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Einleitung in:

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank, page 11 - 54

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4050-8, ISBN online: 978-3-8288-6871-7, https://doi.org/10.5771/9783828868717-11

Tectum, Baden-Baden
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i. Einleitung 1.1 Dunkle Vergangenheit im Schatten - Die verspätete Auseinandersetzung mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus „In fließendem Deutsch antwortet auf unsere Fragen der Judenälteste im Getto von Sm., einer einstmals mittleren Großstadt vor Moskau. Die Stadt selbst ist nicht mehr; sie wurde heftig umkämpft und hat daher schwer gelitten. In einem der wenigen noch ei nigermaßen bewohnbaren Stadtteile sind die Juden nun unter sich - im Getto. Besag ter Judenältester hat einstmals Deutschland mit seiner Anwesenheit beglückt und ist dann nach den Frühlingsstürmen des Jahres r933 ausgerückt in das wirkliche, gelobte Paradies. Er ist ein echter Jude: seine Klagen gelten nicht etwa der neuen Lage und den Deutschen, sondern seinen eigenen Rassegenossen, die er beschimpft und denunziert in der leicht erkennbaren Absicht, sich hieraus Vorteile zu verschaffen. Geradezu wi derlich ist seine Lobhudelei auf das ,gutte Deitschland, so daß wir ihm verbieten müs sen, unser Vaterland überhaupt mit seinem dreckigen Munde zu nennen. Nun ist die se Judenpracht vorbei - vorbei Freizügigkeit und Herrendünkel, bevorzugte Stellungen und Schmarotzertum. Sie wissen sehr wohl, was ihnen blüht, diese nur durch Ausrot tung zu vertreibende Pest!“1 Dieses Zitat stammt nicht aus der Feder eines Kriegsberichterstatters des „Dritten Reichs“. Weder ein Mitglied der Waffen-SS noch ein Aufseher eines Konzentrationslagers (KZ) brach ten diese Zeilen zu Papier. Hier schrieb auch kein führender Propagandist oder Ideologe des NS-Staats. Den Mitte Dezember 1941 veröffentlichten Text hatte Polizeioberleutnant Erich Bürkner verfasst, der überraschend ehrlich und deutlich darauf hinwies, dass die Judenver nichtung in dieser Phase des Ostkriegs in vollem Gange war. Er war ein Offizier der Ord nungspolizei, der sich wie viele seiner Kollegen im „auswärtigen Einsatz“ befand, von dem zahlreiche „Gesetzeshüter“ als Massenmörder zurückkehrten. Tausende Polizisten beteilig ten sich während des Zweiten Weltkriegs maßgeblich an den Verbrechen der NS-Diktatur. Es waren deutsche Ordnungskräfte, die in den besetzten Gebieten Osteuropas agierten, an 1 Erich Bürkner, Streiflichter aus der Sowjet-Union. Nach Tagebuchblättern von Oberleutnant der SchP. E. Bürkner, in: Die Deutsche Polizei, 15.12.1941, Nr. 24, S. 424 f., hier: S. 424. Offensichtlich handelt es sich bei der genannten Stadt um Smolensk, die rund 370 km von Moskau entfernt ist. Sie fiel an die deutschen Besatzungstruppen nach einer Kesselschlacht m it der Roten Armee, die von Anfang Juni bis zum 5. August 1941 tobte, und wurde dabei fast komplett zerstört. Vgl. u. a. Gerhard Schreiber, Der Zweite Weltkrieg, 4. Aufl., München 2007, S. 60; Lothar Gruchmann, Der Zweite Weltkrieg. Krieg führung und Politik, 11., durchges. und akt. Aufl., München 2005, S. 131 und 133; Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowje tunion 1941-1944, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 71, 2. Aufl., M ünchen 2009, S. 123; Christian Hartmann, Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945, M ün chen 2011, S. 58; Ders., Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, Quel len und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 75, München 2009, S. 254. 11 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k den Erschießungsgruben abertausende jüdische Opfer töteten und so ihren schrecklichen Beitrag zur Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums leisteten. Daneben bil deten sie eine zentrale Säule der deutschen Besatzungspolitik und bereiteten einer Entwick lung den Weg, der über Ghettos und Deportationszüge letztlich in die Vernichtungslager führte. Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Diese Tatsache und das obige Zitat passen so gar nicht in das Bild, das die Deutschen von ihrer Polizei haben. In der Populärkultur erscheint der Polizist meist als „Freund und Hel fer“ oder als heldenhafter Ermittler, der mit kriminalistischem Spürsinn und rechtsstaatli chem Idealismus für Gerechtigkeit und gegen Verbrecher kämpft. Kriminalromane und Fern sehsendungen verpassen der Ordnungsmacht ein glorifizierendes Image, an dem die Exekutive in ihrer eigenen Öffentlichkeitsarbeit anzuknüpfen versucht. Trotzdem werden Staatsdiener bei Demonstrationen regelmäßig durch Randalierer gezielt angefeindet oder so gar tätlich angegriffen, weil sie in ihnen vielmehr Vertreter eines brutalen Polizeistaats zu er kennen glauben. Obwohl sie durch das Fehlverhalten einzelner Beamter immer wieder am medialen Pranger steht, vertrauen die Bundesbürger dennoch keiner Institution so sehr wie der deutschen Polizei.2 Schließlich geht die breite Öffentlichkeit davon aus, dass Gesetzeshü ter eher Verbrechen verhindern oder zumindest auftlären, anstatt selbst welche zu begehen. Umso erstaunlicher ist es, dass die dunkle Vergangenheit der deutschen Ordnungsmacht nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele Jahrzehnte lang nicht nur der Gesellschaft allgemein, sondern auch speziell der Forschung verborgen blieb. Allenfalls erschien die Polizei als Kom parse der deutschen Geschichte, wie etwa während der Studentenunruhen der späten sech ziger Jahre, bei der gescheiterten Geiselbefreiung im Rahmen des Olympia-Attentats in Mün chen 1972 oder im Kam pf gegen die Rote Arm ee Fraktion (RAF) und weitere linke Terrorgruppen.3 Aber von solchen Ausnahmen einmal abgesehen, blickten deutsche Histo riker lange Zeit kaum in das „Auge des Gesetzes“. Vor allem dessen Rolle im „Dritten Reich“ war über einige Dekaden hinweg kaum Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Stattdessen ließen sich Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit von der Legende der „sauberen“ Poli zei allzu leicht blenden, obwohl die NS-Diktatur schon frühzeitig gerne als „Polizeistaat“ be zeichnet wurde.4 Erst wenige Jahre vor Ende des vergangenen Jahrtausends löste sich diese Paradoxie auf, als die Forschung ganz allgemein die nationalsozialistischen Täter für sich entdeckte. Das war aber großteils einem wachsenden Interesse an der Geschichte der deut schen Polizei zu verdanken. Nun offenbarte sich, dass sich die Polizeigeschichts- und die Tä terforschung nicht nur ergänzten, sondern auch eine Entwicklung vollzogen hatten, die zu weilen parallel verlaufen war.5 2 Der Global Trust Report 2013 - eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) - gibt an, dass 81 % der Deutschen ihrer Polizei vertrauen, womit die Ordnungsmacht m it deutlichem Abstand an der Spitze aller Behörden steht. Vgl. GfK Verein, Jahresbericht 2012/13, Nürnberg 2013, S. 34 f. 3 Vgl. u. a. Gerd Langguth, Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968-1976, Köln 1976; Simon Reeve, Ein Tag im September. Die Geschichte des Geiseldramas bei den Olympischen Spielen in München 1972, München 2006; Stefan Aust, Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1985. 4 Wie geläufig der Begriff des „Polizeistaats“ in den ersten Nachkriegsdekaden war, zeigt z. B. das Buch des Politikwissenschaftlers Brian Chapman, in dem er sich m it dem Phänomen in seiner semantischen und historischen Dimension auseinandersetzt. Vgl. Brian Chapman, Der Polizeistaat, München 1972. 5 Zur Entwicklung der Täterforschung im Folgenden vgl. u. a. Gerhard Paul, Von Psychopathen, Tech nokraten des Terrors und „ganz gewöhnlichen“ Deutschen. Die Täter der Shoah im Spiegel der For schung, in: Ders. (Hrsg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deut sche?, Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Bd. 2, Göttingen 2002, S. 13-90; Michael Wildt, Von Apparaten zu Akteuren. Zur Entwicklung der NS-Täterforschung, in: Angelika Benz/Marija Vulesica 12 Ein l e it u n g In den ersten Nachkriegsjahren machte die deutsche Gesellschaft vor allem Adolf Hitler und seine Führungsriege, aber auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und die Schutzstaf fel (SS) exklusiv für die Verbrechen des NS-Regimes verantwortlich. Im Nürnberger Prozess hatten die alliierten Richter nicht nur ranghohe Funktionäre des „Tausendjährigen Reiches“ zu langjährigen Haftstrafen oder gar zum Tode verurteilt, sondern auch beide Institutionen der Gewalt zu verbrecherischen Organisationen erklärt. Das bot den Deutschen eine will kommene Gelegenheit, ausschließlich die politische Elite des NS-Staats und ihre Handlan ger für den Holocaust und andere Massenverbrechen verantwortlich zu machen. Nun ver breitete sich die Ansicht, die Deutschen seien von regelrecht übermenschlichen Dämonen verführt und ins Verderben gebracht worden, ohne dass sie etwas gegen die diabolischen Kräfte hätten ausrichten können.6 Hitler und seine Entourage wie auch Heinrich Himmlers Geheimpolizei und dessen Weltanschauungstruppe fungierten als Stellplätze der Schuld, auf denen die Deutschen ihren moralischen Ballast abladen konnten. Sie trösteten sich nur all zu bereitwillig mit der vermeintlichen Tatsache, dass das Zusammenspiel von diabolischer NS-Führung, SS und politischer Polizei jedwede Opposition absolut unmöglich gemacht habe. Während sich die breite Öffentlichkeit so der eigenen Verantwortung entzog, machten sich Einzelne an eine frühe Typologie der NS-Verbrecher. Als einer der ersten versuchte der Soziologe Eugen Kogon in seinem T946 erschienenen Werk „Der SS-Staat“, die Täter der SS, aber auch der Gestapo zu analysieren, nachdem die Nationalsozialisten ihn mehrere Jahre lang im KZ Buchenwald terrorisiert hatten. Er beschrieb seine Peiniger als gescheiterte Exis tenzen, die geistig, kulturell und sozial deklassiert und gerade deswegen barbarisch sowie brutal gegenüber ihren Opfern gewesen seien.7 Indes arbeiteten ehemalige Staatsdiener des „Dritten Reichs“ daran, ihre Vergangenheit rein zu waschen und die Legende von der „sau beren“ Polizei in Umlauf zu bringen. Denn während Gestapo und SS aus dem Nürnberger Prozess als Inkarnation des Bösen hervorgegangen waren, hatten Kriminal- und Ordnungs polizei in Nürnberg noch nicht einmal auf der Anklagebank gesessen, obwohl die Alliierten sehr wohl über deren Verbrechen informiert gewesen waren.8 (Hrsg.), Bewachung und Ausführung. Alltag der Täter in nationalsozialistischen Lagern, Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945, Bd. 14, Berlin 2011, S. 11-22. Ferner: Peter Longerich, Tenden zen und Perspektiven der Täterforschung. Essay, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 14/15 (2007), S. 3-7; Ulrich Herbert, Wer waren die Nationalsozialisten? Typologien des politischen Verhal tens im NS-Staat, in: Gerhard Hirschfeld/Tobias Jersak (Hrsg.), Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz, Frankfurt am Main/New York 2004, S. 17-42, hier: S. 19-26. Wie sich die Forschung zur Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus entwickelte, skiz ziert ferner: Herbert Reinke, Die deutsche Polizei und das „Dritte Reich“. Anmerkungen zur Geschich te und Geschichtsschreibung, in: Harald Buhlan/Werner Jung (Hrsg.), Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus, Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 7, Köln 2000, S. 51-63; Ders., „Restauration“ oder „Ein neuer Anfang“: Zur Polizeige schichte und -geschichtsschreibung des „Dritten Reiches“ und der Bundesrepublik, in: Bundeskrimi nalamt (Hrsg.), Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kollo quienreihe, Köln 2008, S. 143-159. 6 Vgl. Wildt, Apparaten, S. 12. 7 Vgl. Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 44. Aufl., München 2006, S. 363-381. 8 Wie Richard Breitman ausführt, wussten die USA und Großbritannien über die Massenverbrechen der Nationalsozialisten recht gut Bescheid. Seit Oktober 1939 fingen britische Geheimdienste den Funkverkehr der Ordnungspolizei ab und erfuhren so, dass auch dieses Exekutivorgan während des Krieges an Massakern in Osteuropa beteiligt war. Gegenüber den USA teilten sie diese Informationen jedoch nur in Ansätzen, weshalb ihre amerikanischen Kollegen über konkrete Einzelheiten relativ we 13 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Stattdessen nutzten Funktionäre des nationalsozialistischen Polizeistaats das Gerichtsver fahren als Kulisse, um der Welt eine alternative Version der Wahrheit zu präsentieren. „Der Gedanke an eine Vernichtung bestimmter Bevoelkerungsteile ist uns Offizieren der Ord nungspolizei nie gekommen und nie gesagt worden“, wie der ehemalige SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, Adolf von Bomhard, T946 in einer eidesstattlichen Versi cherung erklärte.9 Die uniformierten Staatsdiener seien lediglich mit dem Katastrophen schutz in der Heimat, militärischen Kampfeinsätzen an der Front oder der „Aufrechterhal tung der oeffentlichen Ordnung und Sicherheit“ in den besetzten Gebieten betraut gewesen.10 Allenfalls habe die Polizei ab und an „im Rahmen der Amtshilfe“ Deportationszüge beglei tet.11 Auch die frühesten Werke zur Polizei des NS-Staats konstruierten ganz in diesem Stil eine eigenwillige Version der jüngsten Geschichte. Der frühere Generalleutnant der Ord nungspolizei Paul Riege meinte z. B. in seinem Machwerk „Kleine Polizei-Geschichte“ aus dem Jahre 1954, dass innerhalb der uniformierten Staatsmacht ein regelrechter Widerstand gegen Himmlers Politik geherrscht habe.12 Der „Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei“ (RFSSuChdDtPol) habe es, Riege zufolge, nicht verstanden, „die deutsche Ordnungs polizei zu einem willfährigen Instrument seiner Machtbestrebungen zu machen“.13 Ferner schrieb der ehemalige Generalleutnant und Befehlshaber der Ordnungspolizei im Reichs kommissariat Niederlande, Dr. Heinrich Lankenau, im Jahre 1957, dass die zentrale Aufgabe der Polizei während des Zweiten Weltkriegs lediglich im Luftschutz gelegen habe.14 Selbst die ersten Versuche, die Vergangenheit der uniformierten Polizei wissenschaftlich seriös aufzuarbeiten, waren nicht immun gegen diese Geschichtsklitterung. So erwähnt etwa das 1957 erschienene Standardwerk des Bundesarchivs „Zur Geschichte der Ordnungspoli zei“ von Hans-Joachim Neufeldt, Jürgen Huck und Georg Tessin die Untaten der Staatsdie ner in grüner Uniform mit keiner Silbe. Dieses Defizit hatte nicht zuletzt darin seinen Ur sprung, dass das Bundesarchiv etwa A dolf von Bomhard als fachkundigen Berater zum Thema zu Rate gezogen und seine „Expertise“ eingeholt hatte.15 Mit einer objektiven Suche nach dem tatsächlichen Wirken der Ordnungsmacht in den besetzten Gebieten hatte das herzlich wenig gemein. Andere Studien dieser Zeit erkannten zwar ebenfalls nicht, wie sehr die Polizei wirklich im Holocaust involviert war. Doch sie deuteten bereits in die richtige nig wussten. Doch auch aus pragmatischen Gründen unterließen es die Westalliierten, die O rdnungs polizei in der Nachkriegszeit für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Vgl. Richard Breitman, Staatsgeheimnisse. Die Verbrechen der Nazis - von den Alliierten toleriert, München 2001. 9 Affidavit SS-82: Eidesstattliche Versicherung des Generalleutnants der Ordnungspolizei Adolf von Bomhard vom 13. Juli 1946, in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationa len Militärgerichtshof Nürnberg 14. November 1945-1. Oktober 1946 (IMT), Bd. 42, Nürnberg 1949, S. 636-652, hier: S. 642. 10 Ebd., S. 641. 11 Ebd., S. 643. Hervorhebung im Original. 12 Vgl. Paul Riege, Kleine Polizei-Geschichte, Kleine Polizei-Bücherei, Bd. 15/16, Lübeck 1954, S. 45 f. 13 Ebd., S. 46. 14 Vgl. Bernhard Heinrich Lankenau, Polizei im Einsatz während des Krieges 1939/1945 in Nordrhein Westfalen, Bremen 1957, S. 5 und 167. Zur Person Lankenaus ferner: Christoph Spieker, Traditions arbeit. Eine biografische Studie über Prägung, Verantwortung und Wirkung des Polizeioffiziers Bern hard Heinrich Lankenau 1891-1983, Villa ten Hompel. Schriften, Bd. 12, Essen 2015; Ders., Export von Münster nach Den Haag: BdO Dr. Heinrich Lankenau (1891-1983), in: Alfons Kenkmann/Ders. (Hrsg.), Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung. Begleitband zur gleichnamigen Dauer ausstellung, Villa ten Hompel. Schriften, Bd.1, Essen 2001, S. 176-191. 15 Vgl. Hans-Joachim Neufeldt/Jürgen Huck/Georg Tessin, Zur Geschichte der Ordnungspolizei 1936 1945, Schriften des Bundesarchivs, Bd. 3, Koblenz 1957, S. VI. Ein l e it u n g Richtung. So kam Ermenhild Neusüß-Hunkel in ihrer frühen Studie zur SS aus dem Jahre 1956 zu dem Schluss, dass das Personal der judenmordenden Einsatzgruppen zu einem ho hen Anteil aus Ordnungspolizisten bestanden habe.16 Da aber weder sie noch andere For scher diesen Ansatz weiter verfolgten und es versäumten, die Rolle der Polizei kritisch zu hinterfragen, blieb das Lügengebilde der polizeilichen Apologeten in den Folgejahren wei terhin intakt. An der Langlebigkeit dieser Geschichtsmythen änderte sich kaum etwas, als Ende der fünf ziger Jahre die Verbrechen einzelner Polizeieinheiten durch bundesdeutsche Strafprozesse in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess des Jahres 1958 richtete sich die mediale Aufmerksamkeit erstmals auf die polizeilichen Täter, ohne de ren Funktion und Tätigkeit im NS-Staat generell zu durchleuchten. Als im gleichen Jahr die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Auftlärung nationalsozialistischer Verbre chen in Ludwigsburg ihre Arbeit aufnahm und seither auch gegen NS-Gewaltverbrecher aus den Reihen der Polizei ermittelte, fingen große Teile der Gesellschaft an, sich für das „Drit te Reich“ zu interessieren. Weitere Gerichtsverfahren in den sechziger Jahren, wie etwa der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 oder der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1966, verstärkten noch diese aufteimende Wissbegierde.17 Dabei führten diese Rechtsfälle zu einem neuen Bild von den NS-Tätern, das die Öffentlichkeit allmählich von den angeblich diabolischen Monstern abbrachte. Insbesondere die Philosophin Hannah Arendt war dafür verantwortlich, die in Eichmann den „neuen Typus des Verwaltungsmörders“ zu erkennen glaubte.18 Dieser pedantische Bü rokrat entstammte nicht mehr einer teuflischen Parallelwelt, sondern war in der Realität deut scher Amtsstuben zu verorten. Ihn trieben weder Antisemitismus noch Rassenhass an, son dern vielmehr absoluter Gehorsam und egoistisches Karrierestreben. Rasch eroberten Arendts Diktum von der „Banalität des Bösen“ und der Topos des „Schreibtischtäters“ die mediale wie auch die wissenschaftliche Debatte.19 Mehr noch entstand daraus das Konstrukt einer 16 Vgl. Ermenhild Neusüß-Hunkel, Die SS, Hannover/Frankfurt am Main 1956, S. 99. 17 Vgl. Paul, Psychopathen, S. 20; Wildt, Apparaten, S. 12. 18 Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 2. Aufl., München 2007, S. 398 [Künftig: Arendt, Eichmann (2007)]. Das englische Original wurde 1963 veröffentlicht, während die erste deutsche Fassung ein Jahr später erschien. Vgl. Dies., Eichmann in Jerusalem. A Re port on the Banality of Evil, New York 1963; Dies., Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Ba nalität des Bösen, München 1964. 19 Zu den Kontroversen um Arendts Buch und die Person Eichmanns vgl. u. a. Albert Wucher, Eichmanns gab es viele. Ein Dokumentarbericht über die Endlösung der Judenfrage, M ünchen/Zürich 1961; Die Kontroverse Hannah Arendt, Eichmann und die Juden, München 1964; Hans E. Holthusen, Hannah Arendt, Eichmann und die Kritiker, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 13/2 (1965), S. 178-190; Shiraz Dossa, Hannah Arendt on Eichmann. The Public, the Private and Evil, in: The Re view of Politics 46/2 (1984), S. 163-182; Gideon Hausner, Gerechtigkeit in Jerusalem, München 1967; Stephen J. Whitfield, Into the dark. Hannah Arendt and totalitarianism, Philadelphia 1980; Bernard J. Bergen, The Banality of Evil. Hannah Arendt and „The Final Solution“, Lanham 1998; Gary Smith (Hrsg.), Hannah Arendt Revisited. „Eichmann in Jerusalem” und die Folgen, Frankfurt am Main 2000; Yaacov Lozowick, Hitlers Bürokraten. Eichmann, seine willigen Vollstecker und die Banalität des Bö sen, Zürich/M ünchen 2000; Harry Mulisch, Strafsache 40/61. Eine Reportage über den Eichmann- Prozeß, 3. Aufl., Berlin 2002; Irm trud Wojak, Eichmanns Memoiren und die „Banalität“ des Bösen, in: Joachim Perels/Rolf Pohl (Hrsg.), NS-Täter in der deutschen Gesellschaft, Diskussionsbeiträge des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Hannover, Bd. 29, Hannover 2002, S. 17-39; Chris tian Volk, Urteilen in dunklen Zeiten. Eine neue Lesart von Hannah Arendts „Banalität des Bösen“, Berlin 2005; Habbo Knoch, Verschobene Schuld. Täterbilder und historische Fotografien in einem Il 15 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k „Vernichtungsmaschinerie“ als Deutungsmuster dafür, warum NS-Herrschaft und Judenmord eine so ungeheure Eigendynamik entfalten konnten.20 In einem solch technokratischen Sys tem hätten mediokre Akteure als kleine Zahnrädchen in einem gewaltigen Apparat fungiert, was unter der Führung einzelner Machthaber zwangsläufig zu einem bürokratisch geplan ten und fabrikmäßig durchgeführten Massenmord geführt habe. Anstatt sich also mit den eigentlichen Tätern zu befassen, suchten Wissenschaftler die Schuld in einer pervertierten Moderne.21 Holocaustforscher der ersten Stunde wie Raul Hilberg oder Gerald Reitlinger wandelten auf diesem Pfad, wobei sie den einzelnen Menschen fast aus den Augen verloren. Obwohl sie in ihren Werken durchaus darstellten, dass sich auch die uniformierte Staatsge walt an der Shoah beteiligt hatte, wirkten derlei Hinweise wie Randnotizen - so als hätte es sich bei den Verbrechen der Ordnungspolizei um einzelne Entgleisungen gehandelt.22 Weiterhin waren Wissenschaft und Öffentlichkeit in dieser Phase wenig daran interessiert, das gängige Bild zu hinterfragen, das seit 1945 von der Polizei des NS-Staats existierte. So fern sich Historiker und Laienforscher überhaupt mit der Vergangenheit der deutschen Ord nungsmacht auseinandersetzten, konzentrierten sie sich hauptsächlich auf die Zeit vor der „Machtergreifung“ oder nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“. Die Ge schichtswissenschaft überließ dieses Feld seinerzeit aber noch einem Autorenkreis, der sich vorwiegend aus aktiven oder ehemaligen Polizeibeamten zusammensetzte. Diese neigten in ihren eher populärwissenschaftlichen Arbeiten dazu, ein allzu romantisierendes Bild von der Polizeiarbeit und der staatlichen Institution selbst zu zeichnen.23 Je nachdem wie ihre Wer lustriertenbericht zum Eichmann-Prozess, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, S. 303-316. 