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Susanne Zepp, Einleitung in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 9 - 16

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-9

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Susanne Zepp Einleitung Dieser zweisprachige Band versammelt die Beiträge einer interdisziplinären Tagung an der Freien Universität Berlin, die am 27. und 28. November 2015 anlässlich des 90. Geburtstags von Claude Lanzmann das Lebenswerk des französischen Dokumentarfilmers würdigte. Unser Ehrengast hatte ab 1949 zwei Semester an der neugegründeten Freien Universität in Dahlem gelehrt und verbrachte in diesem Jahr seinen Geburtstag aus Anlass des Kolloquiums an seinem ehemaligen Wirkungsort in Berlin- Dahlem. Claude Lanzmann hat nicht nur an den Diskussionen auf der Tagung teilgenommen, sondern auch bei einer Abendveranstaltung über sein Leben und Werk Auskunft gegeben. Die Rede zu Ehren des 90. Geburtstags von Claude Lanzmann, die der französische Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland, H. E. Philippe Etienne, im Rahmen der internationalen Kooperationsveranstaltung der Freien Universität Berlin hielt, findet sich in diesem Band dokumentiert. Weitere Grußworte hielten Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, und Prof. Dr. Jürgen Brokoff, Forschungsdekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften. Die zweitägige Veranstaltung war dem Schaffen Lanzmanns in allen Facetten gewidmet – von seinen Texten für Les Temps Modernes in den 1950er und 1960er Jahren über den ersten Film Pourquoi Israël (1973), das opus magnum Shoah (1985) bis zu seinem jüngsten filmischen Werk Le Dernier des injustes (2013). In Zusammenschau mit Lanzmanns politischem 10 Susanne Zepp Engagement, seinen Beiträgen zur historiographischen Wahrnehmung des Holocaust und zur Kunstform des Dokumentarfilms wurde deutlich, wie nachdrücklich Lanzmann als Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts zu verstehen ist. Eine interdisziplinäre Tagung über eine so eminente Figur der Zeitgeschichte konnte entsprechend nicht allein auf der Voraussetzung gründen, dass ihr Gegenstand mit Hilfe verschiedener disziplinärer Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Das Kolloquium und die in diesem Band versammelten Beiträge setzten sich darüber hinaus zum Ziel, die in unterschiedlichen Disziplinen entwickelten und etablierten Begriffe und Zugriffe auf eine solche Weise auf Leben, Werk und historische Zusammenhänge zu richten, dass die Reichweite der Bedeutung des Schaffens von Claude Lanzmann nachvollziehbar wird. Aus diesem Grund sind hier (zumindest) fünf fachwissenschaftliche Disziplinen miteinander im Gespräch: die Filmwissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Kulturphilosophie, die Kunst- und Medienkommunikation und die Literaturwissenschaft. Die beiden ersten Beiträge sind dem historischen und epistemologischen Kontext gewidmet. In einem grundlegenden Beitrag diskutiert Jan Gerber (Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig) die Gedächtnisgeschichte des Holocaust in Frankreich. Anne Kwaschik (Freie Universität Berlin) nimmt die Darstellung der Résistance-Erfahrungen in Claude Lanzmanns Autobiografie Le Lièvre de Patagonie in den Blick und erschließt mit dieser Perspektive die vielfältigen Schichten der französischen Geschichte, auf die jener Text zu sprechen kommt. Claus Leggewie (Kulturwissenschaftliches Institut Essen) situiert das Werk von Lanzmann in der französischen Geistes- und Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wenn er anhand des Manifest der 121 die Rolle Lanzmanns und anderer Intellektueller im öffentlichen Diskurs und Disput um den Algerienkrieg herausarbeitet. Roman Léandre Schmidt (Kulturwissenschaftliches Institut Essen) beleuchtet das Engagement von Claude Lanzmann anhand der Geschichte der Zeitschrift Les Temps Modernes. 