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Bernd Sommer, Was ist Transformationsdesign? Zu den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung sozialen Wandels unter normativen Leitbildern In schwerer Sprache in:

Lars Bruhn, Jürgen Homann, Christian Judith, Anja Teufel (Ed.)

Inklusiver Arbeitsmarkt, page 43 - 53

Zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3969-4, ISBN online: 978-3-8288-6857-1, https://doi.org/10.5771/9783828868571-43

Tectum, Baden-Baden
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43 Was ist Transformationsdesign? Zu den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung sozialen Wandels unter normativen Leitbildern1 Bernd Sommer In schwerer Sprache 0 Einleitung In den Nachhaltigkeitswissenschaften sowie der sozial-ökologischen Forschung ist in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort der ‚Transformation‛ ein neuer Forschungszweig entstanden, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sich moderne Gesellschaften in Richtung Nachhaltigkeit transformieren können. Im Gegensatz zur Transformationsforschung in den Politikwissenschaften, die sich in Folge des Zusammenbruchs des Ostblocks mit der Transformation der politischen und wirtschaftlichen Regime in den ehemals sowjetkommunistischen Staaten befasst, wird hier der Transformationsprozess also nicht retroperspektiv oder begleitend analysiert, sondern als Zukunftsaufgabe verstanden. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Debatte in der Nachhaltigkeitsforschung fragt der folgende Beitrag nach den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse unter normativen Leitbildern. Dazu werden Befunde aus der sozial-ökologischen Transformationsforschung in Hinblick auf deren Übertragbarkeit auf die gesellschaftlichen Bemühungen diskutiert, mehr Inklusion am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Konkret wird (1.) herausgearbeitet, dass in beiden Feldern die Orientierung an normativen Leitbildern von zentraler Bedeutung ist, (2.) die eigentümliche Widersprüchlichkeit gegenwärtiger sozialer Entwicklungen – sowohl im Bereich der Nachhaltigkeit als auch der Inklusion – in den Blick genommen, (3.) auf die Bedeutung von ‚Geschichten des Gelingens‛ für eine transformation by design eingegangen sowie (4.) die Ver- änderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse als Kern jedweden sozialen Wandels identifiziert. Noch ein Hinweis zur Einordnung der folgenden Ausführungen: Der Autor ist kein Experte für die Themen ‚Inklusion‛ oder ‚Arbeitsmarkt‛. Meine Arbeits- und 1 Dieser Beitrag basiert auf Überlegungen und bisweilen auch textidentischen Passagen, die zuvor zusammen mit Harald Welzer unter dem Titel Transformationdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne (Sommer/Welzer 2014) im Münchener oekom Verlag veröffentlicht worden sind. 44 Forschungsschwerpunkte als Soziologe sind sozial-ökologische Problemkonstellationen, entsprechende Transformationsprozesse sowie das Thema der Nachhaltigkeit. Aus dieser Perspektive – also gewissermaßen ‚von außen‛ – werde ich versuchen, Aspekte und Analogien herauszuarbeiten, die mir für ein Verständnis des gegenwärtigen Inklusionsdiskurses hilfreich erscheinen. 1 Transformation by disaster or by design? Normative Leitbilder im Transformationsdiskurs Im September 2009 veröffentliche eine Gruppe von Naturwissenschaftler*innen um Johan Rockström, dem Direktor des Stockholm Environmental Institutes, unter dem Titel „A safe operating space for humanity‟ (Rockström et al. 2009) in der Fachzeitschrift Nature einen Artikel, der beschreibt, wie sich in neun kritischen Bereichen des Erdsystems, die in den vergangenen 10.000 Jahren weitgehend stabil geblieben sind, zum Teil dramatische Veränderungen vollziehen. Dies sind die Bereiche „Landnutzungsänderungen‟, „Biologische Vielfalt‟ bzw. „Artensterben‟, „Chemische Verschmutzungen‟, „Klima‟, „Ozeanversauerung‟, „Ozeonschicht‟, „Partikelverschmutzung