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3 Kommunikation in:

Marcus Wegener

Kommunikative Anforderungen im Sportunterricht, page 29 - 54

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3912-0, ISBN online: 978-3-8288-6852-6, https://doi.org/10.5771/9783828868526-29

Tectum, Baden-Baden
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29 3 Kommunikation Zur Beantwortung der Frage, wie Kommunikation im Sportunterricht möglich wird, bedarf es zunächst einer fundamentalen Klärung, was in der Systemtheorie und speziell in dieser Arbeit unter ‚Kommunikation‘ verstanden werden soll. Dabei ist die Eigenständigkeit der Kommunikation herauszuheben, d. h. ihre Unabhängigkeit von den Intentionen der an der Kommunikation beteiligten Personen. Diesem Zweck sollen die Ausführungen in den nun folgenden Unterkapiteln dienen. Die Gliederung des Kapitels gestaltet sich dazu wie folgt: Zunächst wird in Kapitel 3.1 auf grundlegende Schwierigkeiten hingewiesen, die sich mit einer Erläuterung des hier angelegten Kommunikationsbegriffs verbinden. Es folgt in Kapitel 3.2 eine Erläuterung, was Kommunikation ist bzw. wie sie zustande kommt. Dabei zeigt sich, dass die Systemtheorie ein eher ungewöhnliches Verhältnis von der Kommunikation zu den kommunizierenden Personen konstruiert: Die Kommunikation beruht nicht auf den Willensakten der Personen, sondern entwickelt sich eigenständig – sie ist emergent. Das anschließende Kapitel 3.3 widmet sich diesem Verhältnis und endet mit der Einsicht, dass die Theorie von Luhmann an dieser Stelle der Präzisierung bedarf. Bevor die entsprechende Weiterentwicklung von Willke im Kapitel 3.5 aufgenommen wird, erfolgt in Kapitel 3.4 ein Exkurs, der tiefergehend aufzeigt, worauf es bei Theorieentwürfen in Bezug auf die Emergenz des Sozialen ankommt. Auf der Grundlage der Theorie von Willke können in Kapitel 3.6 schließlich drei zentrale emergente Erwartungen benannt werden, die den Interaktionsverlauf beeinflussen. Den Abschluss bildet eine zusammenfassende Übersicht zur Explikation des Kommunikationsbegriffs in Kapitel 3.7. 3.1 Schwierigkeiten bei der Explikation des Kommunikationsbegriffs In diesem Kapitel soll die kommunikationstheoretische Basis gelegt werden. Doch bevor die Theorie entfaltet werden kann, ist auf drei Schwierigkeiten 30 hinzuweisen, die sich mit der Explikation eines Kommunikationsbegriffs in der Prägung von Luhmann verbinden: Erstens sind die Ausführungen von Luhmann hinsichtlich der Kommunikation im Verhältnis zur Zentralität dieses Begriffs im Theoriegebäude erstaunlich dünn (vgl. zu dieser Einschätzung auch: Willke, 2005a, S. 107 ff.). Das kann zu unterschiedlichen, zuweilen sogar widersprüchlichen Interpretationen dieser Ausführungen führen. Für weitere Analysen scheint es daher wichtig, die in dieser Arbeit zugrunde gelegte Begriffsfassung klar offenzulegen, d. h. zu explizieren. Zweitens bricht die Theorie von Luhmann mit Alltagskonzepten von Kommunikation. Während in gängigen Vorstellungen davon ausgegangen wird, dass die an der Kommunikation beteiligten Akteure durch ihr kommunikatives Handeln den Gesprächsverlauf bestimmen, geht die Systemtheorie davon aus, dass das Gespräch einer Eigenlogik folgt. Der Verlauf der Kommunikation steht demnach nicht allein im Einflussbereich der Akteure, sondern entwickelt ein Eigenleben, das umgekehrt Einfluss auf die an der Kommunikation beteiligten Personen ausübt. Diese Loslösung des Kommunikationsverlaufs vom Bewusstsein der Personen ist bei Luhmann mit der Emergenz des Sozialen bezeichnet (vgl. bspw. Luhmann, 2006, S. 259 ff.). Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Gedanken der Emergenz logisch nachvollziehbar in der Theorie abzubilden und verständlich darzustellen. Die dritte Schwierigkeit wurde bisher selten gesehen. Sie resultiert aus der Anwendung der Systemtheorie auf die eigene Theorieentwicklung und betrifft die Einsicht, dass ‚Kommunikation‘ nur der für das Bewusstsein geschaffene Begriff für ein soziales Phänomen ist, nicht aber das Phänomen selbst. Dieses liegt außerhalb des Bewusstseins. Kommunikationen können also nicht mit dem Bewusstsein gedacht werden, denn: „Erforderlich wären Aussagen in der Logik der Kommunikation. Das Bewusstsein hat zu dieser Logik keinen direkten Zugang und kann sich somit nur in seiner eigenen Logik etwas über Kommunikation vorstellen“ (Willke, 2005a, S. 99). Der einzige Ausweg besteht demnach in der Rekonstruktion von Kommunikation in der Kommunikation. Die Kommunikation ist in der Form zu thematisieren, dass Kommunikation als Theorie denkbar wird (vgl. Willke, 2005a, S. 95-99). Im Folgenden geht es nun darum, mit diesen drei Schwierigkeiten umzugehen und eine Theorie der Kommunikation zu explizieren. Dabei stehen die Ausführungen von Luhmann im Mittelpunkt. Sie werden im Wesentlichen mit den Theorieweiterentwicklungen von Kieserling und Willke ergänzt. Bei der Darlegung der Theorie wird versucht, mit einer möglichst geringen An- 31 zahl an Fachbegriffen auszukommen. Prominente Begriffe der Systemtheorie, die für die vorliegenden Arbeit nicht von tragender Bedeutung sind und deshalb ausgespart werden, erscheinen an entsprechenden Stellen in den Fußnoten; so ist ein Abgleich mit anderen systemtheoretischen Texten erleichtert. 3.2 Kommunikation als Synthese von drei Selektionen Luhmann beschreibt das Element einer Kommunikation als die Synthese der Selektionen von Information, Mitteilung und Verstehen. Auf diese drei Komponenten der Kommunikation wird nun näher eingegangen: Die erste Selektion betrifft die Information, die in der Kommunikation mitgeteilt wird. Diese Selektion ist jedoch nicht so zu verstehen, dass aus einem beliebigen Vorrat an Informationen ausgewählt werden kann. Dieser Vorrat – Luhmann spricht auch vom Verweisungshorizont – ist vielmehr systemspezifisch, da er erst im Kommunikationsverlauf generiert wird: „Kommunikation greift aus dem je aktuellen Verweisungshorizont, den sie selbst erst konstituiert, etwas heraus und lässt anderes beiseite“ (Luhmann, 1984, S. 194; vgl. ebd., S. 194 f. u. S. 200 f.; 1997, S. 71; 2006, S. 294). Oder etwas konkreter: „Wenn man einen bestimmten Satz spricht, ist dieser eine Auswahl aus der Menge der sprechbaren Sätze, die eingeschränkt ist durch das, was man vorher gesagt hat“ (Luhmann, 2006, S. 294). Die Selektion der Mitteilung einer Information lässt sich in zwei Aspekte teilen. Erstens bezieht sich die Selektion der Mitteilung auf das Motiv, eine Information mitzuteilen; die sich mitteilende Person erscheint in der Kommunikation mit einer bestimmten Absicht zur Mitteilung; es gibt Gründe, wenn sich jemand zu Wort meldet. Zweitens geht es bei der Selektion der Mitteilung um die Wahl eines spezifischen Mitteilungsverhaltens, also um die Symbolisierung der Information (vgl. Luhmann, 1984, S. 195 u. S. 215; 2008d, S. 111).4 Das Verstehen als die dritte Selektion einer Kommunikation kann analog zur Mitteilung ebenfalls in zwei Aspekte untergliedert werden. Der erste Aspekt bezieht sich auf das Verstehen des Motivs, der zweite auf das Verstehen der symbolisierten Information: 4 Hinsichtlich der Selektion der Mitteilung reduziert Willke die möglichen Interpretationsweisen der Ausführungen von Luhmann explizit auf den „Willen zum Sprechen“ (Willke, 2005a, S. 107): „Mitteilung nach Luhmann hat also nichts mit der Art und Weise oder dem Wie der Kommunikation zu tun, auch nichts mit dem Medium der Mitteilung. Vielmehr verweist Mitteilung nur auf den Entschluss von Ego, den Willen zur Mitteilung von Informationen“ (Willke, 2005a, S. 108). Dieser Auslegung wird hier jedoch in Einklang mit Borggrefe nicht gefolgt, da „Kommunikation weder auf Intentionalität noch auf Sprachlichkeit angewiesen ist“ (ebd., 2008, S. 38). 