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Einleitung in:

Peiqi Han

Soziale Ausgrenzung in den Dokufiktionen des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke, page 1 - 20

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3949-6, ISBN online: 978-3-8288-6846-5, https://doi.org/10.5771/9783828868465-1

Tectum, Baden-Baden
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1 Einleitung Dieses Buch thematisiert die filmische Darstellung sozialer Ausgrenzung in China. Den empirischen Ausgangspunkt der Bearbeitung dieses Themas bilden die Dokufiktionen des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke. Im Vorfeld dieses Buchs soll zunächst verdeutlicht werden, warum eine wissenschaftliche Studie über die filmische Darstellung sozialer Ausgrenzung notwendig ist. Danach wird der Stand der Erforschung filmischer Darstellung sozialer Ausgrenzung dargelegt, um diese Studie im diesbezüglichen wissenschaftlichen Feld zu verorteten. Um den Lesern einen Überblick über den Forschungsgegenstand zu vermitteln, werden der Regisseur Jia Zhangke, die wichtigsten Merkmale seiner Filme und der Begriff der Dokufiktion kurz vorgestellt. Die Auswahl seiner Filme als Forschungsgegenstand dieser Studie wird zudem begründet. Im letzten Teil der Einleitung erfolgen die Formulierung der zentralen Fragestellung sowie die Vorstellung des inhaltlichen Aufbaus des Buchs. Filme als wirklichkeitsnahes Spiegelbild sozialer Realität Es wird allgemein anerkannt, dass Filme ein wirklichkeitsnahes Spiegelbild sozialer Realität bieten können. Filme beziehen sich durch Inhalt und Repräsentation auf die gesellschaftlichen Diskurse,1 indem sie die sozialen und kulturellen Lebensweisen, Konflikte, Werte, Normen, Ideologien sowie diesbezügliche Entwicklungsprozesse reflektieren. Schroer schreibt: „Filme stellen eine stetig sprudelnde Quelle dar, um sich über den Zustand einer Gesellschaft, ihre Krisen und Konflikte, ihre Werte und Moralvorstellungen Aufschluss zu verschaffen.“2 Insofern sollte Filmanalyse aus der Perspektive der Filmsoziologie gleich auch Gesellschaftsanalyse sein: „Filmsoziologie ist Gesellschaftsanaly- 1 Vgl. Mikos, 2003, S. 101. 2 Schroer, 2007, S. 7. 2 EINLEITUNG se, die uns direkt zu den gesellschaftlichen Konflikten, Sinnstrukturen und Ideologien führt, die unser Handeln prägen.“3 Der Funktionalismus, also eine theoretische Perspektive der Soziologie auf die Massenmedien, weist darauf hin, dass Filme auch Quellen des Wissens über die Gesellschaft darstellen. So behaupten Mai und Winter: „Kein Bereich der Gesellschaft wird [vom Kinofilm, die Verfasserin] ausgespart, alles wird dem überwachenden Auge der Kamera unterworfen. So werden unsere Erfahrungen und unser Erleben im Alltag zunehmend von unseren Medienerfahrungen geprägt und überlagert.“4 Das Wissen, die Informationen und Bilder über eine Gesellschaft könnten also zu einem großen Teil aus Filmen stammen. Gerade aus dem Grund der Erkenntnisgewinnung soll sogleich auf die These verwiesen werden, dass die Filmanalyse hinsichtlich der sozialen Ausgrenzung im heutigen medialen und gesellschaftlichen Kontext von großer Bedeutung sein müsste. Da sich viele Menschen mit der soziale Ausgrenzung im alltäglichen Leben nicht befassen können, vermitteln ihnen Filme Vorstellungen und Bilder von sozialer Ausgrenzung – sowohl von der in der eigenen Gesellschaft als auch von der in anderen Kulturkreisen. Die Verfasserin geht davon aus, dass Jia Zhangkes Filme durch ihre visuelle Präsenz ein wirklichkeitsnahes Spiegelbild der sozialen Ausgrenzung in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft vermitteln. Der Fokus auf Jias Filme liefert dabei einen im deutschsprachigen Raum bisher unzureichend diskutierten sozialen und medialen Gegenstand. Damit bietet diese Studie die Möglichkeit für Reflexionen und eine Erweiterung des Blicks der deutschen Filmwissenschaft und Soziologie. Heinze weist darauf hin: „Film ist nicht nur ein Darstellungs-, sondern auch ein Selbstreflexionsmedium und erfüllt damit wichtige erkenntnistheoretische Qualitäten.“5 Filme können das Weltbild und die Handlungen eines jeden Individuums beeinflussen. Insofern sollen Filme nicht nur zur Unterhaltung dienen, sondern auch ihrer Verantwortung, welche sie als Massenmedium für die Gesellschaft tragen, nachkommen. Es ist zwar oft zu sehen, dass Filme die sozial benachteiligten Gruppen thematisch aufgreifen, aber viele Darstellungen sind oberflächlich und vermeiden eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Problemen der sozial benachteiligten Gruppen. Dies sieht man in zahlreichen kom- 3 Mai/Winter, 2006, S. 14. 4 Mai/Winter, S. 12. 5 Heinze/Moebius/Reicher, 2012, S. 8. 3 FILME ALS WIRKLICHKEITSNAHES SPIEGELBILD SOZIALER REALITÄT merziellen Spielfilmen: Der Hauptakteur gerät zwar kurzfristig in soziale Schwierigkeiten, findet aber rasch einen Ausweg, der die Handlung des Spielfilms für ihn letztlich positiv enden lässt. Oder der Zuschauer sieht eine arme Familie im Dokumentarfilm: „Wir sind arm, aber wir sind glücklich.“ Solche Bilder sieht man besonders oft, wenn die Filmbranche nicht vollkommen selbstständig agieren kann, sondern direkt oder indirekt politischen Vorgaben unterliegt – wie z. B. in den chinesischen Filmen der 1950er bis 1970er Jahre. Die Bilder der sozial benachteiligten Gruppen und die soziale Schattenseite werden filmisch ausgeblendet, abgeschwächt oder verschönert. In Bezug auf soziale Probleme können Filme also harmonische Bilder erzeugen, sehr kritisch sein oder eine neutrale Einstellung einnehmen. Es ist insofern sinnvoll, wissenschaftlich zu überprüfen, inwieweit die filmischen Bilder die soziale Ausgrenzung in der Realität reflektieren, und zu verdeutlichen, was für eine Einstellung die Filme gegenüber der soziale Ausgrenzung oder den sozial benachteiligten Gruppen zeigen. Faulstich meint: „Die soziologische Filminterpretation bewertet den Film im Hinblick auf seine Wiedergabe von Wirklichkeit.