11 Einleitung Omar Kamil (Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin) nimmt in seinem Beitrag den Februar 1967 in den Blick, als Claude Lanzmann mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir Ägypten und dann Israel besuchte. An der Tagung im November 2015 in Berlin war auch der japanische Regisseur Osamu Wakatsuki beteiligt, der im Jahr 1996 eine Dokumentation über Claude Lanzmann und Tsuchimoto Noriaki veröffentlicht hat. In seinem Buch La Tombe du divin plongeur ist jener Brief veröffentlicht, den Claude Lanzmann an Tsuchimoto Noriaki schrieb, als jener ihn auf ein dem Werk beider Filmemacher gewidmetes Filmfestival nach Tokyo einlud. Lanzmann schreibt über seinen japanischen Kollegen: „Nous nous sommes, sans nous connaître, centralement reconnus par et dans nos œuvres, reconnus comme des frères : nous parlons tous le deux le même langage, celui du cinéma, de la vérité et de la justice“. Der Vortrag von Osamu Wakatsuki ist in diesem Band dokumentiert. Vier Beiträge sind einzelnen Werken aus dem filmischen Oeuvre von Lanzmann gewidmet: Susanne Zepp (Freie Universität Berlin) diskutiert den ersten Film Pourquoi Israël aus dem Jahre 1973 vor dem Horizont der antikolonialen Gedächtnisgeschichte, Christoph Hesse (Freie Universität Berlin) behandelt den Zusammenhang von Ereignis und filmischer Erzählung in Shoa von 1985, Tobias Ebbrecht-Hartmann (The Hebrew University of Jerusalem) situiert den Film Tsahal von 1994 werkgeschichtlich zwischen den Erkenntnisfragen, die Lanzmann bereits 1985 in Shoa und im Film Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures (2001) adressiert hat. Ein Aufsatz von Gertrud Koch (Freie Universität Berlin) über Le dernier des injustes (2013), den bislang letzten Film von Lanzmann, beschließt den Band. Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse jener Semester, die Claude Lanzmann an der Freien Universität verbracht hat, zeigt, in welcher Weise Lanzmann mit seinen Seminaren die junge Universität mitgeprägt hat. Im Jahr 1949 hat er eine über zwei Semester angelegte Vorlesung über den französischen Roman des 19. und 20. Jahrhunderts gehalten und mit den Studierenden über Stendhal, Balzac, Flaubert, aber auch über Proust, Gide, Martin du Gard, Malraux und Sartre diskutiert. Hinzu kamen ein 12 Susanne Zepp FU-Fragebogen für Dozenten: Claude Lanzmann Schreiben an Friedrich Goethert vom 26. Februar 1949 13 Einleitung Friedrich Goethert, Schreiben an Maurice Jordy, 2. März 1949 14 Susanne Zepp Seminar über die Lyrik von Baudelaire bis zum Surrealismus, ein Seminar zum Theater der Klassik und ein Kolloquium zur französischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Dass Lanzmanns Lehrveranstaltungen beliebt und nicht nur von den Studierenden höchst geschätzt waren, ist im Archiv der Freien Universität Berlin dokumentiert: dort ist ein Brief des Dekans Friedrich Goethert vom 2. März 1949 erhalten, der über den Rektor an den stellvertretenden Kulturattaché der Französischen Militärregierung Maurice Jordy übersandt wurde. In diesem Schreiben dankt der Dekan sehr nachdrücklich für die Vermittlung des Lektors Claude Lanzmann: „Es ist mir eine Freude, Ihnen auch schriftlich mitteilen zu können, wie sehr wir Monsieur Lanzmanns Tätigkeit bei uns begrüßen. Aus Interesse an seinem Lehrfach und seiner Person habe ich bereits zwei seiner Vorlesungen besucht und die Art wie er – in engem Kontakt mit den Hörenden – seine Vorlesung hält und Fragen beantwortet, hat mich besonders erfreut. Wir haben in Monsieur Lanzmann nicht nur einen Lehrer der französischen Sprache, sondern einen Abgesandten des französischen Geistes gewonnen. Ich weiß, dass auch die Studenten Ähnliches empfinden, und möchte Ihnen im Namen der Universität den Dank für die glückliche Regelung sagen, die Sie getroffen haben.“1 Auf Wunsch der Studierenden hat Claude Lanzmann auch neben dem offiziellen Vorlesungsprogramm ein Seminar zum Antisemitismus angeboten, was sicher keine leichte Entscheidung gewesen ist und auf Widerstände stieß.2 1 Verweis FU Archivdokument. 