Content

Christian Judith, Vortrag Werkstätten und Inklusion: Welche Zukunft können die Werkstätten haben? Was bringt die Arbeit dort? In Einfacher Sprache in:

Lars Bruhn, Jürgen Homann, Christian Judith, Anja Teufel (Ed.)

Inklusiver Arbeitsmarkt, page 194 - 214

Zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3969-4, ISBN online: 978-3-8288-6857-1, https://doi.org/10.5771/9783828868571-194

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
194 Vortrag Werkstätten und Inklusion: Welche Zukunft können die Werkstätten haben? Was bringt die Arbeit dort? Christian Judith In Einfacher Sprache 195 Worum geht es in diesem Vortrag? In diesem Vortrag geht es um Werkstätten und um Inklusion. Werkstätten und Inklusion sind 2 Sachen, die nicht zusammen passen. In diesem Vortrag beantworte ich 2 Fragebereiche zu dem Thema. Fragebereich 1 ist: Welche Zukunft können die Werkstätten haben? Wird es auch in Zukunft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen geben? Meine Antwort ist: Die Werkstätten wird es noch sehr viele Jahre lang geben. Fragebereich 2 ist: Was bringt die Arbeit dort? Was bringt die Arbeit in einer Werkstatt den Menschen, die dort arbeiten? Die Antwort ist: Sie kann ganz viel bringen. Sie kann aber auch ganz wenig bringen. 196 Wer bin ich und was mache ich? Mein Name ist Christian Judith. Vor 12 Jahren habe ich mit Anja Teufel zusammen eine Firma gegründet. Unsere Firma heißt: K Produktion. Wir arbeiten im Bereich der Politik für Menschen mit Behinderungen. Wir finden wichtig, dass Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt leben können. Wir finden es wichtig, dass Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenarbeiten können. Dafür arbeiten wir. Bei uns arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen. Das klappt großartig und macht Spaß. Seit 10 Jahren bin ich Vertrauensperson für einige Werkstatträte in Hamburg. Seit 10 Jahren habe ich die Werkstätten gut kennengelernt. Meine Mitarbeiter und ich haben bei unserer Arbeit viele Erfahrungen gemacht. Davon möchte ich Ihnen jetzt erzählen. Fragebereich 1: Welche Zukunft können die Werkstätten haben? Wird es auch in Zukunft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen geben? Ich habe gesagt, dass Werkstätten noch lange eine Zukunft haben. Ich habe aber noch nicht gesagt, wie ich mir die Zukunft vorstelle. Was sind eigentlich Werkstätten für behinderte Menschen? Die Abkürzung für Werkstatt für behinderte Menschen ist: WfbM. In diesem Vortrag werde ich dazu Werkstatt sagen. In einer Werkstatt können Menschen mit Behinderungen arbeiten. Die Politik nennt diese Menschen: Beschäftigte. 197 Die Beschäftigten arbeiten in einer Gruppe. Die Gruppenleitung macht ein Mensch ohne Behinderung. Dieser Mensch hat dafür eine Ausbildung, zum Beispiel Sozialpädagoge. Er unterstützt die Beschäftigten bei ihrer Arbeit. Er sorgt dafür, dass die Arbeit gemacht wird. Und er sorgt dafür, dass sich alle angenommen fühlen. Die Beschäftigten in der Werkstatt bekommen Lohn für die Arbeit. Diesen Lohn nennt man Entgelt. Wer bezahlt dafür, dass Beschäftigte Geld bekommen? Wer bezahlt Geld für die Arbeit in den Werkstätten? Geldgeber kann zum Beispiel die Stadt Hamburg sein, oder ein Amt. Diese Geldgeber nennt man Kostenträger. In der Geschäftsführung von Werkstätten arbeiten fast immer Menschen ohne Behinderungen. Bevor ich in die Werkstätten gegangen bin, war meine Meinung: Werkstätten sollen sofort aufgelöst werden. Nun, seitdem sind 10 Jahre vorbei. Aber die Werkstätten gibt es immer noch, und sie sind immer besser. Die BRK und die Werkstätten Die Politik will eigentlich keine Werkstätten. Das sagt die Politik jedenfalls. Warum? Es gibt einen Vertrag, den viele Länder unterschrieben haben. Der Vertrag heißt: Behindertenrechtskonvention. Die Abkürzung dafür ist: BRK. Dort stehen die Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen. Dort steht, dass alle Menschen mit Behinderungen diese Rechte bekommen müssen. Dort steht auch, dass es Inklusion auf der Arbeit geben muss. Menschen mit und ohne Behinderungen sollen zusammenarbeiten können. In Werkstätten arbeiten sie aber nicht zusammen. 