20 Hans Mommsen verwendete den Begriff der „Vernichtungsmaschinerie“, um den NS-Staat als tech nokratischen Moloch zu charakterisieren. Vgl. Hans Mommsen, Hannah A rendt und der Prozeß ge gen Adolf Eichmann, in: Arendt, Eichmann (2007), S. 9-48, hier: S. 26. 21 Vgl. Wildt, Apparaten, S. 12-14; Paul, Psychopathen, S. 20-30. 22 Vgl. Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, London 1961. In der deutschen Version: Ders., Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., 10. Aufl., Frankfurt am Main 2007; Gerald Reitlinger, The Final Solution. The Attempt to Exterminate the Jews of Europe 1939-1945, London 1953. In der deutschen Version: Ders., Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Eu ropas 1939-1945, Berlin 1956. Zwar ließe sich Reitlinger auch jener Autorengruppe zurechnen, die in den Tätern gescheiterte Existenzen erblickte. Ihm zufolge waren etwa die meisten Angehörigen der Einsatzgruppen „Menschen, die es im normalen Leben zu nichts gebracht hatten“. Ebd., S. 215. Jedoch schreibt er bereits von der „Mordmaschinerie in Auschwitz“ und noch häufiger ist bei ihm die Rede von der „Todesfabrik“. Ebd., S. 166, 168, 174, 322, 332, 429 f., 486 und 519. 23 Vgl. z. B. Eugen Raible, Geschichte der Polizei. Ihre Entwicklung in den alten Ländern Baden und Württemberg und in dem neuen Bundesland Baden-Württemberg unter besonderer Berücksichtigung der kasernierten Polizei (Bereitschaftspolizei), Stuttgart 1963; Lothar Danner, Ordnungspolizei Ham burg. Betrachtungen zu ihrer Geschichte 1918 bis 1933, Hamburg 1958; Otto Ernst Breibeck, Bayerns Polizei im Wandel der Zeit. Achthundert Jahre bayerische Polizeigeschichte, München 1971; Horst Adalbert Koch, Zur Organisationsgeschichte der deutschen Polizei 1927-1939, in: Feldgrau. Mittei lungen einer Arbeitsgemeinschaft 5/5 (1957), S. 141-143; Ders., Die Landespolizei 1932. Standort übersicht der kasernierten Polizeieinheiten (einschl. Schulen) der Länderpolizei 1932. Ein Beitrag zur Organisationsgesichte der deutschen Polizei 1920-1932, in: Feldgrau. Mitteilungen einer Arbeitsge meinschaft 9/2 (1961), S. 42-44 [Künftig: Koch, Landespolizei 1932/2]; Ders., Die Landespolizei 1932, in: Feldgrau. Mitteilungen einer Arbeitsgemeinschaft 9/3 (1961), S. 91 f. [Künftig: Koch, Landespoli zei 1932/3]; Josef Falter, Chronik des Polizeipräsidiums München, hrsg. v. M ünchner Sicherheitsfo rum e.V., 2. Aufl., München 1995. An einer ersten Überblicksdarstellung zur gesamten Geschichte der deutschen Polizei versuchten sich 1986 ferner der Jurist Robert Harnischmacher und Arved Semerak, der ehemalige Polizeipräsident von Hamburg. Jedoch verharrt das Autorenduo in einer überwiegend rechtsgeschichtlichen Perspektive, weshalb sie sich dem Thema nur recht oberflächlich annähern. Vgl. 16 Ein l e it u n g ke thematisch ausgerichtet waren, konnten sie die NS-Zeit aber nicht vollständig umschif fen. Während sich die polizeilichen Literaten weitestgehend darüber ausschwiegen, welche Rolle die deutsche Polizei beim Judenmord gespielt hatte, erwähnten sie jedoch wie selbst verständlich, dass sie während des Zweiten Weltkriegs zur „Partisanenbekämpfung“ einge setzt gewesen war.24 Dadurch wahrten sie den Schein und konnten die Ordnungsmacht wei terhin als harmlosen „Freund und Helfer“ inszenieren. Daran änderte sich auch nichts, als politisch motivierte Publikationen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) an diesem Image zu kratzen versuchten. Zu ihnen zählte vor allem ein 1965 erschienenes „Braun buch“, das hunderte belastete Personen aufführt, die in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bedeutende Positionen bekleideten, obwohl sie durch ihre Tätigkeit im „Dritten Reich“ deutlich belastet waren.25 Der „Klassenfeind“ zeigte sich aber immun gegen diese Form der antifaschistischen Propaganda. Eine seriöse polizeigeschichtliche Täterforschung lag seiner zeit also noch immer in weiter Ferne. Zu den ersten Impulsgebern, die das ändern wollten, gehörte das Institut für Zeitgeschich te (IfZ). In dessen Gutachten zum Frankfurter Auschwitzprozess aus dem Jahre 1964 mach te insbesondere Hans Buchheim deutlich, dass die Ordnungsmacht im „Dritten Reich“ eng mit der SS verbunden gewesen war. Dabei konzentrierte er sich zwar im Wesentlichen auf die Gestapo, versuchte sich jedoch erstmals daran, die Struktur des NS-Polizeistaats und sei ner Organe nachzuzeichnen.26 In den sechziger Jahren befassten sich weitere Mitarbeiter der Münchner Forschungsanstalt ebenfalls mit Himmlers Polizei und gingen dabei etwa der Fra ge nach, welche Rolle sie in den besetzten Gebieten gespielt hatte. Dass sie deutlich stärker als bisher angenommen aktiv am Judenmord in Polen beteiligt gewesen war, zeigte z. B. ein Gutachten von Martin Broszat und Werner Präg aus dem Jahre 1967.27 Solche Vorstöße inspirierten in den nächsten Jahren weitere Forscher, am gängigen Image der uniformierten „Saubermänner“ zu kratzen. Trotzdem fanden sich auch in den sechziger und siebziger Jahren nur wenige Abhandlungen zu diesem ttem enkomplex. In dieser Pha Robert Harnischmacher/Arved Semerak, Deutsche Polizeigeschichte. Eine allgemeine Einführung in die Grundlagen, Stuttgart 1986. 24 Vgl. z. B. Raible, Geschichte, S. 102; Harnischmacher, Polizeigeschichte, S. 103. Nach Kriegsende er schienen einige Werke, die hinsichtlich des „auswärtigen Einsatzes“ der Ordnungspolizei lediglich auf den Kampf gegen „Banden“ hinweisen. Vgl. u. a. Georg Tessin, Die Stäbe und Truppeneinheiten der Ordnungspolizei, in: Neufeldt, Geschichte, S. 3-110, hier: S. 17 f. [Künftig: Tessin, Stäbe und Trup peneinheiten]. 25 Vgl. Norbert Podewin (Hrsg.), Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Berlin (West). Reprint der Ausgabe 1968 (3. Aufl.), Berlin 2002. Ferner befassten sich Forscher aus der DDR auch in anderen Schriften m it der Polizei des NS-Staats. Vgl. u. a. Norbert Müller, Zum Charak ter und zum Kriegseinsatz der faschistischen Ordnungspolizei, in: Militärgeschichte 23 (1984), S. 515 520. 26 Vgl. Hans Buchheim/M artin Broszat/Hans-Adolf Jacobsen u. a., Anatomie des SS-Staates, 6. Aufl., München 1994; Hans Buchheim, Die Höheren SS- und Polizeiführer, in: VfZ 11/4 (1963), S. 362-391; Ders., SS und Polizei im NS-Staat, Staatspolitische Schriftenreihe, Duisdorf bei Bonn 1964; Ders., Die Aufnahme von Polizeiangehörigen in die SS und die Angleichung ihrer SS-Dienstgrade an ihre Beam tenränge (Dienstgradangleichung) in der Zeit des Dritten Reichs, in: Gutachten des Instituts für Zeit geschichte, Bd. II, Stuttgart 1966, S. 172-181. 27 Vgl. M artin Broszat/Werner Präg, Grundzüge der Besatzungspolitik und Judenverfolgung, der Verwaltungs- und Polizeiorganisation im Generalgouvernement, m it besonderer Berücksichtigung des Distrikts Lublin und der Beteiligung der Ordnungspolizei (Gendarmerie) an Tötungsaktionen gegen Juden. Gutachten von Dr. M artin Broszat und Werner Präg für die Staatsanwaltschaft bei dem Land gericht Amberg im Ermittlungsverfahren gegen Bruno Muttersbach, [München] 1967. 17 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k se konzentrierte sich die Geschichtswissenschaft abseits der großen Funktionäre insbeson dere auf die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes der SS (SD). Derlei Studien konnten sich jedoch nicht davon lösen, eine Analyse dieser Einheiten und Organisationen stets eng an die Führungsfiguren des NS-Regimes zu knüpfen und de ren Machtspielräume in den Vordergrund zu stellen.28 Selbst im Standardwerk von Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm über „Die Truppe des Weltanschauungskrieges“ ver kamen die ausführenden Organe überwiegend zu einem anonymen Kollektiv, ohne dass die Autoren dessen subalterne Angehörigen bis auf wenige kollektivbiographische Angaben ein gehender analysierten.29 Obwohl sie durchaus medial rezipiert wurden, führten solche Studien noch nicht dazu, dass Wissenschaft und Öffentlichkeit umdachten und erkannten, welches Potential und wel che Sprengkraft in diesem Thema steckten. Die Geschichtsforschung verhedderte sich stattdessen in einen Streit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten. Erstere waren davon überzeugt, dass der Antisemit Hitler als mächtiger Diktator seit vielen Jahren einen Plan ge hegt hatte, die europäischen Juden auszurotten, was er letztlich auch in die Tat hatte umset zen lassen. Dagegen wendeten letztere ein, dass der Holocaust kein von langer Hand geplan tes Vorhaben gewesen war. Bei ihm hatte es sich ihnen zufolge um das Ergebnis unzähliger Kompetenzstreitigkeiten gehandelt, in denen sich untergeordnete Funktionäre mit ihren an tijüdischen Maßnahmen bis hin zum Völkermord gegenseitig zu übertreffen versucht hat ten. Während seinerzeit beide Parteien nicht erkannten, dass sich ihre Positionen keineswegs ausschließen, sondern vielmehr ergänzen, konnte sich diese Erkenntnis in der heutigen Fach welt längst durchsetzen.30 Seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wuchs daneben das akademische Interesse an einer allgemeinen Geschichte der deutschen Polizei. Die Forschung hatte bis dahin die uni formierte Exekutivgewalt vergangener Jahrhunderte vorwiegend aus einer rechts- und ver waltungswissenschaftlichen Perspektive betrachtet oder sich auf ihre institutionelle Organi sation konzentriert. Nun fingen Historiker an, sich jenseits dieser disziplinären Grenzen zu bewegen.31 Dennoch wagten sich seinerzeit nur wenige Wissenschaftler über das 19. Jahrhun dert hinaus, wodurch die zeitgeschichtliche Rolle der Polizei weiterhin kaum thematisiert 28 Vgl. z. B. Erhard Moritz/Wolfgang Kern, Aggression und Terror. Zur Zusammenarbeit der faschisti schen deutschen Wehrmacht m it den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD bei der Ag gression gegen Polen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) 22/12 (1974), S. 1314-1325. Bei diesem Aufsatz handelt es sich um ein Produkt der marxistischen Geschichtsschreibung aus der DDR, das weniger ein rein wissenschaftliches als vielmehr ein politisches Interesse verfolgt. So werfen die beiden Autoren der Bundesrepublik vor, „das verbrecherische Wesen des imperialistischen Systems und seiner Gewaltorgane zu verschleiern“. Ebd., S. 1315. 29 Vgl. Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Ein satzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Quellen und Darstellungen zur Zeitge schichte, Bd. 22, Stuttgart 1981. In seinem Abschnitt der Studie liefert Wilhelm lediglich einen ganz knappen kollektivbiographischen Überblick von den Führern der Einsatzgruppe A. Vgl. Hans-Hein rich Wilhelm, Die Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD 1941/42. Eine exemplarische Studie, in: ebd., S. 279-636, hier: S. 281-285. 30 Vgl. dazu Ian Kershaw, Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2002, S. 152-206; Wildt, Apparaten, S. 14. 31 Vgl. Herbert Reinke, Polizeigeschichte in Deutschland. Ein Überblick, in: Peter Nitschke (Hrsg.), Die Deutsche Polizei und ihre Geschichte. Beiträge zu einem distanzierten Verhältnis, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V., Bd. 2, Hilden 1996, S. 13-26, hier: S. 13 f. Ein l e it u n g wurde.32 Einzelne Autoren wurden erst in den achtziger Jahren auf die Polizei des „Dritten Reichs“ aufmerksam - also in jenem Jahrzehnt, in dem die letzten Beamten in Pension gin gen, die bereits im NS-Staat ihren Dienst verrichtet hatten. Dieser Generationswechsel war auch ein Grund dafür, dass innerhalb der bundesdeutschen Ordnungsmacht allmählich ein Umdenken einsetzte. Denn in dieser Phase veröffentlichten historisch interessierte Polizis ten verschiedene Werke, in denen sie sich zumindest graduell der nationalsozialistischen Staatsgewalt und ihren Verbrechen annäherten.33 In erster Linie waren es jedoch Historiker, die dieses bisher vernachlässigte Thema aufgriffen und eingehender behandelten. Ruth Bettina Birn etwa untersuchte in ihrer Studie aus dem Jahre 1986 „Die Höheren SSund Polizeiführer“, die dem obersten Polizeichef Himmler direkt unterstellt waren und die Vernichtungsaktionen der Polizeieinheiten koordiniert hatten. Diese wichtigen Repräsen tanten des NS-Polizeiapparats charakterisierte sie als linientreue und energische Ideologen, die sich bedingungslos loyal dem Willen des Reichsführers-SS unterwerfen mussten.34 Die meist älteren Offiziere der SS und Polizei seien großteils bereits im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen und grundsätzlich stark militärisch sozialisiert worden. Eine Vielzahl von ih nen habe einen sozialen Abstieg erfahren, weil ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihre Bildungschancen durch Krieg und Nachkriegszeit deutlich gelitten hätten. Dies habe sich laut Birn im SS-Staat jedoch geändert. Denn wer mit der Tugendlehre und der Ideologie Himmlers übereingestimmt, sich daneben durch Leistungswillen und tatkräftigen Einsatz für das NS-Regime verdient gemacht habe, habe im Imperium des Reichsführers-SS aufstei gen und eine enorme Machtfülle entfalten können. Wenngleich Birn in ihrer Kollektivbio graphie versuchte, den Menschen hinter den Höheren SS- und Polizeiführern zum Vorschein zu bringen, blieben diese mächtigen Akteure in ihrer Schrift dennoch Marionetten Himm lers, die sich nur schwer seinem Einfluss entziehen konnten.35 Auch andere Autoren fingen an, das gängige Bild von den angeblich unbescholtenen Staats bürgern in Uniform zu hinterfragen. Zu ihren Werken zählt etwa das Buch „Parteisoldaten“, in dem sich Helmut Fangmann, Udo Reifner und Norbert Steinborn mit der Hamburger Po lizei im NS-Staat auseinandersetzten, wobei sie erstmals auch das Wirken der Polizeibatail lone näher thematisierten.36 Diese hätten vor allem die besetzten Gebiete gesichert und sei 32 Zu den Studien, die sich m it der Geschichte der Polizei bis ins 19. Jahrhundert beschäftigen, zählen z. B. folgende Werke: Wolfram Siemann, „Deutschlands Ruhe, Sicherheit und O rdnung“. Die Anfän ge der politischen Polizei 1806-1866, Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 14, Tü bingen 1985; N orbert Finzsch, Städtische Sicherheit und ländliche Unsicherheit. Soziale Probleme und Stadt-Land-Beziehung im Rheinland im frühen 19. Jahrhundert, in: Herbert Reinke (Hrsg.), . nur für die Sicherheit d a . “? Zur Geschichte der Polizei im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1993, S. 137-157; Wolfgang R. Krabbe, Von der „guten Policey“ zur gegliederten Lokalverwal tung. Die Verwaltung deutscher Städte seit dem 18. Jahrhundert, in: Reinke, Sicherheit, S. 158-169; Ders., Die lokale Polizeiverwaltung in der preußischen Provinz Westfalen (1815-1914), in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 119 (1983), S. 141-157; Wolfgang Brunbauer, Bayerische Skandalchronik. Polizei und Kriminalität im München des frühen 19. Jahrhunderts, Rosenheim 1984. 33 Vgl. z. B. Kurt Kraus, Geschichte der Frankfurter Polizei in Wort und Bild, Frankfurt 1981, S. 116-128, besonders: S. 126 f.; Helmut Lieber, Geschichte der Polizei des Birkenfelder Landes. Vom Fürstentum zum Landkreis, Schriftenreihe der Kreisvolkshochschule Birkenfeld, Bd. 20, Birkenfeld 1987, S. 259 317, besonders: S.311. 34 Vgl. Ruth Bettina Birn, Die Höheren SS- und Polizeiführer. Himmlers Vertreter im Reich und in den besetzten Gebieten, Düsseldorf 1986, S. 399. 35 Vgl. ebd., S. 350-395. 36 Vgl. Helmut Fangmann/Udo Reifner/Norbert Steinborn, „Parteisoldaten“. Die Hamburger Polizei im „3. Reich“, Hamburg 1987, S. 117-122. 19 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k en im „Bandenkampf“ zum Einsatz gekommen, unter dessen Deckmantel es aber auch zu Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung gekommen sei.37 Hinsichtlich des Judenmords ver wies das Autorentrio jedoch lediglich auf die Einsatzgruppen, in denen in erheblichem Um fang auch Ordnungspolizisten tätig gewesen seien, oder auf einzelne Fallbeispiele von Ham burger Polizeieinheiten.38 Aus dieser Studie wie auch aus weiteren seinerzeit veröffentlichten Werken konnte der Leser lediglich schließen, dass auch „Gesetzeshüter“ abscheuliche Ver brechen begangen hatten.39 Der eigentliche Anteil von Schutzpolizei und Gendarmerie am Holocaust blieb weiterhin im Dunkeln. Diesen Aspekt erhellte hingegen Heiner Lichtenstein in seinem 1990 erschienenen Buch „Himmlers grüne Helfer“. A uf Grundlage einiger Gerichtsverfahren gegen Polizeieinheiten und ihre Angehörigen, denen er als Reporter beigewohnt hatte, veranschaulichte er, wie die Ordnungspolizei vor allem in den Ostgebieten gemordet hatte und wie die Täter nach Kriegs ende problemlos wieder in den bundesdeutschen Beamtenapparat gelangt waren. Zwar ver folgte Lichtenstein nicht den Anspruch, die Motive der Mörder zu ergründen oder gar psy chologische Profile zu erstellen. Aber indem er eine Reihe von Einzelfällen schilderte, brachte er stärker als bisher jene Legende ins Wanken, die der Polizei des totalitären Systems stets ihre „Sauberkeit“ attestiert hatte.40 Zu ihrem Sturz kam es jedoch erst zu Beginn der neunziger Jahre durch Impulse von „au ßen“. Denn in der Wendezeit entstand eine Reihe von Werken, die sich verstärkt den Tätern am Ende und in der Mitte der Karriereleiter zuwendeten und gezielter nach deren Motiven fragten. Arbeiten ausländischer Wissenschaftler stellten viele althergebrachte Paradigmen auf den Prüfstand, die daraufain einer Revision bedurften. So rüttelte etwa der kanadische Historiker Robert Gellately am sogenannten Gestapo-Mythos. In seinen Studien zur Gehei men Staatspolizei konnte er nachweisen, dass sie keineswegs allgegenwärtig und allmächtig gewesen war, wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft landläufig behauptet hatte. Stattdessen zeichnete er das Bild einer Politischen Polizei, die weder personell noch technisch dazu in der Lage gewesen war, die gesamte Bevölkerung des NS-Staats flächendeckend und um fassend zu überwachen. Vielmehr offenbarte sich, dass es der Gestapo erst durch die Mithil fe von willfährigen Denunzianten gelungen war, ihren Terror gegen unliebsame „Gemein schaftsfremde“ und aufsässige „Volksgenossen“ zu entfalten.41 Weitere Studien wie etwa von Gisela Diewald-Kerkmann oder Eric A. Johnson bestätigten dies. Sie zeigten aber gleichzeitig, dass die Dimensionen des deutschen Denunziantentums auch nicht überschätzt werden dürfen.42 Dennoch führten solche Denkanstöße dazu, dass 37 Vgl. ebd., S. 117. 38 Vgl. z.B. ebd., S. 118-120. 39 Zu diesen Werken gehört z. B. die Quellenedition „Schöne Zeiten“. Vgl. Ernst Klee/Willi Dreßen/Volker Rieß (Hrsg.), „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1988. 40 Vgl. Heiner Lichtenstein, Himmlers grüne Helfer. Die Schutz- und Ordnungspolizei im „Dritten Reich“, Köln 1990. 41 Vgl. Robert Gellately, Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpoli tik 1933-1945, Paderborn 1993; Ders., Allwissend und allgegenwärtig? Entstehung, Funktion und Wandel des Gestapo-Mythos, in: Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.), Die Gestapo. My thos und Realität, Darmstadt 2003, S. 47-70 [Künftig: Paul, Gestapo (2003)]; Ders., Die Gestapo und die „öffentliche Sicherheit und O rdnung“, in: Reinke, Sicherheit, S. 94-115. 42 Vgl. Gisela Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime oder Die kleine Macht der „Volksgenossen“, Bonn 1995; Dies., Denunziantentum und Gestapo. Die freiwilligen „Helfer“ aus der Bevölkerung, in: Paul, Gestapo (2003), S. 288-305; Eric A. Johnson, Der nationalsozialistische Terror. 20 Ein l e it u n g einerseits die Rolle der Gesellschaft im Nationalsozialismus stärker ins Blickfeld der Wissen schaftler geriet und andererseits ein regelrechter Boom der Gestapo-Forschung einsetzte. Obwohl auf diesem Wege die bislang mystifizierte Geheimpolizei wieder ins Zentrum ge langte, befreite der Forschungstrend sie allmählich von der Aura des omnipotent Bösen. Die in der Folgezeit entstandenen Studien stellten sie stattdessen als eine Exekutive dar, die aus menschlichen Wesen bestand, die zwar meist opportunistisch und bis zum äußersten auf den eigenen Vorteil bedacht waren und die Chancen zu nutzen wussten, die ihnen das Re gime bot. Jedoch hätten sich ihre Beamten nicht wesentlich vom Rest der Bevölkerung un terschieden, was ihre Verbrechen noch schlimmer erscheinen ließ.43 Nicht nur die längst verrufenen Akteure standen nun stärker im Vordergrund, sondern auch jene, die sich bislang im toten Winkel der Forschung befunden hatten. Der deutsch australische Historiker Konrad Kwiet untersuchte in seinem Aufsatz „Auftakt zum Holo caust“ im Jahre 1993 das Kriegstagebuch des Polizeibataillons 322 und stellte so exemplarisch das mörderische Treiben der Ordnungspolizei in Osteuropa nach. Dadurch befasste sich erst mals ein Wissenschaftler mit dieser Institution der Gewalt, von der die deutsche Historiker zunft bis dahin kaum Notiz genommen hatte. Darüber hinaus offenbarte er dem Leser, dass auch weitere Einheiten der uniformierten Polizei ähnlich tief in den Judenmord verstrickt gewesen waren, so dass nicht davon ausgegangen werden konnte, es handle sich bei dem un tersuchten Polizeiverband um eine bedauernswerte Ausnahme.44 Zum Durchbruch der polizeigeschichtlichen Täterforschung verhalfen aber die Arbeiten zweier Amerikaner: Der Holocaustforscher Christopher R. Browning befasste sich in seinem 1993 erschienenen Buch „Ganz normale Männer“ eingehend mit dem Hamburger Reserve Polizeibataillon 101, das während des Zweiten Weltkriegs insbesondere in Polen zehntausen de Juden systematisch umgebracht hatte. Er kam zu dem Schluss, dass diese Ordnungspoli zisten „gewöhnliche“ Männer gewesen seien, die aufgrund von situativen Faktoren ihre Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche, Berlin 2001; Ders.,/Karl-Heinz Reuband, Die populäre Einschätzung der Gestapo. Wie allgegenwärtig war sie wirklich?, in: Paul, Gestapo (2003), S. 417-436. 