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Roman Léandre Schmidt, Engagement und Widerstand: 70 Jahre Les Temps Modernes in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 89 - 106

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-89

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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89 Roman Léandre Schmidt Engagement und Widerstand: 70 Jahre Les Temps Modernes An Büchern zu den verschiedensten Aspekten der années Sartre herrscht, jedenfalls in Frankreich, kein Mangel. Meist geht es dabei wenigstens en passant auch um Les Temps Modernes, galt doch die von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründete Zeitschrift seit ihrem ersten Erscheinen im Oktober 1945 als Zentralorgan des „Fürstentums St. Germain-des- Prés“. Heute, beim Blättern in den populär- und fachwissenschaftlichen Darstellungen, mag sich beim interessierten Nachgeborenen der Eindruck verfestigen, es müsse sich bei den Temps Modernes um eine politisch-literarische Zeitschrift gehandelt haben, die in Frankreich so etwa zwischen den Jahren 1945 und 1953 erschien und deren Herausgeber Jean-Paul Sartre hieß. Damit freilich ist nur der Anfang einer langen Geschichte erfasst. Deshalb sei zunächst daran erinnert, daß Sartre die Temps Modernes ohne Unterbrechung – wenn auch mit unterschiedlichen Intensitäten – bis zu seinem Tod 1980 geleitet hat, 35 Jahre lang, immer zusammen mit Simone de Beauvoir, die dann die Leitung alleine weiterführte, ehe Claude Lanzmann, nach de Beauvoirs Tod im Jahre 1986, diese Aufgabe übernahm. Seither sind wiederum 30 Jahre verflossen, und ein Ende der Temps Modernes ist auch nach dem zuletzt erschienenen Heft nicht abzusehen. 90 Roman Léandre Schmidt Vom schweren Erbe eines großen Anfangs Welche Gründe gibt es für die auf ihre Anfänge verkürzte öffentliche Wahrnehmung der Temps Modernes? Ein erster, entscheidender Faktor ist sicherlich in der Person ihres Gründers zu sehen, der, gleichermaßen beschlagen als Philosoph wie als Literat, die beiden eigengesetzlichen Leitdisziplinen des (französischen) intellektuellen Lebens kurzzuschließen vermochte und auf diese Weise als „totaler Intellektueller“ (Pierre Bourdieu) das geistige Leben seiner Zeit wie kein zweiter dominierte (daher das geflügelte Wort der années Sartre).1 Auch Sartre bediente sich dafür des klassischen Instrumentariums, mit dem sich Intellektuelle in der Öffentlichkeit vorstellen und um Mitstreiter für ihre Interpretation der Wirklichkeit werben, darunter an zentraler Stelle einer „eigenen“ Zeitschrift.2 Die Temps Modernes wurden von Sartre und den Seinen als ein „Organ für Untersuchungen“ eingeführt, wie es in der berühmten Présentation im ersten Heft hieß – Untersuchungen, wohlgemerkt, die „in einem gemeinsamen Geist“ betrieben würden und deren Anhängerschaft sich „in einem Jahr beträchtlich vergrößer[n]“ sollte.3 Die „Generallinie“, der kleinste gemeinsame Nenner dieser sociabilité intellectuelle, bestand in der Abgrenzung zur désinvolture des l’art pour l’art und seiner teils durch Kollaboration kompromittierten Vertreter (allen voran der NRF): „Da der Schriftsteller keine Möglichkeit hat, sich davonzustehlen, wollen wir, daß er sich seiner Epoche voll und ganz verschreibt; das ist seine einzige Chance: sie ist für ihn geschaffen und er für sie.“4 Die Temps 1 Zu Sartre als „totaler Intellektueller“: Pierre Bourdieu, Die Erfindung des totalen Intellektuellen, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 5 (1981), 385-391. Zu den „années Sartre“ allgemein: Annie Cohen-Solal, Sartre 1905-1980, Reinbek bei Hamburg 1988; Michel Winock, Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz 2003. 2 Zur Funktion der Zeitschrift für die intellektuelle Vergesellschaftung siehe Jacqueline Pluet- Despatin, Une contribution à l’histoire des intellectuels: les revues, in: Michel Trebitsch und Nicole Racine (Hgg.): Sociabilités intellectuelles: lieux, milieux, réseaux, Paris 1992, 125-136. 3 Alle Zitate aus „Vorstellung von ‚Les Temps Modernes’“, in der deutschen Übersetzung von Lothar Baier in: Jean-Paul Sartre, Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938-46, Reinbek bei Hamburg 1978, 156-170, hier 169. 4 Ebd., 158. Siehe auch „Für seine Epoche schreiben“, Sartres Beitrag aus „Les Temps Modernes“ vom September 1946. Ebd., 185-191. 