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Anne Kwaschik, Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung Résistance-Erfahrungen in Der patagonische Hase in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 47 - 70

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-47

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
47 Anne Kwaschik Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung Résistance-Erfahrungen in Der patagonische Hase „In einen Toten tritt man ein, wie in eine offene Stadt“, schreibt Jean- Paul Sartre im Vorwort zu seinem Flaubert-Buch Der Idiot der Familie.1 „Vergangenheit ist ganz entschieden nicht meine Stärke“, schreibt Claude Lanzmann in seinen Memoiren mit und gegen Sartre. 2 Auf den ersten Blick ein sehr einfacher Satz, fast eine Konfession, ist er der Auftritt des Erzähler-Historikers, der ausgerechnet auf die sehr eindrückliche Beschreibung der Gefühle beim Fliegen einer Spitfire folgt. „Von bohrender Erinnerung hervorgebrachte Bilder steigen mit ursprünglicher Gewalt in mir auf“, fährt dieser fort, „so dass sich alle Epochen meiner Existenz zu vermengen scheinen und ich diese Existenz umfassend gegenwärtig vor mir habe.“3 Lanzmann ruft mit dieser historiographischen Selbstbeschreibung nichts Geringeres auf als die viel diskutierte Frage nach der Repräsentation der Vergangenheit und ihrer paradoxen Struktur. Die persönliche Konfes- 1 Jean-Paul Sartre, Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert 1821– 1857, 3 Bde., Reinbek bei Hamburg 1977, Bd. 1, 8. 2 Claude Lanzmann, Der patagonische Hase. Erinnerungen, Reinbek bei Hamburg 2010. 3 Ebd., 61. 48 Anne Kwaschik sion bezeichnet eine lange philosophische und literarische Tradition. Theorien des Gedächtnisses werden im Allgemeinen von der Annahme geleitet, daß „die Repräsentation des Vergangenen [...] die eines Bildes“ ist.4 Das Paradox liegt in der Anwesenheit (nämlich des Bilds) einer abwesenden Sache (nämlich des vergangenen Ereignisses), die auch der Historiker nicht aufheben kann, da er mit seiner Arbeit die Abwesenheit unmittelbarer Zeugenschaft in die Anwesenheit der Schrift verwandelt.5 Lanzmann treibt das Paradox noch einen Schritt weiter, denn er wendet es auf den Erzähler selbst: „Von bohrender Erinnerung hervorgebrachte Bilder steigen mit ursprünglicher Gewalt in mir auf, sodass sich alle Epochen meiner Existenz zu vermengen scheinen und ich diese Existenz umfassend gegenwärtig vor mir habe. […] Somit bin ich vielleicht tot, denn das Nacheinander meines Lebens ist aufgehoben.“6 Es ist kein Wunder, daß ein Buch, das so nonchalant mit historischen Zeiten umgeht, schwer auf den Begriff zu bringen ist. Aus Anlass des Erscheinens der deutschen Übersetzung begnügten sich die Feuilletons damit, die Unmöglichkeit zu betonen, eine passende Formel zu finden, für diese Hymne auf das Leben, das Denken, die Liebe und die Kunst. Es sei ein Buch über das Leben, das nicht versuche, dieses zu normieren, sondern sich im Kopf des Lesers entfalte, ein Buch, das von der, immer auch ausgesprochen sinnlichen, Liebe zur Geschichte lebe, kurzum: das „beste Buch über das zwanzigste Jahrhundert“, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung.7 Ein Meisterwerk: „Un pur chef d’œuvre“, wie Simone de Beauvoir über Shoah schrieb,8 läßt sich auch die deutsche Rezeption zusammenfassen. Zum Umgang mit der Geschichte äußerte sich kaum jemand. Grosso 4 Paul Ricœur, Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, München 2004, 23. 5 Ricœur 2004. Lücken füllt auch der Historiker mit seiner Vorstellungskraft, vgl. Natalie Zemon Davis, Imagination, in: Anne Kwaschik/Mario Wimmer (Hgg.), Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Bielefeld 2010, 107- 109. 6 Lanzmann, Der patagonische Hase, 61. 7 Nils Minkmar, Nie hat die Zeit aufgehört zu vergehen. Ein Besuch bei Claude Lanzmann, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.9.2010. 8 Vgl. für diesen Auftakt, Dominick LaCapra, Lanzmann’s Shoah: „Here There Is No Why“, in: Critical Inquiry 23 (1997) 2, 231-269, hier 231. 49 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung modo findet sich eigentlich nur das Bild des Netzes, welches angesichts der grecohaften Gewalt vieler Szenen zurückhaltend wirkt: Die Memoiren spinnen ein „weitgespanntes Netz von Assoziationen“.9 Die Erinnerungen sind auf unterschiedliche Weise erzählt und bemühen verschiedene Traditionen und Gattungselemente. Aber das Buch macht eben auch das Paradox der Repräsentation explizit zum Thema und ist so in Teilen wie auch die Filme Lanzmanns „not at all representational, a fiction of the real“.10 In diesem Zusammenhang fragt der vorliegende Artikel nach der Repräsentation der Vergangenheit in den Memoiren am Beispiel der Erfahrungen in der Résistance. Er schlägt für die Repräsentation der Geschichte die Metapher der Spirale vor und folgt einem ihrer Kreise in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten. Nach einführenden Überlegungen zur Inszenierung der Erinnerungen in Form der Spirale soll in einem zweiten Schritt das Bewusstsein der Résistance-Jugend als einer Generationseinheit analysiert werden. Lanzmanns Erinnerungen werden mit anderen Texten und Quellen konfrontiert, um die kollektiven Vorstellungswelten von der besonderen Situation dieser Jugend und ihrer Aufgaben als einer „Selbstthematisierungsformel“ zu zeigen.11 Daran anschließend werden zwei Erinnerungsorte der französischen Résistance-Kultur aus den Memoiren rekonstruiert: die Schlacht am Mont-Mouchet und das Mit- und Gegeneinander von Gaullisten und Kommunisten. Abschließend wendet das Fazit den Blick noch einmal auf das Verhältnis von Geschichte und Erinnerung und besteht auf der Notwendigkeit, die Vergangenheit als offen zu repräsentieren. 9 Hanns Zischler, So etwas hat man noch nie gesehen!, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.9.2010. 10 So Lanzmann selbst in einem Filmseminar (1990), zitiert nach: LaCapra 1997, 232. Im Jahr 2001 löste Lanzmann um das Postulat der Undarstellbarkeit der Shoah eine Debatte aus in der Kritik an dem französischen Philosophen Georges Didi-Huberman (und seiner Interpretation von Fotographien aus Auschwitz im Rahmen der Ausstellung „Mémoires des camps“), vgl. Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem, München 2007. 11 Ulrike Jureit, Generation, Generationalität, Generationenforschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010. 