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5 Event – Teil eines psychologischen Prozesses in:

Helmut Kienast

Das Event als kommunikationswissenschaftlicher Prozess, page 51 - 58

Basiswissen für eine erfolgreiche Eventrealisation

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3966-3, ISBN online: 978-3-8288-6848-9, https://doi.org/10.5771/9783828868489-51

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Event – Teil eines psychologischen Prozesses Psychologie beschreibt und erklärt das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie analysiert und bewertet die dafür wesentlichen inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen. Um eine definierte Zielsetzung kompetent zu realisieren, ist das Verstehen und Anwenden psychologischer Komponenten im Veranstaltungsbereich von wesentlicher Bedeutung. Diese Komponenten spielen eine wesentliche Rolle in der Konzeption, Planung und Umsetzung von Erlebnissen und Erlebniswelten. Fernsehen und Kino senden Signale an unsere auditive und visuelle Sinneswahrnehmung – eine zweidimensionale Wahrnehmung, die unser Konsumverhalten prägt. Im eventwissenschaftlichen Kontext stellt sich die primäre psychologische Frage, wie alle Sinne aktiviert werden können. Besteht darüber hinaus im Falle der Aktivierung aller Sinne von Rezipienten eine Manipulationsmöglichkeit? Psychologische Eventkomponenten und deren Zielsetzungen Die dramaturgische Konzeption beruht auf Erkenntnissen der kognitiven Psychologie und soll dazu beitragen, Erlebnisse zu optimieren. Ein erlebnisorientiertes Ereignis entfaltet seine maximale Wirkung erst dann, wenn alle Sinne der Teilnehmer aktiviert wurden. Five Sense Events – ein Event für alle Sinne Die Sinnesorgane Augen und Ohren sind die primären Schnittstellen zwischen dem Mensch und seiner Umwelt. Mehr als 90 Prozent aller Sinneswahrnehmungen erreicht das Gehirn aus Informationen dieser beiden Organe. Sehen und Hören sind die Grundfaktoren unserer Kommunikation. Diese Sinne sind nicht auf den direkten Kontakt mit einem Objekt angewiesen (wie etwa das Tasten oder das Schmecken) und haben somit die Entwicklung zum Homo sapiens ermöglicht. 5 5.1 51 Sinneswahrnehmung Kommunikation mit Umwelt Visuelle Wahrnehmung → Sehen Auditive Wahrnehmung → Hören Olfaktorische Wahrnehmung → Riechen Gustatorische Wahrnehmung → Schmecken Haptische Wahrnehmung → Tasten Die visuelle Wahrnehmung Der Sehsinn ist der am stärksten ausgeprägte menschliche Sinn. Unser Gehirn kann pro Sekunde ungefähr zehn Millionen Bits verarbeiten. Unser Auge verarbeitet davon alleine rund drei Viertel. Somit ist das Sehen unser primärer Sinn. Eine Viertelsekunde benötigt unser Auge inklusive kognitiver Verarbeitung, um ein Bild zu erfassen und zu entscheiden, ob es sich individuell um eine positive, sympathische Form oder um etwas Negatives und Unsympathisches handelt. Dementsprechend schnell verarbeiten wir Fotos. Eine Viertelsekunde reicht, und wir finden einen Menschen auf einem Foto sympathisch oder unsympathisch. Dies zeigt die enorme Relevanz und Wichtigkeit des visuellen Parameters bei Veranstaltungen. Die haptische Wahrnehmung Bereits nach dem Sehen ist das Tasten der zweitintensivste Sinn, den unser Gehirn mit einer Millionen Bits pro Sekunde verarbeitet. Wenn man bedenkt, dass in der klassischen Werbung oder auch in der primären Unterhaltungsform wie Fernsehen oder Radio nur die visuellen und auditiven Sinne angesprochen werden, dürfte dies die Notwendigkeit aufzeigen, Strukturen und Typologien der haptische Wahrnehmung als einen wesentlichen Bestandteil der Veranstaltungswissenschaft zu definieren und zu erfassen. Ferner sei auf die Notwendigkeit des Tastsinns innerhalb eines Events hingewiesen. Das