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6 Event – Teil eines künstlerischen Prozesses in:

Helmut Kienast

Das Event als kommunikationswissenschaftlicher Prozess, page 59 - 66

Basiswissen für eine erfolgreiche Eventrealisation

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3966-3, ISBN online: 978-3-8288-6848-9, https://doi.org/10.5771/9783828868489-59

Tectum, Baden-Baden
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Event – Teil eines künstlerischen Prozesses Wird aus einer Idee, aus einem Gedanken eine Geschichte und wird aus dieser Geschichte ein unvergessliches Erlebnis, so ist die Realisierung geglückt. Die Konfrontation der Rezipienten mit dem Eventthema, die Aufbereitung der Eventidee kann auf unterschiedlichste Weise erfolgen. Jeder Eventinitiator kann dieser Idee bzw. ihrer Realisierung seinen individuellen künstlerischen und kreativen Stempel aufdrücken, seine eigene Eventwelt kreieren. Dramaturgie Eine erfolgreiche Veranstaltung hat einen gut strukturierten thematischen Ablauf. Mehrere dramaturgische Faktoren führen dabei zu einer „aktiven“ Teilnahme der Besucher. Diese Faktoren müssen für jedes Event individuell konzipiert werden. Eine Geschichte soll spannend und kurzweilig erzählt werden, der Ablauf einer Veranstaltung sollte ähnlich sein. Jedoch ist nicht nur die Reihenfolge der Protagonisten, nicht nur der Ablauf zu planen, sondern auch die Selektion der Protagonisten, der Darsteller selbst. Der Begriff „Dramaturgie“ lässt sich vom griechischen Wort „Drama“ ableiten. In die deutsche Sprache übersetzt bedeutet es so viel wie „Handlung“. Dramaturgie beschreibt den Ablauf, die Struktur, Form, Handlung und den Spannungsbogen einer Geschichte. Diese Geschichte kann in Form von einem Lied, Gedicht, Theaterstück, Film oder Event wiedergegeben werden. Dramaturgie Wo / Was / Wann Inszenierung Wer / Wie / Was Die dramaturgische Zielsetzung besteht darin, ein Event spannend, kurzweilig, einzigartig, unvergesslich zu machen. Existiert hierfür eine 6 6.1 59 Zauberformel? Nun, erfolgreiche Eventrealisierung ist keine „Zauberei“. Vielmehr gilt es, die im Folgende beschriebenen dramaturgischen Eventfaktoren intelligent in den Eventprozess einzubeziehen. Kiss – Keep it simple as stupid Betrachtet man den kommunikationswissenschaftlichen Prozess vom Kommunikator bis zum Rezipienten, also vom Senden einer Botschaft bis hin zur Absorption derselben, so gilt ein einfaches Prinzip: Die Botschaft muss vom Rezipienten verstanden und richtig interpretiert werden. Je mehr versucht wird, die Dramaturgie zu überladen, zu übertreiben, desto mehr werden Rezipienten verunsichert und verstehen oft die Kernbotschaft nicht mehr. Neugierde Ähnlich wie in einem Kinotrailer können bereits im Vorfeld Informationen über die Veranstaltung kommuniziert werden, sei es als Ankündigungen in Print- und elektronischen Medien oder als thematische „Kostproben“ im Vorfeld. Jede inhaltliche Auseinandersetzung mit der Eventmaterie aktiviert das Interesse und die Neugierde. Erwartungshaltung Ziel ist es, sowohl die Einmaligkeit als auch die Exklusivität eines Events zu kommunizieren. Wird die Erwartungshaltung der Rezipienten in den Prozess der Aktivierung von Neugierde und Interesse integriert, entsteht ein Wissensdurst, ein Verlangen. Bei Events, die bereits als Eventmarke fungieren und zum wiederholten Male stattfinden, muss die Wertsteigerung, die qualitative Weiterentwicklung und die nach wie vor einmalige Exklusivität prolongiert werden. Erzeugte Erwartungshaltungen, die nicht eingelöst werden, führen zu Frustration und zu Enttäuschung. Rezipienten haben ein negatives Gefühl bei einer in ihren Augen schlecht investierten Zeit und bei 6.1.1 6.1.2 6.1.3 6 Event – Teil eines künstlerischen Prozesses 60 schlecht investiertem Geld. Dies führt zu einer Verfehlung des Veranstaltungsziels. Verzögerungstaktik Die alterierende Spannungs- und Spaßaktivität der Besucher sollte am Leben erhalten werden. Zeitliche Verzögerungen von Programmhöhepunkten und Programmpausen führen zur Steigerung des Interesses und der Neugierde. Um die maximale Intensität hinsichtlich Spannung, Neugierde und