“6 Es gehört also zur Aufgabe der soziologischen Filminterpretation zu untersuchen, was für eine Einstellung der Film selbst bei der Vermittlung der sozialen Realität einnimmt – also die Werte des Films zu analysieren. Es gibt in jeder Kultur zahlreiche ,realistische‘ Filme, in denen soziale Ausgrenzung und sozial benachteiligte Gruppen thematisiert werden. Auch in vielen Filmen, die nicht danach streben, die soziale Realität wiederzugeben, kommen Figuren vor, deren Darstellung sich auf das Thema sozialer Ausgrenzung bezieht. Dass manche Figuren im Film zu einer „sozial schwachen Gruppe“ oder einer „Randgruppe“ gehören, wird üblicherweise vom Zuschauer angesichts einzelner Aspekte wie deren Beruf, Gesundheitszustand, Einkommen oder Familie als Selbstverständlichkeit oder Gegebenheit angenommen. Der bei den Zuschauern entstehende Eindruck von sozialer Ausgrenzung von Figuren entsteht aber nicht nur durch diese Faktoren. Die eigentliche Bedingungsebene, die sich aus dem filmischen Code ergibt, wird oftmals nicht weiter hinterfragt. Unberücksichtigt bleibt in diesem Fall, dass der Film nicht einfach eine Abbildung der Realität ist, sondern mit seinem audiovisuellen Zeichensystem eine Kunstform darstellt. Er spricht mit seinen technischen Gestaltungsmöglichkeiten die Wahrnehmung des Zuschauers 6 Faulstich, 1995, S. 57. 4 EINLEITUNG an. Das bedeutet, dass der Eindruck des Zuschauers von der sozialen Ausgrenzung von Figuren neben dem Umstand, dass dabei bestimmte stereotype Vorstellungen von bestimmten Gruppen und Berufen wie z. B. Prostituierten, Drogenabhängigen, Dieben eine Rolle spielen, noch durch filmische Gestaltungsmittel erzeugt werden könnte. So erhält beispielsweise der Zuschauer nicht den Eindruck, dass der von Til Schweiger verkörpert Hauptcharakter in Barfuß (R.: Til Schweiger, D 2005) sozial ausgegrenzt wird, obwohl dieser mehrmals in Arbeitslosigkeit gerät, als Reinigungskraft arbeitet und sich zeitweise sogar als Dieb durchschlägt. Im Gegensatz dazu ist die Hauptrolle im italienischen neorealistischen Film Fahrraddiebe (Originaltitel: Ladri di biciclette, R.: Vittorio de Sica, ITA 1948) ebenso arbeitslos und stiehlt ein Fahrrad. Dass er unter sozialer Benachteiligung leidet, berührt das Herz des Zuschauers tief. Es ist durch diesen Vergleich deutlich, dass der vom Film erzeugte Eindruck von sozialer Ausgrenzung der Figuren nicht nur von ihrem Beruf oder ihren Einkommensverhältnissen abhängig ist. Die vom audiovisuellen Medium Film erzeugten Bilder der sozialen Ausgrenzung zeigen ein ganz anderes Charakteristikum auf als die soziologischen Forschungsmodelle nahelegen. Insofern ist eine filmwissenschaftliche Studie über die filmische Konstruktion der sozialen Ausgrenzung sinnvoll, um die dahinter stehenden filmischen Strategien offenzulegen. Forschungsstand und Zielsetzung dieser Studie Die Untersuchung sozialer Ausgrenzung hat seit langem einen festen Platz in der Soziologie. Sie wird dem Forschungsbereich zur sozialen Ungleichheit, die in der Soziologie ein gewichtiges Thema ist, zugerechnet. Sowohl die traditionellen Klassen- und Schichtungsansätze hinsichtlich der sozialen Ungleichheit als auch die neueren Lebensstil- und Milieumodelle, die Raumansätze sowie das Konzept der sozialen Lagen weisen einen starken empirischen Bezug auf. Diese Forschungsansätze entwickeln sich aus der jeweiligen zeitgenössischen Gesellschaft und zielen darauf ab, empirisch umgesetzt zu werden und damit die Lebensverhältnisse zu regulieren. Da die soziologischen Studien über soziale Ungleichheit unüberschaubar sind, lassen sie sich hier nicht alle aufzählen. Allerdings sind zwei Studien für die vorhandene Arbeit erwähnenswert: die von Sina Farzin verfasste Studie „Die Rhetorik der 5 FORSCHUNGSSTAND UND ZIELSETZUNG DIESER STUDIE Exklusion“7 und die von Imke Schmincke vorgelegte Arbeit „Gefährliche Körper an gefährlichen Orten“.8 Farzins Studie ist für die vorhandene Arbeit insofern sehr nützlich, als sie darauf hinweist, dass Metaphern die Thematik der sozialen Ausgrenzung in die Wahrnehmungsräume der Rezipienten übertragen. Die Studie „Gefährliche Körper an gefährlichen Orten“ ist vor allem dahingehend interessant, dass sie die soziale Marginalisierung durch die ,Sichtbarkeit der Körper‘ als Wahrnehmungsergebnis erklärt und somit das Subjektive in den Vordergrund gestellt wird. Für die Untersuchung der sozialen Ausgrenzung im Film ist es sehr hilfreich, den Zusammenhang zwischen sozialer Ausgrenzung und Wahrnehmung der Menschen herauszuarbeiten. Daher sind die oben genannten beiden Studien für die vorhandene Arbeit von wegweisender Bedeutung. Im Vergleich zu den zahlreichen soziologischen Studien existieren bisher nur wenige Publikationen zur filmischen Darstellung sozialer Ausgrenzung im Allgemeinen. Ein Grund dafür ist, dass Filmen als Forschungsgegenstand seitens der Soziologie bislang wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.9 Zu der mangelnden Beachtung des 7 Farzin, Sina: Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammenhang von Exklusionsthematik und Sozialtheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2011. In „Die Rhetorik der Exklusion“ zeigt Farzin aus der Perspektive der Soziologie die Problematik auf, dass nicht-wissenschaftliche sprachliche Beschreibungsfloskeln, die sich durch Anschaulichkeit und eindrückliche Bildhaftigkeit auszeichnen, sowohl in wissenschaftlichen Texten als auch in den öffentlichen Medien den Begriff der sozialen Exklusion prägen. Damit lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die rhetorischen Mittel in der Exklusionsthematik. Farzin ist der Meinung, dass Metaphern als sprachliche Ausdrucksformen den sprachlichen und damit verbunden den subjektiven Charakter eines soziologischen Textes veranschaulichen. Nach Farzin machen Metaphern das Phänomen der sozialen Ausgrenzung für die Rezipienten evident. 8 Schmincke, Imke: Gefährliche Körper an gefährlichen Orten. Eine Studie zum Verhältnis von Körper, Raum und Marginalisierung. Bielefeld: transcript 2009. Die Besonderheit der Studie besteht darin, dass das Körperliche als Dimension von sozialer Marginalisierung thematisiert wird. Schmincke kommt nach der theoretischen und empirische Untersuchung zum Ergebnis, dass die Sichtbarkeit von Körpern sowie die Wahrnehmung von Körperpraktiken eine zentrale Rolle beim Ausschluss aus einem Raum und materieller Absicherung spielen. 