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Margot Sieger, Kapitel 12.5: Die Potentiale einer hochschulischen Qualifizierung in den Pflegeberufen in:

Johannes Schaller, Björn Eichmann (Ed.)

Gesundheit braucht kluge Köpfe, page 163 - 168

10 Jahre SRH Hochschule für Gesundheit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3988-5, ISBN online: 978-3-8288-6840-3, https://doi.org/10.5771/9783828868403-163

Tectum, Baden-Baden
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Die Potentiale einer hochschulischen Qualifizierung in den Pflegeberufen Sieger, Margot Ausgangslage „Die Sicherung einer qualitativen Pflegeversorgung ist eine der gesell‐ schaftspolitisch wichtigen Aufgaben der nächsten Jahre“, so die Ein‐ schätzung der Bundesregierung im Gesetzentwurf zur Neuordnung der Pflegeberufe (PflBRefG 2016, S. 1). Die Betonung der qualitativen Erfordernisse begründet sich durch die demographischen Entwicklun‐ gen, die damit einhergehende quantitativ und qualitativ angestiegene pflegerische Versorgung älterer Menschen, Chronizität in den Krank‐ heitsverläufen, Multimorbidität sowie die zunehmend komplexeren medizinischen Interventionen. Damit korrespondieren Prozesse des sozialstrukturellen Wandels, die verbunden sind mit einer Individuali‐ sierung der Lebensstile und einem Wandel der Generationenbeziehun‐ gen. Dies führt zu zunehmenden ökonomischen Zwängen im Gesund‐ heitssystem und zu Veränderungen der sozialen Sicherungssysteme. Gleichzeitig steigen Erwartungen und Ansprüche der Bevölkerung ge‐ genüber Versorgungs- und Pflegeleistungen (BMFSFJ 2008). Entwicklungsschritte Um diesen Herausforderungen begegnen zu können erfolgte als erster Schritt in den 90iger Jahren die Einrichtung von Studiengängen mit dem primären Ziel, die Wissenschaftsentwicklung der Pflege voranzu‐ bringen, um pflegerisches Handeln über wissenschaftlich fundierte Ansätze begründen zu können und wissenschaftlich fundierte Hand‐ lungskonzepte der pflegerischen Praxis zur Verfügung zu stellen. Auch Kapitel 12.5: Kapitel 12.5: Die Potentiale einer hochschulischen Qualifizierung in den Pflegeberufen 163 der Wissenschaftsrat hält es für erforderlich pflegerisches, therapeuti‐ sches oder geburtshelferisches Handeln auf der Basis wissenschaftli‐ cher Erkenntnis zu reflektieren, die gewachsene Komplexität erfordert vermehrt so genannte ´Reflective Practitioners´ (Wissenschaftsrat 2012, S. 78) Mit den Forderungen der Europäisierung des Bildungssystems, beispielhaft Bologna Declaration1999, die Studiengänge im deutschen Hochschulsystem auf drei Stufen in der Qualifizierung umzustellen (B. A., M. A., Ph. D.), stellte sich auch für die Pflegestudiengänge nach zehn Jahren die Frage nach einer europäischen Kompatibilität ihrer Bildungsgänge. Da auf europäischer Ebene die Primärqualifikation der Pflege auf Hochschulebene etabliert ist, der Gesetzgeber und die Gesundheitspolitik in der BRD einen sol‐ chen Schritt jedoch nur zögerlich beförderten, entstanden auf der BA- Ebene sowohl auf der Erstausbildung aufbauende Studiengänge mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie Management, Pädagogik, Bera‐ tung, Case Management, als auch sogenannte duale bzw. berufsinte‐ grierende Studiengänge (Sieger 2001, Sieger 2005, Olbrich & Sieger 2007, Sieger 2010). Der Studiengang Pflege an der SRH Hochschule für Gesundheit mit dem Abschluss Bachelor of Science (B. Sc.) ist ein auf der Erstaus‐ bildung aufbauender Studiengang. Das Spezifische dieses Studiengangs liegt in der Verbindung der hochschulischen Qualifizierung mit einer Spezialisierung in der Pflege, hier der onkologisch, palliativen Pflege oder der Intensivpflege. Damit wird eine klassische Weiterbildung, die in der Regel über