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1. Der Körper als sinnstiftende Instanz in:

Feli Siffert, Maureen Brändle

Es ist nicht so leicht, so schlank zu sein, page 7 - 18

Das Körperideal und seine Auswirkungen auf das subjektive Körperbild junger Frauen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4047-8, ISBN online: 978-3-8288-6869-4, https://doi.org/10.5771/9783828868694-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 87

Tectum, Baden-Baden
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Der Körper als sinnstiftende Instanz Zu Beginn des ersten Kapitels werden wir aufzeigen, warum das äußere Erscheinungsbild in unserer heutigen Zeit eine zentrale Rolle spielt, und darlegen, was Menschen dazu veranlasst, nach einem schönen Körper zu streben. Anschließend werden wir der Frage nachgehen, auf welche Weise die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass besonders Frauen dazu neigen, sich an gesellschaftlichen Körperleitbildern zu orientieren. Das im ersten Kapitel dargelegte Hintergrundwissen stellt im weiteren Verlauf des Buches eine wichtige Grundlage für die Beantwortung der Leitfragestellung dar. Im Zeitalter unserer Körperkult-orientierten Gesellschaft Im Zuge des gesellschaftlichen Individualisierungsprozesses wird das heutige Leben als ein individuelles Projekt betrachtet, das mit einer Plan- und Kontrollierbarkeit der eigenen Biographie einhergeht (vgl. Thies 1998, S. 53; McRobbie 2010, S. 42). „Das geforderte Selbstmanagement macht moderne Menschen zu Verwaltern ihres persönlichen Glücks“ (Posch 2009, S. 53), für das nun jeder selbst verantwortlich ist. Die Leitlinien für eine gelungene Lebensführung stellen gegenwärtig Autonomie, Einzigartigkeit und Selbstverwirklichung durch persönliches Bemühen dar (vgl. Stahr et al. 2003, S. 84). Die Suche nach Identität, Halt, Sicherheit und Orientierung im Leben wird in unserer heutigen individualisierten Gesellschaft gleichbedeutend mit Sinnfindung betrachtet (vgl. Gugutzer 2007, S. 4). Somit ist die Entwicklung einer optimierten Identität, die es beständig zu vermarkten gilt, im Zuge der Moderne „zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit und permanenten Aufgabe des/der Einzelnen geworden“ (Stahr et al. 2003, S. 76). Die Identität baut auf verschiedenen Teilkonzepten auf, zu denen bspw. Arbeit und Leistung, soziale Beziehungen, aber auch in bedeutendem Maße die Körperlichkeit gehören, die in einem selbstreflexiven 1. 1.1 7 Prozess immer wieder neu erarbeitet und ins Gleichgewicht gebracht werden müssen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 76; Klein 2003, S. 12). Allerdings vollzieht sich die Entwicklung der Identität in den Bereichen Familie, Partnerschaft, Beruf und Gesellschaft in verminderter Weise normgeleitet und dadurch auch immer weniger handlungsentlastend (vgl. Kluge et al. 1999, S. 11). Die normative Grundhaltung der gesellschaftlichen Moderne verlangt eine einseitige Entwicklungsperspektive in Richtung Ablösung und Unabhängigkeit (vgl. Stahr et al. 2003, S. 77). Identität kann sich sozusagen nicht mehr naturwüchsig in Form von Erfüllung vorgegebener Rollen und Zuordnung zu einer speziellen sozialen Gruppe, Rasse, Klasse oder Geschlecht bzw. durch das Erreichen festgelegter Entwicklungsstufen herausbilden (vgl. Stahr et al. 2003, S. 76; McRobbie 2010, S. 41 f.). Die eigenen Interessen werden immer mehr über die Interessen der Gemeinschaften gestellt (vgl. Stahr et al. 2003, S. 77; Posch 2009, S. 49). Denn je weniger verlässliche Anhaltspunkte durch die Gesellschaft vorgegeben werden, desto wichtiger wird die eigene Identität sowie die persönliche Sicherheit und Orientierung (vgl. Posch 2009, S. 