der Atmosphäre‟, „Süßwasserverbrauch‟ sowie „Veränderung des Phosphor- und Stickstoffkreislaufs‟. Gemeinsam ist diesen globalen Umweltveränderungen, dass sie allesamt durch menschliche Aktivitäten verursacht sind. Bei Artenvielfalt, dem Klima und dem Stickstoffkreislauf sind die Veränderungen bereits so gravierend, dass die natürlichen Lebensgrundlagen von Gesellschaften irreversibel und existenziell bedroht sind. Der Klimawandel ist in aller Munde, daher soll hier kurz auf das Problem des Artensterbens eingegangen werden; ein Problem, das weniger Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet: In ihrem Buch The Sixth Extinction. An unnatural History, für das die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elisabeth Kolbert (2015) den Pulitzer Preis bekam, thematisiert sie den gegenwärtigen Verlust an biologischer Vielfalt als sechste große Phase des Massensterbens in der Erdgeschichte. Jährlich verschwinden nach Schätzungen ca. 20.000 Arten. Im erdhistorischen Vergleich ist die Aussterberate bei einigen Arten damit um bis zu 45.000-mal höher als die sogenannte Hintergrundrate, wonach etwa alle tausend Jahre irgendwo auf der Welt eine Amphibienart ausstirbt oder alle 750 Jahre ein Säugetier. Gegenwärtig sind dadurch mehr als ein Drittel aller Amphibien, ein Drittel aller riffbildenden Korallen, ein Viertel aller Säugetiere, ein Fünftel aller Reptilien und ein Sechstel aller Vögel vom Aussterben bedroht (ebd.). Waren für frühere Phasen des Massenaussterbens – wie z. B. das Massensterben der Dinosaurier infolge eines Meteoriteneinschlags – natürliche Ereignisse verantwortlich, ist aktuelle Aussterbewelle durch menschliche Aktivitäten verursacht. Daher lautet auch der englische Untertitel von Kolberts Buch auch „An unnatural history‟. Mit den ‚Planetaren Grenzen‛ ist die strukturelle Nicht-Nachhaltigkeit moderner Gesellschaften aber noch nicht hinreichend beschrieben. Denn sie beziehen 45 sich vor allem auf die ‚Outputseite‛ des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur. Aber es ist klar, dass die Endlichkeitsproblematik, wie sie etwa bereits vom Club of Rome bzw. Donella und Dennis Meadows et al. (1972) beschrieben worden sind, weiter virulent bleibt: Eine ganze Reihe mineralischer Ressourcen (wie fossile Brennstoffe) aber auch Phosphor, dem eine zentrale Rolle in der modernen Landwirtschaft zukommt, sind und bleiben endlich. Vor dem Hintergrund dieser Endlichkeit natürlicher Ressourcen sowie der Übernutzung ökologischer Senken ist also nicht die Frage, ob eine Transformation des aktuellen Wirtschafts- und Kulturmodells der Gegenwartsgesellschaften erfolgen wird, sondern ob diese stärker von den Verhältnissen erzwungen oder zumindest noch einigermaßen durch Einsicht gestaltet werden kann. Kurz: ob die Transformation ‚by design or by disaster‛ erfolgt. Es liegt auf der Hand, dass das ein Nachdenken über eine ‚transformation by design‛, also die Gestaltung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse etwas mit normativen Vorstellungen zu tun hat, sprich, zumindest in groben Zügen, das Bild einer wünschenswerten Zukunft vorliegen muss. Die Frage lautet dann natürlich: Wie kann ein solches normatives Leitbild aussehen? In der sozial-ökologischen Forschung wird mitunter als normativer Anspruch formuliert, dass die gesellschaftlichen Naturverhältnisse so gestaltet sein sollen, dass es allen Menschen möglich ist, ihre vitalen Grundbedürfnisse zu befriedigen (Becker et al. 2011). Selbstverständlich sind selbst vitale Grundbedürfnisse stets kulturell überformt bzw. ausgeprägt. Dennoch brauchen Menschen, um zu überleben, unabhängig von ihrem konkreten gesellschaftlichen oder kulturellen Hintergrund, sauerstoffreiche und schadstoffarme Luft zum Atmen, sauberes Trinkwasser, Schutz vor Hitze und Kälte etc. (ebd.). Große Teile der Menschheit können diese Grundbedürfnisse derzeit nur unzureichend befriedigen, wie z. B. die anhaltenden und wiederkehrenden Ernährungskrisen zeigen. Diese Überlegungen greifen aber noch zu kurz: So hat der Historiker Dipesh Chakrabary (2009, 208) darauf hingewiesen dass die Veränderungen, die aus ökologischer Perspektive so bedrohlich aussehenen, für die Gesellschaften, die sie durchliefen bzw. immer noch durchlaufen, eine Phase der Emanzipation und der Erweiterung von individuellen Handlungsspielräumen darstellt: „The mansion of modern freedoms stands on an ever-expanding base of fossil fuel use. Most of our freedoms so far have been energy-intensive.