Landesrecht geregelt ist, auf das Niveau einer hoch‐ schulischen Qualifizierung gebracht, so dass der Studierende mit einem Mehr an Kompetenzen in ein spezifisches Handlungsfeld geht. Diese Schwerpunktsetzung wird fakultativ ergänzt mit einem Akzent in der Beratung und Anleitung oder dem Akzent des Case Manage‐ ments. Im günstigsten Fall kann der Studierende das Studium mit drei Abschlüssen abschließen, B. Sc. Pflege, Fachgesundheits- und Kran‐ kenpflegerin für Intensivpflege bzw. palliativ, onkologische Pflege und der Qualifizierung zum Case Manager. Innerhalb der Hochschule in Gera bietet sich ebenfalls die Chance, bei der Akzentuierung im Feld der Beratung und Anleitung und bei entsprechendem Interesse, un‐ mittelbar in den MA Studiengang Medizinpädagogik zu wechseln. Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 164 Zukünftige Perspektiven Die zukünftigen Entwicklungen liegen allerdings in einer Stufung der Qualifizierung. Die Erstausbildung sollte, entsprechend der europä‐ ischen Kompatibilität und in Anpassung an einen europäischen Ar‐ beitsmarkt, auf der Bachelor Ebene angesiedelt bleiben, alle weiterfüh‐ renden Qualifikationen und Spezialisierungen gehören auf die Master Ebene, siehe hierzu auch den Fachqualifikationsrahmen der Deut‐ schen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (Hülsken-Giesler & Korporal 2015). Allerdings wird dieser naheliegende Qualifizierungsweg in der BRD, trotz der enormen qualitativen Herausforderungen in der Pflege‐ versorgung, durch den rechtlichen Sonderstatus der Zugehörigkeit `zu den Heilberufen und zum Heilgewerbe` und der damit einhergehen‐ den Gesetzgebungskompetenz des Bundes nicht so leicht umzusetzen sein. Der Gesetzgeber entscheidet über die Berufszulassung, die noch immer an den Abschluss gemäß Krankenpflegegesetz (2003 § 3) an einer Fachschule bzw. an einer Schule des Gesundheitswesens gebun‐ den ist. Hochschulische Kompetenz ist allerdings gefordert, wenn in einem solchen Studiengang ein Modellvorhaben zum Erwerb erweiterter Kompetenzen zur selbständigen Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten erprobt werden (G-BA Richtlinie nach § 63 Absatz 3 c SGBV, KrPfG 2003 § 3ff). Dieser Anteil der Qualifizierung liegt allein in der Hand der Hochschule. In einem solchermaßen konzipierten Studiengang geht es darum, einen neuen Typus in den primärqualifizierenden Stu‐ diengängen für die Pflegeberufe zu entwickeln und als Modellversuch zu erproben. Der neue Typus des Studiengangs zeichnet sich dadurch aus, dass die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in ein Bachelorstudium integriert wird. Mit der Qualifizierung zur Über‐ nahme heilkundlicher Tätigkeiten wird gleichzeitig das Handlungsfeld für diese Absolventen erweitert und über die Absicherung der Kosten‐ träger auch eine Anschlussfähigkeit an die bestehenden klinischen Strukturen im Gesundheitswesen, was die Zuschnitte der Aufgabenund Verantwortungsbereiche betrifft, erreicht. Genau diese Verlagerung der institutionellen Bindung an die Hochschulen wird im aktuellen Entwurf eines Gesetzes zur Reform Kapitel 12.5: Die Potentiale einer hochschulischen Qualifizierung in den Pflegeberufen 165 der Pflegeberufe angestrebt (PflBRefG 2016 § 37 ff.). Damit wird klar‐ gestellt, „die primärqualifizierende Pflegeausbildung an Hochschulen befähigt zur unmittelbaren Tätigkeit an zu pflegenden Menschen aller Altersstufen und verfolgt gegenüber der beruflichen Pflegeausbildung […] ein erweitertes Ausbildungsziel“(PflBRefG 2016 § 37 Abs. 1). Zum 17. Juli 2017 wurde das Gesetz zur Reform der Pflegeberufe verab‐ schiedet und tritt am 1.1.2020 in ihren wesentlichen Punkten in Kraft. Damit soll eine hochschulische Ausbildung die Studierenden