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Wolfgang Büser, Kapitel 12.3: Klinische Ernährungstherapie und Ernährungsberatung im Wandel in:

Johannes Schaller, Björn Eichmann (Ed.)

Gesundheit braucht kluge Köpfe, page 152 - 157

10 Jahre SRH Hochschule für Gesundheit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3988-5, ISBN online: 978-3-8288-6840-3, https://doi.org/10.5771/9783828868403-152

Tectum, Baden-Baden
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Klinische Ernährungstherapie und Ernährungsberatung im Wandel Büser, Wolfgang Mangel-, Fehl- und Unterernährung – wenn diese Begriffe fallen, denkt man meist an Menschen in so genannten Entwicklungsländern. Kaum jemand weiß, dass viele multimorbide geriatrische Patienten, die sich zu Hause selbst versorgen oder im Pflegeheim leben, unterge‐ wichtig oder krankhaft mangelernährt sind. Weiterhin sind Patienten mit onkologischen Erkrankungen und ein beachtlicher Teil der Kran‐ kenhauspatienten mangelernährt (Uedelhofen, 2009). Die Folgen einer unbehandelten Unter-, Fehl- oder Mangelernäh‐ rung sind weitreichend. Umfang und Schwere hängen von Ausmaß und Dauer des Nährstoffmangels ab. Bei mangelernährten Menschen steigt die Anfälligkeit für Krank‐ heiten. Sie sind zunehmend auf Pflege angewiesen und büßen einen erheblichen Teil an Lebensqualität ein. Während das Körpergewicht junger Menschen nach einer freiwilligen oder unfreiwilligen Fastenpe‐ riode unter normalen Ernährungsbedingungen in der Regel schnell wieder das Ausgangsgewicht erreicht, wird bei älteren Menschen wäh‐ rend der Genesung keine oder nur eine sehr langsame Gewichtszunah‐ me beobachtet. Insbesondere, wenn Menschen an onkologischen Erkrankungen leiden, kommt es früher oder später zu einer ausgeprägten Mangeler‐ nährung, wenn die Anzeichen einer Mangelernährung nicht frühzeitig erkannt werden. Eine Ursache, dass zu wenig mangelernährte Patien‐ ten mit gesonderten klinischen Ernährungskonzepten behandelt wird, liegt auch darin, dass das äußere Erscheinungsbild mangelernährter Patienten häufig nicht unserer Vorstellung von abgemagerten Men‐ schen entspricht. Kapitel 12.3: Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 152 Die Zahl der von Mangelernährung betroffenen Menschen wird bereits 2009 allein in Mitteleuropa auf ca. 30 Millionen geschätzt (Pánová, 2009). Die Zusatzkosten, die Mangelernährung für die Kranken- und Pflegeversicherung jährlich verursacht, beliefen sich im Jahr 2007 auf 8,9 Mrd. Euro. Bis zum Jahr 2020 ist mit einem drastischen Kostenan‐ stieg um fast 25 Prozent zu rechnen (Küpper, 2007). Viele Erkrankungen sind ernährungsabhängig. Die Kostenexplosi‐ on im Gesundheitswesen hat sich, trotz vieler Gesundheitsreformen, in den vergangenen Jahren nicht aufhalten lassen. Solange ernährungs‐ bedingte Erkrankungen weiter zunehmen und dann noch unzurei‐ chend behandelt werden, wird sich daran nichts ändern. Ernährung ist Lebensqualität. Nach vorliegenden Studien sterben noch immer 25 Prozent aller mangelernährten Tumorpatienten nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern an ihrer Mangelernährung (Oet‐ ter, 2014 zitiert nach Margulies et al., 2014 S. 368). Trotz der großen wirtschaftlichen Bedeutung spielt Mangelernäh‐ rung hierzulande in der öffentlichen Debatte, ganz im Gegensatz zu Adipositas, nur eine sehr untergeordnete Rolle. Es gibt jedoch medizi‐ nische Bereiche, in denen Mangelernährung eher die Regel als die Aus‐ nahme ist. So zeigen beispielsweise bis zu 75 Prozent der Krebspatien‐ ten bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose Zeichen einer Mangeler‐ nährung, abhängig von der Tumorart, -lokalisation und -stadium (Ue‐ delhofen, 2009). Neben dem Bereich der