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Jan Gerber, Zeit und Erkenntnis. Zur Gedächtnisgeschichte des Holocaust in Frankreich in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 21 - 46

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-21

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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21 Jan Gerber Zeit und Erkenntnis. Zur Gedächtnisgeschichte des Holocaust in Frankreich Im Sommer 1985, nur kurze Zeit nach der Premiere von Claude Lanzmanns Monumentalwerk Shoah, erschien in den traditionsreichen Éditions Fayard in Paris ein Dokumentationsband zu diesem Film. Auf der Titelseite des Buchs steht ein Name, der auf den ersten, oberflächlichen Blick verwundert: Simone de Beauvoir. Die Autorin von Le Deuxième Sexe und Les Mandarins schrieb nach der Uraufführung des Films einen Artikel für Le Monde, der nicht unerheblich zu seiner Bekanntheit beigetragen haben dürfte.1 Er wurde dem Dokumentationsband als Vorwort vorangestellt. Der Name der Philosophin überrascht nicht deshalb, weil sie der jüdischen Katastrophe desinteressiert oder gleichgültig gegenübergestanden hätte. Im Gegenteil. Während viele ihrer Weggefährten die Ignoranz der Okkupationszeit über das Ende des Kriegs hinaus verlängerten,2 hatte sich Simone de Beauvoir schon 1966 dazu bereit erklärt, das Vorwort für 1 Vgl. Claude Lanzmann, Der patagonische Hase. Erinnerungen, Reinbek bei Hamburg 2010, 343. 2 Zum Verhalten Simone de Beauvoirs in der Zeit der deutschen Besatzung vgl. insgesamt Ingrid Galster, Die Vichy-Jahre Simone de Beauvoirs. Versuch einer Neubewertung, in: Michael Einfalt u.a. (Hg.), Intellektuelle Redlichkeit – Intégrité intellectuelle. Festschrift für Joseph Jurt, Heidelberg 2005, 543–553. 22 Jan Gerber Jean-François Steiners Buch Treblinka zu verfassen.3 In diesem Roman, der in Frankreich eine vehemente Debatte auslöste,4 berichtet der 1938 als Sohn eines polnischen Juden und einer zum Judentum konvertierten französischen Katholikin geborene Autor über die Revolte von Treblinka im August 1943, den ersten Aufstand in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager: Einigen hundert Inhaftierten war die Flucht in die nahe gelegenen Wälder gelungen; etwa sechzig von ihnen erlebten das Ende des Kriegs.5 Die anderen wurden von den Deutschen gefaßt, von Bauern ausgeliefert oder von Partisanen, denen sie sich anzuschließen versuchten, ermordet. Der Name Simone de Beauvoir auf dem Umschlag des Dokumentationsbands von Shoah sorgt in der Rückschau für Verwunderung, weil er aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Claude Lanzmanns Film ist ein Symbol jener Epoche, in der sich der Holocaust aus den Vororten der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in ihr Zentrum bewegte: Er ist ebenso Ausdruck dieser Entwicklung wie er sie beförderte. Das Werk Simone de Beauvoirs hingegen ist untrennbar mit dem Zeitalter der Intellektuellen, den 1950er und 1960er Jahren verbunden, in dem die Gedächtniszeit des Holocaust noch gar nicht so recht begonnen hatte. Fast scheint es, als habe die Erinnerung an die Vernichtung erst angehoben, als die Rede vom Engagement, dem Kampfbegriff der öffentlichen Intellektuellen, ihre Ausstrahlungskraft verloren hatte. Der Tod Jean-Paul Sartres im April 1980, der nicht nur in Frankreich für das Ende des Zeitalters der Intellektuellen steht, fiel zeitlich geradezu symbolhaft mit den ersten öffentlichen Debatten um den Holocaust ins allgemeine Bewußtsein zusammen. 3 Jean-François Steiner, Treblinka. La révolte d’un camp d’extermination, Paris 1966; im Folgenden zitiert aus der deutschen Ausgabe von 1994: ders., Treblinka. Die Revolte eines Vernichtungslagers, Berlin 1994. 4 Samuel Moyn, A Holocaust Controversy. The Treblinka Affair in Postwar France, Hanover, N.H., 2005. 5 Steiner, Treblinka, 338; Klaus-Peter Friedrich, Neuerscheinungen zum Vernichtungslager Treblinka (Rezension), in: Sehepunkte 10 (2010), 13. Juli 2016. 23 Zeit und Erkenntnis Wissen und Begreifen Selbstverständlich war auch in der Ära der Intellektuellen bekannt, was zwischen 1941 und 1944 im Rücken der deutschen Ostfront, im Baltikum, in der Ukraine, in Weißrußland, Rußland oder in den Wäldern und Lagern des besetzten Polens geschehen war. Nach dem Krieg, so berichtet Simone de Beauvoir in ihrem Vorwort zu Shoah, hätten sie und ihre Freunde zahlreiche Zeugenaussagen über die Ghettos und die Vernichtungslager gelesen: „[W]ir waren erschüttert.“6 Diese Bestürzung über den Massenmord schlug jedoch nur selten in ein Begreifen seiner historischen Dimensionen um. Das beste Beispiel hierfür sind Jean-Paul Sartres berühmte Réflexions sur la question juive, die wenige Wochen nach der Befreiung von Paris, im Oktober 1944, entstanden.7 Der erste Teil, das Porträt des Antisemiten, erschien im Dezember 1945 in den kurz zuvor gegründeten Temps Modernes; 1946 wurde die vollständige Version als Buch veröffentlicht.8 Sartres Wendung des Blicks von den Verfolgten auf die Antisemiten war geradezu revolutionär; auch läßt sich nicht bestreiten, daß der Essay zu den frühesten Reaktionen auf den Massenmord an den europäischen Juden gehört. Dennoch sind die Réflexions kein Text über den Holocaust: Abgesehen von einer kurzen Stelle über die Rückkehr der Deportierten und die „Gaskammern von Lublin“ – Sartre meint das im Juli 1944 von der Roten Armee befreite Todeslager Majdanek – wird die Vernichtung nicht einmal erwähnt.9 Bei genauer Lektüre erscheint der Essay weniger als eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust als mit dem kulturellen Antisemitismus der Dritten Republik. Sartres Beschreibung der antisemi- 6 Simone de Beauvoir, Das Gedächtnis des Grauens. Vorwort, in: Claude Lanzmann, Shoah, 3. Auflage, Düsseldorf 1986, 5–9, hier 5. 7 Zum Folgenden vgl. Enzo Traverso, Nach Auschwitz. Die Linke und die Aufarbeitung des NS- Völkermords, Köln 2000, 60–78. 8 Jean-Paul Sartre, Portrait de l’antisémite, in: Les Temps Modernes 3 (Dezember 1945), 442– 470; ders., Réflexions sur la question juive, Paris 1946. Im Folgenden wird aus der deutschen Ausgabe zitiert: ders., Überlegungen zur Judenfrage, in: ders., Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Bd. 2, Reinbek bei Hamburg 1994, 9–91. 9 Ebd., 45. Das Vernichtungslager befand sich in einem Vorort der Stadt und wurde von den Nazis offiziell als „KL Lublin“ bezeichnet. 