befähi‐ gen hochkomplexe Pflegeprozesse zu steuern und zu gestalten, durch vertieftes Wissen die Weiterentwicklung gesundheitlicher und pflegeri‐ scher Versorgung maßgeblich mitgestalten. Die weiterführenden Ziel‐ setzungen beziehen sich auf die Befähigung sich Forschungsgebiete zu erschließen sowie forschungsbasierte Problemlösungen in berufliches Handeln zu überführen. Im Rahmen des Ausbildungsziels kann die Hochschule darüber hi‐ naus eigene Schwerpunkte setzen. Die Gesamtverantwortung für die theoretischen und praktischen Lehrveranstaltungen liegt zukünftig in den Händen der Hochschule. Damit umfasst die hochschulische Prü‐ fung auch die staatliche Prüfung zur Erlangung der Berufszulassung. Allerdings sind die „Modulprüfungen…. unter dem gemeinsamen Vorsitz von Hochschule und Landesbehörde durch …[zuführen]. Die zuständige Landesbehörde kann die Hochschule beauftragen, den Vor‐ sitz auch für die die zuständige Landesbehörde wahrzunehmen“ (PflB‐ RefG 2017 § 39). Aus der Perspektive hochschulischer Bildung sind primärqualifi‐ zierende Studiengänge am ehesten geeignet, zukünftig berufliche Ent‐ wicklungspotenziale zu eröffnen, da sie horizontale und vertikale Durchlässigkeit schaffen und Spezialisierungen erlauben. Durch die europäische Kompatibilität eröffnen sie erweiterte Optionen auf einem europä‐ ischen Arbeitsmarkt und sind in der klinischen Pflegepraxis ein siche‐ rer Garant für eine produktive Diskussion über Neuzuschnitte der Aufgaben und Verantwortungsbereiche der Health Professionals. Gleichzeitig ermöglichen es die Curricula eines solchen Studiengangs, inhaltliche Entwürfe für ein, den prognostizierten Entwicklungen an‐ gepasstes Profil zu erproben und damit den zukünftigen Herausforde‐ rungen im Gesundheitswesen zu entsprechen (SVR 2000/ 2001, 2007, Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 166 2009; Sieger 2011). Die SRH Hochschule für Gesundheit eignet sich in besonderer Weise, einen solchen Studiengang in Angriff zu nehmen, die Handlungsfelder für die Praxis sind vor Ort. Der gemeinsame fach‐ liche Dialog zu aktuellen Themen der Gesundheit ist zwischen dem Waldklinikum Gera und der Hochschule bereits erfolgreich etabliert. Literatur Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Juegend (BMFSFJ) ( 2008): Pflegeausbildung in Bewegung. Ein Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Pflegeberufe Schlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung, Berlin. Bundesgesetzblatt Teil I Nr. 56 (2004): Gesetz über die Berufe in der Krankenpflege und zur Änderung weiterer Gesetze (KrPflG) v. 21.07.2003, S. 1442-1458, geän‐ dert (BGBl. I S. 1776) v. 21.07.2004, zuletzt geändert in der Fassung BGBl. I S. 2657-2660 v. 22.10.2004; s. auch: ABl. EG (Amtsblatt der Europäischen Ge‐ meinschaft) (2005): Notifizierung der Berufsbezeichnung der Krankenschwes‐ ter und des Krankenpflegers, die für die allgemeine Pflege verantwortlich sind (2005/C 123/05) mit dem Eintrag für Deutschland: Gesundheits-und Kranken‐ pflegerin / Gesundheits- und Krankenpfleger v. 21.05.2005, S. 123/6, Brüssel. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2017 Teil I Nr. 49, ausgegeben zu Bonn am 24. Juli 2017 Gesetz zur Reform der Pflegeberufe (Pflegeberufereformgesetz – PflBRefG) Deutscher Bundestag – 18.Wahlperiode Drucksache 18/7823 vom 09.03.2016 Ge‐ setzentwurf der Bunderegierung: Entwurf eines Gesetzes zur Reform der Pflegebe‐ rufe (Pflegeberufereformgesetz – PfBRefG). Gemeinsamer Bundesausschuss (2011): Tragende Gründe zum Beschluss des Ge‐ meinsamen Bundesausschusses über die Erstfassung der Richtlinie über die Festle‐ gung ärztlicher Tätigkeiten zur Übertragung auf Berufsangehörige der Alten- und Krankenpflege zur selbständigen Ausübung