91 Engagement und Widerstand Modernes sollten wenigstens teilweise dazu dienen, diesem schriftstellerischen Selbstverständnis (der littérature engagée) und seinen Protagonisten zu größerem Einfluss zu verhelfen, weshalb sie, zieht man eine typologische Unterscheidung des Literaturkritikers Cyril Connolly heran, dem „dynamischen“ Zeitschriftentypus zugeschlagen werden können.5 „Dynamische“ Zeitschriften treten mit Aplomb auf die Bühne, sind programmgeleitet, spalten die Öffentlichkeit in Anhänger und Verächter – und stellen fast immer nach kurzer Zeit das Erscheinen wieder ein. Im richtigen Moment lanciert, verhelfen sie neuen Ideen und radikalen Konzepten zum Durchbruch. Im falschen Moment lanciert, wird man sie eines Tages vielleicht als Vorläufer und Wegbereiter wiederentdecken. In beiden Fällen fliegen ihnen, wenn schon nicht die Herzen der Leser, so doch die der Kritiker zu und später der Ideenhistoriker. Den „dynamischen“ Zeitschriften gilt der Ruhm der Nachwelt – und nicht jenen meist langlebigeren, inklusiveren Zeitschriften vom Review-Typ, die Connolly die „eklektischen“ nannte.6 Was aber, wenn, wie im Fall der Temps Modernes, eine „dynamische“ Zeitschrift erfolgreich etabliert wird? Darf das überhaupt geschehen? Darf sie sich weiterentwickeln und verändern wie gewöhnliche Magazine? Und soll sie weitermachen, wenn andere intellektuelle Strömungen dominieren (für die Temps Modernes gilt dies, vielleicht mit Ausnahme einer Parenthese „um 1968“, spätestens ab den frühen 1960er Jahren)? Was immer man auf diese Fragen antworten möchte, unstrittig dürfte sein, daß der Prozess der Institutionalisierung einer Zeitschrift nur in Ausnahmefällen auf Interesse bei der Kritik trifft und noch seltener auf ihre Wertschätzung. In der Vorliebe für das Konzeptuelle und Vehemente, für die Aufbrüche und die programmatischen Neuanfänge liegt ein verstärkender Faktor für die Tatsache, daß von den Temps Modernes vor allem die frühen Jahre bekannt sind und zum Gegenstand von Untersuchungen wurden.7 5 Cyril Connolly, Little Magazines, in: ders.: The evening colonnade, London 1973, 414-427. (Erstmals 1964 veröffentlicht). 6 Ebd., 414. 7 Für Forschungsliteratur zu den frühen Jahren der Temps Modernes siehe vor allem Anna Boschetti, Sartre et „Les Temps modernes“: une entreprise intellectuelle, Paris 1985; Howard Da- 92 Roman Léandre Schmidt Man kann diese Schwerpunktsetzungen der Forschung nachvollziehen und wird sie – jedenfalls hinsichtlich des unbestrittenen Hauptgrunds: der historischen Bedeutung Sartres für den französischen Nachkriegsdiskurs – wohl auch teilen. Und doch ergibt sich mit Blick auf die Temps Modernes eine Verzerrung. So ist die bis heute einzige, allgemein gehaltene und weiterhin maßgebliche Studie zu den Temps Modernes Anna Boschettis literatursoziologische Analyse von 1985, die sich bezeichnenderweise mit Sartre et ‚Les Temps Modernes‘ befaßte, und in der alles, was nach 1948 bei den Temps Modernes stattfand, auf wenige Seiten unter dem Titel Die Epigonen zusammenschnürte.8 Das wurde – unbeschadet der analytischen Schärfe der Arbeit in der Beschreibung des intellektuellen Feldes der Nachkriegszeit – bereits zum Zeitpunkt des Erscheinens kaum mehr der Entwicklung der Temps Modernes und ihrer Autoren gerecht – und passt seither noch schlechter. Deshalb soll im Folgenden der gut abgesicherte und ausgeleuchtete Pfad zu den années Sartre, dem Existentialismus und den Anfängen der Temps Modernes verlassen werden. Es gilt, einige Überlegungen zur anhaltenden Bedeutung der Zeitschrift anzustellen, und das heißt unweigerlich, auch über Claude Lanzmann und sein langjähriges Engagement zu schreiben. Mehr als Schlaglichter ins Dunkle können es freilich, in Ermangelung einer belastbaren, quellen- und archivbasierten Literatur zu den Temps Modernes „nach Sartre“, an dieser Stelle nicht sein. An der Forschungslage, die Jacques Derrida 1996 zu der Bemerkung veranlasste, er habe „noch nichts Zufriedenstellendes über die T.M. gelesen“, hat sich in den vergangenen 20 Jahren leider wenig geändert.9 vies, Sartre and „Les Temps Modernes“, Cambridge 1987. 8 Ebd., 290-315. 9 Jacques Derrida, ‚Er lief als Toter‘: salut, salut. Anmerkungen für eine Post an die ‚Temps Modernes’, in: ders.: Maschinen Papier, Wien 2006, 157-197, hier 184. (Erstmals 1996 veröffentlicht, deutsche Übersetzung von Markus Sedlaczek). Die problematische Forschungslage hängt, nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Zeithistoriker, offenbar nicht zuletzt auch mit Zustand und Zugänglichkeit der Archive der „Temps Modernes“ zusammen. 