43 Im Zuge der jüngeren Gestapoforschung sind z. B. folgende Werke entstanden: Gerhard Paul/Klaus Michael Mallmann (Hrsg.), Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. „Heimatfront“ und besetztes Europa, Darmstadt 2000 [Künftig: Paul, Gestapo (2000)]; Klaus Mlynek, Gestapo Hannover m eldet ... Polizeiund Regierungsberichte für das mittlere und südliche Niedersachsen zwischen 1933 und 1937, Ver öffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Bd. 39, Hildesheim 1986; Gerd Steinwascher, Gestapo Osnabrück m eldet ... Polizei- und Regierungsberichte aus dem Re gierungsbezirk Osnabrück aus den Jahren 1933 bis 1936, Osnabrücker Geschichtsquellen und For schungen, Bd. 36, Osnabrück 1995; Albrecht Eckhardt/Katharina Hoffmann, Gestapo Oldenburg mel det ... Berichte der Geheim en Staatspolizei und des Innenm inisters aus dem Freistaat und Land Oldenburg 1933-1936, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bre men, Bd. 209, Hannover 2002; Joachim Kuropka, Meldungen aus Münster 1924-1944. Geheime und vertrauliche Berichte von Polizei, Gestapo, NSDAP und ihren Gliederungen, staatlicher Verwaltung, Gerichtsbarkeit und W ehrmacht über die politische und die gesellschaftliche Situation in Münster, Münster 1992; Carsten Dams/Michael Stolle, Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich, München 2008. Ferner: George C. Browder, Hitler’s Enforcers. ^ e Gestapo and the SS Security Ser vice in the Nazi Revolution, Oxford 1996; Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Ter ror und Widerstand 1933-1945, hrsg. v. der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2005. 44 Vgl. Konrad Kwiet, Auftakt zum Holocaust. Ein Polizeibataillon im Osteinsatz, in: Wolfgang Benz/ Hans Buchheim/Hans Mommsen (Hrsg.), Der Nationalsozialismus. Studien zur Ideologie und Herr schaft, Frankfurt am Main 1993, S. 191-208. In der englischen Originalversion: Ders., From the Diary of a Killing Unit, in: John Milfull (Hrsg.), Why Germany? National Socialist Anti-Semitism and the European Context, Providence/Oxford 1993, S. 75-90. 21 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Verbrechen begangen hätten. Gruppen- und Anpassungsdruck sowie Sozialdynamik und Verrohung, die innerhalb des Verbandes geherrscht hätten, seien für die Polizisten wesent lich einflussreicher gewesen als Rassenhass und Antisemitismus. Ideologische Schulung und nationalsozialistische Verhetzung traten bei Browning in den Hintergrund, weil sie seiner Ansicht nach keine große Wirkung entfaltet hatten.45 In diesem Punkt stimmte der amerikanische Soziologe Daniel Jonah Goldhagen überein, der sich mit derselben Polizeieinheit beschäftigt hatte. In seinem 1996 erschienenen Werk „Hitlers willige Vollstrecker“ bezweifelte er ebenfalls, dass die NS-Ideologie und eine entspre chende Indoktrination besonders wirkungsmächtig gewesen seien. Allerdings schlussfolger te er, dass die Reservepolizisten vielmehr „ganz gewöhnliche Deutsche“ gewesen seien, die ihre jüdischen Opfer nur deshalb umgebracht hatten, weil die Täter das einfach schon lange gewollt hätten. Goldhagen zufolge sei die gesamte deutsche Gesellschaft bereits lange vor Hitlers Machtübernahme von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ durchdrungen ge wesen, der auf nichts Geringeres als die Vernichtung des Judentums abgezielt habe.46 Diese spezielle Variante der tte se vom deutschen Sonderweg stieß bei deutschen Forschern auf herbe Kritik, weil Goldhagen in seiner Arbeit sehr selektiv argumentierte und seine Ergeb nisse pauschal auf ein ganzes Volk übertrug. Sein Buch war hingegen bei einer großen Le serschaft enorm beliebt. Denn ihm kommt unzweifelhaft das Verdienst zu, den Giftschrank geöffnet und den Tätern endlich ein Gesicht gegeben zu haben.47 Mit Browning und Gold hagen verließ der Leser erstmals die behagliche Amtsstube des Schreibtischtäters und trat an die Erschießungsgruben heran. Damit verfolgte er nun die Tötungspraxis hautnah und ungeschönt, ohne sich hinter einer ominösen Mordmaschinerie verstecken zu können. Jene Männer, die unmittelbar für das Leid ihrer Opfer verantwortlich waren, erhielten einen Na men. Sie waren nicht mehr die pathologisch brutalen SS-Schergen vergangener Zeiten, son dern erschienen als Polizeibeamte viel wirklicher. Was als Debatte zwischen zwei Forschern begonnen hatte, schlug in eine große wissen schaftliche Kontroverse um, die schnell eine breite Öffentlichkeit erreichte. Das begünstigte der Umstand, dass sich Mitte der neunziger Jahre das Interesse von Hitlers mächtigen Füh rungsfiguren auf die subalternen Täter verlagerte, die geradezu aus der Nachbarschaft oder gar der eigenen Familie stammen könnten. Auch die „Wehrmachtsausstellung“ konfrontier 45 Vgl. Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „End lösung“ in Polen, 5. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2009. 46 Vgl. Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Ho locaust, München 2000. Im Jahre 2009 ging Goldhagen noch einen Schritt weiter, indem er das Kon zept des sogenannten „Eliminatorismus“ entwickelte, m it dem er nicht nur den Holocaust, sondern sämtliche Völkermorde zu erklären versuchte. Vgl. dazu Ders., Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist, München 2009, S. 24-32. 47 Zur Rezeption der ̂ e s e n von Goldhagen und der daraus entstandenen Debatte vgl. u. a. Christopher R. Browning, Die Debatte über die Täter des Holocaust, in: Ulrich Herbert (Hrsg.), Nationalsozialis tische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt am Main 1998, S. 148-169; Dieter Pohl, Die Holocaust-Forschung und Goldhagens ^ e se n , in: VfZ 45/1 (1997), S. 1-48; Norbert Frei, Goldhagen, die Deutschen und die Historiker. Über die Repräsentation des Holocaust im Zeitalter der Visualisierung, in: M artin Sabrow/Ralph Jessen/Klaus Große Kracht (Hrsg.), Zeitge schichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003, S. 138-151, hier: S. 140 und 145; Volker Ullrich, Eine produktive Provokation. Die Rolle der Medien in der Goldhagen-Kontroverse, in: Sabrow, Zeitgeschichte, S. 152-170, hier: S. 152 und 161 f.; Julius H. Schoeps (Hrsg.), Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust, 2. Aufl., Hamburg 1996; Sabine Manke, Die Bilderwelt der Goldhagen-Debatte. Kulturwis senschaftliche Perspektiven auf eine Kontroverse um Geschichte, Marburg 2004. 22 Ein l e it u n g te die Deutschen in dieser Phase damit, dass die Massenverbrechen des NS-Regimes nicht nur von einer kleinen Gruppe von politischen Funktionären geplant, sondern auch von vie len Helfershelfern aus dem einfachen Volk begangen worden waren.48 A uf diesem Nährbo den gedieh ein neuer Bereich der Geschichtswissenschaft, der jedoch nicht auf diese be schränkt blieb: Die „Neuere Täterforschung“ bezog wesentlich stärker als bisher die Erkenntnisse und Methoden aus anderen Disziplinen ein.49 Anleihen machte eine neue Ge neration von Forschern insbesondere bei der Soziologie oder der Sozialpsychologie. Dazu trug vor allem das Milgram-Experiment zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität oder auch das Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo bei, in dem der Psycholo ge 1971 die Sozialdynamik innerhalb eines Gefängnisses simuliert hatte.50 Die Diskussion um die „normalen“ Täter inspirierte auch Sozialwissenschaftler wie etwa Harald Welzer, Chris toph Schneider und Rolf Pohl zu eigenen Untersuchungen. Sie befassten sich ebenfalls mit den Angehörigen von Polizeibataillonen, wichen aber großteils von Brownings und Goldhagens Interpretationen ab und stellten auch deren Normalitätsbegriff grundsätzlich infrage.51 So fruchtbar diese Impulse für die Täterforschung wahrhaftig waren, kam es bislang jedoch nur ansatzweise zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit.52 Die eigentlichen Nutznießer dieser Entwicklungen waren aber andere: Von den jüngsten Debatten profitierten all jene Wissenschaftler, die zwar noch nicht offiziell vom Forschungs feld der „Polizeigeschichte“ sprachen, aber mit ihren Studien den Grundstein dafür legten, dass sich diese Disziplin allmählich formieren konnte. Es waren vor allem jene Historiker, die in dieser Phase bereits an verwandten U em en arbeiteten oder diese seinerzeit für sich 48 Zur „Wehrmachtsausstellung“ und deren Rezeption sowie zu den Verbrechen der deutschen Armee vgl. u. a. Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 1944, Hamburg 1995; Walter Manoschek (Hrsg.), Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der Vernichtungs krieg hinter der Front, Wien 1996; Christian Hartmann/Johannes Hürter/Ulrike Jureit (Hrsg.), Ver brechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005. 49 Für einen Streifzug durch die „Neuere Täterforschung“ vgl. Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann, Sozialisation, Milieu und Gewalt. Fortschritte und Probleme der neueren Täterforschung, in: Mall mann/Paul (Hrsg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Veröffentlichun gen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 2, Darmstadt 2004, S. 1-32. 50 Vgl. Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Hamburg 1974; Philip Zimbardo, Das Stanford-Gefängnis-Experiment. Eine Simulationsstudie über die Sozialpsychologie der Haft, 3. Aufl., Goch 2005. 51 Vgl. u. a. Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen M assenmörder werden, 5. Aufl., Frankfurt am Main 2011; Christoph Schneider, Täter ohne Eigenschaften? Über die Tragweite sozial psychologischer Modelle in der Holocaust-Forschung, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 20/5 (2011), S. 3-23; Rolf Pohl, Ganz normale Massenmörder? Zum Nor malitätsbegriff in der neueren NS-Täterforschung, in: Markus Brunner/Jan Lohl/Ders. u. a. (Hrsg.), Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsycho logie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen, Gießen 2011, S. 19-56; Ders., Gewalt und Grausamkeit. Sozialpsychologische Anmerkungen zur NS-Täterforschung, in: Joachim Perels/Ders. (Hrsg.), NS-Täter in der deutschen Gesellschaft, Diskussionsbeiträge des Instituts für Politische Wis senschaft der Universität Hannover, Bd. 29, Hannover 2002, S. 69-117, hier: S. 82-93. Ferner: ffiomas Blass, Psychological Perspectives on the Perpetrators of the Holocaust: ffie Role of Situational Pressures, Personal Dispositions, and ffieir Interactions, in: Holocaust and Genocide Studies 7/1 (1993), S. 30-50. 52 Für die Kooperation von Historikern und Sozialwissenschaftlern ist z. B. folgendes Werk zu nennen, das sich den Tätern aus der Wehrmacht anzunähern versucht: Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 1139, Bonn 2011. 23 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k entdeckten. Während die Goldhagen-Debatte in vollem Gange war, veröffentlichte Ulrich Herbert im Jahre 1996 seine Biographie über Dr. Werner Best, der rechten Hand von SD- Chef Reinhard Heydrich. Den Gestapo-^eoretiker und Reichsbevollmächtigten von Däne mark charakterisierte er als Vertreter einer Akademikerkaste, die einer besonderen Genera tion angehört habe, die von völkisch-nationalistischen und antisemitischen Ideen angezogen worden sei und zu einer kühlen Sachlichkeit geneigt habe. Herbert argumentierte auf Ebe ne deren Sozialisation. Dabei hob er spezifisch generationelle Prägungen hervor, die juris tisch versierte Rationalisten aus der Mitte der Gesellschaft zu idealen Vollstreckern von Dik tatur und Völkermord hätten werden lassen.53 An seine Studie knüpften Jens Banach und Michael Wildt an, die mit ihren strukturge schichtlichen Analysen zum Führungskader von Sicherheitspolizei und SD diesen Ansatz auf breiterer Basis vertieften und Herberts Ergebnisse weitgehend bestätigten. Sie zeigen deutlich, dass einige bürokratisch-intellektuelle Planer aus dem Vernichtungskrieg als bru tale Mörder hervorgingen.54 In eine ähnliche Richtung weisen auch die Werke von Patrick Wagner über die Kriminalpolizei in der NS-Diktatur, die zwar ebenfalls Teil der Sicherheits polizei, nicht jedoch Gegenstand bisheriger Forschungen war. Dadurch verloren auch die Kriminalisten des „Dritten Reichs“ ihren zuvor unangetasteten Nimbus.55 „Vom Fußvolk der ,Endlösung’“ entfernte ihn hingegen Klaus-Michael Mallmann 1997 in seinem gleichnami gen Aufsatz, in dem er die Ordnungspolizei als gesamte Institution und nicht nur einzelne Einheiten ins Zentrum rückte. Darin widmete er sich dem „auswärtigen Einsatz“ der Poli zeibataillone in Osteuropa, ihren Verbrechen wie auch ihren Angehörigen und deren Tatmotiven.56 Eine erste Überblicksdarstellung über „Die Polizei im NS-Staat“ legte Friedrich Wilhelm im gleichen Jahr vor.57 Darin konzentrierte er sich vor allem auf die Frage, wie sich die Or ganisation der Staatsmacht im Übergang von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“ 53 Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, Bonn 1996. Zur Biographie von Werner Best ferner: Sebastian Werner, Werner Best - Der völkische Ideologe, in: Ronald Smelser/Enrico Syring/Rainer Zitelmann (Hrsg.), Die braune Elite 2. 21 weitere biographische Skizzen, 2., akt. Aufl., Darmstadt 1999, S. 13-25. 54 Vgl. Jens Banach, Heydrichs Elite. Das Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD 1936-1945, 3., durchges. u. erw. Aufl., Paderborn 2002; Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungs korps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002. 55 Vgl. Patrick Wagner, Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpo lizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburger Beiträge zur Sozi al- und Zeitgeschichte, Bd. 34, Hamburg 1996; Ders., Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminal polizei und der Nationalsozialismus zwischen 1920 und 1960, München 2002; Ders., Das Gesetz über die Behandlung Gemeinschaftsfremder. Die Kriminalpolizei und die „Vernichtung des Verbrecher tum s“, in: Wolfgang Ayaß/Reimar Gilsenbach/Ursula Körber u. a., Feinderklärung und Prävention. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung und Asozialenpolitik, Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 6, Berlin 1988, S. 75-100; Ders., Feindbild „Berufsverbrecher“. Die Kriminalpolizei im Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus, in: Frank Bajohr/ Werner Johe/Uwe Lohalm (Hrsg.), Zivilisation und Barbarei. Die widersprüchlichen Potentiale der Moderne, Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 26, Hamburg 1991, S. 226-252; Ders., Kriminalpolizei und „innere Sicherheit“ in Bremen und Nordwestdeutschland zwischen 1942 und 1949, in: Frank Bajohr (Hrsg.), Norddeutschland im Nationalsozialismus, Forum Zeitgeschichte, Bd. 1, Hamburg 1993, S. 239-265. 56 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Vom Fußvolk der „Endlösung“. Ordnungspolizei, Ostkrieg und Juden mord, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 26 (1997), S. 355-391. 57 Vgl. Friedrich Wilhelm, Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer Organisation im Überblick, 2., durchges. und verb. Aufl., Paderborn 1999. 24 Ein l e it u n g und besonders nach Himmlers Aufstieg zum obersten Polizeichef strukturell und funktio nell verändert hatte. Unter dem Eindruck der vorangegangenen Debatten um Brownings und Goldhagens Werke thematisierte er in seiner Studie auch, wie insbesondere Sicherheits polizei und SD, aber auch die Ordnungspolizei an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt gewesen waren. Der ehemalige „Truppenarzt an der Ost- und Westfront“58 hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Er wies Himmlers Polizei nun als Institution aus, von der zahlreiche Gräu eltaten ausgegangen waren. Schon zuvor hatte er sich mit den „Gesetzeshütern“ des NS-Staats befasst. In seiner Dissertation aus dem Jahre 1989 hatte Wilhelm bereits „Die württembergische Polizei im Dritten Reich“ analysiert. Dabei hatte er auch versucht, ihren Beamtenappa rat prosopographisch zu fassen. Anstatt jedoch einzelne „Ordnungshüter“ und deren Ver brechen genauer zu durchleuchten, hatte er sich darauf beschränkt, die polizeiliche Personalpolitik der Nationalsozialisten allgemein zu skizzieren. So resümierte er seinerzeit, dass sich ein Großteil der württembergischen Verwaltungs- und Oberbeamten bemüht habe, „sich in seiner Amtsführung nach Möglichkeit nicht der für den totalitären Staat typischen Methoden bedienen zu müssen“.59 Eine solch eigenwillige Interpretation trat bereits vor der Jahrtausendwende immer mehr in den Hintergrund. In den 2000er Jahren etablierte sich eine Sektion innerhalb der Geschichtswissenschaft, die sich wie ganz selbstverständlich auf die NS-Verbrecher in der Polizei konzentriert. Sie weist zunehmend auf den arbeitsteiligen Charakter der deutschen Besatzungsherrschaft hin, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher Akteursgruppen fußte. Nicht nur Polizisten und SS- Männer, sondern auch Angehörige der Wehrmacht und der Zivilverwaltung sowie einhei mische Kollaborateure kooperierten bei ihren Verbrechen miteinander. Gleichzeitig entwi ckelten sie dabei einen großen Eifer, um sich möglichst aus dem Äm ter- und Kompetenzwirrwarr hervorzuheben.60 Dadurch konnten die Täter aus der Polizei einerseits überhaupt erst aktiv werden, sich dabei andererseits als kühle „Praktiker“ und „Vollstrecker“ inszenieren. Solche Befunde bereicherten die polizeiorientierte Historiographie, deren Er kenntnisse wiederum die allgemeine NS- und Holocaustforschung voranbrachten. Den t te menkomplex entdeckten auch bundesdeutsche Ordnungshüter für sich, die sich nun zuneh mend für die dunkle Vergangenheit der eigenen Institution interessierten.61 Durch das konstruktive Miteinander zwischen Polizeibeamten und Wissenschaftlern entstand bis heu te eine beachtliche Fülle von Aufsätzen, Sammelbänden und Monographien, die sich wie Mosaiksteine in das große Bild von den polizeilichen NS-Schergen und ihren Organisatio nen fügen. Mittlerweile liegen zahlreiche Forschungsbeiträge vor, die sich mit einzelnen Po lizeibataillonen, deren Angehörigen und den von ihnen verübten Gräueltaten befassen.62 In 58 Ebd., S. 4. 59 Ders., Die württembergische Polizei im Dritten Reich, Dissertation, Stuttgart 1989, S. 334. 60 Vgl. dazu u. a. Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspo litik in W eißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999; Dieter Pohl, Die Kooperation zwischen Heer, SS und Polizei in den besetzten sowjetischen Gebieten, in: Hartmann, Verbrechen, S. 107-116; Andrej Angrick, Das Beispiel Charkow: Massenmord unter deutscher Besatzung, in: Hartmann, Verbrechen, S. 117-124. 61 Vgl. Reinke, Restauration, S. 147 f. Als Beispiel für eine solche wissenschaftliche Arbeit eines Polizei beamten wäre hier zu nennen: Hans Kirsch, Sicherheit und Ordnung betreffend. Geschichte der Po lizei in Kaiserslautern und in der Pfalz 1276-2006, Studien zur pfälzischen Geschichte und Volkskun de, Bd. 1, Kaiserslautern 2007. 62 Vgl. z. B. Stefan Klemp, Freispruch für das „Mord-Bataillon“. Die NS-Ordnungspolizei und die Nach kriegsjustiz, Studien zum Nationalsozialismus, Bd. 5, Münster 1998; Ders., „50 Kommunisten aufge hängt, 350 Häuser niedergebrannt“. Der Einsatz des Reserve-Polizei-Bataillons 64 auf dem Balkan 25 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k den vergangenen Jahren erschien darüber hinaus sogar eine Reihe von populärwissenschaft lichen Werken, die aus der Feder von deutschen oder ausländischen Autoren stammen und sich ebenfalls mit der Polizei des „Dritten Reichs“ auseinandersetzen. Diese Titel wenden sich meist an militärhistorisch interessierte Leser und bemühen sich, mithilfe von Bildma terial der Ordnungspolizei eine Gestalt zu verleihen, wenngleich ihr Mehrwert für die For schung eher überschaubar ist.63 Allmählich wurde die Zeit reif, die einzelnen Teile des Puzz- 1941-1943, in: Kenkmann, Auftrag, S. 200-224; Andrej Angrick/M artina Voigt/Silke Ammerschubert u. a., „Da hätte man schon ein Tagebuch führen müssen“. Das Polizeibataillon 322 und die Judenmor de im Bereich der Heeresgruppe Mitte während des Sommers und Herbstes 1941. Mit einer Ausein andersetzung über die rechtlichen Konsequenzen, in: Helge Grabitz/Klaus Bästlein/Johannes Tuchel (Hrsg.), Die Normalität des Verbrechens. Bilanz und Perspektiven der Forschung zu den nationalso zialistischen Gewaltverbrechen, Festschrift für Wolfgang Scheffler zum 65. Geburtstag, Reihe Deut sche Vergangenheit, Bd. 112, Berlin 1994, S. 325-385; M artin Hölzl, Buer und Belzec. Die Polizeiba taillone 65 und 316 und der Mord an den Juden während des Zweiten Weltkrieges, in: Stefan Goch (Hrsg.), Städtische Gesellschaft und Polizei. Beiträge zur Sozialgeschichte der Polizei in Gelsenkirchen, Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte. Beiträge, Bd. 12, Essen 2005, S. 260-285; Karl Schnei der, „Auswärts eingesetzt“. Bremer Polizeibataillone und der Holocaust, Essen 2011; Jan Kiepe, Das Reservepolizeibattaillon 101 vor Gericht. NS-Täter in Selbst- und Fremddarstellungen, Veröffentli chungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte (HAR), Bd. 25, Hamburg 2007; Leonid Rein, Das 322. Polizeibataillon und der Mord an den weißrussischen Juden, in: Wolfgang Schulte (Hrsg.), Die Polizei im NS-Staat. Beiträge eines internationalen Symposiums an der Deutschen Hoch schule der Polizei in Münster, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V., Bd. 7, Frankfurt am Main 2009, S. 219-237; Michael Okroy, „Man will unserem Batl. was tun . . .