Mangelernährung ist eine gezielte Ernäh‐ rungstherapie zunehmend auch für Patienten mit Adipositas gefordert (Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) e.V., 2015). Eine erschreckend hohe Anzahl von Kindern und Jugendlichen in Deutschland bewegt sich nicht nur zu wenig, sondern ernährt sich falsch bzw. wird falsch ernährt. Sei es, dass zu viel gegessen wird oder dass ungesunde Nahrungsmittel in zu großen und gesunde entspre‐ chend in zu geringen Mengen aufgenommen werden. Gesundheitliche Schädigungen wie Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebs‐ erkrankungen, aber auch Essstörungen, Magersucht, Störungen des Immunsystems, psychomotorische, emotionale und soziale Störungen sind die Folgen. Kapitel 12.3: Klinische Ernährungstherapie und Ernährungsberatung im Wandel 153 Erstmals äußern Mediziner die Befürchtung, dass die Lebenser‐ wartung einer signifikanten Anzahl von Kindern deutlich geringer ist als die ihrer Eltern (Mertin, 2008). Neben Bewegungsmangel kann hier das Desinteresse von Eltern, Jugendlichen und Kindern an der Be‐ schäftigung mit dem Thema Ernährung herangezogen werden. Insbe‐ sondere Kinder erfahren zuhause oft nicht mehr, wie man sich richtig ernährt und wie man eine gesunde Mahlzeit zubereitet (Eberle et al, 2005). Jedes Jahr wächst der Anteil der adipösen Kinder um 0,8 Prozent‐ punkte– die Häufigkeit von Adipositas hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Und mehr als 50 Prozent der betroffenen Jugendlichen transportieren ihr Übergewicht ins Erwachsenenalter. Damit sind Übergewicht und kindliche Fettleibigkeit ein erheblicher gesundheitlicher Risikofaktor für die Zukunft und ein Kostentreiber für Ausgaben (Rais, 2003 zitiert nach Pressemeldung Bundesverband Verbraucherzentrale e.V. und Stiftung Warentest, 2003). Das Grundwissen zur Ernährung bei Eltern, Kindern, Lehrern und Erziehern geht immer mehr zurück. Hinsichtlich der zunehmenden Überernährung junger Menschen müssen Eltern und Erziehungsbe‐ rechtigte vermehrt dafür sensibilisiert werden, welche Folgeschäden die übergewichtigen Kinder- und Jugendliche davontragen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen sie über die notwendigen „ernäh‐ rungsmedizinischen“ Kenntnisse verfügen. Unterricht und Schulungen zur gesunden Ernährung, Ernährung in besonderen Lebenssituationen, das Erkennen von Ernährungsproblematiken und Präventionsmög‐ lichkeiten müssen schon im Kindergarten beginnen und in anspruchs‐ voller Weise in der Schule weitergeführt werden. In den skandinavi‐ schen Ländern wird dies schon seit langem angeboten (Eberle et al., 2005). Da die Berufsbezeichnung „Ernährungsberater“ rechtlich nicht ge‐ schützt ist, gibt es eine Menge Anbieter auf dem Markt, die in der Er‐ nährungsberatung tätig sind. Kurse, die allgemein auf das Berufsbild „Ernährungsberater“ zielen und sich nicht an Ernährungsfachkräfte mit anerkannten Ausbildungen oder Mediziner richten, testete die Stif‐ tung Warentest im Zeitraum von September 2004 bis Juni 2005. Getes‐ tet wurden länger-, mittel- und kurzfristige Kurse, Präsenzkurse und Fernlehrgänge sowie Weiterbildungen, die sich beispielsweise an Fit‐ Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 154 nesstrainer, Arzthelferinnen, Hauswirtschafterinnen, Beschäftigte im Wellness- und Gesundheitsbereich und Heilpraktiker richten. Nur 3 der 13 getesteten Anbieter von Qualifizierungen für Quereinsteiger be‐ zogen sich auf die Empfehlungen der DGE und vermittelten diese aus‐ führlich. Elementare Grundlagen zum Thema Ernährung fehlten, Pra‐ xiseinheiten kamen in den Weiterbildungskursen zu kurz. Die fachli‐ chen und rechtlichen Grenzen wurden kaum berücksichtigt, so das Er‐ gebnis der Stiftung Warentest (Stiftung