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Kapitel II: Methode in:

Dirk Vogel

Zwischen Rechenschaftspflicht und Verantwortlichkeit, page 77 - 102

Street Level Bureaucrats unter der Bedingung des § 48 SGB II

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4028-7, ISBN online: 978-3-8288-6860-1, https://doi.org/10.5771/9783828868601-77

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 79

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kapitel II: Methode 1. Forschungsdesign Diese Studie untersucht SLB, deren Jobcenter für die Arbeits marktintegration ihrer Klienten mittels Zielvorgaben verantw ort lich gemacht werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem Individuum am Ende der Politik-Implementationskette. Um dessen soziale Konstruktion der W irklichkeit zu erfassen, stehen in den em piri schen Sozialwissenschaften grundsätzlich das quantitative, das qualitative Forschungsdesign oder eine Kombination von beiden zur Verfügung (Creswell op. 2009 :3 ). Ein quantitatives For schungsdesign ist ein deduktives Verfahren, um Theorien durch den Zusammenhang zwischen m essbaren Variablen mittels statis tischer Verfahren zu testen (Creswell op. 2009 :4 ). Es verifiziert oder falsifiziert Hypothesen und Theorien (Diekmann 2 0 0 4 :1 0 0 158). Qualitative Forschung dagegen ist ein induktives Verfahren, um den Sinn und die Bedeutung von Individuen und Gruppen gegenüber einem sozialen oder menschlichen Problem zu erfassen und zu verstehen (Creswell op. 2009 :4 ). Ziel dieser Studie ist ein ganzheitliches Verständnis von SLB unter den Bedingungen von Zielvorgaben. Gerade qualitative Daten bieten den Vorteil, dass sie zunächst einmal ungefiltert eine Erzählung aus Sicht des Indivi duums wiedergeben. Es bietet damit einen weniger vorgefilterten Einblick in die Konstruktion der Wirklichkeit. Die Stärke der qua litativen Sozialforschung ist die breitbandige Erfassung des Unter suchungsgegenstands (W itt 2001 :4), indem sie offen, kommunika tiv, prozesshaftund reflexiv vorgeht (Lamnek 1 9 9 3 :2 1 -3 0 ). Innerhalb der qualitativen Sozialforschung stehen fünf For schungsstrategien zur Verfügung: „Ethnographie", „Grounded Theory", „phänomenologische Forschung", „narrative Verfahren" und die „Fallstudie" (Creswell op. 2009 :13 ). Da der § 4 8 SGB II erst 2011 eingeführt wurde, fiel die Entscheidung für eine Fallstu die. Eine Fallstudie erfasst gegenwärtige Phänomene ein oder m ehrerer Individuen (Yin 2009 :2 ). Im Rahmen dieser Studie ist 78 Kapitel II: Methode ein Fall als die Arbeitsidentität eines SLB unter den Bedingungen der Zielvorgaben für Jobcenter definiert. Um die Menschen zu finden, die das sozialwissenschaftliche Kriterium des Street Level Bureaucrats erfüllen, hat diese Studie zum einen Menschen darunter definiert, die über einen erhebli chen Ermessensspielraum verfügen, indem sie eigenständig rechtswirksam e Bescheide erlassen, also als Vertreter des Staates gegenüber Leistungsempfängern des SGB II fungieren. Folglich konzentrierte sich die Studie auf die Rechtsanwender des ehem a ligen gehobenen Dienstes, unabhängig davon, welche Rechtsbe scheide dies waren, ob Leistungen zur Eingliederung in Arbeit oder Leistungen zum Lebensunterhalt. Entscheidendes Kriterium war, dass sie mit Klienten interagieren. Zum anderen befragte die Studie nur Mitarbeiter, die mindestens seit einem halben Jahr diese Aufgabe wahrnehmen, um nur solche in das Sample aufzu nehmen, die sich nach der Einarbeitung mit den Rahmenbedin gungen auseinandergesetzt haben. Die Aufgabe rechtswirksam e Bescheide im SGB II zu erlassen, wird in aller Regel von Mitarbeitern in einem der 226 Jobcenter wahrgenommen. Aus forschungspraktischen Gründen hat sich diese Studie auf die 26 Jobcenter des Bundeslandes Hessen be schränkt. Ein Jobcenter ist in einem Landkreis der Träger der Grundsicherung (§ 6 SGB II). Zudem ermöglicht es diese Herange hensweise, SLB unter derselben institutioneilen Fachaufsicht, dem hessischen Sozialministerium, und auf Basis derselben Zielverein barung, zwischen dem Bund und dem Land Hessen, zu intervie wen. In Hessen gibt es 16, das sind rund 62 %, zugelassene kom munale Träger, bei denen der Landkreis Träger der Grund sicherung ist. Daneben gibt es gemeinsame Einrichtungen, sogenannte Arbeitsgemeinschaften, die aus Mitarbeitern der Bun desagentur für Arbeit und der Kommunen besetzt werden. Hessen hat nach Niedersachsen die zweithöchste Zahl an optierenden Kommunen. Dies war bei der Auswahl der Trägertypen zu be rücksichtigen, was auch gelang: 10 der 21 Befragten waren bei einem optierenden Träger beschäftigt (rd. 48 %), während 11 der 21 Befragten bei einer ARGE tätig waren (rd. 52 % ). Somit ist das Verhältnis der Interviewten durchaus ein treffendes Abbild der Sampling-Strategie 79 Trägerstruktur im Bundesland Hessen. Insgesamt wurden SLB aus vier unterschiedlichen Jobcentern interviewt. Zwei der vier Jobcenter haben nach der Prüfung der Anfrage (Anhang 3) diese an ihre M itarbeiter weitergeleitet, die dann dem Durchführenden der Studie per E-Mail ihre Bereitschaft signali sierten, an der Studie teilzunehmen. Zwei Jobcenter wussten auf der Leitungsebene nicht, dass ihre M itarbeiter an der Umfrage teilnehmen. Hier kam der Kontakt über persönliche Beziehungen zustande, die dann mittels der Schneeballmethode ausgeweitet wurden. Dies war wichtig, um auch SLB zu berücksichtigten, die möglicherweise Ängste vor hierarchischen Restriktionen haben. Aus Sicht des Autors hatte dies keinen erkennbaren Einfluss auf das Antwortverhalten. 2. Sampling-Strategie Die vorliegende Studie hat auf einer Makro- und einer Mikroebene eine Sampling-Strategie entwickelt. Auf der Makroebene wollte diese Studie SLB unter unterschiedlichen wirtschaftlichen Rah menbedingungen im Sample berücksichtigen. Die Arbeit teilte die Ansicht des BMAS, wonach die sozioökonomischen Rahmenbe dingungen „die Aufnahmefähigkeit des lokalen Arbeitsmarktes" und „die Struktur der Bedarfsgemeinschaften" und damit die Mög lichkeit der Jobcenter zur Zielerreichung beeinflusst (BMAS 2016). Deswegen wurde im Vorfeld der Trägertypus erhoben. In Hessen verfügen fast alle Jobcenter über eine durchschnittliche Quote an SGB II Klienten (Anhang 8). Innerhalb dieser Rahmenbe dingung hat diese Studie SLB gewinnen können, die in vier Trä gern tätig sind, die drei unterschiedlichen Typen zugeordnet w er den: - Ein Jobcenter im Typus Ild (überwiegend Landkreise mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen mit eher durchschnittli chen Rahmenbedingungen und geringer saisonaler Dynamik) - Zwei Jobcenter im Typus Ile (Städte und (hoch-)verdichtete Landkreise mit eher geringer eLb-Quote im Vergleich zu ähn lich verdichteten Räumen, sehr hohen W ohnkosten und sehr hohem Migrantenanteil sowie durch G roßbetriebe gekenn 80 Kapitel II: Methode zeichneten Arbeitsmärkten mit gering ausgeprägtem Niedrig lohnbereich) - Ein Jobcenter im Typus Ila (überwiegend Landkreise mit ei nem ausgeprägten Industriesektor und Niedriglohnbereich bei gleichzeitig hohem Anteil Geringqualifizierter und unterdurch schnittlichen Wohnkosten) Damit war gewährleistet, dass SLB in möglichst heterogenen sozioökonomischen Rahmenbedingungen innerhalb des Bundeslands Hessens berücksichtigt werden konnten. Auf der Mikroebene findet klassischerweise in der qualitativen Sozialforschung die bewusste kriteriengesteuerte