40; Stahr et al. 2003 S. 80). Der Zwang zur Selbstverwirklichung und zum autonomen Denken und Handeln verlangt von jungen Menschen, ihre Probleme alleine zu lösen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 78; McRobbie 2010, S. 41 f.). Jedoch werden Entscheidungen im Zuge des Pluralisierungsprozesses, wie das „Projekt Leben“ in optimaler Weise zu gestalten ist, durch die steigende Vielfalt an alternativen Wahlmöglichkeiten bzw. -pflichten in den verschiedenen Lebensbereichen immer schwieriger (vgl. Posch 2009, S. 54). Die „umfassende[n] materielle[n] und soziale[n] Veränderungsprozesse in den Arbeits- und Haushaltsformen, Lebensweisen und Beziehungsmustern haben [durch die Freisetzung aus traditionellen Normen und Bindungen, Anm. des Verf.] im Verlauf des Modernisierungsprozesses zu einer starken Verunsicherung des Individuums geführt“ (Stahr et al. 2003, S. 76). Beck und Beck-Gernsheim (1994) sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Zeitalter der Verunsicherung“ mit „riskanten Freiheiten“ (vgl. Thies 1998, S. 53). Freiheit ist untrennbar mit Verantwortung verknüpft und „vergrößert den Handlungsspielraum und Lebenschancen, aber sie vergrößert auch Stress (…) die richtige Wahl zu treffen“ (Posch 2009, S. 59). Dieser Selektionszwang führt folglich zu Überforderung sowie Orientierungslosig- 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 8 keit und bringt die Suche nach neuen entlastenden Leitideen mit sich (vgl. Kluge et al. 1999, S. 11; McRobbie 2010, S. 42). Gerade das Körperideal – auf das wir im nächsten Kapitel ausführlicher eingehen werden – bietet in diesen unsicheren und instabilen Zeiten scheinbare Sicherheit. Denn während sich die Entwicklung der Identität in den Bereichen Familie, Partnerschaft, Beruf und Gesellschaft – wie bereits erwähnt – in verminderter Weise normgeleitet vollzieht, wird die Körperlichkeit als wesentlicher Bestandteil der Identität immer bedeutungsvoller, d. h. zur Schlüsselkomponente von Identität. So soll das äußere Erscheinungsbild – sofern es den gesellschaftlichen Normen von Schönheit entspricht – zur Stabilisierung der Identität beitragen, also eine handlungsentlastende Funktion einnehmen (vgl. Kluge et al. 1999, S. 11; Posch 2009, S. 37). „Wenn nichts mehr definitiv Sinn macht, ist der Körper die vielleicht letzte Instanz, die Sinn auf eine überzeugende Weise auf sich ziehen kann“ (Bette 2005, S. 250). So bietet wenigstens die Kontrolle über den eigenen Körper ein bisschen Befriedigung (vgl. Posch 2009, S. 61). Schönheitshandeln im Sinne des gesellschaftlich normierten Körperideals kann somit neben dem Gefühl, eine gewisse Kontrolle zu haben, und dem Spüren von Körperlichkeit sinnhafte Ausrichtungen und scheinbar erreichbare Ziele im Leben geben (vgl. ebd.). Nach Stahr et al. (2003) haben sich demnach „die Möglichkeiten der Identitätsbildung (…) einseitig verengt und auf die Körperebene verlagert“ (Stahr et al. 2003, S. 54). Infolgedessen sehen fatalerweise viele junge Frauen den eigenen Körper als das beste Ausdrucksmittel ihrer Identität an (vgl. Daszkowski 2003, S. 22). In dieser Weise ist das äußere Erscheinungsbild in den letzten drei Jahrzehnten wesentlich wichtiger geworden und dementsprechend befassen sich die Menschen in unserer heutigen Gesellschaft so viel mit dem Thema Körperlichkeit und Schönheit wie noch nie zuvor (vgl. Posch 2009, S. 15 f.). Auch der veränderte Nutzen des Körpers, d. h., dass körperlich harte Arbeit und Anstrengung im Alltag kaum noch zur Sicherung des Überlebens gebraucht werden, rückt das äußere Erscheinungsbild des Körpers immer mehr in den Vordergrund. So wird der Körper heute in erster Linie zur Imagepflege und nicht mehr als Arbeitswerkzeug