50 Anne Kwaschik Die Spiralen der Chronologie Versteht man die Repräsentation der Vergangenheit als einen spiralförmigen Prozess, liegen die Unterschiede zu anderen Metaphern, wie der des Netzes oder der Assoziationskette, auf der Hand. Eine Spirale geht von einem Punkt aus. Es ist eine Linie, die in immer größer werdenden Kreisen verläuft (und deshalb auch Schneckenlinie genannt wird). Die Kreise werden größer, aber es hängt von der Betrachterperspektive ab, ob sie sich von dem Punkt entfernen oder sich ihm annähern. Mit Blick auf die Geschichte der Mathematik kommt ein weiteres Moment zum Tragen, das in der Kreisbewegung begründet liegt. Mehr als 200 Jahre vor Christus definierte Archimedes einleitend zu seiner Abhandlung Über Spiralen: „Wenn ein Halbstrahl sich innerhalb einer Ebene um seinen Endpunkt mit gleichförmiger Geschwindigkeit dreht, […] gleichzeitig aber sich ein Punkt auf diesem Halbstrahl mit gleichförmiger Geschwindigkeit vom Endpunkt des Halbstrahls aus bewegt“, dann beschreibe dieser Punkt eine Spirale.12 Die Drehung des Halbstrahls bringt das Moment der Geschwindigkeit in den Text und hebt das chronologische Nacheinander auf: „Von bohrender Erinnerung hervorgebrachte Bilder steigen mit ursprünglicher Gewalt in mir auf, sodass sich alle Epochen meiner Existenz zu vermengen scheinen“, schreibt Lanzmann: „Ich betrete die Spiralen der Chronologie auf tausenderlei Wegen.“13 Auch die Erfahrung der Résistance wird auf vielfältigen Wegen betreten. Man findet in den Memoiren an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Kontexten Elemente klassischer Résistance-Erzählungen. Erinnerungen an Waffenschmuggel oder das Verteilen von Flugblättern spielen dabei eine Rolle. Aber auch die berühmten direkten Kämpfe der Résistance mit den Deutschen im Frühling 1944 und die Meinungsverschiedenheiten der einzelnen Widerstandsgruppen untereinander finden Erwähnung. Auf den ersten Blick mag der Bericht über die Résistance 12 Archimedes, Über Spiralen, in: Ders., Werke, Darmstadt 1983, 1-71, hier: 7. 13 Lanzmann, Der patagonische Hase, 61. 51 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung nicht so viele Seiten umfassen wie andere Episoden aus Lanzmanns Vita. Aber er formuliert mit der Frage nach Mut und Feigheit ein Leitmotiv. In der Zusammenführung von Leben und Tod beschreibt die Résistance- Erzählung eine Grundkonfiguration des hier präsentierten Lebens.14 Die Bedeutung wird durch den Beginn des Buchs unterstrichen. Es beginnt mit dem erstaunlichen Satz „Die Guillotine […], das wird die wichtigste Angelegenheit meines Lebens gewesen sein.“15 Der erste Satz der Erinnerungen ist an Wichtigkeit nicht zu unterschätzen, wie Micha Brumlik in seiner Lektüre hervorgehoben hat. Seine Interpretation, daß der Autor sich auf den ersten 20 Seiten kritisch mit der Todesstrafe auseinandersetze, um sich als ein Humanist einzuführen, ist vielleicht dennoch zu erweitern.16 Lanzmann errichtet zwar das ganze Arsenal der Folter und der gewaltsamen Tötung eines Menschen durch besondere Maschinen und in besonderen Situationen in harter, unmittelbarer Weise vor dem Leser. Aber die bedrückend-albtraumhafte Eröffnung der Memoiren ist mehr als ein Todesartenprojekt. Denn anders als Albert Camus in seinem Text über die Guillotine, der hier mitschwingt, reiht Lanzmann sich ein in diesen Schwindel erregenden, nicht enden wollenden Zug der Gefolterten, Enthaupteten, Gehängten und Erwürgten.17 Der Zug reicht von der Guillotine über die Männer des 20. Juli und die Geschwister Scholl, geht zurück zu Danton und springt zum Massaker in Nanking. Er findet in den Bildern El Grecos und Goyas seinen künstlerischen Ausdruck. Der Text evoziert die Erschießung des Philosophen und Widerstandskämpfers der ersten Stunde Valentin Feldman (1909- 1942), der sich weigerte, ein Gnadengesuch zu unterschreiben und dem Erschießungskommando im Mont Valérien im Juli 1942 zurief: „Imbéci- 14 Zum historischen Kontext vgl. die beiden Gesamtdarstellungen, Marc Olivier Baruch, Das Vichy-Regime. Frankreich 1940–1944, Stuttgart 2000; Henry Rousso, Vichy. Frankreich unter deutscher Besatzung 1940–1944, München 2009. 15 Lanzmann, Der patagonische Hase, 15. 16 Micha Brumlik, Ein unerbittlicher Auftrag, in: Die Tageszeitung, 7.9.2010. 17 Der Text Camus‘ „Réféxions sur la guillotine“ erschien zuerst im Jahr 1957 in der Nouvelle Revue Française, vgl. für die deutsche Übersetzung, Albert Camus, Die Guillotine, in: Ders., Fragen der Zeit, Hamburg 1960, 101-156; vgl. insgesamt zu Camus, Ève Morisi, Albert Camus contre la peine de mort, Paris 2011. 52 Anne Kwaschik les, c‘est pour vous que je meurs!“18 Der Text erklärt, wie das Brechen der Halswirbel der Franco-Gegner funktionierte, schildert Enthauptungen im Irak und in Afghanistan auf verwackelt-amateurhaften Videoaufnahmen. Dazwischengeschaltet ist der Zug der Richter und Henker: Freisler, Wyschinski. Er endet mit dem Hinweis auf die gescheiterten Versuche von Jacques Vergès (1924-2013), in der letzten Minute Begnadigungen für FLN-Kämpfer zu erwirken.19 Man versteht, wie die Epochen sich vermengen und daß Lanzmann schreibt, diese Existenz gegenwärtig vor sich zu haben. Bilder steigen auf, werden von anderen verdrängt, die eine bohrende Erinnerung hervorzubringen scheinen. Auf den ersten Satz des ersten Kapitels – „Die Guillotine […], das wird die wichtigste Angelegenheit meines Lebens gewesen sein.“ – antwortet der Beginn des zweiten Kapitels mit dem lakonischen Satz: „Dem Leser wird klar sein, dass ich das Leben geradezu verrückt liebe.“20 An dieser Stelle setzt die Erinnerung an den Frühling 1940 ein. Eingeleitet wird sie durch die Frage nach Mut und Feigheit, genau genommen nach dem Verhalten unter der Folter, durch das Aufrufen des Sozialisten und Résistance-Kämpfers Pierre Brossolette (1903-1944).21 Brossolette ist eine Ikone des Widerstands.22 Er ist so bekannt für seinen Freitod am 22. März 1944, daß die bloße Nennung seines Namens zum Aufrufen des Erinnerungsbilds genügt. Nachdem er verhaftet und durch die Gestapo gefoltert wurde, sprang er in Paris aus dem Fenster. Weniger bekannt ist die Tragik dieser intellektuellen Generation, deren Vertreter sich früh nach dem Ersten Weltkrieg für eine deutsch-französische Annäherung einsetzten und im Zweiten Weltkrieg von deutscher Hand starben. In den 1920er Jahren gehörte Brossolette zu der pazifistischen, aussöhnungsbereiten 18 Valentin Feldman, Journal de guerre. 