9 An dieser Stelle finden nur die im letzten Jahrzehnt erschienenen drei Studien der Filmsoziologie eine Erwähnung: Mai und Winter gaben 2005 „Das Kino der Gesellschaft – die Gesellschaft des Kinos. Interdisziplinäre Positionen, Analysen und Zugänge“ heraus. Schroer veröffentlichte 2007 den Sammelband „Ge- 6 EINLEITUNG Films in der Soziologie schreiben Mai und Winter: „(…) so hat die Disziplin [die Soziologie] den Film in den letzten Jahrzehnten doch sehr vernachlässigt.“10 Schroer ist der Meinung: „Die Auseinandersetzung mit Film besetzt allenfalls eine kleine Nische im Haus der Soziologie.“11 „[Die Soziologie] hat eine Auseinandersetzung mit der visuellen Kultur bisher aber eher gescheut.“12 Lesch fordert, auch filmästhetische Mittel für Gesellschaftskritik einzusetzen.13 Nach Ansicht der Filmsoziologen sind die Auseinandersetzungen mit dem Film in der Soziologie noch unzureichend. Zudem gibt es in der Soziologie keine kontinuierliche Beschäftigung mit dem Film, obwohl die Behandlung gesellschaftlicher Phänomene im Film eine weit zurückreichende Tradition aufweist.14 Kunz und Schäfers vermuten, dass der Grund für die mangelnde Thematisierung des Films in der Soziologie darin liegt, dass „die ästhetisch-inhaltlichen Fragen schwierig zu beantworten sind“15. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die filmischen Bilder sozialer Ausgrenzung in der Soziologie nur wenig Aufmerksamkeit finden. Bei den soziologisch orientierten Filmtheorien werden im Grunde genommen zwei Richtungen unterschieden: die soziologische Filminterpretation und die Mediensoziologie. Während die soziologische Filminterpretation die Darstellung von Gesellschaft im Film untersucht, fokussiert sich die Mediensoziologie auf den Umgang der Gesellschaft mit Film sowie seine Bedeutung für Einzelne oder Gruppen. Die Mediensoziologie untersucht also „die komplexe Wechselbeziehung zwisellschaft im Film“. Heinze, Moebius und Reicher legten 2012 „Perspektiven der Filmsoziologie“ vor. Alle drei Bücher versuchen, Film als Forschungsgegenstand stärker in das Blickfeld der Soziologie zu rücken. 10 Mai/Winter, 2006, S. 7. 11 Schroer, 2007, S. 8. 12 Ebd., S. 9. 13 Vgl. Lesch, 2005, S. 13–31. 14 Diese Aussage wird durch die folgenden Autoren und Werke untermauert: Emilie Altenloh veröffentlichte bereits 1913 ihre Dissertation „Zur Soziologie des Kino. Die Kino-Unternehmung und die sozialen Schichten ihrer Besucher“. Der Soziologe Herbert Blumer verfasste 1933 „Movies and Conduct“. Siegfried Kracauer veröffentlichte seine „Theorie des Films“ 1960, Dieter Prokop legte 1970 eine „Soziologie des Films“ vor. 1974 erschien „Film und Gesellschaft, Struktur und Funktion der Filmindustrie“ von I. C. Jarvie und Rainer Winter verfasste im Jahr 1992 seine Arbeit zur „Filmsoziologie“. 15 Kunz/Schäfers, 2007, S. 18. 7 FORSCHUNGSSTAND UND ZIELSETZUNG DIESER STUDIE schen den Medien auf der einen Seite und Gesellschaften/sozialen Beziehungen, deren Strukturen bzw. Akteuren auf der andern“16. Die These der soziologischen Filminterpretation wurde 1988 von Faulstich aufgestellt. Für ihn geht es dabei um Folgendes: „Mit Hilfe der soziologischen ,Brille‘ wird der Film in einen allgemeinen oder umfassenden gesellschaftlichen Kontext versetzt. Es geht um den Bezug des Films zur Gesellschaft seiner Zeit. Ausgehend von der Gesellschaftsbedingtheit des Films wird nach seiner sozialen Bedeutung und Funktion gefragt. Es geht um seine Parteilichkeit für oder gegen bestimmte Randgruppen, Schichten, Institutionen oder Personen, auch in Problemfragen und Interessengegensätzen.“17 Aufgrund des Themas der sozialen Ausgrenzung verortet sich diese Studie in der soziologischen Filminterpretation. Dabei werden die Dokufiktionen von Jia im gesellschaftlichen Kontext Chinas, genauer gesagt in Bezug auf das gesellschaftliche Phänomen der sozialen Ausgrenzung untersucht. Über das Thema sozialer Ausgrenzung liegen in den beiden oben genannten Forschungsansätzen Studien vor. Aus der mediensoziologischen Perspektive wird die Wechselbeziehung zwischen Massenmedien und dem gesellschaftlichen Phänomen sozialer Ungleichheit untersucht.18 Dabei werden die Funktion und die Wirkung der Massenmedien, also der Medien, die große Publikumszahlen erreichen, hinsichtlich ihres Repräsentationsvermögens und ihrer Nutzung in der modernen Gesellschaft hinterfragt und analysiert. Massenmedien stellen nicht nur die gesellschaftlichen Normvorstellung und sozialen Kon- 16 Bentele/Brosius/Jarren, 2006, S. 185. 17 Faulstich, 2008, S. 196. 18 Diesbezügliche Studien: Lenz, Thomas / Zillien, Nicole: Medien und soziale Ungleichheit. In: Jäckel, Michael (Hg.): Mediensoziologie. Grundfragen und Forschungsfelder. Wiesbaden 2005, S. 237–254. Studien über die Mediensozialisation gibt es zudem von Niesyto, Horst: Digitale Medien, soziale Benachteiligung und soziale Distinktion. In: Medienpädagogik. Zeitschrift der Theorie und Praxis der Medienbildung. Themenheft der Nr. 17: Medien und soziokulturelle Unterschiede. http://www.medienpaed.com Seier, Andrea/Waitz, Thomas (Hg.): Klassenproduktion. Fernsehen als Agentur des Sozialen. Münster, 2014. 8 EINLEITUNG flikte dar, sondern können Vorstellungen hinsichtlich der sozialen Unterschiede konstruieren, worauf auch Lenz und Zillien hinweisen: „Medien beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit, sondern formen auch die Vorstellung davon, was überhaupt als Ungleichheit anzusehen und was von dieser Ungleichheit als gerechtfertigte Ungleichheit zu interpretieren ist. Massenmedien produzieren und reproduzieren somit gesellschaftliche Ungleichheitsnormen.“19 Im Forschungsansatz der soziologischen Filminterpretation sind bisher nur drei Studien und zwei Texte im deutschsprachigen Raum erschienen. Die drei Sammelbände sind: „Prekäre Obsession: Minoritäten im Werk von Rainer Werner Fassbinder“20, „Fremdbilder. Auswanderung und Exil im internationalen Kino“21 und „Krisenkino. Filmanalyse als 19 Lenz/Zillien, 2005, S. 239. 