‟ Damit stehen die frühindustrialisierten Gesellschaften im 21. Jahrhundert vor der höchst konkreten Frage, wie sie erreichte zivilisatorische Standards in Sachen Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Bildungs- und Gesundheitsversorgung aufrechterhalten und zugleich die Übernutzung des Naturraums radikal zurückgefahren werden kann. Bisher ist keine Gesellschaft bekannt, welche diese Bedingungen erfüllt. Eine solche Fragestellung reicht aber weit über vergleichsweise eng gefasste 46 Fragen, wie zum Beispiel das ‚2-Grad-Ziel‛ in der internationalen Klimapolitik oder die ‚Energiewende‛ in Deutschland realisiert werden können, hinaus. Tatsächlich gewinnen solche Ziele und Vorhaben ihren Sinn ja erst darin, dass mit ihnen ein wünschenswerter gesellschaftlicher Zustand aufrechterhalten bzw. erreicht werden kann. An dieser Stelle besteht ganz grundsätzlich eine Analogie zum Thema der Inklusion: Auf Tagungen wie dieser zum Thema „Inklusiver Arbeitsmarkt – zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren‟ steht ganz offenkundig auch das Nachdenken über eine ‚transformation by design‛ im Vordergrund; sie beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse unter normativen Leitbildern. Anstelle von ‚Nachhaltigkeit‛ oder einer ‚reduktiven Moderne‛ (Welzer et al. 2014, 6) geht es hier jedoch um ein Transformationsdesign, das sich an der Gestaltung inklusiver sozialer Beziehungen orientiert. Konkret geht es um Fragen wie die Folgenden: Mit Hilfe welcher Instrumente und politischen Maßnahmen kann der Arbeitsmarkt unter dem Leitbild der Inklusion transformiert werden? Welche Barrieren treten hierbei auf und wie lassen sich diese überwinden? 2 Die Great Transformation und ihre Folgen: Zur Widersprüchlichkeit des gegenwärtigen Nachhaltigkeits- und Inklusionsdiskurses In The Great Transformation beschrieb der aus Österreich-Ungarn stammende US-amerikanische Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi (1973 [1944]), wie sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Marktwirtschaft, die zuvor in weitere gesellschaftliche Bezüge (wie Religion, Moral, Traditionen und andere gesellschaftliche Institutionen) eingebettet war, „entbettet‟ wird und zunehmend die übrigen gesellschaftlichen Bereiche dominiert: Aus der Marktwirtschaft wurde die „Marktgesellschaft‟, so lautet Polanyis Diagnose, mit verheerenden Folgen, insbesondere für die „fiktiven Waren‟ Arbeit, Land (die natürliche Umwelt) und Geld (ebd., 102). Denn Polanyi hält die Idee eines sich selbstregulierenden Marktes für eine „krasse Utopie‟ (ebd.: 1).: „Eine solche Institution konnte über längere Zeiträume nicht bestehen, ohne die menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft zu vernichten.‟ Daher zögen in einer doppelten Bewegung größere Liberalisierungsschübe und die Ausweitung des Freihandels unweigerlich auch Gegenreaktionen nach sich, als „Selbstschutz der Gesellschaft‟ (ebd., 182) vor den schwerwiegendsten Auswirkungen einer unkontrollierten Marktwirtschaft. Um die Dimension einer Nachhaltigkeitstransformation zu verdeutlichen, erfolgt in der einschlägigen Forschung mitunter eine Bezugnahme auf Polanyi’s The Great Transformation – so etwa prominent im Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 47 Gesellschaftsvertag für eine Große Transformation aus dem Jahr 2011 (WBGU 2011). Ohne Zweifel vollzieht sich auf der Welt gegenwärtig erneut eine Great