24 Jan Gerber tischen Gewalt bleibt so beim herkömmlichen Pogrom stehen: Eine „antisemitische Menge“, so schreibt er, „glaubt genug getan zu haben, wenn sie einige Juden niedergemetzelt und einige Synagogen in Brand gesteckt hat“.10 Das Neuartige des Holocaust, dessen Täter sich im Unterschied zu den Angehörigen einer herkömmlichen Pogrommeute gerade nicht mit der Ermordung „einiger Juden“ zufrieden geben wollten, wird von ihm nicht benannt. Sartre kann den qualitativen Unterschied zwischen dem traditionellen Antisemitismus, der trotz aller mörderischen Energie noch auf dem Widerspruch zwischen allgemeiner Vernichtungsdrohung und dem Zurückschrecken vor seiner eigenen Logik basierte, und dem zur Tat schreitenden „Erlösungsantisemitismus“, von dem Saul Friedländer spricht,11 begrifflich nicht fassen. Nach seinem Tod ist Sartre gelegentlich vorgehalten worden, daß er angesichts von Auschwitz nur zur Analyse der Dreyfus-Affäre fähig gewesen sei.12 Im anklagenden Gestus, mit dem dieser Befund bisweilen formuliert wird, wird jedoch regelmäßig übersehen, daß Sartre zu den wenigen Zeitgenossen gehörte, die sich angesichts des Holocaust überhaupt zu Stellungnahmen genötigt sahen. Denn das Interesse am Schicksal der Ermordeten und der Überlebenden, von dem Simone de Beauvoir im Vorwort zu Shoah spricht, wurde im Europa der Nachkriegszeit nur von Wenigen geteilt. Erinnert sei an Primo Levis Schwierigkeiten, einen Verlag für Se questo è un uomo (dt. Ist das ein Mensch) von 1947 zu finden.13 Liana Millus Erinnerungsbericht Il fumo di Birkenau (dt. Der Rauch über Birkenau) erschien im selben Jahr in einem unbedeutenden Schulbuchverlag.14 Vor diesem Hintergrund fragte Sartre in seinen Réflexions besorgt: „Erwähnt man die 10 Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, 30. 11 Vgl. Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Erster Band. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München 2006, 87–128. 12 Zu den Diskussionen über die Réflexions sur la question juive und Sartres Verhältnis zum Antisemitismus vgl. insgesamt Jonathan Judaken, Jean-Paul Sartre and the Jewish Question. Antiantisemitism and the Politics of French Intellectual, Lincoln, London 2006. Kritischer zu dieser Fragestellung: Ingrid Galster, Sartre and the Jews, in: Journal of Romance Studies 1/2 (2006), 93–104; dies., Sartre et les juifs, Paris 2005. 13 Primo Levi, Se questo è un uomo, Torino 1947. 14 Liana Millu, Il fumo di Birkenau, Milano 1947. 25 Zeit und Erkenntnis Juden? Feiert man die Rückkehr der Überlebenden, gedenkt man einen Augenblick derer, die in den Gaskammern von Lublin starben?“15 Seine Antwort: „Kein Wort. Keine Zeile in den Tageszeitungen.“ Vor allem aber wird bei den Vorwürfen an den Philosophen des Engagements ausgeblendet, daß sie selbst wesentlich zeitgebunden sind. Sie sind ebenso Ausdruck jener Epoche, in der sich der Holocaust ins Zentrum der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg geschoben hat, wie die Réflexions sur la question juive zu einem Zeitalter gehören, in dem vielfach noch nicht einmal der Unterschied zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, zwischen Buchenwald und Birkenau, Belsen und Bełżec, bekannt war. Auch aus diesem Grund fiel es lange Zeit kaum jemandem auf, daß die Réflexions gar kein Essay über die Vernichtung der europäischen Juden sind. Kein einziger Rezensent thematisierte, daß die jüdische Katastrophe allenfalls randständig erwähnt wurde: weder in Frankreich, das seit 1945 die größte jüdische Gemeinde Europas beherbergt, noch in den Vereinigten Staaten – und erst recht nicht in Deutschland.16 Erst seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, am Ende der von Sartre geprägten Epoche, entstand eine zaghafte Ahnung von den Grenzen seines Essays.17 Um nicht falsch verstanden zu werden: Zweifellos gab es Autoren – von Hannah Arendt über Theodor W. Adorno bis zu Dwight MacDonald18 –, denen sich der Holocaust schon im Zeitalter der Intellektuellen in seiner vollendeten Sinnlosigkeit, als Vernichtung um der Vernichtung willen, als Bruch mit jeder Tradition erschloß. Sie blieben jedoch die Ausnahme. Auch ihre Stellungnahmen wirkten wie aus der Zeit gefallen: Das ist der Grund dafür, warum Simone de Beauvoir im Vorwort zu Shoah rund vierzig Jahre später mit einer bemerkenswerten Mischung aus Einsicht, Erkenntnis und 15 Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, 45. 16 Enzo Traverso, Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah, Hamburg 2000, 61. 17 Vgl. Jean-Paul Sartre/Arlette El Kaim-Sartre/Benny Lévy (Pierre Victor), Gespräche zwischen Jean-Paul Sartre, Arlette El Kaim-Sartre und Benny Lévy (Pierre Victor), 1978, in: Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, 226–233, hier 231. Für den deutschen Kontext steht exemplarisch die zweite Ausgabe der Zeitschrift Babylon von 1987, deren Schwerpunkt Sartres Réflexions sur la question juive gewidmet ist, insbesondere Gertrud Koch/Martin Löw-Beer, Sartres „J’accuse“. Ein Gespräch mit Claude Lanzmann, in: ebd., 72–79. 18 Vgl. Traverso, Auschwitz denken. 26 Jan Gerber Selbstkritik, zu der die Mehrheit ihrer Mitstreiter und Gegner gerade nicht fähig war, schrieb, daß sie trotz der intensiven Auseinandersetzung mit den Zeugenaussagen über die Ghettos und Lager nichts wußte: „Trotz all unserer Kenntnisse war uns das grauenhafte Geschehen fremd geblieben.“19 Jede Erkenntnis hat ihre Zeit. Zahl, Zeit, Methode Die Ursache dieser blockierten Wahrnehmung des Holocaust, auf die Simone de Beauvoir im Vorwort von Shoah anspielt, war zunächst das Geschehen selbst. Schon das Fehlen eines rationalen Maßstäben gehorchenden Motivs erschwerte das Umschlagen des empirischen Wissens in Erkenntnis. Vor allem aber sorgte die Kombination von Zahl, Zeit und Methode dafür, daß sich der Holocaust der adäquaten Beschreibung – und damit zugleich dem Begreifen – entzog:20 Eine enorm große Anzahl von Menschen wurde innerhalb kürzester Zeit, zwischen Herbst 1941 und Winter 1944, mit erheblichem verwaltungstechnischen Aufwand aufgespürt, ghettoisiert, transportiert, vernichtet. Wer sich mit Blick auf diese Tat nicht auf die bloße Darstellung der administrativen Abläufe beschränken wollte, die anfangs ohnehin nicht vollständig bekannt waren, sah sich darum entweder dazu gezwungen, unvermittelte, geradezu collagenhafte Impressionen aus dem Alltag des Schreckens zusammenzustellen, wie es Charlotte Delbo 1946 in Aucun de nous ne reviendra, dem ersten Teil ihrer Auschwitz-Trilogie, tat.21 Oder er war dazu genötigt, weit davorliegende Zeiten in die Analyse und Beschreibung mit einzubeziehen. Auch aus diesem Grund ging André Schwarz-Bart in seinem Holocaust-Roman Le Dernier des justes, der im Herbst 1959 eine literarische Debatte in Frankreich 19 De Beauvoir, Das Gedächtnis des Grauens, 5. 20 Dan Diner, Gestaute Zeit, Massenvernichtung und jüdische Erzählstruktur, in: ders., Kreisläufe. Nationalsozialismus und Gedächtnis, Berlin 1995, 123–139, hier 126–129. 21 Charlotte Delbo, Aucun de nous ne reviendra, Genève 1965. 