“ Der Wuppertaler Bialystok-Prozeß 1967/68 und die Ermittlungen gegen Angehörige des Polizeibataillons 309, in: Kenkmann, Auftrag, S. 301-317; Wolfgang Kopitzsch, Hamburger Polizeibataillone im Zwei ten Weltkrieg, in: Angelika Ebbinghaus/Karsten Linne (Hrsg.), Kein abgeschlossenes Kapitel: Ham burg im „Dritten Reich“, Hamburg 1997, S. 293-318 [Künftig: Kopitzsch, Polizeibataillone (1997)]; Ders., Hamburger Polizeibataillone im Zweiten Weltkrieg. Broschüre zur Ausstellung „Keine Bilder des Vergessens - Hamburger Polizeibataillone im Zweiten Weltkrieg“ der Landespolizeischule Ham burg in der Diele des Hamburger Rathauses vom 6. bis 27. Februar 1998, Hamburg 1998 [Künftig: Ko pitzsch, Polizeibataillone (1998)]; Ders., Polizeieinheiten in Hamburg in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, in: Nitschke, Polizei, S. 139-167; Ders., Bandenbekämpfung, Geiselerschießungen, Umsiedlungen, Endlösung. Ham burger Polizeibataillone im Zweiten Weltkrieg, in: Förderverein „Freundeskreis zur Unterstützung der Polizei Schleswig-Holstein e.V.“ (Hrsg.), Täter und Opfer unter dem Hakenkreuz. Eine Landespolizei stellt sich der Geschichte. Eine Dokumentation der gemeinsa men Veranstaltungsreihe des Innenministeriums des Landes Schleswig-Holstein und der Verwaltungs fachhochschule Altenholz „Staatsgewalt ohne Moral - Täter und Opfer unter dem Hakenkreuz“, Kiel 2001, S. 247-273; Ders., Das Polizeibataillon 307 (Lübeck) „im Osteinsatz“ 1940-1945. Eine Ausstel lung der Landespolizei Schleswig-Holstein, Polizeidirektion Schleswig-Holstein Süd (Lübeck) in Zu sam menarbeit m it der Landespolizei Hamburg, Landespolizeischule, Lübeck [2002] [Künftig: Ko pitzsch, Polizeibataillon 307]; Edward B. W estermann, „Ordinary Men“ or „Ideological Soldiers“? Police Battalion 301 in Russia, 1942, in: German Studies Review 21/1 (1998), S. 41-68; Klaus Dönecke, Polizeireiter und Judenmord in der Ukraine - Die 1. Schwadron der Polizei-Reiterabteilung II, in: Carsten D am s/D ers./^om as Köhler (Hrsg.), „Dienst am Volk“? Düsseldorfer Polizisten zwischen De mokratie und Diktatur, Forum Polizeigeschichte. Schriftenreihe der Dokumentations- und Forschungs stelle für Polizei- und Verwaltungsgeschichte der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, Bd. 1, Frankfurt am Main 2007, S. 279-299; Ders./Hermann Spix, Das Reserve-Polizeibataillon 67 und die „Aktion Zamosc“. Ein Recherchebericht, in: Medaon - Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung 13 (2013), S. 1-8; Philippe Müller, Zusammenarbeit im Vernichtungskrieg. Einsatzgrup pe B und Polizeibataillon 322 in Weissrussland 1941-42, Saarbrücken 2010. 63 Vgl. dazu z. B. Rolf Michaelis, Der Einsatz der Ordnungspolizei 1939-1945. Polizei-Bataillone - SS- Polizei-Regimenter, Dresden 2010; Ders., Die Volksdeutschen in Wehrmacht - Waffen-SS - O rdnungs polizei, Berlin 2011; Ders., Letten in der Ordnungspolizei und Waffen-SS 1941-1945, Berlin 2009; Ein l e it u n g les zusammenzusetzen und sich so einen genaueren Überblick über die institutionellen Strukturen und die darin herrschenden Mentalitäten sowie die Dimensionen der Verbrechen und die sie auslösenden Motive zu verschaffen. In diesem Sinne schufen Stefan Klemp und Wolfgang Curilla umfangreiche Nachschlage werke, die insbesondere für die polizeigeschichtliche Holocaustforschung unverzichtbar ge worden sind. Beide Autoren dokumentieren in ihren verdienstvollen Arbeiten, welche Ver brechen die Ordnungspolizei während des Zweiten Weltkriegs begangen hatte. Um die blutige Spur freizulegen, welche die Polizeieinheiten besonders in den besetzten Ostgebie ten hinterlassen hatten, werteten sie zahlreiche Verfahrensakten aus. Dadurch offenbarten sie, wie sehr die vermeintlich „saubere“ Polizei an Hitlers Vernichtungskrieg beteiligt gewe sen und wie skandalös die deutsche Nachkriegsjustiz mit den Kriegsverbrechern und Mas senmördern umgegangen war.64 Aus dem Dickicht der Paragraphen und orientiert an den Forschungsergebnissen der jüngsten Vergangenheit brachten sie ein ganzes Bündel an Mo tiven zum Vorschein. Sie wiesen auf Täter hin, die freiwillig getötet hätten und nach Kriegs ende anscheinend ohne Gewissensbisse an ihre Schreibtische zurückgekehrt seien. Neben li nientreuen, gehorsamen, ideologisch gefestigten und fanatischen Offizieren hätten sich die Mannschaften der Polizeibataillone aus radikalen Schlägertypen und pathologischen Mör dern, aber auch aus „Otto Normalverbrauchern“ zusammengesetzt, von denen sich viele an das massenhafte Töten gar nicht erst gewöhnen mussten. Vielmehr hätten sie ihre Opfer etwa deshalb umgebracht, weil sie sadistisch veranlagt gewesen seien, ihre Macht über Leben und Tod genossen hätten, sich aus eigenem Antrieb heraus hätten bereichern wollen oder schlicht weil es ihnen von ihren Vorgesetzten befohlen worden sei.65 Solche Interpretationen machten das Unansehnliche allmählich sichtbar. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass diese Form der Polizeigeschichte nicht bloß einen Trend darstellte. Stattdessen bildete sie einen eigenständigen Fachbereich heraus. Er ließ sogar ganze Zentren ent stehen, die sich insbesondere in Nord- und Nordwestdeutschland anschickten, der jungen Disziplin ein Forum zu bieten. Als eine der ersten und bedeutendsten Stätten polizeihistori scher Forschung fungiert seit Mai 2001 der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, der jedoch nicht nur Fachleute und Polizisten, sondern auch die gesamte Gesellschaft erreichen möchte.66 Dieses Ziel verfolgte insbesondere die Dauerausstellung „Im Auftrag“, die das Wir Werner Regenberg, Panzerfahrzeuge und Panzereinheiten der Ordnungspolizei 1936-1945, Wölfers heim-Berstadt 1999; Gordon Williamson, World War II German Police Units, Men-at-Arms, Bd. 434, Oxford 2006; Michel Ingressi, Die Ordnungspolizei. Les Forces de l’Ordre sous le 3eme Reich, Pulnoy 1996. Ferner vorwiegend für die Feldgendarmerie, die Geheime Feldpolizei und das Feldjägerkorps: Gordon Williamson, German Military Police Units 1939-45, Men-at-Arms, Bd. 213, London 1989. 64 Vgl. Stefan Klemp, „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch, Villa ten Hompel. Schriften, Bd. 5, 2., überarb. und erw. Aufl., Essen 2011; Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland 1941-1944, 2., durchges. Aufl., Paderborn 2006; Ders., Der Judenmord in Polen und die deutsche Ordnungspolizei 1939-1945, Pa derborn 2011. Daneben entstanden im Ausland weitere Handbücher zur Ordnungspolizei und ihren Einheiten, die jedoch qualitativ nicht an die zuvor genannten heranreichen. Für die Forschung stellen sie trotzdem sehr wichtige Beiträge dar. Vgl. Phil Nix/Georges Jerome, The Uniformed Police Forces of the Third Reich 1933-1945, 2. ed., 3. print., Stockholm 2006; Massimo Arico, Ordnungspolizei vol 1.: Encyclopedia of the German Police Battalions September 1939/July 1942, Stockholm 2011; Ders., Ordnungspolizei. Ideological war and Genocide on the East front 1941-1942, Stockholm 2012. 65 Vgl. Klemp, Polizeibataillone, S. 479, 482 und 486; Curilla, Judenmord, S. 875-894. 66 Vgl. Alfons Kenkmann, Vom Schreibtischtäterort zum Lernort. Überlegungen zur Nutzung der O rd nungspolizei-Residenz in der historisch-politischen Bildungsarbeit, in: Ders. (Hrsg.), Villa ten Hompel. Sitz der Ordnungspolizei im Dritten Reich. Vom „Tatort Schreibtisch“ zur Erinnerungsstätte?, 27 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k ken der Ordnungspolizei gerade für den Raum Westfalen illustrierte. Der gleichnamige Sam melband, bei dem Alfons Kenkmann und Christoph Spieker als Herausgeber fungieren, of fenbart in seinen einzelnen Beiträgen, wie breit das Spektrum des ttemenkomplexes ist.67 Das bestätigen auch weitere Sammelbände, die seither meist aus lokalen Initiativen entstan den und vorwiegend an ortsansässige Rezipienten adressiert waren.68 Zum ersten Mal mach te jedoch die Ausstellung „Ordnung und Vernichtung“ einem breiten Publikum das U em a zugänglich. Diese Schau, die vor allem die Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster-Hiltrup ausgearbeitet hatte, war im Jahre 2011 im Deutschen Historischen Museum (DHM ) in Berlin zu sehen und gastierte seither an weiteren Standorten in der ganzen Bun desrepublik. Der gleichnamige Begleitband, den Florian Dierl, Mariana Hausleitner, Martin Hölzl und Andreas Mix herausgaben, öffnet dem Betrachter einen tiefer gehenden Zugang zur Vergangenheit des deutschen Exekutivorgans. A uf ähnliche Weise fungierten auch Me dienberichte, TV-Dokumentationen und Konferenzen, die dieses wichtige Ereignis für die deutsche Polizeihistoriographie begleiteten.69 Seit der Jahrtausendwende belegen daneben weitere Ausstellungen und deren Begleitbände, wie die Polizei auf lokaler Ebene an der NS- Herrschaft partizipierte.70 All das zeigt also, dass die uniformierte Ordnungsmacht des „Drit ten Reichs“ nicht nur in den Bücherregalen, sondern auch in der wissenschaftlichen For schungslandschaft und Erinnerungskultur der Bundesrepublik angekommen ist. Über Länder- und Fachgrenzen hinweg entwickelte sich bis heute eine beachtliche Fülle an tteorien, die erklären sollen, warum so viele deutsche Polizisten aus dem nationalsozia listischen Rassen- und Vernichtungskrieg als Täter hervorgehen konnten. Es ist zwar nicht Agenda Geschichte, Bd. 9, Münster 1996, S. 115-137; Tom Hefter, Historisch-politische Bildungsar beit für die Polizei im Geschichtsort Villa ten Hompel - Erfahrungen und Perspektiven, in: Schulte, Polizei, S. 687-703. 67 Vgl. Kenkmann, Auftrag. 68 Vgl. u. a. Norbert Schloßmacher (Hrsg.), „Kurzerhand die Farbe gewechselt“. Die Bonner Polizei im Nationalsozialismus, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Bd. 66, Bonn 2006; Dams, Dienst. 69 Vgl. Florian Dierl/Mariana Hausleitner/M artin Hölzl u. a. (Hrsg.), Ordnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat. Eine Ausstellung der Deutschen Hochschule der Polizei, Münster, und des Deut schen Historischen Museums, Berlin, 1. April bis 31. Juli 2011, Dresden 2011; Schulte, Polizei; Ders., Die Polizei im NS-Staat: Ein dreijähriges Projekt der Deutschen Hochschule der Polizei zur Entgren zung staatlicher Gewalt im Nationalsozialismus, in: Wolf K aise r/^om as Köhler/Elke Gryglewski, „Nicht durch formale Schranken gehemmt“. Die deutsche Polizei im Nationalsozialismus, Materialien für Unterricht und außerschulische politische Bildung, hrsg. v. der Bundeszentrale für politische Bil dung und der Deutschen Hochschule der Polizei, Bonn 2012, S. 8 f., hier: S. 8. 70 Vgl. u. a. Buhlan, Freund; Kerstin Rahn/Astrid Köhler, „Der Ordnung verpflichtet . . .“. Polizeiliches Handeln in Hannover zwischen Weimarer Republik und G ründung der Bundesrepublik Deutschland, Katalog zur Ausstellung „Der Ordnung verpflichtet . “ im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Han nover. Oktober - Dezember 2003, Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung Inventare und kleinere Schriften des Hauptstaatsarchivs in Hannover, Heft 6, Hannover 2003; Transpa renz un d Schatten. D üsseldorfer Polizisten zwischen D em okratie un d Diktatur. Katalog zur Dauerausstellung im Polizeipräsidium Düsseldorf, hrsg. v. Verein Geschichte am Jürgensplatz e.V., Düsseldorf 2008; Bernhard Springfeld/Hans Wrobel, Polizei. Gewalt. Bremens Polizei im Nationalso zialismus, hrsg. v. Senator für Inneres und Sport der Freien Hansestadt Bremen, Bremen 2011; Her bert Diercks, Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus. Texte, Fo tos und Dokumente, Hamburg 2012; KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Polizei, Verfolgung und Gesellschaft im Nationalsozialismus, Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Bd. 15, Bremen 2013; Joachim Schröder, Die M ünchner Polizei und der Natio nalsozialismus. Ausstellungskatalog, hrsg. v. Polizeipräsidium M ünchen/Kulturreferat der Landes hauptstadt München, Veröffentlichungen des Bayerischen Polizeimuseums, Bd. 1, Essen 2013. 28 Ein l e it u n g bekannt, wie tief der eingangs zitierte Oberleutnant Erich Bürkner in die Massenverbrechen der Ordnungspolizei verstrickt war. Das lässt sich aus seinem Tagebucheintrag nicht entneh men, der in der Zeitschrift „Die Deutsche Polizei“ erschien. Ebenso wenig ist überliefert, mit welcher Einheit er seinerzeit in der westlichen Sowjetunion eingesetzt war und was er dort genau tat. Bekannt ist hingegen, dass er bereits im Jahre 1940 in Norwegen mit einer Polizei formation gegen norwegische, aber „auch schwedische und finnische Freischärler“ gekämpft hatte.71 Als Bürkner dann in seinem Tagebuch 1941 über den Einsatz in Smolensk berichtete, offenbart sich, dass er nicht nur von radikal antisemitischen, sondern auch antikommunis tischen Ansichten erfüllt gewesen sein muss. So stellte er gefangengenommene Angehörige der Roten Armee und die einfache russische Bevölkerung als verschlagene, zerlumpte und asoziale Wesen dar, die mehr mit Tieren als mit Menschen gemeinsam hätten.72 Wie kam ausgerechnet ein Polizeioffizier zu einer solch menschenverachtenden Denkwei se, die zwei zentrale Feindbilder der NS-Ideologie beinhaltete? Wurde er mit derartigen Glau benssätzen bereits in der Jugend sozialisiert oder legte er sie sich erst im Laufe seines „aus wärtigen Einsatzes“ zu? Da er wie alle seine Kollegen dem massiven Trommelfeuer der NS-Propaganda ausgesetzt war, vermuten einige Forscher, dass das Regime sie möglicher weise gezielt zu überzeugten Nationalsozialisten und radikalen Antisemiten erzogen haben könnte. Mit der „Weltanschaulichen Schulung“ schuf es ein eigenes Unterrichtsfach, in dem die Exekutivkräfte intensiv mit den Prinzipien der NS-Ideologie konfrontiert werden sollten. Mehr noch verbarg sich dahinter ein ganzes System, das daran arbeitete, Himmlers Mannen politisch zu indoktrinieren.73 Dazu entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Studien, die ergründen wollten, ob sich viele Angehörige aus SS und Polizei deshalb so bereitwillig am Judenmord beteiligt hatten, eben weil sie zuvor weltanschaulich geschult worden waren. 1.2 Forschungsstand und Fragestellung Als einer der ersten Historiker überhaupt versuchte Karl-Heinz Heller, die weltanschauliche Schulung innerhalb der Ordnungspolizei genauer zu untersuchen. In seiner 1970 an der Uni versität von Cincinnati eingereichten Doktorarbeit stellt er überblicksartig dar, wie das da hinterstehende System aufgebaut war und welche Inhalte in jenen Propagandaschriften ver mittelt wurden, die gezielt an uniformierte Beamte adressiert waren. Heller ist davon überzeugt, dass die politische Indoktrination bei den Ordnungspolizisten durchaus gefruchtet habe, wo bei besonders die jüngeren Staatsdiener empfänglich gewesen seien, die im NS-Staat sozia lisiert worden waren. Unter Himmlers Einfluss hätten sie sich zu bedingungslos gehorsamen Multiplikatoren der NS-Ideologie entwickelt und neue politisch orientierte Aufgaben über nommen. Neben den Schulungsmaßnahmen habe sie das mental ebenso geprägt wie ihre Kooperation mit anderen Exekutivorganen des „Dritten Reichs“. Dass sie bereits in der Vor kriegszeit mit der Gestapo bereitwillig zusammenarbeiteten, wertet Heller daher als ein wei teres Indiz dafür, wie erfolgreich das Regime sie konditioniert habe. Diesen Prozess und sei ne Wirkungsmacht überschätzt er jedoch deutlich. Obwohl er darauf hinweist, dass die uniformierte Ordnungsmacht etwa „Fremdarbeiter“ und Juden massiv drangsalierte, ver kennt er aber grundsätzlich ihre Rolle im NS-Staat. Er sieht in ihr lediglich einen willfähri 71 E. Bürkner, Unser Bataillon im Kampf, in: Die Deutsche Polizei, 15.10.1940, Nr. 20, S. 340. 72 Vgl. Ders., Streiflichter, S. 424 f. 73 Zur weltanschaulichen Schulung siehe Kapitel 4.2 und 5.1.4.4. 29 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k gen Erfüllungsgehilfen von Himmlers Geheimpolizei und der SS, unter deren beider Obhut sie dann während des Zweiten Weltkriegs militärische Einsätze durchgeführt habe. Von den zahlreichen Massenmorden der Polizeibataillone in den besetzten Gebieten ist in seinen Ar beiten indes nichts zu lesen.74 Eine der ersten deutschsprachigen Studien zur weltanschaulichen Schulung legte tto rsten Bastian Bach im Jahre 1997 vor. In seiner Magisterarbeit zeichnet er nach, wie sie allge mein und speziell in Westfalen organisiert war. Er skizziert, welche Institutionen und Perso nen dafür verantwortlich waren, „Gesetzeshüter“ ideologisch zu beeinflussen. Anschließend zeigt er exemplarisch auf, mit welchen Unterrichtsmaterialien und Lehrkräften das gelingen sollte. Dabei blickt Bach sogar über den Tellerrand der politischen Indoktrination hinaus und analysiert, allerdings äußerst fragmentarisch, was außerdem noch zum ordnungspoli zeilichen Unterricht gehörte. Wenngleich er diesen Versuch unternimmt, bleibt er jedoch in Ansätzen stecken, da er sich hauptsächlich auf die weltanschauliche Schulung konzentriert, ohne aber diesen Schritt näher zu begründen. Weil er ihr somit einen exponierten Platz zu weist und von den restlichen Fächern und Inhalten absondert, relativiert Bach dadurch au tomatisch die Rolle der übrigen polizeilichen Ausbildung. Um zu ergründen, ob sie die Be amten beeinflussen konnte, betrachtet er vor allem ausgewählte Selbstzeugnisse von einzelnen Polizisten. Letztlich nimmt er an, dass die weltanschauliche Schulung erfolgreich auf die deutschen Staatsdiener eingewirkt habe, weil sie mit der NS-Ideologie konform ge gangen seien, den im Unterricht verwendeten Jargon übernommen und die Terrorpolitik des Regimes vollstreckt hätten.75 Im Jahre 2000 verfasste zudem Carsten Westerkamp im Rahmen eines Ratsanwärterlehr gangs an der DHPol eine Seminararbeit, die sich an Bachs Studie orientiert. Dabei berück sichtigt er aber auch sozialpsychologische Ansätze. Er vermutet, dass die weltanschauliche Schulung dabei geholfen habe, unter den Angehörigen der Polizeibataillone ein starkes Ge fühl von Zusammengehörigkeit herauszubilden. Diese integrative Solidarität sei also insti tutionell gefördert worden, was dazu beigetragen habe, dass die eingeschworene Gemein schaft der Beamten gegen ihre außenstehenden Opfer vorging.76 W ie für solche sozialwissenschaftlichen Interpretationen typisch, erscheint diese ttese durchaus plausibel, bleibt aber hochgradig spekulativ, weil sie kaum zu beweisen ist. B orn as Köhler untersucht ferner in einem 2001 erschienenen Aufsatz den Inhalt von ein zelnen Büchern, deren Autoren teilweise selbst aus den Reihen der Polizei des „Dritten Reichs“ stammten. Diese Machwerke stellten ein Gemisch aus heroischen Kriegsberichten und Ver satzstücken des nationalsozialistischen Weltbildes dar. Köhler geht bei seiner Studie nicht nur davon aus, dass das „,Gefahrenpotential’ ideologischer Verführung und Indoktrination 74 Vgl. Karl-Heinz Heller, ^ e Reshaping and Political Conditioning of the German Ordnungspolizei. 1933-1945. A Study of Techniques used in the Nazi State to conform Local Police Units to National Socialist ̂ e o r y and Practice, Michigan 1971. Ferner in einer geraffien Version: Ders., ^ e Remodeled Praetorians: ^ e Germ an Ordnungspolizei as Guardians of the „New O rder“, in: Otis C. Mitchell (Hrsg.), Nazism and the Common Man. Essays in German History (1929-1939), 2. Aufl., Washing ton D. C. 1981, S. 45-64. 75 Vgl. Thorsten Bastian Bach, Die Ordnungspolizei 1936-1945 und ihre weltanschauliche „Schulung“, dargestellt an regionalen Beispielen, Magisterarbeit, Münster 1997, S. 162-167. 76 Vgl. Carsten Westerkamp, Weltanschauliche Schulung und Veränderung der Lehrpläne der Polizei im Dritten Reich und deren Auswirkung auf die Polizei, Seminararbeit im Rahmen des Seminars „Hun dert Jahre Bildungsarbeit in der Deutschen Polizei, Münster 2000, S. 27 f. Ein l e it u n g durch Literatur [...] ungemein hoch“ sei.77 Er gelangt letztendlich zu der Ansicht, in solchen Schriften habe tatsächlich „die Gefahr einer erfolgreichen weltanschaulichen Schulung’ per Buch“ gelegen.78 Schließlich könnte es auf den polizeilichen Leser sehr authentisch gewirkt haben, wenn ihm ein Kollege in solchen Publikationen von seinen persönlichen Erfahrun gen an der Front berichtet. Anders als dies im gemeinschaftlichen Unterricht möglich gewe sen sei, habe der Rezipient so eine engere Beziehung zum Autor und damit zu dessen Bot schaft auftauen können. Auch die inhaltlich-stilistische Machart der Bücher könnte beim Leser einen stärkeren Eindruck hinterlassen haben, was möglicherweise sogar zu einer ech ten Übernahme der NS-Ideologeme geführt habe. Trotz solcher Spekulationen muss jedoch auch Köhler eingestehen, dass es kaum möglich ist, einen empirischen Beweis für solche t te sen zu liefern.79 Besonders nach der Jahrtausendwende entstanden weitere wissenschaftliche Werke, die daran erinnern, dass sich die politische Indoktrination nicht exklusiv an die Ordnungspoli zei, sondern Himmlers gesamten Machtbereich gerichtet hatte. Im Jahre 2003 erschien der Sammelband „Ausbildungsziel Judenmord?