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6 Diskussion in:

Mathias Ollmann

Einflussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen, page 133 - 150

Eine empirische Analyse von Performancepfaden auf Basis der modernen Bilanzanalyse

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3996-0, ISBN online: 978-3-8288-6843-4, https://doi.org/10.5771/9783828868434-133

Tectum, Baden-Baden
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133 6 Diskussion Ziel der Diskussion ist die inhaltliche Verknüpfung der theoretischen Grundlagen (vgl. Abschnitte  2, 3 und insb. 4) mit den Ergebnissen der empirischen Analyse (vgl. Abschnitt 5). Dazu werden zunächst die grundlegenden Erkenntnisse theoretisch eingeordnet und begründet (vgl. Abschnitt  6.1). Anschließend erfolgt die Diskussion bzw. ökonomische Interpretation der identifizierten Kennzahlen bzw. Unterscheidungsmerkmale (vgl. Abschnitt 6.2). Darauf aufbauend wird die Technik der Kennzahlenberechnung gewürdigt (vgl. Abschnitt  6.3). Abschließend werden Implikationen für die Praxis und Wissenschaft herausgearbeitet (vgl. Abschnitt 6.4) und der zukünftige Forschungsbedarf / Limitationen dargestellt (vgl. Abschnitt 6.5). 6.1 Erkenntnisse zu den kontrollierenden Einflüssen Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die krisenresistenten Unternehmen tendenziell kleiner und älter sind und zudem im Zeitraum vor der externen Krise eine vergleichsweise geringere Performance aufweisen (vgl. Abschnitt 5.5.5.1). Im Hinblick auf den Altersvorsprung muss beachtet werden, dass es sich bei den nicht-krisenresistenten Unternehmen zwar um etwas jüngere, jedoch keinesfalls um junge Unternehmen – im Sinne von Start-ups – handelt. Vielmehr zeigt sich, dass die Unternehmen insgesamt einer späteren Lebenszyklusphase zuzuordnen sind (vgl. Tabelle 18: Kontrollvariablen – alle Branchen und Tabelle 31: Kontrollvariablen – Handel). 134 Mathias Ollmann: Einfl ussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen Die identifi zierten Unterschiede sind vor dem Hintergrund der dargestellten theoretischen Grundlagen plausibel. Dabei bilden die deutlichen Größenunterschiede den Ausgangspunkt für die Interpretation: Abbildung 32: Größe als Unterscheidungsmerkmal Die Unternehmensgröße ist mit Vor- und Nachteilen verbunden: – Größenbedingte Vorteile, d. h. Economies of Scale360, lassen sich bspw. als eine Erklärung für die vergleichsweise höhere Performance nicht-krisenresistenter Unternehmen im Zeitraum vor der Krise heranziehen. – Dahingegen sind es vermutlich die größenbedingten Nachteile, die dazu führen, dass diese Unternehmen ihr Performanceniveau nicht weiter aufrechterhalten können. In diesem Zusammenhang fi nden sich diverse Erklärungsansätze, die allesamt mit der Flexibilität kleinerer bzw. Infl exibilität größerer Unternehmen argumentieren. Wie schon die Th eorie zur Entstehung von Unternehmenskrisen gezeigt hat (vgl. Abschnitt  2.1.2), kann es insbesondere in Zeiten dynamischer Umweltveränderungen zu krisenhaft en Entwicklungen kommen, wenn bestehende Reaktionsmuster nicht angepasst werden. Ein solches unangepasstes Verhalten ist vermeintlich eher bei größeren Unternehmen mit vergleichsweise komplexeren Organisationsstrukturen zu vermuten. Auch können größenbedingte Abhängigkeiten 360 Economies of Scale bezeichnen größenbedingte Verbesserungen der Input-/Output-Relationen. Vgl. Knieps (2008), S. 24. 6 Diskussion 135 von externen Stakeholdern die Flexibilität der nicht-krisenresistenten Unternehmen einschränken. Jedoch ist hierbei zu beachten, dass ein Unternehmen auch nicht zu klein sein darf, damit es überhaupt als vertrauensvoller Geschäftspartner wahrgenommen wird. Dies dürfte allerdings im vorliegenden Fall unproblematisch sein, da es sich hier insgesamt um „reifere“ Unternehmen handelt. Eine weitere Begründung findet sich bei den Einflussfaktoren auf die organisationale Resilienz (vgl. Abschnitt  2.2.2). So fällt es kleineren Unternehmen vermutlich leichter, die Innovationsfähigkeit und eine offene Unternehmenskultur zu fördern. Inwiefern dieses Argument auch für kleinere und gleichzeitig ältere Unternehmen gelten kann, lässt sich hier jedoch nicht abschließend beurteilen. Die Unterschiede in der Unternehmensgröße können aber nicht nur als mögliche Erklärungsansätze für die Performanceunterschiede vor der Krise und eine bessere Anpassungsfähigkeit bzw. Flexibilität herangezogen werden. Vielmehr