Fühlen und Berühren von Materialien oder Strukturen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres täglichen Lebens. Manchmal ge- 5.1.1 5.1.2 5 Event – Teil eines psychologischen Prozesses 52 schieht dies bewusst, öfter aber unbewusst. Negative Sinneseindrücke entstehen vor allem durch überraschende, unvorbereitete Wahrnehmungen. Haptische Widersprüche zu auditiven oder visuellen Reizen können zu Unwohlsein oder Verlust von Vertrautheit führen. Durch diese Brisanz ist die Haptik als Teil der interagierenden Sinneswahrnehmungen ein wesentlicher Parameter in der Konzeption von Events. Unter einer haptischen Wahrnehmung wird die aktive Konfrontation in psychischer als auch physischer Weise von Strukturen, Größenverhältnissen, Oberflächen, Gewichten, Art und Beschaffenheit von Materialien etc. durch unsere Hautsinne verstanden. Negative Auswirkungen von haptischen Reizen sind Schmerz oder Temperaturreize. Rezipienten von Events werden durch unterschiedlichste Faktoren mit dieser Thematik konfrontiert, sei es die Oberfläche einer Tischplatte oder auch die Form eines Glases. Positive Auswirkungen sind die Steigerung der Neugierde, die Erzeugung von Spannung oder das Bedürfnis, neue Eventbereiche zu entdecken. Haptische Reize dürfen nicht im Widerspruch zum Eventthema oder zu den Eventsubthemen stehen. Plastikbesteck wird anders wahrgenommen als ein exquisites Silberbesteck, Pappbecher anders als ein erlesenes Weinglas. Die auditive Wahrnehmung 100.000 Bits verarbeitet unser Gehirn pro Sekunde an Schallquellen. Das auditive Gehörsystem wandelt Stimuli, hier Schallsignale, in Sinneswahrnehmungen um. Druckschwankungen der Luft führen zu Signalen des Hörnervs, auditive Zentren im Gehirn interpretieren dies als Schallwahrnehmung. Die Musik als Unterhaltungswert und ihre Verbreitung zum Zwecke der Realisierung von Konzerten oder Festivals ist nichts Besonderes. Der Einsatz von Geräuschen, Audiologos, Klängen, Stimmen etc. lässt dagegen noch viele Möglichkeiten offen. Eine weitere wesentliche Ebene der auditiven Wahrnehmung ist der Raumklang, die Raumakustik. Die auditiven Reize des Raumes werden emotional interpretiert. Ein Raum kann laut und kalt oder angenehm und warm, mit schlechter oder guter Sprachverständlichkeit, verschwommen oder definiert und hinsichtlich eines musikalischen 5.1.3 5.1 Psychologische Eventkomponenten und deren Zielsetzungen 53 Klanges schlecht und dünn oder grandios und voll klingen. Seitens der Rezipienten wird der Raumklang negativ oder positiv charakterisiert; er trägt somit als wesentlicher Faktor zum Erfolg eines Events bei. Die olfaktorische Wahrnehmung Wie der Gehörsinn hat auch der Geruchssinn eine Verarbeitungsrate von 100.000 Bits in der Sekunde. Ähnlich wie bei der haptischen Wahrnehmung ist auch bei der olfaktorischen eine intensivere Betrachtung ihrer Anwendungsmöglichkeiten bei Events erforderlich. Die Tatsache, dass der Geruchssinn in der Quantität der mentalen Verarbeitung dem klassischen Reiz des Hörens um nichts nachsteht, lässt die Notwendigkeit und Wichtigkeit einer Einbindung in die Eventkonzeption erkennen. Gerüche definieren ganz klar bestimmte Vorstellungen und kognitive Bilder. Ein frisch gebackener Kuchen, frisch gemähtes Gras oder salzige Meeresluft schaffen sofort Assoziationen mit Erfahrungen oder erlernten Eindrücken in unserem Gehirn. Die Werbeindustrie hat den „Duft“ als verkaufsfördernden Parameter längst erkannt. Duftmarketing unterscheidet zwei Arten an Düften: luftreinigende Düfte – diese neutralisieren unangenehme Düfte und wirken antiseptisch – und Raumdüfte – diese schaffen ein entsprechendes Raumklima und produzieren Gemütszustände. Für die Umsetzung von Events bergen Düfte ein großes