Fallauswahl mit drei möglichen Strategien statt (Kelle & Kluge 2 0 0 8 :4 3 ): Gegen beispiele, Stichprobenpläne und Theoretical Sampling. Bei letzte rem ist das Ziel, mittels perm anenter Vergleiche unterschiedliche Varianten eines Konzepts und Merkmalsausprägungen von Kate gorien zu entdecken (Strauss &Corbin 1998 :202 ). Es werden parallel die Fälle ausgewählt und analysiert nach dem Prinzip der Minimierung und Maximierung von Unterschieden bis zur soge nannten theoretischen Sättigung - die dann erreicht ist, wenn durch eine erneute Fallauswahl keine neue Erkenntnis hinzu kommt (Przyborski & W ohlrab-Sahr 2010 :1 7 8 ; Kelle & Kluge 2008 :49). Die Grundlage dieser Vergleiche waren dabei in einem Frage bogen erhobene Variablen über SLB (Anhang 5 & 6): Ausbildung, Dauer der Tätigkeit im SGB II, Alter und Vergütung. Dieses Prinzip wurde in der Weise angewendet, dass die Studie zunächst einen Teilnehmer ausgewählt hat, der über eine Verwaltungsfachhoch schulausbildung verfügt und über viele Jahre das SGB II anwendet. Anschließend wurde dann ein SLB ausgewählt, der über ein sozi alpädagogisches Studium verfügt. Im Verlauf des Projekts, etwa nach Teilnehmer acht, begann eine erste Analyse der Rohdaten und es wurden erste Annahmen über Konzepte, Kategorien und deren Ausprägungen getroffen, um dann gezielt nach Teilnehmern als Gegenbeispiel zu suchen. Es wurde also nicht mehr nur variab lengestützt kontrastiert, sondern es wurde auch nach Empfehlun gen für Teilnehmer gesucht, die „anders" arbeiten. Dies ist ein Vorgehen, das dem Theoretical Sampling entspricht (Strauss Sample-Empirie 81 &Corbin 1 9 98 :201 ) und es vermeidet, dass die erhobenen Daten allein Produkt einer spezifischen Gruppenkultur sind (Schein 1992 :12). Aus forschungspraktischer Sicht war das Prinzip der Kontrastierung allerdings nicht immer vollumfänglich umsetzbar, da beispielsweise m ehrere Interviews an einem Tag geführt w er den mussten. 3. Sample-Empirie Die empirische Untersuchung wurde im Zeitraum von Januar 2014 bis Dezember 2014 mit 21 Interviewpartnern durchgeführt, die in insgesam t vier SGB II-Trägern in Hessen (sog. „Jobcenter") tätig waren. Alle Interviewpartner waren mindestens drei Monate in dieser Funktion tätig, verfügten über ein erhebliches Maß an Ermessen bei der Umsetzung des Sozialgesetzbuchs II und haben freiwillig teilgenommen. Die Untersuchung wurde als Fallstudie durchgeführt, wobei jeder Interviewte einen Fall darstellte. Neben der Erhebung in Form eines problem zentrierten Interviews wur den zusätzlich standardisierte statistische Informationen erhoben, die sowohl bei der Datenanalyse zur m erkm alsbasierten Fallkontrastierung genutzt wurden, als auch bei der späteren Analyse der Typen. Diese Informationen werden nachfolgend deskriptiv dar gestellt. Rund 57 % der Befragten war weiblich, 43 % männlich. Mit dieser Auswahl war eine relativ homogene Zusammensetzung zwischen den Merkmalen „Geschlecht" sichergestellt. 82 Kapitel II: Methode Abbildung 7: Höchster Bildungsabschluss der Befragten (eigene Darstellung) Die Darstellung zeigt, dass rund 85 % der Befragten über einen Fachhochschulabschluss oder einen Hochschulabschluss verfüg ten. Dies ist im Vergleich mit dem bundesdeutschen Durchschnitt von 15,9 % überdurchschnittlich hoch (Statistisches Landesamt Baden-W ürttemberg). Am relativ häufigsten verfügten rund 33 % aller Befragten über die Qualifikation des Diplom-Verwaltungs wirts, gefolgt von rund 14 % mit einem Abschluss als Sozialpäda goge oder Sozialarbeiter, gefolgt vom Lehramtsstudium und ei nem W irtschaftswissenschaftler. Damit sind die Interviewten überdurchschnittlich formal gebildet. Die „klassische" Ausbildung an einer Verwaltungsfachhochschule als Verwaltungswirt war damit die häufigste, wenn auch nicht vollumfänglich dominante, Ausbildung der befragten SLB. Sample-Empirie 83 Abbildung 8: Dauer der Tätigkeit der Interviewpartner bei der Anwen dung des SGB II (eigene Darstellung) Im arithmetischen Durchschnitt wendeten die Befragten rd. 9 Jahre das SGB II oder den Rechtsvorgänger an (Median 9), mit der Standardabweichung vom Durchschnitt um 5,40. Wenn man bedenkt, dass das SGB II vor Jahren eingeführt wurde, zeigt dies durchaus, dass eine gute Mischung aus kürzer und länger tätigen SLB in dem Sample berücksichtigt werden konnte. 57 56 50 - 00r- 5 1 46 5 2 4650 37 40 3 36 43 37 40 4 1 44 28 30 29 mm 30 < 2 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 1213 1415 16 17 18 19 20 21 Interviewpartner Abbildung 9: Alter der Interviewpartner (eigene Darstellung) 84 Kapitel II: Methode Im arithm etischen Durchschnitt waren die Interviewten 43 Jahre alt (Median: 43 Jahre). Beim durchschnittlichen Alter der Beschäf tigten im kommunalen Bereich von 45,0 Jahren, beim Personal der Sozialversicherungsträger und der Bundesagentur für Arbeit von 43 ,0Jah ren (Altis &Koufen 2 0 1 1 :1 1 1 4 ) lagen die Inter viewpartner damit durchaus im Durchschnitt der Beschäftigen im öffentlichen Sektor. Die Spannweite zwischen dem jüngsten und dem ältesten Interviewteilnehmer liegt bei 29 Jahren. Damit wur den sowohl SLB berücksichtigt, die am Anfang, als auch solche, die am Ende ihrer Erw erbstätigkeit stehen. Trotzdem zeigt die relativ geringe durchschnittliche Abweichung vom Mittelwert bei einer Standardabweichung von 8 ,30Jahren , dass das Alter der inter viewten SLB insgesamt relativ nahe beieinanderlag. K E6-9 | E10-13 | E14-15 A6-9 | A 10-13 | A14-15 Angestellter Beamter N = 17 0 Abbildung 10: Vergütung der Interviewpartner (eigene Darstellung) Bei der Frage nach der Zuordnung zur aktuellen Eingruppierung haben vier Interviewte keine Angaben gemacht, was darauf zu rückzuführen ist, dass manche Beschäftigte der Bundesagentur für Arbeit waren und der vorgegebene Fragebogen die entspre chenden Kategorien nicht enthielt. Andere Interviewpartner ha ben sich nach Ermessen in die analoge Angestelltengruppe einge tragen. Die Übersicht zeigt, dass die Vergütung der Interviewten dem gehobenen Dienst zuzuordnen ist. Nach der Beschreibung, wer für die Studie gewonnen werden konnte, wird im folgenden Kapitel die Frage beantwortet, welche Daten von den Teilnehmern wie erhoben wurden. Datenerhebung 85 4. Datenerhebung Die Auswahl der Erhebungsmethode richtet sich nach dem For schungsziel, der Fragestellung und der Umsetzbarkeit. Grundsätz lich steht eine Vielzahl von Erhebungsformen in der qualitativen Sozialforschung zur Verfügung. So unterscheidet Creswell vier unterschiedliche Typen der Datensammlung (op. 2 0 0 9 :1 7 9 -1 8 0 ) : Beobachtung, Dokumente, audiovisuelle Materialien sowie Inter views. Die qualitative Sozialforschung strebt nach einem mög lichst tiefen Verständnis des untersuchten Phänomens, weswegen dem Gegenstand angemessen meist nicht nur eine Datenerhe bungsmethode angewendet wird, sondern m ehrere (Creswell op. 2009: 178), was als Triangulation (Bloomberg & Volpe 2 0 12 :107 ) bezeichnet wird. Diese Studie hat zum einen Beobachtungen in Form von Auf zeichnungen sowohl über die Organisation, in der der jeweilige SLB tätig war, als auch über den Arbeitsplatz und die Besonder heiten während des Interviews festgehalten. Diese Beobachtun gen sind als Memos in das Softwareprogramm MAXQDA einge gangen, um das Interview und den Interviewten zu kontextualisieren. Um den spezifischen Policy-Kontext zu erfas sen, wurden zum anderen die Zielvereinbarungen des Landes Hessens mit allen Jobcentern und die individuellen Zielvereinba rungen zwischen dem Land Hessen und dem jeweiligen Jobcenter berücksichtigt. Im Mittelpunkt der Datenerhebung standen allerdings Inter views, die im Jahr 2014 durchgeführt wurden. Interviews sind laut Flick eine spezifische Form der Konversation, in der durch die Interaktion zwischen Interviewer und Interviewten W issen her vorgebracht wird (Kvale 2007:xvii). Der Grund für die Anwen dung von Interviews liegt dabei nicht allein in der forschungs praktischen Notwendigkeit, nämlich dass es aufgrund von datenschutzrechtlichen Bestimmungen es einfacher ist, SLB zu interviewen als etwa die Interaktion zwischen SLB und Klient aufzuzeichnen. Vielmehr hat beim Interview als Erhebungsme thode „der Befragte die Möglichkeit [...] seine W irklichkeitsdefini tionen dem Forscher mitzuteilen [...]