kann die Unternehmensgröße auch als Spiegelbild des historischen Wachstums interpretiert werden und liefert somit Informationen über die Wachstumsgeschwindigkeit der Unternehmen (vgl. Abschnitt  4.2.1): Die deutlich kleineren und zudem leicht älteren krisenresistenten Unternehmen sind in der Vergangenheit offensichtlich nicht so schnell gewachsen wie die nicht-krisenresistenten Unternehmen. Dass Wachstum nicht per se positiv ist, haben bereits die Ausführungen zur Theorie des Unternehmenswachstums gezeigt (vgl. Abschnitt 4.2). Der Zusammenhang von Wachstum und Performance verläuft nicht linear. Vielmehr ist ein umgekehrt u-förmiger Zusammenhang zu erwarten. Aufgrund von wachstumsbedingten Herausforderungen (bspw. in der Unternehmensführung, im Markt oder in finanzieller Hinsicht) führt eine Maximierung des Wachstums nicht zwangsläufig auch zu einer Maximierung der Performance. Als erfolgreich werden mittlere Wachstumsniveaus angesehen. Insbesondere auch aus diesem Grund wird eine nachhaltige Wachstumsstrategie gefordert und als Einflussfaktor auf die organisationale Resilienz genannt (vgl. Abschnitt 2.2.2). Die krisenresistenten Unternehmen scheinen ihre optimale Wachstumsgeschwindigkeit gefunden zu haben. Im Gegensatz dazu kann die negative Performanceentwicklung der nicht-krisenresistenten Unternehmen auf ihr 136 Mathias Ollmann: Einfl ussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen überdurchschnittliches Wachstum vor der Krise bzw. die damit verbundenen Herausforderungen zurückzuführen sein.361 6.2 Erkenntnisse der multivariaten Analyse Im Folgenden werden die Ergebnisse der multivariaten Analyse (vgl. Abschnitt  5.5.5.2) diskutiert und ökonomisch begründet. Wie für jede kennzahlenbasierte Analyse gelten auch hier die spezifi schen Einschränkungen hinsichtlich der Interpretierbarkeit (vgl. Abschnitte 3.2.3 und 3.4). Insbesondere vor diesem Hintergrund muss es hier das übergeordnete Ziel sein, unterschiedliche Interpretationswege aufzuzeigen, um so für verschiedene praxis- und auch forschungsrelevante Th emen zu sensibilisieren. Die identifi zierten Unterscheidungsmerkmale zur Beurteilung der Krisenresistenz lassen sich wie folgt den Analysebereichen des im Abschnitt 4 erarbeiteten Interpretationsrahmens zuordnen: Abbildung 33: Unterscheidungsmerkmale – Analysebereiche 361 Passend hierzu ist auch die Idee vom „Fluch des Erfolgs“ (vgl. Abschnitt 2.1.2). 6 Diskussion 137 6.2.1 Anlagevermögen Investitionsquote Sachanlagen Wie in der Ergebniszusammenfassung dargestellt, kann bei den nicht-krisenresistenten Unternehmen im Zeitraum vor der externen Krise eine vergleichsweise höhere Investitionsquote festgestellt werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Sowohl die Ausführungen zur Theorie des Unternehmenswachstums (vgl. Abschnitt  4.2) als auch die Erläuterungen zu den grundlegenden Erkenntnissen der empirischen Analyse (vgl. Abschnitt 6.1) haben bereits gezeigt, dass Wachstum – das sich wie hier bspw. in einer höheren Investitionsquote der nicht-krisenresistenten Unternehmen manifestiert – zum Teil mit erheblichen, oftmals vernachlässigten Risiken verbunden ist. Nicht ohne Grund wurden schon bei Hauschildt „Unternehmen mit unkontrolliertem Wachstum“ als eigener Krisentyp identifiziert (vgl. Abschnitt 4.2.4). Während sich die Herausforderungen hinsichtlich der Unternehmensführung und des Marktes im Rahmen dieser kennzahlenbasierten Analyse nicht quantifizieren lassen, finden sich zumindest Hinweise für ein zunehmendes bzw. verhältnismäßig höheres Verschuldungsrisiko der nicht-krisenresistenten Unternehmen. Konkret zeigt sich in diesem Zusammenhang ein Anstieg der absoluten Verbindlichkeiten sowie auch der Intensität der Verbindlichkeiten362. Offen bleibt die Frage nach einer kritischen Wachstumsgrenze. Einen ersten Ansatzpunkt hierzu kann der beschriebene Wachstumskorridor liefern, der die competitive und sustainable growth rate als Unter- bzw. Obergrenze umfasst (vgl. Abschnitt 4.2.4). In der Praxis sind es aber insbesondere die zum Teil irrationalen Erwartungshaltungen der Shareholder, von denen ein starker Wachstumsdruck ausgeübt wird, der dann ein zu hohes Wachstum nach sich ziehen kann. Zudem ist zu vermuten, dass ein nicht unwesentlicher Anteil an Unternehmen die competitive growth rate überhaupt nur durch ein Überschreiten der sustainable growth rate erreichen kann. 362 Zur Info:  =  Verbindlichkeiten  /  Bilanzsumme. Die entsprechenden Übersichten finden sich im Anhang. Vgl. Abschnitt 8.13. 