198 Auch die Regierung von Deutschland hat die BRK unterschrieben. Damit hat die Regierung versprochen: • Es soll Inklusion auf der Arbeit geben. • Jeder soll so viel Geld verdienen, dass er davon leben kann. Zum Beispiel: Jeder soll genug Geld für Kleider, Essen und Wohnung haben. Die Arbeit in der Werkstatt passt nicht zu diesem Versprechen. In einer Werkstatt bekommen Menschen mit Behinderungen nicht genug Entgelt. Wer einige Jahre Entgelt verdient hat, kann eine Rente beantragen. Diese Rente heißt: Erwerbsminderungs-Rente. Man muss einige Tricks kennen, damit man diese Rente bekommt. Wer in einer Werkstatt arbeitet, bekommt später eine Alters-Rente. Aber diese Alters-Rente ist wenig Geld. Sehr viele Menschen können davon nicht leben. Sie brauchen außerdem Unterstützung vom Amt. Das heißt: Sie brauchen Grundsicherung, damit sie leben können. Trotzdem bleiben sie arm. Das wissen alle. Auch die Geschäftsführung von den Werkstätten weiß das. Aber: Ich habe nie gehört, dass sich jemand dafür geschämt hat. Die Geschäftsführung selbst verdient übrigens viel Geld. Jedenfalls in Hamburg ist das so. Beschäftigte sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Beschäftigte: Ich finde, das ist auch so ein tolles Wort. Das klingt, als ob die Menschen keine gute Arbeit machen. So, als ob sie zum Beispiel Bilder malen oder Puzzle-Spiele zusammenlegen. Nur damit sie etwas tun. Aber diese Menschen machen jeden Tag richtig gute Arbeit. 199 2 Beispiele: • Sie reparieren Fahrräder in einem Fahrradladen. • Oder sie arbeiten bei der Firma Still. Dort verpacken sie Ersatzteile für Maschinen, die verkauft werden. Für diese Menschen passt das Wort Mitarbeiter oder Mitarbeiterin viel besser. Denn diese Menschen arbeiten doch genauso mit, wie die Mitarbeiter von der Geschäftsführung oder die Sozialarbeiter mitarbeiten. Aber die einen Mitarbeiter nennt man Mitarbeiter und die anderen Beschäftigte. Dadurch entsteht ein unterschiedliches Bild von den Menschen. Warum gibt es immer noch Werkstätten? Also, in einer Werkstatt verdienen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu wenig Geld. Alle haben aber ein Menschenrecht auf genug Geld. Das steht in der BRK. Also, wir wissen, dass die Werkstätten das Recht verletzen. Trotzdem haben sie eine Zukunft. Woran liegt das? Dafür gibt es viele Gründe. Ich habe einige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus den Werkstätten gefragt: „Ist es nicht besser, wenn wir die Werkstätten abschaffen?‟ Die allermeisten haben gesagt: „Auf keinen Fall. Die Werkstatt soll erhalten bleiben.‟ Ich habe gefragt: „Warum?‟ 200 Auch hier gibt es ganz verschiedene Antworten. Einige Beispiele: • „Hier treffe ich meine Kollegen und Kolleginnen.‟ • „Hier fühle ich mich sicher.‟ • „Hier kann ich so sein wie ich bin. Ich muss keine Angst haben, dass ich rausgeworfen werde.‟ • „Ich bin gut und gehöre zu den Besten.‟ • „Meine Gruppenleitung ist prima.‟ Ich habe gefragt: „Wollt ihr lieber woanders arbeiten, wo Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenarbeiten?‟ Die Antworten waren zum Beispiel: • „Ja, das möchte ich.‟ Das haben einige gesagt. • „Ja, später möchte ich das mal ausprobieren. Jetzt noch nicht.‟ Das haben viele gesagt. • „Nein, ich bin zufrieden hier.‟ Das haben auch viele gesagt. Einige haben sehr genau überlegt und dann 2 Antworten gegeben: „Ich möchte bleiben, weil ich meinen Anspruch auf Rente behalten möchte.