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5 Zusammenfassung des theoretischen Teils in:

Peiqi Han

Soziale Ausgrenzung in den Dokufiktionen des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke, page 163 - 166

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3949-6, ISBN online: 978-3-8288-6846-5, https://doi.org/10.5771/9783828868465-163

Tectum, Baden-Baden
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163 5 Zusammenfassung des theoretischen Teils Um sich dem Thema der sozialen Ausgrenzung in Jias Filmen zu nähern, haben sich die vorangegangenen drei Kapitel mit unterschiedlichen thematischen und theoretischen Zugängen auseinandergesetzt: Es ging dabei um die soziale Ausgrenzung im soziologischen Diskurs (Kapitel 2), die soziale Ausgrenzung aus phänomenologischer Perspektive (Kapitel 3) sowie um Dokufiktionen als Mischformen von Dokumentarund Spielfilm (Kapitel 4). Ziel des theoretischen Teils war es, Themenfelder und wichtige Begriffe hinsichtlich der zentralen Fragestellung, wie Jias Filme die soziale Ausgrenzung in der chinesischen Gesellschaft konstruieren, zu beleuchten. Die Themenbereiche, die in den drei Kapiteln dargestellt werden, weisen in der aktuellen Forschung einen unterschiedlichen Entwicklungsstand auf. Zur Klärung von Themenfeldern und Begriffen leistete jedes Kapitel einen wesentlichen und notwendigen Beitrag: Während die Thematik der sozialen Ausgrenzung im zweiten Kapitel begrifflich erläutert und diesbezügliche Einzelaspekte mit Blick auf die gegenwärtige chinesische Gesellschaft dargestellt wurden, konnte im dritten Kapitel, „Die soziale Ausgrenzung aus phänomenologischer Perspektive“, eine interdisziplinäre Brücke zwischen Filmwissenschaft und Sozialwissenschaft geschlagen werden, indem ein Konzept für die Filmanalyse herausgearbeitet wurde. Da die Behandlung des Phänomens der Mischformen in der Medienwissenschaft noch relativ neu ist, war es im vierten Kapitel „Dokufiktionen“ notwendig, zunächst einen Überblick über die verschiedenen Kategorisierungen der Mischformen zu geben. Danach wurde für die zu untersuchenden Filme von Jia Zhangke der Begriff „Dokufiktion“ eingeführt und ausführlich erklärt. Dabei handelt es sich um Filme mit fiktiven Storys und dokumentarischem Darstellungsverfahren. Im Folgenden werden die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen zusammengefasst und systematisiert. Dabei wird die Verknüpfung 164 ZUSAMMENFASSUNG DES THEORETISCHEN TEILS der drei Themenbereiche hinsichtlich der zentralen Fragestellung aufgezeigt. Das zweite Kapitel gab im ersten Schritt einen Überblick über soziologische Untersuchungen des sozialen Phänomens der sozialen Ausgrenzung, da der Begriff der sozialen Ausgrenzung für die vorliegende Studie von zentraler Bedeutung ist. Im Anschluss daran wurden der politische und der wirtschaftliche Hintergrund sozialer Ungleichheit in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft erläutert. Der Schwerpunkt dieses Kapitels lag im letzten Schritt: Die wichtigsten Aspekte der sozialen Ausgrenzung wurden im Einzelnen dargelegt. Die beschriebenen Einzelaspekte als Dimensionen der sozialen Ausgrenzung sind für die sozial benachteiligten Gruppen im China von heute charakteristisch. Hierzu gehören: Armut; Ohnmacht; unqualifizierte und illegale Arbeit; Arbeitslosigkeit; die Verletzung von Rechten und die Interessenbeeinträchtigung der sozial Schwachen; der Verlust von sozialen Beziehungen bei eben diesen „Abgehängten“; verstärkte seelische Belastungen; natürlich bedingte Schwäche; schließlich das Abweichen der sozial Schwachen von sozialen Normen und Werten. Diese genannten Dimensionen werden in der folgenden Filmanalyse erhoben. Das dritte Kapitel betrachtete die soziale Ausgrenzung aus der Perspektive der Phänomenologie und der Phänomenologischen Soziologie. Demnach ist die soziale Ausgrenzung ein Phänomen, das vom Subjekt wahrgenommen wird. Damit wird die soziale Ausgrenzung in den menschlichen Wahrnehmungsraum versetzt. Nur in diesem Wahrnehmungsraum darf die filmische Konstruktion der sozialen Ausgrenzung untersucht werden. Diese Studie nahm die metaphorischen Darstellungen über die soziale Ausgrenzung in den Blick. Die metaphorischen Darstellungen fungieren als Träger kognitiver Strukturen, sie legen die Wesensstruktur der sozialen Ausgrenzung sowie die allgemein gültigen, invarianten Strukturen bewusster Aktivität des menschlichen Denkens offen. Dabei besteht die Funktion der Metaphern über die soziale Ausgrenzung einerseits darin, die komplexe Realität – hier die der sozialen Ausgrenzung – für die Menschen wahrnehmbar zu machen. Andererseits funktionieren die Metaphern kulturübergreifend, da sie unabhängig von