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Omar Kamil, Februar 1967: Sartre in Kairo Über die Wahrnehmung von Kolonialverbrechen und Holocaust in:

Susanne Zepp (Ed.)

Le Regard du Siècle, page 107 - 134

Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3714-0, ISBN online: 978-3-8288-6847-2, https://doi.org/10.5771/9783828868472-107

Series: kommunikation & kultur, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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107 Omar Kamil Februar 1967: Sartre in Kairo Über die Wahrnehmung von Kolonialverbrechen und Holocaust1 Am 25. Februar 1967 traf Jean-Paul Sartre in Begleitung von Simone de Beauvoir und Claude Lanzmann im Rahmen einer Nahostreise in Kairo ein, wo er bis zum 13. März blieb. Sartres Besuch wurde vom ägyptischen Präsidenten Gamal Abd an-Nasser als ein „kulturelles Ereignis höchsten Ausmaßes“ gerühmt,2 Sartre zum Staatsgast erklärt und ihm ein gebührender Empfang bereitet. So stand unter anderem eine Audienz beim Präsidenten auf dem Programm, die Besichtigung ägyptischer Sehenswürdigkeiten wie der Sphinx und der Pyramiden von Gizeh sowie des Nationaltheaters, aber auch der Besuch einiger Flüchtlingslager im Gazastreifen, der damals unter ägyptischer Verwaltung stand. Auf Sartres Bitte hin wurden ihm außerdem eine Fahrt in ein ägyptisches Dorf im Nildelta sowie der Besuch einer Textilfabrik ermöglicht. Zu den Höhepunkten gehörten seine Vorlesung an der Kairoer Universität sowie eine Diskussionsrunde mit verschiedenen arabischen Intellektuellen. 1 Dieser Aufsatz ist eine überarbeite Fassung des zweiten Kapitels meines Buches „Der Holocaust im arabischen Gedächtnis. Eine Diskursgeschichte 1945-1967“, das 2012 im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlicht wurde. 2 Vgl. dazu al-ahram, 26. Februar 1967. 108 Omar Kamil Koloniale Erfahrung Eine Dekade zuvor, am 27. Januar 1956, hatte Sartre in Paris bei einer Veranstaltung des Comité d’action des intellectuels contre la poursuite de la guerre en Algérie gesprochen.3 Er wandte sich in seiner Rede gegen den nationalen Konsens, der Algerien als Teil von Frankreich sah, und diagnostizierte den Kolonialismus als ein „System“ mit einer längeren Vorgeschichte: Die Kolonialherrschaft ist weder ein Zusammenspiel von Zufällen noch das statistische Ergebnis Tausender individueller Unternehmen. Sie ist ein System, das um die Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, gegen 1880 Früchte zu tragen begann, nach dem Ersten Weltkrieg in seine Verfallsphase geriet und sich heute gegen die kolonisierende Nation kehrt. […] es ist nicht wahr, daß es gute Kolonialherren gäbe und andere, die böse sind: Es gibt Kolonialherren, das ist alles. Wenn wir das begriffen haben, werden wir verstehen, warum die Algerier recht haben, zunächst politisch den Kampf gegen dieses wirtschaftliche, soziale und politische System aufzunehmen, und warum ihre Befreiung und die Befreiung Frankreichs nur aus der Zerschlagung der Kolonialherrschaft hervorgehen kann.4 Ausgehend von seiner Kritik gegen den Kolonialismus als Ausbeutungssystem wendete sich Sartre an die französische Öffentlichkeit: Wir, Franzosen des Mutterlandes, können aus diesen Tatsachen nur eine Lehre ziehen: der Kolonialismus ist dabei, sich selbst zu zerstören. Aber er verpestet noch die Atmosphäre: er ist unsere Schande, er spricht unseren Gesetzen Hohn oder macht sie zu Karikaturen ihrer selbst; er infiziert uns mit seinem Rassismus […], er zwingt unsere jungen Leute, gegen ihren Willen zu sterben für die Naziprinzipien, die wir vor zehn Jahren bekämpften; er sucht sich zu verteidigen, indem er den Faschismus nach Frankreich hineinträgt. Unsere Rolle ist es, ihm beim Sterben zu helfen. Nicht nur in Algerien, sondern überall, wo er auftritt. […] Aber lassen wir uns vor allem nicht durch die 3 Die Rede von Sartre erschien knapp zwei Monate später unter dem Titel Le colonialisme est un système. Hier zit. nach Jean-Paul Sartre, Wir sind alle Mörder. Der Kolonialismus ist ein System. Artikel, Reden, Interviews 1947-1967, Reinbek bei Hamburg 1988, 15–31. 4 Ebd., 16 (Hervorhebungen im Original). 109 Februar 1967: Sartre in Kairo reformistische Mystifikation von unserer Aufgabe abbringen. Der Neokolonialist ist ein Schwachkopf, der noch glaubt, man könne das Kolonialsystem verbessern – oder ein Schlaumeier, der Reformen vorschlägt, weil er weiß, daß sie wirkungslos sind. Sie werden schon zur rechten Zeit kommen, diese Reformen: das algerische Volk wird sie durchführen. Das einzige, was wir versuchen können und müssen – aber das ist jetzt das Wesentliche – ist, an seiner Seite zu kämpfen, um die Algerier und zugleich die Franzosen von der kolonialen Tyrannei zu befreien.5 Sartres antikoloniales Engagement hatte bereits vor dem Ausbruch des Algerienkriegs 1954 begonnen. Er unterstützte seit Ende der 1940er Jahre die Unabhängigkeitsbestrebungen in Tunesien und Marokko. Sartre stand in Kontakt mit Farhat Abbas, einer führenden Persönlichkeit der algerischen Nationalbewegung. Die Algerienfrage geriet, während der Konflikt eskalierte, immer mehr in den Mittelpunkt von Sartres Denken. Dies steht in Zusammenhang mit der zunehmenden Bedeutung Algeriens für die französische Kolonialpolitik der 1950er Jahre. Insbesondere die französische Niederlage bei der Schlacht um Dien Bien Phu im Jahr 1954 veranlaßte die Algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN, moralisch ermutigt, ihre Anschläge auf Franzosen in Algerien zu verstärken. Die französische Regierung wollte jedoch auf keinen Fall eine zweite Niederlage erleiden und war nicht bereit, auf Algerien zu verzichten. Es wurde weiteres Militär nach Algerien verlegt, um die Anschläge zu bekämpfen. Sartre, der mit dem Vorwurf leben mußte, allzulange gewartet zu haben, ehe er sich der Résistance angeschlossen hatte, zögerte dieses Mal nicht. Er sah es als seine Pflicht an, das von ihm propagierte Engagement der Intellektuellen zu praktizieren, und gründete 1955 das Comité d’action des intellectuels contre la poursuite de la guerre en Algérie, dessen Ziel es war, die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens zu unterstützen. In erster Linie diente dieses Komitee dazu, die französische Öffentlichkeit für die Unabhängigkeit zu gewinnen. So zielten die Aktivitäten des Komitees vor allem darauf, die brutale Kolonialpolitik der Franzosen aufzudecken. Zu diesem 5 Ebd., 30 f. (Hervorhebungen im Original). 110 Omar Kamil Zweck unterstützte das Komitee auch den Philosophen und ehemaligen Résistancekämpfer Francis Jeanson in seinem antikolonialen Engagement in Algerien. Sartre förderte gegen den Willen der französischen Regierung die Veröffentlichung des von Jeanson und seiner Frau verfassten Buches L’Algérie hors la loi (1956), das die französische Kolonialpolitik in Algerien scharf verurteilte. Auch markiert die Gründung des Komitees die in den fünfziger Jahren nicht mehr zu ignorierenden heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Sartre und der Kommunistischen Partei Frankreichs. Sartre kritisierte das Schweigen der Kommunisten über die brutale Kolonialpolitik der Franzosen in Algerien. Im Jahr 1956 trat er aus Protest offiziell aus der Partei aus, weil die Kommunisten im Parlament für die Wahl des sozialistischen Politikers Guy Mollet zum Ministerpräsidenten gestimmt hatten und damit seine Politik der Fortsetzung der Kolonialherrschaft in Algerien unterstützten. Dem algerischen Historiker Muhammad Harbi zufolge entdeckte Sartre mit diesem Schritt für sich ein neues Subjekt der Geschichte, „das radikaler war als das Proletariat: die Kolonisierten“.6 Diese Entdeckung sollte Sartres Engagement in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre prägen, sodaß er ab 1957 immer deutlicher in der französischen Öffentlichkeit als Fürsprecher und Verteidiger des algerischen Unabhängigkeitskampfes auftrat. Er verteidigte dabei etwa militärische Anschläge der Algerier auf die Franzosen als legitime Mittel zur Bekämpfung des Kolonialismus. So scheute er sich nicht, sich gegen die Mehrheit der Franzosen zu stellen und als Zeuge zugunsten des algerischen Attentäters Ben Sadok zu erscheinen, der den Vizepräsidenten der algerischen Nationalversammlung Ali Chekkal ermordet hatte, weil dieser in seinem Amt französische Kolonialpolitik vertreten hatte.7 Zu den bekanntesten Interventionen zählt ferner Sartres Unterschrift unter das Manifest der 121, jener Deklaration für das Recht der Kriegs- 6 Vgl. dazu Mohammed Harbi, Une conscience libre, in: Les Temps Modernes, (531) 1990. Der algerische Historiker Mohammed Harbi, ehemaliges Mitglied der algerischen Nationalbewegung, lebt heute in Frankreich. 