27 Zeit und Erkenntnis auslöste, in seiner Erzählung bis ins Mittelalter zurück;22 auch deshalb ist der Fluchtpunkt von Sartres Réflexions sur la question juive die Dreyfus- Affäre. Der Holocaust greift, wie Dan Diner einmal schrieb, „aus Mangel an Erzählstruktur auf alle Geschichte und Geschichten über, denen ein systematisches Narrativ eigen ist“.23 In letzter Konsequenz geht selbst die Konzentration auf den antifaschistischen Widerstand und das Martyrium, von denen die europäische Erinnerungslandschaft nach 1945 bestimmt wurde, auf die Epistemik der Tat selbst zurück. So diente die Überhöhung des antifaschistischen Kampfs zwar auch dem Zweck, die Kollaboration zu kaschieren, die es in Frankreich ebenso wie in Belgien, in Polen ebenso wie in der Tschechoslowakei gegeben hatte. Neuer gesellschaftlicher Konsens sollte gestiftet werden. Insbesondere in Frankreich konnte mit Hilfe der Widerstands-, Haft- und Märtyrerliteratur zudem die narzißtische Kränkung kompensiert werden, die der nahezu kampflose Fall von Paris, die „étrange défaite“, von der Marc Bloch kurz vor seiner Ermordung durch die Gestapo sprach,24 dem nationalen Selbstbild bereitet hatte. Denn abgesehen von den etwa fünf Wochen zwischen dem Beginn des deutschen Westfeldzugs und der Besetzung der Seinemetropole war das Land allenfalls bedingt am Zweiten Weltkrieg beteiligt.25 22 André Schwarz-Bart, Le Dernier des justes, Paris 1959. Vgl. hierzu insgesamt Susanne Zepp, „Da war nur eine Gegenwart.“ Figurationen der Zeit im französischen Roman am Ende der IV. Republik, in: Nicolas Berg/Omar Kamil/Markus Kirchhoff/Susanne Zepp (Hgg.), Konstellationen. Über Geschichte, Erfahrung und Erkenntnis. Festschrift für Dan Diner zum 65. Geburtstag, Göttingen 2011, 383–401. 23 Diner, Gestaute Zeit, 127. Dan Diner hat dieses Phänomen auf den Begriff der „gestauten Zeit“ gebracht: „Gestaute Zeit will heißen, daß aufgrund zerstörter Erzählstruktur (Statistik statt Narrativ) das Ereignis als solches nicht mehr adäquat beschreibbar wird – lassen wir die trivial anmutenden sachlichen Prozesse außen vor.“ Ebd. 24 Marc Bloch, Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940. Der Historiker als Zeuge, Frankfurt am Main 2002. 25 Das verdeutlicht sowohl die Zahl der Opfer als auch die Art ihres Todes: So wurden während des Zweiten Weltkriegs 360.000 Franzosen getötet, viermal weniger als im Ersten Weltkrieg. Nur ein Drittel derjenigen, die zwischen 1940 und 1944 im Kontext von Krieg und Besatzung starben, fiel auf dem Schlachtfeld. Pieter Lagrou, Frankreich, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei (Hgg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 202, 163–175, hier 164. 28 Jan Gerber Vor allem aber waren der Widerstand, das Martyrium und selbst die Folter der zeitgenössischen Wahrnehmung weitaus eher kommensurabel als die Vernichtung. Die Vorstellung eines jeglichen Sinns beraubten Sterbens war mit Blick auf das Weiterleben nach 1945 fast unerträglich. Der Foltertod des Résistance-Helden Jean Moulin, der von General de Gaulle nach Frankreich geschickt worden war, um die zerstrittenen Gruppen der Résistance zu vereinigen, oder die nach wochenlanger Tortur erfolgte Hinrichtung des tschechischen Dichters Julius Fučík, dessen Reportage unter dem Strang geschrieben auch in Frankreich zum Bestseller wurde,26 waren aller Schrecklichkeit zum Trotz leichter zu ertragen als das massenhafte Sterben in den Todeszonen im Osten. Ihnen schien noch ein Restbestand von Individualität und vor allem von Sinn anzuhaften. Moulin und Fučík hatten für ihre je eigenen Überzeugungen, Taten und Entscheidungen gelitten. Die Ermordeten von Birkenau, Majdanek, Treblinka, Sobibor, Bełżec waren hingegen ohne ihr individuelles Zutun, allein wegen ihrer in Nürnberg bestimmten Zugehörigkeit für den namenlosen Tod bestimmt worden. Auch Simone de Beauvoirs Vorwort zu Jean-François Steiners Treblinka von 1966, ihre wohl erste schriftliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust, war letztlich noch dem Pathos der Résistance verpflichtet. Zwar hatte Steiner, der auch für Sartres Temps Modernes schrieb, in seinem Buch immer wieder auf die Besonderheit des Massenmords an den europäischen Juden und die Unterschiede zum traditionellen Pogrom hingewiesen. Er läßt seinen Erzähler gleich in mehrfacher Hinsicht vom „völlig Neue[n]“ des Vorgehens der Deutschen berichten.27 Durch die Konzentration auf den Aufstand und die Anleihen am heroischen Gestus des Existenzialismus nahm er seine Erkenntnisse über die reale Ausweglosigkeit der Situation in den Ghettos und Lagern indes immer wieder zurück. In einem vielzitierten Interview mit Le Nouveau Candide erklärte der Autor schließlich, daß er vor der Arbeit an Treblinka unter der „Schande“ gelitten habe, „Sohn eines 26 Julius Fučík, Écrit sous la potence, Paris 1947. 27 Vgl. Steiner, Treblinka, 13–70. 29 Zeit und Erkenntnis Volkes zu sein, von dem sechs Millionen sich zur Schlachtbank führen ließen wie die Schafe“.28 Simone de Beauvoir spitzte diese Tendenz des Romans in ihrem Vorwort noch weiter zu. Der Heroismus der Aufständischen, so schrieb sie, habe den jungen Autor vom „Gefühl der Schande“ befreit und ihm „sein Selbstvertrauen zurückgegeben“.29 Anknüpfend an Steiners Widerstandspathos, jedoch ohne seine Ausführungen über die Spezifik des Holocaust in extenso aufzugreifen, suggerierte sie damit, daß selbst in der Hölle von Treblinka Handlungsoptionen bestanden hätten.30 Aus solchen Darstellungen sprach, wie der Holocaust-Überlebende Joseph Wulf, Mitbegründer des Centre pour l’Histoire des Juifs Polonais in Paris, 1967 in einer Rezension zu Treblinka erklärte, nicht nur eine verzerrte Wahrnehmung der Verhältnisse in den Lagern. Die Konzentration auf den Widerstand ließ zugleich das Verhalten jener großen Mehrheit der jüdischen Opfer als verurteilenswert erscheinen, die den Aufstand nicht gewagt hätten.31 In diesen Zusammenhang dürfte letztlich auch ein Teil der Faszination gehören, die der Existentialismus nach 1945 auf junge Juden wie Jean- François Steiner, Claude Lanzmann oder den in Belgien lebenden Jean Améry ausübte: Die Philosophie der Entscheidung suggerierte den aus bloßem Zufall Überlebenden nachträglich Handlungsfähigkeit. Sie schien sie zu Subjekten der Geschichte zu erheben, wo sie deren Objekt gewesen waren. Das Unerträgliche der Situation, in der allenfalls über die Art des Todes entschieden werden konnte, schien so erträglicher zu werden. Sartre, so erklärte Lanzmann dementsprechend 1982 rückblickend in den Temps Modernes, „versöhnte uns gleichzeitig mit Frankreich und mit unserer Situation als Juden“.32 28 Zit. nach Jean Améry, Erlösung in der Revolte, in: Der Spiegel 46 (1966), 173–175, hier 173. 29 De Beauvoir, Das Gedächtnis des Grauens, 7. 30 Ebd., 10. 31 Vgl. Sebastian Voigt, „Treblinka“, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Bd. 6, Stuttgart/Weimar 2015, 159–164, hier 163. 32 Zit. nach Eva Groepler, Sartres Überlegungen zur Judenfrage, in: Babylon 2 (1987), 108–115, hier 112. 