138 Mathias Ollmann: Einflussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen 6.2.2 Net Working Capital und liquide Mittel Ausgangssituation Das WCM (vgl. Abschnitt  4.3) beschäftigt sich mit der optimalen Gestaltung der Kapitalbindung im Umlaufvermögen. Dabei werden Maßnahmen im Bereich des Bestands, Debitoren- und Kreditorenmanagements sowie auch strategische Aspekte im Hinblick auf die vor- und nachgelagerten Akteure der Lieferkette berücksichtigt. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass sich ein hoher Bestand an NWC bzw. eine hohe Kapitalbindung grundsätzlich negativ auf die Profitabilität eines Unternehmens auswirkt. Dabei kann bspw. eine Verlängerung der Debitorenziele (und damit eine Erhöhung der Kapitalbindung) umsatzfördernd wirken. Auch eine zeitnahe Bezahlung von Eingangsrechnungen (und damit ebenfalls eine Erhöhung des NWC) ist bei Inanspruchnahme von gewährten Preisnachlässen in der Regel mit positiven Effekten verbunden. Lediglich in extremen Sondersituationen bzw. bei weit fortgeschrittenen Unternehmenskrisen, wenn weder Liquidität noch alternative Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden sind, würde sich eine Verlängerung der Kreditorenziele als Instrument der Krisenbewältigung positiv auswirken. Insgesamt betrachtet ist von einem wertmaximierenden Bestand (Optimum) an NWC auszugehen, wobei sich davon abweichende (höhere oder niedrigere) Bestände entsprechend negativ auswirken (umgekehrt u-förmiger Zusammenhang). Bei der Kennzahleninterpretation ist hier besonders zu berücksichtigen, dass die verwendeten Kennzahlenbestandteile aufgrund von bilanzpolitisch motivierten Handlungen u. U. zu einem verzerrten Bild des NWC und der Liquiditätslage führen können (vgl. Abschnitt 3.4). Das Ausmaß von Abweichungen und Verzerrungen kann jedoch ohne eine unterjährige Betrachtung nicht genau beurteilt werden. Hier stößt der externe Bilanzanalytiker aber aufgrund der begrenzten Datenverfügbarkeit für gewöhnlich an seine Grenzen. Umschlagsdauer der Verbindlichkeiten aus LuL II Wie in der Ergebniszusammenfassung dargestellt, finden sich bei den krisenresistenten Unternehmen im Vergleich kürzere Kreditorenziele, d. h. kürzere Zeitspannen bis zur Bezahlung von Eingangsrechnungen (vgl. Abschnitt 5.5.5.2).363 363 In diesem Zusammenhang müssen einschränkend die Ergebnisse für das verarbeitende Gewerbe beachtet werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). 6 Diskussion 139 Folgt man der üblichen Logik des WCM, so müssten eigentlich längere Kreditorenziele und damit ein geringeres NWC die Krisenresistenz fördern (vgl. Abschnitt  4.3.2). Die Begründung hierfür erscheint einfach: Eine aggressive Reduzierung des NWC hält die vorhandene Liquidität länger im Unternehmen und ist mit einem positiven Finanzierungseffekt verbunden. Tatsächlich handelt es sich hierbei aber um eine extrem teure Finanzierung. Die Liquidität verbleibt zwar vergleichsweise länger im Unternehmen. Der Liquiditätsabfluss am Ende des Zahlungszeitraums ist aber deutlich höher als bei Ausnutzung der Preisnachlässe. Durch eine frühere Bezahlung ergibt sich somit in Summe ein positiver Liquiditätseffekt, der als Begründung für die Krisenresistenz herangezogen werden kann. Das Ergebnis deckt sich mit den Ausführungen zum Zusammenhang von WCM und Performance. Hier zeigt sich bspw. bei Deloof ein negativer Zusammenhang zwischen der Höhe des Kreditorenziels und der Profitabilität (vgl. Abschnitt 4.3.2). Als Erläuterung wird hierzu angeführt, dass die Unternehmen mit einer geringen Profitabilität ihre Rechnungen später zahlen und somit längere Kreditorenziele aufweisen. Dieser Erklärungsansatz impliziert einen umgekehrten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Auch eine solche Kausalität ist grundsätzlich denkbar. So wäre es dann die Eigenschaft der Krisenresistenz, die den Grund für eine frühere Bezahlung der Lieferantenverbindlichkeiten darstellt. Grundsätzlich kann vermutet werden, dass sich sowohl das Kreditorenmanagement als auch die Krisenresistenz (bzw. eine positive Performanceentwicklung) gegenseitig beeinflussen. Da es sich im vorliegenden Fall jedoch auch bei den nicht-krisenresistenten Unternehmen um grundsätzlich profitable Unternehmen handelt, ist hier eher davon auszugehen, dass das Kreditorenmanagement Einfluss auf die Krisenresistenz ausübt als