1940-1941, Tours 2006. 19 Zur Entwicklung Vergès‘ vom kommunistisch-antikolonialen Anwalt der 1950er Jahre zum Verteidiger des „Schlächters von Lyon“ Klaus Barbie und des Holocaust-Leugners Roger Garaudy, vgl. die preisgekrönte Dokumentation von Barbet Schroeder L’avocat de la terreur (2007). 20 Lanzmann, Der patagonische Hase, 15; 35. 21 Ebd., 35. 22 Vgl. dazu und zur Gegenwart der Résistance-Erinnerung die Debatte zur Überführung des Moulin-Gegners Brossolette ins Pantheon (2015), Pierre Peán, Faire entrer Pierre Brossolette au Panthéon, un affront à la mémoire de Jean Moulin, Le Monde, 31.05.2013. 53 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung Zwischenkriegs-Generation der Normaliens,23 die die pangermanistischen Deutschlandbilder ihrer Lehrer ablehnten. Brossolette, agrégé d’histoire 1925, war im Jahr 1923 Mitbegründer einer der ersten Verständigungsgruppen zwischen Deutschland und Frankreich, die deutsche Schriftsteller wie Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Ernst Robert Curtius, die Brüder Mann in die Rue d’Ulm einluden und in deutscher Sprache vortragen ließen.24 Das Engagement des Groupe d’information internationale de l’École Normale Supérieure richtete sich gegen die Stimmung der „bouffeurs de boche“ und war noch vor dem Enthusiasmus der Locarno-Jahre keineswegs selbstverständlich. Die Initiative erfolgte gemeinsam mit anderen „cothurnes“ wie Georges Friedmann (1902-1977), Henri Jourdan25 (1901-1993) und Robert Minder (1902-1980). Später kamen als Organisatoren noch die Philosophen Vladimir Jankélévitch (1903-1985) und Jean Cavaillès (1903-1944) hinzu. In der Résistance hatte Brossolette die Aufgabe, die inner-französischen Widerstandsgruppen in der Nordzone zusammenzuführen, so wie es Jean Moulin im Süden tat. Moulin war in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 1942 mit dem Fallschirm über Frankreich abgesprungen, um seine doppelte Mission zu erfüllen: Er sollte einerseits alle Bewegungen unter der Führung de Gaulles zusammenführen, und andererseits militärische Einheiten für den Befreiungskampf aufbauen, die Armée secrète. Moulin erreichte zunächst die Gründung eines Koordinierungskomitees, des Comité de coordination, dem Henri Frenay (Combat), Emmanuel d‘Astier de la Vigerie (Libération) und Jean-Pierre Lévy (Franc-Tireur) angehörten. 23 Jean-François Sirinelli, Génération intellectuelle. Khâgneux et Normaliens dans l’entre deuxguerres, Paris 1994. 24 Anne Kwaschik, Auf der Suche nach der deutschen Mentalität. Der Kulturhistoriker und Essayist Robert Minder, Göttingen 2008, 39 ff. Für die Kriegsjahre vgl. die Briefe Brossolettes an seine Frau, Pierre Brossolette, Lettres à son épouse (1939-1944), in: Guillaume Piketty (Hg.), Français en Résistance. Carnets de guerre, correspondances, journaux personnels, Paris 2009, 413-455. 25 Henri Jourdan verließ Paris im Jahr 1925 und wurde Assistent von Ernst Robert Curtius in Heidelberg. Er leitete von 1933 bis 1939 das Institut français in Berlin. Vgl. Henri Jourdan, Esquisse pour un portrait, in: Allemagne d’aujourd’hui 4 (1956), 10 f. 54 Anne Kwaschik Im Januar 1943 wurde das Komitee in den Vorstand der Vereinigten Widerstandsbewegungen (MUR) umgewandelt, der nicht zuletzt aufgrund der vehement ausgetragenen Interessenskonflikte seiner Mitglieder bekannt wurde.26 Mit dieser Form der Organisation sollte die Autorität de Gaulles in doppelter Hinsicht gestärkt werden. Nach innen sollte seiner Autorität bei den anderen Widerstandsbewegungen Nachdruck verliehen werden, nach außen sollte seine demokratische Legitimität, deren Fragwürdigkeit nach der Landung der Alliierten in Nordafrika virulenter denn je war, in den Augen der Briten und Amerikaner betont werden.27 Nach langwierigen Verhandlungen und vielen Rückschlägen wurde im Mai 1943 der Nationale Widerstandsrat (Conseil national de la Résistance, CNR) gegründet, der nun in einem breiten politischen Spektrum die wichtigsten Bewegungen vertrat.28 Brossolette steht für die Frage nach Mut und Feigheit, dem Verhalten unter der Folter – und auf diesem Weg gelangt der Text zu Claude Baccot, dem Gymnasiasten, der im November 1943 den jungen Lanzmann auf dem Schulhof ansprach. Lanzmann verbrachte mit seinem Vater und seiner Schwester nach der Flucht in die Südzone die ersten Jahre der Besatzung in Brioude, in der Haute-Loire. Seit Schulbeginn 1943 besuchte er das Gymnasium Blaise Pascal in Clermont-Ferrand, wo er „den Widerstand“ im Internat gründete und anführte.29 Ebenso wie Brossolette ist Baccot, nach dem heute eine Straße in Clermont-Ferrand benannt ist, ein Held der Résistance: Er wurde von der Gestapo verfolgt und erschoss sich auf der Flucht selbst – er war Mitglied der Aktionstruppen der Kom- 26 Vgl. in deutscher Sprache detailliert dazu, Steffen Prauser, Henry Frenay und Jean Moulin, Der schwere Weg zur Einheit der Résistance, in: Francia 31 (2004) 3, 153-171. 27 Vgl. zu dieser internationalen Dimension, Wilfried Loth, Charles de Gaulle, Stuttgart 2015, 74 ff. 28 Vgl. insgesamt, Olivier Wieviorka, The French Resistance, Cambridge M.A. 2016. Ein pluralistisches Bild der französischen Résistance-Bewegungen gibt (im Unterschied zu vielen anderen Darstellungen, die sich auf die gaullistisch-kommunistische Zweiteilung beschränken), Franz Knipping, „Réseaux“ und „Mouvements“ in der französischen Résistance, 1940–1945, in: Gerhard Schulz (Hg.), Geheimdienste und Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg, Göttingen/Zürich 1982, 105-142. 29 Lanzmann, Der patagonische Hase, 36. 55 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung munistischen Partei geworden und hatte auf den Straßen Deutsche und Milizionäre erschossen. „Mut und Feigheit – der rote Faden meines Buchs und meines Lebens.