“, dessen vier Essays darauf abzielten, die „Welt anschauliche Erziehung’ von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der ,Endlösung’“ näher zu beleuchten.80 In seiner Einleitung weist das Autorenquartett zu Recht darauf hin, dass sich die Geschichtswissenschaft lange mit der antisemitischen Indoktrination nur äußerst rudi mentär auseinandersetzte.81 Die vier Historiker unterscheiden nicht zwischen „weltanschau licher Schulung“ und „weltanschaulicher Erziehung“, da es sich dabei um zwei geradezu sy nonyme Begriffe handle. Darunter verstehen sie ein holistisches Konzept, das seine Adressaten mit unterschiedlichen Methoden mental zu erreichen versuchte, aber nichts mit einer „Gehirnwäsche“ gemein habe. Die so vermittelten antisemitischen Ideologeme stellten jedoch nur einen Gegenstand von vielen dar, mit denen Himmlers Schulungsapparat seine Exekutivkräfte konfrontiert habe.82 Dementsprechend weist die Forschergruppe einerseits darauf hin, dass „sich der Nachweis direkter Tatrelevanz in der Mehrzahl der Fälle nicht er bringen lässt“.83 Andererseits behauptet sie aber, dass „Wechselwirkungen zwischen Schulung und Gewaltpraxis evident sind“.84 Als einer von ihnen konzentriert sich Richard Breitman in seinem Aufsatz „Gegner Num mer eins“ ebenfalls auf die antijüdischen Inhalte der weltanschaulichen Schulung. Er ver sucht zu ergründen, welchen Stellenwert sie im SS- und Polizeiapparat besaßen, indem er skizziert, wie die Schulen der Sicherheitspolizei und des SD solche judenfeindlichen U em en behandelten.85 Er kommt zu dem Schluss, die SS-Führung habe diesen Unterricht als äußerst hilfreich eingeschätzt, um die Polizeischüler auf den Judenmord vorzubereiten.86 Ohne die 77 U o m as Köhler, Anstiftung zu Versklavung und Völkermord. „Weltanschauliche Schulung“ durch Li teratur. Lesestoff für Polizeibeamte während des „Dritten Reichs“, in: Kenkmann, Auftrag, S. 130-156, hier: S. 132. 78 Ebd., S. 156. 79 Vgl. ebd., S. 154 f. 80 Vgl. Jürgen Matthäus/Konrad Kwiet/Jürgen Förster u. a., Ausbildungsziel Judenmord? „Weltanschau liche Erziehung“ von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der „Endlösung“, Frankfurt am Main 2003. 81 Vgl. Dies., Einleitung, in: Dies., Ausbildungsziel, S. 7-17, hier: S. 7 f. 82 Vgl. ebd., S. 14. 83 Ebd., S. 11. 84 Ebd., S. 13. 85 Vgl. Richard Breitman, „Gegner N ummer eins“. Antisemitische Indoktrination in Himmlers Weltan schauung, in: Matthäus, Ausbildungsziel, S. 21-34. 86 Vgl. ebd., S. 34. 31 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k se Kausalität näher zu erläutern, attestiert Breitman der weltanschaulichen Schulung mit Blick auf die antisemitischen Botschaften sogar, dass sie bei den Männern „zumindest die psychischen Hemmschwellen beseitigt hatte, an Massenmorden mitzuwirken“.87 Den umfangreichsten Beitrag lieferte Jürgen Matthäus, der insgesamt eine ganze Reihe von Aufsätzen zur „weltanschaulichen Erziehung“ verfasste, die alle eine ähnliche Argumentati on verfolgen: Im Rahmen ihres Dienstes hätten sich Polizisten schon seit Beginn der NS- Herrschaft in unterschiedlicher Weise daran beteiligt, antisemitische Maßnahmen durchzu führen, indem sie etwa Juden verhafteten und in Konzentrationslager sperrten. Dabei sei es zu einer engen Kooperation zwischen den verschiedenen Zweigen des SS- und Polizeiappa rats gekommen. Durch diese praktische Erfahrung sei es den Ordnungshütern ganz normal erschienen, ihre jüdischen Opfer zu diskriminieren. Zu dieser routinemäßigen Gewaltaus übung sei zusätzlich ein politisierender Unterricht gekommen, der den Beamten systema tisch und kontinuierlich die theoretischen Grundlagen der judenfeindlichen NS-Ideologie vermittelt habe. Nach dem Vorbild der SS sollten gemeinsam begangene Feierlichkeiten zu dem dabei mithelfen, Inhalte und Werte solcher Lehreinheiten zu vertiefen.88 Mit dieser Mi schung aus antijüdischer Arbeitspraxis und indoktrinierten Dogmen seien die Angehörigen von SS und Polizei während des Zweiten Weltkriegs in die besetzten Gebiete gezogen, wo sie sich in ihren antisemitischen Vorurteilen bestätigt gesehen hätten.89 Die spezielle Pädagogik habe den Männern dabei grundsätzlich nicht vorgeschrieben, was sie zu tun hätten, sondern vielmehr zu einer bestimmten „Haltung“ verholfen, durch die sie die Massaker an den Ju den als rechtens ansehen sollten.90 Matthäus betont darüber hinaus, dass „die von der welt anschaulichen Erziehung’ vermittelten Ideen und Zielsetzungen den SS-Männern und Poli zisten die Teilnahme am Massenmord“ leichter gemacht hätten.91 In einem anderen Werk geht er sogar davon aus, „daß die enge, frühzeitig hergestellte Wechselwirkung zwischen t te orie und Praxis in der Judenfrage’ bestehende Hemmschwellen herabsetzte und die wach sende Radikalität polizeilicher Maßnahmen miterzeugte“.92 In seinen Arbeiten begreift Matthäus „weltanschauliche Erziehung“ generell nicht nur als seminarähnlichen Unterricht, da er auch Kameradschafts- und Filmabende sowie Truppen besuche ranghoher NS-Funktionäre in seine Überlegungen miteinbezieht. Ein solch weit ge fasstes Begriffsverständnis wirft dann allerdings die Frage auf, warum er neben den antise mitischen Aspekten weder die übrigen U em en der ideologischen Indoktrination noch andere Fächer, Inhalte und Wertekomplexe der gesamten Ausbildung berücksichtigt. Außer dem differenziert er nur unzureichend zwischen den einzelnen Gliedern von Himmlers Machtapparat. Dadurch entsteht der Eindruck, es habe in der „weltanschaulichen Erziehung“ von SS, Sicherheits- und Ordnungspolizei keinerlei Unterschiede gegeben, ohne dass er dies jedoch durch eine genaue Analyse belegt. In einem weiteren Artikel gibt er einerseits an, es lasse sich „empirisch, methodisch und analytisch nur schwer fassen“, ob sie überhaupt für 87 Ebd., S. 32. Konrad Kwiet argumentiert ähnlich. Vgl. Konrad Kwiet, Paul Zapp - Vordenker und Voll strecker der Judenvernichtung, in: Mallmann, Karrieren, S. 252-263, hier: S. 254-256. 88 Vgl. Jürgen Matthäus, Die „Judenfrage“ als Schulungsthema von SS und Polizei. „Inneres Erlebnis“ und Handlungslegitimation, in: Ders., Ausbildungsziel, S. 35-86, hier: S. 42-47. 89 Vgl. ebd., S. 68 f. 90 Ebd., S. 80. 91 Ebd., S. 71. 92 Ders., „Warum wird über das Judentum geschult?“ Die ideologische Vorbereitung der deutschen Po lizei auf den Holocaust, in: Paul, Gestapo (2000), S. 100-124, hier: S. 123. Ein l e it u n g die Verbrechen direkt von Belang gewesen sei.93 „Daß die im Unterricht vermittelten Stereo typen unmittelbar oder in jedem Fall tatauslösend wirkten“, sei allerdings „wenig wahrscheinlich“.94 Andererseits behauptet er in einer anderen Schrift, die „weltanschauliche Erziehung“ habe „auf Untergebene wie Vorgesetzte, als Tatantrieb wie spätere Rechtfertigung“ gewirkt.95 Da er diesen Konnex nicht wirklich beweisen kann, verweist Matthäus lediglich darauf, welch großen Stellenwert sie für Himmler und seine Führungsriege besessen habe. Schon allein deshalb sei es „extrem unwahrscheinlich“, „dass ideologische Indoktrination [...] keinen Platz haben soll“ auf der breiten „Skala tatrelevanter Faktoren“.96 Ähnlich dieser Position gehen weitere Autoren ebenfalls davon aus, dass die weltanschauliche Schulung durchaus einflussreich gewesen sei und das Handeln der Täter merklich mitbestimmt habe.97 Auch Edward B. Westermann glaubt in seiner 2005 erschienenen Dissertation daran, dass die weltanschauliche Schulung sehr wirkungsvoll gewesen sei. Ähnlich wie Matthäus be schränkt er sich in seiner Studie jedoch nicht nur auf den ideologisch geprägten Unterricht. Vielmehr nimmt er darüber hinaus zahlreiche weitere Maßnahmen in den Blick, mit denen die Nationalsozialisten versucht haben sollen, auf die Mentalität der Ordnungspolizisten nachhaltig einzuwirken, um sie so auf den Vernichtungskrieg vorzubereiten. Dabei erwei tert der Autor den Fokus, indem er betont, dass diese Initiativen auf zwei zentralen Kompo nenten gefußt hätten: Einerseits hebt er hervor, Himmlers Apparat habe die Staatsgewalt eng mit der SS verflechten und sie in deren Geiste erziehen können. Andererseits habe er die uni formierte Polizei noch wesentlich stärker militarisiert, als dies schon vor 1933 der Fall gewe sen sei. Der NS-Staat habe den Beamten also sowohl ein militärisches Standesbewusstsein als auch die Prinzipien der SS-Ideologie erfolgreich eingebläut. In der Kombination dieser beiden Faktoren habe sich innerhalb der Ordnungspolizei eine neue Organisationskultur he rausgebildet, welche die Taten ihrer Einheiten und lokalen Dienststellen in Osteuropa er möglicht habe.98 Zwar erscheint diese tte se durchaus plausibel, bietet sie doch einen breite 93 Ders., Ausbildungsziel Judenmord? Zum Stellenwert der „weltanschaulichen Erziehung“ von SS und Polizei im Rahmen der „Endlösung“, in: ZfG 47/8 (1999), S. 677-699, hier: S. 682. 94 Ebd., S. 699. 95 Ders., „Weltanschauliche Erziehung“ in Himmlers Machtapparat und der M ord an den europäischen Juden, in: ^e resienstäd ter Studien und Dokumente (2004), S. 306-336, hier: S. 327. 96 Ebd., S. 328. 97 Vgl. u. a. Reiner Zilkenat, „Am Ende dieses Krieges steht das judenfreie Europa“. Die „Mitteilungs blätter für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei“ und der Holocaust, in: Horst Helas/ Dagmar Rubisch/Ders. (Hrsg.), Neues vom Antisemitismus: Zustände in Deutschland, Rosa Luxem burg Stiftung, Texte, Bd. 46, Berlin 2008, S. 151-172, hier: S. 154 und 156 f.; Wolfram Wette, Der Krieg gegen die Sowjetunion - ein rassenideologisch begründeter Vernichtungskrieg, in: Wolf Kaiser (Hrsg.), Täter im Vernichtungskrieg. Der Überfall auf die Sowjetunion und der Völkermord an den Juden, Ber lin/M ünchen 2002, S. 15-38, hier: S. 34 f.; Dams, Gestapo, S. 44; Isabel Heinemann, „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Eu ropas, Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahr hunderts, Bd. 2, Göttingen 2003, S. 591 f.; Torsten Schäfer, „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Das NSG-Verfahren gegen Johann Josef Kuhr und andere ehemalige Angehörige des Polizeibataillons 306, der Polizeireiterabteilung 2 und der SD-Dienststelle von Pinsk beim Landgericht Frankfurt am Main 1962-1973. Eine textanalytische Fallstudie zur Mentalitätsgeschichte, Villigst Perspektiven, Bd. 11, Hamburg 2007, S. 269-272; Bastian Hein, Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre M it glieder 1925-1945, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 92, M ünchen 2012, S. 310 f. Ferner: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945, Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe, Bd. 565, Bonn 2007, S. 15. 98 Vgl. Edward B. Westermann, Hitler’s Police Battalions. Enforcing Racial War in the East, Lawrence 2005, besonders: S. 58-123. 33 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k ren Erklärungsansatz zum mentalen Innenleben der uniformierten Staatsmacht. Gleichwohl bleibt Westermann in dessen Analyse recht vage. Denn er stellt nur unzureichend dar, wie diese beiden Sphären miteinander verflochten gewesen sein sollen. Dessen ungeachtet ist festzuhalten, dass auch er der weltanschaulichen Schulung eine große Bedeutung beimisst. In seinem 2014 erschienenen Werk „Ganz normale Organisationen“ analysiert Stefan Kühl eingehend das berühmte Reserve-Polizeibataillon 101 aus organisationssoziologischer Pers pektive und widmet sich dabei unter anderem ebenfalls der weltanschaulichen Schulung.99 Seiner Ansicht nach habe diese kaum vermocht, die Glaubenssätze der Staatsdiener zu be einflussen. Die Schulungen und Hetzschriften hätten aber auch gar nicht dahingehend ge wirkt, sie zu Massenverbrechen an jüdischen Opfern zu motivieren. Vielmehr seien weite Teile der deutschen Gesellschaft schon in der Frühphase des „Dritten Reichs“ davon ausge gangen, das Gros der „Volksgenossen“ billige die sich schrittweise steigernde antisemitische Politik des NS-Regimes. Aus dieser Annahme heraus sei es dem Einzelnen zunehmend schwe rer gefallen, sich öffentlich dagegen zu positionieren, weshalb er lieber geschwiegen oder so gar zumindest pro forma deren Jargon übernommen habe. In diesem allgemeinen Klima habe die weltanschauliche Schulung dann den Weg dafür geebnet, die Angehörigen der Po lizeieinheiten annehmen und letztendlich fraglos akzeptieren zu lassen, dass es zum legiti men Aufgabenspektrum der polizeilichen Organisation gehöre, Juden zu töten. Als diese es dann von ihren Mitgliedern tatsächlich erwartet habe, hätten sie deshalb die entsprechen den Befehle ausgeführt, ohne sie weiter zu hinterfragen. Derlei Kommandos hätten sie aber erst dadurch praktisch vollstrecken können, weil es ganz generell ein wesentliches Kennzei chen der polizeilichen Organisation dargestellt habe, Gewalt auszuüben.100 Der Autor lässt allerdings offen, wie genau sich ein solcher Prozess vollzogen haben soll. Wie es sich für eine soziologische Arbeit gehört, muss der Leser eher auf vage tteorien als auf handfeste Bewei se vertrauen. Ohne dafür empirische Belege zu liefern, geht Kühl darüber hinaus davon aus, er könne sein systemtheoretisches Konzept für das Reserve-Polizeibataillon 101 einfach ab strahieren und auf sämtliche Einheiten der Ordnungspolizei und anderer Waffenträger über tragen.101 Insgesamt erinnern seine Erklärungsmodelle zudem häufig an jene, die Harald Welzer bereits zuvor entwickelt hatte.102 Während also einige Wissenschaftler die weltanschauliche Schulung als mehr oder min der einflussreich bewerten, widersprechen dem jedoch andere. Wie bereits erwähnt, bezwei feln etwa Christopher R. Browning und Daniel Jonah Goldhagen, dass der politisch-ideolo gische Unterricht in den Polizeieinheiten besonders wirkungsvoll war.103 Peter Longerich ist dahingehend ähnlich skeptisch.104 Alexander Primavesi mutmaßt darüber hinaus, dass die uniformierte Ordnungsmacht Ende der dreißiger Jahre gar nicht dafür ausgebildet gewesen sei, Himmlers Rassenpolitik in Osteuropa zu vollstrecken, weshalb sie diese menschenver achtende Praxis erst im Einsatz habe erlernen müssen.105 Daneben sind in der Literatur auch Stimmen von ehemaligen Polizisten des NS-Staats zu vernehmen, die behaupten, dass sie die 99 Vgl. Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2014. 100 Vgl. ebd., S. 102-119. 101 Vgl. z. B. ebd., S. 88 f. und 325. 102 Vgl. dazu Welzer, Täter. 103 Vgl. Browning, Männer, S. 237-241; Goldhagen, Vollstrecker, S. 222 f. 104 Vgl. Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Ju denverfolgung, München 1998, S. 308. 105 Vgl. Alexander Primavesi, Die Ordnungspolizei als Bewachungsmannschaft von jüdischen Ghettos, in: Nitschke, Polizei, S. 168-173, hier: S. 168. 34 Ein l e it u n g weltanschauliche Schulung nur gelangweilt habe. Allerdings sind solche subjektiven und teils apologetischen Nachkriegspositionen eher mit Vorsicht zu genießen.106 Zu einem ambivalenteren Urteil gelangt Klaus-Michael Mallmann. Die Botschaften der politischen Indoktri nation hätten ihm zufolge einerseits weder in der Ausbildung dominiert noch die polizeili chen Adressaten fanatisiert. Diesen hätten sie aber andererseits die Möglichkeit aufgezeigt, mit ihren Opfern ungestraft tun zu können, was zuvor undenkbar schien.107 Für die SS-Angehörigen in den Konzentrationslagern glaubt Karin Orth ferner zu wissen, dass weniger die weltanschauliche Schulung dafür verantwortlich gewesen sei, dass sie so brutal und skrupellos gegen Häftlinge vorgingen. Vielmehr hätten die Täter soziale Netzwer ke innerhalb dieser Terrorstätten unterhalten, die auf einer gemeinsam praktizierten Gewalt basierten, die den Akteuren jedwede Empathie für ihre Opfer genommen habe.108 Hans Buch heim meint sogar, dass es „in der SS keine strenge ideologische Schulung oder Lerndiszip lin“ gegeben habe, „die sich auch nur entfernt mit der kommunistischen vergleichen ließe“. Der kümmerliche weltanschauliche Unterricht habe „kaum Einfluß auf das Denken der SS- Angehörigen“ ausgeübt, die darin stattdessen genauso „gegammelt“ hätten, wie es auch bei den Vertretern anderer Organisationen des NS-Staats der Fall gewesen sei.109 Weil die weltanschauliche Schulung eben in Himmlers gesamten Machtbereich stattfand, taucht das U e m a auch in Werken auf, die sich mit anderen Waffenträgern auseinanderset zen, welche die Forschung deutlich früher als die Ordnungspolizei für sich entdeckte. Das gilt insbesondere für die Waffen-SS. In seiner Pionierarbeit zu dieser NS-Eliteorganisation analysiert Bernd Wegner sehr intensiv, wie sie ihr Führerkorps an den eigens dafür einge richteten SS-Junkerschulen ausbildete und dort wie auch später politisch indoktrinierte. Er stellt dabei heraus, dass die Ausbildung überwiegend militärisch ausgerichtet gewesen sei, was insbesondere während des Krieges alle anderen ttemenkomplexe deutlich in den Schat ten gestellt habe. Dazu zählte auch die weltanschauliche Schulung, die insgesamt darauf ab gezielt habe, eine homogene Truppe von SS-Führern zu schaffen.110 Darüber hinaus sollte sie die Adressaten „zu einer bestimmten Haltung dem Leben gegenüber“ erziehen.111 Dahinter habe sich sogar „ein fächerübergreifendes pädagogisches Prinzip“ der SS verborgen, das auch die übrigen Unterrichtsdisziplinen erfasst habe.112 Letztlich ist Wegner jedoch davon über zeugt, dass die weltanschauliche Schulung in den Junkerschulen und erst recht in den Ein heiten der Waffen-SS keinen hohen Stellenwert genossen habe und daher nicht besonders 106 Vgl. u. a. Stephen Campbell, SS-Polizei. Memories of Poland, Washington D. C. 2007, S. 17; Karl Schnei der, Zwischen allen Stühlen. Der Bremer Kaufmann Hans Hespe im Reserve-Polizeibataillon 105, Schriftenreihe Erinnern für die Zukunft, Bd. 4, Bremen 2007, S. 27 und 37. 107 Vgl. Mallmann, Fußvolk, S. 378. 108 Vgl. Karin Orth, Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, München 2004, S. 131 f. und 151; Dies., Experten des Terrors. Die Konzentrationslager-SS und die Shoah, in: Paul, Täter, S. 93-108, hier: S. 96; Dies., Egon Zill - ein typischer Vertreter der Konzentrationslager-SS, in: Mallmann, Karrieren, S. 264-273, hier: S. 266 f. 109 Hans Buchheim, Befehl und Gehorsam, in: Ders., Anatomie, S. 213-320, hier: S. 231. 110 Vgl. Bernd Wegner, Hitlers Politische Soldaten: Die Waffen-SS 1933-1945. Leitbild, Struktur und Funk tion einer nationalsozialistischen Elite, 9. Aufl., Paderborn 2010, S. 135-203. 111 Ebd., S. 166. Hervorhebung im Original. 112 Ebd., S. 168. 35 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k erfolgreich gewesen sei.113 Auch Robert Lewis Koehl denkt, dass viele Männer in der Waffen- SS den ideologischen Unterricht als wenig nützlich angesehen hätten.114 Weitere Studien zur Waffen-SS attestieren der weltanschaulichen Schulung hingegen eine größere Wirkungsmacht. Martin Cüppers etwa ist der Ansicht, die „Wegbereiter der Shoah“ seien in diesem Unterricht hauptsächlich mit antisemitischen Ideologemen und Parolen mas siv konfrontiert worden, welche die Teilnehmer begeistert aufgenommen hätten. Ein bereits vorhandener Judenhass sei dabei häufig radikalisiert und auf eine einheitliche Linie gebracht worden.115 A uf eine ähnliche Weise interpretiert auch Rene Rohrkamp die „weltanschauliche Erziehung“ der Waffen-SS. Sie habe darauf abgezielt, die Moral der Truppe aufrechtzuerhal ten und ihre Angehörigen weltanschaulich einheitlich auszurichten.116 Der ideologische Un terricht habe Lerninhalte aufgegriffen, die den Männern bereits in der Schule oder anderen NS-Organisationen vermittelt worden seien.117 Er sei so angelegt gewesen, dass die Angehö rigen von Himmlers Elitetruppe simple Botschaften einstudieren sollten, um diese jederzeit abrufen zu können. Rohrkamp spricht sogar von einem „mind controlling“, das während des Krieges in den einzelnen Einheiten der Waffen-SS erfolgt sei.118 Jens Westemeier weist darauf hin, dass die Führer der Waffen-SS bereits sehr stark von der NS-Ideologie beseelt gewesen seien, noch ehe sie überhaupt in Himmlers Elitetruppe gelang ten. Sie hätten also schon früher die Werte der SS geteilt und sich deshalb überhaupt erst in ihr zusammengefunden. Die weltanschauliche Schulung an den SS-Junkerschulen habe ihre diffusen Ansichten dann systematisiert und damit den Grundstein für eine langjährige In doktrination gelegt. Die so geschaffene und kollektiv geteilte Ideologie sei letztlich dafür ver antwortlich, dass die Führer der Waffen-SS während des Krieges derart unbarmherzig und brutal gegen ihre Gegner vorgingen und unzählige Kriegsverbrechen verübten.119 Ferner sieht Jürgen Förster in der weltanschaulichen Erziehung der Waffen-SS „eine Maßnahme zur geis tigen Standardisierung einer heterogenen Truppe“.120 Seiner Ansicht nach seien die dabei ver mittelten Werte „tatsächlich zentrale Faktoren für die mörderische Effizienz der Täter“.121 A l lerdings hätten sich NS-Propaganda und Versuche zur politischen Indoktrination zumindest in der Endphase des Krieges kaum auf das Kampfgeschehen ausgewirkt.122 113 Vgl. ebd., S. 167 f. und 193 f. 114 Vgl. Robert Lewis Koehl, ^ e Black Corps. ^ e Structure and Power Struggles of the Nazi SS, Madison 1983, S. 238. 115 Vgl. Martin Cüppers, Wegbereiter der Shoah. Die Waffen-SS, der Kommandostab Reichsführer-SS und die Judenvernichtung 1939-1945, Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Uni versität Stuttgart, Bd. 4, Darmstadt 2005, S. 104 und 124. Ähnlich argumentiert Cüppers auch in ei nem weiteren Werk. Vgl. Ders., „... auf eine so saubere und anständige SS-mäßige Art“. Die Waffen- SS in Polen 1939-1941, in: Klaus-Michael Mallmann/Bogdan Musial (Hrsg.), Genesis des Genozids. Polen 1939-1941, Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 3, Darmstadt 2004, S. 90-110, hier: S. 94 f. 116 Vgl. Rene Rohrkamp, „Weltanschaulich gefestigte Kämpfer“. Die Soldaten der Waffen-SS 1933-1945. Organisation - Personal - Sozialstrukturen, Krieg in der Geschichte (KRiG), Bd. 61, Paderborn 2010, S. 518. 117 Vgl. ebd., S. 415. 118 Ebd., S. 441. Hervorhebung im Original. 119 Vgl. Jens Westemeier, Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen-SS in Krieg und Nachkriegs zeit, KRiG, Bd. 71, Paperborn 2014, S. 72 f. 120 Jürgen Förster, Die weltanschauliche Erziehung in der Waffen-SS. „Kein totes Wissen, sondern leben diger Nationalsozialismus“, in: Matthäus, Ausbildungsziel, S. 87-113, hier: S. 110. 121 Ebd., S. 113. 122 Vgl. ebd., S. 113. 