‟ Und: „Ich möchte gleichzeitig mit Menschen ohne Behinderungen zusammenarbeiten.‟ Das passt anscheinend nicht zusammen. Vielleicht kann es aber doch passen, wenn man so denkt: Menschen ohne Behinderungen können in die Werkstatt kommen und dort mitarbeiten. 201 Also bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gibt es ganz klar den Wunsch: Die Werkstatt soll bleiben. Aber trotzdem wollen viele inklusive Arbeit machen. Wie ist es bei den Geschäftsführern und Geschäftsführerinnen? Hier habe ich nur gehört, dass sie ihre Werkstätten behalten wollen. Und auch das verstehe ich gut. Als Geschäftsführer verdienen sie sehr viel Geld. Eine Geschäftsführung schreibt jedes Jahr einen Wirtschaftsbericht. Darin steht: Wie viel Geld nimmt die Werkstatt ein? Wie viel Geld gibt sie aus und wofür? Darin steht auch, wie viel Geld ein Geschäftsführer bekommt. Bei den Elbe-Werkstätten sind das etwa 100 Tausend Euro im Jahr. Das ist kein Geheimnis, das steht im Internet. Geschäftsführer verdienen also viel Geld. Aber es ist nicht nur das Gehalt. Die Geschäftsführer möchten eine Arbeit machen, mit der sie Gutes tun. Sie geben den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Arbeit. Sie sind ehrlich überzeugt, dass sie diesen Menschen helfen. So denken auch alle anderen, die in einer Werkstatt arbeiten. Zum Beispiel die Gruppenleitungen und Sozialpädagogen denken so. Deshalb arbeiten sie ja auch in einer Werkstatt. Sie machen das ja nicht, weil sie die Menschen verletzen wollen. Als ich anfing in der Werkstatt zu arbeiten, war ich erstaunt. Ich habe erfahren, dass viele Menschen dort 30 Jahre und mehr arbeiten. Das machen sie ganz bestimmt nicht, weil sie böse sind. Im Gegenteil, weil sie gute Menschen sind machen sie das. Also, es lässt sich festhalten: Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wollen die Werkstatt am liebsten erhalten. Und die Politik? Was will die? Ich glaube, die Politik möchte die Werkstätten eigentlich auch erhalten. Die Werkstätten kosten zwar viel Geld. Aber dafür sind die Menschen mit Behinderungen von der Straße. 202 Und wie denkt die Gesellschaft über die Werkstätten? Also, wie denkt man zum Beispiel auch hier an dieser Hochschule darüber? Alle sind bestimmt auch ganz froh, dass es die Werkstätten gibt. Denn wie wäre es hier ohne die Werkstätten? Dann müssten wir, also alle als Gesellschaft gemeinsam eine Lösung schaffen. Wir brauchen eine Lösung für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Werkstätten. Die Lösung muss sein: Wir müssen neue und andere Arbeitsplätze schaffen. Wir brauchen inklusive Arbeitsplätze. Die Menschenrechte müssen für alle dort eingehalten werden. Und das bedeutet, vieles muss sich verändern. Es muss sich die Art verändern, wie wir zusammenleben. Wir haben alle Verantwortung für die Menschen mit Behinderungen. Die können wir nicht einfach an die Werkstatt abgeben. Die Werkstatt nimmt die Verantwortung natürlich gerne an. Sie verdient ja Geld damit. Rechnen wir doch einmal. Es gibt etwa 300 Tausend Menschen, die in einer Werkstatt arbeiten. Für jeden Mitarbeiter zahlt der Kostenträger etwa 1 Tausend Euro im Monat. Das ist sehr sparsam gerechnet. Dann kosten uns die Werkstätten 300 Millionen Euro im Monat. In einem Jahr sind das etwa 3,6 Milliarden Euro. Was bekommen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dafür? • Sie bekommen klare Regeln, wie der Tag eingeteilt ist. Das heißt: Sie bekommen eine Tagesstruktur. • Und sie bekommen einen Arbeitsplatz. • Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kommen raus aus ihren Wohnungen. Oder sie kommen raus aus ihren Wohnheimen oder sonstigen Wohnformen. • Sie treffen auf Kollegen und Kolleginnen. 