7 Zur Ermordung Ali Chekkals vgl. Ordeal without End, in: Time, 10. Juni 1957, und The Guilty One, in: Time, 23. Dezember 1957. 111 Februar 1967: Sartre in Kairo dienstverweigerung im Algerienkrieg, das auch Claude Lanzmann signiert hatte.8 Darüber hinaus trat die von Sartre herausgegebene Zeitschrift Les temps modernes mit zahlreichen Aufsätzen und mehreren Sonderausgaben für die Sache der Algerier auf und setzte sich sogar für die Verteidigung der Mitglieder der FLN vor Angriffen in der französischen Öffentlichkeit und gegen die Hinrichtung von algerischen Kämpferinnen wie Djamila Bouhired und Djamila Boupacha ein.9 Sartre entwickelte sich damit beinahe zu einem Staatsfeind. Zweimal versuchte die französische Untergrundorganisation Organisation Armée Secrète ihn umzubringen; manche forderten seine Verhaftung, was de Gaulle jedoch strikt ablehnte. Ikonisch ist de Gaulles Satz geworden, mit dem er seine Ablehnung begründete: „On n’arrête pas Voltaire.“ Sartres Engagement in der Algerienfrage beschränkte sich nicht auf öffentliche Aktionen, sondern hatte zugleich großen Einfluss auf den antikolonialen Diskurs in Frankreich insgesamt, der zunehmend von Wut auf das eigene Land, aber auch von Respekt für die kolonialisierten Algerier geprägt war. Dieser Diskurs kann kaum deutlicher nachvollzogen werden als in den Texten, die Sartre als Vorworte zu drei kolonialismuskritischen Werken, Portrait du colonisé, La question und Les damnés de la terre10, verfasste. Als im Jahr 1957 die Studie Portrait du colonisé in Paris erschien, kannte kaum jemand in Frankreich ihren Verfasser. Der in einem jüdischen Elternhaus in Tunesien geborene und aufgewachsene Albert Memmi wunderte sich selbst über die Aufmerksamkeit, die seinem Buch zuteilwurde. 8 Zum Manifest der 121 vgl. Michael Winock, Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz 2003, 679-694; Annie Cohen-Solal, Sartre 1905–1980, Reinbek bei Hamburg 1988, 632-655. 9 Zum Fall von Djamila Bouhired und Djamila Boupacha vgl. James D. L. Sueur, Torture and the Decolonisation of French Algeria. Nationalism, Race, and Violence in Colonial Incarceration, in: Graeme Harper (Hg.), Captive and Free. Colonial and Post-Colonial Incarceration, London 2001, 161-175; Elizabeth Warnock Fernea/Basima Quattan Bezirgan, Interviews with Jamilah Buhrayd, Legendary Algerian Hero, in: dies. (Hgg.), Middle East Muslim Women Speak, Austin 1978, 251-262. 10 Es handelt sich um die drei folgenden Werke: Albert Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Portraits, Hamburg 1994; Henri Alleg, Die Folter, Berlin 1958; Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a. M. 1969. 112 Omar Kamil Er erinnerte sich 1966: „Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, mir sei die ganze Bedeutung dieses Buches von Anfang an klar gewesen.“11 Warum interessierte sich Sartre für diesen unbekannten Autor? Vermutlich war es die Erfahrung von kultureller Hybridität dieses jüdisch-arabischen Franzosen, die Sartre auf das Werk aufmerksam gemacht hatte: Was ist er nun in Wahrheit? Kolonisator oder Kolonisierter? Er selbst würde sagen: weder das eine noch das andere; Sie [der Leser] vielleicht: sowohl das eine wie das andere; im Grunde kommt es auf dasselbe hinaus. […] Memmi hat diese doppelte Solidarität und diese doppelte Zurückweisung erfahren: die Spannung, die die Kolonisatoren den Kolonisierten und die ‚sich selbst verneinenden Kolonisatoren‘ den ‚sich selbst bejahenden Kolonisatoren‘ entgegengestellt. Er hat sie gut verstanden, weil er sie zuerst als seinen eigenen Widerspruch erfahren hat. Er zeigt in seinem Buch vortrefflich, daß diese seelischen Zerrissenheiten, bloße Verinnerlichungen der sozialen Konflikte, einen nicht zum Handeln disponieren.12 Die Bedeutung von Portrait du colonisé lag vor allem in der hier dargestellten Gleichzeitigkeit von „Kolonisator“ und „Kolonisiertem“, die in den Augen Sartres die unterschiedlichen Perspektiven zur Frage der Kolonialgewalt in ihrer Widersprüchlichkeit verstehen half. Reflexionen über Macht und Gewalt bildeten einen zentralen Aspekt in Sartres eigenem antikolonialem Diskurs. Bereits 1956 schrieb er über die Kolonialisierung Algeriens: Nur durch Gewalt konnte das Land erobert werden; zur Sicherung der gnadenlosen Ausbeutung und Unterdrückung bedarf es des ununterbrochenen Einsatzes von Gewalt, von Polizei- und Armeekräften. […] Der Kolonialismus verweigert den Menschen, die er mit Gewalt unterworfen hat und die er gewaltsam in Elend und Unwissenheit, Marx würde sagen, im Zustand der ,Untermenschlichkeit‘ hält, die Menschenrechte. Der Rassismus prägt alle Vorfälle, alle Institutionen, alle Beziehungen und alle 11 Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte, Zwei Portraits, 11 12 Jean-Paul Sartre, Vorwort, in: Albert Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Portraits, Hamburg 1994, 1-7, hier 5. 113 Februar 1967: Sartre in Kairo Produktionsweisen.13 Im antikolonialen Diskurs der französischen Intellektuellen rückte die Folter mehr und mehr in den Mittelpunkt der Reflexionen. Diese Debatte war untrennbar mit dem Namen Henri Alleg verbunden. Der aus einer englisch-polnischen Familie stammende Alleg hatte sich der französischen Kolonialmacht in Algerien widersetzt, wurde im Juni 1957 von der französischen Armee festgenommen und in Algier gefoltert. Er verfasste ein Buch über seine eigene Folterung durch französische Soldaten und veröffentlichte es unter dem Titel La question. Das Buch rief Empörung und Entsetzen in Paris hervor, denn es beschrieb Foltermethoden, wie sie auch von den Nationalsozialisten gegen die Franzosen angewendet worden waren, und suggerierte eine Gleichsetzung der französischen Republik mit Nazideutschland. Sartre stellte in seinem Vorwort zu Allegs Buch die Kolonialgewalt in Algerien in unmittelbare Nachbarschaft zu den Gräueltaten der Nazis in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges: 1943 schrien in der Rue Lauriston Franzosen vor Angst und Schmerz;14 ganz Frankreich hörte sie. Der Ausgang des Krieges war ungewiss, und wir wollten nicht an die Zukunft denken; eines jedenfalls erschien uns unmöglich: daß jemals in unserem Namen Menschen zum Schreien gebracht werden könnten.15 Aus den historischen Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg heraus konfrontierte Sartre die französische Öffentlichkeit mit ihrer Verantwortung für die Kolonialpolitik: Als während des Weltkriegs der englische Rundfunk und die Untergrundpresse uns über Oradour berichtet hatten,16 blickten wir auf die deutschen Soldaten, die mit harmloser Miene durch die Straßen schlenderten, und sag- 13 Jean-Paul Sartre, Kolonialismus und Neokolonialismus, Reinbek bei Hamburg 1968, 12. 14 In der Rue Lauriston befand sich während der deutschen Besatzung das Hauptquartier der französischen Gestapo, in dem es zur Befragung und Folterung vom Nazigegnern kam. 15 Jean-Paul Sartre, Der Kolonialismus ist ein System. Artikel, Reden, Interviews 1947-1967, Reinbek bei Hamburg 1988, 49. 