Warentest, 2005). Die klinische Ernährung und die Ernährungsberatung sind kein wesentlicher Bestandteil der medizinischen Studiengänge. Eine Man‐ gelernährung wird darüber hinaus vielfach auch von Fachleuten (Ärz‐ ten) nicht erkannt oder nicht frühzeitig und ausreichend behandelt. Es gibt noch zu wenige interdisziplinäre Ernährungsteams in den Krankenhäusern geschweige denn im ambulanten Bereich der medizi‐ nischen Versorgung. Diätassistenten/Innen und Oecotrophologen ver‐ fügen ohne Weiterbildung auf dem Gebiet der Klinischen Ernährung nicht über ausreichende medizinische Kenntnisse. Die Personen, die sich gegenwärtig mit der Versorgung mangeler‐ nährter Patienten beschäftigen und Hausärzte beraten, haben vielfach keine geeignete Ausbildung. Es stellt sich die Frage, ob gerade im Hinblick auf einen zu erwar‐ tenden Ärztemangel und einer unausbleiblichen Spezialisierung der medizinischen Berufe, die Maßnahmen einer klinischen Ernährung von Medizinern durchgeführt werden müssen. Mit der Einführung des Studiengangs Ernährungstherapie und -beratung (B. Sc.) wird, durch die stärkere Einbindung nichtärztlicher Berufsgruppen in die Versorgung und Verantwortung im Gesund‐ heitswesen, eine Lücke in bestehenden Versorgungs- und Beratungs‐ systemen geschlossen. Ziel des Studiums ist es, über die Qualifizierung der Studierenden des Studiengangs „Ernährungstherapie und -beratung“ die Über-, Un‐ ter-, Fehl- und Mangelernährung im europäischen Raum zu verbes‐ sern und so die Voraussetzung für einen Rückgang ernährungsabhän‐ giger Erkrankungen zu schaffen. Im Zentrum steht die gesundheitliche Wirkung der Ernährung in unterschiedlichen Lebenssituationen und Lebensabschnitten, als Be‐ Kapitel 12.3: Klinische Ernährungstherapie und Ernährungsberatung im Wandel 155 standteil der Therapie, z.B. im palliativen und onkologischen Bereich und die präventive Ernährungsberatung. Der Studiengang befähigt zum ernährungstherapeutischen und präventiven Handeln unter ethischen und rechtlichen Kriterien. Dabei sollen Resultate wissenschaftlicher Studien in die Berufspraxis übertra‐ gen werden. Das Bachelorstudium begann erstmals im Wintersemester 2017. Die Studiendauer beträgt einschließlich Praktika sechs Semester (für den Erwerb von 180 Credits) und setzt sich aus Präsenz-, Praxis- und Selbstlernphasen zusammen. Innerhalb des Studiengangs kann unter zwei Schwerpunkten (klinische Ernährungstherapie und Ernährungs‐ beratung) gewählt werden. Die erfolgreiche Teilnahme wird dann durch den Bachelorabschluss zertifiziert und bestätigt. Zum Studium zugelassen werden kann, wer eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem der Gesundheitsberufe und eine Berufspra‐ xis von drei Jahren oder die allgemeine bzw. fachgebundene Hoch‐ schulreife nachweisen kann. Hinzu kommt ein Aufnahmegespräch an der Hochschule. Die Anrechnung außerhochschulisch erworbener Kompetenzen, z.B. auf Grund von Weiterbildungen und Berufserfahrung ist möglich. Über ein individuelles Anrechnungsverfahren können bis zu 60 Credits angerechnet werden. Literaturverzeichnis Eberle, U., Fritsche, U.R., Hayn; D., Rehaag, R., Simshäuser, U., Stieß, I. & Waskow, F., (2005). Nachhaltige Ernährung, Ernährungswende, Diskussionspapier Nr. 4, Hamburg/Darmstadt/Frankfurt/Heidelberg/Köln, Juni 2005. Zugriff am 07.10.2017 unter http://www.isoe.de/ftp/EW_DP_Nr 4.pdf Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) e.V. (2015). Adipo‐ sitas – Ernährungstherapie: Allgemeines, 2015. Zugriff am 07.10.2017 unter https://fet-ev.eu/adipositas-ernaehrungstherapie-allgemeines/ Küpper, C. (2007). Mangelernährung in Deutschland, Studie zu Kosten und Hand‐ lungsbedarf. Zugriff am 07.10.2017 unter https://www.ernaehrungs-umschau.d e/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2007/09_07/EU09_B25_B26.qxd .pdf Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 156 Mertin, H. (2008). Antrag der Fraktion der FDP des Landtags Rheinland-Pfalz: Stärkung eines verantwortlichen Konsumverhaltens in der Schule. Druck: Landtag Rheinland-Pfalz 15. Wahlperiode, Drucksache 15/2574 29. 