20 Colin, Nicole / Schößler Franziska / Thurn, Nike (Hg.): Prekäre Obsession. Minoritäten im Werk von Rainer Werner Fassbinder. Bielefeld, 2012. Dieser Band untersucht Fassbinders Repräsentationen verschiedener Minderheiten in seinen filmischen und dramatischen Werken aus interdisziplinärer Perspektive. Die Texte gehen davon aus, dass Fassbinder in seinen Werken die heterogenen und komplexen Identitäten der exkludierten Gruppen darstellt. Dabei werden seine dafür eingesetzten verschiedenen Strategien in den Blick genommen. In diesen Studien werden neben Genrefragen, psychoanalytischen Ansätzen und der Problematik von Identitätszuschreibungen vor allem die Kopplung von gesellschaftlichen Ausschlussstrategien mit entsprechenden Minoritätsdiskursen analysiert. Diese Texte haben zwar Filme als Forschungsgegenstand, lassen sich aber nach Ansicht der Autorin im soziologischen Feld verorten. Dies lässt sich damit begründen, dass einerseits theoretische soziologische Anführungen mit ihren Fachbegriffen direkt in den Texten verwendet werden, um filmische Phänomene zu beschreiben, andererseits bilden in diesen Texten Modelle und Strukturen soziologischer Gesellschaftsanalyse den theoretischen Grundstein. 21 Meurer, Ulrich / Oikonomou, Maria (Hg.): Fremdbilder. Auswanderung und Exil im internationalen Kino. Bielefeld: transcript Verlag, 2009. Dieser Band untersucht die Darstellung von Migration im Film und vertritt die Ansicht, dass der Film eine geeignete Kunstform ist, um moderne Migrationsphänomene zu reflektieren. Die Begründungen dafür lauten zum einen, dass die Themen „Auswanderung“ und „Fremdheit“ eng mit dem Medium Film in Verbindung stehen. In dem Zusammenhang wird gezeigt, dass sowohl die Auswanderung als auch das Kino historische Phänomene sind, die mit den Kontrollmechanismen und Maschinen der Moderne ihre Konjunktur erlebten. Zum anderen weisen die beiden eine strukturelle Verwandtschaft auf, da beide Phänomene bzw. 9 FORSCHUNGSSTAND UND ZIELSETZUNG DIESER STUDIE Kulturanalyse: Zur Konstruktion von Normalität und Abweichung im Spielfilm“22. Weiter sind noch zwei Texte kurz zu erwähnen: Oliver Berlis Studie „Grenzen des Aufstiegs. Soziale Ungleichheit und kulturelle Unterschiede als Gegenstand des Films“23 und Flickers und Zehentho- Formen – Film und Migration – kontinuierliche, aber begrenzte Serien ausbilden. Das bedeutet, dass Bewegungsphasen wie Anfang, Wechsel und Ankunft sowohl die Auswanderung als auch die Erzählstrukturen und technischen Bedingungen des Films konstituieren. Sowohl Auswanderung als auch Film erscheinen als Reflektoren, die einander spiegeln. Die untersuchten Filme erstrecken sich, was ihre Produktion angeht, über eine große zeitliche und räumliche Distanz: Von Chaplin bis Spielberg wird das internationale Kino in Betracht gezogen. Der Schwerpunkt der Studie von Meurer und Oikonomou bei der Untersuchung der Filme liegt auf ihrer künstlerischen Repräsentation von Auswanderung; als interdisziplinäre Untersuchung integriert sie methodisch die Bereiche Cultural Studies, Medienwissenschaft sowie auch Philologien. 22 Wende, Waltraud Wara/Koch, Lars (Hg.): Krisenkino. Filmanalyse als Kulturanalyse: Zur Konstruktion von Normalität und Abweichung im Spielfilm. Bielefeld: transcript Verlag, 2010. Dieser Band analysiert die filmischen Repräsentationen und die Dramaturgie von Grenzziehung bzw. Transgression, mithilfe derer das kollektive Imaginäre immer wieder aufs Neue aushandelt, welche kulturellen Praktiken und Lebensformen im Moment der Krise als normal und welche als abweichend bewertet werden. Diese Studie betrachtet die Filmanalyse als Kulturanalyse, da der Spielfilm als Leitmedium des 20.  Jahrhunderts eine Mittlerfunktion zwischen gesellschaftlichen Ereignissen einerseits und ihren symbolischen Deutungen andererseits wahrnimmt. Sie stellt die These heraus, dass Filme Normalität und Abweichung im Krisendiskurs, also Grenzziehungen als Basis der sozialen und kulturellen Vergemeinschaftung und sozialen Kohäsion sichtbar machen. Wie die oben genannte Studie „Fremdbilder. Auswanderung und Exil im internationalen Kino“ macht auch diese Studie mit Verweis auf den Aspekt der Narration ihr Thema plausibel: Sowohl das Material des Krisendiskurses auch das des Spielfilms bedienen sich des Mittels der Narration. Die sinnhafte Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden dem Krisendiskurs wie auch dem Film zugeschrieben, der aus einer kontinuierlichen Kopplung der Bilder besteht. Insofern ist der Film als Medium geeignet für die Darstellung von Krisen. Diese Studie ist nach Ansicht der Autorin insofern interessant, als es die filmische Konstruktion ist, die den Ausgangspunkt der Untersuchung des gesellschaftlichen Phänomens von ,Normalität‘ und ,Abweichung‘ bildet. Hier sind also die Autoren nicht von soziologischen Untersuchungen ausgegangen, um deren Aussagen mit Blick auf den Film zu bestätigen oder zu negieren, sondern vom Film selbst. Filme können also allgemeine Annahmen darüber ausdrücken, was als ,normal‘ und was als ,Abweichung‘ gilt. 23 Berli, Oliver: Grenzen des Aufstiegs. Soziale Ungleichheit und kulturelle Unterschiede als Gegenstand des Films. In: Heinze, Carsten/Moebius, Stephan/Rei- 10 EINLEITUNG fers „Geschlechternarrationen im Kontext sozialer Ungleichheit. Soziologische Perspektiven auf den jüngeren österreichischen Kinospielfilm“24 im selben Band. Mit Blick auf diese sehr begrenzte Anzahl an Studien ist zu erkennen, dass die Thematik der filmischen Darstellung sozial benachteiligter Gruppen bzw. der sozialen Ausgrenzung bisher sehr unzureichend diskutiert wurde. Die meisten Studien haben sich nicht von klassischen Objektivitäts- und Abbildungsvorstellungen gelöst, sondern betrachten Filme nur als einen passiven Forschungsgegenstand der Soziologie. Dieses Problem kritisiert Faulstich im Kontext der soziologischen Filminterpretation; er beklagt, dass der Fokus vieler Studien nur auf dem soziologischen Inhalt des Films liege und der Status des Films als ästhetisches Gebilde übersehen werde. Er schreibt: „Film darf nicht in seiner Tauglichkeit als soziologisches Objekt aufgehen, so als wäre er nicht zugleich auch ein ästhetisches Phänomen.“25 In vielen Studien wird zumeist nicht hinterfragt, wie Filme mit ihren Darstellungsverfahcher, Dieter (Hg.): Perspektiven der Filmsoziologie. Konstanz und München, 2012, S. 330–351. In dieser Studie dient die ungleichheitsanalytische Kultursoziologie Pierre Bourdieus als theoretischer Rahmen. Methodisch versucht der Autor, die filmischen Szenen mit den Bourdieuschen Kategorien aufzuschlüsseln. Er geht davon aus, dass die Bourdieuschen Konzepte auch für eine Produktanalyse von Filmen fruchtbar sind. Dabei werden zwei US-amerikanische Filme untersucht: Schmalspurganoven (R.: Woody Allen, USA 2000) und Pretty Woman (R.: Garry Marshall, USA 1990). 