16 Die französische Gemeinde Oradour-sur-Glan wurde im Sommer 1944 von der SS in einer Terroraktion vollständig zerstört, wobei nahezu alle 642 Einwohner, darunter 240 Frauen und 213 Kinder, erschossen oder lebendig verbrannt wurden. 114 Omar Kamil ten uns: ‚Das sind doch Menschen, die uns ähneln. Wie können sie so etwas tun?‘, und wir waren ganz stolz auf uns, weil wir das nicht verstanden. Heute wissen wir, daß es nichts zu verstehen gibt: alles hat sich unmerklich vollzogen, durch winzige Preisgaben, und als wir endlich den Kopf hoben, sahen wir im Spiegel ein fremdes, ein hassenswertes Gesicht: unser eigenes.“17 Sartre radikalisierte sich aufgrund des Verbots von La question und angesichts der Eskalation des Algerienkriegs in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Ab diesem Zeitpunkt klagte er die französische Öffentlichkeit insgesamt an: „Die hiesige Wählerschaft ist ein einheitlicher Korpus; wenn das Krebsgeschwür sich erst eingenistet hat, wird es sich unweigerlich sofort auf alle Wähler ausbreiten.“18 Hierbei berief sich Sartre auf den antillischen Schriftsteller Aimé Césaire, der 1955 in seiner Rede zum Kolonialismus gefordert hatte: „Als Erstes sollte untersucht werden, auf welche Weise die Kolonialpolitik darauf abzielt, den Kolonisator zu entzivilisieren, […] eine Regression, die sich breit macht, ein Krebsgeschwür, das sich einnistet, ein Infektionsherd, der immer größer wird.“19 Sartres berühmtes Vorwort zu Frantz Fanons Les damnés de la terre von 1961 ist der letzte der drei hier zu kommentierenden Texte.20 Der 1925 auf Martinique geborene Fanon hatte Medizin und Philosophie in Lyon studiert und als französischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gedient. Anfang der 1950er Jahre war er nach Algerien gelangt, wo er seitdem als Psychiater arbeitete. Dort widersetzte sich Fanon der französischen Kolonialpolitik und schloss sich der algerischen Nationalbewegung an. In Die Verdammten dieser Erde stilisierte Fanon die antikoloniale Befreiungsbewegung zum „revolutionären Subjekt“.21 Zentrales Sujet seiner Analyse war die Frage der 17 Jean-Paul Sartre, Der Kolonialismus ist ein System, 49. 18 Ders., La Constitution du mépris, in : L’Express, 11. September 1958. 19 Aimé Césaire, Über den Kolonialismus, Berlin 1968, 6. 20 Zit. nach der deutschen Übersetzung: Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a. M. 1969. Zum Vorwort Sartres in Fanons Werk vgl. Neil Roberts, Fanon, Sartre, Violence, and Freedom. In: Sartre Studies International. Vol. 10, No. 2 (2004), 139-160; Sonia Kruks, Fanon, Sartre, and Identity Politics, in: Lewis R. Gordon/ T. Denean Sharpley-Whiting/ Renee T. White (Hgg.), Fanon. A Critical Reader, Oxford 1996, 122-133. 21 Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 1969. 115 Februar 1967: Sartre in Kairo Gewalt als Mittel der Befreiung der Kolonialisierten von der Herrschaft der Kolonialisten. Dabei strebte er nicht nur die physische Befreiung an, es ging ihm auch um die Frage, wie der Kolonialisierte sein Menschsein, das der Kolonialismus ihm geraubt hatte, wiedererlangen könne. Fanon hatte den großen Kolonialkritiker Sartre um ein Vorwort gebeten, und Sartre war seiner Bitte gefolgt. Zwei Gründe mögen die Entscheidung beeinflusst haben. Zunächst die Gleichgültigkeit der französischen Öffentlichkeit hinsichtlich der barbarischen Vorgehensweise ihrer Kolonialarmee in Algerien: Es ist nicht gut, meine Landsleute, Sie, die Sie all die in unserem Namen begangenen Verbrechen kennen, es ist wirklich nicht gut, daß Sie niemandem auch nur ein Wort davon sagen, nicht einmal Ihrer eigenen Seele, aus Angst, über sich selbst zu Gericht sitzen zu müssen. Anfangs haben Sie nichts gewußt, ich will es glauben, dann haben Sie gezweifelt, jetzt wissen Sie, aber Sie schweigen immer noch. Acht Jahre Schweigen, das korrumpiert. […] Jedes Mal, wenn sich heute zwei Franzosen begegnen, ist eine Leiche zwischen ihnen. Sagte ich, eine‘? Frankreich war einst der Name eines Landes. Passen wir auf, daß es nicht der Name einer Neurose wird.22 Der zweite Grund, der Sartre bewogen haben mag, das Vorwort zu schreiben, liegt in den von Fanon vertretenen Ansichten selbst: Sicher, Fanon erwähnt beiläufig unsere berühmten Verbrechen, Sétif, Hanoi, Madagaskar, aber er macht sich nicht einmal die Mühe, sie zu verurteilen: er benutzt sie nur. Wenn er die Taktiken des Kolonialismus auseinandernimmt, das komplexe Spiel der Beziehungen, die die Kolonialherren mit dem ‚Mutterland‘ verbinden oder in Gegensatz zu ihm bringen, so tut er das alles für seine Brüder. Sein Ziel ist es, ihnen beizubringen, wie man unsere Pläne vereiteln kann. Kurz, durch diese Stimme entdeckt die Dritte Welt sich und spricht zu sich.23 22 Jean-Paul Sartre, Vorwort, in: Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 7–26, hier 24 f. 23 Ebd., 9 (Hervorhebungen im Original). 116 Omar Kamil Fanon warnt also vor einer außereuropäischen Generation, die sich von Europa loslöst beziehungsweise eine europafeindliche Haltung einnimmt, und appelliert: Verlieren wir keine Zeit mit sterilen Litaneien oder ekelhafter Nachäfferei. Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Stra- ßen, an allen Ecken der Welt. Ganze Jahrhunderte lang […].24 Sartre unterstützte dessen Forderung nach einem Weg in die Unabhängigkeit durch gewalttätigen Widerstand. Erneut zollte er den algerischen Kämpfern Anerkennung und nahm dabei eine „axiologische Umkehrung“25 vor: Sartre verlieh den Mitteln, mit denen sich der Kolonisierte gegen seinen Kolonialherren richtet, um sich aus der Knechtschaft zu befreien, einen positiven Wert: „Gibt es eine Heilung?“, fragte Sartre und fügte hinzu: „Ja. Die Gewalt kann, wie die Lanze des Achill, die Wunden vernarben lassen, die sie geschlagen hat.“26 Sartre pries mit seiner Legitimierung antikolonialer Gewalt das Ende der Epoche des im 19. Jahrhundert etablierten europäischen Kolonialismus und würdigte zugleich das Entstehen einer neuen und unabhängigen Sprache der Kolonisierten. Fanon stand emblematisch für die Wandlung eines ehemaligen Unterdrückten zum gleichberechtigten politischen Partner. Eine Wandlung, die alarmierende Wirkung für Europa haben sollte: Europäer […] habt den Mut ihn [Fanon] zu lesen […]. Ihr seht, auch ich kann mich nicht von der subjektiven Illusion freimachen. […] Als Europäer stehle ich einem Feind sein Buch und mache es zu einem Mittel, Europa zu heilen. Profitiere davon!27 24 Ebd., 8. 25 Anne Mathieu, Un engagement déterminé contre le colonialisme. Jean-Paul Sartre et la guerre d’Algérie, in : Le Monde diplomatique, November 2004, 31. 26 Jean-Paul Sartre, Vorwort, in: Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a. M. 1969, 7–26, 25. 27 Ebd., 12. 117 Februar 1967: Sartre in Kairo Die Gewalt erschien dabei als eine dialektische, die das Verhältnis zwischen dem Kolonisator und dem Kolonisierten bestimmt und letztlich zur Entkolonialisierung führt: Wir [Europäer] haben den Wind gesät, er [Fanon] ist der Sturm. Ein Sohn der Gewalt, schöpfte er aus ihr in jedem Augenblick seine Menschlichkeit: Wir waren Menschen auf seine Kosten, jetzt macht er sich auf unsere Kosten zum Menschen. Zu einem neuen Menschen – von besserer Qualität.28 Fanons Buch Les damnés de la terre hat Geschichte gemacht. Nicht allein, weil es in 17 Sprachen übersetzt wurde und eine Auflage von einer Million erreichte.29 Das Buch erschien in einer politisch sensiblen Zeit und wurde zum Bezugstext aller entkolonialisierten Völker und antiimperialistischen Bewegungen. Gescheitertes Gespräch Der Besuch im Februar und März 1967 war durch interkulturelle Missverständnisse zwischen den französischen Gästen Sartre, Beauvoir und Lanzmann und den ägyptischen Gastgebern geprägt. Drei Episoden können hierfür als Beleg herangeführt werden. Die Ägypter sahen in Sartre einen Kämpfer für die Freiheit der kolonialisierten Völker und empfingen ihn demnach wie ein Idol. In al-tali‘a war kurz vor dem Besuch zu lesen: Am vierten dieses Monats lädt die al-ahram Sartre [nach Kairo] ein. Er wird in Begleitung seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir und Claude Lanzmanns, eines Redakteurs der in Paris herausgegebenen Les temps modernes, kommen. Sartre ist nicht nur ein Philosoph […], sondern ein politischer Kämpfer von besonderem Schlag. […] Seinen politischen Ansichten verleiht er in literarischer Form Ausdruck, in Romanen, Theaterstücken oder Literaturkritik. […] Man mag Sartre zustimmen oder andere Ansichten hegen, ihm gebührt unser aller Respekt, Würdigung und Interesse als Denker, Literat 28 Ebd., 20. 