umgekehrt. Anteil der Verbindlichkeiten aus LuL Wie in der Ergebniszusammenfassung dargestellt, kann bei den krisenresistenten Unternehmen ein relativ geringerer Anteil an Verbindlichkeiten aus LuL beobachtet werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Dies ergibt sich in erster Linie aus den kürzeren Kreditorenzielen, denn ceteris paribus führen kürzere Kreditorenziele zu einem geringeren Bestand und somit auch einem geringeren Anteil der Verbindlichkeiten aus LuL. 140 Mathias Ollmann: Einfl ussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen Liquidität 2. Grades Die Ergebniszusammenfassung zeigt bei den krisenresistenten Unternehmen eine höhere Liquidität 2.  Grades (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Die kurzfristige Zahlungsfähigkeit ist also im Vergleich zu den nicht-krisenresistenten Unternehmen besser zu beurteilen (vgl. Abschnitt 3.2.2). Besonders hervorzuheben sind hier zudem branchenspezifi sche Unterschiede in der Zusammensetzung der Kennzahlenausprägungen. Aufschluss über die konkrete Zusammensetzung im verarbeitenden Gewerbe und im Handel gibt die folgende Abbildung: Abbildung 34: Zusammensetzung der Liquidität 2. Grades Während im verarbeitenden Gewerbe die leicht höhere Liquidität 2. Grades bei den krisenresistenten Unternehmen im Wesentlichen auf die geringeren Verbindlichkeiten aus LuL zurückzuführen ist, zeichnen sich die krisenresistenten Handelsunternehmen durch deutlich höhere Forderungen aus LuL, geringere Verbindlichkeiten aus LuL und einen daraus resultierenden geringeren Bestand an liquiden Mitteln aus. Die geringeren Verbindlichkeiten aus LuL, die bei den krisenresistenten Unternehmen branchenunabhängig beobachtet werden können, wurden bereits diskutiert. Die deutlich höheren Forderungen aus LuL bei den krisenresistenten Handelsunternehmen können vor dem Hintergrund absatzpolitischer Maßnahmen ebenfalls als plausibel eingestuft werden 6 Diskussion 141 (vgl. Abschnitt  4.3.2). Es kann vermutet werden, dass insbesondere die Handelsunternehmen das Debitorenmanagement auch als Instrument nutzen, um durch gezielte Verlängerung von Zahlungszielen Kunden zu gewinnen, zu binden und so insgesamt den Umsatz zu steigern. Sonstige Forderungen  YoY Wie in der Ergebniszusammenfassung dargelegt, zeigt sich bei den nicht-krisenresistenten Unternehmen ein vergleichsweise stärkeres Wachstum der sonstigen Forderungen (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Aufgrund der Vielfalt an möglichen Sachverhalten, die unter den sonstigen Forderungen bilanziert werden können, ist das hier vorliegende Ergebnis mit besonderer Vorsicht zu interpretieren (vgl. Abschnitt 5.5.2.3). Einen möglichen Erklärungsansatz liefern solche Forderungen, die für Zwecke der antizipativen Rechnungsabgrenzung gebildet werden. Dabei handelt es sich um Erträge der laufenden Periode (bspw. Zins- oder Mieterträge), die erst in der Folgeperiode zu Einzahlungen führen. Zum Zwecke der Periodenabgrenzung müssen diese Zahlungen in der Periode ihrer Entstehung durch Bildung einer sonstigen Forderung (erfolgswirksam) antizipiert werden.364 Aus ökonomischer Sicht kann dies mit Nachteilen verbunden sein, da der eigene Aufwand für die erbrachte Leistung oftmals vorzeitig zu entsprechenden Auszahlungen führt und diese Auszahlungen dann vorfinanziert werden müssen. Im Zeitablauf ansteigende sonstige Forderungen könnten also ein Indiz für einen wachsenden Finanzbedarf sein. In der Regel handelt es sich hierbei jedoch um kurzfristige Übergangseffekte, die aufgrund ihrer Unwesentlichkeit nicht glaubwürdig zur Beurteilung der Krisenresistenz herangezogen werden können. Ungeachtet dessen erscheint die beobachtete Tendenz aber nicht unplausibel, da sie gewissermaßen eine steigende Abhängigkeit nicht-krisenresistenter Unternehmen zum Ausdruck bringt. Dies passt gut in das bisherige Bild krisenresistenter und nicht-krisenresistenter Unternehmen, da hier die krisenresistenten Unternehmen im Vergleich agiler und unabhängiger wirken. Intensität der sonstigen Verbindlichkeiten Wie in der Ergebniszusammenfassung herausgearbeitet wird, kann grundsätzlich bei den 364 Zur antizipativen Rechnungsabgrenzung vgl. Scheffler, Köstler und Oßmann (2012), S. 249. 