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Osamu Wakatsuki, Die Kunst der Dokumentation Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 135 - 146

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-135

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
135 Osamu Wakatsuki Die Kunst der Dokumentation Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto Vorbemerkung zur Rede des japanischen Filmregisseurs Osamu Wakatsuki 1996 wurde Claude Lanzmann auf den Wunsch von Tsuchimoto Noriaki nach Tokio eingeladen, wo Shoah und die Dokumentarfilme Tsuchimoto Noriakis gemeinsam vorgeführt und diskutiert werden sollten. In dem bereits in der Einleitung erwähnten Essayband von Claude Lanzmann, der unter dem Titel La Tombe du divin plongeur erschienen ist, hat jener seine damalige Reaktion auf die Einladung nach Tokio dokumentiert, die von großer Freude und der vertieften Begegnung mit dem Werk Noriakis markiert war: «J’ai le droit de dire aujourd’hui – je puis affirmer à bon escient – que Noriaki Tsuchimoto est un grand artiste car, depuis février, depuis que j’ai reçu la lettre d’invitation, je me suis enfermé dans un long et attentif tête-à-tête avec deux de ses films (deux seulement, hélas, car je n’en avais pas d’autres à ma disposition) : Le Message de Minamata au monde, en anglais, et surtout Les Victimes et leur univers, en japonais, sans sous-titres. Quel événement ! Bien sûr, j’avais étudié avec soin la documentation que j’avais pu rassembler sur la maladie de Minamata et son histoire – cet autre crime contre l’Humanité –, mais Tsuchimoto est un si merveilleux cinéaste, un créateur si rigoureux, que j’ai suivi passionnément le film, sans jamais perdre le fil, de la première à la dernière image. Je ne comprenais pas les paroles, j’entendais la voix calme, précise, à la fois humaine et neutre de Tsuchimoto lui-même, mais toujours, à l’instant où j’allais m’interroger, hésiter sur le sens de ce qui était effectivement dit, l’image intervenait pour commenter, appuyer, soutenir, secourir la parole et, à la lettre, l’illuminer. “1 1 Ich darf Norikai Tsuchimoto heute – und das aus gutem Grund – einen großen Künstler nennen, denn seit ich im Februar seine Einladung erhielt, habe ich mich zu einem langen, konzentrierten Zwiegespräch mit zwei seiner Filme zurückgezogen (die anderen standen mir leider 136 Osamu Wakatsuki 2013 erinnerte man sich im Kontext der Genfer Verhandlungen der Vereinten Nationen über das Minamata-Abkommen erneut an die weitreichenden Folgen der Quecksilbervergiftungen, an denen die Menschen der japanischen Stadt Minamata ab Mitte der 1950er-Jahre zu leiden hatte. Der Chemiekonzern Chisso hatte achtlos Quecksilberrückstände aus der Acetaldehyd-Produktion verklappt, die Menschen der Region hatten diese über Lebensmittel und Trinkwasser aufgenommen. Tsuchimoto Noriaki nahm sich ab den 1970ern Jahren in mehreren Dokumentationen dem Schicksal der Minamata-Opfer an und hatte dabei unterschiedliche Wege des filmischen Ausdrucks erprobt, um dem Leid der Betroffenen Ausdruck zu verleihen. Lanzmann selbst hat auf Berührungspunkte zu seiner eigenen Filmsprache verwiesen: « Mais il n’y a pas, chez Tsuchimoto, que des images belles, de « belles images ». Il y a aussi les micros baladeurs, les travellings chancelants, les zooms appuyés, brutaux, d’une caméra tout entière engagée dans l’action, caméra de combat, outil didactique qui obéit alors à une seule loi : instruire, enseigner, montrer, prouver, convaincre, mobiliser, dénoncer, décrire. Caméra de