36 Ein l e it u n g Mit „Himmlers Lehrer“ legte der Erziehungswissenschaftler Hans-Christian Harten im Jahre 2014 eine erste Monographie vor, die sich ausführlich mit der weltanschaulichen Schu lung in der gesamten SS auseinandersetzt. Darin untersucht er zunächst, wie das entspre chende Schulungswesen aufgebaut war. Er beschreibt außerdem, wie die Männer in den Lehr anstalten und Einheiten, aber auch innerhalb der Totenkopfverbände in den Konzentrationslagern konkret politisch indoktriniert wurden. Ferner befasst er sich auch noch mit den propagandistischen Schriften. Schließlich führt er eine kollektivbiographische Analyse zu jenen Lehrkräften durch, die für den ideologischen Unterricht verantwortlich wa ren und in der Arbeit insgesamt im Zentrum stehen.123 Harten zufolge „gibt es keinen direk ten Zusammenhang zwischen weltanschaulicher Schulung und genozidalem Handeln der SS, wohl aber einen indirekten“. Nach Ansicht des Autors schuf sie nämlich „einen legitimatorischen Rahmen, der das Überschreiten zivilisatorischer Grenzen erleichterte“. Bedauerli cherweise konzentriert sich Harten dabei nur auf die Schutzstaffel, weshalb er die Ordnungs polizei sowie ihre institutionellen und schulischen Eigenarten nicht berücksichtigt, „die mit der SS-Schulung nur begrenzt in Einklang gebracht werden konnten“, ohne dass er dies je doch in seiner Arbeit nachweist.124 Außerdem erwähnt er zwar beiläufig, dass es auch noch andere Ausbildungsgegenstände innerhalb der SS gab. Leider geht er aber auf diese nicht nä her ein, weshalb zwangsläufig der Eindruck entsteht, die weltanschauliche Schulung habe al les andere überragt.125 Freilich verbietet es sich, die Erkenntnisse aus solchen Studien zur SS einfach auf die Ord nungspolizei zu übertragen. Doch können sie dabei helfen, den Gesamtrahmen zu erfassen, innerhalb dessen Himmler versuchte, die Mentalität seiner Untergebenen zu beeinflussen. Allerdings vermochten es die bisherigen Studien nicht, genau zu belegen oder zumindest In dizien dafür vorzubringen, welche Wirkungsmacht die politische Indoktrination nun tat sächlich besaß. Dass diese sehr einflussreich gewesen sei, heben insbesondere jene Arbeiten hervor, die sich ausschließlich auf die weltanschauliche Schulung konzentrieren, was daher nicht allzu überraschend ist. Es scheint fast so, als schlössen einige Autoren vom schreckli chen Ergebnis des millionenfachen Massenmords auf mögliche ideologische Ursachen, die sie dann eben zu einem erheblichen Teil im politisch-weltanschaulichen Unterricht zu er kennen glauben. Wer hingegen versucht, diesen in einen größeren Kontext einzuordnen, schätzt seinen Einfluss in vielen Fällen jedoch geringer ein, wobei auch hier adäquate Bele ge oder Argumente meist fehlen. Die Fachwelt ist sich also insgesamt uneins darüber, wie wirkungsmächtig die weltanschau liche Schulung tatsächlich war. Fraglich ist allerdings, warum sich die bisherigen Studien fast ausschließlich auf dieses Unterrichtsfach konzentrieren. Freilich liegt es nahe, diese Diszip lin genauer unter die Lupe zu nehmen, weil sie immerhin dazu angelegt war, SS-Männer und Polizisten mental an der NS-Ideologie auszurichten. Insofern ist es durchaus legitim, einge hend zu analysieren, mit welchen Inhalten und nach welchen Methoden das konkret gesche hen sollte, aber auch wie erfolgreich sich dieses Unterfangen gestaltete. Denn das NS-Regime betrachtete die weltanschauliche Schulung offensichtlich als zentrales Instrument, um seine Exekutivkräfte mental zu beeinflussen und sie im Geiste der „braunen“ Ideologie zu erziehen. Insbesondere für die Polizeibeamten genügte es jedoch nicht, deren ffe m en und 123 Vgl. Hans-Christian Harten, Himmlers Lehrer. Die Weltanschauliche Schulung in der SS 1933-1945, Paderborn 2014. 124 Ebd., S. 10. Harten kündigt darin jedoch eine eigene Studie zur „Polizeischulung“ an. 125 Vgl. ebd., S. 9 und 43. 37 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Glaubenssätze zu kennen. Nur allein damit konnten sie ihren Beruf nicht ausüben. Da die weltanschauliche Schulung nicht für sich allein stand, blieb daher bislang unklar, in welchem Kontext sie genau eingebettet war. Wer die Studien zum U em a liest, könnte daher den Ein druck bekommen, die Ausbildung der Ordnungspolizisten habe ausschließlich aus Rassen hass und Antisemitismus bestanden. Aber war das wirklich so? Besaß die weltanschauliche Schulung gegenüber allen anderen Fächern tatsächlich ein so enormes Gewicht in der polizeilichen Ausbildung? Um diese Fra gen klären zu können, muss die weltanschauliche Schulung zunächst einmal in der gesam ten Polizeiausbildung kontextualisiert werden. Damit dies gelingen kann, ist es aber erfor derlich, sich einmal genauer anzusehen, welche Fächer und Inhalte in den Lehranstalten der uniformierten Ordnungsmacht insgesamt gelehrt wurden. A uf diese Weise offenbart sich auch, ob sich die NS-Ideologie noch in weiteren Disziplinen niederschlug. Bisher widmete sich die Geschichtswissenschaft kaum der Frage, wie der NS-Staat seine Polizeibeamten aus bildete. Publikationen zur Polizei im „Dritten Reich“ streifen dieses U em a zwar immer wie der. Doch stand es bislang nie im Mittelpunkt.126 Es wirkt beinahe so, als wollten ihre Auto ren es nur der Vollständigkeit halber erwähnt haben. Dennoch existieren einzelne Werke, die sich zwar nicht ausschließlich, aber zumindest et was detaillierter mit dem polizeilichen Ausbildungswesen befassen. In seiner Arbeit zum Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD behandelt Jens Banach unter anderem, wie Himmlers Machtapparat dessen Angehörigen ideologisch zu erziehen versuchte. Daneben beschreibt er aber auch, wie die leitenden Kriminal- und Gestapobeamten ausgebildet wur den. Er stellt in erster Linie dar, wie die einzelnen Ausbildungsabschnitte konzipiert waren, welche Vorschriften es dazu gab und wie sie sich im Laufe der Zeit veränderten. A uf die un terrichteten Fächer, deren konkrete Inhalte und die damit vermittelten Werte geht er aber nur rudimentär ein.127 Auch andere Werke zur Sicherheitspolizei und ihrer Organe vertiefen diese wichtigen Gesichtspunkte nicht weiter.128 Für die Ordnungspolizei liegen zwar einzel ne Werke vor, welche die Ausbildung nicht gänzlich außer acht lassen, aber es dennoch ver säumen, die unterrichteten Disziplinen und Inhalte genauer zu beleuchten.129 Es ist erstaunlich, dass sich die Forschungsgemeinde bisher nur ziemlich oberflächlich mit dieser bedeutsamen ttem atik auseinandersetzte. Das mangelnde Interesse an der Geschich te des polizeilichen Ausbildungswesens ist umso bemerkenswerter, weil sich ihr sogar eine Dauerausstellung widmet, die seit November 2001 in der DHPol allgemein über „100 Jahre Bildungsarbeit in der Polizei“ informiert.130 Im gleichnamigen Katalog unterstreicht der Prä sident der damaligen Polizei-Führungsakademie, Rainer Schulte, „dass die Aus- und Fort 126 Vgl. u. a. Christopher R. Browning, Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Juden politik 1939-1942, Berlin 2006, S. 343; Lichtenstein, Helfer, S. 149; Jim G. Tobias, „Ihr Gewissen war rein; sie haben es nie benutzt“. Die Verbrechen der Polizeikompanie Nürnberg, Hefte zur Regionalge schichte, Bd. 1, Nürnberg 2005, S. 12. 127 Vgl. Banach, Elite, S. 97-121, 260-276 und 312-324. 128 Vgl. u. a. Wildt, Generation, S. 257 f. und 268-270; Ders., Radikalisierung und Selbstradikalisierung 1939. Die Geburt des Reichssicherheitshauptamtes aus dem Geist des völkischen Massenmords, in: Paul, Gestapo (2000), S. 11-41, hier: S. 13; Wagner, Volksgemeinschaft, S. 237 und 245 f.; Ders., Kri minalisten, S. 77 f. und 81f. 129 Vgl. u. a. Fangmann, Parteisoldaten, S. 89-94; Bach, Ordnungspolizei, S. 84-91. 130 Vgl. 100 Jahre Bildungsarbeit in der Polizei. Katalog zur Dauerausstellung, hrsg. v. der Polizei-Füh rungsakademie, Münster 2002. Ein l e it u n g bildung der Polizei zunehmend von der weltanschaulichen NS-Schulung dominiert wurde“.131 Möglicherweise trugen solche ttesen dazu bei, dass einige Wissenschaftler seither zu ermit teln versuchen, wie „nationalsozialistisch“ die Polizeiausbildung im „Dritten Reich“ wirklich war. Solche Impulse führten dennoch nicht dazu, dass die Forschung über den ideologischen Tellerrand blickte und das U em a ganzheitlich auffasste. Genau an diesem Punkt setzt die vorliegende Studie an. Um zu ermitteln, wie genau sich die Ausbildung der uniformierten Polizei während der NS-Herrschaft gestaltete, sind zwei verschiedene Ansätze denkbar: Zum einen ist es möglich, für einen lokal eingegrenzten Raum exemplarisch zu analysieren, wie dort sämtliche Beamtengruppen auf ihren Dienst vorberei tet wurden. In diesem Sinne kann etwa für eine politisch definierte Region bestimmt wer den, wie dieser Prozess sowohl für die Wachtmeister als auch für die Polizeioffiziere konkret ablief. Das ließe sich z. B. für die Länder Preußen, Sachsen oder Bayern oder aber für bedeu tende Großstädte wie etwa Berlin, Hamburg oder München rekonstruieren. Zum anderen ist es ebenso möglich, sich weniger auf eine bestimmte Region zu fokussieren, sondern viel mehr einen speziellen Bereich der Ordnungspolizei auszuwählen und dessen Ausbildung ge nauer zu beleuchten. Jenseits lokaler Grenzen kann das allgemein etwa für die Wachtmeis ter, die Oberbeamten oder auch für bestimmte Zweige der uniformierten Staatsgewalt untersucht werden, zu denen unter anderem die Schutzpolizei, die Gendarmerie, die Ge meindepolizei oder die Wasserschutzpolizei gehörten.132 Während die erste Methode ver spricht, ein spartenübergreifendes Bild für die gesamte Polizei zu liefern, fängt dieses aller dings nur einen räumlich begrenzten Ausschnitt ein, von dem keineswegs auf die allgemeine Situation im gesamten Deutschen Reich geschlossen werden kann. Die zweite Vorgehens weise kann zwar nicht sämtliche Sparten genauer analysieren, macht es aber möglich, sich eingehender auf einen Bereich zu konzentrieren, ohne dabei an geographisch definierte Kri terien gebunden zu sein. Die vorliegende Arbeit fußt hauptsächlich auf letzterem Ansatz. Ihre Leitfrage lautet: Wie wurden die Offiziere der Ordnungspolizei ausgebildet und welchen Einfluss hatte das mög licherweise auf diese Männer, von denen sich viele an den nationalsozialistischen Massen verbrechen beteiligten? In erster Linie untersucht die Studie also jenen Prozess, mit dem der NS-Staat versuchte, aus einfachen Staatsdienern führende „Polizeisoldaten“ des Vernich tungskriegs zu schaffen. Während die Mannschaften und Wachtmeister dezentral beschult wurden, existierten im „Dritten Reich“ nur zwei zentrale Lehranstalten, die sich um die an gehenden Führungskräfte der Schutzpolizei und der Gendarmerie kümmerten, welche die beiden wichtigsten Zweige der uniformierten Polizei waren: die Polizei-Offizierschule in Ber lin-Köpenick sowie die Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule in Fürstenfeldbruck.133 Die 131 Rainer Schulte, „100 Jahre Bildungsarbeit in der Polizei“. Die Tradition der Polizeigeschichte an der Polizei-Führungsakademie, in: ebd., S. 5-7, hier: S. 7. 132 Zu den einzelnen Zweigen der nationalsozialistischen Ordnungspolizei siehe Kapitel 2.2. 133 Dabei handelte es sich um die offiziellen Titel dieser Institutionen, die im Folgenden jeweils einfach als „Polizeischule“ bezeichnet werden. Anders als im heutigen Sprachgebrauch verzichtete die zeitge nössische Amtssprache auf ein Fugen-s, so dass die Quellen etwa von einer „Polizeioffizierschule“ oder „Offizieranwärtern“ sprechen. In der vorliegenden Studie wird diese Schreibweise jedoch nur dann übernommen, wenn auf die Quellensprache oder konkrete Amtsbezeichnungen verwiesen werden soll. Dass die beiden Schulen in Berlin-Köpenick und Fürstenfeldbruck exklusiv dafür zuständig wa ren, den Offiziersnachwuchs der Ordnungspolizei auszubilden, erwähnt die Literatur nur äußerst knapp. Auf diese Institutionen geht sie aber nicht näher ein. Vgl. z. B. Raible, Geschichte, S. 96 f.; Nix, Police Forces, S. 103 f. Auch Philip W. Blood kommt in seiner Studie zur „Bandenbekämpfung“ kurz auf die Offiziersschulen der Ordnungspolizei zu sprechen. Dabei unterlaufen ihm jedoch einige Feh 39 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k se beiden bedeutenden Lehrstätten besuchten sämtliche Offiziere der Ordnungspolizei, die der NS-Staat seit Mitte der dreißiger Jahre ausbildete. Während die Berliner Institution in der zweiten Kriegshälfte mehrfach umziehen musste, um andernorts ihren Lehrbetrieb fort zuführen, blieb ihre „Schwester“ bis zum Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ im oberbayerischen Fürstenfeldbruck (FFB), das auch kurz „Bruck“ genannt wird. Diese Bil dungsanstalten waren exklusiv dafür verantwortlich, spezielle Offiziersanwärterlehrgänge (OAL) abzuhalten. Für angehende Polizeiführer bildete ein solcher Kurs die bedeutendste Ausbildungsstation. „Das formal wichtigste Medium ideologischer Indoktrinierung von SS und Polizei“ stellten ihre Bildungsanstalten dar, wie Jürgen Matthäus glaubt.134 Sollte dieser Befund tatsächlich zutreffen, müsste er sich gerade an den Offiziersschulen der Ordnungspolizei nachweisen lassen. Vor diesem Hintergrund ist besonders interessant, dass der eingangs zitierte Erich Bürkner noch vor seinem „auswärtigen Einsatz“ den 8. OAL besucht hatte, der vom 3. No vember 1938 bis 28. April 1939 an der Polizeischule Fürstenfeldbruck stattgefunden hatte.135 Doch auch die vorliegende Studie wird nicht abschließend klären können, inwiefern die welt anschauliche Schulung ihn und Hunderte seiner Kollegen tatsächlich beeinflusste oder wie sie überhaupt mit den Verbrechen zusammenhing, die zahlreiche dieser leitenden „Geset zeshüter“ verübten. Obwohl die Arbeit sich nicht ausschließlich auf den politisch-ideologi schen Unterricht konzentriert, sondern die gesamte Ausbildung eingehend analysiert, die an der Brucker Lehranstalt stattfand, vermag sie es trotzdem nicht, diese Fragen endgültig zu beantworten. Vielmehr geht es darum, zu ermitteln, wie wahrscheinlich es ist, dass es dem NS-Regime gelang, auf diesem Wege Polizisten zu Tätern zu erziehen. Da sich die Untersuchung auf diese Bildungsanstalten und ihre Offiziersanwärterlehrgän ge konzentriert, kombiniert sie daher die beiden genannten Ansätze miteinander und schaffi dadurch gewissermaßen einen dritten Weg. Denn indem sie die Ausbildungspraxis an den obersten Schulen der uniformierten Polizei beleuchtet, wählt sie einen institutionellen Zu gang, der zugleich einen prozeduralen Kern besitzt. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er auf eine bestimmte Gruppe von Polizeibeamten ausgerichtet und gleichzeitig lokal einge schränkt ist, weil es im Nationalsozialismus nur diese beiden Schulen gab, die für die Offi ziersausbildung der Ordnungspolizei zuständig waren. Ihre Geschichte nachzuzeichnen, ist deshalb das zentrale Ziel dieser Studie. Sie bezieht ihre Relevanz nicht bloß aus dem Um stand, dass dieses U em a bislang noch nicht erforscht wurde. Die Arbeit schaffi auch damit einen wissenschaftlichen Mehrwert, dass sie sich mit den Polizeioffizieren und dadurch mit einer immens wichtigen Tätergruppe der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik befasst, welche die Forschung bisher recht vernachlässigte. Die folgende Tabelle zeigt, welche Dienst grade diese Rangklasse dabei konkret umfasste: ler. So behauptet er etwa, dass die Polizisten in Berlin-Köpenick und Fürstenfeldbruck lediglich ihre Grundausbildung erhalten hätten, wobei ihnen für jeweils mehrere Wochen am Stück die einzelnen Inhalte in aufeinanderfolgenden thematischen Blöcken vermittelt worden seien. Als Offiziersschulen nennt Blood hingegen Fürstenfeldbruck, Mariaschein und Eberswalde, ohne klarzustellen, dass es sich dabei nur um eine M omentaufnahme handelte. Vgl. Philip W. Blood, Hitler’s Bandit Hunters. ^ e SS and the Nazi Occupation of Europe, Washington D. C. 2006, S. 159 f. 134 Matthäus, Ausbildungsziel, S. 684. 135 Vgl. dazu u. a. Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (BayHStA München), Polizeischule FFB 122, Polizeischule FFB: Beurteilungsliste für die Abschlußprüfung des 8. Offz.-Anwärterlehrg., [April 1939]. 4 0 Ein l e it u n g Tabelle 1: Dienstgradvergleich zwischen Polizei und SS (Stand 1944)136 Polizeirangklassen Dienstgrade der Polizeivollzugsbeamten Vergleichsdienstgrade der SS SS-Rangklassen Mannschaften Anwärter SS-Mann SS-MannschaftenUnterwachtmeister SS-Sturmmann Rottwachtmeister SS-Rottenftihrer Unterführer und Beamte ohne Offiziersrang Wachtmeister SS-Unterscharftihrer SS-Unterführer Oberwachtmeister SS-Scharfiihrer Revieroberwachtmeister SS-Oberscharführer Hauptwachtmeister SS-Hauptschaarfiihrer Meister SS-Sturmschaarfiihrer Offiziere und Beamte im Offi ziersrang Leutnant SS-Untersturmführer SS-Führer Oberleutnant SS-Obersturmführer Hauptmann SS-Hauptsturmführer Major SS-Sturmbannführer Oberstleutnant SS-Obersturmbannführer Oberst SS-Standartenführer Oberst (in Sonderstellung) SS-Oberführer Generale und Beamte im Generalsrang Generalmajor SS-Brigadefiihrer Höhere SS-FührerGeneralleutnant SS-GruppenfiihrerGeneral SS-Obergruppenführer Generaloberst SS-Oberstgmppenführer Mit den polizeilichen Oberbeamten setzte sich zwar vor allem Daniel Schmidt intensiv aus einander. In seinen Arbeiten zeigt er auf, wie sie in der Weimarer Republik und in der ers ten Hälfte des „Dritten Reichs“ insbesondere im Ruhrgebiet agierten. Allerdings beziehen sich seine Analysen vorwiegend auf die Zwischenkriegszeit. Dadurch lässt er jenen zentra len Zeitabschnitt weitgehend unberücksichtigt, der für die vorliegende Studie besonders wichtig ist. Darüber hinaus streift er lediglich die Offiziersausbildung, die er zwar hauptsäch lich für die Weimarer Zeit umreißt, aber nicht ihrer Bedeutung entsprechend würdigt, was insbesondere für die NS-Diktatur gilt.137 Ähnlich wie bei Schmidt spiegelt sich auch in der vorliegenden Arbeit Himmlers Personalpolitik wider. Schon allein deshalb geraten einzelne Offiziere in den Fokus. Doch hauptsächlich konzentriert sie sich auf den genauen Ausbil 136 Diese Tabelle beruft auf: Dieter Deuster, Deutsche Polizei-Uniformen 1936-1945, Stuttgart 2009, S. 41. Sie listet Rangklassen und Dienstgrade von Vollzugsbeamten der Ordnungspolizei im Vergleich zu je nen der SS auf, wobei sie den Stand des Jahres 1944 abbildet. Obwohl einzelne Dienstgrade aufseiten der verschiedenen Polizeisparten während des „Dritten Reichs“ häufig anders lauteten, blieben die Ti tel der Offiziersränge weitgehend bestehen, wie Dieter Deuster ausführlich darlegt. Vgl. ebd., S. 29 36. Wenn also im Folgenden von „Offizieren“ die Rede ist oder konkrete Dienstgrade genannt werden, sind die oben genannten Bezeichnungen und Positionen gemeint. Sie beziehen sich stets auf die O rd nungspolizei. 137 Vgl. Daniel Schmidt, Schützen und Dienen. Polizisten im Ruhrgebiet in Demokratie und Diktatur 1919-1939, Villa ten Hompel. Schriften, Bd. 9, Essen 2008; Ders., Keine Kommissare. Preußische Po lizeioffiziere zwischen soldatischem Selbstverständnis und polizeilicher Professionalität 1919 bis 1935, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 69 (2010), S. 37-58; Ders., Das preußische Polizeioffizierskorps zwischen Weimarer Republik und NS-Staat. Eine polizeiliche Funktionselite auf dem Weg in die Dik tatur, in: Oranienburger Schriften 1 (2015), S. 56-65. 4 i Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k dungsprozess, der an den beiden obersten Polizeischulen in Berlin-Köpenick und Fürsten feldbruck stattfand. An dieser Stelle sei erwähnt, dass neben diesen beiden „Kaderschmieden“ der uniformier ten Ordnungsmacht noch zwei weitere existierten: Die Offizierschule der Ordnungspolizei in Eberswalde ging am 9. August 1943 aus der hiesigen Reichsfeuerwehrschule hervor.138 Sie war darauf spezialisiert, die leitenden Brandbekämpfer auszubilden, die im Bombenkrieg immer wichtiger wurden. Damit richtete sich die nordöstlich der Reichshauptstadt gelege ne Bildungsstätte jedoch eigens an die Feuerschutzpolizei, die eine besondere Sparte der Voll zugspolizei darstellte und unter der Aufsicht eines der beiden Generalinspekteure des Feu erlöschwesens stand.139 Seit A nfang M ärz 1944 bestand außerdem noch eine Polizeioffizierschule des Wirtschaftsverwaltungsdienstes in Weimar, in der dieser administ rative Sonderzweig seinen Führungsnachwuchs heranzog. Dabei sollten die Beamten für ih ren Einsatz in den besetzten Gebieten militärisch, aber vor allem auf dem Sektor der Trup penverwaltung ausgebildet werden.140 An der Offiziersausbildung von Schutzpolizisten und Gendarmen des Vollzugsdienstes hatten diese Lehranstalten jedoch keinen Anteil, weshalb sie in der weiteren Untersuchung nicht berücksichtigt werden. Wer sich mit den Offiziersschulen der uniformierten Polizei im „Dritten Reich“ befasst, wird feststellen müssen, dass die Literaturbasis für diesen speziellen Bereich ziemlich über schaubar ist. Zwar gibt es mittlerweile zahlreiche Publikationen, welche die Geschichte ein zelner Polizeischulen behandeln. Doch nahmen die meisten von diesen Institutionen erst in der Nachkriegszeit ihren Dienst auf, weshalb sich die NS-Zeit schon allein darum kaum in diesen Werken wiederfindet. Außerdem handelt es sich bei ihnen meist um Zeitschriften aufsätze und Festschriften aus den Reihen der Polizei, die anlässlich eines Jubiläums entstan den. Sie bringen daher die institutionsinterne Perspektive zur Geltung, die nicht zuletzt we gen des festlichen Anlasses die eigene Vergangenheit wenig kritisch reflektiert. Darüber hinaus ist diesen Werken gemein, dass sie nur unzureichend ausweisen, woher genau die da rin enthaltenen Informationen stammen. Deshalb sind sie für die wissenschaftliche For schung lediglich als Quellen zur polizeieigenen Sicht zu nutzen.141 138 Vgl. Runderlass (RdErl.) des (d.) Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei im Reichsminis terium des Innern (RFSSuChdDtPol. im RMdI.) vom (v.) 09.08.1943, in: Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung (RMBliV), 18.08.1943, Nr. 33, Sp. 1321. Ferner zur Reichsfeuerwehrschule: Eber hard Wühle, Die Reichsfeuerwehrschule in Eberswalde, in: Eberswalder Jahrbuch für Heimat-, Kul tur- und Naturgeschichte 2009, S. 80-89. Der fast exakte Artikel findet sich auch in: Ders., Die Reichs feuerwehrschule in Eberswalde, in: Feuerw ehrchronik 3 (2010), S. 61-65. URL: http://w w w . fw-chronik.de/PDF-Rundbrief/FC-2010-03.pdf. (zuletzt eingesehen am 15.07.2017). 