142 Mathias Ollmann: Einflussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen krisenresistenten Unternehmen im Zeitraum vor der Krise eine relativ höhere Intensität festgestellt werden.365 Mit Beginn des Krisenzeitraums ist eine einheitliche Aussage hierzu nicht mehr möglich (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Im Prinzip gilt für die sonstigen Verbindlichkeiten die genau umgekehrte Argumentation wie zuvor bei den sonstigen Forderungen. Im Ergebnis kann also hier auf eine größere Unabhängigkeit der krisenresistenten Unternehmen geschlossen werden. Dies gilt jedoch – wenn überhaupt – nur für den Zeitraum vor der Krise. In den darauffolgenden Jahren zeigt sich ein eher uneinheitliches Bild. Bei genauerer Betrachtung finden sich leicht ansteigende Tendenzen bei den nicht-krisenresistenten Unternehmen, die somit im Widerspruch zu der zuvor angeführten Argumentation stehen würden (vgl. Abschnitt 8.9). Eine Vermutung stützt sich hier auf die Gesellschafterverbindlichkeiten als Teil der sonstigen Verbindlichkeiten (vgl. Abschnitte 5.5.2.3 und 5.5.4.3). Unter Umständen ist die ansteigende Tendenz als Reaktion nicht-krisenresistenter Unternehmen auf die negative Performanceentwicklung in der Krise zu interpretieren, bei der die Gesellschafter das Unternehmen mit zusätzlichem Kapital stärken wollen. 6.2.3 Eigen- und Fremdkapital Ausgangssituation Im Hinblick auf die Gestaltung der Kapitalstruktur sind die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Kapitalformen zu beachten (vgl. Abschnitt 4.1). Ein hohes Eigenkapital kann unter Sicherheitsgesichtspunkten (gestärkte Haftungsfunktion, bessere Bonität, Langfristcharakter etc.) grundsätzlich positiv beurteilt werden. Gleichermaßen sind aber auch die Nachteile eines hohen Eigenkapitals bzw. Vorteile einer externen Fremdfinanzierung (Tax Shields, ggf. positive Rentabilitätseffekte etc.) zu berücksichtigen. Auch Rückstellungen können mit Vorteilen verbunden sein. Die Bindung finanzieller Mittel lässt sich zur Ausschüttungsbegrenzung nutzen und führt zu einem Steuerstundungseffekt. Für den Fall, dass die Rückstellungen über den Umsatzprozess „verdient“ werden ist zudem ein positiver Finanzierungseffekt zu erwarten, sofern in der betrachteten Periode die Mittelabflüsse aus bereits vorhandenen Rückstellungen entsprechend geringer sind als die Neuzuführungen. 365 In diesem Zusammenhang müssen einschränkend die nicht eindeutigen Tendenzen im verarbeitenden Gewerbe beachtet werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). 6 Diskussion 143 Eigenkapital YoY Die Ergebnisse weisen für die krisenresistenten Unternehmen auf einen deutlich stärkeren Anstieg des Eigenkapitals hin (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). Diese Tendenz gilt grundsätzlich auch für die Entwicklung der Eigenkapitalquote.366 Auch wenn die Eigenkapitalausstattung bei beiden Gruppen auf eine der Insolvenz vorgelagerte Phase hindeutet, kann die Tendenz bei den krisenresistenten Unternehmen insofern besser beurteilt werden, als wiederum eine zunehmende Unabhängigkeit impliziert wird. Anteil der sonstigen Rückstellungen und Rückstellungen YoY Die Ergebnisse zeigen, dass sich die krisenresistenten Unternehmen durch einen geringeren Anteil sonstiger Rückstellungen und somit einen höheren Anteil an Pensions- und / oder Steuerrückstellungen auszeichnen. Zudem kann bei den krisenresistenten Unternehmen grundsätzlich ein stärkeres Wachstum der gesamten Rückstellungen beobachtet werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2).367 Die sonstigen Rückstellungen können Rückschlüsse hinsichtlich der Rückstellungspolitik liefern, wenn ihre zeitliche Entwicklung im Vergleich zur Entwicklung der Gesamtleistung (d. h. die Rückstellungsquote) analysiert wird.368 In diesem Zusammenhang kann angenommen werden, dass sich die sonstigen Rückstellungen und die Gesamtleistung grundsätzlich gleichlaufend entwickeln und somit die Quote im Zeitablauf unverändert bleibt.369 Ein Anstieg der Rückstellungsquote kann als offensive Rückstellungspolitik interpretiert werden, die tendenziell eher von „gesunden“ Unternehmen (bspw. als Instrument zur Ausschüttungsbegrenzung) genutzt wird.370 Im Rahmen weiterer Analysen lassen sich hier jedoch keine systematischen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellen. Ohnehin ist eine aktive Rückstellungspolitik eher bei großen Konzernen zu erwarten, da hierfür entsprechendes Know-how vorhanden sein muss und zudem auch nicht unwesentliche Kosten verursacht werden (bspw. Abstimmungsaufwand mit dem Abschlussprüfer etc.). 366 Die entsprechenden Übersichten finden sich im Anhang. Vgl. Abschnitt 8.14. 