eingesetzt (vgl. Gesundheitsförderung Schweiz 2013, S. 7). Das Thema Schönheit nimmt nicht nur in der Ratgeberliteratur 1.1 Im Zeitalter unserer Körperkult-orientierten Gesellschaft 9 und in den populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen immer mehr Raum ein, sondern gewinnt vor allem auch in den wissenschaftlichen Fachbereichen der Soziologie, Psychologie, Sportwissenschaften und Medizin, aber auch der Biologie immer mehr an Bedeutung (vgl. Posch 2009, S. 19 f.). Es hat sich demnach eine neue Körperlichkeit herausgebildet, ein regelrechter Kult, der mit dem Körper getrieben wird, der in den letzten Jahrzehnten mit einer deutlichen Zunahme der Ästhetisierung und Normierung des Körpers einhergeht (vgl. Kluge et al. 1999, S. 11; Thies 1998, S. 63). Das Wort Kult (von lat. cultus = Verehrung, Pflege) wird traditionell in einem religiösen Zusammenhang verwendet. Kennzeichnend für einen religiösen Kult ist ein „sinnstiftendes Objekt und eine Gruppe von Menschen, die dieses Objekt verehrt, und das vor allem in Form ritualisierter Handlungen“ (Gugutzer 2007, S. 3). Von dieser Bestimmung des Kultbegriffs ausgehend scheint es gerechtfertigt, auch hier den Begriff des Körperkults zu verwenden. Denn der menschliche Körper wird ebenso von einem großen Personenkreis als sinnstiftendes Objekt betrachtet und durch verschiedene Körperrituale geformt und ästhetisiert (vgl. ebd.). Dieser Körperkult reicht vom schlichten Make-up über zahlreiche Diäten, „body shaping“ im Fitnessstudio, Schönheitsoperationen, Besuche auf der Sonnenbank, Typberatungen, Expertengespräche für Ernährung, Urlaub in Beauty-Camps bis hin zu Körpermodifikationen wie Tätowierungen und Piercings (vgl. Pöhlmann/ Joraschky 2006, S. 192; Gugutzer 2007, S. 3; Belwe 2007, S. 2). Die Gestaltung des Körpers mittels umfangreicher Möglichkeiten hat sich längst zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags entwickelt (vgl. Belwe 2007, S. 2). „Ob jung oder alt, Frau oder Mann, gebildet oder ungebildet, wohlhabend oder auch nicht, alle sozialen Gruppen sind bei den angeführten Körperpraktiken vertreten, wenngleich es natürlich Unterschiede in Art und Umfang gibt“ (Gugutzer 2007, S. 3). Das äußere Erscheinungsbild wird immer mit positiven bzw. negativen Zuschreibungen verknüpft und vom unmittelbaren Umfeld, dass wiederum unter dem Einfluss der Gesellschaft steht, danach beurteilt und bewertet (vgl. Posch 2009, S. 25, 42). So werden physischer Attraktivität, zu der unter anderem Schlanksein gehört, fälschlicherweise positive Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben, die soziale Anerken- 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 10 nung versprechen. Bspw. gelten schlanke Menschen als gesünder, selbstbewusster, lebenslustiger, kontaktfreudiger, intelligenter, willensstärker und disziplinierter als nicht schlanke Menschen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 85; Kiehl 2010, S. 52; Posch 2009, S. 22 f.). Kluge et al. (1999) verweisen auf zahlreiche empirische Studien, die aufzeigen, dass gutes Aussehen soziale Vorteile in vielen Lebensbereichen mit sich bringt. So haben attraktive Menschen größeren Erfolg bei Stellenbewerbungen oder erhalten bessere Bewertungen bei schriftlich identischen Leistungen (vgl. Kluge et al. 1999, S. 19). Auch wenn tatsächlich gar keine gravierenden Unterschiede der Persönlichkeit oder der Fähigkeiten zwischen gesellschaftlich als unattraktiv und als attraktiv geltenden Menschen bestehen, werden bspw. Dicke als unbeherrschte, faule, träge und unglückliche „Normbrecher“ betrachtet (vgl. Endres 2012, S. 55; Kluge et al. 1999, S. 19). Innere Qualitäten werden auf das äußere Erscheinungsbild