93 Engagement und Widerstand Die Temps Modernes als politisch-literarische Zeitschrift Die Temps Modernes gehören zu einem publizistischen Genre, das, wie die Sozialfigur des Intellektuellen selbst, regelmäßig totgesagt wird, sich aber trotz eines unbestreitbaren Bedeutungsverlustes hartnäckig behauptet (bzw. in einigen Ländern sogar ein comeback feiert). Die Rede ist von der generalistisch orientierten, politisch-literarischen Zeitschrift.10 Der Bindestrich verweist auf den genretypischen Systemflirt zwischen „Politik“ und „Literatur“, den die Temps Modernes seit der Présentation in Reinform verkörpern, der sich aber, in unterschiedlichen Spielarten, auch in Publikationen wie Merkur, Lettre internationale, Esprit, der London und der New York Review findet, sowie seit einigen Jahren im US-amerikanischen little magazine revival, für das stellvertretend ihr Flaggschiff n+1 genannt sei. Es handelt sich um Zeitschriften von einem gewissen standing, das sie sich erkämpfen mußten, das ihnen mithin nicht einfach durch institutionellen Reputationstransfer übertragen wurde. Die Redaktionen zeichnen sich durch Unabhängigkeit und große Freiheitsgrade aus. Sie konnten beweisen, daß sich an ihnen ein Teil des allgemeinen „Ideenumlaufs“ (Josias Gosch) kristallisiert, und zwar in einer spezifischen Art und Weise, die mit dem intellektuellen Profil ihrer Zeitschriften zusammenhängt – wofür sie geschätzt und verteidigt, bestenfalls sogar gekauft werden. Medienwandel hin oder her: Intellektuelle Öffentlichkeiten benötigen offenbar mehrere dieser, oft antagonistisch aufeinander bezogenen, „Kristallisationspunkte“ – nicht hundert, nicht fünfzig, aber in Gesellschaften wie Frankreich oder Deutschland doch wenigstens je ein bis zwei Handvoll: thematisch breit aufgestellte, politisch-literarische Zeitschriften, die auf die Probleme und Fragestellungen bezogen sind, an denen sich eine Öffentlichkeit gerade „abarbeitet“. Daß dieser Bezug oft nur mittelbar ist, daß die Beiträge zudem immer auch literarischen Ansprüchen zu genügen haben, macht 10 Zur Traditionslinie der politisch-literarischen Zeitschrift, mit der das Genre treffender bezeichnet ist als im deutschen Verlegenheitsbegriff der „Kulturzeitschrift“, siehe Harry Pross, Literatur und Politik. Geschichte und Programme der politisch-literarischen Zeitschriften im deutschen Sprachgebiet seit 1870, Olten 1963. 94 Roman Léandre Schmidt den Unterschied zu rein politischen „Richtungszeitschriften“ aus – und versteht sich eigentlich von selbst. In diesem Sinne bleibt das Sartre’sche Ecrire pour son époque bis heute konstitutiv für politisch-literarische Zeitschriften – nicht in jeder Wendung und jedem Argument eines seiner Zeit verpflichteten Textes aus dem September 1946, sondern gleichsam als Motto und als Erinnerung daran, daß die schwierige Frage nach dem Bezug des Schreibens und der Zeit-Schrift zum „Lauf der Dinge“ immer wieder neu beantwortet werden muß. Jacques Derrida war vielleicht der erste, der solche Überlegungen in Zusammenhang mit dem Erbe und der anhaltenden Bedeutung der Temps Modernes aufgeworfen hat. In den bereits erwähnten Notizen und dem „Gruß“ (salut, salut) von 1996, den der Philosoph aus Anlass des 50. Geburtstags an die Zeitschrift sandte, drückte Derrida seine Verbundenheit aus, er, der freilich nie „einer von den Temps Modernes“ war11, jedenfalls nicht in einem vordergründigen Sinne. Derridas „anerkennende, bewundernde und treue Zuneigung“12 galt denn auch weniger der Sprache und dem Stil der Temps Modernes als vielmehr eben der Art und Weise, wie sie sich von Anfang an ihrer Epoche zugewandt hatte. Eine unentrinnbare „stille Gefährtenschaft“, das „Gemurmel eines unendlichen Gesprächs“13, verband ihn mit jener Zeitschrift, durch deren Haltung mehrere Generationen von Intellektuellen „im Denken orientiert“ wurden, wie es Derrida mit Kant formulierte.14 Ein Gefühl der Verbundenheit angesichts der Kontinuität von „Engagement“ und „Widerstand“ in der Arbeit der Temps Modernes, denn: „Obwohl so oft, bisweilen bis zum Überdruß, darüber gesprochen wurde wie über eine vergangene Form der Verantwortung der ‚Intellektuellen’, finde ich, daß ‚Engagement’ ein sehr schönes, richtiges und immer noch neues Wort bleibt – wenn man es denn hören will –, um die Bestimmung zum Ausdruck zu bringen, auf die jene, die man immer 11 Vgl. Derrida, ‚Er lief als Toter‘: salut, salut. Anmerkungen für eine Post an die ‚Temps Modernes’, 157. 12 Ebd. 13 Ebd., 181. 14 Vgl. Ebd., 180; 184. 95 Engagement und Widerstand noch Schriftsteller oder Intellektuelle nennt, antworten und für die sie die Verantwortung übernehmen.