24 Flicker, Eva / Zehenthofer, Irene: Geschlechternarrationen im Kontext sozialer Ungleichheit. Soziologische Perspektiven auf den jüngeren österreichischen Kinospielfilm. In: Heinze, Carsten/Moebius, Stephan/Reicher, Dieter (Hg.): Perspektiven der Filmsoziologie. Konstanz/München, 2012, S. 220–244. Diese Studie untersucht die filmischen Geschlechternarrationen in Lebensfeldern sozialer Ungleichheit und Armut im österreichischen Kinofilm. Thematisch konzentriert sie sich auf Kleinfamilie und Gewalt in Geschlechterbeziehungen. Methodisch legt diese Studie sehr gut ihren eigenen Ansatz dar: Die Autorinnen entwickeln selbst einen Forschungsansatz, den sie als soziologisches Filmlesen bezeichnen. Das soziologische Filmlesen zielt darauf ab, durch eine kritische, reflexive Beschreibung filmischer Konstruktion sozialer Verhältnisse bestimmte Ausprägungen medialer Diskurse über Gesellschaft nachzuzeichnen, um sie damit sichtbar und diskutierbar zu machen. Dabei werden die Filme auf der Figurenebene auf die Darstellung von Handlungsspielräumen und Interaktionen hin untersucht. Von Nachteil ist allerdings, dass die Leser den Vorgang der konkreten Filmanalyse nicht nachvollziehen können, da er ihnen gegenüber unsichtbar bleibt. 25 Faulstich, 1995, S. 65. 11 FORSCHUNGSSTAND UND ZIELSETZUNG DIESER STUDIE ren den Zuschauern eine bestimmte Vorstellung, ein Sinnmuster, Werte und Ideologien hinsichtlich sozialer Ausgrenzung vermitteln und eventuell einen bestimmten Effekt bei ihnen erzeugen können. Darüber hinaus betonen die oben genannten Studien zwar in verschiedenem Maße das Darstellungsvermögen des Films, setzen sich aber mit den konkreten filmischen Darstellungsstrategien der sozialen Ungleichheit kaum systematisch auseinander. Der Grund dafür könnte teilweise darin liegen, dass die systematische Erforschung des Inhalts und der Sinnebenen von Filmen in soziologischen Untersuchungen eine besonders große Schwierigkeit darstellt.26 Außerdem wurde keine einheitliche Forschungsmethode hinsichtlich dieses Themas für die Filmanalyse herausgearbeitet, stattdessen wurden je nach Film interdisziplinäre Ansätze aufgegriffen. Genau in dieser Forschungslücke sieht die vorliegende Studie ihre Aufgabe. Mit ihrem Forschungsergebnis will diese Studie in erster Linie einen neuen Forschungsansatz bezüglich der filmischen Konstruktion sozialer Ausgrenzung von Figuren liefern. Dabei wird ausgegangen von dem Verständnis, dass der Eindruck sozialer Ausgrenzung von Figuren eine filmkünstlerische Konstruktion ist. In zweiter Linie will diese Studie herausfinden, inwieweit die Filme von Jia als wirklichkeitsnahe Spiegelbilder die soziale Ausgrenzung in der chinesischen Gesellschaft aufgreifen. Auch die ,realistischen‘ Filme sollten nicht als Abbild sozialer Realität angesehen werden. Filme können zwar wirklichkeitsnahe Spiegelbilder sein, aber „es [ist] dem Film auf seine Weise gegeben, das Gesamte der Realitäten einer Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen“27. Insofern kann man allein durch die Analyse von Jias Filmen nicht direkt die Frage beantworten, wie die soziale Ausgrenzung in der chinesischen Gesellschaft aussieht. Erst durch die gemeinsame Betrachtung des Ergebnisses der Filmanalyse mit soziologischen Untersuchungen lässt sich etwas darüber aussagen, inwieweit Jias Filme die soziale Ausgrenzung in der Realität darstellen. Des Weiteren will diese Studie herausarbeiten, wie das Format Dokufiktion die filmische Konstruktion von sozialer Ausgrenzung realisiert. Der Grund dafür, warum sich diese Studie hier auf die Dokufiktion bezieht, liegt in Jias Handschrift. Dies wird im Folgenden erläutert. 26 Vgl. Heinze/Moebius/Reicher, 2012, S. 9. 27 Silbermann, 1980, S. 18. 12 EINLEITUNG Eine Bemerkung zur Verortung soll zur Verdeutlichung vorangeschickt werden: Mit dem Thema „Soziale Ausgrenzung in Dokufiktionen“ stehen Soziologie und Filmwissenschaft in einem interdisziplinären Verhältnis, sie werden miteinander in einen die jeweiligen disziplinären Grenzen übersteigenden Dialog gebracht. Diese Studie versteht sich als eine filmwissenschaftliche Untersuchung. Das bedeutet, dass sie sich der filmwissenschaftlichen Forschungsmethode bedient und in erster Linie darauf abzielt, die filmkünstlerischen Leistungen in Bezug auf das Thema der sozialen Ausgrenzung herauszuarbeiten. Jia Zhangkes Filme und Dokufiktionen Die sich mit rasanter Geschwindigkeit verändernde chinesische Gesellschaft erfordert eine adäquate Anpassung seitens der Bevölkerung Chinas. In dieser schwierigen Situation treten unvermeidbar Konflikte zwischen dem Individuum und seinen Mitmenschen, zwischen sozialen Gruppen und staatlichen Institutionen sowie zwischen den alten und neuen gesellschaftlichen Werten und Normen zutage. Die zentralen Fragen in Jias Filmen befassen sich mit der Neuorientierung des Einzelnen in der Gesellschaft und den zwischenmenschlichen Beziehungen, welche sich im zeitlichen Wandel und im Zuge der Modernisierung veränderten. Eine große Aufmerksamkeit gilt dabei den Gefühlen und Empfindungen der einfachen Menschen innerhalb des gesellschaftlichen Wandels. Jias Filme zeichnen sich durch einen unverstellten Blick auf die chinesische Gegenwart aus. Sie zeigen Bilder der aktuellen gesellschaftlichen Realität, in denen soziale Widersprüche herrschen. Ein Grundthema seiner Filme ist die rasante Modernisierung Chinas seit den 1980er Jahren mit ihren vielschichtigen Facetten. Die Gründe für die Eignung der Filme Jias als Gegenstand der Untersuchung der filmischen Konstruktion sozialer Ausgrenzung liegen einerseits in ihren thematischen Merkmalen – seine Filme schildern meist die alltäglichen Probleme der einfachen Menschen vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels –, andererseits in seiner persönlichen Handschrift. Jia arbeitet mit der Eigenwilligkeit des Erfindungsgeistes und formuliert eine persönliche, ambitionierte Filmsprache, eine dokumentarische Kameraarbeit, die fast alle seine Filme, darunter auch die