32 Zuerst beschreibt das Verstehen die „Beobachtung einer Differenz von Information und Mitteilung“ (Luhmann, 1997, S. 72). Es wird demnach verstanden, dass die Information keine unmittelbare ist, sondern eine vermittelte, d. h. „daß die Information sich nicht von selbst versteht“ (Luhmann, 2008d, S. 111). Dem Mitteilenden wird dabei eine Mitteilungsabsicht, ein Motiv unterstellt und zwar völlig unabhängig davon, ob tatsächlich ein solches Motiv vorlag. Kann kein Motiv unterstellt werden, so wird ein mitteilungsloses Verhalten des Gegenübers wahrgenommen und darüber eine unmittelbare Information generiert.5 Die Trennung von Mitteilung und Information erfolgt also erst beim Verstehen, weshalb erst hier die Kommunikation zustande kommt.6 Aufgrund dieser Umkehr der gängigen Vorstellung, dass eine Kommunikation durch den Sender bestimmt ist, nennt Luhmann die verstehende Person Ego und die mitteilende Person Alter (vgl. Luhmann, 1984, S. 195 u. S. 208 f.; 1997, S. 72; 2006, S. 299; 2008d, S. 111). Sehr bündig finden sich diese Gedanken in folgendem Zitat: „Im Unterschied zu bloßer Wahrnehmung von informativen Ereignissen kommt Kommunikation nur dadurch zustande, daß Ego zwei Selektionen unterscheiden und diese Differenz seinerseits handhaben kann. Der Einbau dieser Differenz macht Kommunikation erst zur Kommunikation, zu einem Sonderfall von Informationsverarbeitung schlechthin“ (Luhmann, 1984, S. 198). Nach dieser Vorentscheidung in der dritten Selektion – Kommunikation oder mitteilungsloses Verhalten? – deutet das im Zitat genannte ‚Handhaben‘ auf das Verstehen im engeren Sinne hin. Ego muss die mitgeteilte und symbolisch codierte Information vor dem Hintergrund seines eigenen Gedächtnisses rekonstruieren: Ego muss sich überlegen, was die beobachtete Mitteilung wohl bedeuten könnte (vgl. Luhmann, 1984, S. 197 f. u. S. 217; 2005a, S. 30; 2008d, S. 112 f.).7 Willke unterscheidet an dieser Stelle des Verstehens präzisierend zwischen Informationen und Daten. Während Daten die unmittelbaren Ergebnisse von Beobachtungen sind, entstehen Informationen erst dadurch, dass beobachteten Daten entlang der Relevanzkriterien der beobachtenden Person ein 5 Zum Begriff der ‚Wahrnehmung‘: vgl. Luhmann, 1995, S. 28 ff. 6 Aus handlungstheoretischer Perspektive heißt das: Die Kommunikation kommt erst nachträglich zustande. 7 Bei Luhmann rückt die Vorentscheidung (‚Kommunikation oder Verhalten?‘) sehr in den Mittelpunkt der Darstellungen, weshalb der Eindruck entstehen kann, die Selektion des Verstehens sei damit bereits vollständig beschrieben. 33 bestimmter Sinn8 beigemessen wird. Informationen sind deshalb stets interpretierte Daten, also abhängig von der beobachtenden Person; und mitgeteilt bzw. beobachtet werden keine Informationen, sondern nur Daten (vgl. Willke, 2005a, S. 105 f.). Doch mit der Rekonstruktion der Information wäre das Verstehen nur unvollständig und daher missverständlich beschrieben, denn „Verstehen ist nie [allein] eine bloße Duplikation der Mitteilung in einem anderen Bewusstsein, sondern im Kommunikationssystem selbst Anschlussvoraussetzung für weitere Kommunikation […]: das Kommunikationssystem erarbeitet sich sein eigenes Verstehen“ (Luhmann, 2008d, S. 112). Hinsichtlich des Verstehens meint Luhmann sogar: „Verstehen in kommunikativen Zusammenhängen wäre deshalb ganz unmöglich, wäre es darauf angewiesen, zu entschlüsseln, was gleichzeitig psychologisch abläuft“ (Luhmann, 1997, S. 73). Der Kommunikation ist es also völlig egal, was die beteiligten Personen konkret verstanden haben. Für die Kommunikation ist nur entscheidend, dass überhaupt irgendetwas als mitgeteilte Information konstruiert wurde. Denn dann kann die Kommunikation fortgesetzt werden: „Hier ist […] kein Außenzustand gemeint, also nicht der psychische Zustand des Verstehenden selbst, sondern eine Bedingung dafür, dass die Kommunikation weitergeht“ (Luhmann, 2006, S. 297). In der Selektion des Verstehens wird folglich die Basis für die nachfolgende erste Selektion geschaffen: „Denn jedes Einzelereignis [= Kommunikation] gewinnt seine Bedeutung (= Verständlichkeit) nur dadurch, daß es auf andere verweist und einschränkt, was sie bedeuten können, und genau dadurch sich selbst bestimmt“ (Luhmann, 1997, S. 73; vgl. Luhmann, 1984, S. 198 f.). Die Selektion des Verstehens bezeichnet damit auf der Ebene des sozialen Systems die Veränderung des Verweisungshorizonts für andere Kommunikationen und gibt den Rahmen für den Anschluss weiterer Kommunikationen vor. Insofern ist es dann für die Kommunikation selbst unerheblich, ob die Informationskonstruktionen von Alter und Ego deckungsgleich sind, also auf psychischer Ebene Verständigung erzielt wurde. Das Verstehen der Kommunikation auf sozialer Ebene schließt das Missverstehen auf psychischer Ebene ein: Die Kommunikation kann grundsätzlich auch weiterlaufen, wenn die 8 ‚Sinn‘ erscheint als ein in der Systemtheorie prominenter Begriff (vgl. bspw. Luhmann, 1984, S. 92-147; Willke, 2005a, S. 29 ff.). Die hier verfolgte Theorieentwicklung kommt jedoch ohne ihn aus. Deshalb wird auf genauere Ausführungen zu diesem Begriff an dieser Stelle verzichtet. 34 Informationskonstruktionen von Alter und Ego auf psychischer Ebene unähnlich oder sogar gänzlich verschieden ausfallen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob Alter und Ego diese Diskrepanz ihrer Konstruktionen bewusst ist oder nicht. Mitunter kann ein unentdecktes Missverständnis oder Aneinandervorbeireden für den Fortgang des Kommunikationsprozesses sogar förderlich sein (vgl. Luhmann, 1984, S. 197 f. u. S. 217; 2005a, S. 30; 2008d, S. 112 f.). Die beschriebene Unterscheidung von Verstehen auf psychischer Ebene und dem Verstehen in der Kommunikation deutet bereits an, dass in der Systemtheorie ein spezifisches und vielleicht etwas ungewöhnliches Verhältnis zwischen den psychischen Prozessen und der Kommunikation konstruiert wird: Es sind nicht die Menschen, die ein Gespräch führen, sondern das Gespräch führt sich letztlich selbst. Oder in den Worten von Luhmann: „Nicht der Mensch kann kommunizieren, nur die Kommunikation kann kommunizieren“ (Luhmann, 1997, S. 105; sehr ähnlich: Luhmann, 2008d, S. 109). Wie wird dieser Gedanke in der Theorie abgebildet? 3.3 Das Verhältnis von kommunikativen und psychischen Prozessen Bevor hier das Verhältnis von kommunikativen und psychischen Prozessen geklärt werden kann, erscheinen einige abstrakte systemtheoretisch Überlegungen angebracht. Es gilt insbesondere vorab zu erläutern, was unter Strukturen und Prozessen verstanden werden soll. Dabei wird auch darauf eingegangen, wie sich Strukturen aufbauen, wobei die Begriffe der ‚Autopoiesis‘ und der ‚strukturellen Kopplung‘ relevant erscheinen. Strukturen und Prozesse von Systemen Ausgangspunkt ist die Unterscheidung von System und Umwelt. Ein System entsteht dadurch, dass es sich von seiner Umwelt abgrenzt.9 So bestimmt sich die Art der Elemente, die in dem System miteinander verknüpft10 werden (vgl. Luhmann, 1984, S. 35 f. u. S. 52). Übersteigt die Anzahl der Elemente die im System enthaltene Kapazität an Verknüpfungsmöglichkeiten, d. h. steht das System unter Selektionszwang hinsichtlich der Verknüpfung der Einzelelemente (bspw. weil nicht genügend Zeit zur Verfügung steht) und ist 9 Luhmann argumentiert an dieser Stelle – wie auch in vielen anderen Zusammenhängen – über die Formtheorie von Brown. Diese Theorie wird hier nicht entfaltet, da die Ausführungen auch ohne diesen Zusatz nachvollziehbar erscheinen. 10 Luhmann verwendet an gleicher Stelle neben ‚Verknüpfung‘ auch den Begriff der ‚Relationierung‘. 35 insofern unbestimmt, so gilt das System als komplex11 (vgl. Luhmann, 1984, S. 45 ff. u. S. 70; 1997, S. 134-144; 2005c, S. 64).12 Komplexe Systeme verändern die Verknüpfungen und die verknüpften Elemente im Verlaufe der Zeit, d. h. es laufen Prozesse ab: „Prozesse kommen dadurch zustande (und der Prozeßbegriff soll hier dadurch definiert sein), daß konkrete selektive Ereignisse zeitlich aufeinander aufbauen, aneinander anschließen“ (Luhmann, 1984, S. 74; vgl. ebd., S. 67 f. u. S. 213). Die in den Prozessen verknüpften Elemente liegen nicht als solche vor, sondern sie werden im Prozess durch das System selbst erst produziert. Hier passt der Begriff der Autopoiesis, der nach dem Wortsinn ‚sich-selbst-erzeugend‘ bedeutet.13 Ein autopoietisches System erscheint insofern lebendig: „Elemente sind Elemente nur für die Systeme, die sie als Einheit verwenden, und sie sind es nur durch diese Systeme. Das ist mit dem Konzept der Autopoiesis formuliert“ (Luhmann, 1984, S. 43; vgl. sehr ähnlich Luhmann, 1997, S. 65).14 Ein System kann demnach ausschließlich die Elemente prozessieren, die es entsprechend der Abgrenzung von der Umwelt selbst hervorbringt, andere Elemente können nicht einbezogen werden; es handelt sich insofern um geschlossene Systeme (vgl. Luhmann, 1984, S. 60): „Auf der Ebene der eigenen Operationen gibt es keinen Durchgriff in die Umwelt, und ebensowenig können Umweltsysteme an den autopoietischen Prozessen eines operativ geschlossenen Systems mitwirken“ (Luhmann, 1997, S. 92). Damit ist ausdrücklich nicht behauptet, dass die Umweltbedingungen für das Ablaufen der Prozesse egal wären. Ein System kann nicht in jeder beliebigen Umgebung überleben. Stets müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, damit es prozessieren kann. 11 Willke ist der Ansicht, dass der Begriff der Komplexität gänzlich anders zu fassen sei (vgl. Willke, 2005a, S. 155-165). Da der Begriff in seinen Details für die hier verfolgte Theorieentwicklung unerheblich ist, wird die Diskussion an dieser Stelle jedoch nicht weitergeführt. 