203 Doch was ist die Aufgabe einer Werkstatt? In einer Werkstatt sollen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen etwas lernen. Sie sollen gestärkt werden, damit sie Mut bekommen. So viel Mut, dass sie eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt annehmen. Sie sollen lernen. Immer wieder lernen. Ganz besonders sollen sie lernen, stark zu sein und sich zu trauen. Das schwere Wort hierfür ist Empowerment. Eine Werkstatt ist nicht dazu da, dass sie sich selbst erhalten soll. Sie soll nicht immer wieder die gleiche Arbeit anbieten. Ich habe viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefragt: „Was habt ihr gelernt?‟ Und hier war die Antwort eigentlich sehr traurig. Die Meisten haben gesagt, dass sie wenig lernen. Sehr selten lernen sie in der Gruppe eine neue Arbeit. Sie lernen auch nicht Empowerment. Manchmal beschweren sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Sie beschweren sich über die Regeln und den Ablauf in der Werkstatt. Sie stellen Fragen. Zum Beispiel: „Warum ist etwas so und nicht anders?“ Sie sagen: „Ich will meinen Sozialpädagogen selber aussuchen. Warum darf ich das nicht?‟ Solche Fragen und Beschwerden empfindet die Geschäftsleitung als Störung. Die Leitung denkt nicht: „Toll! Hier machen sich Menschen stark für ihre eigene Sache.‟ Oder sogar: „Toll! Hier helfen mir die Mitarbeiter, damit ich über meine Arbeit nachdenke.‟ Und so kann ich als Leitung besser werden. Klappt der Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt? Was meinen Sie: Wie viele Menschen gehen pro Jahr aus Werkstätten auf den ersten Arbeitsmarkt? Sehr, sehr wenige Menschen schaffen das! Der Geschäftsführer von den Elbe-Werkstätten, Herr Senner, hat einmal gesagt: Von 2000 Menschen schaffen es 3 Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt. Ehrlich gesagt finde ich: Das ist keine gute Zahl. 204 Woran liegt das? Ist der erste Arbeitsmarkt für Menschen aus den Werkstätten so schlecht? Gibt es keine Ideen, wie man für diese Menschen gute Arbeitsplätze schaffen kann? Oder machen die Menschen in den Werkstätten so schlechte Arbeit? Alles das glaube ich nicht. Vielleicht machen die Werkstätten ihre Arbeit schlecht. Sie bereiten ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schlecht vor auf den Arbeitsmarkt. Vielleicht lernen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht genug in den Werkstätten. 205 In Hamburg haben wir aber etwas geschafft. Hier gibt es eine Idee, und die geht so: Eine Firma stellt einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit Behinderung ein. Der Mensch mit Behinderung bekommt einen richtigen Lohn. Dafür zahlt die Behörde an die Firma einen Teil vom Lohn. So können mehr Menschen aus der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt kommen. Die Idee heißt: Hamburger Budget für Arbeit. Viele Menschen sind so aus einer Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt gekommen. Die Politik wollte das. Auf einmal haben sich alle ganz besonders angestrengt. Und es hat geklappt. Damals hat die Regierung in Hamburg gesagt: Wir schaffen das. Und so war es dann auch. In 2 Jahren sind 100 Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt gekommen. Das sind viel, viel mehr Menschen pro Jahr als vorher! Das Hamburger Budget hat gezeigt, dass es geht! Fragebereich 2: Was bringt die Arbeit in einer Werkstatt den Menschen, die dort arbeiten? Nun kommen wir zu meiner Frage 2. Die Antwort war: Sie kann ganz viel bringen. Sie kann aber auch ganz wenig bringen. Vieles habe ich schon erzählt. Ich fasse noch einmal zusammen. Die Arbeit in einer Werkstatt kann den Menschen viel bringen: • Arbeit • Sicherheit • Gleichgesinnte, Freunde und Bekannte, mit denen sie reden können • Eine Tagesstruktur 206 Die Arbeit in einer Werkstatt kann den Menschen