fiktiven Storys, durchzieht. Jias individuelle Handschrift kommt seit dem Debütfilm in seiner kon- 13 JIA ZHANGKES FILME UND DOKUFIKTIONEN tinuierlichen Arbeit zunehmend reifer zum Ausdruck. Mit der thematischen Behandlung sozialer Probleme unter Ausgestaltung seines eigenen Stils wendet Jia sich nicht nur von seinen Vorgängern ab, sondern füllt mit seinen Produktionen eine Lücke in der Filmlandschaft Chinas. In dieser Arbeit werden vier Dokufiktionen zur konkreten Analyse herangezogen, in denen die soziale Ausgrenzung ein zentrales Thema darstellt: Pickpocket (Xiăo Wŭ, CHN 1997), The World (shìjiè, CHN 2004), Still Life (sānxiá hăorén, CHN 2006) und 24 City (èrshísì chéng jì, CHN 2008).28 Diese über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren entstandenen Filme zeichnen nicht nur die Geschichte der Entwicklung und des Wandels der chinesischen Gesellschaft auf, sondern beleuchten außerdem unterschiedliche Personengruppen wie Wanderarbeiter, Minenarbeiter, Diebe und Arbeitslose. Die Autorin geht davon aus, dass die in den ausgewählten Filmen verarbeiteten Inhalte ungeachtet ihrer Fiktionalität unmittelbar im Zusammenhang mit dem Diskurs der sozialen Ausgrenzung in der chinesischen Gesellschaft stehen. In China gewinnt Jia Zhangke schon seit seinem ersten Spielfilm Pickpocket im Jahr 1997 zunehmend an Aufmerksamkeit bei Film- und Kulturwissenschaftlern. Es gibt zahlreiche chinesische Studien, die die Darstellungen sozialer Probleme und gesellschaftlicher Wandlung in Jias Filmen untersuchen. Allein schon hinsichtlich der thematischen und narrativen Merkmale wurden Jias Filme in China bereits ausgiebig untersucht und diskutiert, was einen umfangreichen Literaturbestand zur Folge hat, auf den diese Studie zurückgreifen kann. Um nur einige Beispiele zu nennen: Chen Xihe und Peng Jixiang haben Motive in Jias Filmen wie z. B. die kleinen Städte und ihre kulturelle Konstruktion aus Sicht der chinesischen Filmgeschichte analysiert.29 Ding Yajun und Wu Jiang haben sich damit beschäftigt, wie Jias Filme mit lokalen Themen weltweit Beachtung gefunden haben.30 Auch hinsichtlich der Themen „Randgruppen“ und „Unterschicht“ erhalten Jias Filme viel Aufmerksamkeit. Allerdings gehen diese Studien zumeist von der Annahme aus, dass Jias Filme eine bestimmte soziale Gruppe filmisch thematisieren. Das heißt, sie betrachten die auftretenden Figuren mit ei- 28 Die Begründung für die Filmauswahl wird im sechsten Kapitel noch ausführlich dargelegt. 29 Vgl. Chen/Peng, 2010. 30 Vgl. Ding/Wu, 2009. 14 EINLEITUNG nem vorgefertigten Blick und sehen den Beitrag des Films insofern nur in der neuartigen Darstellungsweise und -perspektive hinsichtlich der gegenwärtigen sozialen Realität. Der filmische Konstruktionsprozess für die Darstellung der sozialen Ausgrenzung wird dagegen nicht in Betracht gezogen. Untersuchungen zu Jia Zhangkes Filmen nehmen seit den letzten Jahren auch in der westlichen Forschung zu. Platzen und Hu zeigen durch Interviews mit den Filmschaffenden, dass Jia vor dem Hintergrund der soziokulturellen Übergangszeit in China versucht, seine eigenen Widersprüche ernst zu nehmen und Kunstwerke originell und individuell zu erschaffen.31 Berry interpretiert die langen Einstellungen in Jias Film Pickpocket unter dem Aspekt der Zeit- und Bewegungskonstruktion.32 Außerdem betrachtet er Jia und seine Filme aus der postsozialistischen Perspektive und setzt seine Filme in diesen Kontext.33 Der Fokus der genannten Studien liegt häufig auf der Mediensozialisation, genauer gesagt auf dem Verhältnis zwischen Filmschaffen und den soziokulturellen Kontexten der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang behandeln sie nicht nur die Werke Jia Zhangkes, sondern eher das Phänomen des sogenannten „Urbanen Realismus“34. Eine intensive und ausführliche Analyse von Jias Filmen auf der ästhetischen und narrativen Ebene findet in der westlichen Medienforschung noch keine ausreichende Beachtung. Wie oben erwähnt, ist bei vielen Filmen Jias eine Kategorisierung nach der Gattung sehr schwer, da er seine Storys gerne mit einer unverwechselbar dokumentarischen Filmsprache erzählt. Dabei stellen seine Produktionen Mischformen aus Spiel- und Dokumentarfilm dar. Die Mischformen werden auch als Doku-Hybriden bezeichnet. Ein paar wichtige und interessante Beiträge über Doku-Hybriden im deutschsprachigen Raum lassen sich hier kurz nennen: Christian Hißnauer beschäftigt sich in seiner Dissertation „Fernsehdokumentarismus“ mit verschiedenen Hybridformen des Fernsehdoku- 31 Vgl. Platzen/Hu, 2009. 32 Dabei bedient sich Berry des Konzepts von Gilles Deleuze. (Siehe Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Frankfurt am Main, 1997. Deleuze, Gilles: Das Zeit-Bild. Kino 2. Frankfurt am Main,1997) 33 Vgl. Berry, 2009, S. 111–129; Berry, 2008, S. 250–257. 34 Vgl. Kramer, 1997, S. 221. Der Begriff „Urbaner Realismus“ wird im ersten Kapitel dieser Studie noch ausführlich erklärt. 15 JIA ZHANGKES FILME UND DOKUFIKTIONEN mentarismus und identifiziert sie als Dokumentarspiel, Doku-Drama, Interviewdokumentarismus, Fake-Doku, Fiktive Dokumentation, Real-Life-Soap.35 Der Sammelband „Spiel mit Wirklichkeit: Zur Entwicklung doku-fiktionaler Formate in Film und Fernsehen”36 befasst sich mit Entwicklung, Geschichte und Ästhetik doku-fiktionaler Formate in Deutschland. Peter Zimmermann beobachtet in seinem Heft „Hybride Formen. Neue Tendenzen im Dokumentarfilm“37 die Entwicklung hybrider Mischformen des Dokumentarfilms seit den 1980er Jahren und stellt verschiedene Mischformen vor. Dabei beziehen sich die Mischungen nicht nur auf Dokumentar- und Spielfilm, sondern auch noch auf die verschiedenen medialen Formen. Anne Drees untersucht in ihrer Magisterarbeit „Das Dokumentarische im Animationsfilm“38 das Phänomen der Verknüpfung von Dokumentar- und Animationsfilm am Beispiel von Vincent Paronnauds und Marjane Satrapis Persepolis und Ari Folmans Waltz with Bashir. In Deutschland wecken Doku-Hybriden als Fernsehsendungen vor allem im Bereich der Geschichtsvermittlung die Aufmerksamkeit der Medienwissenschaftler.39 Dabei handelt es sich meist um Doku-Dramen. In diesem Buch geht es jedoch mit Blick auf Jias Filme um Dokufiktionen, also eine andere Form von Doku-Hybriden. Der Begriff der Dokufiktion bezeichnet in dieser Studie fiktive filmische Storys, die mittels des dokumentarischen Darstellungsverfahrens realisiert werden. Im vierten Kapitel dieser Studie wird die Dokufiktion aus filmtheoretischer Perspektive ausführlich erläutert. Zu erwähnen ist jedoch, dass die Quellenlage in der deutschsprachigen Forschung zur vollständigen Bearbeitung der Doku-Hybriden nicht ausreicht, obwohl bereits viele Studien über die Mischformen von Dokumentar- und Spielfilmen im deutschsprachi- 35 Hißnauer, 2011a, S. 247. 