Potenzial, das bei der Konzeption noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit erfahren hat wie etwa der auditive oder der visuelle Sinn und somit trotz ihrer großen Wirkung noch nicht zum gängigen Repertoire gehört. Die gustatorische Wahrnehmung Der am wenigsten ausgeprägte Sinn ist der Geschmackssinn. Etwa 1.000 Bits pro Sekunde verarbeitet unser Gehirn. Dennoch erlebt der kulinarische Aspekt in den letzten Jahren einen Hype sondergleichen. Kochevents und Kochshows schießen wie Pilze aus dem Boden. Die 5.1.4 5.1.5 5 Event – Teil eines psychologischen Prozesses 54 Unterhaltungsindustrie hat das Potenzial der gustatorischen Wahrnehmung längst erkannt. In diesem Punkt ist der Kreativität ebenfalls keine Grenze gesetzt. Es muss nicht immer Trüffel oder Kaviar bei einem Event serviert werden, um das Maximum des Geschmacksinns anzusprechen. Vielmehr kann man durch außerordentliche Ideen punkten. Produkte können als Lebensmittel dargestellt oder ein gustatorisches Give-away, ein Geschenk für die Teilnehmer, kann mitgenommen werden. Die Herausforderung besteht in der Kombination aller fünf Sinne. Je mehr Sinne des Rezipienten angesprochen werden, desto mehr ist dieser aktiviert und konzentriert, desto eher speichert er Themen und kann er sich an Erlebnisse erinnern. Diese Verschmelzung birgt ein großes Erfolgspotenzial, aber auch die Gefahr an Widersprüchen. Sämtliche angesprochenen Sinne müssen logisch interpretierbar, ergänzend und als interagierende Parameter einer Reizgesamtheit wahrgenommen werden. Kognitive Aufnahme und Verarbeitung von Information Jeder Mensch selektiert Informationen nach bestimmten Parametern. Visuell auffallende Informationen werden schneller wahrgenommen als weniger oder schwieriger zu verarbeitende. Ein farbenfrohes Bild auf einem Plakat fällt mehr auf als ein langer Text. Es müssen diverse Stimuli angesprochen werden, nach denen wir Eindrücke und Informationen aufnehmen. Wie wird mein Event unvergesslich? Der Mensch kann nur eine gewisse Anzahl an Informationen aufnehmen, verarbeiten und speichern. Regelmäßig wird unser „Speicher“ wieder entleert, um Platz für neue Informationen zu machen. Dieses Phänomen nennen wir „Vergessen“. Vergesslichkeit schützt unser Gehirn und schützt uns vor Informationsüberfluss. Dies wirft für die Eventkonzeption einige Fragen auf: Wie kann man als Veranstalter erreichen, dass ein Event unvergesslich wird, sich Teilnehmer immer 5.2 5.2.1 5.2 Kognitive Aufnahme und Verarbeitung von Information 55 wieder daran erinnern werden? Warum werden bestimmte Informationen im Langzeitgedächtnis abgespeichert, andere wiederum nur temporär und wieder vergessen? Jeder Komponist möchte, dass die von ihm (bzw. die nach seiner Komposition) erzeugten Schallsignale, seine komponierte Musik sich unvergesslich in den Köpfen der Zuhörer festsetzen, diese den Rhythmus, die Harmonien und die Melodien immer wieder hören wollen, zu den Konzerten kommen und Tonaufnahmen kaufen. Jeder Konzertveranstalter will, dass sein Event ein unvergessliches Ereignis wird. Informationen werden von unserem Gehirn als Reize wahrgenommen. Diese sind das Resultat unserer Sinne, wie in Punkt 5.1 erörtert. Um eine Information, eine Sinneswahrnehmung im Langzeitgedächtnis eines Zuhörers oder Konzertteilnehmers abzuspeichern, ist der Parameter „Emotion“ wesentlich. Jedes individuelle Erlebnis, egal welcher Art, wird mit einem bestimmten Gefühl wahrgenommen, durch eine bestimmte Emotion erlebt. Eventteilnehmer erinnern sich an Ereignisse, die sie emotional berührt oder die in einem emotionalen Kontext stattgefunden haben. Die Symbiose von Gefühlen und Sinneswahrnehmungen führt dazu, sich an Erlebnisse zu erinnern, diese in einem