aber auch ganz wenig bringen: • Sie haben wenig Geld. • Sie lernen wenig. • Sie haben es schwer, auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. • Andere bestimmen über die Menschen mit Behinderungen. • Sie arbeiten in einer Sonderwelt. Was heißt das: Sie arbeiten in einer Sonderwelt? • Sie arbeiten nicht auf einem inklusiven Arbeitsplatz. • Sie arbeiten nur mit Menschen zusammen, die auch eine Behinderung haben. • Sie können nicht Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin sein. In der Werkstatt heißt das anders, nämlich: arbeitnehmerähnlicher Status. • Und es ist auch vieles anders. Was bedeutet ein arbeitnehmerähnlicher Status für mich? Zum arbeitnehmerähnlichen Status gehört: • Ich habe nicht die gleichen Rechte wie Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Zum Beispiel: Wie Menschen, die bei VW als Arbeitnehmer arbeiten. • Ich darf in der Werkstatt nicht für meine Rechte streiken. • Es gibt bis jetzt wenig Mitbestimmung in den Werkstätten. Ich kann deshalb nicht immer für mich selbst bestimmen. • Ich bekomme keinen Lohn, sondern ein Entgelt. Das alles habe ich weniger als andere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, wenn ich in der Werkstatt arbeite. 207 Noch ein paar Worte zum Thema Entgelt Die Werkstatt verdient Geld mit der Arbeit von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Sie verkauft diese Arbeit oder die Produkte von der Arbeit. Aber sie bezahlt nicht alles Geld an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weiter. Es gibt Zeiten, in denen die Werkstatt weniger Geld verdient. Dann bekommen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch weniger Entgelt. Aber der Sozialpädagoge und die Geschäftsleitung haben andere Arbeitsverträge. Die bekommen immer ihren Lohn. Und der Lohn von denen steigt fast in jedem Jahr, versprochen. Die Menschen in der Werkstatt lernen wenig Neues. Das möchte ich noch einmal näher begründen. Ich habe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefragt: „Was hast du hier gelernt?‟ Und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen konnten mir nicht viel erzählen. Sie haben erzählt: „Ich lerne eine Sache, eine Tätigkeit. Danach mache ich diese Tätigkeit. Wenn ich gut bin, dann mache ich das immer weiter. Vielleicht mache ich es viele Jahre lang. Ich mache das bis man die Tätigkeit nicht mehr braucht. Zum Beispiel: Sachen verpacken für einen bestimmten Auftrag. Dann muss ich für einen anderen Auftrag arbeiten. Dafür lerne ich das, was dann gerade gebraucht wird. Aber selten lerne ich dabei wirklich etwas Neues. Darum geht es nicht.‟ Ein Mitarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern hat mir einmal etwas erzählt. Er hat einmal einen Kochkurs besucht. Das war vor 15 Jahren, und seitdem hat er nichts Neues gelernt. Dies ist kein Einzelfall. 208 Wie ist es mit der Arbeitszeit? Die meisten Werkstätten haben sehr feste Arbeitszeiten, von 7.30 Uhr bis 15.00 Uhr oder bis 16.00 Uhr. Am Wochenende arbeitet dort niemand. Nur wenige Werkstätten haben bewegliche Arbeitszeiten. Aber vielleicht muss man eine Arbeit auch mal später machen. Oder jemand kann besser von 11:00 Uhr bis 19:00 Uhr arbeiten. Zum Beispiel, weil er aus irgendeinem Grund erst später aufstehen kann. Professor Oberholzer aus der Schweiz hat beschrieben, wie Menschen arbeiten. Nicht nur die Menschen in der Werkstatt, sondern überall. Bei uns arbeiten die Menschen in der Regel von 9.00 bis 17.00 Uhr. In den Behörden fangen sie sogar noch früher an. Dort arbeiten sie von 7.30 oder 8.00 bis 15.00 oder 16.00 Uhr. Manche Menschen können aber nicht gut so früh aufzustehen. Sie können eher von 11.00 bis 19.00 Uhr gut arbeiten Diese Menschen fallen raus aus den frühen Arbeitszeiten. Sie brauchen andere Arbeitsbedingungen