12 Situationen, die sich aufgrund der Komplexität durch Selektion ergeben und daher immer auch anders ausfallen können, bezeichnet Luhmann als ‚kontingent‘ (vgl. Luhmann, 1984, S. 47). 13 Die hier betrachteten Elemente sind temporalisiert, d. h. sie sind flüchtig und verschwinden unmittelbar nach ihrem Auftreten. Luhmann möchte „die Reproduktion der ereignishaften Elemente als Operation bezeichnen“ (Luhmann, 1984, S. 79). 14 Der Begriff der ‚Autopoiesis‘ stammt ursprünglich aus der Biologie und bezeichnet dort das Lebendige (vgl. Borggrefe, 2008, S. 43). Luhmann verwendet in diesem Zusammenhang auch den Begriff der Selbstreferenz: „Ein System kann man als selbstreferentiell bezeichnen, wenn es die Elemente, aus denen es besteht, als Funktionseinheiten selbst konstituiert und in allen Beziehungen zwischen diesen Elementen eine Verweisung auf die Selbstkonstitution mitlaufen lässt“ (Luhmann, 1984, S. 59). 36 Und die Prozesse laufen dann auch nicht völlig zufällig ab. Vielmehr folgen sie der Struktur des Systems15: „Strukturen fassen die offene Komplexität der Möglichkeiten, jedes Element mit jedem anderen zu verbinden, in ein engeres Muster ‚geltender‘, üblicher, erwartbarer, wiederholbarer oder wie immer bevorzugter Relationen“ (Luhmann, 1984, S. 74; vgl. ebd., S. 62; 2005c, S. 64). Bevorzugt werden solche Strukturen, die zur Umwelt passen und so die Autopoiesis des Systems begünstigen. Systeme sind demzufolge in ihren Strukturen an die Bedingungen der Umwelt gekoppelt; Luhmann spricht daher von struktureller Kopplung16 und macht dabei deutlich, „dass die Strukturentwicklung eines Systems auf strukturelle Kopplungen insofern angewiesen ist, als sie keine anderen Strukturen aufbauen kann als solche, die mit der Umwelt kompatibel sind – obwohl die Umwelt nicht determinierend eingreift“ (Luhmann, 2006, S. 269). Zwischen Systemen, die sich in der Umwelt des jeweils anderen Systems befinden, besteht demnach aufgrund der beidseitigen strukturellen Kopplung eine Wechselwirkung.17 Diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass sich die Systeme in ihren Strukturen stetig aufeinander abstimmen: Prozesse laufen einerseits entlang bewährter Strukturen ab und verfestigen sie auf diese Weise; andererseits sind Prozesse auch tentativ angelegt, d. h. sie erkunden neue Möglichkeiten und modifizieren die Strukturen auf diese Weise (vgl. Luhmann, 1997, S. 92-120).18 Die hier zu betrachtenden Systeme können die mit ihren Beobachtungsinstrumenten wahrgenommenen Daten aus der Umwelt demnach stets nur vor dem Hintergrund der eigenen Strukturen aufnehmen und verarbeiten. „In diesem Sinne operieren selbstreferenzielle Systeme notwendiger Weise im Selbstkontakt, und sie haben keine andere Form für Umweltkontakt als Selbstkontakt“ (Luhmann, 1984, S. 59). Die Struktur lenkt die Entwicklung 15 Luhmann spricht auch von der ‚Konditionierung‘ der Prozesse durch die vorangegangenen Prozesse und die so aufgebaute Struktur (vgl. Luhmann, 1984, S. 44 f.). 16 Der Begriff der strukturellen Kopplung verweist einmal mehr auf die prozessuale Geschlossenheit trotz Umweltkontakt. Die Prozesse sind insofern von den Umweltbedingungen gleichzeitig total abhängig und total unabhängig. Nahezu synonym zum Begriff der strukturellen Kopplung verwendet Luhmann auch den Begriff der Interpenetration (vgl. Luhmann, 2006, S. 265 ff. u. S. 272 ff.; vgl. zur Autonomie und Kopplung: Luhmann, 1997, S. 776). 17 Diese Annahme der Wechselwirkung zwischen den Ebenen des Psychischen und des Sozialen kann abgrenzend zum methodologischen Individualismus einerseits (‚das Soziale baut sich mikrodeterminiert aus dem Psychischen auf‘) und dem methodologischen Kollektivismus andererseits (‚das Psychische ist vom Sozialen makrodeterminiert) als methodologischer Situationalismus bezeichnet werden (vgl. Meyer, 2009, insb. S. 415 ff.; ähnlich Lohse, 2011, S. 191). 18 Die Begriffe ‚Irritation‘ und ‚strucural drift‘ beschreiben sehr ähnliche Sachverhalte wie jener der ‚strukturellen Kopplung‘, siehe speziell: Luhmann, 1997, S. 118 f. u. S. 789. 37 und Verarbeitung von Informationen und steuert das System so entsprechend seiner Eigenlogik (vgl. Willke, 2005a, S. 106; 2005b, S. 271).19 Psychische und soziale Prozesse Im Sinne dieser abstrakten Vorüberlegungen unterscheidet die Systemtheorie u. a. psychische Systeme20 und soziale Systeme. Psychische Systeme prozessieren ausschließlich Erleben.21 ‚Erleben‘ ist für Urban die Operation des psychischen Systems, bei der Beobachtungen in die psychische Struktur eingeordnet werden: „Das bedeutet, das psychische Symbol ist das Bezeichnungsmoment der Formoperation, in der sich das Fragment des Erlebens deshalb durch sich selbst bezeichnen kann, weil es in diesem Sich-selbst-Bezeichnen bereits eine Ähnlichkeit mit gleichartigen vergangenen Formoperationen aktualisiert. […] Erfahrung kann genau dieses Moment des Zusammenhangs der Erlebensfragmente transportieren“ (Urban, 2012, S. 101). Dass das Erleben dabei vielfältige Operationsformen umfasst, lässt sich mit Wasser ergänzend aufzeigen: „Psychische Systeme mögen denken, fühlen, Bewusstsein haben oder unbewusst operieren. Ihren ‚gemeinsamen Nenner‘ finden alle diese Operationen in der Tatsache, dass erlebt wird, wann immer gefühlt oder gedacht wird, eben weil ‚Erleben‘ noch nicht festlegt, wie ‚erlebt‘ wird: bewusst oder unbewusst, gedanklich oder eher in Form diffuser Gefühle“ (Wasser, 2003, S. 26). 19 Willke spricht in den zitierten Passagen auch von ‚systemspezifischen Relevanzkriterien‘. 20 Psychische Systeme werden an den zitierten Stellen auch als ‚Bewusstseinssysteme‘ bezeichnet. Von diesem Begriff wird hier jedoch kein Gebrauch gemacht, da auch unbewusste Prozesse als psychische Prozesse angesehen werden (vgl. Wasser, 2003). 21 Es ist in der systemtheoretischen Literatur relativ unklar, was als Prozess des psychischen Systems gelten soll. Luhmann spricht von ‚Vorstellungen‘ und möchte dabei Ideen und Empfindungen mitgemeint wissen (vgl. Luhmann, 1984, S. 355 f.). Auch Gefühle werden bei Luhmann im Kontext der Psyche verhandelt: Sie stehen im Zusammenhang mit Erwartungen und Ansprüchen (vgl. Luhmann, 1984, S. 363 ff.). In dieser Arbeit wird das ‚Erleben‘ als Prozess des psychischen Systems angenommen. Der Vorteil wird darin gesehen, dass erstens Emotionen und unbewusste Prozesse theoretisch besser abgebildet werden können (vgl. Urban, 2012; Wasser, 2003) und dass zweitens begrifflich gute Anschlüsse an aktuelle Bildungstheorien bestehen (vgl. bspw. Prohl, 2010). Luhmann (2005b) verwendet den Begriff des Erlebens in einem anderen Zusammenhang, nämlich in Abgrenzung zum Handeln – das wird im vorliegenden Zusammenhang jedoch nicht relevant. 38 Der Begriff des Erlebens macht des Weiteren deutlich, dass das psychische System weder mit dem ‚Gehirn‘ zu verwechseln ist, noch dass dort neurophysiologische Prozesse ablaufen; das Körperliche (die Somatik) ist ein anderes System. Das psychische Erleben kann deshalb auch nicht auf die somatische Ebene aufgelöst werden (vgl. Wasser, 2003, S. 2 f. u. S. 27). Diese strikte Trennung der Psyche von der Somatik zeigt sich auch im Verhältnis von der Psyche zum Sozialen. Psychische Systeme prozessieren Erleben und nichts anderes. Und ausschließlich soziale Systeme prozessieren Kommunikation. Weder kann ein psychisches System kommunizieren, noch kann ein soziales System erleben. Das psychische System ist in seinem Erleben also ebenso frei, wie das soziale System in seinen Kommunikationen. Diese Freiheit der Systeme wird jedoch dadurch eingeschränkt, dass sich beide Systeme in der Umwelt des jeweils anderen Systems befinden. Sie sind wechselseitig strukturell gekoppelt und nehmen so aufeinander Einfluss: Die Struktur der Kommunikationsprozesse des sozialen Systems ist beeinflusst vom Erleben der psychischen Systeme; und umgekehrt bestimmen die sozialen Strukturen mit, was und wie erlebt wird. Es besteht also eine Wechselwirkung zwischen psychischem und sozialem System. Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass ein System in das andere hineingreift. Der Einfluss entsteht allein dadurch, dass sich ein System für das andere System als eine Irritation darstellt, auf die das irritierte System dann in den eigenen Prozessen und letztlich der Anlage der eigenen Struktur reagiert (vgl. bspw. Luhmann, 1984, S. 191-241; 2006, S. 247-287; 2008d, S. 109-120). Auf der Basis dieser Überlegungen lässt sich nun das Verhältnis von Kommunikations- und Erlebensprozessen systemtheoretisch präzisieren: Die Prozesse von psychischen und sozialen Systemen sind streng voneinander getrennt. Beide Systeme produzieren ihre Elemente aus sich selbst heraus. Das bedeutet, dass psychische Prozesse nicht direkt in die Kommunikation eingehen können und ebenso umgekehrt, dass sich Kommunikation nicht auf psychische Prozesse zurückführen lässt: „Kann man alles, was man sozial wahrnimmt, erklären, indem man psychologische Untersuchungen über die Beteiligten anstellt? Und wenn das psychologisch geht, dann wird es ja vielleicht auch neurophysiologisch gehen, und wenn das so geht, dann wird es ja vielleicht auch über Zellchemie laufen, und schließlich muss man alles in die unheimliche Innenwelt der Atome auflösen“ (Luhmann, 2006, S. 259). Luhmann lehnt solch einen Reduktionismus, in dem soziale Prozesse auf psychische Prozesse und psychische Prozesse auf neurophysiologische Prozesse zurückgerechnet werden können, entschieden ab. Gegen eine solche 39 Position wendet er „zusätzlich ein, daß es sich nicht einmal um Reduktionismus handele, sondern nur um eine (extrem verkürzte) Relationierung auf psychische statt auf soziale Systeme“ (Luhmann, 1984, S. 347). Psychische Prozesse bleiben generell außerhalb der Kommunikation und können nur durch stellvertretende Begriffe in der Kommunikation eine mehr oder minder diffuse Verweisung erhalten. Dies bestreitet nicht, dass psychische Prozesse gegeben sein müssen, damit Kommunikation stattfinden kann.22 Doch sind diese psychischen Prozesse nicht mit der Kommunikation zu verwechseln: „Sie [die Kommunikation] ist genuin sozial insofern, als sie zwar eine Mehrheit von mitwirkenden Bewußtseinssystemen voraussetzt, aber (eben deshalb) als Einheit keinem Einzelbewußtsein zugerechnet werden kann“ (Luhmann, 1997, S. 81). Die zentrale Idee besteht darin, das soziale System als eigenständig zu begreifen.23 Kommunikation soll eben nicht allein die Beziehung zweier psychischer Systeme sein, bei dem das eine System dem anderen eine Botschaft überträgt. Vielmehr bringt sich die Kommunikation als Synthese von drei Selektionen selbst hervor und ist deshalb etwas Eigenständiges und damit emergent von der psychischen Ebene. Hierin liegt das Charakteristikum der Systemtheorie: Es wird „die Emergenz der Kommunikation selbst betont. Es wird nichts übertragen“ (Luhmann, 2008d, S. 113). Für Luhmann gilt, dass „Emergenz nur über Relationierung von Elementen, nur über Systembildung zustandekommt“ (Luhmann, 2005c, S. 62). Das bedeutet, dass „emergente Ordnungen die Elemente, die sie verknüpfen, selbst konstituieren müssen (wenngleich sie dabei an Vorleistungen unterer Ordnungsebenen gebunden sind und auf diese aufbauen müssen)“ (ebd., S. 63). „Emergenz ist demnach nicht einfach Akkumulation von Komplexität, sondern Unterbrechung und Neubeginn des Aufbaus von Komplexität“ (Luhmann, 1984, S. 44). Somatik, Psyche und Soziales bauen nicht aufeinander auf, sondern sie konstituieren sich jeweils selbst. Kurz: Die Autopoiesis des Systems begründet für Luhmann die Emergenz des Sozialen gegenüber dem Psychischem (und die des Psychischen gegenüber der Somatik) (vgl. Luhmann, 2006, S. 262; 2008d, S. 111). Diese Theoriekonstruktion von Luhmann zur Emergenz des Sozialen ist umstritten. Es stellt sich insbesondere die Frage, wie es vorstellbar sein soll, 22 Zur Interpenetration von psychischem und sozialem System: vgl. Luhmann, 2006, 264- 268. 23 Damit ist eine soziologische Theorie angestrebt, die sich einerseits klar von der Psychologie und andererseits von Handlungs- und Entscheidungstheorien abgrenzt, die sich dem methodologischen Individualismus verpflichtet fühlen (vgl. bspw.: Luhmann, 2006, S. 250 ff.; 1997, S. 38 f., S. 70 f. u. S. 86; 1984, S. 192, S. 201 ff. u. S. 229). 40 dass das soziale System eigenständig etwas tun kann, etwa kommunizieren (vgl. z. B. Lohse, 2011, S. 200). An dieser Stelle hakt u. a. auch Willke ein. Das Soziale müsste für ihn mehr sein als das Ergebnis von Selektionen, die auf psychischer Ebene getroffen werden. Willke ist jedoch der Ansicht, Luhmann „kehrt insbesondere in der die Kommunikation abschließenden Komponente des Verstehens zur Ebene des mentalen Systems, zum Bewusstsein zurück und verweigert darin der Kommunikation genau den Status als soziale Tatsache, den zu begründen sein Ziel war“ (Willke, 2005a, S. 105; vgl. ebd., S. 93). Das Soziale realisiert sich insofern auf der psychischen Ebene der an der Kommunikation Beteiligten, und zwar ohne dass für Willke dabei erkennbar wird, worin letztlich das Eigenständige des Sozialen bestehen soll. Er unterbreitet deshalb einen Theorievorschlag, der das emergente Verhältnis von psychischem und sozialem System stärker herausstellt. Doch bevor hier dieser Vorschlag zur Emergenz aufgenommen wird, erscheinen aufgrund der Ungewöhnlichkeit dieser theoretischen Position und ihrer großen Bedeutung für diese Arbeit vorab ein paar etwas weiter ausholende Grundsatzüberlegungen angebracht. Insbesondere solchen Personen, denen die Vorstellung einer eigenständigen Kommunikation bisher schwer fällt, möchte der Exkurs einige Gedanken anbieten, die den weiteren Mitvollzug der Arbeit eventuell erleichtern. 3.4 Exkurs: Emergenz Schon die Bestimmung von Emergenz ist schwierig: Hoyningen-Huene (2011) hat neun Adäquatheitsbedingungen zur Explikation eines vernünftigen Emergenzbegriffs postuliert.24 Entsprechend dieser Postulate richtet sich der Begriff der Emergenz einerseits gegen den (physikalischen) Reduktionismus bzw. den methodologischen Individualismus und andererseits gegen nichtphysische Positionen. Während der Reduktionismus davon ausgeht, dass die Ereignisse der höheren Ebene allein durch die Ereignisse auf der niedrigeren Ebene erklärt werden können, nehmen nichtphysische Positionen an, dass eine z. B. göttliche Instanz die Ereignisse auf der höheren Ebene mit beeinflusst. Übertragen auf die Kommunikation bedeutet dies: Die Ebene des Sozialen darf sich weder auf die Ebene der handelnden Akteure auflösen lassen, noch dürfen transzendente, d. h. übernatürliche Überlegungen zur Erklärung 24 Mit ‚vernünftig‘ meint Hoyningen-Huene eine Reihe von Werturteilen (2011, S. 37 f.). An dieser Stelle wird auf eine Wiedergabe dieser Werturteile ebenso verzichtet, wie auf eine Darstellung der einzelnen Postulate. 41 der Eigenständigkeit des Sozialen herangezogen werden. Selbstverständlich lässt sich Emergenz auch nicht durch Unwissenheit der beobachtenden Person begründen: „Nicht mangelndes Wissen über ein System und dessen Mikrostruktur, sondern etwas in der Natur der Sache, ist der Grund der Nichtreduzierbarkeit oder Nichtableitbarkeit eines emergenten Phänomens“ (Lohse, 2012, S. 192).25 Es scheint, dass das Konzept der Emergenz ein übernatürliches Phänomen naturwissenschaftlich erklären will. Wie kann das gelingen? Zuerst ist zu betonen, dass auch die Erklärungen der Naturwissenschaften nicht so unumstößlich und eindeutig sind, wie gemeinhin gerne angenommen wird. Um dies zu erkennen, genügt schon ein oberflächlicher Blick in die aktuelle naturphilosophische Literatur (vgl. z. B. Esfeld, 2011; Kaku, 2014). Es lässt sich bspw. fragen, ob die Naturgesetze tatsächlich unveränderliche Gesetze sind, oder ob sie nicht auch der Evolution unterliegen (vgl. Sheldrake, 1990, S. 16-34 u. S. 146 ff.; ähnlich Esfeld, 2011, S. 84-107). Luhmann weist ebenfalls auf die Ungewissheiten der Naturwissenschaften hin: „Und während man im 17. Jahrhundert noch hoffte, daß die Moral auf ebenso beweisbare Grundlagen gebracht werden könne wie die Mathematik, steht heute fest, daß die Grundlagen der Mathematik ebensowenig beweisbar sind wie die der Moral“ (Luhmann, 2004c, S. 92). Es lässt sich demnach durchaus anzweifeln, inwiefern das zeitgenössische Paradigma der naturwissenschaftlichen Gemeinde das zur Erklärung der Emergenz des Sozialen allein gültige sein darf. Wenn das aktuelle Paradigma der Naturwissenschaft das Verständnis der Emergenz des Sozialen erschwert oder sogar unmöglich macht, dann lohnt sich evtl. ein Blick an die Grenze des in der naturwissenschaftlichen Gemeinde Akzeptierten. Anschlussfähig erscheint bspw. die von Sheldrake (1990) entwickelte Hypothese morphischer Felder: „Nach dieser Hypothese hängen Gestalt und Art der Dinge von Feldern ab, die ich morphische Felder nenne […] Morphische Felder sind, wie die bekannten Felder der Physik [z. B.: magnetische Felder], nicht-materielle Kraftzonen [… Sie] bilden und entwickeln sich in Raum und Zeit unter dem Einfluß dessen, was tatsächlich in der Welt geschieht“ (Sheldrake, 1990, S. 11). 