“30 Und wieder setzt die Kreisbewegung ein und kommt über die Männer des 20. Juli zu den Helden im Film Shoah, den Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz. Es folgen El Greco, die israelischen Fallschirmjäger. Gegen Baccots Heldentat stellt Lanzmann die eigene Leistung, die zurückhaltend geschildert und zunächst anekdotisch inszeniert wird. Im Sommer 1942 war Lanzmann Mitglied der kommunistischen Jugend, der Jeunesses communistes, geworden. Gemeinsam mit den vierzig anderen Gymnasiasten, die zum harten Kern der Bewegung im Internat gehörten, transportierte er Waffen und verteilte Flugblätter. Ausführlich erzählt er, wie er im Auftrag der Partei gemeinsam mit einer jüdischen Mitschülerin in der Tarnung eines Liebespaars Revolver und Handgranaten am Bahnhof von Clermont-Ferrand in Empfang nehmen sollte. Das Risiko für beide war beträchtlich. Unzählige Male waren sie Zeugen von Verhaftungen durch die Gestapo am Bahnhof gewesen. Die Stadt wimmelte von Uniformen, was die Waffentransporteure häufig zu demonstrativen Liebesszenen veranlasste. Diese Situation ist aus vielen Filmen und der Erinnerungsliteratur von Widerstandskämpfern bekannt. Selten aber ist die direkte Proportionalität von Gefahr und Kussintensitiät so deutlich beschrieben worden: „Jede verdächtige Bewegung war der Anlass für einen Kuss, der je nach Alarmstufe mehr oder weniger tief war.“31 Die Rückkehr der beiden hoch disziplinierten Mitglieder der Kommunistischen Partei von ihrem Auftrag war dann nicht nur durch die Freude über den vollbrachten Auftrag geprägt, sondern auch durch die Spuren der „offensichtlichsten Leidenschaft“.32 Hinter dieser Form der Inszenierung steht das Gefühl der Hilflosigkeit, das vor der Folie Brossolettes und Baccots konstruiert wird. Der Gedanke, 30 Ebd., 47. 31 Ebd., 45. 32 Ebd., 46. 56 Anne Kwaschik nicht in der Lage gewesen zu sein, sich zu erschießen, bringt die Episoden zusammen: „Ich habe während des geheimen Kampfes in der Stadt zwar viele objektiv gefährliche Aktionen ausgeführt, doch ich werfe mir vor, dies nicht mit vollem Bewusstsein getan zu haben, weil ich nicht mit dem im Fall einer Verhaftung höchsten Preis – dem Tod – rechnete.“33 Eine Jugend im Widerstand: Elemente einer Generationseinheit Die Worte Lanzmanns lassen sich als Zurückhaltung lesen, aber ebenso auch als Ausdruck eines besonderen Bewusstseins der jungen Generation im Widerstand. Zahlreiche Quellen zeugen von dieser „Selbstthematisierung“ der Jugend, an der auch Lanzmanns Memoiren mit ihrem ursprünglich geplanten Titel Die Jugend der Welt partizipieren.34 „Nous, les jeunes, nous trouvons en cette année 1944 en face d’une lourde responsabilité. Nos aînés immédiats sont prisonniers, déportés ou dans le maquis. Nous restons seuls avec les vieux. Une place nous attend et nous devons être dignes de la remplir. […]“, setzt ein Flugblatt der Forces unies de la jeunesse patriotique (FUJP) von Anfang Januar 1944 ein.35 Es weist auf die besondere Rolle der Jugend in der „nationalen Gemeinschaft“ an der Seite der älteren Generationen hin. Ihren organisatorischen Ausdruck findet diese Rolle in der Geschichte der Résistance-Netzwerke. Hatten zunächst nur die Kommunisten eigene Jugendgruppen, entstanden bald auch andere Organisationen und föderale Zusammenschlüsse. In der Nordzone gründeten die Jeunesses communistes im Frühling 1942 eine Gruppe unter dem Namen „Front patriotique de la jeunesse“ (FPJ), die auch christliche Bewegungen einschloss. Im Oktober 1943 fusionierte sie mit anderen Organisationen katholischer und laizistischer Prägung. Aber auch Sportgruppen gehörten schließlich zu den FUJP. Im 33 Ebd., 47. 34 Ebd., 665. 35 Jeunesse unie. Journal départemental des Forces unies de la jeunesse patriotique, n° 1, Basses- Alpes 1944. 57 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung März 1943 bestand diese in der Südzone bereits aus 80 Komitees und 1500 Mitgliedern.36 Diese Politik der Vereinigung folgte der Entwicklung in den anderen Widerstandsnetzwerken. Nach der Gründung des CNR im Mai 1943 wurde ein Emissär nach Frankreich gesendet, der sich mit den Problemen der Jugend befassen sollte und die wichtigsten Bewegungen dazu brachte, sich zusammenzuschließen. Diese Jugend – Lanzmann war 1943 18 Jahre alt – hatte ein besonderes und selbstbewusstes Verständnis von ihrer Generation und ihrem Auftrag. Folgt man der Einteilung Karl Mannheims, kann man Elemente einer Generationseinheit feststellen, die über die Verbindung durch ähnliche Geburtenjahrgänge (Generationslagerung) und eine geteilte Lagerung in einem historisch-sozialen Raum durch die Teilnahme an gemeinsamen Schicksalen (Generationszusammenhang) hinausgeht. Die Partizipation an gemeinsamen Schicksalen oder Ereignissen führt nicht nur zu ähnlichen Handlungen, sondern auch zu geteilten Denkmustern.37 Die Untergrundzeitung Jeunesse unie transportiert etwas von diesem gemeinsamen Erleben von Geschichte. Die Nummer stammt aus der Region Basses-Alpes. Ähnlich in Ton und Argumentation könnten auch die Texte gewesen sein, die sich in den Koffern befunden haben, die Lanzmann in Clermont-Ferrand transportierte. Der Aufruf transportiert die Vorstellung von der besonderen Situation der Jugend und leitet daraus einen spezifischen Auftrag im Kampf gegen die Deutschen ab. Die Argumente und Mentalitäten finden sich auch in anderen Quellen aus diesen Jahren. Sie konstruieren ein gemeinsames Bewusstsein dieser Jugend im Widerstand. Der Kommunist Henri Krasucki (1924-2003), ein Résistance- Führer der Pariser Jugend, gibt dieses Gefühl in einem Dokumentarfilm zur Geschichte der Main d’œuvre immigrée (MOI) wieder, der die Generationserfahrung über die Lebensläufe dieser jungen Widerstandskämpfer fasst: „On peut subir des conditions pénibles à supporter et avoir une force 36 Daniel Virieux, Forces unies de la jeunesse patriotique, in: François Marcot (Hg.), Dictionnaire historique de la Résistance. Résistance intérieure et France libre, Paris 2006, 186 f. 37 Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie 7 (1928), 157-185; 309-330. 58 Anne Kwaschik Jeunesse unie. Journal départemental des Forces unies de la jeunesse patriotique, n° 1, Basses-Alpes 1944 (gallica.bnf.fr, Musée de la Résistance nationale, Champigny-sur-Marne). 59 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung intérieure augmentée de la capacité d’une force collective qui permet de se surpasser.