." (Lamnek 1993 :61). Diese Funktion des Interviews in der qualitativen Sozialforschung ist für 86 Kapitel II: Methode die Beantwortung der Forschungsfrage entscheidend. Das Pro dukt der Auseinandersetzung zwischen veränderter Rahmenbe dingung und SLB, so die Annahme dieser Arbeit, ist eine Arbeitsi dentität, die Normen, W erte und schließlich das Ermessen beeinflusst. Diese Arbeitsidentität kommt in den mündlichen Äu ßerungen zu verschiedenen Fragen wiederkehrend zum Vor schein. Es gibt unterschiedliche Formen qualitativer Interviews, da runter narrative Interviews, Gruppendiskussionen oder Fokus gruppeninterviews, Experteninterviews, offene Leitfadeninter views und authentische Gespräche (Przyborski & W ohlrab-Sahr 2 0 1 0 :9 1 -1 5 5 ; Kvale 2 0 0 7 :6 7 -7 7 ) . Manche Autoren gehen von fünf (Kvale 2 0 0 7 :6 7 -7 7 ; Lamnek 1 9 9 3 :3 5 -9 1 ) unterschiedlichen Formen, andere von über acht (Przyborski & W ohlrab-Sahr 2 0 1 0 :9 1 -1 5 9 ) bis 13 (Helfferich 2 0 1 1 :3 6 -3 7 ) aus, aus denen ein Forscher das angemessene Interview in Abhängigkeit von Thema und Ziel (Kvale 2 0 07 :77 ) auswählt. Lamnek (Lamnek 1 9 9 3 :9 0 91) formuliert für alle qualitativen Interviews als ,,[...] zentrales Postulat das der Offenheit." (Lamnek 1993 :90 ). Trotz dieser prin zipiellen Gemeinsamkeit unterscheiden sich die verschiedenen Formen voneinander. Eine anwendungsorientierte Unterschei dung qualitativer Interviews trifft Kvale (2 0 0 7 :67 -77 ), indem er unterschiedliche Interviewformen entlang der Achse konsensuale-passive versus konfrontativ-aktive Interviewstils sortiert. Klas sisches Beispiel des eher konsensualen Stils ist das von Schütz entwickelte narrative Interview (Lamnek 1993 :70), bei dem der Interviewte aufgefordert wird, zu erzählen - weitgehend ohne Ein- oder Beschränkung durch den Interviewer. Diese Interview form wird dem Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie al lerdings nicht gerecht. Ein offen gehaltenes Interview liefe Gefahr, nur Antworten und damit Daten zu generieren, die von Autori tätsregeln präterm iniert sind, etwa durch das Verwaltungsrecht, Handlungsleitfäden, Regeln der Organisation oder „Lehrbuchmei nungen". Die von der Studie avisierte Erhebung des Produkts der Auseinandersetzung des Individuums mit seinem Arbeitskontext könnte so nur unzureichend zum Vorschein kommen. Deswegen fiel im Rahmen der vorliegenden Studie die Entscheidung für eine qualitative Interviewform, die dem Forscher als Datenerheber Datenerhebung 87 eine aktive Rolle während des Interviews zubilligt, etwa, um Ver ständnisfragen stellen zu können, W idersprüche anzusprechen und den Interviewten auffordern zu können, zu begründen (Kvale 2 0 07 :74 ) und auch zur „Evokation von Derivationen" (Ullrich 1999 :432). Diese Möglichkeit bieten Interviewformen wie das fokussierte Interview, das diskursive Interview, das Dilemmata-Interview oder das problem zentrierte Interview (Helfferich 2 0 1 1 :3 6 -3 7 ) . So kommt Lamnek (Lamnek 1993 :91 ) in einem methodologischen Vergleich unterschiedlicher qualitativer Interviews zu der Er kenntnis, dass es sich dabei um ein weitgehend offenes und ziel orientiertes Interview handelt, das auf der Basis eines Konzepts aufbaut und sowohl thesengenerierend als auch thesenprüfend ist. Aus Sicht des Autors bot das problem zentrierte Interview die beste Balance zwischen Aktivität und Passivität während des In terviews. Es passt zudem zur Herangehensweise dieser Studie, die auf der einen Seite einen klaren them atischen Fokus hat, Literatur rezipiert und Erwartungen an die Empirie formuliert - auf der anderen Seite diese Erkenntnisse jedoch nicht einfach überträgt, sondern auch kritisch überprüft. Bei der Durchführung des problem zentrierten Interviews wurden in Anlehnung an Witzei (2000 :3 ), der diese Interviewform maßgeblich geprägt hat, vier Instrumente entwickelt, ein Kurzfra gebogen (Anhang 5 & 6), ein Leitfaden für die Fragen (Anhang 8) und Postskripte zum Kontext der Interaktion (Raum, Schreibtisch, Jobcenter, Kommunikation vor und nach dem Interview) und zur Interaktion selbst (Begrüßung, „Smalltalk", auffällige non-verbale Äußerungen). Im Kurzfragebogen wurden soziodemografische Daten erhoben, die in Kapitel 3 dargestellt wurden (vgl. Anhang 5 & 6). Das Interview wurde aufTonband aufgenommen. Der Kurzfragebogen hat sich während der Durchführung des Interviews als wenig um setzbar erwiesen. Doch konnte durchgän gig das Interview begonnen werden, indem der Interviewer sich zunächst einen typischen Arbeitstag beschreiben ließ, wie z. B. bei Fall 19, was im Folgenden beispielhaft aufgeführt wird: I: „Ich würde Sie eingangs unseres Interviews bitten, dass Sie mir einen ganz normalen Arbeitsalltag schildern [...] Was 88 Kapitel II: Methode passiert morgens, was passiert mittags, was passiert abends? Einfach mal, dass Sie mir schildern, chronologisch, wenn Sie zu Ihren Freunden oder Verwandten kommen und sagen, das war ein typischer Tag" (19:2) Im Nachgang zu diesen ersten Passagen wurden durch den Inter viewer vereinzelt Nachfragen zu unklaren Begriffen gestellt, etwa was der SLB unter einer „Hilfestellung" (111:8) versteht. In der Regel bezogen sich die Nachfragen darauf, vom SLB erwähnte Interaktionen noch einmal ausführlich zu schildern. So wurde beispielsweise 16 gebeten, den typischen Fall eines „Arbeitgeber kontakts" (16:6) aus der letzten Woche zu beschreiben oder eine erwähnte Beratung (116:6) vom Tag zuvor wiederzugeben. Schlussendlich wurde bei allen Befragten nach m eist etwas mehr als der Hälfte des Interviews das Gespräch them atisch auf die Ziele und Kennzahlen verengt. Dies fand durch zwei Abschnit te statt. Es wurde zunächst erfragt, inwieweit diese überhaupt bekannt sind, wie beispielsweise bei 119: B: „Sie haben von diesen kleinen Erfolgen erzählt, es g ibt ja so g roße Ziele, die vereinbart werden, zwischen Hessen und Jo b center. Bekommen Sie da was mit im Arbeitsalltag?" (119:23) Leicht abgewandelt findet sich diese Frage auch etwa bei 113: B: „Und je tz t vor dem Hintergrund dessen, dass ich noch was Ihnen vorlege, hat das Land Hessen mit allen kommunalen Jobcentern in Hessen Vereinbarungen abgeschlossen. Kennen Sie Zielvereinbarungen, haben Sie davon schon mal was g e hört?" (113:27) Hierbei ging es darum, den Kenntnisstand und auf einer W ertebe ne die Meinung der SLB zu dem Thema zu erfragen. Im Anschluss daran wurden den Befragten drei Zielvereinbarungen des Landes Hessens vorgelegt (Anhang 7). B: „Und dem entsprechend würde mich interessieren, ob Sie die kennen und was das fü r Sie bedeutet. Das ist z. B. das Ziel 1 Verringerung der Hilfebedürftigkeit" (110:56) Datenanalyse 89 Nach der Erhebung der Daten stand deren Auswertung an. Das Vorgehen dazu wird im folgenden Kapitel geschildert. 