139 Seit September 1943 existierten zwei Generalinspekteure des Feuerlöschwesens, die ihren Machtbe reich unter sich aufteilten. Während einer von ihnen neben anderen Aufgaben auch die Eberswalder Schule betreute, inspizierte sein Amtskollege die restlichen Feuerwehrschulen. Vgl. RdErl. d. RFS SuChdDtPol. im RMdI. v. 10.09.1943, in: RMBliV, 29.09.1943, Nr. 39, Sp. 1513 f.; RdErl. d. RFSSuChdDt Pol. im RMdI. v. 10.09.1943, in: RMBliV, 29.09.1943, Nr. 39, Sp. 1514-1516. Ferner: Hans-Joachim Neufeldt, Entstehung u nd O rganisation des Hauptamtes O rdnungspolizei, in: Ders., Geschichte, S. 3-115, hier: S. 89f. 140 Vgl. Im Auftrag (I. A.) Heuer: Bek. d. Chefs d. Wirtschaftsverwaltungsamtes im Hauptamt O rdnungs pol. v. 08.03.1944, in: Befehlsblatt des Chefs der Ordnungspolizei (BefBlO.), 18.03.1944, Nr. 11, S. 80; Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB), R 19/238, Wünnenberg (Chef der Ordnungspolizei) an die Polizei-Offizierschule des Wirtschaftsverwaltungsdienstes in Weimar: Dienstanweisung für die Offi zierschule des Wirtschaftsverwaltungsdienstes, 28.04.1944. 141 Vgl. u. a. 10 Jahre Polizei-Institut Hiltrup, Jubiläumsausgabe der Mitteilungen 2/3 (1955); 20 Jahre Po lizei-Institut Hiltrup 1945-1965, Die Polizei 7 (1965); Horst Schult, 40 Jahre „Hiltrup“. Von der Zen- 42 Ein l e it u n g Während zur Polizeischule Berlin-Köpenick keinerlei nennenswerte Publikationen exis tieren, gestaltet sich die Situation für ihre Brucker „Schwester“ nur wenig besser. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens veröffentlichte die damalige Bayerische Polizeischule bereits im Jahre 1963 einen Sammelband, dessen Aufsätze sich ganz unterschiedlichen U em en rund um die Ausbildung widmen. Sie stammen aus der Feder von Polizeibeamten.142 Wichtig für die vorliegende Studie sind besonders die beiden Beiträge von Polizeischulrat Klaus Schwarz und Polizeirat a. D. Ludwig Link über die Geschichte der polizeilichen Ausbildung in Bay ern und der Polizeischule Fürstenfeldbruck.143 Ein Schwachpunkt des Buches ist allerdings, dass die darin gemachten Angaben ebenfalls nicht oder allenfalls nur unzureichend belegt sind. Ansonsten existieren zur Brucker Bildungsanstalt keine weiteren Publikationen, die sich wissenschaftlich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Inspiriert von den Recherchen zur vorliegenden Studie verfasste eine Projektgruppe der heutigen Polizeifachhochschule Fürstenfeldbruck innerhalb von nur wenigen Wochen eine Arbeit über die Münchner Polizei im „Dritten Reich“.144 In einem Kapitel versuchten die bay erischen Polizeischüler auch, die Geschichte ihrer Lehranstalt grob zu überfliegen. Außer dem befassten sie sich mit der weltanschaulichen Schulung, wofür sie vor allem einschlägi ge Studien zum U e m a heranzogen. An diesen orientieren sich die Beamten auch, als sie nach einer Antwort auf die Frage suchten, wie sich diese auf die Adressaten auswirkte. Die polizeilichen Autoren schlussfolgern, dass die politische Indoktrination durchaus einfluss reich gewesen sei, eben weil sich Vertreter und Einheiten der Ordnungspolizei aktiv an den antijüdischen Gewaltverbrechen des NS-Regimes beteiligten.145 Insgesamt ist auch die Geschichte von Fürstenfeldbruck während des „Dritten Reichs“ noch recht dürftig erforscht. Nur wenige Arbeiten befassen sich z. B. mit der Frage, wie die Nati onalsozialisten in der oberbayerischen Kommune herrschten. Zu nennen sind hier insbe sondere der von Ferdinand Kramer und Ellen Latzin herausgegebene Sammelband „Fürs tenfeldbruck in der NS-Zeit“146 und der Begleitband zur Ausstellung .. was Menschen fähig sind’. Nationalsozialismus im Brucker Land“, die Ende 2010 bis Anfang 2011 im Bauernhof tral-Polizeischule zur Polizei-Führungsakademie. Inhalt, Geschichte und Perspektiven einer Idee, Schriftenreihe der Polizei-Führungsakademie 3/4 (1985); 50 Jahre Polizeiliche Bildungsarbeit in M üns ter-Hiltrup. Festschrift, Schriftenreihe der Polizei-Führungsakademie 3/4 (1995); Die Geschichte der Polizeischule Münster (Westf.) 1920-1960, hrsg. v. Landes-Polizeischule „Carl Severing“ Münster, Ah len 1961; 40 Jahre Hessische Polizeischule (HPS) 1951-1991, hrsg. v. Direktor der Hessischen Polizei schule, Wiesbaden 1991; 50 Jahre Hessische Polizeischule, hrsg. v. Hessische Polizeischule, Wiesba den-Kohlheck 2000; 50 Jahre Landespolizeischule Niedersachsen in Hann. Münden 1946-1996, hrsg. v. Landespolizeischule Niedersachsen, Hann. M ünden 1996; 50 Jahre Akademie der Polizei Baden Württemberg 1953-2003. Festschrift zum Jubiläum, hrsg. v. Akademie der Polizei Baden-W ürttem berg, Freiburg 2003. 142 Vgl. Georg Boxberger (Hrsg.), 10 Jahre Bayerische Polizeischule, hrsg. v. Bayerischen Polizeischule, Bad Godesberg 1963. 143 Vgl. Klaus Schwarz, Die Geschichte des Klostergebäudes Fürstenfeld nach 1803, in: ebd., S. 19-30; Ludwig Link, Rückblick auf die Ausbildung der staatlichen Polizei in Bayern, in: Boxberger, 10 Jahre, S. 31-37. 144 Vgl. Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern - Fachbereich Polizei, Die Rolle der Polizei in M ünchen zur NS-Zeit, unveröffentlichter Projektabschlussbericht, Fürstenfeld bruck 2011, S. 1. 145 Vgl. ebd., S. 91f. 146 Vgl. Ferdinand Kramer/Ellen Latzin (Hrsg.), Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit. Eine Kleinstadt bei M ünchen in den Jahren 1933 bis 1945, Fürstenfeldbrucker Historische Studien, Bd. 1, Regensburg 2009. 43 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k museum Jexhof zu sehen war.147 Auch Klaus Wollenberg befasst sich in einem umfangrei chen Aufsatz mit der Brucker Historie, wobei er ebenfalls die Situation Fürstenfeldbrucks in der nationalsozialistischen Ära umreißt.148 Darüber hinaus beherbergt die Zeitschrift „A m perland“ einzelne Beiträge, die weitere Erkenntnisse liefern. Nicht zuletzt integriert die Ar beit neben der allgemeinen polizeigeschichtlichen Literatur auch Standardwerke und Über blicksdarstellungen, die sich mit dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust sowie den Folgen auseinandersetzen.149 i.B Quellenlage und Methode Die vorliegende Studie untersucht, wie die Offiziere der Ordnungspolizei im Nationalsozia lismus ausgebildet wurden und welche Rolle dabei vor allem ihre beiden obersten Lehran stalten spielten. Weil sich die Forschung mit diesem vielschichtigen U em a bislang nicht aus einandersetzte, sprechen in ihr daher hauptsächlich die Quellen. In erster Linie wertete der Verfasser vorwiegend behördliche und bisher kaum beachtete Unterlagen aus. Von der Poli zeischule Berlin-Köpenick sind aber leider nur sehr wenige Quellen überliefert, die sich in den Beständen „Hauptamt Ordnungspolizei“ (R 19) und „Truppen und Schulen der Ord nungspolizei/Chef der Bandenkampfverbände“ (R 20) im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BAB) befinden. Offenbar wurden die meisten ihrer Akten gegen Ende des „Dritten Reichs“ vernichtet oder gingen in den Wirren des „Totalen Krieges“ unwiederbringlich verloren. Der klägliche Rest macht es daher nahezu unmöglich, angemessen zu rekonstruieren, was sich genau innerhalb der Mauern dieser bedeutenden Institution zutrug.150 Schon allein aufgrund dieser schlechten Quellenlage konzentriert sich die Arbeit hauptsächlich auf ihre oberbaye rische „Schwester“. 147 Vgl. Reinhard Jakob (Hrsg.), was Menschen fähig sind“. Nationalsozialismus im Brucker Land, Ausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof 28. Mai 2010 bis 9. Januar 2011, Jexhof-Hefte 26, Fürsten feldbruck 2010. 148 Vgl. Klaus Wollenberg, Reich und Republik. Die Entwicklung von Weimar bis Bonn (1918-1992), in: Hejo Busley/Toni Drexler/Carl A. Hoffmann u. a. (Hrsg.), Der Landkreis Fürstenfeldbruck. Natur - Geschichte - Kultur, Fürstenfeldbruck 1992, S. 220-335. 149 Vgl. u. a. Kurt Bauer, Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall, Wien/Köln/Wei m ar 2008; Magnus Brechtken, Die nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939, 2., durchges. und bibliogr. akt. Aufl., Darmstadt 2012; Gruchmann, Weltkrieg; Schreiber, Weltkrieg; Longerich, Politik; Dieter Pohl, Holocaust. Die Ursachen - das Geschehen - die Folgen, Freiburg im Breisgau 2000; Ders., Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945, Darmstadt 2003; Wolfgang Benz, Der Holo caust, 7. Aufl., München 2008; Alexander Brakel, Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord, Augsburg 2012; Friedländer, Reich; Wolfgang Benz/Hermann Gram l/Herm ann Weiß (Hrsg.), Enzy klopädie des Nationalsozialismus, 4. Aufl., München 2001; Annette Weinke, Die Nürnberger Prozes se, München 2006; Norbert Frei, Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945, 6., erw. und akt. Neuaufl., München 2001; Ders., Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepub lik und die NS-Vergangenheit, 2. Aufl., München 2003. Ferner: Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 2002; Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus?, Bundeszentrale für politi sche Bildung. Schriftenreihe, Bd. 455, Bonn 2004. 150 Das Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde beherbergt z. B. nur wenige Quellen, die über die einzelnen Lehr gänge für Offiziersanwärter informieren, die an der Berliner Lehranstalt stattfanden: Im Bestand R 19 finden sich die Akten des 2. OAL (R 19/19a), 5. OAL (R 19/19b), 17. OAL (R 19/19d), 18. OAL (R 19/19e) und 21. OAL (R 19/21a). Im Vergleich zu den Unterlagen der Polizeischule FFB sind in diesen allerdings zahlreiche wichtige Dokumente nicht überliefert, wozu etwa Erfahrungsberichte zählen. 4 4 Ein l e it u n g Die überlieferten Akten der Polizeischule Fürstenfeldbruck sind ungleich umfangreicher und ergiebiger, was sie zu einem idealen Untersuchungsgegenstand macht. Doch anschei nend schrumpften auch sie infolge des Krieges und in der Nachkriegszeit. Trotzdem erge ben sie einen opulenten Bestand, den das Bayerische Hauptstaatsarchiv (BayHStA) in Mün chen beherbergt. Dieser macht einen Großteil der verwendeten Quellen aus und stammt aus der polizeilichen Bildungsstätte selbst. Dadurch ist es möglich, den genauen Ausbildungs prozess und dessen Inhalte sowie schulinterne Vorgänge zu rekonstruieren. Darüber hinaus kann mithilfe dieser Akten auch aufgezeigt werden, wie Himmlers Ausbildungsapparat all gemein aufgebaut war. Ferner wurden dazu Unterlagen aus dem Hauptamt Ordnungspoli zei und den Lehranstalten der uniformierten Staatsmacht hinzugezogen, die sich in den Be ständen R 19 und R 20 des Berliner Bundesarchivs befinden. Ergänzende Informationen lieferten zudem Quellen aus osteuropäischen Archiven, die als Mikrofilme im United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington D. C. vorhanden sind. Hierzu zählen vor allem Akten aus dem Bestand „Deutsche Polizeieinrich tungen in den okkupierten Gebieten“ (Records of German Police Agencies in the Occupied Territories), deren Originale das Zentrale Staatsarchiv bzw. „Sonderarchiv“ in Moskau (Osobyi Archive (Moscow)) beherbergt.151 Einzelne Sachverhalte zur Brucker Lokalgeschichte konnten zudem noch mit Material aus dem Staatsarchiv München (StAM) und dem Stadt archiv Fürstenfeldbruck (StadtA FFB) rekonstruiert werden. Dazu dienten auch zeitgenös sische Lokalzeitungen, zu denen vor allem die „Fürstenfeldbrucker Zeitung“ und das „Fürstenfeldbrucker Tagblatt“ gehörten. In erster Linie fragt die so entstandene Studie also danach, wie die nationalsozialistische Ordnungspolizei ihre Oberbeamten beschulte, was am Beispiel der Polizeischule Fürsten feldbruck aufgezeigt werden soll. Aufgrund dieses Schwerpunkts muss sie hingegen darauf verzichten, diese Frage analog für die Sicherheitspolizei und andere Waffenträger des NS- Staats zu beantworten. An einigen Stellen blickt die Arbeit thematisch dennoch über den Tellerrand hinaus und muss Aspekte des Ausbildungswesens ansprechen, die nicht exklusiv den Offiziersnachwuchs der uniformierten Ordnungsmacht betrafen. Allerdings kann nicht erschöpfend behandelt werden, wie die übrigen Ranggruppen und Spezialzweige der „grü nen“ Polizeibeamtenschaft ausgebildet wurden, da dies den Rahmen deutlich sprengen wür de. Darüber hinaus will die Arbeit aber zumindest ansatzweise die Epochengrenzen von 1933 und 1945 in beide Richtungen überschreiten, damit Kontinuitäten und Zäsuren von der Wei marer Zeit bis in die Bundesrepublik hinein aufgezeigt werden können. Während die Nach kriegszeit verhältnismäßig viel Material bereithält, ist die Quellenbasis für die Zeit vor 1933 ziemlich überschaubar. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Bayerische Lan despolizei bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten zahlreiche Akten vernichtete.152 Dennoch war es möglich, zahlreiche Unterlagen zu dieser Ordnungsmacht zu sichten, die sich im Kriegsarchiv in München befinden, das eine Abteilung des Bayerischen Hauptstaats archivs (BayHStA - Kriegsarchiv) ist. Ebenso verfügt die DHPol über eine bestens ausgestat tete Polizeigeschichtliche Sammlung (PG), in der vor allem zeitgenössisches Schrifttum der deutschen Polizei eingesehen werden konnte.153 151 Es handelt sich dabei konkret um den Bestand m it der Signatur: RG-11.001M.15 (Fond 1323). 152 Vgl. dazu etwa Emil Schuler, Die Bayerische Landespolizei 1919-1935. Kurze geschichtliche Übersicht, München 1964, S. 43. 153 An dieser Stelle möchte ich mich insbesondere bei Doris Kock herzlich bedanken, die mich in der DH- Pol in M ünster-Hiltrup m it Rat und Tat sehr unterstützte. 45 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Die Studie analysiert die Offiziersausbildung der uniformierten Polizei im Nationalsozia lismus aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Bei solch einem U em a scheint es sich anzubieten, sich ihm interdisziplinär anzunähern und dabei etwa die Erziehungswissenschaft oder die Schulforschung zu berücksichtigen.154 Diese Disziplinen können eine solche Arbeit zweifelsohne inspirieren und wichtige Impulse liefern, um das Innenleben der Polizeischu len besser verstehen zu können. In diesen fand allerdings eine derart spezielle Berufsausbil dung von Erwachsenen statt, dass die Erkenntnisse solcher Fachrichtungen nur äußerst be dingt übertragbar sind. Außerdem lässt sich aus den überlieferten Q uellen zwar rekonstruieren, welche Inhalte den Polizeischülern im Unterricht vermittelt wurden, wohin gegen sich nur wenig darüber aussagen lässt, auf welche Weise das konkret erfolgte. Solche Lücken vermag darüber hinaus auch die äußerst vielfältige Polizeiwissenschaft nicht zu schlie ßen, die sich zwar ebenfalls mit historischen Aspekten, in erster Linie aber mit der Ausbil dung und dem Dienst der heutigen deutschen Ordnungsmacht auseinandersetzt.155 Die vorliegende Arbeit vereint verschiedene methodische Ansätze in sich. Grundsätzlich verbindet sie Polizeigeschichts- und Holocaustforschung miteinander, wobei sie konkret der Täterforschung zuzurechnen ist. Innerhalb dieser Rubrik stellt sie in erster Linie eine insti tutionsgeschichtliche Studie dar, was sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigt. Zum einen befasst sie sich mit der deutschen Ordnungspolizei als Institution und nimmt dabei vorwie gend deren Ausbildungsapparat und -praxis unter die Lupe. Empirisch konzentriert sie sich zum anderen hauptsächlich auf die Polizeischule Fürstenfeldbruck. Damit eröffnen sich ver waltungsgeschichtliche Perspektiven, die neue Einblicke sowohl in die nationalsozialistische als auch die polizeiliche Bürokratie liefern. Dabei darf Folgendes jedoch nicht vergessen wer den: Institutionen werden nicht nur durch rechtliche Konstrukte und durch ihre Funktio nen determiniert, sondern auch durch die Menschen, die in ihnen wirken. Um dem Rech nung zu tragen, bedient sich die Studie auch soziologischer und sozialpsychologischer Modelle, die sich mit struktur- und gesellschaftsgeschichtlichen Elementen verbinden. Das zeigt sich insbesondere in jenen Kapiteln, die sich mit dem Personal der Lehranstalt sowie dessen inner- und außerschulischen Interaktionen befassen. Um die so gewonnenen Erkennt nisse innerhalb der Geschichte des Nationalsozialismus zu kontextualisieren, behandelt die Arbeit nicht zuletzt kulturgeschichtliche und politikwissenschaftliche Gesichtspunkte. Die se Kombination multiperspektivischer Ansätze soll die verschiedenen Aspekte der polizeili chen Offiziersausbildung sowie ihrer exponierten Lehranstalt erhellen und zu einem größe ren Gesamtbild zusammenfügen. Als hilfreich für die Analyse erweist sich ein Modell von Rafael Behr, das zwischen einer Police Culture und einer Cop Culture unterscheidet. Mit ihm beschreibt der Soziologe, wie einerseits die bürokratische Polizeiorganisation von oben eine offizielle Polizeikultur vorgibt, 154 Vgl. dazu u. a. Werner Helsper/Jeanette Böhme (Hrsg.), Handbuch der Schulforschung, 2., durchges. und erw. Aufl., Wiesbaden 2008; Rudolf Tippelt/Aiga von Hippel (Hrsg.), Handbuch Erwachsenen bildung/Weiterbildung, 4., durchges. Aufl., Wiesbaden 2010. 155 Vgl. dazu u. a. Reinhard Mokros, Polizeiwissenschaft und Polizeiforschung in Deutschland. Versuch einer kritischen Bestandsaufnahme, Kriminologischpolizeiwissenschaftliche Arbeitspapiere der Ruhr Universität Bochum, Bd. 2, 2., überarb. und erg. Aufl., Holzkirchen 2013; Bernhard Frevel, Polizei, Po litik und Wissenschaft, in: APuZ 48 (2008), S. 3-9, hier: S. 5-9; Joachim Kersten, „Polizeiwissenschaft“. Eine programmatische Standortbestimmung, in: SIAK-Journal - Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis 1 (2012), S. 4-18. URL: http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_SIAK/4/2/1/2012/ausgabe_1/files/Kersten_1_2012.pdf. (zuletzt eingesehen am: 15.07.2017). Ferner: Geza Finszter/Laszlo Korinek, Polizeiwissenschaften. Strukturen des polizeilichen Berufs am Beispiel ungarischer Entwick lungen, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 92/5 (2009), S. 454-470. 4 6 Ein l e it u n g die aus normativen Leitbildern besteht und sich hauptsächlich nach außen richtet, um die Institution der Polizei möglichst vorteilhaft in der Öffentlichkeit darzustellen. Andererseits pflegen die auf der Straße eingesetzten Beamten untereinander eine inoffizielle Polizisten kultur, welche auf praktischen Handlungsmustern basiert, die sie in ihrem dienstlichen All tag und nicht auf den Polizeischulen erlernen, wie Behr ausführt. Aus diesen Erfahrungen entsteht ihm zufolge eine Cop Culture, die hauptsächlich aus kriegerischen, aggressions- und gewaltbereiten Männlichkeitsentwürfen, einem ausgeprägten Korpsgeist sowie einem klaren Freund-Feind-Denken besteht. Motiviert von seinem Gerechtigkeitsverständnis und gelei tet von Tugenden wie Gehorsam, Ehre und Kameradschaft identifiziert sich der einzelne Po lizist, so Behr, mit seiner Schicksalsgemeinschaft und kämpft zusammen mit ihr gegen Geg ner, welche die bestehende Ordnung bedrohen würden. Polizeikultur und Polizistenkultur schließen sich aber nicht per se aus, sondern bedingen sich vielmehr wechselseitig.156 Da es sich auf die bundesrepublikanische Polizei bezieht, lässt sich dieses soziologische Modell zwar nicht so einfach auf jene Verhältnisse übertragen, die in den Offiziersschulen der nationalsozialistischen Ordnungspolizei herrschten. Trotzdem liefert es wichtige Impul se, um die Kultur innerhalb der Brucker Bildungsstätte besser verstehen zu können. Schließ lich handelte es sich bei ihr auch um eine bürokratische Institution, deren Aufgabe theore tisch darin bestand, die einzelnen Polizeischüler zu Trägern jener Polizeikultur heranzuformen, die Himmlers Polizeiapparat auf dem Reißbrett erschaffen hatte. So gese hen diente die Polizeischule gewissermaßen als Medium, um dieses theoretische Konstrukt möglichst in die Praxis zu transferieren und die Offiziersanwärter dadurch zu idealtypischen Repräsentanten des NS-Staats zu erziehen. Insofern wird die Studie überprüfen, ob das tat sächlich zutriffi, wobei sie sich an Behrs Modell auch hinsichtlich ihres Aufoaus orientiert. Damit beruht sie auf einem Top-down-Ansatz, der vom übergeordneten institutionellen und normativen Komplex des Ausbildungswesens über die Polizeischule Fürstenfeldbruck als dessen Organ hin zu den einzelnen Polizisten selbst verläuft. Dadurch wird der Leser gleich zeitig von der abstrakten Polizeikultur des NS-Staats hin zur konkreten Polizistenkultur des Brucker Personals geführt. Eine zentrale Frage wird deshalb auch sein, inwieweit beide Sphä ren miteinander vereinbar waren und sich vielleicht sogar interdependent zueinander ver hielten. Zunächst liefert das folgende 2. Kapitel einen knappen Überblick, der die Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Demokratie bis in die junge Bundesrepublik umreißt, sich jedoch aus naheliegenden Gründen auf die Periode der NS-Herrschaft konzentriert. Die ses Kapitel ist notwendig, um den allgemeinen Kontext aufzuzeichnen, in dem die Arbeit zu verorten ist. Der Fokus liegt vor allem auf der allgemeinen Organisation, Entwicklung und Einsatzpraxis der uniformierten Polizei, zu der in erster Linie die Schutzpolizei und die Gen darmerie zählten. Kriminal- und verwaltungspolizeiliche Belange können dabei und in der übrigen Arbeit ebenso wenig behandelt werden wie die einzelnen Sonderdienstzweige. 156 Vgl. Rafael Behr, Cop Culture - Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei, 2. Aufl., Wiesbaden 2008; Ders., Cop-Culture - Rahmenbedingungen his torisch-politischen Lernens aus der Sicht der Polizeikulturforschung, in: Kaiser, Schranken, S. 14-20; Ders., Polizeiarbeit - immer noch Männersache? Tradition, Hegemonie und die Folgen der Geschlech terdebatte in der Polizei?, in: Peter Leßmann-Faust (Hrsg.), Polizei und Politische Bildung, Wiesba den 2008, S. 117-147. Ferner: U o m as Schweer/Hermann Strasser, Einblick: Cop Culture und Polizei kultur, in: Schweer/Strasser/Steffen Zdun (Hrsg.), „Das da draußen ist ein Zoo, und wir sind die Dompteure“. Polizisten im Konflikt m it ethnischen M inderheiten und sozialen Randgruppen, Wies baden 2008, S. 11-38. 