Transformation. Doch scheint es sich dabei nicht um die Art der Transformation zu handeln, wie sie der WBGU und Umwelt- und Nachhaltigkeitsakteur*innen zur Erreichung von Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen fordert bzw. für notwendig hält. Vielmehr gibt es auffällige Parallelen zu der von Polanyi beschriebenen Great Transformation. Gegenwärtig ist im globalen Maßstab die Einverleibung immer größerer gesellschaftlicher Bereiche in die kapitalistische Wachstums- ökonomie zu beobachten. Soziologen wie Klaus Dörre (2009, 21) sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Neuer Landnahme‟ und dies ist nicht allein buchstäblich zu verstehen; obgleich dies – wie das Beispiel des sogenannten Landgrabbings zeigt – durchaus auch der Fall ist. In den vergangenen Jahrzehnten ist ein säkularer Trend in Richtung Monetarisierung bzw. Inwertsetzung ehemals nicht-monetarisierter Bereiche (wie Bildung, Kultur oder auch von Saatgut) zu beobachten. Und wie von Polanyi beschrieben, bleiben auch hierbei die entsprechenden Folgen nicht aus. Vor einigen Jahren hat die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser (2013, 119) auf die Parallelen zwischen der von Polanyi beschriebenen und aktuellen Entwicklung hingewiesen: „Now, as then, a relentless push to extend and de-regulate markets is every where wreaking havoc—destroying the livelihoods of billions of people; fraying families, weakening communities and rupturing solidarities; trashing habitats and despoiling nature across the globe. Now, as then, attempts to commodify nature, labour and money are destabilizing society and economy—witness the destructive effects of unregulated trading in biotechnology, carbon offsets and, of course, in financial derivatives; the impacts on child care, schooling, and care of the elderly. Now, as then, the result is a crisis in multiple dimensions—not only economic and financial, but also ecological and social.‟ Bemerkenswert an der aktuellen Great Transformation ist, dass sie sich zeitgleich mit dem Aufkommen des Nachhaltigkeitsdiskurses und der Verstärkung entsprechender gesellschaftlicher Bemühungen vollzieht. In den vergangenen 40 Jahren ist eine veritable Umweltbewegung entstanden, die heute in Parteien, Ministerien, Ämtern, Vereinen, Studiengängen und Professuren, eigenen Medien etc. ihren Ausdruck findet. Während aber der gesellschaftliche Aufwand steigt, mehr Nachhaltigkeit in die Welt zu bringen, gehen gegenwärtig nachhaltige soziale Praktiken weltweit im großen Stil verloren. So verschwinden ganz aktuell die Fahrräder und Rikschas von den Straßen der Städte Chinas und Indiens und werden durch Automobile mit Verbrennungsmotor ersetzt. Nachhaltige Kulturpraktiken – wie das eigene Kochen oder Reparieren von Konsumgütern – werden durch marktvermittelte Dienstleistungen ersetzt oder verschwinden gänzlich, 48 da die Reparatur eines Turnschuhs oder Mobiltelefons vielfach ohnehin teurer ist als ein neues Produkt, das in einem der asiatischen Sweatshops gefertigt worden ist. In dieser paradoxen Entwicklung sehe ich eine zweite Analogie zum Themenfeld der Inklusion: Auch hier haben auf der Ebene der Bekundungen sowie ersten Maßnahmen die Bemühungen, für mehr gesellschaftliche Inklusion benachteiligter Personen zu sorgen, in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Gleichzeitig vollziehen sich seit mehr als 20 Jahren auf dem Arbeitsmarkt Ver- änderungen, die für Menschen mit und ohne Benachteiligungen zunehmend Zumutungen bereithalten. Kurz möchte ich einige Schlagworte der diesbezüglichen Debatten nennen: So wird in den Sozialwissenschaften von einer zunehmenden Prekarisierung der Erwerbsarbeit ausgegangen (Dörre 2009), worunter unter anderem die Etalbierung eines Niedriglohnsektors, zunehmende Zeit- und Leiharbeit oder verstärkte Scheinselbstständigkeit etc. gefasst wird. Gleichzeitig wird auch eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben‟ (Gottschall/Voß 