5. Datenanalyse Die in diesem Kapitel dargelegte Auswertung der Daten lehnt sich in der Darstellung der durchgeführten Schritte an das achtstufige Verfahren der Datenanalyse nach Creswell an (op. 2009 :185 ). 5.1. D atenaufbereitung Die Interviews wurden mit einem Diktiergerät aufgenommen und im Anschluss durch den Autor der vorliegenden Arbeit transkri biert. Eine Transkription verlangt vom Forscher eine Entschei dung über die Tiefe und Komplexität, inwieweit etwa jenseits des gesprochenen W ortes bei der Übertragung Informationen berück sichtigt werden (Gibbs 2 0 07 :23 ). Diese Studie strebte eine Balan ce zwischen Exaktheit und Umsetzbarkeit an, indem sie die einfa chen Transkriptionsregeln anwendete (Kuckartz 2010 :44 ; Dresing & Pehl 2 0 1 1 :2 1 -2 5 ). Diese lassen grundsätzlich Intonati onen außen vor - ermöglichen es aber, auffällige und zum Ver ständnis des Gesagten notwendige nonverbale Äußerungen im Transkript zu berücksichtigen. In der Folge wurden also in der Regel non-verbale Äußerungen außen vor gelassen, außer es war unabdingbar. Beispielsweise wurde bei 118 nur durch das Lachen deutlich, dass das Nicht-Hereinlassen eines Klienten keine Ver weigerung des Zugangs ist, sondern zeigt, dass er nach einem Arbeitstag durch die Vielzahl und die Intensität der Interaktionen erschöpft ist: I: „Also die Zeit schaltet voran, 10, 12 Kunden. Sagen wir mal so Beginn 8 Uhr, das dauert ja sicher auch, oder?" B: „Also das ist in einem Sprechtag von 8 bis 12. Und dann von 13 bis 16 oder sagen wir eher 15:30, weil um 16 Uhr lasse ich hier auch keinen mehr rein (lacht). Also dann ist man schon ein bisschen ausgebrannt, aber es läuft eigent lich so im Großen und Ganzen mit der Kundenkontaktdich 90 Kapitel II: Methode te. Ich persönlich habe immer Kunden bei mir am Schreib tisch, anstatt dass ich mit denen telefoniere." (118:4-5) Im Anschluss an das Verschriftlichen des Gesagten wurden das in MS-Word geschriebene Transkript in das Softwareprogramm MAXQDA (Version 11) eingespielt. Danach wurden die erhobenen Fallvariablen aufgenommen und für die Fallkontrastierung hinter legt (Alter, Geschlecht, Träger, Schulabschluss, Berufsabschluss, ggf. Erwerb der Qualifikation im Rahmen einer Hochschule, Ein gruppierung). Dieser Prozess wurde für alle Fälle durchlaufen. 5.2. Kodierung d er Daten Nach der Eingabe der ersten fünf Interviews wurde mit der Kodie rung begonnen. Die Kodierung ist eine Form der qualitativen Ana lyse (Creswell op. 2 0 0 9 :1 8 3 -2 0 2 ; Strauss & Corbin 1 9 9 8 :5 5 -2 4 2 ). Darunter versteht man den analytischen Prozess, durch den Daten zerlegt, konzeptualisiert und integriert werden, um daraus eine Theorie zu entwickeln (Strauss & Corbin 1998 :3). Ein Code ist ein Thema, eine Idee, ein Konzept oder ein Prozess, der nachweislich in den Daten vorhanden ist, weil Interviewte ihn ansprechen oder diskutieren (Hennink, Hutter & Bailey 2 011 :230 ). Ziel des Kodierens ist es, von einer einfachen Sichtweise auf die W elt oder Be schreibung der W elt durch die Interviewten zu Codes zu gelangen, die einen neuen theoretischen oder analytischen Weg eröffnen, um die Daten insgesamt zu erklären (Gibbs 2 0 07 :54 ). Klassi scherweise ist ein dreistufiges Kodieren vorgesehen, vom offenen über das axiale zum selektiven Kodieren (Strauss 1 9 9 4 :9 4 -1 0 6 ), also ein sequentielles Vorgehen. Kuckartz klassifiziert sechs For men des Kodierens (2 0 10 :59 ). Die wohl vollständigste Übersicht von Saldana (2013) zählt 25 Kodiermethoden allein für den ersten Kodierzyklus und sechs für den zweiten auf. Das Kodieren ist für den Anwender qualitativer Forschungsmethoden alles andere als die rein mechanische Anwendung eines vorab festgelegten For schungsstandards, sondern mit einem erheblichen Erm essens spielraum verbunden. Wie dieser im Rahmen der hier vorliegen den Studie genutzt wurde, ist Gegenstand der nachfolgenden Berichterstattung über das Vorgehen. Datenanalyse 91 Der Autor dieser Studie hat zunächst mit der Mikroanalyse (Strauss & Corbin 1998 :57 ) des „rohen" Datenmaterials begon nen. Es wurde also jedes einzelne Interview ausgedruckt, Zeile für Zeile durchgelesen, Passagen markiert und Anmerkungen hinzu gefügt. Dieses erste Durchlesen dient zum einen dazu, ein Gefühl für das tatsächlich Gesagte der individuellen Interviewpartner zu bekommen nach der direkten Interaktion des Forschenden mit den Interviewten. Zum anderen wurde bereits per Hand auf dem Papier mit der ersten Kodierung begonnen, die dann später über tragen wurde. Zunächst wurde bei dieser ersten Kodierung eine Prozesskodierung vorgenommen. Darunter wird eine Reihenfolge von Aktionen und Interaktionen in einer bestim mten Zeit und einem bestim mten Raum bezeichnet (Strauss & Corbin 1998 :165 ). In diesem Fall hat die Studie aufgrund der Literaturrezeption und Diskussion sich auf die Kategorie „Interaktion" und die Subkate gorien „Klient", „Peergroup" und „mittleres Management" bezo gen. Es wird davon ausgegangen, dass auf Basis der geschilderten Interaktionen die Arbeitsidentitäten konstruierbar werden. Dies ist Bestandteil des deduktiven Kodierens. Darunter versteht man Codes, die vor der Sichtung des Materials definiert und auf das Datenmaterial angewendet werden. Während der Datenanalyse kamen noch „Arbeitgeber" und „organisationsexterne Akteure" als induktive Codes hinzu. Zudem wurden zu diesem Zeitpunkt erste Memos geschrieben. Alle Informationen wurden dann in das Soft wareprogramm übernommen. Nach dieser ersten Kodierung wa ren dementsprechend die Daten vorstrukturiert in Interaktionen unterschiedlicher SLB mit unterschiedlichen Akteuren. Nach der ersten Kodierung der ersten fünf Interviews in der eingangs geschilderten Form wurde zudem im Sinne eines offenen Kodierens festgestellt, dass die geschilderten Interaktionen die Datenlage nicht hinreichend wiedergeben. SLB verfallen immer wieder, ungefragt, in wertende Äußerungen, die sich mit Berich ten über die Interaktionen vermengen. Deswegen wurden im Sin ne des W ertkodierens (Saldana 2 0 1 3 :1 1 0 -1 1 1 ) noch die Daten kodiert, die reine Meinungsäußerungen der SLB beinhalteten. Zunächst wurden die verschiedenen Textsegmente nach den jeweiligen Codes in Excel generiert und ausgedruckt. Analyse im qualitativen Sinne bedeutet Interpretation (Strauss 1994 :28), um 92 Kapitel II: Methode die dem menschlichen Verhalten zugrundeliegenden persönli chen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutungen zu entde cken (Hennink, Hutter & Bailey 2 0 11 :205 ). Basis der qualitativen Datenanalyse sind der perm anente Vergleich zwischen unter schiedlichen Fällen und das Stellen von Fragen (Strauss & Corbin 1 9 9 8 :7 3 -8 5 ). Mit der Vorstrukturierung durch deduktive Codes wurde technisch gesehen die Voraussetzung geschaffen, ähnliche Passagen zur notwendigen Fallkontrastierung per „systemati schen Vergleich von Textstellen" (Kelle & Kluge 2 0 0 8 :5 6 ) identifi zieren zu können. Die an die Daten gestellten sogenannten „gene rative Fragen" (Strauss 1994 :44 ) richteten sich nach der empirischen Fragestellung dieser Arbeit. Sie haben das Ziel, die Daten analytisch zu lesen und hinter