Erwartungshaltung zu erreichen, ist es wesentlich, im Ablauf und in der Inszenierung des Events eine Struktur zu haben. Inszenierung Eine Inszenierung beschreibt die Umsetzung, die Realisierung einer Geschichte. Welche szenischen Parameter, welche Protagonisten, welche Technik, welche Art von Veranstaltungsort, welche Bühne etc. verwende ich? Wie präsentiere ich den Rezipienten meine Botschaft? Durch ein dramaturgisch gut konzipiertes und mit Blick auf den Spannungsbogen und die thematische Entwicklung gut geplantes Event, durch eine gute Inszenierung der Protagonisten und des Veranstaltungsortes ist die in der Planungsphase definierte Zielsetzung und Wirkung in vollem Umfang erreichbar. Das Erlebnis wird erst dann im Langzeitgedächtnis eines Rezipienten abgespeichert, wenn dieser aktiv am Event teilnimmt und die Aufmerksamkeit während der gesamten Eventdauer gewährleistet ist. Die Zielsetzung einer Inszenierung besteht entsprechend darin, ein Event interessanter und exklusiver zu machen. Ähnlich wie bei der Dramaturgie existiert hierfür keine Zauberformel, vielmehr gilt es auch hier, eine Reihe von inszenierenden Eventfaktoren intelligent in den Eventprozess zu integrieren. 6.1.4 6.2 6.2 Inszenierung 61 Verbotener Raum Es ist nicht jede Veranstaltung im Allgemeinen oder jeder Teilbereich einer Eventlocation für alle Rezipienten zugänglich. Verbotene Räume können Bereiche für bewusst selektierte Eventteilnehmer sein, die während des gesamten Events, nur für eine bestimmte Zeit oder nur während spezieller Ereignisse diese Räumlichkeiten betreten dürfen. Dies aktiviert die Neugierde und schafft Exklusivität. Räumliche Inszenierung Eine räumliche Struktur kann durch Verzögerung der Aktivierung spannend gemacht werden. Das Matrjoschka-Prinzip Als Matrjoschka bezeichnet man die aus Holz gefertigte, bunt bemalte, ineinander schachtelbare eiförmige russische Puppe. Es beginnt mit einer großen Puppe, in der sich eine kleinere befindet, in dieser eine noch kleinere usw. Die räumliche Inszenierung eines Events kann nach diesem Prinzip erfolgen. Es wird zeitlich und räumlich immer wieder ein neuer Raum oder Teil der Eventlocation geöffnet, für die Teilnehmer freigeschaltet. Immer wieder werden neue Themen und Strukturen präsentiert. Gewisse Räumlichkeiten sind nur für bestimmte Besucher erreichbar oder begehbar. In diesem Prinzip stecken alle notwendigen Faktoren, die für einen spannungserhaltenden Ablauf wesentlich sind. Der Rezipient ist immer wieder mit neuen „Erlebnissen“ konfrontiert. Szenische Inszenierung Ein Produkt muss man präsentieren, „in Szene setzen“. Dies basiert auf mehrere Ebenen. Durch das Eventdesign, durch eine zielgruppenorientierte Inszenierung und Gestaltung des Veranstaltungsortes kann Exklusivität und das subjektive Wohlbefinden gesteigert werden. Auch 6.2.1 6.2.2 6.2.3 6 Event – Teil eines künstlerischen Prozesses 62 ist die Kommunikation nach außen, die Darstellung des Events in der Öffentlichkeit von großer Bedeutung. Kostüme oder einheitliche thematische Bekleidung von Mitarbeitern, Moderatoren, Musikern oder sonstigen Protagonisten und vor allem die kompetente Performance derselben sind Teil einer erfolgreichen Darstellung der Eventzielsetzung. Auch soll Bühnendesign, Bühnenbild und Bühnengestaltung diese unterstützen. Anspannung und Entspannung Jedes Erlebnis wird nur dann als vollständiges intensives Ereignis empfunden, wenn es einen dramaturgischen Spannungsbogen durchläuft. Die richtige Dosierung einer Anspannung beruht auf dem Konzept der Antizipation. Dies ist das Verhältnis von Spannung und Entspannung. Teilnehmer sollten aktiviert sein, jedoch nicht überfordert oder gestresst werden. Die Inszenierung einer Geschichte, eines Sachverhalts muss die richtige Dynamik und das richtige Tempo haben. Als Beispiel kann eine Informationsveranstaltung dienen. Bereits die Intensität der zeitlichen Abfolge der Vortragenden verweist auf das Problem der Antizipation. Sehr oft werden Vorträge danach aufgebaut, wie die Vortragenden Zeit haben bzw. anreisen. Viel wichtiger ist es aber, die Reihenfolge nach der Art der einzelnen Vorträge festzulegen. Nach einem intensiven Vortrag, der viel Konzentration erfordert, ist eine Entspannungsphase wichtig. Storyboard (Eventprogramm) Dies ist die Abfolge und Entwicklung diverser Eventparameter in einem definierten Zeitrahmen. Sie betrifft den Transfer der kognitiven Erkenntnis, Emotion und Inspiration in die Realität, deren reale Umsetzung und Ausführung. Das Storyboard ist unser roter Faden durch das Event. Um die Spannung, Neugierde und Aktivität der Teilnehmer während der gesamten Veranstaltung zu gewährleisten, ist eine genaue zeitliche und dramaturgische Konzeption und Durchführung der einzelnen Faktoren einer Veranstaltung entscheidend. 