als alle anderen. Dann heißt es aber oft: Sie sind nicht normal. Und wer nicht normal ist, kann nicht normal leben. Man bezeichnet ihn oder sie als krank oder als behindert. Und man behandelt ihn oder sie besonders. Ich finde, das ist falsch. Vielleicht ist es so besser: Wenn jeder selbst entscheiden kann, zu welchen Zeiten er gut arbeiten kann. Der eine fängt um 11.00 an und arbeitet bis 19.00 Uhr. Und die andere braucht Zeiten von 6.00 bis 14.00 Uhr. Das ist in der Werkstatt wichtig. Aber das gilt für alle Menschen, nicht nur für Menschen mit Behinderungen. 209 Es gibt weniger Vielfalt als früher. Warum? Früher haben die Werkstätten mehr Arbeitsbereiche angeboten. Deshalb hat es mehr verschiedene Tätigkeiten gegeben. Heute können die Menschen immer weniger ihre Tätigkeit selbst auswählen. Ein Beispiel sind die Tischlereien. In Hamburg hatten die Werkstätten früher mehrere Tischlereien. Viele Menschen haben gerne in einer Tischlerei mit Holz gearbeitet. Nun haben nur noch 2 Werkstätten Tischlereien: Elbe-Werkstätten und alsterarbeit. Die Tischlereien in den Elbe-Werkstätten schließen auch nach und nach. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen dann eine andere Arbeit machen. Zum Beispiel müssen sie Sachen verpacken. Sie können nicht mehr mit Holz arbeiten. Übrigens, auch dazu steht etwas in der BRK. Ein Menschenrecht ist, dass jeder seine Arbeit auch aussuchen kann. Aber dazu gibt es zu wenige Möglichkeiten. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen das machen, was übrig bleibt. Deshalb wird dieses Recht verletzt, wenn man nur in den Werkstätten arbeiten kann. Natürlich schließen die Elbe-Werkstätten nicht aus Spaß die Tischlereien. Oder weil sie die Menschen ärgern wollen. Das passiert, weil die Tischlereien zu wenig Geld verdient haben. Deshalb macht es Sinn, dass man die Tischlereien schließt. Aber ist das in Hamburg überall so, dass Tischlereien schließen müssen? Ich kenne mich da nur wenig aus. Aber ich glaube, das ist nicht der Fall. Im Gegenteil. Ich kenne Tischler. Die haben genug Arbeit. Und sie verdienen auch noch Geld. Ich glaube: Die Tischlereien von den Werkstätten konnten sich nicht an den Markt anpassen. Daran liegt es vielleicht, dass sie schließen müssen. Das heißt: Sie haben immer die gleiche Arbeit gemacht, so gut wie sie konnten. 210 Aber andere Tischlereien haben sich vielleicht mit der Zeit verändert. Vielleicht sind sie deshalb jetzt moderner als die Tischlereien in den Werkstätten. Sie stellen mehr das her, was die Leute heute kaufen wollen. Und deshalb brauchen und bezahlen die Leute das auch. Also haben die Werkstätten es nicht geschafft, sich auch so zu verändern. Das heißt: In den Werkstätten haben sie die falschen Sachen gemacht. Ich wünsche mir, dass die Werkstätten • mal neue Arbeiten erfinden. • neue Sachen ausprobieren. • mit den neuen Sachen neue Arbeitsplätze schaffen. Wichtig ist: Es muss Arbeitsplätze geben, die nur für Menschen mit Behinderungen gut sind. Der Mensch mit Behinderungen muss bei seiner Arbeit automatisch der Profi sein. Denn Menschen ohne Behinderungen machen jede Arbeit sofort, wenn sie damit Geld verdienen können. Ich habe ein paar Beispiele dazu. Es gab mal eine Idee und es gibt sie noch: Man holt alte Computer ab und macht diese neu und besser. Dann verkauft man sie wieder. Die Idee ist toll. Aber jeder Mensch ohne Behinderung kann sie leicht übernehmen. Ich habe noch ein besseres Beispiel. Kennen Sie Leichte Sprache? Nein? Okay. Sie kennen aber Ihren Lohnzettel oder Ihre Steuererklärung. Haben Sie die schon einmal verstanden? Oder das Wort Rechtsmittelbelehrung. Verstehen Sie das? Das könnte auch so heißen: Ihre Rechte. Was ich sagen möchte: Viele Texte verstehen wir alle nicht leicht. Der eine versteht sie mehr, der andere weniger. Und nun gibt es die Idee: Wir übersetzen Texte in Leichte Sprache. So leicht, dass wirklich alle diese Texte verstehen können. Dafür gibt es schon bestimmte Regeln. 