topographe et d’arpenteur, préoccupée des plus exacts détails, épousant là encore des démarches qui furent les miennes pendant les douze années de la réalisation de Shoah. »2 Die Begegnung der beiden großen Dokumentarfilmer Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto wurde von dem japanischen Regisseur Osamu Wakatsuki in einem eigenen filmischen Werk erinnert. Dieser Film aus dem Jahre 1996 dokumentiert nicht nur das Treffen von Lanzmann und Noriaki und Tokio, sondern zeigt die beiden auch im Gespräch und bei einer gemeinsamen Reise durch Japan – bis nach Minamata, an den Schauplatz der Katastrophe. Osamu Wakatsuki Film ist nicht nur Dokument, sondern zugleich filmische Reflexion über das Genre des Dokumentarfilms. Davon legt auch der Titel Zeugnis ab: The Meaning of Documenting. Seine Einladung zum Festkolloquium anlässlich des 90. Geburtstags von Claude Lanzmann an nicht zur Verfügung): The Message from Minamata to the World, in englischer Sprache, und Minamata: die Opfer und ihre Welt, auf Japanisch, ohne Untertitel. Was für ein Erlebnis! Freilich hatte ich die Dokumentationen, die ich über die Minamata-Krankheit und ihre Geschichte – diese andere Verbrechen gegen die Menschheit – auftreiben konnte, gründlich studiert, aber Tsuchimoto ist ein so wunderbarer Filmemacher und ein so peinlich genauer Gestalter, dass ich dem Film, vom ersten bis zum letzten Bild leidenschaftlich folgte, ohne den Faden zu verlieren. Ich hörte Tsuchimotos ruhiger, klarer, zugleich menschlicher und sachlicher Stimme zu, verstand aber die einzelnen Wörter nicht, genau in den Augenblicken, da ich unsicher wurde und nicht wusste, ob ich dem Film noch folgen konnte, kam mir ein Bild zur Hilfe, das kommentierte, unterstütze, dem Wort Beistand leistete und es buchstäblich erleuchtete. 2 Aber es gibt in Tsuchimotos Film nicht nur schöne Bilder, die « schönen Bilder». Es gibt auch Umhängemikrophone, wackelige Kamerafahrten, übertriebene und brutale Zoom-Aufnahmen einer ganz an der Aktion beteiligten Kamera, Gefechtskamera-Bilder – alles didaktisches Werkzeug, das einem einzigen Gesetzt folgt: dem Belehren, Unterrichten, Zeigen, Beweisen, Überzeugen, Mobilisieren, Anklagen, Beschreiben. Eine Kamera des Topographen und des Landvermessers, dem die kleinsten Einzelheiten am Herzen liegen – und auch hier verbindet sich wieder alles mit der Vorgehensweise, die ich während der zwölf Jahre dauernden Dreharbeiten für Shoah verfolgt habe. 137 Die Kunst der Dokumentation der Freien Universität Berlin erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch des Geehrten, der Wakatsukis Film auch bei verschiedenen Gelegenheiten in Paris selbst eingeführt und kommentiert hat. Ohne Prof. Dr. Irmela Hijiya-Kirschnereit und Oliver Hartmann von der Japanologie der Freien Universität wäre die Realisierung dieses Wunsches nicht möglich gewesen. In großem Dank sei ihnen die folgende Dokumentation der Rede von Osamu Wakatsuki vom 27. November 2015 gewidmet. Susanne Zepp Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich an dieser wissenschaftlichen Tagung anlässlich der Feier zum 90. Geburtstag von Claude Lanzmann (Le Regard du Siècle. Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag), den ich von Herzen verehre, teilnehmen darf. Claude Lanzmann bin ich bislang zweimal begegnet. Das erste Mal vor etwa 20 Jahren, als er nach Japan kam und die Gelegenheit hatte, sich mit dem japanischen Dokumentarfilmregisseur Noriaki Tsuchimoto über ihre Filme auszutauschen. Damals hatte der Film Shoah (1985) auch in Japan für beträchtliche Aufmerksamkeit gesorgt. Claude Lanzmann ist von allen Dokumentarfilmautoren der Regisseur, den ich am meisten respektiere. Noriaki Tsuchimoto war mein Lehrer. Von ihm habe ich das Einmaleins des Dokumentarfilms gelernt. Für beide – Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto – war dies erste Treffen eine außergewöhnliche Gelegenheit, sich über ihre Werke und Dokumentarfilme auszutauschen. Meine Idee, einen zweistündigen Dokumentarfilm zu drehen, der beide Regisseure während des Japanaufenthaltes von Claude Lanzmann begleitet, wurde positiv aufgenommen. So entstand für das Fernsehen die Sendung Kiroku surukoto no imi – Tsuchimoto Noriaki to Claude Lanzmann (Die Bedeutung der Dokumentation – Noriaki Tsuchimoto und Claude Lanzmann). Anlass für meine zweite Begegnung mit Claude Lanzmann war sein Film Tsahal (1994), der im japanischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender NHK an drei Abenden hintereinander ausgestrahlt werden sollte. Ich habe ihn in seiner Pariser Wohnung besucht und interviewt. Beide Male erzitterte mein Herz vor Ehrfurcht. 138 Osamu Wakatsuki Insbesondere das Gespräch zwischen Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto und ihre gemeinsame Reise in die Stadt Minamata – der Ort des Dokumentarfilms von Noriaki Tsuchimoto – und die Gespräche mit den Bewohnern von Minamata waren für mich sehr beeindruckend. Während dieser Reise habe ich sehr viele Hinweise erhalten, unter anderem was einen Dokumentarfilm ausmacht. Ich habe in diesen Tagen viel gelernt. Eigentlich wäre es besser, wenn ich Ihnen meinen damals gedrehten Dokumentarfilm zeigen könnte. Leider fehlt uns heute dafür die Zeit, so dass ich Ihnen heute davon erzählen möchte, was mir von damals als bleibender Eindruck geblieben ist. Was ich von Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto gelernt habe. Wie Sie alle wissen, hat Claude Lanzmann für seinen Dokumentarfilm Shoah 11 Jahre lang recherchiert und über 350 Stunden Filmmaterial gedreht, um daraus schließlich seinen neuneinhalbstündigen Dokumentarfilm zu produzieren. Noriaki Tsuchimoto greift die Minamata-Krankheit auf, die erstmals Mitte der 1950er Jahre in der von Fischerei geprägten Stadt Minamata auftrat. Die Krankheit wurde durch Verklappung von quecksilberhaltigen organischen Abfällen eines Chemiekonzerns verursacht. Die Landschaft des damals noch intakten Fischereidorfes wurde kontaminiert, die Einwohner wurden ihres Lebens und Daseins beraubt. Noriaki Tsuchimoto hat die Situation in Minamata eingehend verfolgt und in 30 Jahren insgesamt 15 Filme gedreht. Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto haben beide ausgegraben, was in der Dunkelheit der Geschichte verborgen war: ungerechte, grausame, verheimlichte und wichtige Tatsachen. Die Wahrheit wird anhand vieler einzelner Aussagen und unterschiedlicher Spuren sorgfältig aufgedeckt, zusammengestellt und ans Licht gebracht. Claude Lanzmann hat den Holocaust – die Ermordung von sechs Millionen jüdischer Menschen zwischen 1941 und 1945 – bis in aller Einzelheiten gründlich untersucht und die Existenz der Verstorbenen filmisch wieder auferstehen lassen. Wie wurden die jüdischen Menschen in die Vernichtungslager verbracht? Was ist dort passiert? Wie wurden sie ermordet? Mit unterschiedlichen Methoden sammelt Claude Lanzmann die Zeugnisse jener Zeit. Er leuch- 139 Die Kunst der Dokumentation tet das Dunkel der Geschichte aus, schaut sie geradewegs an und bringt die Gesamtheit aller kaltblütigen und grausamen Taten ans Licht. Claude