projiziert und der Körper wird zur generellen Bewertungsgrundlage, an der der Wert einer Person gemessen wird (vgl. Pöhlmann/ Joraschky 2006, S. 191). Ein dicker Körper ist demnach Ausdruck mangelnder Kontrollfähigkeit und somit mangelnder Managementfähigkeit (vgl. Posch 2009, S. 67). Eine gelungene Selbstoptimierung spiegelt infolgedessen: „Wer sich im Griff hat, hat auch seinen Körper im Griff “ (ebd., S. 12). Die übermäßige Betonung der Schlankheit geht demnach mit einer starken Ablehnung und Stigmatisierung von Übergewicht einher und besitzt somit auch eine ausschlie- ßende und abgrenzende Funktion gegenüber Menschen mit „unerwünschten“ Körpern, da das äußere Erscheinungsbild zum „Maßstab gesellschaftlicher Akzeptanz“ (Thies 1998, S. 64) wird (vgl. Stahr et al. 2003, S. 85; Posch 2009, S. 20 f., 64). Eine Ausschließung von Menschen mit als unerwünscht geltenden Körpern bedeutet gleichzeitig eine Aufwertung von Menschen mit als erwünscht angesehenen Körpern, d. h. je stärker übergewichtige Menschen abgelehnt werden, desto „erfolgreicher sind die körperlich Erfolgreichen“ (Posch 2009, S. 65). Hierdurch entstehen neue soziale Kategorien und Körperklassen (vgl. ebd.). [So ist] die Modellierung des Körpers in Richtung des gesellschaftlich konstruierten Ideals von Schönheit (...) letzten Endes nicht ästhetisch motiviert, sondern gründet auf dem Bedürfnis nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. (…) Das eigentliche Ziel ist (...) der 1.1 Im Zeitalter unserer Körperkult-orientierten Gesellschaft 11 symbolische Körper: der schöne, schlanke Körper als Sinnbild für Disziplin, Stärke, Willenskraft – allesamt gesellschaftlich hoch angesehene Werte, mit denen das Versprechen einhergeht, anerkannt und letztendlich geliebt zu werden (Gugutzer 2005, S. 332). Der schöne Körper symbolisiert Erfolg im privaten wie auch im beruflichen Bereich und wird zum Zeichen persönlicher Leistung hinsichtlich eines glücklichen und gelungenen, am gesellschaftlichen Aufstieg orientierten Lebens (vgl. Kluge et al. 1999, S. 12; McRobbie 2010, S. 148; Posch 2009, S. 12). Es wird also deutlich, dass die Modellierung des Körpers in Richtung des Schönheitsideals nicht nur der persönlichen, sondern auch der sozialen Positionierung in der so unsicher erscheinenden Welt dient (vgl. Posch 2009, S. 33, 42). Als eines der am stärksten ausgeprägten Motive der Schönheitsarbeit am eigenen Körper ist jedoch vor allem der versprochene psychische und emotionale Nutzen zu sehen. Insbesondere das „Wohlfühlen“ mit der eigenen ausgeglichenen Persönlichkeit wird durch einen schönen schlanken Körper – als Symbol psychischer Integrität sowie eines erfolgreich etablierten Selbst – mitrepräsentiert und soll auch körperlich sichtbar sein (vgl. ebd., S. 35, 40, 206). So lautet die vorherrschende öffentliche Botschaft: „Verschönerungen machen glücklicher, Verschönerungen machen zufriedener, Verschönerungen führen zu mehr Wohlbefinden, Verschönerungen nutzen“ (ebd. 2009, S. 201). Dementsprechend wird der Körper für die Identitätsentwicklung bzw. -stabilisierung als Objekt der öffentlichen Gestaltung, d. h. als formbares Medium für die Inszenierung des Selbst, immer wichtiger (vgl. Pöhlmann/ Joraschky 2006, S. 192; Thies 1998, S. 64). Durch die Suggestion, dass ein schöner Körper – der durch das heutige Körperideal definiert wird – in privater oder beruflicher Hinsicht ausschließlich nur von Vorteil ist und somit mutmaßlich mit emotionalem, sozialem und ökonomischem Nutzen verbunden ist, wird die eben benannte, vermeintliche Sicherheitsstruktur vermittelt, die Stabilisierung bietet und so die Angst vor Versagen mindert und als Prophylaxe eines sozialen Abstiegs wahrgenommen wird (vgl. Posch 2009, S. 58, 61, 44 f.). Es scheint also nicht einfach zu sein, sich diesen normativen Vorgaben bezüglich des körperlichen Erscheinungsbildes zu entziehen und sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu widersetzen. Die Freiheit nicht „mitzuspielen“ besteht immer weni- 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 12 ger, da eine Verweigerung unweigerlich bedeutet, nicht nur auf den erwarteten Nutzen zu verzichten, sondern mit Nachteilen auf dem Arbeits- und Liebesmarkt rechnen zu müssen sowie mit Stigmatisierung, Diffamierung oder Nichtbeachtung gestraft zu werden (vgl. Gugutzer 2014, S. 2; Posch 2009, S. 24). Denn auch wenn Menschen vor dem Hintergrund sozialer Normen handeln, wird auch das „Projekt Körper“ als scheinbar selbst zu verantwortendes Eigeninteresse betrachtet. Dies führt auch dazu, dass eine nicht gelungene Selbstoptimierung sich selbst zuzuschreiben ist (vgl. Posch 2009, S. 12, 57). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass im Laufe kulturhistorischer Prozesse in der heutigen Zeit die scheinbare Notwendigkeit, den eigenen Körper in Szene zu setzen, stetig gestiegen ist und immer häufiger in das „körperliche Kapital“ (Bourdieu) investiert wird, in der Hoffnung, „durch Eigenleistung erzielbare, spür- und sichtbare Erfolge, die wiederum soziale Anerkennung und Selbstgewissheit vermitteln“ (Gugutzer 2007, S. 4), zu erlangen (vgl. Belwe 2007, S. 2). So soll die symbolische Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes – nach innen gerichtet – der Formung des Selbst und damit in gleicher Weise der Identitätsschaffung und -stabilisierung sowie – nach außen gerichtet – als Ausdrucksmittel zur sozialen Positionierung in der Gesellschaft dienen (vgl. Posch 2015, S. 42). Diese Ausführungen machen deutlich, dass nicht die zeitgenössischen Schönheitsideale an sich die permanente Beschäftigung mit dem Körper herbeiführen, sondern erst die gesellschaftlichen Strukturen eine Orientierung an diesen so bedeutungsvoll erscheinenden Idealen ermöglichen (vgl. Thies 1998, S. 69). Demnach kann das aktuelle Körperideal und seine Auswirkungen auf das subjektive Körperbild junger Frauen nicht ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden. Der weibliche Körper als Ausdrucksmittel Da wir uns in unserer Ausarbeitung nur auf Frauen beziehen, erscheint es uns im nächsten Schritt sinnvoll aufzuzeigen, warum insbesondere von Frauen erwartet wird, dass sie sich in hohem Maße an dem Körperideal orientieren bzw. aus welchen Gründen Frauen diesen Erwartungen an das äußere Erscheinungsbild auch eher als Männer 1.2 1.2 Der weibliche Körper als Ausdrucksmittel 13 gerecht werden wollen. Auch, wenn Männer heute ebenfalls zunehmend dem Druck der Ästhetisierung und Normierung des Körpers unterliegen, sind Schönheit, Schlankheit, Anmut und Jugend immer noch Erwartungen, die in erster Linie an die Frau gestellt werden (vgl. Thies 1998, S. 65 f.). Ungeachtet der historischen Veränderungen des Schönheitsideals war und ist für Frauen der Anpassungsdruck an die jeweils bestehenden Normvorstellungen von größerer Bedeutung und bietet ihnen die Sicherheit eines vertrauten Images (vgl. Stahr et al. 2003, S. 16; Thies 1998, S. 65). Die folgende Darstellung der kulturhistorischen Entwicklung der Geschlechtsrollen und der geschlechtshierarchischen Strukturen sowie die heutige doppelte Vergesellschaftung der Frau bieten im gesellschaftlichen Kontext einen Begründungszusammenhang der starken Abhängigkeit und Orientierung von Frauen an den bestehenden Weiblichkeitsnormen und in besonderem Maße an den Körpernormen (vgl. Thies 1998, S. 61). Das Engagement in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild und das Bestreben, den Körper im besten Licht zu präsentieren, wurde schon in früheren Zeiten als wesentliches Merkmal der traditionellen weiblichen Geschlechtsrolle gesehen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 84). Demnach wurde durch die gesellschaftlichen Normen schon immer ein hohes Maß an Selbstdarstellung von Frauen gefordert (vgl. Kluge et al. 1999, S. 9). Zudem wurde seit Beginn der Aufklärung zunehmend eine Geschlechtertrennung vollzogen, innerhalb derer die Frau das Anderssein symbolisierte, während dem Mann Normalität zugewiesen wurde: „Mensch gleich Mann“ (vgl. Thies 1998, S. 51). Besonders in der Zeit der deutschen Klassik wurden Mann und Frau aufgrund ihrer angeblichen Naturbegabungen – einer vermeintlich göttlichen Weltordnung entsprechend – polarisierende Rollen zugewiesen. Dem Mann wurde die aktiv-rationale Rolle mit der überlegenen Position des Berufstätigen zugeteilt, während der Frau, ihrer „natürlichen“ Bestimmung gemäß, die passiv-emotionale Rolle mit der untergeordneten Position der Hausfrau und Mutter zukam mit den Charakteristika der Reproduktion, Bedürfnisbefriedigung anderer, Abhängigkeit von männlicher und gesellschaftlicher Anerkennung, Außen- und Fremdorientierung sowie Mäßigung der Begierden und eigener Bedürfnisse. Focks (1994) bezeichnet das hieraus resultierende Modell der Weiblichkeit als rational-männliches Konstrukt. Dieses männliche Weib- 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 14 lichkeitskonstrukt diente der Aufrechterhaltung patriarchaler Herrschaft und dem Aufbau eines patriarchalen Wirtschaftssystems (vgl. ebd., S. 51 f.). Die hierarchischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen den Geschlechtern sowie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung haben in erheblicher Weise zur Prägung des Selbstbildes der Frau beigetragen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 17). Die Identifikation mit dem Weiblichkeitsmodell ließ das eigene Selbstbild immer mehr mit dem männlichen Fremdbild verschmelzen (vgl. Thies 1998, S. 52). Frauen haben demnach im Laufe der Zeit diese Stereotype einer idealen Weiblichkeit verinnerlicht und in immer perfekterer Art und Weise ihren Körper dahingehend geformt (vgl. Stahr et al. 2003, S. 17). Die frauenspezifische Bezogenheit auf Schönheitsideale ist eine Folge der dargestellten geschlechtshierarchischen Strukturen und Rollenzuweisungen. Beschnittene Ausdrucksmöglichkeiten und Lebensformen ließen für die Frau den Körper zu einem Ort des Ausdrucks weiblichen Seins werden (vgl. Thies 1998, S. 61). Demzufolge lässt sich die Verinnerlichung dieses männlichen Weiblichkeitsmodells als Folge der Machtlosigkeit der Frau in der Gesellschaft und ihrem gleichzeitigen Wunsch, dennoch am öffentlichen Leben teilzuhaben, erklären (vgl. ebd., S. 52). Denn durch ihr Aussehen erhielten Frauen eine gewisse Einflussnahme auf soziale Distinktion und in geringem Maße auf gesellschaftliche Prozesse (vgl. ebd., S. 61). So stand das Schönheits- bzw. Körperideal schon immer in engem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau, indem der Körper fortwährend vereinnahmt wurde und den – je nach gesellschaftlich-funktionalen Gesichtspunkten stets wechselnden – Bedeutungsgehalten unterlag (vgl. Stahr et al. 2003, S. 16, 18). Die Angleichung an ein gesellschaftlich-funktional überformtes Körperideal sowie die Abhängigkeit von äußerer Anerkennung hat demnach eine lange kulturhistorische Tradition und wurde – bzw. wird auch immer noch – vornehmlich von Frauen geleistet (vgl. Thies 1998, S. 52; Stahr et al. 2003, S. 17). Denn auch heute stellt nach Gröne (1995) die kulturhistorische Tradition, sich mit den geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen zu identifizieren, immer noch einen wichtigen Bezugsrahmen zur Orientierung für Frauen dar (vgl. Thies 1998, S. 55). Wie bereits erwähnt, haben im Zuge des Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesses 1.2 Der weibliche Körper als Ausdrucksmittel 15 unserer Gesellschaft gravierende Veränderungen stattgefunden. Unter diesen haben sich ausdifferenzierte Lebensformen entwickelt, die unter anderem die patriarchalen Herrschaftsstrukturen und die traditionellen Geschlechtsrollen durchaus in Frage stellen (vgl. Stahr et al. 2003, S. 69). Auch wenn Männer heute ebenfalls vermehrt ihre traditionelle Geschlechtsrolle hinterfragen, sind es immer noch vor allem Frauen, die durch die zunehmende Herauslösung aus der traditionell weiblichen Geschlechtsrolle ihre Arbeits- und Lebensplanung mehr denn je selbst bestimmen können bzw. müssen (vgl. Daszkowski 2003, S. 35; Stahr et al. 2003, S. 81; McRobbie 2010, S. 42). Bspw. findet die Sozialisation von Frauen heute gleichermaßen auf beruflicher und familiärer Ebene statt. Dementsprechend wird das Modell der doppelten Lebensplanung heute von vielen Frauen vorzugsweise gewählt (vgl. Thies 1998, S. 55). Aber auch wenn die gesellschaftliche Arbeitsteilung teilweise eine Auflösung erfahren hat, werden die alten Rollenerwartungen nicht vollständig abgelöst (vgl. ebd.). So hat sich in Wirklichkeit nur eine bedingte Angleichung innerhalb der Geschlechterhierarchie vollzogen (vgl. McRobbie 2010, S. 140). Frauen werden immer wieder auf die traditionelle Geschlechtsrolle der Mutter und Hausfrau statuiert. „Frauen sollen z. B. eine ‚gute Mutter‘ sein und Zeit für ihre Kinder haben, zugleich aber auch unabhängig, ‚zeitsparend‘ und erfolgreich im Beruf sein“ (Stahr et al. 2003, S. 70). Diese für die westlichen Industrieländer typische Entwicklung verlangt demnach von Frauen eine Gratwanderung zwischen den Anforderungen an eine emanzipierte, moderne, selbstbewusste, erfolgreiche Frau und den dazu widersprüchlichen, an die traditionellen Rollenbilder gekoppelten Erwartungen (vgl. Baumann 2009, S. 69). Auf diese Weise ergeben sich historisch neue, sozialstrukturelle Widersprüche, deren Erfüllung aus subjektiver Sicht für Frauen unmöglich ist (vgl. Stahr et al. 2003, S. 70; Thies 1998, S. 60; Wunderer 2015, S. 94; McRobbie 2010, S. 97 f.). So steigt gerade für Frauen der gesellschaftliche Druck stetig. Denn von ihnen wird nicht nur erwartet, dass sie ihre neu gewonnenen Handlungsspielräume nutzen, sondern sie sollen zugleich auch an alten Mustern festhalten. Demnach sollen sie in jeder Hinsicht nach Perfektion streben (vgl. McRobbie 2010, S. 131, 135). Dies bleibt nicht ohne Folgen, da Frauen diese Erwartungen augenscheinlich in ihren subjektiven Wertvorstellungen verankern 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 16 (vgl. ebd., S. 131). So scheint es, als wäre dieses Streben bei vielen jungen Frauen zu ihrem eigenen Interesse geworden (vgl. McRobbie 2010, S. 98, 135; Posch 2009, S. 12). „Wenn du es nicht schaffst, das Optimum aus dir herauszuholen, und vor allem, wenn du dich erst gar nicht bemühst, dein Bestes zu geben, dann bist du selbst schuld an all dem Negativen, das daraus zwangsläufig resultieren wird!