29 Vgl. Annie Cohen-Solal, Sartre 1905–1980, Reinbek bei Hamburg 1988, 657. 118 Omar Kamil und Mensch. Wir präsentieren heute dem Leser ein Dossier über diesen intellektuellen Kämpfer, um sein Denken zu verfolgen und damit auch die Zeit zu verstehen, in der wir leben, weil Sartre ein Zeichen dieser Zeit ist!“30 Alle Zeitungen in Kairo und in Beirut erschienen mit Schlagzeilen vom „Helden“, „Avantgardisten“ oder „Freidenker“ Sartre. Solche Attribute brachten den Geehrten in Verlegenheit. Eine peinliche Situation entstand während eines Empfangs an der Universität Kairo. Der Dichter Muhammad Ibrahim Abu-Sina folgte der Tradition arabischer Gastfreundschaft und trug einen Lobgesang über Sartre vor. Als der Poet Sartre als „das Gewissen der Menschheit“ bezeichnete, unterbrach ihn der Franzose lächelnd und forderte seinen französischen Begleiter ironisch dazu auf, etwas gegen die übertriebene Höflichkeit der Ägypter zu unternehmen. Die Amüsiertheit der Franzosen erschien den Ägyptern jedoch als Affront. Für einen Moment herrschte Totenstille im Saal. Rasch nahm Lutfi al-Khouli das Wort, um das Thema zu wechseln und die Situation zu entschärfen.31 Ein anderes Missverständnis sollte sehr viel gravierendere Auswirkungen haben als diese Szene: Die Ägypter störten sich am engen Verhältnis Sartres zu seinem Begleiter Claude Lanzmann. Aida ash-Sharif, damals Korrespondentin der libanesischen Zeitschrift al-adab in Kairo, erinnerte sich in ihren Memoiren von 1995 an Sartres Besuch und die vermeintliche Rolle Lanzmanns dabei.32 Sie machte unverblümt den „Juden“ Lanzmann für das Scheitern der Begegnung verantwortlich. Auch andere arabische Berichte klagten über „den Juden“, der Sartres Aufenthalt in Ägypten schweigsam und lustlos begleitet habe. Diese Haltung wurde in Kreisen 30 Al-tali‘a, Sonderdossier, sārtar faylasufan. sārtar naqidan riwa’iyyan wa-masrahiyyan. sārtar siyasiyyan [Sartre als Philosoph. Sartre als Kritiker und Schriftsteller. Sartre als politischer Intellektueller], in: al-tali‘a 2 (Februar 1967), Editorial, 120–163, hier 120. 31 Diese Anekdote berichtete mir der ägyptische Marxist Mahmud Amin al-‘alim (1922–2009) in seinem Büro in Kairo am 24. Februar 2006 in einem Gespräch über den Einfluss Sartres auf die arabischen Intellektuellen der 1960er Jahre. Zur arabischen Wahrnehmung Sartres als „Gewissen der Menschheit“ vgl. außerdem den ägyptischen Kulturkritiker Gabir Asfur zur Dokumentation arabischer Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des französischen Intellektuellen: hawamish li-l-kitaba. dhikrayat sārtar [Randnotizen. Erinnerungen über Sartre], in: al-hayat, 4. Januar 2006. 32 Aida ash-Sharif, shahid rub‘ qarn [Ein Vierteljahrhundert-Zeuge], Kairo 1995, 23–46. 119 Februar 1967: Sartre in Kairo ägyptischer Intellektueller als „ein jüdischer Versuch zur Sabotage“ bewertet. Tatsächlich kam Lanzmann lustlos und bedrückt nach Kairo, der Grund war jedoch rein privater Natur. Seine Schwester Evelyne Rey hatte eine Liebesbeziehung zu einem Angehörigen der algerischen Nationalbewegung FLN gehabt. Als dieser in ein höheres Amt nach Algerien berufen wurde, konnte sie ihn aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht begleiten. Die Beziehung war zu Ende gegangen, und Lanzmanns Schwester hatte sich – wohl auch in Verzweiflung über die verlorene Liebe – das Leben genommen. Daß dieses Familiendrama in der arabischen Öffentlichkeit bekannt war, ist unwahrscheinlich. Doch fest steht, daß Claude Lanzmann in einer Weise wahrgenommen wurde, die die ägyptischen Gastgeber provozierte und während des Empfangs Sartres beim ägyptischen Präsidenten zum Eklat führte. Die Begegnung zwischen Nasser und Sartre verlief zwar wie im Protokoll vorgesehen, doch die ägyptische Presse, die normalerweise die Audienzen beim Präsidenten ausführlich dokumentierte, veröffentlichte in diesem Falle keine Bilder. Auch in allen anderen arabischen Zeitungen wurde über den Besuch berichtet: Man sieht Fotos von Sartre beim Teetrinken mit einigen Bauern oder inmitten von ägyptischen Arbeitern, Bilder, die ihn in Touristenpose gemeinsam mit Simone de Beauvoir vor der Sphinx und den Pyramiden zeigen – doch es wurde kein einziges Foto mit dem Präsidenten veröffentlicht. Aida ash-Sharif erklärt dies in ihren Memoiren wie folgt: Ich öffnete die offizielle Tageszeitung und war überrascht, daß kein Foto von dem Treffen mit Nasser vorhanden ist. So fuhr ich anschließend ins Öffentlichkeitsbüro des Präsidenten und verlangte als Korrespondentin von al-adab nach einem Foto von Sartre gemeinsam mit Nasser, um es in der nächsten Ausgabe zu veröffentlichen. Der zuständige Mitarbeiter dort reagierte entschieden: ‚Madam Aida, wir haben keine Fotos.‘ ‚Wie, Sie haben keine Fotos gemacht?‘ ‚Doch‘, erwiderte der Mitarbeiter, ‚es wurden Fotos gemacht, aber die Zensur vernichtete sie mit Einverständnis des Präsidenten.“33 33 Ebd., 35–37. 120 Omar Kamil Was war Grund dieser Zensur? Alle Bilder von Sartre und Nasser zeigten auch Claude Lanzmann, aber dies in einer Sitzhaltung, die im arabischen Raum einen Affront darstellen kann: Lanzmann hatte auf jedem der Bilder die Beine übereinandergeschlagen. Diese Haltung dürfen indes nur Personen einnehmen, die von gleichem Rang sind. Nasser stand im Frühjahr 1967 im Zenit seiner Macht, war mehr als ein ägyptischer Staatspräsident: Er verkörperte das Projekt der einen arabischen Nation, er war das Emblem der arabischen Sache. Die Zensurbehörde fürchtete die Macht dieser symbolischen Bilder: Nasser durfte nicht als auf einer Stufe mit einem „jüdischen Redakteur“ stehend erscheinen.34 Doch nicht die interkulturellen Missverständnisse allein waren für das Scheitern des Empfangs verantwortlich. Vor allem die Statements Sartres zu politischen Fragen enttäuschten die arabischen Gastgeber. Von Suhail Idris war Sartre in al-adab so begrüßt worden: Im Namen aller arabischen Intellektuellen heißen wir Sartre herzlich willkommen. Wir sind ihm auch dankbar dafür, daß er sich ungeachtet der zionistischen Propaganda für Kairo als erste Station seiner Nahostreise entschieden hat. Doch wir erwarten, daß Sartre und de Beauvoir den Zionismus ein für alle Mal als imperialistische, reaktionäre und usurpatorische Bewegung öffentlich verurteilen.35 Ähnliche Erwartungen hatten auch die Gastgeber in Kairo. Die ägyptische Wochenzeitschrift al-tali‘a formulierte diese nicht so explizit wie das libanesische Blatt, sondern beschränkte sich in seiner Vorankündigung auf die Nennung von Themen, die der Gast aus Paris ihrer Meinung nach in Kairo diskutieren sollte. Die ägyptische Kulturzeitschrift ließ dabei zwar Philosophie, Kritik, Literatur und Theater nicht unerwähnt, porträtierte jedoch in erster Linie „den politischen Sartre“, dessen Stimme „zu den ersten und 34 Vgl. ebd. Auf Anfrage von Journalisten hatte das Pressebüro des Präsidenten ein offizielles Foto zugelassen, auf dem der Präsident zwischen Sartre und Simone de Beauvoir steht, während Claude Lanzmann nur am Rande der Aufnahme zu sehen ist. 35 Suhail Idris, ahlan bi-sārtar wa-simun! [Willkommen, Sartre und Simone!], in: al-adab 15 (1967), H.3, 1-3, hier 1. 