2 Lanzmann schildert das Seminar in seiner Autobiografie als einen Dialog auf Augenhöhe, die Studierenden stellten Fragen, und er berichtete, was ihm und seiner Familie in Krieg und Résistance widerfahren war und was er über den Holocaust damals wusste. Er war dann sehr enttäuscht, dass er für dieses Seminar keine Unterstützung fand, weder von der französischen Kulturallianz, die ihn bezahlte, noch von der Freien Universität. Verboten hat das Seminar schließlich der Kommandant des französischen Sektors. Claude Lanzmann war verärgert und beschloss, sich mit journalistischen Mitteln zu wehren. Dass politische Fragen in seinem Unterricht keine Rolle spielen sollten, die Tendenz, unliebsame Fragen unter den Teppich kehren zu wollen, ärgerte Lanzmann nachdrücklich. Im Text „Die Kinderkrankheiten der Freien Universität“, der am 13. Januar 1950 in der Berliner Zeitung im sowjetischen Sektor der Stadt erschien, prangerte Claude Lanzmann sowohl die unzureichende Ausbildung einiger Lehrender an der Freien Universität an als auch eine ausgebliebene Auseinandersetzung mit den Tätigkeiten mancher Kollegen vor 1945. Lanzmann erwähnt diese Dinge auch in seiner Autobiografie. 15 Einleitung In Berlin hat Lanzmann auch das journalistische Format für sich entdeckt, in der das eigene Erleben, philosophische Reflexion und politischen Anspruch miteinander verknüpfte. Nach einer Artikelserie über das geteilte Deutschland, die in einer französischen Tageszeitung erschien, begann er, für die Zeitschrift Les Temps modernes zu arbeiten – die damals Sartre gemeinsam mit Simone de Beauvoir herausgab und deren Hauptherausgeber Lanzmann bis heute ist. In gewisser Weise ist auch die Entstehungsgeschichte des ersten Films Pourquoi Israël aus dem Jahr 1973 mit Lanzmanns Berliner Zeit verbunden, wenn er ihn als eine Antwort auf Sartres Text Réflexions sur la question juive versteht, den er mit seinen Studentinnen und Studenten 1949 in Berlin diskutiert hat. Seit dem Holocaust ist mehr als ein Menschenalter vergangen. Claude Lanzmann hat bereits in Berlin, d.h. unmittelbar nach dem Zivilisationsbruch (Dan Diner), später als Herausgeber von Les Temps Modernes und dann natürlich in seinem bedeutenden filmischen Werk zur Wahrnehmung der mit diesem Ereignis verbundenen Krise des historischen Verstehens beigetragen. Seine Suche, eine der Wucht des Ereignisses angemessene historisierende Perspektive zu finden, hat er als die Aufgabe unseres Jahrhunderts verstanden. Es ist Lanzmann gelungen, Menschen und menschliche Geschichten aus dem Sog der Statistik herauszulösen, ohne die geradezu unvorstellbare quantitative Dimension der Tat aus den Augen zu verlieren. Er berücksichtigt in seinem filmischen Schaffen das individuelle Erleben des Ereignisses, verzichten jedoch darauf, es in ein Narrativ zu pressen. Diesem Zusammenhang von Erfahrung, Perspektive und Erkenntnis ist dieser Band gewidmet. Die Tagung, auf die dieser Band zurückgeht, wurde im Rahmen des Dahlem Humanities Center durchgeführt. Ich möchte mich beim Vorstand des Centers, seinem damaligen Sprecher Prof. Dr. Joachim Küpper und bei seiner Geschäftsführerin Katja Heinrich wie bei Janine Bröder sehr herzlich bedanken. Ohne die Förderung des Center for International Cooperation der Freien Universität und die Zusammenarbeit mit dem Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg hätte die Tagung nicht stattfinden können. Hervorbebung verdient die vertrauensvolle Zusam- 16 Susanne Zepp menarbeit der Französischen Botschaft, an erster Stelle mit dem Botschafter Philippe Etienne, aber auch mit dem damaligen Hochschulattaché Dr. Boris Gresillion. Ein besonderer Dank gebührt Prof. Dr. Hermann Haarmann, dem Herausgeber der Reihe kommunikation & kultur. Für die Aufnahme dieses Bandes in die Reihe bin ich ihm ebenso verbunden wie für die großzügige und geduldige Förderung des gesamten Projekts. Auch die Anregung, den Band zweisprachig zu konzipieren, stammt von ihm. Für ihre ebenso genauen wie feinfühligen Übersetzungen ins Französische danke ich Béatrice de March, Lucrezia Delphine Guiot und Vincent Platini. Fujiko Sekikawa danke ich für die Übersetzung des Vortrags von Osamu Wakatsuki aus dem Japanischen ins Deutsche. Last but not least danke ich Dagmar Walach, die den Namenindex erstellte, sowie ganz besonders meiner studentischen Mitarbeiterin Gina Macher für ihre redaktionelle Mitarbeit an diesem Band. Berlin, im März 2017

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.