emotionalen Kontext zu sehen. Konzeption und Realisierung von Events müssen die Zielsetzung haben, die Sinneswahrnehmungen der Rezipienten anzusprechen. Durch Reize werden Emotionen erzeugt, diese wiederum sind der Grund für ein unvergessliches Event. Das Spiel mit der Zeit Rezipienten haben mit Blick auf das Eventerlebnis und die Eventwahrnehmung bestimmte Vorstellungen und Erwartungshaltungen. Diese sind individuell und von mehreren Faktoren abhängig. Ausgehend von der definierten Zielgruppe, gilt es, ein Rezipientenprofil zu erstellen. Welche psychologischen Faktoren könnten für eine bestimmte Zielgruppe zutreffen? Welche Erfahrungen und erlernten Muster, welche pädagogische Bildung und welche Assoziationen in unterschiedlichsten Themenbereichen hat diese definierte Gruppe? Jeder von uns interpretiert bestimmte strukturelle Abläufe anhand erlernter und erfahrener Handlungsmuster anders. Durch bestimmte 5.3 5 Event – Teil eines psychologischen Prozesses 56 Stimuli werden diese Muster aufgerufen, und aus nicht zusammenhängenden, beziehungslosen Informationen wird eine sinnvolle Handlung konstruiert. Nur bei richtiger Interpretation und beim Verstehen einer Handlung bzw. des Ablaufs einer Geschichte, eines Events wird aktiv daran teilgenommen; nur so fühlt der Rezipient sich involviert. Deshalb sind im Rahmen der dramaturgischen Planung logische Abläufe von wesentlicher Bedeutung. Eine positive Interpretation des Events führt zur Aktivierung der Eventteilnehmer. Jeder Rezipient empfindet bei positivem Verständnis der dramaturgischen Struktur eine Veranstaltung als kurzweilig und spannend. Ist ein Ablauf widersprüchlich oder schlecht organisiert, empfindet der Rezipient die Handlung als langweilig und die Dauer als zu lang. Wesentlich ist es, den Eventzeitrahmen auch hinsichtlich der Zielgruppe zu erörtern und zu definieren. Rezipienten haben ein inneres Zeitgefühl. Besucher investieren sehr viel Zeit in eine Veranstaltung. Diese Zeitinvestition hängt von individuellen aktuellen Bedürfnissen ab. Als primäres Zeitgefühl versteht man jene Zeit, die ein Teilnehmer tatsächlich aktiv bei einem Event verbringt, als sekundäres Zeitgefühl jene Zeit, die er für den gesamten Besuch einer Veranstaltung aufbringen muss (inklusive Anfahrt, Parken, Anstellen bei Kartenkauf, Orientierung etc.). Entsteht das subjektive Gefühl, es muss mehr Zeit aufgewendet werden, als ursprünglich geplant, so führt dies zu einer negativen Eventwahrnehmung. Ein gut strukturierter Ablauf lässt den Zeitfaktor als relativ erscheinen. Erleben Teilnehmer in einem bestimmten Zeitfenster sehr viel, sind sie vielen unterschiedlichen Eindrücken ausgesetzt. Somit wird das Zeitgefühl als relativ interpretiert, es entsteht Kurzweiligkeit und die Zeit scheint wie im Flug zu vergehen. 5.3 Das Spiel mit der Zeit 57

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Zusammenfassung

Dieses Buch ist perfekte Praxishilfe, Nachschlagewerk und Begleiter für alle, die Events in ihrer gesamten Komplexität erlernen, verstehen und erfolgreich realisieren möchten. Praxisnah und mit viel Fachwissen stellt Helmut Kienast die komplexe Thematik des Events als kommunikationswissenschaftlichen Prozess vor. Neben eventspezifischem Basiswissen erfolgt die schrittweise Einführung in Themen wie Eventzielsetzungen, Eventtypologie und Zielgruppenanalyse, Locationselektion und Locationdesign, Dramaturgie und Inszenierung, psychologische und soziale Wirkungsforschung, kognitive Erlebnisverarbeitung und ökonomische Eventfaktoren.

Eine klare Kaufempfehlung für Veranstalter von Events, Eventagenturen sowie für Studierende und Lehrende der Fächer Kommunikationswissenschaften, Eventmanagement, Eventengineering und Eventtechnik.