121 Februar 1967: Sartre in Kairo lautesten gehörte, die sich für die Unabhängigkeit Algeriens einsetzten und den Kolonialkrieg, die Unterwerfung und die brutalen Foltermethoden verurteilten, denen das algerische Volk ausgesetzt war“.36 Zwischen den Zeilen fand sich somit eine kaum verhüllte Erwartungshaltung, die dem politischen Denker galt, nicht aber dem Philosophen. Man hoffte, der Philosoph möge Israel und die Unterdrückung der Palästinenser ausdrücklich und öffentlich verurteilen und dadurch deutlich den westlichen Kolonialismus ächten. Doch diese Erwartung wurde enttäuscht: Sartre erschien an der Kairoer Universität und hielt in Anwesenheit von 6.000 Gästen, einschließlich der versammelten intellektuellen Elite der arabischen Welt, eine Rede, die weder Palästina noch Israel oder den Kolonialismus, sondern „die Verantwortung der Intellektuellen in der modernen Gesellschaft“ zum Thema hatte.37 Sartre bat die Anwesenden um Verständnis dafür, daß er in seinem Vortrag über Philosophie reden werde, über die Politik dagegen erst während der Diskussion. Aber auch in der anschließenden Diskussion wurde politischen Themen kaum Platz eingeräumt, über Palästina wurde nur eine einzige Frage gestellt. Lutfi al- Khouli als Moderator der Sitzung begründete diese Enthaltsamkeit so: „Die Fragen zum Palästinakonflikt werden wir in einer Frage formulieren, da alle Fragen sich um das gleiche Thema drehen.“38 Jene heikle Frage durfte ein gewisser Fathi Ahmad Ibrahim von der Fakultät für Literatur stellen: Sie [Sartre] haben sich mit ihrer Meinung in allen verschiedenen Fragen der Befreiungsbewegung eingemischt. Nun haben Sie den Gazastreifen besucht und haben die bösartigsten und verbrecherischsten Greueltaten des Kolonialismus und des Zionismus in ihrer wahren Gestalt erlebt. Wir wissen, daß Sie unter dem Kolonialismus des deutschen Nazismus gelitten haben. Und 36 Sonderdossier: hiwar sārtar wa-simon di bufwar ma‘a al-fallahÐn, wa-l-‘ummal wa-l-muthaqqafun al-‘arab [Sartre und Simone de Beauvoir in einem Dialog mit Bauern, Arbeitern und arabischen Intellektuellen], in: al-tali‘a 4 (April 1967), Editorial, 117–147. 37 Ebd., 118. 38 Ebd., 140. 122 Omar Kamil wir wissen, daß Sie im Anschluß an Ihren Ägypten-Besuch Israel besuchen werden. Nun, wie ist Ihre Meinung zur Palästinafrage?39 Sartre antwortete zurückhaltend und ausweichend. Er hob seine neutrale Haltung zum Konflikt hervor sowie seine Bemühungen, beiden Seiten die Möglichkeit zu bieten, ihre Position der französischen Öffentlichkeit darzulegen:40 Alles, was ich sagen kann, sind zwei Dinge: Ich habe erstens tiefes Mitgefühl für alle palästinensischen Flüchtlinge, die an den Grenzen jenes Landes leben, das einst ihr Heimatland war, und die unter miserablen Umständen leben, die manchmal nicht zu ertragen sind. Ich glaube zweitens, daß die palästinensischen Flüchtlinge das Recht haben, in jenes Land zurückzukehren, in dem sie gelebt haben.41 Sartre hatte seine Rede bewußt auf die Flüchtlingsfrage beschränkt, seine Position über den arabisch-israelischen Konflikt jedoch wollte er erst im Anschluß an seine Reise nach Israel in einer Sonderausgabe der Zeitschrift Les temps modernes äußern: Das [Rückkehrrecht] ist ihr Recht und darf absolut nicht zur Debatte stehen. Mehr werde ich dazu heute nicht sagen. Ich sage Ihnen aber auch, warum, weil manche ansonsten weiter fragen werden, wie können die Flüchtlinge zurückehren und wie soll die Beziehung zwischen ihnen und den Israelis gestaltet werden? Wir in der Zeitschrift Les temps modernes bereiten eine Sonderausgabe vor, die zum ersten Mal die Ansichten arabischer Intellektueller – darunter werden auch jene zählen, die der PLO angehören – unserer französischen Öffentlichkeit präsentieren wird. Diese Sicht ist im Vergleich 39 Ebd. 40 Ähnlich hatte sich Sartre bei einem Treffen mit ägyptischen Studenten an der Universität von Alexandria geäußert. Er sprach über den Existenzialismus und seine Haltung zum Marxismus. Als jedoch die Studenten ihn um seine Meinung zu Palästina baten, reagierte er zurückhaltend und betonte seine Unvertrautheit mit dem Konflikt, jedoch versprach er den Studenten, seine Meinung zu äußern, wenn er die Ansichten beider Seiten gehört hätte. Vgl. dazu Amnon Kapeliuk, Sartre in the Arab Press, in: New Outlook 10 (1967), H. 4, 29f, 30. 41 Hiwar sārtar wa-simon di bufwar ma‘a al-fallahun, wa-l-‘ummal wa-l-muthaqqafun al-‘arab [Sartre und Simone de Beauvoir in einem Dialog mit Bauern, Arbeitern und arabischen Intellektuellen], in: al-tali‘a 4 (April 1967), Editorial, 117–147, hier 140. 123 Februar 1967: Sartre in Kairo zur israelischen Position in Frankreich kaum bekannt. Wir werden beide Meinungen, die arabische und die israelische, getrennt und nicht in Form eines Dialoges präsentieren, da beide Seiten sich gegenseitig ablehnen. Wir werden dabei nicht das Wort ergreifen. Meine Distanz hat ihren Grund: Würde ich mich in diesen Konflikt vertiefen, so würde ich parteiisch werden und das will ich nicht. Ich höre an dieser Stelle auf!42 Die ägyptischen Zuhörer waren enttäuscht. Sartre hatte zwar dem Leid der palästinensischen Flüchtlinge sein Mitgefühl ausgesprochen, hatte Israel aber nicht öffentlich verurteilt – aus seinen vagen Andeutungen ließ sich nach arabischem Empfinden gar eine mögliche Sympathie für die jüdische Seite ableiten. Die Enttäuschung beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit. Kaum in Israel angekommen, beklagte sich Sartre über die heftigen antijüdischen Ressentiments arabischer Intellektueller. Jedoch war der Philosoph auch in Israel darum bemüht, den Konfliktparteien weder Zugeständnisse zu machen noch Ratschläge zu erteilen. Gleichwohl zeigte er hier ein grö- ßeres Interesse an politischen Konstellationen. Vom Ende einer Utopie Im Juni 1967 – kurz vor dem Ausbruch des Sechstagekrieges – erschien die Sondernummer der Zeitschrift Les temps modernes mit dem Titel Le conflit israélo-arabe.43 Die Ausgabe verfolgte das Ziel, israelische und arabische Intellektuelle miteinander in Dialog zu bringen. Im Editorial berichtete Sartre von den Barrieren, die im Vorfeld der Publikation ausgeräumt werden mussten: 42 Ebd. 43 Neben der französischen Ausgabe ist eine deutsche Teilübersetzung vorhanden: Heinz Abosch (Hg.), Der israelisch-arabische Konflikt. Analysen führender arabischer und israelischer Historiker, Religionswissenschaftler, Politiker und Journalisten. Eine Dokumentation, Darmstadt 1969. Sowohl die deutsche als auch die französische Ausgabe werden hier zitiert, auf die jeweilige Fassung wird hingewiesen. 124 Omar Kamil Die Verhandlung [mit den arabischen und israelischen Intellektuellen] war nicht einfach, und mehrmals glaubten wir, dieser Band könne niemals erscheinen. Das lag daran, daß weder für einen Dialog noch für eine – selbst heftige – Diskussion die Voraussetzungen gegeben waren. Stattdessen überwog die Meinung, daß jeder den anderen vollständig ignorieren sollte […]. Kein ‚Gegenüber‘, noch nicht einmal ein Miteinander. […] Man darf niemals vergessen, daß diese beiden Gruppen, die miteinander nichts zu tun haben wollen, sich an uns wenden, daß ihre Autoren zu uns sprechen. Also kein Dialog zwischen Arabern und Israelis. Dafür gibt es aber nun zwei Dialoge – zumindest im Ansatz: Israel mit dem Westen und Araber mit dem Westen.