Lanzmann erzählte, dass er anfangs gedacht habe, dass es keinen einzigen Überlebenden des Holocausts gäbe. Trotzdem habe er mit seiner Arbeit begonnen. Er habe viele Materialien gesichtet und Nachforschungen angestellt. Schließlich habe er eine Liste von 200 Überlebenden zusammengestellt und sich dann auf die Suche nach ihnen gemacht. Eine Arbeit, für die sicherlich viel Zeit, Energie und Geduld erforderlich waren. Bei einem Dokumentarfilm muss man jedem noch so kleinen Hinweis einzeln und sorgfältig nachgehen. Die daraus resultierenden Ergebnisse machen die Qualität eines Dokumentarfilms aus. Das wurde mir durch Claude Lanzmanns Ausführungen bewusst. Im Gespräch mit Noriaki Tsuchimoto sagt Claude Lanzmann: „Den Film Shoah habe ich einzig und allein entsprechend meines inneren Gesetzes gedreht.“ Während seiner einsamen Arbeit wurde er immer von den Gedanken getrieben, zu erfahren, was es bedeutet, dass Menschen nackt bei minus 20 Grad in der Gaskammer des Konzentrationslagers Treblinka gestorben sind. Um Tatsachen ans Licht zu bringen, müssen alle Informationen in den auch noch so kleinsten Details vollständig untersucht und sorgfältig geprüft werden. Und dann muss auch die Struktur des Films perfekt gestaltet werden. Claude Lanzmanns Leidenschaft, vielleicht kann man auch von Obsession sprechen, sehen wir in seinem Film Shoah. Sie zieht die Menschen in den Bann und mitten in die Geschichte hinein, die bisher im Verborgenen lag. Noriakis Tsuchimoto Methode ist etwas anders. Anders einerseits deshalb, weil sich die Realität des gesellschaftlichen Ereignisses zwischen Holocaust und der Minamata-Krankheit unterscheidet. Andererseits deshalb, weil sich auch die filmischen Methode unterscheiden. Noriakis Tsuchimoto Begegnung mit Minamata begann, als er den Auftrag erhielt, für das Fernsehen seine Dokumentarsendung über Kinder mit fetaler Minamata- Krankheit zu drehen. Es handelt sich um Kinder von Müttern, die täglich Fische, die mit organischem Quecksilber verseucht wurden, gegessen haben. Die Kinder dieser Mütter litten unter Symptomen ähnlich einer Zerebralparalyse. 140 Osamu Wakatsuki Während der Recherchen zur Sendung habe eine Mutter ihm etwas gesagt, das ihm ein Stich in seiner Brust verursachte: „Weshalb nehmen Sie mein Kind auf? Wird denn dadurch der Zustand meines Kindes besser? Wird denn dadurch unser Leben besser?“ Dabei hätte die Mutter ihn mit einem verzweifelten Blick angeschaut. Auf die anklagenden Worte dieser Mutter hatte er nichts zu entgegnen gewusst. Er verlor sein Selbstvertrauen, um die Sendung fertigstellen zu können. Nach Tagen des Zweifels und des schmerzhaftem Überlegens beschließt er, dennoch weiter zu machen. Doch bevor er wieder zur Kamera greift ist seine erste Handlung, mit den Opfern (in seinen Worten „Patienten“) der Minamata-Krankheit zu sprechen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Minamata-Krankheit beraubt die Opfer ihrer individuellen Würde. Noriaki Tsuchimoto entschließt sich ihre Lebensverhältnisse sowie ihr Leben an sich, neu in den Blick zu fassen. Deshalb unterstützt er seitdem die Opfer bei ihren Prozessen gegen den für die Quecksilberverseuchung verantwortlichen Chemiekonzern. Er besucht die Stadt Minamata immer wieder und begleitet die Menschen in ihrem Leben. Er hört sich ihre Geschichten an und versucht, auch sich selbst zu verändern. So gewinnt er das Vertrauen der Menschen in Minamata. Es entsteht der Film Minamata – Kanjasan to sono sekai (Minamata – Die Patienten und ihre Welt) (1971), ein Dokumentarfilm mit zwei