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Anja Teufel, Leichte Sprache und Einfache Sprache: Konzept und Formate für den Fachtag In schwerer Sprache in:

Lars Bruhn, Jürgen Homann, Christian Judith, Anja Teufel (Ed.)

Inklusiver Arbeitsmarkt, page 27 - 35

Zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3969-4, ISBN online: 978-3-8288-6857-1, https://doi.org/10.5771/9783828868571-27

Tectum, Baden-Baden
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27 Leichte Sprache und Einfache Sprache: Konzept und Formate für den Fachtag Anja Teufel In schwerer Sprache Barrierefreie Veranstaltungen Vorbemerkung: Auf dem Fachtag wurde zu Beginn erläutert, welche Angebote und Formate in Leichter Sprache und Einfacher Sprache angeboten werden und warum und für wen dieses Konzept wichtig ist. Diese Hinweise vorab können Sie in Leichter Sprache unter „Leichte Sprache und Einfache Sprache: Ein Plan für den Fach-Tag‟ lesen. Auf den folgenden Seiten lesen Sie die umfangreicheren Ausführungen in schwerer Sprache im Nachgang für diese Publikation. Veranstaltungen sollen barrierefrei sein, damit alle Menschen an ihnen teilhaben können. Die Barrierefreiheit bezieht sich dabei auf Beeinträchtigungen jeglicher Art, von Mobilitätseinschränkungen, über Beeinträchtigungen der Sinne Hören und Sehen hin zu kognitiven Beeinträchtigungen. Aber hier ist noch nicht Schluss, denn auch mit psychischen Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen erleben viele Menschen Barrieren bei Veranstaltungen, über die es nachzudenken gilt. Die Beratung und Schulung hinsichtlich barrierefreier Veranstaltungen ist eines der Arbeitsfelder der Firma K Produktion. Die eigenen Veranstaltungen rollstuhlgerecht, mit Gebärdensprachdolmetscher*innen und Schriftdolmetscher*innen anzubieten, ist für das ZeDiS selbstverständlich. In diesem Bereich gibt es mittlerweile auch vielfältige Lösungen und erprobte Dienstleistungen, die das ZeDiS für seine Veranstaltungen nutzen kann. Aber wie sieht es mit Konzepten für Menschen mit Lernschwierigkeiten und weitere Zielgruppen aus, für die eine leicht verständliche Sprache wichtig ist? Barrierefreiheit durch Leichte Sprache und Einfache Sprache Ideen und Lösungsansätze, explizit auf die Umsetzung live bei Veranstaltungen ausgerichtet, stecken noch in den Kinderschuhen und sind oftmals Premieren. Mögliche Antworten skizzierend, bezieht sich dieser Beitrag auf den Aspekt der Leichten Sprache sowie der Einfachen Sprache. Beide Sprachkonzepte bieten gute Grundlagen, um Konzepte und Formate für Veranstaltungen zu entwickeln und anzubieten. Weiter unten erfolgen eine genauere Erörterung beider Konzepte sowie eine Abgrenzung voneinander. 28 Menschen mit Lernschwierigkeiten An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs zum Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten‟ eingefügt. Der Begriff wird synonym verwendet zum Begriff „Menschen mit geistiger Behinderung‟, der aber von vielen Menschen abgelehnt wird. Die politische Interessenvertretung Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V., der ich mich in der Wahl der Begrifflichkeit anschließe, schreibt auf ihrer Internetseite: „Wir wollen nicht ‚geistig behindert’ genannt werden. Wir sind Menschen mit Lern-Schwierigkeiten!