“ (Gugutzer 2014, S. 3). So dauert die kulturhistorische Fremdbestimmung der Frau immer noch an (vgl. Thies 1998, S. 56). Auch wenn es so scheint, als würden Frauen ihre Entscheidungen in Unabhängigkeit von männlicher Bestätigung treffen, besteht die patriarchale Autorität – weniger offensichtlich – weiter in Form eines Regimes der Selbstkontrolle, an dessen strengen Kriterien sich Frauen immer und ständig messen müssen (vgl. McRobbie 2010, S. 98). Somit bringt die zunehmende Freisetzung aus traditionellen Bindungen und Normen durch die Veränderung traditioneller Beziehungsmuster sowie die teilweise gelungene Auflösung traditioneller Geschlechtsrollen einerseits zwar neue Handlungsspielräume mit sich, andererseits ergeben sich daraus – wie bereits in Kapitel 1.1 ausgeführt – auch neue und überfordernde Anforderungen an die Selbstverantwortung, die Selbstkontrolle sowie die Selbstoptimierung der Frau (vgl. Stahr et al. 2003, S. 77; McRobbie 2010, S. 42). So scheint der zeitgenössische Imperativ, in eigener Verantwortung immer das Maximum aus sich herausholen zu müssen, besonders für Frauen bindend zu wirken. Dieser Anforderung gerecht zu werden schafft aber keine Frau, zumindest nicht dauerhaft und schadenfrei (vgl. Gugutzer 2014, S. 3; McRobbie 2010, S. 131). Dieses „Hin- und Herschwanken zwischen der Identifizierung mit traditionellen Geschlechtsrollen und der Suche nach individuellen Lösungen“ (Stahr et al. 2003, S. 81) führt zu Verunsicherung sowie nicht selten zu Überforderung und kann eine Identitätsproblematik mit sich bringen und hat „besonders dann gravierende Folgen, wenn Frauen weder ihre persönlichen Handlungspotenziale entfalten noch emotionale und identitätsstabilisierende Beziehungen aufbauen können“ (ebd.). Aufgrund der Unsicherheit und der Orientierungslosigkeit, die vor allem junge Frauen in unserer individualisierten Gesellschaft betreffen, steigt neben der bereits traditionellen Neigung, den weiblichen Körper als Ausdrucksmittel zu nutzen, abermals die Gefahr für diese 1.2 Der weibliche Körper als Ausdrucksmittel 17 Frauen, sich an gesellschaftlich dominant transportierten Leitbildern und Ideologien zu orientieren und davon abhängig zu werden. So findet sich ein solches Leitbild im heutigen schlanken Körperideal, das Sicherheit und Anerkennung verspricht (s. Kapitel 1.1) (vgl. ebd., S. 82 f.). Folglich wirkt das heutige Körperideal scheinbar als wirkungsvolles Gegengewicht zu den neuen überfordernden Anforderungen an Frauen, mit der Folge, dass viele Frauen versuchen, durch die symbolische Arbeit am Körper ihre identitätsbezogenen Unsicherheiten auszugleichen (vgl. Posch 2009, S. 155). Aufgrund dessen werden wir uns im nächsten Kapitel dem heutigen flächendeckend verbreiteten Körperideal in unserer Gesellschaft widmen. 1. Der Körper als sinnstiftende Instanz 18

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References

Zusammenfassung

In unserer Gesellschaft wird eine „überschlanke“ Figur gleichgesetzt mit Gesundheit, Schönheit und Erfolg. Zugleich wird suggeriert, dass dieses Ideal durch konsequente Anstrengung erreichbar ist. So internalisieren viele junge Frauen ein Körperideal, dem sie in aller Regel aus naturgegebenen Gründen nicht oder nur auf selbstschädigende Weise entsprechen können. Wie wirkt sich die Diskrepanz zu diesem Schönheitsideal auf ihr subjektives Körperbild aus? Dieser Frage geht das Buch unter Berücksichtigung multifaktorieller Einflussgrößen nach. Es hinterfragt die weitverbreitete und gesellschaftlich geförderte Körperunzufriedenheit sowie die damit einhergehende Körperdisziplinierung, die für viele Frauen zur – scheinbar – unbedenklichen Normalität geworden sind. Deutlich hält es entgegen, dass auch subklinische Körperbildprobleme bereits zu mehrfachen physischen und psychischen Beeinträchtigungen und Belastungen führen können. Das Buch begründet eindrücklich den dringenden Handlungsbedarf auf individueller und gesellschaftlicher Ebene und gibt erste Anregungen dazu, wie in der Sozialen Arbeit junge Frauen darin unterstützt werden können, ein positives Körperbild zu entfalten und ganz eigene und gesunde Körperkonzepte zu leben.