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Lars Bruhn, Jürgen Homann, Einleitung In schwerer Sprache in:

Lars Bruhn, Jürgen Homann, Christian Judith, Anja Teufel (Ed.)

Inklusiver Arbeitsmarkt, page 15 - 17

Zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3969-4, ISBN online: 978-3-8288-6857-1, https://doi.org/10.5771/9783828868571-15

Tectum, Baden-Baden
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15 Einleitung Lars Bruhn und Jürgen Homann In schwerer Sprache Am 26. März 2009 trat in Deutschland das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen in Kraft, die sogenannte UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Die UN-BRK spricht in Art. 27 Abs. 1 von einem „inklusiven […] Arbeitsmarkt‟. Die Frage, welche Konsequenzen und Erfordernisse sich hieraus ergeben, ist im Vergleich zu der Diskussion um die Verwirklichung von Inklusion im Bildungsbereich gem. Art. 24 BRK noch kaum im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen – einer Gesellschaft, die nach wie vor auf dem Prinzip der Erwerbsarbeit gründet, das nicht nur Einkommen sichert, sondern auch die Erfahrung vermittelt, eine Aufgabe zu haben, gebraucht zu werden. Entgegen der völkerrechtlich verbindlichen Verpflichtung zur Inklusion ist der Arbeitsmarkt von zahlreichen gleichwie vielfältigen Prozessen der Exklusion geprägt. Hierzu zählen in Bezug auf Behinderung etwa eine stabile, geradezu kon junkturunabhängig hohe Arbeitslosenquote oder die seit Jahren kontinuierlich steigende Zahl der Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen. Nicht zuletzt verpflichtet beispielsweise die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) Arbeitgeber*innen nicht grundsätzlich zu Barrierefreiheit, so dass Inklusion – plakativ gesagt – immer wieder vor den immer gleichen Barrieren steht und an ihnen zu scheitern droht. Vor diesem Hintergrund veranstaltete das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie in Kooperation mit umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. am 16. September 2016 eine Fachtagung unter dem Titel „Inklusiver Arbeitsmarkt – zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren‟ im Wichern-Saal der Stiftung Das Rauhe Haus in Hamburg-Horn. An der Fachtagung nahmen rund 130 von Behinderung betroffene Menschen aus Politik und Wissenschaft sowie ihre Interessenvertretungen, arbeitsmarktpolitische Akteur*innen und Vertreter*innen aus der freien Wirtschaft teil. Für die Planung der Fachtagung waren zwei Überlegungen grundlegend: Zum einen war dies ideell der Gedanke der konkreten Utopie von Ernst Bloch. Unter konkreter Utopie versteht Ernst Bloch eine Utopie, die nach real möglichen Ver- änderungen tatsächlich auch erreicht werden kann. Betrachten wir Inklusion als Utopie, dann sind Konkretisierungen zu ihrem Erreichen erforderlich. Mit Hilfe der Vorträge sollten Ansätze zu konkreten Utopien unter rechtlichen Bestim- 16 mungen sowie arbeitsmarktpolitische Instrumente für einen inklusiven Arbeitsmarkt identifiziert und diskutiert werden. Zum anderen ging es darum, dem menschenrechtlichen Anspruch der UN-BRK mehr Geltung zu verschaffen, aus dem heraus Inklusion entgegen dem vorherrschenden Diskurs nicht als ausschließlich behindertenspezifische, sondern als allgemein gültige menschenrechtliche Kategorie zu interpretieren wäre. Für ein solches Verständnis von Inklusion als menschenrechtlicher Kategorie wären Fragen der Differenz oder/und gruppenspezifischen Zugehörigkeit von Menschen irrelevant. Es würde keine Mehr- oder/und Minderheiten mehr kennen, sondern den Fokus auf die sie umgebenden praktischen Bedingungen richten: Sind diese voraussetzungs- und kompromisslos so gestaltet, um Partizipation ‚für Alle‛ zu gewährleisten? Diesem Anspruch galt es auch während der Tagung gerecht zu werden. Das ZeDiS bemüht sich für seine Veranstaltungen selber stets um Inklusion. Das bedeutete neben räumlicher Barrierefreiheit: Alle Vorträge und Diskussionen wurden in Gebärdensprache und Schriftsprache gedolmetscht. Zudem versucht ZeDiS immer wieder, Menschen mit