Stunden und 47 Minuten Länge. Danach dreht er alle paar Jahre wieder einen neuen Film. Dabei geht es nicht nur um die Lage der Opfer der Minamata-Krankheit, sondern auch um den erstaunlichen Lebenswillen der dort lebenden Menschen und um die unendlich schöne Landschaft. Er hat nach Kräften etwas gesucht und gefunden, was man nur dann erfahren kann, wenn man tatsächlich selbst in die dortige Welt eintaucht. Er versucht das Wesentliche zu erfassen, was sich die Patienten für ihre Zukunft wünschen. Auf die Frage, warum er 30 Jahre lang das Thema Minamata aufgreift, antwortet Noriaki Tsuchimoto: „Das Publikum meiner Filme sind die Patienten der Minamata- Krankheit. Ich möchte den Patienten selbst zeigen, wer sie sind, und das sie durch ihren Kampf etwas erreicht haben. Das ist meine innere Motivation. Ich dokumentierte meine Freude, die ich durch die Begegnung mit ihnen 141 Die Kunst der Dokumentation empfunden habe. Es ist eine universelle Begegnung. Wenn ich sie in ihrer lebendigen Lebenssituation festhalten kann, dann wird das Publikum am Ende des Filmes eine Wärme spüren können; so wie ich in der eiskalten Stadt Minamata eine körperliche Wärme gespürt habe. Mit diesen Grundgedanken habe ich 30 Jahre lang gedreht.“ Noriaki Tsuchimoto hat also immer wieder neue Begegnung mit seinen Patienten. Er steht immer auf ihrer Seite und dokumentiert sein Verhältnis zu ihnen, in der Zuversicht, dass er nur dadurch eine neue Welt entdecken würde. Der Unterschied zwischen dem Zugang zu Shoah und Minamata liegt darin, dass es sich bei Minamata um einen endlosen Kampf handelt, und die Opfer noch heute unter den Folgen leiden. In seinen späteren Filmen zeigt Noriaki Tsuchimoto das verseuchte Meer und die quasi Wiederauferstehung der dort lebenden Menschen. Es geht um das üppige und schöne Meer und um die Menschen, die mit der Mut der Verzweiflung versuchen, dort weiter zu leben. In der Wirklichkeit ist es jedoch so, dass die Minamata-Krankheit als ein abgeschlossener Fall aufgefasst wird. Ihre Spuren werden mehr und mehr verwischt und ihre Geschichte gerät in Vergessenheit. Deshalb erfüllen Noriakis Tsuchimoto Dokumentarfilme eine wichtige Rolle. Gleiches gilt für den Holocaust. Die Spuren der Opfer verwischen nach und nach. Als Claude Lanzmann mit den Arbeiten zu Shoah begann, ist er davon ausgegangen, dass in Polen keinerlei Spuren mehr zu finden seien. Aber geht man an den Ort des Geschehens, dann gibt es Verschiedenes zu entdecken. Trotz des Planes der vollständigen Vernichtung der Juden gibt es Menschen, die wie durch ein Wunder überlebt haben. In dieser Ausgangssituation etwas zu finden, etwas zu entdecken, aus diesem Prozess entsteht der Film. Bei der ersten Begegnung von Claude Lanzmann mit den Überlebenden haben sie ihm sicherlich nicht sofort ihr Herz geöffnet oder einem Interview zugestimmt. Denn es sind Menschen, die unvorstellbar Schmerzhaftes erfahren haben – Menschen, deren Herzen verletzt worden sind – Menschen, die über die Vergangenheit nicht mehr sprechen möchten. Mit diesen Menschen geduldig zu verhandeln, ihr Vertrauen zu gewinnen und die Zusage für ein Interview zu bekommen – auch das ist ein 142 Osamu Wakatsuki Wunder. Das tief verwurzelte Schweigen der Zeugen ist sehr eindrucksvoll und verleiht dem Film Shoah seine ganz eigene Spannung. Das ist wohl auch der Grund dafür, weshalb Claude Lanzmann über das persönliche Leben und den Alltag der Protagonisten kein Wort verliert. Wichtig ist ihm herauszufinden, was die Zeugen seinerzeit selbst gesehen und was ihre Erinnerung