“15 Es ist charakteristisch für Derridas bonne foi und Luzidität, daß er nicht davor zurückscheute, die Seinen – jene, die prima facie nicht „von den Temps Modernes“ waren – mit aller Klarheit auf den Preis hinzuweisen, der für ihren Abschied von dieser „Epoche“ zu zahlen war: „Es wird niemals eine Zeitschrift der ‚Temps post-modernes‘ geben“, notierte er und fragte: „Ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Für die gerade laufenden ‚Zeiten‘ oder für die Zeitschriften?“16. Man muß, um eine Zeitschrift Les Temps Modernes zu nennen und dann eine solche Publikation, diese permanente Überforderung, über Jahrzehnte erfolgreich zu animieren, wohl tatsächlich nicht nur Chuzpe, großes Talent und ausreichende Ressourcen besitzen, sondern auch an einer bestimmten Idee des Intellektuellen festhalten: an seiner Möglichkeit, an seiner Verantwortung und, vor allem, überhaupt zunächst einmal an der Idee des Engagements (wenn auch nicht notwendig in den hergebrachten Formen der années Sartre. Die Intervention des Intellektuellen in den Lauf der Dinge war gegenüber den Verächtern dieses Engagements, gerade auch in der Intelligenz, zu verteidigen – und das haben die Temps Modernes immer getan. Noch 1996 sah sich Derrida deshalb offenbar aufgefordert, der Zeitschrift in diesem Punkt beizuspringen: „Es gehört heute für viele Intellektuelle zum guten Ton, sich dem Begriff und dem Wort ‚Engagement’ gegenüber gemäßigt zu geben. Dumm und suspekt.“17 Doch die „Zeiten“ haben sich geändert: Die Mission der Temps Modernes – und mit ihr die der politisch-literarischen Zeitschriften insgesamt – erscheint am 70. Geburtstag insgesamt weniger erklärungsbedürftig und fragil als noch zwanzig Jahre zuvor. Einige Worte vielleicht zum Ort der Temps Modernes, zu ihrer Verortung auf der rive gauche. Man ist beim Lesen immer unverkennbar in 15 Ebd., 166. 16 Ebd., 183. 17 Ebd., 186. 96 Roman Léandre Schmidt Paris und doch zugleich auch in der Welt, und auch das ist Teil des anhaltenden Erfolgs der Temps Modernes als politisch-literarischer Zeitschrift. Denn politisch-literarische Zeitschriften gewinnen ihre Aufgabe aus der Konfrontation mit der je spezifischen, historisch ausgebildeten Topographie ihres Landes. Sie testen hypersensible und taube Zonen, besichtigen nationale Wallfahrtsorte wie auch dunkle Winkel, die andere lieber ignorieren. Weil diese Topographie auch 2017 noch primär regional und national geprägt ist, selbst wenn es die Probleme nicht mehr sind, bleibt die Gestalt erfolgreicher politisch-literarischer Zeitschriften eine spezifische auch dort, wo sie sich, selbstverständlich, mit europäischen oder globalen Prozessen befassen. Bis zum heutigen Tag ist es das große Problem aller Experimente mit „postnationalen“, utopischen und atopischen Medien, daß ihnen dieser gemeinsame Ort abhandenkommt, auf den man gestellt ist, von dem aus eine Zeitschrift spricht und, so darf man hoffen, Wirkung entfalten kann. „Es ist immer das Ureigenste, das Zugang zum Universellen verschafft“, notierte Claude Lanzmann in seiner Autobiographie.18 Eine erfolgreiche politisch-literarische Zeitschrift – das heißt nicht zuletzt eine, die vor „Wirkung“ nicht zurückschreckt – muß deshalb aufgespannt sein zwischen lokalen Interessenlagen und eigenem Timbre einerseits, globalen Problemen und Prozessen andererseits. Das ist den Temps Modernes in ihrer langen Geschichte oft besser gelungen als anderen Zeitschriften. Verdeutlichen läßt es sich am besten an den berühmten „Dossiers“, die wesentlich durch Claude Lanzmann geprägt wurden und bis heute eine der großen Stärken der Temps Modernes darstellen. Jahrzehnte bevor im Kulturjournalismus das „Kuratieren“ zur Mode wurde und man begann, zu allem, leider auch dem Beliebigsten, Dossiers zu schnüren, weil sie sich besser verkaufen als Varia-Nummern, hatte es sich die Redaktion der Temps Modernes zur Gewohnheit gemacht, parallel zum Lauf der regulären Hefte an mehrmonatigen Recherchen über die großen Probleme der Zeit zu arbeiten. In diesen Themenheften kam nicht nur die inhaltliche Kompetenz der Redaktion zum Tragen, sondern auch ihr internationales Beziehungs- 18 Claude Lanzmann, Der patagonische Hase. Erinnerungen, Reinbek bei Hamburg 2010, 410. 