällen auch pädagogisch besonders ver sierten Offizieren zu überlassen. Im Vordergrund stand dabei erneut das militärisch-takti sche Know-how der führenden Beamten, das sie anhand von Planspielen oder Besprechun gen schulten, die in der Unterkunft oder im Gelände stattfanden. Währenddessen sollten die Offiziere „zu offiziersmäßigem Denken und Handeln (Führerstandpunkt), zu Härte gegen sich selbst, zu Verantwortungsbewußtsein und Tatkraft“ erzogen werden.2074 Das Geschehen auf den europäischen Schlachtfeldern sollte bald noch mehr dazu führen, dass sein ursprünglicher Erlass vom 17. Juni 1937 inhaltlich noch weiter verwässert wurde. In einer Neuauflage vom 27. März 1942 bekräftigte Daluege erneut, wie wichtig es sei, dass sei ne Führungskräfte sich allgemein weiterbildeten. Wie bisher sollten sie ausgezeichnet schie ßen, reiten und ein Fahrzeug steuern können sowie regelmäßig Sport treiben. Außerdem un terstrich er, dass sie ihre fremdsprachlichen Kenntnisse erweitern sollten, was die Staatsmacht ausdrücklich fördere. Auch müssten sie darüber Bescheid wissen, über welche Nachrichten mittel die Ordnungspolizei verfüge und wie diese im Truppendienst zu verwenden seien. Im Selbststudium hätten sich die Offiziere ebenso mit den grundlegenden polizeilichen und m i litärischen Dienstvorschriften vertraut zu machen. Weil sie dabei ihren Untergebenen stets als Vorbild dienen sollten, hätten sie ihre Disziplinargewalt verantwortungsbewusst auszu üben und dementsprechend ihre Unterführer und Männer vorschriftsmäßig wie respektvoll zu behandeln. Darüber hinaus seien sie es auch, die Urlaube genehmigen und dafür sorgen mussten, dass ihre Untergebenen ordnungsgemäß befördert und für besondere Leistungen ausgezeichnet würden.2075 Nun pochte Daluege jedoch darauf, die Offiziersausbildung müsse jetzt „völlig auf die Be lange des totalen Krieges abgestellt“ werden. Insbesondere stellte er klar, welche Aufgaben jeder einzelne Polizeiführer in dieser Situation besitze: Zunächst einmal müsse er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Untergebenen politisch-weltanschaulich schulen und ihnen, aber auch den „Volksgenossen“ sowie den Menschen in den besetzten Gebieten die Werte des Nationalsozialismus mustergültig vorleben. Damit sie sich vollständig und bedingungs los zu den Plänen und Zielen des „Führers“ bekennen könnten, verpflichtete Daluege seine Offiziere dazu, sich intensiv mit dessen Buch „Mein Kam pf“ zu befassen und „sich die dort 2073 Vgl. BAB, R 19/308, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Po lizeioffiziersschulen: Ausbildung während des Krieges, 23.01.1940, Bl. 26. Ferner zum Erlass: Wester kamp, Schulung, S. 22; Bach, Ordnungspolizei, S. 87. 2074 BAB, R 19/308, Schnellbrief: I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. Kommandeure der Polizeischu len Berlin-Köpenick und FFB: Richtlinien für die Ausbildung der Pol.-Bataillone, 23.01.1940, Bl. 23. 2075 Vgl. BAB, R 19/308, I. V. Daluege (RFSSuChdDtPol) an u. a. die Kommandeure der Polizeioffiziers schulen: Offizierausbildung während des Krieges, 27.03.1942, Bl. 141. 