“38 Das Flugblatt spricht von vielen Formen des Widerstandskampfes für die Jugend: Jeunes! Notre place est aux côtés de nos aînés, dans la lutte pour la libération du territoire. Il est mille façons de lutter contre les Boches, collecter des vivres et de l‘argent pour les réfractaires, repérer les collaborateurs et les miliciens, renseigner les patriotes, ne pas parler à tort ou à travers de ce que l’on peut savoir de la Résistance et pour les plus âgés entre nous, la lutte dans les groupes sédentaires de la Résistance.39 Der bewaffnete Kampf ist nur eine Form des Widerstands, wovon auch die Forschungsdiskussionen zum Widerstandsbegriff in der historischen Forschung seit den 1970er Jahren zeugen.40 Auch die Forces unies de la jeunesse patriotique (FUJP) Lanzmanns verwahrten in der Schule Revolver und Handgranaten. Ihre Hauptaktivität bestand im Befördern von Flugblättern mit Enthüllungen über die Naziverbrechen und Gedichte von Aragon und ihrer Verteilung in den Vierteln. Aber sie übten sich auch im Schießen – vor den Augen petainistisch gesinnter Mitschüler. So wichtig alle Formen des Widerstands waren, identitätsstiftend für die kampfbereiten und oft ungeduldig dargestellten jungen Widerstandskämpfer waren der Besitz und die Nutzung von eigenen Waffen. Darüber hinaus bezeichneten sie den Unterschied zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Baccot wollte „richtigen Widerstand“ leisten – Deutsche töten – und deshalb nicht den vereinigten Jugendgruppen Lanzmanns, 38 So Krasucki im Film Une jeunesse parisienne en résistance von Mourad Laffitte und Laurence Karsznia (Images contemporaines, 2015). Die MOI wurde in den 1920er Jahren von kommunistischen Organisationen zur Aufnahme von Immigranten gegründet. Im bewaffneten Kampf des PCF gegen die deutschen Besatzer spielte sie eine wichtige Rolle, insbesondere in Paris. 39 Jeunesse Unie. Journal départemental des Forces Unies de la Jeunesse Patriotique, n° 1, Basses- Alpes 1944. [Hervorhebung im Original] 40 Vgl. für Frankreich, François Bédarida, L’histoire de la résistance. Lectures d’hier, chantiers de demain, in: Vingtième Siècle. Revue d’histoire 11 (1986), 75-90 ; Jacques Semelin, Sans armes face à Hitler. 1939-1945. La résistance civile en Europe, Paris 2013. 60 Anne Kwaschik sondern den Aktionsgruppen der Kommunisten beitreten.41 Als Mitglied des kommunistischen Widerstands konnte er nur die Waffen nutzen, die er selbst „organisierte“: „Jeder niedergeschossene Deutsche bedeutete einen Revolver, eine Pistole, eine Maschinenpistole.“ 42 Im Unterschied dazu standen dem gaullistischen Widerstand organisierte Waffenlieferungen zur Verfügung, die Frankreich aus Großbritannien erreichten und von Widerstandskämpfern, wie zum Beispiel Lanzmanns Vater, versteckt wurden. Der Privatsekretär Jean Moulins, Daniel Cordier, der, weil Jahrgang 1920, fünf Jahre älter als Lanzmann war, arbeitete direkt in der Organisation der Widerstandsbewegungen.43 Auch der junge kampfbereite Funker wollte „richtigen“ Widerstand leisten. Zu seiner großen Enttäuschung waren seine Aufgaben aber organisatorischer Natur. Er hatte Moulin dabei zu unterstützen, die großen Résistance-Bewegungen zu disziplinieren, die Armée secrète und die Unterstützung der Alliierten nach der Landung zu organisieren und Kontakte zu administrativen Kadern und den politischen Parteien für den Übergang in die Nachkriegszeit vorzubereiten. Unverhohlen bekennt Cordier rückblickend über diese Verhandlungen zwischen den Résistance-Gruppen, die in Erinnerungsliteratur und Geschichtsschreibung fast mythischen Charakter angenommen haben: „Ces entretiens politiques qui éveillent aujourd’hui la curiosité des historiens m’impatientaient au plus haut point.“ 44 Der zunächst ahnungslose Adjutant und Anhänger der Action française hatte nur eine Hoffnung und ein Ziel – endlich einen „boche“ zu töten. Nur ungern trennte er sich von seiner Waffe. Mit Erstaunen vernahm er die Erklärungen Jean Moulins, daß als Sicherheitsmaßnahme in der Öffentlichkeit keine Waffen zu tragen waren.45 Retrospektiv meint Cordier, den damaligen Eifer entschuldigen zu müssen. Und er führt seine militä- 41 Lanzmann, Der patagonische Hase, 36. 42 Ebd., 46. 43 Daniel Cordier, Alias Caracalla, Paris 2009. Vgl. auch die Verfilmung der einflussreichen Erinnerungen durch Alain Tasma (Frankreich 2013), deutsch u.d.T. „Deckname Caracalla“ (Arte, 2015). 44 Cordier, Alias Caracalla, 370. 45 Ebd., 351. 61 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung rische Ausbildung in England als Agent des Bureau central de renseignements et d’action (BCRA) in einer Fußnote als Begründung an: „Nous avions vingt ans et […] focalisé sur un seul but: ,tuer du Boche‘. Cette expression revient comme une litanie dans ce livre, mais elle est exacte, je devrai dire impérieuse. Parmi nos prières, c’était la plus fervente. Surentrainés comme nous l’étions, une bataille rangée avec la police nous apparaissait comme un sport. De plus, elle serait la prevue que nous faisions enfin la guerre.” 46 Cordiers Wahrnehmung und seine Ungeduld waren nicht nur seiner Ausbildung geschuldet, sondern auch der generationellen Zugehörigkeit. Den Unterschied zwischen den Generationen beschreibt er an anderer Stelle direkt. Nach einem ersten Treffen vom 31. Juli 1942 mit Georges Bidault, der als ehemaliger Vertreter des Parti démocrate populaire (Demokratische Volkspartei) an der Gründung des CNR teilnehmen wird, notiert er ohne jede Zurückhaltung: „je me rends compte que, comme Rex la veille, Bidault, n’a pas parlé de barrages qui sautent, de trains qui déraillent, de Boche qu’on assassine. C’est pourtant le but de ma mission! L’allusion aux ambitions des chefs ne m’intérèssent guerre: je n’ai tout de même pas été parachuté en France pour faire la conversation avec de vieux messieurs…“ 47 Auch für Lanzmann, der selbst nicht von individuellen nächtlichen Erschießungsszenen wie Baccot erzählt, wurde die Bedeutung der Waffen sehr konkret, als seine Gruppe über den von seinem Vater betriebenen Zusammenschluss mit den MUR in den ersten Monaten des Jahres 1944 Waffenlieferungen erhielt. Die nahezu übersinnliche Beschreibung der von zähflüssig-klebriger Schmiere glänzenden Revolver verrät ihre Bedeutung und verweist auf den entscheidenden Unterschied zwischen den Résistance-Gruppen. Ihr Anblick war für die jungen Widerstandskämpfer überwältigend: 46 Ebd., 320. 