‟1 K Produktion arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen mit Lernschwierigkeiten im Kontext der politischen Interessenvertretung zusammen, beispielsweise im Rahmen der Unterstützung von Werkstatträten der Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen oder mit Prüfer*innen für Leichte Sprache. Diskutiert werden Barrieren und mögliche Lösungsansätze und die Bedeutung einer verständlichen Sprache für die Teilhabe im Sinne der Behindertenrechtskonvention. Verstehen als eine Voraussetzung der Teilhabe Dabeisein allein reicht nicht. Man muss auch verstehen können, über was gesprochen wird. Das Verstehen ist die Voraussetzung dafür, um sich eine Meinung bilden zu können. Die eigene Meinung wiederum ist die Voraussetzung dafür, sich für oder gegen etwas auszusprechen und sich für die eigenen Rechte stark zu machen. Leichte Sprache und Einfache Sprache sollen genau diese Voraussetzungen erfüllen. Leichte Sprache und Einfache Sprache – Definition und Abgrenzung Leichte Sprache Leichte Sprache ist primär mit der Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten verknüpft, auch wenn weitere Personenkreise davon profitieren können. Die Regeln für Leichte Sprache vom Verein Netzwerk Leichte Sprache e. V. sind anerkannte Regeln und vermutlich die am meisten genutzten Regeln im deutschsprachigen Raum, wenn es um das Übersetzen von schweren Texten in Texte in Leichter Sprache geht. Diese Regeln beziehen sich auf die Wort-, Satzund Textebene, enthalten Regeln für die Schreibweise von Zahlen und zur Gestaltung von Texten (BMAS 2014) und können im Internet unter www.leichtesprache.org heruntergeladen werden. Eine weitere wichtige Regel sieht die Prüfung der übersetzten Texte durch Expert*innen in eigener Sache vor. Erst 1 http://www.menschzuerst.de/ (9.8.2017) 29 nach der Prüfung durch Menschen mit Lernschwierigkeiten und den nötigen Korrekturen ist eine Übersetzung fertig und darf ein Logo für Leichte Sprache tragen. Im Einzelnen besagen die Regeln, dass kurze Sätze mit einfachen und bekannten Wörtern benutzt werden sollen. Fach- und Fremdwörter werden vermieden oder erklärt, wenn auf sie nicht verzichtet werden kann. Beispiele helfen den Text zu erläutern. Abläufe sind chronologisch darzustellen. Kürzungen und Zusammenfassungen sind ausdrücklich erlaubt. Konjunktiv- und Genitivsätze sind genauso wie Passivformulieren zu vermeiden. Stattdessen ist eine aktive Sprache mit möglichst vielen Verben zu wählen. Jeder Satz soll nur eine Aussage beinhalten und nach einem Punkt erfolgt ein Zeilenwechsel. Außerdem werden eine gerade Schriftart mit einer Schriftgröße von mindestens Arial 14 Punkt sowie ein Zeilenabstand von 1,5 verwendet. Nicht zuletzt kommt den Illustrationen für Leichte Sprache eine wichtige Rolle zu, die nach den Regeln ebenfalls zum Text gehören. Dies waren nur einige wichtige Regeln. Das 38-seitige Regelwerk kann auf der Internetseite des Netzwerks heruntergeladen werden. An dieser Stelle kann nur kurz erwähnt werden, dass es weitere Richtlinien gibt, beispielsweise die des europäischen Vereins Inclusion Europe e.V. sowie verschiedene Logos und Marken, die für jeweils eigene definierte Standards eingesetzt werden. Der Bereich Leichte Sprache wird mehr und mehr sowohl als lukrativer Markt als auch als neues und beliebtes Forschungsfeld entdeckt. Leichte Sprache bewegt sich hauptsächlich auf dem Sprachniveau A1 in Anlehnung an den gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) (Ziegler et al. 2015). Einfache Sprache Einfache Sprache ist etwas schwieriger als Leichte Sprache und umfasst neben A1 ebenfalls die Niveaustufen A2 und B1 des GER (ebd.). Letztere Stufen sind beispielsweise Bestandteil des „Deutsch-Test für Zuwanderer‟2 (DTZ) und Teil des „Zertifikat Integrationskurs‟3 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Einfache Sprache richtet sich somit an Zielgruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder auch an funktionale Analphabeten und allgemein Menschen mit Leseschwierigkeiten und nicht primär an Menschen mit Lernschwierigkeiten, gleichwohl auch diese davon profitieren können. Bei Einfacher Sprache dürfen die Sätze etwas länger sein. Einfache