377 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k niedergelegten Gedanken zu eigen zu machen“.2076 Um daneben seine Einheit im „auswärti gen Einsatz“ so gut wie nur möglich führen zu können, sei der Offizier noch gründlicher als bisher in der Polizeitaktik auszubilden. Schließlich habe er mit seiner Truppe an der Front sowie „gegen Partisanen und Banden im Rücken der eigenen Truppe“ zu kämpfen, wobei ihr Feind „unter rücksichtsloser Kampfführung und Terror auf nichts als Vernichtung ausgeht“.2077 Deshalb habe das Offizierskorps immer wieder Lage- und Kampffierichte sowie Kriegstagebücher auszuwerten und regelmäßig Vorträgen beizuwohnen, in denen erfahre ne Polizeiführer berichten sollten, was sie im Krieg insbesondere in Osteuropa erlebt hätten. Auch die obligatorischen Planspiele und Geländeübungen seien auf den Ostkrieg auszurich ten, weil sich jeder Offizier, der für den „auswärtigen Einsatz“ vorgesehen sei, umfassend da rauf vorbereiten müsse.2078 Darum sollten die Führungskräfte mit ihren Polizeibataillonen beispielsweise das „Begegnungsgefecht“, den „A ngriff gegen Stellungen“ oder den „Kampf um Ortschaften und in Wäldern“, aber auch die „Vernichtung von Partisanen- und Terror gruppen, Fallschirmjägern und schwerbewaffneten Banden“ sowie „Säuberungs- und Befrie dungsaktionen“ simulieren.2079 Darüber hinaus habe der Offizier im „auswärtigen Einsatz“ zusammen mit seinem Ver band noch eine Reihe weiterer Aufgaben zu bewältigen. Die Ordnungsmacht habe den Schwarzmarkt einzudämmen, Schmuggel zu bekämpfen, Beutegut und Nachschubtranspor te zu sichern sowie großangelegte Razzien in der Stadt und auf dem Land oder gar in Wäl dern durchzuführen, um Waffen und Munition zu konfiszieren. Des Weiteren müsse sie Ge fangenentransporte bewerkstelligen sowie Anlagen der Eisenbahn und deren Gleise sichern. Der verantwortliche Polizeiführer habe ebenfalls dafür zu sorgen, dass seine Truppe mit der Bahn an ihren Einsatzort transportiert werde. Zu guter Letzt habe der Offizier auch noch die zentrale Aufgabe wahrzunehmen, mit seinen Untergebenen die „Heimatfront“ von innen heraus zu schützen. Dabei wurde der Luftschutz noch bedeutender als zu Friedenszeiten, zu dem sich nun auch der allgemeine Katastrophenschutz gesellte. Neben dem theoretischen Unterricht seien in beiden Fällen taktische Übungen durchzuführen. Außerdem dürfe die polizeiliche Arbeit im Revier- und im Straßendienst nicht vernachlässigt werden, worauf die Dienststellenleiter gerade jüngere Offiziere regelmäßig einzuschwören hätten.2080 A uf Basis dieser Vorschriften mussten die Dienststellen vor Ort ihre Offiziere weiterbilden. Trotz des täglichen Dienstgeschehens konnten auch die Polizeibehörden in den besetzten Gebieten dabei keine Ausnahme machen. Stattdessen hatten sich besonders die Entschei dungsträger im „Osten“ darum zu kümmern, dass ihre Männer kontinuierlich an sich arbei teten. So war z. B. Hermann Kintrup als KdO in Lublin dafür verantwortlich, Maßnahmen zu bestimmen, nach denen die ihm unterstellten Oberbeamten weitergebildet werden soll ten. Im Mai 1943 hatte er dazu unter anderem mehrere Besprechungen und eine Nachrich tenübung anberaumt.2081 Aber auch ein Planspiel fand seinerzeit statt, das Oberstleutnant Konrad Rheindorf leitete, der wenige Monate zuvor noch an der Polizeischule Fürstenfeld bruck tätig gewesen war. Diese Simulation widmete sich der „Überprüfung des Meldeweges 2076 Ebd., Bl. 139. 2077 Ebd., Bl. 139. 2078 Vgl. ebd., Bl. 139 f. 2079 Ebd., Bl. 140. 2080 Vgl. ebd., Bl. 140f. 2081 Vgl. USHMM, RG-11.001M.15, Reel 82, Fond 1323-2-334, Kintrup (KdO Lublin) an u. a. II./SS-Pol. 25: Weiterbildung der Offiziere, 13.05.1943, Bl. 154. 