das offensichtlich Gesagte zu blicken (Hennink, Hutter & Bailey 2 011 :224 ). Diese Studie ver wendete dabei die folgenden Fragen: - Was passiert in dieser Interaktion? - Welche Bedeutung hat das Ziel Arbeitsmarktintegration für die Interaktion? - Wie gestaltet der SLB sein Ermessen vor dem Hintergrund der Zielorientierung? - Was resultiert aus der Praxis des Erm essens für den Inter aktionspartner? - Inwieweit haben sich SLB mit den Zielvorgaben auseinan dergesetzt? - Was wissen SLB über die Zielvorgaben und wie denken sie darüber? Abbildung 11: Generative Fragen während der Datenanalyse (eigene Darstellung) Auf Basis dieser Fragen wurden die Daten interpretiert und dar aus entstanden w eitere induktive Codes, die im Programm in ei nem Codebook definiert wurden. Codes, die induktiv generiert wurden, sich aber im Verlauf des kontinuierlichen Vergleichs als nicht evident erwiesen, wurden aus der Kodierung entfernt. Eben so wurden Codes zusammengefasst und umbenannt, auch nach Diskussionen im kollegialen Austausch mit dem Erstbetreuer. Datenanalyse 93 Im darauffolgenden Schritt wurden die Codes, die sich durch gesetzt haben, in Bezug auf deren gemeinsame Eigenschaft sor tiert. Kategorie Bewusstheit über die Zielvorgaben i—r Druckregulierung Ziele und Zusammenhang Kennzahlen zwischen als professionelle Aktivität und Normen und Weite Wirkung Gemeinsame Eigenschaft Inkrem enteller W andel der Rechenschafts pflicht Verm eidung der intendierten Verantw ortlichkeit für die Arbeitsm arktintegration Internalisierung Kausalität versus zwischen Handeln Externalisierung der und Zie le Zielerreichung I I 1----1 t Gruppe von Codes Delegation Arbeitsmarkt integration Adaption Organisations intervention Interdependenzventil Ressourcenventil Funktionsventil Strategieventil Validitätsventil Sozioökonomieventil Humanismusventil • Werte • Erfolgsmessung • SLB-mittleres Management • SLB-Klient • Ermessen • Produkte • Strategie Abbildung 12: Codes, Eigenschaft und Kategorie (in Anlehnung an Hennink, Hutter & Bailey 2 0 1 1 :2 4 7 ) Aus dieser Form der Analyse entstanden vier zentrale Kategorien. Erstens wurde die Kategorie „Bewusstheit der Zielvorgaben" kon struiert. Darunter versteht diese Studie, dass SLB wissen und/oder ihr Ermessen danach ausrichten, dass es bei den Inter aktionen nicht allein darum geht, vorgegebene Rechte korrekt anzuwenden oder geliehene Ressourcen nicht missbräuchlich zu verwenden, sondern auch, Ziele zu erreichen. Zweitens entstand die Kategorie „Druckregulierung". Darunter wurde die Bewertung der SLB verstanden, mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen und Fähigkeiten die erfolgreiche Integrati on in Arbeit des Klienten nicht vollumfänglich gewährleisten zu können. Dies ist auch gleichzeitig die Schlüsselkategorie, der sie ben Subkategorien zugeordnet sind. Die Erkenntnis, dass die Ka tegorie „Druckregulierung" und die sieben Sub-Kategorien die Schlüsselkategorie bildet, setzte sich nach der abgeschlossenen Kodierung und der Darstellung der analytischen Zusammenhänge 94 Kapitel II: Methode zwischen den Kategorien durch, die später in Abbildung 13 illus triert und diskutiert wird. Drittens wurde die Kategorie „Zusammenhang zwischen Aktivität und Wirkung" konstruiert. Unter diesen Code fällt die Bewertung und Ermessenspraxis des SBLs, inwieweit zwischen Aktivitäten und Wir kung ein Zusammenhang besteht. Diese Kategorie wurde in die Sub kategorie „hoch" versus „niedrig" dimensionalisiert. Schlussendlich entstand die Kategorie „Ziele und Kennzahlen als Arbeitsidentität". Unter diesem Code wird im Rahmen der Studie verstanden, inwieweit Ziele und Kennzahlen als Bestandteil der Arbeitsidentität angenommen wurden. Dieser Kategorie wurde in „Internalisierung" versus „Externalisierung" dimensionalisiert. Durch die Bildung von Kategorien und Subkategorien bzw. Merkmalsausprägungen hat die Studie die erste Stufe der empirisch begründeten Typenbildung des vierstufigen Verfahrens der Typen bildung im Sinne von Kelle & Kluge (2 0 1 0 :9 1 -1 0 7 ) genommen. 5.3. Typenbildung Im Anschluss an diesen Schritt wurden die Fälle dem entstande nen Merkmalsraum der vier Quadranten zugeordnet, indem die codierten Interaktionen und die Einstellungen hinsichtlich der Kategorien „Zusammenhang zwischen Aktivität und Wirkung" und „Ziele und Kennzahlen als Arbeitsidentität" miteinander vergli chen wurden. Eine Typologie ist „das Ergebnis eines Gruppie rungsprozesses, bei dem ein Objektbereich anhand eines oder m ehrerer Merkmale in Gruppen bzw. in Typen eingeteilt wird" (Kluge, 2000 :2 ). Im Anschluss wurden die Fälle den vier Typen zugeordnet und verglichen. Im dritten Schritt wurden die Typen und die subsumierten Fälle erklärt und voneinander abgegrenzt. Zur Erklärung der vier Typen hat die Studie im Sinne eines me thodisch gemischten Ansatzes (Creswell 2 0 0 3 :2 0 3 ) die Fallvariab len hinzugezogen, um aus dem Vergleich der relativen Häufigkei ten von Merkmale im jeweiligen Typus die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen den Typen nicht nur einer qualitativen, sondern auch einer quantitativen Analyse zu unterziehen (soge nannte „mixed method" oder Triangulation). Hierdurch ergaben sich Erkenntnisse über die Typen, die sich allein aus einer rein qualitativen Analyse nicht ergeben hätten. Abgeschlossen wurde Ethik und Empirie 95 der vierstufige Prozess mit der Charakterisierung. Hier wurden vier reale Fälle ausgewählt, die den jeweiligen Typus am besten repräsentieren. 6. Ethik und Empirie Ethische Fragestellungen in empirischen Forschungsarbeiten stellten sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen medizini scher Forschungen zur Verträglichkeit von Medikamenten und sie resultierten in Vorgaben von Standards zum Umgang mit Men schen als Versuchspersonen (Lichtman 2 0 10 :53 ). Im Mittelpunkt stand damals das Bestreben, die Teilnehm er der Studie nicht zu verletzen. Unter einem Ethikkodex versteht man etwa ethische Regeln und Prinzipien, die von Berufsverbänden verabschiedet werden und die handlungsleitend für die Durchführung der Stu dien in der jeweiligen Disziplin sind (Creswell op. 2 0 09 :227 ). Solche Standards findet man nicht für qualitative Sozialforscher in Deutschland. Zudem sind etwa die Risiken physischer Beeinträch tigungen der Teilnehmer an Studien in den Sozialwissenschaften im Gegensatz zur medizinischen Forschung - tendenziell zu ver nachlässigen. Trotzdem haben sich ethische Fragestellungen bei der Konzeption, der Durchführung, der Auswertung und Darstel lung dieser Studie ergeben. Lichtman (2 0 1 0 :5 4 -5 8 ) benennt fünf wesentliche Prinzipien eines Ethikkodes in der qualitativen Sozi alforschung: Vermeidung von Schäden, Sicherung der Privatsphä re und Anonymität, Vertraulichkeit, informierte Einwilligung so wie Freiwilligkeit. Diese Prinzipien wurden im Rahmen dieser Studie wie folgt angewendet. Die Gefahr eines physischen Schadens ist in den Sozialwissen schaften im Allgemeinen und durch die im Rahmen der vorliegen den Studie ausgewählten Datenerhebungsmethoden im Speziellen von vorneherein nahezu auszuschließen. Trotzdem achtete der Autor bei den durch das problem zentrierte Interview eingeräum ten Nachfragen darauf, nicht hierarchisch oder autoritär nachzu fragen, sondern unter dem Aspekt des Verstehens die Sicht des Befragten gemeinsam mit diesem zu erarbeiten. Dies sollte auch dazu beitragen, allzu