30 Jan Gerber Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewußtsein Die Grenzen, an die das Denken beim Blick auf Auschwitz schon aus sich selbst heraus stößt, wurden durch den Ost-West-Konflikt, der sich fast nahtlos an den Zweiten Weltkrieg anschloß, weiter befestigt. Nimmt man den deutschen Sammelband mit Sartres jewish writings als Grundlage, dann äußerte sich der Philosoph zwischen 1948 und 1966 kein einziges Mal im größeren Rahmen über den Massenmord an den europäischen Juden. Nur am Rand eines Interviews mit der Zeitschrift Évidences, herausgegeben vom American Jewish Committee in Paris, sprach er im Zusammenhang mit dem Prager Slánský-Tribunal, dem größten antisemitischen Schauprozeß der Nachkriegszeit, 1952 über die „Hitlermassaker“.33 Der Ost-West-Konflikt, dem sich Sartre bis zum Beginn des Koreakriegs 1950 zu entziehen versucht hatte, war so übermächtig, daß die Erinnerung an den Holocaust schon wieder neutralisiert war, bevor das Ereignis überhaupt einen Namen hatte. Auch hier stand der Philosoph nicht allein. Die Ahnung über die Bedeutung und die Wirkung der Vernichtung, die in den Jahren des Exils, der Besatzung und unmittelbar nach dem Krieg zaghaft aufgeblitzt war, verschwand in dieser Zeit auch bei anderen Intellektuellen. So war der Kalte Krieg von einer absonderlichen Kombination aus Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewußtsein geprägt.34 Die technischen Errungenschaften dieser Jahre, Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und erweiterte Konsummöglichkeiten sorgten für eine enorme lebensweltliche Beschleunigung. Zugleich trugen sie dazu bei, daß Fortschritt und Zukunft auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Hochkonjunktur hatten. In Frankreich versuchte Georges Pompidou, einer der engsten Vertrauten Charles de Gaulles, das Land mit mehrspurigen Schnellstraßen und fu- 33 Jean-Paul Sartre, Es gibt keine antisemitische Doktrin mehr, in: ders., Überlegungen zur Judenfrage, 138–141. 34 Vgl. zum Folgenden Dan Diner, Vom Stau der Zeit. Neutralisierung und Latenz zwischen Nachkrieg und Achtundsechzig, in: Hans Ulbricht Gumbrecht/Florian Klinger (Hgg.), Latenz. Blinde Passagiere in den Geisteswissenschaften, Göttingen 2011, 321–333. 31 Zeit und Erkenntnis turistischen Funktionsbauten auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten; die Volksdemokratien wollten den Westen mit Fünfjahresplänen überholen und später einholen. Diese zukunftsfrohen Hoffnungen wurden jedoch immer wieder durch das Atomwaffenpotential der Supermächte herausgefordert, das während des Koreakriegs oder der Kubakrise tatsächlich ausgeschöpft zu werden drohte. Beide Strömungen der Zeit, die ebenso aporetisch wie aufeinander bezogen waren, schoben sich vor den Holocaust. Die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden paßte weder zum Geschichtsoptimismus dieser Epoche, noch ließ das befürchtete nukleare Endspiel zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten ein Interesse an der nur wenige Jahre zurückliegenden jüdischen Katastrophe entstehen. Jean-Paul Sartres meistbeachteter Text dieser Zeit hieß dementsprechend Die Kommunisten und der Frieden.35 Der erste Teil, mit dem sich der Philosoph nach Jahren der vorsichtigen Annäherung offen zur Kommunistischen Partei Frankreichs und zur Sowjetunion bekannte, erschien nur kurz nach dem Interview mit Évidences in den Temps Modernes. Von nun an verbrachte Sartre seine Zeit bei zahllosen repräsentativen Reisen, Meetings, Reden und Konferenzen gegen einen drohenden Krieg,36 von denen der Völkerkongreß für den Frieden im Dezember 1952 in Wien nur der bekannteste war. Wenn überhaupt, dann wurde Auschwitz in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit dieser Zeit nur noch im Zusammenhang mit Hiroshima und Nagasaki erwähnt. Allenfalls einige wenige Künstler und akademische Außenseiter wie Raul Hilberg oder die Mitarbeiter des Centre de Documentation Juive Contemporaire (Léon Poliakov, Joseph Billig, Lucien Steinberg usw.) sprachen überhaupt noch vom Holocaust. Selbst in den Debatten über den Gulag, in denen im Frankreich der späten 1940er und frühen 1950er Jahre mit großer Vehemenz über die Vergleichbarkeit von Stalinismus und Nationalsozialismus verhandelt wurde,37 kam 35 Jean-Paul Sartre, Die Kommunisten und der Frieden, in: ders., Krieg im Frieden. Bd. 1, Reinbek bei Hamburg 1982. 36 Michel Winock, Das Jahrhundert der Intellektuellen, 2. Auflage, Konstanz 2007, 637. 37 Vgl. ebd., 589–601. 32 Jan Gerber keiner der unzähligen Parteigänger der Sowjetunion auf die Idee, die Differenz zwischen beiden Systemen anhand der Vernichtungslager zu erklären: Trotz der unmenschlichen Bedingungen und des oft mehr als nur in Kauf genommenen Todes der Insassen war das Überleben im Gulag die Regel, in den Vernichtungslagern hingegen die absolute Ausnahme. Erst mit dem Eichmann-Prozeß 1961 in Jerusalem und dem 1963 in Frankfurt beginnenden Auschwitz-Prozeß trat die Vernichtung der europäischen Juden wieder in den Horizont der Zeitgenossen. Der enge Zusammenhang zwischen dem Kalten Krieg und der Neutralisierung der Erinnerung an den Holocaust wird nicht zuletzt am erstaunlichen öffentlichen Interesse deutlich, das gerade diesen beiden Prozessen entgegengebracht wurde. Denn anders als vom kollektiven Gedächtnis suggeriert wird, hatten auch in den anderthalb Jahrzehnten nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß Verfahren wegen der Beteiligung am Holocaust stattgefunden: vom Sobibor-Prozeß 1950 in Westberlin über die Engerau-Prozesse in Österreich bis zum Ulmer Einsatzgruppenprozeß 1958. Anders als bei diesen Verfahren, die von den damaligen Zeitgenossen kaum wahrgenommen wurden, erhielt der Holocaust im Zusammenhang mit dem Eichmann- und dem Auschwitz-Prozeß Anfang der 1960er Jahre auch deshalb seit langem wieder eine größere öffentliche Aufmerksamkeit, weil der Kalte Krieg in ihrem unmittelbaren zeitlichen Kontext erstmals in eine Befriedungsphase trat. Die ersten Schritte zur Entspannung des Ost-West-Konflikts sorgten dafür, daß der Massenmord nicht sofort wieder, wie nach den Prozessen der späten 1940er und der 1950er Jahre, von Nachrichten über den neuesten Irrsinn des Kalten Kriegs überlagert wurde. Sie trugen dazu bei, daß der Holocaust die Gegenwart nicht weiter nur wie die berühmte Leiche im Keller begleitet, die niemand erwähnt, deren Existenz aber jeder ahnt. Nachdem die Welt während der Kubakrise am Rand eines neuen Weltkriegs gestanden hatte, war 1963, als auch Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem erschien und in Frankfurt der Auschwitz-Prozeß eröffnet wurde, der heiße Draht – das berühmte „Rote Telefon“ – zwischen Washington und Moskau eingerichtet worden. Im selben Jahr verpflichteten sich die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten und 33 Zeit und Erkenntnis Großbritannien im Moskauer Atomteststoppabkommen dazu, keine Nukleartests in der Luft, im Weltall und unter Wasser durchzuführen. Damit signalisierten die Großen Drei erstmals aller Welt, daß sie an der Verhinderung einer atomaren Eskalation und der Eindämmung des Wettrüstens interessiert sind. Die Doktrin der „massiven Vergeltung“, die in den 1950er Jahren entwickelt worden war, wurde durch die Losung der „friedlichen Koexistenz“ in ihrer Bedrohlichkeit