geprägt hat. Ihm geht es darum, dies alles gründlich aufzudekken und die vergrabene Geschichte wieder ans Licht zu bringen. Der Schaffensprozess von Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto unterscheidet sich ein wenig. Beiden gemeinsam ist jedoch, dass sie weder den Holocaust noch die Minamata-Krankheit als einen tragischen geschichtlichen Vorfall eindimensional darstellen. Beide fragen sich immer wieder, warum so etwas geschehen konnte und was durch die Geschehnisse wem geraubt wurde. Freude, Zorn, Trauer und das Glück der Menschen, ihre Finsternis im Herzen, ihr Stolz und ihre Würde als Menschen – sie beide tauchen tief in die unsichtbare Welt hinein und porträtieren diese. Auf die Frage, was einen Dokumentarfilm ausmache, antwortete Noriaki Tsuchimoto:„Ein Dokumentarfilm ist das Aufeinanderschichten unterschiedlicher Entdeckungen. Entdeckungen durch eine Kamera, die eigenen Entdeckungen durch die Recherchen, die Entdeckung der universellen menschlichen Werte. Wenn man eine Welt, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, im Zuge eines Schaffungsprozesses sehen lernt, erscheint diese Welt in einer gänzlich anderen Form. Diesen Kristallisationspunkt herauszuarbeiten, das ist die eigentliche Arbeit eines Dokumentarfilms.“ Noriaki Tsuchimoto hat mich einmal gefragt, was der Unterschied einer Berichterstattung, also eines Nachrichtenfilmes und eines Dokumentarfilmes sei. Damals war ich noch Student und wusste es nicht besser. Die Aufgabe eines Nachrichtenmannes besteht darin, einen entscheidenden Moment seines Zeitalters festzuhalten. So wird die Beziehung zum Rechercheobjekt definiert. Das Objekt ist das Nachrichtenmaterial, mittels dessen die Gegenwart übermittelt wird. Deshalb auch baut ein Journalist keine Beziehung zum Rechercheobjekt auf. Er nimmt lediglich das auf, was gerade geschieht. Eine Exklusivmeldung vor allen anderen Journalisten zu ergattern, ist für ihn ein großartiger Erfolg. Natürlich sind derar- 143 Die Kunst der Dokumentation tige Bilder ebenfalls wichtig. Sie unterscheiden sich aber von den Bildern in den Arbeiten von Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto. Beide gehen einen anderen Weg. Sie entscheiden sich bewusst dafür, nicht mit dem mainstream zu gehen und Exklusivbilder oder entscheidende Momente aufzunehmen. Sie überlegen sich, wie sie ihre Recherchen gestalten, wie sie ihr Verhältnis zu ihrem Gegenüber aufbauen, was sie entdecken möchten. Darüber denken sie lange und ausgiebig nach, graben alle Facetten aus und bauen eine filmische Struktur auf. Ich glaube, dass dies eine Dokumentation ausmacht. Wie Noriaki Tsuchimoto sagt, geht es um unzählige kleine Entdeckungen, die übereinander geschichtet werden. Es geht um viele Stimmen, die zum Beispiel eine aktuelle Nachricht nicht übermitteln kann. Es geht um das Wesentliche eines Geschehens. Wir können täglich Nachrichtenbilder verfolgen und erfahren, was in der Welt tatsächlich geschieht. Aber sie werden sofort durch neue Nachrichten ersetzt. Nur einige Tage alte Vorfälle und Geschehnisse geraten schnell in Vergessenheit. Das Wesentliche eines Geschehens und sogar die darin involvierten Menschen werden sofort wieder vergessen; sie bleiben kaum in Erinnerung. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass eine Dokumentation in Erinnerung der Betrachter bleiben wird, wenn man tief in die Geschehnisse hineintaucht, viel Zeit für die Recherche aufbringt und sich dem Rechercheobjekt widmet und darauf basierend eine Dokumentation erstellt. Arbeiten, die in Erinnerung des Publikums bleiben sind eben solche Filme wie Claude Lanzmann Shoah oder Noriakis Tsuchimoto Minamata-Serie. Über den Dokumentarfilm, den ich in diesem Jahr gedreht habe 2015 habe auch ich einen Dokumentarfilm gedreht. Es ist der Kriegsfilm mit dem Titel Tsukuba kaigun kōkutai (Tsukuba Marineflieger). In diesem Jahr jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. Die Erinnerung daran aber verblasst. Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind älter geworden. Diejenigen, die damals 20 Jahre alt waren, sind heute 90 144 Osamu Wakatsuki – genauso alt wie Claude Lanzmann heute ist. Mein Vater gehört zu dieser Generation, auch er war im Krieg. Deshalb interessiert mich sehr, was mit der Kriegsgeneration damals geschehen ist. Ich hätte gerne ihre Erfahrungen gehört, doch die Gelegenheiten dazu werden von Jahr zu Jahr seltener. Dann sollte ich einen Dokumentarfilm über das so genannte „Kamikaze-Selbstmordkommando“ drehen. Ich werde hier nicht näher darauf eingehen, wie es dazu kam, weil das eine lange Geschichte ist. Der Film sollte von einer Marine-Flugausbildungseinrichtung handeln, die sich in der kleinen ländlichen Stadt Tsukuba befand. Dort wurden junge Männer in wenigen Monaten zu Piloten ausgebildet. Gegen Ende des Krieges zeichnete sich in Japan schon stark die Tendenz zu einer Niederlage ab. Es fehlte an Kampfpiloten, so dass Studenten der Geisteswissenschaften eingezogen wurden, um die nahende Niederlage doch noch abzuwenden. Sie sollten in einem Selbstmordkommando die gegnerischen Kriegsschiffe und Flugzeugträger attackieren, um sie sich mit ihrem mit Munition vollbelandenen Flugzeug auf die Schiffe der gegnerischen Streitkräfte zu stürzen. Mein Dokumentarfilm sollte diese Geschichte neu aufdecken. Es waren gewöhnliche Studenten, die plötzlich den Befehl zum Sterben erhielten. Was hat ihnen der Krieg geraubt? Was haben sie angesichts ihres gewissen Todes gedacht? Wie haben sie ihre letzten Tage verbracht? Was wollten sie beschützen? Durch die Interviews mit den Überlebenden habe ich versucht, das wahre Gesicht dieser jungen Männer darzustellen. Ich wollte nicht nur die Tragödie aufzeigen, die in Dunkel der Geschichte untergegangen ist. Vielmehr wollte ich einen Film drehen, der als Vermächtnis der damaligen Menschen für uns heutige Menschen dient. Deshalb habe ich die Überlebenden und die Angehörigen der Verstorbenen interviewt, die Aufzeichnungen der Verstorbenen gelesen und mich bemüht, ihre wahren Gedanken aufzudecken, die sie während des Krieges nicht in den Mund zu nehmen wagten. Die sogenannten „Kamikaze-Flieger“ werden in Japan als Helden dargestellt, die ihr Leben für das Vaterland geopfert haben. Die Wirklichkeit handelt aber nicht von einer tapferen Heldengeschichte. Die jungen Männer, die plötzlich mit ihrem „Sterben“ konfrontiert wurden, waren 145 Die Kunst der Dokumentation verwirrt, hatten Angst und versuchten unentwegt, irgendeinen Sinn in ihrem Sterben zu finden. Auch die Überlebenden hatten zu kämpfen: Die von mir interviewten Überlebenden hatten ihre Freunde und Kameraden verloren. Sie leben auch 70 Jahre nach Kriegsende geplagt von Reue und Schmerzen, dass sie – und nicht ihre Freunde und Kameraden – überlebt haben. In meinem Dokumentarfilm habe ich bewusst auch eine andere Tatsache gezeigt: Nämlich die durch die Attacken der Kamikaze-Flieger verursachten Schäden an der amerikanischen Flotte und ihren Mannschaften. Auf dem US-amerikanischen Flugzeugträger Bunker Hill sind zwei Kamikaze-Flieger aufgeschlagen und zerschellt. In