stressige emotionale Reaktionen oder ein 96 Kapitel II: Methode schlechtes Gewissen auf Seiten der Befragten zu vermeiden. Dass dies im W esentlichen auch gelungen ist, zeigt sich daran, dass fast alle Befragten nach dem Interview aussagten (Postskripte), das Gespräch als angenehmen empfunden zu haben, und dass es für sie interessant gewesen sei. Die Sicherung der Privatsphäre, Anonymität und Vertraulich keit ist bei einem qualitativen Interview aus Sicht der Studie das wichtigste Thema, da bei sensiblen Themen ohne die Zusicherung dieses Kriteriums keine authentischen Antworten zu erwarten sind. Um dies zu gewährleisten, wurde den Teilnehmern bereits im Vorfeld zugesichert, dass die Daten im Rahmen einer For schungsarbeit erhoben werden und nur durch eine Person aus gew ertet werden. Allein das Dissertationskomitee hatte aus Quali tätsgründen die Möglichkeit, auf die Daten zuzugreifen. Bei der Transkription wurden die Daten anonymisiert: Alle geografischen Angaben oder Namen wurden entfernt, so dass weder auf das Jobcenter noch auf den M itarbeiter geschlossen werden kann. Schwieriger war die Gewährleistung einer informierten Ein willigung. Bei einer vollständigen Information über das Untersu chungsziel wären die vom Interviewer vorgelegten Zielvereinba rungen 2013 (Anlage 7) als Stimuli für spontane Reaktionen ungeeignet gewesen: Es hätte die Gefahr bestanden, dass die In terviewten sich vorbereitet hätten. Hier galt es, eine Balance zwi schen vollständiger Inform iertheit der Teilnehmer auf der einen und der Bewahrung des Forschungsziels auf der anderen Seite zu finden. Folglich hat sich der Autor dieser Studie entschieden, bei teilweise gestellten Nachfragen im Vorfeld bezüglich des Inhalts des Interviews, davon zu sprechen, dass es um den Arbeitsalltag im öffentlichen Dienst gehe und Menschen, die das SGB II anwen den würden (vgl. Anlage 3). Dass diese Vorgehensweise insgesamt zufriedenstellend gelungen ist, zeigt sich daran, dass die Befragten sich nicht über den Ablauf des Interviews beschw ert und die Sti muli bereitwillig angenommen haben. Die geforderte Distanz zwischen Forscher und Teilnehmer war aufgrund der einmaligen Interviewsituation mit den bis dahin unbekannten Teilnehmern unproblematisch. Allein bei den per sönlich bereits bekannten Teilnehmern, das waren 4 von 21, galt es, während des Interviews Distanz zu wahren. Diese Situation M aßnahmen zur Sicherung der Datenqualität 97 war auch Gegenstand der Memos. Dies war aus subjektiver Sicht des Interviewers problemfrei, da die Teilnehmer sich schnell auf die Antworten konzentrierten. In den Interviews wurde erw iese nermaßen kaum auf das persönliche Verhältnis der Befragten Bezug genommen. Einige unbekannte Befragte haben dem Inter viewer das „Du" angeboten, das angenommen und in Interviews kenntlich gemacht wurde. 7. Maßnahmen zur Sicherung der Datenqualität In den Sozialwissenschaften gelten klassischerweise die Gütekrite rien der Validität, die Reliabilität und die Objektivität (Diekmann 2 0 0 4 :2 1 6 -2 1 9 ). Diese sind auf die qualitative Datenerhebung und -analyse schwer übertragbar, auch wenn in der qualitativen For schung Fragen nach den Gütekriterien an Bedeutung gewinnen (Brühl &Buch 2006 :7 ). Creswell (2009 :8 ) schlägt acht Validitäts strategien in der qualitativen Sozialforschung vor. In Anlehnung daran hat diese Arbeit Maßnahmen zur Qualitätssicherung reali siert. Zunächst eignete sich der Forscher zur korrekten Durchfüh rung der Datenerhebung und Auswertung bei einer MAXQDA- Anwendertagung vom 7.3.-9.3.2012 in Marburg die notwendigen praktischen Fertigkeiten im Umgang mit dem Programm an. Zu dem wurde die allein durch den Forscher vorgenommene Tran skription stichprobenartig durch eine dritte Person überprüft, um zu prüfen, inwieweit die Daten nach den angewendeten Tran skriptionsregeln korrekt transkribiert wurden. Neben diesen eher technischen Maßnahmen zur Qualitätssi cherung wurden weitere Maßnahmen zur Sicherung der sozial wissenschaftlichen Gütekriterien implementiert. Besondere Sorg falt war aus Sicht des Forschenden aufgrund des eigenen persönlichen Hintergrunds notwendig. Der Forschende war als Sozialwissenschaftler nach seinem Studienabschluss und während der Durchführung dieser Studie ununterbrochen in der öffentli chen Verwaltung beschäftigt, vier Jahren davon in leitender Funk tion bei der Umsetzung des Sozialgesetzbuchs II in einem Jobcen ter. Dies ermöglichte auf der einen Seite eine Kenntnis der (Fach-) 98 Kapitel II: Methode Sprache und der üblichen Begriffe. Durch diese Kontextsicherheit erfolgte aus Sicht des Forschenden zudem ein gewisses Maß an Kompetenzzuweisung durch die Interviewten, was sich positiv auf die Gesprächsführung auswirkte. Auf der anderen Seite bergen solche praktischen Erfahrungen immer die Gefahr der einseitigen Fokussierung auf bisherige Annahmen, ein Forschungsbias (Creswell op. 2009 :192 ). Um diese Gefahr zu minimieren, wurden ers tens zu Beginn der Interviews offene Fragestellungen gewählt. Dies eröffnete die Möglichkeit, auch unerwartete Aussagen zu erheben. Zweitens wurde die eigene Rolle auf diesen Aspekt hin in Memos reflektiert. Außerdem wurden in drei unterschiedlichen Kolloquien des Graduiertenkollegs der sozialwissenschaftlichen Fakultät Rückmeldungen von Professoren und teilnehmenden Promovierenden zu der Dissertation eingeholt, um fachliche Per spektiven von Seiten der sozialwissenschaftlichen Community zu berücksichtigen. Nach der Erhebung der Daten wurden die Ergebnisse der Da tenanalyse mit fünf Interviewpartnern und dem Erstbetreuer der Arbeit auf die Plausibilität hin besprochen und reflektiert. Dieses sogenannte „member checking" (Creswell op. 200 9 :1 9 1 ) diente dazu, die Angemessenheit der Analyse zu reflektieren, vor allem, um herauszufinden, inwieweit sich die SLB in der Beschreibung der konstruierten Typen wiederfinden können. Schlussendlich wurden abweichende oder widersprüchliche Informationen (Cre swell op. 2 0 09 :192 ), also Befunde in der Empirie, die gegen die Interpretation sprechen, in den Forschungsergebnissen erwähnt. Bei der Präsentation und Konstruktion der Ergebnisse in Kapi tel III wurde darauf geachtet, dass diese möglichst evidenzbasiert am Datenmaterial erfolgen. Die Basis dieser „rieh, thick decriptions" (Creswell op. 2 0 0 9 :1 9 1 -1 9 2 ) gewährleistet Transparenz über die Erhebung und Analyse der Daten, so dass diese Schritte nachvollzogen werden können. Zudem wurden die Codes in einem Codebook definiert und festgehalten und können mit Hilfe des Softwareprogramms MAXQDA nachvollzogen werden, so dass die Erhebung und die Interpretation überprüfbar sind. Grenzen der Studie 99 8. Grenzen der Studie Diese Studie hat mit dem qualitativen Forschungsansatz ein Ver fahren gewählt, das aufgrund der geringen Fallzahl eine generelle Aussage über die Population aller SLB in Deutschland, die das SGB II umsetzen, nicht zulässt. Zudem beschränkt sich die Fal lauswahl auf das Bundesland Hessen. Auch wenn sich die institu tioneilen Zielvorgaben zwischen den Bundesländern ähneln, be schränkt diese länderspezifische Auswahl die Übertragbarkeit auf andere Bundesländer. Jedoch gilt es, sich im Sinne eines reflexiven und kritischen sozialwissenschaftlichen Ansatzes der Grenzen der Studie und ihrer Erkenntnisse bewusst zu sein. Zum einen existierte für den Autor kein einfacher und freier