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1 Einleitung in:

Marcus Wegener

Kommunikative Anforderungen im Sportunterricht, page 9 - 12

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3912-0, ISBN online: 978-3-8288-6852-6, https://doi.org/10.5771/9783828868526-9

Tectum, Baden-Baden
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9 1 Einleitung Der Prediger in der Wüste – eine vereinsamte Person, die in einer trostlosen Umgebung steht, dort beharrlich etwas mitzuteilen versucht, mit der frohen Botschaft aber niemanden erreicht. Es ist eine Predigt ins Leere; vergebliche Liebesmüh'. Wird der Blick auf den Sportunterricht gelenkt, so sind Parallelen nicht zu übersehen. Womöglich ist die Sportlehrkraft in der Halle ebenfalls ein ‚Prediger in der Wüste‘! Sportlehrkräfte sollen die Schüler*innen erziehen und ihnen etwas beibringen. Damit diese Aufgabe gelingt, müssen Lehrkräfte fachliches Wissen mitbringen, sich also mit den Unterrichtsinhalten gut auskennen. Doch ein großer Sachverstand der Lehrkraft garantiert noch keinen Lernerfolg auf Seiten der Schüler*innen, denn dazu muss das Wissen auch vermittelt werden. Für die Vermittlung kann die Lehrkraft einen didaktischen Plan anfertigen, aber auch der ist nur eine gedankliche Vorwegnahme. Entscheidend für den Vermittlungserfolg ist das Geschehen im Unterricht. Und in diesem Moment, wenn die Lehrkraft vor die Klasse tritt, bleibt für die Vermittlung des Wissens nur noch eines: Kommunikation. Lehrkräfte kommen also nicht umhin, im Sportunterricht zu kommunizieren, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden und die gesetzten Ziele zu erreichen. Speziell die folgenden drei Aspekte sind dabei für den Sportunterricht hervorzuheben: Eine Sportlehrkraft sieht sich erstens vor die Aufgabe gestellt, die sportpraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler*innen zu entwickeln. Dazu bedarf es der Interaktion. So müssen unter anderem organisatorische Absprachen getroffen, Spielregeln verhandelt und Übungsabläufe sowie Bewegungstechniken erklärt werden. Das zentrale Anliegen besteht dabei darin, die Schüler*innen in die Sportkultur einzuführen. Doch das ist schon lange nicht mehr der einzige Anlass für Unterrichtsgespräche in der Sporthalle. Die Zeit, in der landläufig die Meinung herrschte, es ginge im Sportunterricht allein um die körperliche Ertüchtigung und den 10 blinden Nachvollzug sportkultureller Praxis, ist wohl endgültig vorbei. Heute steht zusätzlich die Persönlichkeitsbildung der Schüler*innen im Zentrum des Interesses und stellt damit die Sportlehrkräfte vor eine zweite Aufgabe. Um dieser gerecht zu werden, beteiligt die Sportlehrkraft die Schüler*innen an der Unterrichtsgestaltung und reflektiert mit ihnen in gemeinsamen Gesprächen die Bedeutung der absolvierten Praxis. Diese Prinzipien der Verständigung und der Reflexion sind kennzeichnend für die aktuellen Lehrpläne. Die Rahmenvorgaben für den Schulsport in NRW fordern beispielsweise die Sportlehrkräfte dazu auf, im Unterricht „gemeinsame Vereinbarungen zu treffen und Heranwachsende zunehmend selbst- und mitbestimmt an der Planung, Durchführung und Auswertung der Lerngelegenheiten zu beteiligen“ (Rahmenvorgaben NRW, S. 15). Ferner wird dort postuliert: „Wenn Erfahrungen und Handlungen für die Entwicklung des Menschen fruchtbar werden sollen, dann müssen sie durch Reflexion begleitet werden“ (ebd., S. 14). Die Sportlehrkraft hat sich also kommunikativ um die Persönlichkeitsbildung der Schüler*innen zu bemühen. Die Diskussionen um die Kompetenzorientierung des Sportunterrichts und die Professionalisierung von Sportlehrkräften erweitern deren kommunikativen Auftrag schließlich um einen dritten Aspekt, denn zur Hebung des kognitiven Niveaus und zur Angleichung an die anderen Schulfächer ist im Sportunterricht nun vermehrt auch Wissen zu vermitteln. Der Sportunterricht soll nicht mehr nur als verlängerte Bewegungspause, sondern als anspruchsvolles Unterrichtsfach angesehen werden. Dafür ist es erforderlich, die Praxis verstärkt mit Theorieanteilen zu verknüpfen. Durch theoretisierende Unterrichtsgespräche soll also das negative Image des Faches Sport korrigiert werden (vgl. bspw. Kastrup, 2009, S. 362 f.; Gogoll, 2012). Zusammenfassend ist nicht zu übersehen, dass die Sportlehrkraft – wie der Prediger in der Wüste – eine Botschaft hat! Es geht um sportpraktisches Können, Erziehung und Theoriewissen. Eine Sportlehrkraft hat im Unterricht also etwas mitzuteilen, es bedarf der Kommunikation! Wird nun aber auf die Bedingungen geschaut, unter denen die Sportlehrkraft ihre Botschaft vermitteln muss, so erscheinen diese ähnlich aussichtslos wie jene des besagten Predigers: Die Sporthalle ist für Bewegung konstruiert, nicht für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Es gibt keine Bestuhlung, keine Tische; dafür eine schlechte Akustik und große Distanzen. Bei Gesprächen tickt die Uhr, denn sie kosten wertvolle Bewegungszeit. Alles ist flexibel. Alles ist dynamisch. Alles bewegt sich: Schüler*innen, Lehrkraft, Material. Stets droht