“44 Doch auch die konkrete Redaktionsarbeit war problematisch. Die arabischen Autoren wollten in einer geschlossenen Einheit erscheinen.45 So hatten sie Sartres Wunsch zurückgewiesen, einen Beitrag des algerischen Freiheitskämpfers und Intellektuellen Abd ar-Razaq Abd al-Qadir aufzunehmen,46 da er einige Jahre zuvor ein Buch über die Herausforderungen des arabisch-israelischen Konflikts verfaßt und darin die algerische Nationalbewegung aufgefordert hatte, sich vom arabischen Nationalismus abzuwenden und sich statt dessen mit den sozialistischen Kräften Israels zu verbünden. Ein weiteres Problem stellte die Platzierung der Beiträge 44 Heinz Abosch (Hg.), Der israelisch-arabische Konflikt. Analysen führender arabischer und israelischer Historiker, Religionswissenschaftler, Politiker und Journalisten. Eine Dokumentation, Darmstadt 1969, 8. 45 Vgl. dazu Claude Lanzmann, Présentation, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe. Dossier, Paris 1967, 12-16. 46 Al-Razak Abdel-Kader, Le conflit judéo-arabe. Juifs et arabes face à l’avenir, Paris 1961. Al- Razak Abdel-Kader war in der arabischen Öffentlichkeit eine umstrittene Persönlichkeit. Als Enke al-Jazairy, genoss er hohes Ansehen. Doch der überzeugte Marxist heiratete in seiner Jugend eine kommunistische Jüdin und zog mit ihr nach Israel, um aufseiten der progressiven Juden gegen seine arabischen Glaubensbrüder zu kämpfen. Er verließ Israel jedoch Anfang der 1950er Jahre, schloss sich 1954 der algerischen Nationalbewegung FLN an und wurde zu deren Vertreter in Deutschland und der Schweiz ernannt. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 war er in Machtkämpfe unterschiedlicher Fraktionen innerhalb der FLN verwickelt. Er wurde festgenommen und wegen Konspiration gegen die Staatsmacht verurteilt. Kaum im Gefängnis, gelang ihm die Flucht nach Frankreich. In Paris wandte er sich zunehmend von der arabischen Seite ab. 1989 konvertierte er zum Judentum, nannte sich fortan Dov Golan und lebte bis zu seinem Tod 1994 in der kleinen Stadt Migdal im Norden Israels. Vgl. dazu Michael M. Laskier, Israel and Algeria amid French Colonialism and the Arab-Israeli Conflict, 1954–1978, sowie die israelischen Zeitungen Davar vom 2. Dezember 1960 und 7. Juli 1961 sowie Yedi‘ot aharaonot, Wochenendbeilage, 23. Dezember 1994. 125 Februar 1967: Sartre in Kairo von Robert Misrahi und Maxime Rodinson dar. Misrahi war in der israelischen Politik aktiv und nahm eine zionistische Perspektive ein.47 Als die Redaktion seinen Artikel dem israelischen Teil zurechnete, baten die Araber den Orientalisten Rodinson darum, seinen antizionistischen Beitrag im arabischen Teil zu veröffentlichen.48 Doch Rodinson lehnte ab und zog es vor, seinen israelkritischen Text – in Abgrenzung sowohl zum arabischen als auch zum israelischen Block – in einem zusätzlichen Abschnitt zu publizieren. Die arabischen Autoren stimmten schließlich zu und damit war der Weg zur Veröffentlichung der Sondernummer geebnet. Sartre war es gelungen, mit der Veröffentlichung von Le conflit israélo-arabe die erste detaillierte Dokumentation jüdischer und arabischer Autoren zum Konflikt herauszugeben. Die Beiträge erstrecken sich über fast tausend Seiten: Sie wurden angeführt von einem Vorwort Sartres Pour la vérité,49 gefolgt von einem Bericht Claude Lanzmanns über die schwierige Entstehung der Ausgabe, daran schlossen sich der Beitrag Rodinsons50 und die zwei Blöcke an: „Les points de vue arabes“51 und „Les points de vue israéliens“52. Inhaltlich fiel auf, daß die Araber proarabisch, staatsloyal und nationalistisch argumentierten und in ihren Aufsätzen jegliche Anerkennung der israelischen Seite ablehnten, während einige Israelis die Politik ihrer Regierung heftig kritisierten.53 Die arabischen Beiträge gingen von einem gemeinsamen politischen Ansatz aus, der sich bereits über ihre Titel vermittelte: Revidierung der biblischen und historischen Narrative des Zionismus,54 Der Zionismus. Eine kolonialistische, chauvinistische und militaristische 47 Vgl. Robert Misrahi, La coexistence ou la guerre, in : Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israéloarabe. Dossier, Paris 1967, 537-558. 48 Vgl. Claude Lanzmann, Présentation, 14 f. 49 Jean-Paul Sartre, Pour la vérité, in: ders. (Hg.), Le conflit israélo-arabe. Dossier, Paris 1967, 5-11. 50 Maxime Rodinson, Israël, fait colonial?, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe. Dossier, Paris 1967, 17-88. 51 Vgl. Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe, Dossier, Paris 1967, 91–367. 52 Ebd. 53 Vgl. die ausführliche Rezension der Sonderausgabe bei Isidore Feinstein Stone, For a New Approach to the Israeli-Arab Conflict, in: The New York Review of Books 9 (1967), H.2, 1-6. 54 Sami Hadawi, Les revendications „bibliques“ et „historiques“ des sionistes sur la Palestine, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe, Dossier, Paris 1967, 91-105. 126 Omar Kamil Bewegung,55 Israel und der Friede im Nahen Osten,56 Israel. Ghetto und Festung des Kolonialismus,57 Israel vom Standpunkt der arabischen Linken58 und Warum das „Nein“ zum Dialog.59 Doch der marokkanische Diplomat und Professor für Philosophie Abdallah Laroui ging in seinem Aufsatz über die Geschichte und Gegenwart der Konfliktparteien hinaus und bezog die Europäer und ihre historische Verantwortung in seine Ausführungen ein. In seinem Beitrag mit dem bündigen Titel Ein Problem des Abendlandes erläutert Laroui dem französischen Leser:60 Ich behaupte […], daß es im anstehenden Konflikt nicht zwei, sondern vielmehr drei Gegner gibt, und daß letzten Endes vielleicht alles von dieser unsichtbaren Person, der eigentlichen Triebkraft der ganzen Tragödie, abhängt.61 Bei dieser „eigentlichen Triebkraft“ hinter dem arabisch-israelischen Konflikt handelte es sich um Europa. Laroui wollte jedoch keine antieuropäische Propaganda betreiben, sondern die Europäer an ihre historische Verantwortung für den Konflikt erinnern. So stellte er eine rhetorische Frage: Warum wenden sich Araber und Israelis bei jeglicher Eskalation an Europa? Zum einen, weil der Zionismus in Europa entstanden sei: Infolge der Herausbildung von Nationalstaaten in Europa und der Entstehung von Nationalismus und Antisemitismus hätten die Juden keinen sicheren Platz mehr in Europa finden können. Darüber hinaus hätten die Deutschen mit dem Nationalsozialismus und ihren Greueltaten an den Juden den Entste- 55 Mounthir Anabtawi, Le sionisme. Un mouvement colonialiste, chauvin et militariste, in : Jean- Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe, Dossier, Paris 1967, 106-126. 56 Khaled Mohieddine, Israël et la paix dans le Moyen-Orient, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe, Dossier, Paris 1967, 224-238. 57 Lutfi Al-Khouli, Israël, bastion de l’imperialisme et ghetto, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israélo-arabe, Dossier, Paris 1967, 239-255. 58 Ahmed Baheidine, Israël vu par la gauche arabe. 59 Ali Elsamman, Pourquoi le „non“ au dialogue?, in: Jean-Paul Sartre (Hg.), Le conflit israéloarabe, Dossier, Paris 1967, 359-367. 60 Abdallah Laroui, Ein Problem des Abendlandes. 61 Ebd., 131. 