97 Engagement und Widerstand netzwerk. Das emblematischste Beispiel bleibt die fast 1000 Seiten starke, von Claude Lanzmann konzipierte, Ausgabe zum Conflit israélo-arabe aus dem Jahre 1967. Doch an den Titeln von Dossiers aus jüngerer Zeit läßt sich vielleicht noch klarer aufzeigen, wie sich die Temps Modernes bis heute immer wieder darauf verstehen, ihre eigene peer group (und darüber hinaus die französische Öffentlichkeit) mit den „questions qui fâchent“ zu konfrontieren: Le génocide des Tutsi, 1994-2014 (2014), Les Roms, ces Européens (2014) oder, im Jahr 2011, im mutigen Heft zur Situation der ehemaligen algerischen Hilfssoldaten: Harkis 1962-2012, Les mythes et les faits. Zuletzt gelang dies noch einmal, im Frühjahr 2015, unter dem Titel Dieu, l‘ islam, l‘Etat, in einem Dossier, das den aktuellen Debatten in der islamischen Welt gewidmet war. Dort wurden in zwölf Aufsätzen Positionen verdichtet, die zu finden sonst langer Recherchen in den esoterischen Sphären von staats-, religions- und regionalwissenschaftlichen Fachzeitschriften erfordert hätte. Man wolle, hieß es im Editorial des Philosophen und wichtigen Temps Modernes-Mitglieds Patrice Maniglier, auf diese Weise einen Beitrag zur Aufklärung westlicher, im Laizismus sozialisierter Intellektueller leisten.19 Die Zeitschrift als „Medium der Aufklärung“ – noch so ein alter Hut, mit dem im langen Sommer der Theorie keiner mehr gesehen werden wollte, der sich inzwischen aber wieder ganz gut tragen läßt („Ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Für die gerade laufenden ‚Zeiten‘ oder für die Zeitschriften?“20). Freilich wurden die Temps Modernes von Zeit zu Zeit in ihrer langen Geschichte von Intellektuellen herausgefordert, die sie zu einem radikalen Neuanfang bewegen wollten. Eine solche Begebenheit sei kurz erwähnt, da sie wenig bekannt ist und zudem noch einmal die Probleme der Internationalisierung verdeutlicht. Sie stammt aus der Zeit „um 1960“, jener Jahre der Dekolonialisierung, die für die europäische, besonders jedoch die französische Intellektuellenge schichte so entscheidend waren. 19 Editorial zu Les Temps Modernes 683, 2015. 20 Derrida, ‚Er lief als Toter‘: salut, salut. Anmerkungen für eine Post an die ‚Temps Modernes’. 98 Roman Léandre Schmidt Die wichtige Rolle der Temps Modernes in diesem Zusammenhang, insbesondere hinsichtlich der Unterstützung des algerischen Unabhängigkeitskampfes in Frankreich, ist bekannt.21 Ein nicht unerheblicher Nebeneffekt des Manifests der 121 aus dem September 1960, aber auch schon der ihm vorangegangenen Komitees, war die mobilisierende Wirkung auf die gesamte intellektuelle Linke in Frankreich: Der Spiegel, zum Beispiel, informierte seine Leser am 12.Oktober 1960, „daß es im Reich Charles de Gaulles eine neue Résistance“ gebe, was jedenfalls insofern stimmte, als sich tatsächlich fraktionsübergreifende Bündnisse bekannter Schriftsteller und Intellektueller bildeten, wie sie Frankreich seit dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung nicht mehr gekannt hatte.22 Vor diesem Hintergrund erklärt sich ein seltsamer Brief von Maurice Blanchot an Jean-Paul Sartre vom 2. Dezember 1960.23 Blanchot war der spiritus rector eines Teils der jungen Intellektuellen aus dem Umfeld der „neuen Résistance“, ihr „unsichtbarer Gefährte“ (Christophe Bident), der sich nun an Sartre in der Hoffnung wandte, die neue Bewegung fortsetzen und konsequent internationalisieren zu können. Es sei dies jedoch, schrieb er in seinem Brief, nur „aus einem neuen Organ heraus“ möglich: „Sie haben mich an das erinnert“, fuhr Blanchot fort, „was ich gelegentlich sagen mußte und immer im Stillen gedacht habe: daß die Erklärung [gemeint war das Manifest der 121] ihre wahre Bedeutung nur fände, wenn sie der Beginn von etwas wäre.“24 Blanchot hatte offenbar das Gefühl eines imminenten Zeitenwandels. Weil er natürlich wußte, daß Krisenzeiten und Epochenschwellen für die politisch-literarische Publizistik entscheidende Momente bedeuten und die meisten erfolgreichen Gründungen, darunter die Temps Modernes, die Kinder eines günstigen Augenblicks waren, ent- 21 Siehe dazu auch den Beitrag von Claus Leggewie in diesem Band. 22 Für Zeitdokumente und Interpretationen zu dieser „neuen Résistance“ siehe z.B. den Ausstellungskatalog des Institut Mémoire de l’Edition Contemporaine, Catherine Brun/Olivier Penot- Lacassagne (Hgg.), Engagements et déchirements. Les intellectuels et la guerre d’Algérie, Paris 2012. 23 Der Brief ist in der deutschen Übersetzung von Marcus Coelen abgedruckt in: Maurice Blanchot, Politische Schriften 1958-1993. Berlin 2007, 55-59. Zu Blanchots Rolle allgemein siehe Christophe Bident, Maurice Blanchot, parténaire invisible, Seyssel 1998. 24 Ebd., 56. 