2005) attestiert, was für die Arbeitnehmer*innen mit vielfachen psychischen Belastungen und Stresserfahrungen einhergeht. Diese Entwicklungen konterkarieren alle zarten Bemühungen – seien sie ernst gemeint oder eher auf Ebene der Symbolpolitik zu verorten – den Arbeitsmarkt inklusiver zu gestalten bzw. stellen diesbezüglich eine zusätzliche Herausforderung dar. 3 „Geschichten des Gelingens‟: Die Veränderung sozialer Praxis durch soziale Praxis In der Nachhaltigkeitsforschung findet das sogenannte Mind Behaviour Gap, worunter die empirischen Befunde zusammengefasst werden, dass Menschen zumeist nicht in Einklang mit ihren (ökologischen) Überzeugungen und Einstellungen handeln (siehe z. B. WBGU 2011: 81f), anhaltend große Aufmerksamkeit. In immer neuen Variationen wird untersucht, wie eben diese Kluft zwischen Wissen und Handeln überbrückt werden kann. Die vom Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer gegründete Stiftung FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit (www.futurzwei.org) geht hier einen anderen Weg. In sogenannten Geschichten des Gelingens wird von Menschen und Initiativen berichtet, die bereits unter den gegebenen Bedingungen alternative Formen des Wirtschaftens, der Fortbewegung, des Wohnens etc. vorführen. Dabei geht es nicht allein um die ‚Vorbildfunktion‛, die solchen Initiativen zukommt. Vielmehr sollen konkrete Alternativen, die vom dominanten konsumistischen und nicht-nachhaltigen Pfad abweichen, sichtbar gemacht werden. Es geht also um die Demonstration der ‚Machbarkeit‛ nachhaltiger Lebens- und Produktionsweisen. Dadurch erweitern sich dann theoretisch auch die Handlungsspielräume für alle, die an einem Pfadwechsel in Richtung Nachhaltigkeit interessiert sind. Mit anderen Worten, bei FUTURZWEI geht es nicht um eine Brücke ‚vom Wissen zum Handeln‛, sondern der Ansatz zielt darauf, dass veränderte soziale Praktiken selbst weitere Ver- 49 änderungen sozialer Praktiken hervorrufen. Dies ist insofern folgerichtig, da Untersuchungen zeigen (siehe z. B. Kny et al. 2015), dass weniger entsprechende Einstellungen, sondern vor allem die Verfügbarkeit konkreter Alternativen sowie Aspekte der Praktikabilität darüber entscheiden, ob sich Menschen nachhaltig verhalten oder eben nicht. Auch diese Befunde erscheinen mir für das Thema der Inklusion bzw. die Bemühungen, soziale Verhältnisse weniger ausgrenzend zu gestalten, von ungeheurer Bedeutung: Ein inklusiverer Arbeitsmarkt wird nicht dadurch erreicht, dass durch mehr ‚Aufklärung‛ auf das Thema hingewiesen wird und entsprechende Appelle an Arbeitgeber gerichtet werden. Vor dem Hintergrund der Befunde aus der Nachhaltigkeitsforschung scheint es zielführender, durch Maßnahmen wie affirmative action oder andere gesetzliche Maßnahmen für den Abbau von Barrieren zu sorgen, sodass sie nicht nur die domminante gesellschaftliche Praxis (z. B. auf dem Arbeitsmarkt – aber gewiss nicht nur dort) ver- ändert, sondern sukzessive auch die diesbezüglichen Normalitätsvorstellungen. 4 Kein sozialer Wandel ohne Änderung der gesellschaftlichen Machverhältnisse Ein gesellschaftlicher Transformationsprozess, auf den in der aktuellen Klimaund Transformationsdebatte wiederholt Bezug genommen wird, ist der Abolitionimus, die Abschaffung der Sklaverei im atlantischen Raum. Denn hier geht es auch um einen großskaligen, historischen Transformationsprozess, der von einer sozialen Bewegung getragen wurde, bei der normative Überzeugungen von zentraler Bedeutung waren. In der Tat zeigen beide Transformationsprozesse – die Abschaffung der Sklaverei und eine Nachhaltigkeitstransformation – bemerkenswerte Parallelen: Bei der gesellschaftlichen Institution der Sklaverei gilt ein Sklave als Eigentum seines Herren, der das Recht hat, seine Arbeitskraft zu nutzen, ohne dass daraus Entlohnungspflichten resultieren. Die Ausbeutung von Sklaven war im 18. und frühen 19. Jahrhundert vielerorts so selbstverständlich wie heute der Verbrennungsmotor oder