211 Und dazu gehört, dass Profis diesen Text prüfen. Damit er auch wirklich Leichte Sprache ist. Leichte Sprache ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Also können diese Menschen auch am besten Leichte Sprache prüfen. Zack, haben wir einen Profi-Job für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und dann müssen wir diese Menschen auch wie Profis bezahlen! Noch ein Beispiel: Wer von Ihnen hat etwas Sozialpädagogik studiert? Wer arbeitet als Gruppenleiter oder Geschäftsführer in einer Werkstatt? Hatten Sie in Ihrer Ausbildung Lehrer und Lehrerinnen mit Lernschwierigkeiten? Haben Prüfer und Prüferinnen Sie unterrichtet? Ich unterrichte selbst zum Thema Behinderung. Die Studierenden glauben mir viel mehr, wenn ich unterrichte. Weil ich selbst ein Mensch mit Behinderung bin. Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen können hier gleichberechtigte Lehrer und Lehrerinnen sein. Menschen mit Lernschwierigkeiten können das auch. Zack, und wieder haben wir einen Arbeitsplatz geschaffen. Dieses Ausdenken von neuen Ideen fehlt in den Werkstätten. Das kann dort auch nicht gelingen. Die modernen Werkstätten sind dafür zu groß. Manchmal schließen sich kleine Werkstätten zu einer großen Werkstatt zusammen. Dort arbeiten dann zum Beispiel 2600 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Leitung von einer so großen Firma kann nicht beweglich sein. Diese Leute haben sich etwas anderes ausgedacht. Und sie sind mächtig stolz darauf: Das ist der Außenarbeitsplatz. 212 Was ist ein Außenarbeitsplatz genau? Ein Beispiel: IKEA ist eine große Firma, die jeder kennt. IKEA braucht Menschen, die Möbel aufbauen. Es geht um Möbel, die IKEA billiger verkauft. Diese Arbeit machen Menschen aus der Werkstatt. IKEA bezahlt der Werkstatt Geld. Dafür gibt die Werkstatt IKEA Arbeitskräfte. Sie schrauben bei IKEA Möbel zusammen, aber sie gehören noch zur Werkstatt. Solche Arbeitsplätze nennt man: Außenarbeitsplätze. In Hamburg gibt es viele Firmen, die so zusammen mit Werkstätten arbeiten. Und es funktioniert. Einzelne Menschen oder auch Gruppen können einen Außenarbeitsplatz haben. Jetzt kommt das Spannende: Die Werkstatt bekommt von den Firmen viel Geld für diese Arbeit. Aber sie zahlt den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen viel weniger von dem Geld aus. Nun frage ich mich: Warum arbeiten diese Menschen nicht gleich bei IKEA? Brauchen die Menschen vielleicht manchmal Unterstützung? Warum stellt IKEA nicht jemanden ein, der oder die diese Unterstützung macht? Warum nutzt IKEA nicht das Hamburger Budget für Arbeit? Wie ist das bei den Elbe-Werkstätten? Von 100 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen arbeiten 5 auf einem Außenarbeitsplatz. Das sind 520 Menschen. Wenn ich die Zahlen richtig verstanden habe. Das sind wirklich sehr viele. Was finde ich daran komisch? Die Werkstätten können so viele Menschen auf Außenarbeitsplätzen beschäftigen. Aber sie können fast keinen auf den ersten Arbeitsmarkt bringen. Und damit komme ich zu dem Thema: Werkstätten und Inklusion. 213 Werkstätten und Inklusion – passt das zusammen? Nein. Werkstätten und Inklusion sind 2 Sachen, die nicht zusammen passen. Es gibt keine Inklusion in den Werkstätten. In Werkstätten gibt es einen ganz klaren Unterschied • zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. • zwischen Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten. Die Aufgaben sind ganz klar verteilt: Menschen mit Behinderungen sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Menschen ohne Behinderungen machen die Leitung und das Anleiten in den Gruppen. Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten nirgendwo in der Leitung mit. In keiner Werkstatt ist das so. Und auf gar keinen Fall verdienen diese Menschen 100 Tausend Euro im Jahr. In jeder Werkstatt können mehrere Menschen die Geschäftsleitung kontrollieren. Das ist der Aufsichtsrat. Die Mitglieder vom Aufsichtsrat werden gewählt. Sie sind wichtig, weil sie in der Werkstatt mit entscheiden. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind nirgendwo im Aufsichtsrat. Sie haben auch kein großes Stimmrecht. In keiner Werkstatt können sie mit entscheiden. Sie haben keine Macht. Ich habe eine Frage gelesen: Wie kann die Inklusion in einer Werkstatt noch besser werden? Ich finde, diese Frage ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen mit Behinderungen. Wer so fragt, hat die Idee der Inklusion in der Werkstatt wenig verstanden. Wer so fragt, hat eine bestimmte Haltung und ein Menschenbild. Inklusion heißt: Mitten drin sein und nicht nur dabei sein. In den Werkstätten ist es anders: Menschen mit Behinderungen sind dort sehr selten dabei und nie mitten drin. Menschen ohne Behinderungen werden 214 immer noch für Profis gehalten. Sie bestimmen immer noch über das Leben von Menschen mit Behinderungen. Ich bin gegen die Werkstätten, so wie sie jetzt sind. Ich finde, man sollte sie abschaffen. Aber das wird nicht passieren. Weil fast alle Menschen in den Werkstätten möchten, dass die Werkstätten bleiben. Manche Menschen ohne Behinderungen haben viele gute Bücher gelesen. Davon haben sie im Kopf viel gelernt. Ich möchte aber nicht, dass nur diese Menschen Entscheidungen für alle treffen. Menschen mit Behinderungen haben selbst Erfahrungen gemacht. Und sie haben davon auf eigene Weise gelernt. Sie können viele Arbeiten machen, bei denen sie Profis sind. Ich wünsche mir: Menschen mit Behinderungen sollen endlich über ihr Leben bestimmen können. Und sie sollen auch über ihre Arbeit bestimmen können. Das betrifft besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ja, wir haben Werkstätten und die funktionieren so, wie sie sind. Beides liegt daran, dass viele sie so wollen. Und zum Schluss noch einmal: Die Werkstätten sind Sonderwelten für Menschen mit Behinderungen. Die Menschen meinen es nicht böse, die das geschaffen haben und betreuen. Aber ich sage, und das sagen auch viele andere Fachleute: Die Arbeit in einer Werkstatt und die BRK passen nicht zusammen. In einer Werkstatt haben nämlich nicht alle Menschen die gleichen Rechte. Deutschland hat die BRK unterschrieben. Das ist ein Vertrag. Wenn wir den Vertrag einhalten wollen, dann müssen wir viel ändern. Wir müssen zuerst gut überlegen, was bis jetzt falsch ist. Und was wir anders machen können. Und wir müssen es alle wollen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen wichtige Dinge mit entscheiden können. Menschen ohne Behinderungen müssen viel mehr von ihrer Macht abgeben.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In Artikel 27 des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen bekennen sich die Vertragsstaaten dazu, einen „inklusiven Arbeitsmarkt“ herzustellen. Wie ist es darum bestellt? Was kann dazu beitragen, diesen menschenrechtlichen Anspruch zu fördern? In Kooperation mit „umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.“ hat das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) hierzu am 16. September 2016 eine Tagung in Hamburg ausgerichtet. Dabei war der Anspruch der Inklusion für die Tagung selbst maßgeblich. Beides, sowohl Beiträge zum Thema als auch die inklusive Gestaltung der Tagung, dokumentiert das vorliegende Buch. Es beinhaltet Beiträge in Standard- bzw. wissenschaftlicher Sprache, Leichter Sprache sowie Einfacher Sprache.