47 Ebd., 348. Rex ist der Codename von Jean Moulin. Cordier erfährt erst nach dem Krieg, für wen er gearbeitet hat. 62 Anne Kwaschik Dann kam der so sehnlich erwartete Tag: Lastwagen fuhren über die Zugbrücke, und unseren Augen bot sich der unvergessliche, überwältigende Anblick der von England per Fallschirm abgeworfenen Waffenkisten. Mit unendlicher Vorsicht wurden sie geöffnet: die Stern-Maschinenpistolen, die beeindruckenden leichten Bren-Maschinengewehre mit gekrümmtem Zubringer, die Handgranaten mit Griff und Zünder, die, wenn sie erst aktiviert wurden, in einer Garbe tödlicher Splitter explodierten, die 11.43er Colts, die Gamon-Plastiksprengladungen in Form großer schwarzer Birnen, bestimmt zum Sprengen von Brücken und Panzern – alles wurde auf Planen aufgereiht. Aber ich vergesse das Wesentliche: das Schmierfett. All diese Geräte des Todes schimmerten unter einem Belag aus goldgelber oder grüner schützender Schmiere, die verriet, dass sie funkelnagelneu waren.48 Erinnerungsorte: Gaullisten, Kommunisten und die Schlacht am Mont-Mouchet Die Aufforderung, sich im Februar 1944 den MUR in Clermont-Ferrand anzuschließen, bedeutete eine Teilnahme am Reduit des Mont-Mouchet. Aus einer anderen Richtung kommend war der Erzähler in die Gegenwart der Résistance eingestiegen und hatte einen Spaziergang von Vater und Sohn evoziert. „Ich könnte heute nicht mehr sagen, wer, mein Vater oder ich, sich dem anderen zuerst eröffnet hat.“49 Der Vater hatte das Angebot der Zusammenarbeit mit den Kommunisten und der Waffenlieferungen nicht zuletzt zum Schutz des Sohnes unterbreitet.50 Das Angebot klang verlockend, die Gruppenidentität sollte nicht angetastet werden, nur Disziplin und Kampfabläufe sollten gewahrt bleiben. Die Genossen stimmten zu, änderten nach der Waffenübergabe aber ihre Meinung und wiesen die Gymnasiasten an, sich einer Gruppe der Francs-tireurs et partisans (FTP) anzuschließen, dem bewaffneten Arm des PCF.51 Aufgrund die- 48 Lanzmann, Der patagonische Hase, 139. 49 Ebd., 133. 50 Ebd., 135. 51 In vielen Regionen Frankreichs entwickelte sich der bewaffnete Kampf der Kommunisten nicht vor Sommer 1942 und auch dann war er vom Mangel an Personal gekennzeichnet. Der PCF versuchte, darauf mit verschiedenen Maßnahmen und einer veränderten Rekrutierungspolitik 63 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung ser Richtungsänderung kam es zum Bruch zwischen Lanzmann und der Partei. Letztere verurteilte ihn zum Tod, dem er durch den Maquis entkam. Schon bei den ersten Erwähnungen in den Memoiren ist die Distanz spürbar, wenn Lanzmann darauf besteht, nur durch Zufall auf Seiten der kommunistischen Partei im Widerstand gewesen zu sein, und ohne Marx, Engels oder Lenin gelesen zu haben.52 Vater und Sohn Lanzmann gehörten zunächst zwei verschiedenen Widerstandsgruppen an. Und über die Evokation von Gaullisten und Kommunisten partizipieren die Erinnerungen Lanzmanns an einem weiteren wichtigen französischen Erinnerungsnarrativ.53 In den Memoiren half die Zusammenarbeit mit den MUR dem jungen Lanzmann, aus den Querelen der eigenen Gruppe mit den Kommunisten herauszukommen. Die FUJP galt als aufgelöst und wird von Kommilitonen als „sous le contrôle du Parti communiste français“ gebrandmarkt, eine Tatsache, die Lanzmann offenbar selbst nicht allen neu rekrutierten Mitgliedern so dargestellt hatte.54 Auch in anderen Regionen galt die FUJP zu reagieren, so durch die Überführung von Personal des PCF in die FTP (10%), vgl. Franck Liaigre, Les FTP. Nouvelle histoire d’une résistance, Paris 2015, 99 ff. 52 Vgl. Lanzmann, Der patagonische Hase, 43; 140 f. 53 Pierre Nora, Gaullisten und Kommunisten, in: Ders. (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, 214-252. 54 Lanzmann, Der patagonische Hase, 134 f. Lanzmann und sein Vater, Armand Lanzmann, Veteran des Ersten Weltkriegs im Jahr 1944. Zu dieser Zeit waren beide im Widerstand aktiv. (Der Spiegel, 8.10.2012). 64 Anne Kwaschik als „kommunistisch unterwandert“.55 Diese Zeichnung der Kommunisten in den Memoiren weist diesen, trotz aller Verluste und des Kampfes in Frankreich, der gewürdigt wird, eine Außenseiterrolle bei der „nationalen Sammlung“ am Ende des Krieges zu. Unterstrichen wird dies durch die historische Tatsache, daß das Reduit am Mont-Mouchet ausschließlich von den MUR und der Armée secrète gehalten wurde. Die FTP und der Front National hatten zwar dem Prinzip zunächst auch in der Auvergne zugestimmt, sich der Durchführung dann aber nicht angeschlossen.56 Wenige Monate nach dem Gespräch mit dem Vater begannen der Zusammenzug der Widerstandsgruppen und ihr Aufstieg in die Margeriden- Höhen. Die Schaffung befreiter Gebiete, meist Plateaus im Gebirge, sollte militärisch als Sammelpunkt zum Angriff auf die Deutschen dienen und lokale und nationale Résistance zusammenführen. Das militärische Ziel der Massenaushebung der Maquis und der Reduits war es, die deutschen Truppen auf ihrem Vormarsch in die Normandie aufzuhalten. Der Plan wurde wahrscheinlich schon 1942 in London gefasst und insbesondere von Frenay (Combat) vorangetrieben, der diesen nach seiner Rückkehr nach Frankreich mit anderen Résistance-Führern diskutierte. Frenay hatte, wahrscheinlich am 28. Januar 1943, den entscheidenden Bericht dazu verfasst, der allerdings als Bedingung für die Schaffung von Reduits in den Alpen, dem Jura und dem Massif central die Unterstützung durch die Alliierten vorsah. Er formulierte die Bedingung, „que les Anglais donnent l’assurance formelle qu’ils les ravitailleront en munitions et en vivres“.57 Der Massenaufstieg der 6.000 Mann im Massif central, vor den Augen der Deutschen, begann nach der Erinnerung Lanzmanns am 15. Mai 1944. Material und Munition mussten befördert werden. Lanzmann wäre dabei 55 Vgl. z.B. die Biographie von Jean Pronteau (FUJP), Jean Pronteau: éléments pour une biographie (1919-1984), in: Bulletin de l’IHTP n° 74, November 1999. Die Bulletins sind über die Homepage des IHTP zugängig (in der Rubrik: „Ressources en ligne“). 56 Eugène Martres, Mont-Mouchet (maquis de), in: Marcot 2006, 739-740, hier: 740; François- Georges Dreyfus, Histoire de la résistance, 1940-1945, Paris 1996, 479. 