Kohlekraftwerke: Der Besitz von Sklaven war gesellschaftlich akzeptiert, die wirtschaftliche Bedeutung der Sklavenarbeit auf den amerikanischen Tabak- und Baumwollplantagen ähnlich zentral wie billige Energie für die heutige Industrieproduktion (Bauer/Sommer 2011). Auf Basis der primären Funktion von Sklaven als Arbeitskraft entwickelte sich eine Sklaverei-Gesellschaft, eine ‚umfassende Existenzform‛: Das Herr-Sklave-Verhältnis war im Alltag allgegenwärtig und bestimmte das gesellschaftliche Bewusstsein (Osterhammel 2009, 995). Auch heute ist das weltweit dominierende fossile Energieregime mehr als nur eine bestimmte Form der Energieversorgung, sondern auf der Nutzung der fossilen Energieträger basieren auch zahlreiche Lebensgewohnheiten wie Urlaubs- und Freizeitaktivitäten, Mobilität- und Konsummuster sowie Beziehungsmuster ganz im Allgemeinen. 50 Zentral ist in diesem Zusammenhang die Metapher der „Energiesklaven‟, wie sie der Umwelthistoriker John McNeill (2005, 30) in die Debatte eingeführt hat: Zur Aufrechterhaltung seines heutigen Lebensstandards benötigt ein Mensch in den frühindustrialisierten Gesellschaften des globalen Nordens durchschnittlich 20 solcher „Energiesklaven‟, also das Äquivalent von 20 Arbeitskräften die 24 Stunden pro Tag an 365 Tagen im Jahr für ihn arbeiten. In den USA, den Emiraten am Persischen Golf oder den Metropolen Ostchinas sind es durchschnittlich 80 Energiesklaven und mehr pro Tag. Der Historiker Jean-Francois Mouhot (2011) sieht auch eine moralische Analogie zwischen der Nutzung fossiler Brennstoffe und der Sklaverei: Auch wenn der Zusammenhang geographisch und zeitlich versetzt ist, fügen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Nutzung fossiler Brennstoffe und die Freisetzung von Treibhausgasen anderen Menschen Leid zu. Die Einführung der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Lohnarbeit gilt gemeinhin als entscheidende gesellschaftliche Dynamik, die zur Abschaffung der Sklaverei führte. Nach dem Historiker Jürgen Osterhammel greifen jedoch Ansätze, die die Beseitigung der Sklaverei allein aus wirtschaftlichen Gründen zu erklären suchen, zu kurz. Stattdessen gaben, so Osterhammel, ideelle Motive den Ausschlag. In Großbritannien speiste sich die Antislavery-Bewegung unter anderem aus christlich-religiösen Quellen. Zudem verlief das Zurückdrängen von Sklavenhandel und Sklaverei nicht stetig und kontinuierlich. Formal erreichten die nordamerikanischen Abolitionisten ihre Ziele 1865 mit dem Inkrafttreten des 13. Verfassungszusatzes. In Brasilien wurde die Sklaverei 1888 offiziell verboten. Die weitere Emanzipation vollzog sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei disruptiv: Die national- oder kolonialstaatlichen Institutionen mussten umgestaltet werden und auch Mentalitäten, der Habitus von ehemaligen Herren und Sklaven, sich ändern. In den USA dauerte es nach dem amerikanischen Bürgerkrieg noch einmal mehr als 100 Jahre bis die afroamerikanischen Nachfahren der Sklaven die wichtigsten Bürgerrechte erkämpft hatten – und selbst heute ist die US-amerikanische Gesellschaft noch nicht frei von ihrer Diskriminierung. Abschließend möchte ich es noch einmal Osterhammel (2009, 1190) zitieren, der prägnant zusammenfasst, „dass dieses Ergebnis [das Ende der Sklaverei, Anm. d. Verf.] nicht allein durch ein selbsttätiges Walten des Fortschritts herbeigeführt worden war, dass es vielmehr ohne die Bereitschaft vieler Einzelner, moralische Empfindungen in politisches Handeln umzusetzen, nicht so weit gekommen wäre. Die Sklaverei wurde aktiv bekämpft. Ihre Gegner in Europa und Amerika mussten manche Rückschläge hinnehmen, einige ihrer Siege waren knapp und prekär, denn die Sklaverei wurde von starken Interessen verteidigt. Sie ist nicht mit der Zeit abgestorben, nicht an ihrer angeblichen Unzeitgemäßheit zugrunde gegangen.