08. 2008. Oetter, T. (2014). Mangelernährung unter Zytostatikatherapie, Hausarbeit im Rah‐ men der Weiterbildung für die Pflege in der Onkologie (DKG) am UKM Müns‐ ter, 08.09.2014, zitiert aus: Margulies, A., Fellinger, K., Kroner, T. & Gaisser,A. (Hrsg.) (2011), Onkologische Krankenpflege. Berlin Heidelberg New York: Springer, 2011, S. 368. Zugriff am 07.10.2017 unter http://klinikum.uni-muenst er.de/fileadmin/ukminternet/daten/zentralauftritt/ukm-mitarbeiter/schulen_w eiterbildung/anin/arbeiten/onkologie/Mangelernaehrung_unter_Zytostatikath erapie.pdf Pánová, S. (2009). Mangelernährung und Nachwuchssorgen in der Pflege gemein‐ sames Problem in Mitteleuropa beim „Central European Meeting“ anlässlich der Pflegemesse 2009 in Leipzig. Zugriff am 07.10.2017 unter http://lemmon.lei pziger-messe.de/LeMMon/PRESSE.NSF/html_newstickerger/A1192A5ED27E DD85C125764100312B8F?OpenDocument Rais, B (2003). Alarmierende Zunahme von Übergewicht bei Kindern und Jugend‐ lichen – Wichtigstes Problem der Ernährungspolitik – Jedes fünste Kind ist be‐ troffen, Pressemitteilung Bundesverband Verbraucherzentrale e.V. und Stiftung Warentest vom 15. Januar 2003. Zugriff am 07.10.2017 unter http://www.verbr auchernews.de/artikel/0000013773.html Stiftung Warentest (2005). Ernährungsberatung: Leipziger Allerlei, Kurse: Ernäh‐ rungsberatung, 19.10.2005. Zugriff am 07.10.2017 unter https://www.test.de/Er naehrungsberatung-LeipzigerAllerlei-1301889-1301886/ Uedelhofen, K.W. (2009). Nahrungsversorgung im Krankenhaus – was ist bezahl‐ bar? Cepton Studie. Zugriff am 07.10.2017 unter http://www.dgem.de/sites/def ault/files/PDFs/Veranstaltungen/Fortbildungen/2009/edi_2009/edi_09_Uedelh ofen.pdf Kapitel 12.3: Klinische Ernährungstherapie und Ernährungsberatung im Wandel 157

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Zusammenfassung

Gesundheit braucht kluge Köpfe – seit zehn Jahren leistet die SRH Hochschule für Gesundheit dazu ihren Beitrag. Gesundheit ist ein zentraler Wirtschaftszweig in allen Industrienationen. In Zeiten des demografischen Wandels wächst er dynamisch. Zusätzlich verändern sich Verständnis und Menge unseres Wissens über Gesundheit. Die wichtigste Ressource zur Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen ist Bildung. Orientiert an den Interessen der Studierenden eröffnet die SRH Hochschule für Gesundheit jungen Menschen neue Chancen, an diesem Wandel teilzuhaben. Sie begegnen dabei modernen Ausbildungswegen, einer umfassenden Verzahnung von Theorie und Praxis und anspruchsvollen Forschungsprojekten. Die staatlich anerkannte, private SRH Hochschule für Gesundheit ist Teil des bundesweiten Netzwerkes der SRH-Gruppe. In ihren Gesundheits- und Bildungseinrichtungen engagieren sich über 13.000 Beschäftigte und ebenso viele Studierende. Dieser Band gibt einen Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt der Hochschule. Gleichzeitig berichtet er vom Aufbruch in eine Gesundheitswelt im Wandel. Vorgestellt werden die aktuell 15 Bachelor- und Masterstudiengänge in fünf verschiedenen Studienmodellen an sieben Standorten. Es werden Einblicke gegeben in Bachelor- und Masterthesen der vergangenen Jahre, sowie in aktuelle Forschungsprojekte. Viele kluge Köpfe hat die SRH Hochschule für Gesundheit für das Berufsleben qualifiziert. Im Wissen darum, dass innovative Bildung unersetzbar ist, werden viele weitere folgen.