Chaos. Geräte quietschen; Bälle fliegen, rollen, hüpfen; Schüler*innen laufen, hopsen, springen; quatschen, streiten, nörgeln. Emotionen liegen in der Luft, Konflikte schwelen. Lärm übertönt alles; auch die Stimme 11 der Lehrkraft. – Sich in solch einem wirren Durcheinander Gehör zu verschaffen, wird zum Kraftakt! Nach höchstens neunzig Minuten ist das Spektakel vorbei und es darf zweifelnd gefragt werden: Wurde das Unterrichtsziel erreicht? Diese hier beschriebenen Merkmale von Sportunterricht spiegeln sich auch in Belastungsstudien wider: Lärm, schlechte Akustik, Disziplinlosigkeiten und Konflikte gelten als die schwerwiegendsten Belastungsfaktoren für Sportlehrkräfte. Darüber hinaus werden ungeordnete Unterrichtsabläufe und Planabweichungen als besonders belastend erlebt. Die Interaktion scheint sich nicht kontrollieren zu lassen, sondern hält offenbar immer wieder überraschende Wendungen für die Sportlehrkräfte bereit (vgl. König, 2004; Voltmann-Hummes, 2008, S. 188 ff.). Als ein großes Problem der Sportlehrkräfte ist demnach die Widerspenstigkeit der Kommunikation anzusehen. Es ist kein leichtes Unterfangen, der Vermittlungsaufgabe gerecht zu werden. Das Unterrichtsgeschehen ist komplex und deshalb kaum vorhersehbar. Vielmehr setzt sich die Erkenntnis durch: „Sport unterrichten ist ein Handeln unter Unsicherheit – Aktionen und Reaktionen, Verläufe und Wirkungen können nie vollständig geplant und kontrolliert werden“ (Neuber, 2003, S. 178). Trotzdem suggerieren Planungsund Auswertungsmodelle der Sportdidaktik bis heute genau das Gegenteil und erhöhen damit den Druck auf die Sportlehrkräfte. Besonders deutlich wird diese Logik der Rationalität und Kontrollierbarkeit von Unterricht in Lehrproben: Dort wird der Interaktionsverlauf erst in einem schriftlichen Entwurf prognostiziert und Abweichungen bei der Durchführung im Anschluss auf der Basis rationaler Argumente meist als Planungsfehler erklärt. Ein Verweis auf schicksalhafte Begebenheiten oder unglückliche Fügungen wird selten akzeptiert, obwohl allen Beteiligten die Komplexität und damit die Unkontrollierbarkeit der eigendynamischen Situation bewusst sein sollte. Solange aber ungeklärt bleibt, wie Lehrkräfte mit den widrigen Kommunikationsbedingungen im Sportunterricht umgehen können, scheint ihre Mission immer wieder zum Scheitern verurteilt. Das ist für viele entmutigend! Sportlehrkräfte benötigen deshalb – über das fachliche Können und Wissen hinaus – kommunikative Strategien, mit denen sie ihrer Vermittlungsaufgabe in einer komplexen Unterrichtsrealität gerecht werden können. Erst dann erfüllt das gesamte Unterfangen seinen Sinn. Andernfalls wirken die Lehrkräfte in der Sporthalle hilflos und ihr Tun deshalb zwecklos wie die Bemühungen des besagten Predigers in der Wüste, gewissermaßen unprofessionell und damit auch belastend. Die zentrale Forschungsfrage dieser Arbeit lautet deshalb: Wie wird die Kommunikation im Sportunterricht möglich? 12 In diesem Sinne geht es nun darum, jene kommunikativen Anforderungen zu bestimmen, die bei der Durchführung von Sportunterricht zu bewältigen sind. Es gilt, eine ordnende Übersicht zu gewinnen und den Blick für die Hindernisse zu schärfen, die bei der Kommunikation in der Sporthalle überwunden werden müssen. Für eine konstruktive Behandlung der Thematik interessieren des Weiteren Strategien, die zur Bewältigung der gefundenen kommunikativen Anforderungen beitragen können. Bei alledem ist jedoch die Eigendynamik der Geschehnisse in der Sporthalle in jedem Falle ernst zu nehmen. Die unkontrollierbare Komplexität der Realität von Sportunterricht soll deshalb als Prämisse aller weiteren Überlegungen gelten. Für die eilige Lektüre dieser Arbeit sei auf die Zwischenfazits hingewiesen, die am Ende eines jeden Kapitels die wesentlichen Aspekte kompakt darzustellen versuchen.

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Zusammenfassung

Sportlehrkräfte sollen ihre Schüler*innen erziehen und ihnen etwas beibringen. Dazu bedarf es der Kommunikation. Doch die widrigen Kommunikationsbedingungen in der Sporthalle führen immer wieder zu überraschenden Unterrichtsverläufen. Das Geschehen in der Sporthalle ist nicht vollständig planbar, denn es folgt offenbar eigenen Gesetzen; die Kommunikation hat eine Eigendynamik, die sich nicht kontrollieren lässt. Deshalb stellt sich die Frage, wie gelingende Kommunikation im Sportunterricht trotzdem möglich sein kann. Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieser Frage an. Ziel ist die Bestimmung kommunikativer Anforderungen im Sportunterricht und möglicher Bewältigungsstrategien. Dabei stellt die Eigendynamik der Kommunikation die zentrale Prämisse in der soziologischen Analyse dar. Zudem wird die entworfene Theorie anhand von empirischen Fallstudien weiterentwickelt. So liegt nun ein völlig neuartiger Ansatz vor, mit dem sich die Unberechenbarkeit der Kommunikation im Sportunterricht angemessen reflektieren lässt. Die entwickelte Theorie leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Professionalisierung von Sportlehrkräften.