36 Hoffmann, Kay / Kilborn, Richard / Barg, Werner C. (Hg.): Spiel mit der Wirklichkeit. Konstanz, 2012. 37 Zimmermann, Peter: Hybride Formen. Neue Tendenzen im Dokumentarfilm. Goethe Institut Filmprogramm. Goethe Institut 2001. 38 Drees, Anne: Das Dokumentarische im Animationsfilm. Die Erweiterung dokumentarischer Darstellungsmöglichkeiten durch die Animation in Vincent Paronnauds und Marjane Satrapis „Persepolis“ (2007) und Ari Folmans „Waltz with Baschir“ (2008). GRIN Verlag, 2011. 39 Beispiele dafür sind die Fernsehfilme: Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei (R.: Dror Zahavi, D 2005) und Die Sturmflut (R.: Jorgo Papavassiliou, D 2006) 16 EINLEITUNG gen Raum zu finden sind.40 Die Doku-Hybriden werden – wenn überhaupt – auf internationalem Parkett wissenschaftlich diskutiert, sodass für eine komplexe Darstellung zusätzlich englischsprachige Quellen herangezogen werden müssen.41 40 Weitere Studien über die Hybridformen im deutschsprachigen Raum: Brauburger, Stefan: Fiktionalität oder Fakten: welche Zukunft hat die zeitgeschichtliche Dokumentation? In: Korte, Barbara / Paletschek, Sylvia (Hg.): History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld: transcript. 2009, S. 203–213. Ebbrecht, Tobias / Steinle, Matthias: „Dokudrama in Deutschland als historisches Ereignisfernsehen – eine Annäherung aus pragmatischer Perspektive“. In: ME- DIENwissenschaft, Nr. 3/2008, S. 250–265. Hißnauer, Christian: Hybride Formen des Erinnerns: Vorläufer des Doku-Dramas in den 1970er Jahren. In: Heinemann, Monika et al. (Hg.): Medien zwischen Fiction-Making und Realitätsanspruch. München 2011; Steinle, Matthias: Geschichte im Film: Zum Umgang mit den Zeichen der Vergangenheit im Dokudrama der Gegenwart. In: Korte, Barbara / Paletschek, Sylvia (Hg.): History Goes Pop: Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld: transcript. 2009, S. 147–166. Steinle, Matthias: Good Bye Lenin – Welcome Crisis! Die DDR im Dokudrama des historischen Event-Fernsehens. In: Ebbrecht, Tobias et al. (Hg.): DDR – erinnern, vergessen. Das visuelle Gedächtnis des Dokumentarfilms. Marburg, 2009. Steinmetz, Rüdiger: Zwischen Realität und Fiktion. Mischformen zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm. In: ders. (Hg.): Zeiten und Medien – Medienzeiten. Festschrift zum 60. Geburtstag von Karl Friedrich Reimers. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 1995, S. 164–181. Von Keitz, Ursula / Hoffmann, Kay (Hg.): Die Einübung des dokumentarischen Blicks. Fiction Film und Non Fiction Film zwischen Wahrheitsanspruch und expressiver Sachlichkeit 1895–1945. Marburg: Schüren Pressverlag GmbH, 2001. Wolf, Fritz: Alles Doku – oder was? Über die Ausdifferenzierung des Dokumentarischen im Fernsehen. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (Hg.) Band 25. 2003. 41 Die folgende englischsprachige Literatur wird für die Bearbeitung der Dokufiktion heranzogen: Rhodes, Gary D. / Springer, John Parris (Hg.): docufictions. Essays on the Intersection of Documentary and Fictional Filmmaking. 2006. Juhasz, Alexandra / Lerner, Jesse (Hg.): F is for Phony. Fake Documentary and Truth’s Undoing. Minneapolis, London 2006. Roscoe, Jane / Hight, Craig: Faking it. Mock-documentary and the subversion of factuality. Manchester, New York: Manchester University Press 2001. 17 FRAGESTELLUNG UND GLIEDERUNG DIESER STUDIE Fragestellung und Gliederung dieser Studie Diese Studie geht der Frage nach, wie die soziale Ausgrenzung in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft in Jias Dokufiktionen reflektiert wird. Diese zentrale Fragestellung wirft eine Vielzahl an Fragen auf. In erster Linie sollen die wichtigen Begriffe „soziale Ausgrenzung“ und „Dokufiktionen“ verdeutlicht werden. Es wird dargelegt, wie die soziale Ausgrenzung in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft aussieht und inwieweit diese in Jias Filmen reflektiert wird. Weiter müssen die Fragen rund um den Regisseur Jia und seine Filme geklärt werden, da seine Filme den Forschungsgegenstand dieser Studie bilden. Es soll also dargestellt werden, wer Jia Zhangke ist, welche Art Filme er gedreht hat, wodurch sich seine Handschrift auszeichnet, mit welchen Themen er sich in seinen Filmen beschäftigt, wo er damit in der chinesischen Filmlandschaft zu verorten ist und womit die Auswahl der Filme für die Filmanalyse der vorliegenden Studie zu begründen ist. Zum Schluss wird durch die Filmanalyse die besondere Wirkung von Dokufiktionen zur Darstellung der sozialen Ausgrenzung im Vergleich zu den Dokumentar- und Spielfilmen dargelegt. Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert, wobei das 1. Kapitel das Dispositiv von Jias Filme behandelt, die Kapitel 2 bis 5 den theoretischen Teil bilden und die Kapitel 6 bis 8 die empirische Forschung beinhalten. Im ersten Kapitel werden der Filmemacher Jia Zhangke und seine Filme im soziokulturellen Kontext der chinesischen Gesellschaft und Filmlandschaft vorgestellt. Die Beschaffenheit von Jias Filmen unterliegt zahlreichen Einflüssen. Seine Lebenserfahrungen in der Jugendzeit, seine künstlerischen und gesellschaftlichen Belange, die Verhältnisse der damaligen chinesischen Filmlandschaft und noch viele andere Faktoren stellen die Gründe dafür dar, dass Jia in seinen Filmen gerne die sozialen Probleme der einfachen Menschen im gesellschaftlichen Wandel mit seiner persönlichen Handschrift thematisiert. Zum besseren Verständnis der sozialen Ausgrenzung als Thema von Jia Zhangkes Filmen und der Dokufiktion als seiner persönlichen Handschrift werden einzelne Aspekte rund um den Regisseur und seine Filme im ersten Kapitel konkret aufgezeigt. Im theoretischen Teil wird die