25 Ohne diesen Zusatz handelt es sich um sog. schwache Emergenz, die problemlos mit der Position des Reduktionismus in Einklang gebracht werden kann (vgl. Lohse, 2011, S. 192) 42 Sheldrake hat seine Theorie der morphischen Felder auch selbst auf soziale Phänomene bezogen: „Solche Felder strukturieren die Sprache, das Denken, das Brauchtum, die Kultur und die Gesellschaft“ (ebd., S. 302). Die systemtheoretischen Annahmen bezüglich der Emergenz des Sozialen bekommen auf diese Weise eine naturwissenschaftlich argumentierende Fundierung. Es ist jedoch nochmals zu betonen, dass die Theorie morphischer Felder in der aktuellen Naturwissenschaft nicht anerkannt und zumindest von dieser Seite deshalb auch kein allzu großer Zuspruch zu erwarten ist. Die Theorie gilt als para- oder sogar pseudowissenschaftliches Produkt.26 Vielleicht liegt es daran, dass es sich um ein „Denken am Rande des Undenkbaren“ (Sheldrake, McKenna & Abraham, 1993) handelt. Im Paradigma der Systemtheorie wäre dies nur logisch: Bereits eingangs wurde aufgezeigt, dass sich das Soziale nicht denken lässt; allein Gedanken sind denkbar. Aber es wäre doch schon sehr verwunderlich, wenn in der Realität nur Dinge existierten, die auch denkbar oder durch die gerade gängige Lehrmeinung der Naturwissenschaften als denkbar deklariert sind. Eventuell wäre es auch möglich, die Emergenz des Sozialen über aktuell akzeptierte Theorien der Physik herzuleiten. Das würde die Angelegenheit vielleicht auf ein stabileres Fundament setzen. Anschaulicher wird das Konzept der Emergenz damit jedoch sicherlich nicht, da die Theorien der Physik mitunter ebenso kompliziert sind wie die Systemtheorie. Darüber hinaus folgen naturwissenschaftliche Theorien oft ebenfalls recht schwer vorstellbaren Annahmen. Es sei nur bspw. an das Doppelspaltexperiment erinnert, bei dem sich das Universum gemäß der durchaus gängigen Theorie in parallele Welten verzweigt (vgl. Kaku, 2014, S. 487 ff.). Mit Luhmann lässt sich resümieren: „Eine Theorie der Kommunikation muß im Unanschaulichen entwickelt werden. Nachdem aber auch die Physik mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik diesen Weg beschritten hat, sollte darin kein prinzipieller Einwand liegen“ (Luhmann, 1995, S. 24). Auf eine tiefergehende Theoriediskussion um die Bedingungen und Möglichkeiten der Emergenz wird an dieser Stelle verzichtet, da sie wenig einträglich zu sein scheint. Die Aufarbeitung des relativ unübersichtlichen Theoriegeflechts würde letztlich nur in der Feststellung eines Paradigmenstreits der Naturphilosophie münden (vgl. Willke, 2005c, S. 111; Lohse, 2011, S. 205). Deshalb wird die Emergenz des Sozialen gegenüber dem Psychischen an 26 Gleichwohl sind solche Überlegungen in der Naturwissenschaft auch nicht völlig abwegig. So postuliert bspw. Nobelpreisträger Wigner die Existenz eines ‚kosmischen Bewusstseins‘ (vgl. Kaku, 2014, S. 485 ff.) 43 dieser Stelle schlicht gesetzt: Das Soziale ist etwas Eigenständiges und lässt sich darum nicht auf die Akteuersebene zurückführen. Oder wie es Luhmann trocken formuliert: „Wenn ein Beobachter Verhalten auf Individuen zurechnet und nicht auf soziale Systeme, ist das seine Entscheidung“ (Luhmann, 1984, S. 347; vgl. ebenso Willke, 2005a, S. 111).27 3.5 Die emergente Struktur des Sozialen: Kollektives Wissen Wie lässt sich nun – auf der Basis der eben vorausgeschickten Überlegungen zur Emergenz – die Eigenständigkeit des Sozialen in der Theorieentwicklung umsetzen? Es war bereits angekündigt, dass in diesem Punkt die Gedanken von Willke aufgenommen werden. Dabei rücken nun die in der hier vorgenommenen Theorieentwicklung bisher vernachlässigten Strukturen der Systeme in den Fokus. Für Willke liegt Emergenz dann vor, wenn eine Ebene „Eigenschaften aufweist, welche nicht aus den Eigenschaften der Elemente oder Komponenten zu erklären ist, aus welcher sich die neue Form bildet“ (Willke, 2005a, S. 47). Zusätzlich wird dabei betont, „dass diese systemtheoretische Position keinerlei metaphysische oder transzendente Hilfestellung zur Erklärung von Emergenz benötigt. Sie bewegt sich streng im Rahmen einer naturalistischen Weltsicht“ (Willke, 2005a, S. 48). Zur theoretischen Umsetzung der Emergenz dient Willke die Vorstellung, dass der Sinn des in der Kommunikation vollzogenen Verstehens in der Generierung von Wissen28 liegt. Das Wissen steckt in der Struktur des Systems.29 Es baut sich aus Informationen auf und ordnet gleichzeitig die Prozes- 27 Die nachfolgenden Darstellungen könnten deshalb speziell auf solche Personen enigmatisch wirken, die versuchen, beim Verstehen der Ausführungen ihre reduktionistische Alltagslogik zu verwenden und nicht bereit sind, diese zugunsten des emergenztheoretischen Ansatzes aufzugeben. Deutlich leichter sollte der Mitvollzug der Überlegungen aber Personen fallen, die einen philosophischen Standpunkt vertreten, der transzendente Erscheinungen und damit eine sozial wirksame Kraft jenseits der Individuen zulässt. 28 Willke versteht unter Wissen „eine auf Erfahrung gegründete kommunikativ konstituierte und konfirmierte Praxis“ (Willke, 2005a, S. 111; vgl. ebd., 2001, S. 5). Und „Praxis meint ein Ensemble sozialer Praktiken, die der Bewältigung einer konkreten Aufgabe dienen“ (Willke, 2001, S. 8). Demnach geht Willke davon aus, dass Wissen allein durch Kommunikationen und ausschließlich in Bezug auf soziale Problemlagen aufgebaut werden kann. Diesen Einschränkungen wird hier nicht gefolgt. Wissen wird hier stattdessen als Struktur des Systems aufgefasst, die sich mit Bezug zur Umwelt (strukturelle Kopplung) in den systemeigenen Prozessen verfestigend entwickelt. 29 Willke ist der Ansicht, dass das Wissen nicht nur in den Strukturen, sondern auch in den Prozessen und Regelsystemen eines Systems gespeichert wird. Hier wird als Wissensspeicher nur die Struktur angeführt, da Willke erstens ziemlich unklar lässt, was Regelsysteme konkret sein sollen und zweitens Prozesse aufgrund ihres Ereignischarakters als wenig beständig und damit als Speicher ungeeignet erscheinen. 44 se (vgl. Willke, 2005a, S. 111, S. 119 f. u. S. 131). So ist auch Urban der Ansicht: „Das psychische Erleben kann nie singulär sein, sondern ist immer schon in einen systemeigenen Verweisungszusammenhang eingebunden“ (Urban, 2012, S. 101; vgl. Willke, 2005a, S. 111 ff.; 2001, S. 5 f.). Die Struktur ist insofern das Vor-Wissen, auf dem dann neues Wissen durch das Erleben aufbaut: „Wissen entsteht, […] wenn Informationen sich in einen bestehenden Erfahrungskontext einfügen und in Auseinandersetzung mit diesem Kontext einpassen lassen. Dieses ‚Einpassen‘ ist nicht auf Übereinstimmung/Konsens beschränkt, sondern kann ebensogut auch auf Abweichungen und Unterschieden beruhen – in diesem Fall entsteht neues oder revidiertes Wissen“ (Willke, 2001, S. 5; 2005a, S. 112; vgl. ebd., S. 59). Jedes Erleben betrifft also die systemspezifische Struktur und verfestigt bzw. verändert das darin hinterlegte Wissen. Dies gilt selbstverständlich auch für das Erleben von Kommunikation (vgl. Urban, 2012, S. 106 f.; Willke, 2005, S. 113; 2001, S. 6 f.). Die Wissensgenerierung vollzieht sich jedoch nicht nur auf der Ebene des psychischen Systems, sondern analog im sozialen System: „Kommunikative Praxis erzeugt deshalb gleichzeitig personales Wissen (Wissen der Personen) und kollektives Wissen (Wissen der sozialen Systeme)“ (Willke, 2005a, S. 116). Mit anderen Worten: Kommunikation nimmt sowohl Einfluss auf die Strukturen der beteiligten psychischen Systeme als auch auf die soziale Struktur. Das in der Struktur des sozialen Systems verankerte kollektive Wissen ist – ebenso wie personales Wissen – generell implizit und deshalb nicht direkt beobachtbar. Es lässt sich jedoch explizieren und so indirekt sichtbar machen. Wie personales Wissen bspw. über Tests in gewisser Weise explizierbar ist, so zeigt sich das kollektive Wissen in manifesten sozialen Strukturen, die zu einem spezifischen Ablauf von Kommunikationen führen (vgl. Willke, 2005a, S. 128). Gedacht ist in diesem Zusammenhang bspw. an die Symbolik der Sprache, die über die Semiotik die Möglichkeiten der Kommunikation vorgibt (vgl. Willke, 2005a, S.61, S. 95 f., S. 115 u. S. 120). So stellt Luhmann dann auch fest, dass „Sprache eine extrem unwahrscheinliche Art von Geräusch“ (Luhmann, 1997, S. 110) ist. Ferner bezieht sich Willke beim kollektiven Wissen u. a. auf Konventionen, Sitten, Rollen, Traditionen und Rituale (vgl. Willke, 2005a, S. 129; 2001, S. 9). Wie sich das soziale System Des Weiteren führt Willke den Begriff der ‚Erfahrung‘ ein, der ebenfalls als Synonym für das Wissen bzw. die Struktur gelten kann. Der Erfahrungs-Begriff bietet sich an, wenn Anschlüsse an die Bildungstheorie gesucht werden (vgl. bspw. Prohl, 2010, S. 159- 176). 