der Spezifik jeweiliger gesellschaftlich-kultureller Strukturen wirksam sind. Danach wurden verschiedene Konzepte wie ,Innen–Au- ßen‘, ,Oben–Unten‘ und ,Kern–Rand‘ diskutiert. Für die Filmanalyse wurde schließlich das ,Innen–Außen‘-Schema als Sinnbildungskonzept hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgewählt. Die sozia- 165 ZWISCHENFAZIT le Ausgrenzung hier ist also Ergebnis der filmischen Konstruktion und der Wahrnehmung der Zuschauer; soziale Ausgrenzung beschreibt den Zustand einer bestimmten Filmfigur im gesellschaftlichen ,Außen‘ oder den Prozess des Herausfallens einer Figur vom gesellschaftlichen ,Innen‘ ins ,Außen‘. Die Inhalte von ,Innen‘ bzw. ,Außen‘ werden von der Soziokultur einer jeweiligen Gesellschaft bestimmt. Dieses Konzept verortet sich im menschlichen Wahrnehmungssystem. Insofern kann es durch Filmanalyse überprüft werden, da der Film mit seinen technischen Gestaltungsmöglichkeiten die Wahrnehmung des Zuschauers anspricht. Es wird davon ausgegangen, dass die filmische Erzählstruktur durch die im Film hergestellten kausalen und vergleichenden Zusammenhänge zwischen den einzelnen filmischen Ereignissen den Zustand des ,Außen‘ und den Prozess vom ,Innen‘ ins ,Außen‘ zum Ausdruck bringt. Dieses Kapitel ist von grundlegender Bedeutung für die Studie, da erst durch dieses Konzept die Untersuchung der sozialen Ausgrenzung als gesellschaftliches Phänomen im Film als künstlerischem Werk ermöglich wird. Im vierten Kapitel wurde gesondert auf die Mischformen aus Dokumentar- und Spielfilm eingegangen. Dabei wurden die gängigen Kategorisierungen der Mischformen vorgestellt. Das Augenmerk lag dabei – mit Blick auf die zu untersuchenden Filme Jias – auf Dokufiktion. Es wurden dabei der Realitätsbezug und die Spezifik der Dokufiktion ausführlich herausgearbeitet. Die Theorien über das Verhältnis zwischen Realität, Film und Wirklichkeit wurden jeweils aus ontologischen, konstruktivistischen und pragmatischen Ansätzen zusammengefasst. Es wurde gezeigt, dass die pragmatischen Ansätze für die Analyse der Wirklichkeitskonstruktion in den Dokufiktionen am besten geeignet sind. In diesem Ansatz geht es nicht um die Abbildung von Realität, sondern um Authentizität. Diese entsteht durch den Kommunikationsvorgang zwischen Zuschauer und Filmtext. Der Zuschauer konstruiert mithilfe des Filmtexts eine eigene Wirklichkeit. Das dokumentarische Verfahren ist effektiver darin, den Zuschauer dazu anzuregen, sich Realitätsbilder vorzustellen, als das Verfahren des Spielfilms. Die Spezifik der Dokufiktionen bezüglich der sozialen Realität besteht darin, eine Verbindung zwischen den fiktiven filmischen Storys und der dank des dokumentarischen Verfahrens vom Zuschauer konstruierten Wirklichkeit aufzubauen. Ein Reflexionsraum über die soziale Realität kann auf diese Weise durch den Zuschauer realisiert werden. Dieser Raum kann Effekte wie Subversion, Humor usw. gegenüber der sozialen Realität er- 166 ZUSAMMENFASSUNG DES THEORETISCHEN TEILS möglichen oder den Eindruck einer starken Realitätsannährung erzeugen. Diese Effekte sind die Besonderheit der Dokufiktion bei der Darstellung der sozialen Realität. Die hier zusammengetragenen Ergebnisse bilden den Hintergrund für die sich anschließende empirische Untersuchung. Im Anschluss an diesen theoretischen Grundstock wird nun gezeigt, wie die Dokufiktionen von Jia Zhangke soziale Ausgrenzung konstruieren und welche Spezifik sie aufweisen. Am konkreten Gegenstand können die theoretischen Auseinandersetzungen nicht nur überprüft, sondern auch mittels neuer Einsichten gewinnbringend erweitert werden. Nicht zuletzt wird die theoretische Elaboration durch den Perspektivenwechsel auf die empirische Welt anschaulich und greifbar.

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Zusammenfassung

Jia Zhangke ist einer der bekanntesten und produktivsten chinesischen Filmemacher der Sechsten Generation. Eindrucksvoll verarbeitet er in seinen Filmen die großen Veränderungen der chinesischen Gesellschaft seit der Einführung wirtschaftlicher Reformen und die so entstandenen sozialen Probleme.

Wissenschaftlich fundiert geht die Autorin der Frage nach, wie Jias Dokufiktionen die soziale Ausgrenzung in den 1990er und 2000er Jahren in China reflektieren. Mit ihrer theoretischen Untersuchung und der Analyse von Jias Dokufiktionen „Pickpocket“, „The World“, „Still Life“ und „24 City“ liefert die Autorin nicht nur Informationen über die wissenschaftlich sonst nur schwer zugänglichen Realitäten der sozialen Ausgrenzung in der Volksrepublik China, sondern schlägt auch eine interdisziplinäre Brücke zwischen der sozialen Ausgrenzung als gesellschaftlichem Phänomen und ihrer filmischen Darstellung.