dem entstandenen Höllenfeuer sind mehr als 600 Männer umgekommen. Die Kamikaze-Piloten waren demnach Kriegsopfer und -täter zugleich. Diese Selbstverständlichkeit und den Widersinn sowie die Sinnlosigkeit des Krieges zu verdeutlichen, war das Thema meines Filmes. Die Geschichte der einzelnen Personen konnte ich nur in einem Film zusammenfassen, weil ich die Unterstützung lokaler Freiwilliger bekommen habe, die in der Stadt der ehemaligen Ausbildungseinrichtung leben. Es sind Menschen, die nicht wussten, was während des Krieges in ihrer Stadt Tsukuba geschehen ist. Nachdem sie dies erfahren hatten, wollten sie ihr Erstaunen und ihr Entsetzen für die Nachwelt dokumentarisch festhalten. Das war ihre Motivation, einen Film zu drehen. Sie sammelten eine enorme Menge an Materialien und führten selbst Interviews der Beteiligten durch. Die Gedanken und das Mitgefühl dieser Freiwilligen haben letztendlich meinen Dokumentarfilm möglich gemacht. Wie bereits erwähnt, geht es in diesem Film nicht nur darum, Elend und Grausamkeit des Kriegs zu zeigen. Vielmehr soll er ein Werkzeug dafür sein, damit sich die heutigen Menschen mit dem Krieg auseinandersetzen können. In diesem Jahr ist in Japan das neue sicherheitspolitische Gesetz im Parlament verabschiedet worden (15.07.2015), das meiner Meinung nach einem Notstandsgesetz gleichkommt. Wenn jetzt in der Nähe Japans ein internationaler Konflikt ausbricht, besteht die Möglichkeit, dass auch Japan in einen Krieg hineingezogen wird. Mittels eines Filmes aus der Ge- 146 Osamu Wakatsuki schichte zu lernen – ich denke, dass dies die wichtigste Aufgabe eines Dokumentarfilms ist. Diese Aufgabe kam mir stark zum Bewusstsein, als ich den Film Shoah sah. Für mich, der damals kaum etwas über den Holocaust wusste, war Shoah ein Schock. Für mich war es der Anlass, über vieles neu nachzudenken. Die Mission eines Dokumentarfilms Heute kann jeder ganz einfach einen Film drehen. Nicht nur im öffentlichen Fernsehen, sondern auch auf YouTube oder den sozialen Netzwerken verbreiten sich Videofilme mit sehr privaten Inhalten gleich einer Überschwemmung. Es ist gut, dass die unterschiedlichsten Themen stets und jederzeit aufgezeichnet werden können. Allerdings geschieht dies meistens ohne Bewusstsein, ohne darüber eingehend nachgedacht zu haben. Die Dokumentarfilme von Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto weisen die Absicht der Autoren auf, die ein Zeitalter scharfsinnig analysieren und kommentieren. Ihre Bilder sind lyrisch und musikalisch, sie sind wie Gemälde und haben eine feste Struktur. Sie erzählen eine Geschichte und stacheln die Phantasie des Betrachters an; sie hinterlassen tiefe Spuren in seinem Gedächtnis. Wichtig ist, dass diese Dokumentarfilme eben nicht nur von ihnen als Regisseure alleine geschaffen wurden. Technische Mitarbeiter wie Kameramänner und andere Personen haben sie unterstützt. Deren Empfindungen und Ideen und Entdeckungen haben mit dazu beigetragen und ihrem Film die unterschiedlichsten Facetten verliehen. Beide, Claude Lanzmann und Noriaki Tsuchimoto, haben über mehrere Jahre lang ein Thema verfolgt. Ich selbst bin kein geduldiger und ausdauernder Mensch, so dass ich sie an dieser Stelle nicht nachahmen kann. Die Filme, die die beiden Regisseure geschaffen haben, gehören mit zum Erbe der Menschheit. Sie werden sicherlich als historisches Zeugnis der Nachwelt überliefert werden. Ich hoffe, dass auch in Zukunft noch derartige Dokumentarfilme gedreht werden können.

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.