6.2.4 6.2.5 6.2 Inszenierung 63 In der Praxis wird dies durch die Erstellung eines „Timetables“, einer Zeitaufstellung, oder einer gezeichneten und grafisch gestalteten Bilderfolge einzelner Programmpunkte erreicht. Eine intelligente zeitliche Themenabfolge bezeichnet man als dramaturgischen Spannungsbogen. Dieser besteht aus fünf inhaltlichen Faktoren: dem Auftakt, der Exposition, dem Höhepunkt, der Reflexion und dem Ausklang. Auftakt Der Auftakt definiert die Konfrontation der Rezipienten mit dem thematischen Sachverhalt. Es ist ein erstes Eintauchen in die Erlebniswelt. Beispiel: Die erste Konfrontation der Besucher mit der Eventlocation. Diese sehen vorerst nur bestimmte Abschnitte der Location. Nach dem Einlass gibt es einen Sektempfang im vorderen Loungebereich. Die Spannung auf das zu „Erwartende“ steigt. Exposition Die Exposition ist die Aktivierung der Teilnehmer am thematischen Sachverhalt und deren volles Eintauchen in die Erlebniswelt. Beispiel: Eventteilnehmer sitzen oder stehen im Vortragsraum, sie sehen die Bühne und tontechnische, lichttechnische Elemente. Somit erhalten sie einen weiteren, neuen Einblick, wo und wie das Ereignis stattfindet. Höhepunkt Ist der Höhepunkt der zeitlichen Eventabfolge erreicht, erhalten die Rezipienten die gesamte Information und die primäre Darbietung des Ereignisses und werden somit in die Aktivität miteinbezogen. Der Höhepunkt soll in der Erinnerung der Teilnehmer haften und somit eine nachhaltige Einmaligkeit erreicht haben. Beispiel: Das Erlebnis des schon mit großer Spannung erwarteten Konzerts. Reflexion Die Reflexion definiert die Aufarbeitung des Ereignisses nach der Veranstaltung. Teilnehmer sollen nicht sofort entlassen werden, sondern eine zeitliche und räumliche Möglichkeit zur Reflexion haben. 6 Event – Teil eines künstlerischen Prozesses 64 Beispiel: Der Besucherstrom wird nach dem Konzert durch eine Chill-out-Area geleitet. Bei Getränken und Speisen wird über das Konzert diskutiert, man ist und war immer noch ein Teil des Ereignisses. Ausklang Der Ausklang ist die nochmalige Konfrontation mit dem Ereignis, wobei dies auf Erinnerung beruht. Durch dieses nochmalige „Denken“ und „Sich-Erinnern“ an das Ereignis entsteht ein Gefühl der Vertrautheit, und man will dieses Event ein weiteres Mal besuchen. Beispiel: Vor dem Ausgang werden Merchandising-Produkte (T- Shirts, Tonträger, Videos, Plakate etc.) oder kleine Give-aways (Unterlagen des Vortrags, Folder, Programm für weitere Veranstaltungen etc.) an die Teilnehmer ausgehändigt. Das Erlebnis wird mit nach Hause genommen, und dies führt zu einer bleibenden Erinnerung. 6.2 Inszenierung 65

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Zusammenfassung

Dieses Buch ist perfekte Praxishilfe, Nachschlagewerk und Begleiter für alle, die Events in ihrer gesamten Komplexität erlernen, verstehen und erfolgreich realisieren möchten. Praxisnah und mit viel Fachwissen stellt Helmut Kienast die komplexe Thematik des Events als kommunikationswissenschaftlichen Prozess vor. Neben eventspezifischem Basiswissen erfolgt die schrittweise Einführung in Themen wie Eventzielsetzungen, Eventtypologie und Zielgruppenanalyse, Locationselektion und Locationdesign, Dramaturgie und Inszenierung, psychologische und soziale Wirkungsforschung, kognitive Erlebnisverarbeitung und ökonomische Eventfaktoren.

Eine klare Kaufempfehlung für Veranstalter von Events, Eventagenturen sowie für Studierende und Lehrende der Fächer Kommunikationswissenschaften, Eventmanagement, Eventengineering und Eventtechnik.