99 Engagement und Widerstand hielt sein Brief einen radikalen Vorschlag: Sartre möge die Temps Modernes auflösen. Maurice Nadeau solle Gleiches mit seinen Lettres Nouvelles tun, die Literaturzeitschrift, aus der später die Quinzaine littéraire hervorging. Den dadurch freiwerdenden Raum wolle man durch eine neue „Zeitschrift für totale Kritik“ füllen. Analoges könne in anderen Ländern geschehen. Nun, daraus ist nichts geworden: Weder die Temps Modernes noch die Lettres Nouvelles haben sich zu Gunsten des internationalen Zeitschriftenprojekts in der Nachfolge des Manifests der 121 aufgelöst, ein Vorhaben, das dann übrigens noch weitere drei Jahre zwanzig der besten jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller Frankreichs, Deutschlands und Italiens in ein faszinierendes, unablässiges Schreiben über das immer aufgeschobene gemeinsame Schreiben verwickelte, ehe die wohl an die 500 Briefe, Telegramme, Konzeptpapiere zur namenlos gebliebenen Revue Internationale den Archiven übergeben wurden. Als sich der Autor dieser Zeilen vor ein paar Jahren mit dem Konvolut befaßte, fragte er sich, ob die Gründung der europäischen Intellektuellen-Zeitschrift vielleicht erfolgreicher verlaufen wäre, wenn Sartre zugestimmt hätte?25 Er muß sich damals gedacht haben: So ein schönes, ambitioniertes Europa-Projekt, hätten sich die Temps Modernes doch bloß darauf eingelassen. Als er die Korrespondenz kürzlich noch einmal durchsah, war sein einziger Gedanke: Gott sei Dank hat Sartre nicht zugestimmt und Nadeau auch nicht. Es wären zwei Institutionen des französischen (und internationalen!) intellektuellen Lebens zugunsten einer Europapublikation mit völlig ungewisser Kontur und Mission aufgegeben worden. Auch Enzensberger tat damals, in Deutschland, letztlich wohl das einzig Richtige: Er zog einen Schlußstrich unter das verfrühte Projekt und schuf mit dem Kursbuch jenen „Kristallisationspunkt“, der dem Milieu der undogmatischen intellektuellen Linken in der BRD in jenen Jahren fehlte.26 Es gibt sie also noch, die Temps Modernes. Sie haben, einmal erfolgreich etabliert, dem Reiz der tabula rasa widerstanden, sie haben auch nach den 25 Nachzulesen in: Roman Schmidt, Die unmögliche Gemeinschaft, Berlin 2009. 26 Siehe dazu ausführlich Henning Marmulla, Enzensbergers Kursbuch, Berlin 2011. 100 Roman Léandre Schmidt années Sartre allen Unkenrufen getrotzt, die meisten theoriegeschichtlichen Konjunkturen auf Distanz gehalten und einfach weitergearbeitet. Das wurde der Zeitschrift bisweilen als Konservatismus ausgelegt und stieß in Teilen der intellektuellen Linken auf wenigstens so viel Unverständnis wie einzelne inhaltliche Positionierungen, vor allem Lanzmanns Einsatz für Israel.27 Die Frage wäre, ob man in diesem entêtement der Zeitschrift nicht eher eine Form von Widerstand zu sehen hätte. Jedenfalls scheinen einige abschließende Bemerkungen zur „Résistance“ angezeigt, dem zweiten, auch „sehr schönen, richtigen und immer noch neuen“ Wort, an dem sich die Geschichte der Temps Modernes, wie auch die ihres Herausgebers Claude Lanzmann, entfalten läßt. Claude Lanzmann bei Les Temps Modernes Claude Lanzmann hat seinen ersten Beitrag in den Temps Modernes im April 1952 veröffentlicht: La presse de la liberté war eine – aus heutiger Sicht – „mediologische“ Abhandlung über die Presse, die großen Fragen der journalistischen Ethik, Publizität und die Macht des gedruckten Wortes, die „Willensschwäche“ der Tagespresse und ihre Abhängigkeit von immer neuen breaking news.28 Dargelegt mit verräterisch viel Detailkenntnis am Beispiel von France-Soir, wo Lanzmann als ghostwriter lange Zeit sein Brot verdiente, weshalb sein Artikel in den Temps Modernes unter Pseudonym erschien. Noch im selben Jahr, 1952, wurde er allerdings Teil des Redaktionskreises. Es ist, seit über sechs Jahrzehnten, sein mit Abstand längstes Engagement. Es lohnt, diesen Teil der Biographie herauszustellen, der, gerade au- ßerhalb Frankreichs, durch den Weltruhm des Filmemachers Lanzmann 27 Manchmal ergänzt um den Vorwurf des Nepotismus der Temps Modernes unter Lanzmann, unter dem die Qualität der Zeitschrift leide. Zu einem unentwirrbaren Knäuel verstrickt finden sich alle diskussionswürdigen Kritiken und maliziösen Unterstellungen in dem gallebitteren Verriss von Ingrid Galster, ‚Eine große Qualität meines Buches ist seine Ehrlichkeit‘. Postscriptum zu der Debatte um die Autobiographie Claude Lanzmanns, in: Das Argument 290/2011, 72-83. 28 David Gruber (= Claude Lanzmann), La presse de la liberté, Les Temps Modernes 78, 1952. 