gemildert. Viele Überlebende des Holocaust faßten nach den Jahren des Schweigens zu dieser Zeit wieder den Entschluß, über ihre Erfahrungen in Auschwitz zu schreiben: Er stehe im Begriff, ein „rekonstruiertes Auschwitz-Tagebuch zu schreiben“, so berichtete der in Wien geborene Jean Améry im Januar 1964 exemplarisch einem Kollegen.38 Jean-François Steiner begann in dieser Zeit mit der Arbeit an Treblinka. Das Pathos des Universalismus Insbesondere in Frankreich ging das Heraustreten des Holocaust aus dem Schatten des Kalten Kriegs nur langsam vor sich. Die Aufmerksamkeit, die dem Eichmann- und dem Auschwitz-Prozeß Anfang der 1960er Jahre entgegengebracht wurde, war vergleichsweise gering. Ein Grund hierfür war die Spezifik des französischen milieu de mémoire. Denn obwohl der Schwerpunkt des offiziellen Gedenkens auf dem antifaschistischen Kampf der Résistance lag, hatte die französische Erinnerung an die sogenannten dunklen Jahre einen integrativen Charakter.39 Anders als in der Deutschen Demokratischen Republik, in den Niederlanden oder in Belgien wurden die Überlebenden des Holocaust gerade nicht aus der nationalen Erinnerung ausgeschlossen. Auch wenn die Spezifik des Holocaust ausgeblendet wurde, galt das Schicksal der Juden als Teil des nationalen Martyriums. Das von dem ehemaligen Buchenwald-Häftling David Rousset 38 Zit. nach Irene Heidelberger-Leonard, Jean Améry. Revolte in der Resignation. Biographie, Stuttgart 2004, 193. 39 Vgl. hierzu und zum Folgenden Lagrou, Frankreich, 171 ff. 34 Jan Gerber 1946 beschriebene Univers concentrationnaire,40 das in der Erinnerung fast vollständig mit der Erinnerung an die Résistance verschmolz, umfaßte in letzter Konsequenz auch die einheimischen Juden.41 Aufgrund dieser Repräsentanz in der französischen Erinnerungslandschaft zeigte auch die große jüdische Gemeinde des Landes lange Zeit kein ausgeprägtes Interesse daran, die bisherigen Gedenkrituale in Frage zu stellen.42 Diese Integration der Opfer des Holocaust in die nationale antifaschistische Gemeinschaft mag nicht zuletzt dem Nachleben des Gedankens der einen Menschheit aus der Französischen Revolution geschuldet gewesen sein, der 1791 in der staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden gipfelte: Selbst der ehemalige Buchenwald-Häftling Robert Antelme, der sich wie seine damalige Frau Marguerite Duras stark mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus identifizierte, schrieb 1947 in seinem breit rezipierten Buch L’Espèce humaine, daß es den Deutschen nicht gelungen sei, die „Einheit der Menschen“ zu zerstören.43 Aus dieser Aussage sprach zwar weniger Gewißheit als das Pathos des Trotzes. Dennoch waren entsprechende Vorstellungen weit verbreitet. Die Strahlkraft des Universalismus dürfte der zentrale Grund dafür gewesen sein, daß sich viele ehemalige Résistance-Kämpfer, darunter Antelmes früherer Mithäftling David Rousset, in der Treblinka-Affäre gegen Jean-François Steiner stellten: Durch seine Konzentration auf die Vorgänge in den Vernichtungslagern hatte der junge Autor die Unterschiede zwischen den einzelnen Opfergruppen des Nationalsozialismus herausgestellt. Damit hatte er ganz ungewollt die antifaschistische Vorstellung einer Einheit der Gattung – wie auch des Leidens – angegriffen.44 In gewisser Weise war die Einbindung der Juden in die nationale Erinnerungsgemeinschaft jedoch auch dem Charakter der Résistance selbst geschuldet. Sowohl bei den Kommunisten als auch bei den Gaullisten, 40 David Rousset, L’univers concentrationnaire, Paris 1946. 41 Lagrou, Frankreich, 171 ff., 167. 42 Ebd., 173 ff. 43 Robert Antelme, L’Espèce humaine, Paris 1947. 44 Moyn, A Holocaust Controversy, 63. 35 Zeit und Erkenntnis die das französische Gedenken lange Zeit gemeinsam bestimmten, waren die Grenzen zwischen politischer Verfolgung und der Verfolgung der Herkunft wegen oft fließend. Claude Lanzmann, der sich 1943 in Clermont-Ferrand dem kommunistischen Widerstand anschloß, und sein Vater Armand, der in den von Jean Moulin geleiteten Mouvements unis de la Résistance kämpfte, waren keineswegs Ausnahmen. Insbesondere in den ersten Monaten der deutschen Okkupation, in denen die Kommunistische Partei aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts untätig blieb, waren Juden, wie Georges Zérapha kurz nach Kriegsende konstatierte, der „Motor“ des Widerstands:45 Die antisemitischen Maßnahmen, die bald nach dem Einmarsch der Wehrmacht erlassen wurden, machten sie in dieser Phase weitaus empfänglicher für die Anwerbungsversuche der Résistance als viele nichtjüdische Franzosen, die sich zunächst oft mit den Besatzern zu arrangieren versuchten.46 Auch als die Kommunisten nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit dem Widerstandskampf begannen, war er nicht selten die Sache mittel- und osteuropäischer Juden, die in der Zwischenkriegszeit nach Frankreich emigriert waren. Die FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée), die Immigrantenorganisation des kommunistischen Widerstands, gehörte zu den aktivsten Zusammenschlüssen der gesamten Résistance. Dort kamen jüdische und nichtjüdische Kommunisten aus Polen, Ungarn, Rumänien, Italien oder der Tschechoslowakei zusammen, die teilweise bereits im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Nach dem Krieg bemühte sich die Kommunistische Partei, die sich in Frankreich stets weniger als kommunistisch denn als französisch verstand, zwar zunächst darum, den großen Anteil von Nicht-Franzosen am Widerstandskampf zu verschleiern: Der Dichter Louis Aragon sorgte 1953 exemplarisch dafür, daß ostjüdisch klingende Namen, die in einer Sammlung 45 Zit. nach René Poznanski, „Résistance“, in: Dan Diener (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Bd. 4, Stuttgart/Weimar 2014, 190–196, hier 191. 46 Ebd., 192. 36 Jan Gerber von Résistance-Literatur erscheinen sollten, französisiert wurden:47 Adam Kowalski verwandelte sich so in Marcel Chevalier.48 Ganz verleugnet werden konnte der Beitrag ausländischer Juden – wie auch der von Ausländern insgesamt – zur Résistance indes nicht. Zu viele Franzosen hatten das berühmte „Affiche rouge“, das „rote Plakat“, gesehen, das die Deutschen und ihre Kollaborateure im Frühjahr 1944 tausendfach verklebt hatten. Es zeigte auf rotem Hintergrund zehn verhaftete und kurz darauf hingerichtete Mitglieder der FTP-MOI. Unter die Porträts waren ihre Familiennamen, die allesamt fremdländisch klangen, und ihre Herkunft gedruckt worden. Es handelte sich, wie auf dem Plakat erklärt wurde, um einen italienischen Kommunisten, einen Armenier, einen „Rotspanier“, vier polnische und zwei ungarische Juden. Durch die Nennung der Familiennamen und den Verweis auf die Herkunft der Hingerichteten wollte die Gestapo die Kämpfer als unfranzösisch darstellen und den Betrachtern die Identifikation mit der Résistance erschweren. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre sorgte schließlich auch der PCF in Gestalt jenes Louis Aragon, der Adam Kowalski 1953 zu Marcel Chevalier gemacht hatte, dafür, daß der Anteil von Nicht-Franzosen an der Résistance gewürdigt wurde: Auf Betreiben Claude Lévys, eines Angehörigen der FTP-MOI, schrieb er nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 sein berühmtes Gedicht L’Affiche rouge, mit dem er den Hingerichteten ein Denkmal setzte.49 In der Vertonung von Léo Ferré wurde es zu einem millionenfach verkauften Chanson. Da die Mitglieder der sogenannten Gruppe Affiche rouge, des Résistance-Kreises um den Armenier Missak Manouchian, nicht wegen ihrer Herkunft, sondern aufgrund ihres Kampfs gegen die deutschen Besatzer hingerichtet wurden, blieb der Grundtenor des Erinnerns jedoch erhalten: „Morts pour la France“ – gestorben für Frankreich –, heißt es dementsprechend bei Aragon. 47 Jürg Altwegg, Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten, München/Wien 1998, 78. 48 Elfriede Müller/Alexander Ruoff, Histoire noire. Geschichtsschreibung im französischen Kriminalroman nach 1968, Bielefeld 2007, 242. 49 Vgl. ebd. 37 Zeit und Erkenntnis Nationalsozialismus und Kolonialismus Es gab jedoch noch einen anderen Grund dafür, daß der Holocaust in Frankreich nur zögerlich aus dem Schatten des Kalten Kriegs trat. Denn während die Politik der Entspannung einigen Ländern seit dem Beginn der 1960er Jahre eine Atempause verschafft hatte, wurde Frankreich von anderen Konflikten erschüttert. Recht eigentlich hatte Paris bereits seit der Rückkehr Charles de Gaulles ins Amt 1958 versucht, sich der Logik der Systemauseinandersetzung zu entziehen. Seit dieser Zeit wurde der schrittweise Rückzug aus der NATO vorbereitet: Der Aufbau der Force de frappe, der französischen Atomstreitkräfte, diente nicht zuletzt dem Zweck, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern und sich als dritte Kraft zwischen den Blöcken zu etablieren. Dazu paßte es, daß die zentralen Kämpfe, die im Frankreich der späten 1950er und frühen 1960er Jahre ausgetragen wurden, quer zu den Frontlinien des Kalten Kriegs gelagert waren. Sie standen in unmittelbarem Zusammenhang mit jenem Prozeß der Dekolonisierung, in dessen Zuge auch General de Gaulle in den Élysée-Palast zurückgekehrt war. Insbesondere der Krieg in Algerien, der bis 1962 militärisch und bis zur Amnestierung der Putschisten 1968 ideologisch geführt wurde, trug dazu bei, daß im Zentrum der zeitgenössischen französischen Diskussionen über den Nationalsozialismus weniger die Vernichtung als die Folter stand.50 Der Grund: Im Zuge der 1954 begonnenen Kämpfe im Maghreb, die Frankreich an den Rand eines Bürgerkriegs brachten, war von französischer Seite exzessiv gefoltert worden. Die breit geführte Debatte über den Krieg in Nordafrika war nicht zuletzt eine Auseinandersetzung über die Mißhandlungen in den Gefängnissen und umfunktionierten Villen der Paras und des Geheimdienstes: Jean-Paul Sartre schrieb das Vorwort für Henri Allegs bekannten Bericht über die Folter in El Biar, La Questi- 50 Zum Folgenden wie zum Verhältnis von Folter und Vernichtung und der Blendung durch den Algerienkrieg insgesamt vgl. Dan Diner, Verschobene Erinnerung. Jean Amérys „Die Tortur“ wiedergelesen, in: Mittelweg 36 2 (2012), 21–27. 38 Jan Gerber on; Claude Lanzmann veröffentlichte in den Temps Modernes einen Essay, in dem er anhand von Zeugenaussagen zeigte, daß tatsächliche und vermeintliche FLN-Mitglieder nicht nur in Algerien, sondern auch in Frankreich gefoltert wurden.51 Für besondere Verwirrung sorgte es, daß die politischen und moralischen Zuordnungen des Zweiten Weltkriegs, die in gewisser Weise auch das öffentliche Leben der Vierten Republik prägten, in Algerien außer Kraft gesetzt waren. Zwar protestierten einige ehemalige Résistance-Kämpfer gegen die französische Kriegführung im Maghreb: Brigadegeneral Jacques de Bollardière, der 1944 über den Ardennen abgesprungen war, um den Maquis zu unterstützen, äußerte öffentlich Kritik an der Folter in Algerien und wurde daraufhin seines Postens als Kommandeur zweier Brigaden im Atlasgebirge behoben. Die drei Ministerpräsidenten, die das Militär in Nordafrika mit immer neuen Vollmachten ausstatteten – der Sozialist Guy Mollet, Maurice Bourgès-Maunoury und Félix Gaillard von den Radikalen –, hatten in der Zeit der Okkupation allerdings ebenfalls gegen die Deutschen gekämpft. Das gleiche gilt für die meisten höheren Offiziere, die im Maghreb eingesetzt waren. Diese früheren Freiheitskämpfer traten nun nicht nur als Gegner der algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen auf, sondern setzten zudem jene Verhörmethoden ein, denen viele von ihnen kaum zehn Jahre zuvor in Gestapo-Haft ausgesetzt gewesen waren. Zugleich sahen sie sich in einer Front mit ehemaligen Kollaborateuren oder nachgeborenen Pétain-Sympathisanten wie Jean-Marie Le Pen, der 1956 für die Poujadisten in die Nationalversammlung eingezogen war. Le Pen, der 1972 den rechtspopulistischen Front National gründete, hatte selbst in Algerien gekämpft, trat für eine harte Linie im Kampf gegen den 51 Jean-Paul Sartre, Ein Sieg. Vorwort, in: Henri Alleg, Die Folter. La question, Wien u.a. 1958; Claude Lanzmann, Der Humanist und seine Hunde, in: ders., Das Grab des göttlichen Tauchers. Ausgewählte Texte, Reinbek bei Hamburg 2015, 333–350. Der Text erschien erstmals in den Temps Modernes 180 (1961). 39 Zeit und Erkenntnis FLN ein und rechtfertigte seine eigene Beteiligung an der Folter Anfang der 1960er Jahre öffentlich.52 Es war diese Mischung aus der zeitlichen Nähe des Algerieneinsatzes und des Zweiten Weltkriegs, der moralischen Empörung über die Mißhandlungen und der politischen Konfusion, die durch die zahllosen Aporien des Kriegs im Maghreb erzeugt wurde, die regelmäßig Vergleiche der französischen Doktrin mit dem Nationalsozialismus nach sich zog. Die FLN-Unterstützer um Jean-Paul Sartres früheren Sekretär Francis Jeanson nannten sich in Anlehnung an den Widerstand gegen die deutschen Besatzer Jeune Résistance, junge Résistance; Sartre selbst schrieb 1958 in seinem Vorwort zu Henri Allegs La Question, dass Hitler „nichts als ein Vorläufer“ gewesen sei.53 In einer Zeit, in der Auschwitz infolge der Détente ebenso vielfach wie zaghaft aus dem Schatten der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand zu treten begann, wurde in Frankreich eine andere Erinnerung an den Nationalsozialismus evoziert, die den Holocaust überdeckte. Das Ende des Geschichtsoptimismus Diese Blockade begann sich erst Anfang der 1970er Jahre zu lösen. Mit der 1973 anhebenden Ölkrise brach der weltanschauliche Dualismus des Kalten Kriegs weiter auf. Vor allem aber kam das „golden age of capitalism“ (Eric Hobsbawm) an sein Ende; die euphorische Rede von Zukunft und Fortschritt verschwand von der Tagesordnung. Damit erodierte auch jener Geschichtsoptimismus, der zur Neutralisierung der Erinnerung an den Holocaust beigetragen hatte. Zugleich geriet die universalistische Vorstellung einer Einheit der Gattung, die stets aufs Engste mit dem Begriff des Fortschritts verbunden war, in die Krise. Im Rahmen des nun beginnenden Siegeszugs partikularistischer Ideen erhielten überkommen geglaubte 52 Vgl. o.A., Folteropfer: Le Pen hat mich geschlagen, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juni 2002 , 8. August 2016. 