Nebensatzkonstruktionen sind erlaubt. Aber auch hier gilt es Fach- und Fremdwörter zu vermeiden oder sie zu erklären. Darüber hinaus sieht die Gestaltung anders aus, denn nicht nach jedem Punkt muss die Zeile gewechselt werden. Geeignete Fotos und Grafiken erleichtern zwar jedes Lesen, sind aber, anders als bei der 2 http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/Integrationskurse/Abschlusspruefung/ SkalierteSprachpruefung/skaliertesprachpruefung-node.html (9.8.2017) 3 http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/Integrationskurse/Abschlusspruefung/ ZertifikatIntegrationsKurs/zertifikatintegrationskurs-node.html (9.8.2017) 30 Leichten Sprache, nicht unverzichtbarer Bestandteil (Ziegler et al. 2015). Anders als bei der Leichten Sprachen gibt es kein verbindliches Regelwerk für die Einfache Sprache, sondern eher Empfehlungen und Hinweise an verschiedenen Stellen. Leichte Sprache und Einfache Sprache bei Veranstaltungen Der Schwerpunkt der vorliegenden Regelwerke und Empfehlungen liegt in der schriftlichen Übersetzung. Das Netzwerk Leichte Sprache e. V. hat neben den „Regeln für Leichte Sprache‟ auch „Regeln für Tagungen und Treffen‟ herausgegeben (BMAS 2014), die ebenfalls im Internet unter www.leichtesprache.org heruntergeladen werden können. Die Regeln geben gute und wichtige Hinweise, worauf bei Tagungen geachtet werden sollte, um Menschen mit Lernschwierigkeiten die Teilnahme zu ermöglichen. Was für den Themenbereich Leichte und Einfache Sprache allerdings fehlt, sind umfassende Konzepte und Formate, wie genau Leichte und auch Einfache Sprache bei Veranstaltungen umgesetzt werden und zur Barrierefreiheit beitragen können. K Produktion hat sich in den vergangenen Jahren darauf spezialisiert, verschiedene Formate und Lösungsansätze anzuwenden und zu erproben. Das Konzept für den Fachtag Beim Fachtag vom ZeDiS hat K Produktion in Absprache mit dem ZeDiS ein Gesamtkonzept entwickelt und umgesetzt, um den Fachtag für Menschen mit Lernschwierigkeiten ein gutes Stück barriereärmer zu gestalten. Es kamen verschiedene Lösungsansätze zum Einsatz, die jetzt im Einzelnen beschrieben werden sollen. Die einzelnen Formate und Lösungsansätze im Überblick: • Programm-Heft mit Anmeldung in Leichter Sprache • Schriftliche Hinweise zu Einfacher Sprache und Briefing im Vorfeld (Wie kann ich meinen Vortrag einfacher formulieren?) • Parallele Arbeitsgruppe in Leichter Sprache • Übersetzung und Vortrag in Leichter Sprache als Hörversion • Vorträge in Einfacher Sprache bzw. vereinfachter Sprache • Podiumsdiskussion mit Erläuterungen in Leichter Sprache Übersetzungen in Leichte Sprache erfolgten nach den Regeln für Leichte Sprache vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. Das Angebot in Einfacher Sprache wurde nach Empfehlungen verschiedener anerkannter Akteure aus diesem Bereich umgesetzt. 31 Programm-Heft mit Anmeldung in Leichter Sprache Neben einem Ankündigungsflyer in schwerer Sprache gab es auch ein Programm-Heft in Leichter Sprache. Dieses enthielt neben dem Ablauf eine Erläuterung wesentlicher Inhalte des Fachtages und eine Übersicht der Referent*innen sowie einen Anmeldebogen mit Ankreuzoptionen zur Barrierefreiheit und mehr. Beides konnte auch online abgerufen werden. Übersetzung und Vortrag in Leichter Sprache als Hörversion Der Vortrag von Prof. Dr. Kathrin Römisch lag im Vorfeld vor und wurde in Leichte Sprache übersetzt und als Hörversion eingelesen. Bei der Tagung konnten sich Interessierte einen Kopfhörer ausleihen und den Vortrag in Leichter Sprache anhören. Die Audiodatei lief parallel, während Frau Römisch ihren Vortrag in der von ihr verfassten Form vortrug. Die Hörversion in Leichter Sprache war wenige Minuten früher zu Ende als das