101 Engagement und Widerstand vielleicht etwas verdeckt wurde, jedenfalls bis zur Veröffentlichung einer Auswahl seiner journalistischen Arbeiten, die seit kurzem auch auf Deutsch vorliegen.29 Nun zeigt sich: Lanzmann ist ein homme de la presse, nicht nur in einem oberflächlichen Sinne, sondern ganz wesentlich: Er war im Journalismus immer zuhause und hat viel von seinem Handwerk in Redaktionen gelernt. So erwähnt er selbst im Patagonischen Hasen, die Kriminalreportagen, an denen er für France-Dimanche arbeitete, hätten ihm bei seiner späteren Arbeit an Shoah geholfen, dessen Genese, wie er sich ausdrückt, „in vielerlei Hinsicht als Ermittlung in einem Kriminalfall betrachtet“ werden könne. Aber auch an anderen, weniger exponierten Stellen von Lanzmanns Werk sind die Beziehungen offensichtlich: Etwa in der Frage, wie man Gespräche führt; wie man „für seine Epoche schreibt“; wie man in einer Reportage genau hinsehen muß und das Detail in den Blick nimmt, um darin das Universelle aufscheinen zu lassen. Ein an Victor Hugo geschulter Blick, der natürlich ganz wesentlich, von Anfang an, auch zur Geschichte der Temps Modernes zählte, wo es, im Unterschied zur universitären Welt, keine Berührungsängste mit dem journalistischen Handwerk gab: „Wir sind […] der Meinung, daß die Reportage zu den literarischen Gattungen zählt und daß sie zu einer der wichtigsten Gattungen werden kann. Die Fähigkeit, intuitiv und in einem Augenblick Bedeutungen zu erfassen, und das Geschick, diese so darzustellen, daß der Leser sie unmittelbar als synthetische Einheiten entziffern kann, sind die für einen Reporter unentbehrlichsten Eigenschaften; wir werden sie von allen unseren Mitarbeitern verlangen.“30 Daran zu glauben und darauf hinzuarbeiten ist eine bewährte französische Reportage-Tradition, die von den Temps Modernes immer wieder eingesetzt wurde, um auch die großen intellektuellen Fragen der Zeit besser zu „entziffern“. Daran hatte Claude Lanzmann wesentlichen Anteil: zunächst als Autor – exemplarisch sei die Reportage Der Priester von Uruffe und die Kirchenraison aus Les 29 Claude Lanzmann, Das Grab des göttlichen Tauchers, Reinbek bei Hamburg 2015. (Aus dem Französischen übersetzt von Erich Wolfgang Skwara). 30 Vorstellung von Les Temps Modernes, 169-170. 102 Roman Léandre Schmidt Temps Modernes vom April 1958 genannt31 – und später als Herausgeber. Es gibt also keinen biographischen Bruch und keine Trennung zwischen dem französischen Journalisten Claude Lanzmann, dem Publizisten und Herausgeber der Temps Modernes, und dem international bekannten und verehrten Filmemacher, der er seit Pourquoi Israël, spätestens jedoch seit Shoah geworden ist. „Résistance“ – vielleicht kann man sagen, daß Claude Lanzmann nach einer Periode, die in etwa von den frühen 1950er bis in die Mitte der 1960er Jahre reichte, während derer das Engagement an der Seite Sartres und de Beauvoirs im Vordergrund stand, zum „Widerstand“ gegen Faschismus, Antisemitismus und den Tod als seinem großen Thema (zurück)gefunden hat. In die zweite Hälfte der 1960er Jahre fiel auch die zunehmend intensive Auseinandersetzung mit dem Judentum und mit Israel (als deren erstes Ergebnis 1973 Lanzmanns Debut-Film Pourquoi Israël entstand) – und der wachsenden Differenzen mit den nordafrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, zu denen die Temps Modernes langjährige, enge Kontakte unterhielten: „Ich hatte geglaubt“, bilanzierte Lanzmann in seiner Autobiographie, „man könnte gleichzeitig für die Unabhängigkeit Algeriens und die Existenz des Staates Israel sein. Ich hatte mich getäuscht.“32 Seine Beziehung zu Sartre litt unter den politischen Differenzen – dem Maoismus und den Trikont-Ideologien der frühen 1970er Jahre stand Lanzmann ablehnend gegenüber. Gleichwohl bewahrte er, auch nach der Übernahme der Herausgeberschaft der Temps Modernes, seinem Förderer und Freund Jean-Paul Sartre gegenüber eine Position der „Nicht-Untreue“.33 Und heute? Es ist ein Leichtes, die Temps Modernes mit zwei, drei Strichen als Hausblatt eines gewissen engagierten Dandytums von Saint- Germain-des-Prés zu karikieren, wie dies in den Teeküchen geisteswissenschaftlicher Fakultäten allzu oft geschieht. Auch wegen dieses Tons, der nicht frei ist von Ressentiment und Mesquinerie, hatte Jacques Derrida 31 Lanzmann, Das Grab des göttlichen Tauchers, 25-64. 32 Lanzmann, Der patagonische Hase, 454. 33 Ebd., 511. 