57 François Marcot, Le Service National Maquis. Structures, pouvoirs, stratégies, in: François Marcot (Hg.), La Résistance et les Français. Lutte armée et maquis, Paris 1996, 211-224, hier: 211 ff. 65 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung fast verhaftet worden, hätte der Vater den Milizionär nicht erschossen.58 Am 20. Mai erfolgte der Befehl an alle Maquisards in der Region, sich in das Reduit zu begeben. Unklar ist bis heute, wie viele andere Details dieser Résistance-Schlachten auch, wer den Aufruf zur Mobilisation gegeben hatte. Aber unabhängig davon, ob es sich um Direktiven aus London und Algier oder um die Initiative des regionalen Résistance-Führers handelte,59 der Unterschied dieser systematischen Organisation zum Improvisationscharakter anderer Reduits (Glières, Vercors) ist unübersehbar.60 Genau beschreibt Lanzmann die direkten Kämpfe der z. T. Laien gegen die gut ausgebildeten und ausgerüsteten Deutschen. Nachdem die Alliierten in der Normandie gelandet waren und alle im Süden Frankreichs stationierten Deutschen den Befehl zur Verstärkung der Truppen im Norden erhalten hatten, war es allerdings nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der „Sicherheitsriegel“ der Margeride durchbrochen wurde. „Am 10. Juni griffen sie uns von Westen, Norden und Osten her an und mussten sich nach heftigen Kämpfen wieder zurückziehen“,61 erinnert sich Lanzmann der schweren Angriffe. Auch General Gilles Lévy, ehemaliges Mitglied des Generalstabs im Centre de Résistance de la Truyère, erinnert sich der schweren Angriffe am 10. Juni.62 Ab dem 11. Juni vergrößerten die Deutschen ihre Truppen um ca. 800 Mann.63 Noch bevor es zum Kampf kam, zogen Lanzmann und seine Kameraden sich zurück. Einige ergriffen die Flucht. Jeder war nun auf sich gestellt. Es begann die Zeit von unkontrollierten Guerillaaktionen. Mit Handgranaten und Maschinenpistolen wurden die deutschen Berufssoldaten und SS-Trupps angegriffen, Kämpfe 58 Lanzmann, Der patagonische Hase, 144 f. 59 Martres 2006. 60 Michel Guillou, Les projets et opérations militaires alliés sur la Bretagne lors de la Deuxième Guerre mondiale, in: Jacqueline Sainclivier/Christian Bougeard (Hg.), Résistance et Français. Enjeux stratégiques et environnement social, Rennes 1995, 29-40, hier 34. 61 Lanzmann, Der patagonische Hase, 148. 62 Vgl. Le rôle des Maquis dans la Libération de la France, colloque du Sénat, 19 octobre 1994, Annecy, Morel Organisation 1995. Für einen Ausschnitt, vgl. Gilles Lévy, Les Maquis d’Auvergne dans la Résistance Pourquoi le Mont-Mouchet ? (URL : http://lesamitiesdelaresistance.fr/lien1maquis.php [07.08.2016]). 63 Die Zahlen führen bis heute zu Kontroversen, vgl. Dreyfus 1996, 479; Martres 2006. 66 Anne Kwaschik aus dem Hinterhalt geführt. Die Deutschen setzten Flugzeuge ein, ganze Dörfer wurden zerstört – auch das wird genau beschrieben. „Am 20. Juni gab es eine weitere Schlacht im letzten Bollwerk von La Truyère, aber damit war es für die Margeride auch schon vorbei, weniger tragisch als im Vercors, aber dennoch ganz wie dort mit zerstörten Ortschaften, mit auf der Stelle als Vergeltungsmaßnahme erschossenen Einwohnern in Ruynesen-Margeride, Clavières, Pinols, Auvers“.64 Ende August 1944 ist die Auvergne befreit und Lanzmann begegnet seinem ersten amerikanischen Soldaten.65 Der Mont-Mouchet und La Truyère sind heute international als Erinnerungsbilder nicht so bekannt wie die Hochebene von Glières in der Haute-Savoie, die zum Bestandteil der Präsidentschaftskampagne Sarkozys wurde.66 Die Haute-Savoie war ein Zentrum des Maquis gewesen, die Hochebene von Glières ein wichtiger strategischer Punkt für den Abwurf von Waffen und Material ebenso wie dann ein Rückzugslager.67 Im März 1944 waren hier ca. 500 Maquisards von der 157. deutschen Gebirgsdivision besiegt worden, als diese nach heftigen Kämpfen Glières einnahm, was allerdings inzwischen durch die Forschungen Claude Barbiers stark in Frage gestellt worden ist.68 Konstitutiv für den Mythos Glières als Symbol der Résistance waren die folgende BBC-Übertragung vom 8. April 1944 und die Worte Maurice Schumans von den 500 Franzosen, die 12.000 Deutschen 14 Tage lang standgehalten hatten.69 Die Worte Schumanns zeigen die Bedeutung der Erinnerung an die „ersten offenen Schlachten gegen die Deutschen“ im Rahmen der „insur- 64 Lanzmann, Der patagonische Hase, 148. 65 Vgl. den kurzen Dokumentarfilm von Bernard Charvet mit Originalaufnahmen und Interviews, Les combats du mont Mouchet. Au cœur de l‘Auvergne, (France 3, 19.6.1980), http:// www.ina.fr/ [7.8.2016]. 66 Vgl. dazu Anne Kwaschik, Stéphane Hessels Streitschrift „Empört euch!“ und die französische Geschichtspolitik, in: Zeithistorische Forschungen/ Studies in Contemporary History 8 (2011), 110-117 (http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Kwaschik-1-2011). 67 Vgl. Henri Noguères, Histoire de la résistance en France: de 1940 à 1945, Bd. 4, Paris 1976, 422- 436; Dreyfus 1996, 445 ff. 68 Claude Barbier, Le maquis de Glières, Paris 2014. 69 Henri Amouroux, Un printemps de mort et d’espoir, novembre 1943 – 6 juin 1944 (= La grande histoire des Français sous l’occupation VII), Paris 1985, 290, FN 1. 67 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung rection nationale“ de Gaulles. Unterstrichen wird damit die besonders wichtige und aktive Rolle, die der Résistance bei der Befreiung des Landes im Rahmen der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 zufiel. Nach dem Kampf im Untergrund sollte sie nach genau ausgearbeiteten Plänen den Zug- und Schiffsverkehr der Deutschen stören sowie deren Nachrichtenverbindungen und Nachschubkonvois attackieren. In Südfrankreich besetzte und befreite der Widerstand ganze Dörfer und Städte, was die Deutschen zum Anlaß für die so genannten „Vergeltungsschläge“ an der Zivilbevölkerung nahmen.70 In moralischer und militärischer Hinsicht wurden diese Kämpfe kritisiert. Ihrer symbolischen Wirkung als Ausdruck französischer Widerstandspolitik tat dies keinen Abbruch. Der Mont-Mouchon ist konstitutiver Teil einer resistentialistischen Erinnerungskultur,71 die sich hier kurz nach Kriegsende, im Jahr 1946, in der Errichtung eines nationalen Denkmals für den bewaffneten Widerstand in der Auvergne manifestierte. Auf einer drei Hektar großen Lichtung angelegt, würdigt das Denkmal die französischen Untergrundbewegungen an dem Ort, wo sich während der Kämpfe der Kommandoposten befand. Zwei bewaffnete Maquisards, einer in Uniform, einer in Zivil, repräsentieren die Schlacht. An den vier Wänden unterstreichen die Wappen der Provinzen Frankreichs ihre nationale Bedeutung. Vor dem Denkmal brennt eine ewige Flamme.72 Der Résistance-Mythos, das bedeutet die Idee, daß die Franzosen einmütig und seit Beginn des Krieges Widerstand gegen die Deutschen geleistet hätten, prägte die französische Erinnerungskultur und Nachkriegsgeschichte bis weit in die 1960er Jahre.73 Eine entscheidende Zäsur 70 Lanzmann berichtet, dass auch Brioude, der Aufenthaltsort der Lanzmanns, im Zentrum niedergebrannt und Teile der Bevölkerung ermordet oder deportiert wurden, vgl. Lanzmann, Der pantagonische Hase, 157. 