47 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Das 3. Kapitel analysiert anschließend, wie das Ausbildungswesen in der Weimarer Repu blik aufgebaut war. Dabei werden sowohl das preußische als auch das bayerische System un tersucht. Die Studie leuchtet letzteres jedoch stärker aus, da in ihm schon damals die Poli zeischule Fürstenfeldbruck eine wichtige Rolle spielte. Insgesamt soll geklärt werden, wie beide Länder ihre Polizeioffiziere ausbildeten und wie sich dieser Prozess im Laufe der Zeit veränderte. Darüber hinaus befasst sich die Arbeit intensiv mit der Offiziersschule der Bay erischen Landespolizei. An ihrem Beispiel zeigt sie auf, welche thematischen Schwerpunkte sich inner- und außerhalb der Ausbildung herauskristallisierten, welche die Mentalität der Beamten prägten. Schließlich skizziert sie, wie sich der polizeiliche Ausbildungsapparat im Übergang von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“ wandelte und welche Folgen dies für die Führungskräfte, die obersten Lehranstalten und den polizeilichen Nachwuchs hatte. Zeitlich beginnt das Kapitel mit dem Jahre 1918 und endet erst im Herbst 1935, als die Lan despolizei in die Wehrmacht überführt wurde und damit die alten Strukturen des Weimarer Polizeisystems endgültig aufgebrochen waren. Wenngleich es nur eine „Vorgeschichte“ des nationalsozialistischen Schulsystems erzählt, ist es durchaus vonnöten, sich eingehend mit dem Weimarer Modell auseinanderzusetzen. Denn wie sich zeigen wird, bildete es organisa torisch und ideell den Kern für Himmlers Ausbildungskonzept. Mit diesem befasst sich dann das 4. Kapitel, das seinen administrativen Rahmen beschreibt. Zunächst stellt es dar, welche Stellen und Funktionäre ab Mitte 1936 im Hauptamt Ordnungs polizei damit betraut waren, die polizeiliche Ausbildung zu organisieren. Danach richtet sich der Blick auf die bereits eingehend erwähnte weltanschauliche Schulung, weil Himmler ihr in seinem reformierten Ausbildungssystem einen besonderen Stellenwert einräumte. Das hielt auch für die Polizeioffiziere neue Aufgaben bereit. Anschließend zeigt die Arbeit auf, welche Vorschriften der nationalsozialistische Polizeiapparat hervorbrachte, um zu regeln, wie der Offiziersersatz der uniformierten Ordnungsmacht beschaffen sein sollte. Dabei of fenbart sich nicht nur, nach welchen Kriterien er seine angehenden Führungskräfte auswähl te und welche Stationen sie in ihrer Ausbildung durchliefen, sondern auch, wie stark sich diese Aspekte insbesondere während des Krieges veränderten. Ein kurzer geschichtlicher Überblick zu den beiden Polizeischulen von Berlin-Köpenick und Fürstenfeldbruck soll daraufain skizzieren, wie diese Institutionen organisiert waren, wie sie sich bis Kriegsende ent wickelten und welche Kurse dort stattfanden. Ferner wird beleuchtet, wie die Offiziersanwär terlehrgänge beschaffen waren. An dieser Stelle wird auch geschildert, welche Vorschriften es zu diesen Kursen gab und wie genau ihr Ablauf geregelt war. Letztlich zeigt die Studie, aus welchen Einzelteilen diese Lehrgänge bestanden, in welche Disziplinen sie sich aufglieder ten und wie sich diese bis Kriegsende veränderten. Das 5. Kapitel widmet sich daraufain sehr ausführlich der Frage, welche Fächer an der Po lizeischule Fürstenfeldbruck unterrichtet und welche Inhalte dabei konkret vermittelt wur den. Der Verfasser wertete dazu die zahlreichen Lehr- und Stoffverteilungspläne aus, die sich in den Lehrgangsunterlagen der jeweiligen Kurse befinden. Weitere Informationen lieferten zusätzliche Unterrichtsmaterialien, die der Polizeiapparat zu bestimmten Fächern und t te men veröffentlichte. Es ist notwendig, sich mit den einzelnen Fachgebieten und Inhalten der Offiziersanwärterlehrgänge sehr detailliert und systematisch auseinanderzusetzen. Nur so kann geklärt werden, welche Einflüsse auf die Schüler im Rahmen der Ausbildung einwirk ten und welche Wissens- und Wertekomplexe ihnen dabei begegneten. Gerade dieser Zu gang ist neu, weil er im Vergleich zu anderen Untersuchungen die einzelnen Fachgebiete gleichwertig gewichtet und dadurch erst einmal aufführt, welche ffe m en insgesamt den Un terricht bestimmten. Um die einzelnen Disziplinen besser von einander abzugrenzen, wur 4 8 Ein l e it u n g den sie gebündelt und in vier Kategorien eingeteilt. So lassen sich thematische Schwerpunk te besser ausmachen. D abei kann auch ergründet werden, welche Z ie le das Ausbildungssystem mit den jeweiligen Sachgebieten verfolgte, mit denen die angehenden Po lizeiführer während eines Lehrgangs konfrontiert waren. Allerdings kam es dabei immer wieder vor, dass sich die Fächer inhaltlich überschnitten. Das weist darauf hin, wie sehr sich die einzelnen Unterrichtsaspekte ergänzten, interdependent zueinander verhielten und da durch Synergien entwickeln sollten. Danach versucht das Kapitel zu ergründen, ob die Schü ler alle im Unterricht vermittelten Inhalte und Werte so verinnerlichen konnten, wie es sich der Polizeiapparat erhoffie. Dabei können insbesondere die Erfahrungsberichte des Schul leiters verraten, wie er seine Offiziersanwärter bewertete und wie sehr Wunsch und Wirk lichkeit tatsächlich miteinander vereinbar waren. Letztlich wird auch noch skizziert, wie der nationalsozialistische Polizeiapparat seine aktiven Oberbeamten weiterbildete. A uf die Peripherie blickt anschließend das 6. Kapitel, das die Polizeischule Fürstenfeld bruck abseits des regulären Lehrbetriebs genauer unter die Lupe nimmt. An dieser Stelle in teressiert nicht nur, wie diese Institution materiell ausgestattet war und über welche Gebäu de, Anlagen und Gerätschaften sie verfügte. Die Studie fragt auch danach, welchen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Stellenwert sie in Fürstenfeldbruck be saß und wie sie mit der Kommune, ihren Amtsträgern und der Bevölkerung interagierte. Da rüber hinaus soll gezeigt werden, dass es durchaus ^ e m e n gab, mit denen sich die Bildungs anstalt außerhalb des Unterrichts befasste. Dazu zählten einerseits Feste und Gedenkveranstaltungen, andererseits aber auch thematische Schwerpunkte, die sich beson ders infolge des Krieges herausbildeten und die Lebens- sowie die Gedankenwelt der Brucker Polizeibeamten beeinflussten. Ebenso werden außergewöhnliche Fälle beleuchtet, die darüber Auskunft geben, welches Verhalten diese Akteure teilweise an den Tag legten und was das über das polizeiliche Wertesystem insgesamt offenbart. Das 7. Kapitel befasst sich dann noch intensiver mit den Personen, die an der Polizeischu le Fürstenfeldbruck tätig waren. Um einen Eindruck davon zu erhalten, welche Männer an dieser „Kaderschmiede“ unterrichteten oder unterrichtet wurden, werden prosopographische und individualbiographische Ansätze miteinander verknüpft. Der erste Teil dieses Ab schnitts wertet vier ausgewählte Offiziersanwärterlehrgänge sozialstatistisch aus, von denen drei vor und einer nach Kriegsbeginn stattfanden. Deren Teilnehmer konnten namentlich über die entsprechenden Lehrgangsunterlagen ermittelt werden, die sich im erwähnten Be stand der Polizeischule Fürstenfeldbruck befinden. Die so getroffene Auswahl ist nicht ganz repräsentativ für alle angehenden Polizeiführer, die zwischen 1936 und 1945 einen Kurs in Fürstenfeldbruck absolvierten, weil sie als „Klumpenstichproben“ aus dem gesamten Perso nenpool aller Lehrgangsteilnehmer erhoben wurden. Mit Blick auf die Grundgesamtheit tritt dadurch zwar ein sogenannter Klumpeneffekt ein, da anscheinend die einzelnen Absolven ten innerhalb eines Kurses ziemlich homogen, die Lehrgänge zueinander jedoch recht inho mogen waren. Das liegt schon allein daran, dass diese Kurse zu unterschiedlichen Zeiten an der Brucker Bildungsanstalt stattfanden. Weil das NS-Regime seine Auswahlkriterien beson ders während des Krieges mehrfach änderte, unterschieden sich daher auch die einzelnen Lehrgänge über ihre Teilnehmer untereinander. Doch auch der administrative und gesetzli che Rahmen änderte sich für die einzelnen Kurse, da insbesondere in der zweiten Kriegs hälfte andere Ausbildungsstandards galten als zuvor.157 Daher wurden die vier „Klumpen“ nicht zufällig ausgewählt. Bei den ersten drei Kursen handelte es sich nämlich gleichzeitig 157 Siehe dazu Kapitel 4.3. 49 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k um die ersten drei Offiziersanwärterlehrgänge, welche die Polizeischule Fürstenfeldbruck überhaupt abhielt, während der vierte ein Kurs war, der nach Kriegsbeginn, aber noch vor dem Überfall auf die Sowjetunion startete. Diese Vorgehensweise bot sich an, da es weniger darum geht, den insgesamt „typischen“ Offiziersanwärter, sondern vielmehr den „typischen“ Teilnehmer dieser bestimmten Kurse zu ermitteln, um diese miteinander zu vergleichen. Denn die Lehrgänge werden dabei als Teilgesamtheiten analysiert, was dann eine Vollerhe bung für die vier ausgewählten Kurse ermöglicht. So ergibt sich für diese Samples ein nahe zu vollständiges Bild. Die so gewonnenen Erkenntnisse erlauben es zwar nicht, auf den ge samten Führungsnachwuchs zu schließen, den das NS-Regime bis Kriegsende an sämtlichen Offiziersschulen der Ordnungspolizei heranzog. Da eine solche Analyse ihren Rahmen bei leibe sprengen würde, verfolgt die vorliegende Studie diesen Anspruch aber auch keineswegs. Vielmehr konzentriert sie sich schließlich auf den Ausbildungsprozess. Um auf eine relativ homogene Quellenbasis zurückzugreifen, verwendete der Verfasser hauptsächlich die parteilich-institutionellen Personalakten der SS-Offiziere (SSO) sowie des Rasse- und Siedlungshauptamtes (RS), die das ehemalige Berlin Document Center (BDC) im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde beherbergt.158 Mithilfe vor allem dieser, aber auch wei terer Unterlagen konnte eine Großzahl der betreffenden Lehrgangsteilnehmer ermittelt und sozialstatistisch erfasst werden.159 Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu kön nen, wurden die erhobenen Daten für die ausgewählten Kurse ausgewertet und die allgemei nen Ergebnisse mit den konkreten Lebensgeschichten einzelner Teilnehmer angereichert. Durch die hohe Anzahl an nüchternen Zahlen und Daten besteht die Gefahr, allzu schnell aus den Augen zu verlieren, dass sich dahinter Menschen mit individuellen Biographien ver bergen. Im weiteren Verlauf stellt die Studie deshalb einzelne Vertreter der Schulgemeinschaft gesondert heraus. Diese stammen nicht zwangsläufig aus den statistisch erfassten Lehr gängen, da sich der Blick auch auf Offiziersanwärter richtet, die andere Kurse besuchten. Gleichzeitig wurden aber vor allem herausragende Angehörige des Stammpersonals der Po lizeischule Fürstenfeldbruck aufgrund ihrer Position ausgewählt. Dazu zählen insbesonde re die verschiedenen Leiter dieser Bildungsstätte sowie einzelne Lehrkräfte, die durch ihr Wirken inner- und außerhalb der Schule auf sich aufmerksam machten. Ihre Namen konn ten aus zahlreichen Dokumenten entnommen werden, die sich im Archivbestand der Poli zeischule Fürstenfeldbruck befinden. Zeitgenössische Adressbücher von Fürstenfeldbruck ergänzten diese Personengruppe durch weitere Vertreter des Stammpersonals.160 Die Werdegänge einzelner Polizisten exemplarisch nachzuzeichnen, ermöglichten insbe sondere Personalakten der Polizei. Wenngleich das Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde zahl reiche Personalunterlagen der Ordnungspolizei im Bestand R 19 beherbergt, existiert für ein 158 Nähere Angaben zu diesen BDC-Beständen sind aufgeführt in: Archives of the Holocaust. An inter national collection of selected documents, Vol. 11: Berlin Document Center, Part 1, edited by Henry Friedlander/Sybil Milton, New York/London 1992, S. XI. Offiziell wird das Rasse- und Siedlungshaupt am t m it RuSHA abgekürzt. Für den BDC-Bestand ist hingegen „RS“ geläufig, das für die entsprechen den Akten im Folgenden auch verwendet wird. 159 Zur sozialstatistischen Methode vgl. u. a. Konrad H. Jarausch/Gerhard Arminger/M anfred Thaller, Quantitative M ethoden in der Geschichtswissenschaft. Eine Einführung in die Forschung, Datenver arbeitung und Statistik, Darmstadt 1985. Ferner: Harald Weber, Klumpengröße und Varianz beim Klumpenstichproben-Verfahren, Dissertation, Trier 1981. 160 Insbesondere das Stadtadressbuch von Fürstenfeldbruck des Jahres 1939 war für die Untersuchung re levant. Vgl. StadtA FFB, Adressbuch für Stadt und Landkreis Fürstenfeldbruck, Fürstenfeldbruck 1939. Darüber hinaus beherbergt das Stadtarchiv Fürstenfeldbruck auch die Stadtadressbücher der Jahre 1930, 1936 und 1949, die ebenfalls wichtige Informationen lieferten. 50 Ein l e it u n g derartiges Material aber keine zentrale Anlaufstelle. In der Bundesrepublik Deutschland liegt die Polizeihoheit nämlich bei den Ländern. Dort sind die Polizeibehörden gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Personalakten nach bestimmten Vorgaben an die jeweiligen Archive abzu geben. Diese Praxis gestaltet sich in den einzelnen Bundesländern jedoch recht unterschiedlich.161 Da die Lehrer und vor allem die Schüler der Polizeischule Fürstenfeldbruck aus dem gesamten Reichsgebiet stammten, war es daher unmöglich, eine flächendeckende Recherche vorzunehmen. Die Personalakten einzelner Vertreter dieses Personals konnten aber mithil fe einer Datenbank ermittelt werden, die der Verfasser eigens für diese aufwändige Suche er stellte. Sie beinhaltet vor allem die Namen und Geburtsdaten von insgesamt über 7.800 Män nern, die aus den Lehrgangsunterlagen und sonstigen Sachakten der Brucker Polizeischule entnommen werden konnten. Diese Datensätze ermöglichten es, sowohl im Berliner Bun desarchiv als auch in zahlreichen Landes- und Kommunalarchiven einige Polizisten und da mit auch ihre Personalakten ausfindig zu machen. In ihrem Umfang und Informationsgehalt sind sie jedoch recht unterschiedlich beschaffen. Auch stammten diese Beamten eben nicht nur aus den systematisch untersuchten Lehrgängen, weshalb eine statistische Analyse nicht in Betracht kam. Einzelne Männer sollen mithilfe dieses Materials lediglich ein Gesicht er halten. Darum stehen ihre individuellen Biographien dabei im Vordergrund. Zu den entsprechenden Quellen zählen beispielsweise die Personalunterlagen des Bayeri schen Staatsministeriums des Innern (Bestand MInn), die sich im Bayerischen Hauptstaats archiv befinden. Bei ihnen handelt es sich jedoch meist nur um innenministerielle Personalnebenakten, die häufig nur Inform ationen zu einzelnen Beamten für die Zeit nach Kriegsende enthalten. Sie bilden für die Studie aber einen unverzichtbaren Quellenbestand, da die eigentlichen Personalakten entweder nicht zugänglich oder nicht überliefert sind. Als besonderer Glücksfall erwies es sich daher, dass der Verfasser erstmals jene Personalakten auswerten konnte, welche die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern - Fachbereich Polizei (BayFHVR Pol) in Fürstenfeldbruck beherbergt.162 Mithilfe dieser Unterlagen war es möglich, die Lebenswege insbesondere von ehemaligen Komman deuren und Lehrkräften zu untersuchen, die während der NS-Zeit und oftmals auch darü ber hinaus an der Polizeischule Fürstenfeldbruck tätig gewesen waren. Ergänzende Informa tionen dazu lieferten personenbezogene Quellen der National Archives and Records Administration (NARA) in College Park/Maryland. Die Werdegänge der wichtigsten Beam ten im Generalsrang konnten außerdem mithilfe des mehrbändigen Nachschlagewerks „Die 161 Vgl. dazu u. a. Katharina Tiemann (Hrsg.), Archivischer Umgang m it Personalakten. Ergebnisse ei nes spartenübergreifenden Fachgesprächs im Westfälischen Archivamt, Texte und Untersuchungen zur Archivpflege, Bd. 16, Münster 2004; Christoph Schmidt, Richtlinien zur Anbietung und Archivie rung von Personalakten und Unterlagen des LBV. Erarbeitet von der Projektgruppe „Archivierungs modell Personalverwaltung“ des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2009-2014, S. 27 f. URL: http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/fachbereich_grundsaetze/BilderKartenLogosDateien/Behoerdeninformation/Beh rdeninfo_Personalverwaltung_Stand_2014.pdf. (zuletzt eingesehen am: 15.07.2017); Richtlinien zur Übernahme von Personalakten der staatlichen Behörden des Landes Rheinland-Pfalz durch die Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz. URL: http://www.landeshauptarchiv.de/unser-auftrag/staatliche-behoerden/anbietung-und-aussonderung/richtlinien-fuer-die-anbietung-von-personalakten/. (zuletzt eingesehen am: 15.07.2017); Aussonderung von Personalakten bei der Polizei. URL: http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/47207/Behoerden_Auswahl_PolizeiPersonalakten.pdf. (zuletzt eingesehen am: 15.07.2017). 162 An dieser Stelle möchte ich dem ehemaligen Präsidenten der Fachhochschule für öffentliche Verwal tung und Rechtspflege in Bayern, Hermann Vogelgsang, ganz herzlich dafür danken, dass ich diese und auch weitere Unterlagen sichten und für diese Arbeit wissenschaftlich auswerten durfte. 51 Sv e n De p p is c h : Tät e r a u f d e r Sc h u l b a n k Generale der Waffen-SS und der Polizei“ von Andreas Schulz, Günter Wegmann und Dieter Zinke rekonstruiert werden.163 Insgesamt kann jedoch die Lebens- und Gedankenwelt die ser Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt analysiert werden, da von ihnen leider kaum Egodokumente wie Briefe oder Tagebücher vorliegen.164 Allenfalls in einzelnen Personal- und Spruchkammerakten konnten entsprechende Selbstzeugnisse aufgefunden werden. Angesichts der enormen Fülle an einzelnen Daten kann es jedoch nicht darum gehen, alle Biographien des betreffenden Personals en detail aufzuschlüsseln und zu Papier zu bringen. Das verbietet sich sowohl zwecks Übersichtlichkeit als auch aus Platzgründen. Schon allein deshalb beschränkt sich die Studie auf ausgewählte Schüler und Angehörige des Brucker Stammpersonals, die dennoch in einigen Fällen eingehender präsentiert werden müssen, um ihr gesamtes Tätigkeitsspektrum einfangen zu können. Auch dieser Abschnitt zielt also kei neswegs darauf ab, das gesamte Personal der Brucker Polizeischule erschöpfend zu analysier ten. Schließlich handelt es sich dabei um tausende Lehrer und Schüler, die zwischen 1936 und 1945 dort tätig waren. Schon gleich gar nicht kann es diese Studie leisten, das gesamte Offizierskorps der Ordnungspolizei strukturgeschichtlich zu untersuchen, wie es Jens Banach und Michael Wildt für die leitenden Beamten der Sicherheitspolizei und des SD taten.165 Vergleichbare Projekte für die uniformierte Polizei müssen weiterhin ein Desiderat bleiben, wenngleich Daniel Schmidt zumindest für das Ruhrgebiet zur Zwischenkriegszeit wichtige Ansatzpunkte lieferte.166 Denn die „grüne“ Ordnungsmacht zählte im Jahre 1944 insgesamt 21.460 Führungskräfte, was eine adäquate Analyse nicht gerade leicht macht.167 Das 8. Kapitel wirft anschließend einen Blick darauf, wie insbesondere die polizeilichen Oberbeamten in der Nachkriegszeit ausgebildet wurden. Weiterhin steht dabei vor allem die Polizeischule Fürstenfeldbruck im Zentrum. Zumindest punktuell soll ermittelt werden, was dieses Ausbildungssystem von seinen Vorgängern unterschied und welche Gemeinsamkei ten sich auch viele Jahre nach Ende des „Dritten Reichs“ ausmachen lassen. Das 9. Kapitel synthetisiert sodann die Studienergebnisse und ordnet sie in einen übergeordneten Kontext ein, indem sie mit anderen tteorien und ttesen der interdisziplinären Täterforschung in Bezug gebracht werden. Ziel ist es dabei, die Grenzen von Fürstenfeldbruck zu verlassen und die bisher gewonnenen Erkenntnisse zu abstrahieren. Daran schließt letztlich das 10. Kapi tel als resümierender Schlussteil an. Im Folgenden sollen nun erst einmal die wichtigsten his- 163 Vgl. Andreas Schulz/Günter Wegmann/Dieter Zinke, Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang, Deutschlands Generale und Admirale. Teil V: Die Generale der Waf fen-SS und der Polizei 1933-1945, Bd. 1-6, Bissendorf 2003-2012. 164 Ludwig Eiber präsentiert in einem Aufsatz ein Beispiel für die äußerst spärlichen Egodokumente aus den Reihen der Ordnungspolizei. Vgl. Ludwig Eiber, „. ein bißchen die W ahrheit“. Briefe eines Bre m er Kaufmanns von seinem Einsatz beim Reserve-Polizeibataillon 105 in der Sowjetunion 1941, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 6/1 (1991), S. 58-83. 165 Vgl. Banach, Elite; Wildt, Generation. Darüber hinaus erstellte etwa Rene Rohrkamp eine sozialstatis tische Studie über die Soldaten der Waffen-SS, in der er sich nicht gesondert auf das Offizierskorps konzentriert. Vgl. Rohrkamp, Kämpfer. 166 Vgl. Schmidt, Polizisten, S. 179-228. 167 Vgl. Jan Erik Schulte, SS-Mentalität und Karrierismus. Das SS-Führerkorps als neue Funktionselite im nationalsozialistischen Staat, in: Till Kössler/Helke Stadtland (Hrsg.), Vom Funktionieren der Funk tionäre. Politische Interessenvertretung und gesellschaftliche Integration in Deutschland nach 1933, Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe B: Darstellungen, Bd. 30, Es sen 2004, S. 77-108, hier: S. 106. Ein l e it u n g torischen Etappen der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die zweite deut sche Demokratie skizziert werden. 53

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References

Zusammenfassung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des „Dritten Reichs“ befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen „Bandenkampf“ und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den „auswärtigen Einsatz“, aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden „Gesetzeshüter“ für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.