‟ 51 Was kann man aus diesem historischen Beispiel für die hier geführte Debatte lernen? Die Geschichte er Abschaffung der Sklaverei zeigt, dass jedweder gesellschaftlicher ‚Fortschritt‛ – sei es im Bereich der Nachhaltigkeit oder der Inklusion – sozial erstritten werden muss. Fortschritt waltet nicht von selbst. Autoritäre Bewegungen und menschenfeindliche Gruppierungen wie die Alternative für Deutschland (AFD) versuchen gerade den gerinfügigen ‚Forstschritt‛, den es in den Bereichen der Inklusion und Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren gegeben hat, wieder zurückzudrehen. Daher bedarf es sowohl für das normative Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit wie für das Ziel der Inklusion des gesellschaftlichen Engagements und auch der Organisation; denn Transformationsbemühungen werden in beiden Bereichen von etablierten und neuen Gegenspieler*innen aktiv bekämpft. 5 Fazit Im vorliegenden Beitrag ist versucht worden, zentrale Themen und Befunde aus der aktuellen politischen und wissenschaftlichen Debatte um eine gesellschaftliche Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu skizzieren, die gegebenenfalls auch für die Beschäftigung mit dem Thema der Inklusion von Relevanz sein können. Denn beide Diskurse – so wurde versucht zu zeigen – haben die Möglichkeit und Grenzen der Gestaltung von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen unter normativen Leitbildern zum Gegenstand. Weiter sind gesellschaftliche Makroentwicklungen skizziert worden (wie die zunehmende Bedeutung des Marktes als gesellschaftlicher Steuerungsmechanismus jenseits der Ökonomie), die sowohl für das Bemühen um mehr Nachhaltigkeit als auch für die Bestrebungen, gesellschaftliche Hürden für benachteiligte Menschen abzubauen, äußerst widere Rahmenbedingungen darstellen. Schließlich ist knapp aufgezeigt worden, welche Bedeutung ‚Geschichten des Gelingens‛ und die Veränderung von sozialen Praktiken selbst in Transformationsprozessen zukommt, und – anhand des Beispiels der Abschaffung der Sklaverei im atlantischen Raum – dass die Durchsetzung veränderter gesellschaftlicher Praktiken sozial erstritten werden muss. Große Teile der vorausgehenden Argumentation bleiben skizzenhaft. Dies ist nicht allein dem begrenzten Raum an dieser Stelle geschuldet, sondern vor allem dem fehlenden Fachwissen des Autors bezüglich der Themen ‚Inkusion‛ und ‚inklusiver Arbeitsmarkt‛. Ich hoffe aber gleichwohl mit diesen Ausführungen gezeigt zu haben, inwiefern sich der Diskurs bezüglich einer sozial-ökologischen Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und der Inklusionsdiskurs gegenseitig befruchten können. 52 Literatur Bauer, Steffen; Sommer, Bernd (2011): Klimaschutz erfordert Wertewandel. In: Zeit Online, 21.04.2011. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-04/Kohlenstoff-Abolitionismus (18.12.2016). Becker, Egon; Hummel, Diana; Jahn, Thomas (2011): Gesellschaftliche Naturverhältnisse als Rahmenkonzept. In: Matthias Groß (Hg.): Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden, S. 75–96. Chakrabarty, Dipesh (2009): The Climate of History: Four Theses. Critical Inquiry 35 (Winter 2009), pp. 197–222. Dörre, Klaus (2009): Die neue Landnahme. 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References

Zusammenfassung

In Artikel 27 des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen bekennen sich die Vertragsstaaten dazu, einen „inklusiven Arbeitsmarkt“ herzustellen. Wie ist es darum bestellt? Was kann dazu beitragen, diesen menschenrechtlichen Anspruch zu fördern? In Kooperation mit „umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.“ hat das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) hierzu am 16. September 2016 eine Tagung in Hamburg ausgerichtet. Dabei war der Anspruch der Inklusion für die Tagung selbst maßgeblich. Beides, sowohl Beiträge zum Thema als auch die inklusive Gestaltung der Tagung, dokumentiert das vorliegende Buch. Es beinhaltet Beiträge in Standard- bzw. wissenschaftlicher Sprache, Leichter Sprache sowie Einfacher Sprache.