Feldzugang zu den Fällen. SLB befinden sich in einem hierarchi schen Abhängigkeitsverhältnis in einem Jobcenter, das wiederum in einer Rechenschaftspflicht gegenüber übergeordneten Fachauf sichten steht. Dies bedeutet, dass die rein kriteriengestützte Fal lauswahl in der Idealform mit den Feldbedingungen nicht immer vereinbar war. Diese Annahme bestätigte sich, als von den aus vorherigen Forschungszusammenhängen bekannten angeschrie benen hessischen Jobcentern einige kein Interesse daran hatten, an der Befragung teilzunehmen. Somit waren dortige SLB als Teil nehmer von vorneherein ausgeschlossen. Zum anderen meldeten sich nach der offiziellen W eitergabe durch die Geschäftsführungen einiger Jobcenter SLB bei dem Forschenden, um ihre Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie zu bekunden. Das bedeutet, dass eine unbekannte Anzahl an SLB an der Befragung nicht teilgenommen hat, obwohl ihnen hierarchisch gesehen die Möglichkeit dazu ein geräumt wurde. Die Gründe hierfür können wissenschaftlich nicht nachvollzogen werden, müssen aber bei der Bewertung der Er gebnisse berücksichtigt werden. Um diesem Phänomen zu begegnen, wurden auch informelle Zugänge zu SLB über persönliche Beziehungen gewählt. So wur den schlussendlich Interviewpartner aus zwei Jobcentern formell (Anfrage, Anschreiben, mit W issen der Leitung) und aus zwei Jobcentern informell (persönliche Kontakte, Schneeballverfahren, ohne Wissen der Leitung) rekrutiert, um die Effekte einer zu en gen Auswahl auf teilnahm ebereite Jobcenter oder Interview 100 Kapitel II: Methode partner zu begrenzen und eine möglichst heterogene Gruppe von Interviewpartnern zu generieren. Informelle Empfehlungen wa ren für den Feldzugang insgesamt überaus wichtig. W eiterem p fehlungen erhöhten wesentlich die Akzeptanz und Bereitschaft zur Auskunft. So nahmen fünf Fälle nur daran teil, weil es eine Empfehlung von Seiten des vorherigen Interviewpartners gab. Des W eiteren handelt es sich bei der empirischen Untersu chung um eine „ex post"-Betrachtung im doppelten Sinne: Die ursprünglichen Ausgangsdaten vor der Einführung der Zielvorga ben und Kennzahlenvergleiche sind nicht bekannt. Dadurch kann auch keinerlei Aussage über den Grad der Veränderung getätigt werden. Schlussendlich bilden Schilderungen über vergangene Ereignisse handelnder Akteure die Datengrundlage, nicht aber Tonband- oder Videoaufnahmen tatsächlicher Interaktionen mit Klienten. Auf der einen Seite führt dies zu der Schwäche, dass es zu Schilderungen kommen kann, die problematische oder für den SLB nachteilige Situationen vermutlich nicht enthält. Auf der an deren Seite ist die Motivation dieser Studie nicht eine detailge treue Rekonstruktion von SLB-Klienten-Interaktionen, sondern eine Erfassung und Konstruktion der Sichtweise von SLB auf ihre Lebenswelt unter den neuen Rahmenbedingungen der Zielvorga ben. Somit ist das problem zentrierte Interview durchaus das ge eignete Mittel der Wahl, das zum Forschungsziel passt. Bei der Auswahl der Interviewpartner sind SLB, die möglich erweise das Aufgabengebiet verlassen haben - vielleicht auch aufgrund des erhöhten Drucks durch die Zielvorgaben - schwer für ein Interview zu gewinnen gewesen. Zudem bedeutet die Ein führung des NPM, dass ein Großteil der öffentlichen Träger die Dienstleistungserbringung mittlerweile privatisiert hat (Langer &Pfadenhauer 2007 :223 ). Die dort tätigen SLB sind nicht inter viewt worden, obwohl sie durchaus unter die Definition der SLB fallen. 9. Zusammenfassung Für die Studie wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Dieses ermöglicht dem Forscher eine möglichst breitbandige Er Zusammenfassung 101 fassung des Untersuchungsgegenstands, ohne dass eine Hypothe se aufgestellt wird (induktives Vorgehen). Einen Fall definiert diese Studie als einen SLB und seine Strategie aufgrund der ver änderten Rahmenbedingungen. Als SLB werden im Rahmen dieser Studie Akteure definiert, die rechtswirksam e Bescheide erlassen können. Dabei konzentriert sich diese Studie auf SLB aus dem Bundesland Hessen. Es konnten SLB aus vier unterschiedlichen Jobcentern und aus drei unterschiedlichen sozioökonomischen Rahmenbedingungen zur Teilnahme gewonnen werden. Insge sam twurden 21 SLB interviewt. Auf der Basis von vier Variablen fand ein kriteriengestütztes theoretisches Sampling der Interviewteilnehmer statt: 57 % wa ren weiblich, 43 % männlich; 85 % verfügten über einen (Fach-) Hochschulabschluss, wendeten durchschnittlich rund 9 Jahre das SGB II an und waren durchschnittlich 43 Jahre alt. Alle Befragten waren in der Entgelt- oder Vergütungsgruppe des ehemaligen gehobenen Dienstes zu verorten. Die Datenerhebung fand vor allem in Form problem zentrierter Interviews statt. Zudem wurden Memos geschrieben, die sowohl den Prozess der Datenerhebung als auch die Inhalte der Datener hebung reflektierten. Das problem zentrierte Interview lief in der Form ab, dass der Forscher sich zunächst einen typischen Ar beitsalltag schildern ließ. Im Nachgang fanden Verständnisfragen zu Begriffen oder Interaktionen statt. Etwa in der Mitte des Inter views wurden dann drei Zielvereinbarungen in Hessen vorgelegt. Hier fanden dann gezielte Nachfragen statt. Die Daten wurden für die Datenanalyse aufbereitet, indem eine Transkription auf der Basis einfacher Transkriptionsregeln statt fand. Im Anschluss an die Transkription wurden die Daten mit den Fallvariablen in das Softwareprogram MAXQDA eingetragen. Die Kodierung beinhaltete deduktive und induktive Codes. Deduktive Codes waren geschilderte Interaktionen (Klienten, Peergroup, mittleres Management). Die Schlüsselkategorie des induktiven Kodierens war „Druckregulierung", um die sich die drei Codes „Bewusstheit der Zielvorgaben", „Zusammenhang zwischen Akti vität und Wirkung" sowie „Ziele und Kennzahlen als Arbeitsidenti tät" gruppierten. 102 Kapitel II: Methode Die beiden Codes „Zusammenhang zwischen Aktivität und Wirkung" und „Ziele und Kennzahlen als Arbeitsidentität" bildeten den Merkmalsraum, auf dessen Basis eine Typologie der Arbeitsi dentitäten konstruiert wurde. Im Anschluss daran wurden die realen Fälle dem Merkmalsraum zugeordnet. Zur Sicherung ethischer Standards war vor allem die Zusiche rung der Anonymität wichtig, da die Daten sensible Schilderungen aus einem hierarchischen Umfeld enthalten, sowohl innerhalb des Grundsicherungsträgers als auch vom Grundsicherungsträger gegenüber der Aufsichtsbehörde. Deswegen wurden alle Daten, Orte und Namen bei der Transkription entfernt. Zur Sicherung der Datenqualität wurden vielfältige Maßnah men zur Sicherung der klassischen sozialwissenschaftlichen Güte kriterien unter den Bedingungen der qualitativen Sozialforschung unternommen. Zudem wurde der Forscher in der Programman wendung geschult. Offene Fragen, das Schreiben von Memos so wie die Reflexion in unterschiedlichen Kolloquien der sozialwis senschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen sollten das Forschungsbias minimieren. Zudem wurden die Analy seergebnisse mit einzelnen Interviewpartnern besprochen. Eine höchstmögliche Transparenz zwischen Daten und deren Interpre tation wurde erreicht, indem sowohl die Daten und deren Codie rung als auch die daraus gezogenen Rückschlüsse bei der Darstel lung erörtert wurden. Dabei wurden auch möglicherweise von den Rückschlüssen abweichende Daten und alternative Interpre tationen diskutiert.