Vortragen durch Frau Römisch selbst. Schriftliche Hinweise zu Einfacher Sprache und Briefing im Vorfeld Folgende Beiträge sollten für den Fachtag in vereinfachter Form vorliegen: das Grußwort von Prof. Dr. Andreas Theurich, der Vortrag von Lars Bruhn/Jürgen Homann sowie der Vortrag von Corinna Rüffer und Christian Judith. Alle Referent*innen erhielten im Vorfeld per Mail ein Dokument mit schriftlichen Hinweisen, wie Vorträge einfach formuliert werden können. Allen Referent*innen wurde außerdem ein telefonisches Briefing vor und nach dem Formulieren ihres Beitrags angeboten. Alle Beiträge, die zum Fachtag vorlagen, wurden von K Produktion noch einmal bearbeitet und mit Anmerkungen versehen den Referent*innen zurückgeschickt. Dadurch konnte gewährleistet werden, dass beim Fachtag kein Vortrag ausschließlich in schwerer Sprache gehalten wurde. Absprachen zu Einfacher Sprache und dem Vorgehen beim Fachtag erfolgten außerdem mit Jörn Dobert, dem Moderator des Fachtages und der Podiumsdiskussion. Parallele Arbeitsgruppe in Leichter Sprache Für den Vortrag von Dr. Bernd Sommer wurde eine parallele Arbeitsgruppe vorbereitet und von K Produktion (Anja Teufel) angeboten. In der Arbeitsgruppe wurden wesentliche Inhalte aus dem Themengebiet Transformationsdesign in Leichter Sprache erklärt und gemeinsam diskutiert. Die Teilnahme an der Arbeitsgruppe war optional und richtete sich vor allem an Menschen mit Lernschwierigkeiten, wobei auch andere Personen Interesse zeigten und teilnahmen. 32 Podiumsdiskussion mit Erläuterungen in Leichter Sprache Eine Podiumsdiskussion lebt neben vielleicht vorbereiteten Einstiegsstatements und vorbereiteten Fragen durch die Moderation gerade von der spontanen Diskussion und dem Austausch der Gäste. Entsprechend flexibel muss auch das eingesetzte Format sein, um schwierige Sachverhalte bei Bedarf zu erklären, denn Texte können in keinem Fall vorher übersetzt werden. Für den Fachtag wurde eine Kombination aus ‚Wächterin‛ und ‚Erklären bei Bedarf‛ gewählt. Die ‚Wächterin‛ stand beispielsweise im Blickkontakt mit dem Moderator, und konnte signalisieren, wenn sie etwas erklären wollte. Das Eingreifen erfolgte hauptsächlich bei einem angemeldeten Bedarf aus dem Publikum. Die Erläuterungen in Leichter und Einfacher Sprache erfolgten dann über ein eigenes Mikrofon für alle. Ehrlicherweise muss man aber auch die Grenzen dieser Methode ansprechen. Je ungewohnter dieses Vorgehen für die Gäste ist und je angeregter und schneller eine Diskussion wird, desto schwieriger wird es, tatsächlich den Raum für ein Eingreifen und Erläutern zu gewährleisten. Geschwindigkeit aus der Diskussion zu nehmen, scheint hier oft das Wichtigste überhaupt zu sein. Weitere Formate und Lösungsansätze Neben den für diesen Fachtag gewählten sind noch eine Reihe von weiteren Formaten und Lösungsansätzen denkbar. Je nach Veranstaltungsart, Größe, Dauer, Zielgruppen und angemeldetem Bedarf sollten aus einem Repertoire die geeigneten Methoden gewählt werden. Vorbereitungstreffen für die Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten Damit sich Teilnehmer*innen mit Lernschwierigkeiten angemessen auf ein Thema vorbereiten können, können auch Treffen am Vortag der eigentlichen Veranstaltung angeboten werden. Ähnlich der parallelen Arbeitsgruppe beim Fachtag können wichtige Begrifflichkeiten erörtert und erste Fragen beantwortet werden. Möglicherweise lassen sich sogar Fragen und wichtige Anliegen der Zielgruppe bei der Veranstaltung selbst in den Ablauf einplanen. Moderationen in Einfacher oder Leichter Sprache Die Moderation kann für eine Veranstaltung Standards setzen und zeigen, worauf Wert gelegt wird. Spricht die/der Moderator*in einfach, so signalisiert sie/ er dem Publikum, worauf