367 In diesem Zusammenhang müssen einschränkend die Ergebnisse für die Handelsunternehmen beachtet werden (vgl. Abschnitt 5.5.5.2). 368 Vgl. Küting und Weber (2015), S. 151. 369 Vgl. Lachnit (2004), S. 154. 370 Vgl. Küting und Weber (2015), S. 151. 144 Mathias Ollmann: Einflussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen Die krisenresistenten Unternehmen verfügen über einen vergleichsweise höheren Anteil an Pensions- und / oder Steuerrückstellungen. Eine genaue Aufteilung der Rückstellungen auf diese Rückstellungsarten ist aufgrund der vorhandenen Datenbasis nicht abschließend möglich. Gleichwohl bieten sowohl die Pensions- als auch die Steuerrückstellungen für sich genommen mögliche Anhaltspunkte zur Beurteilung der Krisenresistenz: – Pensionsrückstellungen sind unter bestimmten Voraussetzungen mit einem positiven Finanzierungseffekt verbunden. Dafür müssen in einer Betrachtungsperiode die Zuführungen zu den Rückstellungen die entsprechenden Mittelabflüsse übersteigen (vgl. Abschnitt  4.1). Ein ansteigender Bestand an Pensionsrückstellungen kann zum einen auf die Aufzinsung vorhandener Rückstellungen sowie zum anderen auf entsprechende Neuzuführungen zurückgeführt werden und lässt sich als erstes Indiz für einen potenziellen Finanzierungseffekt werten. Jedoch sind die tatsächlichen Mittelabflüsse oftmals deutlich höher, sodass sich im Ergebnis kein nennenswerter Finanzierungseffekt ergibt. Ein wesentlicher Grund hierfür sind die in der Praxis bestehenden Unterbewertungen von Pensionsrückstellungen.371 Nichtsdestotrotz liefert allein das Vorhandensein einer Pensionsrückstellung, d. h. die aktive Entscheidung eines Unternehmens für eine Direktzusage, entsprechende Hinweise zur Beurteilung der Krisenresistenz. Neben steuerlichen Vorteilen ist es das Streben nach Unabhängigkeit (insb. gegenüber Banken), das als Grundtendenz krisenresistenter Unternehmen zum Ausdruck kommt. Dabei dürfen jedoch die Risiken aus der Unterbewertung und die damit verbundenen hohen Belastungen in der Zukunft nicht außer Acht gelassen werden. – Steuerrückstellungen bzw. im Wesentlichen die Körperschaftsteuerund Gewerbesteuerrückstellungen werden für die entsprechenden Jahresabschlusszahlungen gebildet.372 Im Zeitablauf ansteigende Steuerrückstellungen können u. a. auf einen Anstieg der steuerlichen Bemessungsgrundlage (Ergebnis vor Steuern) zurückgeführt werden. 371 Vor Anwendung des BilMoG – dies entspricht hier dem überwiegenden Teil des Analysezeitraums – erfolgte die Abzinsung von Pensionsrückstellungen auf Basis des § 6a EStG, d. h. mit einem Zinssatz von 6 %. Im Ergebnis führte dies zu entsprechend geringen Rückstellungen. 372 Vgl. Beck‘sches Steuer- und Bilanzrechtslexikon – Weber (2016), Rn. 7 und 10. 6 Diskussion 145 Ein solcher Ergebniszuwachs ist im Hinblick auf die Erreichung des Erfolgsziels (als Voraussetzung für Liquidität) und somit auch hinsichtlich der Krisenresistenz positiv zu bewerten (vgl. Abschnitt 3.1.2). 6.3 Kennzahlenberechnung Im Hinblick auf die Kennzahlendefinitionen kann festgehalten werden, dass das Äquivalenzprinzip grundsätzlich eingehalten wird (vgl. Abschnitt 3.2.3). Lediglich die Umschlagsdauer der Verbindlichkeiten aus LuL  II muss besonders erwähnt werden, da hier eine (bewusste) Abweichung erfolgt: – In sachlicher Hinsicht müssten die Verbindlichkeiten aus LuL auf den Materialaufwand bezogen werden. Im vorliegenden Fall entstammt das Kreditorenziel jedoch der Logik des NTC und bezieht sich daher auf die Umsatzerlöse bzw. die Gesamtleistung (vgl. Abschnitt  4.3.1). Eine solche Definition nutzt die Vorteile des NTC und spiegelt zudem die gängige Praxis wider.373 – In wertmäßiger Hinsicht werden bei der Berechnung von Umschlagskoeffizienten in aller Regel Bruttogrößen (Forderungen und Verbindlichkeiten aus LuL)374 auf Nettogrößen (Umsatzerlöse)375 bezogen. – In zeitlicher Hinsicht müsste grundsätzlich eine Angleichung der Bestands- und Stromgrößen erfolgen, indem ein durchschnittlicher Bestand an Verbindlichkeiten aus LuL anstatt des Jahresendbestands verwendet wird. Fraglich ist hierbei nur, welcher zusätzliche Nutzen überhaupt mit der Verwendung einer gemittelten Bestandsgröße verbunden sein kann. Der zur Mittelwertberechnung herangezogene Jahresanfangsbestand (bzw. Jahresendbestand des Vorjahres) und der zum Betrachtungsstichtag gültige Jahresendbestand weichen in aller Regel (insb. aufgrund von bilanzpolitischen Maßnahmen) von den tatsächlich herrschenden Verhältnissen ab und können die entsprechenden Liquiditätseffekte ohnehin nicht korrekt widerspiegeln (vgl. Abschnitt 3.4). Hierzu wären bspw. Informationen zur unterjährigen 373 Vgl. bspw. Deloitte (2016), S. 14. 