127 Februar 1967: Sartre in Kairo hungsprozeß Israels beschleunigt. Eben aufgrund dieser Erfahrung wende man sich in Israel in Konfliktsituationen an Europa: Der Zionist fängt damit an […], dem liberalen Westen […] die Affäre Dreyfus ins Gesicht [zu schleudern], dem Demokraten die Nazi-Massaker und dem Sozialisten den polnischen und sowjetischen Antisemitismus […]. Man müsste versuchen festzustellen, warum sich das Abendland jedes Mal mit Taten und Worten für die zionistischen Juden und nicht für die Araber erklärt hat. Man muß genau klarstellen, daß es nicht darum geht, irgendjemanden anzuklagen oder sich auf irgendeine jüdische Verschwörung zu berufen, sondern einfach zu begreifen, wie die Geschichte die Dinge verknüpft hat, und zu untersuchen, ob eine Möglichkeit besteht, sie eines Tages wieder zu entflechten.62 Warum aber wendeten sich auch die Araber permanent an Europa? Laroui ging es weniger darum, an die Politik der Briten in Palästina während der Mandatszeit von 1920 bis 1948 zu erinnern, sondern um die Erkenntnis, daß die Entstehung des „Judenproblems“ in Europa ein Nachspiel in Palästina gefunden habe: […] wenn sich die jüdische nationale Heimstätte auf Uganda beschränkt hätte, [wäre] es nur zu wahrscheinlich, daß die Araber dasselbe Unverständnis für die Interessen der dort Einheimischen gezeigt hätten und sich nur vom Mitgefühl für das Unglück der europäischen Juden hätten leiten lassen. Es geht also nicht darum, den Europäern ihre legitime Empörung gegen die Nazi-Gräuel vorzuwerfen, sondern sie nur daran zu erinnern, daß diese Empörung bei der Entwicklung der Ereignisse in Palästina eine große Rolle gespielt hat. Die Nazi-Lager haben über die Rechte der Araber gesiegt, aber die Araber haben die Nazi-Lager nicht geschaffen; das ist die objektive Wahrheit, und die Völker des Abendlandes haben nicht die geringste Veranlassung, sie abzustreiten.63 62 Ebd., 134f. 63 Abdallah Laroui, Ein Problem des Abendlandes, 143 f. 128 Omar Kamil Welche Haltung nahm nun Sartre ein? In erster Linie suchte er ein Gespräch mit der arabischen Seite. Vor allem Larouis Argumentation scheint ihn beeindruckt zu haben: Die Linke [in Frankreich] hat ein schlechtes Gewissen. Den von uns behandelten Problemen gegenüber hat sie immer eine konfuse und undurchsichtige Haltung eingenommen, sofern sie nicht einen abstrakten Voluntarismus betrieb. In Frankreich haben die Ereignisse im Nahen Osten seit einigen Tagen die schöne, gerade erst neugewonnene Einheit wieder zerrissen. Guy Mollet ist, wie man hier sagt, ‚israélien‘, Waldeck Rochet ‚nassérien‘. Und dies liegt nicht an Unwissenheit, sondern an der Zerrissenheit, die sie paralysiert und die wir in uns selbst wiederfinden. Wie könnte ich sie deshalb tadeln, ich, der ich – wie viele andere – den jüdisch-arabischen Konflikt als ein persönliches Drama empfinde. Wie alle Franzosen, welche die deutsche Okkupation kennengelernt und gegen die Nazis gekämpft haben, schien mir die systematische Ausrottung der Juden nicht nur das ungeheuerliche Resultat der hitlerschen Barbarei zu sein. Tag für Tag habe ich gesehen, daß diese Ausrottung in Frankreich nicht möglich gewesen wäre ohne die stillschweigende Komplizenschaft zahlreicher Franzosen […] [,] für alle diejenigen, die zu derselben Zeit denselben Lernprozeß durchgemacht haben, ist die Vorstellung unerträglich, daß eine jüdische Gemeinschaft, wo auch immer und welche auch immer, dieses Golgatha von Neuem ertragen und Märtyrer für ein neues Massaker liefern könnte.64 Sartre stimmte somit Laroui durchaus zu. Das mag auch der Grund sein, warum er die Araber daran erinnerte, daß die „tiefe Verbundenheit“ der Franzosen mit den Juden kein Hindernis bilde, um auch „unser Engagement“ und „unsere brüderliche Verbundenheit“ mit den arabischen Algeriern im Kampf für die Unabhängigkeit zu zeigen. Die Äußerungen Sartres offenbarten allerdings das Dilemma der linken europäischen Intellektuellen. Sartre gab den Arabern recht, wenn sie argumentierten: „Ihr [Europäer] habt rassistische Verbrechen in Europa begangen, warum sollten wir 64 Jean-Sartre, Um der Wahrheit willen, in: Heinz Abosch (Hg.), Der israelisch-arabische Konflikt. Analysen führender arabischer und israelischer Historiker, Religionswissenschaftler, Politiker und Journalisten. Eine Dokumentation, Darmstadt 1969, 7-14, hier 12 f. 129 Februar 1967: Sartre in Kairo dafür bezahlen?“65 Gleichzeitig bat er die Opfer der Opfer um Verständnis für die Situation der europäischen Intellektuellen: Ich wollte nur daran erinnern, daß es bei vielen von uns dieses emotionale Engagement [für die Juden] gibt, das selbstverständlich nicht ein bedeutungsloser Zug unserer Subjektivität ist, sondern ein allgemeines Ergebnis historischer und völlig objektiver Umstände, die wir nicht vergessen können. Daher reagieren wir auf alles allergisch, was auch nur von weitem nach Antisemitismus aussieht. Worauf viele Araber antworten werden: ‚Wir sind nicht antisemitisch, sondern antiisraelisch.‘ Zweifellos haben sie Recht. Aber können sie verhindern, daß diese Israelis für uns Juden sind?66 Auf dieses Verständnis hoffte Sartre vergebens. Der Sechstagekrieg im Juni 1967 besiegelte den Bruch zwischen ihm und den arabischen Intellektuellen. Die Konsequenzen des Krieges sind bekannt: Die Araber erlitten eine herbe Niederlage. Erniedrigt und orientierungslos suchten arabische Intellektuelle Unterstützung für ihre Position im Kampf gegen Israel. Doch Sartre gehörte zu denen, die kurz vor dem Ausbruch des Krieges ihre Solidarität mit Israel erklärt hatten.67 Suhail Idris, Herausgeber von al-adab, verlangte eine klare Stellungnahme Sartres: Die Position des französischen Intellektuellen zum Krieg im Nahen Osten ist verwirrend. […] Wir waren maßlos enttäuscht, als wir von einem Manifest erfahren haben, das Israel unterstützt und von ca. fünfzig französischen Intellektuellen, einschließlich Sartre und de Beauvoir, unterschrieben wurde. […] Wir verurteilen diese Solidaritätserklärung mit Israel. […] Wir, die arabischen Intellektuellen, bedauern die Ambivalenz, die dazu führt, einerseits den amerikanischen Imperialismus zu verurteilen, andererseits Israel als dessen Kind zu unterstützen. […] Ich bereue zutiefst, viele Ihrer Werke für den arabischen Leser übersetzt und präsentiert zu haben. Wir haben unser Vertrauen in Sie 65 Ebd., 13. 66 Ebd. 67 Die Solidaritätserklärung erschien in englischer Sprache in Le Monde vom 1. Juni 1967. Vgl. dazu Michel Contant/ Michel Rybalka (Hgg.), The Writings of Jean-Paul Sartre, 502 f. 130 Omar Kamil verloren, aber das wird unseren Glauben an den Kampf für das arabische Recht in Palästina nur noch steigern.“68 Diejenigen Intellektuellen, die Sartre einst wegen seines engagierten Kampfes für die algerische Unabhängigkeit und als Kolonialismusgegner bejubelt hatten, schenkten ihm bis zu seinem Tod keine Beachtung mehr.69 Der Einfluß, den Sartre auf die arabischen Denker vom Ende des Zweiten Weltkriegs angehabt hatte, fand in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ein jähes Ende. Doch jenseits aller Enttäuschung hat die Entfremdung zwischen Sartre und seinen arabischen Bewunderern auch einen epistemologischen Gehalt. Georges Tarabishi war diese Bedeutung bewußt, als er seine arabischen Leser daran erinnerte, daß ein wesentlicher Grund für die Fehldeutung der Beziehung Sartres zum Marxismus im arabischen Kontext der sei, daß der Marxismus nicht dem arabischen, sondern dem europäischen Boden entwachsen sei. In seinen Ausführungen findet sich ein zentraler Satz: „Sartre ist der Sohn Europas. Seine Ansichten sind europäischer Prägung, und das weiß Sartre selbst.“70 Dies galt nicht nur für das Verhältnis Sartres zum Marxismus, sondern auch zum arabisch-israelischen Konflikt. Der Sechstagekrieg 1967 offenbarte Sartres Dilemma: die für ihn empfundene Unmöglichkeit, angesichts zweier unterschiedlicher, höchst gewaltvoller Geschichtserfahrungen die eine gegen die andere auszuspielen. Sartres Position gegen den Kolonialismus stand seiner Positionsnahme für das Existenzrecht Israels gegenüber. Sartre selbst brachte dies in seiner Vorrede von Le conflit israélo-arabe zum Ausdruck: 68 Suhail Idris, nantaziru min sārtar mawqifan wadihan! [Wir erwarten von Sartre eine klare Stellungnahme!]., in: al-adab 15 (1967), H. 7/8, 4. Auch der einst mit Sartre befreundete Lutfi al-Khouli schrieb rückblickend in einem Artikel aus dem Jahr 1980 über Differenzen wegen Sartres Solidarität mit Israel, vgl. dazu Lutfi al-Khouli, hiwar ma‘a sārtar hawla al-‘idwan [Ein Dialog mit Sartre über die Aggression]., in: al-adab 28 (1980), H. 4/5, 9. 69 Als Idris 1975 von der Erblindung Sartres erfuhr, äußerte er sarkastisch, eine solche Nachricht sei nichts Neues, da schon 1967 ein „dichter Schleier“ die Augen Sartres daran gehindert hätte, den Zionismus zu durchschauen. Stattdessen hätte er ihn unterstützt und das Leid der Palästinenser übersehen; vgl. Suhail Idris, sārtar wa-l-‘ama [Sartre und die Blindheit], in: al-adab 8 (1975), H. 8, 2. 