53 Sartre, Ein Sieg, 11. 40 Jan Gerber Kategorien wie Herkunft, Ethnizität oder Kultur eine neue Bedeutung. Die Begriffe Identität und Differenz wurden zu Modewörtern. Mit Blick auf den Holocaust wurde dieser Rückzug des Universalismus durch die Reaktionen auf den Sechstagekrieg 1967 befördert. Bis dahin hatten viele französische Juden politisch eher zur Linken als zum Konservativismus tendiert. Zwar waren auch die Sozialisten, Kommunisten und linken Liberalen nie frei von antijüdischen Ressentiments gewesen: Schon während der Dreyfus-Affäre, der Urszene des Zeitalters der Intellektuellen, hatten sich Teile der äußersten Linken um Jules Guesde geweigert, Partei für den zu Unrecht beschuldigten Hauptmann zu ergreifen. Er sei, so lautete die mit antijüdischen Klischees angereicherte Begründung, ein Vertreter der Bourgeoisie. Die Vehemenz, mit der Édouard Drumont, Maurice Barrès und andere Anti-Dreyfusards gegen die Emanzipation der Juden Stellung bezogen, hatten die Anwürfe von links jedoch als weniger bedrohlich erscheinen lassen. Da mit Émile Zola, Jean Jaurès und Alexandre Millerand zudem ausgewiesene Sozialreformer und Sozialisten zu den engagiertesten Verteidigern von Dreyfus gehört hatten, war die Linke sogar als natürlicher Verbündeter der Juden erschienen. Diese Vorstellung, die im Laufe der Zeit immer wieder in Mitleidenschaft geraten war,54 ließ sich spätestens seit dem Sechstagekrieg nicht mehr aufrechterhalten. Hatten bis dahin vor allem die auf Moskau abonnierten Kreise vehement antiisraelische Positionen vertreten, schwenkte nun fast die gesamte Linke auf diesen Kurs um. Das israelfeindliche Lager umfaßte in Frankreich, wie Léon Poliakov 1969 bestürzt in seinem Essay Vom Antizionismus zum Antisemitismus kommentierte, „die Regierung, die Kommunistische Partei, einen Großteil der Linken, studentische Aktivisten sowie die letzten Nostalgiker der weißen und arischen Rasse“.55 Jean- 54 Insbesondere der Slánský-Prozeß 1952 in Prag, über den in Frankreich auch deshalb intensiv berichtet wurde, weil mit Artur London ein ehemaliges Mitglied der FTP-MOI vor Gericht stand, der noch dazu mit einem hochrangigen Mitglied der KPF verwandt war, hatte viele jüdische Mitglieder und Sympathisanten der Partei zutiefst verunsichert. Vgl. Tony Judt, Past Imperfect. French Intellectuals 1944–1956, New York 1992. 55 Léon Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg i. Br. 1992, 103. In der Vorrede relativiert Poliakov seine Aussage allerdings teilweise. Er schreibt, daß die französische 41 Zeit und Erkenntnis Paul Sartre, der kurz vor dem Ausbruch des Kriegs seine berühmte Reise in den Nahen Osten beendet hatte, gehörte zu den wenigen Ausnahmen: Er erklärte sich – wenn auch, wie sich Claude Lanzmann erinnert, mit mäßiger Begeisterung – dazu bereit, eine Petition für Israel zu unterschreiben.56 Die von Poliakov dokumentierten Verbalinjurien vieler anderer Vertreter der Linken waren hingegen oft kaum von den Anwürfen der politischen Rechten zu unterscheiden.57 Sie wurden regelmäßig von Zweifeln an der staatsbürgerlichen Loyalität der französischen Juden begleitet. Die Ereignisse, die zur selben Zeit in Polen stattfanden, bestärkten den Eindruck, daß der Faden, der viele Juden bis dahin mit der Linken verbunden hatte, durchtrennt worden war:58 Die Kommunistische Partei der Volksrepublik initiierte im Nachgang des Sechstagekriegs eine antisemitische Kampagne, in deren Rahmen die polnischen Juden als national unzuverlässig diskreditiert wurden.59 Etwa 20.000 von ihnen verließen das Land aus Angst vor Verfolgung; ein großer Teil emigrierte nach Paris, seit Joachim Lelewel der traditionelle Exilort polnischer Dissidenten. Im Nachgang dieser Ereignisse wandten sich sukzessive auch viele französische Juden von der Linken ab: Der Maoist Pierre Victor, mit dem Jean- Paul Sartre noch Anfang der 1970er Jahre Gespräche über die revolutionären Pflichten von Intellektuellen geführt hatte,60 war nicht der einzige, der zurück zum Judentum fand. Er legte sein proletarisches Pseudonym ab und benutzte seit der Mitte des Jahrzehnts wieder seinen Geburtsnamen Benny Lévy. Lévy wurde Sartres Privatsekretär und trug dazu bei, daß sich auch der Philosoph eingehender mit der jüdischen Tradition auseinan- Öffentlichkeit, „in ihrer Gesamtheit jedenfalls“, trotz der zahlreichen antizionistischen Ausfälle proisraelisch eingestellt sei. 56 Lanzmann, Der patagonische Hase, 503. 57 Vgl. Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, 104–108. Vgl. insgesamt auch Raymond Aron, De Gaulle, Israël et les Juifs, Plon 1968. 58 Vgl. Lagrou, Frankreich, 174. 59 Vgl. David Kowalski, Polnische Politik und jüdische Zugehörigkeit. Die frühe Oppositionsbewegung und das Jahr 1968, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts/Simon Dubnow Institute Yearbook 13 (2014), 525–548. 60 Jean-Paul Sartre, Philippe Gavi, Pierre Victor, Der Intellektuelle als Revolutionär. Streitgespräche, Reinbek bei Hamburg 1976. 42 Jan Gerber dersetzte.61 Mit dem Zerfall der Vorstellung eines natürlichen Bündnisses zwischen den französischen Juden und der Linken verlor schließlich auch das integrative Pathos der Résistance an Überzeugungskraft. Vor dem Hintergrund der antisemitischen Anfeindungen nach dem Sechstagekrieg sahen sich viele jüdische Opfer des Nationalsozialismus nicht mehr angemessen von der ikonischen Figur des Märtyrers repräsentiert, von der die Erinnerung an die Besatzung bis dahin geprägt worden war.62 Der zeitgleiche Aufstieg von Identitätspolitik, die Anerkennung, die der Artikulation gesonderter Gruppenerinnerungen plötzlich entgegengebracht wurde, und die um sich greifende Absage an die sogenannten Metaerzählungen taten ein Übriges. So begann sich im Verlauf der 1970er Jahre schließlich auf breiter Ebene ein Bewußtsein von den partikularen Dimensionen des Holocaust als eines explizit an Juden begangenen Verbrechens herauszubilden. Epilog Im Mai 1987, fast genau zwei Jahre nach der Premiere von Shoah, wurde in Lyon der Prozeß gegen Klaus Barbie, den ehemaligen Gestapo-Chef der Stadt, eröffnet. Dieses Verfahren war Ausdruck der neuen Bedeutung, die der Vernichtung der europäischen Juden in der französischen Erinnerungslandschaft zugewiesen wurde. Denn Barbie, der nach dem Krieg über die sogenannte Rattenlinie nach Bolivien gelangt war, war in Frankreich bereits dreimal in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Im Zentrum der Anklagen von 1947, 1952 und 1954 hatte jedoch sein Vorgehen gegen den antifaschistischen Widerstand gestanden: Es war Barbie, der den Résistance-Helden Jean Moulin 1943 zu Tode gefoltert hatte. Nachdem der „Schlächter von Lyon“, wie der Gestapo-Mann bald genannt wurde, 61 Zugleich relativierte Sartre seine Aussage aus den Réflexions sur la question juive, daß Juden ausschließlich durch Antisemiten erschaffen würden. Vgl. Die Einheit der jüdischen Realität. Auszug aus Sartres letzten Gesprächen mit Benny Lévy, in: Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, 242–248. Im Kreis um Sartre sorgten diese Gespräche für Empörung. Lèvy, so der Tenor, habe den gealterten Philosophen manipuliert. Zu den Debatten vgl. Bernard-Henri Lévy, Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts, München/Wien 2000, 591–612. 