71 Zu „Vichy-Syndrom“ und „Résistancialisme“, vgl. v.a. die Standardwerke Henry Roussos, u.a. Frankreich und die „dunklen Jahre“. Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart, Göttingen 2010 sowie Philippe Burrin, Vichy. Die Anti-Republik, in: Nora 2005, 134-156. 72 Vgl. Mechtild Gilzmer, Denkmäler als Medien der Erinnerungskultur in Frankreich seit 1944, München 2007, 94-102. 73 Für einen Überblick zur französischen Erinnerungskultur, vgl. Dietmar Hüser, Vom schwierigen Umgang mit den „schwarzen Jahren“ in Frankreich. Vichy 1940-1944 und 1944/45-1995, 68 Anne Kwaschik bedeutete der Dokumentarfilm Marcel Ophüls‘ Le chagrin et la pitié. Chronique d‘une ville française sous l‘Occupation (Das Haus von nebenan), der das Alltagsleben in Clermont-Ferrand von 1940 bis 1944 schildert. Der Film stellte dem Bild vom widerständigen Résistance-Frankreich das Bild vom kollaborierenden Vichy-Frankreich gegenüber und wurde vom Programmdirektor als so schockierend empfunden, daß er bis 1971 zunächst nicht in die französischen Kinos kam. Er markiert den Bruch mit dem Mythos der im Widerstand gegen die Deutschen geeinten Nation, der sich in diesen Jahren ebenfalls in französischen Romanen und Filmen sowie ausländischen historiographischen Beiträgen manifestierte.74 Die Arbeit an der Zerstörung nationaler Geschichtsmythen in Frankreich ist dem Film unbenommen, der inzwischen selbst zum Mythos geworden ist. Aber die Repräsentation des Alltags in der kleinen Provinzstadt Clermont-Ferrand blieb auch von Kritikern des „Résistancialisme“ nicht unwidersprochen. Der ehemalige junge Widerstandskämpfer Lanzmann bezweifelt die Genauigkeit der Darstellung aufgrund der geringen Rolle, die der Widerstand spielt. In dem Film werden Widerstandskämpfer zwar thematisiert, und auch der tragische Selbstmord Baccots in einem Pissoir („Vespasienne“) wird benannt. Aber der Film hat Clermont-Ferrand zur Allegorie des Pétainismus gemacht, was Lanzmann mißfällt. Er kritisiert Ophüls als Zeitzeuge: Clermont-Ferrand als Symbol der Kollaboration darzustellen, hält er für eine falsche Repräsentation der Vergangenheit.75 Schlussbetrachtung Die Kreisbewegung, die diese Erinnerungsbilder an die Résistance beschreiben, läßt diese nicht folgerichtig auseinander hervorgehen. Vielmehr in: Holger Afflerbach/Christoph Cornelißen (Hg.), Sieger und Besiegte. Materielle und ideelle Neuorientierungen nach 1945, Tübingen/Basel, 1997, 87-118. 74 Vgl. insgesamt nach wie vor, André Pierre Colombat, The Holocaust in French Film, Metuchen 1993. Hier auch zum Verhältnis von Shoah und Das Haus von nebenan. 75 Lanzmann, Der pantagonische Hase, 47. Für eine detaillierte Darstellung des Widerstands in Clermont-Ferrand, vgl. John F. Sweets, Choices in Vichy France. The French Under Nazi Occupation, Oxford 1986. 69 Claude Lanzmann oder die Spiralen der Erinnerung sprudeln diese Erinnerungen auseinander hervor und ergeben ein historisches Panorama des 20. Jahrhunderts. Denkt man an die Todesarten und Widerstandskämpfer, die Situationen von Mut und Feigheit, scheint es, als ob man von Metamorphosen sprechen könnte, der Wiederkehr von Situationen und Personen auf einer anderen Ebene. Dabei dient das Bild der Spirale dazu, den Spielraum der geschichtlichen Möglichkeiten zu erweitern, wie Friedrich Meinecke in der Lektüre von Goethe bemerkt hatte.76 Letzterer hatte die Spiraltendenz als Grundtendenz der Vegetation und des Lebens gekennzeichnet, ersterer in ihr eine Grundtendenz der Geschichte entdeckt. Diese allgemeine Spiraltendenz in der Vegetation, die Goethe als Grundgesetz des Lebens beschrieb, besagt, daß „in Verbindung mit dem vertikalen Streben Bau und Bildung der Pflanzen nach dem Gesetze der Metamorphose vollbracht wird“.77 Das Hauptmoment liegt in der Entwicklung. Die Spirale beschreibt nicht nur Pflanzen, Schneckenhäuser und Muscheln, sondern auch Bewegungsbahnen. Die damit verbundene philosophische Frage, ob diese Bahn bzw. Entwicklung zu ursprünglichen Gegebenheiten zurückkehrt, kann nicht beantwortet werden. Ebenso wie die Frage nach der Radikalität der Kontingenz, die der Philosophiestudent Lanzmann bei Leibniz findet, offenbleiben muss. Fest steht jedoch in mathematischer Hinsicht, daß eine Spirale nach einer beliebigen Anzahl von Drehungen wieder in die Ausgangslage zurückkehrt.78 Dieser Bewegung folgen auch die Memoiren. Sie kehren auf den letzten Seiten zum Anfang zurück – und zur Vergegenwärtigung der Erinnerung. „Neben der Todesstrafe wird die Vergegenwärtigung – aber ist das ein Widerspruch? – die wichtigste Angelegenheit meines Lebens gewesen sein“, schließt das Buch.79 Und es wird klar, daß das Auflösen der Chronologie 76 Vgl. Friedrich Meinecke, Die Entstehung des Historismus, 2 Bde., München 1936, hier: Bd. 2, 612 ff. 77 Johann Wolfang von Goethe, [Zur Spiraltendenz], in: Ders., Schriften zur Morphologie, hg. v. Dorothea Kuhn (= Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, 40 Bde., Bd. 24), Frankfurt am Main 1987, 785-808, hier 786. 78 Archimedes, Über Spiralen, 7. 79 Lanzmann, Der patagonische Hase, 666. 70 Anne Kwaschik in eine Spirale nicht bedeutet, daß das Ich tot ist, sondern wieder jung. „Genau das ist Vergegenwärtigung. Ich war fast siebzig, aber mein ganzes Sein hüpfte vor wilder Freude, wie mit zwanzig Jahren.“80 Auf die Ausgangsfrage gewendet, bedeutet dies, daß die Vergangenheit immer auch eine Zukunft hat, die offen ist. Im Gegensatz zur Erinnerung verliert die Geschichte der Historikerinnen und Historiker, welche die Vergangenheit zumeist zur Gegenwart macht, dies nach Meinung Ricœurs zu oft aus dem Blick: Coupé de tout futur, le passé paraît clos, inachevé, inéluctable. Les choses apparaissent autrement si l’historien, se replaçant dans le présent de ses personnages, retrouve la situation d’incertitude, d’ouverture, d’agents ignorant la suite de l’histoire qui nous est connue et tombe dans le passé de l’historien. [...] Se souvenir que les hommes d’autrefois avaient un futur ouvert et qu’ils ont laissé après eux des rêves inaccomplis, des projets inachevés : telle est la leçon que la mémoire enseigne à l’histoire.81 80 Ebd. 81 Paul Ricœur, Histoire et mémoire, in: Antoine de Baecque/Christian Delage (Hgg.), De l’Histoire au cinéma, Brüssel 1998, 17-28, hier 27.

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.