70 Georges Tarabishi, sārtar wa-l-marksiyya [Sartre und der Marxismus], Beirut 1964, 186. 131 Februar 1967: Sartre in Kairo Wir finden bei uns rigorose und widersprüchliche Forderungen – unsere Forderungen: ‚Der Imperialismus ist ein einheitliches Ganzes und muss überall und in allen seinen Formen bekämpft werden, in Vietnam, in Venezuela, in Santo Domingo, in Griechenland und auch bei allen seinen Versuchen, sich im Nahen Osten zu etablieren oder zu behaupten.‘ – Die Vorstellung, daß die Araber den jüdischen Staat zerstören und seine Bewohner ins Meer werfen könnten, kann ich nicht einen Moment ertragen, es sei denn, ich bin Rassist.71 Die Antwort Sartres auf dieses Dilemma war Zurückhaltung, aber mit dem Ausbruch des Krieges 1967 hatte diese ihre Grundlage verloren. Mit dem Unterschreiben der Solidaritätserklärung mit Israel hatte Sartre eine klare Wahl getroffen. Der Antikolonialist Sartre, der einst Frantz Fanons Postulat einer legitimierten Gewaltanwendung gegen den kolonialen Aggressor unterstützt hatte, konnte einen „antiimperialistischen Kampf gegen Israel“ nicht billigen. Seine Entscheidung brüskierte auch die antikolonialen Kreise in Frankreich. Paradigmatisch hierfür ist die Reaktion von Josie Fanon, der Witwe Frantz Fanons, die ihn als Verräter am Erbe ihres Mannes verurteilte. Sie verlangte von dem Verleger François Maspero, der Die Verdammten dieser Erde veröffentlicht hatte, bei den neu geplanten Auflagen des Buches die von Sartre verfaßte Einleitung herauszunehmen.72 Der Besuch des französischen Philosophen in Ägypten hatte nur ein paar Tage gedauert, seine Wirkung jedoch meißelte sich in die arabische Kulturgeschichte ein und prägt die arabische Wahrnehmung der Aufarbeitung der französischen Kolonialgeschichte bis in die Gegenwart. Ein Beispiel dafür ist die Haltung des amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said zu Sartre. Edward Saïd erhielt im Januar 1979 eine Einladung von Les temps modernes, um an einem Friedensgespräch zum Nahostkonflikt in Paris teilzunehmen. Der Event fand in der Wohnung des französischen Philosophen Michel Foucault statt. Neben Foucault waren Simone de Beauvoir, Claude Lanzmann sowie israelische, 71 Jean-Paul Sartre, Um der Wahrheit willen, 14. 72 Josie Fanon, À-propos de Frantz Fanon. Sartre, le racisme et les Arabes, in : El Moudjahid, 10. Juni 1967, 6. 132 Omar Kamil palästinensische und einige französische Intellektuelle anwesend. Sartre erschien eine Stunde später: When the great man finally appeared, well past the appointed time, I was shocked at how old and frail he seemed. I recall rather needlessly and idiotically introducing Foucault to him, and I also recall that Sartre was constantly surrounded, supported, prompted by a small retinue of people on whom he was totally dependent. They, in turn, had made him the main business of their lives. One was his adopted daughter who, I later learned, was his literary executor; I was told that she was of Algerian origin. Another was Pierre Victor, a former Maoist and co-publisher with Sartre of the now defunct Gauche prolétarienne. 73 Edward Said war von Sartre enttäuscht. Nicht allein aufgrund der Bevormundung durch Pierre Victor, sondern aufgrund der aus seiner Sicht bestehenden Diskrepanz zwischen dem antikolonialistischen und dem auf das Existenzrecht Israels bestehenden Sartre: Der französische Philosoph hielt in Anwesenheit von Edward Saïd eine Rede, in der er den Friedenswillen und die Courage des damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat hervorhob, der 1977 Jerusalem besucht und den Israelis Frieden angeboten hatte. Die Rede beschreibt Said als „banal“, weil Sartre wie ein Journalist und mit Begeisterung über Sadat sprach, die Kernfragen des Konflikts jedoch ignorierte. Er erwähnte weder die Palästinenser, noch die Besatzung, geschweige denn die israelische Kolonialpolitik in den palästinensischen Gebieten, in der Said Parallelen zum französischen Kolonialismus in Algerien sah. Für Said war die pro-zionistische Haltung von Sartre nicht zu verstehen: For reasons that we still cannot know for certain, Sartre did indeed remain constant in his fundamental pro-Zionism. Whether that was because he was afraid of seeming anti-semitic, or because he felt guilt about the Holocaust, or because he allowed himself no deep appreciation of the Palestinians as victims 73 Edward Said, Diary, in: London Review of Books, Vol. 22 No. 11, 1 June 2000, 42-43, hier 42. 133 Februar 1967: Sartre in Kairo of and fighters against Israel’s injustice, or for some other reason, I shall never know.“74 Said mochte die Gründe für die pro-israelische Haltung von Sartre nicht kennen, merkte aber, daß es den radikalen Anti-Kolonialisten Sartre nicht mehr gab, der einst Frantz Fanon ersucht hatte, ihn bei seiner antifranzösischen Haltung zu unterstützen. Die Schlußfolgerung von Edward Saïd fiel eindeutig aus: „Gone for ever was that Sartre.“75 Die Haltung des palästinensisch-amerikanischen Edward Said zu Sartre steht exemplarisch für die arabische Wahrnehmung der französischen Philosophen: arabische Intellektuelle interessierten sich kaum für die Konflikte der französischen Linken, für die Last des historischen Erbes von Judenverfolgung in Europa und Kolonialgewalt in Algerien. Tatsächlich blieb Sartre zwischen Holocaust und Kolonialismus zerrissen; aber sein Verdienst im arabischen Kontext bleibt unbestritten: Der französische Intellektuelle hielt den arabischen Denkern einen Spiegel vor, in dem sie zwar ihre eigenen Leiderfahrungen erkennen konnten, doch nie unverbunden von der Erfahrung des Holocaust. Der innerlich wohl gespaltene Sartre konfrontierte somit Ende der 1960er Jahre die arabischen Intellektuellen mit einer bis in die Gegenwart ungelösten Herausforderung: präzise zu unterscheiden zwischen Israel, dem Land, dem sie in einem Konflikt gegenüberstehen, und den Juden. Ähnlich gespalten fiel die arabische Reaktion auf Kolonialismus und Holocaust aus, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied zu Sartre: Arabische Intellektuelle sahen sich nicht wie Sartre zwischen Kolonialgewalt und Judenvernichtung zerrissen. Sie trugen keine Schuldgefühle gegenüber den Opfern des Holocaust in sich und so rückten die Juden allein als Besatzer und Kolonialisten Palästinas in ihr Geschichtsbild, die Dimension der Opfer der Nationalsozialisten dagegen wurde ausgeblendet. 74 Ebd., 43. 75 Ebd. 134 Omar Kamil Für das Werk von Claude Lanzmann sind diese Erfahrungen wesentlicher Impuls gewesen. Das gilt für die Reise mit Sartre in den Nahen Osten 1967, dies gilt auch für die schwierige Arbeit als Redakteur der Zeitschrift Les temps modernes im Hinblick auf die Sondernummer Le conflit israéloarabe. Davon legt wohl nicht nur die vierseitige Présentation Zeugnis ab, sondern auch die Entscheidung, die Wahrnehmung von Geschichtserfahrungen in einem anderen Medium zu thematisieren, dem Film. Auf die Reise mit Sartre und die Sonderausgabe von Les temps modernes folgt die Entscheidung für Lanzmanns erstes Filmprojekt Pourquoi Israël. Der Verzicht auf das Fragezeichen im Filmtitel ist vor dem Horizont des hier Diskutierten alles andere als Zufall.

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References

Zusammenfassung

27. November 1925: Claude Lanzmann wird in Paris geboren. Zu seinem 90. Geburtstag fand eine interdisziplinäre Konferenz an der Freien Universität Berlin statt. Der zweisprachige Band (dt./frz.) versammelt die Vorträge, in de­nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das umfangreiche Lebenswerk Lanzmanns aus unterschiedlicher Perspektive und im Beisein dieses maßgeb­lichen französischen Intellektuellen und Filmemachers würdigten.