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References

Zusammenfassung

Leistungsvergleiche und Zielvereinbarungen aus dem New Public Management sind seit der Einführung der Paragrafen §§ 48a und 48b fester Bestandteil der Arbeit der Jobcenter in Deutschland. Der Druck, die Ziele zu erreichen, lastet auf den Fallmanagern und Arbeitsvermittlern, den sogenannten „Street Level Bureaucrats“. Die qualitative Studie beantwortet die Frage, wie diese damit umgehen – und diskutiert, was die Ergebnisse für das Bestre­ben des Staats bedeuten, das Problem der Langzeitarbeitslo­sigkeit zu lösen.

„Eine empirische Arbeit, die auf Basis einer klar herausgearbei­teten und theoretisch eingebetteten Fragestellung vielfältige empirische Ergebnisse mit praktischer Relevanz erzielt.“

apl. Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner

„Verwaltungswissenschaftliche Forschung ist in Deutschland weniger ausgeprägt als etwa im angelsächsischen Raum. Mit der konsequenten Anwendung von Lipsky‘s Street-Level Per­spektive transportiert die Studie wichtige Impulse in den deutsch­sprachigen Raum.“

Prof. Dr. Frank Unger

„Die Studie behandelt ein gesellschaftlich wichtiges Thema aus praxisorientierter, verwaltungswissenschaftlicher Per­spektive. Die Identifizierung von sieben Strategien zur Druckregu­lierung und die Herausarbeitung von vier Arbeitsidentitäten sind dabei besonders bereichernd.“

Prof. Dr. Timo Weishaupt