374 Inklusive Umsatzsteuer bzw. inklusive abziehbarer Vorsteuer. 375 Exklusive Umsatzsteuer. 146 Mathias Ollmann: Einfl ussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen Entwicklung erforderlich, die einem externen Analytiker oft mals nicht vorliegen. Insgesamt betrachtet kann die Zusammensetzung der Kennzahlendefi nitionen als sachgerecht beurteilt werden. Etwaige Abweichungen – wie hier beim Kreditorenziel – führen zwar zu einer Verletzung des Äquivalenzprinzips, können aber als unwesentlich eingestuft werden. Die schon durch die Verwendung von Jahresendbeständen eingeschränkte Aussagekraft wird hier nicht zusätzlich gefährdet.376 6.4 Implikationen für Praxis und Wissenschaft Im Hinblick auf die Ableitung von Praxisimplikationen zur Beurteilung der Krisenresistenz lassen sich grundsätzlich zwei Funktionsbereiche von Kennzahlen diff erenzieren, die von den hier identifi zierten Kennzahlen in unterschiedlicher Weise unterstützt werden. Zum einen fungieren die Kennzahlen als Unterscheidungsmerkmale und erfüllen damit eine rein diagnostische Funktion. Zum anderen können bestimmte Kennzahlen auch als direkte Managementhinweise genutzt werden, um die Krisenresistenz eines Unternehmens positiv zu beeinfl ussen bzw. zu erhöhen. Abbildung 35: Unterscheidungsmerkmale und Managementhinweise 376 Vgl. hierzu bspw. auch Baetge, Kirsch und Th iele (2004), S. 216. 6 Diskussion 147 Im Rahmen einer Ex-post-Betrachtung lassen sich die krisenresistenten und nicht-krisenresistenten Unternehmen anhand bestimmter Unterscheidungsmerkmale beschreiben. Eine Ableitung von Handlungsempfehlungen ist auf Basis dieser Merkmale jedoch nur eingeschränkt möglich. Krisenresistente Unternehmen sind kleiner und älter. Entsprechend kann auch ihre Wachstumshistorie als vergleichsweise moderat beurteilt werden. Die Zusammensetzung und Entwicklung der identifizierten Kennzahlen deutet insgesamt auf eine im Vergleich höhere Flexibilität und Unabhängigkeit krisenresistenter Unternehmen hin. Im Hinblick auf die Ableitung konkreter Managementhinweise bieten sich insbesondere die Erkenntnisse zur Investitionspolitik sowie zum WCM an: – Zur Verbesserung der Krisenresistenz sollte eine nachhaltige Wachstumsstrategie verfolgt werden, die möglichst auf sprunghafte Investitionen verzichtet. Hohe Investitionen in das Anlagevermögen, die im Falle einer externen Fremdfinanzierung zudem feste Zins- und Tilgungsansprüche nach sich ziehen, bergen bei konjunkturbedingten Umsatzrückgängen enorme Risiken und können die Flexibilität und Unabhängigkeit eines Unternehmens erheblich einschränken. Hierbei ist zu beachten, dass für die konkrete Umsetzung einer nachhaltigen Wachstumsstrategie eine entsprechende Vorlauf- bzw. Übergangszeit erforderlich ist. Ein wichtiges Instrument zur erfolgreichen Umsetzung kann die Einführung eines strukturierten Planungsprozesses sein, sofern ein solcher noch nicht aufgesetzt ist. Dieser Planungsprozess sollte sowohl eine GuV-Planung als auch eine Bilanz- und Liquiditäts- bzw. Cashflowplanung integrieren und einen mehrjährigen Zeithorizont umfassen. Zusätzlich können sich Szenariobetrachtungen anbieten. – Als weiteres wichtiges Handlungsfeld kann das WCM identifiziert werden. Hier gilt es den Fokus vermehrt auf strategische Maßnahmen zu richten und WCM als Teil der Gesamtstrategie zu verstehen. Operative Maßnahmen, die ausschließlich auf eine Reduzierung des NWC abzielen, sollten vermieden werden. Konkret müssen die WCM- Instru mente auf die Bedürfnisse der vor- und nachgelagerten Akteure der Lieferkette, d. h. insbesondere Schlüssellieferanten und Großkunden, ausgerichtet werden. Das Debitorenmanagement darf nicht allein 148 Mathias Ollmann: Einflussfaktoren auf die Krisenresistenz von Unternehmen als Instrument zur möglichst schnellen „Geldeintreibung“ genutzt werden. Vielmehr können durch verlängerte Zahlungsfristen oder das Angebot bestimmter Zahlungsbedingungen gezielte Kaufanreize gesetzt werden. Zudem muss insbesondere bei Schlüssellieferanten darauf geachtet werden, diese nicht selbst in eine krisenhafte Entwicklung zu „treiben“, wenn zu kurze Zahlungsziele gesetzt werden. Im Hinblick auf das