es bei der Veranstaltung auch ankommt und die Hemmschwelle sinkt für ‚Kopfschlaue‛, sich weniger schwierig auszudrücken. Gerade in Deutschland scheint die Sorge, als ungebildet zu gelten, wenn man nicht Unmengen an Fremdwörtern benutzt, besonders ausgeprägt zu sein. Wünschenswert wäre hingegen mehr Anerkennung für das Talent von Wissenschaftler*innen, schwierige Sachverhalte leicht verständlich darzustellen. Es handelt sich hier um eine Kompetenz und nicht um ein Defizit. Wie wäre es mit einem 33 an er kennenden Raunen für Wissenschaftler*innen, die sich selbst parallel in Leichte Sprache oder, na gut, erst einmal in Einfache Sprache übersetzen können? Exkurs: Flüsterübersetzung Eine Möglichkeit, mit der K Produktion bereits ebenfalls positive Erfahrungen sammeln konnte, ist eine ‚Flüsterübersetzung‛ für einzelne Menschen mit Lernschwierigkeiten bei Workshops und Vorträgen. Für ein bis zwei Personen lässt sich, insofern die Teilnehmer*innen hörend sind, eine direkte Übersetzung komplizierter Sachverhalte umsetzen. Meist wird nicht laufend simultan übersetzt, sondern bei signalisiertem Bedarf eine kurze Erläuterung eines Fach- oder Fremdwortes oder eines komplizierten Satzgefüges gegeben. Simultan dolmetschen Alternativ gab es im Vorfeld des Fachtages auch die Überlegung, simultanes Dolmetschen für einen kompletten Vortrag einzusetzen. Das bietet sich vor allem für Beiträge an, die im Vorfeld nicht für eine Übersetzung vorliegen können. Das simultane Dolmetschen bietet sich außerdem gerade auch für ein großes Publikum an, bei dem die Teilnehmer*innen unbekannt sind und bei dem im Vorfeld wenig Zeit besteht, andere Optionen vorzubereiten und umsetzen. Die simultane Übersetzung kann über Kopfhörer bei Bedarf von der Zielgruppe in Anspruch genommen werden. Ein Vorteil der Methode ist, dass keine große Vorbereitung seitens der Referent*innen nötig ist und die Vorträge auch nicht im Vorfeld vorliegen müssen. Die Dienstleistung kann wie andere Dienstleistungen gebucht werden. Hiermit kann allerdings der Nachteil verbunden sein, dass die Kapazitäten der Dienstleister*innen ausgelastet sind. Derzeit bieten nur sehr wenige Personen in Deutschland diese Dienstleistung an. Verständlicherweise stehen nicht immer Personen für jede Veranstaltung zur Verfügung, so auch nicht beim Fachtag des ZeDiS. Ein weiterer Nachteil dieser Methode ist, dass das übrige Publikum nicht wie bei den anderen Formaten mit der Zeit eine Sensibilität dafür entwickelt, was an der verwendeten Sprache schwierig ist. Das restliche Publikum bekommt von der Übersetzung nichts mit und muss sich keine Gedanken um die selbst verwendete Sprache machen. Noch ein möglicher Nachteil kann sein, dass man sich auf eine hohe Qualität der Übersetzung verlassen muss, sie aber schwer kontrollieren kann, da selten jemand zur Kontrolle mithören und bewerten wird, ob die Dolmetscher*innen sich an die Regeln für Leichte Sprache halten. Es handelt sich um eine sehr anspruchsvolle und anstrengende Tätigkeit, für die im Grunde, wie für andere Dolmetschertätigkeiten auch, oft eine Doppelbesetzung wünschenswert wäre. Nichtsdestotrotz stellt das simultane Dolmetschen eine wichtige und begrü- ßenswerte aktuelle Entwicklung dar, die oftmals eine wichtige Komponente sein dürfte, um Barrierefreiheit für Menschen mit Lernschwierigkeiten herzustellen. 