62 Vgl. Lagrou, Frankreich, 174. 43 Zeit und Erkenntnis Anfang der 1980er Jahre von Bolivien ausgeliefert worden war, konzentrierte sich die französische Staatsanwaltschaft hingegen auf seinen Anteil an der Deportation von Juden in die Vernichtungslager. Klaus Barbie war der erste, der in Frankreich wegen eines Verbrechens gegen die Menschheit angeklagt wurde – wegen jenes Tatbestands, der 1945 in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse völkerrechtlich verankert worden war. Dieses Vorgehen bot zugleich die Möglichkeit, die Verjährungsfristen für seine anderen Taten zu umgehen. Der Barbie-Prozeß stand jedoch nicht nur für die neue Einsicht, daß es sich beim Holocaust, wie Claude Lanzmann in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre schrieb, um das „Hauptereignis des Nationalsozialismus“ handelte.63 Durch ihn wurde zugleich offenbar, wie prekär diese Erkenntnis war. Das deutete sich bereits an, als der Name von Barbies Anwalt bekanntgegeben wurde. Anders als vielfach erwartet, wurde er nicht von einem Vichy-Sympathisanten verteidigt, sondern von einem ausgewiesenen Vertreter der Linken, genauer: einer Ikone des antikolonialen Kampfs. Der als Sohn eines Franzosen und einer Vietnamesin in Südostasien geborene Jacques Vergès hatte in jungen Jahren auf Seiten des Freien Frankreichs gegen die Achsenmächte gekämpft. Während des Algerienkriegs verteidigte er Angehörige der Nationalen Befreiungsfront. Er konnte Djamila Bouhired, die wegen eines Bombenanschlags angeklagt wurde, vor der Hinrichtung bewahren; im Aufsehen erregenden Prozeß gegen die FLN- Unterstützer um Francis Jeanson, in dem auch Claude Lanzmann als Zeuge geladen wurde, trat er als Verteidiger auf. Vergès’ Vorgehen im Barbie-Prozeß unterschied sich deutlich von den anwaltlichen Beistandsstrategien in anderen Verfahren gegen Naziverbrecher. Zwar bemühte auch er mildernde Umstände wie Befehlsnotstand oder die Ausnahmesituation des Kriegs zur Verteidigung seines Mandanten. Dennoch sprach er in seinen Plädoyers weniger über die Untaten Barbies als über die Verbrechen der europäischen Kolonialregimes. Der 63 Claude Lanzmann, Vom Holocaust zu Holocaust oder wie man sich seiner entledigt, in: ders., Das Grab des göttlichen Tauchers, Berlin 2015, 459–473, hier 467. 44 Jan Gerber Kolonialismus, so lautete Vergès’ Fazit, sei weitaus schlimmer als der Nationalsozialismus gewesen.64 Zudem hätten die Deutschen in Frankreich weniger Verbrechen begangen als die Franzosen in Algerien.65 Ganz im Sinn dieser Anschuldigungen traten Vergès und seine Co-Anwälte – der aus dem Kongo stammende Jean-Martin M’Bemba und der Algerier Nabil Bonaita – während des Prozesses nicht als Verteidiger ihres Mandanten sondern als Ankläger des Westens auf. Diese im Wortsinn postkoloniale Verteidigungsstrategie, mit der Frankreich das moralische Recht abgesprochen werden sollte, Klaus Barbie vor Gericht zu stellen, mag auch der Empörung darüber geschuldet gewesen sein, daß das Mutterland der Menschenrechte in Indochina und Algerien bestialische Kolonialkriege geführt hatte. Vergès’ Relativierung des Holocaust war jedoch zugleich ein Resultat jener Entwicklung, der das Heraustreten der Vernichtung aus dem Bannkreis der Résistance seit Anfang der 1970er Jahre paradoxerweise zu verdanken war. Die Rede ist von der Rückkehr des Partikularismus, die überhaupt erst ein größeres Bewußtsein dafür geschaffen hatte, daß der Holocaust ein explizit an Juden begangenes Verbrechen war. Aufgrund der Resistenzkraft des Universalismus verband sich diese Einsicht indes mit der Erkenntnis, daß es sich bei der Vernichtung auch um eine universelle Tat gehandelt hatte: ein Verbrechen, das, wie Dan Diner einmal schrieb, „an der Menschheit mittels der Vernichtung einer partikularen Gruppe, eben der Juden, verübt“ wurde.66 Das Verständnis der Epistemik des Holocaust war, mit anderen Worten, recht eigentlich ein Produkt der Übergangszeit, in der die neuen Partikularismen die universalistischen Ideen noch nicht vollends in die Defensive gezwungen hatten. Die Zustimmung, auf die Jacques Vergès’ Verteidi- 64 Zu dieser Strategie, zu Vergès gleichzeitigen Angriffen auf die Résistance und den Barbie-Prozeß insgesamt vgl. Alain Finkielkraut, Die vergebliche Erinnerung. Vom Verbrechen gegen die Menschheit, Berlin 1989; Roger de Weck, Schweigen vor dem Leid der Opfer, in: Die Zeit, 8. Juli 1987 , 8. August 2016. 65 Zit. nach de Weck, Schweigen vor dem Leid der Opfer. 66 Diner, Gegenläufige Gedächtnisse, 37. Zur Epistemik des Holocaust vgl. insgesamt ebd., 13–41; Lanzmann, Vom Holocaust zu Holocaust oder wie man sich seiner entledigt. 45 Zeit und Erkenntnis gungsstrategie im Barbie-Prozeß teilweise stieß,67 war hingegen Ausdruck eines weiteren Rückzugs des Universalismus. In dem Maß, in dem der stets prekäre Gedanke der einen Menschheit immer deutlicher hinter die Vorstellung verschiedener kultureller Blickwinkel, Perspektiven und Erzählungen zurücktrat, bildete sich das gerade erst entstandene Bewußtsein vom universellen Charakter des an den europäischen Juden begangenen Verbrechens wieder zurück.68 Der Holocaust begann so erneut als eine Untat unter vielen zu erscheinen – diesmal allerdings als interne Obliegenheit des Westens, als jüdische Angelegenheit oder als Sache nationaler, ethnischer oder religiöser Minderheiten. Wissen und Erkenntnis über die Vernichtung der europäischen Juden traten, wie es Simone de Beauvoir für die 1950er und 1960er Jahre beschrieben hatte, wieder auseinander. 67 Vgl. die Beispiele bei Finkielkraut, Die vergebliche Erinnerung, 63–66, 112. 68 Allerdings lassen auch die Rückzugsgefechte des Universalismus wenig Gutes erwarten. Denn wo auf eine Universalisierung des Holocaust und eine davon ausgehende allgemeine Moral der Menschenrechte gedrungen wird, wird die Vernichtung der europäischen Juden allzuoft zur Chiffre für alle Arten von Intoleranz, Verfolgung und Massenmord. Die Erinnerung an den Holocaust verliert so ihre historischen Dimensionen: das Bewußtsein vom zeitlichen und räumlichen Kontext, von den Tätern und den Opfern. Vgl. hierzu Daniel Levy/Natan Sznaider, Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001. Zur Kritik vgl. Diner, Gegenläufige Gedächtnisse, 116.

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.