378 Die Of f iz ie rsa u sb ild u n g de r Ord n u n g sp o liz e i 1936 bis 1945: Fä ch e r - In h a lte - Resultate bei Absprung feindlicher Luftlandetruppen und Einzelabspringer“ und tangierte damit ein ttem enfeld, das in der zweiten Kriegshälfte für die Polizei immer wichtiger wurde.2082 Im Herbst 1944 erließ Dalueges Nachfolger, Alfred Wünnenberg, noch die „Laufoahnrichtlinien für Generalstabsoffiziere der Ordnungspolizei“, um in der Endphase des Krieges eine besondere Führungselite der uniformierten Polizei aufzubauen.2083 Sie sollte etwa im Haupt amt Ordnungspolizei, bei den Befehlshabern, in speziellen Polizeieinheiten oder an den Of fiziersschulen der uniformierten Staatsmacht eingesetzt werden. Als geeignet galten aktive Offiziere ab dem Dienstgrad eines Hauptmanns, die nur in Ausnahmefällen über 38 Jahre alt waren und sich mindestens sechs Monate lang „im auswärtigen Einsatz oder im Luftnotge biet“ bewährt hatten.2084 Neben einer überdurchschnittlichen fachlichen Qualifikation wa ren vor allem charakterliche Merkmale für die Auswahl entscheidend. So legte der Polizei apparat besonderen Wert darauf, dass die Anwärter ehrgeizig waren, ihre Untergebenen angemessen behandelten, ein gutes Benimm und ein entsprechendes Auftreten in der Öf fentlichkeit sowie eine hohe „Stellung im Kameradenkreis“ besaßen.2085 Wer noch bestimmte Wissensdefizite auf fachlicher Ebene aufwies, sollte entweder zu ei nem Lehrgang für Bataillonskommandeure oder einem Kurs im Luftschutz abgeordnet wer den. Noch bevor der eigentliche Lehrgang für Generalstabsoffiziere beginnen sollte, für den eine Dauer von einem halben Jahr vorgesehen war, hatten die Kandidaten „eine taktisch technische Einweisung im Sonderdienst der verschiedenen Waffen“ zu absolvieren.2086 Die se fand jedoch nicht an Bildungsanstalten der uniformierten Polizei statt, sondern in einer Artillerie-, Panzergrenadier- und Pionierschule der SS sowie einem Luftgaukommando. Das unterstreicht abermals, wie eng Polizei und SS in den letzten Kriegsjahren miteinander ver flochten waren. A uf solche Kurzlehrgänge von jeweils zweiwöchiger Dauer folgte laut Richt linie eine weitere Ausbildung im Luftschutz, der in einem BdO-Bereich erfolgte und 14 Tage lang dauerte.2087 Inwieweit in den letzten Kriegsmonaten tatsächlich noch Generalstabsoffi ziere ausgebildet wurden, konnte nicht geklärt werden. Allerdings ist das unwahrscheinlich. Es fällt an diesem Konzept jedoch auf, dass die Ordnungspolizei insbesondere darauf be dacht war, dass ihre höheren Führungskräfte im Luftschutz theoretisch bewandert und prak tisch erfahren waren. Insgesamt zeigt sich, dass es eine ganze Fülle von ttem enfeldern gab, auf denen sich die bereits aktiven Oberbeamten weiterbilden sollten. Diese Arbeit an sich selbst sollte unentwegt ablaufen und niemals ein Ende finden. Trotz aller Experimente deck ten sich die dabei vermittelten Inhalte mit dem, was die Offiziere bereits anderweitig gelernt hatten, und ergänzten diese auch noch. Letztlich verdichtete sich diese Bandbreite aber auf ein Minimum, so dass hauptsächlich nur noch diejenigen Kernkompetenzen gefragt waren, die es im „Totalen Krieg“ zu beherrschen galt. 2082 USHMM, RG-11.001M.15, Reel 82, Fond 1323-2-334, Kintrup (KdO Lublin) an den Kommandanten der O rtskom mandantur Most in Lublin: Lehrplanspiel, 17.05.1943, Bl. 155. 2083 Vgl. im folgenden BayHStA München, Polizeischule FFB 1, I. A. Eggebrecht (Chef der O rdnungspo lizei) an u. a. Polizeischule FFB: Laufoahnrichtlinien für Generalstabsoffiziere der Ordnungspolizei, 01.09.1944. 2084 Ebd., S. 1. 2085 Ebd., S. 2. 2086 Ebd., S. 3. 2087 Vgl. ebd., S. 3f. 379 Sven Deppisch: Täte r a u f de r Sch u lb a n k Abbildung 28: Luftaufnahme von Süden auf Fürstenfeldbruck (1931) (StadtA FFB, 21) 3 8 0

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.