34 Ausblick: Entwicklung von Konzepten und Formaten als Teilhabeforschung Es tut sich etwas. Die Leichte Sprache und auch die Einfache Sprache ziehen ihre Kreise und werden neben dem Angebot von schriftlichen Texten auch live bei Veranstaltungen immer wichtiger. Mit dieser Entwicklung wird der Bedarf an geeigneten Lösungsansätzen, Formaten und Konzepten deutlich. Je nach Veranstaltungsart gilt es, verschiedene Formate zu entwickeln, zu kombinieren und in ein schlüssiges Gesamtkonzept einzubetten. Barrierefreiheit für Menschen mit Lernschwierigkeiten muss ein selbstverständlicher Bestandteil bei Veranstaltungen werden. Die Formate und Methoden wollen erprobt werden: Was funktioniert gut und was eignet sich weniger gut? Was bevorzugen Menschen mit Lernschwierigkeiten und welches Feedback geben sie? Es braucht Diskussion, Entwicklung und Erprobung für das Themen- und Forschungsfeld Leichte Sprache bei Veranstaltungen. Und ganz wichtig: Die Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten muss von Anfang an mit dabei sein und die Entwicklung mitbestimmen. Gute Antworten auf diese Frage kann es meines Erachtens nur im Rahmen einer Teilhabeforschung geben, bei der Menschen mit Lernschwierigkeiten in allen Forschungsphasen von der Planung über die Durchführung bis zur Publikation als Teil des Forschungsteams dabei sind, und somit sowohl mitwirken und beraten als auch gleichberechtigt mit anderen zusammenarbeiten und den Forschungsprozess mit steuern (Brütt et al. 2016). Indem eine solche Forschung und ihre Ergebnisse Einfluss auf die Gestaltung von und Teilhabe bei Veranstaltungen nehmen könnten, wäre eine solche Teilhabeforschung gleichzeitig auch Transformationsforschung (Waldschmidt 2015, 687f), denn sie könnte einen Beitrag zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in Richtung Inklusion liefern. Vielen Dank an das ZeDiS und seinen Mut, gemeinsam Neuland zu beschreiten und vielen Dank an die Prüfer*innen sowie Teilnehmer*innen mit Lernschwierigkeiten, die als Expert*innen in eigener Sache einen wichtigen Beitrag zum Fachtag und zu diesem Buch geleistet haben. 35 Literatur Brütt, Anna Levke; Buschmann-Steinhage, Rolf; Kirschning, Silke; Wegscheider, Karl (2016): Teilhabeforschung. Bedeutung, Konzepte, Zielsetzung und Methoden. In: Bundesgesundheitsblatt, DOI 10.1007/s00103-016-2403-y, Berlin Heidelberg. BMAS – Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2014): Leichte Sprache. Ein Ratgeber. http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/ a752-ratgeber-leichte-sprache.pdf;jsessionid=497B9AE68732C2E434D9C99D- 8D4EFB6F?__blob=publicationFile&v=2 (9.8.2017). Waldschmidt, Anne (2015): Grundlagen und Ziele der Teilhabeforschung. Lebenslage und Partizipation von Menschen mit Behinderungen. In: Sozialrecht+Praxis. Zeitschrift für Sozialpolitiker und Schwerbehindertenvertreter, 25. Jg., Nr. 11, S. 683-688. Ziegler, Martina; Eser Karl-Heinz; Abend, Sonja; Piasecki, Peter; Ziegler, Mechthild (Hg.) (2015): Einfache Sprache in Bildung und Ausbildung. Herausforderungen, Voraussetzungen und Möglichkeiten von einfacher Sprache in Bildung, Berufsorientierung, -ausbildung und -ausübung, bei: lernen fördern Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Lernbehinderungen e. V., Stuttgart.

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References

Zusammenfassung

In Artikel 27 des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen bekennen sich die Vertragsstaaten dazu, einen „inklusiven Arbeitsmarkt“ herzustellen. Wie ist es darum bestellt? Was kann dazu beitragen, diesen menschenrechtlichen Anspruch zu fördern? In Kooperation mit „umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.“ hat das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) hierzu am 16. September 2016 eine Tagung in Hamburg ausgerichtet. Dabei war der Anspruch der Inklusion für die Tagung selbst maßgeblich. Beides, sowohl Beiträge zum Thema als auch die inklusive Gestaltung der Tagung, dokumentiert das vorliegende Buch. Es beinhaltet Beiträge in Standard- bzw. wissenschaftlicher Sprache, Leichter Sprache sowie Einfacher Sprache.