103 Engagement und Widerstand wohl seine Unzufriedenheit mit der vorliegenden Literatur zu den Temps Modernes ausgedrückt, um ihr ein „‚ja‘ der Dankbarkeit, der Billigung, der Bekräftigung“ entgegenzustellen, einer „Gerechtigkeit, die ohne die geringste Spur von Ressentiment erwiesen wird“.34 Wichtig wäre zum Beispiel eine ehrliche und unvoreingenommene Beschäftigung mit der Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen für den Erfolg der Temps Modernes. Wird man nicht zustimmen müssen, daß diese politisch-literarische Zeitschrift auch die Geschichte einer Gruppe von Individuen war, denen die Begegnung mit einem anderen Menschen unendlich viel bedeutete? Die eine außergewöhnliche Offenheit für Begegnungen hatten und die ihr Werk wesentlich im Dialog mit diesen, oft sehr unterschiedlichen, ihnen nahestehenden Menschen entwickelt haben – eine besondere Art, sich zur Welt zu verhalten, ein gewisser „Denkstil“ vielleicht. Es ist nicht leicht in Worte zu fassen und doch müßte es einmal versucht werden, ohne dabei mit Epitheta wie „Nepotismus“ oder kolportierten Zoten über amouröse Mehrecksbeziehungen am ideengeschichtlichen Kern der Sache vorbeizuschießen. Bei Sartre scheint die besondere relationale Qualität ganz offensichtlich. Wer den Patagonischen Hasen liest, wird viel davon bei Claude Lanzmann wiederfinden. Und es sei an dieser Stelle ein dritter Name aus dem heutigen Redaktionskreis der Temps Modernes hinzugefügt, der, obgleich weniger prominent, unbedingt in diese Reihe gehört: Das ist der des zwischen Frankreich und Brasilien lebenden Philosophen, Pädagogen und Verlegers Gérard Wormser. Ein vierter Name? André Gorz. Die Bedeutung, die zwischenmenschliche Begegnungen für die Stärke und Widerstandsfähigkeit der Temps Modernes hatten, wäre sodann in Beziehung zu bringen mit einer zweiten Konstante in der Zeitschrift: ihre Distanz zum etablierten universitären Betrieb in Frankreich, nicht nur bei Sartre, der es sich natürlich gewissermaßen „leisten“ konnte – sondern eben auch bei Lanzmann, bei Gorz oder, in sanfterer aber nicht weniger entschiedener Form, bei Gérard Wormser. Auch dabei wäre acht zu geben, 34 Derrida, „Er lief als Toter“, 184. 104 Roman Léandre Schmidt daß das Phänomen nicht gleich bildungssoziologisch neutralisiert wird (etwa nach dem Muster: verwehrte universitäre Anerkennung = außeruniversitäre Kompensation und Aufbau eines konkurrierenden, verlegerischen Machtpols). Vielmehr erinnern die Temps Modernes – diese prototypische politisch-literarische Zeitschrift – mit jeder Ausgabe daran, daß es ein intellektuelles Leben jenseits der Universität gibt und dazu Autoren, die in akademischen Konsekrationswegen, Gepflogenheiten und Verfahrensweisen nicht den Königsweg sehen. Auch das ist in Zeiten einer allgemeinen Bürokratisierung des geistigen Lebens (Antragslyrik, peer-reviewing und ranking, Expertise-Orientierung) eine Form von Widerstand, oder jedenfalls von Widerständigkeit. Womit zuletzt die Frage des Stils berührt wäre. Widerstand, das hieß bei den Temps Modernes immer auch, sich dem generalisierten Plauderton im Kulturbetrieb zu verwehren. Die Zeitschrift hat, anders als ihre große französische Gegenspielerin, der vernünftig-moderate Esprit, immer Schneid – sie steht für ein konfliktfreudiges, agonales Verständnis von Öffentlichkeit. Insbesondere Claude Lanzmanns Form der „prise de parole“ – ob nun in den Temps Modernes selbst, in Le Monde oder anderswo – ist immer ein Ereignis, zu dem man sich verhalten muß. Auch in dieser Hinsicht erweist er Jean-Paul Sartre, wenn nicht in allen tagespolitischen Einschätzungen, so doch in der Form, die „Nicht-Untreue“. Suchte man nach einer Schreckensvision, gegen die Lanzmann und die Temps Modernes heute mehr denn je anschreiben, dann wäre das vielleicht die Gefahr eines „Münchens des Geistes“: ein sanftes Resignieren des engagierten Denkens – in Derridas Worten eben jener „Bestimmung […], auf die jene, die man immer noch Schriftsteller oder Intellektuelle nennt, antworten und für die sie die Verantwortung übernehmen.“ Ein München des Geistes hatte Lanzmann bereits im April 1989 befürchtet, damals angesichts der allzu zögerlichen, allzu vorsichtigen Reaktionen westlicher Intellektueller und Kulturfunktionäre auf die Fatwa gegen Salman Rushdie.35 Es sieht 35 Editorial zu Les Temps Modernes 513, 1989. 105 Engagement und Widerstand nicht so aus, als würde die Rolle der Temps Modernes in absehbarer Zeit obsolet werden. Engagement und Widerstand: auf die nächsten 70 Jahre.

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.