von Heilkunde im Rahmen von Mo‐ dellvorhaben nach § 63 Absatz 3 c SGBV (Richtlinie nach § 63 Abs. 3 c SGBV) vom 20. Oktober 2011. Hülsken-Giesler M. & Korporal J. (Hrsg.) (2013): Autorinnen und Autoren: Dan‐ gel B., Dütthorn N., Fesenfeld A., Greb U., Hülsken-Giesler M., Korporal J.,Müller A. C., Recken H., Sieger M.: Fachqualifikationsrahmen Pflege für die hochschulische Bildung. Berlin: Purschke &Hensel. Olbrich, C.H., Sieger, M. (2007): Duale Studiengänge – der neue Kompromiss in der pflegerischen Qualifizierung. In: Pflege & Gesellschaft 12 (3) 278 – 282. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (Hrsg.) (2000/2001): Gutachten des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, Band 2. Baden-Baden: Nomos-Verlag. Kapitel 12.5: Die Potentiale einer hochschulischen Qualifizierung in den Pflegeberufen 167 Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (Hrsg.) (2007): Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Ent‐ wicklung im Gesundheitswesen: Kooperation und Verantwortung. Voraussetzun‐ gen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung. Baden-Baden: Nomos Verlag. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (Hrsg.) (2009): Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Ent‐ wicklung im Gesundheitswesen: Koordination und Integration -Gesundheitsver‐ sorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. Baden-Baden: Nomos Verlag. Sieger, M. (Hrsg.) (2001): Pflegepädagogik, Handbuch zur pflegeberuflichen Bildung. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Huber. Sieger, M. & Kunstmann, W. (2003): Versorgungskontinuität durch Pflegeüberlei‐ tung, Frankfurt/ Main: Mabuse. Sieger, M. (2010): Transformationen in der Krankenpflege nach 1945 - zwischen Pro‐ fessionalisierung und Deprofessionalisierung. In: Kaiser J.-Ch., Scheepers R. (Hrsg.): Dienerinnen des Herrn – Beiträge zur Weiblichen Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 164 – 183. Wissenschaftsrat (2012): Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen, Drs. 2411-12, Berlin 13.07.2012. Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 168

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Zusammenfassung

Gesundheit braucht kluge Köpfe – seit zehn Jahren leistet die SRH Hochschule für Gesundheit dazu ihren Beitrag. Gesundheit ist ein zentraler Wirtschaftszweig in allen Industrienationen. In Zeiten des demografischen Wandels wächst er dynamisch. Zusätzlich verändern sich Verständnis und Menge unseres Wissens über Gesundheit. Die wichtigste Ressource zur Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen ist Bildung. Orientiert an den Interessen der Studierenden eröffnet die SRH Hochschule für Gesundheit jungen Menschen neue Chancen, an diesem Wandel teilzuhaben. Sie begegnen dabei modernen Ausbildungswegen, einer umfassenden Verzahnung von Theorie und Praxis und anspruchsvollen Forschungsprojekten. Die staatlich anerkannte, private SRH Hochschule für Gesundheit ist Teil des bundesweiten Netzwerkes der SRH-Gruppe. In ihren Gesundheits- und Bildungseinrichtungen engagieren sich über 13.000 Beschäftigte und ebenso viele Studierende. Dieser Band gibt einen Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt der Hochschule. Gleichzeitig berichtet er vom Aufbruch in eine Gesundheitswelt im Wandel. Vorgestellt werden die aktuell 15 Bachelor- und Masterstudiengänge in fünf verschiedenen Studienmodellen an sieben Standorten. Es werden Einblicke gegeben in Bachelor- und Masterthesen der vergangenen Jahre, sowie in aktuelle Forschungsprojekte. Viele kluge Köpfe hat die SRH Hochschule für Gesundheit für das Berufsleben qualifiziert. Im Wissen darum, dass innovative Bildung unersetzbar ist, werden viele weitere folgen.