Lernschwierigkeiten als Referent*innen in seine Ringvorlesungen einzubinden. Mit der Tagung wagten sich die Veranstalter*innen einen Schritt weiter. Es waren alle eingeladen – so auch Menschen mit Lernschwierigkeiten. Der Gedanke dabei ist: Nicht nur über Inklusion sprechen. Inklusion auch leben – getreu dem Motto der Behindertenbewegung: Nichts über uns ohne uns! Mit Unterstützung von K Produktion wurde nach einem entsprechenden Weg zur Inklusion gesucht. Heraus kam dabei eine Mischung aus Vorträgen in schwerer Sprache, solchen in Einfacher Sprache, begleitendem Angebot in Leichter Sprache, gleichzeitige Darbietung über Kopfhörer in Leichter Sprache sowie Begleitung der Tagung durch Anja Teufel von K Produktion. Im vorliegenden Buch führt Anja Teufel ihre Überlegungen hierzu in einem Artikel aus. Fernerhin dokumentiert das Buch das Grußwort des Rektors der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie. Stiftung Das Rauhe Haus, Prof. Dr. Andreas Theurich, die Vorträge der Fachtagung sowie einen Vortrag aus einer früheren Veranstaltung des ZeDiS. Das Buch ist dabei so konzipiert, dass es ebenso wie die Fachtagung ‚für alle‛ zugänglich ist. Alle Beiträge finden sich daher entweder in schwerer Sprache und Leichter Sprache oder nur in Einfacher Sprache. Im menschenrechtlichen Inklusionsdiskurs wird bislang kaum beachtet, dass es auch andere Erfordernisse für gesellschaftliche Veränderungen gibt, die im Zusammenhang gesehen werden müssen. Denn welchen Wert haben Menschenrechte, wenn die Grundlagen zum Leben nachhaltig zerstört sind? Entsprechend stellt Dr. Bernd Sommer Befunde aus der sozial-ökologischen Transformationsforschung vor. Aus dieser Perspektive bespricht er Analogien zu gesellschaftlichen Bemühungen, Inklusion am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die weiteren Beiträge fokussieren menschenrechtlich gewendet auf eben diesen: den inklusiven Ar- 17 beitsmarkt. Jürgen Homann und Lars Bruhn fragen danach, ob und wie ein Arbeitsmarkt unter den gegebenen Bedingungen inklusiv sein kann und ob die gegenwärtigen arbeitsmarktpolitischen Instrumente geeignet sind, den Arbeitsmarkt nachhaltig inklusiv(er) zu machen. Was die UN-BRK in Art. 27 unter einem inklusiven Arbeitsmarkt versteht, arbeitet Barbara Vieweg heraus. Daran schließt der Beitrag von Prof. Dr. Kathrin Römisch an. Sie stellt das Instrument des Aktionsplans zur Umsetzung der UN-BRK in Unternehmen vor und setzt sich damit aus der Perspektive von Disability Studies auseinander. Christian Judith schließlich beschäftigt sich in seinem Beitrag mit Werkstätten für behinderte Menschen. Haben diese auf einem inklusiven Arbeitsmarkt überhaupt eine Zukunft? Und wenn ja, was muss sich hierfür ändern? Wir danken den Referent*innen und Autor*innen, die sich der Mühe unterzogen haben, komplexe Sachverhalte im Rahmen eines inklusiven Settings zur Diskussion zu stellen. Unser besonderer Dank gilt zudem umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e. V. und ihrem Referenten Jörn Dobert für die ideelle und finanzielle Unterstützung des Vorhabens sowie dem Tectum Verlag und dessen Bereitschaft, für das hiesige Buch die Vorgaben für Einfache Sprache und Leichte Sprache zu berücksichtigen. Hamburg, Juni 2017

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Zusammenfassung

In Artikel 27 des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen bekennen sich die Vertragsstaaten dazu, einen „inklusiven Arbeitsmarkt“ herzustellen. Wie ist es darum bestellt? Was kann dazu beitragen, diesen menschenrechtlichen Anspruch zu fördern? In Kooperation mit „umdenken Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.“ hat das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) hierzu am 16. September 2016 eine Tagung in Hamburg ausgerichtet. Dabei war der Anspruch der Inklusion für die Tagung selbst maßgeblich. Beides, sowohl Beiträge zum Thema als auch die inklusive Gestaltung der Tagung, dokumentiert das vorliegende Buch. Es beinhaltet Beiträge in Standard- bzw. wissenschaftlicher Sprache, Leichter Sprache sowie Einfacher Sprache.