Kreditorenmanagement sollten bei vorhandener Liqudität (bzw. auch bei Zugang zu einer günstigen Finanzierung) keine teuren Lieferantenkredite in Anspruch genommen werden. Offen bleibt die Frage nach konkreten Vergleichsmaßstäben bzw. Grenzwerten zur Quantifizierung der Handlungsempfehlungen. Im Hinblick auf das Unternehmenswachstum wurde bereits ein Wachstumskorridor als Orientierungshilfe vorgestellt, der sich aus einer Branchenbenchmark als unterer Grenze und der internen Finanzierungskraft als oberer Grenze zusammensetzt. Die Idee einer Branchenbenchmark oder einer Orientierung an Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsmodellen lässt sich ebenso gut auf das WCM übertragen, um eine erste Bestandsaufnahme vorzunehmen und „akute“ Handlungsfelder zu identifizieren. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive liefert diese Arbeit in vielfacher Hinsicht einen Zusatznutzen. Zunächst bieten die Ausführungen zum betrieblichen Finanzmanagement einen systematischen, theoretisch fundierten Interpretationsrahmen für Ergebnisse, die mithilfe einer kennzahlenbasierten Jahresabschlussanalyse gewonnen werden (vgl. Abschnitt  4 und dabei insb. Abbildung 10: (vereinfachte) Bilanzgliederung). Die Operationalisierung der Krisenresistenz mithilfe von Performancepfaden ist neuartig und steht als Ergebnis für sich (vgl. Abschnitt 5.4). Auch wenn im Rahmen der Analyse keine vollkommen unbekannten Zusammenhänge identifiziert werden, so liefert diese innovative Herangehensweise statistisch abgesicherte Einblicke in eine der Insolvenz vorgelagerte Unternehmensphase. Dies ist insofern mit einem Mehrwert verbunden, als der überwiegende Teil an Forschungs arbeiten im Bereich der Krisenfrüherkennung auf den Grenzfall der Insolvenz abstellt. 6 Diskussion 149 6.5 Forschungsbedarf und Limitationen Anknüpfungspunkte für die zukünftige Forschung ergeben sich in verschiedenen Bereichen. Die Erläuterungen zum Konzept der organisationalen Resilienz sowie auch die vorangestellte Theorie zur Entstehung von Unternehmenskrisen haben gezeigt, dass oftmals die „weichen“ Faktoren von entscheidender Bedeutung sind. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird gefordert, dass sich die Jahresabschlussanalyse zu einer umfassenden Unternehmensanalyse weiterentwickeln muss, die auch qualitative Faktoren miteinbezieht. Vor diesem Hintergrund sollten gleichermaßen qualitative und quantitative Einflussfaktoren bei der weiteren Erforschung der Krisenresistenz berücksichtigt werden. Im Hinblick auf die Verbesserung des Praxisnutzens ist es zudem wünschenswert, dass weitere Anstrengungen in die Ableitung von Vergleichsmaßstäben bzw. kritischen Grenzwerten flie- ßen. Auf diese Weise könnten zum einen die Managementhinweise weiter konkretisiert bzw. quantifiziert werden. Zum anderen wird so die Basis für ein geeignetes Früherkennungssystem geschaffen. Darüber hinaus bieten die bisher nicht analysierten Performancepfade weitere Analysemöglichkeiten. Über diese von dieser Arbeit nicht abgedeckten Forschungsbereiche hinaus muss im Hinblick auf die Übertragbarkeit der Erkenntnisse den spezifischen Besonderheiten der Stichprobe Rechnung getragen werden (vgl. Abschnitt 5.3.3).

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Zusammenfassung

Trotz zuletzt rückläufiger Zahlen an Unternehmensinsolvenzen bleibt die Relevanz der Krisen- und Insolvenzforschung aufgrund eines Anstiegs von vergleichsweise größeren Insolvenzfällen mit entsprechend hohen finanziellen Schäden ungebrochen. Ein Problem bestehender Forschungsansätze liegt jedoch darin, dass diese regelmäßig auf den Grenzfall der Insolvenz abstellen und auf diese Weise nur weit fortgeschrittene Krisenstadien im Fokus der Analysen stehen. Um die Wahrscheinlichkeit für eine Krisenüberwindung zu erhöhen, müssen solche aber möglichst frühzeitig erkannt werden. Mathias Ollmann greift diese Problematik auf und leistet einen Beitrag zur frühzeitigen Vermeidung von Unternehmenskrisen. Er zeigt auf, wodurch sich Unternehmen auszeichnen, die in Zeiten externer Krisenursachen bzw. -auslöser vergleichsweise besser gerüstet sind, bei denen eine externe Krise (wie eine globale Finanzkrise) also nicht sofort eine interne Unternehmenskrise auslöst. Neben der eigentlichen Unterscheidung solcher krisenresistenter und nicht-krisenresistenter Unternehmen werden zudem auch Empfehlungen zur aktiven Förderung der Krisenresistenz vorgestellt.