Forschungsfrage in der Auseinandersetzung mit relevanten Theorie- und Themenfeldern präzisiert. Der theoretische Teil ist in drei unterschiedliche thematische Blöcke gegliedert, die jeweils im zweiten, dritten und vierten Kapitel dargestellt wer- 18 EINLEITUNG den. Im zweiten Kapitel wird die soziale Ausgrenzung im soziologischen Diskurs betrachtet. Zunächst wird der Begriff der sozialen Ausgrenzung anhand soziologischer Untersuchungen erläutert. Danach sollen das Phänomen der sozialen Ausgrenzung in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft und seine vorwiegenden Ursachen vorgestellt werden. Schwerpunkt im letzten Schritt ist es dann, einen Überblick über die wichtigsten Dimensionen der sozialen Ausgrenzung zu bieten. Die herausgebildeten Dimensionen bilden einen wichtigen Hintergrund für die empirische Studie. Die zugrunde liegenden Informationen sind sowohl der chinesischen und als auch der westlichen Fachliteratur entnommen. Dabei soll aber kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Diese Studie geht davon aus, dass der Eindruck der sozialen Ausgrenzung einer bestimmten Figur im Film nicht allein durch ihre körperlichen und sozialen Voraussetzungen – wie z. B. ihren Beruf, ihren Familien- und Gesundheitszustand – determiniert wird, sondern filmisch konstruiert ist. Im dritten Kapitel wird die soziale Ausgrenzung aus phänomenologischer Perspektive betrachtet. Damit wird der Umstand der sozialen Ausgrenzung einer bestimmten Person in den alltäglichen Wahrnehmungsraum übertragen. Erst dadurch wird die Erfassung der filmischen Konstruktion ermöglicht. Es wird als Ergebnis dieses Kapitels ein eigenes, handhabbares Konzept gesellschaftlicher Ausgrenzung von Figuren entwickelt, das diese am konkreten Fall des Films darzustellen vermag. Im vierten Kapitel wird auf die Dokufiktion, also eine Mischform aus Dokumentar- und Spielfilm, eingegangen. Dafür werden die Kategorisierungen innerhalb der Mischformen vorgestellt und die jeweiligen Merkmale und Charakteristika diskutiert. Ziel ist es, die zu untersuchenden Filme Jias in diesem Themenfeld zu verorten und einen passenden Begriff für sie zu finden. Dass Jias Filme dem Zuschauer den Eindruck der sozialen Ausgrenzung verschaffen, setzt voraus, dass seine Filme mittels der dokumentarischen Filmsprache den Zuschauern Wirklichkeitsbilder vermitteln können. Daher wird in diesem Kapitel weiterhin noch die Wirklichkeitskonstruktion des Films untersucht. Damit soll verdeutlicht werden, wie der Wirklichkeitseindruck in den Dokufiktionen zustande kommt und auf welche Weise der dokumentarische Darstellungsmodus den Wirklichkeitseindruck bewirkt. Im letzten Schritt folgt eine Auseinandersetzung mit der speziellen Leistung 19 FRAGESTELLUNG UND GLIEDERUNG DIESER STUDIE der Mischformen und deren Wirkung auf die Zuschauer im Vergleich zu Dokumentar- und zu Spielfilmen. Im daran anschließenden fünften Kapitel werden in einem Zwischenresümee die theoretischen Ergebnisse zusammengeführt. Der empirische Teil besteht aus zwei Kapiteln. Der Filmanalyse geht im sechsten Kapitel die Vorstellung der dafür angewandten Forschungsmethode voraus. Als Erstes werden anhand der theoretischen Auseinandersetzungen drei Teilfragen zur zentralen Fragestellung entworfen. Es werden in den vier Filmen die gleichen Fragestellungen und Hypothesen eingesetzt, um systematische Ergebnisse zwischen den dargestellten Thematiken aufstellen zu können. Auf diese Weise soll der Leser einen direkten und anschaulichen Einblick in die unterschiedlichen Befunde der Untersuchungen erlangen können. Als Zweites werden die Analyseebenen für die jeweiligen Teilfragen herausgearbeitet. Drittens wird die Auswahl der vier Filme Pickpocket, The World, Still Life und 24 City für die Filmanalyse begründet. Nach dem Entwurf der wissenschaftlichen Methodik im sechsten Kapitel werden die vier ausgewählten Dokufiktionen Jias auf ihre Konstruktion der sozialen Ausgrenzung hin untersucht. Die Betrachtung der Filme verläuft nach den im sechsten Kapitel entworfenen Teilfragen in einem dreistufigen Prozess: Zunächst soll anhand der im zweiten Kapitel herausgearbeiteten Dimensionen sozialer Ausgrenzung festgestellt werden, inwieweit die Darstellung der sozialen Ausgrenzung im Kontext der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft zu verorten ist. Der folgende zweite Schritt geht damit einher, das im dritten Kapitel entworfene Konzept über soziale Ausgrenzung in den Filmen zu überprüfen. Als Ergebnis soll verdeutlich werden, wie die soziale Ausgrenzung der Figuren in den jeweiligen Filmen konstruiert wird. Zum Schluss soll herausgefunden werden, welchen Beitrag das Format Dokufiktionen in der Darstellung der sozialen Ausgrenzung leistet. Im darauf folgenden Zwischenresümee, dem achten Kapitel, werden die Ergebnisse der vier Filmanalysen zusammengefasst, um die im methodischen Kapitel aufgeführten Teilfragen zu beantworten. Zum Schluss werden der theoretische und der empirische Teil systematisch aufeinander bezogen. Dabei wird der Beitrag dieser Studie als wissenschaftliche Untersuchung der filmischen Darstellungen der sozialen Ausgrenzung verdeutlicht. Zudem wird abschließend ein Ausblick über die Entwicklung von Jia Zhangke und seinen Filmen geboten.

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References

Zusammenfassung

Jia Zhangke ist einer der bekanntesten und produktivsten chinesischen Filmemacher der Sechsten Generation. Eindrucksvoll verarbeitet er in seinen Filmen die großen Veränderungen der chinesischen Gesellschaft seit der Einführung wirtschaftlicher Reformen und die so entstandenen sozialen Probleme.

Wissenschaftlich fundiert geht die Autorin der Frage nach, wie Jias Dokufiktionen die soziale Ausgrenzung in den 1990er und 2000er Jahren in China reflektieren. Mit ihrer theoretischen Untersuchung und der Analyse von Jias Dokufiktionen „Pickpocket“, „The World“, „Still Life“ und „24 City“ liefert die Autorin nicht nur Informationen über die wissenschaftlich sonst nur schwer zugänglichen Realitäten der sozialen Ausgrenzung in der Volksrepublik China, sondern schlägt auch eine interdisziplinäre Brücke zwischen der sozialen Ausgrenzung als gesellschaftlichem Phänomen und ihrer filmischen Darstellung.