45 von den psychischen Systemen abhebt, das zeigt Willke u. a. anhand der Politik: „Das Erstaunliche ist dann gerade, dass ein politisches System in seinen Strukturen, Prozessen und Regeln beispielsweise die Herrschaftsform Demokratie postuliert und faktisch realisiert, obwohl viele (und in Extremfällen sogar eine Mehrheit von) Personen als Mitglieder der Gesellschaft Demokratie als Herrschaftsform weder verstehen noch vertreten“ (Willke, 2005a, S. 131 f.). Mit dem Aufbau solch eines kollektiven Wissens begründet Willke die Emergenz des Sozialen: „Die Eigenständigkeit des Sozialen resultiert aus der Widerständigkeit symbolischer Systeme, die ihre eigene Logik gegen die Logik des Bewusstseins zur Geltung bringen“ (Willke, 2005a, S. 115). Das soziale System entwickelt demnach in seiner Struktur eine eigene Intentionalität – ein zugegebener Maßen durchaus ungewöhnlicher Gedanke (vgl. ebd., S. 147 ff.). Wie ist das vorstellbar? Der Begriff der ‚Erwartung‘ hilft an dieser Stelle weiter. Erwartungen verorten sich in psychischen Systemen und beschreiben deren Bezug zur Umwelt: „Die Form, in der ein individuelles psychisches System sich der Kontingenz seiner Umwelt aussetzt, kann in ganz allgemeiner Weise als Erwartung bezeichnet werden. Es handelt sich mithin um dieselbe Form, die auch zur Bildung sozialer Strukturen benutzt wird“ (Luhmann, 1984, S. 362; vgl. zum Begriff der Erwartung auch Willke, 2005a, S. 168). Das psychische System bringt Erwartungen unter Bezug auf die soziale Umwelt hervor, bekommt sie mithin gleichsam aufgedrückt. Solche situations- übergreifenden und unabhängig von den psychischen Systemen bestehenden Erwartungen werden generalisierte Erwartungen genannt. Sie entsprechen dem kollektiven Wissen bzw. der sozialen Struktur (vgl. Willke, 2005a, S. 131 ff.; Luhmann, 1997, S. 94 u. S. 320). Nun kann einsichtig werden, dass es keiner Mystik bedarf, damit das soziale System einer eigenen Intention folgen kann. Es realisiert seine kommunikative Intention letztlich über die Implantierung von Erwartungen: „Tatsächlich handelt es sich in soziologischer Sicht nicht um Zauberei, sondern um den ganz alltäglichen Vorgang einer creatio ex nihilo, die im Kontext sozialer Systeme dadurch gelingt, dass auf der Basis generalisierter Imagination Unterstellungen unterstellt, Erwartungen und Erwartungserwartungen erwartet, unterstellte Unterstellungen erwartet etc. wer- 46 den, so dass aus dem Nichts komplexe Architekturen sozialer Realität entstehen“ (Willke, 2005a, S. 154). Die durch die soziale Struktur bewirkten Erwartungen führen – ganz im Sinne der Theorie morphischer Felder – zu spezifischen Verknüpfungen von Kommunikationen (vgl. auch Willke, 2005a, S. 49). Die soziale Struktur ist gleichsam das Leitungsnetz möglicher Kommunikationen: „Der […] mögliche Kommunikationsverkehr muss den durch kollektive Erfahrung geformten Mustern folgen“ (Willke, 2005, S. 135).30 So lässt sich nun auch genauer erklären, wie der bereits eingeführte Verweisungshorizont die Selektionsmöglichkeiten der Kommunikation limitiert. Er entsteht im Kommunikationsprozess und bestimmt durch zunehmend generalisierte Erwartungen die systemspezifischen Anschlussmöglichkeiten von Kommunikationen. Grundsätzlich wird erwartet, dass die einzelnen Beiträge zum Thema31 und dem Kontext der Kommunikation passen: „Man kann bei einer laufenden Konversation nicht hinzutreten und mitmachen, ohne in die Interaktionsgeschichte eingeführt zu werden oder sie erraten zu können“ (Luhmann, 1997, S. 580). Die sozialen Erwartungen lassen sich wecken, weil psychische Prozesse flüchtig sind. Damit ist gemeint, dass die Erinnerung eines vergangenen Gedankens nicht dieser vergangene Gedanke selbst ist; er ist vorbei. Es ist ein neuer Gedanke: „Erinnerung ist also die Beobachtung eines vergangenen Gedankens durch einen aktuellen Gedanken“ (Willke, 2005, S. 39). Das kollektive Wissen entfaltet sein soziales Wirken nun über die an der Interaktion beteiligten Personen, indem von diesen eine bestimmte Erinnerung generalisiert erwartet wird: „Wenn und soweit psychische Systeme an Kommunikation teilnehmen, regelt die Kommunikation, was jeweils aus dem Individualgedächtnis aktualisiert werden muß. […] Dies [sic] Aktivieren individueller Gedächtnisse schließt die Notwendigkeit ein, in der Kommunikation so zu tun, als 30 Dieses Phänomen wurde u. a. auch in der Psychologie mit den Begriffen der ‚selbsterfüllenden Prophezeiung‘ und des ‚Pygmalioneffekts‘ beschrieben (vgl. bspw. Gerber, 2016, S. 254-274). Anders als die Psychologie erklärt die Systemtheorie dieses Phänomen aber soziologisch. 31 Für Kieserling bilden die ‚Themen‘ des Kommunikationsprozesses die Struktur von Interaktionen (vgl. ebd., 1999. S. 180; u. a.: Luhmann, 1984, S. 216; 1997, S. 77 f.). Letztlich entspricht die thematische Strukturierung (vgl. hierzu auch Borggrefe & Cachay, 2015, S. 54 f.) dem bereits eingeführten ‚Verweisungshorizont‘ der Kommunikation, denn es wird generalisiert erwartet, dass die einzelnen kommunikativen Beiträge dem eingeschlagenen Thema folgen und sich in diesem Sinne unmittelbar aufeinander beziehen lassen (vgl. Kieserling, 1999, S. 134, S. 182 u. S. 194). Deshalb wird hier zur Vermeidung von Redundanzen auf den Begriff der ‚Themen‘ verzichtet. 47 ob man sich erinnern könnte. Mitmachen erfordert Heuchelei“ (Luhmann, 2002, S. 34 f.). Die in dieser Weise den psychischen Systemen nahegelegte Erwartung hinsichtlich der Erinnerung führt dazu, „dass eine zu einem bestimmten Thema laufende Kommunikation eigene Muster ausbildet. Die Muster verfestigen sich durch Wiederholung, Bestätigung, Revision, Konflikt etc. Die Verfestigungen wirken rekursiv darauf zurück, welche weiteren Kommunikationen an die bisherigen anschließen können“ (Willke, 2005a, S. 120 f.). Der Gesprächsverlauf folgt also nicht unmittelbar den Intentionen der an der Interaktion beteiligten Personen.32 Stattdessen wird eine bestimmte Information mitgeteilt oder verstanden, weil es entsprechend des Verweisungshorizonts in der Situation sozial in dieser Form erwartet wird. So nehmen die in der Umwelt des Interaktionssystems befindlichen psychischen Systeme zwar Einfluss auf die sozialen Prozesse, doch bestimmt sich der Verweisungshorizont in der Autopoiesis der Kommunikation letztlich selbst. Dem psychischen System stellt sich dies mitunter so dar, dass die Kommunikation „zu einem Teil von einer nicht passenden, nicht kongruenten Logik mitgesteuert wird“ (Willke, 2005a, S. 116): „Zumeist dominiert – und dies gerade nach dem Selbstverständnis des psychischen Systems! – die Situation die Handlungsauswahl. Beobachter können das Handeln sehr oft besser auf Grund von Situationskenntnis als auf Grund von Personkenntnis voraussehen“ (Luhmann, 1984, S. 229). Das führt zu der Frage, „warum die Personen sich dem fügen. Warum tun sie das? So gestellt beantwortet sich die Frage leicht: Sie tun es nicht. Das System tut es mit ihnen“ (Willke, 2005a, S. 151). Es wurde versucht zu verdeutlichen, dass das soziale System über seine Struktur generalisierte Erwartungen aktualisiert. Dieser Gedanke soll nun für Interaktionen genauer ausgeformt werden: Welche generalisierten Erwartungen machen die Struktur von Interaktionssystemen aus?33 32 Zuweilen erweckt die systemtheoretische Literatur den Eindruck, dass die an der Interaktion beteiligten Personen die Themen selbst bestimmen könnten (vgl. bspw. Kieserling, 1999, S. 179-210) – diese Annahme wird hier bezweifelt. 33 Willke konzentriert sich in seinen Überlegungen auf das kollektive Wissen in zahlenmä- ßig größeren Kollektiven mit zeitlicher Dauer, also speziell in Organisationen. Eine entsprechende Theorie für Interaktionen ist hier deshalb neu zu entwerfen. Dafür wird erstens auf die Arbeiten von Borggrefe (2008) sowie Borggrefe und Cachay (2015) zurückgegriffen; gewinnbringend erscheint zweitens ein Bezug zu den interaktionstheoretischen 48 3.6 Generalisierte Erwartungen in der Interaktion Das kollektive Wissen entfaltet über generalisierte Erwartungen den Verweisungshorizont der Kommunikation. In den theoretischen Arbeiten von Luhmann, Kieserling und Willke werden die Erwartungstypen der Interaktionsstruktur nicht genauer bestimmt. Bei den genannten Autoren lassen sich aber drei wesentliche Typen von emergenten Erwartungen in der Interaktion ausmachen: Erwartungen bzgl. der sozialen Anwesenheit von Personen, der Bedeutung von Symbolen und der Rollen.34 Auf diese Erwartungen wird nun begrifflich genauer eingegangen und dabei jeweils ihr emergenter Charakter herausgestellt. Anwesenheits-Erwartungen Kieserling definiert die Interaktion mit einer – wie er es selbst nennt – Kurzformel. Eine Interaktion ist „Kommunikation unter Anwesenden“ (Kieserling, 1999, S. 67). Dabei meint Anwesenheit jedoch nicht die physische Anwesenheit: „Es versteht sich durchaus nicht von selbst, daß die Interaktion alle füreinander wahrnehmbaren Menschen und nur diese einschließt. […] Es gibt also Ausgrenzung und Exklusion trotz kontinuierlicher Präsenz. Aber auch der umgekehrte Fall der Inklusion trotz diskontinuierlicher Präsenz ist weit verbreitet […] Die Systemgrenzen der Interaktion sind also ein Datum weder der Physik noch des Bewußtseins, sondern eine soziale Konstruktion. Folglich muß ein Beobachter, der wissen will, wer in einer bestimmten Interaktion anwesend ist und wer nicht, die Kommunikation beobachten und nicht etwa die Körper oder das Bewußtsein“ (Kieserling, 1999, S. 64 ff.). Kieserling unterscheidet hier zwischen Anwesenheit und Präsenz. Als anwesend gilt, wer in der Kommunikation als anwesend behandelt wird – die physische Präsenz ist in diesem Sinne uninteressant (vgl. Kieserling, 1999, S. 139-146; Luhmann, 2009a, S. 26; 1984, S. 560 ff.; 1997, S. 814). Überlegungen von Kieserling (1999) (vgl. zu diesem Gedanken einer Betonung der Inselcharakteristik, ähnlich: Lohse, 2011, S. 205 f.). Auf die Unterscheidung von Organisation und Interaktion wird an späterer Stelle eingegangen. 34 Diese Erwartungen sind hier voneinander getrennt, damit ein analytischer Blick ermöglicht wird. Tatsächlich wirken sie stets zusammen. So kann bspw. nur eine anwesende Person Symbole verwenden und Rollenerwartungen erfüllen, die Interpretation von Symbolen ist abhängig von der Rollenbeziehung der an der Interaktion beteiligten und damit anwesenden Personen und die Rollenerwartungen werden schließlich durch die Symbolverwendungen geprägt und bestimmen mitunter über die An- oder Abwesenheit von Personen. 49 Es wird nicht geprüft, wer die Mitteilungen tatsächlich physiologisch wahrnehmen kann und deshalb dann sozial als anwesend zu gelten hat. Stattdessen führt die Trennung von Anwesenheit und Präsenz zu sich generalisierenden Erwartungen darüber, wer jeweils anwesend bzw. abwesend ist. Und diese im sozialen System verankerten Erwartungen müssen nicht notwendig mit physiologischen Wahrnehmungsmöglichkeiten übereinstimmen. Als ein typisches Beispiel, das solche Erwartungen deutlich macht, führt Kieserling (1999, S. 64 f.) den Umgang mit einem Taxifahrer an. Die Kommunikation zwischen den Fahrgästen läuft ab, als wenn es ihn nicht gäbe, obwohl er unmittelbar neben ihnen sitzt und deshalb physiologisch angebunden ist. Ein anderes Beispiel stellen (vielleicht sogar bereits verstorbene) Personen dar, denen eine ‚Aura der Gegenwärtigkeit‘ anhaftet. In diesen Fällen folgt die Kommunikation der Erwartung der Anwesenheit, ohne dass auf vermeintlich rationaler Ebene hierfür ein Grund vorläge. Der hier entwickelte Theorierahmen erklärt solche Beobachtungen über die emergenten Erwartungen hinsichtlich der An- bzw. Abwesenheit von Personen. Es ist die Struktur des sozialen Systems, die letztlich über die An- bzw. Abwesenheit von Personen in Interaktionen entscheidet.35 Symbol-Erwartungen Als zweiter Typ von Erwartungen, der die Prozesse einer Interaktion bestimmt, sind die Bedeutungen zu nennen, die mit Symbolen verbunden werden: „Die Dynamik der Genese und Formbildung von Kommunikationen lässt sich besser verstehen, wenn der zugrundeliegende Prozess der Symbolisierung mit im Blick ist“ (Willke, 2005a, S. 18). Wie oben bereits dargestellt, wird in jeder Mitteilung die ausgewählte Information über eine Symbolisierung zum Ausdruck gebracht. Im Mitteilungsverhalten kann jedoch nur das sinnvoll symbolisiert werden, wofür es auch eine Symbolisierungsform gibt; wer kennt nicht die Schwierigkeit, seine Gedanken in passende Worte zu fassen? Kommunikation ist deshalb ganz wesentlich durch die verfügbaren Symbole geprägt. Nach Willke lassen sich Symbole (bspw. Wörter oder Gesten) von zwei Seiten betrachten: Symbole dienen als Sinnträger einerseits der Verständigung. Durch sie wird Kommunikation insgesamt wahrscheinlicher, da sie als Stellvertreter etwas Drittes bezeichnen und dieses auf der imaginären Ebene verfügbar machen. Oder wie es Bateson recht anschaulich formuliert: 35 Borggrefe und Cachay (2015, S. 50 ff.) thematisieren die Anwesenheit in der Interaktion unter dem Begriff der ‚Grenzziehung‘. Sie unterscheiden jedoch nicht zwischen physiologischer und sozialer Anbindung, sondern bestimmen Anwesenheit primär physiologisch durch die wechselseitige Wahrnehmung von Personen. 50 „Die Theorie besagt, […] daß ein Name nicht die bezeichnete Sache ist; [weshalb der Irrtum vermieden werden sollte,] den Namen mit der benannten Sache gleichzusetzen – oder die Speisekarte anstelle der Mahlzeit zu essen“ (Bateson, 1990, S. 363).36 Auf der anderen Seite sind Symbole als emergente Erwartungen des kollektiven Wissens einzuordnen. D. h., Symbole evolutionieren eigenständig und wechselwirken mit den psychischen Systemen. Es sind dann nicht mehr nur die psychischen Systeme, die den Bedeutungsgehalt der Symbole prägen; auch die Symbole üben einen Einfluss auf die sie aktualisierenden, d. h. sie verwendenden psychischen Systeme aus. Aktualisierte Symbole, insbesondere Wörter, lenken Beobachtungen, Erlebnisse und damit auch Denkstrukturen sowie Empfindungen und haben auf diese Weise sehr reale Auswirkungen auf psychische Prozesse: „Als Entäußerte wirken die Symbolsysteme zurück auf die Welt beobachtender Systeme, und indem sie Beobachtungen steuern, werden sie so real wie jede andere Realität“ (Willke, 2005a, S. 37). Das gilt insbesondere für sprachliche Symbole: „Sobald sich die Autopoiesis des psychischen Systems primär auf sprachliche Formen stützt, eignet sich das psychische System kommunikativ konstruierte Muster der Emotionalität an. Das ist eine ähnliche Situation, wie sie etwa auch für milieurelationale Habitualisierungen oder für Genderidentitäten beschrieben werden kann“ (Urban, 2012, S. 106). Die Emergenz zeigt sich hier speziell dadurch, dass das psychische System die Symbolik der Kommunikation in ihrer eigenen Logik missversteht (vgl. Willke, 2005a, S. 73), da sie nicht Bestandteil des psychischen sondern des unzugänglichen sozialen Systems ist. Der wahre Sinn eines Symbols erschließt sich deshalb oft erst im Nachhinein, wenn deutlich wird, wie sich die Kommunikation fortsetzt. Symbole lassen sich demnach von psychischen Systemen aktualisieren, d. h. es wird ein bestimmtes Symbol verwendet oder verstanden, weil das kollektive Wissen dies nahelegt. Oder wie Luhmann diesen altbekannten Gedanken formuliert: Der Mensch „kann nur sehen, was er gewollt hat, wenn er sieht, was er gemacht hat“ (Luhmann, 1995, S. 44; vgl. auch Willke, 2005a, S. 31; Luhmann, 2008d, S. 118 ff.). Symbole benötigen also zu ihrer Aktualisierung zwar psychische Systeme, erlangen im kollektiven Wissen jedoch einen vom psychischen System 36 Diese Seite des Symbols kann auch als ‚Zeichen‘ oder ‚Verbreitungsmedium‘ benannt werden: Ein Symbol ist dadurch bestimmt, „daß ein Zeichen die eigene Funktion mitbezeichnet, […] so daß man das Bezeichnende als stellvertretend für das Bezeichnete (und nicht nur: als Hinweis auf das Bezeichnete) benutzen kann“ (Luhmann, 1997 , S. 319; vgl. ebd., S. 208 ff.; zu einer etwas anders formulierten Unterscheidung von ‚Symbol‘ und ‚Zeichen‘: vgl. ebd., 1995, S. 271-288; 1993, S. 66 ff.; Willke, 2005a, S. 15 ff.). 51 emergenten Status. Sie entwickeln sich in ihrer Bedeutung und ihrem Auftreten eigenständig unter dem Einfluss der psychischen Systeme weiter und wirken gleichzeitig wieder auf die psychischen Systeme zurück. Rollen-Erwartungen Drittens sind die Rollenerwartungen zu nennen (vgl. Willke, 2005a, S. 133 u. S. 136; Kieserling, 1999, S. 71). Denn was generalisiert als kommunizierbar erwartet wird und wie das Mitgeteilte zu verstehen ist, das hängt ganz entscheidend von der Beziehung der an der Kommunikation beteiligten Personen ab. Ein Unterrichtsgespräch zwischen Lehrkraft und Schüler*innen lässt vermutlich andere Kommunikationen und Umgangsformen erwarten, als eine Diskussion am Stammtisch unter Trinkkumpanen. Es lässt sich zwischen formalen und personalen Rollenerwartungen unterscheiden.37 Formale Rollenerwartungen sind über die Organisation bereits vor dem Zustandekommen der Interaktion festgelegt. Sie bestimmen, was von einem Organisationsmitglied mit einer bestimmten Position in dieser Organisation erwartet wird: „Rollen sind Erwartungsbündel, die dem Umfang nach dadurch begrenzt sind, das ein Mensch sie ausführen kann, die aber nicht auf bestimmte Menschen festgelegt sind, sondern durch verschiedene, möglicherweise wechselnde Rollenträger übernommen werden können“ (Luhmann, 2008c, S. 86). Während formale Rollen also in ihren generalisierten Erwartungen relativ fixiert und von der einen auf die andere Person übertragbar sind, entwickeln sich personale Rollenerwartungen im Vollzug der Interaktion: „Sie [die personalen Rollenerwartungen] lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Menschen übertragen. Um sicher und zuverlässig erwarten zu können, muss man diesen Menschen ‚persönlich‘ kennen. Das setzt eine Geschichte gemeinsamer Interaktion voraus, gemeinsames Leben, in dessen Verlauf der andere sich selbst dargestellt und man ihn kennengelernt hat“ (Luhmann, 2008c, S. 85 f.). Die tatsächlichen Rollenerwartungen prägen sich also interaktionsspezifisch aus. In einem Interaktionssystem werden nicht alle Rollenerwartungen aktualisiert, mit denen sich eine Person insgesamt konfrontiert sieht. Rollenerwar- 37 Luhmann trennt begrifflich zwischen ‚Person‘ auf der Interaktionsebene und ‚Rolle‘ auf der Organisationsebene (vgl. ebd., 2008, S. 85 f.; 1997, S. 771; etwas weniger Trennscharf: ebd., 2002, S. 251). Kieserling unterscheidet sehr ähnlich ‚organisationsinterne Rollen‘ und ‚andere eigene Rollen‘ (vgl. ebd., 1999, S. 360 u. S. 246 f.). 52 tungen aus anderen Kontexten sind zurückgestellt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die nicht aktualisierten Rollenerwartungen deshalb irrelevant sind: „Denn jede Person ist für sich gehalten, sich auch in spezifischen Rollen so zu verhalten, daß sich daraus keine unlösbaren Probleme für das Verhalten in anderen Rollen ergeben. Und jeder muß von anderen Verständnis dafür erwarten, daß dies so ist“ (Kieserling, 1999, S. 247; vgl. Luhmann, 1984, S. 572). Die Rolle ist durch die Selbstdarstellung geprägt, indem das eigene Verhalten zur Symbolisierung spezifischer Erwartungen wird. Dabei müssen Alter und Ego „beide jeweils in sich selbst eine dreifache Rolle integrieren. Jeder ist für sich selbst zunächst Ego, weiß aber auch, daß er für den anderen Alter ist und außerdem noch, daß der andere ihn als alter Ego betrachtet“ (Luhmann, 2008a, S. 101). Es geht also erstens darum, was Ego von sich selbst erwartet, zweitens welche Erwartungen Alter an Ego richtet und drittens welche Erwartungen Ego von Alter unterstellt werden. Die Rolle konstruiert sich demnach als ein Bündel aus Erwartungen und erwarteten Erwartungen, die durch die Selbstdarstellung beeinflusst sind. Doch: „Selbstdarstellung ist schwierig, von inneren Widersprüchen, Fehlern, nicht mitteilbaren Fakten und Informationen bedroht; sie bedarf daher erheblicher Ausdrucksvorsicht auf der einen und taktvoller Kooperation des Zuschauers auf der anderen Seite. Nicht selten kommt es zu heiklen oder gar peinlichen Situationen, in denen es offenkundig zu werden droht, daß das dargestellte Selbst nicht das wirkliche Selbst ist“ (Luhmann, 2000b, S. 108). Da Kommunikation – und nichts anderes ist die unterstellt bewusste Selbstdarstellung – in der Systemtheorie von der verstehenden Person aus gedacht und zudem vom Sozialen beeinflusst wird, meint Kieserling, dass „Selbstdarstellung eine ziemlich taktvolle Bezeichnung für das ist, worum es sich handelt. Denn die soziologische Analyse zeigt sehr genau, daß gerade die Darstellung einer Person alles andere als ihr eigenes Werk ist“ (Kieserling, 1999, S. 121). Zwar kann versucht werden, sich in bestimmter Weise zu geben, doch letztlich geht es um (generalisierte) Erwartungen, die an die Personen herangetragen werden und zwar insbesondere über die Struktur des sozialen Systems, das kollektive Wissen: „Kommunikation dient auch dem Sichpräsentieren, dem Sichkennenlernen; und sie kann dann im Effekt dazu führen, daß man in eine Form gezwungen wird und daß man schließlich das zu sein hat, als was man in 53 der Kommunikation erschienen war“ (Luhmann, 1984, S. 215; vgl. Kieserling, 1999, S. 122). 3.7 Zwischenfazit Die Funktion des mit diesem Zwischenfazit abschließenden Kapitels besteht in der Klärung, was in der Systemtheorie und speziell in dieser Arbeit unter Kommunikation verstanden werden soll. Bedeutsam ist dabei die Eigenständigkeit der sozialen Ebene gegenüber der psychischen Ebene. Die zentralen Denkfiguren werden nun nochmals knapp zusammengefasst und sind zudem in der Abbildung 138 veranschaulicht. Die Systemtheorie unterscheidet zwischen sozialen und psychischen Systemen. Während psychische Systeme Erlebnisse prozessieren, prozessieren soziale Systeme Kommunikationen. Beide Systeme operieren in ihren jeweiligen Prozessen eigenständig. Dies bedeutet, dass weder ein psychisches System kommunizieren, noch ein soziales System erleben kann. Die Trennung der Systeme und das Zugeständnis ihrer Eigenständigkeit bedeutet jedoch nicht, dass die Systeme nichts miteinander zu tun haben. Vielmehr stellt sich jedes System für das jeweils andere als dessen Umwelt dar, auf die es sich in der eigenen Strukturbildung einzustellen gilt. Es besteht also eine Wechselwirkung, die als strukturelle Kopplung bezeichnet wird. Kommunikation, verstanden als der Prozess des sozialen Systems, lässt sich weiter als Einheit der drei Selektionen von Information, Mitteilung und Verstehen beschreiben: Damit Kommunikation zustande kommt, muss eine Person verstehen, dass eine andere Person eine Information mitteilen möchte. Für die Kommunikation wurde also erstens eine mitzuteilende Information, zweitens ein Verhalten zur Mitteilung dieser Information und drittens eine bestimmte Form der Interpretation der wahrgenommenen Mitteilung ausgewählt. Mit dem Erleben eines Verstehens bildet sich personales Wissen als Struktur des psychischen Systems, denn die verstehende Person ordnet die rekonstruierte Information in ihr Vorwissen ein. Der psychische Prozess des Erlebens formt also die Struktur des psychischen Systems weiter aus und folgt gleichzeitig ihren Bahnen. Durch das Verstehen entsteht zudem ein kollektives Wissen in der Struktur des sozialen Systems. Es handelt sich dabei um generalisierte Erwartungen, welche Personen in der Interaktion als anwesend gelten, welche Rollen diese Personen haben und was bestimmte Symbole bedeuten. Diese generalisierten Erwartungen prägen sich den beteiligten Personen auf und steuern auf 38 Die Abbildung wurde in Anlehnung an die Darstellung bei Borggrefe und Cachay (2015, S. 16) entworfen. 54 diese Weise die Kommunikation. Der Kommunikationsverlauf lässt sich demnach nicht auf die psychischen Prozesse zurückführen, sondern resultiert zu einem beträchtlichen Anteil aus den generalisierten Erwartungen des kollektiven Wissens. Insofern gilt dann, dass nicht die Menschen das Gespräch führen, sondern dass sich das Gespräch selbst führt. Die Ebene des Sozialen lässt sich also nicht auf die Ebene des Psychischen reduzieren. Dieses Verhältnis der Ebenen wird mit dem Begriff der Emergenz bezeichnet. Abb. 1: Schematische Darstellung zur Kommunikation und der Emergenz des Sozialen im Sportunterricht Die bis zu diesem Punkt entfaltete Kommunikationstheorie abstrahiert von den Bedingungen des Sportunterrichts. Eine Kenntnis über die Bedingungen ist aber elementar, um die Frage zu klären, wie die Kommunikation in diesem Setting möglich wird. Für eine nähere Bestimmung der kommunikativen Anforderungen und möglicher Bewältigungsstrategien bedarf es daher einer Analyse des spezifischen Kontexts, in dem die Kommunikation stattfindet. Diese Konkretisierungen folgen im nun anschließenden Kapitel. Soziales System ‚Sportunterricht‘ Prozess der Kommunikation entlang der Struktur kollektiven Wissens (generalisierte Erwartungen über Anwesenheit, Symbole und Rollen) St ru kt ur el le K op pl un g Kommunikation Information Mitteilung Verstehen Ps yc hi sc he s S ys te m ‚L eh rk ra ft ‘ Pr oz es s d es E rle be ns en tla ng d er S tru kt ur p er so na le n W is se ns Strukturelle K opplung Psychisches System ‚Schüler‘ Prozess des Erlebens entlang der Struktur personalen W issens

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Zusammenfassung

Sportlehrkräfte sollen ihre Schüler*innen erziehen und ihnen etwas beibringen. Dazu bedarf es der Kommunikation. Doch die widrigen Kommunikationsbedingungen in der Sporthalle führen immer wieder zu überraschenden Unterrichtsverläufen. Das Geschehen in der Sporthalle ist nicht vollständig planbar, denn es folgt offenbar eigenen Gesetzen; die Kommunikation hat eine Eigendynamik, die sich nicht kontrollieren lässt. Deshalb stellt sich die Frage, wie gelingende Kommunikation im Sportunterricht trotzdem möglich sein kann. Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieser Frage an. Ziel ist die Bestimmung kommunikativer Anforderungen im Sportunterricht und möglicher Bewältigungsstrategien. Dabei stellt die Eigendynamik der Kommunikation die zentrale Prämisse in der soziologischen Analyse dar. Zudem wird die entworfene Theorie anhand von empirischen Fallstudien weiterentwickelt. So liegt nun ein völlig neuartiger Ansatz vor, mit dem sich die Unberechenbarkeit der Kommunikation im Sportunterricht angemessen reflektieren lässt. Die entwickelte Theorie leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Professionalisierung von Sportlehrkräften.